Cinci – 1934



Cinci

In Italiano – Cinci (1934)

Cinci

aus dem Italienischen von Michael Rössner

Ein Hund vor einer geschlossenen Tür, der kauert sich geduldig auf den Boden und wartet, daß man ihm aufmacht; allerhöchstens hebt er dann und wann die Pfote und kratzt ein bißchen daran, wobei er ein unterdrücktes Winseln hören läßt.

Als Hund, das weiß er, kann er nicht mehr tun.

Als Cinci vom Nachmittagsunterricht nach Hause kommt, das Bündel aus Büchern und Heften mit dem Lederriemen darum unter den Arm geklemmt, findet er den Hund dort vor der Tür, und versetzt ihm, weil ihm dieses geduldige Warten auf die Nerven geht, einen ordentlichen Fußtritt; und Fußtritte bekommt auch die Türe ab, obwohl er doch weiß, daß sie versperrt ist und daß niemand zu Hause ist; am Schluß nimmt er das, was ihn am meisten beschwert, dieses Bücherbündel, und schleudert es wütend, um sich davon zu befreien, gegen die Tür, als ob es durch das Holz dringen und im Haus landen könnte. Die Tür hingegen schleudert ihm das ganze mit derselben Kraft wieder gegen die Brust zurück. Cinci ist überrascht, als wäre das ein schönes Spiel, zu dem die Tür ihn aufgefordert hat, und er wirft das Bündel noch einmal. Und dann, weil sie nun schon zu dritt sind bei diesem Spiel, Cinci, das Bündel, und die Tür, will der Hund auch mitmachen, und fährt bei jedem Wurf und jedem Zurückprallen bellend in die Höhe. Der eine oder andere Vorübergehende bleibt stehen und schaut hinüber; der eine lächelt, fast ein wenig beschämt über die Blödheit dieses Spiels und des Hundes, der sich darüber freut; der andere entrüstet sich wegen der armen Bücher; die kosten schließlich Geld; es sollte nicht erlaubt sein, sie so verächtlich zu behandeln. Schließlich macht Cinci dem Schauspiel ein Ende. Das Bücherbündel auf die Erde, und Cinci, mit dem Rücken die Mauer entlangfahrend, will sich darauf niederlassen; das Bündel freilich rutscht ihm unter dem Gesäß weg und er kommt unsanft auf die Erde zu sitzen; er grinst verlegen und schaut sich um, während der Hund zurückfährt und ihn ansieht.

Fast könnte man alle Teufeleien, die Cinci durch den Kopf gehen, schon an diesen zerrauften Haarbüscheln seiner strohigen Haare und an den blitzenden grünen Augen ablesen, in denen sie förmlich zu brodeln scheinen. Er ist in dem unglückseligen Alter des Wachstums, kratzbürstig und bleich. Als er an diesem Nachmittag wieder in die Schule ging, hat er das Taschentuch zu Hause vergessen, deshalb bläst er nun von Zeit zu Zeit durch die Nase aus, während er dort auf der Erde sitzt. Die riesigen Knie der langen, nackten Beine ‑ denn obwohl er das eigentlich nicht mehr tun sollte, trägt er immer noch kurze Hosen ‑ stoßen ihm fast gegen das Kinn. Wenn er geht, setzt er die Füße schief auf, und seine Schuhe halten nie lange; die, die er jetzt anhat, sind schon ganz zerschlissen. Nun hat er’s satt, er umklammert seine Beine, prustet und zieht sich mit dem Rücken an der Mauer hoch. Auch den Hund nimmt er mit, es sieht so aus, als frage er ihn, wohin sie jetzt gehen sollen? Wohin? Aufs Land hinaus, um eine Jause zu essen, indem sie da oder dort eine Feige oder einen Apfel stibitzen. Das ist nur so eine Idee; er ist sich noch nicht ganz sicher, ob er es wirklich tun soll.

Das Straßenpflaster hört hier auf, unmittelbar nach dem Haus; dann beginnt die Sandstraße des Vororts, die bis weit in das offene Land hineinführt. Wer weiß wie angenehm das sein muß, wenn man in der Kutsche fährt und die Hufeisen der Pferde und die Wagenräder von dem harten, lärmenden Pflaster auf die weiche, leise Sandstraße gelangen. Das muß wohl ganz ähnlich sein, wie wenn der Professor, nachdem er ihn so heftig ausgezankt hat, weil er ihn geärgert hat, plötzlich mit sanfter Güte, gemischt mit resignierender Melancholie, zu ihm spricht, und ihm das um so mehr wohl tut, als es ihn von der befürchteten Strafe entfernt. Ja, aufs Land hinauslaufen; hinaus aus der Enge der letzten Häuser dieses muffigen Vororts, bis dort unten hin, wo sich die Straße am Ausgang des Ortes zu einem Platz verbreitert. Nun steht dort das neue Spital, und dessen frisch gekalkte Wände sind noch so weiß, daß man in der Sonne die Augen schließen muß, so sehr blenden sie. Neulich erst haben sie dort alle Kranken hintransportiert, die vorher im alten Spital gelegen hatten, mit Ambulanzwagen und auf Bahren; es sah aus wie ein Fest, als die alle so in einer langen Reihe dahinzogen, die Amblanzen voran, mit den wehenden Vorhängen an den Fenstern; und für die schwerer Kranken, diese schönen auf Federlagern wie Spinnen auf ihrem Netz schwingenden Bahren. Aber jetzt ist es schon spät; die Sonne wird bald untergehen, und die Rekonvaleszenten werden nicht mehr da und dort an den Fenstern lehnen, in ihren grauen Hemden und den weißen Käppchen, um traurig das alte Kirchlein gegenüber anzusehen, das zwischen den paar Häusern dort, die auch schon alt sind, hervorragt, zusammen mit dem einen oder anderen Baum. Hinter dem kleinen Platz schließlich wird aus der Straße eine reine Landstraße, die den Hügel hinaufklettert.

Cinci bleibt stehen; er bläst wieder hörbar die Luft aus. Soll er denn wirklich dorthin gehen? Er macht sich wieder auf den Weg, die Lust ist ihm vergangen, denn er fühlt, wie in seinen Eingeweiden all das Böse brodelt, das ihm aus vielen Dingen zuwächst, die er sich nicht erklären kann: seine Mutter, wie sie lebt, wovon sie lebt, nie zu Hause, und dabei versteft sie sich darauf, ihn immer noch n die Schule zu schicken; verdammte Schule, so weit weg; jeden Tag, selbst wenn er nur so dahinfliegt, braucht er wenigstens drei Viertelstunden von da unten, wo er wohnt, um dorthin zu gelangen; und dann zu Mittag wieder nach Hause; und dann wieder in die Schule, kaum daß er zwei Bissen heruntergewürgt hat; wie soll er nur rechtzeitig kommen? Und seine Mutter sagt, er verliere seine Zeit beim Spielen mit dem Hund, und er sei ein Taugenichts, und kurz und gut, sie wirft ihm immer dieselben Dinge vor: er lernt nicht, er ist schmutzig, wenn sie ihn Einkaufen schickt, hängen ihm die Händler die schlechteste Ware an…

Wo ist denn Fox?

Ach da: er trottet ihm hinterdrein, das arme Vieh. Na, der weiß wenigstens, was er tun muß: seinem Herrn folgen. Etwas tun: genau das ist der Grund seiner Unruge: daß er nicht weiß was. Sie könnte ihn ihm ja wirklich auch geben, seine Mutter, den Hausschlüssel, wenn sie tagsüber zum Nähen, wie sie ihm zu verstehen gibt, in die Häuser der Herrschaften geht. Aber nein, sie sagt, sie habe kein Vertrauen, und wenn sie noch nicht da ist, wenn er von der Schule kommt, dann könne es nicht mehr lange dauern und er solle ruhig warten. Wo? Dort, still vor der Tür? Manchmal hat er sogar zwei Stunden dort gewartet, in der Kälte, und auch im Regen; und dann ist er, anstatt ich unterzustellen, justament zu der Ecke gelaufen, um die ganze Dusche aus der Regenrinne auf den Kopf zu bekommen, damit sie ihn zum Auswringen naß vorfinden sollte. Endlich sieht er sie kommen, keuchend mit einen geliehenen Schirm, glühendem Gesicht, die glänzenden Augen wichen ihm aus, und sie war so nervös, daß sie nicht einmal den Schlüssel in der Tasche fand.

„Bist du naß geworden? Nimm’s nicht tragisch, ich bin aufgehalten worden.“

Cinci runzelt die Brauen. An gewisse Dinge will er nicht denken. Aber seinen Vater, den hat er nie gekannt. Man hat ihm gesagt, er wäre gestorben, noch ehe er zur Welt kam; aber wer er gewesen ist, das hat man ihm nicht gesagt; und jetzt will er nicht mehr danach fragen, und er will es auch gar nicht mehr wissen. Es kann ja auch dieser Invalide sein, der sich auf einer Seite hinkend dahinschleppt ‑ ja, bravo, natürlich in die nächste Schenke. Fox baut sich vor ihm auf und verbellt ihn. Wahrscheinlich ist es die Krücke, die ihm solchen Eindruck macht. Und da sind all diese Frauen, die in einem Haufen beeinanderstehen, mit ihren großen Bäuchen, ohne daß sie doch schwanger wären; na, eine vielleicht schon; die, deren Kleidersaum sich vorne eine Handbreit über den Boden hebt und hinten die Straße fegt; und diese andere, die mit dem Kind im Arm, das sie eben von der Brust abnimmt… ach, pffff, was für eine schlaffe Haut! Seine Mamma ist schön, und noch immer so jung, ihm hat sie als Kind auch Milch gegeben, so aus der Brust, vielleicht in einem Haus auf dem Land, in einer Scheune, im Sonnenschein. Er hat eine vage Erinnerung an ein Haus auf dem Land, Cinci; in dem hat er vielleicht, wenn er es nicht geträumt hat, in seiner Kindheit gewohnt, oder vielleicht hat er es damals gesehen, wer weiß wo. Jetzt freilich, wenn er sie so aus der Ferne betrachtet, die Häuser auf dem Land, dann fühlt er die Traurigkeit, die sich dort ausbreiten muß, wenn es Abend wird, mit den Petroleumlampen, die man dann anzündet, solche Lampen, wie man sie von einem Zimmer ins andere trägt, und wie man sie von draußen durch ein Fenster verschwinden und im anderen wieder auftauchen sieht.

Jetzt ist er auf dem Platz angekommen. Nun sieht man die ganze Ausdehnung des Himmels vor sich, auf dem das Rot des Sonnenuntergangs nun schon einem gedämpften Farbton gewichen ist, und über dem schwarz erscheinenden Hügel das zarte Hellblau. Auf der Erde liegt schon der Schatten des Abends, und der die große weiße Mauer des Spitals hat sich ein wenig bläulich verfärbt. Irgendein altes Weiblein läuft verspätet zum Vespergebet in die Kirche. Plötzlich bekommt Cinci auch Lust hineinzugehen, und Fox bleibt stehen und seht ihn an, denn er weiß sehr gut, daß er da nicht hineindarf. Vor dem Eingang keucht die verspätete Alte und müht sich mit dem ledernen Türvorhang ab, der für sie viel zu schwer ist. Cinci hilft ihr ihn aufzuheben, aber sie sieht ihn nur böse an, statt ihm zu danken, denn sie errät, daß er nicht aus Frömmigkeit in die Kirche geht. Das Kirchlein hat die Steifheit einer Grotte; auf dem Hauptaltar die zuckenden Lichtblitze zweier flackernder Kerzen nd da und dort irgendein verlorenes Lämpchen. Sie hat so viel Staub angesammelt, die arme Kirche, durch ihr hohes Alter; und der Staub riecht abgestanden in dieser feuchten Roheit; die düstere Stille scheint mit allen Echos nur auf den geringsten Lärm zu warten. Cinci überkommt die Versuchung, einen Gebrüll loszulassen, um sie alle aufzuschrecken. Die Betschwestern haben sich in den Bänken aufgereiht, eine jede auf ihrem Platz. Nein, kein Gebrüll, aber dieses Bücherbündel, das so schwer an ihm hängt, mit Krach auf den Boden werfen, als wäre es ihm zufällig aus der Hand gefallen, warum nicht? Er wirft es, und sofort springen die Echos dem dröhnenden Aufprallen entgegen und ersticken es in fast verächtlicher Weise. Das mit dem Echo, das ein Geräusch anspringt wie ein im Schlaf gestörter Hund und es erstickt, das ist eine Erfahrung, die Cinci schon mehrfach mit Vergnügen gemacht hat. Man darf die Geduld der armen entsetzten Beginen nicht mißbrauchen. Cinci verläßt die Kirche; er findet Fox, der auf ihn wartet und geht weiter die Straße, die den Hügel hinaufführt. Irgendein Obst, um etwas zu naschen, das muß sich doch finden lassen, wenn er weiter hinten über eine Mauer klettert und sich zwischen die Bäume schlägt. Er hat ein Gefühl der Leere; aber er weiß nicht, ob es eigentlich das Bedürfnis nach Essen ist oder diese Unruhe, daß er etwas tun muß, die sich ihm auf den Magen geschlagen hat.

Eine Landstraße, ergauf, einsam; Kieselsteine, die den Eseln manchmal zwischen den Hufen stecken bleiben, dann ein Stück herunterkullern und dann dort liegen bleiben, wo sie zum Stillstand kommen; da ist schon einer: ein Tritt mit der Schuhspitze: Genieß, flieg! Gras, das am Straßenrand oder am Fuß der Mauern hervorsprießt, lange Haferhalme mit ihren Büscheln drauf, das macht Spaß, die abzustreifen: all die kleinen Haferbüschel bleiben dann zwischen den Fingern zurück; dann wirft man sie jemandem nach und so viele auf ihm hängen bleiben, so viele Ehemänner wird sie haben, wenn es eine Frau ist, und so viele Ehefrauen wenn es ein Mann ist. Cinci will das mit Fox ausprobieren. Sieben Ehefrauen, keine einzige weniger. Aber eigentlich gilt das nicht, denn auf dem schwarzen Fell von Fox sind alle auf einmal hängengeblieben. Und Fox, der alte Dummkopf, hat die Augen geschlossen und ist ruhig stehen geblieben, ohne den Scherz zu verstehen, mit diesen sieben Ehefrauen am Leib.

Jetzt mag er nicht mehr weitergehen, Cinci ist müde und hat es satt. Er läßt sich auf der Mauer links neben der Straße nieder und betrachtet von dort aus die Larve des Mondes, die sich eben beginnt, mit einem blassen Gold zu beleben, inmitten des Grün, das sich in der zu Ende gehenden Abenddämmerung auflöst. Er sieht ihn und sieht ihn auch wieder nicht; so wie die Dinge ihm im Kopf umherfliegen und eines sich in das andere verwandelt, und alle zusammen ihn immer weiter von diesem seinen Körper, der da unbeweglich sitzen bleibt, entfernen, so sehr, daß er ihn gar nicht mehr spürt; seine eigene Hand, wenn er die erblickte, so wie sie da auf dem Knie liegt, erschiene ihm als die Hand eines Fremden, und ebenso sein Fuß, der da herunterbaumelt, mit dem zerschlissenen, schmutzigen Schuh daran. Es ist nicht mehr sein Körper: er ist in den Dingen drinnen, die er sieht und auch nicht sieht, in dem sterbenden Himmel, in dem sich entzündenden Mond, und dort in diesen düsteren Baummassen, die in die dünn gewordene Luft hineinragen, und hier in der lockeren, schwarzen, vor kurzem erst umgestochenen Erde, aus der noch diese faulige Feuchtigkeit der Schwüle dieser letzten Oktobertage, in denen die Sonne noch warm scheint, aufsteigt.

Plötzlich, so gedankenverloren er auch ist, zuckt er zusammen, und instinktiv greift er sich mit einer Hand ans Ohr. Unter der Mauer dringt ein Lachen hervor. Ein Junge in seinem Alter, ein Bauernlümmel, hat sich dort unten versteckt, auf der Seite der Äcker. Auch er hat einen langen Haferhalm abgerissen und die Samen abgestreift, hat am Ende eine Schlinge gemacht und ganz leise, den Arm ausstreckend, versucht, Cinci am Ohr zu erwischen. Kaum wendet Cinci sich ärgerlich um, macht er ihm ein Zeichen, still zu sein und streckt den Halm an der Mauer entlang aus, wo zwischen zwei Steinen die Schnauze einer Eidechse sichtbar wird, die er mit dieser Schlinge schon seit einer Stunde zu erhaschen sucht. Cinci reckt den Hals und sieht zu, in banger Erregung. Das Tierchen hat, ohne es zu merken, von selbst den Hals in die dort hingehaltene Schlinge gesteckt; aber das ist noch zu wenig; es gilt zu warten, daß es den Kopf noch weiter vorstreckt, aber vielleicht zieht es ihn ja auch zurück, wenn die Hand, die den Haferhalm hält, zittert und es dadurch die Falle bemerkt. Vielleicht ist es gerade dabei, sich aus dieser Zufluchtsstätte herauszustürzen, die ihm zu einem Gefängnis geworden ist. Ja! Ja! Aber nun aufgepaßt, im richtigen Augenblick zugezogen, damit man es erwischt. Es ist ein einziger Augenblick. Da haben wir es! Nun zappelt die Eidechse wie ein Fischlein an der Spitze dieses Haferhalms. Unwiderstehlich angezogen springt Cinci von der Mauer herab; der andere jedoch, vielleicht aus Angst,e r wollte ihm das Tierchen abnehmen, läßt den Arm ein paarmal im Kreis durch die Luft schwingen und schlägt es dann mit aller Kraft gegen eine Steinplatte, die dort zwischen dem Gestrüpp liegt. „Nein!“ schreit Cinci; aber es ist schon zu spät. Die Eidechse liegt unbeweglich auf der Steinplatte, ihr weißer Bauch glänzt im Mondlicht. Cinci wird wütend. Ja, auch er wollte, daß dieses arme Tier gefangen wird, weil auch ihn einen Augenblick lang die Jagdlust ergriffen hat, die in allen Menschen verborgen lauert. Aber es so einfach umzubringen, ohne es auch nur aus der Nähe zu betrachten, die fast qualvoll scharfen Äuglein, das Beben der Flanken, das Zittern dieses ganzen grünen Körperchens; nein, das war wirklich dumm und gemein. Und Cinci schlägt mit aller Kraft seine Faust gegen die Brust dieses Jungen, und der fällt rücklings auf den Boden und rutscht noch ein Stück weiter, um so weiter als er so plötzlich das Gleichgewicht verlierend, versucht hat, nicht zu fallen und wieder Tritt zu fassen. Aber kaum liegt er, da springt er auch schon wieder wütend in die Höhe, packt einen Erdklumpen und wirft ihn Cinci ins Gesicht; der sieht nichts mehr und verspürt im Mund diesen feuchten Geschmack, der nach Schmach riecht und ihn nun jede Beherrschung verlieren läßt. Auch er nimmt einen Erdbrocken und wirft ihn auf den Gegner. Das Duell der beiden wird auf der Stelle zum heftigen, schonungslosen Kampf. Der andere ist freilich geschickter und schneller. Er trifft immer, und er kommt ihm immer näher, mit diesen Erdklumpen, die, wenn sie auch keine Wunden verursachen, doch dumpf und hart aufprallen und, während sie auseinanderbrechen, wie ein hagelschauer auf ihn niedergehen, auf die Brust, ins Gesicht, in die Hare, in die Ohren, sogar in die Schuhe. Halb erstickt, dreht Cinci, als er schon nicht mehr weiß, wie er sich verteidigen soll, sich wütend um, tut einen Satz und reißt mit erhobenemr Hand einen Stein aus der Mauer. Irgendwer läuft dort weg: das wird wohl Fox  sein. Kaum hat er den Stein geworfen, da ist plötzlich ‑ wie ist das möglich? ‑ in all dem, was vorher vor seinen Augen tanzte und sich ineinanderschob, diese Massen von Bäumen, im Himmel der Mond wie ein Strich aus Licht, Ruhe eingetreten: da, nun bewegt sich nichts mehr, als hätte die Zeit und mit ihr alle Dinge in einem in einem verblüfften Staunen innegehalten, rund um diesen Jungen, der bäuchlings auf der Erde liegt. Cinci, noch keuchend, schlägt das Herz bis zum Hals. Er schaut entsetzt, an die Mauer gelehnt, auf diese unglaubliche schweigende Unbeweglichkeit des Ackers unter dem Mond, auf diesen Jungen, der da liegt, das Gesicht halb in der Erde verborgen, und fühlt in sich das Gefühl einer ewigen Einsamkeit wachsen, heftig wachsen, vor der er auf der Stelle fortlaufen muß. Nein, das ist er nicht gewesen; er hat nichts davon gewollt; er weiß nichts darüber. Und dann, ja, geradeso, als ob er es nicht gewesen wäre, macht er einen Schritt und dann noch einen, und beugt sich hinunter, um zu schauen. Der Junge hat den Schädel eingeschlagen, der Mund ist voll schwarzem, mit der Erde verkrusteten Blut, ein Bein ragtt ein bißchen nackt hervor, zwischen dem Hosenbein, das hinaufgerutscht ist, und der Baumwollsocke. Tot, als ob er es immer schon gewesen wäre. Das ist alles, als wäre es ein Traum. Er muß aus diesem Traum erwachen, um rechtzeitig fortzugehen. Dort, wie in einem Traum, liegt diese Eidechse zerschmettert auf dem flachen Stein, den Bauch in den Mondschein gereckt und den Haferhalm noch immer am Hald hängend. Er geht fort, sein Bücherbündel wieder unter den Arm geklemmt und Fox hinter ihm drein, der auch von nichts weiß.

Als er nach und nach sich immer weiter entfernt, von dem Hügel herabsteigt, wird er immer mehr von einem so seltsamen Sicherheitsgefühl erfüllt, daß er sich nicht einmal beeilt. Er kommt zu dem menschenleeren Platz; auch hier ist der Mond, aber ein anderer Mond, den nun, hier, beleuchtet er, ohne von irgend etwas zu wissen, die weiße Fassade des Spitals. Da ist nun die Vorortstraße, so wie zuvor. Er langt zu Hause an: Seine Mutter ist noch nicht gekommen. Er muß also nicht einmal erzählen, wo er gewesen ist. Er ist hier gewesen und hat auf sie gewartet. Und dies wird, so wie es nun für seine Mutter die Wahrheit wird, auf der Stelle auch für ihn die Wahrheit; da ist er ja tatsächlich, den Rücken an die Wand gelehnt, wartend neben der Tür.

Es genügt, wenn man ihn so findet.

© Michael Rössner.


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