Eine Stimme – Audiolesungen

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Stimme von Giuseppe Tizza. 
Was sollte er tun? Umdrehen? F├╝r einen Augenblick dachte er daran, h├Ątte er dieser armen Mutter bei seiner ersten Visite von seinem Zweifel erz├Ąhlt, da├č es sich bei der Krankheit des jungen Mannes tats├Ąchlich um gr├╝nen Star handle, dann w├Ąre sie nicht mit dem verzweifelten Gedanken gestorben, ihren Sohn als unheilbar Blinden zur├╝ckzulassen.

Erstver├Âffentlichung 1904 in “Regina”. Keine wesentlichen Varianten.

Eine Stimme
Edvard Munch (1863-1944), Die Stimme, Sommernacht, 1896

Eine Stimme

Wenige Tage vor ihrem Tod hatte die Marchesa, mehr um ihr Gewissen zu beruhigen als aus einem sonstigen Grund, auch den Doktor Giunio Falci wegen ihres seit einem Jahr erblindeten Sohnes Silvio konsultieren wollen. Sie hatte ihn von den bedeutendsten Augen├Ąrzten Italiens und des Auslands untersuchen lassen, und alle hatten diagnostiziert, er leide an unheilbarem gr├╝nen Star.

Doktor Giunio Falci war vor kurzem zum Vorstand der Augenklinik berufen worden; aber sei es wegen seiner m├╝den, immer ein wenig geistesabwesenden Erscheinung, sei es wegen seines unvorteilhaften ├äu├čeren oder wegen dieses stets l├Ąssigen und schlaksigen Ganges: es gelang ihm einfach nicht, bei irgend jemandem Sympathien oder gar Vertrauen zu erwerben. Er wu├čte das, ja, es schien, als freue er sich sogar dar├╝ber. An die Sch├╝ler, an die Patienten, richtete er neugierige, scharfe Fragen, die den Gespr├Ąchspartner erstarren lie├čen und aus der Fassung brachten; und allzu deutlich lie├č er erkennen, was f├╝r ein Bild er sich vom Leben gemacht hatte: nackt und entbl├Â├čt von all den geheimen und beinahe notwendigen Heucheleien, von diesen spontanen, unumg├Ąnglichen Illusionen, die jeder sich unwillk├╝rlich schafft und aufbaut, aus einem instinktiven Bed├╝rfnis heraus, fast aus einer Art sozialen Schamgef├╝hls. Auf diese Weise wurde seine Gesellschaft auf die Dauer unertr├Ąglich.

Auf Bitten der Marchesa hatte er die Augen des jungen Mannes bed├Ąchtig und sorgf├Ąltig untersucht, ohne – wenigstens nach au├čen hin – auf all das zu achten, was ihm die Marchesa unterdessen ├╝ber seine Krankheit, das Urteil der anderen ├ärzte und die verschiedenen versuchten Behandlungsmethoden erz├Ąhlte. Gr├╝ner Star? Nein. Es schien ihm nicht so, als w├Ąren in diesen Augen die charakteristischen Zeichen dieser Krankheit, der bl├Ąuliche oder gr├╝nliche Schimmer der undurchsichtigen Stelle, usw. usf., zu erkennen; es schien ihm vielmehr, als h├Ątte er es mit einer seltenen und seltsamen Abart jener Krankheit zu tun, die man ├╝blicherweise Katarakta## oder grauer Star nennt. Aber so im ersten Augenblick hatte er der Mutter nichts von seinem Zweifel erz├Ąhlen wollen, um nicht in ihr pl├Âtzlich eine auch noch so zarte Hoffnung aufkeimen zu lassen. So hatte er das lebhafte Interesse unterdr├╝ckt, da├č dieser seltsame Fall in ihm ausgel├Âst hatte, und hatte ihr stattdessen blo├č seinen Wunsch mitgeteilt, den Kranken in ein paar Monaten noch einmal zu untersuchen.

Und er war tats├Ąchlich wiedergekommen; aber merkw├╝rdigerweise fand er dabei in dieser neuen, stets ausgestorbenen Stra├če am Ende der Prati di Castello, in der die Villa der Marchesa Borghi stand, vor dem offenstehenden Gartentor eine Traube von Neugierigen vor: Die Marchesa Borghi war pl├Âtzlich in dieser Nacht verstorben.

Was sollte er tun? Umdrehen? F├╝r einen Augenblick dachte er daran, h├Ątte er dieser armen Mutter bei seiner ersten Visite von seinem Zweifel erz├Ąhlt, da├č es sich bei der Krankheit des jungen Mannes tats├Ąchlich um gr├╝nen Star handle, dann w├Ąre sie nicht mit dem verzweifelten Gedanken gestorben, ihren Sohn als unheilbar Blinden zur├╝ckzulassen. Nun, wenn es ihm schon nicht mehr gegeben war, die Mutter mit dieser Hoffnung zu tr├Âsten, konnte er dann nicht wenigstens versuchen, damit dem armen Hinterbliebenen, der so pl├Âtzlich einen neuen, schweren Schicksalsschlag erlitten hatte, Trost zu bringen?

Und er hatte die Villa betreten.

Nach einer langen Wartezeit trat in dem dort herrschenden Gew├╝hl eine junge Dame vor ihn hin, schwarz gekleidet, blond, mit steifem, ja strengem Ausdruck: die Gesellschaftsdame der verblichenen Marchesa. Doktor Falci legte ihr den besonderen Grund seines Besuches dar, der ansonsten ja h├Âchst zur Unzeit erfolgt w├Ąre. An einer bestimmten Stelle fragte die junge Dame ihn mit einem Ausdruck leichter Verwunderung, der ihr Mi├čtrauen verriet: “Ja, tritt denn der graue Star auch bei jungen Menschen auf?”

Falci hatte ihr eine Zeit lang in die Augen gesehen, dann hatte er ihr mit einem ironischen L├Ącheln, das mehr im Blick als auf den Lippen zu erkennen war, geantwortet: “Und warum nicht? Moralisch immer, Signorina: Dann, wenn sie sich verlieben. Aber auch physisch, leider Gottes.”

Die Signorina hatte sich daraufhin noch mehr versteift und das Gespr├Ąch abgebrochen, indem sie sagte, der augenblickliche Zustand des Marchese lie├če es nicht zu, ihm von irgend etwas zu sprechen; aber sie w├╝rde ihm, sobald er sich ein wenig beruhigt habe, von diesem Besuch erz├Ąhlen, und er w├╝rde ihn dann sicherlich bald zu holen lassen.

Mehr als drei Monate waren vergangen; Doktor Giunio Falci war nicht wieder geholt worden.

Um ehrlich zu sein, bei seinem ersten Besuch hatte der Doktor bei der verstorbenen Marchesa einen sehr schlechten Eindruck hinterlassen. Signorina Lydia Venturi, die nun als Gesellschafterin und Vorleserin des jungen Marchese im Hause geblieben war, erinnerte sich noch sehr gut daran. Aufgrund einer instinktiven Abneigung gegen diesen ├╝beraus unsympathischen Doktor kam ihr unterdessen die Frage gar nicht in den Sinn, ob der Eindruck der Marchesa nicht am Ende ein ganz anderer gewesen w├Ąre, wenn Falci ihr Hoffnungen darauf gemacht h├Ątte, die Genesung ihres Sohnes w├Ąre nicht v├Âllig unwahrscheinlich. In ihrer Perspektive erschien der zweite Besuch noch schlimmer und erst recht als der eines Scharlatans: dieses Kommen ausgerechnet an dem Tag, an dem die Marchesa gestorben war, um einen Zweifel zu ├Ąu├čern, eine Hoffnung dieser Art zu entz├╝nden. Umso mehr, als der junge Marchese sich allm├Ąhlich mit seinem Schicksal abzufinden schien. Als ihm so pl├Âtzlich die Mutter gestorben war, da hatte er neben dem Dunkel seiner Blindheit noch ein anderes Dunkel sich auftun gef├╝hlt, mehr in sich drinnen als drau├čen, ein schreckliches Dunkel, dem gegen├╝ber freilich alle Menschen blind sind. Aber wer gesunde Augen hat, der kann sich von diesem Dunkel mit dem Anblick der Dinge ringsumher ablenken, er jedoch konnte das nicht: blind f├╝r das Leben, war er nun auch blind f├╝r den Tod. Und in diesem anderen Dunkel, das noch k├Ąlter und finsterer war, war nun seine Mutter ver┬şschwunden, schweigend, und hatte ihn allein zur├╝ckgelassen, in einer entsetzlichen Leere.

Ganz pl├Âtzlich – er wu├čte nicht so recht, von wem – war eine Stimme von unendlicher Sanftheit zu ihm gedrungen, wie ein zarter Lichtschimmer. Und an diese Stimme hatte sich seine ganze in dieser entsetzlichen Leere verlorene Seele geklammert.

Nichts anderes als eine Stimme war f├╝r ihn Signorina Lydia. Aber dennoch war sie es, die mehr als alle anderen in den letzten Monaten seiner Mutter nahegestanden hatte. Und seine Mutter – er erinnerte sich daran – hatte, wenn sie ihm von ihr erz├Ąhlte, immer gesagt, da├č sie brav sei und aufmerksam, von ausgezeichneten Manieren, gebildet, klug; und genauso empfand er sie nun in den Aufmerksamkeiten, die sie ihm angedeihen lie├č, in dem Trost, den sie ihm spendete.

Lydia hatte seit den ersten Tagen den Verdacht gehabt, da├č die Marchesa Borghi, als sie sie einstellte, es nicht ungern gesehen h├Ątte, wenn der ungl├╝ckiche Sohn sich in irgendeiner Form mit ihr getr├Âstet h├Ątte; sie war dar├╝ber bitter gekr├Ąnkt und hatte ihren nat├╝rlichen Stolz gezwungen, sich zu einer geradezu strengen Unnahbarkeit zu versteifen. Aber nach dem Ungl├╝ck, als er da unter verzweifeltem Schluchzen eine ihrer H├Ąnde ergriffen hatte, um sein sch├Ânes, bleiches Gesicht an sie zu lehnen, wobei er st├Âhnte: “Verlassen Sie mich nicht!… verlassen Sie mich nicht!”, da f├╝hlte sie, wie sie das Mitleid, die R├╝hrung ├╝berw├Ąltigten, und sie hatte sich ihm gewidmet, ohne weiter Verdacht zu n├Ąhren.

Bald hatte er begonnen, sie mit der sch├╝chternen, aber hartn├Ąckigen und zerm├╝rbenden Neugier der Blinden zu qu├Ąlen. Er wollte sie in seinem Dunkel “sehen”; er wollte, da├č ihre Stimme in ihm zum Bild w├╝rde.

Zuerst waren es vage, kurze Fragen. Er wollte ihr erz├Ąhlen, wie er sie sich vorstellte, wenn er sie vorlesen oder sprechen h├Ârte.

“Sie sind blond, nicht wahr?”

“Ja.”

Blond war sie freilich; aber die ein wenig groben, eher sch├╝tteren Haare kontrastierten in seltsamer Weise mit der ein bi├čchen tr├╝ben Farbe der Haut. Wie sollte sie ihm das sagen? Und warum?

“Und ihre Augen sind blau?”

“Ja.”

Blau, jawohl; aber d├╝ster, traurig, zu tief einge┬şgraben unter der ernsten, traurigen, vorspringenden Stirn. Wie sollte sie ihm das sagen? Und warum?

Sch├Ân war sie nicht, was das Gesicht betraf; aber sie hatte eine sehr elegante Figur. Sch├Ân, wahrhaft sch├Ân, waren ihre H├Ąnde und ihre Stimme. Ihre Stimme ganz besonders. Von einer unfa├čbaren Sanftheit, die im Gegensatz zu dem d├╝ste┬şren, stolzen und traurigen Ausdruck des Gesichtes stand.

Sie wu├čte, wie er, durch den Zauber dieser Stimme und aufgrund der sch├╝chternen Antworten, die er auf seine insistenten Fragen erhielt, sie sah; und sie m├╝hte sich vor dem Spiegel ab, diesem fiktiven Bild ihrer selbst ├Ąhnlich zu sehen, sie bem├╝hte sich, sich selbst so zu sehen, wie er in seinem Dunkel sie sah. Und l├Ąngst kam ihre Stimme f├╝r sie selbst nicht mehr aus ihren eigenen Lippen, sondern aus denen, die er sich f├╝r sie vorstellte; und wenn sie lachte, hatte sie sofort den Eindruck, nicht selbst gelacht zu haben, sondern viel eher ein L├Ącheln nachgeahmt zu haben, das nicht ihr geh├Ârte, das L├Ącheln dieser anderen, die in ihm lebte.

All das verursachte ihr so etwas wie eine taube Qual, es bedr├╝ckte sie. Es schien ihr, sie w├Ąre nicht mehr sie, sie w├╝rde sich nach und nach selbst aufgeben, durch das Mitleid, das dieser junge Mann in ihr hervorrief. War es nur Mitleid? Nein; es war jetzt auch Liebe. Sie verstand ihre Hand nicht mehr von der seinen zur├╝ckzuziehen, ihr Gesicht von seinem abzuheben, wenn er sie zu nahe an sich heranzog.

“Nein! So nicht… so nicht…”

Es galt nun schnell zu einer Entscheidung zu kommen, zu einer Entscheidung, die Signorina Lydia einen langen und harten Kampf mit sich selbst bescherte. Der junge Marchese hatte keine Verwandten, er war sein eigener Herr und konnte also tun und lassen, was ihm gefiel. Aber w├╝rden nicht die Leute sagen, sie n├╝tze sein Ungl├╝ck aus, um geheiratet zu werden, um sich zur reichen Marchesa aufzuschwingen? Na freilich, das und noch vieles andere mehr w├╝rden sie sagen. Aber andererseits: wie sollte sie l├Ąnger in diesem Haus bleiben, wenn nicht um diesen Preis? Und w├Ąre es nicht eine Grausamkeit gewesen, diesen Blinden zu verlassen, ihm nur aus Angst vor der B├Âswilligkeit der anderen ihre liebevolle Pflege zu entziehen? Sicherlich, es war f├╝r sie ein gro├čes Gl├╝ck; aber sie f├╝hlte ehrlichen Herzens auch, da├č sie es sich verdiente, denn sie liebte ihn wirklich; ja, das gr├Â├čte Gl├╝ck war f├╝r sie sogar dieses: ihn offen lieben zu d├╝rfen, sich die Seine nennen zu d├╝rfen, ganz und f├╝r immer die Seine, sich ganz und f├╝r immer, mit Seele und K├Ârper ihm widmen zu k├Ânnen. Er konnte sich nicht sehen: er sah nichts anderes in sich als sein Ungl├╝ck; aber dabei war er doch so sch├Ân! Und zart war er, wie ein M├Ądchen; und sie konnte, wenn sie ihn ansah, sich an ihm erfreute, ohne da├č er es merkte, denken: “Nun bist du ganz mein, weil du dich nicht siehst und kein Bewu├čtsein von dir hast; denn deine Seele ist wie gefangen in deinem Ungl├╝ck und bedarf meiner, um sehen und f├╝hlen zu k├Ânnen.” Aber galt es nicht zuerst, ihm seinen Willen zu tun und ihm zu gestehen, da├č sie nicht so war, wie er sie sich vorstellte? W├Ąre ihr Schweigen nicht Betrug? Jawohl, ein Betrug. Aber er war ja doch blind, und f├╝r ihn mochte daher ein Herz wie das ihre, ergeben und gl├╝hend, und die Illusion ihrer Sch├Ânheit genug sein. H├Ą├člich war sie ja im ├╝brigen auch nicht. Und dann eine Sch├Âne, eine wirklich Sch├Âne, na, wer wei├č! Die h├Ątte ihn vielleicht noch ganz anders get├Ąuscht, sein Ungl├╝ck ausn├╝tzend, w├Ąhrend er doch eigentlich statt eines sch├Ânen Gesichtes, das er doch nie sehen w├╝rde k├Ânnen, ein liebendes Herz n├Âtig hatte.

Nach einigen Tagen bangen Ringens wurde die Hochzeit festgesetzt. Sie sollte ohne jeden Pomp stattfinden, und bald, sofort nach Ende der Trauerzeit von einem halben Jahr.

Sie hatte also noch ungef├Ąhr anderthalb Monate Zeit, um das Notwendige, so gut es ging, vorzubereiten. Es waren Tage intensiven Gl├╝cks: die Stunden flogen nur so dahin zwischen den fr├Âhlichen, hastigen Besorgungen f├╝r das Nestchen, das sie sich bauen wollten, und den Liebkosungen, denen sie sich ein wenig trunken entwand, mit zarter Gewalt, um aus dieser Freiheit, die das Zusammenleben ihrer Liebe gew├Ąhrte, ein St├╝ckchen Seligkeit, das allerst├Ąrkste, f├╝r den Hochzeitstag aufzubewahren.

Es fehlte noch wenig mehr als eine Woche zum Hochzeitstag, als Lydia pl├Âtzlich ein Besuch von Doktor Giunio Falci gemeldet wurde.

In der ersten Regung wollte sie schon sagen: “Ich bin nicht zu Hause!”

Aber der Blinde, der das Fl├╝stern geh├Ârt hatte, fragte: “Wer ist da?”

“Doktor Falci”, antwortete der Diener.

“Wei├čt du”, erg├Ąnzte Lydia, “dieser Arzt, den deine arme Mama wenige Tage vor dem Ungl├╝ck rufen lie├č.”

“Ach ja!”, rief Borghi, sich erinnernd. “Er hat mich ja lange untersucht… sehr lange, ich erinnere mich gut, und er sagte, er wolle wiederkommen, um…”

“Warte”, unterbrach ihn Lydia eilig, in h├Âchster Erregung. “Ich werde mit ihm sprechen.”

Doktor Giunio Falci stand mitten im Salon, den dicken, kahlen Kopf zur├╝ckgeworfen, die Augen halb geschlossen, und zupfte zerstreut mit einer Hand an seinem stacheligen Kinnbart.

“Nehmen Sie doch Platz, Herr Doktor”, sagte Signorina Lydia, die eingetreten war, ohne da├č er es bemerkt hatte.

Falchi zuckte zusammen, verneigte sich und hob an: “Sie werden verzeihen, wenn…”

Aber sie wollte ihm in ihrer Verwirrung und Erregung zuvorkommen: “Wir haben Sie bislang nicht rufen lassen, weil…”

“Auch jener andere Besuch von mir erfolgte vielleicht nicht gerade im richtigen Moment”, sagte Falci, ein leichtes, sarkastisches L├Ącheln auf den Lippen. “Aber Sie werden mir vergeben, Signorina.”

“Nein… warum denn? Im Gegenteil…” erwiderte Lydia err├Âtend.

“Sie wissen ja nicht”, setzte Falci fort, “was f├╝r ein unb├Ąndiges Interesse in einem armen Menschen, der sich der Wissenschaft verschrieben hat, gewisse Krankheitsf├Ąlle her┬şvorrufen k├Ânnen… Aber ich will Ihnen die Wahrheit gestehen, Signorina: ich hatte diesen Fall, wenn er auch meiner Meinung nach sehr selten und merkw├╝rdig sein mag, einfach vergessen. Gestern jedoch, als ich mit ein paar Freunden ├╝ber dies und das plauderte, habe ich von der bevorstehenden Hochzeit des Marchese Borghi mit Ihnen erfahren, Signorina: ist es wahr?”

Lydia erbleichte und bejahte mit einem abweisenden Kopfnicken.

“Erlauben Sie, da├č ich meine Gl├╝ckw├╝nsche zum Ausdruck bringe”, fuhr Falci fort. “Aber sehen Sie, da habe ich mich mit einem Schlag erinnert. Ich habe mich an die Diagnose gr├╝ner Star erinnert, die von so vielen meiner hochgesch├Ątzten Herren Kollegen vertreten wurde, wenn ich mich nicht t├Ąusche. Eine im Prinzip ├╝beraus verst├Ąndliche Diagnose, glauben Sie mir. Ich bin jedoch sicher, h├Ątte die Frau Marchesa ihren Sohn von diesen Kollegen zu dem Zeitpunkt untersuchen lassen, zu dem ich ihn sah, so h├Ątten auch die leicht erkannt, da├č man von einem gr├╝nen Star im eigentlichen Sinn hier nicht sprechen kann. Na gut. Ich habe mich auch an meinen zweiten, ├╝beraus mi├čgl├╝ck┬şten Besuch erinnert, und habe gedacht, da├č Sie, Signori┬şna, zuerst in der Auf┬şregung ├╝ber den pl├Âtzlichen Tod der Mar┬şchesa, dann in der Freude ├╝ber dieses neue Ereignis sicher┬şlich vergessen hatten, nicht wahr?, vergessen hatten…”

“Nein!”, schleuderte ihm Lydia an dieser Stelle entgegen, als wollte sie sich gegen die Qualen wehren, die ihr die lange, giftige Rede des Doktors bereitet hatte.

“Ach, nein?” fragte Falci.

“Nein”, wiederholte sie hartn├Ąckig und fest. “Ich habe mich vielmehr daran erinnert, wie wenig Vertrauen, um nicht zu sagen gar keines, die Marchesa – Sie entschuldigen schon – auch nach Ihrem Besuch in die Heilungsm├Âg┬şlichkeiten f├╝r ihren Sohn setzte.”

“Aber ich habe ja nicht zur Marchesa davon gesprochen”, gab Falci sofort zur├╝ck, “da├č die Krankheit ihres Sohnes meiner Ansicht nach…”

“Das stimmt, Sie haben zu mir davon gesprochen”, schnitt ihm Lydia erneut das Wort ab. “Aber auch ich, wie die Marchesa, …”

“Auch Sie haben wenig Vertrauen, um nicht zu sagen gar keines?”, unterbrach sie nun Falci seinerseits. “Das macht nichts. Aber haben Sie dem Herrn Marchese demnach also nichts von meinem Besuch und seinem Grund erz├Ąhlt?”

“Im Augenblick nicht.”

“Und nachher?”

“Auch nicht. Denn…”

Doktor Falci hob eine Hand auf: “Ich verstehe. Wenn einmal die Liebe erwacht ist… Aber Sie, Signorina, entschuldigen Sie bitte: ja, ich wei├č, man sagt, die Liebe ist blind; aber wollen Sie sie nun wirklich so blind haben, die Liebe des Herrn Marchese? Auch physisch blind?”

Lydia f├╝hlte, da├č gegen die sichere, bissige K├Ąlte dieses Mannes die stolze und abweisende Haltung nicht ausreichte, in der sie sich nach und nach immer mehr versteifte, um ihre W├╝rde gegen einen gemeinen Verdacht zu verteidigen. Sie bem├╝hte sich jedoch, noch ihre Beherrschung zu wahren und fragte mit scheinbarer Ruhe: “Sie beharren also darauf, da├č der Marchese mit Ihrer Hilfe das Augenlicht zur├╝ckbekommen k├Ânnte?”

“Langsam, langsam, Signorina”, antwortete Falci, indem er wiederum die Hand aufhob. “Ich bin nicht allm├Ąchtig wie der liebe Herrgott. Ich habe die Augen des Herrn Marchese ein einziges Mal untersucht, und es schien mir, als k├Ânnte man mit v├Âlliger Sicherheit einen Fall von gr├╝nem Star ausschlie├čen. Nun, das, was wie ein Zweifel erscheinen mag oder auch wie eine Hoffnung, das sollte Ihnen doch gen├╝gen, meine ich, wenn Ihnen, wie ich annehmen will, tats├Ąchlich das Wohl Ihres Verlobten am Herzen liegt.”

“Und wenn der Zweifel”, erwiderte Lydia schnell in herausforderndem Ton, “nach Ihrer Visite nicht mehr bestehen bliebe, und die Hoffnung entt├Ąuscht w├╝rde? H├Ątten Sie dann nicht grundlos, ja grausam, eine Seele aufgest├Ârt, die sich bereits mit ihrem Schicksal abgefunden hatte?

“Nein, Signorina”, entgegnete Falci mit ruhiger und ernster H├Ąrte. “Immerhin habe ich es als meine ├Ąrztliche Pflicht erachtet, auch ohne Aufforderung zu Ihnen zu kommen. Denn, das sollen Sie wissen, hier glaube ich, es nicht nur mit einem Krankheitsfall, sondern auch mit einem – viel schwerer wiegenden – Gewissensproblem zu tun zu haben.”

“Sie verd├Ąchtigen mich also…”, versuchte Lydia ihn zu unterbrechen, aber Falci gab ihr keine Gelegenheit weiterzusprechen.

“Sie selbst”, fuhr er fort, “haben mir eben gesagt, Sie h├Ątten dem Marchese meinen Besuch verschwiegen, und zwar mit einer Entschuldigung, die ich nicht akzeptieren kann, nicht, weil sie mich beleidigen k├Ânnte, sondern weil Vertrauen oder Mi├čtrauen in meine Kunst nicht Ihnen obliegt, sondern dem Marchese. Sehen Sie, Signorina: es mag auch so etwas wie Eigensinn von meiner Seite sein, ich leugne das gar nicht; ja, ich verspreche Ihnen sogar, da├č ich von dem Herrn Marchese keine Bezahlung annehmen werde, wenn er zu mir in die Klinik kommt, wo er jede Behandlung und jede Hilfe erhalten wird, die die Wissenschaft zu geben vermag, ohne jegliches materielle Interesse. Ist es nach dieser Erkl├Ąrung zu viel verlangt, wenn ich Sie bitte, dem Herrn Marchese meinen Besuch anzuk├╝ndigen?”

Lydia stand auf.

“Warten Sie”, sagte Falci daraufhin, indem er gleichfalls aufstand und seine gewohnte Haltung wieder einnahm. “Ich sage Ihnen, ich werde dem Marchese gegen├╝ber nicht erw├Ąhnen, da├č ich damals gekommen bin. Ich werde ihm vielmehr sagen, wenn Sie das wollen, da├č Sie mich aus Sorge vor der Hochzeit rufen lie├čen.”

Lydia sah ihm stolz in die Augen.

“Sie werden die Wahrheit sagen. Vielmehr, ich werde sie sagen.”

“Da├č Sie mir nicht geglaubt haben?”

“Genau das.”

Falci zuckte die Achseln und l├Ąchelte.

“Das k├Ânnte Ihnen schaden. Und das m├Âchte ich nicht. Wenn Sie lieber meinen Besuch bis nach der Hochzeit aufschieben wollen, sehen Sie, ich w├Ąre auch durchaus bereit, sp├Ąter wiederzukommen.”

“Nein”, sagte Lydia, mehr mit einer Geste als mit der Stimme, erstickt von dem inneren Aufruhr, mit gl├╝hendem Gesicht vor Scham angesichts der scheinbaren Gro├čz├╝gigkeit des Arztes; mit der Hand bedeutete sie ihm einzutreten.

Silvio Borghi wartete schon ungeduldig in seinem Zimmer.

“Hier ist Doktor Falci”, sagte Lydia, als sie steif und verkrampft ins Zimmer trat. “Wir haben da dr├╝ben ein Mi├čverst├Ąndnis ausger├Ąumt. Du erinnerst dich doch daran, da├č der Doktor bei seinem ersten Besuch gesagt hatte, er wollte wiederkommen, nicht wahr?”

“Ja”, antwortete Borghi. “Ich erinnere mich sehr gut, Herr Doktor!”

“Du wei├čt noch nicht”, setzte Lydia fort, “da├č er tats├Ąchlich wiederkam, und zwar an demselben Morgen, an dem das Ungl├╝ck mit deiner Mutter geschehen war. Und damals hat er mit mir gesprochen. Er sagte, er sei der Ansicht, deine Krankheit w├Ąre nicht genau diejenige, die von den vielen anderen ├ärzten festgestellt worden war; daher w├Ąre deine Heilung seiner Meinung nach nicht ganz unm├Âglich. Ich habe dir nichts davon gesagt.”

“Weil die Signorina, verstehen Sie”, beeilte sich Doktor Falci anzuf├╝gen, “da es sich ja nur um einen Zweifel handelte, den ich in diesem Augenblick und in sehr vager Form ausgesprochen hatte, der Meinung war, es handle sich um eine Art Trost, den ich in dieser Stunde h├Ątte bringen wollen, und der Sache daher keine gro├če Bedeutung beima├č.”

“Das ist es, was ich gesagt habe, nicht das, was Sie denken”, entgegnete Lydia rasch und stolz. “Doktor Falci hat vermutet, was im ├╝brigen wahr ist, n├Ąmlich, da├č ich dir nichts von seinem zweiten Besuch gesagt h├Ątte; und so ist er von sich aus noch vor der Hochzeit zu uns gekommen, um dir unentgeltlich seine Behandlung anzubieten. Und nun kannst du mit ihm glauben, Silvio, ich wollte dich lieber blind lassen, damit du mich heiratest.”

“Was sagst du da, Lydia?”, fuhr der Blinde auf.

“Aber freilich”, setzte sie schnell hinzu, mit einem seltsamen Lachen. “Und das kann sogar stimmen, denn tats├Ąch┬şlich k├Ânnte ich nur unter dieser Bedingung die Deine werden…”

“Was sagst du da?”, wiederholte Borghi, ihr ins Wort fallend.

“Du wirst es noch merken, Silvio, wenn es dem Doktor Falci gelingt, dir das Augenlicht zur├╝ckzugeben. Ich lasse euch allein.”

“Lydia! Lydia!”, schrie Borghi.

Aber sie war bereits hinausgegangen und hatte die T├╝re ins Schlo├č geworfen.

Sie warf sich aufs Bett, bi├č voller Wut in ein Kissen und brach zun├Ąchst in ein unstillbares Schluchzen aus. Als die erste Wut des Weinens vor├╝ber war, ├╝berkam sie eine gro├če Best├╝rzung und so etwas wie Abscheu vor ihrem Gewissen. Es schien ihr, als h├Ątte sie all das, was der Arzt ihr in seiner kalten, bei├čenden Art an den Kopf geworfen h├Ątte, sich l├Ąngst schon selbst gesagt, oder besser, als h├Ątte jemand in ihr es gesagt; und sie hatte getan, als h├Âre sie es nicht. Ja, freilich, st├Ąndig, in einem fort hatte sie an Doktor Falci gedacht, und immer, wenn sein Bild in ihr aufgestiegen war, wie das Gespenst eines Gewissensbisses, hatte sie es mit einem Schimpfwort verscheucht: “Schar┬şlatan!” Denn – wie h├Ątte sie das jetzt noch leugnen k├Ânnen? – sie wollte, sie wollte wirklich, da├č ihr Silvio blind bleiben sollte. Seine Blindheit war die unverzichtbare Voraussetzung seiner Liebe. Denn wenn er morgen das Sehverm├Âgen wiedererlangt h├Ątte, sch├Ân wie er war, jung, reich, ein adeliger Herr, weshalb h├Ątte er dann noch sie heiraten sollen? Aus Dankbarkeit? Aus Mitleid? Ach, nur aus diesem Grund! Und also nicht, nein! Selbst wenn er es gewollt h├Ątte: sie nicht! wie h├Ątte sie das annehmen k├Ânnen, sie, die sie ihn liebte und ihn nur um dieser Liebe willen wollte? Sie, die sie in seinem Ungl├╝ck den Grund seiner Liebe, ja, beinahe die Entschuldigung daf├╝r sah gegen├╝ber der B├Âswilligkeit der anderen? Kann man also so nachgeben, ohne es zu merken, mit dem eigenen Gewissen Kompromisse schlie├čen, bis man ein Verbrechen begeht? Bis man das eigene Gl├╝ck auf dem Ungl├╝ck eines anderen aufbaut? Nein, sie hatte ja wirklich nie daran geglaubt, da├č dieser da, ihr Feind, das Wunder vollbringen und ihrem Silvio das Augenlicht zur├╝ckgeben k├Ânnte; sie glaubte es nicht einmal jetzt; aber warum hatte sie geschwiegen? Wirklich deshalb, weil sie nicht geglaubt hatte, da├č man diesem Arzt Vertrauen schenken d├╝rfe? Oder nicht vielleicht doch deshalb, weil der Zweifel, den der Arzt ausgesprochen hatte, und der f├╝r Silvio wie ein Hoffnungsschimmer sein w├╝rde, f├╝r sie dagegen den Tod bedeutet h├Ątte, den Tod seiner Liebe, wenn er zur Gewi├čheit geworden w├Ąre? Auch jetzt noch konnte sie glauben, da├č ihre Liebe gen├╝gen w├╝rde, um den Blinden f├╝r das verlorene Augen┬şlicht zu entsch├Ądigen, ja, da├č ihm, wenn er nun durch ein Wunder sein Sehverm├Âgen zur├╝ckgew├Ąnne, weder dieses h├Âchste Gl├╝ck, noch alle Vergn├╝gungen, die er sich mit seinem Reichtum kaufen k├Ânnte, noch die Liebe einer anderen Frau Ersatz f├╝r den Verlust ihrer Liebe bieten k├Ânnte. Aber das waren Gr├╝nde, die f├╝r sie selbst z├Ąhlten, nicht f├╝r ihn. Wenn sie nun vor ihn hingetreten w├Ąre, um ihm zu sagen: “Silvio, du mu├čt w├Ąhlen zwischen dem Augenlicht und meiner Liebe?” – “Und warum willst du mich denn blind lassen?”, h├Ątte er ihr sicher geantwortet. Ja, weil eben nur so, um den Preis seines Ungl├╝cks, ihr Gl├╝ck m├Âglich war.

Pl├Âtzlich sprang sie auf, als h├Ątte sie jemand gerufen. War die Untersuchung dort dr├╝ben denn noch immer nicht zu Ende? Was mochte der Arzt wohl sagen? Was w├╝rde er denken? Sie versp├╝rte die Versuchung, auf Zehenspitzen zu dieser T├╝r zu schleichen, die sie selbst geschlossen hatte, und zu lauschen; aber sie hielt sich zur├╝ck. Ja, das war’s: sie war drau├čen vor der T├╝r geblieben. Sie selbst hatte sie sich zugeschlagen, mit ihren eigenen H├Ąnden, auf immer. Aber h├Ątte sie vielleicht die giftigen Angebote dieses Menschen annehmen sollen? Er hatte sich ja sogar dazu verstiegen, ihr vorzuschlagen, man k├Ânnte seinen Besuch bis nach der Hochzeit aufschieben. – Wenn sie das angenommen h├Ątte… Nein! Nein! Sie krampfte sich zusammen, vor Abscheu und Ekel. Was f├╝r ein infamer Tauschhandel w├Ąre das gewesen! Der h├Ą├člichste Betrug, den man sich denken konnte! Und danach? Verachtung, aber keine Liebe mehr…

Sie h├Ârte, wie die T├╝re aufging; sie zuckte zusammen. Instinktiv lief sie in den Korridor hinaus, durch den Falci kommen mu├čte.

“Ich habe versucht, das wiedergutzumachen, was Ihre ├╝berm├Ą├čige Offenheit bewirkt hat, Signorina”, sagte er kalt. “Meine Diagnose hat sich erh├Ąrtet. Der Marchese kommt morgen fr├╝h zu mir auf die Klinik. Gehen Sie, gehen Sie einstweilen zu ihm, er erwartet Sie. Auf Wiedersehen.”

Wie vernichtet, leer, blieb sie stehen und folgte ihm mit den Augen bis an das Ende des Korridors. Dann h├Ârte sie Silvios Stimme, der nach ihr rief, von dort drinnen. Sie f├╝hlte, wie ein Aufruhr in ihr zu toben begann; sie empfand etwas wie Schwindel; sie fiel beinahe zu Boden; sie schlug die H├Ąnde vors Gesicht, um die Tr├Ąnen zur├╝ckzuhalten; dann lief sie zu ihm.

Er erwartete sie sitzend, mit ausgebreiteten Armen; dann dr├╝ckte er sie an sich, fest, ganz fest, und schrie sein Gl├╝ck hinaus, da├č er f├╝r sie allein sein Augenlicht zur├╝ckhaben wollte, um sie zu sehen, seine liebe, sch├Âne, s├╝├če Braut.

“Du weinst? Warum? Ach, ich weine ja auch, siehst du? Ach, welche Freude! Ich werde dich sehen… ich werde dich sehen! Ich werde sehen!”

Jedes Wort war f├╝r sie ein Tod; so sehr, da├č er mitten in seiner Freude begriff, da├č ihr Weinen nicht so war wie das seine. Da begann er ihr zu sagen, da├č er freilich, ach! na freilich, auch er, an einem Tag wie damals den Worten des Arztes nicht geglaubt h├Ątte, und also Schlu├č damit, kein Wort mehr! Was dachte sie denn noch dar├╝ber nach? Heute war ein Festtag! Fort mit all der Betr├╝bnis! Fort mit allen Gedanken, mit einer Ausnahme, dieser: da├č sein Gl├╝ck nun endlich vollst├Ąndig sein w├╝rde, denn er w├╝rde seine Braut sehen. Nun h├Ątte sie ein bi├čchen mehr Mu├če, mehr Zeit, um das gemeinsame Nestchen zu bauen; und sch├Ân sollte es sein, wie ein Traum, dieses Nestchen, das er als erstes Ding auf der Welt sehen w├╝rde. Ja, er verspreche es, er w├╝rde mit verbundenen Augen aus der Klinik kommen und sie hier zum ersten Mal aufschlagen, in seinem Nestchen.

“Sag doch was! Sprich zu mir! La├č mich doch nicht allein reden!”

“Strengt es dich an?”

“Nein… Frag mich noch einmal: “Strengt es dich an?”, mit dieser deiner Stimme. La├č sie mich k├╝ssen, hier, auf deinen Lippen, diese deine Stimme…”

“Ja…”

“Und jetzt sprich; erz├Ąhl mir, wie du es mir bauen wirst, unser Nestchen.”

“Wie?”

“Ja, bis jetzt habe ich dich nichts dar├╝ber gefragt. Aber nein, ich will nichts dar├╝ber wissen, auch jetzt noch nicht. Du sollst alles allein machen. Es wird f├╝r mich ein Wunder sein, ein Zauber… aber zuerst werde ich gar nichts sehen: nur dich allein!”

Sie unterdr├╝ckte entschlossen das verzweifelte Weinen, ihr Gesicht begann zu strahlen, und dort, vor ihm kniend, er ├╝ber sie gebeugt, sie umarmend, begann sie, ihm von ihrer Liebe zu sprechen, beinahe ins Ohr fl├╝sternd, mit ihrer Stimme, die mehr denn je s├╝├č und zauberhaft klang. Aber als er sie dann trunken an sich zog und drohte, sie nicht mehr loslassen zu wollen, in diesem Augenblick entwand sie sich ihm, richtete sich auf, stolz, wie auf einen Sieg ├╝ber sich selbst. Ja, sie h├Ątte es in der Hand gehabt, auch jetzt noch, ihn unaufl├Âslich an sich zu binden. Aber nein! Denn sie liebte ihn.

Diesen ganzen Tag lang, bis sp├Ąt in die Nacht hinein, machte sie ihn mit ihrer Stimme trunken; sie war sicher, denn er war ja noch im Dunkel, dort, und geh├Ârte ihr; im Dunkel, in dem bereits die Hoffnung aufflackerte, sch├Ân wie das Bild, das er sich von ihr ausgemalt hatte.

Am n├Ąchsten Morgen bestand sie darauf, ihn im Wagen bis zur Klinik zu begleiten, und beim Abschied sagte sie ihm, sie w├╝rde nun gleich ans Werk gehen, wie eine eilige Schwalbe.

“Du wirst sehen!”

Sie wartete zwei Tage in schrecklichem Bangen auf den Ausgang der Operation. Als sie erfuhr, da├č sie gelungen war, wartete sie noch ein bi├čchen in dem leeren Haus; sie richtete es liebevoll f├╝r ihn her und lie├č ihm, der sie ├╝bergl├╝cklich an seiner Seite haben wollte, sei es auch nur f├╝r eine Minute, bestellen, er solle noch ein paar Tage warten; sie k├Ąme ihn nicht besuchen, um ihn nicht aufzuregen; der Arzt erlaube es nicht…

“Doch?” Nun gut, dann w├╝rde sie kommen…

Sie packte ihre Sachen zusammen, und am Vortag des Tages, an dem er das Krankenhaus verlassen sollte, reiste sie heimlich ab, um wenigstens in seiner Erinnerung eine Stimme zu bleiben, die er nun vielleicht, da er jetzt aus seinem Dunkel herausgetreten war, auf vielen Lippen suchen w├╝rde, aber vergebens.

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