Die Wirklichkeit des Traums – Audiolesungen

image_pdfimage_print

Stimme von Giuseppe Tizza. 
Na, das wenigstens nicht, darauf konnte man hoffen. Er hatte diese Erziehung ja selbst w├Ąhrend der Verlobungszeit zu sp├╝ren bekommen. In den vier Monaten vor der Hochzeit war ihm dort in der Kleinstadt, aus der sie stammte, nicht einmal gestattet worden, wenn schon nicht ihre Hand zu ber├╝hren, wenigstens zwei W├Ârtchen mit ihr im Fl├╝sterton zu wechseln.

Erstver├Âffentlichung in der Zeitschrift Noi e il mondo vom November 1914; umfangreiche Ver├Ąnderungen in der Version letzter Hand.

Die Wirklichkeit des Traums
Pablo Picasso, Jeune Fille Endormie, 1935

Die Wirklichkeit des Traums

Alles, was er sagte, schien denselben unbestreitbaren Wert zu haben wie seine Sch├Ânheit; beinahe so, als k├Ânnte er – da man nicht daran zweifeln konnte, da├č er ein ├╝beraus sch├Âner Mann war, aber auch wirklich wundersch├Ân – ihm nie und in nichts widersprechen.

Und er verstand nichts, er verstand aber auch wirklich nichts von dem, was in ihr vorging!

Wenn man sich anh├Âren mu├čte, mit welcher Sicherheit er seine Interpretationen ihrer instinktiven Regungen, ihrer vielleicht auch ungerechten Abneigungen und mancher ihrer Gef├╝hle vortrug, dann ├╝berkam sie die Versuchung, ihm das Gesicht zu zerkratzen, ihn zu ohrfeigen, ihn zu bei├čen.

Auch deshalb, weil er sie dann bei aller K├Ąlte und Sicherheit und diesem Stolz eines gutaussehenden jungen Mannes in anderen Momenten wiederum entt├Ąuschte, wenn er sich ihr n├Ąherte, weil er sie brauchte. Dann war er sch├╝chtern, dem├╝tig, flehend, mit einem Wort so, wie sie ihn in diesen Augenblicken nicht haben wollte; so da├č sie sich auch dann gereizt f├╝hlte, wenn auch aus einem anderen Grund, und so sehr, da├č sie – obwohl sie dazu neigte nachzugeben – sich st├Ârrisch verh├Ąrtete; und die Erinnerung an jeden Augenblick der Hingabe, der im sch├Ânsten Moment von diesem Gef├╝hl der Gereiztheit vergiftet wurde, wandelte sich ihr zu einem Groll.

Er behauptete, die Verlegenheit und Peinlichkeit, die sie angeblich allen M├Ąnnern gegen├╝ber empfand, w├Ąren bei ihr eine fixe Idee.

“Du empfindest das, Liebe, weil du daran denkst”, wiederholte er hartn├Ąckig.

“Ich denke daran, Lieber, weil ich es empfinde”, gab sie zur├╝ck. “Was hei├čt da fixe Idee! Ich empfinde es. So ist es nun einmal. Und ich habe meinem Vater daf├╝r zu danken, f├╝r die wunderbare Erziehung, die er mir angedeihen hat lassen! Willst du vielleicht auch das noch in Zweifel ziehen?”

Na, das wenigstens nicht, darauf konnte man hoffen. Er hatte diese Erziehung ja selbst w├Ąhrend der Verlobungszeit zu sp├╝ren bekommen. In den vier Monaten vor der Hochzeit war ihm dort in der Kleinstadt, aus der sie stammte, nicht einmal gestattet worden, wenn schon nicht ihre Hand zu ber├╝hren, wenigstens zwei W├Ârtchen mit ihr im Fl├╝sterton zu wechseln.

Eifers├╝chtiger als ein Tiger, hatte der Vater ihr von Kindesbeinen an einen heillosen Schrecken vor den M├Ąnnern eingejagt; nie hatte er einen Mann ins Haus gelassen; alle Fenster wurden hermetisch geschlossen; und die seltenen Male, die er sie ausgef├╝hrt hatte, hatte er sie gezwungen, mit gesenktem Kopf zu gehen wie eine Nonne und auf den Boden zu starren, als m├╝├čte sie die Pflastersteine z├Ąhlen.

Nun, was Wunder, wenn sie nun in Gegenwart eines Mannes diese Verlegenheit empfand, es nicht vermochte, irgend einem in die Augen zu sehen und nicht mehr wu├čte, wie sie sprechen und wie sich bewegen sollte?

Ja, nat├╝rlich, sie hatte sich schon seit sechs Jahren von dem Alptraum dieser wilden v├Ąterlichen Eifersucht be┬şfreit; sie sah Leute, zu Hause, auf der Stra├če; und dennoch… Sicherlich war es nicht mehr dieser kindliche Schreck von einst; aber eben diese Peinlichkeit. Ihre Augen, so sehr sie sich auch bem├╝hten, konnten niemandes Blick aushalten; die Zunge verhedderte sich ihr im Mund, wenn sie sprach; und pl├Âtzlich, ohne da├č sie gewu├čt h├Ątte warum, stand ihr Gesicht in Flammen, so da├č alle denken konnten, ihr ginge wei├č Gott was durch den Kopf, w├Ąhrend sie doch tats├Ąchlich an gar nichts dachte; kurz gesagt, sie sah sich dazu verdammt, st├Ąndig einen schlechten Eindruck zu machen, als dumm zu gelten, als gehemmt, und sie wollte das nicht. Es war sinnlos, sich dagegen zu wehren. Ihrem Vater verdankte sie es, da├č sie sich einschlie├čen mu├čte, niemanden sehen durfte, um sich wenig┬şstens nicht ├╝ber diese dumme und l├Ącherliche Peinlichkeit ├Ąrgern zu m├╝ssen, die st├Ąrker war als sie.

Die Freunde, die besten, die, an denen ihm am meisten gelegen war, und die er gerne als Zierde seines Hauses betrachtet h├Ątte, jener kleinen Welt, die er vor sechs Jahren bei seiner Hochzeit gehofft hatte, um sich herum aufbauen zu k├Ânnen, die hatten sich einer nach dem anderen von ihm entfernt. Kein Wunder! Sie kamen ihn besuchen. Sie fragten:

“Ist deine Frau nicht da?”

Seine Frau war wie von der Tarantel gestochen aufgesprungen und fortgelaufen, als die Glocke das erste Mal schellte. Er tat, als ginge er sie rufen; er ging wirklich zu ihr; er trat mit einem betr├╝bten Gesicht vor sie hin, die Arme ausgebreitet, obwohl er wu├čte, da├č es vergeblich sein w├╝rde; seine Frau w├╝rde ihn mit zornblitzenden Augen ansehen und ihm zwischen den Z├Ąhnen zuzischen: “Dummkopf!”. So kehrte er ihr den R├╝cken und ging zur├╝ck, innerlich wei├čgottwie, ├Ąu├čerlich l├Ąchelnd, und beschied seinem Freund: “Tut mir leid, mein Lieber, sie f├╝hlt sich nicht gut, sie hat sich hingelegt.”

Und so ging’s einmal, zweimal, dreimal; zum Schlu├č hatten alle genug bekommen. Konnte er ihnen das vorwerfen?

Zwei oder drei waren ihm noch geblieben, die allertreuesten oder allermutigsten. Und die wenigstens wollte er verteidigen, einen vor allen anderen, den kl├╝gsten von allen, der wirklich gebildet war und die Pedanterie ha├čte, vielleicht auch ein bi├čchen viel Aufhebens davon machte, ein ├Ąu├čerst scharfsinniger Journalist; kurz gesagt, ein Freund von unsch├Ątzbarem Wert.

Manchmal hatte sich seine Frau vor diesen wenigen ├╝brig gebliebenen Freunden doch sehen lassen, sei es, da├č sie ├╝berraschend gekommen waren, sei es, da├č sie in einem guten Augenblick seinem Bitten trotz allem nachgegeben hatte. Und siehst du, kein Wort stimmte, da├č sie etwa eine schlechte Figur gemacht h├Ątte – ganz im Gegenteil!

“Denn wenn du nicht daran denkst, siehst du… wenn du dich einfach deinem Naturell ├╝berl├Ą├čt… du bist lebhaft…”

“Dankesch├Ân!”

“Du bist klug…”

“Dankesch├Ân!”

“Und du bist alles andere als verlegen, ich versichere es dir! Entschuldige mal, welches Interesse sollte denn ich daran haben, da├č du eine schlechte Figur machst? Du sprichst so frei und offen, aber ja, manchmal sogar allzu frei… und mit gro├čer Anmut, ich schw├Âre es dir! Du wirst richtig entflammt, und deine Augen… was hei├čt da, du wei├čt nicht, wie du schauen sollst! Die spr├╝hen geradezu, meine Liebe… Und dann sagst du, dann sagst du durchaus auch gewagte Dinge, jawohl… Du wunderst dich? Nein, ich sage ja nicht, da├č sie unpassend w├Ąren… aber doch ein bi├čchen gewagt f├╝r eine Frau; und all das gel├Âst, frei, kurz, mit Esprit, ich schw├Âre es dir!

Er lobte sich in einen wahren Taumel hinein, denn er merkte, da├č sie, obwohl sie behauptete, nichts davon zu glauben, im Grunde Vergn├╝gen daran hatte, err├Âtete und nicht wu├čte, ob sie l├Ącheln oder die Brauen runzeln sollte.

“Es ist so, ganz genau so. Glaub mir, das ist eine fixe Idee von dir, deine…”

Die Tatsache, da├č sie nicht gegen seine hundertmal behauptete “fixe Idee” protestierte und sein Lob ├╝ber ihr freies, gel├Âstes, ja sogar gewagtes Sprechen mit sichtlichem Vergn├╝gen entgegennahm, h├Ątte ihm wenigstens ein bi├čchen Angst machen m├╝ssen.

Wann und mit wem hatte sie denn so gesprochen?

Vor wenigen Tagen erst, mit dem Freund “von unsch├Ątzba┬şrem Wert”, mit dem also, der ihr nat├╝rlich der unsympathischste von allen war. Ja, sie gab die Ungerechtigkeit mancher ihrer Antipathien zu, und auch, da├č sie vor allen Dingen jene M├Ąnner als unsympathisch bezeichnete, die sie am meisten verlegen machten.

Aber nun war sie deshalb so befriedigt ├╝ber die Tatsache, da├č sie vor diesem Mann sogar mit einer gewissen Dreistigkeit zu sprechen vermocht hatte, weil dieser (sicher┬şlich, um sie insgeheim zu reizen) es in einer langen Diskussion ├╝ber das ewige Thema der Anst├Ąndigkeit der Frau gewagt hatte zu behaupten, das ├╝berm├Ą├čige Schamgef├╝hl w├Ąre ein untr├╝gliches Zeichen eines besonders sinnlichen Cha┬şrakters, so da├č man sich vor einer Frau h├╝ten m├╝sse, die ohne Grund err├Âtet, die es nicht wagt, die Augen zu heben, weil sie Angst davor hat, in allem ringsumher einen Angriff auf das eigene Schamgef├╝hl zu entdecken, und in jedem Blick, in jedem Wort, einen Hinterhalt sieht, der ihre Anst├Ąndig┬şkeit bedroht. Das bedeutet, da├č diese Frau besessen ist von Bildern der Versuchung; sie f├╝rchtet, sie ├╝berall zu erblicken; der blo├če Gedanke daran verwirrt sie. Wie denn auch nicht? W├Ąhrend eine andere, mit weniger lebhafter Sinnlichkeit, dieses Schamgef├╝hl gar nicht kennt und sogar von gewissen intimen Dingen aus dem Bereich der Liebe sprechen kann, ohne verlegen zu werden, weil sie gar nicht auf die Idee k├Ąme, da├č etwas B├Âses dabei sein k├Ânnte bei… was wei├č ich, bei einer etwas weiter ausgeschnittenen Bluse, bei einem Strumpf mit Lochstickerei, bei einem Rock, der gerade ein kleines, kleines bi├čchen vom Bein oberhalb des Knies ersp├Ąhen l├Ą├čt.

Damit sagte er wohlgemerkt nicht, da├č eine Frau, damit man sie nicht f├╝r sinnlich hielte, sich nun schamlos und ungeh├Ârig geben oder das sehen lassen m├╝├čte, was man nicht sehen lassen darf. Das w├Ąre ja ein Paradox gewesen. Er sprach nur vom Schamgef├╝hl. Und das Schamgef├╝hl war f├╝r ihn die Rache der Unaufrichtigkeit. Nicht, da├č dieses Gef├╝hl nicht an und f├╝r sich aufrichtig gewesen w├Ąre. Nein, es war ganz und gar aufrichtig, aber eben als Ausdruck der Sinnlichkeit. Unaufrichtig ist die Frau, die ihre Sinnlichkeit verleugnen will, indem sie als Beweis die Schamr├Âte ihrer Wangen zur Schau stellt. Und eine solche Frau kann auch unaufrichtig sein, ohne es zu wollen, ja, ohne es zu wissen. Denn nichts ist komplizierter als die Aufrichtigkeit. Wir alle spielen ganz spontan eine Rolle, nicht so sehr vor den anderen als vielmehr vor uns selbst; wir glauben immer das von uns, was uns gef├Ąllt, und wir sehen uns nicht so, wie wir in Wirklichkeit sind, sondern so, wie wir meinen, da├č wir entsprechend dem idealen Bild, das wir uns von uns selbst zurechtgezimmert haben, sein m├╝├čten. So kann es geschehen, da├č eine Frau in hohem Ma├če sinnlich ist, ohne es zu wissen und dabei ganz ehrlich glaubt, besonders keusch zu sein, Ekel und Abscheu vor der Sinnlichkeit zu empfinden, einfach deshalb, weil sie wegen einer Nichtigkeit err├Âtet. Dieses Err├Âten um einer Nichtigkeit willen, das an und f├╝r sich der ganz aufrichtige Ausdruck der tats├Ąchlichen Sinnlichkeit dieser Frau ist, wird nun vielmehr als Beweis der Keuschheit genommen, an die sie glaubt; und wenn es so gedeutet wird, wird es ganz nat├╝rlich zu etwas Unaufrichtigem. “Aber Signora”, hatte einige Abende zuvor der Freund von unsch├Ątzbarem Wert seine Ausf├╝hrungen geschlossen, “die Frau (Ausnahmen nat├╝rlich vorbehalten) ist von Natur aus ein Wesen, das ganz dem Bereich der Sinne angeh├Ârt. Man mu├č sie zu nehmen, zu entflammen und zu beherrschen wissen. Die allzu Schamhaften m├╝ssen nicht einmal entflammt werden; sie stehen von selbst in Flammen, augenblicklich, wenn man sie anr├╝hrt.

Sie hatte nicht einen Augenblick daran gezweifelt, da├č diese ganze Rede ihr galt. Und kaum war der Freund gegangen, war sie w├╝tend ├╝ber ihren Mann hergefallen, der w├Ąhrend der ganzen langen Diskussion nichts anderes getan hatte als zu l├Ącheln wie ein Schwachsinniger und seinem Freund beizupflichten.

“Er hat mich in jeder nur denkbaren Weise zwei Stunden lang beleidigt und du, anstatt mich zu verteidigen, hast gel├Ąchelt, hast ihm beigepflichtet und ihm so zu verstehen gegeben, da├č es stimmte, was er sagte, denn du als mein Ehemann, tja, du m├╝├čtest es ja wissen…”

“Aber was denn?” hatte er ganz verdattert ausgerufen. “Du redest ja irre… Ich? Da├č du sinnlich w├Ąrest? Aber was sagst du denn da? Er hat doch von der Frau im allgemeinen gesprochen, was hat das mit dir zu tun? Wenn er nur im geringsten h├Ątte ahnen k├Ânnen, da├č du seine Rede auf dich beziehen w├╝rdest, h├Ątte er doch den Mund nicht aufgemacht! Und dann, entschuldige, wie h├Ątte er es denn annehmen k├Ânnen, wo du dich doch ihm gegen├╝ber nicht im geringsten als die schamhafte Frau gezeigt hast, von der er sprach? Du bist ja ├╝berhaupt nicht err├Âtet; du hast deine Meinung mit Nachdruck, mit Begeisterung vertreten. Und ich habe gel├Ąchelt, weil ich mich dar├╝ber freute, weil ich darin den Beweis f├╝r das gesehen habe, was ich immer sage und gesagt habe, da├č du n├Ąmlich, wenn du nicht daran denkst, ├╝berhaupt nicht verlegen, ├╝berhaupt nicht gehemmt bist; da├č deine ganze angebliche Verlegenheit also nichts anderes ist als eine fixe Idee. Was hat das nun mit dem Schamgef├╝hl zu tun, von dem er gesprochen hat?”

Auf diese Rechtfertigung ihres Mannes hatte sie nichts zu entgegnen gewu├čt. Sie hatte sich in sich selbst zur├╝ckgezogen, war verschlossen geworden, br├╝tend ├╝ber die Frage, warum sie sich so zuinnerst von den Worten dieses Mannes verletzt gef├╝hlt hatte. Es war kein Schamgef├╝hl, nein und noch einmal nein, was sie empfand, es war kein Schamgef├╝hl, kein solch ekelhaftes Schamgef├╝hl wie das, von dem er gesprochen hatte; es war Verlegenheit, Verlegenheit, Verlegenheit! Aber nat├╝rlich konnte es ein b├Âswilliger Mensch wie dieser f├╝r Schamgef├╝hl ansehen und sie deshalb f├╝r eine solche Frau halten, f├╝r eine… na, eben f├╝r so eine!

Mochte sie sich auch tats├Ąchlich nicht verlegen gezeigt haben, wie ihr Mann behauptete, empfunden hatte sie die Verlegenheit trotzdem; sie konnte sich manchmal ├╝berwinden, sich Gewalt antun, um sie nicht zu zeigen; aber sie empfand sie dennoch. Wenn nun ihr Mann ihr diese Verlegenheit absprechen wollte, dann hie├č das, da├č er nichts bemerkte. Er h├Ątte also auch nicht bemerkt, wenn diese Verlegenheit in ihr etwas anderes gewesen w├Ąre, das hei├čt, dieses Schamgef├╝hl, von dem der Freund gesprochen hatte.

Was das m├Âglich? O Gott, nein! Der blo├če Gedanke jagte ihr Ekel und Grauen ein.

Und dennoch…

Im Traum kam ihr die Erleuchtung.

Er begann wie eine Herausforderung, dieser Traum, wie eine Pr├╝fung, zu der dieser widerliche Mann sie herausforderte, in der Folge der Diskussion, die sie vor drei Abenden miteinander gef├╝hrt hatten.

Sie mu├čte ihm beweisen, da├č sie nicht ├╝ber eine Nichtigkeit err├Âtete; da├č er mit ihr tun konnte, was er wollte, ohne da├č sie sich verwirren lassen oder gar ihre Fassung verlieren w├╝rde.

Und tats├Ąchlich, da begann er mit eiskalter K├╝hnheit diese Pr├╝fung. Zun├Ąchst fuhr er ihr leicht mit der Hand ├╝ber das Gesicht. Bei der Ber├╝hrung dieser Hand mu├čte sie sich mit allen Kr├Ąften Gewalt antun, um den Schauder zu unterdr├╝cken, der ihr ├╝ber den ganzen K├Ârper lief, um die Augen fest und unger├╝hrt, unverschleiert blicken zu lassen und dem Mund ein leises L├Ącheln abzuringen. Und da, jetzt ber├╝hrte er mit den Fingern ihren Mund; er rieb zart ├╝ber ihre Unterlippe und versenkte dort, in der Feuchte des Inneren, einen langen, hei├čen Ku├č von unendlicher S├╝├če. Sie pre├čte die Z├Ąhne zusammen; sie versteifte sich, um das Zittern, das Beben ihres K├Ârpers zu beherrschen; und da begann er ganz ruhig, ihre Brust zu entbl├Â├čen, und… was war denn da B├Âses dabei? Nein, nein, nichts, gar nichts B├Âses. Aber… o Gott, nein… er verweilte in perfider Weise bei dieser Liebkosung… nein, nein… das war zuviel… und… Besiegt, verloren, zuerst ohne einzuwilligen, begann sie nachzugeben, nicht von seiner Kraft ├╝berw├Ąltigt, nein, sondern von dem sehns├╝chtigen Verlangen ihres eigenen K├Ârpers… und zuletzt…

Ha! Sie fuhr aus dem Schlaf auf, verkrampft, zerst├Ârt, am ganzen Leibe zitternd, voll Ekel und Abscheu.

Sie blickte zu ihrem Mann hin├╝ber, der ahnungslos neben ihr schlief. Und das Gef├╝hl der Schande, das sie in sich hatte, verwandelte sich sofort in Verachtung gegen ihn, als w├Ąre er der Grund dieser Schande, von der sie noch die Lust und den Schauder in sich hatte: er, er mit seiner bl├Âden Hartn├Ąckigkeit, diese Freunde immer bei sich zu Hause empfangen zu wollen.

Das war’s: sie hatte ihn im Traum betrogen. Betrogen hatte sie ihn, und sie empfand keine Reue dar├╝ber, nein, blo├č einen ungeheueren Zorn ├╝ber sich, da├č sie besiegt wor┬şden war, und eine Wut, Wut gegen ihn, auch deshalb, weil es ihm in sechs Jahren Ehe nie gelungen war, sie das erleben zu lassen, was sie nun im Traum mit einem anderen erlebt hatte.

Ein Wesen, das ganz dem Bereich der Sinne angeh├Ârt… war das also wahr?

Nein, nein. Schuld hatte nur er, der Ehemann, der nicht an ihre Verlegenheit glauben wollte und sie zwang, sich zu ├╝berwinden, ihrer Natur Gewalt anzutun, der sie diesen Pr├╝fungen, diesen Duellen aussetzte, aus denen der Traum erwachsen war. Wie konnte man einer solchen Pr├╝fung standhalten? Er hatte es gewollt, er, ihr Mann. Und das war jetzt die Strafe. Sie h├Ątte noch Genu├č daran finden k├Ânnen, wenn sie aus der b├Âswilligen Freude, die sie bei dem Gedanken an die Strafe empfand, die das f├╝r ihn bedeutete, die Schande h├Ątte entfernen k├Ânnen, die sie f├╝r sich dabei empfand.

Und was jetzt?

Zu dem Eklat kam es am n├Ąchsten Nachmittag nach dem harten Stillschweigen, das sie den ganzen Tag ├╝ber gegen die bohrenden Fragen ihres Mannes bewahrt hatte, der wissen wollte, weshalb sie so seltsam sei und was denn geschehen w├Ąre.

Es kam dazu bei der Ank├╝ndigung des gewohnten Besuches dieses Freundes von unsch├Ątzbarem Wert.

Als sie aus dem Vorzimmer dessen Stimme h├Ârte, fuhr sie auf, pl├Âtzlich wie von Sinnen. Eine rasende Wut blitzte aus ihren Augen. Sie st├╝rzte sich auf ihren Mann und beschwor ihn, von Kopf bis F├╝├čen zitternd, diesen Mann nicht zu empfangen: “Ich will nicht! Ich will nicht! Schick ihn fort!”

Er war zuerst mehr als verbl├╝fft, geradezu ersch├╝ttert ├╝ber diesen Wutausbruch. Er konnte den Grund f├╝r eine solche Ablehnung nicht verstehen, wo er doch eben noch der Meinung gewesen war, da├č der Freund aufgrund all dessen, was er nach der Diskussion gesagt hatte, ihr nun ein wenig sympathischer geworden sein m├╝├čte; und angesichts eines so absurden, haltlosen Verlangens geriet nun er in Zorn.

“Aber du bist ja verr├╝ckt oder willst, da├č ich verr├╝ckt werde! Soll ich denn wirklich wegen deines bl├Âden Wahns noch alle meine Freunde verlieren?

Und er machte sich von ihr los, die sich an ihn geklammert hatte und befahl dem Dienstm├Ądchen, den Herrn hereinzuf├╝hren.

Sie sprang auf, um sich ins Nebenzimmer zu fl├╝chten, wobei sie ihm, ehe sie hinter der T├╝r verschwand, noch einen Blick voll Ha├č und Verachtung zuwarf.

Sie fiel in einen Lehnstuhl, als w├Ąren ihr pl├Âtzlich die Beine unter dem K├Ârper weggerissen worden. Das Blut brauste ihr in den Adern, und ihr ganzes Wesen lehnte sich im Inneren auf, in dieser verzweifelten Verlassenheit, als sie durch die geschlossene T├╝re h├Ârte, wie ihr Mann den, mit dem sie ihn in der Nacht zuvor im Traum betrogen hatte, mit freudigen Worten empfing. Und die Stimme dieses Mannes… o┬áGott… und die H├Ąnde, die H├Ąnde dieses Mannes…

Pl├Âtzlich, w├Ąhrend sie sich auf dem Lehnsessel hin- und herwand und die gekr├╝mmten Finger in die Arme und die Brust grub, stie├č sie einen Schrei aus und fiel zu Boden, gesch├╝ttelt von einer entsetzlichen Nervenkrise, einem regelrechten Anfall von Wahnsinn.

┬áDie beiden M├Ąnner st├╝rzten in das Zimmer; sie blieben einen Augenblick entsetzt bei ihrem Anblick stehen, w├Ąhrend sie sich wie eine Schlange auf dem Boden wand, br├╝llte und heulte; ihr Mann versuchte sie aufzuheben, der Freund eilte herbei, um ihm zu helfen. H├Ątte er das blo├č nicht getan. Als sie sich von diesen H├Ąnden ber├╝hrt f├╝hlte, begann ihr K├Ârper unbewu├čt, unter der absoluten Herrschaft der noch in der Erinnerung befangenen Sinne ├╝berall zu zittern, in einem lustvollen Beben; und vor den Augen ihres Ehemannes klammerte sie sich an diesen Mann und verlangte mit erschreckender, w├╝tender Begierde die Liebkosungen von ihm, die sie im Traum erfahren hatte.

Entsetzt ri├č er sie dem Freund von der Brust; sie schrie und wehrte sich, dann brach sie wie leblos in seinen Armen zusammen und wurde zu Bett gebracht.

Die beiden M├Ąnner sahen einander entgeistert an und wu├čten nicht was sie denken, was sie sagen sollten.

In der schmerzlichen Verbl├╝ffung des Freundes war die Unschuld so offensichtlich, da├č bei dem Ehemann unm├Âglich ein Verdacht aufkommen konnte. Er bat ihn, mit ihm aus dem Zimmer zu gehen; er erz├Ąhlte ihm, da├č seine Frau seit dem Morgen verwirrt gewesen war, in einem Zustand seltsamer Nervenreizung; er begleitete ihn zur T├╝r und bat ihn um Ver┬şzeihung f├╝r diesen bedauerlichen, unvorhersehbaren Zwischen┬şfall; dann lief er so schnell wie m├Âglich wieder zu ihrem Bett.

Er fand sie auf dem Bett liegend und wieder bei Sinnen, zusammengekr├╝mmt wie ein Tier, mit glasstarren Augen: sie zitterte an allen Gliedern wie vor K├Ąlte, wurde von gewaltsamen Zuckungen gesch├╝ttelt und fuhr von Zeit zu Zeit in die H├Âhe.

Als er sich mit d├╝sterem Gesicht ├╝ber sie beugte, um von ihr Rechenschaft ├╝ber das zu verlangen, was vorgefallen war, stie├č sie ihn mit beiden Armen und mit zusammengebissenen Z├Ąhnen zur├╝ck und schleuderte ihm mit zerst├Ârerischer Wollust die Beichte ihres Fehltritts ins Gesicht. Mit einem verzerrten, b├Âsartigen L├Ącheln, sagte sie, w├Ąhrend sie sich zusammenkrampfte und die Arme ├Âffnete:

“Im Traum war’s!… Im Traum!…”

Und sie erlie├č ihm kein einziges Detail. Der Ku├č auf die Innenseite der Lippe… die Liebkosung ihrer Brust… mit der perfiden Sicherheit, da├č er zwar ebenso wie sie f├╝hlen mu├čte, da├č dieser Fehltritt eine Wirklichkeit und als solche unwiderruflich und nicht wieder gutzumachen war, weil er bis zum letzten vollzogen und genossen worden war, da├č er ihr aber dennoch keinen Vorwurf daraus machen konnte. Ihr K├Ârper – er konnte ihn schlagen, ihn qu├Ąlen, ihn in St├╝cke rei├čen – aber da war er, er hatte einem anderen geh├Ârt, in dem unbewu├čten Reich des Traums. In dem Bereich der Tatsachen existierte f├╝r den anderen dieser Fehltritt nicht; aber er war eine Wirklichkeit gewesen und blieb sie hier, hier f├╝r sie, in ihrem K├Ârper, der die Lust erlebt hatte.

Wer hatte Schuld? Und was konnte er ihr schon tun?

┬ź┬ź┬ź Audiolesungen in deutscher Sprache

┬ź┬ź┬ź Pirandello auf Deutsch

Se vuoi contribuire, invia il tuo materiale, specificando se e come vuoi essere citato a
collabora@pirandelloweb.com

ShakespeareItalia

image_pdfimage_print
Skip to content