Die Falle – Audiolesungen

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Stimme von Giuseppe Tizza. 
Du meinst, ich rede irre? Ich rede so vor mich hin? Ach geh’ doch, ich wei├č ja, da├č du mich verstehst. Du verstehst sogar mehr, als ich sage, denn es ist sehr schwer, dieses dunkle Gef├╝hl auszudr├╝cken, das mich beherrscht und ersch├╝ttert.

Erstver├Âffentlichung dieser Novelle in Corriere della sera vom 23. Mai 1912.

Die Falle
Georges de La Tour (1593 – 1652), Joseph and the Angel, 1652

Die Falle

Nein, nein, wie soll ich mich denn damit abfinden? Und warum? Ja, wenn ich anderen gegen├╝ber irgendwelche Verpflichtungen h├Ątte, dann vielleicht. Aber ich habe keine! Warum dann also?

H├Âr mir zu. Du kannst mir nicht unrecht geben. Niemand kann mir unrecht geben, wenn er so in abstracto dar├╝ber nachdenkt. Was ich f├╝hle, f├╝hlst auch du, das f├╝hlen alle.[1]

Warum habt ihr so Angst davor, nachts aufzuwachen? Weil f├╝r euch die Kraft f├╝r die Gr├╝nde des Lebens aus dem Tageslicht kommt. Aus den Illusionen des Lichts.

Dunkel und Stille jagen euch Schrecken ein. Und dann z├╝ndet ihr die Kerze an. Aber es erscheint euch traurig, was? Traurig, so ein Kerzenlicht. Denn das ist nicht das Licht, das ihr braucht. Die Sonne! Die Sonne! Gierig verlangt ihr nach der Sonne. Denn mit einem k├╝nstlichen Licht, das ihr selbst mit zitternder Hand vor euch hertragt, entstehen die Illusionen nicht mehr so spontan aus sich heraus.

Wie die Hand zittert, so zittert eure ganze Wirklichkeit und sie erweist sich euch als fiktiv und unbest├Ąndig. Als k├╝nstlich wie dieses Kerzenlicht. Und alle eure Sinne wachen angespannt, krampfhaft, in der Angst, unter dieser Wirklichkeit, deren leere Unbest├Ąndigkeit ihr entdeckt, k├Ânnte sich euch eine andere, dunkle, schreckliche Wirklichkeit auftun: die wahre. Ein Lufthauch… was ist das? Was ist dieses Knarren?

Und in dem Augenblick des Innehaltens, in dem Schauder dieser Erwartung des Unbekannten, unter Zittern und Schwei├čausbr├╝chen, da seht ihr vor euch in diesem Zimmer eure Illusionen des Tages sich bewegen, in geisterhafter Erscheinung und mit ebensolchem Gang. Seht gut hin, sie haben dieselben geschwollenen, w├Ąssrigen Augenh├Âhlen wie ihr, die gelbe Farbe eurer Schlaflosigkeit, und auch eure arthritischen Schmerzen. Ja, das dumpfe Nagen der Knoten an den Gelenken eurer Finger.

Und wie sie aussehen, wie sie mit einem Mal aussehen, die Gegenst├Ąnde des Zimmers; auch sie halten f├Ârmlich inne in einer entsetzten Reglosigkeit, die euch beunruhigt.

Sie waren um euch, als ihr schlieft.

Aber sie schlafen nicht. Sie sind da, untertags ebenso wie in der Nacht.

Eure Hand ├Âffnet sie und schlie├čt sie einstweilen. Morgen wird sie eine andere Hand ├Âffnen und schlie├čen. Wer wei├č, welche andere Hand… aber f├╝r sie ist das einerlei. Sie bewahren einstweilen in sich eure Kleider, leere, aufgeh├Ąngte Gew├Ąnder, die ganz zerknittert sind, die die Falten eurer m├╝den Knie, eurer spitzen Ellbogen angenommen haben. Morgen werden da drinnen die zerknitterten Gew├Ąnder eines anderen h├Ąngen. Der Spiegel dieses Kastens reflektiert jetzt euer Bild und bewahrt keine Spur davon; morgen wird er keine Spur von dem Gesicht eines anderen bewahren.

Der Spiegel sieht f├╝r sich gar nichts. Der Spiegel ist wie die Wahrheit.

Du meinst, ich rede irre? Ich rede so vor mich hin? Ach geh’ doch, ich wei├č ja, da├č du mich verstehst. Du verstehst sogar mehr, als ich sage, denn es ist sehr schwer, dieses dunkle Gef├╝hl auszudr├╝cken, das mich beherrscht und ersch├╝ttert.

Du wei├čt, wie ich bis jetzt gelebt habe. Du wei├čt, da├č ich immer Ekel, Abscheu davor empfunden habe, mir doch noch eine Form zu geben, mich in einer solchen einfangen zu lassen, mich auch nur f├╝r einen Augenblick an sie zu binden.

Stets habe ich meinen Freunden Stoff zum Lachen geboten, wegen der… wie nennt ihr das? – ach ja, der Ver├Ąnderungen in meinen pers├Ânlichen Kennzeichen. Aber ihr konntet nur deshalb dar├╝ber lachen, weil ihr nie so tief dar├╝ber nachgedacht habt, was eigentlich dieses wahnhafte Bed├╝rfnis ausmachte, mich mir selbst vor dem Spiegel in einer st├Ąndig neuen Erscheinungsform zu pr├Ąsentieren, mich der Illusion hinzugeben, ich w├Ąre nicht immer dieser eine, mich als einen anderen zu sehen!

Aber nat├╝rlich! Was habe ich denn schon ver├Ąndern k├Ânnen? Freilich, ich habe mir am Schlu├č sogar den Kopf rasiert, um mich fr├╝hzeitig als Glatzkopf ansehen zu k├Ânnen; bald habe ich mir den Schnurrbart abrasiert und den Kinnbart stehen lassen; bald habe ich Schnurr- und Kinnbart abrasiert, oder ich habe mir letzteren bald so, bald so wachsen lassen, als Spitzbart, ├╝ber dem Kinn geteilt, als Rauschebart.

Ich habe mit den Haaren gespielt.

Die Augen, die Nase, den Mund, die Ohren, den Rumpf, die Beine, die Arme, die H├Ąnde, die habe ich nicht ver├Ąndern k├Ânnen. Oder h├Ątte ich mich schminken sollen, wie ein Schauspieler? Manchmal war ich versucht, es zu tun. Aber dann habe ich daran gedacht, da├č mein K├Ârper unter der Maske doch derselbe bleiben.. und altern w├╝rde!

Ich habe versucht, mich im Bereich des Geistes daf├╝r zu entsch├Ądigen. Ja, mit dem Geist konnte ich besser spielen!

Ihr sch├Ątzt ├╝ber alles die Best├Ąndigkeit der Gef├╝hle und die Koh├Ąrenz eines Charakters und k├Ânnt gar nicht aufh├Âren, sie zu loben. Und warum? Nun, doch immer aus demselben Grund! Weil ihr feig seid, weil ihr Angst vor euch selbst habt, das hei├čt davor, durch eine Ver├Ąnderung der Wirklichkeit, die ihr euch selbst gegeben habt, diese Wirklichkeit zu verlieren, und somit anzuerkennen, da├č sie nichts anderes war als eure Illusion; da├č es somit ├╝berhaupt keine Wirklichkeit gibt, au├čer der, die wir selbst uns geben.

Aber was soll das denn hei├čen, frage ich, sich selbst eine Wirklichkeit geben, wenn nicht, da├č man sich in einem Gef├╝hl festschreibt, darin gerinnt und erstarrt, sich darin einschlie├čt? Und da├č wir somit die unaufh├Ârliche Bewegung des Lebens anhalten, aus uns lauter kleine, armselige Pf├╝tzen machen, die auf das Verfaulen warten, w├Ąhrend das Leben ein st├Ąndiger, gl├╝hender und ununterschiedener Flu├č ist.

Siehst du, das ist der Gedanke, der mich besch├Ąftigt und mich rasend macht!

Das Leben ist der Wind, das Leben ist das Meer, das Leben ist das Feuer; nicht die Erde, die erstarrt und Form annimmt.

Jede Form ist der Tod.

Alles das, was sich selbst aus dem Zustand der Schmelze herausbewegt und erstarrt in diesem st├Ąndigen, gl├╝henden und ununterschiedenen Flu├č, das ist der Tod.

Wir sind alle Wesen, die in der Falle gefangen sind, abgetrennt von dem nie anhaltenden Flu├č, festgebunden f├╝r den Tod.

F├╝r eine kurze Zeitspanne dauert die Bewegung dieses Flusses in uns noch fort, in unserer abgetrennten, losgel├Âsten, erstarrten Form; aber da, nach und nach, wird sie langsamer; das Feuer k├╝hlt aus; die Form trocknet; bis endlich die Bewegung in der ganz steif gewordenen Form endg├╝ltig zum Erliegen kommt.

Wir sind mit dem Sterben zu Ende gekommen. Und das haben wir Leben genannt!

Ich f├╝hle mich in dieser Falle des Todes gefangen, die mich von dem Lebensstrom abgetrennt hat, in dem ich ohne Form dahingeflossen bin, und mich in der Zeit erstarren hat lassen, in dieser Zeit!

Warum in dieser Zeit?

Ich h├Ątte noch weiter flie├čen k├Ânnen und wenigstens weiter hinten, in einer anderen Form, weiter hinten erstarren k├Ânnen… das w├Ąre dasselbe gewesen, meinst du? Ja freilich, fr├╝her oder sp├Ąter… Aber ich w├Ąre ein anderer geworden, dort hinten, wer wei├č wer und wer wei├č wie; in einem anderen Schicksal gefangen; ich h├Ątte andere Dinge gesehen, oder vielleicht auch dieselben, aber aus einem anderen Blickwinkel, in einer anderen Ordnung.

Du kannst dir nicht vorstellen, welchen Ha├č mir die Dinge einfl├Â├čen, die ich sehe, und die mit mir in der Falle dieser meiner Zeit gefangen sind; all die Dinge, die mit mir nach und nach zu Ende sterben! Ha├č und Mitleid zugleich! Aber mehr Ha├č vielleicht als Mitleid.

Ja, nat├╝rlich h├Ątte ich, wenn ich weiter hinten in die Falle geraten w├Ąre, auch jene andere Form geha├čt, so wie ich jetzt diese hasse; ich h├Ątte jene andere Zeit geha├čt, wie ich jetzt diese hasse, und all die Illusionen des Lebens, die wir Toten aller Zeiten uns aus dem bi├čchen Rest an Bewegung und W├Ąrme bauen, der, in uns eingeschlossen, von jenem st├Ąndigen Flu├č zur├╝ckgeblieben ist, der das wahre Leben ist und niemals inneh├Ąlt.

Wir sind lauter gesch├Ąftige Tote, die sich einbilden, sich selbst das Leben zu bauen.

Wir vereinigen uns miteinander, ein Toter mit einer Toten, und glauben, so das Leben zu geben, und dabei geben wir den Tod… noch ein Wesen in der Falle!

“Hier, mein Lieber, hier; fang nur sch├Ân an mit dem Sterben, Lieber, fang nur sch├Ân an… Du weinst, gelt? Du weinst und zappelst… w├Ąrest du gerne noch weitergeflossen? Sei sch├Ân ruhig, Lieber! Was willst du schon machen? Gefangen, ko-a-gu-liert, erstarrt… es dauert nur ein Weilchen! Sei sch├Ân ruhig…”

Ja, solange wir noch klein sind, solange unser K├Ârper zart ist, w├Ąchst und uns nicht beschwert, da merken wir gar nicht so recht, da├č wir in der Falle gefangen sind! Aber dann schn├╝rt uns der K├Ârper pl├Âtzlich ein; wir fangen an, sein Gewicht zu bemerken; wir fangen an zu f├╝hlen, da├č wir uns nicht mehr so bewegen k├Ânnen wie fr├╝her.

Ich sehe mit Ekel meinen Geist sich in dieser Falle winden, damit nicht auch er noch in dem schon seit Jahren besch├Ądigten und schwer gewordenen K├Ârper festgeschrieben wird. Ich verscheuche sofort jede Idee, die sich in mir festzusetzen trachtet; ich unterbreche sofort jede Handlung, die bei mir zur Gewohnheit zu werden droht; ich will keine Pflichten, keine Gef├╝hlsbindungen, ich will nicht, da├č auch noch mein Geist sich in einer Kruste aus Begriffen verh├Ąrtet; aber ich sp├╝re, da├č der K├Ârper von einem Tag zum anderen immer mehr M├╝he hat, dem unruhigen Geist zu folgen; er strauchelt, er st├╝rzt, er hat m├╝de Knie und schwere H├Ąnde… er will seine Ruhe! Ich werde sie ihm geben.

Nein, nein, ich kann nicht, ich will mich nicht damit abfinden, da├č auch ich das mitleiderregende Schauspiel aller Alten abgeben soll, die langsam zu Ende sterben. Nein. Aber vorher… ich wei├č nicht, vorher w├╝rde ich gerne etwas Au├čergew├Âhnliches, etwas Unerh├Ârtes tun, um die Wut, die mich verzehrt, ein wenig abzureagieren.

Zumindest w├╝rde ich gerne… – siehst du diese N├Ągel? In das Gesicht jeder sch├Ânen Frau w├╝rde ich sie gerne eingraben, die auf der Stra├če mit aufreizenden Blicken vor├╝bergeht, um die M├Ąnner zu erregen.

Was f├╝r dumme, elende und gedankenlose Kreaturen sind doch alle Frauen! Sie putzen sich heraus, sie beh├Ąngen sich mit Schmuck, sie zeigen ihre herausfordernden Formen, so gut sie es verm├Âgen; und dabei denken sie keinen Augenblick daran, da├č sie ja selbst auch in der Falle stecken, selbst auch f├╝r den Tod festgebunden sind, und da├č sie auch noch in sich selbst die Falle f├╝r die tragen, die nach ihnen kommen werden.

F├╝r uns M├Ąnner liegt die Falle in ihnen, in den Frauen. Sie versetzen uns f├╝r einen Augenblick zur├╝ck in den Zustand der gl├╝henden Schmelze, um aus uns ein weiteres zum Tod verurteiltes Lebewesen herauszuholen. Sie tun und reden so lange, bis sie uns endlich dort in ihrer Falle fangen, blind gemacht, entflammt und gewaltt├Ątig geworden.

Auch mich! Auch mich! Auch mich haben sie dort eingefangen. Eben jetzt, vor kurzem. Deshalb bin ich ja so voller Wut.

Eine gemeine Falle! Wenn du sie gesehen h├Ąttest… Eine wahre Madonnengestalt. Sch├╝chtern und dem├╝tig. Kaum, da├č sie mich sah, schlug sie die Augen nieder und err├Âtete. Denn sie wu├čte, da├č ich sonst nie in die Falle gegangen w├Ąre.

Sie kam hierher, um einen der sieben k├Ârperlichen Beweise der Barmherzigkeit zu erbringen: den Krankenbesuch. Um meines Vaters willen kam sie, nicht meinetwegen. Sie kam, um meinem alten Kinderfr├Ąulein bei der Pflege und beim Waschen meines armen Vaters da drinnen zu helfen…

Sie pflegte sich hier aufzuhalten, in dem Zimmerchen nebenan, und sie hatte sich mit meiner Kinderfrau angefreundet, vor der sie sich ├╝ber ihren Dummkopf von einem Mann beklagte, der sie in einem fort beschimpfte, weil sie nicht einmal dazu tauge, ihm einen Sohn zu schenken.

Verstehst du, wie das ist? Wenn man beginnt, steif zu werden, sich nicht mehr so bewegen zu k├Ânnen wie fr├╝her, dann will man um sich andere kleine Tote sehen, noch ganz zarte, die sich noch bewegen, wie man selbst sich bewegt hat, als man noch ganz zart war; andere kleine Tote, die einem ├Ąhneln und all die unschuldigen kleinen Dinge tun, die man selbst nicht mehr tun kann.

Es ist ein Vergn├╝gen, den kleinen Toten das Gesicht zu waschen, die noch nicht wissen, da├č sie in der Falle gefangen sind, sie zu k├Ąmmen und sie spazieren zu f├╝hren.

Also, sie pflegte hierher zu kommen.

“Ich kann mir vorstellen”, sagte sie, err├Âtend, mit niedergeschlagenen Augen, “ich kann mir vorstellen, welche Qual das f├╝r Sie sein mu├č, Herr Fabrizio, Ihren Vater seit so vielen Jahren in diesem Zustand zu sehen!”

“Ja, Signora”, antwortete ich br├╝sk, kehrte ihr den R├╝cken zu und ging.

Jetzt bin ich sicher, da├č sie jedes Mal, kaum da├č ich ihr den R├╝cken zukehrte, um zu gehen, lachte, heimlich lachte und sich auf die Lippen bi├č, um das Lachen zur├╝ckzuhalten.

Ich ging fort, weil ich gegen meinen Willen sp├╝rte, wie ich diese Frau bewunderte, nicht so sehr wegen ihrer Sch├Ânheit (sie war sch├Ân, und umso verf├╝hrerischer, je mehr sie aus Bescheidenheit zu erkennen gab, da├č ihr ihre Sch├Ânheit ├╝berhaupt nichts bedeutete); ich bewunderte sie, weil sie ihrem Mann nicht die Befriedigung gab, einen weiteren Ungl├╝cklichen in der Falle zu fangen.

Ich dachte, es l├Ąge an ihr. Aber nein: es lag nicht an ihr; es lag an diesem Dummkopf. Und sie wu├čte es, oder wenigstens – wenn sie dessen nicht sicher war, mu├čte sie es doch wohl vermuten. Deshalb lachte sie; ├╝ber mich, ├╝ber mich lachte sie, ├╝ber mich, der ich sie wegen dieser scheinbaren Unf├Ąhigkeit bewunderte. Sie lachte im Stillen, in ihrem heimt├╝ckischen Herzen, und wartete. Bis eines Abends…

Es geschah hier, in diesem Zimmer.

Ich stand im Dunklen. Wei├čt du, da├č es mir Spa├č macht, den Tag durch die Scheiben eines Fensters sterben zu sehen, mich von der Dunkelheit ergreifen und nach und nach einh├╝llen zu lassen, und dabei zu denken: “Ich bin nicht mehr da!”, zu denken: “Wenn da einer in diesem Zimmer w├Ąre, st├╝nde er auf und w├╝rde ein Licht anz├╝nden. Ich z├╝nde kein Licht an, denn ich bin nicht mehr da. Ich bin wie die St├╝hle in diesem Zimmer, wie der Tisch, die Vorh├Ąnge, der Kasten, das Sofa, die kein Licht brauchen und nicht wissen und nicht sehen, da├č ich hier bin. Ich m├Âchte sein wie sie und mich nicht sehen und vergessen, da├č ich da bin”.

Also stand ich im Dunklen. Sie kam dort dr├╝ben herein, auf Zehenspitzen, aus dem Zimmer meines Vaters, wo nur ein kleines Nachtl├Ąmpchen brannte, dessen Schimmer durch den Spalt der T├╝re hereindrang und sich ein klein wenig im Dunkel ausbreitete, beinahe ohne es zu zerrei├čen.

Ich sah sie nicht; ich sah nicht, da├č sie auf mich zukam. Vielleicht sah sie mich auch nicht. Bei dem Zusammenprall stie├č sie einen Schrei aus. Sie tat, als fiele sie in Ohnmacht, in meinen Armen, an meiner Brust. Ich beugte das Gesicht hinunter; meine Wange ber├╝hrte ihre Wange; ich f├╝hlte die N├Ąhe der Glut ihres sehnsuchtsvollen Mundes, und …

Am Schlu├č ri├č mich ihr Lachen aus dem Taumel. Ein teuflisches Lachen. Ich habe es jetzt noch hier in den Ohren! Sie lachte und lachte, w├Ąhrend sie fortlief, diese hinterlistige Person! Sie lachte ├╝ber die Falle, die sie mir mit ihrer Bescheidenheit gestellt hatte; sie lachte ├╝ber meine Wut; und ├╝ber etwas anderes lachte sie auch noch – das habe ich erst sp├Ąter erfahren.

Sie ist fortgezogen, seit drei Monaten, mit ihrem Mann, der zum ordentlichen Gymnasialprofessor in Sardinien bef├Ârdert worden ist.

Manche Bef├Ârderungen kommen wahrlich zur rechten Zeit.

Ich werde meinen Gewissensbi├č nicht sehen. Ich werde ihn nicht sehen. Aber in manchen Augenblicken ├╝berkommt mich die Versuchung, dieser hinterlistigen Person nachzulaufen und sie zu erw├╝rgen, ehe sie auch noch den Ungl├╝cklichen, den sie so heimt├╝ckisch aus mir herausgepre├čt hat, in die Falle steckt.

Mein Freund, ich bin froh, da├č ich meine Mutter nie gekannt habe. Wenn ich sie gekannt h├Ątte, w├Ąre vielleicht dieses Gef├╝hl der Wut nie in mir entstanden. Aber seit es in mir entstanden ist, bin ich froh, meine Mutter nie gekannt zu haben.

Komm, komm; komm hier mit mir herein, in dieses Zimmer. Sieh her!

Das ist mein Vater.

Seit sieben Jahren ist er dort. Er ist gar nichts mehr. Zwei Augen, die weinen; ein Mund, der i├čt. Er spricht nicht mehr, h├Ârt nicht mehr, r├╝hrt sich nicht mehr. Er i├čt und weint. Er i├čt, wenn man ihn f├╝ttert; weinen tut er allein; ohne Grund; oder vielleicht deshalb, weil noch etwas in ihm ist, ein letzter Rest, der, obwohl er vor sechsundsiebzig Jahren mit dem Sterben begonnen hat, noch immer nicht damit aufh├Âren will.

Erscheint dir das nicht entsetzlich, so zu verharren, an einem einzigen Punkt noch h├Ąngend, noch in der Falle gefangen, ohne sich freimachen zu k├Ânnen?

Er kann nicht an seinen Vater denken, der ihn vor sechsundsiebzig Jahren f├╝r diesen Tod festgeschrieben hat, der mit seinem Vollzug so grauenhaft lange wartet. Aber ich, ich kann schon an ihn denken; und ich denke, da├č ich ein Same dieses Mannes bin, der sich nicht mehr bewegt; da├č ich es ihm zu verdanken habe, wenn ich in dieser Zeit gefangen bin und nicht in einer anderen!

Er weint, siehst du? Er weint immer so… und er macht mich auch weinen! Vielleicht will er befreit werden. Eines Abends werde ich ihn befreien, und mich dazu. Jetzt beginnt es schon k├╝hl zu werden; an einem dieser Abende werden wir ein kleines Feuerchen anz├╝nden… Wenn du auch etwas davon haben willst…

Nein, hm? Du dankst mir bestens? Aber ja, ja, gehen wir raus, gehen wir nur raus, mein Freund. Ich sehe schon, du mu├čt dringend wieder die Sonne sehen, drau├čen auf der Stra├če.

[1]– In der erw├Ąhnten Erstver├Âffentlichung dieser Novelle findet sich an dieser Stelle folgender Einschub, den wir auszugsweise wiedergeben:

“Was ich f├╝hle, f├╝hlst auch du, f├╝hlen alle. Aber ihr anderen, ihr strickt euch dann hundertundein Gr├╝nde zurecht, die das Gef├╝hl wie in einer Zwangsjacke einschlie├čen, damit es in euch nicht die einfache, rasche Tat ausl├Âst, die euch befreien w├╝rde.
Aber wenn es auch so von euren Gr├╝nden eingesperrt ist, so ist dieses Gef├╝hl doch in euch und es schreit: “Wenn ihr nicht selbst anerkennen w├╝rdet, da├č ich st├Ąrker bin als alles andere, dann w├╝rdet ihr mich nicht so fest binden!”

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