Antwort – Audiolesungen

image_pdfimage_print

Stimme von Giuseppe Tizza. 
Du hast mir eine so wunderbare Beschreibung davon gegeben, daß ich mich nicht darauf einlasse, sie nun meinerseits zu beschreiben. Nur ein bißchen zu viel Sterne waren es, mein lieber. Wenn der Mond fast voll ist, sieht man nur sehr wenige.

Erstveröffentlichung im Corriere della Sera vom 4. Februar 1912. Keine wesentlichen Varianten.

Antwort
Pablo Picasso, PortrĂ€t von Dora Maar oder Dora Maar sitzend, Öl auf Leinwand (92 × 65 cm, 1937)

Antwort

Na, du hast dich schön ausgetobt, mein Freund!

Es ist ja wirklich zu beklagen, daß du deine angeborene Neigung ĂŒberwinden mußtest und dich nicht den Musen widmen konntest. Wieviel WĂ€rme liegt doch in deinem Ausdruck, und mit welch durchsichtiger Klarheit stellst du einem mit wenigen Strichen lebendig Orte, Geschehnisse und Menschen vor Augen!

Du bist schmerzlich berĂŒhrt, du bist gekrĂ€nkt, mein armer Marino; und ich möchte nicht, daß diese meine Antwort deinen Kummer und deine VerĂ€rgerung noch steigert. Aber du willst, daß ich dir offen darlege, was ich von deinem Fall halte. Ich werde es tun, damit du zufrieden bist, obwohl ich weiß, daß du damit nicht zufrieden sein wirst.

Ich folge meiner eigenen Methode, wenn du gestattest. Ich werde zuerst kurz den Tatbestand darlegen, dann werde ich mit der von dir gewĂŒnschten Offenheit meine Meinung dazu sagen.

Also schön der Reihe nach.

 I – PERSONEN, UMSTÄNDE UND HINTERGRÜNDE

a) FrĂ€ulein Anita. – Sechsundzwanzig Jahre (sie sieht gerade wie zwanzig aus, na schön, aber es sind doch sechsundzwanzig und auch schon ein bißchen drĂŒber). Braunhaarig; nachtschwarze Augen:

In ihren Augen fÀngt sich
die tiefe Nacht…

Korallenlippen, na sei’s drum.

Aber die Nase, mein Freund? Du erzĂ€hlst mir nichts von der Nase. Bei den Braunhaarigen gilt’s zu allererst auf die Nase zu schauen. Ganz besonders auf die NasenflĂŒgel.

Ich bin sicher, bei FrĂ€ulein Anita steht die Nase ein bißchen auf. Nein, ich sage nicht, daß sie hĂ€ĂŸlich ist; sprechen wir ruhig von einem NĂ€schen. Aber es steht ein bißchen auf. Und die NasenflĂŒgel sind eher fleischig, sie blĂ€hen sich stark, wenn sie die ZĂ€hne zusammenpreßt, wenn sie mit den Augen ins Leere starrt und aus der Nase einen langen, langen, stillen Seufzer herauspreßt.

Hast du gemerkt, wie ihre Augen sich verschleiern und die Farbe wechseln, wenn sie einen dieser stillen Seufzer herauspreßt?

Sie hat viel gelitten, das FrÀulein Anita, weil sie sehr klug ist. Sie war wohlhabend, solange ihr Vater lebte. Nun, da der Vater gestorben ist, ist sie arm. Und sechsund­zwanzig Jahre. Aufstehende Nase und nachtschwarze Augen.

Gehen wir weiter.

b) Mein Freund Marino.- Vierundzwanzig Jahre, um zwei Jahre weniger als FrÀulein Anita, die freilich immerhin wie gerade zwanzig aussehen mag.

Arm ist auch er; auch er vĂ€terlicherseits ein Waisenkind. Das ist etwas recht Trauriges, aber Teures, wenn man es mit einer geliebten Person teilt. Zwei Schicksale, wie fĂŒr einander bestimmt.

Aber mein Freund Marino, arm und Waisenkind, wie er nun einmal ist, hat die Mutter und eine Schwester zu erhalten. Waisenkind und arm, wie sie ist, hat FrĂ€ulein Anita ebenfalls eine Mutter, aber sie muß sie nicht erhalten.

Um die Erhaltung der Mutter kĂŒmmert sich der Commendatore Ballesi.

Mein Freund Marino haßt natĂŒrlich diesen Commendatore Ballesi.

Ein Hitzkopf ist er freilich, und das Herz geht ihm leicht ĂŒber. Reden kann er wie kein zweiter, und seine Sprache ist bildreich, faszinierend, wie der Blick seiner schönen blauen Augen. Sagen wir: Mein Freund Marino ist der Tag, das FrĂ€ulein Anita ist die Nacht. Er hat die Farbe der Sonne in seinem blonden Haar und das Blau des Himmels in den Augen; in ihren Augen stehen zwei Sterne, in ihren Haaren wohnt die Nacht. Na, ich meine, da ich schon einmal mit einem Dichter spreche, kann ich mich wohl nicht besser ausdrĂŒcken als auf diese Weise.

Gehen wir weiter.

Von der Not zur Klugheit gezwungen, kann mein Freund Marino es sich einfach nicht erlauben, sich unter den gegenwĂ€rtigen UmstĂ€nden (die freilich noch eine geraume Weile andauern werden), die Last einer weiteren Frau aufzuhalsen, und muß deshalb gerade die Last liegen lassen, die ihn am wenigsten beschweren wĂŒrde.

Es mag sogar sein, daß diese dritte Last ihm das Gewicht der anderen beiden leichter erscheinen ließe, die er sich nicht vom Halse schaffen kann – aber daran wĂŒrde er niemals wagen auch nur zu denken.

Manche Leute freilich meinen eben, zu dritt lebt sich’s auf dem RĂŒcken eines armen Menschen nicht so bequem und in gutem Einvernehmen. Und der gute Marino – von der Not zur Klugheit gezwungen – muß das anerkennen.

c) Der Commendatore Ballesi.- Ein alter Freund des Seligen ist er; will sagen, von Anitas Vater. Sechsundsechzig Jahre. Zart und von kleinem Wuchs; spindeldĂŒrre Beinchen, aber mit mĂ€chtigen AbsĂ€tzen bewehrt. Ein dicker Kopf, ein dicker, herabhĂ€ngender Schnurrbart, unter dessen Vorhang nicht nur der Mund, sondern gleich auch das Kinn verschwindet, falls man sagen kann, daß der Commendatore Ballesi tatsĂ€chlich ein Kinn besitzt. Buschige, stets gerunzelte Augenbrauen, und meistens einen Finger in der Nase. Dieser Finger denkt. Auch die Haare der Augenbrauen denken. Er ist ĂŒberhaupt geradezu eine geladene Kanone aus Gedanken, der gute Commendatore Ballesi. Das finanzielle Schicksal des neuen Italien liegt in seinen winzigen, eisenharten FĂ€usten.

Nun, kein Mensch weiß wie oder warum, plötzlich ist der Commendatore Ballesi auf die Idee verfallen, er mĂŒsse seine vĂ€terliche Liebe zu FrĂ€ulein Anita in eine Liebe anderer Art verwandeln. Und er hat um ihre Hand angehalten.

FrĂ€ulein Anita hat mehrere TaschentĂŒcher zerrissen, mit den HĂ€nden und mit den ZĂ€hnen. Nein, das war nicht Ärger, das war Scham, Abscheu, Grauen. Die Mamma hat geweint. Warum hat die Mamma denn geweint? Nun, vor Freude, sagte sie. Vor Freude – gut, geben wir einmal zu, daß man auch vor Freude weinen kann – aber vor Freude weint man ein bißchen, und dann lacht man wieder. FrĂ€ulein Anitas Mamma jedoch hat sehr viel geweint, und sie lacht gar nicht mehr. Honni soit qui mal y pense.

Und damit gehen wir zur letzten Figur.

d) Nicolino Respi.- Dreißig Jahre, muskulös und athletisch gebaut, ein berĂŒhmt guter Schwimmer und Reiter, Ruderer und Fechter; und dazu schamlos, unwissend wie ein Perlhuhn, stĂ€ndiger Besucher von Spielhöllen und ein MĂ€dchenheld… Nur weiter, nur weiter, lieber Freund, ich gebe dir ja in allem recht. Ich kenne Nicolino Respi und teile deine EinschĂ€tzung und deine EntrĂŒstung. Aber glaube deshalb bitte nicht, daß ich Respi Unrecht gebe.

Ach, ich gebe also dir unrecht? Aber nein. Dem FrĂ€ulein Anita? Auch nicht. Ach Gott, so laß mich doch ausreden, laß mich weiter nach meiner Methode vorgehen. Glaub mir doch, lieber Freund, dein Fall ist uralt. Neu, originell, ist daran einzig meine Methode und die ErklĂ€rung, die ich dir geben werde.

Aber immer schön der Reihe nach.

 II – ORT UND GESCHEHENSABLAUF

Der Strand von Anzio, im Sommer, in einer Mondnacht.

Du hast mir eine so wunderbare Beschreibung davon gegeben, daß ich mich nicht darauf einlasse, sie nun meinerseits zu beschreiben. Nur ein bißchen zu viel Sterne waren es, mein lieber. Wenn der Mond fast voll ist, sieht man nur sehr wenige. Aber ein Dichter kann sich auch einmal ĂŒber diese Dinge hinwegsetzen, die zum Bereich der Tatsachen gehören. Ein Dichter kann auch dann die Sterne sehen, wenn sie nicht zu sehen sind, und umgekehrt kann er viele andere Dinge nicht sehen, die alle anderen sehen können.

Der Commendatore Ballesi hat eine kleine Villa am Strand gemietet, und FrÀulein Anita ist mit ihrer Mamma ans Meer gefahren.

Der Commendatore hat viel in Rom zu tun, er fĂ€hrt stĂ€ndig hin und her. Nicolino Respi ist stĂ€ndig in Anzio, zum Baden und zur Spielen in den Casinos: Jeden Morgen im Wasser und jeden Abend am grĂŒnen Tisch stellt er seine FĂ€higkeiten zur Schau.

FrĂ€ulein Anita muß die Glut ihrer EntrĂŒstung kĂŒhlen, und deshalb geht sie besonders oft ins Wasser. Sicherlich kann sie es nicht mit Nicolino Respi aufnehmen, aber dennoch ist sie eine tĂŒchtige Schwimmerin, und so schwimmt sie eines Morgens mit ihm um die Wette immer weiter hinaus. Sie schwimmen und schwimmen. Alle BadegĂ€ste verfolgen gespannt vom Strand aus dieses Wettschwimmen, zuerst mit freiem Auge, dann mit Feldstechern.

Nach einer gewissen Zeit will die gute Mamma nicht mehr hinsehen; sie beginnt zu zittern und zu bangen. O Gott, o Gott, wie wird ihre Tochter es jetzt schaffen, von so weit draußen wieder zurĂŒckzuschwimmen? Sicher werden ihre KrĂ€fte nicht ausreichen… O Gott, o Gott! Wo ist sie nur? Mein Gott, so weit draußen… man kann sie gar nicht mehr sehen… Man muß sofort Hilfe schicken, um Himmelswillen! Ein Boot, ein Boot! Hilfe, sofort Hilfe!

Und sie erregt sich so sehr und redet so lange, bis schließlich zwei junge Burschen heldenhaft in ein Ruderboot springen und hinausrudern.

Ein glĂŒcklicher Einfall! Denn kaum sind die beiden losgerudert, da befĂ€llt FrĂ€ulein Anita ein Krampf im Bein, sie schreit auf; Nicolino Respi schwimmt mit zwei SchwimmstĂ¶ĂŸen an ihre Seite und stĂŒtzt sie; aber FrĂ€ulein Anita ist der Ohnmacht nahe und klammert sich verzweifelt an seinen Hals; Nicolino sieht sich verloren; gleich wird er mit ihr untergehen; und in seinem Zorn darĂŒber, beißt er sie wĂŒtend in den Hals, um sich zu befreien. Da lĂ€ĂŸt FrĂ€ulein Anita los und treibt unbeweglich auf den Wellen. Nun kann er sie ĂŒber Wasser halten, aber auch seine KrĂ€fte gehen zu Ende, als endlich das Boot eintrifft. Die Rettung ist gelungen.

Nur laboriert FrĂ€ulein Anita nun ĂŒber eine Woche lang an den Folgen des Bisses von Nicolino Respi.

Ja, das sind eben bleibende EindrĂŒcke, mein lieber Marino!

Mehrere Tage hindurch kann FrĂ€ulein Anita bei jeder Bewegung des Halses nicht leugnen, daß Nicolino Respi einen krĂ€ftigen Biß hat. Und gegen diesen Biß kann sie nichts haben, denn sie verdankt ihm schließlich ihre Rettung.

Nun, all das ist tatsÀchlich nur die Vorgeschichte.

Obwohl – vielleicht auch nicht. Es ist Vorgeschichte und auch wieder nicht. Denn alles hĂ€ngt davon ab, wie man die Tatsachen voneinander trennt.

Als du, mein lieber Marino, in dieser wundervollen Mondnacht in Anzio ankamst, im Herzen tiefste Verzweiflung, um noch ein letztes Mal unter vier Augen mit dem bereits offiziell mit dem Commendatore Ballesi verlobte FrĂ€ulein Anita zu sprechen, da trug sie am Hals noch die Bißspuren von Nicolino Respi.

Deiner eigenen Aussage nach folgte sie dir willig ĂŒber den ganzen Strand, war bereit, sich mit dir in den menschenleeren SandflĂ€chen zu verlieren, die sich bis zu dem großen sandverkrusteten Felsen dort ganz unten hinziehen. Ihr beide im Mondschein, Arm in Arm, berauscht von der Meeresbrise, eingelullt von dem stĂ€ndigen gedĂ€mpften Rollen der silbrigglĂ€nzenden Gischtwellen.

Was hast du ihr da erzĂ€hlt? Ja, ich weiß schon, von deiner ganzen Liebe und deiner ganzen Qual; und da hast du ihr vorgeschlagen, gegen den schamlosen Antrag dieses alten Ekels zu rebellieren und lieber deine Armut anzunehmen.

Sie aber, lieber Freund, von deinen Worten entflammt, verstört, zerrissen, sie konnte deine Armut nicht annehmen; dagegen wollte sie – das sehr wohl – deine Liebe annehmen und sich dadurch im vorhinein, noch an diesem selben Abend, fĂŒr den schamlosen Übergriff des Alten rĂ€chen, der sich als richtiger Wucherer an ihr fĂŒr seine lange erwiesenen Wohltaten schadlos halten wollte.

Du aber warst ehrenhaft, du warst edel genug, diese Rache nicht zuzulassen.

Freilich, lieber Freund, ich glaube dir ja: Du wirst davongelaufen sein wie ein VerrĂŒckter. Aber dem FrĂ€ulein Anita, das an diesem Abend allein auf dem Strand, im Schatten des Felsens, zurĂŒckgeblieben war, dem FrĂ€ulein Anita erschienst du nicht als VerrĂŒckter, das kann ich dir versichern, als du da im Mondlicht haltlos den Strand entlang davonliefst. Anita erschienst du als Dummkopf und Feigling.

Und leider, lieber Marino, leider genoß an diesem Abend auf diesem Felsen still und leise – dank seiner leeren Taschen – diesen schönen Mondschein – und dann auch das Schauspiel deines Davonlaufens – noch einer: Nicolino Respi, der mit dem Biß und der Rettung aus dem Meer.

Und ihm genĂŒgten ein paar Worte und ein kurzes Lachen von dort oben:

“So ein Trottel, was, Signorina?”

Und damit sprang er von dem Felsen herunter.

Dir blieb wenig spÀter die Befriedigung, zusammen mit dem Commendatore Ballesi, der spÀt im Auto aus Rom eingetroffen war, im Mondschein Nicolino Respi Arm in Arm mit FrÀulein Anita zu erwischen.

Auf dem Hinweg du, auf dem RĂŒckweg er. Was ist sĂŒĂŸer, der Hinweg oder der RĂŒckweg?

Und nun, mein Freund, kommen wir zu dem originellen Punkt der Sache.

III – ERKLÄRUNG

Du, mein lieber Marino, meinst, eine grĂ€ĂŸliche EnttĂ€uschung erlebt zu haben, weil du plötzlich FrĂ€ulein Anita als eine ganz andere erlebt hast, ganz anders als die, die du kanntest, als die, die sie fĂŒr dich war. Nun bist du ganz sicher, FrĂ€ulein Anita sei doch eine ganz andere gewesen.

Na sehr gut. Eine andere war FrĂ€ulein Anita mit Sicherheit. Nicht nur; sie war viele, sehr viele andere, mein Freund, wenigstens so viele, als Leute sie kennen und als sie Leute kennt. Weißt du, worin dein Grundirrtum besteht? Darin, daß du glaubst, wenn sie auch eine andere sei – wie du meinst -, oder viele andere – wie ich meine -, dann könnte sie deshalb nicht dennoch auch weiterhin die sein, die du in ihr gekannt hast.

FrĂ€ulein Anita ist die, und eine andere, und auch viele andere, denn du wirst mir doch zugeben, daß die, die sie fĂŒr mich ist, nicht dieselbe sein kann, die sie fĂŒr dich ist, die sie fĂŒr ihre Mutter ist, die sie fĂŒr den Commendatore Ballesi ist, und fĂŒr all die anderen, die sie kennen, jeder auf seine Weise.

Nun sieh einmal: Jeder, so wie er sie kennt, gibt ihr – das stimmt doch? – eine Wirklichkeit. So viele Wirklichkeiten also, mein Lieber, daß sie “wirklich” – und nicht nur sozusagen – dafĂŒr sorgen, daß FrĂ€ulein Anita eine fĂŒr dich, eine fĂŒr mich, eine fĂŒr ihre Mutter, eine fĂŒr den Commendator Ballesi, und so weiter, ist. Und dabei hat doch jeder von uns die Illusion, die wahre Anita wĂ€re nur die, die er kennt. Und auch sie hat natĂŒrlich diese Illusion, ja sie vor allem, die Illusion, sie wĂ€re immer und fĂŒr alle dieselbe.

Weißt du, woher diese Illusion stammt, lieber Freund? Nun, einfach daher, daß wir alle guten Glaubens davon ĂŒberzeugt sind, in jeder unserer Handlungen wĂ€ren wir stets ganz prĂ€sent; aber leider ist dem nicht so. Das merken wir freilich nur, wenn wir durch irgend einen unglĂŒckseligen Zwischenfall plötzlich an einer unserer Handlungen hĂ€ngen bleiben, festgenagelt an einer einzigen der vielen, die wir Tag fĂŒr Tag setzen; dann merken wir sehr wohl, daß wir nicht zur GĂ€nze in dieser einen Handlung stecken, und daß es eine grauenhafte Ungerechtigkeit wĂ€re, uns nur nach dieser einen Handlung zu beurteilen, uns an ihr festzunageln, an ihr aufzuhĂ€ngen, ihretwegen an den Pranger zu stellen, fĂŒr unsere ganzes Erdenleben, als ließe sich dieses in dieser einzigen Handlung zusammenfassen.

Nun, genau diese Ungerechtigkeit bist du eben im Begriff, FrĂ€ulein Anita gegenĂŒber zu begehen, mein Lieber.

Du hast sie in einer anderen Wirklichkeit ĂŒberrascht, als du sie ihr zu geben gewohnt warst, und nun bist du bereit zu glauben, ihre wahre Wirklichkeit sei nicht die schöne, die du ihr frĂŒher zugedacht hattest, sondern nur diese hĂ€ĂŸliche, in der du sie zusammen mit dem Commendatore Ballesi ertappt hast, als sie mit Nicolino Respi von dem Felsen zurĂŒckspazierte.

Es ist kein Zufall, lieber Freund, daß du mir nichts von dem aufstehenden NĂ€schen des FrĂ€uleins Anita erzĂ€hlt hast!

Dieses NĂ€schen gehörte nicht dir. Das war nicht das NĂ€schen deiner Anita. Dein waren die nachtschwarzen Augen, das leidenschaftliche Herz, die feinsinnige Intelligenz dieses MĂ€dchens. Nicht aber dieses kĂŒhn aufstehende NĂ€schen mit den eher fleischigen NasenflĂŒgeln.

Dieses NĂ€schen erbebte noch immer, wenn es sich an den Biß Nicolino Respis erinnerte. Dieses NĂ€schen wollte seine Rache haben fĂŒr den widerlichen Übergriff des alten Commendatore Ballesi. Du hast ihm nicht erlaubt, diese Rache mit dir zu verwirklichen, also hat das NĂ€schen sich dafĂŒr Nicolino geholt.

Wer weiß, wie viel nun diese nachtschwarzen Augen weinen, wie stark dieses leidenschaftliche Herz blutet, wie sehr sich diese feinsinnige Intelligenz gegen ihr Schicksal auflehnt – ich meine, all das, was an ihr dir gehört.

Ach, glaube mir, lieber Marino, fĂŒr sie war der Hinweg zum Felsen mit dir viel sĂŒĂŸer als der RĂŒckweg von dort mit Nicolino Respi.

Du wirst dich wohl bereit finden mĂŒssen, nachzugeben, und es dem Commendatore gleichzutun, der – du wirst schon sehen – Anita verzeihen und sie doch noch heiraten wird.

Aber verlange bitte nicht, daß sie nur eine einzige sein und ganz dir gehören soll. Sie wird ganz und gar ehrlich eine einzige und ganz fĂŒr dich sein; und zugleich eine andere fĂŒr den Commendatore Ballesi, und das nicht weniger ehrlich. Denn es gibt nicht nur ein einziges FrĂ€ulein – oder nur eine einzige Frau – Anita, lieber Freund.

Das ist vielleicht nicht schön, aber es ist nun einmal so.

Und bitte, sieh zu, daß Nicolino Respi mit seinen gefletschten ZĂ€hnen diesem aufstehenden NĂ€schen keinen zweiten Besuch abstattet.

««« Pirandello auf Deutsch

Se vuoi contribuire, invia il tuo materiale, specificando se e come vuoi essere citato a
collabora@pirandelloweb.com

ShakespeareItalia

image_pdfimage_print
Skip to content