Der Tod am Leib – 1918

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In Italiano – La morte addosso (1918)

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Der Tod am Leib

Erstveröffentlichung August 1918 unter dem Titel Caffè notturno – “Nachtcafé” in der Zeitschrift La Rassegna italiana. Die Novelle wurde ohne größere Veränderungen (der gesprochene Text ist im wesentlichen deckungsgleich) 1923 als Einakter unter dem Titel L’uomo dal fiore in bocca (“Der Mann mit der Blume im Mund”) uraufgeführt (siehe Bd. 9? unserer Ausgabe). Keine wesentlichen Varianten bekannt.

Aus dem Italienischen von Georg Richert, für die Novellenfassung überarbeitet von Michael Rössner.

Der Tod am Leib

 – Hm, was ich sagen wollte… Sie sind offenbar ein ruhiger Mensch… Haben Sie den Zug verpaßt?

– Um eine Minute, sag ich Ihnen. Ich komme gerade am Bahnhof an, und da fährt er mir vor der Nase weg.

– Sie hätten doch hinterherlaufen können!

– Ja, das schon. Ich weiß, es ist lächerlich. Mein Gott, wenn ich bloß nicht diese vielen Pakete, Päckchen und Schächtelchen gehabt hätte! Beladen wie ein Lastesel! Aber die Damen… noch ein Auftrag, noch eine Besorgung… die finden ja kein Ende. Als ich aus dem Wagen sprang – glauben Sie mir, ganze drei Minuten habe ich gebraucht, um die Schlingen all dieser Päckchen an die Finger zu hängen; an jeden Finger zwei.

– Das muß hübsch gewesen sein! Wissen Sie, was ich getan hätte? Ich hätte sie im Wagen liegen lassen.

– Und meine Frau? Ich danke. Und meine Töchter? Und alle ihre Freundinnen?

– Schreien lassen! Ich hätte mich königlich amüsiert dabei.

– Sie haben wohl keine Ahnung, was in der Sommerfrische aus Frauen wird!

– Und ob ich das weiß! Gerade weil ich es weiß. Alle Frauen sagen, sie brauchten überhaupt nichts.

– Wenn es nur das wäre! Die behaupten doch glatt, sie führen nur aufs Land, um zu sparen. Und dann, kaum angekommen in irgendeinem Nest hier in der Gegend… je häßlicher es ist, je armseliger und schmutziger, desto mehr sind sie versessen darauf, es mit ihren allerauffälligsten Plundern und Klunkern zu verschönern! Ja, die Frauen, mein Lieber! Aber schließlich ist es ja ihr Beruf… “Wenn du mal kurz in die Stadt fahren könntest, Lieber! Ich brauche dringend dies und das… und könntest du dabei nicht auch gleich, natürlich nur, wenn es dir nichts ausmacht… (herrlich, dieses “wenn es dir nichts ausmacht”!) und dann, wenn du schon einmal dort bist, du kommst sowieso da vorbei…” – aber meine Liebe, wie soll ich denn das alles in drei Stunden erledigen?” “Ach, red’ doch nicht! Wenn du dir einen Wagen nimmst…” – Zu allem Unglück bin ich auch noch ohne Hausschlüssel, weil ich ja nur drei Stunden bleiben wollte.

– So ein Pech! Und nun?

– Ich habe diesen Berg von Paketen und Päckchen in der Gepäckaufbewahrung gelassen im Bahnhof, bin essen gegangen und dann ins Theater, um den Ärger auszuschwitzen. Man kam dort fast um vor Hitze. Als ich wieder auf der Straße stehe, frage ich mich: was mache ich jetzt? Es ist schon zwölf. Um vier nehme ich den ersten Zug. Für drei Stunden Schlaf lohnt sich das Geld für die Übernachtung nicht. Und so bin ich nun hier. Dieses Café macht doch nicht zu, wie?

– Nein, es macht nicht zu. Und Sie haben also Ihre Päckchen alle auf dem Bahnhof gelassen?

– Warum fragen Sie das? Sind Sie dort vielleicht nicht sicher? Sie waren alle gut verschnürt.

– Nein, nein, das meine ich nicht. Gut verschnürt, das kann ich mir denken, mit all der Kunstfertigkeit, mit der die jungen Verkäufer beim Einpacken zu Werke gehen… Was für Hände! Ein schöner, großer Bogen starkes Papier, rot, glänzend… schon den anzusehen, ist ein Vergnügen… so glatt, daß man am liebsten sein Gesicht drauf legen möchte, um die kühle, zärtliche Berührung zu spüren… Sie breiten ihn auf dem Tisch aus und legen dann ganz nonchalant den leichten, gut gefalteten Stoff in die Mitte. Zuerst heben sie mit dem Handrücken einen Rand von unten in die Höhe, holen dann von oben den anderen herunter und falten dabei flink und graziös einen Umschlag, wie eine Zugabe, l’art pour l’art. Danach legen sie den Bogen von der einen und dann von der anderen Seite zum Dreieck und schlagen die beiden Spitzen unter, greifen mit einer Hand nach der Bindfadenrolle, ziehen gerade so viel ab, wie sie brauchen, verschnüren so rasch, daß man nicht einmal Zeit hat, ihr Können zu bewundern, schon präsentieren sie das Paket mit der fertigen Schlaufe, so daß man den Finger hineinstecken kann.

– Man sieht, Sie haben die jungen Verkäufer sehr aufmerksam beobachtet.

– Ich? Ganze Tage verbringe ich damit, mein lieber Herr. Ich kann stundenlang stehen und durch die Scheibe in einen Laden schauen. Ich vergesse mich völlig. Mir ist, als ob ich selbst… Ich möchte wirklich dieser Stoff dort sein, diese Seide… dieses gestreifte Leinen… dieses rote oder himmelblaue Band, das die Lehrmädchen im Kurzwarengeschäft, nachdem sie es abgemessen haben am Metermaß… haben Sie schon einmal gesehen, wie sie das machen?… wenn sie es sich wie eine Acht über Daumen und kleinen Finger der linken Hand wickeln, ehe sie es einpacken. Ich beobachte den Kunden oder die Kundin, die mit dem Paket am Finger oder in der Hand oder unterm Arm aus dem Laden herauskommen… ich folge ihnen mit den Blicken, bis ich sie aus den Augen verliere… und dabei denke ich mir… mein Gott, was denke ich mir nicht alles dabei! Sie können sich das gar nicht vorstellen. Aber mir hilft das. Es hilft mir.

– Es hilft Ihnen? Verzeihen sie… wobei denn?

– Mich so – ich meine, mit der Einbildungskraft – an das Leben zu klammern. Wie eine Kletterpflanze an die Stäbe eines Gitters. Ah, man darf die Phantasie keinen Augenblick zur Ruhe kommen lassen, man muß durch sie unaufhörlich mit dem Leben der anderen verbunden sein… aber nicht mit dem der Leute, die man kennt. Nein, nein. Das könnte ich nicht. Das wäre mir unangenehm, wenn sie es wüßten, sogar ekelhaft. Mit dem Leben der Fremden, an denen sich meine Phantasie ungehemmt betätigen kann, aber nicht etwa nur so, aus einer Laune heraus, nein… sie bezieht die allerkleinsten Dinge mit ein, die ich bei diesem oder jenem entdeckt habe. Wenn Sie wüßten, wie sehr und wie sie arbeitet, diese Phantasie! Wie weit ich mich einzudringen traue! Ich sehe das Haus von diesem oder jenem: ich lebe dort, ich habe das Gefühl, wirklich dort zu sein, so sehr, daß ich sogar spüre… kennen Sie diesen besonderen Geruch, der in jedem Hause hängt?… in Ihrem genau so wie in meinem. Aber in unserem eigenen spüren wir ihn nicht mehr, weil es der Geruch unseres Lebens ist, verstehen Sie? Ich sehe, daß Sie meiner Meinung sind…

– Ja, weil… ich meine, es muß ein großes Vergnügen für Sie sein, sich so viel vorzustellen…

– Vergnügen? Für mich?

– Ja… das denke ich mir so…

– Hören Sie… sind Sie je bei einem tüchtigen Arzt gewesen?

– Ich? Nein. Warum? Ich bin doch nicht krank!

– Nein, keine Angst! Ich frage nur, um zu hören, ob Sie je im Hause eines solchen Arztes das Zimmer gesehen haben, in dem die Patienten warten, bis sie dran sind zur Untersuchung.

– Oh ja. Einmal mußte ich eine von meinen Töchtern begleiten. Sie hatte was mit den Nerven.

 – Gut. Ich will gar nichts Näheres wissen. ich meine nur, dieses Wartezimmer… Haben Sie darauf geachtet? Ein altmodisches dunkles Sofa… Polstersessel, die meist nicht zueinander passen… Lehnstühle… lauter Gelegenheitskäufe aus dem Trödlerladen, hingestellt für die Patienten, sie gehören gar nicht zur Wohnung. Der Herr Doktor hat für sich, für die Freundinnen seiner Frau einen ganz anderen Salon, einen eleganten, schönen. Was meinen Sie, wie sich so ein Sessel, so ein Stuhl aus dem Salon, wenn man ihn ins Wartezimmer brächte, mit dieser einfachen, billig-bescheidenen Einrichtung beißen würde, die für die Patienten genügt. Ich möchte wissen, ob Sie sich, als Sie mit Ihrer Tochter dort waren, den Sessel oder Stuhl, auf dem Sie saßen und warteten, genau angesehen haben.

– Ich? Nein, eigentlich nicht.

– Das glaube ich. Weil Sie nicht krank waren… Aber häufig achten nicht einmal die Kranken darauf, so erfüllt sind sie von ihren Leiden. Und doch, wie oft hocken da welche und starren auf ihren Finger, der vergebliche Signale auf die blanke Armlehne des Sessels klopft, auf dem sie sitzen. Sie denken nach, aber sie sehen nicht. Und wie merkwürdig ist es, wenn man nach der Untersuchung durch das Wartezimmer geht und den Stuhl wiedersieht, auf dem man kurz zuvor gesessen und darauf gewartet hat, was der Arzt sagen würde über die Krankheit, die man noch nicht kennt. Ein anderer Patient sitzt darauf, auch er mit einem geheimen Leiden, oder der Stuhl ist leer und wartet gleichgültig auf irgendjemanden, der sich draufsetzt. Aber wovon sprachen wir? Ach ja… von dem Vergnügen, sich etwas vorzustellen. – Merkwürdig, daß ich sofort an einen Sessel aus diesen Wartezimmern gedacht habe, in denen die Patienten auf die Untersuchung warten.

– Ja… wirklich…

– Sehen Sie da keinen Zusammenhang? Ich auch nicht. Aber es ist so: gewisse Erinnerungen an Bilder, die keine Beziehung zueinander haben, sind für jeden von uns so persönlich, durch so besondere Gründe und Erfahrungen bestimmt, daß der eine den anderen nicht mehr verstünde, wenn wir im Gespräch nicht vermeiden würden, sie zu erwähnen. Es ist oft nichts unlogischer als diese Analogien. Aber schauen Sie, vielleicht kann das ein Zusammenhang sein: Hätten diese Stühle Spaß daran, sich vorzustellen, wer der Patient ist, der sich auf sie setzt und auf die Untersuchung wartet? Welche Krankheit er hat? Wohin er nach der Untersuchung gehen und was er tun wird? Gar keinen Spaß. Und mir geht es genau so. Gar keinen! Es kommen so viele Patienten, und sie stehen da, die armen Stühle, nur um in Beschlag genommen zu werden. Nun, mir geht es auch nicht viel anders. Ich werde auch in Beschlag genommen, mal von diesem, mal von jenem. Im Augenblick sind Sie es, der mich in Beschlag nimmt, und Sie können mir glauben, ich habe nicht den geringsten Spaß an dem Zug, den Sie verpaßt haben, an der Familie, die in Ihrem Urlaubsquartier auf Sie wartet, und auch nicht an all dem Ärger, den ich bei Ihnen vermuten kann…

– Und was für welchen, hören Sie!

– Danken Sie Gott, wenn es nur Ärger ist! Manch einem geht es schlimmer, lieber Herr. Ich sage Ihnen, für mich ist es notwendig, daß ich mich mit meiner Phantasie an das Leben der anderen klammere, aber nur so, ohne Spaß daran, ohne mich überhaupt dafür zu interessieren, im Gegenteil… im Gegenteil… nur um die ganze Plackerei darin zu erkennen, um zu sehen, wie dumm und leer es ist, dieses Leben, so daß es wirklich niemandem etwas ausmachen sollte, damit Schluß zu machen. Und das kann man gut zeigen, wissen Sie? Durch fortgesetzte Beweise und Beispiele kann man sich das selbst vor Augen führen, unerbittlich. Denn, mein Lieber, wir wissen nicht, worin sie besteht, aber sie ist da, sie ist da, wir alle spüren sie hier, in der Kehle, fast wie eine Angst, diese Lust zu leben, die sich nie zufrieden gibt, die sich nie zufrieden geben kann, denn das Leben ist in dem Moment, in dem wir es leben, so gierig auf sich selbst, daß man seinen Geschmack gar nicht genießen kann. Geschmack hat bloß die Vergangenheit, die in uns weiterlebt. Die Lust zu leben kommt von dorther zu uns, von den Erinnerungen, an die wir gefesselt sind. Aber gefesselt woran? An jene Dummheit, an diese Scherereien, an so viele törichte Illusionen, läppische Beschäftigungen… ja, ja. Das, was hier jetzt eine Dummheit ist… das, was uns hier jetzt lästig ist… ich möchte sogar behaupten, das, was jetzt für uns ein Unglück ist, ein wirkliches Unglück… tja, nach einem Abstand von vier, fünf, zehn Jahren… wer weiß, was für einen Geschmack das dann bekommen kann… wie diese Tränen dann schmecken! Und das Leben, mein Gott, bei dem bloßen Gedanken es zu verlieren… besonders, wenn man weiß, daß es nur eine Frage von Tagen ist… – Da… sehen Sie dort? Da, an der Ecke… sehen Sie den Schatten der Frau?… Sie hat sich versteckt.

– Wieso? Wer… wer war das?

– Haben Sie sie nicht gesehen? Sie hat sich versteckt.

– Eine Frau?

– Ja, meine Frau…

– Ach! Ihre Frau?

– Sie überwacht mich von weitem. Glauben Sie mir, am liebsten möchte ich sie mit Fußtritten verjagen. Aber das wäre zwecklos. Sie ist wie eine dieser streunenden, störrischen Hündinnen. Je mehr man sie wegstößt, umso dichter bleiben sie einem auf den Fersen. Was diese Frau durch mich zu leiden hat, das können Sie sich gar nicht vorstellen. Sie ißt nicht mehr, sie schläft nicht mehr, sie folgt mir Tag und Nacht, so… immer mit Abstand. Wenn Sie wenigstens diese alte Dohle, die sie auf dem Kopf trägt, und ihre Kleider mal abbürsten würde! Sie sieht gar nicht mehr aus wie eine Frau, eher schon wie ein Scheuerlappen. Auch ihre Haare an den Schläfen sind für immer mit grauem Staub bedeckt. Dabei ist sie gerade erst vierunddreißig. Sie glauben gar nicht, wie rasend sie mich macht. Manchmal stürze ich mich auf sie und schreie sie an: “Du blödes Weib!” und schüttele sie dabei. Sie nimmt alles hin, steht da und schaut mich an mit einem Blick, daß es mich in den Fingern juckt, daß mich eine wilde Lust überkommt, sie zu erwürgen. Aber nichts. Sie wartet, bis ich weitergehe, und dann läuft sie wieder hinter mit her. – Da, sehen Sie… sie schaut schon wieder um die Ecke.

– Die arme Frau…

– Was heißt da arme Frau! Sie möchte, verstehen Sie, daß ich ruhig und friedlich zu Hause hocke und es mir bei ihrer liebevollen, aufopfernden Pflege wohl sein lasse. Ich soll mich über die vollendete Ordnung in all den Zimmern, über die Sauberkeit all der Möbel freuen, über die Ruhe, wie sie in meiner Wohnung herrschte, die nur durch das Tick-Tack der Pendeluhr im Speisezimmer unterbrochen wurde. Das möchte sie! Und nun frage ich Sie, um Ihnen die Absurdität verständlich zu machen – ach, was heißt Absurdität! – die makabre Grausamkeit dieser Zumutung: ich frage Sie, würden Sie es für möglich halten, daß die Häuser von Avezzano, die Häuser von Messina ruhig im Mondschein auf ihren Straßen und Plätzen, wo sie nach den Plänen des Bauamtes hingehörten, stehengeblieben wären, hätten sie gewußt, daß in Kürze ein Erdbeben sie zertrümmern würde? Häuser aus Balken und Steinen, bei Gott, die wären davongelaufen! Stellen Sie sich nur die Einwohner von Avezzano, die Bürger von Messina vor, die sich seelenruhig ausziehen, um zu Bett zu gehen, die ihre Kleider zusammenlegen, ihre Schuhe vor die Tür stellen und unter die Decke kriechen, sich über das weiße, frische Laken freuen, und all das in dem Bewußtsein, daß sie in wenigen Stunden tot sein werden. – Halten Sie das für möglich?

– Aber vielleicht will Ihre Frau…

– Lassen Sie mich ausreden! Ja, wenn der Tod wie eines dieser merkwürdigen, ekelhaften Insekten wäre, das irgendjemand unversehens auf unserem Rücken entdeckt… Sie gehen auf der Straße… ein Passant hält Sie plötzlich auf, streckt zwei Finger aus, vorsichtig, und sagt zu Ihnen: “Verzeihung, gestatten Sie? Mein Herr, Sie tragen da den Tod auf dem Leib!” Und mit zwei vorgestreckten Fingern packt er ihn und wirft ihn fort… das wäre wunderbar! Aber der Tod ist nicht wie eines dieser ekelhaften Insekten. Wie viele, die unbeschwert und ahnungslos daherspazieren, haben ihn vielleicht am Leib. Niemand sieht ihn; und Sie denken sorglos und friedlich an das, was Sie morgen oder übermorgen vorhaben. Nun, ich, mein Lieber, da… kommen Sie hierher… hierher, unter diese Laterne… kommen Sie… ich zeige Ihnen etwas… Sehen Sie, da unter dem Bart… hier, sehen Sie diese schöne violette Knolle? Wissen Sie, wie sie heißt? Sie hat einen so süßen Namen… süßer als eine Karamelle: Epitheliom heißt sie. Sprechen Sie es nur nach. Sie werden spüren, wie süß das klingt: E-pi-the-liom… Der Tod, verstehen Sie? Er ist vorübergegangen, hat mir diese Blume in den Mund gesteckt und zu mir gesagt: “Behalte sie einstweilen, mein Lieber, ich komme in acht oder zehn Monaten wieder vorbei!” Und nun sagen Sie mir, ob ich mit dieser Blume im Mund heiter und friedlich zu Hause bleiben kann, wie diese Unglückselige es möchte. Ich schreie ihr ins Gesicht: “Ach, du möchtest wohl, daß ich dir einen Kuß gebe?” “Ja, küsse mich!” Und wissen Sie, was sie getan hat? Vorige Woche hat sie sich mit einer Nadel die Lippe aufgerissen, und dann hat sie meinen Kopf gepackt und wollte mich küssen, auf den Mund küssen… weil sie sagt, sie wolle mit mir sterben. Sie ist verrückt… Zu Hause bleibe ich nicht. Ich, ich muß vor den Schaufenstern der Läden stehen und die Tüchtigkeit der Verkäufer bewundern. Denn, verstehen Sie, wenn ich auch nur einen Augenblick in mir die Leere spürte, dann könnte ich wie nichts das ganze Leben umbringen in einem, den ich nicht kenne… ich könnte den Revolver ziehen und jemanden töten wie Sie, der zufällig den Zug verpaßt hat… Nein, nein, Sie brauchen keine Angst zu haben, mein Lieber. Ich scherze nur! – Ich gehe jetzt. Wenn überhaupt, würde ich mich umbringen… Aber in diesen Tagen, da gibt es gerade sehr gute Aprikosen… wie essen Sie die? Mit der ganzen Haut, nicht wahr? Man spaltet sie mit zwei Fingern in gleiche Hälften, drückt sie der Länge nach auseinander, wie zwei saftige Lippen… ach, eine Wollust! – Meine Empfehlungen an die verehrte Frau Gemahlin und auch an Ihre Töchter in der Sommerfrische. Ich stelle Sie mir in weißen und himmelblauen Kleidern vor, auf einer grünen, schattigen Wiese… Und morgen früh, wenn Sie ankommen, tun Sie mir einen Gefallen. Ich vermute, das Dorf liegt etwas abseits vom Bahnhof. In der Morgenkühle können Sie den Weg zu Fuß machen. Das erste Grasbüschel am Wiesenrand: zählen Sie seine Halme für mich. So viele Halme es sind,. so viele Tage habe ich noch zu leben. Aber suchen Sie ein recht dickes aus, ja? Gute Nacht, mein lieber Herr.

© Michael Rössner.

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