Wer war es? – 1896

Wer war es?

In Italiano – Chi fu? (1896)

Wer war es?

aus Roma di Roma (Tageszeitung), Jg.I/Nr.59, 27./28.Juni 1896; später nicht wieder veröffentlicht, daher keine Varianten. Von Pirandello nicht in die geplante Gesamt­ausgabe aufgenommen.

aus dem Italienischen von Michael Rössner 


Sagen Sie doch, wer es war, wenn das, was ich sage, Sie bloß zum Lachen bringt. Aber lassen Sie wenigstens Andrea Sanserra aus dem Spiel; er ist unschuldig. Zu der Verabredung ist er nicht erschienen; das sage ich nun schon zum hundertsten Mal. Und nun reden wir von mir.

Ein Beweis meiner Schuld könnte vielleicht darin liegen, daß ich im Oktober wieder nach Rom gekommen bin, während ich in den anderen Jahren immer nur einmal dorthin zu fahren pflegte, und zwar im Juni. Aber wollen Sie denn wirklich nicht berücksichtigen, daß in diesem letzten Juni meine Verlobung in die Brüche gegangen ist? In Neapel benahm ich mich von Juli bis Oktober wie ein Verrückter; so sehr, daß mein Chef mir um jeden Preis ein weiteres Monat Urlaub geben wollte, ausgerechnet im Oktober. Mein Traum, mein Traum so vieler Jahre, war zusammengebrochen! Und der, der behauptet, ich hätte mich in Neapel dem Wein ergeben, der lügt wie gedruckt. Wein hab’ ich nie getrunken. Ich hatte hier einen Schmerz, hier im Kopf, der war schuld daran, daß ich wirres Zeug rede, daß sich alles um mich zu drehen begann und daß ich Anfälle von Erbrechen hatte. Ich, betrunken? Nun freilich, was wunder, wenn man nun versucht, die Leute glauben zu machen, ich würde mich verrückt stellen, um meine Schuld zu leugnen? Dagegen hatte ich mich etwas anderem ergeben, den… ja, den leichten Abenteuern, dumm und gedankenlos, um mich schadlos zu halten, ja zu rächen an meinem Gewissen, an meiner Treue, an meiner Enthaltsamkeit so vieler Jahre. Das freilich stimmt; und darin, das gebe ich zu, habe ich über die Stränge geschlagen.

In Rom, im Haus meiner Mutter, sehe ich nach sieben Jahren Andrea Sanserra wieder, der seit zwei Monaten aus Amerika zurück ist. Die Mamma vertraut mich ihm an. Wir waren zusammen aufgewachsen und kannten einander besser als uns die arme Mutter kannte, die in der Heiligkeit ihrer Gedanken von uns eine bessere Meinung hatte, als wir es verdienten; sie hielt uns für zwei Engel, und das mit sechs­undzwanzig Jahren! Aber in dieser guten Meinung hatte sie meine Lebensweise während der fünf Jahre meines Verlöbnisses bestärkt. Genug davon. Mit Andrea folgte ich weiter dem traurigen Weg, den ich vor drei Monaten in Neapel einge­schlagen hatte. Und nun komme ich zu den Tatsachen. Eines Abends schlägt er mir vor… Ich muß vorausschicken, daß Sanserra die Person, von der ich nun erzählen muß, nicht kannte; er hatte nur durch andere von ihr gehört. Er schlägt mir also vor, die Bekanntschaft einer – so drückt er sich aus – besonderen Spezialität dieses Genres zu machen. Er erzählte mir… ich kann Ihnen das nicht wiedergeben. Ich habe nur noch den Eindruck im Kopf, den seine Worte bei mir hervorriefen: ein Zimmer im Dunklen, mir einem großen Bett, am Fußende des Bettes ein Paravent; ein Mädchen, in ein Lein­tuch gewickelt, wie ein Gespenst; hinter dem Paravent eine alte Tante des Mädchens, die Strümpfe strickte, an einem runden Tischchen sitzend, mit einer Lampe, die auf die Wand den vergrößerten Schatten der Alten mit den flinken, sich ständig bewegenden Händen warf. Das Mädchen sprach nicht und ließ kaum ihr Gesicht sehen; stattdessen sprach die Tante und erzählte den wenigen vertrauten Kunden eine ganze Welt des Elends: die Nichte war mit einem braven jungen Mann verlobt, der in Norditalien eine gut bezahlte Vertrauensstellung innehatte. Die Hochzeit war wegen der Mitgift geplatzt; einer Mitgift, die es gab, die aber ein Unglücksfall in der Familie aufgefressen hatte… nun galt es sie wieder zusammenzubekommen, und zwar in kürzester Zeit, ehe der brave junge Mann davon erfuhr… – “Auf die Türe dieses Zimmers”, schloß Andrea Sanserra, “könnte man schreiben: Krampf.”

Natürlich reizte mich die Sache. Und mit Andrea vereinbarte ich ein Treffen für den morgigen Abend, um halb neun, außerhalb der Porta del Popolo. Er wohnt in der Via Flaminia. Die Wohnung der beiden Frauen ist in der Via Laurina; an die Nummer erinnere ich mich nicht mehr.

Es war an einem Samstagabend, und es regnete. Die Via Flaminia breitete sich kerzengerade vor mir aus, schlammig, da und dort von Laternen erhellt, deren Licht von Zeit zu Zeit flackerte und bei Windstößen für einen Augenblick verlöschte. Derselbe Wind beutelte in meinem Rücken die dichtbelaubten Bäume der Villa Borghese, auf die der Regen niederprasselte. Ich dachte, er würde nicht mehr kommen bei diesem Dreckswetter; und dennoch konnte ich mich nicht dazu entschließen, fortzugehen und blieb verdutzt stehen, die Wasserbäche betrachtend, die rund um meinen Schirm zur Erde stürzten. Allein in die Via Laurina gehen? Nein, nein… Ein tiefer Ekel vor dem Leben, das ich seit drei Monaten führte, überfiel mich in diesem Augenblick. Ich schämte mich für mich selbst, wie ich da auf der Straße des Lasters von meinem Kumpan sitzengelassen worden war. Ich dachte, daß Andrea wahrscheinlich woanders hingegangen war, um den Abend in einem ehrbaren Haus zu verbringen, wobei er sicher gedacht hatte, ich wäre nicht so verdorben, die Verabredung an einem Abend mit einem solchen Mistwetter einzuhalten. “Aber nein, eigentlich nicht”, dachte ich. “Mehr als verdorben bin ich doch elend. Wo könnte denn ich jetzt hin­gehen? Und ich mußte an die ruhigen und glücklichen Abende denken, mit meiner Freude an meiner Seite, an mein früheres Leben, an ihr Häuschen. Ach Tuda! Tuda! – Plötzlich tauchte aus dem mittleren Torbogen ein gebeugtes altes Männchen auf, in einem Mantel, der ihm bis zu den Knöcheln reichte. In beiden Händen hielt er einen schäbigen, verdrückten Schirm. Er ging, förmlich vom Wind vor sich hergetrieben, die Via Flaminia hinunter. Ich blicke scharf hin… Ein Schauder läuft mir über den ganzen Körper. Herr Jacopo, Jacopo Sturzi, der Vater Tudas, meiner Verlobten!… Ja, aber, wenn doch ich selbst, ich mit diesen Händen, ein Jahr war es her, ihn in den Sarg gelegt und ihn auf den Friedhof Campo Verano begleitet hatte? Und doch, da war er: er geht vor mir vorbei, du mein Gott! Und er dreht sich um und sieht mich an, neigt den Kopf ein wenig zur Seite, wie um mir ein Lächeln zu zeigen. Und was für ein Lächeln! Wie angenagelt bleibe ich stehen, ein krampfhaftes Zittern nimmt von mir Besitz, ich versuche zu schreien, aber ich bringe keinen Ton heraus. Eine Zeitlang folge ich ihm mit den Augen. Endlich gelingt es mir, mich von meiner namenlosen Furcht loszureißen, und ich laufe ihm nach.

Glauben Sie mir, ich bitte Sie. Ich bin nicht fähig, etwas Derartiges zu erfinden. Ich könnte Ihnen nicht Wort für Wort wiederholen, was er zu mir sagte; aber Sie werden leicht verstehen, daß mir gewisse Dinge nicht mehr aus dem Kopf gehen, denn Jacopo Sturzi war, wenngleich ein ziemlich zügelloser Mensch, doch ein wahrer Philosoph, ein Philosoph mir überaus originellen Ideen, und er hat zu mir mit der Weisheit der Toten gesprochen.

Ich holte ihn ein, als er gerade die kleine, zitternde Hand auf den Türknauf der gläsernen Eingangstür zu einem Wirtshaus legte. Er drehte sich ruckartig um, packte mich beim Arm und flüsterte, während er mich hinunter in den Schatten zog: “Luzzi, um Himmelswillen, sag nicht, daß ich lebe!”

“Ja, wieso denn… Sie?”, stammelte ich.

“Ja, ich bin tot, Luzzi”, fügte er hinzu. “Aber das Laster, verstehst du, das ist stärker! Ich werde es dir gleich erklären. Es gibt Leute, die sterben reif für das Leben im Jenseits, und andere nicht. Der eine stirbt und kehrt nicht zurück, weil es ihm gelungen ist, seinen Weg zu finden. Der andere hingegen kehrt zurück, weil er ihn nicht gefunden hat; und natürlich sucht er ihn gerade dort, wo er ihn verloren hat. Ich zum Beispiel suche ihn hier im Wirtshaus. Aber was meinst du? Es ist eine Strafe. Ich trinke, und es ist, als tränke ich nicht; je mehr ich trinke, desto mehr Durst habe ich. Und dann, du verstehst, allzu große Sprünge kann ich mir nicht erlauben…”

Und dabei rieb er Daumen und Zeigefinger der rechten Hand aneinander und verzog das Gesicht zu einer Fratze, um anzudeuten: Es fehlt mir das nötige Kleingeld.

Ich sah ihn verdutzt an. Träumte ich? Und da kam mir die folgende dumme Frage über die Lippen: “Ja, natürlich! Und wie stellen Sie es dann an?”

Da lächelte er und legte mir eine Hand auf die Schulter. Dann antwortete er: “Wenn du wüßtest!… Ich habe damit begonnen, am Tag nach meinem Begräbnis, den schönen Porzellankranz zu verkaufen, den meine Frau mir auf das Grab hatte setzen lassen, mit der Inschrift darauf: “Meinem angebeteten Gatten”. Gewisse Lügen können wir Toten nun einmal nicht ertragen. Um ein paar Lire habe ich ihn verkauft. Damit bin ich eine Woche ausgekommen. Es ist keine Gefahr, daß meine Frau mich besuchen käme und dabei merken würde, daß der Kranz nicht mehr da ist. Nun spiele ich mit den Gästen Karten, gewinne und trinke auf Kosten des Verlierers. Mit einem Wort… ich gebe mir Mühe. Und du, was tust du?”

Ich wußte nicht, was ich ihm antworten sollte. Ich sah ihn einen Augenblick lang an, dann überkam mich ein Anfall von Wahnsinn und ich packte ihn beim Arm: “Sag mir die Wahrheit! Wer bist du? Wie kommst du hierher?”

Er verlor seine Haltung für keinen Augenblick; lächelnd entgegnete er: “Aber hör mal, wo du mich doch von selbst erkannt hast!… Wie ich hierherkomme? Ich werde es dir erzählen. Aber zuerst gehen wir da hinein. Siehst du nicht? Es regnet.”

Und er zog mich in das Wirtshaus. Drinnen zwang er mich zu trinken und wiederum zu trinken, sicherlich in der Absicht, mich betrunken zu machen. Meine Verblüffung und mein Entsetzen waren so groß, daß ich mich nicht wehrte. Ich trinke gewöhnlich keinen Wein, und dennoch trank ich in dieser Nacht ich weiß nicht wieviel davon. Ich erinnere mich an erstickende Rauchschwaden; an den scharfen Geruch des Weines; an das dumpfe Klappern der Teller und Becher; an den warmen, schweren Küchengeruch; an das gedämpfte Gemurmel rauher Stimmen. Vornübergebeugt, als wollten sie sich gegenseitig den Atem rauben, spielten zwei Alte neben uns Karten, unter dem wütenden oder zustimmenden Knurren der aufmerksamen Zuschauer, die hinter ihrem Rücken lehnten. Von der niedrigen Decke hing eine Lampe herab und verbreitete einen gelben Schimmer in den dicken Rauchschwaden. Aber was mich am meisten erstaunte, war, daß unter so vielen Menschen keiner den geringsten Verdacht hatte, daß sich da drinnen jemand befand, der außerhalb des Lebens stand. Und während ich bald diesen, bald jenen ansah, überkam mich die Versuchung, auf meinen Zechkumpan zu deuten und dem anderen zu sagen: “Der da ist ein Toter!” – Aber in diesen Augenblicken, als läse er diese Versuchung auf meinen Lippen, begann Jacopo Sturzi, den Rücken an die Wand gelehnt, das Kinn auf der Brust, zu lächeln, ohne den Blick seiner Augen von mir zu wenden, den Blick dieser entzündeten Augen, die voll von Tränen waren! Auch während er trank, sah er mich an. Plötzlich schüttelte er sich, und begann mit leiser Stimme auf mich einzureden. Mir drehte sich schon der Kopf von den Weindünsten. Aber bei diesen seltsamen Worten über Tod und Leben begann er sich mir noch schlimmer zu drehen. Er bemerkte es und schloß lachend: “Das ist nichts für dich. Reden wir von was anderem. Was ist mit Tuda?”

“Tuda?” fragte ich. “Ja, wissen Sie denn nicht? Alles ist aus…”

Er nickte mehrmals mit dem Kopf. Dann sagte er jedoch: “Ich habe es nicht gewußt. Aber du hast recht, wenn du Schluß gemacht hast. Sag, es war wegen der Mutter, stimmt’s? Amalia Noce, meine Frau, eine schlimme Person wie alle Noces! Sieh mal, ich…”

Er nahm den Hut ab, legte ihn auf den Tisch, schlug sich mit einer Hand gegen die kahle Stirn und kniff ein Auge zu: “Zweimal”, rief er. “Das erste Mal 1860; dann im Jahr 75. Und dabei war sie wirklich nicht mehr taufrisch, wenn auch immer noch sehr schön. Aber darüber kann ich mich nicht mehr beklagen; ich habe ihr verziehen, und Schluß. Mein Sohn – ich darf dich doch so nennen – glaub mir, mein Sohn: ich habe erst aufgeatmet, als ich tot war. Na, und kümmere ich mich vielleicht noch um sie? Weder um die Mutter noch um die Tochter. Nicht einmal mehr um die Tochter, der Mutter wegen. Ich will dir alles sagen: Ich weiß, was sie für ein Leben führen. Hör mal, ich könnte, ohne gesehen zu werden, wie das viele andere in meinem Zustand tun, mich von Zeit zu Zeit bei ihnen einschleichen, um heimlich ein bißchen Geld zu holen. Aber nein, dieses Geld stehle ich nicht einmal! Weißt du denn, weißt du, was sie für ein Leben führen?”

“Wie?”, antwortete ich. “Ich habe nicht mehr nach ihnen gefragt.”

“Ach geh’ doch! Du weißt es”, beharrte er. “Gestern abend hat man’s dir erzählt.”

Zögernd hob ich fragend die Augenbrauen.

“Aber ja; wo du hingehen wolltest, ehe du mich gesehen hast!”

Ich sprang auf, taumelte aber und fiel mit den Ellbogen auf den Tisch zurück, während ich ihn anschrie: “Sie sind es? Tuda? Tuda und ihre Mutter?”

Er packte mich beim Arm und legte den Zeigefinger auf die Lippen.

“Still! Still! Zahl und komm mit mir. Zahl, zahl schnell.”

Wir verließen das Wirtshaus. Draußen regnete es noch stärker. Der Sturm peitschte uns das Wasser ins Gesicht und ließ uns kaum vorwärtskommen. Aber er zerrte mich am Arm mit sich, immer weiter, gegen den Wind, gegen den Regen. Stolpernd, trunken, mit glühendem, bleischweren Kopf stöhnte ich: “Tuda? Tuda und ihre Mutter?” Seine Gestalt im Mantel verschwamm vor meinen Augen in der tiefen Finsternis mit dem Schirm, den er zum Schutz gegen den Regen in die Höhe reckte, sie wuchs vor meinen Augen ins Riesenhafte, wie ein Gespenst aus einem bösen Traum, das mich in den Abgrund zu zerren versuchte. Und da stieß er mich in eine dunkle Toreinfahrt und schrie mir ins Ohr: “Los, geh, geh zu meiner Tochter!”

Nun habe ich hier, hier in meinem Kopf nur noch die Schreie Tudas, die an meinem Hals hing, Schreie, die mir das Gehirn zu sprengen drohten… Er war es, ich schwöre es noch einmal, er war es, er, Jacopo Sturzi!… Er hat diese Hexe erdrosselt, die sich als Tante ausgab… Freilich, wenn er es nicht getan hätte, hätte ich es getan. Aber er hat sie erdrosselt, denn er hatte mehr Grund dazu als ich.

Das ist die Wahrheit. An meinen Händen klebt kein Blut.

© Michael Rössner.


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