Nacht – 1912

Nacht

In Italiano – Notte (1912)

Nacht

Erstveröffentlichung im Corriere della sera vom 1.8.1912. Keine wesentlichen Varianten.

us dem Italienischen von Michael Rössner

Als die Station Sulmona vorüber war, blieb Silvestro Noli allein in dem schmutzigen Waggon zweiter Klasse zurück.

Er wendete einen letzten Blick dem rauchigen Flämmchen zu, das flackerte und bei den Stößen des Zuges beinahe auszugehen drohte, weil das Petroleum herausgespritzt war und in dem bauchigen Glas der Lampe hin und herschwappte; dann schloß er die Augen, in der Hoffnung, durch die Müdigkeit der langen Reise (er war seit einem Tag und einer Nacht unterwegs) würde der Schlaf ihn aus der Beklemmung reißen, in der er sich mehr und mehr versinken fühlte, je näher ihn der Zug an den Ort seiner Verbannung brachte.

Nie mehr! Nie mehr! Nie mehr! Wie lange schon wiederholte das rhythmische Rattern des Räder auf den Schienen in der Nacht immer wieder diese beiden Worte?

Nie mehr, jawohl, nie mehr würde er das unbeschwerte Leben seiner Jugend führen, nie mehr dort unter den sorglos heiteren Freunden, unter den bevölkerten Laubengängen seines Turin; nie mehr den Trost spüren, den warmen, heimeligen Atem seines alten Vaterhauses; nie mehr die liebevolle Zuwendung der Mutter, nie mehr das zärtliche Lächeln im beschützenden Blick des Vaters.

Vielleicht würde er sie überhaupt nie mehr wiedersehen, seine lieben alten Eltern! Die Mamma, vor allem die Mamma, nie mehr! Ach, wie er sie jetzt wiedergefunden hatte, nach sieben Jahren Abwesenheit! Gebeugt, eingeschrumpft, in so wenigen Jahren, wachsbleich und ohne Zähne. Nur die Augen lebten noch. Arme, liebe, heilige, schöne Augen!

Während er der Mutter, während er dem Vater so zusah, ihren Reden lauschte, wenn sie durch die Zimmer gingen und suchend um sich blickten, da hatte er sehr wohl empfunden, daß nicht bloß für ihn allein das Leben des Vaterhauses zu Ende gegangen war. Bei seiner letzten Abreise vor sieben Jahren hatte das Leben auch für die anderen aufgehört.

Hatte er es also mit sich fortgenommen? Und was hatte er damit angefangen? Wo war denn das Leben noch in ihm? Die anderen mochten geglaubt haben, daß er es mit sich fortgenommen hatte, aber er wußte, daß er hingegen seines dort zurückgelassen hatte, als er fortfuhr; und daß er nun, als er es nicht wiederfand, als er hörte, wie man ihm sagte, daß er dort nichts mehr finden könne, weil er alles mit sich fortgenommen hatte, in dieser Leere eine Eiseskälte gespürt hatte.

Mit dieser Eiseskälte im Herzen fuhr er nun zurück in die Abruzzen, da der vierzehntägige Urlaub zu Ende ging, den ihm der Direktor der Knabenrealgymnasien von Città Sant’Angelo gewährt hatte, wo er seit fünf Jahren Zeichnen unterrichtete.

Vor den Abruzzen war er ein Jahr Professor in Kalabrien gewesen; dann ein weiteres Jahr in der Basilicata. In Città Sant’Angelo hatte er, besiegt und blind gemacht von dem glühenden, unwiderstehlichen Wunsch, eine Gefühlsbindung zu finden, die in ihm die Leere ausfüllen sollte, in der er sich verloren fühlte, die Verrücktheit begangen, sich zu verheiraten. Und so hatte er sich selbst dort für immer festgenagelt.

Die Ehefrau war in diesem hochgelegenen, feuchten Dörfchen, das nicht einmal Trinkwasser hatte, mit den bangen Vorurteilen, der engherzigen Kleinlichkeit, der Störrigkeit und der Trägheit des dummen, faulen Lebens in der Provinz aufgewachsen: Anstatt ihm eine Gefährtin zu sein, hatte sie die Einsamkeit rund um ihn noch gesteigert und ließ ihn jeden Augenblick spüren, wie weit entfernt er war von der Wärme einer Familie, die seine Familie hätte sein sollen, in die aber nie auch nur einer seiner Gedanken, eines seiner Gefühle einzudringen vermochte.

Ein Kind war ihm geboren worden, und – entsetzlich! – auch dieses Kind, sein Kind, hatte er vom ersten Tag an als etwas ihm Fremdes empfunden, als ob es ganz der Mutter gehört hätte und ihm gar nicht.

Vielleicht wäre der Bub sein Kind geworden, hätte er ihn von dort losreißen können, von diesem Haus, von diesem Dorf; und auch die Frau wäre vielleicht tatsächlich zu seiner Gefährtin geworden, und er hätte die Freude empfunden, ein eigenes Haus, eine eigene Familie zu besitzen, wenn er die Versetzung an einen anderen Ort beantragen und erreichen hätte können. Aber es war ihm versagt, diese Rettung auch bloß für eine ferne Zukunft zu erhoffen, denn seine Frau, die sich nicht einmal für eine kurze Hochzeitsreise aus ihrem Heimatort wegbewegen hatte wollen, nicht einmal dafür, seine Mutter und seinen Vater und die anderen Turiner Verwandten kennenzulernen, seine Frau drohte, sie würde sich im Fall einer Versetzung lieber noch von ihm als von den Ihren trennen.

Also: dort. Dort verschimmeln, dort warten, in dieser entsetzlichen Einsamkeit, daß seinem Geist nach und nach ein Panzer aus Dummheit zuwächst. Er liebte so sehr das Theater, die Musik, alle Künste, und er verstand es kaum, von etwas anderem zu sprechen; er würde auf ewig den Durst danach verspüren, jawohl, auch danach, wie nach einem Glas reinen Wassers! Ach, er konnte es einfach nicht trinken, dieses lehmige, rohe, sandige Wasser der Zisternen. Es hieß, es wäre nicht schädlich; aber er verspürte doch seit einer ganzen Weile Magenschmerzen. Einbildung? Ja, freilich! Zu allem Überdruß auch noch ausgelacht werden!

Seine geschlossenen Lider vermochten die Tränen nicht mehr zurückzuhalten, mit denen sie sich gefüllt hatten. Während er sich um die Lippe biß, als wollte er verhindern, daß ihm auch noch das eine oder andere Schluchzen aus der Kehle drang, zog Silvestro Noli ein Taschentuch aus der Hosentasche.

Er dachte nicht daran, daß sein Gesicht von der langen Reise ganz rauchgeschwärzt war; als er das Taschentuch betrachtete, war er verärgert und gekränkt über den schmutzigen Abdruck seines Weinens. Er sah in diesem schmutzigen Abdruck ein Bild seines Lebens, und er schob das Taschentuch zwischen die Zähne, als wollte er es in Fetzen reißen.

Endlich fuhr der Zug in die Station Castellamare Adriatico ein.

Wegen einer Fahrt von zwanzig Minuten mußte er in diesem Bahnhof nun mehr als fünf Stunden auf den Anschluß warten. Das war das Schicksal der Reisenden, die mit dem Nachtzug aus Rom kamen und auf der Strecke nach Ancona oder nach Foggia weiterreisen wollten.

Gott sei Dank gab es auf dem Bahnhof ein Kaffeehaus, das die ganze Nacht offen war, weiträumig, hell erleuchtet, mit gedeckten Tischen, in dessen Licht und Bewegung man sich irgendwie über die Untätigkeit und Traurigkeit des langen Wartens hinwegtäuschen konnte. Aber auf den aufgedunsenen, bleichen, schmutzigen und abgespannten Gesichtern der Reisenden war eine düstere Beklemmung, ein drückender Ärger, ein bitterer Ekel gegenüber dem Leben zu lesen, das sich, fern der gewohnten Gefühlsbeziehungen, außerhalb der ausgetretenen Spur der Gewohnheiten, für alle als leer, blöde und unerträglich erwies.

Vielleicht fühlten viele von ihnen, wie sich ihnen das Herz zusammenkrampfte bei dem klagenden Pfeifen des Zuges, der durch die Nacht brauste. Vielleicht dachte jeder von ihnen daran, daß Zank und Verdruß der Menschen nicht einmal in der Nacht ruhen; und da sie in der Nacht mehr als sonst nichtig erscheinen, weil ihnen die Trugbilder des Lichtes fehlen, und auch aufgrund dieses Gefühls einer bangen Vorläufigkeit, das von jedem Besitz ergreift, der unterwegs ist und uns die Empfindung vermittelt, wir wären verloren auf dieser Erde, dachte vielleicht jeder von ihnen dort daran, daß der Wahnsinn die Feuer in den schwarzen Maschinen entzündet und daß die Züge, die durch die dunklen Ebenen rasen, lärmend über die Brücken rattern und sich in lange Tunnels stürzen, in der Nacht, unter den Sternen, von Zeit zu Zeit einen verzweifelten Klagelaut ausstoßen, weil sie gezwungen sind, so in der Nacht den menschlichen Wahnsinn die Eisenwege entlang zu schleifen, die der Mensch verlegt hat, um seinen unstillbaren, wilden Ausbrüchen Gelegenheit zu geben, sich abzureagieren.

Nachdem Silvestro Noli mit langsamen Schlucken eine Tasse Milch ausgetrunken hatte, stand er auf, um den Bahnhof durch die andere Türe des Kaffeehauses am Ende des Saales zu verlassen. Er wollte zum Strand, die nächtliche Meeresbrise atmen, die lange Straße durch die schlafende Stadt entlanggehen.

Aber als er sich an einem der Tische vorbeidrängte, hörte er, wie ihn eine sehr klein gewachsene Dame, schlank, blaß, hager, in dem strengen Trauerkleid einer Witwe, ansprach.

“Professor Noli…”

Er blieb überrascht, ja verblüfft stehen:

“Signora… ach, Sie sind es, Signora Nina? Ja, wie ist denn das möglich?”

Es war die Frau eines Kollegen, Professor Ronchi, den er vor sechs Jahren in Matera in den technischen Fachschulen kennengelernt hatte. Verstorben war er, ja, ja, verstorben – er wußte es – vor wenigen Wochen in Lanciano verstorben, in noch sehr jungen Jahren. Er hatte im Mitteilungsblatt mit schmerzlichem Erstaunen davon gelesen. Der arme Ronchi, gerade, als er endlich ans Gymnasium gekommen war, nach so vielen unglücklich ausgegangenen Bewerbungsversuchen, plötzlich verstorben, an einem Herzschlag, durch ein Übermaß an Liebe, sagten die Leute, an Liebe zu seiner winzigkleinen Ehefrau, die er wie ein riesiger, gewalttätiger, starrköpfiger Bär ständig und überallhin hinter sich herschleppte.

Da war sie nun, die kleine Witwe, und drückte das schwarzgeränderte Taschentuch gegen den Mund, sah ihn an mit ihren schwarzen, wunderschönen Augen, die ganz versunken waren in die bläulichen, angeschwollenen Augenhöhlen, und berichtete ihm mit einem leichten Kopfschütteln von dem Entsetzlichen der Tragödie, die sie vor kurzem durchlebt hatte.

Als er aus diesen schönen schwarzen Augen zwei dicke Tränen quellen sah, lud Noli die Signora ein, aufzustehen und mit ihm aus dem Kaffeehaus hinauszugehen, um frei sprechen zu können, auf einem Spaziergang die verlassene Straße entlang bis zu dem Meer dort hinten.

Ihr ganzes armseliges nervöses Körperchen zitterte, bewegte sich ruckhaft und vollführte zuckende Gesten, mit den Schultern, mit den Armen, mit den überaus langen Händen, an denen fast kein Fleisch zu sein schien. Sie begann, sich überstürzend, zu reden, und sofort erschienen da und dort, auf den Schläfen und den Jochbeinen, flammendrote Flecken. Durch einen kleinen Aussprachefehler pflegte sie jedes F am Beginn eines Wortes doppelt auszusprechen, als würde sie schnauben, und ununterbrochen fuhr sie sich mit dem Taschentuch über die Nasenspitze und die Oberlippe, die sich ihr auf seltsame Weise ständig mit Schweißperlen bedeckten, während sie sprach. Dazu wurde ihre Speichelproduktion so übermäßig, daß die Stimme bisweilen förmlich darin zu ertrinken schien.

“Ach, Noli, sehen Sie? Lieber Noli, da, da hat er mich zurückgelassen, mit drei Kindern, in einem Dorf, in dem ich niemanden kenne, wo ich fffor kaum zwei Monaten erst angekommen war. Allein, ganz allein… Ach, was fffür ein schrecklicher Mann, Noli! Er hat sich selbst zerstört und mich dazu, meine Gesundheit, mein Leben… alles… Auf mir, Noli, wissen Sie das? Auf mir ist er gestorben… auf mir…”

Sie wurde von einem langen Schauder geschüttelt, der beinahe in ein Wiehern mündete. Dann fuhr sie fort:

“Er hat mich aus meiner Heimat fffortgeholt, wo ich nun niemanden mehr habe außer einer Schwester, die auch geheiratet hat… Was sollte ich dort noch machen? ich will doch kein Schauspiel meines Elends bieten fffür die, die mich fffrüher einmal beneidet haben… Aber hier, allein mit drei Kindern, ohne einen Menschen zu kennen… was soll ich da tun? Ich bin ffferzweifelt… ich fffühle mich ffferloren… ich bin in Rom gewesen, um um einen Scheck zu bitten… Ich habe ja auf nichts Anspruch: nur elf Dienstjahre , elf Monatsgehälter: ein paar Tausend Lire… Aber sie haben sie mir noch immer nicht ausbezahlt. Am Ministerium habe ich so herumgeschrien, daß sie mich für ffferrückt gehalten haben… Liebe Signora, sagt er, kalt duschen, kalt duschen!… Aber ja, fffielleicht werde ich tatsächlich ffferrückt… Hier, hier spüre ich ständig einen Schmerz, einen nagenden, einen ziehenden Schmerz, hier im Gehirn, Noli… und ich bin wie rasend… ja, ja… ich bin jetzt wie rasend vor Wut… als würde mich fffon innen ein Fffeuer auffressen, ein Fffeuer im ganzen Körper… Ach, wie kühl, sie sich anfühlen, Noli, wie kühl!

Und während sie das sagte, mitten auf der feuchten, menschenleeren Straße, unter dem blassen Schein der elektrischen Straßenlampen, die viel zu weit von einander entfernt waren und so gerade einen schwachen, opalfarbenen Schimmer verbreiteten, hängte sie sich an seinen Arm und legte den Kopf, der in einem Häubchen aus schwarzem Krepp steckte, an seine Brust, rieb ihn hin und her, als wollte sie in seine Haut eindringen und brach in ein wildes Schluchzen aus.

Professor Noli, verblüfft, entsetzt und bewegt zugleich, wich instinktiv zurück, um der Berührung auszuweichen. Er begriff, daß diese arme Frau in dem Zustand der Verzweiflung, in dem sie sich befand, sich wie von Sinnen einfach an den ersten besten Mann ihrer Bekanntschaft geklammert hätte, der ihr über den Weg gelaufen wäre.

“Nur Mut, nur Mut, Signora”, sagte er zu ihr. “Kühl? Jaja, kühl! Ich bin schon verheiratet, meine liebe Signora.”

“So”, sagte die kleine Frau und wich sofort zurück. “Verheiratet? Sie haben sich verheiratet?”

“Schon vor vier Jahren, Signora. ich habe auch schon einen Sohn.”

“Hier?”

“Hier in der Nähe. In Città Sant’Angelo.”

Die kleine Witwe ließ nun auch seinen Arm los.

“Aber sind Sie denn nicht aus Piemont?”

“Ja, direkt aus Turin.”

“Und Ihre Gattin?”

“Nein, meine Gattin stammt von hier.”

Die beiden blieben unter einer der elektrischen Straßenlampen stehen, sahen einander an und verstanden einander.

Sie stammte vom äußersten Zipfel Italiens, aus Bagnara Calabra.

Sie sahen sich beide in der Nacht verloren in dieser langen, breiten, verlassenen und melancholischen Straße stehen, die zum Meer führte, zwischen den schlafenden Häusern und Villen dieser Stadt hindurch, die so weit entfernt war von ihren wahren und ursprünglichen Gefühlen und doch so nahe von den Orten, an die ein grausames Schicksal ihren Wohnsitz verlegt hatte. Und sie empfanden für einander ein tiefes Mitgefühl, das sie in bitterer Weise davon überzeugte, daß sie nicht zueinander kommen durften, sondern sich von einander getrennt halten sollten, damit jeder für sich in seinem eigenen trostlosen Elend eingeschlossen bliebe.

Stumm gingen sie bis zu dem Sandstrand und näherten sich dem Meer.

Die Nacht war überaus friedlich, die Meeresbrise herrlich frisch.

Das endlose Meer war nicht zu sehen, aber man fühlte und hörte es, lebendig und pulsierend in dem schwarzen, unendlichen, stillen Schlund der Nacht.

Nur auf der einen Seite sah man ganz hinten zwischen den am Horizont lagernden Nebelschwaden etwas Blutrotes, Trübes, das auf den Wassern schaukelte. Vielleicht war es das letzte Viertel des abnehmenden Mondes, eingehüllt in den Dunst.

Auf dem Strand breiteten die Wellen sich nach allen Richtungen aus, ohne Schaum zu hinterlassen, wie stille Zungen, und da und dort ließen sie auf dem glatten, glitzernden Sand, der vom Wasser ganz durchtränkt war, die eine oder andere Muschel zurück, die dann sofort, wenn die Welle sich zurückzog, im Sand versank.

In der Höhe war diese ganze faszinierende Stille durchbrochen von dem wilden, unaufhörlichen Funkeln unzähliger Sterne, die so lebendig wirkten, als wollten sie der Erde in dem tiefen Mysterium der Nacht etwas erzählen.

Die beiden gingen weiter stumm eine lange Strecke über den feuchten, nachgiebigen Sand dahin. Die Spur ihrer Schritte dauerte gerade einen Augenblick; die eine begann zu verlöschen, während die nächste sich eindrückte. Zu hören war nur das leise Rascheln ihrer Kleider.

Ein weißschimmerndes Boot im Schatten, das man ans Ufer gezogen und auf dem Sand umgelegt hatte, zog sie an. Sie setzten sich darauf, sie auf der einen, er auf der anderen Seite, und verharrten noch eine Weile in Schweigen und betrachteten die Wellen, die sich gemächlich und gläsern auf dem grauen, weichen Sand ausbreiteten. Dann hob die Frau ihre schönen schwarzen Augen zum Himmel und zeigte ihm im Sternenlicht die Blässe ihrer gemarterten Stirn, ihrer Kehle, die sicher die Angst zuschnürte.

“Noli, singen Sie nicht mehr?”

“Ich… singen?”

“Aber ja, Sie haben doch gesungen, damals, in den schönen Nächten… Erinnern Sie sich nicht mehr, in Matera? Sie haben gesungen… Ich habe ihn noch in den Ohren, den Klang ihrer hübschen Stimme… Im Fffalsett haben Sie gesungen… so sanft… so fffoll leidenschaftlicher Anmut… Erinnern Sie sich nicht mehr?”

Er fühlte, wie ihm dieses plötzliche Heraufrufen der Erinnerung den tiefsten Grund seiner Seele aufwühlte, und in den Haarspitzen und auf dem Rücken verspürte er die Schauder einer unbegreiflichen Rührung.

Ja, ja… das stimmte: er hatte damals gesungen… sogar dort unten noch, in Matera, auch dort hatte er noch die lieben, leidenschaftlichen Lieder seiner Jugend gesungen, und an den schönen Abenden, wenn er mit irgendeinem Freund unter den Sternen spazieren ging, waren ihm diese Lieber wie von selbst auf die Lippen gekommen.

Es stimmte also, daß er es mit sich fortgetragen hatte, das Leben, aus seinem Turiner Elternhaus; dort unten hatte er es noch bei sich gehabt, freilich, wenn er doch gesungen hatte… vor dieser armen kleinen Freundin, der er vielleicht damals ein bißchen den Hof gemacht hatte, in diesen fernen Tagen, ach, nur so, aus Sympathie, ohne Hintergedanken… aus dem Bedürfnis heraus, um sich die Wärme von ein wenig Zuneigung zu spüren, die weiche Zärtlichkeit einer Frau, die ihm eine Freundin war.

“Erinnern Sie sich, Noli?”

Und er, die Augen starr in die Leere der Nacht gerichtet, stammelte: “Ja… ja, Signora, ich erinnere mich…”

“Weinen Sie?”

“Ich erinnere mich…”

Sie schwiegen von neuem.Während sie beide in die Nacht hinaussahen, fühlten sie nun, daß ihr Unglück förmlich als Dampf aufstieg, und längst nicht mehr bloß ihres allein war, sondern das Unglück der ganzen Welt, aller Wesen und aller Dinge, dieses dunklen und schlaflosen Meeres, dieser glitzernden Sterne am Himmel, des ganzen Lebens, das nie wissen kann, weshalb man geboren werden, weshalb man lieben, weshalb man sterben muß.

Die frische, angenehme, von so vielen Sternen durchlöcherte Dunkelheit am Meer hüllte ihre Trauer ein, ließ sie sich in der Nacht auflösen und mit diesen Sternen pulsieren, und langsam, leicht, in monotonem Rhythmus mit diesen Wellen auf den stillen Strand schlagen. Die Sterne, fragten nach dem Warum, auch sie, wenn sie diese Lichtfunken in die Abgründe des Raumes schickten; und das Meer fragte nach dem Warum dieser müden Wellen, und auch die kleinen Muscheln, die da und dort auf dem Sand zurückblieben.

Aber nach und nach wurde die Dunkelheit weniger dicht, zeigte sich allmählich über dem Meer ein erster kühler Schimmer des Morgengrauens. Da begann dann alles, was wie Dunst gewesen war, alles Uralte, fast Samtene in dem Schmerz dieser beiden Menschen, die noch immer auf den Seitenwänden des umgedrehten Bootes auf dem Sand saßen, sich zusammenzuziehen, sich mit nackter Härte abzuzeichnen wie die Umrisse ihrer Gesichter in dem ersten, noch unsicheren und verwischten Licht des neuen Tages.

Er fühlte sich wieder ganz von dem gewohnten Elend seines nahegelegenen Hauses umfaßt, in dem er bald ankommen würde; er sah es wieder vor sich, als wäre er schon dort, mit all seinen Farben, mit all seinen Details, mit seiner Frau und seinem Kleinen darin, die ihn voller Freude begrüßen würden. Und auch sie, die kleine Witwe, sah ihr Schicksal nicht mehr so schwarz und verzweifelt vor sich: sie hatte doch einige Tausend Lire mit, das heißt, das Leben war für einige Zeit gesichert: sie würde schon einen Weg finden, für die eigene Zukunft und die ihrer drei Kleinen zu sorgen. Mit den Händen richtete sie sich ein wenig die Haare auf der Stirne und sagte lächelnd zu Noli:

“Mein Gott, ich muß ja werweißwie aussehen, lieber Freund, nicht wahr?”

Und beide standen auf, um zum Bahnhof zurückzugehen.

Im tiefsten Kämmerchen ihrer Seele hatte sich die Erinnerung an diese Nacht eingegraben; vielleicht, wer weiß, um ihnen später einmal in der Ferne des Gedächtnisses wieder zu erscheinen, mit all dem friedlichen schwarzen Meer, mit all den leuchtenden Sternen, wie ein Funken uralter Poesie und uralter Bitterkeit.

© Michael Rössner.


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