Im Wirbel – 1913

Im Wirbel

In Italiano – Nel gorgo (1913)

Im Wirbel

Erstveröffentlichung 1913 in Aprutium (Darunter vom Autor vermerkt: Juni 1913). Die No in unserer Ausgabe in Band 11, Heinrich IV. und andere Stücke). Keine wesentlichen Varianten bekannt.

aus dem Italienischen von Michael Rössner


Im Circolo della racchetta wurde den ganzen Abend hindurch von nichts anderem gesprochen.

Der erste, der die Botschaft brachte, war Respi, Nicolino Respi, dem die Sache sehr naheging. Wie üblich vermochte er jedoch nicht zu vermeiden, daß die innere Bewegung sich ihm auf den Lippen zu diesem nervösen Lächeln kräuselte, das in den ernstesten Diskussionen wie in den riskantesten Augenblicken des Spiels sein bleiches, gelbliches Gesicht mit den scharfen Zügen so unverwechselbar auszeichnete.

Die Freunde umringten ihn aufgeregt und bestürzt:

“Wirklich verrückt geworden?”

“Nein, nur zum Spaß.”

Traldi, der mit dem ganzen Gewicht seines unförmigen, nilpferdartigen Körpers in dem Diwan versunken war, versuchte mehrfach mit den Händen die Hebelwirkung zu benutzen, um mehr auf dem Rand des Möbels zu sitzen zu kommen, wobei er vor Anstrengung die rotgeäderten Ochsenaugen weit aufriß, die ihm aus den Höhlen zu springen drohten. Er fragte: “Aber entschuldige, du sagst das doch… (aach! aach…) du sagst das, weil er auch dich angesehen hat?”

“Auch mich? Angesehen? Was willst du damit sagen?” fragte Nicolino Respi nun seinerseits verdutzt, indem er sich zu den Freunden wandte. “Ich bin doch heute morgen erst aus Mailand angekommen, und ich finde hier diese schöne Neuigkeit vor. Ich weiß gar nichts, und ich kann es noch immer nicht begreifen, wie Romeo Daddi, zum Teufel, der Ruhigste, der Heiterste, der Weiseste von uns allen…”

“Ist er schon in der Klapsmühle?”

“Aber ja, das sag ich euch doch! Seit heute um drei. Im Sanatorium auf dem Monte Mario.”

“Armer Daddi!”

“Und Donna Bicetta? Ja, wie denn… Es wird ja wohl sie gewesen sein, Donna Bicetta?

“Nein! Sie nicht! Im Gegenteil, sie war um jeden Preis dagegen! Aber vorgestern ist der Vater aus Florenz gekommen.”

“Ach deshalb…”

“Jawohl, und er hat sie zu dieser Entscheidung gezwungen, auch um ihres Mannes willen… Aber erzählt mir doch, worum es dabei eigentlich geht! Du, Traldi, weshalb hast du mich gefragt, ob Daddi auch mich angesehen hatte?”

Carlo Traldi hatte sich wieder behaglich in den Diwan zurückfallen lassen, den Kopf nach hinten gelegt, das gerötete, schweißbedeckte Doppelkinn nach vorne gereckt. Während er mit den dünnen Froschbeinchen schlenkerte, die der riesige Wanst ihn stets in obszöner Weise zu verbergen zwang und er sich in nicht weniger obszöner Weise ständig die Lippen mit der Zunge befeuchtete, antwortete er geistesabwesend:

“Ja so… ich dachte nämlich, du meintest deshalb, daß er verrückt geworden ist.”

“Wieso deshalb?”

“Aber ja. So hat sich ja bei ihm der Wahnsinn geäußert. Er blickte alle in einer so seltsamen Weise an, mein Lieber… Kinder, laßt doch nicht immer mich reden: sagt ihr, wie der arme Daddi zu schauen pflegte.”

Die Freunde erzählten Nicolino Respi daraufhin, daß Daddi, als er von der Sommerfrische zurückgekommen war, allen wie vom Donner gerührt erschien, als wäre er gar nicht bei sich, mit einem vagen Lächeln auf den Lippen und stumpfen, blicklosen Augen, sobald irgend jemand ihn rief. Dann war diese Benommenheit geschwunden, hatte einer seltsamen, auffälligen Starre Platz gemacht. Er starrte die anderen zunächst aus der Ferne, von der Seite her an. Dann, nach und nach, als zögen ihn gewisse Zeichen an, die er an diesem oder jenem seiner engsten Freunde zu erkennen glaubte, insbesondere bei denen, die sein Haus am häufigsten frequentierten (ganz und gar natürliche Zeichen im übrigen, denn tatsächlich waren alle verblüfft über seine plötzliche und sonderbare Veränderung, die sich so gar nicht mit der heiteren Ruhe seines Charakters vertragen wollte), hatte er sie immer mehr aus der Nähe zu belauern begonnen, und in den letzten Tagen war er geradezu unerträglich geworden. Er stellte sich bald dem einen, bald dem anderen gegenüber auf, legte ihm die Hände auf die Schultern und blickte ihm ganz steif und fest in die Augen.

“Der Körper, was für ein Grauen!” rief an dieser Stelle Traldi, wobei er sich von neuem in die Höhe zu ziehen versuchte, um auf den Rand des Diwans zu sitzen zu kommen.

“Aber weshalb?” fragte Respi nervös.

“Hör einmal, jetzt will der auch noch wissen, weshalb”, rief Traldi neuerlich. “Ach, du meinst, weshalb das Grauen? Mein Lieber, dich hätte ich sehen mögen, unter diesem Blick! Du wechselst jeden Tag das Hemd, nehme ich an. Du bist sicher, saubere Füße zu haben und keine Löcher in den Socken. Aber bist du auch sicher, daß du keinen Schmutz in deinem Inneren hast, keinen Fleck auf deinem Gewissen?”

“Ach Gott, ich meine…”

“Hör mal, du bist doch nicht ehrlich!”

“Und du vielleicht?”

“Ich schon, ich bin ganz sicher, daß es so ist. Und glaub mir, so geht es allen, mehr oder weniger, daß wir uns in einem luziden Intervall plötzlich als Schweine sehen! Schon seit einer geraumen Weile, fast jeden Abend, wenn ich meine Kerze ausblase, bevor ich einschlafe…”

“Du wirst alt, mein Lieber! Du wirst alt!” riefen die Freunde im Chor.

“Mag schon sein, daß es daran liegt, daß ich alt werde”, räumte Traldi ein. “Umso schlimmer! Es ist ja nicht eben ein Vergnügen festzustellen, daß ich zu guter letzt nicht umhin kann, mich in diesem Bild meiner selbst wiederzufinden, als ein altes Schwein. Übrigens, warte einmal. Nun, da ich dir das gesagt habe, wollen wir einen Versuch wagen? Ruhe, ihr anderen!”

Und Carlo Traldi stemmte sich ächzend in die Höhe. Er legte die Hände auf Nicolino Respis Schultern und schrie ihn an: “Sieh mir fest in die Augen. Nein, nicht lachen, mein Lieber! Sieh mir fest in die Augen… Warte! Wartet… Ruhe…”

Alle ringsumher schwiegen, gespannt den Ausgang dieses seltsamen Experimentes erwartend.

Traldi fixierte mit seinen großen, eiförmigen und rot­geäderten Augen, die aus den Höhlen traten, auf das schärfste die Augen Nicolino Respis und schien, als wühle er mit dem boshaften Schimmer seines Blicks, der immer schärfer und immer intensiver wurde, in dessen Gewissen und fördere dort in den geheimsten Verstecken die schrecklichsten und abscheulichsten Dinge zutage. Nach und nach begannen die Augen Nicolino Respis – wenngleich darunter die Lippen mit dem üblichen kleinen Lachen sagten: “Ach was, ich will bloß kein Spaßverderber sein” – zu erlöschen, sich zu trüben, auszuweichen, während Traldi unter dem Schweigen der Freunde mit einer seltsamen Stimme, und ohne den Blick abzuwenden oder auch nur ein wenig in der Intensität abzuschwächen, triumphierend sagte:

“Das hast du’s… siehst du?… siehst du?”

“Ach hör doch auf!”, brach es aus Respi heraus, der nicht mehr an sich halten konnte und ganz die Beherrschung verlor.

“Hör du doch auf, wir haben uns schon verstanden”, rief Traldi. “Du bist ein noch größeres Schwein als ich!”

Und er brach in ein Gelächter aus. Auch die anderen lachten, mit dem Gefühl einer unerwarteten Erleichterung. Und Traldi setzte fort: “Nun, das ist bloß ein Scherz gewesen. Nur im Scherz kann einer von uns einen anderen auf diese Weise ansehen. Denn du genauso wie ich, wir haben bislang in uns ein funktionstüchtiges Maschinchen des gesellschaftlichen Umgangs, und wir lassen den Abschaum all unserer Taten, all unserer Gedanken, all unserer Gefüh­le still und heimlich sich versteckt am tiefsten Grund unseres Gewissens absetzen. Aber warte, wenn dann einer, bei dem das Maschinchen kaputtgegangen ist, dich so ansieht, wie ich dich eben angesehen habe, aber nicht mehr zum Scherz, son­dern im Ernst, und wenn er dir auf diese Weise, ohne daß du darauf gefaßt bist, den ganzen Bodensatz an Abschaum deiner Taten, Gedanken und Gefühle, den du in dir trägst, vom tiefsten Grund deines Gewissens aufrührt; dann möchte ich doch sehen, ob du nicht einen schönen Schrecken bekommst!”

Während er das sagte, wandte Carlo Traldi sich erregt zum Gehen. Er kam jedoch noch einmal zurück und setzte hinzu: “Und weißt du, was er vor sich hinmurmelte, ganz leise, der arme Daddi, während er dir in die Augen sah? Sagt ihr es, was er murmelte! Ich muß laufen.”

“Welch ein Abgrund… welch ein Abgrund…”

“So?”

“Ja… welch ein Abgrund… welch ein Abgrund…”

Als Traldi gegangen war, löste sich die Menschentraube auf, und Nicolino Respi blieb höchst durcheinander in der Gesellschaft der beiden einzigen Freunde zurück, die noch eine Weile hindurch weiter von dem Unglück des armen Daddi sprachen.

Ungefähr zwei Monate war es her, daß er ihn in seiner Villa bei Perugia besucht hatte. Er hatte ihn ruhig und heiter wie immer vorgefunden, in Gesellschaft seiner Frau und einer Freundin derselben namens Gabriella Vanzi, einer ehemaligen Schulkameradin, die vor kurzem einen Marineoffizier geheiratet hatte, der sich gerade auf hoher See aufhielt. Er war drei Tage in der Villa geblieben, und in diesen drei Tagen, nein, da hatte Romeo Daddi ihn kein einziges Mal in der Weise angesehen, von der Traldi gesprochen hatte.

Hätte er ihn angesehen…

Nicolino Respi befiel ein Unwohlsein wie von einem plötzlichen Schwindel, und um sich zu stützen – unter einem Lächeln, leichenblaß – tat er, als wollte er sich vertraulich bei einem der beiden Freunde einhängen.

Was war geschehen? Was erzählten sie da? Folter? Was für eine Folter? Ach so, die Folter, der Daddi seine Frau unter­zogen hatte…

“Nachher, was?” – entschlüpfte es ihm.

Und die beiden wandten sich zu ihm um.

“Was heißt nachher?”

“Ach… nein, ich meinte… nachher, also, nachdem bei ihm… bei ihm das Maschinchen kaputt gegangen war.”

“Na klar! Vorher wohl sicher nicht!”

“Zum Donnerwetter, sie waren doch ein Wunder an ehe­licher Eintracht, an häuslichem Frieden! Sicherlich muß irgendetwas mit ihm während der Sommerfrische geschehen sein.”

“Aber ja, wenigstens irgendein Verdacht muß ihm gekommen sein.”

“Na seid so gut! Seiner Frau gegenüber?”, platzte Nicolino Respi heraus. “Das kann, wenn überhaupt, nur ein Effekt des Wahnsinns gewesen sein, nicht seine Ursache! Nur ein Wahnsinniger…”

“Einverstanden! Einverstanden!”, riefen die Freunde dazwischen. “Bei einer Frau wie Donna Bicetta!”

“Über jeden Verdacht erhaben! Aber andererseits…”

Nicolino Respi konnte diese beiden nicht mehr anhören. Er erstickte. Er brauchte Luft, mußte ein wenig im Freien spazieren gehen, allein. Er ergriff den ersten besten Vorwand und ging.

Ein banger Zweifel hatte sich in ihm festgesetzt und brachte ihn ganz durcheinander.

Niemand konnte besser wissen als er, daß Bicetta Daddi tatsächlich über jeden Zweifel erhaben war. Seit über einem Jahr hatte er ihr seine Liebe erklärt, hatte er ihr den Hof gemacht und sie förmlich belagert, ohne je mehr zu ernten als ein sanftes Lächeln des Bedauerns über seine vergebli­chen Mühen und Qualen. Mit jener heiteren Ruhe, die aus der festesten Selbstsicherheit kommt, hatte sie ihm bewiesen, daß jedes Beharren seinerseits vergeblich sein mußte, denn sie war ebenso verliebt wie er, vielleicht sogar noch mehr als er, aber in ihren Mann. Da das so war, mußte er, wenn er sie wirklich liebte, doch verstehen, daß sie in keiner Weise ihre Liebe verraten konnte. Wenn er das nicht verstand, war das ein Zeichen, daß er sie nicht wirklich liebte. Und dann?

Bisweilen ist das Meerwasser an gewissen einsamen Stränden von einer so klaren und durchsichtigen Reinheit, daß man, so sehr es einen auch drängt, hineinzuspringen, um sich in ihm zu erfrischen, doch von einer fast sakralen Scheu zurückgehalten wird, es aufzuwühlen und zu trüben.

Diesen Eindruck der Reinheit und diese Scheu hatte Nicolino Respi stets empfunden, wenn er sich der Seele Bicetta Daddis näherte. Sie liebte das Leben, diese Frau, mit einer so stillen, aufmerksamen und sanften Liebe! Bloß in den drei Tagen, die er in ihrer Villa bei Perugia ver­brachte, hatte er, überwältigt von der glühenden Begierde, seine Scheu doch überwunden, diese Reinheit doch aufgewühlt und getrübt; aber nur, um schroff abgewiesen zu werden.

Nun war sein banger Zweifel, daß die Verwirrung, die er in diesen drei Tagen bewirkt hatte, sich nach seiner Abreise nicht gleich wieder gelegt haben mochte; vielleicht war sie so sehr angewachsen, daß der Ehemann sie bemerkt hatte. Sicher war nur eines: Bei seiner Ankunft in der Villa war Romeo Daddi heiter und ruhig; wenige Tage nach seiner Abreise war er verrückt geworden.

War es also seinetwegen? War sie also von seiner aggressiven Liebeserklärung so tief erschüttert und niedergeworfen worden?

Aber freilich, ganz sicher, was gab es da noch zu zweifeln?

Die ganze Nacht wälzte sich Nicolino Respi auf diese Weise hin und her, wand sich in wütenden Anfällen, bald den Gewissensbissen durch ein boshaftes, unbändiges Freudengefühl entrissen, bald aus diesem Freudengefühl wieder in die Gewissensbisse zurückfallend.

Am Morgen darauf lief er, kaum daß die Uhrzeit für einen Besuch geeignet erschien, zum Haus von Donna Bicetta Daddi. Er mußte sie sehen; er mußte sofort, so oder so, Klarheit über seinen Zweifel erlangen. Vielleicht würde sie ihn nicht empfangen; aber so oder so wollte er in ihrem Haus vorsprechen, bereit, alle Konsequenzen dieser Situation auf sich zu nehmen oder ihnen die Stirn zu bieten.

Donna Bicetta Daddi war nicht zu Hause.

Seit einer Stunde war sie damit beschäftigt, ohne es zu wollen, ohne es zu wissen, ihre Freundin Gabriella Vanzi, die drei Monate lang ihr Gast in der Villa gewesen war, den grausamsten Foltern zu unterziehen.

Sie hatte sie aufgesucht, um gemeinsam zu suchen, nicht den Grund, ach, bloß den Vorwand, wenigstens den auslösenden Faktor für ihr Unglück, dort, wo es sich zuerst gezeigt hatte, während dieser Sommerfrische, in den letzten Tagen derselben. Sie allein, so sehr sie sich auch den Kopf zerbrach, hatte nichts gefunden.

Seit einer Stunde beharrte sie darauf, Minute um Minute diese letzten Tage zu evozieren, zu rekonstruieren.

“Erinnerst du dich daran? Erinnerst du dich, daß er am Morgen in den Garten hinunterging, ohne seinen alten Leinenhut aufzusetzen, und daß er hinaufrief, damit wir ihn zum Fenster hinunterwerfen sollten, und daß er dann wieder hinaufstieg, lachend, mit diesem Rosenstrauß? Erinnerst du dich, wie er darauf bestand, daß ich zwei davon mitnehmen sollte; wie er mich danach bis zum Gartentor begleitete, mir beim Einsteigen in das Automobil half und mich bat, ihm aus Perugia diese Bücher mitzubringen… warte… eines war… ich weiß nicht… es ging um Saatgut… erinnerst du dich? Erinnerst du dich?”

Ganz versunken in der Mühe, so viele wertlose Einzelheiten ins Gedächtnis zurückzurufen, bemerkte sie nicht einmal die Beklemmung, die Erregung ihrer Freundin, die von einem Augenblick zum anderen zunahm.

Nun hatte sie bereits ohne das geringste Zeichen von Verwirrung die drei Tage Revue passieren lassen, die Nicolino Respi in der Villa verbracht hatte, und sie hatte sich keinen Augenblick mit dem Gedanken aufgehalten, ihr Mann hätte in dem harmlosen Werben Respis um sie, einen Grund für seinen plötzlichen Wahnsinn finden können. Das war nicht denkbar. Sie hatten doch zu dritt darüber gelacht, über dieses Werben, nachdem Respi nach Mailand zurückgefahren war. Wie konnte man es da annehmen? Und außerdem war ihr Mann nicht nach dieser Abreise noch vierzehn Tage lang ganz ruhig und heiter gewesen wie zuvor?

Nein, nie, nie auch nur das geringste Zeichen des entferntesten Verdachtes! In sieben Jahren Ehe, nie! Wie, wo hätte er denn einen Vorwand dafür finden können? Und dann, sieh einmal her, ganz plötzlich, dort, im ländlichen Frieden, ohne daß irgendetwas geschehen wäre…

“Ach Gabriella, meine liebe Gabriella, glaub mir, ich werde noch wahnsinnig, auch ich werde wahnsinnig.”

Plötzlich, kaum hatte sie sich von dieser Krise der Verzweiflung erholt, bemerkte Donna Bicetta Daddi, als sie die tränenerfüllten Augen zu dem Gesicht der Freundin aufhob, darin eine bläuliche Starre wie die eines Leichnams, um sich gegen einen unerträglichen Krampf zu wehren, und Gabriella schnaufte mit geblähten Nasenflügeln und starrte sie mit einem bösen Blick an. O Gott! Das waren ja beinahe dieselben Augen, mit denen sie in den letzten Tagen auch ihr Mann angesehen hatte.

Sie fühlte, wie sie erstarrte und empfand fast so etwas wie einen tödlichen Schrecken.

“Warum… du auch… warum…”, stammelte sie zitternd, “warum siehst auch du… auch du mich so an?”

Gabriella Vanzi unternahm eine entsetzliche Anstrengung, um diesen Ausdruck, den ihr Gesicht ohne ihr Wissen angenommen hatte, in ein wohlwollendes, mitleidiges Lächeln aufzulösen: “Ich… ich sehe dich an?… Nein… ich war nur so in Gedanken… Ja, ich wollte dir sagen… ja, ich weiß, du bist deiner sicher… hast du wirklich nichts… hast du dir wirklich gar nichts… gar nichts vorzuwerfen?”

Donna Bicetta Daddi erstarrte; mit weit aufgerissenen Augen, die Hände auf die Wangen gelegt, schrie sie: “Wieso denn?… Aber du sprichst ja jetzt… du sprichst jetzt auch noch mit seinen Worten zu mir?… Wieso denn?… Wie kannst du das tun?…”

Das Gesicht Gabriella Vanzis verzog sich, ihre Augen wurden glasstarr: “Ich?”

“Du, jawohl. O Gott! Jetzt wirst du auch genauso abwesend wie er… was hat das zu bedeuten?… Was hat das zu bedeuten?”

Sie hatte diesen Satz noch nicht zu Ende gehaucht, wobei sie fühlte wie, ihr allmählich die Beine nachgaben, da lag ihr plötzlich ihre Freundin in den Armen und preßte den Kopf an ihre Brust.

“Bice… Bice… du hast einen Verdacht gegen mich?… Du bist hierher gekommen, weil du einen Verdacht gegen mich hast, stimmt’s?”

“Nein… nein… ich schwöre dir, Gabriella… nein… erst jetzt…”

“Jetzt, nicht wahr? Ja… Aber du hast unrecht, du hast unrecht, Bice… Denn du kannst nicht verstehen…”

“Was ist denn gewesen?… Gabriella, komm, sag es mir, was ist gewesen?”

“Du kannst es nicht verstehen… du kannst es nicht verstehen… ich kenne den Grund dafür, daß dein Mann wahnsinnig geworden ist… ich kenne ihn!”

“Den Grund? Welchen Grund?”

“Ich kenne ihn, weil er in mir ist, auch in mir, dieser Grund, wahnsinnig zu werden… um dessentwillen, was uns beiden geschehen ist!”

“Euch beiden?”

“Ja… ja… mir und deinem Mann.”

“Ach, also so?”

“Nein, nein! Nicht, wie du es dir vorstellst! Du kannst es nicht verstehen… ohne zu betrügen, ohne es zu denken oder zu wollen… in einem Augenblick… etwas Entsetz­liches, an dem niemand schuld hat. Siehst du, wie ich dir das erzähle? Wie ich zu dir davon sprechen kann? Weil ich keine Schuld habe! Und er auch nicht! Aber eben deshalb… Hör mir zu, hör mir zu; und wenn du erst alles weißt, wirst du vielleicht auch wahnsinnig werden, so wie ich nahe daran bin, wahnsinnig zu werden, so wie er wahnsinnig geworden ist… Hör zu! Du hast dich doch eben an den Tag erinnert, an dem du im Automobil von der Villa nach Perugia gefahren bist, nicht wahr? An dem er dir zwei Rosen gab und von den Büchern sprach…”

“Ja.”

“Gut: An diesem Morgen ist es geschehen!”

“Was?”

“Alles, was vorgefallen ist. Alles und nichts… Laß es mich erzählen, um Himmels willen! Es war sehr heiß, erin­nerst du dich? Nachdem wir deiner Abfahrt zugesehen hatten, gingen wir beide, er und ich, durch den Garten zurück. Die Sonne brannte und der Lärm der Zikaden war ohrenbetäubend… Wir gingen wieder ins Haus und setzten uns in den kleinen Salon neben dem Eßzimmer. Die Jalousien waren geschlossen, die Läden zugezogen; es war fast dunkel da drinnen; und die unbewegliche Kühle… (ich erzähle dir jetzt meine Ein­drücke, die einzigen, die ich haben konnte, an die ich mich erinnere und erinnern werde, solange ich lebe; aber viel­leicht hatte er sie auch, ganz dieselben Eindrücke… er mußte sie wohl haben, sonst könnte ich mir gar nichts mehr erklären); es war diese unbewegliche Kühle, nach all dieser Sonne und dem betäubenden Lärm der Zikaden… in einem Augenblick, ohne es auch nur zu denken, ich schwöre es dir! Nie, nie, weder ich noch er, das ist ganz sicher… wie durch eine unwiderstehliche Anziehung dieser schrecklichen Leere, der angenehmen Frische in diesem Halbdunkel… Bice, Bice… so, ich schwöre es dir, in einem Augenblick…”

Donna Bicetta Daddi sprang auf, getrieben von einer Woge des Hasses und der Verachtung: “Ach, deshalb also?” zischte sie zwischen den Zähnen, wobei sie mit einer katzenhaften Bewegung zurückwich.

“Nein! Nicht deshalb!” schrie Gabriella Vanzi, während sie ihr die Arme in einer flehenden und verzweifelten Geste entgegenstreckte. “Nicht deshalb, nicht deshalb, Bice! Dein Mann ist deinetwegen verrückt geworden, deinetwegen, nicht meinetwegen!”

“Meinetwegen ist er verrückt geworden? Was willst du damit sagen? Wegen der Gewissensbisse?”

“Nein! Was denn für Gewissensbisse? Man braucht doch keine Gewissensbisse zu haben, wenn man den Fehltritt nicht gewollt hat… Das kannst du nicht verstehen! So wie auch ich es nicht verstehen könnte, wenn ich nicht bei der Über­legung, was mit deinem Mann geschehen ist, an meinen Mann gedacht hätte! Ja, ja, ich verstehe jetzt den Wahnsinn deines Mannes, weil ich an meinen denke, der auf dieselbe Weise wahnsinnig würde, wenn ihm das geschähe, was deinem Mann mit mir geschehen ist! Ohne Gewissensbisse! Ohne Ge­wissensbisse! Und eben deshalb, weil es ohne Gewissensbisse geschehen ist… Verstehst du? Das ist ja das Ensetzliche daran. Ich weiß nicht, wie ich dir das begreiflich machen soll! Ich begreife es ja auch nur, ich sage es noch einmal, wenn ich an meinen Mann denke und mich vor mir sehe, so ohne irgendwelche Gewissensbisse um eines Fehltritts willen, den ich nicht begehen wollte. Siehst du, wie ich dir davon erzählen kann, ohne zu erröten? Weil ich nicht weiß, Bice, weil ich wirklich nicht weiß, wie dein Mann ist; so wie er sicherlich nicht weiß, nicht wissen kann, wie ich bin… Es war wie ein Wirbel, verstehst du? Wie ein Wirbel, der sich plötzlich zwischen uns aufgetan hat, ohne daß jemand es geahnt hätte, um uns in einem Augenblick zu packen und hinabzuziehen, und er hat sich sofort wieder geschlossen, ohne auch nur die geringste Spur zu hinterlassen! Sofort danach war unser Gewissen wieder rein und gleichmäßig. Wir haben nicht mehr an das gedacht, was zwischen uns vorgefallen war, nicht einmal für einen Augenblick; unsere Verwirrung dauerte nur einen Moment; wir sind davongelaufen, der eine hierhin, der andere dorthin; aber kaum waren wir allein: Nichts, als ob nichts gewesen wäre, nicht nur vor dir, als du kurz danach zurückkamst, sondern auch vor uns selbst. Wir konnten einander in die Augen sehen und wieder wie vorher miteinander reden, ganz genauso wie vorher, als ob nichts geschehen wäre, denn es war, das schwöre ich dir, keine Spur mehr von dem Vorgefallenen in uns. Nichts, nichts, nicht einmal ein Schatten der Begierde, gar nichts. Alles zu Ende. Verschwunden. Das Geheimnis eines Augen­blicks, begraben für immer. Nun, das war es, was deinen Mann in den Wahnsinn getrieben hat. Nicht der Fehltritt, den keiner von uns zu begehen gedacht hat! Sondern das: die Möglichkeit zu denken, daß das geschehen kann; daß eine ehrbare Frau, die ihren Mann liebt, in einem Augenblick, ohne es zu wollen, durch einen hinterhältigen Überfall der Sinne, durch die rätselhafte Komplizenschaft des Augen­blicks, des Ortes, in die Arme eines anderen Mannes sinkt; und eine Minute danach alles wieder vorbei ist, auf immer; der Wirbel hat sich wieder geschlossen; das Geheimnis ist begraben; keine Gewissensbisse; keine Verwirrung; keine Anstrengung, um den anderen, um uns selbst ins Gesicht zu lügen. Er hat einen Tag gewartet, zwei, drei; er hat keine Bewegung in seinem Inneren gespürt, weder in deiner Gegenwart, noch in der meinen; er hat mich gesehen, ganz so, wie ich vorher war, mit ihm wie mit dir; er hat wenig später – erinnerst du dich? – meinen Mann in die Villa kommen sehen, er hat gesehen, wie ich ihn begrüßt habe, mit welcher Sehnsucht, mit welcher Liebe… und da hat der Abgrund, in dem unser Geheimnis auf immer versunken war, ohne die geringste Spur zu hinterlassen, ihn allmählich eingesogen und ihm den Verstand verwirrt. Er hat an dich gedacht; er hat gedacht, daß vielleicht auch du…”

“Auch ich?”

“Ach, Bice, es wird dir sicherlich nie so etwas passiert sein, ich glaube es schon, meine liebe Bice! Aber wir, er und ich, wir wissen aus Erfahrung, daß es geschehen kann, und daß es, wie es bei uns möglich war, ohne daß wir es wollten, auch bei jeden anderen möglich ist! Er wird gedacht haben, daß er dich manchmal, wenn er nach Hause kam, im Salon vorgefunden hat, mit einem seiner Freunde, und daß es in einem Augenblick auch dir geschehen hätte können, und diesem Freund, das, was mir und ihm geschehen konnte, in derselben Weise; daß du in dir, ohne jede Spur, dasselbe Geheimnis verschließen, es ohne jede Lüge verbergen könntest, das ich in mir verschloß und vor meinem Mann verbarg, ohne ihn zu belügen. Und kaum war ihm dieser Gedanke in den Kopf geraten, da hat ein dünnes, scharfes Brennen begonnen, an seinem Gehirn zu nagen, wenn er dich fremdartig, fröhlich und liebevoll im Umgang mit ihm sah, wie ich es mit meinem Mann war; mit meinem Mann, den ich, das schwöre ich dir, mehr als mich selbst liebe, mehr als alles auf der Welt! Er begann zu denken: “Nun, und diese Frau, die sich ihrem Mann gegenüber so benimmt, ist einen Augenblick lang in meinen Armen gelegen! Und deshalb könnte doch auch meine Frau, in einem Augenblick… wer weiß?… wer kann das je wissen?…”. Und so ist er wahnsinnig ge­worden. Ach! Sag nichts, Bice, ich bitte dich, sag nichts!”

Gabriella Vanzi stand auf, totenbleich und zitternd.

Sie hatte gehört, wie draußen, im Vorzimmer die Türe aufgegangen war. Ihr Mann kam nach Hause.

Als Donna Bicetta Daddi sah, wie ihre Freundin mit einem Schlag ihr früheres Gesicht wieder zurückbekam, rosig, mit klaren Augen, und einem Lächeln auf den Lippen, als sie ihrem Mann entgegenging, da blieb sie fast zerstört zurück.

Gar nichts, ja, das stimmte: keine Verwirrung mehr, keine Gewissensbisse, keine Spur…

Und Donna Bicetta begriff ganz und gar, weshalb ihr Mann, Romeo Daddi, wahnsinnig geworden war.

© Michael Rössner.


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