Erledigen wir das, damit wir den Gedanken aus dem Kopf haben – 1910



Erledigen wir das, damit wir den Gedanken aus dem Kopf haben

In Italiano – Leviamoci questo pensiero (1910)

Erledigen wir das, damit wir den Gedanken aus dem Kopf haben

Erstveröffentlichung im Corriere della sera vom 19. Juli 1910. Keine wesentlichen Varianten bekannt.

 aus dem Italienischen von Michael Rössner 


Im Sterbezimmer waren alle Verwandten versammelt: der steinalte Vater, die Schwestern mit ihren Ehemännern, die Brüder mit ihren Ehefrauen und ihren ältesten Kindern. Manch einer weinte still vor sich hin, das Taschentuch auf die Augen gepreßt; manch einer schüttelte bitter den Kopf, kaum merklich, und zog die Mundwinkel nach unten, während er die arme Tote auf dem Bett zwischen den vier Kerzen betrachtete, mit dem kleinen silbernen Kruzifix und dem Rosenkranz aus roten Perlen in den harten, bläulich angelaufenen und mit Gewalt auf der Brust verschränkten Händen.

Bernardo Sopo, ihr Mann, ging im Nebenzimmer auf und ab. Breitschultrig, wenngleich mit armseligen, müden Beinchen ausgestattet, ging er dort auf und ab, kahlköpfig und vollbärtig wie ein Kapuziner­pater, mit halbgeschlossenen Augen, die Brille auf der Nasenspitze vergessen, die Hände auf dem Rücken verschränkt; von Zeit zu Zeit blieb er kurz stehen und sagte:

“Ersilia… die Ärmste…”

Dann begann er wieder auf und abzugehen, und kurz darauf blieb er wieder stehen, um nochmals zu wiederholen:

“Die Ärmste.”

 Der Klang seiner Schritte, der Klang seiner Stimme bei dem, was da nicht einmal wie ein Ausruf des Bedauerns klang, sondern eher wie eine logische Schlußfolgerung, störten die stumm und in tiefer Trauer in dem Sterbezimmer verharren­den Verwandten. Noch mehr aber störte seine Gegenwart, jedes Mal, wenn er einen Augenblick auf der Schwelle stehen blieb, und mit rückwärts geneigtem Kopf, die Augen hinter den Wimpern verborgen, alle reihum ansah, als betrachte er mitleidig dieses Schauspiel des Todes, das sie dort aus ehrlichem Herzen aufführten, als müßten sie eine Pflicht erfüllen, eine überaus traurige, sicher, aber doch auch eine ganz und gar unnötige.

Und kaum wandte er ihnen den Rücken, um wieder im Neben­zimmer auf und abzugehen, hatten alle den Eindruck, daß dieser Mann, indem er so auf und abging, mit erzwungener Geduld den Augenblick erwartete, in dem da drinnen endlich das Weinen zu Ende sein würde.

In einem bestimmten Augenblick sahen sie ihn mit einem Ausdruck das Zimmer betreten, den sie an ihm gut kannten, einen Ausdruck der Resignation, aber zugleich der Starr­köpfigkeit, mit dem er den Protesten aller begegnete und alle Beschimpfungen entgegennahm wie ein Esel die Peit­schenhiebe, ohne sich doch einen Schritt von dem Abgrund vor ihm fortzubewegen.

Es fehlte nicht viel, und sie hätten gefürchtet, er könnte diese vier Kerzen ausblasen, als wollte er sagen, das Schauspiel habe nun genug gedauert und könnte gut zu Ende gehen.

Sogar dessen hielten diese Verwandten Bernardo Sopo für fähig. Und wirklich, wenn es auf ihn angekommen wäre – nein, ausgelöscht hätte er sie nicht, ausgelöscht niemals – aber sie wären gar nie angezündet worden, diese Kerzen, und auch diese Blumen wären nicht aufs Bett gestreut worden, der Toten wäre nicht dieses Kruzifix und dieser Rosenkranz aus roten Perlen in die Hand gedrückt worden. Aber nicht aus dem Grund, den die Verwandten böswilligerweise anzunehmen geneigt waren.

Bernardo Sopo trat zu seinem Schwiegervater hin und bat ihn, einen Augenblick mit ihm in sein Arbeitszimmer zu kommen.

Dort entlockte ihm der Anblick der stillen Möbel im Halb­dunkel, die nichts von dem wußten, was dort drüben vorgefallen war, ein hörbares Schnauben, besonders der An­blick der von dicken Büchern über Philosophie überquellenden Regale. Er öffnete eine Lade des Schreibtisches, zog ein auf seine verstorbene Frau lautendes Zertifikat heraus und reichte es dem Schwiegervater hin.

Dieser, von dem Unglück ganz verstört, starrte mit wimpernlosen, durch das Weinen blutunterlaufenen Augen erst dieses Zertifikat, dann seinen Schwiegersohn an, ohne etwas zu begreifen.

“Ersilias Mitgift”, sagte Sopo zu ihm.

Der Alte warf entrüstet das Zertifikat auf den Schreib­tisch, und nachdem er dortselbst auf den ersten besten Stuhl ge­sunken war, weil er sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte, sprang er gleich wieder wie von der Tarantel gestochen auf, um ins Sterbezimmer zurückzulaufen. Aber Bernardo Sopo, der schmerzlich die Augen zusammenkniff und die Hände vorstreckte, versuchte ihn zurückzuhalten.

“Um Himmels willen”, bat er. “Was zu tun ist, muß getan werden…”

“Weinen!” schrie der Alte zurück. “Weinen! Sie beweinen, das ist einstweilen das einzige, was zu tun ist!”

Bernardo Sopo kniff wieder schmerzlich die Augen zusammen, aus tiefem Mitleid mit diesem armen Alten, mit diesen armen Vater; aber dann blickte er auf, hob die Brust, sog so viel Luft wie möglich durch die Nasenlöcher ein und sagte, während er sie mit einer Geste verzwei­felter Müdig­keit wieder ausblies:

“Was hilft das schon?”

Da er keine Kinder mit seiner Frau gehabt hatte, mußte er die Mitgift zurückerstatten.

Das galt es zu erledigen, damit er den Gedanken aus dem Kopf hatte.

Ein anderer Gedanke, bei dem er es kaum erwarten konn­te, ihn aus dem Kopf zu haben, war der an das Haus. Nachdem die Frau verstorben war und er die Mitgift zurückerstatten mußte, konnte er sich bei all den Belastungen, die er auf sich hatte, die Miete nicht länger leisten. Zudem wäre dieses Haus für ihn, der nun allein zurückblieb, ohnedies viel zu groß gewesen. Glücklicherweise lautete der Mietver­trag auf seine Frau, so daß er sich mit ihrem Tod ganz von selbst auflöste.

Aber da waren noch die Möbel, all die Möbel, mit denen die arme Verstorbene, die eine besondere Liebe für das Deko­ra­tive gehabt hatte, sämt­li­che Zimmer bis in die entlegen­sten Winkel vollgeräumt hatte. Und Bernardo Sopo empfand sie als ebenso viele Felsblöcke, die auf seiner Brust lasteten.

Bis zum Monatsende waren es nur noch sechs Tage. Die Miete für diesen Monat war bezahlt; er wollte nicht wegen all dieser Möbel da, mit denen er nichts anzufangen wußte, auch noch die für den nächsten Monat zahlen. Er hatte bereits vereinbart, in ein möbliertes Zimmer zu ziehen. Aber wie sollte er die Sache beschleunigen? Damit er diesen anderen Gedanken mit den Möbeln aus dem Kopf bekam, mußte zuerst seine Frau auf den Friedhof getragen worden sein; und nach dem ausdrücklichen Willen der Verwandten mußten dafür wenigstens achtundvierzig Stunden vergehen, da sie so plötz­lich an einem Herzstillstand gestorben war.

“Achtundvierzig Stunden”, murmelte Bernardo Sopo, während er weiter spazierenging, mit halbgeschlossenen Augen und sich mit der unruhigen Hand das Kinn unter den Haaren des dichten Kapuzinerpater-Bartes kratzend. “Achtundvierzig Stunden! Als ob die arme Ersilia nicht wirklich tot sein könnte! Leider ist sie wirklich tot! Leider für mich, nicht für sie. Ach, sie, die arme Ersilia, sie hat diesen Gedanken des Todes jetzt aus dem Kopf. Während wir hier jetzt… Alle diese Dummheiten, die zu erledigen sind; und die man erle­digen muß! Die Totenwache, sicherlich, und die Kerzen und die Blumen und der Begräbnisritus in der Kirche und die Über­führung und das Begraben. Achtundvierzig Stunden!”

Und ohne auf die schrägen Blicke zu achten, die ihm alle zuwarfen, weil sein Schwiegervater gerade eben die Geschichte von dem Zertifikat über die Mitgift erzählen gekommen war, gab er weiterhin auf jede nur denkbare Weise die Beklemmung, ja die Raserei zu erkennen, die dieses er­zwungene Warten in ihm auslöste.

Unter dem Ansturm der drängenden Sorgen fand er einfach keine Ruhe; er trat bald zu diesem, bald zu jenem der engsten Verwandten der Verblichenen hin, unwiderstehlich getrieben von der Idee, ihm ein paar von den vielen Dingen vorzu­schlagen, die zu tun waren; aber sogleich spürte er bei dem Gesprächspartner das Entsetzen und die Ablehnung. Er nahm das nicht übel. Er war schon darauf gefaßt. Im übrigen erkannte er ja an, daß dieses Entsetzen, diese Ablehnung nur natürlich waren gegenüber einem, der wie er die harten Notwendigkeiten des Lebens verkörperte. Er verstand und bemitleidete den anderen, blieb eine Weile neben ihm stehen und beobachtete ihn unter den halbgeschlossenen Lidern, unbeweglich, störend, erdrückend, bis er endlich bei dem anderen ein Aufseufzen und die Frage auslöste: “Brauchst du etwas von mir?”

Er nickte mit dem Kopf, traurig, und mit müdem, zerstörten Ausdruck schleppte er den anderen in das Eßzimmer, um dort auf und abzugehen.

Nachdem er dort zwei oder dreimal hin- und hergelaufen war, wobei er stoßweise ausrief: “Ach, das Leben, mein Lieber, was für ein Jammer!” – “Das Leben, was für ein Elend!” – oder wiederum: “Ersilia… die Ärmste…”, blieb er stehen und seufzte in demütiger, ergebener Haltung, oder indem er sich plötzlich zerstreut gab:

“Du, mein Lieber, wenn du willst, könntest du dir einstweilen diese beiden Vitrinen mit dem Porzellan und den Gläsern nehmen. Auch die Anrichte, wenn du willst.”

Das Angebot in diesem Augenblick, da dort drüben noch der Leichnam lag, erschien dem Gesprächspartner wie eine Beleidigung, ja schlimmer, wie ein Schlag ins Gesicht. Und ohne andere Antwort als einen angewiderten, verächtlichen Blick sah Bernardo Sopo sich plötzlich stehen gelassen.

Das nahm ihm freilich nicht den Mut, kurz darauf zu einem anderen der nächsten Verwandten hinzutreten und ihn zu einem Spaziergang in den Salon zu führen, um ihm in einem bestimmten Augenblick, so wie dem vorhergehenden Gesprächs­partner, ein Angebot zu machen:

“Wenn dir dieses Kanapee und diese kleinen Lehnsessel gefallen, kannst du sie gerne haben, weißt du, Lieber!

Zu guter Letzt, als er sah, wie die nächsten Verwandten sich alle entrüstet weigerten, begann er die Möbel und den Hausrat den weniger nahen Verwandten und auch dem einen oder anderen Fremden unter den Freunden des Hauses anzubieten, wobei die Beschenkten ihm mit weniger Skrupeln, aber doch verdattert und schüchtern für das Angebot dankten. Bernardo Sopo schnitt die Danksagungen sogleich mit einer Handbewe­gung ab, zuckte die Achseln, als wollte er sagen, er messe diesem Geschenk keinerlei Bedeutung bei, und fügte hinzu:

“Du mußt dich freilich ziemlich beeilen, sie fortzu­schaffen; es liegt mir am Herzen, dieses Haus so bald wie möglich zu räumen.”

Jene anderen verfolgten ihn einstweilen aus dem Sterbe­zimmer heraus wie rasend mit bösen Blicken und gaben ihre Wut, ihre Verachtung und ihren Abscheu zu erkennen.

Nein, sie hatten kein Recht, kein Recht an diesen Möbeln, die ihm, Bernardo Sopo, ganz allein gehörten; aber zum Teufel, es war doch eine Ungehörigkeit!

Und einer nach dem anderen hielten sie es nicht mehr aus, sprangen von ihren Stühlen auf und beschimpften ihn, knurrten ihm zwischen den Zähnen zu, er solle sich schämen über das, was er tat, sich schämen, so wie sogar die Leute sich für ihn schämten, die in der Peinlichkeit der Situation es nicht verstanden hatten, seine Angebote von sich zu weisen. Sie riefen sie als Zeugen an:

“Ist’s nicht wahr? Ist’s nicht wahr?”

Und jene zuckten die Achseln, ein betrübtes Lächeln auf den Lippen.

“Aber freilich! Ein jeder von ihnen!” riefen da die Verwandten aus. “Das sind doch Beleidigungen!”

Und Bernardo Sopo erwiderte, immer noch mit geschlosse­nen Augen, während er die Arme ausbreitete:

“Aber entschuldigt, meine Lieben, warum das alles? Ich gebe alles her, was ich habe… Für mich ist’s vorbei, meine Lieben! Ich darf nicht mehr daran denken, ich muß das aus dem Kopf haben! Ich weiß, was ich für eine Bürde mit mir herumschleppe. Laßt mich doch machen. Das sind Dinge, die getan werden müssen.”

Und die anderen schrien: “Na gut, sie müssen getan wer­den: aber zur rechten Zeit und am rechten Ort, zum Donnerwetter!”

Und darauf sagte er, um die Suada abzuschneiden, indem er wieder zu sich fand: “Ich verstehe… ich verstehe…”

Aber er verstand nicht im geringsten; oder besser, er verstand nur das eine: daß diese verlangte Verzögerung eine Schwäche war; eine Schwäche wie dieses ganze Weinen dort.

Sie glaubten, er hätte kein Herz, weil er nicht weinte. Aber zeigt denn das Weinen die Intensität eines Schmerzes? Es zeigt doch nur die Schwäche dessen, der leidet. Wer weint, will den anderen zeigen, daß er weint, will sie rühren oder bittet um Trost und Anteilnahme. Er weinte nicht, denn er wußte, daß  niemand ihn zu trösten vermocht hätte, und daß jede Anteilnahme sinnlos gewesen wäre. Und mit jenen, die aus dieser Welt gingen, mußte man schon gar kein Mitleid haben. Die Glücklichen waren vielmehr zu beneiden!

Das Leben stellte sich Bernardo Sopo durch und durch düster dar; der Tod ein Hauch von noch dichterem Dunkel in dieser Düsternis. Es gelang ihm nicht zu glauben, weder an das Licht der Wissenschaft für das Leben, noch an das Licht des Glaubens für den Tod; und in all dieser Dunkelheit sah er sich nichts anderes abzeichnen als auf Schritt und Tritt die unangenehmen, harten und schwierigen Notwendigkeiten der Existenz, bei denen jeder Versuch sinnlos war, ihnen zu entgehen, denen man sich also unverzüglich zu stellen hatte, um sie zu überwinden, um den Gedanken an sie so schnell wie möglich aus dem Kopf zu haben.

Ja, das war es: es galt sie zu erledigen, um den Gedanken daran aus dem Kopf zu haben! Das ganze Leben war nichts anderes als das: ein Gedanke, eine Kette von Gedan­ken, die es zu erledigen galt, um sie aus dem Kopf zu haben. Jede Verzögerung war eine Schwäche.

Alle diese Verwandten die sich entrüsteten, wußten freilich sehr gut, daß er immer so gewesen war. Wie oft hatte sie nicht ihre Ersilia zum Lachen gebracht, wenn sie mit fröhlicher Übertreibung die wilden Abenteuer ihres Ehelebens mit diesem Mann erzählt hatte, der – der Arme, was konnte man schon tun? – der die Manie, den Wahn im Leibe hatte, alle Gedanken so schnell wie möglich aus dem Kopf zu bekommen, kaum daß sie ihm im Geist als unausweichliche Notwendigkeiten aufgestiegen waren. Auch im Bett, jawohl, auch dort, alle Gedanken! Und sie, die Ärmste, sie stellte sich als eine müde gelaufene Hündin dar, die ständig mit heraushängender Zunge hinter ihm dreinhetzte.

Hieß es ins Theater gehen? Dieser Mann hatte keine Ruhe mehr. Nicht, weil ihm das Theater so sehr am Herzen gelegen wäre; ganz im Gegenteil! Der Gedanke, dorthin zu gehen, wurde ihm zu einem solchen Alptraum, daß er es kaum erwarten konnte, ihn aus dem Kopf zu bekommen; und jawohl, meine Herrschaften, da war er jedes Mal eine Stunde zu früh in der Loge, und wartete im Dunklen!

Hieß es verreisen? Um Gottes willen! Ein Abgrund tat sich auf. Koffer, Taschen, Bündel; los, jage, Kutscher! Los, lauf, Gepäckträger! Und der Schweiß! Und der Schweiß! Und wie viele Dinge waren nicht aufzufinden, wie viele wurden vergessen, nur damit man zwei Stunden vor Abfahrt des Zuges am Bahnhof ankam! Nicht, weil er Angst hatte, den Zug zu versäumen, aber weil er einfach nicht mehr zu Hause warten konnte, nicht einmal eine Minute lang, mit diesem Gedanken an die Abfahrt, der ihn nicht in Ruhe ließ.

Und wie oft war er nicht zu Hause mit einem Bündel von fünf oder sechs Schuhen angekommen, damit er für eine lange Zeit den Gedanken an den Schuhkauf aus dem Kopf hatte! Er war vielleicht der einzige Steuerpflichtige, der seine ganze Jahressteuerrate auf einmal einbezahlte, und immer als erster an den Schaltern des Steueramtes. Es war geradezu ein Wunder, daß er im Morgengrauen des Tages, an dem die erste Rate zu bezahlen war, den Steuereinnehmer nicht auch noch aus dem Bett holte.

Die arme Ersilia hatte immer versucht, ihn zu bremsen, wenn sie ihn so bedrängt von all den Geschäften vor sich sah; und dann, wenn er müde und unruhig nicht wußte, wie er die viele Zeit, die er vor sich hatte, ausfüllen sollte, fragte sie ihn: “Siehst du? Jetzt hast du den Gedanken aus dem Kopf, mein lieber Bebi; und nun? Und nun?”

Bei dieser Frage schüttelte Bernardo Sopo den Kopf, immer noch mit geschlossenen Augen.

Er wollte nicht zugeben, nicht nur den anderen gegen­über, sondern nicht einmal vor sich selbst, daß im tiefsten Grund dieser Dunkelheit, die er in sich spürte, und die weder das Licht der Wissenschaft noch das Licht des Glaubens je auch nur mit einem ersten kalten Schimmer des Morgen­grauens zu erhellen vermochten, in ihm so etwas wie eine unbenennbare Sehnsucht pochte, die Sehnsucht einer unbe­­kannten Erwartung, eine vage Vorahnung, daß es im Leben etwas zu tun galt, das nichts mit den vielen Dingen zu tun hatte, denen er hinterherlief, um sie sofort zu erledigen und den Gedanken an sie aus dem Kopf zu haben. Aber leider blieb ihm immer, wenn er den Gedanken an diese Dinge aus dem Kopf hatte, so etwas wie Spannung und Sehnsucht in einer entsetzlichen Leere zurück. Diese Sehnsucht blieb tief drin­nen in ihm; aber die Erwartung, ach ja, die Erwartung war stets vergebens.

Und die Jahre waren vergangen und vergingen weiter und Bernardo Sopo, immer müder und angewiderter, aber darob nicht weniger gehorsam gegenüber all den härtesten Notwen­digkeiten der Existenz, ja umso gehorsamer, je müder und angewiderter er wurde, konnte nicht mehr begreifen, daß man eben deshalb, eben um diesen Notwendigkeiten zu gehorchen, im Leben stand.

War es denn möglich, daß es sonst nichts zu tun gab? Daß man deshalb auf die Welt gekommen war und in der Welt blieb?

Oja, es gab da die Träume der Dichter, die geistigen Gebäude der Philosophen, die Entdeckungen der Wissenschaft. Aber Bernardo Sopo erschienen sie alle als Scherze, ja, witzige oder kluge Scherze, Illusionen. Zu welchen Schlüssen führten sie denn schon?

Er war immer mehr zu der Überzeugung gelangt, daß der Mensch auf dieser Erde zu gar keinen Schlüssen gelangen konnte, daß alle Schlüsse, die der Mensch meinte erreicht zu haben, notwendigerweise illusorisch und arbiträr waren.

Der Mensch ist ein Teil der Natur, er ist die Natur selbst, die denkt, die in ihm die Früchte ihres Denkens hervorbringt, auch sie Früchte je nach Jahreszeit, wie die der Bäume, vielleicht ein bißchen weniger kurzlebig, aber doch zwangsläufig kurzlebig auch sie. Die Natur kann nicht zu einem Schluß kommen, weil sie ewig ist. Die Natur in ihrer Ewigkeit zieht nie einen Schluß. Und also kann auch der Mensch keinen Schluß ziehen!

Bernardo Sopo erinnerte sich sehr gut daran, daß er, in der freien Zeit, von der er immer mehr als genug hatte, sich den gewöhnlichen Verstrickungen, den alltäglichen Sorgen, den Pflichten, die er sich selbst auferlegt hatte, den Gewohn­heiten, die er angenommen hatte, entzog, die Grenzen der gewohnten Sicht des Lebens erweiterte, und sich leiden­schaftslos darüber erhob, um aus dieser tragischen und feierlichen Höhe die Natur zu betrachten. Er bemerkte, daß der Mensch Scheuklappen aufsetzte, um zu einem Schluß zu kommen, so daß er für eine gewisse Zeit nur ein Ding auf einmal sah; aber wenn er dann glaubte, dieses Ding eingeholt zu haben, fand er es nicht mehr, denn wenn er diese Scheu­klappen abnahm und dann all die Dinge ringsherum zu Gesicht bekam, dann hieß es ade, Schlußfolgerung!

Was blieb dann also, wenn man sich nicht bewußt selbst täuschen wollte, wie in einem Scherz? Ach je, nichts anderes als die harten Notwendigkeiten der Existenz, denen man sich sofort stellen, und die man überwinden mußte, um so schnell wie möglich den Gedanken an sie loszuwerden. Ja, dann konnte man sich aber auch gleich umbringen, um den Gedanken an alles und jedes loszuwerden. Ja, bravo! Sich umbringen… Wer das tun konnte! Bernardo Sopo konnte es nicht; sein Leben war leider eine Notwendigkeit, und den Gedanken an diese konnte er nicht aus dem Kopf bekommen. Er hatte so viele arme Verwandte; für sie mußte er leben.

Nach der Überführung und dem Begräbnis der Frau zog er sich in ein armseliges Untermietzimmer zurück, um hinfort allein zu leben, nachdem es ihm gelungen war, alle Habe in den wenigen Tagen, die ihm noch bis zum Monatsende blieben, loszuwerden.

Keiner der Verwandten seiner Frau wollte mehr etwas von ihm wissen. Und ihm tat das auch gar nicht leid.

Er befreite sich sofort von vielen Notwendigkeiten, die ihm auch zu Lebzeiten seiner Frau stets überflüssig er­schienen waren, die er aber um ihretwillen angenommen und denen er sich mit seinem üblichen Mut oder der üblichen Ergebenheit gestellt hatte, um sie zu überwinden. Er schränkte sich in allen Lebenshaltungskosten ein, bei der Wäsche, bei der Garderobe, die die Frau ihm aufgezwungen hatte, um nun, da sie nicht mehr lebte, die Schecks für die armen Verwandten nicht allzu sehr zu schmälern, die ihm dafür gar keinen Dank wußten. Und auch das tat ihm nicht weh. Er hielt sein Opfer für eine ebenfalls unumgängliche Notwendigkeit; und er ließ das auch deutlich in seinen Briefen an diese Verwandten erkennen, die ihm eben deshalb nicht dankbar waren. Sie stellten somit für ihn so wie alles übrige einen Gedanken dar, den es zu erledigen galt, um ihn aus dem Kopf zu haben, so schnell es ging, jeden Monat. Auch, wenn er deshalb so essen mußte, wie er es tat, nur einmal täglich, und auch das nicht zu üppig. Schnell, schnell, auch diese kleine Mahlzeit hinter sich gebracht, damit man den ganzen Tag nicht mehr daran denken mußte.

Nachdem er so die wenigen Geschäfte erledigt hatte, die ihm noch geblieben waren, wuchs vor ihm die Zeit mehr denn je ins Unermeßliche, wuchs die schreckliche Leere, die er nicht mehr zu füllen wußte.

Er begann, sie zum Nutzen der anderen zu verwenden, zum Nutzen von Leuten, die er kaum kannte, von deren Bedürftigkeit er durch Zufall erfahren hatte. Aber gewöhnlich bekam er von diesen Nutznießern seiner Mühe nichts anderes zurück als Unhöflichkeiten und Undank. Es fehlte ihm ganz und gar der Sinn für die Angemessenheit, denn er konnte nun einmal nicht verstehen, daß man Freude daran haben konnte, sich mit Illusionen aufzuhalten, da er doch überzeugt war, daß jede Verzögerung angesichts der drängenden und unvermeid­lichen Notwendigkeiten der Existenz eine Schwäche wäre. Und er hatte weder Mitleid noch Achtung für all diese Schwachen, die Aufschub suchten; er stellte sich vor sie hin, wenn es ge­rade nicht der Augenblick war, sie an diese Notwendigkei­ten zu erinnern, mit einem immer müderen und bedrückteren Ausdruck, der nur zu deutlich sagte: “Seht her, wenn es auch so ist, wenn es mich auch so viel Mühe kostet, hier bin ich und stehe bereit; los, los, meine Lieben, erledigen wir das, damit wir den Gedanken aus dem Kopf haben!”

Und längst schon gerieten alle außer sich, wenn sie ihn nur aus der Ferne erblickten. Er war für alle zum Alptraum geworden. Alle dachten, er empfinde eine wilde Freude dabei, andere zu quälen und zu bedrücken.

Im Lauf der Jahre wurden ihm die Beine immer schwerer. Nichts war schmerzlicher als ihm zuzusehen, wie er nun zu Werk ging, bei seinem ständigen Lauf hinter den eigenen und fremden Notwendigkeiten her, wie er nach einer Weise suchte, mit diesen armen Beinen, die ihn scheinbar nicht vom Fleck kommen ließen, so schnell wie möglich vorwärtszukommen.

Eingehüllt in den schrecklichen Schatten der überschüssigen Zeit, in dem Geschwirr, in dem Sturm der vielen nicht nur von ihm selbst zu erledigenden Dinge, passierte es ihm oft, daß er plötzlich mitten auf der Straße innehielt und nicht mehr wußte, wohin er ging und was er zu tun hatte.

Den Stock unter der Achsel, den Hut in der Hand, die andere Hand am Kinn unruhig an den Haaren des dichten Bartes zupfend, blieb er eine Weile stehen, dachte mit geschlosse­nen Augen nach und sagte immer wieder leise zu sich selbst:

“Ich hatte da doch etwas zu erledigen…”

Und so erfaßte ihn eines Tages, mitten auf einem menschenleeren Platz, gerade um die Mittagszeit, ein mit Höchstgeschwindigkeit daherrasendes Automobil.

Blitzschnell umgeworfen, zwischen den Rädern hin- und hergeschleudert, wurde Bernardo Sopo kurz darauf mit ge­brochenen Rippen und zersplitterten Armen und Beinen ster­bend von einigen Rettungsleuten aufgelesen und bewußtlos ins Krankenhaus gebracht.

Kurz vor seinem Tod kam er noch einmal zu sich. Er schlug die verschleierten Augen auf, blickte eine Weile mit hochgezogenen Augenbrauen den Arzt und die Krankenpfleger rund um sein Bett an; dann ließ er den Kopf auf die Kissen zurücksinken und wiederholte mit seinem letzten Seufzer:

“Ich hatte da doch etwas zu erledigen…”

© Michael Rössner.


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