Die Wirklichkeit des Traums – 1914

Die Wirklichkeit des Traums

In Italiano – La realtà del sogno (1914)
Em Portugues – A realidade do sonho

Die Wirklichkeit des Traums

Erstveröffentlichung in der Zeitschrift Noi e il mondo vom November 1914; umfangreiche Veränderungen in der Version letzter Hand.

aus dem Italienischen von Michael Rössner 


Alles, was er sagte, schien denselben unbestreitbaren Wert zu haben wie seine Schönheit; beinahe so, als könnte er – da man nicht daran zweifeln konnte, daß er ein überaus schöner Mann war, aber auch wirklich wunderschön – ihm nie und in nichts widersprechen.

Und er verstand nichts, er verstand aber auch wirklich nichts von dem, was in ihr vorging!

Wenn man sich anhören mußte, mit welcher Sicherheit er seine Interpretationen ihrer instinktiven Regungen, ihrer vielleicht auch ungerechten Abneigungen und mancher ihrer Gefühle vortrug, dann überkam sie die Versuchung, ihm das Gesicht zu zerkratzen, ihn zu ohrfeigen, ihn zu beißen.

Auch deshalb, weil er sie dann bei aller Kälte und Sicherheit und diesem Stolz eines gutaussehenden jungen Mannes in anderen Momenten wiederum enttäuschte, wenn er sich ihr näherte, weil er sie brauchte. Dann war er schüchtern, demütig, flehend, mit einem Wort so, wie sie ihn in diesen Augenblicken nicht haben wollte; so daß sie sich auch dann gereizt fühlte, wenn auch aus einem anderen Grund, und so sehr, daß sie – obwohl sie dazu neigte nachzugeben – sich störrisch verhärtete; und die Erinnerung an jeden Augenblick der Hingabe, der im schönsten Moment von diesem Gefühl der Gereiztheit vergiftet wurde, wandelte sich ihr zu einem Groll.

Er behauptete, die Verlegenheit und Peinlichkeit, die sie angeblich allen Männern gegenüber empfand, wären bei ihr eine fixe Idee.

“Du empfindest das, Liebe, weil du daran denkst”, wiederholte er hartnäckig.

“Ich denke daran, Lieber, weil ich es empfinde”, gab sie zurück. “Was heißt da fixe Idee! Ich empfinde es. So ist es nun einmal. Und ich habe meinem Vater dafür zu danken, für die wunderbare Erziehung, die er mir angedeihen hat lassen! Willst du vielleicht auch das noch in Zweifel ziehen?”

Na, das wenigstens nicht, darauf konnte man hoffen. Er hatte diese Erziehung ja selbst während der Verlobungszeit zu spüren bekommen. In den vier Monaten vor der Hochzeit war ihm dort in der Kleinstadt, aus der sie stammte, nicht einmal gestattet worden, wenn schon nicht ihre Hand zu berühren, wenigstens zwei Wörtchen mit ihr im Flüsterton zu wechseln.

Eifersüchtiger als ein Tiger, hatte der Vater ihr von Kindesbeinen an einen heillosen Schrecken vor den Männern eingejagt; nie hatte er einen Mann ins Haus gelassen; alle Fenster wurden hermetisch geschlossen; und die seltenen Male, die er sie ausgeführt hatte, hatte er sie gezwungen, mit gesenktem Kopf zu gehen wie eine Nonne und auf den Boden zu starren, als müßte sie die Pflastersteine zählen.

Nun, was Wunder, wenn sie nun in Gegenwart eines Mannes diese Verlegenheit empfand, es nicht vermochte, irgend einem in die Augen zu sehen und nicht mehr wußte, wie sie sprechen und wie sich bewegen sollte?

Ja, natürlich, sie hatte sich schon seit sechs Jahren von dem Alptraum dieser wilden väterlichen Eifersucht be­freit; sie sah Leute, zu Hause, auf der Straße; und dennoch… Sicherlich war es nicht mehr dieser kindliche Schreck von einst; aber eben diese Peinlichkeit. Ihre Augen, so sehr sie sich auch bemühten, konnten niemandes Blick aushalten; die Zunge verhedderte sich ihr im Mund, wenn sie sprach; und plötzlich, ohne daß sie gewußt hätte warum, stand ihr Gesicht in Flammen, so daß alle denken konnten, ihr ginge weiß Gott was durch den Kopf, während sie doch tatsächlich an gar nichts dachte; kurz gesagt, sie sah sich dazu verdammt, ständig einen schlechten Eindruck zu machen, als dumm zu gelten, als gehemmt, und sie wollte das nicht. Es war sinnlos, sich dagegen zu wehren. Ihrem Vater verdankte sie es, daß sie sich einschließen mußte, niemanden sehen durfte, um sich wenig­stens nicht über diese dumme und lächerliche Peinlichkeit ärgern zu müssen, die stärker war als sie.

Die Freunde, die besten, die, an denen ihm am meisten gelegen war, und die er gerne als Zierde seines Hauses betrachtet hätte, jener kleinen Welt, die er vor sechs Jahren bei seiner Hochzeit gehofft hatte, um sich herum aufbauen zu können, die hatten sich einer nach dem anderen von ihm entfernt. Kein Wunder! Sie kamen ihn besuchen. Sie fragten:

“Ist deine Frau nicht da?”

Seine Frau war wie von der Tarantel gestochen aufgesprungen und fortgelaufen, als die Glocke das erste Mal schellte. Er tat, als ginge er sie rufen; er ging wirklich zu ihr; er trat mit einem betrübten Gesicht vor sie hin, die Arme ausgebreitet, obwohl er wußte, daß es vergeblich sein würde; seine Frau würde ihn mit zornblitzenden Augen ansehen und ihm zwischen den Zähnen zuzischen: “Dummkopf!”. So kehrte er ihr den Rücken und ging zurück, innerlich weißgottwie, äußerlich lächelnd, und beschied seinem Freund: “Tut mir leid, mein Lieber, sie fühlt sich nicht gut, sie hat sich hingelegt.”

Und so ging’s einmal, zweimal, dreimal; zum Schluß hatten alle genug bekommen. Konnte er ihnen das vorwerfen?

Zwei oder drei waren ihm noch geblieben, die allertreuesten oder allermutigsten. Und die wenigstens wollte er verteidigen, einen vor allen anderen, den klügsten von allen, der wirklich gebildet war und die Pedanterie haßte, vielleicht auch ein bißchen viel Aufhebens davon machte, ein äußerst scharfsinniger Journalist; kurz gesagt, ein Freund von unschätzbarem Wert.

Manchmal hatte sich seine Frau vor diesen wenigen übrig gebliebenen Freunden doch sehen lassen, sei es, daß sie überraschend gekommen waren, sei es, daß sie in einem guten Augenblick seinem Bitten trotz allem nachgegeben hatte. Und siehst du, kein Wort stimmte, daß sie etwa eine schlechte Figur gemacht hätte – ganz im Gegenteil!

“Denn wenn du nicht daran denkst, siehst du… wenn du dich einfach deinem Naturell überläßt… du bist lebhaft…”

“Dankeschön!”

“Du bist klug…”

“Dankeschön!”

“Und du bist alles andere als verlegen, ich versichere es dir! Entschuldige mal, welches Interesse sollte denn ich daran haben, daß du eine schlechte Figur machst? Du sprichst so frei und offen, aber ja, manchmal sogar allzu frei… und mit großer Anmut, ich schwöre es dir! Du wirst richtig entflammt, und deine Augen… was heißt da, du weißt nicht, wie du schauen sollst! Die sprühen geradezu, meine Liebe… Und dann sagst du, dann sagst du durchaus auch gewagte Dinge, jawohl… Du wunderst dich? Nein, ich sage ja nicht, daß sie unpassend wären… aber doch ein bißchen gewagt für eine Frau; und all das gelöst, frei, kurz, mit Esprit, ich schwöre es dir!

Er lobte sich in einen wahren Taumel hinein, denn er merkte, daß sie, obwohl sie behauptete, nichts davon zu glauben, im Grunde Vergnügen daran hatte, errötete und nicht wußte, ob sie lächeln oder die Brauen runzeln sollte.

“Es ist so, ganz genau so. Glaub mir, das ist eine fixe Idee von dir, deine…”

Die Tatsache, daß sie nicht gegen seine hundertmal behauptete “fixe Idee” protestierte und sein Lob über ihr freies, gelöstes, ja sogar gewagtes Sprechen mit sichtlichem Vergnügen entgegennahm, hätte ihm wenigstens ein bißchen Angst machen müssen.

Wann und mit wem hatte sie denn so gesprochen?

Vor wenigen Tagen erst, mit dem Freund “von unschätzba­rem Wert”, mit dem also, der ihr natürlich der unsympathischste von allen war. Ja, sie gab die Ungerechtigkeit mancher ihrer Antipathien zu, und auch, daß sie vor allen Dingen jene Männer als unsympathisch bezeichnete, die sie am meisten verlegen machten.

Aber nun war sie deshalb so befriedigt über die Tatsache, daß sie vor diesem Mann sogar mit einer gewissen Dreistigkeit zu sprechen vermocht hatte, weil dieser (sicher­lich, um sie insgeheim zu reizen) es in einer langen Diskussion über das ewige Thema der Anständigkeit der Frau gewagt hatte zu behaupten, das übermäßige Schamgefühl wäre ein untrügliches Zeichen eines besonders sinnlichen Cha­rakters, so daß man sich vor einer Frau hüten müsse, die ohne Grund errötet, die es nicht wagt, die Augen zu heben, weil sie Angst davor hat, in allem ringsumher einen Angriff auf das eigene Schamgefühl zu entdecken, und in jedem Blick, in jedem Wort, einen Hinterhalt sieht, der ihre Anständig­keit bedroht. Das bedeutet, daß diese Frau besessen ist von Bildern der Versuchung; sie fürchtet, sie überall zu erblicken; der bloße Gedanke daran verwirrt sie. Wie denn auch nicht? Während eine andere, mit weniger lebhafter Sinnlichkeit, dieses Schamgefühl gar nicht kennt und sogar von gewissen intimen Dingen aus dem Bereich der Liebe sprechen kann, ohne verlegen zu werden, weil sie gar nicht auf die Idee käme, daß etwas Böses dabei sein könnte bei… was weiß ich, bei einer etwas weiter ausgeschnittenen Bluse, bei einem Strumpf mit Lochstickerei, bei einem Rock, der gerade ein kleines, kleines bißchen vom Bein oberhalb des Knies erspähen läßt.

Damit sagte er wohlgemerkt nicht, daß eine Frau, damit man sie nicht für sinnlich hielte, sich nun schamlos und ungehörig geben oder das sehen lassen müßte, was man nicht sehen lassen darf. Das wäre ja ein Paradox gewesen. Er sprach nur vom Schamgefühl. Und das Schamgefühl war für ihn die Rache der Unaufrichtigkeit. Nicht, daß dieses Gefühl nicht an und für sich aufrichtig gewesen wäre. Nein, es war ganz und gar aufrichtig, aber eben als Ausdruck der Sinnlichkeit. Unaufrichtig ist die Frau, die ihre Sinnlichkeit verleugnen will, indem sie als Beweis die Schamröte ihrer Wangen zur Schau stellt. Und eine solche Frau kann auch unaufrichtig sein, ohne es zu wollen, ja, ohne es zu wissen. Denn nichts ist komplizierter als die Aufrichtigkeit. Wir alle spielen ganz spontan eine Rolle, nicht so sehr vor den anderen als vielmehr vor uns selbst; wir glauben immer das von uns, was uns gefällt, und wir sehen uns nicht so, wie wir in Wirklichkeit sind, sondern so, wie wir meinen, daß wir entsprechend dem idealen Bild, das wir uns von uns selbst zurechtgezimmert haben, sein müßten. So kann es geschehen, daß eine Frau in hohem Maße sinnlich ist, ohne es zu wissen und dabei ganz ehrlich glaubt, besonders keusch zu sein, Ekel und Abscheu vor der Sinnlichkeit zu empfinden, einfach deshalb, weil sie wegen einer Nichtigkeit errötet. Dieses Erröten um einer Nichtigkeit willen, das an und für sich der ganz aufrichtige Ausdruck der tatsächlichen Sinnlichkeit dieser Frau ist, wird nun vielmehr als Beweis der Keuschheit genommen, an die sie glaubt; und wenn es so gedeutet wird, wird es ganz natürlich zu etwas Unaufrichtigem. “Aber Signora”, hatte einige Abende zuvor der Freund von unschätzbarem Wert seine Ausführungen geschlossen, “die Frau (Ausnahmen natürlich vorbehalten) ist von Natur aus ein Wesen, das ganz dem Bereich der Sinne angehört. Man muß sie zu nehmen, zu entflammen und zu beherrschen wissen. Die allzu Schamhaften müssen nicht einmal entflammt werden; sie stehen von selbst in Flammen, augenblicklich, wenn man sie anrührt.

Sie hatte nicht einen Augenblick daran gezweifelt, daß diese ganze Rede ihr galt. Und kaum war der Freund gegangen, war sie wütend über ihren Mann hergefallen, der während der ganzen langen Diskussion nichts anderes getan hatte als zu lächeln wie ein Schwachsinniger und seinem Freund beizupflichten.

“Er hat mich in jeder nur denkbaren Weise zwei Stunden lang beleidigt und du, anstatt mich zu verteidigen, hast gelächelt, hast ihm beigepflichtet und ihm so zu verstehen gegeben, daß es stimmte, was er sagte, denn du als mein Ehemann, tja, du müßtest es ja wissen…”

“Aber was denn?” hatte er ganz verdattert ausgerufen. “Du redest ja irre… Ich? Daß du sinnlich wärest? Aber was sagst du denn da? Er hat doch von der Frau im allgemeinen gesprochen, was hat das mit dir zu tun? Wenn er nur im geringsten hätte ahnen können, daß du seine Rede auf dich beziehen würdest, hätte er doch den Mund nicht aufgemacht! Und dann, entschuldige, wie hätte er es denn annehmen können, wo du dich doch ihm gegenüber nicht im geringsten als die schamhafte Frau gezeigt hast, von der er sprach? Du bist ja überhaupt nicht errötet; du hast deine Meinung mit Nachdruck, mit Begeisterung vertreten. Und ich habe gelächelt, weil ich mich darüber freute, weil ich darin den Beweis für das gesehen habe, was ich immer sage und gesagt habe, daß du nämlich, wenn du nicht daran denkst, überhaupt nicht verlegen, überhaupt nicht gehemmt bist; daß deine ganze angebliche Verlegenheit also nichts anderes ist als eine fixe Idee. Was hat das nun mit dem Schamgefühl zu tun, von dem er gesprochen hat?”

Auf diese Rechtfertigung ihres Mannes hatte sie nichts zu entgegnen gewußt. Sie hatte sich in sich selbst zurückgezogen, war verschlossen geworden, brütend über die Frage, warum sie sich so zuinnerst von den Worten dieses Mannes verletzt gefühlt hatte. Es war kein Schamgefühl, nein und noch einmal nein, was sie empfand, es war kein Schamgefühl, kein solch ekelhaftes Schamgefühl wie das, von dem er gesprochen hatte; es war Verlegenheit, Verlegenheit, Verlegenheit! Aber natürlich konnte es ein böswilliger Mensch wie dieser für Schamgefühl ansehen und sie deshalb für eine solche Frau halten, für eine… na, eben für so eine!

Mochte sie sich auch tatsächlich nicht verlegen gezeigt haben, wie ihr Mann behauptete, empfunden hatte sie die Verlegenheit trotzdem; sie konnte sich manchmal überwinden, sich Gewalt antun, um sie nicht zu zeigen; aber sie empfand sie dennoch. Wenn nun ihr Mann ihr diese Verlegenheit absprechen wollte, dann hieß das, daß er nichts bemerkte. Er hätte also auch nicht bemerkt, wenn diese Verlegenheit in ihr etwas anderes gewesen wäre, das heißt, dieses Schamgefühl, von dem der Freund gesprochen hatte.

Was das möglich? O Gott, nein! Der bloße Gedanke jagte ihr Ekel und Grauen ein.

Und dennoch…

Im Traum kam ihr die Erleuchtung.

Er begann wie eine Herausforderung, dieser Traum, wie eine Prüfung, zu der dieser widerliche Mann sie herausforderte, in der Folge der Diskussion, die sie vor drei Abenden miteinander geführt hatten.

Sie mußte ihm beweisen, daß sie nicht über eine Nichtigkeit errötete; daß er mit ihr tun konnte, was er wollte, ohne daß sie sich verwirren lassen oder gar ihre Fassung verlieren würde.

Und tatsächlich, da begann er mit eiskalter Kühnheit diese Prüfung. Zunächst fuhr er ihr leicht mit der Hand über das Gesicht. Bei der Berührung dieser Hand mußte sie sich mit allen Kräften Gewalt antun, um den Schauder zu unterdrücken, der ihr über den ganzen Körper lief, um die Augen fest und ungerührt, unverschleiert blicken zu lassen und dem Mund ein leises Lächeln abzuringen. Und da, jetzt berührte er mit den Fingern ihren Mund; er rieb zart über ihre Unterlippe und versenkte dort, in der Feuchte des Inneren, einen langen, heißen Kuß von unendlicher Süße. Sie preßte die Zähne zusammen; sie versteifte sich, um das Zittern, das Beben ihres Körpers zu beherrschen; und da begann er ganz ruhig, ihre Brust zu entblößen, und… was war denn da Böses dabei? Nein, nein, nichts, gar nichts Böses. Aber… o Gott, nein… er verweilte in perfider Weise bei dieser Liebkosung… nein, nein… das war zuviel… und… Besiegt, verloren, zuerst ohne einzuwilligen, begann sie nachzugeben, nicht von seiner Kraft überwältigt, nein, sondern von dem sehnsüchtigen Verlangen ihres eigenen Körpers… und zuletzt…

Ha! Sie fuhr aus dem Schlaf auf, verkrampft, zerstört, am ganzen Leibe zitternd, voll Ekel und Abscheu.

Sie blickte zu ihrem Mann hinüber, der ahnungslos neben ihr schlief. Und das Gefühl der Schande, das sie in sich hatte, verwandelte sich sofort in Verachtung gegen ihn, als wäre er der Grund dieser Schande, von der sie noch die Lust und den Schauder in sich hatte: er, er mit seiner blöden Hartnäckigkeit, diese Freunde immer bei sich zu Hause empfangen zu wollen.

Das war’s: sie hatte ihn im Traum betrogen. Betrogen hatte sie ihn, und sie empfand keine Reue darüber, nein, bloß einen ungeheueren Zorn über sich, daß sie besiegt wor­den war, und eine Wut, Wut gegen ihn, auch deshalb, weil es ihm in sechs Jahren Ehe nie gelungen war, sie das erleben zu lassen, was sie nun im Traum mit einem anderen erlebt hatte.

Ein Wesen, das ganz dem Bereich der Sinne angehört… war das also wahr?

Nein, nein. Schuld hatte nur er, der Ehemann, der nicht an ihre Verlegenheit glauben wollte und sie zwang, sich zu überwinden, ihrer Natur Gewalt anzutun, der sie diesen Prüfungen, diesen Duellen aussetzte, aus denen der Traum erwachsen war. Wie konnte man einer solchen Prüfung standhalten? Er hatte es gewollt, er, ihr Mann. Und das war jetzt die Strafe. Sie hätte noch Genuß daran finden können, wenn sie aus der böswilligen Freude, die sie bei dem Gedanken an die Strafe empfand, die das für ihn bedeutete, die Schande hätte entfernen können, die sie für sich dabei empfand.

Und was jetzt?

Zu dem Eklat kam es am nächsten Nachmittag nach dem harten Stillschweigen, das sie den ganzen Tag über gegen die bohrenden Fragen ihres Mannes bewahrt hatte, der wissen wollte, weshalb sie so seltsam sei und was denn geschehen wäre.

Es kam dazu bei der Ankündigung des gewohnten Besuches dieses Freundes von unschätzbarem Wert.

Als sie aus dem Vorzimmer dessen Stimme hörte, fuhr sie auf, plötzlich wie von Sinnen. Eine rasende Wut blitzte aus ihren Augen. Sie stürzte sich auf ihren Mann und beschwor ihn, von Kopf bis Füßen zitternd, diesen Mann nicht zu empfangen: “Ich will nicht! Ich will nicht! Schick ihn fort!”

Er war zuerst mehr als verblüfft, geradezu erschüttert über diesen Wutausbruch. Er konnte den Grund für eine solche Ablehnung nicht verstehen, wo er doch eben noch der Meinung gewesen war, daß der Freund aufgrund all dessen, was er nach der Diskussion gesagt hatte, ihr nun ein wenig sympathischer geworden sein müßte; und angesichts eines so absurden, haltlosen Verlangens geriet nun er in Zorn.

“Aber du bist ja verrückt oder willst, daß ich verrückt werde! Soll ich denn wirklich wegen deines blöden Wahns noch alle meine Freunde verlieren?

Und er machte sich von ihr los, die sich an ihn geklammert hatte und befahl dem Dienstmädchen, den Herrn hereinzuführen.

Sie sprang auf, um sich ins Nebenzimmer zu flüchten, wobei sie ihm, ehe sie hinter der Tür verschwand, noch einen Blick voll Haß und Verachtung zuwarf.

Sie fiel in einen Lehnstuhl, als wären ihr plötzlich die Beine unter dem Körper weggerissen worden. Das Blut brauste ihr in den Adern, und ihr ganzes Wesen lehnte sich im Inneren auf, in dieser verzweifelten Verlassenheit, als sie durch die geschlossene Türe hörte, wie ihr Mann den, mit dem sie ihn in der Nacht zuvor im Traum betrogen hatte, mit freudigen Worten empfing. Und die Stimme dieses Mannes… o Gott… und die Hände, die Hände dieses Mannes…

Plötzlich, während sie sich auf dem Lehnsessel hin- und herwand und die gekrümmten Finger in die Arme und die Brust grub, stieß sie einen Schrei aus und fiel zu Boden, geschüttelt von einer entsetzlichen Nervenkrise, einem regelrechten Anfall von Wahnsinn.

 Die beiden Männer stürzten in das Zimmer; sie blieben einen Augenblick entsetzt bei ihrem Anblick stehen, während sie sich wie eine Schlange auf dem Boden wand, brüllte und heulte; ihr Mann versuchte sie aufzuheben, der Freund eilte herbei, um ihm zu helfen. Hätte er das bloß nicht getan. Als sie sich von diesen Händen berührt fühlte, begann ihr Körper unbewußt, unter der absoluten Herrschaft der noch in der Erinnerung befangenen Sinne überall zu zittern, in einem lustvollen Beben; und vor den Augen ihres Ehemannes klammerte sie sich an diesen Mann und verlangte mit erschreckender, wütender Begierde die Liebkosungen von ihm, die sie im Traum erfahren hatte.

Entsetzt riß er sie dem Freund von der Brust; sie schrie und wehrte sich, dann brach sie wie leblos in seinen Armen zusammen und wurde zu Bett gebracht.

Die beiden Männer sahen einander entgeistert an und wußten nicht was sie denken, was sie sagen sollten.

In der schmerzlichen Verblüffung des Freundes war die Unschuld so offensichtlich, daß bei dem Ehemann unmöglich ein Verdacht aufkommen konnte. Er bat ihn, mit ihm aus dem Zimmer zu gehen; er erzählte ihm, daß seine Frau seit dem Morgen verwirrt gewesen war, in einem Zustand seltsamer Nervenreizung; er begleitete ihn zur Tür und bat ihn um Ver­zeihung für diesen bedauerlichen, unvorhersehbaren Zwischen­fall; dann lief er so schnell wie möglich wieder zu ihrem Bett.

Er fand sie auf dem Bett liegend und wieder bei Sinnen, zusammengekrümmt wie ein Tier, mit glasstarren Augen: sie zitterte an allen Gliedern wie vor Kälte, wurde von gewaltsamen Zuckungen geschüttelt und fuhr von Zeit zu Zeit in die Höhe.

Als er sich mit düsterem Gesicht über sie beugte, um von ihr Rechenschaft über das zu verlangen, was vorgefallen war, stieß sie ihn mit beiden Armen und mit zusammengebissenen Zähnen zurück und schleuderte ihm mit zerstörerischer Wollust die Beichte ihres Fehltritts ins Gesicht. Mit einem verzerrten, bösartigen Lächeln, sagte sie, während sie sich zusammenkrampfte und die Arme öffnete:

“Im Traum war’s!… Im Traum!…”

Und sie erließ ihm kein einziges Detail. Der Kuß auf die Innenseite der Lippe… die Liebkosung ihrer Brust… mit der perfiden Sicherheit, daß er zwar ebenso wie sie fühlen mußte, daß dieser Fehltritt eine Wirklichkeit und als solche unwiderruflich und nicht wieder gutzumachen war, weil er bis zum letzten vollzogen und genossen worden war, daß er ihr aber dennoch keinen Vorwurf daraus machen konnte. Ihr Körper – er konnte ihn schlagen, ihn quälen, ihn in Stücke reißen – aber da war er, er hatte einem anderen gehört, in dem unbewußten Reich des Traums. In dem Bereich der Tatsachen existierte für den anderen dieser Fehltritt nicht; aber er war eine Wirklichkeit gewesen und blieb sie hier, hier für sie, in ihrem Körper, der die Lust erlebt hatte.

Wer hatte Schuld? Und was konnte er ihr schon tun?

© Michael Rössner.


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