Die Amme – 1903

Die Amme

In Italiano – La balia (1903)

Die Amme

Erstveröffentlichung Juni 1903 in der Zeitschrift Nuova Antologia. Zahlreiche Varianten bekannt. Das einzig interes­sante Detail in diesen Varianten ist die Tatsache, daß in einer früheren Version die Amme die bei Bauern auf­gewachsene unehe­liche Tochter eines Arztes aus der Stadt und somit eine selbst der Klasse der “signori” zuzu­rechnende Figur ist.

aus dem Italienischen von Michael Rössner 


I.

“Na endlich!”, rief Frau Manfroni und riß dem Stubenmädchen den so sehnlich erwarteten Brief aus Rom aus der Hand, in dem ihr Schwiegersohn, Ennio Mori, ihr alle versprochenen Details über die Niederkunft ihrer Tochter Ersilia berichten sollte.

Sofort setzte sie die Brille auf die Nase und begann zu lesen.

Sie wußte bereits aus den vorhergehenden Telegrammen, daß es eine schwierige Geburt gewesen war, daß ihre Tochter sich aber nie in Gefahr befunden hatte. Nun stand in dem Brief jedoch zu lesen, daß für Ersilia eigentlich doch eine gewisse Gefahr bestanden hatte, ja, daß man sogar einen Spezialisten für Geburtshilfe hinzuziehen hatte müssen. Das teilte ihr Mori sicherlich nicht mit, um die Verwandten seiner Frau zu beunruhigen, jetzt, wo die Sache so oder so vorbei war; wohl aber, um sich über ihre Starrköpfigkeit zu beklagen, weil sie entgegen seinen weisen Ratschlägen darauf beharrt hatte, bis zum letzten Augenblick ein zu enges Mieder und hohe Absätze zu tragen.

“Esel! Was hat das mit den Absätzen zu tun!”

Und mehrfach ließ sich die vor Wut kochende Signora Manfroni ein solches “Esel!” während der Lektüre entschlüpfen. Schließlich hielt sie inne, ärgerlicher als je zuvor, hob die Augen von dem Brief auf und blickte in die Runde, als suche sie jemanden, an dem sie ihren Zorn auslassen könnte.

“Wie denn? Ja, wie denn?”

Ach, die Amme dürfe keine Römerin sein? Und warum denn nicht, Herr Rechtsanwalt Mori? Die römischen Ammen haben zu viele Ansprüche? Ach sieh einmal, jetzt auf einmal war man sparsam! Als ob Ersilias Mitgift dem Herrn sozialistischen Anwalt nicht wahrhaft einen solchen Luxus bequem gestatten hätte können. Na, und ob! Was hätte Ersilia denn für eine Figur abgegeben, wenn sie mit einem ungeschliffenen, ungewaschenen sizilianischen Bauernmädchen an der Seite, das als Amme aufgeputzt war, durch die Straßen Roms spaziert wäre!

“Esel! Esel! Esel!”

“He! Gibt’s heute nichts zu essen? Wieso ist denn noch nicht aufgedeckt?”

Es war Signor Manfroni, der wie üblich laut schimpfend das Haus betrat. Dort drüben hatte er schon das Stubenmädchen und die Köchin ausgezankt.

“Ruhig, Saverio, ruhig…” sagte seine Frau. “Du weißt doch recht gut, daß es bei uns immer eine Menge Dinge zu tun gibt.”

“Zu tun? Ihr habt zu tun? Und ich?”

“Lies lieber einmal diesen schönen Brief deines lieben Schwiegersohns.”

“Geht’s um Ersilia?”

“Du wirst schon sehen.”

Signor Manfroni beruhigte sich auf der Stelle; er überflog den Brief; dann sagte er, während er ihn wieder zusammenfaltete: “Sehr gut. Ich habe schon die richtige Amme für sie.”

Er hatte diese plötzlichen Geistesblitze, der Signor Manfroni, Geistesblitze, von denen er sich selbst als erster blenden ließ, und denen er – seiner Meinung nach – seinen ansehnlichen kommerziellen Erfolg verdankte.

Mit spöttischem und herausforderndem Ton fragte Signora Manfroni: “Und wer wäre das?”

“Die Frau von Titta Marullo.”

“Die Frau dieses Galgenstricks?”

“Schweig!”

“Die Frau dieses Aufrührers?”

“Schweig!”

“Die Frau eines Sträflings!”

“Laß mich doch ausreden!”, schrie Manfroni. “Du bist eben eine Frau und hast deine Norm, hier, Gott im Himmel, Stroh, ein Bündel Stroh, jawohl, meine Liebe, ein Bündel Stroh hast du hier im Kopf anstelle des Gehirns. Bei den schönen sozialen Bedingungen, unter denen wir leben…”

“Was hat das mit den sozialen Bedingungen zu tun?”, fragte seine Frau verblüfft.

“Die haben damit zu tun! Die haben damit zu tun!”, gab Signor Saverio wütend zurück. “Denn wir, die wir es geschafft haben, uns mit unserer unermüdlichen und hin… wie heißt das schnell hingabungsvollen…, nein, das heißt doch… aber ja, hingabungsvollen Arbeit eine gewisse Grundlage zu erwerben, gerade wir müßten heute, deiner Norm zufolge, angesichts einer Zukunft, die immer undurchsichtiger und bedrohlicher wird… hast du mich verstanden?”

“Nein! Was soll man denn da verstehen?”

“Na, sag ich dir’s nicht? Stroh!”

Er packte einen Stuhl, rückte ihn an den heran, auf dem seine Frau saß und ließ sich schnell und fauchend darauf nieder.

“Ich mußte Titta Marullo”, setzte er fort, wobei er sich bemühte, leise zu sprechen, damit ihn die Dienerschaft nicht hören konnte, “deiner Normen wegen mußte ich Titta Marullo aus der Bäckerei rauswerfen und auf die Straße setzen, weil er revolutionäre Ideen vertritt.

“Dieselben Ideen wie die des Signor Mori, dem du deine Tochter gegeben hast!”

“Laß mich doch aussprechen!” schrie Manfroni. “Und warum hab’ ich ihm meine Tochter gegeben? Vor allen Dingen deshalb, weil Ennio ein hochanständiger Junge ist; und dann auch deshalb, jawohl, deshalb, weil er Sozialist ist! Jawohl! Und weil das in meine Pläne paßt! Weil mir genau zupaß das kommt! Weshalb glaubst du, bin ich so geachtet bei der ganzen Kanaille, der ich zu Essen gebe? Stroh! Aber damit hat Ennio nichts zu tun. Wir sprachen von Titta Marullo. Ich habe ihn aus der Bäckerei rausgeworfen. Da er nun auf der Straße saß, der Unglücksrabe, hat er sich natürlich so benommen, daß er sich als Sträfling auf die Insel schicken ließ. Und nun werde ich, der ich reich bin, aber da drinnen etwas schlagen habe, was man deiner Norm zufolge Herz nennt, seine Frau nehmen, sie in einen Waggon dritter Klasse setzen und nach Rom schicken, als Amme meines Enkels!

Er konnte ja hunderttausend gute Gründe haben, der Signor Manfroni, aber er hatte auch auf einem Jochbein eine besonders lächerliche Warze, auf die seine Frau mit einem eisigen und besonders verächtlichen Blick zielte, wenn sie sich gezwungen sah, sich diesen Gründen geschlagen zu geben. Und Signor Manfroni, der jedes Mal den Blick auf dieser Warze ruhen fühlte, gingen daraufhin immer so sehr die Nerven durch, daß er schnell, um sich nicht zu einer Unbesonnenheit hinreißen zu lassen, die Diskussion abschnitt. Er läutete und befahl dem Stubenmädchen: “Schick mir sofort Lisi her.”

Lisi, der als Kutscher und Diener beschäftigt war, erschien auf der Schwelle ohne Jacke, die Hemdsärmel aufgekrempelt und den Mund zu einem stummen Lachen verzogen, wie immer, wenn die Herrschaft ihn zu sich rief.

Signor Manfroni hatte schon bei seiner ersten Begegnung mit ihm eine ganz außergewöhnliche Schlauheit in diesem Burschen zu entdecken vermeint.

“Weißt du, wo Titta Marullos Frau ist?”

“Jawohl, Signore. Ich habe verstanden!”, antwortete Lisi, zuckte eine Achsel und krümmte sich, während ein dümmliches Lächeln ihm den Adamsapfel den Hals hinaufwandern ließ.

“Was hast du verstanden, du dummes Vieh?” schrie ihn Marconi an, der in diesem Augenblick nicht dazu aufgelegt war, ihn zu bewundern.

Lisi krümmte sich von neuem, als hätte der Herr ihm ein besonders schönes Kompliment gemacht, und antwortete: “Ich gehe und sage es ihr, Signore.”

“Sag ihr, sie soll sofort herkommen. Ich habe mit ihr zu reden.”

Und kurze Zeit darauf bekam Signor Manfroni eine beeindruckende Probe der außergewöhnlichen Schlauheit Lisis geliefert. Man muß sich nur vorstellen, noch während er mit seiner Frau bei Tisch saß, sah er Annicchia, Tittas Frau, ins Zimmer stürzen, vor Freude weinend und ein etwa zwei Monate altes Kindchen auf dem Arm.

“Ach mein lieber Signore! Mein Signorino! Lassen Sie sich die Hände küssen!”

Und während sie das rief, fiel sie vor ihm auf die Knie. Das Stubenmädchen und die Köchin standen in der Türe und ließen sich diese Szene nicht entgehen; vor ihnen lachte Lisi selig und triumphierend vor sich hin.

Zwischen den Augen und den Brauen von Signor Saverio begann ein wilder Kampf, denn die einen wollten aufgrund der plötzlichen Verwirrung aus den Höhlen treten, die anderen sich vor Wut in die Höhe ziehen. Er zog sofort die Hand zurück, die die kniende junge Frau ihm küssen wollte, blickte zur Tür und brüllte: “Hinaus! Nein, du bleibst da, Lisi! Was hast du ihr erzählt?”

“Daß Titta kommen wird!”, rief Annicchia, ohne sich zu erheben. “Daß sie ihn für mich freibekommen haben, Signore!”

Manfroni sprang auf und packte den Stuhl: “Na warte, du Kanaille!”

Lisi sprang davon wie ein junger Hirsch.

“Stimmt es denn nicht?”, fragte Annicchia mit ersterbender Stimme, zu der Signora Manfroni gewendet.

Und sie stand langsam auf. Es bedurfte einer gehörigen Anstrengung, ihr klar zu machen, daß die Freilassung ihres Mannes nicht vom Willen oder von den Freunden des Signor Manfroni abhing und auch gar nicht abhängen konnte; er hatte ihn zwar aus der Bäckerei hinausgeworfen, aber sie selbst war doch Zeugin dafür, welche Langmut er zuvor bewiesen hatte, allein ihretwegen, die doch als kleines Mädchen in seinem Hause aufgewachsen und viele Jahre hindurch Ersilias Spielgefährtin gewesen war.

Während ihr Mann ihr das alles erklärte, beobachtete Signora Manfroni die junge Frau, putzte sie in Gedanken als Amme auf und nickte zustimmend mit dem Kopf, als sähe sie sie jetzt schon mit einem affigen roten Schleier auf dem Kopf, eine Haarnadel mit herunterbaumelnden Silberblüten daran durch die blonden Haare gesteckt.

Als Manfroni ihr die Gründe darlegte, weshalb er Lisi nach ihr geschickt hatte, war Annicchia ganz verstört und ratlos.

“Und mein Kindchen da?”, sagte sie und streckte es vor. “Wem soll ich denn das lassen?”

Sie drückte es an die Brust; sie begann wiederum zu weinen.

“Tati kommt nicht zurück, Luzzì! Er kommt nicht zurück!”

Schließlich hob sie das tränenüberströmte Gesicht wieder auf und sagte, zu Signora Manfroni gewandt: “Er kennt ihn noch gar nicht; er hat ihn noch nie gesehen, diesen Engel, den ich ihm geboren habe.”

“Du könntest dein Kind ja in Pflege geben, mit einem Teil von der Summe, die du von Ersilia bekommst.”

“Ach, für Signorina Ersilia”, erwiderte Annicchia schnell, “denken Sie nur, wie gerne ich das für sie täte! Aber… es ist zu weit weg! in Rom!”

Herr Saverio erklärte es ihr auf der Stelle: Abfahrt! Fertig! Mit dem Zug und dem Dampfboot gäbe es heutzutage keine Distanzen mehr.

“Ja, Signore”, sagte Annicchia. “Euer Gnaden haben ganz recht. Aber ich bin ein armes, unwissendes Ding; ich ginge verloren dort. Ich habe doch nie einen Fuß aus unserem Dorf gesetzt. Und dann”, fügte sie hinzu, “Euer Gnaden wissen ja auch, daß ich meine Schwiegermutter bei mir habe: wie könnte ich die arme alte Frau allein lassen? Wir beiden sind ja allein zurückgeblieben. Titta hat sie mir so sehr ans Herz gelegt! Und wenn er wüßte, wie wir unser Leben fristen! Mir bindet dieses Kindchen die Hände; sie ist über siebzig Jahre alt! Ich wollte ja den Kleinen in Pflege geben und selbst irgendwo in Dienst gehen. So oder so, Titta wird nichts mehr von den schönen Sachen finden, die wir zu unserer Hochzeit gekauft haben. Arme-Leute-Ausstattung, jawohl, aber sauber. Verkauft haben wir’s, ein Stück da, eines dort… Aber die Alte will mich nicht in Dienst gehen lassen. Sie ist stolz; sie will es nicht. Aber wenn es für die Signorina Ersilia ist, dann vielleicht… nun, ich kann versuchen, mit ihr darüber zu reden.”

“Ja, aber die Antwort brauche ich sofort. Du müßtest spätestens morgen fahren.”
Annicchia war wiederum ganz verstört.

“Ich werde hören, was Sie sagt, und dann werde ich Ihnen ja oder nein sagen können”, sagte sie schließlich und verschwand.

Sie wohnte in einem kleinen Gäßchen ganz in der Nähe. Schon hatten sich in dem schmucklosen, ebenerdigen Häuschen alle Nachbarinnen bei der ebenso frohen wie falschen Nachricht Lisis rund um die alte Mutter des Deportierten versammelt, die ganz zusammengekrümmt in der Stube saß, ein schwarzes Kopftuch unter dem Kinn zusammengeknotet und die mit Gichtknoten übersäten Hände auf ein grobes Terracotta-Wärmebecken auf ihren Knien gelegt. Die Nachbarinnen lobten im Chor das gute Herz und die Großzügigkeit Manfronis, und die Alte stieß mit gesenktem Kopf von Zeit zu Zeit eine Art Knurren aus, von dem man nicht recht zu sagen wußte, ob es Zustimmung oder Verachtung bedeuten sollte, wobei sie die Umstehenden mit gewissen Blicken durchbohrte, die Mißtrauen und Groll ausdrückten. Als Annicchia auf der Schwelle erschien und ihre ersten Worte den Nachbarinnen die bewundernden Sätze über Signor Manfroni auf den Lippen erstarren ließen, da hob die alte Schwiegermutter den Kopf und sah die Nachbarinnen ringsumher mit Empörung an; dann, als sie von Manfronis Vorschlag erzählte, erhob sie sich.

“Was hast du ihm geantwortet?”

Annicchia warf einen Blick in die Runde der Nachbarinnen, als wollte sie sagen: Macht ihr es ihr doch klar, daß ich annehmen muß.

“Ich habe ihm geantwortet, daß ich mit Ihnen darüber reden würde, Mamma.”

“Ich will es nicht! Ich will es nicht!”, schrie die Alte auf der Stelle voller Zorn.

“Ich würde es auch am liebsten nicht wollen; aber…”

Und wiederum wandte Annicchia sich um Hilfe an die Nachbarinnen. Diese versuchten daraufhin, ein wenig die eine, ein wenig die andere, die Alte von den Gründen zu überzeugen, um deretwillen die Schwiegertochter diese Gelegenheit nicht ausschlagen durfte, die sich ihr bot, auf ehrbare Weise für sich, für sie und für das Kind zu sorgen. Eine, die mit ihrem Kind gekommen war, das an einer riesigen Brust hing, schrie sogar: “Da! Da! Seht her! Ich hab genug Milch für zwei! Ich nehm’ es zu mir, das Bübchen… Da, da, seht her!”

Und sie zog dem saugenden Kind die Brustwarze aus dem Mund, hob die Brust mit einer Hand und ließ den Nachbarinnen ihre Milch ins Gesicht spritzen, die lachend und ihre Gesichter mit den Händen schützend, zurückwichen und gegeneinanderprallten.

Aber die Alte wollte nicht nachgeben; sie wehrte sich gegen alle Bitten und Beschwörungen und schrie die Schwiegertochter an: “Wenn du gehst, gehst du gegen meinen Willen, und dann verfluche ich dich! Denk daran!”


II. 

Der Rechtsanwalt Ennio Mori wartete im Bahnhof auf die Ankunft des Zuges aus Neapel. Kleingewachsen, hager, mit hochgezogenen Schultern, schnaufte er ungeduldig vor sich hin und kratzte sich das knochige, gelblich gefärbte Gesicht, das von einem allzu wild wuchernden schwarzen Bart bedrängt und geradezu unterdrückt wurde, rückte sich die Brille zurecht, die nicht und nicht auf der Nase sitzen bleiben wollte, oder betastete immer wieder die Taschen des Mantels und der Jacke, die voll mit Zeitungen waren.

Schließlich trat er auf einen Eisenbahner zu.

“Verzeihen Sie, was ist mit dem Zug aus Neapel?”

“Der hat vierzig Minuten Verspätung.”

“Die italienischen Eisenbahnen! Das ist doch zum Aus-der-Haut-Fahren!”

Und er ging weg, auf der Suche nach irgend einem Sitzplatz; dort hinten, unter der Uhr, auf einem Mauervorsprung, denn die Bänke waren alle besetzt.

Jetzt mußte er auch noch den Diener spielen für die Amme, die da ankommen sollte:

“Zum Aus-der-Haut-Fahren ist das!”

Nun waren sie zwei Jahre verheiratet und wohnten seit zwei Jahren in Rom, aber seine Frau schien gerade eben erst aus diesem Stamm von Wilden aus dem hintersten Sizilien entsprungen zu sein: sie verstand sich nicht einmal zu Hause zu rühren, konnte nicht allein auf die Straße gehen, um die kleinen Einkäufe für die Familie zu erledigen; sie konnte ihm nur von früh bis spät Vorwürfe machen, jawohl, das konnte sie, immer mürrisch und immer stichelnd, dort, wo es am meisten schmerzte: bei der Logik, bei der Logik; sie konnte ihn mit der dümmsten und ärgerlichsten Eifersucht kränken, und das nicht aus Liebe, sondern aus Starrsinn. Sie fühlte sich nicht richtig geliebt! Na freilich! Was hatte sie denn je dafür getan, was tat sie nun dafür, geliebt zu werden? Es hatte doch viel eher den Anschein, als hätte sie Freude daran, gehaßt zu werden. Nie ein freundliches Wort, nie eine Liebkosung, nie! Und immer war sie voll Mißtrauen, abweisend, hart, übelnehmend, mürrisch. Na, mit dieser Heirat hatte er ein gutes Geschäft gemacht, das konnte man wirklich sagen!

“Zum Aus-der-Haut-Fahren!”

Er schnaufte, rückte sich wieder die Brille auf der Nase, zog eine der vielen Zeitungen aus der Tasche und begann zu lesen.

Aber sogar bei dieser Lektüre fand er keinen Augenblick Ruhe, als wäre er zu Hause und unterhielte sich mit seiner Frau; und fast bei jeder Meldung wiederholte er seinen Lieblingssatz: “Zum Aus-der-Haut-Fahren!” Er las jedoch trotz alledem weiter; und jeden Tag war er erst dann zufrieden, wenn er von der ersten bis zur letzten Seite die wichtigsten Blätter aus Rom, Mailand, Neapel, Turin und Florenz überflogen hatte, mit denen er sich stets alle Taschen vollstopfte.

“Medizin”, pflegte er zu sagen. “Sie bringen meine Galle in Bewegung.”

Aber wohl ein bißchen zu stark! Das hatte ihm auch der Arzt gesagt. Zu stark, ja, das mochte schon sein; aber hätten ihm ohne Lektüre der Zeitungen das unmittelbare Erleben der über alle Maßen angenehmen italienischen Gegenwart und die Gesellschaft seiner Frau die Leber nicht noch viel mehr ruiniert? Da war das Zeitunglesen noch besser.

“Und dieser verdammte Zug aus Neapel, zum Teufel, kommt der nun an oder nicht?”

Er sah auf die Uhr; dann sprang er entsetzt in die Höhe. Es war ja mehr als eine Stunde vergangen! In aller Eile stürzte er zum Ausgang. Wo sollte er nun diese arme Person finden, die bereits angekommen sein mußte und seine Adresse nicht kannte?

Aber zum Glück fand er sie, im Zollbüro, wo die Gepäckstücke kontrolliert werden, auf ihrem Reisesack kauernd und in Tränen. Die Zollbeamten versuchten sie zu trösten. Sie rieten ihr, auf die Polizei zu gehen, weil ihnen dieser “Mohrenanwalt”, von dem sie sprach, unbekannt war.

“Annicchia!”

“Signorino!”, schrie die Ärmste und sprang mit einem Satz auf, als sie seine Stimme hörte.

Es fehlte nicht viel, so hätte sie ihn umarmt vor Freude. Sie zitterte am ganzen Leib.

“Verloren war ich, Signorino, ganz und gar verloren… was hätte ich nur getan, wenn Euer Gnaden nicht gekommen wären?”

“Ja, konnte denn mein überaus ehrenwerter Herr Schwiegervater dir die Adresse nicht auf ein Stück Papier schreiben, zum Teufel”, schrie Mori sie an.

“Ja, ich kann doch nicht lesen…”, gab ihm Annicchia zu bedenken, die sich bemühte, ihre letzten Schluchzer zu unterdrücken und sich die Tränen abzuwischen.

“Zum Aus-der-Haut-Fahren ist das! Du hättest den Zettel einem Droschkenkutscher geben können, und ich hätte nicht selbst kommen brauchen. Im übrigen bin ich ohnehin gekommen. Ich war ja die ganze Zeit auf dem Bahnhof, ich habe nur die Ankunft des Zuges nicht bemerkt. Also Schluß damit.”

Während sie in den Wagen stiegen, trug er ihr auf: “Kein Wort zu meiner Frau über diese Geschichte. Sonst ist wieder die Hölle los.”

Damit zog er eine andere Zeitung aus der Tasche und begann wieder zu lesen.

Annicchia machte sich ganz klein, um so wenig Platz wie nur möglich in dem Wagen einzunehmen. Sie empfand eine große Befangenheit, als sie so neben dem gnädigen Herrn saß, ganz allein mit ihm im Wagen. Aber das dauerte nur kurz. Sie war wie benommen von der langen Reise, von den vielen neuen Eindrücken, die lärmend in ihre arme Seele eingebrochen waren, die bisher stets zurückgezogen gelebt hatte, gefangen in den gewohnten Verrichtungen ihres engen Lebens. An nichts erinnerte sie sich mehr; nichts dachte sie, nichts sah sie mehr; sie empfand nur die Erleichterung, endlich an­gekommen zu sein, den Schreck der Überfahrt auf dem Dampfschiff von Palermo nach Neapel, das Entsetzen über den entfesselten Lauf des Zuges überwunden zu haben. Wo war sie hingeraten? Sie versuchte aus dem Fenster zu sehen, aber die Augen schmerzten sie. Sie würde ja noch so viel Zeit haben, Rom zu sehen, die große Stadt, wo der Papst lebte! Einstweilen hatte sie schon jemanden neben sich, den sie kannte, und bald würde sie auch “ihr Fräulein” wiedersehen und sich beinahe wie zu Hause im Dorf fühlen. Sie lächelte. Für einen Augenblick stieg der Gedanke an ihr fernes Büblein in ihr hoch, an die alte Schwiegermutter, aber sie schüttelte das Bild sofort ab, aus dem instinktiven Bedürfnis heraus, sich diesen Augenblick der Erleichterung nach den langen, bangen Qualen der Reise nicht zu verderben.

“In Neapel”, fragte sie auf einmal Mori, “ist dich da jemand auf dem Dampfer abholen gekommen?”

“Oh ja, Signore! Ein großer Herr! So gut war er zu mir…”, beeilte sich Annicchia zu antworten. “Er hat mir auch befohlen, Grüße an Sie auszurichten.”

“Befohlen hat er dir?”

“Jawohl, Signore, Sie zu grüßen.”

“Er wird dich darum gebeten haben.”

“Jawohl, Signore; aber… ein gnädiger Herr und ich…”

Ennio Mori fauchte vor sich hin und begann wieder in der Zeitung zu lesen.

“Medizin, Medizin…”

“Wie sagen Sie, bitte?”, wagte Annicchia schüchtern zu fragen.

“Nichts. Ich spreche mit mir selbst.”

Annicchia verstummte eine Zeitlang vor Verblüffung. Dann sagte sie: “Auch in Palermo ist ein anderer großer Herr auf den Bahnhof gekommen, der mich dann zum Dampfer begleitet hat: auch der war so gut zu mir.

“Und hat der dir auch befohlen, mich zu grüßen?”

“Jawohl, Signore, auch der.”

Mori ließ die Zeitung auf die Knie sinken, rückte sich die Brille auf der Nase zurecht und fragte mit hochgezogenen Brauen:

“Was ist mit deinem Mann?”

“Immer noch dort!”, seufzte Annicchia. “Immer noch auf der Insel. Ach, wenn Euer Gnaden, die Sie hier in Rom wohnen, wo doch der König ist…”

“Halt den Mund!”, fuhr Mori auf, als hätte dieses arme Mädchen ihm auf den Fuß getreten, als sie den König erwähnte.

“Ein Wörtchen würde schon genügen…”, wagte Annicchia unterwürfig hinzuzufügen.

“Zum Aus-der-Haut-Fahren ist das!”, fauchte Mori von neuem, so wütend, daß er die Zeitung, die er auf den Knien hielt, zusammenknüllte und aus dem Wagen warf. “Glaubst du denn, die hätten bloß deinen Mann dorthin geschickt, ins Straflager? Die schicken uns genauso hin!”

“Die Herrschaft?”, fragte Annicchia verblüfft und ungläubig. “Die Herrschaft schicken sie auch dorthin?

“Halt den Mund!”, gab Mori zurück, dem diese sklavische Unwissenheit geradezu unerträglich wurde.

Und er begann düster über das verzweifelte Unternehmen zu grübeln, das darin bestehen sollte, diesen einfachen Leuten in seinem heimatlichen Sizilien, in denen das Gefühl der Unterwürfigkeit so tief verwurzelt war, ein neues Bewußtsein zu geben.

Endlich kam der Wagen in der Via Sistina an, in der Mori wohnte.

Ersilia lag noch zu Bett. Unter dem rosafarbenen Baldachin des breiten Himmelbettes, zwischen dem weißen Schimmer der Kissen und Spitzen erschien ihre Haut noch dunkler als früher, fast schwarz, so mager war sie noch von den Strapazen der eben erst überstandenen Geburt.

Annicchia lief zu ihr, um sie freudig zu umarmen.

“Signorina! Meine Signorina! Da bin ich… wie ein Traum kommt es mir vor! Wie geht es Ihnen? Sie haben viel gelitten, nicht wahr? Ach, mein Kind, das sieht man… Sie sind kaum wiederzuerkennen… Aber das ist eben Gottes Wille: Wir Frauen sind zum Leiden geschaffen.”

“Einen Dreck!”, wehrte sich Ersilia. “Wie blöd sie sind, die Frauen… Alle sind sie so! Und es macht euch noch Spaß, was? Spaß macht es euch, in einem fort zu wiederholen, daß wir Frauen zum Leiden geschaffen sind. Und vor lauter Wiederholen dieser Phrase, da glauben es die Herren Männer am Ende tatsächlich, daß wir Frauen ihnen zu Diensten sein müssen, für ihre Bequemlichkeit und ihr Vergnügen zu sorgen haben. Wir sind die Sklavinnen, was? Und sie sind die Herren. Einen Dreck!”

Ennio Mori, dem diese Ohrfeige galt, faltete wütend die dritte Zeitung zusammen, fauchte und ging aus dem Zimmer.

Annicchia sah die gnädige Frau ein bißchen verlegen an und sagte: “Auch sie haben ja so viel zu erdulden, die Armen…”

“Ja, schlafen, essen und spazierengehen. Ich möchte gerne einmal ein bißchen tauschen. Ach, ein Mann sein, ein Mann, und wenn es ein Auge kosten sollte!”

“Natürlich, wenn wir gerade so viel für sie leiden mußten…”

“Nein, immer! Ich hasse sie alle miteinander!”

An dieser Stelle hörte man im Zimmer nebenan Ennio Mori rufen: “Die ganze weite Welt!”

Und darauf antwortete sofort ein anderer Ruf:

“Da bin ich schon, Signore! Was befehlen Sie?”

Ersilia brach in Gelächter aus und erklärte Annicchia: “Ich habe ein schwerhöriges Stubenmädchen. Immer wenn man ein bißchen die Stimme erhebt, glaubt sie, man hätte sie gerufen. Margherita! Margherita!”

Auf der Schwelle erschien die schwerhörige Alte mit einem halb beleidigten, halb verdatterten Gesichtsausdruck. Dort drüben hatte Mori, dem die Augen aus den Höhlen traten, zu ihr hin eine Geste gemacht… so eine gewisse, unverschämte Geste.

“Hör einmal, Margherita”, sagte Ersilia. “Das ist die Amme, sie ist eben angekommen… ja, jetzt eben. Gut: Nun zeigst du ihr das Zimmer. Hast du verstanden? Du gehst dich jetzt erst einmal waschen”, setzte sie, zu Annicchia gewandt, hinzu. “Du bist ja ganz rußig.”

Annicchia reckte den Hals, um sich in dem Spiegel der Kastentür zu betrachten und schrie sofort mit erhobenen Händen: “Du meine Güte!”

Der Rauch der Eisenbahn und die auf dem Bahnhof vergos­senen Tränen hatten ihr das Gesicht verschmiert. Aber ehe sie sich waschen ging, wollte sie “ihrer Signorina” noch, die Erlebnisse der Seereise, dann die der Bahnreise be­richten, begleitet von lebhaften Gesten und häufigen Aus­rufen, die der schwerhörigen Dienerin die Augen aus den Höhlen treten ließen. Vor allem erzählte sie, wie ihr auf einmal die Brust fast zu platzen drohte vor aufgestauter Milch, und wie sie daraufhin zu weinen begonnen hatte wie ein kleines Mädchen. Ihre Reisegefährten hatten sie gefragt, was sie denn habe; aber sie schämte sich, es zu sagen. Endlich begriffen sie. Und da machte sich ein junger Mann erbötig, ihr die Milch abzusaugen – der Lümmel! – und streckte sogar schon lachend die Hände nach ihrer Brust aus. Schreiend hatte sie gedroht, sich aus dem Abteilfenster zu stürzen. Aber dann hatte sie zum Glück bei der nächsten Station ein alter Mann, der dort neben ihr saß, in ein anderes Abteil geführt, in dem eine Frau mit einem armseligen kleinen Mädchen von drei Monaten saß, dem sie endlich ihre Milch geben konnte, wobei sie sich allmählich förmlich wiedergeboren fühlte.

Ersilia glaubte bereits die Sitten der Frau “vom Kontinent” angenommen zu haben und empfand daher Ärger über diese lebhaften und naiven Äußerungen bäuerlichen Schamgefühls.

“Genug, jetzt gehst du dich erst einmal waschen. Dann mußt du mir von Mama und Papa erzählen. Los, geh.”

“Und das Kindchen?”, fragte Annicchia. “Wollen Sie es mir nicht zeigen? Ich sehe es nur schnell an und gehe.”

“Da drinnen”, sagte Ersilia und deutete auf die Wiege. “Aber du nicht, rühr den Schleier nicht an mit deinen schmutzigen Händen. Los, Margherita, zeig es ihr.”

Zwischen einem solchen Reichtum an Bändchen, Schleiern und Spitzen erblickte Annicchia ein kleines Monsterchen mit puterrotem Gesicht, noch viel armseliger als das Mädchen, dem sie im Zug Milch gegeben hatte. Dennoch rief sie aus: “Schön! Schön! Mein Herzchen! Wie ein Engel schäft er! Euer Gnaden werden schon sehen, wie ich ihn aufpäppele. Auch mein Luzziddu kam so auf die Welt, winzig klein, und jetzt, jetzt sollten Sie ihn sehen!”

Bewegt brach sie ab. “Ich gehe und komme gleich wie­der.” sagte sie schließlich und folgte der alten Dienerin auf ihr Zimmer.


III. 

Am liebsten hätte sie den Kleinen gleich an die Brust genommen; der gnädige Herr war auch dieser Meinung; aber Ersilia, die in allem und jedem anderer Meinung sein mußte als ihr Mann, nein, die wollte, daß zuerst ein Arzt ihre Milch untersuchen solle.

“Ist denn wirklich ein Arzt nötig?”, fragte Annicchia lachend. “Sehen Sie nicht, wie gut’s mir geht?”

Sie strotzte vor Gesundheit mit ihren frischen und rosigen Wangen.

Ersilia blickte sie haßerfüllt vom Bett aus an, als hätte sie mit diesen Worten die Aufmerksamkeit ihres Mannes auf sich ziehen wollen.

“Einen Arzt! Ich will auf der Stelle einen Arzt!”

Und Mori mußte, seinen üblichen Satz vor sich hinmurmelnd, einen Arzt holen gehen.

Dieser kam erst gegen Abend, als Annicchia sich von neuem in Krämpfen wand mit ihrer angeschwollenen Brust, und das Kind, das die im übrigen vertrocknete Brust der Mutter nicht zu fassen bekam, vor Hunger und Angst schrie.

Ennio wäre gerne bei der Untersuchung dabei gewesen, aber seine Frau jagte ihn fort: “Was willst du da denn sehen? Sag lieber Margherita, sie soll uns einen Löffel und ein Glas Wasser bringen.”

“Blond, hm?… blond… blond…”, sagte unterdessen der Arzt, der die Angewohnheit hatte, drei und viermal hintereinander dasselbe Wort zu wiederholen, während er geistesabwesend auf die Amme blickte, als müßte er sich jedesmal bemühen, seine Gedanken zusammenzuhalten.

Als sie sich so angestarrt sah, wurde Annicchia rot wie Klatschmohn.

“Blond, hm?… sagten wir doch, hochverehrte gnädige Frau”, setzte unterdessen der Arzt fort. “blond, nicht wahr?

Hochverehrte gnädige Frau… Eine schöne junge Frau… schön, ja, und gesund wirkt sie auch, gesund auch… aber braun, hm, braun, braun wäre besser gewesen… die Milch der Braunhaarigen, sicherlich, die Milch der Braunhaarigen… na gut, wollen wir einmal sehen.”

Er hob Annicchia den Kopf auf und untersuchte die Drüsen am Hals; nach einigen weiteren Betrachtungen begann er ihr zerstreut das Mieder aufzuknöpfen. Annicchia, bebend vor Scham, ganz verdattert und verlegen, versuchte ihn daran zu hindern und verdeckte ihre Brust mit den Händen.

“Hol’s raus, hm? Hol’s raus”, sagte der Arzt.

Ersilia brach in Gelächter aus.

“Warum… warum la… warum lachen Sie, hochverehrte gnädige Frau?”

“Ja, sehen Sie denn nicht, wie sich diese dumme Gans vor Ihnen schämt?”, machte Ersilia ihn aufmerksam.

“Vor mir? Ich bin doch Arzt!”

“Daran ist sie nicht gewöhnt”, erklärte Ersilia. “Und außerdem, wissen Sie, unsere Frauen, also, wir Sizilianerinnen, wir sind nun einmal nicht so wie die Frauen hier.”

“Achso”, sagte der Arzt schnell. “Ich verstehe, ich verstehe… ich weiß schon, ich weiß schon… schamhafter sind sie, hm? Schamhafter… Aber ich bin Arzt; ein Arzt ist wie ein Beichtvater. Laß einmal sehen: spritz du selbst ein paar Tröpfchen hier in den Löffel. Wie lange hast du denn dein Kindchen schon?”

“Gekauft hab ich’s”, antwortete Annicchia, wobei sie sich abmühte, ihm ins Gesicht zu sehen, “wohl schon vor zwei Monaten.”

“Gekauft hast du’s? Was sagst du da?”

“Wie soll ich es denn sagen?”

“Na, geboren, mein Kind, geboren…. Die Kinder werden geboren… geboren… Was ist da Böses dabei?”

Als der Arzt endlich nach Untersuchung der Milch gegangen war, ließ sich Annicchia erledigt auf einen Stuhl sinken, als hätte sie eben eine unsägliche Anstrengung hinter sich gebracht: “Ach, Signorina, was für eine Schande! Ich bin fast gestorben dabei.”

Als sie kurz darauf das Kind schreien hörte, lief sie zur Wiege und gab ihm sofort die Brust. “Da hast, trink dich satt, mein kleines Schätzchen, mein Herzchen, trink!”

Ersilia betrachtete sie abermals vom Bett aus: sie sah ihre goldglänzenden blonden Haare, die, in der Mitte gescheitelt, in zwei Strähnen über ihre Ohren hingen und ihr zartes Gesicht einrahmten, sie sah ihre wunderbar weiße, schöne Brust, und da sagte sie ärgerlich:

“Es wäre besser gewesen, ihn zuerst nur zu beruhigen; und ihm dann Milch zu geben, um ihn einzuschläfern.”

“Lassen Sie ihn doch trinken, das arme Würmchen!” rief Annicchia. “Er hat ja wirklich Hunger! Wenn Sie sehen könnten, wie er saugt, wie er saugt!”

Wenig später konnte sie sich in dem Nebenzimmer, das für sie und den Kleinen bestimmt war, gar nicht beruhigen, wenn sie die Möbel und die Vorhänge betrachtete: “Jesus! Was es alles gibt, in Rom! Was es alles gibt!”

Und sie fühlte eine gewisse Verlegenheit angesichts dieses neuen, so schönen Bettes, das für sie vorbereitet worden war. Sie erinnerte sich auch noch an die noch stär­kere Verlegenheit, die sie vor zwei Jahren bei dem Anblick eines anderen Bettes empfunden hatte, jenes Bettes, in dem sie zum ersten Mal nicht mehr allein schlafen sollte. In Gedanken sah sie dabei ihr fernes Häuschen vor sich, wie es gewesen war, als Titta, ehe ihm diese schlimmen Ideen, die ihn ruiniert hatten, in den Kopf geraten waren, es voller Liebe für die Hochzeit vorbereitet hatte; und wie es dagegen jetzt war, armselig und nackt, gerade mit zwei Stühlen darin und einem einzigen Bett, für sie und die Schwiegermutter gemeinsam.

Nun hatte die Alte da unten es für sich allein, dieses Doppelbett, denn das Kind schlief wahrscheinlich im Haus der Nachbarin. Armer Luzziddu, so klein schon fort von Zuhause, und so weit entfernt von seiner Mamma! Sicherlich hatte diese Frau für ihn nicht die selbe liebevolle Zuwendung wie für ihr eigenes Kind, und Luzziddu mußte, zur Seite ge­schoben, still sein und warten, was für ihn übrig blieb; er, der bisher seine Mamma ganz für sich allein gehabt hatte!

Annicchia begann zu weinen; aber dann hatte sie Angst, jemand könnte es bemerken, trocknete ihre Tränen und tröstete sich mit dem Gedanken, daß ja die Großmutter ganz in der Nähe war, um aufzupassen, und daß sie sich schon Gehör zu verschaffen gewußt hätte mit ihrem düsteren und herrischen Ton, falls das notwendig geworden wäre. Ja, sie war die würdige Mutter Tittas! Aber im Grunde war sie doch gut, so wie Titta gut war; sicher würde sie mit der Zeit einsehen, daß die Schwiegertochter nur deshalb gewagt hatte, ihr nicht zu gehorchen, weil sie von der Notwendigkeit und dem Gedanken an das Wohl aller dazu gezwungen worden war.

Nun, um sich selbst zu beweisen, daß sie ein Opfer gebracht und dabei nur an das Wohl der anderen und nicht an das eigene gedacht hatte, hätte sie am liebsten auf dem Boden geschlafen und nicht dort, auf diesem herrschaftlichen Bett, unter diesem Baldachin: der Kleine sollte dort schlafen, denn der ganze Reichtum galt ja ihm, und sie auf dem Boden wie eine Hündin. Sie konnte sich kaum dazu entschließen, unter diese Decken zu schlüpfen, weil sie ständig an das Stroh denken mußte, auf dem ihr Luzziddu schlief und ihre Schwiegermutter auch.

Aber einige Tage später kränkten sie die affigen und pompösen Kleider, die die Schneiderin gebracht hatte, in dieser geheimen Empfindung noch viel mehr. War all dieser Schnickschnack wirklich für sie, die bestickten Schürzen, die Samtbänder, die Silbernadeln? Und sollte sie wirklich so auf die Straße gehen, als ginge es zu einem Maskenzug?

Ersilia, die das Bett bereits verlassen hatte, wurde ernsthaft böse: “Ach, was für ein Gesicht! Das habe ich mir ja gedacht. Aber hier ist es nun einmal so üblich und das hast du anzuziehen, ob’s dir nun paßt oder nicht!”

“Wie Euer Gnaden befehlen”, gab Annicchia rasch zur Ant­wort, um sie zu beruhigen. “Verzeihen Sie mir. Euer Gnaden haben so viel schönes Geld ausgegeben für mich, die ich doch gar nichts verdient hätte. Aber schließlich, was hat das schon für eine Bedeutung? Euer Gnaden sind die Herr­schaft… Ich meine, es kommt mir seltsam vor… denn bei uns im Dorf…”

“Hier sind wir aber in Rom”, schnitt ihr Ersilia die Rede ab. “Im übrigen siehst du sehr gut aus.

Das stimmte tatsächlich. Das leuchtende Rot des Schleiers unterstrich noch das Blond der Haare und das Blau ihrer fröhlichen, klaren Augen. Ersilia war sicher, daß sie neben ihr bei dem gemeinsamen Spaziergang eine höchst unvor­teilhafte Figur machen würde; aber die Eitelkeit, der Ehr­geiz, eine schön aufgeputzte Amme zu haben, waren in ihr stärker als selbst die Eifersucht.

Das erste Mal nahm sie sie im Wagen mit.

Annicchia, feuerrot im Gesicht vor Scham, hatte die Augen niedergeschlagen und starrte auf das Kind in ihrem Schoß. Unterdessen merkte Ersilia, wie alle Leute auf der Straße stehen blieben und sich nach ihr umdrehten.

“Los, los”, sagte sie. “Heb den Kopf auf! Wir wollen doch kein Schauspiel bieten! Du siehst ja aus, als wärst du geohrfeigt worden!”

Annicchia versuchte, die Augen aufzuheben und den Kopf dazu. Nach und nach ließ das Staunen über das ungewohnte, beeindruckende Schauspiel der Stadt sie ihre Scham vergessen, und sie begann wie betäubt aus dem Fenster zu starren, auf all die Dinge, die Ersilia ihr zeigte.

“Jesus, Jesus!” murmelte Annicchia insgeheim. “Was das für große Dinge sind! Was das für Dinge sind…”

Als sie von diesem ersten Ausgang nach Hause zu­rück­kehrte, war sie ganz verstört, es schwindelte ihr beinahe, und die Ohren dröhnten ihr, als wäre sie in einen Aufruhr geraten und wäre ihm nur mit großer Mühe entkommen. Und sie fühlte sich viel, sehr viel weiter entfernt von ihrem Dorf als zuvor, so weit, wie sie es sich nie vorzustellen ver­mocht hätte, beinahe verloren in einer anderen Welt, die ihr noch gar nicht wirklich erschien.

“Jesus! Jesus!”

Unterdessen gab Mori nebenan seiner Frau einen während ihrer Abwesenheit aus Sizilien eingetroffenen Brief zu lesen.

Darin schrieb Frau Manfroni ihrer Tochter, daß die alte Marullo ihr das Geld zurückgeschickt hatte, das sie ihr, der Abmachung mit Annicchia entsprechend, auf den ersten Monatslohn vorstrecken wollte. Die Alte hatte das Geld nicht einmal von weitem sehen wollen. Lieber würde sie sterben, hatte sie gesagt, lieber von Haus zu Haus ziehen und um ein Stückchen Brot betteln. Unterdessen war die Nachbarin gekommen, der Annicchia ihr Kindchen anvertraut hatte, um sich über diese alte Hexe zu beschweren, die ihr keinen Heller geben wollte, auch nicht für das, was sie für das Kind aufwenden mußte. Frau Manfroni fügte hinzu, sie habe dieser Nachbarin den halben Monatslohn gegeben, jedoch unter der Bedingung, daß sie jeden Tag der Alten, als wäre es aus eigener Barmherzigkeit, einen Teller Suppe geben sollte, damit sie nicht buchstäblich Hungers stürbe. Sie riet ihrer Tochter, die andere Hälfte gar nicht erst zu schicken, denn die Marullo hätte das nie angenommen, und schloß mit der Bemerkung, sie wäre zutiefst betrübt darüber, daß sie in diese peinliche Situation geraten wäre, weil sie dem Rat anderer Leute hatte folgen wollen.

“Deinem klugen Rat!”, brauste Ersilia auf, während sie den Brief zusammenfaltete. “Du kannst auch nicht ein ein­ziges Mal das Richtige treffen!”

“Ich?”, wehrte sich Ennio. “Ja, habe ich denn viel­leicht deiner hochverehrten Frau Mutter geschrieben, sie solle mir die Schwiegertochter einer gemeingefährlichen Irren als Amme schicken?”

“Nein. Aber eine sizilianische Amme wolltest du haben! Hättest du nicht diese wunderbare Idee gehabt, steckten wir jetzt nicht in diesem Schlamassel. Im übrigen, ach hör mir auf, hör mir auf, sie gefällt dir doch, und gar nicht wenig, die kleine sizilianische Amme! Das hab ich schon gemerkt!”

Mori riß die Augen weit auf:

“Die Amme meines Sohnes?”

“Schrei nur, schrei nur! Damit man drüben alles hört…”

“Erst reizt du mich, und dann willst du, daß ich nicht schreie? Auch noch auf die Amme meines Sohnes bist du also jetzt eifersüchtig? Bist du denn ganz übergeschnappt?”

“Übergeschnappt bist du! Du könntest froh sein, wenn du deine fünf Sinne so beisammen hättest wie ich! Nun, und was machen wir jetzt? Was sollen wir damit machen, mit diesem Geld?”

“Ich hoffe, du willst ihr jetzt nicht ins Gesicht schreien, daß ihre Schwiegermutter es nicht annimmt!”

“Aber wo denkst du hin? Ihr solchen Verdruß bereiten? Ich werde mich hüten!”

Mori verlor die Geduld, zuckte wütend die Schultern und ging.


IV.  

Jetzt blieb ihm auch das nicht erspart: er durfte nicht einmal sein kleines Kindchen liebkosen, es nicht einmal betrachten, weil seine Frau nun schon den Verdacht hatte, die Amme könnte diese Liebkosungen, diese Blicke, auf sich beziehen.

“Und weshalb”, fragte sie ihn auch tatsächlich, “weshalb bist du nicht entzückt von deinem Sohn, wenn ich ihn im Arm halte und schneidest ihm stattdessen lauter zärtliche Grimassen, wenn er bei der da ist?”

Entrüstet und beschämt ob dieses ungerechten und em­pörenden Verdachts schrie Ennio sie an: “Aber bei dir ist er ja nie!”

Tatsächlich fing das Kind jedesmal, wenn sie es auf den Arm nahm, zu schreien an und streckte die Händchen nach der Amme aus. Vielleicht hielt sie es nicht richtig, nicht so sehr deshalb, weil sie es nicht gewohnt war, als vielmehr aus Angst, es könnte ihr die reich verzierten Hausmäntel beschmutzen, mit denen sie zu prunken liebte.

Obwohl sie nie Besuche empfing und nur selten ausging, gab sie doch sehr viel Geld für Kleider aus, mit denen sie dann nie zufrieden war, ebenso wenig wie mit allem anderen und mit sich selbst. Sie fühlte sich unglücklich, und viel­leicht war sie es tatsächlich; aber ihr Unglück machte sie den anderen zum Vorwurf und nicht der eigenen Unduldsamkeit, ihrem widerborstigen Charakter, dem Fehlen jeder Anmut. Sie war überzeugt davon, wenn sie über einen anderen Mann ge­stolpert wäre, der sie zu lieben und zu verstehen vermocht hätte, dann hätte sie nie all diese Leere verspürt, die sie nun in und um sich fühlte. Jetzt war sie auch noch des Kindes überdrüssig geworden, weil dieses mehr Zuneigung zur Amme zeigte als zu ihr. Und es verging kein Tag, an dem sie nicht, in diesem Müßiggang versinkend, heimlich geweint hätte. Manchmal sah ihr Mann ihre geschwollenen, geröteten Augen, aber er tat, als bemerke er nichts. Er vermied es, so gut es ging, mit ihr zu sprechen, denn er war längst sicher, daß es ihm, was er auch immer sagen oder tun würde, nie gelingen könnte, ihr jene Liebe zum Leben mitzuteilen, nach der sie sich so rasend sehnte, und deren er sie doch für nicht fähig hielt. Sie erwartete es von den anderen, das Leben, ohne zu begreifen, daß jeder es sich für sich allein schaffen muß. Im übrigen, wenn sie schon unglücklich war, dann war er nicht minder unglücklich darüber, mit ihr zusammenleben zu müssen. Ein schönes Leben führte er! Den ganzen Tag eingesperrt, dort in der Kanzlei. Ein Glück, daß ihn wenigstens von Zeit zu Zeit seine Partei­freunde besuchen kamen, mit denen er zumindest ein bißchen Dampf ablassen und frei diskutieren konnte.

Während dieser Diskussionen wurde der alte Schreiber der Kanzlei hinaus ins Wartezimmer geschickt. Dabei verbeugte er sich jedes Mal ganz tief, der Herr Felicissimo Ramicelli, vor den Herren Revolutionären, und ging sehr würdevoll aus dem Zimmer. Kaum war er jedoch über der Schwelle und hatte die Tür hinter sich ins Schloß gezogen, da kniff er ein Auge zu, hob ein Bein und rieb sich in höchster Zufriedenheit die Hände. Dann zwirbelte er sich die Spitzen seines gefärbten Schnurrbarts und setzte sich auf die Bank des Wartezimmers, in der Hoffnung, daß dort Annicchia, die hübsche kleine sizilianische Amme auftauchen würde.

Er hatte bereits versucht, mit ihr ein Gespräch anzuknüpfen: “Weißt du, wie ich heiße? Felicissimo.”

Aber Annicchia schien das nicht zu verstehen, sie kehrte ihm den Rücken zu. Und also sagte Signor Ramicelli zu sich selbst: “Felicissimo, jawohl, der Glücklichste. Aber worüber bloß?”

Wie gutes Omen hatten sie ihm diesen schönen, superlativischen Namen angehängt. Danke vielmals! Freilich hatte er im Leben eigentlich nie Gelegenheit gehabt, sich, ‑ na sagen wir nicht glücklich, gerade nur so ein bißchen zufrieden zu erklären, der gute Signor Ramicelli. Acht Lire pro Tag verdiente er, und das wäre ihm vielleicht auch genug gewesen, wenn er nicht so ein kleines Lasterchen gehabt hätte… so ein ganz gewisses Lasterchen…”

“Tja, was will man da schon machen? Die hübschen kleinen Frauenzimmer…”

Diese Annicchia zum Beispiel, das war doch ein Lecherbissen! Jedes Mal, wenn er sie sah, lief ihm das Wasser im Mund zusammen. Und sie schien ihm auch ein braves Mädchen zu sein. Sie schien es ihm natürlich nur, verstehen wir uns recht! Denn all diese Ammen, das weiß man ja: das sind gestrauchelte Mädchen, das sind… na, so eine Art Kriegsbeute sind sie!

Annicchia bemerkte die Blicke und das affige Getue des Herrn Ramicelli, und sie wußte nicht recht, ob sie darüber lachen oder sich ärgern sollte. Er schien ihr gar zu selt­sam, dieser Alte mit seinem noch immer blonden Haar. Also sicherlich, wenn der nicht übergeschnappt war, dann fehlte nicht mehr viel daran.

Dort im Wartezimmer versuchte sie, ob die Beinchen des Kleinen schon trugen, indem sie ihn nur unter den Achseln hielt. Nach sechs Monaten vermochte sie noch immer nicht den Namen, den Mori dem Kind gegeben hatte, richtig auszuspre­chen: Leonida. Sie nannte es stattdessen Nònida.

“Was heißt da Nónida!”, stichelte Signor Ramicelli. “LE‑O-nida.”

“Das kann ich nicht aussprechen.”

“Und Felicissimo? Kannst du Felicissimo auch nicht aussprechen? Aber ich heiße wirklich so, weißt du?”

Annicchia nahm das Kind wieder auf den Arm und verließ das Wartezimmer mit den Worten: “Das glaube ich nicht.”

“Ich auch nicht”, schloß Signor Ramicelli in philosophischer Manier, während er allein im Wartezimmer blieb, um das Ende der Diskussion dort drinnen abzuwarten.

TaktikVerbrecherDie Erziehung des ProletariatsMindestforderungskatalog…” – solche und ähnliche Ausdrücke drangen von Zeit zu Zeit an Ramicellis Ohr. Dieser schüttelte daraufhin melancholisch den Kopf und blickte lieber mit einem Seufzer zu der Türe hin, durch die die Amme verschwunden war. Manchmal drang von dort zu ihm ein bäuer­liches Wiegenliedchen herüber, das Annicchia mit einer süßen, traurigen Stimme sang. Vielleicht dachte sie dabei an ihren Sohn und blickte unterdessen auf dieses Kind, das hier mit ihrer Milch groß und schön geworden war, größer und dicker als das ihre gewesen war, als sie es dort verlassen hatte. Ach, ihr Luzziddu wäre sicher ein Riese geworden, wenn sie ihn hätte stillen können! Nun aber… wer konnte das wissen! So viele schlimme Gedanken gingen ihr durch den Kopf! Oft träumte sie, er wäre krank geworden, ganz dünn, nur Haut und Knochen, mit einem dünnen Hälschen und einem rachitischen Kopf, der bald auf die eine, bald auf die andere Schulter sank und immer mehr anschwoll, während sie ihn entsetzt und verzweifelt betrachtete: “Das soll mein Luzziddu sein? So zugrundegerichtet habt ihr ihn?” Und in ihrem Angsttraum wollte sie ihm sofort ihre Milch geben, auf der Stelle; aber dann sah sie das Kind mit den düsteren, starrsinnigen Augen seiner Großmutter an und wandte das Gesicht ab, ohne die Brust zu nehmen, die sie ihm darbot. Was für eine Qual! Sie stand auf, das Herz klopfte ihr bis zum Hals, und bis zum Morgen vermochte sie das Bild ihres Kindes in diesem gräßlichen Zustand nicht mehr loszuwerden.

Sie wagte freilich nicht mehr, der gnädigen Frau davon zu erzählen, die ihr schon mehrfach eine böse Antwort ge­geben hatte, vielleicht weil sie sich über ihre hartnäckige Insistenz ärgerte, vielleicht auch, weil sie fürchtete, sie könnte über den Gedanken an ihr Kleines das ihr anvertraute Kind vernachläs­sigen. Aber das konnte man ihr wirklich nicht vorwerfen, auf Ehre: das durfte sie nicht sagen: da brauchte man ja Nònida nur anzusehen: blühend und lebhaft war er!

Annicchia vermochte in ihrer gnädigen Frau kaum noch die Signorina Ersilia von damals wiederzuerkennen, so schlecht wurde sie von ihr behandelt: schlimmer als eine Dienerin. Sie tat alles, um Ersilia zufriedenzustellen, übernahm viele Dienste, zu denen sie nicht verpflichtet war, nun, da die schwerhörige Margherita nicht mehr im Hause war; und sie bemühte sich, immer fröhlich zu erscheinen und auch der gnädigen Frau Mut zu machen, die ständig Nervenkrisen hatte und wegen jedem Nichts verzweifelte.

“Da bin ich schon, da bin ich, ich erledige alles, Signorina, machen Sie sich nur keine Sorgen.”

Als Gegenleistung hätte sie gerne ein bißchen Wertschätzung erfahren. Zum Beispiel, wenn Briefe aus Sizilien kamen… die brachte sie ihr sofort, ganz glücklich, frohlockend: “Signorina! Signorina!”

“Was ist los? Hast du im Lotto gewonnen?”

Jedes Mal ließ sie sie förmlich erstarren mit diesen Worten. Sie wartete geduldig, bis Ersilia zu Ende gelesen hatte und hoffte, sie würde ihr sofort sagen, was es Neues von ihrem Kind gab. Aber nichts da! Keine Spur! Sie mußte sie danach fragen, wenn dann die gnädige Frau den Brief zurück in den Umschlag steckte.

“Und… steht nichts von Luzziddu drinnen?”

“Oja. Hier steht, daß es ihm gut geht.”

“Und meiner Schwiegermutter?”

“Auch.”

Mit diesen Antworten mußte sie sich zufriedengeben. Aber war es denn möglich, daß von da unten keine anderen Botschaften an sie aufgetragen worden waren? Ach, wie sehr sie es jetzt bereute, nie schreiben gelernt zu haben! Ja freilich, bei der Abreise hatte sie schon gedacht, daß die Entfernung ihr Kummer bereiten würde; aber so viel auch wieder nicht! Es war ja eine wahre Höllenstrafe, so!

Das Kind würde jedoch in ein paar Tagen sieben Monate alt werden. Mit neun Monaten sollte es auf Wunsch des Vaters abgestillt werden; also galt es diese Qualen noch zwei Monate lang zu ertragen. Da mußte man eben Geduld haben!

Wenn sie sich so tröstete und mit ihrem traurigen Schicksal abfand, dann erwartete sie sicherlich nicht das, was ihr eben an dem Tag zustoßen sollte, an dem das Kind sieben Monate alt wurde: ein doppelter Festtag, denn gerade da war Nònida auch das erste Zähnchen gewachsen.

Als sie an jenem Tag die Türglocke hörte und aus dem Läuten zu entnehmen meinte, es wäre der Briefträger, da war sie ganz fröhlich öffnen gegangen, wie üblich. Aber plötz­lich, ohne daß sie auch nur Zeit gefunden hätte, darauf zu achten, wem sie da geöffnet hatte, klatschte eine gewaltige Ohrfeige auf ihre Wange und sie fand sich auf dem Boden wieder. Titta Marullo stand vor ihr, ihr Mann, bleich, mit wutverzerrtem Gesicht, einen Fuß erhoben, um ihr ins Gesicht zu treten.

“Elende Hündin! Wo ist dein Herr?”

Auf dieses Geschrei hin kamen Mori, seine Frau und Signor Ramicelli gelaufen. Titta Marullo, totenbleich, stürzte auf Mori zu, packte ihn am Jackenaufschlag und schüttelte ihn ganz langsam: “Mein Sohn ist tot, weißt du? Tot!” wieder­holte er noch einmal, während er sich zu Annicchia wandte, die einen Schrei ausgestoßen hatte. “Und du, was willst du jetzt tun? Bezahlst du mir ihn oder willst du mir lieber deinen dafür geben?”

“Der ist verrückt!” schrie Ersilia, zitternd vor Entsetzen.

Mori stieß Marullo zurück und wies ihm die Tür, mit einer nervösen Geste seiner vor Wut bebenden kleinen Gestalt.

“Raus!” brüllte er. “Verbrecher! Raus aus meinem Haus, auf der Stelle!”

“Was tust du da?” sagte Marullo und stellte sich ihm entgegen, Brust an Brust. “Ich habe nichts zu verlieren, nimm dich in Acht! Meine Mutter ist im Krankenhaus; mein Sohn ist tot! Ich bin gekommen, um dir ins Gesicht zu spucken und diese Hündin da mitzunehmen. Los, steh auf!”, setzte er hinzu, zu seiner Frau gewandt, die noch immer auf dem Boden lag.

Aber in diesem Augenblick kam Ramicelli, der heimlich davongeschlichen war, erschreckt und keuchend mit zwei Gendarmen zurück, an die der am ganzen Körper vor Wut zitternde Mori sich in höchster Erregung wandte:

“Raus! Führt ihn ab! Er ist hier hereingekommen, um mich in meinem eigenen Haus zu beschimpfen und zu bedrohen, dieser Verbrecher!”

Die beiden Gendarmen packten Marullo an den Armen, der verzweifelt versuchte sich loszureißen, wobei er schrie: “Ich will meine Frau haben!” So zerrten sie ihn aus dem Haus, gefolgt von Mori, der auf das Kommissariat gehen wollte, um die tätliche Beleidigung anzuzeigen, deren Opfer er in seinem eigenen Haus geworden war.


V.

Am Tag darauf, ohne Eile, kam der Brief der Signora Manfroni an, in dem der Tod des Kindes und die Krankheit der alten Marullo berichtet wurde. Von Titta kein Wort.

Mori vermutete zuerst, er wäre aus dem Straflager entsprungen, aber dann erfuhr er, daß er auf Intervention des Präfekten, an den sich die kranke Mutter vom Spital aus gewandt hatte, vorzeitig entlassen warden war. Die römische Polizeiwache hatte ihn unterdessen nach Sizilien zurückgeschickt, mit der Warnung, wenn er dort unten auch nur im geringsten versucht hätte, sich der besonderen Überwachung, die drei Jahre lang über ihn verhängt war, zu entziehen, würde man ihn auf der Stelle ins Lager zurückschicken.

Annicchia war durch den Schrecken, den ihr Mann ihr eingejagt hatte, und durch den Kummer über den Tod ihres Kindes von einem heftigen Fieber befallen worden. Drei Tage lang schien es, als würde sie wahnsinnig; dann ließ das Delirium, dann ließen die Halluzinationen allmählich nach; sie blieb apathisch zurück, mit einem geistesabwesenden Ausdruck, der noch erschreckender war als ihr vorangegangenes Toben. Sie blickte, aber es schien, als sähe sie nichts; sie hörte, was man ihr sagte, nickte mit dem Kopf dazu und sagte auch ja, aber dann zeigte sie deutlich, daß sie nichts verstanden hatte.

Die Milch war ihr ausgeblieben, das Kind hatte man abstillen müssen. Im Hause ging alles drunter und drüber. Ersilia, unerfahren und zu allem ungeeignet, wie sie war, hatte zwei Nächte hindurch partout bei dem Kind wachen wollen, das nach der Amme schrie und keinen Augenblick still war; sie hatte sich auch um den Haushalt kümmern, der neuen Dienerin erste Instruktionen geben müssen, dazu noch ein wenig nach der Kranken sehen: nun war sie rasend vor Wut gegen ihren Mann, der sich umsah, eine Zeitung in der Hand, ohne zu wissen, was er tun sollte. Aber was hätte er denn auch tun können?

“Was?” schrie ihn seine Frau an. “Na, dich bewegen, die Sache ein bißchen in die Hand nehmen! Siehst du nicht, daß ich hier ganz allein bin, ohne Hilfe, das Kind auf dem Arm? Ich kann mich nicht auch noch um sie kümmern, die mir die ganze Suppe eingebrockt hat! Los, geh, such ihr einen Platz in irgendeinem Spital!”

Ennio blieb bei diesem Vorschlag erstarrt stehen und sah sie ganz verdattert an: “Im Spital?”

“Ach, kommt jetzt Mitleid und Barmherzigkeit?”, setzte Ersilia giftig hinzu. “Mitleid für sie, was? Nicht für mich, die ich seit vielen Nächten nicht zum Schlafen komme, die ich nicht einmal mehr Zeit habe, mich zu frisieren. Soll ich denn für alle der Dienstbote sein? Na gut, warte nur, bis sie wieder aufstehen kann, dann werde ich dir was zeigen! Keinen Tag mehr, keine einzige Minute mehr bleibt sie in meinem Haus!”

Sie hatte freilich nicht den Mut, diese Drohung sofort in die Tat umzusetzen, kaum daß Annicchia sich ein bißchen erholt hatte. Sie versuchte, mit ihr darüber zu reden, indem sie ihr erzählte, sie halte für sie das Geld bereit, das ih­re Schwiegermutter nicht hatte nehmen wollen. Aber Annicchia antwortete ihr: “Was soll ich denn jetzt noch damit tun? Jetzt habe ich ja nur noch diesen da!”

Und dabei drückte sie Nònida ans Herz, der zu ihr zurück­gekehrt war und die gleiche Zuneigung zu ihr zeigte wie vorher, obwohl er nun abgestillt war.

Als ihn ihr die Dienerin das erste Mal ans Bett brachte, empfand sie einen starken Widerwillen: seinet­wegen war ihr eigenes Kind gestorben! Aber dann, gerührt von der liebevollen Ungeduld, mit der der unschuldige Kleine ihr seine Händchen entgegenstreckte, umarmte sie ihn ganz, ganz fest, so wie sie ihr eigenes Kind umarmt hätte, und die sie erdrückende Verzweiflung löste sich in einen nicht enden wollenden Tränenstrom auf.

Der Kleine suchte noch immer nach ihrer Brust.

“Ach mein Kind! Ach mein Kind! Was willst du denn noch von mir? Ich habe ja nichts mehr, ich kann dir nichts mehr geben, weder dir noch irgendjemandem sonst… Aus ist’s mit deiner Mamma, mein Liebling, aus ist’s!”

Ach, wenn sie wenigstens mit Sicherheit erfahren hätte können, woran ihr Kind eigentlich gestorben war, ob an Nahrungsmangel oder an irgend einer nicht behandelten Krankheit. Mußte sie sich denn wirklich damit begnügen, nichts von ihm zu wissen, gar nichts mehr? War das denn möglich? Als wäre ein Hündchen gestorben! Ach du armes, unschuldiges, verlassenes Würmlein, ohne Mamma, ohne Vater, ohne niemanden, dort gestorben, in fremden Händen, ach Gott, ach Gott!

Aber wer kümmerte sich denn jetzt noch um ihren Kummer? Die gnädige Frau war im Gegenteil böse auf sie, weil ihret­wegen ihr Sohn plötzlich keine Muttermilch mehr bekommen hatte, schon mit sieben Monaten. Und sie hatte recht, natür­lich, denn auch sie war ja eine Mutter und konnte nur an ihr eigenes Kind denken. Was lag ihr schon daran, daß jenes andere gestorben war. Ärger konnte sie darüber empfinden, aber keinen Schmerz. “Ja, aber sie müßte doch auch verstehen”, dachte Annicchia, “daß ihr Sohn nun auch ein bißchen mir gehört: denn wenn sie die Qual der Geburt auf sich genommen hat, so habe ich meinen Sohn für ihn geopfert; und nun habe ich nichts mehr außer ihm.”

Obwohl es Ersilia nicht unangenehm war, sich die Mühe mit dem Kind zu ersparen, wollte sie andererseits doch nicht, daß es sich noch mehr an diese Person anschlösse, die es schon als ihr eigenes betrachtete. Und so bestärkte sie sich selbst immer mehr in dem Entschluß, sie fortzuschicken. Im übrigen, welche Verpflichtung hatte sie denn ihr gegenüber, weshalb sollte sie sie noch länger behalten? Sie eignete sich nicht zur Bedienten und auch nicht zur Kinderfrau. Und außerdem wollte sie, daß ihr Kleiner ein schönes Italienisch lernen sollte, aber mit dieser Person da neben sich, die bloß ihren Dialekt beherrschte, war das unmöglich. Also fort mit ihr, fort! Oder sollte sie sie vielleicht nur deshalb behalten, damit sie das Schauspiel ihrer Schönheit ihrem Mann besser vor Augen führen konnte? Nein, fort! Fort! Und ihr Mann selbst mußte sie entlassen.

“Ich? Warum denn ich?” fragte Mori.

“Weil du das Haupt der Familie bist. Und außerdem, weil ich nicht weiß, was sie sich in den Kopf gesetzt hat wegen des Mitleids, wegen der Barmherzigkeit, die du ihr damals gezeigt hast.”

“Ich?” wiederholte Ennio. “Ich habe ihr gar nichts gezeigt.”

“Vielleicht ist es ihr es damals bloß so vorgekommen. Für mich kommt das auf dasselbe heraus. Siehst du nicht? Sie fühlt sich doch schon ganz zu Hause. Auf diese Weise gäbe es hier zwei Mütter und zwei Hausfrauen. Und das mag dir gefallen, gut, aber mir gefällt das ganz und gar nicht!”

Obwohl er wußte, daß er es damit nur noch schlimmer machte, versuchte Ennio es noch einmal mit vernünftigen Argumenten: “Aber verzeih: weshalb willst du dich denn unbedingt darauf versteifen, dort etwas Böses zu sehen, wo es gar nichts Böses gibt, dir selbst schlimme Trugbilder vorzugaukeln, wo ich dir mit meinem von Studium und Arbeit erfüllten Leben nie auch nur den geringsten Anlaß gegeben habe, an mir zu zweifeln? Du hast doch gesehen: um Ruhe zu haben, damit du zufrieden bist, habe ich es mir sogar versagt, mein Kind zu liebkosen. Mißtraust du nun wirklich diesem armen Mädchen? Ja, meinst du denn, sie könnte sich mit dem Gedanken anfreunden, wieder da hinunterzufahren, wo sie ihr Kind nicht wiederfinden wird, sondern bloß einen groben Kerl, der ihr den Tod des Kindes anlastet und vor dem sie Angst hat? Da sie ihr eigenes Kind verloren hat, weil sie hierhergekommen ist, um unser Kind zu säugen, glaubt sie, sie habe damit ein Recht erworben, bei uns im Haus zu bleiben, bei diesem anderen Kind, dem sie das ihre geopfert hat. Erscheint dir das nicht gerecht? Erscheint dir das nicht vernünftig?”

Unwillkürlich wiederholte er nun das, was er wenig zuvor niedergeschrieben hatte, ehe seine Frau die Kanzlei betreten hatte. Bei dem Gedanken an die traurige Geschichte dieses unten in Sizilien verstorbenen Kindes war ihm ein Passus aus Malons Werk Le socialisme intégral eingefallen. Und anstatt daraus Gewissensbisse entstehen zu lassen, hatte er beschlossen, es zu einer Rede zu verarbeiten, die er in ein paar Tagen im Sozialistischen Club zu halten hatte.

Wie es zu erwarten gewesen war, bestritt Ersilia auf das heftigste seine humanitären Überlegungen und verließ die Kanzlei mit dem festen Entschluß, Annicchia auf der Stelle zu entlassen. Entnervt packte Mori die ersten, bereits fertiggeschriebenen Blätter seines Redetextes und warf sie zu Boden. Wenig später hörte er durch die geschlossene Türe hindurch das verzweifelte Weinen der Unglücklichen und die herzzerreißenden Worte, mit denen sie die gnädige Frau bat, sie doch nicht fortzuschicken.

“Behalten Sie mich doch als Dienerin, ohne mir irgendetwas dafür zu geben! Geben Sie mir nur ein Stück Brot! Den Abfall! Ich schlafe ja auch auf dem Boden… Aber jagen Sie mich nicht fort, ich flehe Sie an! Da unten, da unten kann ich nicht mehr hin… haben Sie doch Mitleid mit mir, tun Sie es doch aus Liebe zu diesem unschuldigen Kind­chen! Wenn Sie mich fortjagen, gehe ich vor die Hunde, Signorina! Ich gehe vor die Hunde, aber da unten gehe ich nicht mehr hin…”

Das Weinen und die verzweifelten Bitten dauerten eine ganze Weile hindurch an. Dann hörte Mori nichts mehr; er nahm an, Ersilia hätte sich rühren lassen und diesem armen Mädchen doch noch erlaubt, bei dem Kind zu bleiben.

Kurz darauf betrat Signor Felicissimo Ramicelli die Kanzlei ohne die gewohnte Würde, mit gerötetem Gesicht und glänzenden Augen.

Welch ein Sieg! Welch ein Sieg! Es fehlte nicht viel, und er, Felicissimo Ramicelli, hätte sich die Hände ge­rieben, dort vor den Augen des Rechtsanwalts. Die hübsche kleine sizilianische Amme, die eben von der gnädigen Frau davongejagt worden war, würde noch am selben Abend in seinem Haus schlafen. Tja, die Ammen – er wußte das sehr gut – lauter gestrauchelte Mädchen waren das, so eine Art… na, so eine Art Kriegsbeute, jawohl! Die hier spielte noch die Naive, sie tat so, als glaube sie, er wolle sie wirklich nur als Bediente. Hm ja, als Bediente… warum nicht?

“Signor Ramicelli!”

“Was befehlen Sie, Herr Rechtsanwalt?”

“Aufgepaßt, ja? Deutlich schreiben, und – ich bitte Sie – ohne Schnörksel nach oben oder unten!”

Und Mori schob ihm die bereits fertigen Blätter seines Redetextes zum Kopieren hin.

Dann schrieb er weiter:

“Die Gleichheit zwischen den Menschen ist nach den Worten Malons im Sinne des Sozialismus also als in einem doppelten Sinne relativ zu verstehen: 1. daß für alle Menschen als solche die notwendigen Existenzbedingungen gesichert werden müssen; 2. daß deshalb alle Menschen am Ausgangspunkt des Daseinskampfes gleich gestellt sein müssen, so daß ein jeder frei seine eigene Persönlichkeit entsprechend den sozialen Bedingungen entfalten kann; währens es gegenwärtig so ist, daß ein Kind, das gesund und widerstandsfähig, jedoch arm geboren wird, in der Konkurrenz mit einem schwach, aber reich geborenen unterliegen muß…”

“Signor Ramicelli!”

“Herr Rechtsanwalt!”

“Sind Sie übergeschnappt? Weshalb lachen Sie so?”

© Michael Rössner.


In Italiano – La balia (1903)

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