Der Hauch – 1934

In Italiano – Soffio  (1931)

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Der Hauch
Bild aus dem Web

aus dem Italienischen von Michael Rössner

Der Hauch

I.

Manche Nachrichten treffen einen so unvorbereitet, daß man im ersten Augenblick ganz verstört ist, und es scheint, als gäbe es keine andere Möglichkeit aus dieser Verstörung wieder herauszufinden, als Zuflucht zu einem völlig abgedroschenen Satz oder einer Feststellung zu nehmen, die sich ohnedies von selbst versteht.

So war es zum Beispiel, als der junge Calvetti, der Sekretär meines Freundes Bernabò, mir von dem Tod von Massaris Vater erzählte, bei dem Bernabò und ich eben noch zum Mittagessen gewesen waren; da überkam es mich, und ich rief aus: „Ach, was ist schon das Leben! Ein Hauch genügt, und schon ist es zu Ende!“, und dabei legte ich Daumen und Zeigefinger einer Hand aneinander und blies darauf, als wollte ich mit diesem Hauch eine Feder fortblasen, die ich zwischen diesen Fingern hielt.

Als ich so blies, sah ich, wie der junge Calvetti plötzlich grau im Gesicht wurde, hierauf den Oberkörper krümmte und sich mit einer Hand an die Brust griff, wie man das tut, wenn man da drinnen, ohne genau zu wissen wo, ein vages Unwohlsein verspürt; aber ich achtete nicht weiter darauf, denn es schien mir absurd anzunehmen, dieses Unwohlsein könnte mit dem stumpfsinnigen Satz zusammenhängen, den ich gesagt hatte, und mit der lächerlichen Geste, mit der ich diesen Satz ‑ als wäre ich noch nicht zufrieden damit, so etwas Abgedroschenes auszusprechen ‑ auch noch meinte begleiten zu müssen. Ich dachte, er habe einfach einen plötzlichen Schmerz, ein Stechen verspürt, vielleicht in der Leber oder in der Niere oder im Darm, jedenfalls nur einen augenblicklichen Schmerz ohne jede Bedeutung. Noch ehe es Abend wurde, fiel mir freilich dann ein höchst bestürzter Bernabò ins Haus:

„Weißt du schon: Mein junger Calvetti ist gestorben?“

„Gestorben?“

„Ja, ganz plötzlich, heute nachmittag!“

„Aber am Nachmittag ist er doch noch bei mir gewesen! Warte einmal, wann mag das gewesen sein? Ich glaube, so gegen drei.“

„Und um halb vier war er tot.“

„Eine halbe Stunde später?“

„Eine halbe Stunde später.“

Ich sah ihn ein wenig schief an, als habe er mit dieser Bestätigung eine Beziehung (aber was denn für eine Beziehung?) zwischen dem Besuch bei mir und dem plötzlichen Tod des armen Jungen herstellen wollen. In mir fühlte ich so etwas wie einen Drang, der mich zwang, jegliche Beziehung, sei sie auch nur zufällig, zurückzuweisen, als wäre sie der Verdacht eines Gewissensbisses, den ich hätte empfinden können; und der mich andererseits dazu verhielt, eine Ursache für diesen Tod zu suchen, die mit dem Besuch bei mir nichts zu tun hatte; und so erzählte ich Bernabò von dem plötzlichen Unwohlsein, daß der junge Mann offensichtlich verspürt hatte, während er bei mir gewesen war.

„Ach so? Ein Unwohlsein?“

„Was ist schon das Leben! Ein Hauch genügt, und schon ist es zu Ende!“

Da haben wir’s: Ich wiederholte den Satz völlig mechanisch, denn da unten hatten Daumen und Zeigefinger meiner rechten Hand ganz von selbst zueinandergefunden, und ganz von selbst hob sich jetzt auch die Hand auf, bis zu meinen Lippen. Ich schwöre, es war nicht so sehr der bewußte Wunsch, es noch einmal zu versuchen, als vielmehr die Lust daran, mir mit mir selbst einen Scherz zu erlauben, was ich nur so, im verborgenen, tun konnte, wollte ich mich nicht lächerlich machen: da ich nun einmal diese beiden Finger genau vor meinem Mund fand, blies ich über sie hinweg, nur einen ganz leichten Hauch.

Bernabòs Gesicht hatte sich verfärbt vor Bestürzung über den Tod seines jungen Sekretärs, der ihm sehr ans Herz gewachsen war; und oft und oft schon war er ‑ nach einem kurzen Lauf oder auch nur ein paar schnelleren Schritten (korpulent, wie er nun einmal war, mit einem stets geröteten Kopf, der fast ohne Hals auf den Schultern saß) ‑ keuchend vor mir gestanden und hatte sich auch mit der Hand an die Brust gegriffen, um das jagende Herz zu beruhigen und wieder zu Atem zu kommen. Als ich ihn jetzt dieselbe Geste vollführen sah und ihn sagen hörte, er meine zu ersticken, und seinen Geist und sein Sehvermögen trübe plötzlich ein seltsam düsterer Schimmer, mein Gott, was sollte ich da schon glauben?

Auf der Stelle sprang ich, trotz aller Bestürzung und Verwirrung, in der ich mich befand, dem armen Freund bei, der rücklings und nach Atem ringend in einem Lehnstuhl gesunken war; aber da sah ich mich wütend zurückgestoßen, und nun verstand ich wirklich gar nichts mehr; ich fühlte mich förmlich zu Eis erstarren, in einer völlig apathischen Verblüffung, und ich beobachtete ihn zuckend auf diesem mit rotem Samt bezogenen Fauteuil, der mir erschien wie eine riesige Blutlache, zuckend nicht mehr wie ein Mensch, sondern wie ein waidwundes Tier, ich sah zu, wie sein Atem immer hastiger wurde und sein Gesicht sich immer mehr verfärbte, bis es beinahe schwarz geworden war. Einen Fuß hatte er auf den Teppich gestemmt, vielleicht, um sich solcherart wieder allein aufzurichten, aber in dieser Anstrengung vergeudete er seine letzten Kräfte; wie in einem Alptraum sah ich, wie der Teppich allmählich unter seinem Fuß fortglitt und sich in Falten warf. An dem anderen Fuß, der verkrümmt über der Armlehne des Fauteuils lag, war ihm das Hosenbein nach oben gerutscht und enthüllte nun einem seidenen Sockenhalter in einem grünschimmernden Farbton mit rosa Streifen. Ich bitte doch um ein wenig Anerkennung für meine Barmherzigkeit: All meine Beunruhigung war förmlich zerrieben und überall verstreut worden, so daß man sie wie nichts vergessen konnte, in einem einzigen Abwenden der Augen, oder bei dem Gedanken an den Ärger, den mir stets meine häßlichen Bilder an den Wänden bereitet hatten, oder auch in der seltsamen Neugier, die mich, jawohl, die mich auf die Farbe und die Streifen dieses Sockenhalters starren ließ. Plötzlich kam ich jedoch wieder zu mir, entsetzt darüber, daß ich mich in einem solchen Augenblick so weit hatte gehen lassen, und rief nach meinem Diener, er solle sofort vor der Tür einen Wagen aufhalten und dann heraufkommen, um mir zu helfen, den Sterbenden in ein Krankenhaus oder nach Hause zu bringen.

Lieber nach Hause, denn das war näher. Er lebte nicht allein; er hatte eine Schwester bei sich, eine ältere Schwester, ich weiß nicht, war sie verwitwet oder eine alte Jungfer; jedenfalls war sie unausstehlich in ihrer starrköpfigen Pedanterie, mit der sie sein Leben zu bestimmen suchte. Sie war ganz außer sich, die Arme, sie raufte sich die Haare: „O Gott, was ist geschehen? Wie ist das passiert?“, und sie wich uns nicht von der Seite, wie ärgerlich! Nur, um von mir zu erfahren, was geschehen war, wie es passiert war, ausgerechnet von mir, und ausgerechnet in diesem Augenblick, da ich nun wirklich nicht mehr konnte, nach all den Stufen, die wir hinaufgestiegen waren, immer rückwärts gehend, unter dem ungeheuren Gewicht dieses reglosen Körpers. „Das Bett! Wo ist das Bett?“ Es schien, als wisse sie es selbst nicht mehr, wo dieses Bett war, das wir nicht und nicht zu erreichen schienen. Als wir ihn endlich röchelnd – aber auch ich röchelte nur mehr – aufs Bett gelegt hatten, lehnte ich mich rücklings gegen eine Wand, und wenn man mir nicht einen Stuhl untergeschoben hätte, wäre ich wohl in voller Länge zu Boden gestürzt. Mein Kopf baumelte kraftlos herab, und ich vermochte gerade noch, zu dem Diener gewandt, hervorzustoßen: „Einen Arzt! Einen Arzt!“; aber zugleich sank mein Mut endgültig, wenn ich daran dachte, daß ich nun allein mit der Schwester zurückbleiben mußte, die mich sicherlich sofort mit neuen Fragen überfallen würde. Was mich rettete, war die Stille, die plötzlich auf dem Bett eintrat, als das Röcheln dort aufgehört hatte. Einen Augenblick lang schien die ganze Welt schweigend innezuhalten; und tatsächlich schwieg von nun an die ganze Welt auf immer für den armen Bernabò, der taub und bewegungslos auf diesem Bett liegen geblieben war. Sofort brach jedoch die Verzweiflung der Schwester los. Ich war erledigt. Wie konnte man sich denn bloß vorstellen ‑ um nicht zu sagen tatsächlich glauben ‑, daß eine solche Ungeheuerlichkeit möglich wäre? Meine Gedanken fanden keinen Halt mehr. Und in diesem Aufruhr der Gefühle erschien es mir so seltsam, daß diese arme Person ihren Bruder Giulio – wie sie ihn stets genannt hatte – nun, da er tot dort lag, unbewegliche Korpulenz, die keine Diminutive zuließ ‑, ausgerechnet Giulietto nennen mußte, ihren kleinen Giulietto! Plötzlich sprang ich entsetzt auf. Der Leichnam hatte ihr, als ginge ihm dieses ewige „Giulietto! Kleiner Giulietto!“ auf die Nerven, mit einem gräßlichen Gurgelgeräusch aus den Eingeweiden geantwortet. Diesmal war es an mir, die Schwester aufzufangen, die ansonsten zu Boden gestürzt wäre, ohnmächtig vor Schreck; statt dessen wurde sie in meinen Armen ohnmächtig. Und nun fühlte ich, wie mich, als ich zwischen dieser Ohnmächtigen im Arm und dem Toten auf dem Bett wirklich nicht mehr wußte, was ich tun noch was ich denken sollte, ein Wirbel des Wahnsinns ergriff, und ich begann, die arme Person zu schütteln, damit sie endlich mit dieser Ohnmacht aufhöre, die nun wirklich zu viel des Guten war. Freilich, kaum war sie wieder bei sich, wollte sie nun nicht mehr an den Tod des Bruders glauben. „Haben Sie gehört? Er kann nicht tot sein! Er darf nicht tot sein!“ Es mußte tatsächlich der Arzt kommen und es ihr amtlich bestätigen, ihr versichern, daß dieses Geräusch nichts gewesen war, ein Wind oder was weiß ich sonst, alle Toten pflegen so was zu machen. Da setzte sie, die ein vornehmer Mensch war und sich darauf etwas zugute hielt, eine peinliche Miene auf, und hielt sich die Hand vor die Augen, als habe der Arzt ihr damit gesagt, auch sie würde dergleichen tun, wenn sie erst einmal tot wäre.

Der Arzt war einer jener jungen Glatzköpfe, die ihre vorzeitige Kahlköpfigkeit mit beinahe verächtlicher Wildheit zwischen einem Urwald aus schwarzen Locken zur Schau tragen, die, obwohl niemand weiß, weshalb sie von dem Scheitel verschwunden sind, rund um den Kopf wild wuchern.

Mit lackstarren Augen hinter dicken Brillengläsern, hochgewachsen, eher beleibt, aber kräftig, zwei Büschelchen gestutzter Haare unter dem kleinen Näschen und über den wulstigen, geröteten, und so klar gezogenen Lippen, daß sie aussahen wie gemalt, sah er die Unwissenheit dieser armen Schwester mit so abschätzigem Erbarmen an und sprach vom Tod mit einer so lockeren Vertrautheit, als könnte, da er doch ständig mit ihm zu tun hatte, keiner seiner Fälle ihm mehr ein Rätsel aufgeben oder einen Zweifel verursachen, daß mir am Ende unwiderstehlich ein höhnisches Lachen aus der Kehle hervorbrach. Schon während er gesprochen hatte, hatte ich mich zufällig in dem Spiegel der Kastenwand entdeckt und mich dabei mit einem schiefen und kalten Blick ertappt, der sich mir plötzlich wie eine Schlange in die Augen geschlichen hatte. Und Daumen und Zeigefinger der linken Hand drückten einander, sie preßten sich so fest gegeneinander, daß sie von dem Krampf des gegenseitigen Drucks beinahe taub geworden waren. Kaum wandte er sich bei diesem Hohngelächter zu mir um, da trat ich auf ihn zu, auf Tuchfühlung, und aus dem noch immer höhnisch verzogenen Mund in dem totenbleich gewordenen Gesicht zischte ich ihm zu: „Sehen Sie“, und dabei zeigte ich ihm die Finger, „so! Sie wissen ja so gut Bescheid über Leben und Tod; blasen Sie einmal da drauf, nur einen Hauch, und sehen Sie zu, ob Sie mich sterben lassen können!“. Er wich zurück, um mich zu mustern, ob er es nicht mit einem Irren zu tun habe. Aber ich trat erneut auf Tuchfühlung an ihn heran: „Ein Hauch genügt, glauben Sie mir das. Nur ein Hauch!“ Ich ließ ihn stehen und packte die Schwester am Handgelenk. „Tun Sie es! Sehen Sie, so!“, und dabei führte ich ihr die Hand an den Mund, „legen Sie zwei Finger aneinander und blasen Sie darauf!“ Die Arme stand entsetzt da, mit weitaufgerissenen Augen, und zitterte am ganzen Körper, während der Arzt, ohne noch daran zu denken, daß da auf dem Bett ein Toter lag, amüsiert vor sich hinkicherte. „Ich tue es bei Ihnen nicht mehr, denn da liegt schon einer, und mit Calvetti sind’s heute schon zwei! Aber ich muß fort, auf der Stelle fort, ich muß fort!“

Und damit stürzte ich hinaus, wie von Sinnen.

Kaum war ich auf der Straße, da brach der Wahnsinn erst richtig los. Es war schon dunkel geworden, und die Straße war voll von Menschen. Aus dem Schatten sprangen eins nach dem anderen die Häuser heraus, in denen die Lichter angingen, und all diese Leute liefen, um sich das Gesicht vor den Lichtblitzen in den vielen Farben zu schützen, die von allen Seiten auf sie einhackten, Straßenlampen, Lichtschein aus Schaufenstern, Leuchtreklamen, in innerem Aufruhr, bedrängt von düsteren Ahnungen. Obwohl, nein: da war wiederum ein Frauengesicht, das sich bei dem Anblick eines roten Lichtscheins befriedigt entspannte; und dort das eines Kindes, das lachte, auf den Schultern eines alten Mannes, vor der Spiegeltür eines Ladens, über den ein Wasserfall smaragdgrüner Lichttropfen herabglitt. Ich brach durch die drängenden Menschenmassen und blies, zwei Finger vor dem Mund, blies auf all diese mir entgleitenden Gesichter, wahllos, und ohne mich nach ihnen umzudrehen, ob mein Atemhauch tatsächlich die bereits zweimal erprobte Wirkung auf sie hervorbrachte. Und wenn er das tat, wer hätte diese Wirkung mir zurechnen dürfen? War ich nicht frei, zwei Finger vor den Mund zu halten und mir das unschuldige Vergnügen zu gestalten, über sie drüberzublasen? Wer hätte denn ernsthaft glauben können, mir wäre tatsächlich eine so unerhörte und schreckliche Macht in diesen beiden Fingern und in dem leisen Hauch, den ich über sie hinblies, zugewachsen? Es war ja lächerlich, so etwas zuzugeben, man konnte das nur als einen kindlichen Scherz einstufen. Ja, das war’s: ich scherzte. Und die Zunge klebte mir schon im Mund von diesem wütenden Blasen, ich hatte kaum noch Luft zwischen den gespitzten Lippen, als ich am Ende der Straße angekommen war. Wenn das, was ich zweimal erlebt hatte, wahr sein sollte, dann ‑ ja, mein Gott, dann mußte ich, so zwischen Scherz und Scherz, wohl mehr als tausend Leute umgebracht haben. Es war gar nicht möglich, daß man tags darauf nicht zum Entsetzen der ganzen Stadt von dieser plötzlichen und rätselhaften Häufung von Todesfällen erfahren würde.

Und man erfuhr tatsächlich davon. Am Morgen danach waren alle Zeitungen voll von der Sache. Die Stadt erwachte unter dem Druck des gräßlichen Alptraums einer Epidemie, gegen die es keine Rettung gab, und die wie ein Blitz aus heiterem Himmel ausgebrochen war. Neunhundertsechzehn Tote in einer einzigen Nacht. Auf den Friedhöfen wußte man nicht, wie man sie alle von einem Tag auf den anderen begraben sollte; man wußte auch nicht, wie man sie so schnell aus allen Wohnungen abtransportieren sollte. Gemeinsame Symptome, die die Ärzte an allen Betroffenen festgestellt hatten: Zuerst ein undefiniertes Unwohlsein, dann Tod durch Ersticken. Die Autopsie der Leichen ergab keinen Hinweis auf die Krankheit, die diesen beinahe sofortigen Tod verursacht hatte.

Als ich die Zeitungen las, verfiel ich in eine tiefe Erschütterung, so etwas wie einen Katerzustand nach einem gräßlichen Rausch, verwirrtes Chaos ungeschiedener Gedankenfetzen, die übereinander herfielen, gegeneinander stießen, durcheinanderwirbelnd in einer Wolke, die mich einem Wirbel gleich umfing; und eine unerklärliche Bangigkeit, ein bohrender Drang, der gegen etwas in mir stieß, immer wieder anrannte, gegen etwas in mir drinnen, das für mich schwarz und unbeweglich blieb, von dem mein Bewußtsein sich angezogen fühlte, mit dem es jedoch, völlig widerborstig und in alle Richtungen zerfließend, nichts zu tun haben wollte; so berührte es dieses Etwas immer wieder und wich sofort zurück. Ich weiß wirklich nicht, was ich damit ausdrücken wollte, als ich eine verkrampfte Hand gegen die Stirne preßte und stets aufs neue vor mich hinsagte: „Es ist bloß ein Eindruck! Bloß ein Eindruck!“. Jedenfalls half dieses doch ganz leere Wort mir, blitzartig diese Wolke zu sprengen, und ich fühlte mich für einen Augenblick erleichtert und befreit. „Es war wohl alles nur eine Wahnidee“, dachte ich, „die mir da in den Sinn gekommen ist, weil ich gestern zufällig diese lächerliche, kindische Geste just in dem Moment gemacht habe, ehe die Nachricht von der schrecklichen Epidemie, die so plötzlich über die Stadt hereingebrochen war, sich verbreitet hatte. Oft entstehen aus solchen zufälligen Zusammentreffen die dümmsten Aberglauben und die unglaublichsten Obsessionen. Im übrigen brauche ich nur ein paar Tage warten, ohne diese scherzhafte Geste zu wiederholen. Wenn es sich um eine Epidemie handelt – was mit Sicherheit der Fall ist, dann muß diese erschreckende Welle von Todesfällen weitergehen und nicht ebenso plötzlich abbrechen wie sie begonnen hat.“

Gut: Ich wartete also drei Tage, fünf Tage, eine Woche, zwei Wochen: Kein neuer Fall wurde in den Zeitungen berichtet; die Epidemie war plötzlich wieder zu Ende.

Hm, aber wahnsinnig, nein, wahnsinnig bin ich nicht, verzeihen Sie! Unter der Obsession eines solchen Zweifels, daß ich verrückt sei, konnte ich es nicht aushalten; wahnsinnig, befallen von einem Wahn, der, wenn ich ihn publik gemacht hätte, jeden in helles Gelächter hätte ausbrechen lassen, nein, also hören Sie mir auf damit. Von einer solchen Obsession mußte ich mich befreien, so schnell wie möglich. Und wie? Indem ich wieder über meine Finger blies? Schließlich ging es da um Menschenleben. Dafür mußte ich selbst überzeugt sein, daß meine Handlung unschuldig war, die eines Kindes, und daß ich nicht schuld war, wenn andere darüber starben. Ich hätte ja immer noch an ein Wiederaufflackern der Epidemie nach dieser Pause von vierzehn Tagen glauben können, denn ich mußte bis zum letzten darauf beharren, daß es völlig unglaublich war, der Tod könnte von mir abhängen. Unterdessen jedoch war da die diabolische Versuchung, mir eine derartige Gewißheit zu verschaffen, viel grauenhafter als der Zweifel, ich könnte wahnsinnig sein: die Gewißheit, daß ich über eine so unerhörte Macht verfügte: Wie hätte ich einer solchen Versuchung widerstehen können?

II.

Ich mußte mir also noch einen Versuch gestatten, aber einen vorsichtigen, schüchternen: einen Versuch, der so „gerecht“ sein mußte, wie das möglich war. Der Tod ist nie gerecht, das ist ja bekannt. Aber der Tod, der von mir abhing (falls er wirklich von mir abhing), mußte gerecht sein.

Ich kannte ein liebes kleines Mädchen, das, während es mit seinen Puppen spielte, aus einem Traum in den anderen sprang, und alle waren sie verschieden, der eine trug sie in ein Dorf in den Bergen, der andere an den Strand des Meeres, und dann vom Meer in ein fernes, ganz fernes Land, wo fremde Menschen eine andere Sprache sprachen, so verschieden von der ihren; so war sie am Ende all dieser Träume immer noch als kleines Mädchen von zwanzig Jahren aufgewacht, ganz und gar Kind, aber nun mit einem Menschen an ihrer Seite, der, kaum war er aus dem letzten ihrer Träume herausgetreten, sich sofort in die Wirklichkeit eines fremden Riesenkerls verwandelt hatte, eine Bohnenstange von gut zwei Metern, dumm, träge und lasterhaft; und in den Armen fand sie plötzlich statt der Puppe ein armseliges kleines Wesen, man hätte sagen können, ein kleines Monsterchen, das sogar das Gesicht eines kranken Engels hatte, solange der Krampf, der den ganzen armseligen Körper immer wieder durchzuckte, nicht auch dieses grauenhaft verzerrte. „Morbus …“ hieß das, ich weiß nicht mehr genau wie, es war der Name eines ausländischen Arztes aus England oder Amerika, Pot hieß er, glaube ich, wenn man ihn so schreibt (wunderbarer Ruhm, wenn man einer Krankheit den eigenen Namen geben darf!), „Morbus Pot“ also in einer der schwersten und hoffnungslosesten Formen. Dieses Kind würde nie sprechen, nie gehen, sich nie seiner abgemagerten und von der Gewalt der gräßlichen Krämpfe verkrümmten Händchen bedienen können. Aber es würde noch ein paar Jährchen so vor sich hinvegetieren. Wie alt war es? Drei? Nun, vielleicht noch bis zehn. Und doch schien es nicht wahr zu sein, in den Armen eines Menschen, der gelernt hatte es richtig zu halten, wie diese Bohnenstange von einem Vater, da lächelte das arme Kind mit einem so seligen Lächeln in seinem Engelsgesicht, daß auf der Stelle, kaum setzte das Entsetzen über diese krampfartigen Zuckungen aus, das zarteste Mitgefühl Tränen aus den Augen aller quellen ließ, die es betrachteten. Es schien unmöglich, daß nur die Ärzte nicht imstande waren zu verstehen, um was das Kind mit diesem Lächeln bat. Aber vielleicht verstanden sie es sogar, denn sie hatten bereits einmal erklärt, daß das sicherlich einer jener Fälle war, in denen man nicht gezögert hätte, hätte es das Gesetz erlaubt und die Eltern zugestimmt… Aber Gesetz ist nun einmal Gesetz, denn grausam kann es wohl sein und ist es auch oft, aber barmherzig nie, es sei denn, es würde zugleich aufhören, Gesetz zu sein.

Ich ging also zu dieser Mutter.

Der Raum, in dem sie mich empfing, war vom Schatten ganz erfüllt und wie in weiter Ferne erschienen zwei Fenster, verschleiert von dem fahlen Schimmer des letzten Dämmerlichts. Auf dem Lehnstuhl am Bettende sitzend, wiegte die Mutter das von Krämpfen geschüttelte Kind im Arm. Ich beugte mich über das Kleine, ohne ein Wort zu sagen, zwei Finger vor dem Mund. Bei meinem Hauch lächelte das Kind, entspannte sich und verschied. Als die Mutter, die an die ständige Anspannung und die Zuckungen der Krämpfe in diesem kleinen Körper gewöhnt war, ihn plötzlich zwischen den Armen sich lockern und weich werden fühlte, unterdrückte sie mit Mühe einen Schrei, hob den Kopf und sah mich an, sah das Kind an:

„O Gott, was haben Sie mit ihm gemacht?“

„Nichts, hast du’s nicht gesehen, gerade nur ein Hauch…“

„Aber es ist tot!“

„Nun ist es selig.“

Ich nahm es ihr aus den Armen und legte es, so locker und weich, wie es nun war, auf sein kleines Bettchen. Auf dem blassen Mündchen ruhte noch immer das Engelslächeln.

„Wo ist dein Mann? Dort drüben? Von dem befreie ich dich auch. Er hat kein Recht mehr, dich zu unterdrücken. Aber dann bleib beim Träumen, mein liebes kleines Mädchen. Siehst du nicht, was man davon hat, wenn man aus den Träumen heraussteigt?“

Ich mußte den Mann gar nicht holen gehen. Er erschien wie ein verwirrter Riese auf der Schwelle. Aber in der Erregung, in die mich die schreckliche, nun tatsächlich gewonnene Gewißheit versetzte, fühlte ich mich maßlos gewachsen, weit größer als er. „Was ist das Leben schon? Sehen Sie her, ein Hauch genügt, ein Hauch, so, und schon ist es vorbei!“

Dabei blies ich ihm aufs Gesicht und trat aus dem Haus, ins Riesenhafte gewachsen in den Abend hinein.

Ich war es, ich war es; ich war der Tod; ich trug ihn hier, in meinen beiden Fingern und in meinem Atemhauch; ich konnte alle sterben lassen. Und mußte ich nicht alle sterben lassen, um gerecht zu sein gegenüber denen, die ich zuerst ins Jenseits befördert hatte? Nichts leichter als das, solange ich genug Puste hatte. Ich hätte es nicht aus Haß gegen irgend jemanden getan; ich kannte niemanden. Wie der Tod selbst. Ein Hauch, und vorbei war’s. Wieviel Menschheit war schon vor dieser, die schattenhaft vor mir vorüberzog, fortgeblasen worden? Aber konnte ich denn je – die ganze Menschheit? Alle Häuser entvölkern? Alle Straßen sämtlicher Städte? Und die Landstriche, Berge und Meere? Die gesamte Erde menschenleer machen? Nein, das war nicht möglich. Nun, aber dann, niemanden mehr, keinen einzigen durfte ich mehr, keinen einzigen. Vielleicht würde ich mir die beiden Finger abschneiden müssen. Aber wer weiß, vielleicht würde der Atemhauch auch allein ausreichen. Sollte ich es einmal versuchen? Nein, nein: genug! Ich fühlte, wie es mir allein bei dem Gedanken eiskalt den Rücken herablief, vom Nacken bis zu den Fersen. Vielleicht reichte schon der Atemhauch allein aus. Wie sollte ich mich daran hindern? Wie sollte ich der Versuchung widerstehen? Eine Hand auf den Mund legen? Konnte ich mich denn dazu verdammen, ewig eine Hand auf den Mund zu halten?

Als ich so meinen wilden Phantasien nachhing, fand ich mich plötzlich vor dem Tor des Krankenhauses vorbeigehen, das weit offenstand. In der Einfahrt lungerten ein paar Krankenpfleger herum; sie hatten Dienst für die Notambulanz und unterhielten sich mit zwei Polizisten und dem alten Portier; und auf der Schwelle, auf die Straße hinausblickend, stand im langen weißen Arztmantel, die Hände in die Hüften gestemmt, der junge Doktor, der an das Totenbett des armen Bernabò geeilt war. Als er mich vorübergehen sah, erkannte er mich wieder und begann ‑ vielleicht aufgrund der wirren Gesten, die ich in meinen wilden Phantasien vollführte ‑ zu lachen. Hätte er das bloß nie getan! Ich blieb stehen; ich rief ihm zu: „Reizen Sie mich nicht mit ihrem blöden Grinsen! Ich bin es, ich bin es; ich habe ihn hier“, und dabei zeigte ich ihm wiederum die aufeinandergelegten Finger, „vielleicht auch nur im Hauch meines Atems allein! Wollen Sie es vor all diesen Herrschaften ausprobieren?“ Überrascht und neugierig waren die Krankenpfleger, die beiden Polizisten und der alte Portier hinzugetreten. Mit starrem Grinsen auf den Lippen, die wie gemalt erschienen, und ohne die Hände von den Hüften zu nehmen, begnügte sich dieser Unglückselige diesmal nicht damit es zu denken, sondern er sprach es aus, indem er mit den Achseln zuckte: „Aber Sie sind ja wahnsinnig!“. „Ich bin wahnsinnig?“, fragte ich drohend. „Die Epidemie ist seit vierzehn Tagen erloschen. Wollen Sie sehen, wie ich sie wieder anfache und im Handumdrehen sich ausbreiten lasse, in grauenhafter Schnelligkeit?“ „Indem Sie auf Ihre Finger blasen, nicht?“ Das brüllende Gelächter, das auf diese Frage des Doktors antwortete, ließ mich zögern. Ich bemerkte, daß ich der Empörung nicht hätte nachgeben dürfen, die mich ob der beschämenden Lächerlichkeit ergriff, welche meine Geste, sobald sie einmal offenbar wurde, mir unausweichlich eintragen mußte. Niemand außer mir selbst vermochte ja ernsthaft an die schrecklichen Wirkungen dieser Geste zu glauben. Und dennoch gewann die Empörung in mir die Oberhand, wie das Brennen einer Feuerspitze auf rohem Fleisch, denn ich fühlte diese Lächerlichkeit wie ein Brandmal des Hohns, das der Tod mir aufprägen hatte wollen, indem er mir diese unglaubliche Macht übertragen hatte. Dazu kam, wie ein Peitschenschlag, die Frage des jungen Arztes: „Wer hat Ihnen denn gesagt, daß die Epidemie erloschen ist?“ Ich blieb wie versteinert stehen. Die Epidemie war also nicht erloschen? Ich fühlte, wie meine Wangen vor Scham rot anliefen. „In den Zeitungen“, sagte ich, „ist doch von keinem einzigen Fall mehr berichtet worden.“ „Ja, in den Zeitungen“, gab der andere zurück. „aber nicht bei uns hier im Krankenhaus.“ „Noch weitere Fälle?“ „Drei bis vier pro Tag.“ „Und Sie sind sicher, daß es dieselbe Krankheit ist?“ „Aber ja, lieber Herr, absolut sicher. Würde man nur auf diese Weise endlich klar sehen, was die Krankheit anlangt! Sparen Sie, lieber Herr, sparen Sie Ihren Atem!“ Die anderen fingen wieder an zu lachen. „Na gut“, sagte ich hierauf. „Wenn es so ist, dann bin  ich bloß ein Verrückter, und Sie werden also keine Angst haben, mit mir ein Experiment zu machen. Übernehmen Sie die Verantwortung auch für die anderen fünf Herrschaften?“ Angesichts meiner Herausforderung stutzte der junge Arzt einen Augenblick; dann kehrte das Lachen auf seine Lippen zurück, und er wandte sich zu den anderen fünf um: „Haben Sie verstanden? Der Herr hier behauptet, er brauche nur leicht auf seine Finger blasen, um uns allesamt sterben zu lassen. Wollen wir’s versuchen? Ich mache mit!“ Die anderen riefen höhnisch lachend im Chor: „Aber ja, blasen Sie, blasen Sie, wir machen auch mit, hier sind wir!“ Und damit stellten sie sich alle sechs in einer Reihe vor mir auf, die Köpfe vorgestreckt. Es erschien wie eine Theaterszene, in dieser Krankenhauseinfahrt, unter der roten Laterne der Erste-Hilfe-Ambulanz. Sie waren sicher, es mit einem Verrückten zu tun zu haben. Nun konnten sie nicht mehr zurück. „Es ist die Epidemie, wenn überhaupt, nicht ich, was?“ Und um ganz sicher zu gehen, legte ich wieder die beiden Finger vor dem Mund aufeinander. Als ich blies, wurden alle sechs, einer nach dem anderen, bleich im Gesicht; alle sechs krümmten sich vornüber, alle sechs griffen sich mit einer Hand auf die Brust und sahen einander aus verschleierten Augen an. Dann sprang einer der Polizisten auf mich zu und packte mich am Handgelenk; sogleich aber blieb ihm die Luft weg, die Beine knickten ihm ein, und er fiel mir zu Füßen, als wolle er mich um Hilfe anflehen. Von den anderen brabbelte einer etwas vor sich hin, der andere ruderte mit den Armen, der dritte starrte mit weitaufgerissenen Augen und ebensolchem Mund vor sich hin. Instinktiv versuchte ich mit dem freien Arm den jungen Arzt aufzufangen, der mir entgegenfiel. Aber auch er stieß mich wie Bernabò wütend zurück und fiel mit lautem Krachen der Länge nach auf den Boden. Ein Rudel Leute, der allmählich zu einer Menschenmenge anwuchs, hatte sich unterdessen vor dem Tor zusammengerottet. Die neu hinzugekommenen Neugierigen drängten von außen nach innen, die Entsetzten wichen von der Schwelle zurück und quetschten so in der Mitte die in banger Erwartung verharrenden Leute ein, die sehen wollten, was in dieser Toreinfahrt vor sich ging. Sie fragten mich danach, als wäre ich einer, der das wissen müßte, vielleicht, weil mein Gesicht weder die Neugier, noch die bange Erwartung, noch das Entsetzen ausdrückte, das in ihnen war. Wie ich aussah, hätte ich nicht zu sagen vermocht; in diesem Augenblick fühlte ich mich wie verloren, plötzlich überfallen von einer Meute wilder Hunde. Ich fand keinen anderen Ausweg als meine kindische Geste. In den Augen hatte ich wohl einen Ausdruck der Angst und zugleich des Mitleids für die sechs Gefallenen und für alle, die um mich herumstanden; vielleicht lächelte ich sogar, während ich zu dem einen oder anderen sagte, indem ich mir einen Weg bahnte: „Ein Hauch genügt, so… so…“; zugleich rief vom Boden der junge Arzt, der bis zum Letzten starrköpfig blieb, sich in Krämpfen windend: „Die Epidemie! Die Epidemie!“ Eine allgemeine Flucht war die Folge; und eine Zeitlang sah ich mich noch inmitten all dieser Leute, die entsetzt und wie von Sinnen nach allen Seiten flohen, langsam vor mich hin trotten, wie ein Betrunkener, der mit sich selbst spricht, sanft und betrübt; bis ich mich, ich weiß selbst nicht wie, vor dem Spiegel eines Schaufenster wiederfand, noch immer mit diesen beiden Fingern vor dem Mund und mitten im Akt des Blasens „ …so …so“, vielleicht, um einen Beweis für die Unschuld dieses Aktes zu liefern, indem ich zeigte, daß ich dasselbe, bitte, auch mit mir selbst machte, in der einzigen Weise, in der ich das tun konnte. Für einen Augenblick sah ich mich in diesem Spiegel, mit Augen, von denen ich selbst nicht mehr wußte, wie ich sie mir ansehen sollte, so tief eingesunken waren sie in diesem Totengesicht, das mich anstarrte; dann, als hätte die Leere mich verschlungen, oder ein Schwindel mich erfaßt, sah ich mich selbst nicht mehr; ich berührte den Spiegel, er war da, vor mir, ich sah ihn, aber ich war nicht in ihm; ich berührte mich, berührte meinen Kopf, meine Brust, meine Arme; ich spürte meinen Körper unter den Händen, aber ich sah ihn nicht mehr, und auch nicht mehr die Hände, mit denen ich ihn berührte; und doch war ich nicht blind; ich sah alles, die Straße, die Leute, die Häuser, den Spiegel; da, ich berührte ihn von neuem, ich trat näher heran, um mich in ihm zu suchen; aber ich war nicht da, und auch die Hand war nicht da, die doch unter den Fingerkuppen die Kälte der Scheibe spürte. Ein Drang ergriff mich, ein frenetischer Drang, in diesen Spiegel hineinzusteigen, auf der Suche nach meinem fortgeblasenen, verschwundenen Bild; und während ich so gegen das Spiegelglas gelehnt stand, lief einer, der aus dem Geschäft kam, in mich hinein, und sofort sah ich ihn entsetzt zurückprallen, den Mund zu dem Schrei eines Wahnsinnigen geöffnet, der nicht aus der Kehle dringen wollte: er war gegen jemanden gelaufen, der da sein mußte und doch nicht da war, denn da war niemand; da stieg in mir übermächtig das Bedürfnis auf, zu bekunden, daß ich doch da war; ich sprach, als wäre ich eine Stimme in der Luft; ich hauchte es ihm ins Gesicht: „Die Epidemie!“ und mit einem Stoß der Hand gegen seine Brust warf ich ihn zu Boden. Unterdessen war die Straße in Aufruhr geraten, aufgewiegelt von denen, die zuvor geflohen waren, und die nun, mit Gesichtern von Besessenen zurückkamen, sicherlich alle zur Suche nach mir aufhetzend, sie füllte sich mit Leuten, die von allen Seiten hereindrängten, wurde immer voller, wie ein dicker Rauch aus wechselnden Gesichtern, der mich erstickte, der ich mich doch fast in dem Rausch eines erschreckenden Traums verflüchtigt hatte; aber sogar in diesem Gedränge eingeklemmt, konnte ich gehen, mir einen Weg bahnen mit dem Hauch meines Atems über meine unsichtbaren Finger. „Die Epidemie! Die Epidemie!“ – Ich war nicht mehr ich; nun endlich begriff ich es; ich war die Epidemie, und es waren alles Larven, jawohl, alles Larven, die Menschenleben, die ein Hauch mit sich forttrug. Wie lange wohl dieser Alptraum anhielt? Die ganze Nacht und einen Teil des darauffolgenden Tages versuchte ich, aus diesem Gedränge zu entkommen, und als ich mich endlich auch noch von der Enge der Häuserzeilen der gräßlichen Stadt befreit hatte, fühlte ich mich in der Luft des freien Landes selbst Luft geworden. Alles wurde von der Sonne in Gold getaucht; ich hatte keinen Körper mehr, keinen Schatten mehr; das Grün war so frisch und neu, als wäre es eben jetzt aus meinem so dringenden Bedürfnis nach Erfrischung hervorgegangen, und es war so sehr mein, daß ich mich in jedem unter der Last eines sich darauf niederlassenden Insekts erzitternden Grashalm selbst angerührt fühlte; ich versuchte zu fliegen, mit dem beinahe papiergleichen, hingebungsvollen Liebesflug von zwei weißen Schmetterlingen; und als ob es nun wirklich ein Scherz wäre, da, ein Hauch und fort ist es, schon schwebten die abgefallenen Flügel dieser Schmetterlinge durch die Luft herab wie dünnes Papier; weiter drüben saß auf einem Stuhl, den Oleander neugierig beäugten, ein junges Mädchen in einem Kleid aus himmelblauem Schleiertuch, auf dem Kopf einen großen Strohhut, den kleine Rosen zierten; sie blinzelte mit den Augenlidern; nachdenklich saß sie da, und lächelte mit einem Lächeln, das sie mir in die Ferne entrückte, wie ein Bild aus meiner Jugend; vielleicht war sie ja wirklich nichts anderes als ein Bild, das mir vom Leben zurückgeblieben war, nur noch dieses einzige Bild auf der ganzen Erde. Ein Hauch und fort damit! Bis zur Beklemmung gerührt von so viel Süße, blieb ich unbeweglich dort stehen, die Hände ineinander verschlungen und den Atem anhaltend, und betrachtete sie aus der Ferne; und mein Blick war die Luft selbst, die sie liebkoste, ohne daß sie sich von ihr angerührt fühlte.

© Michael Rössner.

In Italiano – Soffio  (1931)

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