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Mit Die
Wirklichkeit des Traums und andere Novellen beginnt im
Rahmen unserer Pirandello-Ausgabe die Edition der Novellen,
also jener Gattung, mit der Pirandello in seinem Heimatland
zuerst eine gewisse Berühmtheit erreichte.Die große Zahl
der vom Autor als novelle klassifizierten Kurz- und
Langerzählungen (von drei bis über dreißig Druckseiten
erstreckt sich ihre Extension) läßt hier den Anspruch auf
Vollständigkeit nicht zu, wenn auch die übrigen Gattungen
(Drama, Essay, Roman) entsprechend berücksichtigt werden
sollen. Wir haben deshalb aus dem Corpus von ca. 250
Novellen etwas über 150 ausgewählt, die in vier Bänden
dieser Ausgabe erscheinen werden: Der vorliegenden Band
enthält die Novellen römischen Jahre ‑ entstanden zwischen
der Eheschließung 1894 und Mitte der 20er Jahre, als der
Autor sich vorwiegend auf das Theater konzentrierte und in
der ganzen Welt unterwegs war ‑, und sie spiegeln auch die
Atmosphäre der Hauptstadt Italiens um die Jahrhundertwende.
Die im spezifisch regionalistischen Ambiente seiner
sizilianischen Heimat situierten Novellen folgen in den
Bänden 7 und 8 unserer Ausgabe, schließlich wird Bd. 11 mit
den Novellen der Spätzeit, die deutlich Spuren des
phantastischen Genres zeigen, den Abschluß bilden. Die
Prinzipien der Auswahl und Präsentation der hier
versammelten Texte sind im wesentlichen für alle Bände
gleich: Die Aufnahme aller später zu Theaterstücken
umgewandelter Novellen, um dem Leser einen Vergleich mit den
Dramenfassungen zu ermöglichen (wobei einige unmittelbar als
Vorbilder dienende Novellen direkt in den Theaterbänden
Die Riesen vom Berge und Sechs Personen suchen einen
Autor enthalten sein werden), und die Konzentration auf
die originellsten und ästhetisch gelungensten Texte, vor
allem bei mehrfacher Bearbeitung gleicher oder ähnlicher
Stoffe.
Die Anordnung der Novellen in jedem unserer Novellenbände folgt der Einteilung
in fünfzehn Teilbände, die der Autor selbst im Augenblick der Zusammenfassung
der Novellen zu einem strukturierten Corpus unter dem Titel
Novelle per un anno (”Novellen für ein Jahr”, erschienen
1922-1928, die beiden letzten Bände 1934 und postum 1937)
verfügt hat.
Darüber
sollte jedoch nicht vergessen werden, daß die große Mehrzahl
von ihnen zuvor einzeln veröffentlicht worden war, so daß
diese Bandeinteilung vom Autor bereits a posteriori
und bisweilen ohne Rücksicht auf die Chronologie ihrer
Entstehung vorgenommen wurde. Da mittlerweile für die
Originalfassung der Novellen die historisch-kritische
Ausgabe Giovanni Macchias vollständig vorliegt, haben wir
versucht, zur besseren Orientierung des Lesers in den
Anmerkungen diese Phasen der Beschäftigung mit den einzelnen
Novellen nachzuzeichnen: Erstveröffentlichung (meist in in
Zeitungen und Zeitschriften); Wiederaufnahme, oft mit
Überarbeitungen, in einer zweiten
Zeitschriftenveröffentlichung oder in einem der frühen
Einzelbände; schließlich Endbearbeitung für die Teilbände
der Novelle per un anno. Auf die Aufnahme von
Varianten aus diesen früheren Bearbeitungsstufen haben wir
weitgehend verzichtet, um den Band nicht übermäßig
aufzublähen; nur dort, wo sie auch für den heutigen
deutschsprachigen Leser besonders interessant erscheinen,
eigene, in der Überarbeitung aufgegebene ästhetische Wege
andeuten oder Motive behandeln, die später in anderen Werken
(Dramen, Novellen oder Romanen) wieder aufgenommen werden,
sind solche Varianten in den Anmerkungen wiedergegeben.
Was den deutschen Text anbelangt, haben wir
uns für die Verwendung einiger hervorragender Übersetzungen
aus den 50er Jahren neben neuen Übertragungen entschieden
und dabei versucht, nicht unnötig einzudeutschen, um die
Texte nicht des Lokalkolorits zu berauben, der bei vielen
von ihnen unentbehrlich erscheint. Der deutsche Leser wird
also bisweilen einem "Signore" oder eine "Signorina",
vielleicht auch einen römischen Spitznamen finden; diese
lokale Tönung sollte jedoch weder Verständnisschwierigkeiten
bereiten noch der Universalität der Novellen Abbruch tun.
München, November 1996
© Michael
Rössner.
Nach Die Wirklichkeit des Traums
(Band 4) und den beiden Bänden Sizilianischer
Novellen (Bd. 7 und 8) wird mit dem nun vorliegenden
11. Band unserer Werkausgabe die Edition der
Novellen abgeschlossen. Die große Zahl der vom Autor
als novelle klassifizierten Kurz- und
Langerzählungen (von drei bis über dreißig
Druckseiten Umfang) ließ hier im Unterschied zu den
Gattungen Drama und Roman den Anspruch auf
Vollständigkeit nicht zu. So wurden aus dem Corpus
von über zweihundertvierzig Novellen jene
hundertachtundzwanzig ausgewählt, die am
repräsentativsten für die Themen und Schreibweisen
des Autors erschienen - und alle, die später in
dramatischer Form neu bearbeitet wurden.
Der vorliegende letzte Novellenband
versammelt die Novellen der „Spätzeit“, das heißt
Texte aus der Periode zwischen dem Jahr 1915, mit
dem Pirandellos Aufstieg als Dramatiker vor dem
Hintergrund der traumatischen Erfahrung des Ersten
Weltkriegs begann, und seinem Tod im Dezember 1936.
Es ist dies eine Zeit sehr diskontinuierlichen
Schaffens: Nach dem Weltruhm als Dramatiker und der
Hinwendung auch zur praktischen Theaterarbeit ab
etwa 1921 kommt es zu einer völligen Unterbrechung
im erzählerischen Werk: In den 20er Jahren arbeitet
Pirandello ältere Texte um, gruppiert sie neu,
vollendet den bereits weitgehend konzipierten Roman
Einer, keiner, hunderttausend, publiziert aber außer
diesem keine neuen narrativen Werke. In den 30er
Jahren dagegen, als es trotz des Nobelpreises um den
Dramatiker, vor allem aber um den Regisseur und
Theatermacher Pirandello wieder stiller wird,
erscheinen wieder dann und wann neue Texte in
Zeitungen und Zeitschriften. Die Kritik hat im
Zusammenhang mit dieser Schaffensperiode den
Vergleich mit Franz Kafka einerseits und mit den
Surrealisten andererseits bemüht; beides hat seine
Berechtigung, sollte aber nicht darüber
hinwegtäuschen, daß reale Verbindungen oder gar
Einflüsse nicht nachweisbar sind und Pirandellos
Spätwerk auch im erzählerischen Bereich eine große
thematische und ästhetische Kontinuität zu den
frühen Texten aufweist.
© Michael Rössner.
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Gefrierendes Lachen und die Freiheit
der Träume - Gedanken zu Pirandellos
späten Novellen |
„... der unerwartete Klang des
Lachens wirkte störend, und einige haben sich
umgedreht, als ginge es da um eine Unangemessenheit,
sagen wir ruhig Ungehörigkeit, ja sogar
Unverfrorenheit, wenn man es so nennen will...“ ‑
Dieses Zitat aus der Titelnovelle des vorliegenden
Bandes könnte sich auf den Novellenautor Pirandello
selbst beziehen. Hatte der Humorist, als der
Pirandello sich stets definierte, nicht in den rund
zwanzig Jahren seiner Erzählerkarriere zwischen 1895
und 1915 alle Institutionen und Ideale der
italienischen Gesellschaft seiner Zeit dem Lachen
preisgegeben, freilich einem bitteren, von Mitleid
mit den unweigerlich der Lächerlichkeit verfallenen
Menschen erfüllten Lachen? Den wohlmeinenden, den
seriösen, den am Denkmal ihrer selbst bauenden
Intellektuellen und Dichtern, von Croce bis
d’Annunzio, mußte das wohl als „Unangemessenheit, ja
sogar Unverfrorenheit“ erscheinen.
Nun, 1915 brachen nun ernstere
Zeiten an: mit Italiens Eintritt in den Ersten
Weltkrieg konnte auch der Skeptiker und Spötter
Pirandello sich den Mythen seiner Jugend (seine
Eltern hatten als glühende Garibaldi-Anhänger in
einer „schönen patriotischen Ehe“ zueinander
gefunden) nicht mehr entziehen. Der bitter grinsende
Humorist schäumte also in seinem Arbeitszimmer vor
Wut über das Zögern der italienischen Regierung, dem
Erzfeind Österreich den Krieg zu erklären
(nachzulesen in der Novelle Tragödie einer Person in
Band 6 dieser Werkausgabe). Der besorgte Vater
zitterte um seinen Sohn und wünschte sich nichts
sehnlicher, als statt seiner selbst noch einmal zu
den Waffen gerufen zu werden (nachzulesen in
Berecche und der Krieg in diesem Band).
Aber ganz zum Schweigen ließ sich
der Humorist ja doch nicht bringen. Das Große Ich
(oder das kleine ich?) des Autors schmunzelte
zugleich über die „ernsthafte patriotische
Begeisterung“ und stellte sie bloß ‑ zunächst in der
beißenden Satire Un goi, in der ein Jude seiner
intoleranten christlichen Schwiegerfamilie ihr
weihnachtliches Idyll mit auf Betlehem zielenden
Zinnsoldaten verbittert, dann ‑ schlimmer ‑ mit
Novellen wie Quando si comprende, in denen einfach
aus dem Begreifen des körperlichen Todes eines nahen
Angehörigen auch das Verstehen der Sinnlosigkeit des
Massensterbens, der Hohlheit der patriotischen
Sprüche erwächst: derselben Sprüche die Pirandellos
anderes Ich (das große, das kleine?) dennoch auch
danach bisweilen noch klopfte, etwa im Augenblick
des Beitritts zu Mussolinis faschistischer Partei
1924.
Pirandellos Kriegsnovellen, von
denen der vorliegende Band eine repräsentative
Auswahl versammelt, stellen also tatsächlich so
etwas wie einen Bruch in seinem Werk dar. Angesichts
des Grauens und der Absurdität dieser patriotisch
motivierten Massenvernichtung wird Pirandellos
Aufhebung hohler Ideale, sein Mythen-Stürzen
radikaler, eindeutiger. Der Humorist wird zum
tragischen Übermittler der Botschaft von der
Sinnlosigkeit dieses Krieges, ja aller Kriege. So
gehören diese Erzählungen wohl zu den
eindrucksvollsten Antikriegs-Texten unseres an
solchen Werken nicht eben armen Jahrhunderts.
Zugleich findet ab 1915 auch eine
Umorientierung von Pirandellos Schaffen statt: Aus
dem postveristischen Erzähler wird immer mehr ein
avantgardistischer Dramatiker, aus dem Professor mit
beträchtlichem Ansehen in den literarischen Kreisen
Roms und Italiens eine weltweite Berühmtheit. Dem
entsprechend entstehen zusehends weniger neue
Erzählungen, die vorhandenen hingegen werden für das
Theater umgearbeitet, für Auswahlbände überarbeitet,
schließlich in dem gigantischen, auf 365 Erzählungen
konzipierten Projekt der „Novellen für ein Jahr“ neu
gruppiert. Erst in den 30er Jahren publiziert der
frisch gebackene Nobelpreisträger wieder neue
Novellen in Zeitungen und Zeitschriften, freilich in
wesentlich geringerer Zahl als vor 1915. Die letzten
beiden Bände der „Novellen für ein Jahr“, Berecche
und der Krieg und Ein Tag, enthalten daher über
einen Zeitraum von mehr als zwanzig Jahren, zwischen
dem italienischen Kriegseintritt und Pirandellos Tod
im Jahr 1936 entstandene Erzählungen: Dokumente
einer ästhetischen Radikalisierung, in denen dem
Humoristen bisweilen das bittere Grinsen noch auf
den Lippen gefriert.
Die Titelnovelle des vorliegenden
Bandes, Da lacht doch jemand, ist eines der besten
Beispiele für diese Neuheit ‑ und zugleich für die
Kontinuität in der literarischen Ästhetik
Pirandellos. Denn wie bei seinen veristischen
Lehrmeistern Capuana und vor allem Verga, wie oft in
Pirandellos frühen Romanen und seinen sizilianischen
Novellen, finden wir auch hier eine weitgehend
chorale Perspektive. Aber die Stimme oder besser die
vielen Stimmen des Textes sind nicht mehr eindeutig
zuzuordnen, sie vermitteln dem Leser das
unmittelbare, verwirrende Erlebnis eines Kollektivs
auf einer anonymen Massenveranstaltung, deren Sinn
und Zweck niemandem klar ist, so daß das
vorherrschende, allen gemeinsame Gefühl die
Unsicherheit in verschiedener Intensität ist. In
diesem gespannten, durch Argwohn und gegenseitiges
Belauern gekennzeichneten Klima wirkt das Lachen
einer kleinen Familie wie ein Funke, der das
Pulverfaß zur Explosion bringt; plötzlich haben die
Blicke ein Ziel; plötzlich haben die Gespräche ein
Thema; plötzlich wird gejagt, verfolgt, ermittelt,
beraten, und am Ende gestraft ‑ mit der hyperbolisch
grausamen Übersteigerung der „Sünde“, mit einer
spiegelnden Strafe also: Vater und Kinder werden
„niedergelacht“, durch Lachen bedroht und letztlich
in die Flucht geschlagen, „hin-ausgelacht“
sozusagen.
Dieses kalte, böse, bedrohliche
Lachen ist nicht bloß auf diese eine Novelle
beschränkt: Es ist dasselbe Lachen, mit dem Frau
Nono ihren Mann Abele in Einer zuviel zur
Verzweiflung bringt und schließlich indirekt die
gemeinsame Tochter in den Tod treibt. Und es ist
auch verwandt mit dem sadistischen, lüsternen
Lachen, das die Spiele begleitet, die sich die
Bauernburschen mit der zwergwüchsigen Lucilla aus
der gleichnamigen Novelle erlauben. Das Lachen,
ursprünglich die Waffe des Humoristen gegen eine in
absurden Ritualen erstarrte Welt, gefriert in diesen
späten Erzählungen immer öfter auf den Lippen der
Protagonisten, des Autors, der Leser... Das Lachen
kann zum Schleier des Grauens werden, unter dem der
Abgrund von Gewalt, Folter, Tod lauert.
Und dennoch: Auch der Vater und die
Kinder in Da lacht doch jemand haben ihr eigenes Lachen,
ein entgegengesetztes, befreiendes, Beklemmungen
überwindendes Lachen, das zur reinen Körperlichkeit
werden kann, wie es Pirandello bei dem Vater beschreibt:
„in seinem selig lächelnden Gesicht lacht die Nase mehr
als der Mund, die Augen mehr als Mund und Nase zusammen,
es lacht das Kinn, es lacht die Stirn, ja sogar die
Ohren dieses Mannes lachen“. Das ist nicht das
intellektuelle Lachen des Humoristen, das ist die
karnevalistische Rache des Körpers an der
kontrollierenden Vernunft, an dem Frack, in den man ihn
gesteckt hat, und zugleich an den Regeln des sozialen
Rollenspiels, die der anonyme Chor, der die
Erzählerstimme bildet, so perfekt interiorisiert zu
haben scheint.
Diesen Kontrollen zu entfliehen, das
trachteten Pirandellos Protagonisten immer schon dann
und wann, doch nie mit der Intensität, die im Spätwerk
zu beobachten ist. Ob es der alte Mann ist, der noch
einmal versucht, wie ein Kind barfuß im Gras zu laufen
(Die Füße im Gras), ob die Perspektive gleich radikal zu
den „Vernunftlosen“ wechselt wie dem Pferd aus Das
Glück, ein Pferd zu sein, dem „unschuldig“ Böses tuenden
Kind wie in Cinci oder Der Nagel oder auch der geistig
retardierten Lucilla, oder ob ein Protagonist wenigstens
vorübergehend den „Mut zur Unvernunft“ aufbringt wie
Mister Myshkow aus der Schildkröte: Die Kontrolle der
Vernunft und die Unterordnung unter die sozial geprägte
Rolle wird aufgehoben, nicht nur für die Protagonisten,
sondern vor allem für die Perspektive der narrativen
Vermittlung, und das Ergebnis ist eine seltsame
Vermischung von Traum und Wirklichkeit, von den Sphären
des Bewußten und des Unbewußten ‑ übrigens, ohne daß bei
Pirandello je eine explizite Beschäftigung mit Freud
nachzuweisen wäre.
Freilich, eine Geschichte wie Cinci ist
nicht nur eine faszinierende Darstellung der Psyche
eines Adoleszenten darstellt, sondern zugleich eine
literarische Umsetzung des Phänomens der Verdrängung,
das Pirandello dann 1935 auch noch in dem Bühnenstück
Man weiß nicht wie gestalten sollte. Aber
wissenschaftlich ist der Kontext dieser Geschichten eher
noch der des ausgehenden 19. Jahrhunderts, über dessen
Spiritismus sich der Autor schon in Mattia Pascal
(Werkausgabe Bd. 9) lustig gemacht hatte; die
„Halluzinationen“, denen sich die Präsenz der schönen
Frau Wheil in Besuch, die Liebesszenen der büßenden
Maddalena mit ihrem verwitweten Ehemann im Salon der
Novelle Wirkungen eines unterbrochenen Traums verdanken,
scheinen in einem solchen Zwischenreich zwischen Traum
und Realität, zwischen Diesseits und Jenseits
angesiedelt, wie es dann die Villa „La Scalogna“ in dem
unvollendeten Drama Die Riesen vom Berge sein wird.
Aber auch die Novellen, in denen der
eigene Tod zu dem Ergebnis einer quasi unausweichlichen
Fatalität, einer Verschwörung der vernunftlosen Welt
gegen den Menschen, wird wie in Das Haus des Sterbens
oder in Sieg der Ameisen, zeugen von einem solchen
Verschwimmen der Realitätskriterien, dem sprachlich eine
immer stärkere Tendenz zur lyrischen Prosa entspricht,
wie es etwa in Eine Idee oder in Geranie am Abend
festzustellen ist, in Texten, die dem Prosagedicht
näherstehen als der Tradition der Novelle. In idealer
Weise verknüpft schließlich erscheinen alle diese
Tendenzen (das gefrierende, böse Lachen, die Rebellion
gegen Vernunft und zugedachte Rolle, das Verschwimmen
von Traum und Wirklichkeit, von Diesseits und Jenseits
und auch die Poetisierung) in der Novelle Ein Tag: Man
kann sie als Allegorie des menschlichen Lebens lesen,
das rückblickend wie ein Tag abläuft: ein Tag, an dessen
Morgen man an einer unbekannten Station aus einem Zug
geworfen wird und an dessen Abend unverständlicherweise
alt gewordene Kinder und Enkelkinder das diese Situation
seltsam unwirklich erlebende Ich zwingen, sich auf das
Sterbebett zu legen. Es ist einer der beeindruckendsten
Texte des späten Pirandello, in dem sich Poesie und
körperliches Erleben, Allegorie und realistische
Präzision zu einer paradoxen Einheit von höchster
poetischer Dichte verbinden.
Zu diesen späten Texten tritt eine Serie
von Skizzen, die Pirandello tatsächlich bereits in
jungen Jahren (zwischen 1895 und 1906) konzipiert und
veröffentlicht hatte, die aber erst in dem „Anhangsband“
zu den „Novellen für ein Jahr“ in Buchform erschienen
waren: die „Gespräche zwischen dem Großen Ich und dem
kleinen ich“. Hier gibt der Autor Pirandello
schonungslos die eigenen Schwächen preis, freilich
aufgespalten in die beiden Identitäten, die miteinander
permanent im Krieg liegen: hier das Große Ich, der
erbarmungslose Kritiker seiner Zeit, der intellektuelle,
zum Leiden verdammte Dichter (recht nah liegt Robert
Musils Selbstcharakterisierung als „Monsieur le
Vivisecteur“ in seinem Jugendwerk), der doch bisweilen
mit seinem Gestus des selbsternannten poète maudit auch
ein wenig lächerlich wirkt; dort das um sozialen
Ausgleich und pragmatisches Wohlergehen (von
gesellschaftlicher Akzeptanz bis zu gewaschener
Unterwäsche) bemühte kleine ich, das von seinem
siamesischen Zwilling allzu oft um die Früchte seiner
Bemühungen, ja sogar um eine gute Verdauung und einen
ruhigen Schlaf betrogen wird. Das könnte zum einfachen
literarischen Scherz werden, zur effekthascherischen
Betonung der Oppositionen, aber Pirandello schafft es,
die Sympathie und Antipathie beinahe gleichmäßig zu
verteilen. Das kleine ich, so „intellektuell unterlegen“
es auch sein mag, kann in diesen Diskussionen immer
wieder punkten, am eindrucksvollsten vielleicht mit den
Worten: „... wenn die Erde dir in dieser deiner Welt
wirklich als etwas so Kleines und Armseliges erscheint,
meinst du nicht, daß ich dann mehr Recht habe, dort zu
leben als du? Ach, in gewissen Augenblicken, glaub mir,
mein Lieber, da erbarmt mich deine Größe geradezu; und
in gewissen anderen frage ich mich sogar, ob ich, in
meinem kleinen Dasein, nicht am Ende größer bin als du.“
Ein wenig von der Größe und der
zeitlosen Aktualität des Autors und besonders des
Erzählers Pirandello liegt wohl darin, daß dieser Dialog
implizit in seinem Werk immer wieder stattfindet, daß
immer wieder neben dem bitteren Lachen Platz ist für
Mitleid oder einfach Mitgefühl mit der Begrenztheit, der
eigenen wie jener der conditio humana im allgemeinen.
Sie bleibt sogar in seinem Spätwerk erfahrbar,
wenngleich hier das Aufbrechen der Wirklichkeit hin zu
dem erwähnten Zwischenreich zwischen Traum und Realität
immer häufiger zu dem Gefrieren des Lachens, die
Befreiung der Träume zu dem Heraufdämmern der Nachtseite
der Vernunft wie in der Orgie des Tötens in Der Hauch
führt. Freiheit der Träume und Abgründe von Gewalt und
Tod, pragmatische Vernunft und Irrationalismus lassen
sich im Angesicht des heraufdämmernden Naziterrors und
des Zweiten Weltkriegs, der die traumatische Erfahrung
des Ersten noch weit übertreffen sollte, nicht mehr in
einem wie immer paradoxen Kompromiß der Koexistenz
zwischen einem „kleinen“ und einem „Großen“ Ich
vermitteln. Pirandello, der im Dezember 1936 starb, hat
diese unerträgliche Spannung in seinen späten, oft als
„surrealistisch“ bezeichneten Novellen in vielfacher
Weise und zeitlos gültiger Weise erfahrbar gemacht, auch
wenn er sie selbst nicht mehr bis zur letzten Konsequenz
durchleben mußte.
© Michael Rössner.
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