|
|
|
|
Wer war es?
*
|
|
(Chi fu ? – 1896) |
 |
|
|
|
aus dem Italienischen von Michael
Rössner
Sagen Sie doch, wer es war, wenn
das, was ich sage, Sie bloß zum Lachen bringt. Aber
lassen Sie wenigstens Andrea Sanserra aus dem Spiel;
er ist unschuldig. Zu der Verabredung ist er nicht
erschienen; das sage ich nun schon zum hundertsten
Mal. Und nun reden wir von mir.
Ein Beweis meiner Schuld könnte
vielleicht darin liegen, daß ich im Oktober wieder
nach Rom gekommen bin, während ich in den anderen
Jahren immer nur einmal dorthin zu fahren pflegte,
und zwar im Juni. Aber wollen Sie denn wirklich
nicht berücksichtigen, daß in diesem letzten Juni
meine Verlobung in die Brüche gegangen ist? In
Neapel benahm ich mich von Juli bis Oktober wie ein
Verrückter; so sehr, daß mein Chef mir um jeden
Preis ein weiteres Monat Urlaub geben wollte,
ausgerechnet im Oktober. Mein Traum, mein Traum so
vieler Jahre, war zusammengebrochen! Und der, der
behauptet, ich hätte mich in Neapel dem Wein
ergeben, der lügt wie gedruckt. Wein hab' ich nie
getrunken. Ich hatte hier einen Schmerz, hier im
Kopf, der war schuld daran, daß ich wirres Zeug
rede, daß sich alles um mich zu drehen begann und
daß ich Anfälle von Erbrechen hatte. Ich, betrunken?
Nun freilich, was wunder, wenn man nun versucht, die
Leute glauben zu machen, ich würde mich verrückt
stellen, um meine Schuld zu leugnen? Dagegen hatte
ich mich etwas anderem ergeben, den... ja, den
leichten Abenteuern, dumm und gedankenlos, um mich
schadlos zu halten, ja zu rächen an meinem Gewissen,
an meiner Treue, an meiner Enthaltsamkeit so vieler
Jahre. Das freilich stimmt; und darin, das gebe ich
zu, habe ich über die Stränge geschlagen.
|
|
|
|
In Rom, im Haus meiner Mutter, sehe
ich nach sieben Jahren Andrea Sanserra wieder, der
seit zwei Monaten aus Amerika zurück ist. Die Mamma
vertraut mich ihm an. Wir waren zusammen
aufgewachsen und kannten einander besser als uns die
arme Mutter kannte, die in der Heiligkeit ihrer
Gedanken von uns eine bessere Meinung hatte, als wir
es verdienten; sie hielt uns für zwei Engel, und das
mit sechsundzwanzig Jahren! Aber in dieser guten
Meinung hatte sie meine Lebensweise während der fünf
Jahre meines Verlöbnisses bestärkt. Genug davon. Mit
Andrea folgte ich weiter dem traurigen Weg, den ich
vor drei Monaten in Neapel eingeschlagen hatte. Und
nun komme ich zu den Tatsachen. Eines Abends schlägt
er mir vor... Ich muß vorausschicken, daß Sanserra
die Person, von der ich nun erzählen muß, nicht
kannte; er hatte nur durch andere von ihr gehört. Er
schlägt mir also vor, die Bekanntschaft einer - so
drückt er sich aus - besonderen Spezialität dieses
Genres zu machen. Er erzählte mir... ich kann Ihnen
das nicht wiedergeben. Ich habe nur noch den
Eindruck im Kopf, den seine Worte bei mir
hervorriefen: ein Zimmer im Dunklen, mir einem
großen Bett, am Fußende des Bettes ein Paravent; ein
Mädchen, in ein Leintuch gewickelt, wie ein
Gespenst; hinter dem Paravent eine alte Tante des
Mädchens, die Strümpfe strickte, an einem runden
Tischchen sitzend, mit einer Lampe, die auf die Wand
den vergrößerten Schatten der Alten mit den flinken,
sich ständig bewegenden Händen warf. Das Mädchen
sprach nicht und ließ kaum ihr Gesicht sehen;
stattdessen sprach die Tante und erzählte den
wenigen vertrauten Kunden eine ganze Welt des
Elends: die Nichte war mit einem braven jungen Mann
verlobt, der in Norditalien eine gut bezahlte
Vertrauensstellung innehatte. Die Hochzeit war wegen
der Mitgift geplatzt; einer Mitgift, die es gab, die
aber ein Unglücksfall in der Familie aufgefressen
hatte... nun galt es sie wieder zusammenzubekommen,
und zwar in kürzester Zeit, ehe der brave junge Mann
davon erfuhr... - "Auf die Türe dieses Zimmers",
schloß Andrea Sanserra, "könnte man schreiben:
Krampf."
Natürlich reizte mich die Sache. Und
mit Andrea vereinbarte ich ein Treffen für den
morgigen Abend, um halb neun, außerhalb der Porta
del Popolo. Er wohnt in der Via Flaminia. Die
Wohnung der beiden Frauen ist in der Via Laurina; an
die Nummer erinnere ich mich nicht mehr.
Es war an einem Samstagabend, und es
regnete. Die Via Flaminia breitete sich kerzengerade
vor mir aus, schlammig, da und dort von Laternen
erhellt, deren Licht von Zeit zu Zeit flackerte und
bei Windstößen für einen Augenblick verlöschte.
Derselbe Wind beutelte in meinem Rücken die
dichtbelaubten Bäume der Villa Borghese, auf die der
Regen niederprasselte. Ich dachte, er würde nicht
mehr kommen bei diesem Dreckswetter; und dennoch
konnte ich mich nicht dazu entschließen, fortzugehen
und blieb verdutzt stehen, die Wasserbäche
betrachtend, die rund um meinen Schirm zur Erde
stürzten. Allein in die Via Laurina gehen? Nein,
nein... Ein tiefer Ekel vor dem Leben, das ich seit
drei Monaten führte, überfiel mich in diesem
Augenblick. Ich schämte mich für mich selbst, wie
ich da auf der Straße des Lasters von meinem Kumpan
sitzengelassen worden war. Ich dachte, daß Andrea
wahrscheinlich woanders hingegangen war, um den
Abend in einem ehrbaren Haus zu verbringen, wobei er
sicher gedacht hatte, ich wäre nicht so verdorben,
die Verabredung an einem Abend mit einem solchen
Mistwetter einzuhalten. "Aber nein, eigentlich
nicht", dachte ich. "Mehr als verdorben bin ich doch
elend. Wo könnte denn ich jetzt hingehen? Und ich
mußte an die ruhigen und glücklichen Abende denken,
mit meiner Freude an meiner Seite, an mein früheres
Leben, an ihr Häuschen. Ach Tuda! Tuda! - Plötzlich
tauchte aus dem mittleren Torbogen ein gebeugtes
altes Männchen auf, in einem Mantel, der ihm bis zu
den Knöcheln reichte. In beiden Händen hielt er
einen schäbigen, verdrückten Schirm. Er ging,
förmlich vom Wind vor sich hergetrieben, die Via
Flaminia hinunter. Ich blicke scharf hin... Ein
Schauder läuft mir über den ganzen Körper. Herr
Jacopo, Jacopo Sturzi, der Vater Tudas, meiner
Verlobten!... Ja, aber, wenn doch ich selbst, ich
mit diesen Händen, ein Jahr war es her, ihn in den
Sarg gelegt und ihn auf den Friedhof Campo Verano
begleitet hatte? Und doch, da war er: er geht vor
mir vorbei, du mein Gott! Und er dreht sich um und
sieht mich an, neigt den Kopf ein wenig zur Seite,
wie um mir ein Lächeln zu zeigen. Und was für ein
Lächeln! Wie angenagelt bleibe ich stehen, ein
krampfhaftes Zittern nimmt von mir Besitz, ich
versuche zu schreien, aber ich bringe keinen Ton
heraus. Eine Zeitlang folge ich ihm mit den Augen.
Endlich gelingt es mir, mich von meiner namenlosen
Furcht loszureißen, und ich laufe ihm nach.
Glauben Sie mir, ich bitte Sie. Ich
bin nicht fähig, etwas Derartiges zu erfinden. Ich
könnte Ihnen nicht Wort für Wort wiederholen, was er
zu mir sagte; aber Sie werden leicht verstehen, daß
mir gewisse Dinge nicht mehr aus dem Kopf gehen,
denn Jacopo Sturzi war, wenngleich ein ziemlich
zügelloser Mensch, doch ein wahrer Philosoph, ein
Philosoph mir überaus originellen Ideen, und er hat
zu mir mit der Weisheit der Toten gesprochen.
Anfangenseite
|
|
|
|
Ich holte ihn
ein, als er gerade die kleine,
zitternde Hand auf den Türknauf
der gläsernen Eingangstür zu
einem Wirtshaus legte. Er drehte
sich ruckartig um, packte mich
beim Arm und flüsterte, während
er mich hinunter in den Schatten
zog: "Luzzi, um Himmelswillen,
sag nicht, daß ich lebe!"
"Ja, wieso
denn... Sie?", stammelte ich.
"Ja, ich bin
tot, Luzzi", fügte er hinzu.
"Aber das Laster, verstehst du,
das ist stärker! Ich werde es
dir gleich erklären. Es gibt
Leute, die sterben reif für das
Leben im Jenseits, und andere
nicht. Der eine stirbt und kehrt
nicht zurück, weil es ihm
gelungen ist, seinen Weg zu
finden. Der andere hingegen
kehrt zurück, weil er ihn nicht
gefunden hat; und natürlich
sucht er ihn gerade dort, wo er
ihn verloren hat. Ich zum
Beispiel suche ihn hier im
Wirtshaus. Aber was meinst du?
Es ist eine Strafe. Ich trinke,
und es ist, als tränke ich
nicht; je mehr ich trinke, desto
mehr Durst habe ich. Und dann,
du verstehst, allzu große
Sprünge kann ich mir nicht
erlauben..."
Und dabei rieb
er Daumen und Zeigefinger der
rechten Hand aneinander und
verzog das Gesicht zu einer
Fratze, um anzudeuten: Es fehlt
mir das nötige Kleingeld.
Ich sah ihn
verdutzt an. Träumte ich? Und da
kam mir die folgende dumme Frage
über die Lippen: "Ja, natürlich!
Und wie stellen Sie es dann an?"
Da lächelte er
und legte mir eine Hand auf die
Schulter. Dann antwortete er:
"Wenn du wüßtest!... Ich habe
damit begonnen, am Tag nach
meinem Begräbnis, den schönen
Porzellankranz zu verkaufen, den
meine Frau mir auf das Grab
hatte setzen lassen, mit der
Inschrift darauf: "Meinem
angebeteten Gatten". Gewisse
Lügen können wir Toten nun
einmal nicht ertragen. Um ein
paar Lire habe ich ihn verkauft.
Damit bin ich eine Woche
ausgekommen. Es ist keine
Gefahr, daß meine Frau mich
besuchen käme und dabei merken
würde, daß der Kranz nicht mehr
da ist. Nun spiele ich mit den
Gästen Karten, gewinne und
trinke auf Kosten des
Verlierers. Mit einem Wort...
ich gebe mir Mühe. Und du, was
tust du?"
Ich wußte nicht,
was ich ihm antworten sollte.
Ich sah ihn einen Augenblick
lang an, dann überkam mich ein
Anfall von Wahnsinn und ich
packte ihn beim Arm: "Sag mir
die Wahrheit! Wer bist du? Wie
kommst du hierher?"
Er verlor seine
Haltung für keinen Augenblick;
lächelnd entgegnete er: "Aber
hör mal, wo du mich doch von
selbst erkannt hast!... Wie ich
hierherkomme? Ich werde es dir
erzählen. Aber zuerst gehen wir
da hinein. Siehst du nicht? Es
regnet."
Und er zog mich
in das Wirtshaus. Drinnen zwang
er mich zu trinken und wiederum
zu trinken, sicherlich in der
Absicht, mich betrunken zu
machen. Meine Verblüffung und
mein Entsetzen waren so groß,
daß ich mich nicht wehrte. Ich
trinke gewöhnlich keinen Wein,
und dennoch trank ich in dieser
Nacht ich weiß nicht wieviel
davon. Ich erinnere mich an
erstickende Rauchschwaden; an
den scharfen Geruch des Weines;
an das dumpfe Klappern der
Teller und Becher; an den
warmen, schweren Küchengeruch;
an das gedämpfte Gemurmel rauher
Stimmen. Vornübergebeugt, als
wollten sie sich gegenseitig den
Atem rauben, spielten zwei Alte
neben uns Karten, unter dem
wütenden oder zustimmenden
Knurren der aufmerksamen
Zuschauer, die hinter ihrem
Rücken lehnten. Von der
niedrigen Decke hing eine Lampe
herab und verbreitete einen
gelben Schimmer in den dicken
Rauchschwaden. Aber was mich am
meisten erstaunte, war, daß
unter so vielen Menschen keiner
den geringsten Verdacht hatte,
daß sich da drinnen jemand
befand, der außerhalb des Lebens
stand. Und während ich bald
diesen, bald jenen ansah,
überkam mich die Versuchung, auf
meinen Zechkumpan zu deuten und
dem anderen zu sagen: "Der da
ist ein Toter!" - Aber in diesen
Augenblicken, als läse er diese
Versuchung auf meinen Lippen,
begann Jacopo Sturzi, den Rücken
an die Wand gelehnt, das Kinn
auf der Brust, zu lächeln, ohne
den Blick seiner Augen von mir
zu wenden, den Blick dieser
entzündeten Augen, die voll von
Tränen waren! Auch während er
trank, sah er mich an. Plötzlich
schüttelte er sich, und begann
mit leiser Stimme auf mich
einzureden. Mir drehte sich
schon der Kopf von den
Weindünsten. Aber bei diesen
seltsamen Worten über Tod und
Leben begann er sich mir noch
schlimmer zu drehen. Er bemerkte
es und schloß lachend: "Das ist
nichts für dich. Reden wir von
was anderem. Was ist mit Tuda?"
"Tuda?" fragte
ich. "Ja, wissen Sie denn nicht?
Alles ist aus..."
Er nickte
mehrmals mit dem Kopf. Dann
sagte er jedoch: "Ich habe es
nicht gewußt. Aber du hast
recht, wenn du Schluß gemacht
hast. Sag, es war wegen der
Mutter, stimmt's? Amalia Noce,
meine Frau, eine schlimme Person
wie alle Noces! Sieh mal,
ich..."
Er nahm den Hut
ab, legte ihn auf den Tisch,
schlug sich mit einer Hand gegen
die kahle Stirn und kniff ein
Auge zu: "Zweimal", rief er.
"Das erste Mal 1860; dann im
Jahr 75. Und dabei war sie
wirklich nicht mehr taufrisch,
wenn auch immer noch sehr schön.
Aber darüber kann ich mich nicht
mehr beklagen; ich habe ihr
verziehen, und Schluß. Mein Sohn
- ich darf dich doch so nennen -
glaub mir, mein Sohn: ich habe
erst aufgeatmet, als ich tot
war. Na, und kümmere ich mich
vielleicht noch um sie? Weder um
die Mutter noch um die Tochter.
Nicht einmal mehr um die
Tochter, der Mutter wegen. Ich
will dir alles sagen: Ich weiß,
was sie für ein Leben führen.
Hör mal, ich könnte, ohne
gesehen zu werden, wie das viele
andere in meinem Zustand tun,
mich von Zeit zu Zeit bei ihnen
einschleichen, um heimlich ein
bißchen Geld zu holen. Aber
nein, dieses Geld stehle ich
nicht einmal! Weißt du denn,
weißt du, was sie für ein Leben
führen?"
"Wie?",
antwortete ich. "Ich habe nicht
mehr nach ihnen gefragt."
"Ach geh' doch!
Du weißt es", beharrte er.
"Gestern abend hat man's dir
erzählt."
Zögernd hob ich
fragend die Augenbrauen.
"Aber ja; wo du
hingehen wolltest, ehe du mich
gesehen hast!"
Ich sprang auf,
taumelte aber und fiel mit den
Ellbogen auf den Tisch zurück,
während ich ihn anschrie: "Sie
sind es? Tuda? Tuda und ihre
Mutter?"
Er packte mich
beim Arm und legte den
Zeigefinger auf die Lippen.
"Still! Still!
Zahl und komm mit mir. Zahl,
zahl schnell."
Wir verließen
das Wirtshaus. Draußen regnete
es noch stärker. Der Sturm
peitschte uns das Wasser ins
Gesicht und ließ uns kaum
vorwärtskommen. Aber er zerrte
mich am Arm mit sich, immer
weiter, gegen den Wind, gegen
den Regen. Stolpernd, trunken,
mit glühendem, bleischweren Kopf
stöhnte ich: "Tuda? Tuda und
ihre Mutter?" Seine Gestalt im
Mantel verschwamm vor meinen
Augen in der tiefen Finsternis
mit dem Schirm, den er zum
Schutz gegen den Regen in die
Höhe reckte, sie wuchs vor
meinen Augen ins Riesenhafte,
wie ein Gespenst aus einem bösen
Traum, das mich in den Abgrund
zu zerren versuchte. Und da
stieß er mich in eine dunkle
Toreinfahrt und schrie mir ins
Ohr: "Los, geh, geh zu meiner
Tochter!"
Nun habe ich
hier, hier in meinem Kopf nur
noch die Schreie Tudas, die an
meinem Hals hing, Schreie, die
mir das Gehirn zu sprengen
drohten... Er war es, ich
schwöre es noch einmal, er war
es, er, Jacopo Sturzi!... Er hat
diese Hexe erdrosselt, die sich
als Tante ausgab... Freilich,
wenn er es nicht getan hätte,
hätte ich es getan. Aber er hat
sie erdrosselt, denn er hatte
mehr Grund dazu als ich.
Das ist die
Wahrheit. An meinen Händen klebt
kein Blut.
* * *
*
- aus Roma di Roma
(Tageszeitung),
Jg.I/Nr.59, 27./28.Juni
1896; später nicht
wieder veröffentlicht,
daher keine Varianten.
Von Pirandello nicht in
die geplante
Gesamtausgabe
aufgenommen.
Anfangenseite
|
|
|
|
|
Il contenuto di queste pagine proviene,
oltre che da contributi dei nostri
visitatori, anche da altri siti cui abbiamo
estratto quanto di pertinenza, citandone,
ove a conoscenza, fonte e relativo link. In
caso di segnalazione da parte dei
proprietari di tali siti inerente la loro
contrarietà alla pubblicazione su
PirandelloWeb del loro materiale, le pagine
contestate, verranno immediatamente rimosse. |
|