Jeden Tag stieg er nachmittags zu
dem großen freien Platz vor dem Hotel hinab, gefolgt
von einem Hoteldiener, der ihm ein dickes Bündel
Zeitschriften oder Zeitungen sowie ein oder das
andere Buch nachtrug; dann vertiefte er sich auf
einem Liegestuhl aus Rohrgeflecht für einige Stunden
in seine Lektüre, im Schatten der majestätischen
Buche, die den Höhenkamm beherrschte.
Nun ja, majestätisch, das war nur so
eine Redensart, in Wahrheit mußte sie es wohl schon
mehr als leid sein, da oben frei zu stehen, allen
Winden preisgegeben; und sie zeigte es auch
deutlich, daß sie die überaus große Ehre und das
Glück, in diesen Tagen mit ihrem Blätterkleid eine
so illustre Persönlichkeit gegen die Sonne schützen
zu dürfen, gar nicht zu schätzen wußte. Man hätte
meinen können, sie bemerke es gar nicht.
Auch das Hotel schien sich gar nicht
dadurch geehrt zu fühlen, daß es eine solche
Persönlichkeit beherbergen durfte; der Hotelier
dagegen... ach, den mußte man nur mal ansehen, den
Hotelier, er hatte sofort den anderen Gästen
gegenüber das Gehabe eines höheren Diplomaten
angenommen, und die Kellner... den Kellnern mußte
man nur mal zuschauen, wie sie die anderen Gäste nun
mit einer geradezu unbezahlbaren Verachtung
bedienten, um nur ja deutlich zu machen, daß sie
sich jetzt nicht mehr so sehr um die anderen kümmern
konnten, da sie sich doch jetzt ganz und gar auf die
Wünsche dieses einen konzentrieren mußten.
Der junge Anwalt Torello Scamozzi,
der sich zum Zeitvertreib auch als Journalist
betätigte, war darüber geradezu erzürnt; nicht so
sehr seinetwegen, sagte er, als vielmehr wegen der
Damen. Aber die Damen baten ihn in großzügiger
Manier, er solle sich doch ihretwegen nicht
exponieren.
Die Damen waren vier an der Zahl:
die Gillis, Mutter und Tochter, Miss Green, eine
zierliche, schon etwas ältli-che Engländerin, blaß
und blond, immer mit Kopfschmerzen und Antipyrinen
versehen, sowie die Frau des Herrn Doktor Sandrocca,
der unter Ataxie litt und auf immer an den Rollstuhl
gefesselt war.
Viel vernünftiger, das heißt viel
praktischer, dachte ein anderer junger Gast, Leone
Borisi, der Scamozzi das Vergnügen überließ, sich
solcherart als Beschützer der Damen und besonders
des liebenswürdigen und überaus lebhaften Fräuleins
Ninì Gilli aufzuspielen, um einstweilen selbst den
Rollstuhl des Herrn Doktor Sandrocca die Bergwege
hinunterzuschieben, unter die Roßkastanienbäume; mit
einer Hand den Rollstuhl zu schieben und mit der
anderen die Taille der Frau des guten Doktors zu
umfassen, die eine Brünette mit Löckchen war, mit
einem kerzengeraden Näschen und leuchtenden Augen,
eine besonders anziehende Person. Ach, nur so,
natürlich! Ganz unschuldig, sozusagen aus
Zerstreutheit, hinter dem Rücken des Mannes, der in
einem fort lachte, lachte und plapperte und seine
Pfeife rauchte, ohne auch nur einen Augenblick
innezuhalten.
II.
Das Wunder, seine Exzellenz, den
Herrn Senator Reda, zum Sprechen zu bringen, das
hatte ein neuer Gast bewirkt, der auf den ersten
Blick bei den vier Damen ein Nasenrümpfen und bei
dem Hotelier ein ärgerliches Verziehen der
Mundwinkel hervorgerufen hatte.
Schweißtriefend, die Kleider in
Unordnung, mit seinem rasierten Stierschädel und den
dicken Speckfalten im Nacken, den Augengläsern, die
ihm immer wieder von der Kartoffelnase rutschten und
diesen riesigen, verwaschenblauen Augen, die ständig
unterwegs zu sein schienen, um irgendetwas in den
Blick zu bekommen, und so den Kopf zu gewissen
seltsamen und ruckartigen Drehungen veranlaßten, die
an einen Ochsen denken ließen, der sich verzweifelt
vom Joch zu befreien sucht: die Erscheinung des
Herrn Professor Dionisio Vernoni war wirklich nicht
dazu angetan, Vertrauen zu erwecken. Aber wenn man
ihn dann reden hörte...
Vielleicht litt der Professor
Dionisio Vernoni in seinem Inneren an den
vulkanischen Durcheinander der vielen
Leidenschaften, die seine mächtige Brust verbarg;
aber das bißchen, was davon nach außen drang, reizte
nur zum Lachen. Zum Lachen vor allem deshalb, weil
er mit all diesem Riesenberg schwitzenden Fleisches,
den er mit sich herumschleppte, ein
unverbesserlicher Idealist war, der Professor
Dionisio Vernoni; ein Idealist, der keine Ruhe gab,
sollte es ihm auch an den Kragen gehen, der keine
Ruhe geben konnte, keine Ruhe geben wollte
angesichts des irritierenden Resignation der
Wissenschaft vor den faszinierenden Problemen der
Existenz, vor dem bequemen (oder feigen, wie er zu
sagen pflegte) Rückzug des sogenannten
philosophischen Denkens in die Grenzen des
Erkennbaren. Und dazu verjagte er hier und dort mit
seinen beiden Pranken die hartnäckigsten Fliegen,
die sich auf seinem schweißüberströmten Gesicht
niederlassen wollten.
Als er nun unter der Buche den
Senator erblickte, der vor so vielen Jahren sein
Lehrer an der Universität gewesen war (freilich
waren alle Professoren einer ganzen Reihe von
Universitäten seine Lehrer gewesen, denn er hatte
wenigstens drei oder vier Studien abgeschlossen,
dieser Dionisio Vernoni, eines nach dem anderen), da
war er ihm, unter dem indignierten Staunen des
Hoteliers entgegengelaufen, besser gesagt, er hatte
sich auf ihn gestürzt und ihm mit aufgehobenen Armen
entgegengerufen:
"Ach, Sie sind hier, verehrtester
Herr Professor?"
Und beinahe unverzüglich war
zwischen dem ehemaligen Schüler und dem alten Lehrer
wieder eine jener lebhaften Diskussionen entflammt,
die an der römischen Universität viele Jahre
hindurch unvergeßlich geblieben waren.
Lebhaft waren sie ja eigentlich nur
von einer Seite: von der Vernonis, denn der Senator
antwortete trocken und schneidend, mit einem kühlen
Lächeln auf den Lippen, das zeigen sollte, daß er
seinen bizarren Schüler der einen oder anderen
Antwort würdigte, nur um seinen Spaß mit ihm zu
haben.
Das hatten die anderen Gäste recht
gut begriffen, die, einer nach dem anderen,
allmählich hinzugetreten waren, um zuzuhören. Nun
nahm man nach jeder Mahlzeit an diesem
intellektuellen Duell unter der Buche teil, als wäre
das eine besonderes Unterhaltungsprogramm.
Von Zeit zu Zeit brachen alle in
Gelächter aus, bei einigen besonders treffenden
Repliken des hochverehrten Herrn Senators, während
Vernoni bald mit weitgeöffneten, starren Augen
aufsprang, bald ganz verunsichert die beiden Pranken
vor die Brust schlug, als wollte er eine wahre
Lawine von wütenden Protestrufen zurückhalten.
Die alte Frau Gilli und Miss Green
jedoch, die oft von dem begeisterten Feuer
mitgerissen wurden, mit dem Professor Vernoni sich
für seine edlen und großmütigen Theorien in die
Bresche warf, neigten dann und wann unwillkürlich
zustimmend den Kopf. Dann trug der Senator seine
Erwiderung verärgert mit einem gewissen essigsauren
Stimmchen vor, und Vernoni zog entweder die
Schultern ein oder er murmelte mit bitterer
Verachtung:[1]
"Also das Gras, was? Das Gras! Als
ob wir alle miteinander Schafe wären..."
Bei diesen Worten brach Ninì Gilli
in ein unwiderstehliches Gelächter aus und alle
anderen fielen mit ein, während der Senator in die
Runde blickte, als habe er nicht recht verstanden,
und fragte:
"Das Gras? Wieso das Gras? Das
verstehe ich nicht."
"Das Gras! Das Gras!" wiederholte
Vernoni, dem vor Ärger beinahe die Tränen kamen.
"Was ist denn für die Schafe die einzige Wahrheit,
die existiert? Das Gras. Das Gras, das unter ihren
Mäulern wächst. Aber wir, Gott verdammich, wir
können auch nach oben schauen, hochverehrter Herr
Senator! Nach oben, nach oben, auf die Sterne!"
Als Antwort knurrte der Senator
zwischen den Zähnen: "Auch nach oben, jawohl, wie
schon Sallust sagt."
"Wie schon Sallust sagt, jawohl!",
gab Vernoni postwendend zurück, "Aber auch, wenn man
nach unten schaut, entschuldigen Sie... der Maulwurf
zum Beispiel, Herr Senator: sehen wir uns den
Maulwurf an, und folgen wir der Logik der Natur."
"Aber nein!"
Wenn der Herr Senator Romualdo Reda
die Natur nennen hörte, wurde er ernsthaft unruhig;
mit beiden Händen auf die Armlehnen trommelnd, stieß
er hervor:
"Ach, hören Sie doch auf! Tun Sie
mir doch den Gefallen! Ach, Ihre Logik, lieber
Vernoni! Das ist ja ganz nett, so im Spaß... Aber
lassen wir doch bitte die Natur in Ruhe, ja!
"Entschuldigung, Entschuldigung,
Entschuldigung", ver-suchte Vernoni daraufhin rasch
zu erklären, wobei er beide Hände vorstreckte. "Daß
die Natur eine Logik besitzt, kann man etwa daran
zweifeln? Aber wir haben doch einen mehr als
schlagenden Beweis dafür in ihrer Ökonomie! Lassen
Sie mich doch erklären, verehrtester Herr Professor!
Der Maulwurf... warum ist beim Maulwurf das Sehorgan
so schwach ausgebildet? Na, weil er unter der Erde
leben muß! Logik der Natur! Und der Mensch?
Verzeihen Sie, weshalb muß der Mensch die Sterne
sehen können? Einen Grund muß es dafür doch geben,
verzeihen Sie!"[2]
Alle verharrten einen Augenblick
lang wie gebannt in Erwartung der Antwort des Herrn
Senators; dieser aber schloß die müden,
geschwollenen Augen, wiegte ein wenig das Haupt,
öffnete die Lippen zu einem bescheidenen Lächeln
verächtlichen Mitleids und enttäuschte alle, indem
er rezitierte: "Gestit enim mens exilire ad magis
generalia ut acquiescat: et post parvam moram
fastidit experientiam. Sed haec mala demum aucta
sunt a dialectica ob pompas disputationum."
"Bacon?" fragte Professor Dionisio
Vernoni, während er sich die Sturzbäche von Schweiß
aus Stirn und Nacken wischte.
Und der Senator antwortete:
"Bacon."
III.
An einem dieser Tage freilich wurden
alle Gäste des Hotels auf dem Berggipfel unerwartet
früh von den schrillen Schreien Fräulein Ninì Gillis
und ihrer Mutter geweckt. Was war geschehen?
Zunächst hieß es, die liebe Ninì,
die beim Morgengrauen allein hinunter in das
Klosterwäldchen spazieren gegangen war, habe eine
unangenehme Begegnung gehabt.
Unangenehm? Wie denn? War sie
vielleicht überfallen worden? Man hatte doch noch
nie gehört, daß sich im Klosterwäldchen solches
Gesindel... ach, es war gar kein Gesindel? Ja, was
war das denn dann für eine Begegnung gewesen?
Die liebe Ninì, oder die Gillina,
wie alle sie nannten, war aus dem Wäldchen
heraufgelaufen, so schnell sie konnte, puterrot im
Gesicht, schreiend, vor Schrecken dem Wahnsinn nahe.
Nun wälzte sie sich in ihrem Zimmer, von einem
schrecklichen Weinkrampf geschüttelt, von einer
Seite auf die andere.
Ja, aber was war das denn nun
wirklich für eine Begegnung gewesen, zum Teufel? Was
hatte man ihr denn getan?
Das Klosterwäldchen lag am
westlichen Abhang des Berges, dicht und
undurchdringlich. Wäldchen war eigentlich gar kein
Ausdruck: Alle diese Roßkastanien waren zwar dünn
geblieben, hatten aber mittlerweile recht hohe,
gerade Stämme angesetzt, die wie Nadeln aufragten:
ein ausgewachsener Wald. "Klosterwäldchen" hieß es,
weil auf einer kleinen Lichtung in der Mitte die
verlassenen Ruinen eines alten Klosters lagen, mit
dem Kirchlein an der einen Seite, dessen
geheimnisvollen Innenraum man durch die Risse in dem
vermoderten Tor gerade ein bißchen erahnen konnte.
Bleich und in höchster Erregung
versuchte Scamozzi den Anwalt Borisi, ja sogar die
Kellner, dazu zu bewegen, sich zu bewaffnen und mit
ihm dort unten ins Wäldchen zu laufen, um nach dem
Rechten zu sehen. Aber was sollte es denn dort zu
sehen geben? Wenn man doch noch nichts mit
Sicherheit wußte! Was sagte denn Senator Reda dazu,
der eben an das Bett des Fräuleins geeilt war? Denn
er war auch Arzt, der Senator, wenngleich er diesen
Beruf nie ausgeübt hatte.
Einzig Professor Dionisio Vernoni
erklärte sich bereit, Scamozzi zu folgen. Aber der
hatte kein rechtes Vertrauen zu ihm und tat, als
höre und sähe er ihn nicht.
Na endlich, da war Reda! Ach, Gott
sei Lob und Dank, er lächelte... Na...?
"Gar nichts, meine Herrschaften.
Seien Sie ganz beruhigt. Eine leichte Psychose, die
von selbst vorbeigeht, Ein kleiner Anfall von
Hysterie, das ist alles. Sowas geht vorüber."
Aber da trat Professor Dionisio
Vernoni vor, mit zusammengezogenen Augenbrauen und
zerzaustem Haar:
"Eine Psychose?" stieß er hervor.
"Da unten im Klosterwäldchen? Wenn Sie von Psychose
reden - ich weiß, worum es sich handelt! Ich weiß
alles, alles! Fräulein Gilli hat gesehen! Fräulein
Gilli hat gehört, auch sie!"
Scamozzi, Borisi, Doktor Sandrocca,
seine Frau, Miss Green, alle wandten sich um und
starrten ihn mit offenem Mund an:
"Gesehen... was denn gesehen?"
"Aber achten Sie doch nicht auf ihn,
ich bitte Sie!" rief der Senator.
"Eine Halluzination, nicht wahr?",
schrie daraufhin Vernoni spöttisch und
herausfordernd zurück. "Eine Psychose... ein Anfall
von Hysterie... Und wie erklären Sie dann, daß auch
ich, jawohl, mein Herr, auch ich, neulich gegen
Abend, etwas gehört habe... ja, meine Herrschaften,
ich habe etwas gehört, als ich allein in dem
Wäldchen war, bei dem Kloster... eine Musik war es,
eine... eine paradiesische Musik, die aus dem
Kirchlein drang... Orgel und Harfen... eine
göttliche Musik! Ich habe zu niemandem davon
gesprochen; ich erzähle es jetzt, weil ich sicher
bin, daß auch Fräulein Gilli es gehört hat, sie
auch... Ich habe den Mund gehalten, weil ich mich
geschämt habe, ich schwöre es, und auch, weil ich
Angst hatte, jawohl! Ja, Angst hatte ich, und ich
bin davongelaufen, so schnell ich konnte!
"Ach, jetzt hören Sie doch mal bitte
auf, lieber Herr!" unterbrach ihn an dieser Stelle
der Hotelier, der die Wirkung bemerkte, die seine
Worte auf die anderen Gäste hatten. "Sie wollen mich
wohl ruinieren! Ach, entschuldigen Sie, das sind
doch Verrücktheiten! Nie hat man je etwas
dergleichen erzählt! Niemand hat je irgendetwas
gehört! Ein Glück, daß Seine Exzellenz hier ist...
ich meine den Herrn Senator... eine Leuchte der
Wissenschaft... und auch ein anderer hochgeschätzter
Herr Doktor, der... na Gott sei Dank, er lacht,
sehen Sie nur! Er lacht, und recht hat er... das ist
ja wirklich zum Lachen, lieber Herr Doktor! Ein ganz
simpler Anfall von Nervenüberreizung..."
"Von Hysterie", verbesserte ihn der
Senator.
"Natürlich, von Hysterie... und wenn
das der Herr Senator sagt!", schloß der Hotelier
seine Rede. "Was heißt da Musik! Was heißt da Orgel!
Was heißt da Harfen! Gehen wir doch alle gemeinsam
dort in das Wäldchen... Ich lasse Ihnen dort das
Frühstück servieren... Ein angenehmer, ganz und gar
sicherer Ort, jawohl... wir werden auch die Kirche
öffnen... Sie werden sehen..."
"Aber gibt es dort wirklich eine
Orgel?" fragte Frau Sandrocca.
"Nein... das heißt... ja, es gibt
eine und es gibt auch keine..." antwortete der
Hotelier ein wenig verwirrt. "Sie können sich ja
denken, wie die aussieht, nach so vielen
Jahrhunderten... vielleicht hat irgendein
Mäuslein... ach, das ist doch wirklich zum Lachen...
zum Lachen ist das, was, meine Herrschaften?"
Und er lachte: er schon, jawohl, und
auch Doktor Sandrocca, der ewig Lachende, lachte
weiter. Die anderen hingegen lachten nicht, und sie
zeigten auch keine große Lust, der Einladung zum
Frühstück dort unten im Klosterwäldchen zu folgen.
Was den Senator anging, der wandte der ganzen
Gesellschaft verächtlich den Rücken und streckte
sich auf seinem Stuhl aus Rohrgeflecht unter der
Buche aus.
In diesem Augenblick stürzte in
höchster Eile und mit ungewöhnlicher Heftigkeit,
wenngleich ein Bein ihr, vielleicht durch die
Erregung, steif geworden war, die alte Frau Gilli
hinzu, um mit dem Hotelier ein Wörtlein zu reden.
Sie gab keinen Heller, nein, keinen
roten Heller gab sie auf diese Erklärung seiner
Exzellenz, des Herrn Senators, die ganz danach
aussah, als sollte dadurch der Hotelier vor Schaden
bewahrt werden. Aber was denn für ein Anfall von
Hysterie, zum Teufel, wenn ihre Tochter doch nie und
nimmer an solchen Spintisierkrankheiten wie der
Schwangerenhysterie gelitten hatte! Oh, das war
schnell gesagt! Und dann bleibt der schlechte Ruf an
einem hängen, es wird getuschelt und verleumdet.
Nein, nein, alles mußte seine Richtigkeit haben!
Alles mußte seine Richtigkeit haben, für die Frau
Gilli; das heißt alle sollten erfahren, was
geschehen war; dann die Rechnung bezahlen und auf
der Stelle Abfahrt! Auf der Stelle, denn ihre arme
Tochter zitterte noch immer wie Espenlaub, vor
lauter Schreck, und sie sagte, sie würde lieber
sterben als weiter hierbleiben, sei es auch nur für
eine einzige Nacht.
Und Frau Gilli begann somit zu
erzählen, daß die arme Ninì wirklich die Orgel in
dem Klosterkirchlein hatte spielen hören.
"Hören Sie? Hören Sie", rief
daraufhin Dionisio Vernoni triumphierend aus.
Die alte Dame brach ab, wie vom
Donner gerührt, und fragte: "Ja, wie denn das?
Sie... wie können denn Sie davon wissen?"
Und Vernoni gab zurück: "Ich weiß
nichts davon; ich habe es vermutet, Signora! Ja, ich
war sicher, mehr als sicher; denn ich habe es auch
gehört!"
Verdattert und doch froh klatschte
Frau Gilli in die Hände und rief: "Sehen Sie? Na
also! Der Herr da kann ja wohl nicht unter
Schwangerenhysterie leiden... würde ich meinen..."
Dionisio Vernoni ließ den anderen
keine Zeit, über diese Überlegung zu schmunzeln,
sondern setzte schnell hinzu: "Orgel und Harfen?"
"Harfen? Von Harfen weiß ich
nichts", antwortete Frau Gilli, ein wenig
erschrocken über die Art, wie er sie anstarrte.
"Ninì spricht nur von einer Orgel, und sie sagt, sie
wäre zuerst bloß erstaunt gewesen... erstaunt, daß
jemand zu so früher Stunde in dieses verlassene
Kirchlein gegangen sein konnte, um Orgel zu spielen.
Sie dachte wirklich an gar nichts Außergewöhnliches,
sie ging sogar hin, um nachzusehen... und dann...
ich weiß nicht, ich weiß nicht genau, was sie
gesehen hat... man kann sie da nicht recht
verstehen... sie spricht von Mönchen... von einer
Prozession... von brennenden Kerzen..."
Die alte Frau Gilli brach ihre
Erzählung mittendrin ab, weil ein Stubenmädchen sie
in höchster Eile zu ihrer Tochter rief, die einen
neuen Weinkrampf bekommen hatte. Und da war der
Augenblick des Professor Dionisio Vernoni gekommen,
dem sich nun alle ganz instinktiv zuwandten. Und
Professor Vernoni setzte sofort mit seiner üblichen
Begeisterung ein; er sprach von Okkultismus und
Mediumismus, von Telepathie und Weissagungen, von
Apporten und Materialisationen; und vor den Augen
seiner verdatterten Zuhörer bevölkerte er die Erde
mit Wundern und Geistererscheinungen, jene Erde, von
der der blödsinnige Stolz des Menschen annimmt, sie
wäre nur von ihm selbst und von den paar Tieren
bewohnt, die er kennt und die ihm dienstbar sind.
Was für ein ungeheurer Irrtum! Es leben auf der Erde
noch andere Wesen ein natürliches, ein ganz
natürliches Leben so wie das unsere; Wesen, die wir
im Normalzustand unserer Beschränktheit wegen nicht
wahrnehmen können, die sich aber manchmal, unter
besonderen Umständen, zu erkennen geben und uns mit
Schrecken erfüllen; übermenschliche Wesen, in dem
Sinn, daß sie unser armseliges Menschenwesen
übersteigen, aber auch sie sind natürlich, ganz und
gar natürlich, anderen Gesetzen unterworfen, die wir
nicht kennen, oder besser, die unser Bewußtsein
nicht kennt, denen wir aber vielleicht unbewußt auch
folgen: nichtmenschliche Bewohner der Erde,
elementare Wesenheiten, Geister der Natur jeglicher
Art, die mitten unter uns leben, in den Felsen, in
den Wäldern, in der Luft, im Wasser, im Feuer,
unsichtbar, aber doch mit der Fähigkeit, bisweilen
körperhafte Gestalt anzunehmen.[3]
Vor Ärger darüber, daß der Senator
Reda nicht hinzukam, um mit ihm zu diskutieren,
verstieg er sich absichtlich, um ihn zu provozieren,
zu den phantastischesten Gedankenflügen, den
kühnsten Vermutungen, den verführerischsten
Erklärungsversuchen, und brach zu guter letzt in
eine grundlegende Anklage gegen die positive
Wissenschaft aus, gegen manche sogenannte
Wissenschaftler, die kaum eine Spanne weiter als
ihre Nasenspitze blicken können (diesen Satz
wiederholte er vier oder fünfmal): kalte,
kurzsichtige, überhebliche Typen, die die Natur dazu
zwingen wollten, sich ihren Experimenten zu
unterwerfen, den Berechnungen ihrer Studierstuben,
dem Bußgürtel ihrer armseligen Meßinstrumente und
ihrer elenden Schwätzerkongresse.
Der Senator Romualdo Reda blieb
stumm. Scamozzi, Borisi, Miss Green, Frau Sandrocca,
beinahe entsetzt über die gewalttätige Aggressivität
Vernonis, warfen von Zeit zu Zeit einen verstohlenen
Blick zu ihm hinüber. Stumm und ungerührt lag der
Senator Romualdo Reda auf seinem Liegestuhl unter
der Buche, die Augen geschlossen, als schliefe er.
Endlich, als es ihm paßte, stand er auf und ging,
ohne ein Wort zu sprechen, ohne irgendjemanden
anzusehen, zwei Finger zwischen den Knöpfen der
Weste durchgesteckt, still und ernst, wenngleich er
doch von so winziger Statur war, das Weglein
entlang, daß zum Klosterwäldchen führte.
"Gott segne ihn!", rief der Hotelier
und warf ihm eine Kußhand zu. Dann wandte er sich an
Vernoni: "Sie, mein Herr, dürfen getrost sagen, was
Sie wollen: Sie sind ganz frei! Aber sehen Sie: Das
da ist die beste Antwort darauf!"
Und er wies mit der Hand auf den
Senator, der allmählich, winzig klein, unter den
riesigen Roßkastanien des abschüssigen Weges
verschwand.
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