Luigi Pirandello (1867-1936) - Novellen
Sieg der Ameisen
(Vittoria delle formiche – 1937)

aus dem Italienischen von
Michael Rössner
Eine Sache, die an und für sich
lächerlich sein mag, in den Auswirkungen aber
schrecklich: Ein Haus, das ganz von den Ameisen in
Besitz genommen wird. Und dieser verrückte Gedanke:
Daß der Wind sich mit ihnen verbündet haben könnte.
Der Wind mit den Ameisen. Verbündet, mit dieser
Sorglosigkeit die ihm zu eigen ist, da er in seinem
Schwung nicht für einen Augenblick anhalten kann, um
darüber nachzudenken, was er gerade tut. Gesagt,
getan, mit einer kräftigen Bö hatte der Wind gerade
in dem Augenblick eingesetzt, in dem er beschlossen
hatte, den Ameisenhaufen vor der Tür anzuzünden. Und
gesagt, getan, stand nun das ganze Haus in Flammen.
Als hätte er, um es von den Ameisen zu befreien,
keinen anderen Weg gefunden als das Feuer: es
anzuzünden.
Aber ehe wir zu diesem
entscheidenden Punkt gelangen, wäre es gut, die
vielen vorausgehenden Dinge zu bedenken, die doch
irgendwie zu erklären vermögen, wie die Ameisen das
Haus so sehr in Besitz hatten nehmen können, und wie
sich in ihm der seltsame Gedanke eines Bündnisses
zwischen den Ameisen und dem Wind hatte einnisten
können.
Heruntergekommen zu einem
Hungerleider, aus der wohlhabenden Situation, in der
ihn sein Vater bei dessen Tod hinterlassen hatte,
verlassen von Frau und Kindern, die sich am Ende
dazu durchgerungen hatten, allein zu leben, so gut
es ging, endlich frei von seinen tyrannischen
Übergriffen, die man beurteilen mochte, wie man
wollte, vor allem aber waren sie unangemessen; er
dagegen hielt sich für das Opfer, weil er zu
nachgiebig gewesen war und bei ihnen nie
Unterstützung gefunden hatte in seinen bescheidenen
Vorlieben und seinen wohlüberlegten Ansichten; so
lebte er allein, auf einem Fleckchen Erde, dem
einzigen, was ihm noch von all den früheren
Besitztümern, Häusern und Landgütern, geblieben war;
ein Fleckchen künstlich urbar gemachter Erde
unterhalb des Dorfes, am Rande des Tals, mit einer
Hütte, die gerade drei Zimmer hatte, und in der
früher der Bauer gewohnt hatte, der das Land in
Pacht hatte. Nun wohnte er hier, der Signore, ärger
herabgekommen als der elendste Bauer; er kleidete
sich freilich immer noch in den Anzug eines Signore,
der an seinem Körper in entsetzlicher Weise viel
abgerissener und fleckiger aussah, als es an einem
Bettler der Fall gewesen wäre, der ihn als Almosen
bekommen hätte. Und dennoch erschien manchmal dieses
schreckliche herrenhafte Elend geradezu fröhlich,
wie gewisse Farbflicken, die die Armen auf ihre
Kleider genäht tragen, und die beinahe so etwas wie
ihr Banner darstellen. In dem langen, bleichen
Gesicht mit den geschwollenen, aber lebendigen Augen
lag etwas Ausgelassenes, das zu den fliegenden, halb
grauen, halb rötlichen Locken des Kopfes paßte; und
in den Augen war immer wieder so ein gewisses
heiteres Aufblitzen, das jedoch gleich wieder
erlosch bei dem Gedanken, wenn jemand es zufällig
beobachtete, würde man ihn deshalb für verrückt
halten. Er verstand es ja selbst, daß die anderen
sich nur zu leicht von ihm eine solche Vorstellung
machen konnten. Aber dabei war er doch wirklich
zufrieden, endlich einmal alles so einrichten zu
können, wie er es wollte; und er genoß mit einem
unendlichen Behagen dieses Bißchen, ja Fast-Nichts,
das ihm die Armut zu bieten vermochte. Es reichte
nicht einmal dafür, jeden Tag das Herdfeuer
anzuzünden, um sich wenigstens eine Bohnen- oder
Linseneinsuppe zu kochen. Gefallen hätte ihm das
schon, denn niemand verstand diese Speisen besser
zuzubereiten als er, der mit so viel Kunstfertigkeit
Salz und Pfeffer dosierte und in so kundiger Weise
gerade das richtige Grünzeug hineinmischte, daß die
Suppe schon während des Kochens allein durch ihren
Geruch trunken machte; und sie aß sich wie
Götterspeise. Aber er konnte auch darauf verzichten.
Es reichte ihm, am Abend ein paar Schritte vor die
Haustür zu machen und im Garten eine Tomate und eine
Zwiebel zu pflücken, die das gewohnte Stück Brot
begleiteten, das er mit größter Sorgfalt mit einem
Taschenmesser in Scheiben schnitt und dann mit zwei
Fingern Stück für Stück wie einen Leckerbissen in
den Mund schob.
Er hatte diesen neuen Reichtum
entdeckt, der einfach in der Erfahrung lag, daß so
wenig schon für das Leben genug sein kann; und daß
man dabei gesund sein kann und sich keine Gedanken
machen muß; und daß man die ganze Welt für sich hat,
wenn man kein Haus mehr hat und keine Familie und
keine Sorgen und keine Geschäfte; ja, man ist
dreckig und abgerissen, sei’s drum, aber in Frieden;
und so sitzt man des Nachts unter dem Sternenhimmel
auf der Schwelle einer Hütte; und wenn ein Hund,
auch er ein streunender, davongejagter, sich an
einen schmiegt, dann kann man ihn streicheln und ihm
den Kopf tätscheln; ein Mensch und ein Hund, allein
auf dieser Erde, unter dem Sternenhimmel.
Anfangenseite
Aber sich so
ganz und gar keine Gedanken
machen, das war auch wieder
nicht wahr. Als er sich wenig
später auf einem Haufen Stroh
auf der Erde ausgestreckt hatte
wie ein Stück Vieh, da begann er
anstatt zu schlafen, an den
Nägeln zu kauen und, ohne darauf
zu achten, sich mit den Zähnen
die Fingerkuppen bis aufs Blut
wundzuscheuern, die ihn hernach,
angeschwollen und eitrig
geworden, einige Tage lang
brennen würden. Er wälzte immer
wieder die Gedanken an das, was
er hätte tun sollen und nicht
getan hatte, um sein Vermögen zu
retten; und er krümmte sich vor
Wut oder stöhnte auf vor Reue,
als wäre sein Ruin erst gestern
erfolgt, als hätte er erst
gestern vorgetäuscht, er würde
nicht bemerken, daß dieser Ruin
binnen kurzem eintreten müßte
und längst unvermeidbar geworden
sei. Es war doch nicht zu
glauben! Eines nach dem anderen
hatte er sich seine Landgüter
von den Wucherern entreißen
lassen, eines nach dem anderen
die Häuser, nur um über ein
bißchen Geld verfügen zu können,
von dem seine Frau nichts wußte,
um sich eine kleine,
vorübergehende Zerstreuung
gestatten zu können (also, um
der Wahrheit die Ehre zu geben,
weder klein noch vorübergehend;
es war unnötig, daß er jetzt
noch nach Milderungsgründen
suchte; jetzt galt es, sich ganz
offen einzugestehen, daß er
Jahre hindurch gelebt hatte wie
ein Schwein, jawohl, so mußte
man es wohl nennen: wie ein
richtiges Schwein; Weiber, Wein
und Würfelspiel) und es hatte
ihm gereicht, daß seine Frau
noch immer nichts gemerkt hatte,
um weiterhin so zu leben, als ob
auch er nichts von dem
unmittelbar bevorstehenden Ruin
gewußt hätte; und unterdessen
hatte er seine Bitterkeit und
seine heimlichen Rasereien an
seinem unschuldigen Sohn
abreagiert, der Latein
studierte. Jawohl! So
unglaublich das war: Auch er
hatte sich wieder daran gemacht,
Latein zu lernen, um den Sohn zu
beaufsichtigen und ihm zu
helfen; als hätte er sonst
nichts zu tun und als wäre das
tatsächlich Fürsorge und
Zuwendung gewesen, die einen
Ausgleich für die Katastrophe
darstellen könnten, die er
unterdessen für die gesamte
Familie vorbereitete.
Diese
Katastrophe war für seine
geheime Verzweiflung dieselbe,
der sein Sohn entgegenging, wenn
er nicht zu verstehen vermochte,
welche Bedeutung der Ablativus
absolutus oder die adversative
Form im Lateinischen hatten; und
er versteifte sich darauf, ihm
die zu erklären, das ganze Haus
erzitterte von seinen Schreien
und seinem Wüten angesichts der
Verwirrung dieses armen
Burschen, der allmählich das
ganze wohl auch selbst
verstanden hätte. Mit was für
Augen er ihn einmal angesehen
hatte, nach einer Ohrfeige! In
der Heftigkeit seiner
Gewissensbisse zerkratzte er
sich nun bei dem Gedanken an
diesen Blick seines Jungen das
Gesicht mit verkrümmten Fingern
und beschimpfte sich dabei:
Schwein, Schwein, Vieh! Wie kann
man so auf einen Unschuldigen
losgehen!
Er erhob sich
von dem Strohlager; er gab es
auf zu schlafen; er setzte sich
wieder auf die Schwelle der
Hütte; und dort gelang es dem
gedächtnislosen Schweigen der in
der Nacht aufgehenden Campagna
allmählich ihn zu beruhigen;
diesem Schweigen, das nicht nur
nicht gestört, sondern geradezu
gesteigert zu werden schien von
dem fernen Zirpen der Grillen,
das aus dem Grund des großen
Tals heraufdrang. In der
Landschaft lag bereits die
Melancholie der sterbenden
Jahreszeit; und er liebte die
ersten feuchten, verschleierten
Tage, wenn diese ganz feinen
Sprühregen begannen, die ihm,
wer weiß warum, eine vage
Sehnsucht nach der fernen
Kindheit einflößten, diese
ersten schmerzlichen und doch
süßen Empfindungen, durch die
man Zuneigung zu der Erde faßt,
zu ihrem Geruch. Die Rührung
weitete ihm die Brust; die
Bangigkeit schnürte ihm die
Kehle zu, und er begann zu
weinen. Es war wohl Schicksal,
daß es mit ihm auf dem Lande zu
Ende gehen sollte. Aber daß es
in dieser Weise geschehen
sollte, das hatte er sich doch
nicht erwartet.
Da er weder die
Kräfte noch die Mittel hatte,
selbst dieses bißchen Erde zu
bestellen, das gerade so viel
trug, daß man davon den
Grundzins bezahlen konnte, der
darauf lastete, hatte er es dem
Bauern abgetreten, der das Gut
nebenan gepachtet hatte,
lediglich unter der Bedingung,
daß der für ihn diesen Grundzins
zahlte und ihm zu essen gab;
wenig, fast als Almosen, und von
dem, was die Erde selbst
hervorbrachte: Brot und Gemüse,
damit er sich, wenn ihm danach
zumute war, jeden Tag eine Suppe
kochen konnte.
Seit er diesen
Vertrag abgeschlossen hatte, war
er dazu übergegangen, all das,
was er da ringsumher erblickte,
Mandelbäume, Olivenbäume, Korn,
Gartenfrüchte, als Dinge
anzusehen, die nicht mehr ihm
gehörten. Ihm gehörte nur noch
die Hütte; aber wenn er sie als
sein einziges Besitztum ansah,
dann konnte er nicht umhin, mit
dem bittersten Vergnügen der
Welt darüber zu lächeln. Die
Ameisen hatten sie bereits in
Besitz genommen. Bislang hatte
er sich dabei unterhalten, sie
in unendlichen Prozessionen die
Wände der Zimmer hinauflaufen zu
sehen. Sie waren so viele, daß
er manchmal meinte, die Wände
würden förmlich unter ihnen
erzittern. Aber noch mehr Spaß
hatte er daran, sie in allen
Richtungen kreuz und quer, als
gehörten sie ihnen, über die
merkwürdigen herrschaftlichen
Möbel laufen zu sehen, die aus
seinem ehemaligen Stadthaus
stammten, von dem Zusammenbruch
der Familie übrig geblieben und
dort in der Hütte in buntem
Durcheinander aufgestellt worden
waren, alle mit einer dicken
Staubschicht darauf. In seinen
Stunden der Muße hatte er, um
sich zu zerstreuen, sich sogar
darangemacht, sie zu studieren,
diese Ameisen, Stunden um
Stunden hatte er sie so
beobachtet.
Es waren winzig
kleine Ameisen, unglaublich
leicht, dünn, zart und rosig, so
daß ein einziger Atemhauch mehr
als hundert von ihnen verblasen
konnte; aber auf der Stelle
kamen andere hundert von allen
Seiten herbei; und was für eine
Geschäftigkeit sie entwickelten;
welche Ordnung in der Eile;
diese Trupps hier, jene dort;
ein Hin und Her ohne Rast; sie
gerieten an ein Hindernis,
machten ein Stück lang einen
Umweg, aber dann fanden sie ihre
Straße wieder und sicherlich
verständigten und berieten sie
sich untereinander.
Noch nie jedoch
war es ihm so erschienen ‑
vielleicht gerade wegen ihrer
Zartheit und Kleinheit ‑, als
könnten sie zu fürchten sein,
als wollten sie sich tatsächlich
des Hauses und seiner selbst
bemächtigen und ihn nicht mehr
weiterleben lassen. Und dennoch
hatte er sie schon überall
gefunden, sogar in den
Schubladen; er hatte sie an den
Stellen herauskommen sehen, an
denen er sie am wenigsten
erwartet hätte, manchmal fand er
sie sogar in seinem Mund, wenn
er ein Stück Brot aß, das er für
einen Augenblick auf dem Tisch
oder sonstwo liegen gelassen
hatte. Die Idee, er müsse sich
im Ernst gegen sie verteidigen,
im Ernst den Kampf gegen sie
aufnehmen, die war ihm noch
nicht gekommen. Sie kam ihm ganz
plötzlich eines Morgens,
vielleicht wegen der Stimmung,
in der er sich befand, nach
einer Schreckensnacht, die noch
schwärzer gewesen war als alle
anderen.
Er hatte sich
die Jacke ausgezogen, um ein
paar Ährenbündel in die Hütte zu
tragen, zwanzig vielleicht, die
der Bauer noch nicht in seinen
Hof gebracht und hier im Freien
liegen gelassen hatte. Der
Himmel hatte sich über Nacht
verdüstert, und der Regen schien
unmittelbar bevorzustehen. Da er
nun einmal ans Nichtstun gewohnt
war, hatte ihn diese ungewohnte
Mühe und diese blöde Vorsorge,
die ihn im übrigen gar nichts
anging, denn diese Ährenbündel
gehörten ja wie alles andere dem
Bauern, so sehr ermüdet, daß er,
als er für das letzte Bündel in
der schon ganz vollgestopften
Hütte Platz suchte, einfach
nicht mehr konnte, das Bündel
vor der Tür absetzte und sich
dazuhockte, um ein wenig
auszuruhen.
Mit hängendem
Kopf, die Arme auf die
gespreizten Beine gestützt, ließ
er zwischen den Beinen die Hände
ein wenig baumeln. Und auf
einmal, da, sah er doch
tatsächlich aus den Ärmeln
seines Hemds über diese
baumelnden Hände die Ameisen
kriechen, die Ameisen, die also
offenbar unter seinem Hemd über
seinen Körper spazierten, als
wären sie da zu Hause. Er geriet
in Wut und beschloß, auf der
Stelle diese Plage auszurotten.
Der Ameisenhaufen war ja nur
zwei Schritte von der Tür
entfernt. Ihn anzünden!
Wie kam es nur,
daß er nicht an den Wind dachte?
Na, das ist eine gute Frage. Er
dachte nicht an ihn, weil gar
kein Wind ging, es ging ja gar
kein Wind. Die Luft schien
stillzustehen, in Erwartung des
Regens, der über dem Land hing,
in dieser schwer lastenden
Stille, die dem Fallen der
ersten Tropfen voranzugehen
pflegt. Kein Blatt fiel vom
Baum. Die Windbö kam ganz
plötzlich und heimtückisch auf,
kaum daß er das Strohbündel, das
er vom Boden aufgelesen hatte,
in Brand gesteckt hatte; er
hielt es in der Hand wie eine
Fackel; als er es senkte, um den
Ameisenhaufen in Brand zu
stecken, da packte die Bö das
Feuer und trug die Funken bis zu
dem Ährenbündel, das vor der Tür
liegen geblieben war, und sofort
flammte es auf und gab das Feuer
an die anderen Ährenbündel
weiter, die in der Hütte
gestapelt waren, in der sich nun
das Feuer prasselnd und alles
mit Rauch erfüllend ausbreitete.
Wie ein Verrückter warf er sich
in die Glut, schreiend und mit
erhobenen Armen, vielleicht in
der Hoffnung, sie noch zu
ersticken.
Als er von den
herbeigeeilten Leuten
herausgetragen wurde, bot er
einen grauenhaften Anblick, so
entsetzlich verbrannt und doch
noch nicht tot, im Gegenteil, in
höchster, wütender Erregung, mit
den Armen fuchtelnd, die Flammen
am Leib, auf den Kleidern und in
den fliegenden Locken auf dem
Kopf. Er starb wenige Stunden
später in dem Spital, in das man
ihn gebracht hatte. In seinem
Delirium schimpfte er auf den
Wind, den Wind und die Ameisen.
„Verbündet haben
sie sich... verbündet...“
Aber man wußte
ja längst, daß er verrückt war.
Und dieses schreckliche Ende,
das er nahm, das bedauerten die
Leute, gewiß, aber doch mit
einem gewissen Schmunzeln auf
den Lippen.*
©
Michael Rössner.
Anfangenseite
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