SINGT-DIE-EPISTEL
*
(Canta l'epistola - 1922)

aus dem Italienischen von Michael Rössner
"Hatten Sie schon die Weihen bekommen?"
"Nicht alle. Bis zum Subdiakon."
"Aha, bis zum Subdiakon. Und was tut der Subdiakon?"
"Er singt die Epistel; er hält dem Diakon das Buch,
während dieser das Evangelium singt; er bringt die
Gefäße für die Meßfeier zum Altar; er hält während
des Kanons das Hostiengefäß in den Schleier
eingehüllt."
"Ach, dann haben Sie also das Evangelium gesungen?"
"Nein, Signore. Das Evangelium singt der Diakon, der
Subdiakon singt die Epistel."
"Dann haben Sie also die Epistel gesungen?"
"Ich? Warum gerade ich? Der Subdiakon."
"Der singt die Epistel?"
"Der singt die Epistel."
Was gibt es bei alledem zu lachen?
Und doch: als auf dem luftigen Hauptplatz des Ortes,
der vom Rascheln der welken Blätter erfüllt wurde
und sich im raschen Wechsel von Wolken und Sonne
bald verdüsterte, bald erhellte, der alte Doktor
Fanti diese Fragen an Tommasino Unzio stellte, der
eben das Priesterseminar verlassen und die Soutane
ausgezogen hatte, weil er den Glauben verloren hatte,
da verzog er sein Ziegengesicht so seltsam, daß alle
Nichtstuer des Ortes, die im Kreis vor der "Apotheke
zum Krankenhaus" saßen, in ein wildes Gelächter
ausgebrochen waren, so daß die einen sich wanden
vor lachen und die anderen sich den Mund zuhielten.
Das Lachen war herausgebrochen wie ein Durchfall,
kaum daß Tommasino sich entfernt hatte, verfolgt von
all diesen welken Blättern. Und dann hatte einer den
anderen gefragt:
"Der singt die Epistel?"
Und der andere hatte geantwortet:
"Der singt die Epistel."
Und so hängten sie Tommasino Unzio, der als
Subdiakon aus dem Priesterseminar ausgetreten war,
ohne Soutane, weil er den Glauben verloren hatte,
den Spitznamen "Singt-die-Epistel" an.
Den Glauben kann man aus hunderttausend
verschiedenen Gründen verlieren. Und im allgemeinen
ist der, der den Glauben verliert, überzeugt -
wenigstens im ersten Augenblick - daß er dafür etwas
gewonnen hat; wenn schon nichts anderes, so
wenigstens die Freiheit, gewisse Dinge zu tun und zu
sagen, die er zuvor für mit dem Glauben nicht
vereinbar gehalten hat.
Wenn der Grund für den Glaubensverlust aber nicht
die überstarke Hunger nach dem Irdischen ist,
sondern der Durst der Seele, der sich nicht mehr im
Altarkelch und im Weihwasserbecken stillen läßt,
dann wird der, der den Glauben verloren hat, nur
schwer der Meinung sein können, er hätte dabei etwas
anderes gewonnen. Allerhöchstens wird er sich im
ersten Augenblick nicht über den Verlust beklagen,
weil er anerkennt, etwas verloren zu haben, das für
ihn schon keinen Wert mehr besessen hat.
Tommasino Unzio hatte also mit dem Glauben alles
verloren, auch die einzige Position, die ihm sein
Vater hätte verschaffen können, dank eines
solcherart bedingten Legates von einem Onkel, der
selbst Priester gewesen war. Der Vater war zudem
nicht davor zurückgeschreckt, ihn mit Ohrfeigen und
Fußtritten zu traktieren, ihn mehrere Tage bei
Wasser und Brot einzuschließen, und ihm jede Art von
Beschimpfungen und Verwünschungen ins Gesicht zu
schleudern. Aber Tommasino hatte alles mit harter,
bleicher Festigkeit ausgehalten und auf den Moment
gewartet, in dem der Vater einsehen würde, daß dies
nicht gerade die geeignetsten Mittel waren, um
Glauben und Berufung zurückzuholen.
Es war nicht so sehr die Gewalttätigkeit, die ihm
weh getan hatte, als vielmehr die Gemeinheit der
Handlung, die so konträr zu dem Grund war,
dessentwegen er den Priesterrock ausgezogen hatte.
Aber auf der anderen Seite hatte er verstanden, daß
seine Wangen, sein Rücken, sein Magen dem Vater
Gelegenheit bieten mußten, seine Wut über den
Schmerz abzureagieren, den auch er fühlte, in der
brennendsten Weise, da sein Leben unrettbar
zusammengebrochen war und er im Haus
zurückgeblieben war wie ein unnützes Hindernis.
Er wollte jedoch allen beweisen, daß er den
Priesterstand nicht aufgegeben hatte, weil es ihn
gelüstete, "seine Schweinereien auszuleben", wie der
Vater in vornehmer Weise im ganzen Ort herumerzählt
hatte. Er verschloß sich in sich selbst, verließ
sein Zimmerchen nicht mehr, es sei denn für einen
oder den anderen einsamen Spaziergang hinauf durch
die Kastanienwälder bis zum Pian della Britta oder
hinunter über den Fahrweg ins Tal, zwischen den
Feldern hindurch, bis zu dem verlassenen Kirchlein
Santa Maria di Loreto, stets verloren in seinen
Meditationen und ohne je den Blick oder das Gesicht
zu jemandem anderen aufzuheben.
Allerdings ist es wahr, daß ein Körper, auch wenn
der Geist sich in einem tiefen Schmerz oder in einem
hartnäckigen, ehrgeizigen Streben verschließt, oft
den Geist in dieser selbstgewählten Isolation läßt
und heimlich und leise, ohne ihm etwas davon zu
sagen, sein eigenes Leben beginnt, wieder anfängt,
die gute Luft und die gesunden Speisen zu genießen.
So geschah es, daß Tommasino sich binnen kurzem und
fast zum Hohn in dem wohlbeleibten, blühenden Körper
eines feisten Mönchs wiederfand, während sein Geist
über seinen verzweifelten Meditationen immer
melancholischer und zarter wurde.
Was hieß da noch Tommasino! Ein Tommasone war er
jetzt, der dicke Tommaso Singt-die-Epistel.
Jeder hätte, wenn er ihn so sah, dem Vater recht
gegeben. Aber im Dorf wußte man, wie der arme
Bursche lebte; und keine Frau konnte sagen, daß er
sie auch nur flüchtig von der Seite je angesehen
hätte.
Kein Bewußtsein des eigenen Seins mehr haben, wie
ein Stein, wie eine Pflanze; sich nicht einmal mehr
an den eigenen Namen erinnern; leben, um zu leben,
ohne zu wissen, daß man lebt, wie die Tiere, wie die
Pflanzen; keine Gefühlsbindungen mehr, keine Wünsche,
keine Erinnerungen, keine Gedanken; nichts mehr, das
dem eigenen Leben Sinn oder Wert geben könnte.
Einfach so: im Gras ausgestreckt, die ineinander
verschlungenen Hände unter dem Nacken, in dem blauen
Himmel die blendend weißen Wolken betrachten, die
voll des Sonnenlichts sind; dem Wind lauschen, der
in den Kastanienbäumchen des Waldes eine Art
Meeresrauschen auslöst, und aus der Stimme dieses
Windes und diesem Rauschen wie aus einer unendlichen
Ferne die Nichtigkeit aller Dinge und die bange
Leere des Lebens heraushören.
Wolken und Wind.
Ja, aber darin lag ja schon alles, wenn man bemerkte
und erkannte, daß das, was da lichterfüllt über die
grenzenlose blaue Leere dahinschwebte, Wolken waren.
Weiß die Wolke etwa, daß sie eine Wolke ist? Und
auch Baum und Stein wissen nichts von ihr und ebenso
wenig von sich selbst.
Und er, der die Wolken bemerkte und erkannte, konnte
auch - warum nicht? - an das Schicksal des Wassers
denken, das zur Wolke wird, um dann wiederum Wasser
zu werden. Es genügte ein armseliger Physiklehrer,
um dieses Schicksal zu erklären; aber wer erklärte
das Warum des Warum?
Oben im Kastanienwald, Axthiebe; unten im Stollen,
Pickelhiebe.
Den Berg verstümmeln; die Bäume umlegen, um Häuser
zu bauen. Dort, in diesem Gebirgsdorf, neue Häuser.
Mühen, Plagen, Anstrengungen, Qualen jeder Art, wozu?
Um endlich zu einem Schornstein zu kommen und dann
aus diesem Schornstein ein bißchen Rauch dringen zu
lassen, das sich sofort in der Leere des Raumes
verliert.
Und so wie dieser Rauch jeder Gedanke, jede
Erinnerung der Menschen.
Aber vor diesem weiten Schauspiel der Natur, vor
dieser unermeßlichen grünen Ebene mit ihren Eichen,
Ölbäumen und Kastanienbäumen, die von den Hängen des
Cimino bis zum Tibertal ganz weit unten abfällt,
fühlte er sich allmählich heiter werden, in einer
weichen, gedächtnislosen Wehmut.
Alle Illusionen, alle Enttäuschungen, und die
Schmerzen, die Freuden, die Hoffnungen und die
Wünsche der Menschen erschienen ihm eitel und
vergänglich angesichts des Gefühls, das die Dinge
ausstrahlten, die all diese Regungen unbeweglich
überdauerten. Beinahe wie die Schicksale von Wolken
erschienen ihm vor dem Hintergrund der Ewigkeit der
Natur die Einzelschicksale der Menschen. Man
brauchte doch nur diese hohen Berge jenseits des
Tibertals ansehen, die da weit in der Ferne, am
Horizont verschwimmend, zart und fast wie
Luftgebilde in der Dämmerung aufragten.
Ach, der Ehrgeiz der Menschen! Welche Siegesschreie,
weil der Mensch begonnen hat, wie ein Vogel zu
fliegen. Aber bitte, da fliegt ein Vogel: mit der
allereinfachsten, problemlosesten Leichtigkeit,
spontan begleitet von einem Freudentriller. Wenn man
nun dagegen an den plumpen, röhrenden Apparat denkt,
an das Erschrecken, die Bangigkeit, die Todesangst
des Menschen, der einmal Vogel spielen will! Hier
ein Rauschen und ein Trillern; dort ein lärmender,
stinkender Motor und der Tod vor den Augen. Der
Motor fällt aus, der Motor bleibt stehen; dann
Lebewohl, Vogel!
"Mensch", sagte Tommasino Unzio, wenn er so auf dem
Gras ausgestreckt lag. "Mensch, hör auf zu fliegen.
Weshalb willst du fliegen? Und wann bist du je
geflogen?"
Plötzlich flog wie ein Lauffeuer durch den ganzen
Ort eine Nachricht, die alle aufs höchste verblüffte:
Tommasino Unzio, "Singt-die-Epistel", war erst
geohrfeigt und dann zum Duell gefordert worden, und
zwar vom Oberleutnant De Venera, dem örtlichen
Abteilungskommandanten, weil er, ohne irgend eine
Erklärung dafür zu geben, bestätigt hatte, daß er am
Abend zuvor an der Landstraße, die zu dem Kirchlein
Santa Maria di Loreto führt, dem Fräulein Olga
Fanelli, der Verlobten des Oberleutnants, das Wort "Idiotin"
ins Gesicht gesagt hatte.
Es war eine Verblüffung gemischt mit Heiterkeit, die
sich an eine Frage über diese oder jene Einzelheit
der Nachricht zu klammern schien, um nicht mit einem
Schlag in die Ungläubigkeit zu stürzen.
"Tommasino?" "Zum Duell gefordert?" "Idiotin, zu
Signorina Fanelli?" "Bestätigt hat er's?" "Ohne
Erklärungen?" "Und hat er die Forderung angenommen?"
"Na hör mal, wo er doch geohrfeigt worden ist!"
"Und er wird sich wirklich schlagen?"
"Morgen, auf Pistolen."
"Mit dem Oberleutnant De Venera auf Pistolen?"
"Auf Pistolen."
Na, dann mußte der Grund wirklich überaus
schwerwiegend sein. Allen schien, daß man nun nicht
mehr an einer wütenden, bislang verborgen gehaltenen
Leidenschaft zweifeln konnte. Und vielleicht hatte
er ihr "Idiotin!" ins Gesicht geschrien, weil sie
nicht ihn, sondern den Oberleutnant De Venera liebte.
Das war doch klar! Und tatsächlich waren alle im Ort
der Ansicht, daß nur eine Idiotin sich in diesen
höchst lächerlichen De Venera verlieben konnte. Aber
diese Meinung konnte natürlich er, der Oberleutnant,
wiederum nicht teilen; und deshalb hatte er eine
Erklärung verlangt.
Fräulein Olga Fanelli ihrerseits schwor ein um das
andere Mal unter Tränen, daß sie nicht der Grund
dieser Beschimpfung sein konnte; sie hatte den
jungen Mann bloß zwei oder dreimal gesehen, und im
übrigen hatte er nie auch nur die Augen gehoben, um
sie anzusehen; und erst recht nicht, nie und nimmer,
hatte er ihr auch nur das kleinste Anzeichen dafür
gegeben, daß er für sie diese wütende heimliche
Leidenschaft hegte, von der alle sprachen. Aber
woher denn! Nein! Das war nicht der Grund! Irgend
ein anderer Grund mußte hier verborgen sein! Aber
was für einer? Ohne Grund schreit man schließlich
einem Fräulein der Gesellschaft nicht einfach
"Idiotin!" ins Gesicht.
Wenn alle, ganz besonders Vater und Mutter, die
beiden Sekundanten, De Venera und das Fräulein
selbst sich abmühten, den wahren Grund der
Beschimpfung herauszufinden, so mühte sich Tommasino
mehr als sie alle ab, weil er sie nicht sagen
konnte, da er doch sicher war, daß niemand ihm
geglaubt hätte, wenn er den Grund genannt hätte; im
Gegenteil, alle hätten gedacht, er wolle ein
Geheimnis, daß er nicht beichten konnte, zudecken,
indem er sich darüber lustig machte.
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