Luigi Pirandello (1867-1936) - Novellen
SCHUBKARRENFAHREN
*
(La carriola – 1928)

aus dem Italienischen von Michael
Rössner
Wenn ich jemanden bei mir habe, sehe
ich sie nie an; aber ich spüre, daß sie mich
ansieht, sie sieht mich an, sieht mich an, ohne mich
auch nur einen Augenblick mit ihren Augen
loszulassen.
Unter vier Augen möchte ich ihr zu
verstehen geben, daß es nichts zu bedeuten hat; daß
sie ganz ruhig sein soll; daß ich mir mit anderen
diese kurze Handlung nicht erlauben könnte, die für
sie keine Bedeutung hat und für mich alles ist. Ich
vollziehe sie jeden Tag, wenn ein günstiger
Augenblick da ist, unter strengster Geheimhaltung,
mit erschreckender Freude, denn ich koste darin
zitternd die Lust eines göttlichen, bewußten
Irrsinns, der mich für einen Augenblick befreit und
für alles entschädigt.
Ich mußte sicher sein (und sicher
meinte ich nur bei ihr sein zu können) daß diese
Handlung nicht entdeckt werden konnte. Denn wenn sie
einmal entdeckt würde, wäre der Schaden unermeßlich,
und nicht nur für mich. Ich wäre erledigt.
Wahrscheinlich würden sie mich packen, fesseln und
entsetzt in ein Irrenhaus schleppen.
Der Schrecken, der alle ergriffe,
wenn meine Handlung entdeckt würde, den lese ich nun
hier in den Augen meines Opfers.
Mir sind das Leben, die Ehre, die
Freiheit, die Besitztümer unzähliger Menschen
anvertraut, die mich von morgens bis abends
belagern, damit ich für sie tätig werde, ihnen rate,
ihnen beistehe. Und noch viele andere, allerhöchste
Pflichten lasten auf mir, im öffentlichen wie im
privaten Bereich: ich habe eine Frau und Kinder, die
oft zu schwach sind, sich so zu verhalten, wie sie
es tun sollten, und die deshalb ständig durch meine
strenge Autorität im Zaum gehalten werden müssen,
durch das beständige Beispiel meines unbeugsamen und
tadellosen Gehorsams gegenüber allen meinen
Verpflichtungen, von denen eine ernster ist als die
andere, als Ehemann, als Vater, als Bürger, als
Professor der Rechtswissenschaften, als Anwalt. Wehe
also, wenn mein Geheimnis entdeckt würde!
Mein Opfer kann nicht sprechen, das
ist wahr. Und dennoch fühle ich mich seit einigen
Tagen nicht mehr sicher. Ich bin nervös und unruhig.
Denn wenn sie schon nicht sprechen kann, so sieht
sie mich doch an, sieht mich mit so seltsamen Augen
an, und in diesen Augen steht der Schreck so
deutlich zu lesen, daß ich fürchte, jemand könnte
das von einem Augenblick zum anderen bemerken und
sich bemüßigt fühlen, den Grund dieses Schrecks
herauszufinden.
Ich wäre, ich wiederhole es,
erledigt. Die wahre Bedeutung der Handlung, die ich
ausführe, kann nur von den ganz wenigen eingeschätzt
und beurteilt werden, denen sich das Leben plötzlich
offenbart hat, so wie das bei mir geschehen ist.
Es auszusprechen und verständlich zu
machen, ist nicht einfach. Ich will es versuchen.
Vor ungefähr vierzehn Tagen fuhr ich
von Perugia, wo ich beruflich zu tun gehabt hatte,
wieder nach Hause.
Eine meiner schwierigsten Pflichten
besteht darin, die Müdigkeit, die mich erdrückt,
nicht zu bemerken, das enorme Gewicht all der
Verpflichtungen, die ich mir selbst und die mir die
anderen aufgeladen haben, und nicht im geringsten
dem Bedürfnis nach ein wenig Zerstreuung
nachzugeben, das mein erschöpfter Geist von Zeit zu
Zeit verspürt. Die einzige Zerstreuung, die ich mir
erlauben kann, ist die: wenn mich die Müdigkeit bei
einer lästigen Aufgabe, der ich mich schon lange
Zeit gewidmet habe, allzu sehr quält, dann kann ich
mich einer neuen zuwenden.
Ich hatte deshalb in meiner ledernen
Aktentasche einige neue Akten in den Zug
mitgenommen, um sie zu studieren. Als ich beim Lesen
auf ein erstes Problem gestoßen war, hatte ich die
Augen vom Papier gehoben und sie auf das Fenster des
Waggons gerichtet. Ich blickte hinaus, aber ich sah
nichts, weil ich wegen dieses Problems ganz in
Gedanken verloren war.
Nun, also eigentlich kann ich nicht
sagen, daß ich nichts sah. Die Augen sahen; sie
sahen und genossen vielleicht ganz für sich die
Anmut und die sanften Linien der umbrischen
Landschaft. Aber ich schenkte sicherlich dem, was
die Augen sahen, keine Aufmerksamkeit.
Nur begann in mir auch die
Aufmerksamkeit, die ich diesem mich beschäftigenden
Problem schenkte, nachzulassen, ohne daß mir
deswegen das Schauspiel der Landschaft, die mir doch
so rein, leicht, erquickend vor den Augen dahinzog,
deutlicher bewußt geworden wäre.
Ich dachte nicht an das, was ich
sah, und dachte überhaupt an nichts mehr; für eine
Zeitspanne, deren Länge ich nicht angeben könnte,
verharrte ich so in einer Art seltsamer, vager
Abwesenheit, die doch sehr klar und angenehm war.
Geradezu luftig leicht. Mein Geist war den Sinnen
beinahe entflohen, in eine unendliche Ferne, wo er
mit einem Glücksgefühl, das nicht das seine schien,
wer weiß wie schwache Bilder des Treibens eines
anderen Lebens wahrnahm, das nicht das seine war,
aber doch seines hätte sein können, nicht hier,
nicht jetzt, wohl aber dort, in dieser unendlichen
Ferne; eines weit zurückliegenden Lebens, das
vielleicht das seine gewesen war, er wußte nicht
wie noch wann; das die ununterscheidbare Erinnerung
atmete, nicht von Taten, nicht von Ansichten,
sondern beinahe von Wünschen, die schon vergangen
waren, ehe sie noch entstehen konnten; mit einer
bangen, eitlen und doch harten Qual des Nicht-Seins,
derselben, die vielleicht die Blumen fühlen, die
nicht aufzublühen vermocht haben; mit einem Wort,
das Treiben eines Lebens, das zu leben war, dort,
weit, sehr weit weg, von wo aus es Zeichen gab mit
Klopfen und Lichtblitzen. Und es war nicht geboren
worden; aber in ihm hätte sich der Geist, ja, dann
schon, oh ja, ganz und gar wiedergefunden, auch zum
Leiden wiedergefunden, nicht nur zum Genuß des
Glücks, auch zum Ertragen von Leiden, die wirklich
seine Leiden waren.
Nach und nach fielen mir die Augen
zu, ohne daß ich es bemerkte, und vielleicht
verfolgte ich im Schlaf weiter dieses Leben, das
nicht geboren worden war. Ich sage vielleicht, denn
als ich erwachte, mit schmerzenden Gliedern und
einem bitteren Geschmack im ausgedörrten Mund, schon
kurz vor der Ankunft, da fand ich meine Seele auf
einmal ganz und gar verändert, voll eines
entsetzlichen Überdrusses gegenüber dem Leben, in
einer düsteren, bleiernen Bestürzung, in der der
Anblick der allergewohntesten Dinge mir plötzlich
völlig sinnentleert, wohl aber für meine Augen mit
einer grausamen, unerträglichen Schwere behaftet
erschien.
In dieser Stimmung verließ ich am
Zielbahnhof den Zug, bestieg mein am Ausgang
wartendes Automobil und machte mich auf den Weg nach
Hause.
Gut, also es geschah im Stiegenhaus,
auf dem Treppenabsatz vor meiner Wohnungstür.
Anfangenseite
Plötzlich sah
ich vor dieser dunklen,
bronzefarbenen Tür mit dem
ovalen Messingschild, auf dem
mein Name eingraviert ist,
eingeleitet von meinen Titeln
und gefolgt von meinen
wissenschaftlichen und
beruflichen Attributen,
plötzlich sah ich da wie von
außen mich selbst und mein
Leben, aber nicht, um mich
wiederzuerkennen und um dieses
Leben als das meine zu erkennen.
In
erschreckender Weise überkam
mich vielmehr auf einmal die
Gewißheit, daß dieser Mensch,
der da vor dieser Tür stand, mit
der ledernen Aktentasche unter
dem Arm, daß dieser Mensch, der
in diesem Hause wohnte, nicht
ich war, niemals ich gewesen
war. Plötzlich erkannte ich, daß
ich immer wie von diesem Hause,
von dem Leben dieses Menschen
abwesend gewesen war, und nicht
nur von diesem, sondern
tatsächlich und eigentlich von
jedem Leben. Ich hatte nie
gelebt; ich war nie wirklich im
Leben gewesen; in einem Leben,
meine ich, daß ich als das
meine, als das von mir gewollte
hätte empfinden und anerkennen
können. Auch mein eigener
Körper, meine Gestalt, wie sie
mir nun unversehens erschien,
mit diesen Kleidern, dieser
Aufmachung, erschien mir als
etwas Fremdes: als ob sie mir
jemand anderer aufgedrängt und
zusammengestellt hätte, diese
Gestalt, um mich in einem Leben
auftreten zu lassen, das nicht
das meine war, um mich in diesem
Leben, aus dem ich immer
abwesend gewesen war, Akte der
Präsenz setzen zu lassen, in
denen, wie mein Geist nun auf
einmal bemerkte, ich mich nie
befunden hatte, nie, nie! Wer
hatte ihn so gemacht, den
Menschen, der mich verkörperte?
Wer hatte ihn so gewollt? Wer
kleidete ihn so, wer zog ihm
diese Schuhe an? Wer ließ ihn
sich so bewegen und so sprechen?
Wer hatte ihm diese ganzen
Verpflichtungen auferlegt, von
denen eine belastender und
ärgerlicher war als die andere?
Commendatore, Professor,
Rechtsanwalt, der Mann, den alle
suchten, den alle respektierten
und bewunderten, von dem alle
Taten, Ratschläge, Beistand
wollten, um den alle stritten,
ohne ihm je einen Augenblick
Ruhe, einen Augenblick zum
Atemholen zu gönnen - das war
ich? Ich? Wirklich ich? Ja, wie
denn das? Was gingen denn mich
die ganzen lästigen Aufgaben an,
in die dieser Mann von morgens
bis abends verstrickt war; was
der ganze Respekt, die ganze
Achtung, die er genoß,
Commendatore, Professor,
Rechtsanwalt, und was der
Reichtum und die Ehren, die ihm
durch die eifrige und
gewissenhafte Erfüllung all
dieser Verpflichtungen, durch
die Ausübung seines Berufes
zugewachsen waren?
Und dort, hinter
dieser Tür, die auf dem ovalen
Messingschild meinen Namen trug,
waren eine Frau und vier Kinder,
die jeden Tag mit demselben
Widerwillen, der auch der meine
war, den ich aber in ihnen nicht
dulden konnte, diesen
unerträglichen Menschen vor sich
sahen, der ich sein mußte, und
in dem ich nun einen mir
Fremden, einen Feind erkannte.
Meine Frau? Meine Kinder? Aber
wenn ich doch nie ich gewesen
war in Wirklichkeit, wenn doch
in Wirklichkeit (und ich fühlte
es mit erschreckender
Sicherheit) dieser unerträgliche
Mensch, der da vor der Türe
stand, gar nicht ich war; wessen
Frau war dann diese Frau, wessen
Kinder waren dann diese vier
Kinder? Meine waren sie sicher
nicht! Sie gehörten diesem Mann,
diesem Mann, den mein Geist in
diesem Augenblick, hätte er
einen Körper besessen, seinen
wahren Körper, seine wahre
Gestalt, mit Fußtritten
davongejagt oder aber gepackt,
zerrissen, zerstört hätte, mit
all diesen lästigen Aufgaben,
mit all diesen Pflichten und
Ehren und dem Respekt und dem
Reichtum, und auch mit der Frau,
ja, vielleicht auch die Frau...
Aber die Kinder?
Ich griff mir an
die Schläfen und drückte fest
zu.
Nein. Ich
empfand sie nicht als die
meinen. Aber über ein seltsames,
qualvolles, banges Gefühl von
ihnen, wie sie außerhalb meiner
selbst waren, wie ich sie jeden
Tag vor mir sah, wie sie mich
brauchten, meine Betreuung,
meinen Rat, meine Arbeit; über
dieses Gefühl und mit der
Empfindung des entsetzlichen
Überdrusses, mit der ich im Zug
aufgewacht war, fühlte ich, wie
ich wieder in diesen
unerträglichen Menschen
hineinschlüpfte, der vor der Tür
stand.
Ich holte den
Schlüssel aus der Tasche; ich
öffnete diese Tür und trat
wieder in dieses Haus und in das
Leben von zuvor ein.
Nun ist das
meine Tragödie. Ich sage die
meine, aber wer weiß, für wie
viele Leute es ihre Tragödie
ist.
Wer lebt, sieht
sich nicht, wenn er lebt; er
lebt einfach... Wenn jemand das
eigene Leben sehen kann, ist das
ein Zeichen, daß er es nicht
mehr lebt: es widerfährt ihm, er
schleppt es mit. Wie ein totes
Ding schleppt er es mit. Denn
jede Form ist ein Tod.
Ganz wenige
wissen das; die meisten, beinahe
alle, kämpfen, bemühen sich, wie
sie sagen, sich eine Position zu
schaffen, eine Form zu
erreichen; haben sie die
erreicht, glauben sie, ihr Leben
erkämpft zu haben, und
stattdessen beginnen sie zu
sterben. Sie wissen es nicht,
weil sie sich nicht sehen; weil
sie es nicht vermögen, sich von
dieser sterbenden Form zu lösen,
die sie erreicht haben; sie
erkennen sich nicht als Tote und
glauben zu leben. Nur der
erkennt sich, dem es gelingt,
die Form zu sehen, die er selbst
oder andere, das Schicksal, der
Zufall, die Bedingungen, unter
denen jeder auf die Welt kommt,
ihm gegeben haben. Aber wenn wir
sie einmal sehen können, diese
Form, dann ist das ein Zeichen,
daß unser Leben nicht mehr in
ihr ist; denn wenn es noch darin
wäre, würden wir sie nicht
sehen: wir würden sie leben,
diese Form, ohne sie zu sehen,
und wir würden jeden Tag mehr in
ihr sterben, die schon an und
für sich ein Tod ist, ohne sie
dabei kennenzulernen. Wir können
daher nur das an uns sehen und
kennenlernen, was von uns
gestorben ist. Sich erkennen
heißt sterben.
Mein Fall liegt
freilich noch schlimmer. Ich
sehe nicht das, was an mir
gestorben ist; ich sehe, daß ich
nie gelebt habe, ich sehe die
Form, die die anderen, nicht
ich, mir gegeben haben, und ich
fühle, daß mein Leben, ein
Leben, das wahrhaft mein gewesen
wäre, nie in dieser Form gewesen
ist. Sie haben mich genommen wie
irgendeinen Werkstoff, sie haben
ein Gehirn genommen, eine Seele,
ein paar Muskeln, Nerven,
Fleisch, sie haben aus dem
Ganzen einen Teig gemacht und
ihn geformt, wie es ihnen paßte,
damit er eine Arbeit verrichtet,
Handlungen setzt,
Verpflichtungen nachkommt, in
denen ich mich suche und nicht
finde. Und ich schreie, meine
Seele schreit in dieser toten
Form, die nie die meine war:
"Ja, wieso denn? Ich soll das
sein? So soll ich sein? Ja, wann
wäre ich denn je so?" Und ich
empfinde Ekel, Abscheu, Haß vor
dem, der ich nicht bin, der ich
nie gewesen bin; vor dieser
toten Form, in der ich gefangen
bin, und von der ich mich nicht
befreien kann. Eine Form, die
noch von Pflichten beschwert
wird, die ich nicht als meine
empfinde, von lästigen Aufgaben
bedrückt, die mir nichts
bedeuten, geprägt von einer
allgemeinen Achtung, mit der ich
nichts anzufangen weiß; eine
Form, die in diesen Pflichten,
diesen Aufgaben, dieser Achtung
besteht, die sich doch außerhalb
meiner selbst, oberhalb von mir
befinden; leere Dinge, tote
Dinge, die schwer an mir hängen,
mich ersticken, mich erdrücken
und mich nicht mehr atmen
lassen.
Mich befreien?
Aber niemand kann eine Tatsache
ungeschehen machen, niemand
kann machen, daß der Tod nicht
mehr da sei, wenn er uns einmal
ergriffen hat und festhält.
Da sind die
Tatsachen. Wenn du einmal, wie
auch immer, gehandelt hast, auch
ohne daß du dich selbst danach
in deinen Handlungen gefühlt
oder wiedergefunden hast, dann
bleibt doch das zurück, was du
getan hast, wie ein Gefängnis
für dich. Und wie Fangarme und
Windungen umfassen dich die
Folgen deiner Handlungen. Und um
dich herum lastet wie eine
dichte, schwere, den Atem
benehmende Atmosphäre die
Verantwortung, die dir durch
diese ungewollten oder
unvorhergesehenen Handlungen und
ihre Folgen zugewachsen ist. Wie
könnte ich in dem Gefängnis
dieser Form, die nicht die meine
ist, aber mich darstellt, so wie
ich für alle bin, wie alle mich
kennen und wollen und
respektieren, wie könnte ich
darin ein anderes, mein wahres
Leben annehmen und führen? Ein
Leben in einer Form, die ich als
tot empfinde, die aber für die
anderen weiterbestehen muß, für
alle die, die sie aufgebaut
haben und sie so und nicht
anders haben wollen? Sie muß so
sein, ganz zwangsläufig. So
braucht sie meine Frau, so
brauchen sie meine Kinder, die
Gesellschaft, das heißt die
Herren Studenten der
juristischen Fakultät, die
Herren Klienten, die ihr Leben,
ihre Ehre, ihre Freiheit, ihr
Vermögen in meine Hände legen.
So wird sie gebraucht, und ich
kann sie nicht verändern, ich
kann sie nicht mit Fußtritten
traktieren und sie mir vom Halse
schaffen; ich kann mich nicht
gegen sie auflehnen, nicht an
ihr rächen, es sei denn für
einen einzigen Augenblick jeden
Tag, mit einer Handlung, die ich
unter strengster Geheimhaltung
vollführe, indem ich mit Bangen
und unendlicher Umsicht den
geeigneten Moment auswähle, in
dem mich keiner sehen kann.
Das ist's: Ich
habe eine alte Schäferhündin,
die seit elf Jahren im Haus ist,
schwarz-weiß gefleckt, dick,
kurzbeinig und mit langem Fell,
die Augen schon ein wenig vom
Alter verschleiert.
Zwischen ihr und
mir bestand nie ein gutes
Verhältnis. Vielleicht hat sie
zu Beginn meinen Beruf nicht
sehr geschätzt, da dieser ihr
verbot, Lärm im Haus zu machen;
nach und nach hat sie jedoch im
Alter begonnen, ihn sehr wohl zu
schätzen, so sehr, daß sie, um
der kapriziösen Tyrannei der
Kinder zu entkommen, die noch
immer mit ihr unten im Garten
herumtollen möchten, seit
geraumer Zeit die Gewohnheit
angenommen hat, sich von morgens
bis abends in mein Arbeitszimmer
zu flüchten, wo sie auf dem
Teppich schläft, die spitze
Schnauze zwischen die Pfoten
gesteckt. Zwischen so vielen
Papieren und so vielen Büchern
fühlte sie sich geborgen und
sicher. Von Zeit zu Zeit pflegte
sie ein Auge aufzuschlagen, um
mich anzusehen, als wollte sie
sagen:
"Bravo, ja, mein
Lieber! Arbeite nur, rühre dich
nur nicht fort von hier, denn
solange du da arbeitest, wird
niemand hereinkommen, um meinen
Schlaf zu stören."
So dachte das
arme Tier mit Sicherheit. Die
Versuchung, an ihr meine Rache
zu vollziehen, überkam mich vor
etwa vierzehn Tagen ganz
plötzlich, als ich merkte, wie
sie mich so ansah.
Ich tue ihr
nicht weh; ich tue ihr gar
nichts. Kaum, daß es mir möglich
ist, kaum, daß mir igendein
Klient einen freien Augenblick
läßt, erhebe ich mich vorsichtig
und langsam aus meinem
Lehnstuhl, damit niemand
bemerkt, daß mein gefürchtetes
und beneidetes Wissen, mein
beeindruckendes Wissen als
Anwalt und Professor der
Rechtswissenschaften, meine
strenge Würde als Ehemann und
Vater sich für einen Augenblick
von dem Thron dieses Lehnstuhls
gelöst haben. Auf Zehenspitzen
laufe ich zur Tür, um in den
Gang hinauszuspähen, ob dort
niemand zu sehen ist. Dann
versperre ich die Tür, nur für
einen Augenblick; meine Augen
leuchten vor Freude, meine Hände
tanzen in dem Vorgefühl der
Lust, die ich mir nun
verschaffen werde, der Lust,
verrückt zu sein, für einen
einzigen Augenblick verrückt zu
sein, für einen einzigen
Augenblick dem Gefängnis dieser
toten Form zu entfliehen, für
einen einzigen Augenblick in
schelmenhafter Weise dieses
Wissen, diese Würde, die mich
ersticken und erdrücken, zu
zerstören, zu vernichten; ich
laufe zu ihr hin, zu der Hündin,
die auf dem Teppich schläft;
langsam und mit Anmut ergreife
ich ihre beiden Hinterpfoten und
fahre mit ihr Schubkarren; ich
lasse sie acht oder zehn
Schritte, nicht mehr, auf den
Vorderpfoten allein gehen,
während ich sie an den
Hinterpfoten halte.
Das ist alles.
Nichts anderes tue ich. Ich
laufe sofort zur Türe, um sie
ganz vorsichtig ohne das
leiseste Geräusch wieder
aufzusperren, ich setze mich
wieder auf den Thron, in meinen
Lehnstuhl, bereit, einen neuen
Klienten zu empfangen, mit der
strengen Würde von zuvor,
geladen wie eine Kanone mit all
meinem beeindruckenden Wissen.
Aber da ist es,
das Tier, seit vierzehn Tagen
liegt die Hündin da wie betäubt
und blickt mich an mit diesen
verschleierten, vor Entsetzen
weit aufgerissenen Augen. Ich
möchte ihr zu verstehen geben -
ich sage es noch einmal - daß
das alles nichts ist; daß sie
ganz ruhig sein soll, daß sie
mich nicht so ansehen soll.
Es versteht,
dieses Tier, wie entsetzlich
meine Handlung tatsächlich ist.
Es wäre nichts
dabei, wenn ich dasselbe im
Scherz mit einem meiner Kinder
machen würde. Aber die Hündin
weiß, daß ich nicht scherzen
kann; es ist ihr nicht möglich,
anzunehmen, daß ich auch nur für
einen Augenblick scherzen
könnte. Und so fährt sie fort
mich entsetzt anzusehen, wie ein
Fluch.
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- Erstveröffentlichung
1917 in dem Novellenband
E domani, lunedì
("Und morgen ist
Montag"); keine
wesentlichen Varianten.
©
Michael Rössner.
Anfangenseite
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