Luigi Pirandello (1867-1936) - Novellen
NACHT *
(Notte - 1922)

aus dem Italienischen von Michael Rössner
Als die Station Sulmona vorüber war, blieb Silvestro
Noli allein in dem schmutzigen Waggon zweiter Klasse
zurück.
Er wendete einen letzten Blick dem rauchigen
Flämmchen zu, das flackerte und bei den Stößen des
Zuges beinahe auszugehen drohte, weil das Petroleum
herausgespritzt war und in dem bauchigen Glas der
Lampe hin und herschwappte; dann schloß er die Augen,
in der Hoffnung, durch die Müdigkeit der langen
Reise (er war seit einem Tag und einer Nacht
unterwegs) würde der Schlaf ihn aus der Beklemmung
reißen, in der er sich mehr und mehr versinken
fühlte, je näher ihn der Zug an den Ort seiner
Verbannung brachte.
Nie mehr! Nie mehr! Nie mehr! Wie lange schon
wiederholte das rhythmische Rattern des Räder auf
den Schienen in der Nacht immer wieder diese beiden
Worte?
Nie mehr, jawohl, nie mehr würde er das unbeschwerte
Leben seiner Jugend führen, nie mehr dort unter den
sorglos heiteren Freunden, unter den bevölkerten
Laubengängen seines Turin; nie mehr den Trost spüren,
den warmen, heimeligen Atem seines alten Vaterhauses;
nie mehr die liebevolle Zuwendung der Mutter, nie
mehr das zärtliche Lächeln im beschützenden Blick
des Vaters.
Vielleicht würde er sie überhaupt nie mehr
wiedersehen, seine lieben alten Eltern! Die Mamma,
vor allem die Mamma, nie mehr! Ach, wie er sie jetzt
wiedergefunden hatte, nach sieben Jahren Abwesenheit!
Gebeugt, eingeschrumpft, in so wenigen Jahren,
wachsbleich und ohne Zähne. Nur die Augen lebten
noch. Arme, liebe, heilige, schöne Augen!
Während er der Mutter, während er dem Vater so zusah,
ihren Reden lauschte, wenn sie durch die Zimmer
gingen und suchend um sich blickten, da hatte er
sehr wohl empfunden, daß nicht bloß für ihn allein
das Leben des Vaterhauses zu Ende gegangen war. Bei
seiner letzten Abreise vor sieben Jahren hatte das
Leben auch für die anderen aufgehört.
Hatte er es also mit sich fortgenommen? Und was
hatte er damit angefangen? Wo war denn das Leben
noch in ihm? Die anderen mochten geglaubt haben, daß
er es mit sich fortgenommen hatte, aber er wußte,
daß er hingegen seines dort zurückgelassen hatte,
als er fortfuhr; und daß er nun, als er es nicht
wiederfand, als er hörte, wie man ihm sagte, daß er
dort nichts mehr finden könne, weil er alles mit
sich fortgenommen hatte, in dieser Leere eine
Eiseskälte gespürt hatte.
Mit dieser Eiseskälte im Herzen fuhr er nun zurück
in die Abruzzen, da der vierzehntägige Urlaub zu
Ende ging, den ihm der Direktor der
Knabenrealgymnasien von Città Sant'Angelo gewährt
hatte, wo er seit fünf Jahren Zeichnen unterrichtete.
Vor den Abruzzen war er ein Jahr Professor in
Kalabrien gewesen; dann ein weiteres Jahr in der
Basilicata. In Città Sant'Angelo hatte er, besiegt
und blind gemacht von dem glühenden,
unwiderstehlichen Wunsch, eine Gefühlsbindung zu
finden, die in ihm die Leere ausfüllen sollte, in
der er sich verloren fühlte, die Verrücktheit
begangen, sich zu verheiraten. Und so hatte er sich
selbst dort für immer festgenagelt.
Die Ehefrau war in diesem hochgelegenen, feuchten
Dörfchen, das nicht einmal Trinkwasser hatte, mit
den bangen Vorurteilen, der engherzigen
Kleinlichkeit, der Störrigkeit und der Trägheit des
dummen, faulen Lebens in der Provinz aufgewachsen:
Anstatt ihm eine Gefährtin zu sein, hatte sie die
Einsamkeit rund um ihn noch gesteigert und ließ ihn
jeden Augenblick spüren, wie weit entfernt er war
von der Wärme einer Familie, die seine Familie hätte
sein sollen, in die aber nie auch nur einer seiner
Gedanken, eines seiner Gefühle einzudringen
vermochte.
Ein Kind war ihm geboren worden, und - entsetzlich!
- auch dieses Kind, sein Kind, hatte er vom ersten
Tag an als etwas ihm Fremdes empfunden, als ob es
ganz der Mutter gehört hätte und ihm gar nicht.
Vielleicht wäre der Bub sein Kind geworden, hätte er
ihn von dort losreißen können, von diesem Haus, von
diesem Dorf; und auch die Frau wäre vielleicht
tatsächlich zu seiner Gefährtin geworden, und er
hätte die Freude empfunden, ein eigenes Haus, eine
eigene Familie zu besitzen, wenn er die Versetzung
an einen anderen Ort beantragen und erreichen hätte
können. Aber es war ihm versagt, diese Rettung auch
bloß für eine ferne Zukunft zu erhoffen, denn seine
Frau, die sich nicht einmal für eine kurze
Hochzeitsreise aus ihrem Heimatort wegbewegen hatte
wollen, nicht einmal dafür, seine Mutter und seinen
Vater und die anderen Turiner Verwandten
kennenzulernen, seine Frau drohte, sie würde sich im
Fall einer Versetzung lieber noch von ihm als von
den Ihren trennen.
Also: dort. Dort verschimmeln, dort warten, in
dieser entsetzlichen Einsamkeit, daß seinem Geist
nach und nach ein Panzer aus Dummheit zuwächst. Er
liebte so sehr das Theater, die Musik, alle Künste,
und er verstand es kaum, von etwas anderem zu
sprechen; er würde auf ewig den Durst danach
verspüren, jawohl, auch danach, wie nach einem Glas
reinen Wassers! Ach, er konnte es einfach nicht
trinken, dieses lehmige, rohe, sandige Wasser der
Zisternen. Es hieß, es wäre nicht schädlich; aber er
verspürte doch seit einer ganzen Weile
Magenschmerzen. Einbildung? Ja, freilich! Zu allem
Überdruß auch noch ausgelacht werden!
Seine geschlossenen Lider vermochten die Tränen
nicht mehr zurückzuhalten, mit denen sie sich
gefüllt hatten. Während er sich um die Lippe biß,
als wollte er verhindern, daß ihm auch noch das eine
oder andere Schluchzen aus der Kehle drang, zog
Silvestro Noli ein Taschentuch aus der Hosentasche.
Er dachte nicht daran, daß sein Gesicht von der
langen Reise ganz rauchgeschwärzt war; als er das
Taschentuch betrachtete, war er verärgert und
gekränkt über den schmutzigen Abdruck seines Weinens.
Er sah in diesem schmutzigen Abdruck ein Bild seines
Lebens, und er schob das Taschentuch zwischen die
Zähne, als wollte er es in Fetzen reißen.
Endlich fuhr der Zug in die Station Castellamare
Adriatico ein.
Wegen einer Fahrt von zwanzig Minuten mußte er in
diesem Bahnhof nun mehr als fünf Stunden auf den
Anschluß warten. Das war das Schicksal der Reisenden,
die mit dem Nachtzug aus Rom kamen und auf der
Strecke nach Ancona oder nach Foggia weiterreisen
wollten.
Gott sei Dank gab es auf dem Bahnhof ein Kaffeehaus,
das die ganze Nacht offen war, weiträumig, hell
erleuchtet, mit gedeckten Tischen, in dessen Licht
und Bewegung man sich irgendwie über die Untätigkeit
und Traurigkeit des langen Wartens hinwegtäuschen
konnte. Aber auf den aufgedunsenen, bleichen,
schmutzigen und abgespannten Gesichtern der
Reisenden war eine düstere Beklemmung, ein
drückender Ärger, ein bitterer Ekel gegenüber dem
Leben zu lesen, das sich, fern der gewohnten
Gefühlsbeziehungen, außerhalb der ausgetretenen Spur
der Gewohnheiten, für alle als leer, blöde und
unerträglich erwies.
Vielleicht fühlten viele von ihnen, wie sich ihnen
das Herz zusammenkrampfte bei dem klagenden Pfeifen
des Zuges, der durch die Nacht brauste. Vielleicht
dachte jeder von ihnen daran, daß Zank und Verdruß
der Menschen nicht einmal in der Nacht ruhen; und da
sie in der Nacht mehr als sonst nichtig erscheinen,
weil ihnen die Trugbilder des Lichtes fehlen, und
auch aufgrund dieses Gefühls einer bangen
Vorläufigkeit, das von jedem Besitz ergreift, der
unterwegs ist und uns die Empfindung vermittelt, wir
wären verloren auf dieser Erde, dachte vielleicht
jeder von ihnen dort daran, daß der Wahnsinn die
Feuer in den schwarzen Maschinen entzündet und daß
die Züge, die durch die dunklen Ebenen rasen,
lärmend über die Brücken rattern und sich in lange
Tunnels stürzen, in der Nacht, unter den Sternen,
von Zeit zu Zeit einen verzweifelten Klagelaut
ausstoßen, weil sie gezwungen sind, so in der Nacht
den menschlichen Wahnsinn die Eisenwege entlang zu
schleifen, die der Mensch verlegt hat, um seinen
unstillbaren, wilden Ausbrüchen Gelegenheit zu geben,
sich abzureagieren.
Nachdem Silvestro Noli mit langsamen Schlucken eine
Tasse Milch ausgetrunken hatte, stand er auf, um den
Bahnhof durch die andere Türe des Kaffeehauses am
Ende des Saales zu verlassen. Er wollte zum Strand,
die nächtliche Meeresbrise atmen, die lange Straße
durch die schlafende Stadt entlanggehen.
Aber als er sich an einem der Tische vorbeidrängte,
hörte er, wie ihn eine sehr klein gewachsene Dame,
schlank, blaß, hager, in dem strengen Trauerkleid
einer Witwe, ansprach.
"Professor Noli..."
Er blieb überrascht, ja verblüfft stehen:
"Signora... ach, Sie sind es, Signora Nina? Ja, wie
ist denn das möglich?"
Es war die Frau eines Kollegen, Professor Ronchi,
den er vor sechs Jahren in Matera in den technischen
Fachschulen kennengelernt hatte. Verstorben war er,
ja, ja, verstorben - er wußte es - vor wenigen
Wochen in Lanciano verstorben, in noch sehr jungen
Jahren. Er hatte im Mitteilungsblatt mit
schmerzlichem Erstaunen davon gelesen. Der arme
Ronchi, gerade, als er endlich ans Gymnasium
gekommen war, nach so vielen unglücklich
ausgegangenen Bewerbungsversuchen, plötzlich
verstorben, an einem Herzschlag, durch ein Übermaß
an Liebe, sagten die Leute, an Liebe zu seiner
winzigkleinen Ehefrau, die er wie ein riesiger,
gewalttätiger, starrköpfiger Bär ständig und
überallhin hinter sich herschleppte.
Anfangenseite
Da war sie nun, die kleine Witwe,
und drückte das
schwarzgeränderte Taschentuch
gegen den Mund, sah ihn an mit
ihren schwarzen, wunderschönen
Augen, die ganz versunken waren
in die bläulichen,
angeschwollenen Augenhöhlen, und
berichtete ihm mit einem
leichten Kopfschütteln von dem
Entsetzlichen der Tragödie, die
sie vor kurzem durchlebt hatte.
Als er aus diesen schönen
schwarzen Augen zwei dicke
Tränen quellen sah, lud Noli die
Signora ein, aufzustehen und mit
ihm aus dem Kaffeehaus
hinauszugehen, um frei sprechen
zu können, auf einem Spaziergang
die verlassene Straße entlang
bis zu dem Meer dort hinten.
Ihr ganzes armseliges nervöses
Körperchen zitterte, bewegte
sich ruckhaft und vollführte
zuckende Gesten, mit den
Schultern, mit den Armen, mit
den überaus langen Händen, an
denen fast kein Fleisch zu sein
schien. Sie begann, sich
überstürzend, zu reden, und
sofort erschienen da und dort,
auf den Schläfen und den
Jochbeinen, flammendrote Flecken.
Durch einen kleinen
Aussprachefehler pflegte sie
jedes F am Beginn eines Wortes
doppelt auszusprechen, als würde
sie schnauben, und
ununterbrochen fuhr sie sich mit
dem Taschentuch über die
Nasenspitze und die Oberlippe,
die sich ihr auf seltsame Weise
ständig mit Schweißperlen
bedeckten, während sie sprach.
Dazu wurde ihre
Speichelproduktion so übermäßig,
daß die Stimme bisweilen
förmlich darin zu ertrinken
schien.
"Ach, Noli, sehen Sie? Lieber
Noli, da, da hat er mich
zurückgelassen, mit drei Kindern,
in einem Dorf, in dem ich
niemanden kenne, wo ich fffor
kaum zwei Monaten erst
angekommen war. Allein, ganz
allein... Ach, was fffür ein
schrecklicher Mann, Noli! Er hat
sich selbst zerstört und mich
dazu, meine Gesundheit, mein
Leben... alles... Auf mir, Noli,
wissen Sie das? Auf mir ist er
gestorben... auf mir..."
Sie wurde von einem langen
Schauder geschüttelt, der
beinahe in ein Wiehern mündete.
Dann fuhr sie fort:
"Er hat mich aus meiner Heimat
fffortgeholt, wo ich nun
niemanden mehr habe außer einer
Schwester, die auch geheiratet
hat... Was sollte ich dort noch
machen? ich will doch kein
Schauspiel meines Elends bieten
fffür die, die mich fffrüher
einmal beneidet haben... Aber
hier, allein mit drei Kindern,
ohne einen Menschen zu kennen...
was soll ich da tun? Ich bin
ffferzweifelt... ich fffühle
mich ffferloren... ich bin in
Rom gewesen, um um einen Scheck
zu bitten... Ich habe ja auf
nichts Anspruch: nur elf
Dienstjahre , elf Monatsgehälter:
ein paar Tausend Lire... Aber
sie haben sie mir noch immer
nicht ausbezahlt. Am Ministerium
habe ich so herumgeschrien, daß
sie mich für ffferrückt gehalten
haben... Liebe Signora, sagt er,
kalt duschen, kalt duschen!...
Aber ja, fffielleicht werde ich
tatsächlich ffferrückt... Hier,
hier spüre ich ständig einen
Schmerz, einen nagenden, einen
ziehenden Schmerz, hier im
Gehirn, Noli... und ich bin wie
rasend... ja, ja... ich bin
jetzt wie rasend vor Wut... als
würde mich fffon innen ein
Fffeuer auffressen, ein Fffeuer
im ganzen Körper... Ach, wie
kühl, sie sich anfühlen, Noli,
wie kühl!
Und während sie das sagte,
mitten auf der feuchten,
menschenleeren Straße, unter dem
blassen Schein der elektrischen
Straßenlampen, die viel zu weit
von einander entfernt waren und
so gerade einen schwachen,
opalfarbenen Schimmer
verbreiteten, hängte sie sich an
seinen Arm und legte den Kopf,
der in einem Häubchen aus
schwarzem Krepp steckte, an
seine Brust, rieb ihn hin und
her, als wollte sie in seine
Haut eindringen und brach in ein
wildes Schluchzen aus.
Professor Noli, verblüfft,
entsetzt und bewegt zugleich,
wich instinktiv zurück, um der
Berührung auszuweichen. Er
begriff, daß diese arme Frau in
dem Zustand der Verzweiflung, in
dem sie sich befand, sich wie
von Sinnen einfach an den ersten
besten Mann ihrer Bekanntschaft
geklammert hätte, der ihr über
den Weg gelaufen wäre.
"Nur Mut, nur Mut, Signora",
sagte er zu ihr. "Kühl? Jaja,
kühl! Ich bin schon verheiratet,
meine liebe Signora."
"So", sagte die kleine Frau und
wich sofort zurück. "Verheiratet?
Sie haben sich verheiratet?"
"Schon vor vier Jahren, Signora.
ich habe auch schon einen Sohn."
"Hier?"
"Hier in der Nähe. In Città
Sant'Angelo."
Die kleine Witwe ließ nun auch
seinen Arm los.
"Aber sind Sie denn nicht aus
Piemont?"
"Ja, direkt aus Turin."
"Und Ihre Gattin?"
"Nein, meine Gattin stammt von
hier."
Die beiden blieben unter einer
der elektrischen Straßenlampen
stehen, sahen einander an und
verstanden einander.
Sie stammte vom äußersten Zipfel
Italiens, aus Bagnara Calabra.
Sie sahen sich beide in der
Nacht verloren in dieser langen,
breiten, verlassenen und
melancholischen Straße stehen,
die zum Meer führte, zwischen
den schlafenden Häusern und
Villen dieser Stadt hindurch,
die so weit entfernt war von
ihren wahren und ursprünglichen
Gefühlen und doch so nahe von
den Orten, an die ein grausames
Schicksal ihren Wohnsitz verlegt
hatte. Und sie empfanden für
einander ein tiefes Mitgefühl,
das sie in bitterer Weise davon
überzeugte, daß sie nicht
zueinander kommen durften,
sondern sich von einander
getrennt halten sollten, damit
jeder für sich in seinem eigenen
trostlosen Elend eingeschlossen
bliebe.
Stumm gingen sie bis zu dem
Sandstrand und näherten sich dem
Meer.
Die Nacht war überaus friedlich,
die Meeresbrise herrlich frisch.
Das endlose Meer war nicht zu
sehen, aber man fühlte und hörte
es, lebendig und pulsierend in
dem schwarzen, unendlichen,
stillen Schlund der Nacht.
Nur auf der einen Seite sah man
ganz hinten zwischen den am
Horizont lagernden Nebelschwaden
etwas Blutrotes, Trübes, das auf
den Wassern schaukelte.
Vielleicht war es das letzte
Viertel des abnehmenden Mondes,
eingehüllt in den Dunst.
Auf dem Strand breiteten die
Wellen sich nach allen
Richtungen aus, ohne Schaum zu
hinterlassen, wie stille Zungen,
und da und dort ließen sie auf
dem glatten, glitzernden Sand,
der vom Wasser ganz durchtränkt
war, die eine oder andere
Muschel zurück, die dann sofort,
wenn die Welle sich zurückzog,
im Sand versank.
In der Höhe war diese ganze
faszinierende Stille
durchbrochen von dem wilden,
unaufhörlichen Funkeln
unzähliger Sterne, die so
lebendig wirkten, als wollten
sie der Erde in dem tiefen
Mysterium der Nacht etwas
erzählen.
Die beiden gingen weiter stumm
eine lange Strecke über den
feuchten, nachgiebigen Sand
dahin. Die Spur ihrer Schritte
dauerte gerade einen Augenblick;
die eine begann zu verlöschen,
während die nächste sich
eindrückte. Zu hören war nur das
leise Rascheln ihrer Kleider.
Ein weißschimmerndes Boot im
Schatten, das man ans Ufer
gezogen und auf dem Sand
umgelegt hatte, zog sie an. Sie
setzten sich darauf, sie auf der
einen, er auf der anderen Seite,
und verharrten noch eine Weile
in Schweigen und betrachteten
die Wellen, die sich gemächlich
und gläsern auf dem grauen,
weichen Sand ausbreiteten. Dann
hob die Frau ihre schönen
schwarzen Augen zum Himmel und
zeigte ihm im Sternenlicht die
Blässe ihrer gemarterten Stirn,
ihrer Kehle, die sicher die
Angst zuschnürte.
"Noli, singen Sie nicht mehr?"
"Ich... singen?"
"Aber ja, Sie haben doch
gesungen, damals, in den schönen
Nächten... Erinnern Sie sich
nicht mehr, in Matera? Sie haben
gesungen... Ich habe ihn noch in
den Ohren, den Klang ihrer
hübschen Stimme... Im Fffalsett
haben Sie gesungen... so sanft...
so fffoll leidenschaftlicher
Anmut... Erinnern Sie sich nicht
mehr?"
Er fühlte, wie ihm dieses
plötzliche Heraufrufen der
Erinnerung den tiefsten Grund
seiner Seele aufwühlte, und in
den Haarspitzen und auf dem
Rücken verspürte er die Schauder
einer unbegreiflichen Rührung.
Ja, ja... das stimmte: er hatte
damals gesungen... sogar dort
unten noch, in Matera, auch dort
hatte er noch die lieben,
leidenschaftlichen Lieder seiner
Jugend gesungen, und an den
schönen Abenden, wenn er mit
irgendeinem Freund unter den
Sternen spazieren ging, waren
ihm diese Lieber wie von selbst
auf die Lippen gekommen.
Es stimmte also, daß er es mit
sich fortgetragen hatte, das
Leben, aus seinem Turiner
Elternhaus; dort unten hatte er
es noch bei sich gehabt,
freilich, wenn er doch gesungen
hatte... vor dieser armen
kleinen Freundin, der er
vielleicht damals ein bißchen
den Hof gemacht hatte, in diesen
fernen Tagen, ach, nur so, aus
Sympathie, ohne Hintergedanken...
aus dem Bedürfnis heraus, um
sich die Wärme von ein wenig
Zuneigung zu spüren, die weiche
Zärtlichkeit einer Frau, die ihm
eine Freundin war.
"Erinnern Sie sich, Noli?"
Und er, die Augen starr in die
Leere der Nacht gerichtet,
stammelte: "Ja... ja, Signora,
ich erinnere mich..."
"Weinen Sie?"
"Ich erinnere mich..."
Sie schwiegen von neuem.Während
sie beide in die Nacht
hinaussahen, fühlten sie nun,
daß ihr Unglück förmlich als
Dampf aufstieg, und längst nicht
mehr bloß ihres allein war,
sondern das Unglück der ganzen
Welt, aller Wesen und aller
Dinge, dieses dunklen und
schlaflosen Meeres, dieser
glitzernden Sterne am Himmel,
des ganzen Lebens, das nie
wissen kann, weshalb man geboren
werden, weshalb man lieben,
weshalb man sterben muß.
Die frische, angenehme, von so
vielen Sternen durchlöcherte
Dunkelheit am Meer hüllte ihre
Trauer ein, ließ sie sich in der
Nacht auflösen und mit diesen
Sternen pulsieren, und langsam,
leicht, in monotonem Rhythmus
mit diesen Wellen auf den
stillen Strand schlagen. Die
Sterne, fragten nach dem Warum,
auch sie, wenn sie diese
Lichtfunken in die Abgründe des
Raumes schickten; und das Meer
fragte nach dem Warum dieser
müden Wellen, und auch die
kleinen Muscheln, die da und
dort auf dem Sand zurückblieben.
Aber nach und nach wurde die
Dunkelheit weniger dicht, zeigte
sich allmählich über dem Meer
ein erster kühler Schimmer des
Morgengrauens. Da begann dann
alles, was wie Dunst gewesen
war, alles Uralte, fast Samtene
in dem Schmerz dieser beiden
Menschen, die noch immer auf den
Seitenwänden des umgedrehten
Bootes auf dem Sand saßen, sich
zusammenzuziehen, sich mit
nackter Härte abzuzeichnen wie
die Umrisse ihrer Gesichter in
dem ersten, noch unsicheren und
verwischten Licht des neuen
Tages.
Er fühlte sich wieder ganz von
dem gewohnten Elend seines
nahegelegenen Hauses umfaßt, in
dem er bald ankommen würde; er
sah es wieder vor sich, als wäre
er schon dort, mit all seinen
Farben, mit all seinen Details,
mit seiner Frau und seinem
Kleinen darin, die ihn voller
Freude begrüßen würden. Und auch
sie, die kleine Witwe, sah ihr
Schicksal nicht mehr so schwarz
und verzweifelt vor sich: sie
hatte doch einige Tausend Lire
mit, das heißt, das Leben war
für einige Zeit gesichert: sie
würde schon einen Weg finden,
für die eigene Zukunft und die
ihrer drei Kleinen zu sorgen.
Mit den Händen richtete sie sich
ein wenig die Haare auf der
Stirne und sagte lächelnd zu
Noli:
"Mein Gott, ich muß ja
werweißwie aussehen, lieber
Freund, nicht wahr?"
Und beide standen auf, um zum
Bahnhof zurückzugehen.
Im tiefsten Kämmerchen ihrer
Seele hatte sich die Erinnerung
an diese Nacht eingegraben;
vielleicht, wer weiß, um ihnen
später einmal in der Ferne des
Gedächtnisses wieder zu
erscheinen, mit all dem
friedlichen schwarzen Meer, mit
all den leuchtenden Sternen, wie
ein Funken uralter Poesie und
uralter Bitterkeit.
* * *
*
Erstveröffentlichung im
Corriere della sera
vom 1.8.1912. Keine
wesentlichen Varianten.
©
Michael Rössner.
Anfangenseite
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