Luigi Pirandello (1867-1936) - Novellen
LUCILLA (nun, da sie sich’s
mit den Nonnen verdorben hat)
(Lucilla (Ora che s'è
guastata con le monache) – 1934)

aus dem Italienischen von Michael
Rössner
Eine Wiese in der Sonne, frisches
Gras, Klangfäden inmitten der Stille, die erscheint
wie eine einzige Verzückung. Verzückung darüber, wie
hier sich die goldenen Blüten entzünden und dort die
roten lichterloh brennen.
Aber schon beginnt er herabzusinken,
schräg und bedrohlich, der blaue Schatten des
Klosters mit dem plumpen Kreuz auf der Spitze des
Giebels, das sich so sehr in die Länge zieht, daß es
gegen das weiße Mäuerchen prallt, das die
Klostergärten schützt, und sich zerbrochen an ihm
aufrichtet.
Lucilla, die schon eine ganze Weile
gegen die Mauer des Klosters gelehnt hatte, hörte zu
Weinen auf, als ihr plötzlich der Schatten dieses
Kreuzes ins Auge stach.
Ist denn das die Möglichkeit, so
lang?
Immer schon hat sie gedacht, wenn
sie ihre Blicke bis da hinaufschickte, daß sie es
doch ein bißchen weniger plump hätten machen können,
dieses kleine Kreuz; im Grunde jedoch, ohne daß sie
es sich vorgesagt hätte, fand sie es durchaus in
Ordnung, daß es so da droben auf dem spitzen Giebel
kauerte, ohne je die Sehnsucht zu zeigen, sich ein
bißchen zu strecken, um zu einem schlanken und hohen
Kreuz zu werden, das in den Himmel ragte.
Und nun, jetzt, da die Sonne darauf
scheint, vergönnt es sich plötzlich dieses
Vergnügen, und gleich in so unwahrscheinlich
übertriebener Form: Bumm! Gleich bis zur Mauer
hin... Und wenn dann sie, Lucilla, sich in die Sonne
legt, bis wohin würde sie wohl reichen?
Sie tritt aus dem Schatten heraus
und läßt sich auf der Wiese von der Sonne
bescheinen.
Na, wie sieht sie aus?
Eine Mißgeburt, dazu noch schief.
Der Ärger, den sie darüber
empfindet, steigert sich zusammen mit der
Überraschung und dem Unverständnis für diese
Erscheinung zu einer wilden Wut, eine Wut, die ihr
die Eingeweide tief drinnen zusammenschnürt wie ein
Seil, kaum, daß dort auf der Wiese der Schatten von
jemand anderem hinzutritt, sich neben den ihren legt
und ihn sofort übertrifft, bis er den ihren im
Handumdrehen winzig erscheinen läßt, kleiner als den
Schatten eines Kindes.
Sie fährt herum (denn sie hat den
Schatten der Laienschwester erkannt, die sie holen
kommt) und schreit ihr entgegen, die Fäuste
vorgestreckt, mit einem zornverzerrten Gesichtchen
und den Augen einer geprügelten Katze:
„Nein! Nein! Nein! Und wenn sie noch
so sehr auf mich warten, ich gehe nicht mehr zurück!
Ich gehe nicht mehr dahin zurück!
Und sie läuft in den Schatten und
setzt sich wieder ins Gras, den Rücken an das
Klostermäuerchen gelehnt.
Bei diesem Wutausbruch ist die
Laienschwester stehen geblieben; sie folgt ihr mit
den Blicken; dann will sie erneut auf sie zugehen,
aber da springt die Kleine wieder in die Höhe, zur
Flucht bereit, und die Schwester bleibt erneut
stehen:
„Ach hör doch auf, sei nicht so
dumm“, sagt sie. „Du bist doch kein kleines Mädchen
mehr!“
Ein einziges Beben, das Gesicht
blutrot angelaufen, das ihr bei diesen Worten in den
Kopf gestiegen ist, ballt sie erneut die Fäuste und
tritt ihr entgegen:
„Ach so? Das sagst du mir? Na, eben
deshalb, weil ich kein kleines Mädchen mehr bin!“
Und die Worte selbst, während sie
sie ausspricht, verursachen nach und nach dieses
gräßliche Schauspiel in Lucillas Augen und Mund: die
Augen, blutunterlaufen vom Weinen und funkelnd vor
Wut, sprühen Tränen, und sofort werden sie mit
diesen Tränen in dem kleinen Mädchengesicht Augen
einer Erwachsenen; und die Stimme, die Stimme
zwischen den gefletschten Zähnen, die wird zu der
Stimme einer Frau, der nichts mehr fremd ist.
Bei diesem Schauspiel scheint die
Laienschwester sich betrübt in sich selbst zu
verschließen; sie wirkt noch gelber und noch magerer
als zuvor; sie weiß nichts mehr zu sagen, holt
schließlich aus dem schwarzen Umhangtuch, das sie um
die Schultern gelegt hat, zwei vertrocknete Hände
hervor, die aussehen, als wären sie aus abgewetztem
Stein, und legt sie ineinander, um sie mitleidsvoll
zu ringen.
„Aber was willst du bloß anfangen?“,
fragt sie schließlich. „Wo willst du hin?“
Lucilla schüttelt sich: „Das lassen
Sie nur meine Sorge sein! Kümmern Sie sich nicht
darum!“
Die andere setzt sich in Bewegung,
um ins Kloster zurückzugehen. Nach zwei Schritten,
sich kaum umwendend, um ihr Weinen zu verbergen,
seufzt sie, mit einer dieser Hände vor sich hin
weisend:
„Da, dein Kloster...“
Damit geht sie.
In der Leere der Luft bleibt von
ihrer Stimme so etwas wie der Schatten von dem
zurück, was da war: das Bedauern und der Vorwurf.
Und Lucilla sieht das Kloster an.
Anfangenseite
Dort ist sie
geboren. Und tatsächlich, auch
wenn sie es sich selber nicht
mehr zugeben will, fühlt sie,
wie sie an ihm hängt. Sie hängt
an ihm, weil sie es statt als
großes, sehr großes Kloster, wie
sie es ja ruhig hätten machen
können, als kleines, ganz
kleines gebaut haben, als wäre
es gerade für sie gemacht. So
wie ihr Vater, der dort so viele
Jahre Sakristan gewesen ist,
gerade für sie die Möbelchen
ihres Zimmerchens da drinnen
gebastelt hat, ehe er starb:
geradezu Puppenmöbelchen, damit
sie sich nicht gekränkt fühlen
sollte: das Bettchen, die
Stühlchen, das Tischlein, alles
in der richtigen Proportion für
ihre Größe. Denn für diesen
Vater und für diese Mutter, die
sicherlich nicht zum
Kinderkriegen gemacht war
(immerhin starb sie ja, kaum daß
sie sie so winzig klein auf die
Welt gebracht hatte), ist sie
stets wie eine aus weiter Ferne
betrachtete Tochter gewesen, von
dort aus, von ihrer Geburt, vor
zwanzig Jahren. Und da diese
Augen der Mutter, die sich von
Jahr zu Jahr mehr entfernten,
sie so ansahen, war das bißchen,
was sie zu wachsen vermocht hat,
bitte, hier, wenig, ganz wenig,
eigentlich gar nichts: nur an
Jahren ist sie gewachsen, aber
wenn man sie ansieht, ist sie
ein kleines Mädchen geblieben:
das ist alles. Nein, keine
Zwergin! Von einer Zwergin hat
sie gar nichts! Im Gegenteil,
wenn sie vorübergeht, drehen
sich alle verwundert nach ihr
um, so hübsch ist sie mit ihrem
Lockenköpfchen auf dem schlanken
Hals, das sie hierhin und
dorthin drehen kann, wie sie
will, und lauter Locken fliegen
um sie herum wie viele kleine
Schlangen; ihr Körper ist
perfekt, eine Miniatur. Und sie
weiß es, sie weiß es besser als
alle anderen, wie ihr Körper
ist, seit sie ihn kennen gelernt
hat, aus den Blicken, mit denen
gewisse Mannsbilder ihn
verfolgen, diese Idioten!
Darin liegt der
Hohn, die Wut, die Folter für
sie: daß sie in ihrem Inneren,
wenn sie denkt, ohne sich zu
sehen, nunmehr ganz wie eine
Große denkt, wie eine Frau, eine
fertige Frau wie alle anderen.
Wenn sie sich dann von diesen
blöden bandagierten
Schwesternköpfen als kleines
Kind behandelt sieht, von ihnen,
die, ja, sie schon, so alt sie
auch sein mögen mit ihren
Saure-Milch-Gesichtern, stets
schauen, reden, kichern und sich
benehmen wie dumme kleine
Kinder; wenn sie sich von ihnen
wie eine Puppe behandelt sieht,
wie ein Spielzeug, das man
aufnimmt und dann von den Armen
der einen zu denen der anderen
weitergibt, wobei sie alle
herzen und damit ausnützen,
keine will es wahrhaben, daß sie
schon ganz Frau geworden ist;
nein, da kann man nicht mehr
aushalten, das darf man nicht
mehr aushalten, das muß
aufhören; es ist schon zu Ende.
Sie hat heute drei oder vier von
ihnen das Gesicht zerkratzt, als
sie die Finger sich von selbst
krümmen fühlte, und sie weiß gar
nicht mehr, welche
Unflätigkeiten und Beleidigungen
sie ihnen ins Gesicht geworfen
hat, mit Schaum vor dem Mund.
Sie haben ihr
die Barmherzigkeit erwiesen, sie
bei sich zu behalten, in diesem
Zimmerchen, auch nachdem ihr
Vater gestorben war? Na, danke
vielmals, damit sie sich dieses
Vergnügen verschaffen konnten,
eine lebendige Puppe zu haben,
mit der sie in der Freizeit
zwischen den Gebeten ordentlich
spielen konnten! Sie haben ihr,
der Puppe, eigenhändig eine
Aussteuer genäht, Kleider und
Wäsche? Das wird sie ihnen alles
zurücklassen, alles; sie wird
nichts mitnehmen; so, wie sie
ist wird sie noch heute abend zu
Nino gehen.
Zu Nino, jawohl,
zu Nino. Sehr bald schon. Um
sieben. Nino hat es ihr selbst
gesagt.
Sie wird zu ihm
ziehen. Sie versteht sich auf
alles: sie kann das Haus in
Ordnung halten, ihm das Essen
zubereiten, die Kleider in
Ordnung halten, nähen und
bügeln. Mit ihrem kleinen
Bügeleisen hat sie Tröge voll
von Wäsche gebügelt, dort im
Kloster!
Und Nino weiß es
sehr gut, daß sie schon eine
Frau ist. Vom ersten Augenblick
an, in dem auch er sie zum
Scherz auf den Arm nahm, als er
auf seinem gewohnten Gang am
Abend auf der Wiese vorbeikam,
auf dem Rückweg von der Koppel,
wo er seine Pferde züchtet, mit
seinem alten Hirtenhut, aber
doch ganz als Herr, mit den
schönen leuchtenden Gamaschen
und den Sporen daran; schon
damals, als er sie unter den
Achseln faßte, hat er plötzlich,
während er ihr mit beiden Daumen
an die Brust griff, so eine
schlitzohrige Geste mit dem Kopf
gemacht, jawohl, und sie in so
bestimmter Weise angegrinst,
wobei er ein „Ahhh...“ der
Überraschung und Bewunderung
hervorstieß und sie mit ganz
verzückten Augen ansah. Und sie
stieß die Hände nach vorne, auf
seine Wangen zielend, um den
Mund abzuhalten, der sie zu
küssen versuchte, dort, direkt
an seiner Brust, dieser Nino.
Was für Augen er hatte! Schwarz
und lachend! Die gingen einem
durch und durch, diese Augen!
Und was für Zähne, wenn er
lachte!
Schon sieben
Uhr?
Seit sie dort
auf der Wiese vor sich
hingegrübelt hat, nachdem sie
sich entschlossen hatte, mit den
Nonnen Schluß zu machen, ist
Lucilla wie trunken; sie sieht
nichts mehr, sie läuft, fliegt
wie ein von der Sonne
geblendeter Schmetterling; und
als sie sich endlich im
Toreingang des Hauses
wiederfindet, in dem Nino wohnt,
scheint es ihr, als wäre sie
nach der Art eines Kreisels
hierhergeschwebt, in einem
schwindelerregenden wilden
Reigentanz. Sie kriegt gar keine
Luft mehr; und jetzt, o Gott,
jetzt muß sie all diese Stufen
da hinauf, und was für Stufen!
Bis in das oberste Stockwerk des
alten verfallenen Bauernhauses.
Endlich kommt
sie oben an, sich ein bißchen an
der Mauer, ein bißchen am
Geländer abstützend hat sie’s
geschafft; aber als sie endlich
oben ist, vor der Türe, da
gelingt es ihr nicht, so sehr
sie sich auch auf die
Zehenspitzen stellt und das
Ärmchen in die Höhe reckt, die
viel zu hoch angebrachte
Türglocke zu erreichen; und da
beginnt sie mit ihren kleinen
Fäusten auf die Türe
einzuhämmern:
„Mach auf, Nino,
mach auf! Ich bin es! Ich bin zu
dir gekommen!“
In dem Dunkel
des Raumes kann sie nicht
deutlich ausmachen, wer ihr
geöffnet hat. Neben sich spürt
sie so etwas wie Stallgestank,
während eine schwielige Hand
unbeholfen nach der ihren
tastet, um sie zu fassen, so wie
man Kinder an der Hand nimmt,
die man zu einem Erwachsenen
hinführen will. Die Verwirrung,
schlimmer noch, der Schrecken,
die von ihr Besitz ergreifen,
haben freilich nichts mit diesem
Gestank zu tun, und auch nicht
mit diesem unbeholfenen Akt, dem
sie sich instinktiv entzieht; es
ist vielmehr wegen dieses
ungeheuren Durcheinanders von
brüllendem Gelächter und lauten
Stimmen, das aus dem anliegenden
Raum dringt, zu dem die Türe nur
angelehnt ist, wobei das aus dem
Türspalt dringende Licht Lucilla
den Eindruck vermittelt, da
drinnen loderten und prasselten
die Flammen wie in einem
Backofen.
Lucilla beginnt
zu zittern; sie möchte am
liebsten davonlaufen; aber da
springt die Türe auf; rohe,
betrunkene Landmänner, in groben
Samt gekleidet, mit Gamaschen
und Sporen an den Beinen;
tierische, rot angelaufene
Gesichter, brüllend, schwankend,
die Pranken nach ihr
ausstreckend; sie ziehen sie
hinein, mitten in eine Wolke aus
Rauch; als wäre die Stimmung auf
den Höhepunkt gelangt, dringt
ein höhnisches Lachen aus allen
Mündern; der eine legt die
Pfeife zur Seite, der andere
stellt Glas und Flasche weg, und
dann stürzen sich alle auf sie;
sie wollen auch mit ihr spielen,
aber auf welch andere Weise! Sie
quetschen sie, sie zerdrücken
sie, sie wollen sie entblößen;
und sie schreit, kreischt,
schlägt um sich, bis endlich
Nino, der auch grinst und sich
förmlich in einem Lachkrampf
windet, der ihm die Tränen in
die Augen getrieben hat, sie mit
einem kräftigen Ruck von den
anderen befreit, worauf er sich
wieder hinsetzt und sie
schützend zwischen seine Beine
nimmt, wobei er den anderen
zuruft:
„Schluß! Basta!
Ich fühle, wie ihr Herz klopft,
o Gott, ja, ja freilich, ich
fühle es hier am Knie, wie ihr
Herz klopft!“
Er bemerkt
nicht, daß Lucilla auf diesem
Knie zusammengebrochen ist, und
daß sie, würde er die Beine
öffnen, wie ein feuchter Lappen
ohnmächtig zu Boden fallen
würde.
Dann packt er
mit einer Hand einen
schmuddeligen Bauernjungen von
etwa vierzehn Jahren, einen
Trottel, der, ganz zerzaust und
gerührt (er war es, der die Türe
öffnen gegangen war) neben ihm
hockt, und schüttelt Lucilla, um
ihn ihr vorzustellen:
„Da habe ich
einen kleinen Bräutigam für
dich! Nebenan ist schon alles
für euch vorbereitet!“
Lucilla weiß
nicht mehr, wie viel Zeit
verstrichen ist; nicht, was dort
wirklich geschehen ist; sie hat
sich gewehrt, gewunden, befreit,
gebissen, gekratzt, und jetzt
geht sie durch die Nacht, sie
weiß nicht wohin, eine kleine,
ganz kleine Gestalt, über große,
verlassene, unbekannte Straßen;
sie ist wie von einem Wahn
ergriffen, wie in Trance; und
sie betrachtet, so klein wie sie
ist, die riesenhaften Stämme der
Bäume, deren Wipfel sie kaum zu
erspähen vermag, und noch höher,
viel höher, leere, erleuchtete
Fenster, als wären sie im
Himmel, in dem sie verschwinden
möchte, verschwinden, wenn Gott,
wie sie so sehr hofft, ihr
endlich die Flügel dafür
schenken wird.
©
Michael Rössner.
Anfangenseite
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