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Im Wirbel
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(nel gorgo – 1925) |
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aus dem Italienischen von Michael
Rössner
Im Circolo della racchetta wurde den
ganzen Abend hindurch von nichts anderem gesprochen.
Der erste, der die Botschaft
brachte, war Respi, Nicolino Respi, dem die Sache
sehr naheging. Wie üblich vermochte er jedoch nicht
zu vermeiden, daß die innere Bewegung sich ihm auf
den Lippen zu diesem nervösen Lächeln kräuselte, das
in den ernstesten Diskussionen wie in den
riskantesten Augenblicken des Spiels sein bleiches,
gelbliches Gesicht mit den scharfen Zügen so
unverwechselbar auszeichnete.
Die Freunde umringten ihn aufgeregt
und bestürzt:
"Wirklich verrückt geworden?"
"Nein, nur zum Spaß."
Traldi, der mit dem ganzen Gewicht
seines unförmigen, nilpferdartigen Körpers in dem
Diwan versunken war, versuchte mehrfach mit den
Händen die Hebelwirkung zu benutzen, um mehr auf dem
Rand des Möbels zu sitzen zu kommen, wobei er vor
Anstrengung die rotgeäderten Ochsenaugen weit
aufriß, die ihm aus den Höhlen zu springen drohten.
Er fragte: "Aber entschuldige, du sagst das doch...
(aach! aach...) du sagst das, weil er auch dich
angesehen hat?"
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"Auch mich? Angesehen? Was willst du
damit sagen?" fragte Nicolino Respi nun seinerseits
verdutzt, indem er sich zu den Freunden wandte. "Ich
bin doch heute morgen erst aus Mailand angekommen,
und ich finde hier diese schöne Neuigkeit vor. Ich
weiß gar nichts, und ich kann es noch immer nicht
begreifen, wie Romeo Daddi, zum Teufel, der
Ruhigste, der Heiterste, der Weiseste von uns
allen..."
"Ist er schon in der Klapsmühle?"
"Aber ja, das sag ich euch doch!
Seit heute um drei. Im Sanatorium auf dem Monte
Mario."
"Armer Daddi!"
"Und Donna Bicetta? Ja, wie denn...
Es wird ja wohl sie gewesen sein, Donna Bicetta?
"Nein! Sie nicht! Im Gegenteil, sie
war um jeden Preis dagegen! Aber vorgestern ist der
Vater aus Florenz gekommen."
"Ach deshalb..."
"Jawohl, und er hat sie zu dieser
Entscheidung gezwungen, auch um ihres Mannes
willen... Aber erzählt mir doch, worum es dabei
eigentlich geht! Du, Traldi, weshalb hast du mich
gefragt, ob Daddi auch mich angesehen hatte?"
Carlo Traldi hatte sich wieder
behaglich in den Diwan zurückfallen lassen, den Kopf
nach hinten gelegt, das gerötete, schweißbedeckte
Doppelkinn nach vorne gereckt. Während er mit den
dünnen Froschbeinchen schlenkerte, die der riesige
Wanst ihn stets in obszöner Weise zu verbergen zwang
und er sich in nicht weniger obszöner Weise ständig
die Lippen mit der Zunge befeuchtete, antwortete er
geistesabwesend:
"Ja so... ich dachte nämlich, du
meintest deshalb, daß er verrückt geworden ist."
"Wieso deshalb?"
"Aber ja. So hat sich ja bei ihm der
Wahnsinn geäußert. Er blickte alle in einer so
seltsamen Weise an, mein Lieber... Kinder, laßt doch
nicht immer mich reden: sagt ihr, wie der arme Daddi
zu schauen pflegte."
Die Freunde erzählten Nicolino Respi
daraufhin, daß Daddi, als er von der Sommerfrische
zurückgekommen war, allen wie vom Donner gerührt
erschien, als wäre er gar nicht bei sich, mit einem
vagen Lächeln auf den Lippen und stumpfen,
blicklosen Augen, sobald irgend jemand ihn rief.
Dann war diese Benommenheit geschwunden, hatte einer
seltsamen, auffälligen Starre Platz gemacht. Er
starrte die anderen zunächst aus der Ferne, von der
Seite her an. Dann, nach und nach, als zögen ihn
gewisse Zeichen an, die er an diesem oder jenem
seiner engsten Freunde zu erkennen glaubte,
insbesondere bei denen, die sein Haus am häufigsten
frequentierten (ganz und gar natürliche Zeichen im
übrigen, denn tatsächlich waren alle verblüfft über
seine plötzliche und sonderbare Veränderung, die
sich so gar nicht mit der heiteren Ruhe seines
Charakters vertragen wollte), hatte er sie immer
mehr aus der Nähe zu belauern begonnen, und in den
letzten Tagen war er geradezu unerträglich geworden.
Er stellte sich bald dem einen, bald dem anderen
gegenüber auf, legte ihm die Hände auf die Schultern
und blickte ihm ganz steif und fest in die Augen.
"Der Körper, was für ein Grauen!"
rief an dieser Stelle Traldi, wobei er sich von
neuem in die Höhe zu ziehen versuchte, um auf den
Rand des Diwans zu sitzen zu kommen.
"Aber weshalb?" fragte Respi nervös.
"Hör einmal, jetzt will der auch
noch wissen, weshalb", rief Traldi neuerlich. "Ach,
du meinst, weshalb das Grauen? Mein Lieber, dich
hätte ich sehen mögen, unter diesem Blick! Du
wechselst jeden Tag das Hemd, nehme ich an. Du bist
sicher, saubere Füße zu haben und keine Löcher in
den Socken. Aber bist du auch sicher, daß du keinen
Schmutz in deinem Inneren hast, keinen Fleck auf
deinem Gewissen?"
"Ach Gott, ich meine..."
"Hör mal, du bist doch nicht
ehrlich!"
"Und du vielleicht?"
"Ich schon, ich bin ganz sicher, daß
es so ist. Und glaub mir, so geht es allen, mehr
oder weniger, daß wir uns in einem luziden Intervall
plötzlich als Schweine sehen! Schon seit einer
geraumen Weile, fast jeden Abend, wenn ich meine
Kerze ausblase, bevor ich einschlafe..."
"Du wirst alt, mein Lieber! Du wirst
alt!" riefen die Freunde im Chor.
"Mag schon sein, daß es daran liegt,
daß ich alt werde", räumte Traldi ein. "Umso
schlimmer! Es ist ja nicht eben ein Vergnügen
festzustellen, daß ich zu guter letzt nicht umhin
kann, mich in diesem Bild meiner selbst
wiederzufinden, als ein altes Schwein. Übrigens,
warte einmal. Nun, da ich dir das gesagt habe,
wollen wir einen Versuch wagen? Ruhe, ihr anderen!"
Und Carlo Traldi stemmte sich
ächzend in die Höhe. Er legte die Hände auf Nicolino
Respis Schultern und schrie ihn an: "Sieh mir fest
in die Augen. Nein, nicht lachen, mein Lieber! Sieh
mir fest in die Augen... Warte! Wartet... Ruhe..."
Alle ringsumher schwiegen, gespannt
den Ausgang dieses seltsamen Experimentes erwartend.
Traldi fixierte mit seinen großen,
eiförmigen und rotgeäderten Augen, die aus den
Höhlen traten, auf das schärfste die Augen Nicolino
Respis und schien, als wühle er mit dem boshaften
Schimmer seines Blicks, der immer schärfer und immer
intensiver wurde, in dessen Gewissen und fördere
dort in den geheimsten Verstecken die
schrecklichsten und abscheulichsten Dinge zutage.
Nach und nach begannen die Augen Nicolino Respis -
wenngleich darunter die Lippen mit dem üblichen
kleinen Lachen sagten: "Ach was, ich will bloß kein
Spaßverderber sein" - zu erlöschen, sich zu trüben,
auszuweichen, während Traldi unter dem Schweigen der
Freunde mit einer seltsamen Stimme, und ohne den
Blick abzuwenden oder auch nur ein wenig in der
Intensität abzuschwächen, triumphierend sagte:
"Das hast du's... siehst du?...
siehst du?"
"Ach hör doch auf!", brach es aus
Respi heraus, der nicht mehr an sich halten konnte
und ganz die Beherrschung verlor.
"Hör du doch auf, wir haben uns
schon verstanden", rief Traldi. "Du bist ein noch
größeres Schwein als ich!"
Und er brach in ein Gelächter aus.
Auch die anderen lachten, mit dem Gefühl einer
unerwarteten Erleichterung. Und Traldi setzte fort:
"Nun, das ist bloß ein Scherz gewesen. Nur im Scherz
kann einer von uns einen anderen auf diese Weise
ansehen. Denn du genauso wie ich, wir haben bislang
in uns ein funktionstüchtiges Maschinchen des
gesellschaftlichen Umgangs, und wir lassen den
Abschaum all unserer Taten, all unserer Gedanken,
all unserer Gefühle still und heimlich sich
versteckt am tiefsten Grund unseres Gewissens
absetzen. Aber warte, wenn dann einer, bei dem das
Maschinchen kaputtgegangen ist, dich so ansieht, wie
ich dich eben angesehen habe, aber nicht mehr zum
Scherz, sondern im Ernst, und wenn er dir auf diese
Weise, ohne daß du darauf gefaßt bist, den ganzen
Bodensatz an Abschaum deiner Taten, Gedanken und
Gefühle, den du in dir trägst, vom tiefsten Grund
deines Gewissens aufrührt; dann möchte ich doch
sehen, ob du nicht einen schönen Schrecken
bekommst!"
Während er das sagte, wandte Carlo
Traldi sich erregt zum Gehen. Er kam jedoch noch
einmal zurück und setzte hinzu: "Und weißt du, was
er vor sich hinmurmelte, ganz leise, der arme Daddi,
während er dir in die Augen sah? Sagt ihr es, was er
murmelte! Ich muß laufen."
"Welch ein Abgrund... welch ein
Abgrund..."
"So?"
"Ja... welch ein Abgrund... welch
ein Abgrund..."
Als Traldi gegangen war, löste sich
die Menschentraube auf, und Nicolino Respi blieb
höchst durcheinander in der Gesellschaft der beiden
einzigen Freunde zurück, die noch eine Weile
hindurch weiter von dem Unglück des armen Daddi
sprachen.
Ungefähr zwei Monate war es her, daß
er ihn in seiner Villa bei Perugia besucht hatte. Er
hatte ihn ruhig und heiter wie immer vorgefunden, in
Gesellschaft seiner Frau und einer Freundin
derselben namens Gabriella Vanzi, einer ehemaligen
Schulkameradin, die vor kurzem einen Marineoffizier
geheiratet hatte, der sich gerade auf hoher See
aufhielt. Er war drei Tage in der Villa geblieben,
und in diesen drei Tagen, nein, da hatte Romeo Daddi
ihn kein einziges Mal in der Weise angesehen, von
der Traldi gesprochen hatte.
Hätte er ihn angesehen...
Nicolino Respi befiel ein Unwohlsein
wie von einem plötzlichen Schwindel, und um sich zu
stützen - unter einem Lächeln, leichenblaß - tat er,
als wollte er sich vertraulich bei einem der beiden
Freunde einhängen.
Was war geschehen? Was erzählten sie
da? Folter? Was für eine Folter? Ach so, die Folter,
der Daddi seine Frau unterzogen hatte...
"Nachher, was?" - entschlüpfte es
ihm.
Und die beiden wandten sich zu ihm
um.
"Was heißt nachher?"
"Ach... nein, ich meinte... nachher,
also, nachdem bei ihm... bei ihm das Maschinchen
kaputt gegangen war."
"Na klar! Vorher wohl sicher nicht!"
"Zum Donnerwetter, sie waren doch
ein Wunder an ehelicher Eintracht, an häuslichem
Frieden! Sicherlich muß irgendetwas mit ihm während
der Sommerfrische geschehen sein."
"Aber ja, wenigstens irgendein
Verdacht muß ihm gekommen sein."
"Na seid so gut! Seiner Frau
gegenüber?", platzte Nicolino Respi heraus. "Das
kann, wenn überhaupt, nur ein Effekt des Wahnsinns
gewesen sein, nicht seine Ursache! Nur ein
Wahnsinniger..."
"Einverstanden! Einverstanden!",
riefen die Freunde dazwischen. "Bei einer Frau wie
Donna Bicetta!"
"Über jeden Verdacht erhaben! Aber
andererseits..."
Nicolino Respi konnte diese beiden
nicht mehr anhören. Er erstickte. Er brauchte Luft,
mußte ein wenig im Freien spazieren gehen, allein.
Er ergriff den ersten besten Vorwand und ging.
Ein banger Zweifel hatte sich in ihm
festgesetzt und brachte ihn ganz durcheinander.
Niemand konnte besser wissen als er,
daß Bicetta Daddi tatsächlich über jeden Zweifel
erhaben war. Seit über einem Jahr hatte er ihr seine
Liebe erklärt, hatte er ihr den Hof gemacht und sie
förmlich belagert, ohne je mehr zu ernten als ein
sanftes Lächeln des Bedauerns über seine
vergeblichen Mühen und Qualen. Mit jener heiteren
Ruhe, die aus der festesten Selbstsicherheit kommt,
hatte sie ihm bewiesen, daß jedes Beharren
seinerseits vergeblich sein mußte, denn sie war
ebenso verliebt wie er, vielleicht sogar noch mehr
als er, aber in ihren Mann. Da das so war, mußte er,
wenn er sie wirklich liebte, doch verstehen, daß sie
in keiner Weise ihre Liebe verraten konnte. Wenn er
das nicht verstand, war das ein Zeichen, daß er sie
nicht wirklich liebte. Und dann?
Bisweilen ist das Meerwasser an
gewissen einsamen Stränden von einer so klaren und
durchsichtigen Reinheit, daß man, so sehr es einen
auch drängt, hineinzuspringen, um sich in ihm zu
erfrischen, doch von einer fast sakralen Scheu
zurückgehalten wird, es aufzuwühlen und zu trüben.
Anfangenseite
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Diesen Eindruck
der Reinheit und diese Scheu
hatte Nicolino Respi stets
empfunden, wenn er sich der
Seele Bicetta Daddis näherte.
Sie liebte das Leben, diese
Frau, mit einer so stillen,
aufmerksamen und sanften Liebe!
Bloß in den drei Tagen, die er
in ihrer Villa bei Perugia
verbrachte, hatte er,
überwältigt von der glühenden
Begierde, seine Scheu doch
überwunden, diese Reinheit doch
aufgewühlt und getrübt; aber
nur, um schroff abgewiesen zu
werden.
Nun war sein
banger Zweifel, daß die
Verwirrung, die er in diesen
drei Tagen bewirkt hatte, sich
nach seiner Abreise nicht gleich
wieder gelegt haben mochte;
vielleicht war sie so sehr
angewachsen, daß der Ehemann sie
bemerkt hatte. Sicher war nur
eines: Bei seiner Ankunft in der
Villa war Romeo Daddi heiter und
ruhig; wenige Tage nach seiner
Abreise war er verrückt
geworden.
War es also
seinetwegen? War sie also von
seiner aggressiven
Liebeserklärung so tief
erschüttert und niedergeworfen
worden?
Aber freilich,
ganz sicher, was gab es da noch
zu zweifeln?
Die ganze Nacht
wälzte sich Nicolino Respi auf
diese Weise hin und her, wand
sich in wütenden Anfällen, bald
den Gewissensbissen durch ein
boshaftes, unbändiges
Freudengefühl entrissen, bald
aus diesem Freudengefühl wieder
in die Gewissensbisse
zurückfallend.
Am Morgen darauf
lief er, kaum daß die Uhrzeit
für einen Besuch geeignet
erschien, zum Haus von Donna
Bicetta Daddi. Er mußte sie
sehen; er mußte sofort, so oder
so, Klarheit über seinen Zweifel
erlangen. Vielleicht würde sie
ihn nicht empfangen; aber so
oder so wollte er in ihrem Haus
vorsprechen, bereit, alle
Konsequenzen dieser Situation
auf sich zu nehmen oder ihnen
die Stirn zu bieten.
Donna Bicetta
Daddi war nicht zu Hause.
Seit einer
Stunde war sie damit
beschäftigt, ohne es zu wollen,
ohne es zu wissen, ihre Freundin
Gabriella Vanzi, die drei Monate
lang ihr Gast in der Villa
gewesen war, den grausamsten
Foltern zu unterziehen.
Sie hatte sie
aufgesucht, um gemeinsam zu
suchen, nicht den Grund, ach,
bloß den Vorwand, wenigstens den
auslösenden Faktor für ihr
Unglück, dort, wo es sich zuerst
gezeigt hatte, während dieser
Sommerfrische, in den letzten
Tagen derselben. Sie allein, so
sehr sie sich auch den Kopf
zerbrach, hatte nichts gefunden.
Seit einer
Stunde beharrte sie darauf,
Minute um Minute diese letzten
Tage zu evozieren, zu
rekonstruieren.
"Erinnerst du
dich daran? Erinnerst du dich,
daß er am Morgen in den Garten
hinunterging, ohne seinen alten
Leinenhut aufzusetzen, und daß
er hinaufrief, damit wir ihn zum
Fenster hinunterwerfen sollten,
und daß er dann wieder
hinaufstieg, lachend, mit diesem
Rosenstrauß? Erinnerst du dich,
wie er darauf bestand, daß ich
zwei davon mitnehmen sollte; wie
er mich danach bis zum Gartentor
begleitete, mir beim Einsteigen
in das Automobil half und mich
bat, ihm aus Perugia diese
Bücher mitzubringen... warte...
eines war... ich weiß nicht...
es ging um Saatgut... erinnerst
du dich? Erinnerst du dich?”
Ganz versunken
in der Mühe, so viele wertlose
Einzelheiten ins Gedächtnis
zurückzurufen, bemerkte sie
nicht einmal die Beklemmung, die
Erregung ihrer Freundin, die von
einem Augenblick zum anderen
zunahm.
Nun hatte sie
bereits ohne das geringste
Zeichen von Verwirrung die drei
Tage Revue passieren lassen, die
Nicolino Respi in der Villa
verbracht hatte, und sie hatte
sich keinen Augenblick mit dem
Gedanken aufgehalten, ihr Mann
hätte in dem harmlosen Werben
Respis um sie, einen Grund für
seinen plötzlichen Wahnsinn
finden können. Das war nicht
denkbar. Sie hatten doch zu
dritt darüber gelacht, über
dieses Werben, nachdem Respi
nach Mailand zurückgefahren war.
Wie konnte man es da annehmen?
Und außerdem war ihr Mann nicht
nach dieser Abreise noch
vierzehn Tage lang ganz ruhig
und heiter gewesen wie zuvor?
Nein, nie, nie
auch nur das geringste Zeichen
des entferntesten Verdachtes! In
sieben Jahren Ehe, nie! Wie, wo
hätte er denn einen Vorwand
dafür finden können? Und dann,
sieh einmal her, ganz plötzlich,
dort, im ländlichen Frieden,
ohne daß irgendetwas geschehen
wäre...
"Ach Gabriella,
meine liebe Gabriella, glaub
mir, ich werde noch wahnsinnig,
auch ich werde wahnsinnig."
Plötzlich, kaum
hatte sie sich von dieser Krise
der Verzweiflung erholt,
bemerkte Donna Bicetta Daddi,
als sie die tränenerfüllten
Augen zu dem Gesicht der
Freundin aufhob, darin eine
bläuliche Starre wie die eines
Leichnams, um sich gegen einen
unerträglichen Krampf zu wehren,
und Gabriella schnaufte mit
geblähten Nasenflügeln und
starrte sie mit einem bösen
Blick an. O Gott! Das waren ja
beinahe dieselben Augen, mit
denen sie in den letzten Tagen
auch ihr Mann angesehen hatte.
Sie fühlte, wie
sie erstarrte und empfand fast
so etwas wie einen tödlichen
Schrecken.
"Warum... du
auch... warum...", stammelte sie
zitternd, "warum siehst auch
du... auch du mich so an?"
Gabriella Vanzi
unternahm eine entsetzliche
Anstrengung, um diesen Ausdruck,
den ihr Gesicht ohne ihr Wissen
angenommen hatte, in ein
wohlwollendes, mitleidiges
Lächeln aufzulösen: "Ich... ich
sehe dich an?... Nein... ich war
nur so in Gedanken... Ja, ich
wollte dir sagen... ja, ich
weiß, du bist deiner sicher...
hast du wirklich nichts... hast
du dir wirklich gar nichts...
gar nichts vorzuwerfen?"
Donna Bicetta
Daddi erstarrte; mit weit
aufgerissenen Augen, die Hände
auf die Wangen gelegt, schrie
sie: "Wieso denn?... Aber du
sprichst ja jetzt... du sprichst
jetzt auch noch mit seinen
Worten zu mir?... Wieso denn?...
Wie kannst du das tun?..."
Das Gesicht
Gabriella Vanzis verzog sich,
ihre Augen wurden glasstarr:
"Ich?"
"Du, jawohl. O
Gott! Jetzt wirst du auch
genauso abwesend wie er... was
hat das zu bedeuten?... Was hat
das zu bedeuten?"
Sie hatte diesen
Satz noch nicht zu Ende
gehaucht, wobei sie fühlte wie,
ihr allmählich die Beine
nachgaben, da lag ihr plötzlich
ihre Freundin in den Armen und
preßte den Kopf an ihre Brust.
"Bice... Bice...
du hast einen Verdacht gegen
mich?... Du bist hierher
gekommen, weil du einen Verdacht
gegen mich hast, stimmt's?"
"Nein... nein...
ich schwöre dir, Gabriella...
nein... erst jetzt..."
"Jetzt, nicht
wahr? Ja... Aber du hast
unrecht, du hast unrecht,
Bice... Denn du kannst nicht
verstehen..."
"Was ist denn
gewesen?... Gabriella, komm, sag
es mir, was ist gewesen?"
"Du kannst es
nicht verstehen... du kannst es
nicht verstehen... ich kenne den
Grund dafür, daß dein Mann
wahnsinnig geworden ist... ich
kenne ihn!"
"Den Grund?
Welchen Grund?"
"Ich kenne ihn,
weil er in mir ist, auch in mir,
dieser Grund, wahnsinnig zu
werden... um dessentwillen, was
uns beiden geschehen ist!"
"Euch beiden?"
"Ja... ja... mir
und deinem Mann."
"Ach, also so?"
"Nein, nein!
Nicht, wie du es dir vorstellst!
Du kannst es nicht verstehen...
ohne zu betrügen, ohne es zu
denken oder zu wollen... in
einem Augenblick... etwas
Entsetzliches, an dem niemand
schuld hat. Siehst du, wie ich
dir das erzähle? Wie ich zu dir
davon sprechen kann? Weil ich
keine Schuld habe! Und er auch
nicht! Aber eben deshalb... Hör
mir zu, hör mir zu; und wenn du
erst alles weißt, wirst du
vielleicht auch wahnsinnig
werden, so wie ich nahe daran
bin, wahnsinnig zu werden, so
wie er wahnsinnig geworden
ist... Hör zu! Du hast dich doch
eben an den Tag erinnert, an dem
du im Automobil von der Villa
nach Perugia gefahren bist,
nicht wahr? An dem er dir zwei
Rosen gab und von den Büchern
sprach..."
"Ja."
"Gut: An diesem
Morgen ist es geschehen!"
"Was?"
"Alles, was
vorgefallen ist. Alles und
nichts... Laß es mich erzählen,
um Himmels willen! Es war sehr
heiß, erinnerst du dich?
Nachdem wir deiner Abfahrt
zugesehen hatten, gingen wir
beide, er und ich, durch den
Garten zurück. Die Sonne brannte
und der Lärm der Zikaden war
ohrenbetäubend... Wir gingen
wieder ins Haus und setzten uns
in den kleinen Salon neben dem
Eßzimmer. Die Jalousien waren
geschlossen, die Läden
zugezogen; es war fast dunkel da
drinnen; und die unbewegliche
Kühle... (ich erzähle dir jetzt
meine Eindrücke, die einzigen,
die ich haben konnte, an die ich
mich erinnere und erinnern
werde, solange ich lebe; aber
vielleicht hatte er sie auch,
ganz dieselben Eindrücke... er
mußte sie wohl haben, sonst
könnte ich mir gar nichts mehr
erklären); es war diese
unbewegliche Kühle, nach all
dieser Sonne und dem betäubenden
Lärm der Zikaden... in einem
Augenblick, ohne es auch nur zu
denken, ich schwöre es dir! Nie,
nie, weder ich noch er, das ist
ganz sicher... wie durch eine
unwiderstehliche Anziehung
dieser schrecklichen Leere, der
angenehmen Frische in diesem
Halbdunkel... Bice, Bice... so,
ich schwöre es dir, in einem
Augenblick..."
Donna Bicetta
Daddi sprang auf, getrieben von
einer Woge des Hasses und der
Verachtung: "Ach, deshalb also?"
zischte sie zwischen den Zähnen,
wobei sie mit einer katzenhaften
Bewegung zurückwich.
"Nein! Nicht
deshalb!" schrie Gabriella
Vanzi, während sie ihr die Arme
in einer flehenden und
verzweifelten Geste
entgegenstreckte. "Nicht
deshalb, nicht deshalb, Bice!
Dein Mann ist deinetwegen
verrückt geworden, deinetwegen,
nicht meinetwegen!"
"Meinetwegen ist
er verrückt geworden? Was willst
du damit sagen? Wegen der
Gewissensbisse?"
"Nein! Was denn
für Gewissensbisse? Man braucht
doch keine Gewissensbisse zu
haben, wenn man den Fehltritt
nicht gewollt hat... Das kannst
du nicht verstehen! So wie auch
ich es nicht verstehen könnte,
wenn ich nicht bei der
Überlegung, was mit deinem Mann
geschehen ist, an meinen Mann
gedacht hätte! Ja, ja, ich
verstehe jetzt den Wahnsinn
deines Mannes, weil ich an
meinen denke, der auf dieselbe
Weise wahnsinnig würde, wenn ihm
das geschähe, was deinem Mann
mit mir geschehen ist! Ohne
Gewissensbisse! Ohne
Gewissensbisse! Und eben
deshalb, weil es ohne
Gewissensbisse geschehen ist...
Verstehst du? Das ist ja das
Ensetzliche daran. Ich weiß
nicht, wie ich dir das
begreiflich machen soll! Ich
begreife es ja auch nur, ich
sage es noch einmal, wenn ich an
meinen Mann denke und mich vor
mir sehe, so ohne irgendwelche
Gewissensbisse um eines
Fehltritts willen, den ich nicht
begehen wollte. Siehst du, wie
ich dir davon erzählen kann,
ohne zu erröten? Weil ich nicht
weiß, Bice, weil ich wirklich
nicht weiß, wie dein Mann ist;
so wie er sicherlich nicht weiß,
nicht wissen kann, wie ich
bin... Es war wie ein Wirbel,
verstehst du? Wie ein Wirbel,
der sich plötzlich zwischen uns
aufgetan hat, ohne daß jemand es
geahnt hätte, um uns in einem
Augenblick zu packen und
hinabzuziehen, und er hat sich
sofort wieder geschlossen, ohne
auch nur die geringste Spur zu
hinterlassen! Sofort danach war
unser Gewissen wieder rein und
gleichmäßig. Wir haben nicht
mehr an das gedacht, was
zwischen uns vorgefallen war,
nicht einmal für einen
Augenblick; unsere Verwirrung
dauerte nur einen Moment; wir
sind davongelaufen, der eine
hierhin, der andere dorthin;
aber kaum waren wir allein:
Nichts, als ob nichts gewesen
wäre, nicht nur vor dir, als du
kurz danach zurückkamst, sondern
auch vor uns selbst. Wir konnten
einander in die Augen sehen und
wieder wie vorher miteinander
reden, ganz genauso wie vorher,
als ob nichts geschehen wäre,
denn es war, das schwöre ich
dir, keine Spur mehr von dem
Vorgefallenen in uns. Nichts,
nichts, nicht einmal ein
Schatten der Begierde, gar
nichts. Alles zu Ende.
Verschwunden. Das Geheimnis
eines Augenblicks, begraben für
immer. Nun, das war es, was
deinen Mann in den Wahnsinn
getrieben hat. Nicht der
Fehltritt, den keiner von uns zu
begehen gedacht hat! Sondern
das: die Möglichkeit zu denken,
daß das geschehen kann; daß eine
ehrbare Frau, die ihren Mann
liebt, in einem Augenblick, ohne
es zu wollen, durch einen
hinterhältigen Überfall der
Sinne, durch die rätselhafte
Komplizenschaft des
Augenblicks, des Ortes, in die
Arme eines anderen Mannes sinkt;
und eine Minute danach alles
wieder vorbei ist, auf immer;
der Wirbel hat sich wieder
geschlossen; das Geheimnis ist
begraben; keine Gewissensbisse;
keine Verwirrung; keine
Anstrengung, um den anderen, um
uns selbst ins Gesicht zu lügen.
Er hat einen Tag gewartet, zwei,
drei; er hat keine Bewegung in
seinem Inneren gespürt, weder in
deiner Gegenwart, noch in der
meinen; er hat mich gesehen,
ganz so, wie ich vorher war, mit
ihm wie mit dir; er hat wenig
später - erinnerst du dich? -
meinen Mann in die Villa kommen
sehen, er hat gesehen, wie ich
ihn begrüßt habe, mit welcher
Sehnsucht, mit welcher Liebe...
und da hat der Abgrund, in dem
unser Geheimnis auf immer
versunken war, ohne die
geringste Spur zu hinterlassen,
ihn allmählich eingesogen und
ihm den Verstand verwirrt. Er
hat an dich gedacht; er hat
gedacht, daß vielleicht auch
du..."
"Auch ich?"
"Ach, Bice, es
wird dir sicherlich nie so etwas
passiert sein, ich glaube es
schon, meine liebe Bice! Aber
wir, er und ich, wir wissen aus
Erfahrung, daß es geschehen
kann, und daß es, wie es bei uns
möglich war, ohne daß wir es
wollten, auch bei jeden anderen
möglich ist! Er wird gedacht
haben, daß er dich manchmal,
wenn er nach Hause kam, im Salon
vorgefunden hat, mit einem
seiner Freunde, und daß es in
einem Augenblick auch dir
geschehen hätte können, und
diesem Freund, das, was mir und
ihm geschehen konnte, in
derselben Weise; daß du in dir,
ohne jede Spur, dasselbe
Geheimnis verschließen, es ohne
jede Lüge verbergen könntest,
das ich in mir verschloß und vor
meinem Mann verbarg, ohne ihn zu
belügen. Und kaum war ihm dieser
Gedanke in den Kopf geraten, da
hat ein dünnes, scharfes Brennen
begonnen, an seinem Gehirn zu
nagen, wenn er dich fremdartig,
fröhlich und liebevoll im Umgang
mit ihm sah, wie ich es mit
meinem Mann war; mit meinem
Mann, den ich, das schwöre ich
dir, mehr als mich selbst liebe,
mehr als alles auf der Welt! Er
begann zu denken: "Nun, und
diese Frau, die sich ihrem Mann
gegenüber so benimmt, ist einen
Augenblick lang in meinen Armen
gelegen! Und deshalb könnte doch
auch meine Frau, in einem
Augenblick... wer weiß?... wer
kann das je wissen?...". Und so
ist er wahnsinnig geworden.
Ach! Sag nichts, Bice, ich bitte
dich, sag nichts!"
Gabriella Vanzi
stand auf, totenbleich und
zitternd.
Sie hatte
gehört, wie draußen, im
Vorzimmer die Türe aufgegangen
war. Ihr Mann kam nach Hause.
Als Donna
Bicetta Daddi sah, wie ihre
Freundin mit einem Schlag ihr
früheres Gesicht wieder
zurückbekam, rosig, mit klaren
Augen, und einem Lächeln auf den
Lippen, als sie ihrem Mann
entgegenging, da blieb sie fast
zerstört zurück.
Gar nichts, ja,
das stimmte: keine Verwirrung
mehr, keine Gewissensbisse,
keine Spur...
Und Donna
Bicetta begriff ganz und gar,
weshalb ihr Mann, Romeo Daddi,
wahnsinnig geworden war.
* * *
*
Erstveröffentlichung
1913 in Aprutium
(Darunter vom Autor
vermerkt: Juni 1913).
Die Novelle war Vorbild
für das dreiaktige Stück
Man weiß nicht wie
(Uraufführung 1934,
erscheint in unserer
Ausgabe in Band 11,
Heinrich IV. und andere
Stücke). Keine
wesentlichen Varianten
bekannt.
Anfangenseite
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oltre che da contributi dei nostri
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estratto quanto di pertinenza, citandone,
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caso di segnalazione da parte dei
proprietari di tali siti inerente la loro
contrarietà alla pubblicazione su
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contestate, verranno immediatamente rimosse. |
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