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Eine Stimme
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(Una voce – 1923) |
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aus dem Italienischen von Michael
Rössner
Wenige Tage vor ihrem Tod hatte die
Marchesa, mehr um ihr Gewissen zu beruhigen als aus
einem sonstigen Grund, auch den Doktor Giunio Falci
wegen ihres seit einem Jahr erblindeten Sohnes
Silvio konsultieren wollen. Sie hatte ihn von den
bedeutendsten Augenärzten Italiens und des Auslands
untersuchen lassen, und alle hatten diagnostiziert,
er leide an unheilbarem grünen Star.
Doktor Giunio Falci war vor kurzem
zum Vorstand der Augenklinik berufen worden; aber
sei es wegen seiner müden, immer ein wenig
geistesabwesenden Erscheinung, sei es wegen seines
unvorteilhaften Äußeren oder wegen dieses stets
lässigen und schlaksigen Ganges: es gelang ihm
einfach nicht, bei irgend jemandem Sympathien oder
gar Vertrauen zu erwerben. Er wußte das, ja, es
schien, als freue er sich sogar darüber. An die
Schüler, an die Patienten, richtete er neugierige,
scharfe Fragen, die den Gesprächspartner erstarren
ließen und aus der Fassung brachten; und allzu
deutlich ließ er erkennen, was für ein Bild er sich
vom Leben gemacht hatte: nackt und entblößt von all
den geheimen und beinahe notwendigen Heucheleien,
von diesen spontanen, unumgänglichen Illusionen, die
jeder sich unwillkürlich schafft und aufbaut, aus
einem instinktiven Bedürfnis heraus, fast aus einer
Art sozialen Schamgefühls. Auf diese Weise wurde
seine Gesellschaft auf die Dauer unerträglich.
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Auf Bitten der Marchesa hatte er die
Augen des jungen Mannes bedächtig und sorgfältig
untersucht, ohne - wenigstens nach außen hin - auf
all das zu achten, was ihm die Marchesa unterdessen
über seine Krankheit, das Urteil der anderen Ärzte
und die verschiedenen versuchten Behandlungsmethoden
erzählte. Grüner Star? Nein. Es schien ihm nicht so,
als wären in diesen Augen die charakteristischen
Zeichen dieser Krankheit, der bläuliche oder
grünliche Schimmer der undurchsichtigen Stelle, usw.
usf., zu erkennen; es schien ihm vielmehr, als hätte
er es mit einer seltenen und seltsamen Abart jener
Krankheit zu tun, die man üblicherweise Katarakta##
oder grauer Star nennt. Aber so im ersten Augenblick
hatte er der Mutter nichts von seinem Zweifel
erzählen wollen, um nicht in ihr plötzlich eine auch
noch so zarte Hoffnung aufkeimen zu lassen. So hatte
er das lebhafte Interesse unterdrückt, daß dieser
seltsame Fall in ihm ausgelöst hatte, und hatte ihr
stattdessen bloß seinen Wunsch mitgeteilt, den
Kranken in ein paar Monaten noch einmal zu
untersuchen.
Und er war tatsächlich
wiedergekommen; aber merkwürdigerweise fand er dabei
in dieser neuen, stets ausgestorbenen Straße am Ende
der Prati di Castello, in der die Villa der Marchesa
Borghi stand, vor dem offenstehenden Gartentor eine
Traube von Neugierigen vor: Die Marchesa Borghi war
plötzlich in dieser Nacht verstorben.
Was sollte er tun? Umdrehen? Für
einen Augenblick dachte er daran, hätte er dieser
armen Mutter bei seiner ersten Visite von seinem
Zweifel erzählt, daß es sich bei der Krankheit des
jungen Mannes tatsächlich um grünen Star handle,
dann wäre sie nicht mit dem verzweifelten Gedanken
gestorben, ihren Sohn als unheilbar Blinden
zurückzulassen. Nun, wenn es ihm schon nicht mehr
gegeben war, die Mutter mit dieser Hoffnung zu
trösten, konnte er dann nicht wenigstens versuchen,
damit dem armen Hinterbliebenen, der so plötzlich
einen neuen, schweren Schicksalsschlag erlitten
hatte, Trost zu bringen?
Und er hatte die Villa betreten.
Nach einer langen Wartezeit trat in
dem dort herrschenden Gewühl eine junge Dame vor ihn
hin, schwarz gekleidet, blond, mit steifem, ja
strengem Ausdruck: die Gesellschaftsdame der
verblichenen Marchesa. Doktor Falci legte ihr den
besonderen Grund seines Besuches dar, der ansonsten
ja höchst zur Unzeit erfolgt wäre. An einer
bestimmten Stelle fragte die junge Dame ihn mit
einem Ausdruck leichter Verwunderung, der ihr
Mißtrauen verriet: "Ja, tritt denn der graue Star
auch bei jungen Menschen auf?"
Falci hatte ihr eine Zeit lang in
die Augen gesehen, dann hatte er ihr mit einem
ironischen Lächeln, das mehr im Blick als auf den
Lippen zu erkennen war, geantwortet: "Und warum
nicht? Moralisch immer, Signorina: Dann, wenn sie
sich verlieben. Aber auch physisch, leider Gottes."
Die Signorina hatte sich daraufhin
noch mehr versteift und das Gespräch abgebrochen,
indem sie sagte, der augenblickliche Zustand des
Marchese ließe es nicht zu, ihm von irgend etwas zu
sprechen; aber sie würde ihm, sobald er sich ein
wenig beruhigt habe, von diesem Besuch erzählen, und
er würde ihn dann sicherlich bald zu holen lassen.
Mehr als drei Monate waren
vergangen; Doktor Giunio Falci war nicht wieder
geholt worden.
Um ehrlich zu sein, bei seinem
ersten Besuch hatte der Doktor bei der verstorbenen
Marchesa einen sehr schlechten Eindruck
hinterlassen. Signorina Lydia Venturi, die nun als
Gesellschafterin und Vorleserin des jungen Marchese
im Hause geblieben war, erinnerte sich noch sehr gut
daran. Aufgrund einer instinktiven Abneigung gegen
diesen überaus unsympathischen Doktor kam ihr
unterdessen die Frage gar nicht in den Sinn, ob der
Eindruck der Marchesa nicht am Ende ein ganz anderer
gewesen wäre, wenn Falci ihr Hoffnungen darauf
gemacht hätte, die Genesung ihres Sohnes wäre nicht
völlig unwahrscheinlich. In ihrer Perspektive
erschien der zweite Besuch noch schlimmer und erst
recht als der eines Scharlatans: dieses Kommen
ausgerechnet an dem Tag, an dem die Marchesa
gestorben war, um einen Zweifel zu äußern, eine
Hoffnung dieser Art zu entzünden. Umso mehr, als der
junge Marchese sich allmählich mit seinem Schicksal
abzufinden schien. Als ihm so plötzlich die Mutter
gestorben war, da hatte er neben dem Dunkel seiner
Blindheit noch ein anderes Dunkel sich auftun
gefühlt, mehr in sich drinnen als draußen, ein
schreckliches Dunkel, dem gegenüber freilich alle
Menschen blind sind. Aber wer gesunde Augen hat, der
kann sich von diesem Dunkel mit dem Anblick der
Dinge ringsumher ablenken, er jedoch konnte das
nicht: blind für das Leben, war er nun auch blind
für den Tod. Und in diesem anderen Dunkel, das noch
kälter und finsterer war, war nun seine Mutter
verschwunden, schweigend, und hatte ihn allein
zurückgelassen, in einer entsetzlichen Leere.
Ganz plötzlich - er wußte nicht so
recht, von wem - war eine Stimme von unendlicher
Sanftheit zu ihm gedrungen, wie ein zarter
Lichtschimmer. Und an diese Stimme hatte sich seine
ganze in dieser entsetzlichen Leere verlorene Seele
geklammert.
Nichts anderes als eine Stimme war
für ihn Signorina Lydia. Aber dennoch war sie es,
die mehr als alle anderen in den letzten Monaten
seiner Mutter nahegestanden hatte. Und seine Mutter
- er erinnerte sich daran - hatte, wenn sie ihm von
ihr erzählte, immer gesagt, daß sie brav sei und
aufmerksam, von ausgezeichneten Manieren, gebildet,
klug; und genauso empfand er sie nun in den
Aufmerksamkeiten, die sie ihm angedeihen ließ, in
dem Trost, den sie ihm spendete.
Lydia hatte seit den ersten Tagen
den Verdacht gehabt, daß die Marchesa Borghi, als
sie sie einstellte, es nicht ungern gesehen hätte,
wenn der unglückiche Sohn sich in irgendeiner Form
mit ihr getröstet hätte; sie war darüber bitter
gekränkt und hatte ihren natürlichen Stolz
gezwungen, sich zu einer geradezu strengen
Unnahbarkeit zu versteifen. Aber nach dem Unglück,
als er da unter verzweifeltem Schluchzen eine ihrer
Hände ergriffen hatte, um sein schönes, bleiches
Gesicht an sie zu lehnen, wobei er stöhnte:
"Verlassen Sie mich nicht!... verlassen Sie mich
nicht!", da fühlte sie, wie sie das Mitleid, die
Rührung überwältigten, und sie hatte sich ihm
gewidmet, ohne weiter Verdacht zu nähren.
Bald hatte er begonnen, sie mit der
schüchternen, aber hartnäckigen und zermürbenden
Neugier der Blinden zu quälen. Er wollte sie in
seinem Dunkel "sehen"; er wollte, daß ihre Stimme in
ihm zum Bild würde.
Zuerst waren es vage, kurze Fragen.
Er wollte ihr erzählen, wie er sie sich vorstellte,
wenn er sie vorlesen oder sprechen hörte.
"Sie sind blond, nicht wahr?"
"Ja."
Blond war sie freilich; aber die ein
wenig groben, eher schütteren Haare kontrastierten
in seltsamer Weise mit der ein bißchen trüben Farbe
der Haut. Wie sollte sie ihm das sagen? Und warum?
"Und ihre Augen sind blau?"
"Ja."
Blau, jawohl; aber düster, traurig,
zu tief eingegraben unter der ernsten, traurigen,
vorspringenden Stirn. Wie sollte sie ihm das sagen?
Und warum?
Schön war sie nicht, was das Gesicht
betraf; aber sie hatte eine sehr elegante Figur.
Schön, wahrhaft schön, waren ihre Hände und ihre
Stimme. Ihre Stimme ganz besonders. Von einer
unfaßbaren Sanftheit, die im Gegensatz zu dem
düsteren, stolzen und traurigen Ausdruck des
Gesichtes stand.
Sie wußte, wie er, durch den Zauber
dieser Stimme und aufgrund der schüchternen
Antworten, die er auf seine insistenten Fragen
erhielt, sie sah; und sie mühte sich vor dem Spiegel
ab, diesem fiktiven Bild ihrer selbst ähnlich zu
sehen, sie bemühte sich, sich selbst so zu sehen,
wie er in seinem Dunkel sie sah. Und längst kam ihre
Stimme für sie selbst nicht mehr aus ihren eigenen
Lippen, sondern aus denen, die er sich für sie
vorstellte; und wenn sie lachte, hatte sie sofort
den Eindruck, nicht selbst gelacht zu haben, sondern
viel eher ein Lächeln nachgeahmt zu haben, das nicht
ihr gehörte, das Lächeln dieser anderen, die in ihm
lebte.
All das verursachte ihr so etwas wie
eine taube Qual, es bedrückte sie. Es schien ihr,
sie wäre nicht mehr sie, sie würde sich nach und
nach selbst aufgeben, durch das Mitleid, das dieser
junge Mann in ihr hervorrief. War es nur Mitleid?
Nein; es war jetzt auch Liebe. Sie verstand ihre
Hand nicht mehr von der seinen zurückzuziehen, ihr
Gesicht von seinem abzuheben, wenn er sie zu nahe an
sich heranzog.
"Nein! So nicht... so nicht..."
Es galt nun schnell zu einer
Entscheidung zu kommen, zu einer Entscheidung, die
Signorina Lydia einen langen und harten Kampf mit
sich selbst bescherte. Der junge Marchese hatte
keine Verwandten, er war sein eigener Herr und
konnte also tun und lassen, was ihm gefiel. Aber
würden nicht die Leute sagen, sie nütze sein Unglück
aus, um geheiratet zu werden, um sich zur reichen
Marchesa aufzuschwingen? Na freilich, das und noch
vieles andere mehr würden sie sagen. Aber
andererseits: wie sollte sie länger in diesem Haus
bleiben, wenn nicht um diesen Preis? Und wäre es
nicht eine Grausamkeit gewesen, diesen Blinden zu
verlassen, ihm nur aus Angst vor der Böswilligkeit
der anderen ihre liebevolle Pflege zu entziehen?
Sicherlich, es war für sie ein großes Glück; aber
sie fühlte ehrlichen Herzens auch, daß sie es sich
verdiente, denn sie liebte ihn wirklich; ja, das
größte Glück war für sie sogar dieses: ihn offen
lieben zu dürfen, sich die Seine nennen zu dürfen,
ganz und für immer die Seine, sich ganz und für
immer, mit Seele und Körper ihm widmen zu können. Er
konnte sich nicht sehen: er sah nichts anderes in
sich als sein Unglück; aber dabei war er doch so
schön! Und zart war er, wie ein Mädchen; und sie
konnte, wenn sie ihn ansah, sich an ihm erfreute,
ohne daß er es merkte, denken: "Nun bist du ganz
mein, weil du dich nicht siehst und kein Bewußtsein
von dir hast; denn deine Seele ist wie gefangen in
deinem Unglück und bedarf meiner, um sehen und
fühlen zu können." Aber galt es nicht zuerst, ihm
seinen Willen zu tun und ihm zu gestehen, daß sie
nicht so war, wie er sie sich vorstellte? Wäre ihr
Schweigen nicht Betrug? Jawohl, ein Betrug. Aber er
war ja doch blind, und für ihn mochte daher ein Herz
wie das ihre, ergeben und glühend, und die Illusion
ihrer Schönheit genug sein. Häßlich war sie ja im
übrigen auch nicht. Und dann eine Schöne, eine
wirklich Schöne, na, wer weiß! Die hätte ihn
vielleicht noch ganz anders getäuscht, sein Unglück
ausnützend, während er doch eigentlich statt eines
schönen Gesichtes, das er doch nie sehen würde
können, ein liebendes Herz nötig hatte.
Nach einigen Tagen bangen Ringens
wurde die Hochzeit festgesetzt. Sie sollte ohne
jeden Pomp stattfinden, und bald, sofort nach Ende
der Trauerzeit von einem halben Jahr.
Sie hatte also noch ungefähr
anderthalb Monate Zeit, um das Notwendige, so gut es
ging, vorzubereiten. Es waren Tage intensiven
Glücks: die Stunden flogen nur so dahin zwischen den
fröhlichen, hastigen Besorgungen für das Nestchen,
das sie sich bauen wollten, und den Liebkosungen,
denen sie sich ein wenig trunken entwand, mit zarter
Gewalt, um aus dieser Freiheit, die das
Zusammenleben ihrer Liebe gewährte, ein Stückchen
Seligkeit, das allerstärkste, für den Hochzeitstag
aufzubewahren.
Es fehlte noch wenig mehr als eine
Woche zum Hochzeitstag, als Lydia plötzlich ein
Besuch von Doktor Giunio Falci gemeldet wurde.
In der ersten Regung wollte sie
schon sagen: "Ich bin nicht zu Hause!"
Aber der Blinde, der das Flüstern
gehört hatte, fragte: "Wer ist da?"
"Doktor Falci", antwortete der
Diener.
"Weißt du", ergänzte Lydia, "dieser
Arzt, den deine arme Mama wenige Tage vor dem
Unglück rufen ließ."
"Ach ja!", rief Borghi, sich
erinnernd. "Er hat mich ja lange untersucht... sehr
lange, ich erinnere mich gut, und er sagte, er wolle
wiederkommen, um..."
"Warte", unterbrach ihn Lydia eilig,
in höchster Erregung. "Ich werde mit ihm sprechen."
Doktor Giunio Falci stand mitten im
Salon, den dicken, kahlen Kopf zurückgeworfen, die
Augen halb geschlossen, und zupfte zerstreut mit
einer Hand an seinem stacheligen Kinnbart.
"Nehmen Sie doch Platz, Herr
Doktor", sagte Signorina Lydia, die eingetreten war,
ohne daß er es bemerkt hatte.
Falchi zuckte zusammen, verneigte
sich und hob an: "Sie werden verzeihen, wenn..."
Aber sie wollte ihm in ihrer
Verwirrung und Erregung zuvorkommen: "Wir haben Sie
bislang nicht rufen lassen, weil..."
"Auch jener andere Besuch von mir
erfolgte vielleicht nicht gerade im richtigen
Moment", sagte Falci, ein leichtes, sarkastisches
Lächeln auf den Lippen. "Aber Sie werden mir
vergeben, Signorina."
"Nein... warum denn? Im
Gegenteil..." erwiderte Lydia errötend.
"Sie wissen ja nicht", setzte Falci
fort, "was für ein unbändiges Interesse in einem
armen Menschen, der sich der Wissenschaft
verschrieben hat, gewisse Krankheitsfälle
hervorrufen können... Aber ich will Ihnen die
Wahrheit gestehen, Signorina: ich hatte diesen Fall,
wenn er auch meiner Meinung nach sehr selten und
merkwürdig sein mag, einfach vergessen. Gestern
jedoch, als ich mit ein paar Freunden über dies und
das plauderte, habe ich von der bevorstehenden
Hochzeit des Marchese Borghi mit Ihnen erfahren,
Signorina: ist es wahr?"
Lydia erbleichte und bejahte mit
einem abweisenden Kopfnicken.
Anfangenseite
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"Erlauben Sie,
daß ich meine Glückwünsche zum
Ausdruck bringe", fuhr Falci
fort. "Aber sehen Sie, da habe
ich mich mit einem Schlag
erinnert. Ich habe mich an die
Diagnose grüner Star erinnert,
die von so vielen meiner
hochgeschätzten Herren Kollegen
vertreten wurde, wenn ich mich
nicht täusche. Eine im Prinzip
überaus verständliche Diagnose,
glauben Sie mir. Ich bin jedoch
sicher, hätte die Frau Marchesa
ihren Sohn von diesen Kollegen
zu dem Zeitpunkt untersuchen
lassen, zu dem ich ihn sah, so
hätten auch die leicht erkannt,
daß man von einem grünen Star im
eigentlichen Sinn hier nicht
sprechen kann. Na gut. Ich habe
mich auch an meinen zweiten,
überaus mißglückten Besuch
erinnert, und habe gedacht, daß
Sie, Signorina, zuerst in der
Aufregung über den plötzlichen
Tod der Marchesa, dann in der
Freude über dieses neue Ereignis
sicherlich vergessen hatten,
nicht wahr?, vergessen
hatten..."
"Nein!",
schleuderte ihm Lydia an dieser
Stelle entgegen, als wollte sie
sich gegen die Qualen wehren,
die ihr die lange, giftige Rede
des Doktors bereitet hatte.
"Ach, nein?"
fragte Falci.
"Nein",
wiederholte sie hartnäckig und
fest. "Ich habe mich vielmehr
daran erinnert, wie wenig
Vertrauen, um nicht zu sagen gar
keines, die Marchesa - Sie
entschuldigen schon - auch nach
Ihrem Besuch in die
Heilungsmöglichkeiten für ihren
Sohn setzte."
"Aber ich habe
ja nicht zur Marchesa davon
gesprochen", gab Falci sofort
zurück, "daß die Krankheit ihres
Sohnes meiner Ansicht nach..."
"Das stimmt, Sie
haben zu mir davon gesprochen",
schnitt ihm Lydia erneut das
Wort ab. "Aber auch ich, wie die
Marchesa, ..."
"Auch Sie haben
wenig Vertrauen, um nicht zu
sagen gar keines?", unterbrach
sie nun Falci seinerseits. "Das
macht nichts. Aber haben Sie dem
Herrn Marchese demnach also
nichts von meinem Besuch und
seinem Grund erzählt?"
"Im Augenblick
nicht."
"Und nachher?"
"Auch nicht.
Denn..."
Doktor Falci hob
eine Hand auf: "Ich verstehe.
Wenn einmal die Liebe erwacht
ist... Aber Sie, Signorina,
entschuldigen Sie bitte: ja, ich
weiß, man sagt, die Liebe ist
blind; aber wollen Sie sie nun
wirklich so blind haben, die
Liebe des Herrn Marchese? Auch
physisch blind?"
Lydia fühlte,
daß gegen die sichere, bissige
Kälte dieses Mannes die stolze
und abweisende Haltung nicht
ausreichte, in der sie sich nach
und nach immer mehr versteifte,
um ihre Würde gegen einen
gemeinen Verdacht zu
verteidigen. Sie bemühte sich
jedoch, noch ihre Beherrschung
zu wahren und fragte mit
scheinbarer Ruhe: "Sie beharren
also darauf, daß der Marchese
mit Ihrer Hilfe das Augenlicht
zurückbekommen könnte?"
"Langsam,
langsam, Signorina", antwortete
Falci, indem er wiederum die
Hand aufhob. "Ich bin nicht
allmächtig wie der liebe
Herrgott. Ich habe die Augen des
Herrn Marchese ein einziges Mal
untersucht, und es schien mir,
als könnte man mit völliger
Sicherheit einen Fall von grünem
Star ausschließen. Nun, das, was
wie ein Zweifel erscheinen mag
oder auch wie eine Hoffnung, das
sollte Ihnen doch genügen, meine
ich, wenn Ihnen, wie ich
annehmen will, tatsächlich das
Wohl Ihres Verlobten am Herzen
liegt."
"Und wenn der
Zweifel", erwiderte Lydia
schnell in herausforderndem Ton,
"nach Ihrer Visite nicht mehr
bestehen bliebe, und die
Hoffnung enttäuscht würde?
Hätten Sie dann nicht grundlos,
ja grausam, eine Seele
aufgestört, die sich bereits mit
ihrem Schicksal abgefunden
hatte?
"Nein,
Signorina", entgegnete Falci mit
ruhiger und ernster Härte.
"Immerhin habe ich es als meine
ärztliche Pflicht erachtet, auch
ohne Aufforderung zu Ihnen zu
kommen. Denn, das sollen Sie
wissen, hier glaube ich, es
nicht nur mit einem
Krankheitsfall, sondern auch mit
einem - viel schwerer wiegenden
- Gewissensproblem zu tun zu
haben."
"Sie
verdächtigen mich also...",
versuchte Lydia ihn zu
unterbrechen, aber Falci gab ihr
keine Gelegenheit
weiterzusprechen.
"Sie selbst",
fuhr er fort, "haben mir eben
gesagt, Sie hätten dem Marchese
meinen Besuch verschwiegen, und
zwar mit einer Entschuldigung,
die ich nicht akzeptieren kann,
nicht, weil sie mich beleidigen
könnte, sondern weil Vertrauen
oder Mißtrauen in meine Kunst
nicht Ihnen obliegt, sondern dem
Marchese. Sehen Sie, Signorina:
es mag auch so etwas wie
Eigensinn von meiner Seite sein,
ich leugne das gar nicht; ja,
ich verspreche Ihnen sogar, daß
ich von dem Herrn Marchese keine
Bezahlung annehmen werde, wenn
er zu mir in die Klinik kommt,
wo er jede Behandlung und jede
Hilfe erhalten wird, die die
Wissenschaft zu geben vermag,
ohne jegliches materielle
Interesse. Ist es nach dieser
Erklärung zu viel verlangt, wenn
ich Sie bitte, dem Herrn
Marchese meinen Besuch
anzukündigen?"
Lydia stand auf.
"Warten Sie",
sagte Falci daraufhin, indem er
gleichfalls aufstand und seine
gewohnte Haltung wieder einnahm.
"Ich sage Ihnen, ich werde dem
Marchese gegenüber nicht
erwähnen, daß ich damals
gekommen bin. Ich werde ihm
vielmehr sagen, wenn Sie das
wollen, daß Sie mich aus Sorge
vor der Hochzeit rufen ließen."
Lydia sah ihm
stolz in die Augen.
"Sie werden die
Wahrheit sagen. Vielmehr, ich
werde sie sagen."
"Daß Sie mir
nicht geglaubt haben?"
"Genau das."
Falci zuckte die
Achseln und lächelte.
"Das könnte
Ihnen schaden. Und das möchte
ich nicht. Wenn Sie lieber
meinen Besuch bis nach der
Hochzeit aufschieben wollen,
sehen Sie, ich wäre auch
durchaus bereit, später
wiederzukommen."
"Nein", sagte
Lydia, mehr mit einer Geste als
mit der Stimme, erstickt von dem
inneren Aufruhr, mit glühendem
Gesicht vor Scham angesichts der
scheinbaren Großzügigkeit des
Arztes; mit der Hand bedeutete
sie ihm einzutreten.
Silvio Borghi
wartete schon ungeduldig in
seinem Zimmer.
"Hier ist Doktor
Falci", sagte Lydia, als sie
steif und verkrampft ins Zimmer
trat. "Wir haben da drüben ein
Mißverständnis ausgeräumt. Du
erinnerst dich doch daran, daß
der Doktor bei seinem ersten
Besuch gesagt hatte, er wollte
wiederkommen, nicht wahr?"
"Ja", antwortete
Borghi. "Ich erinnere mich sehr
gut, Herr Doktor!"
"Du weißt noch
nicht", setzte Lydia fort, "daß
er tatsächlich wiederkam, und
zwar an demselben Morgen, an dem
das Unglück mit deiner Mutter
geschehen war. Und damals hat er
mit mir gesprochen. Er sagte, er
sei der Ansicht, deine Krankheit
wäre nicht genau diejenige, die
von den vielen anderen Ärzten
festgestellt worden war; daher
wäre deine Heilung seiner
Meinung nach nicht ganz
unmöglich. Ich habe dir nichts
davon gesagt."
"Weil die
Signorina, verstehen Sie",
beeilte sich Doktor Falci
anzufügen, "da es sich ja nur um
einen Zweifel handelte, den ich
in diesem Augenblick und in sehr
vager Form ausgesprochen hatte,
der Meinung war, es handle sich
um eine Art Trost, den ich in
dieser Stunde hätte bringen
wollen, und der Sache daher
keine große Bedeutung beimaß."
"Das ist es, was
ich gesagt habe, nicht das, was
Sie denken", entgegnete Lydia
rasch und stolz. "Doktor Falci
hat vermutet, was im übrigen
wahr ist, nämlich, daß ich dir
nichts von seinem zweiten Besuch
gesagt hätte; und so ist er von
sich aus noch vor der Hochzeit
zu uns gekommen, um dir
unentgeltlich seine Behandlung
anzubieten. Und nun kannst du
mit ihm glauben, Silvio, ich
wollte dich lieber blind lassen,
damit du mich heiratest."
"Was sagst du
da, Lydia?", fuhr der Blinde
auf.
"Aber freilich",
setzte sie schnell hinzu, mit
einem seltsamen Lachen. "Und das
kann sogar stimmen, denn
tatsächlich könnte ich nur
unter dieser Bedingung die Deine
werden..."
"Was sagst du
da?", wiederholte Borghi, ihr
ins Wort fallend.
"Du wirst es
noch merken, Silvio, wenn es dem
Doktor Falci gelingt, dir das
Augenlicht zurückzugeben. Ich
lasse euch allein."
"Lydia! Lydia!",
schrie Borghi.
Aber sie war
bereits hinausgegangen und hatte
die Türe ins Schloß geworfen.
Sie warf sich
aufs Bett, biß voller Wut in ein
Kissen und brach zunächst in ein
unstillbares Schluchzen aus. Als
die erste Wut des Weinens
vorüber war, überkam sie eine
große Bestürzung und so etwas
wie Abscheu vor ihrem Gewissen.
Es schien ihr, als hätte sie all
das, was der Arzt ihr in seiner
kalten, beißenden Art an den
Kopf geworfen hätte, sich längst
schon selbst gesagt, oder
besser, als hätte jemand in ihr
es gesagt; und sie hatte getan,
als höre sie es nicht. Ja,
freilich, ständig, in einem fort
hatte sie an Doktor Falci
gedacht, und immer, wenn sein
Bild in ihr aufgestiegen war,
wie das Gespenst eines
Gewissensbisses, hatte sie es
mit einem Schimpfwort
verscheucht: "Scharlatan!" Denn
- wie hätte sie das jetzt noch
leugnen können? - sie wollte,
sie wollte wirklich, daß ihr
Silvio blind bleiben sollte.
Seine Blindheit war die
unverzichtbare Voraussetzung
seiner Liebe. Denn wenn er
morgen das Sehvermögen
wiedererlangt hätte, schön wie
er war, jung, reich, ein
adeliger Herr, weshalb hätte er
dann noch sie heiraten sollen?
Aus Dankbarkeit? Aus Mitleid?
Ach, nur aus diesem Grund! Und
also nicht, nein! Selbst wenn er
es gewollt hätte: sie nicht! wie
hätte sie das annehmen können,
sie, die sie ihn liebte und ihn
nur um dieser Liebe willen
wollte? Sie, die sie in seinem
Unglück den Grund seiner Liebe,
ja, beinahe die Entschuldigung
dafür sah gegenüber der
Böswilligkeit der anderen? Kann
man also so nachgeben, ohne es
zu merken, mit dem eigenen
Gewissen Kompromisse schließen,
bis man ein Verbrechen begeht?
Bis man das eigene Glück auf dem
Unglück eines anderen aufbaut?
Nein, sie hatte ja wirklich nie
daran geglaubt, daß dieser da,
ihr Feind, das Wunder
vollbringen und ihrem Silvio das
Augenlicht zurückgeben könnte;
sie glaubte es nicht einmal
jetzt; aber warum hatte sie
geschwiegen? Wirklich deshalb,
weil sie nicht geglaubt hatte,
daß man diesem Arzt Vertrauen
schenken dürfe? Oder nicht
vielleicht doch deshalb, weil
der Zweifel, den der Arzt
ausgesprochen hatte, und der für
Silvio wie ein Hoffnungsschimmer
sein würde, für sie dagegen den
Tod bedeutet hätte, den Tod
seiner Liebe, wenn er zur
Gewißheit geworden wäre? Auch
jetzt noch konnte sie glauben,
daß ihre Liebe genügen würde, um
den Blinden für das verlorene
Augenlicht zu entschädigen, ja,
daß ihm, wenn er nun durch ein
Wunder sein Sehvermögen
zurückgewänne, weder dieses
höchste Glück, noch alle
Vergnügungen, die er sich mit
seinem Reichtum kaufen könnte,
noch die Liebe einer anderen
Frau Ersatz für den Verlust
ihrer Liebe bieten könnte. Aber
das waren Gründe, die für sie
selbst zählten, nicht für ihn.
Wenn sie nun vor ihn hingetreten
wäre, um ihm zu sagen: "Silvio,
du mußt wählen zwischen dem
Augenlicht und meiner Liebe?" -
"Und warum willst du mich denn
blind lassen?", hätte er ihr
sicher geantwortet. Ja, weil
eben nur so, um den Preis seines
Unglücks, ihr Glück möglich war.
Plötzlich sprang
sie auf, als hätte sie jemand
gerufen. War die Untersuchung
dort drüben denn noch immer
nicht zu Ende? Was mochte der
Arzt wohl sagen? Was würde er
denken? Sie verspürte die
Versuchung, auf Zehenspitzen zu
dieser Tür zu schleichen, die
sie selbst geschlossen hatte,
und zu lauschen; aber sie hielt
sich zurück. Ja, das war's: sie
war draußen vor der Tür
geblieben. Sie selbst hatte sie
sich zugeschlagen, mit ihren
eigenen Händen, auf immer. Aber
hätte sie vielleicht die
giftigen Angebote dieses
Menschen annehmen sollen? Er
hatte sich ja sogar dazu
verstiegen, ihr vorzuschlagen,
man könnte seinen Besuch bis
nach der Hochzeit aufschieben. -
Wenn sie das angenommen hätte...
Nein! Nein! Sie krampfte sich
zusammen, vor Abscheu und Ekel.
Was für ein infamer Tauschhandel
wäre das gewesen! Der häßlichste
Betrug, den man sich denken
konnte! Und danach? Verachtung,
aber keine Liebe mehr...
Sie hörte, wie
die Türe aufging; sie zuckte
zusammen. Instinktiv lief sie in
den Korridor hinaus, durch den
Falci kommen mußte.
"Ich habe
versucht, das wiedergutzumachen,
was Ihre übermäßige Offenheit
bewirkt hat, Signorina", sagte
er kalt. "Meine Diagnose hat
sich erhärtet. Der Marchese
kommt morgen früh zu mir auf die
Klinik. Gehen Sie, gehen Sie
einstweilen zu ihm, er erwartet
Sie. Auf Wiedersehen."
Wie vernichtet,
leer, blieb sie stehen und
folgte ihm mit den Augen bis an
das Ende des Korridors. Dann
hörte sie Silvios Stimme, der
nach ihr rief, von dort drinnen.
Sie fühlte, wie ein Aufruhr in
ihr zu toben begann; sie empfand
etwas wie Schwindel; sie fiel
beinahe zu Boden; sie schlug die
Hände vors Gesicht, um die
Tränen zurückzuhalten; dann lief
sie zu ihm.
Er erwartete sie
sitzend, mit ausgebreiteten
Armen; dann drückte er sie an
sich, fest, ganz fest, und
schrie sein Glück hinaus, daß er
für sie allein sein Augenlicht
zurückhaben wollte, um sie zu
sehen, seine liebe, schöne, süße
Braut.
"Du weinst?
Warum? Ach, ich weine ja auch,
siehst du? Ach, welche Freude!
Ich werde dich sehen... ich
werde dich sehen! Ich werde
sehen!"
Jedes Wort war
für sie ein Tod; so sehr, daß er
mitten in seiner Freude begriff,
daß ihr Weinen nicht so war wie
das seine. Da begann er ihr zu
sagen, daß er freilich, ach! na
freilich, auch er, an einem Tag
wie damals den Worten des Arztes
nicht geglaubt hätte, und also
Schluß damit, kein Wort mehr!
Was dachte sie denn noch darüber
nach? Heute war ein Festtag!
Fort mit all der Betrübnis! Fort
mit allen Gedanken, mit einer
Ausnahme, dieser: daß sein Glück
nun endlich vollständig sein
würde, denn er würde seine Braut
sehen. Nun hätte sie ein bißchen
mehr Muße, mehr Zeit, um das
gemeinsame Nestchen zu bauen;
und schön sollte es sein, wie
ein Traum, dieses Nestchen, das
er als erstes Ding auf der Welt
sehen würde. Ja, er verspreche
es, er würde mit verbundenen
Augen aus der Klinik kommen und
sie hier zum ersten Mal
aufschlagen, in seinem Nestchen.
"Sag doch was!
Sprich zu mir! Laß mich doch
nicht allein reden!"
"Strengt es dich
an?"
"Nein... Frag
mich noch einmal: "Strengt es
dich an?", mit dieser deiner
Stimme. Laß sie mich küssen,
hier, auf deinen Lippen, diese
deine Stimme..."
"Ja..."
"Und jetzt
sprich; erzähl mir, wie du es
mir bauen wirst, unser
Nestchen."
"Wie?"
"Ja, bis jetzt
habe ich dich nichts darüber
gefragt. Aber nein, ich will
nichts darüber wissen, auch
jetzt noch nicht. Du sollst
alles allein machen. Es wird für
mich ein Wunder sein, ein
Zauber... aber zuerst werde ich
gar nichts sehen: nur dich
allein!"
Sie unterdrückte
entschlossen das verzweifelte
Weinen, ihr Gesicht begann zu
strahlen, und dort, vor ihm
kniend, er über sie gebeugt, sie
umarmend, begann sie, ihm von
ihrer Liebe zu sprechen, beinahe
ins Ohr flüsternd, mit ihrer
Stimme, die mehr denn je süß und
zauberhaft klang. Aber als er
sie dann trunken an sich zog und
drohte, sie nicht mehr loslassen
zu wollen, in diesem Augenblick
entwand sie sich ihm, richtete
sich auf, stolz, wie auf einen
Sieg über sich selbst. Ja, sie
hätte es in der Hand gehabt,
auch jetzt noch, ihn
unauflöslich an sich zu binden.
Aber nein! Denn sie liebte ihn.
Diesen ganzen
Tag lang, bis spät in die Nacht
hinein, machte sie ihn mit ihrer
Stimme trunken; sie war sicher,
denn er war ja noch im Dunkel,
dort, und gehörte ihr; im
Dunkel, in dem bereits die
Hoffnung aufflackerte, schön wie
das Bild, das er sich von ihr
ausgemalt hatte.
Am nächsten
Morgen bestand sie darauf, ihn
im Wagen bis zur Klinik zu
begleiten, und beim Abschied
sagte sie ihm, sie würde nun
gleich ans Werk gehen, wie eine
eilige Schwalbe.
"Du wirst
sehen!"
Sie wartete zwei
Tage in schrecklichem Bangen auf
den Ausgang der Operation. Als
sie erfuhr, daß sie gelungen
war, wartete sie noch ein
bißchen in dem leeren Haus; sie
richtete es liebevoll für ihn
her und ließ ihm, der sie
überglücklich an seiner Seite
haben wollte, sei es auch nur
für eine Minute, bestellen, er
solle noch ein paar Tage warten;
sie käme ihn nicht besuchen, um
ihn nicht aufzuregen; der Arzt
erlaube es nicht...
"Doch?" Nun gut,
dann würde sie kommen...
Sie packte ihre
Sachen zusammen, und am Vortag
des Tages, an dem er das
Krankenhaus verlassen sollte,
reiste sie heimlich ab, um
wenigstens in seiner Erinnerung
eine Stimme zu bleiben, die er
nun vielleicht, da er jetzt aus
seinem Dunkel herausgetreten
war, auf vielen Lippen suchen
würde, aber vergebens.
***
*
Erstveröffentlichung
1904 in "Regina". Keine
wesentlichen Varianten.
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