Luigi Pirandello (1867-1936) - Novellen
EDITORISCHE NOTIZ
Nach Die Wirklichkeit des Traums
(Band 4) und den beiden Bänden Sizilianischer
Novellen (Bd. 7 und 8) wird mit dem nun vorliegenden
11. Band unserer Werkausgabe die Edition der
Novellen abgeschlossen. Die große Zahl der vom Autor
als novelle klassifizierten Kurz- und
Langerzählungen (von drei bis über dreißig
Druckseiten Umfang) ließ hier im Unterschied zu den
Gattungen Drama und Roman den Anspruch auf
Vollständigkeit nicht zu. So wurden aus dem Corpus
von über zweihundertvierzig Novellen jene
hundertachtundzwanzig ausgewählt, die am
repräsentativsten für die Themen und Schreibweisen
des Autors erschienen - und alle, die später in
dramatischer Form neu bearbeitet wurden.
Der vorliegende letzte Novellenband
versammelt die Novellen der „Spätzeit“, das heißt
Texte aus der Periode zwischen dem Jahr 1915, mit
dem Pirandellos Aufstieg als Dramatiker vor dem
Hintergrund der traumatischen Erfahrung des Ersten
Weltkriegs begann, und seinem Tod im Dezember 1936.
Es ist dies eine Zeit sehr diskontinuierlichen
Schaffens: Nach dem Weltruhm als Dramatiker und der
Hinwendung auch zur praktischen Theaterarbeit ab
etwa 1921 kommt es zu einer völligen Unterbrechung
im erzählerischen Werk: In den 20er Jahren arbeitet
Pirandello ältere Texte um, gruppiert sie neu,
vollendet den bereits weitgehend konzipierten Roman
Einer, keiner, hunderttausend, publiziert aber außer
diesem keine neuen narrativen Werke. In den 30er
Jahren dagegen, als es trotz des Nobelpreises um den
Dramatiker, vor allem aber um den Regisseur und
Theatermacher Pirandello wieder stiller wird,
erscheinen wieder dann und wann neue Texte in
Zeitungen und Zeitschriften. Die Kritik hat im
Zusammenhang mit dieser Schaffensperiode den
Vergleich mit Franz Kafka einerseits und mit den
Surrealisten andererseits bemüht; beides hat seine
Berechtigung, sollte aber nicht darüber
hinwegtäuschen, daß reale Verbindungen oder gar
Einflüsse nicht nachweisbar sind und Pirandellos
Spätwerk auch im erzählerischen Bereich eine große
thematische und ästhetische Kontinuität zu den
frühen Texten aufweist.
Der Abschied von veristischen Verfahren
etwa, der nun offenkundig ist, hatte sich von Anfang an
angekündigt; experimentelles Erzählen findet sich in
einzelnen Texten aus der mittleren Periode (etwa
Antwort, Band 4 dieser Werkausgabe) sogar in wesentlich
kühneren Varianten als hier. Um die erzähltheoretische
Entwicklung, von der die hier versammelten Geschichten
ebenso zeugen wie die späten Romane, nachvollziehen zu
können, findet der Leser in diesem Band auch die
wichtigsten Essays zur Erzähltheorie, die zwischen 1893
und 1931 entstanden sind und zusammen mit dem Essay Der
Humor (1908, Werkausgabe Band 3) die (fragmentarische)
Poetik des Erzählers Pirandello darstellen. Ausgehend
von der ideengeschichtlichen Negativbilanz Kunst und
Bewußtsein heute bieten die drei nachfolgenden Texte
Kunst und Wissenschaft, Subjektivismus und Objektivismus
in der Erzählkunst und Rede über Giovanni Verga eine
wiederholte und immer mehr vertiefte Auseinandersetzung
mit den Prinzipien von Verismus auf der einen und
Ästhetizismus (Gabriele D’Annunzio) auf der anderen
Seite, wobei Pirandello sich zu einem Prinzip der
„Aufrichtigkeit“ und zur „natürlichen“ Form bekennt.
Kein Zweifel, daß der „Dingstil“ Vergas ihm
sympathischer ist als der „Wortstil“ D’Annunzios,
wenngleich Pirandello sich mit der Schelte des
letztgenannten, der immerhin als „offizieller Poet“ des
faschistischen Italien galt, ausgerechnet in seiner
Akademierede 1931 wenig Freunde gemacht haben dürfte.
Kein Zweifel aber auch, daß ihm die Rückbindung des
Verismo an die Prinzipien des französischen Naturalismus
in immer stärkerem Maße ästhetisch inadäquat erscheint.
Was sich dabei an eigener Poetik herauskristallisiert,
kann man ‑ wenn man eine Anleihe bei den Begriffen der
Wissenschaftstheorie macht ‑ wohl am ehesten als
„Methodenpluralismus“ beschreiben, denn jedes Kunstwerk
hat bei ihm sein „eigenes inneres Lebensgesetz“: „Es ist
wirklich Zeit, daß wir ein für alle Mal mit dieser
sinnlosen Methodendiskussion Schluß machen, wenn es um
die Analyse von Kunstwerken geht. Das hält ja kein
Mensch mehr aus!“ stöhnt Pirandello in „Subjektivismus
und Objektivismus in der Erzählkunst“.
Der deutschsprachige Leser hat mit
dieser repräsentativen Auswahl von Essays nun erstmals
die Möglichkeit, Pirandellos Erzählungen und seine
Romane mit den erzähl- und kunsttheoretischen
Überlegungen des Autors zu konfrontieren. Auch wenn die
Essays kein geschlossenes und widerspruchsfreies
Theoriegebäude bilden, enthüllt sich dadurch manch neue
Facette in dem Erzählwerk dieses „Klassikers der
Moderne“.
München, Juni 1999 Michael Rössner.
© Michael Rössner.
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