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Die Wirklichkeit des Traums |
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(La realtà del sogno – 1928) |
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aus dem Italienischen von Michael
Rössner
Alles, was er sagte, schien
denselben unbestreitbaren Wert zu haben wie seine
Schönheit; beinahe so, als könnte er - da man nicht
daran zweifeln konnte, daß er ein überaus schöner
Mann war, aber auch wirklich wunderschön - ihm nie
und in nichts widersprechen.
Und er verstand nichts, er verstand
aber auch wirklich nichts von dem, was in ihr
vorging!
Wenn man sich anhören mußte, mit
welcher Sicherheit er seine Interpretationen ihrer
instinktiven Regungen, ihrer vielleicht auch
ungerechten Abneigungen und mancher ihrer Gefühle
vortrug, dann überkam sie die Versuchung, ihm das
Gesicht zu zerkratzen, ihn zu ohrfeigen, ihn zu
beißen.
Auch deshalb, weil er sie dann bei
aller Kälte und Sicherheit und diesem Stolz eines
gutaussehenden jungen Mannes in anderen Momenten
wiederum enttäuschte, wenn er sich ihr näherte, weil
er sie brauchte. Dann war er schüchtern, demütig,
flehend, mit einem Wort so, wie sie ihn in diesen
Augenblicken nicht haben wollte; so daß sie sich
auch dann gereizt fühlte, wenn auch aus einem
anderen Grund, und so sehr, daß sie - obwohl sie
dazu neigte nachzugeben - sich störrisch verhärtete;
und die Erinnerung an jeden Augenblick der Hingabe,
der im schönsten Moment von diesem Gefühl der
Gereiztheit vergiftet wurde, wandelte sich ihr zu
einem Groll.
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Er behauptete, die Verlegenheit und
Peinlichkeit, die sie angeblich allen Männern
gegenüber empfand, wären bei ihr eine fixe Idee.
"Du empfindest das, Liebe, weil du
daran denkst", wiederholte er hartnäckig.
"Ich denke daran, Lieber, weil ich
es empfinde", gab sie zurück. "Was heißt da fixe
Idee! Ich empfinde es. So ist es nun einmal. Und ich
habe meinem Vater dafür zu danken, für die
wunderbare Erziehung, die er mir angedeihen hat
lassen! Willst du vielleicht auch das noch in
Zweifel ziehen?"
Na, das wenigstens nicht, darauf
konnte man hoffen. Er hatte diese Erziehung ja
selbst während der Verlobungszeit zu spüren
bekommen. In den vier Monaten vor der Hochzeit war
ihm dort in der Kleinstadt, aus der sie stammte,
nicht einmal gestattet worden, wenn schon nicht ihre
Hand zu berühren, wenigstens zwei Wörtchen mit ihr
im Flüsterton zu wechseln.
Eifersüchtiger als ein Tiger, hatte
der Vater ihr von Kindesbeinen an einen heillosen
Schrecken vor den Männern eingejagt; nie hatte er
einen Mann ins Haus gelassen; alle Fenster wurden
hermetisch geschlossen; und die seltenen Male, die
er sie ausgeführt hatte, hatte er sie gezwungen, mit
gesenktem Kopf zu gehen wie eine Nonne und auf den
Boden zu starren, als müßte sie die Pflastersteine
zählen.
Nun, was Wunder, wenn sie nun in
Gegenwart eines Mannes diese Verlegenheit empfand,
es nicht vermochte, irgend einem in die Augen zu
sehen und nicht mehr wußte, wie sie sprechen und wie
sich bewegen sollte?
Ja, natürlich, sie hatte sich schon
seit sechs Jahren von dem Alptraum dieser wilden
väterlichen Eifersucht befreit; sie sah Leute, zu
Hause, auf der Straße; und dennoch... Sicherlich war
es nicht mehr dieser kindliche Schreck von einst;
aber eben diese Peinlichkeit. Ihre Augen, so sehr
sie sich auch bemühten, konnten niemandes Blick
aushalten; die Zunge verhedderte sich ihr im Mund,
wenn sie sprach; und plötzlich, ohne daß sie gewußt
hätte warum, stand ihr Gesicht in Flammen, so daß
alle denken konnten, ihr ginge weiß Gott was durch
den Kopf, während sie doch tatsächlich an gar nichts
dachte; kurz gesagt, sie sah sich dazu verdammt,
ständig einen schlechten Eindruck zu machen, als
dumm zu gelten, als gehemmt, und sie wollte das
nicht. Es war sinnlos, sich dagegen zu wehren. Ihrem
Vater verdankte sie es, daß sie sich einschließen
mußte, niemanden sehen durfte, um sich wenigstens
nicht über diese dumme und lächerliche Peinlichkeit
ärgern zu müssen, die stärker war als sie.
Die Freunde, die besten, die, an
denen ihm am meisten gelegen war, und die er gerne
als Zierde seines Hauses betrachtet hätte, jener
kleinen Welt, die er vor sechs Jahren bei seiner
Hochzeit gehofft hatte, um sich herum aufbauen zu
können, die hatten sich einer nach dem anderen von
ihm entfernt. Kein Wunder! Sie kamen ihn besuchen.
Sie fragten:
"Ist deine Frau nicht da?"
Seine Frau war wie von der Tarantel
gestochen aufgesprungen und fortgelaufen, als die
Glocke das erste Mal schellte. Er tat, als ginge er
sie rufen; er ging wirklich zu ihr; er trat mit
einem betrübten Gesicht vor sie hin, die Arme
ausgebreitet, obwohl er wußte, daß es vergeblich
sein würde; seine Frau würde ihn mit zornblitzenden
Augen ansehen und ihm zwischen den Zähnen zuzischen:
"Dummkopf!". So kehrte er ihr den Rücken und ging
zurück, innerlich weißgottwie, äußerlich lächelnd,
und beschied seinem Freund: "Tut mir leid, mein
Lieber, sie fühlt sich nicht gut, sie hat sich
hingelegt."
Und so ging's einmal, zweimal,
dreimal; zum Schluß hatten alle genug bekommen.
Konnte er ihnen das vorwerfen?
Zwei oder drei waren ihm noch
geblieben, die allertreuesten oder allermutigsten.
Und die wenigstens wollte er verteidigen, einen vor
allen anderen, den klügsten von allen, der wirklich
gebildet war und die Pedanterie haßte, vielleicht
auch ein bißchen viel Aufhebens davon machte, ein
äußerst scharfsinniger Journalist; kurz gesagt, ein
Freund von unschätzbarem Wert.
Manchmal hatte sich seine Frau vor
diesen wenigen übrig gebliebenen Freunden doch sehen
lassen, sei es, daß sie überraschend gekommen waren,
sei es, daß sie in einem guten Augenblick seinem
Bitten trotz allem nachgegeben hatte. Und siehst du,
kein Wort stimmte, daß sie etwa eine schlechte Figur
gemacht hätte - ganz im Gegenteil!
"Denn wenn du nicht daran denkst,
siehst du... wenn du dich einfach deinem Naturell
überläßt... du bist lebhaft..."
"Dankeschön!"
"Du bist klug..."
"Dankeschön!"
"Und du bist alles andere als
verlegen, ich versichere es dir! Entschuldige mal,
welches Interesse sollte denn ich daran haben, daß
du eine schlechte Figur machst? Du sprichst so frei
und offen, aber ja, manchmal sogar allzu frei... und
mit großer Anmut, ich schwöre es dir! Du wirst
richtig entflammt, und deine Augen... was heißt da,
du weißt nicht, wie du schauen sollst! Die sprühen
geradezu, meine Liebe... Und dann sagst du, dann
sagst du durchaus auch gewagte Dinge, jawohl... Du
wunderst dich? Nein, ich sage ja nicht, daß sie
unpassend wären... aber doch ein bißchen gewagt für
eine Frau; und all das gelöst, frei, kurz, mit
Esprit, ich schwöre es dir!
Er lobte sich in einen wahren Taumel
hinein, denn er merkte, daß sie, obwohl sie
behauptete, nichts davon zu glauben, im Grunde
Vergnügen daran hatte, errötete und nicht wußte, ob
sie lächeln oder die Brauen runzeln sollte.
"Es ist so, ganz genau so. Glaub
mir, das ist eine fixe Idee von dir, deine..."
Die Tatsache, daß sie nicht gegen
seine hundertmal behauptete "fixe Idee" protestierte
und sein Lob über ihr freies, gelöstes, ja sogar
gewagtes Sprechen mit sichtlichem Vergnügen
entgegennahm, hätte ihm wenigstens ein bißchen Angst
machen müssen.
Wann und mit wem hatte sie denn so
gesprochen?
Vor wenigen Tagen erst, mit dem
Freund "von unschätzbarem Wert", mit dem also, der
ihr natürlich der unsympathischste von allen war.
Ja, sie gab die Ungerechtigkeit mancher ihrer
Antipathien zu, und auch, daß sie vor allen Dingen
jene Männer als unsympathisch bezeichnete, die sie
am meisten verlegen machten.
Aber nun war sie deshalb so
befriedigt über die Tatsache, daß sie vor diesem
Mann sogar mit einer gewissen Dreistigkeit zu
sprechen vermocht hatte, weil dieser (sicherlich,
um sie insgeheim zu reizen) es in einer langen
Diskussion über das ewige Thema der Anständigkeit
der Frau gewagt hatte zu behaupten, das übermäßige
Schamgefühl wäre ein untrügliches Zeichen eines
besonders sinnlichen Charakters, so daß man sich
vor einer Frau hüten müsse, die ohne Grund errötet,
die es nicht wagt, die Augen zu heben, weil sie
Angst davor hat, in allem ringsumher einen Angriff
auf das eigene Schamgefühl zu entdecken, und in
jedem Blick, in jedem Wort, einen Hinterhalt sieht,
der ihre Anständigkeit bedroht. Das bedeutet, daß
diese Frau besessen ist von Bildern der Versuchung;
sie fürchtet, sie überall zu erblicken; der bloße
Gedanke daran verwirrt sie. Wie denn auch nicht?
Während eine andere, mit weniger lebhafter
Sinnlichkeit, dieses Schamgefühl gar nicht kennt und
sogar von gewissen intimen Dingen aus dem Bereich
der Liebe sprechen kann, ohne verlegen zu werden,
weil sie gar nicht auf die Idee käme, daß etwas
Böses dabei sein könnte bei... was weiß ich, bei
einer etwas weiter ausgeschnittenen Bluse, bei einem
Strumpf mit Lochstickerei, bei einem Rock, der
gerade ein kleines, kleines bißchen vom Bein
oberhalb des Knies erspähen läßt.
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Damit sagte er
wohlgemerkt nicht, daß eine
Frau, damit man sie nicht für
sinnlich hielte, sich nun
schamlos und ungehörig geben
oder das sehen lassen müßte, was
man nicht sehen lassen darf. Das
wäre ja ein Paradox gewesen. Er
sprach nur vom Schamgefühl. Und
das Schamgefühl war für ihn die
Rache der Unaufrichtigkeit.
Nicht, daß dieses Gefühl nicht
an und für sich aufrichtig
gewesen wäre. Nein, es war ganz
und gar aufrichtig, aber eben
als Ausdruck der Sinnlichkeit.
Unaufrichtig ist die Frau, die
ihre Sinnlichkeit verleugnen
will, indem sie als Beweis die
Schamröte ihrer Wangen zur Schau
stellt. Und eine solche Frau
kann auch unaufrichtig sein,
ohne es zu wollen, ja, ohne es
zu wissen. Denn nichts ist
komplizierter als die
Aufrichtigkeit. Wir alle spielen
ganz spontan eine Rolle, nicht
so sehr vor den anderen als
vielmehr vor uns selbst; wir
glauben immer das von uns, was
uns gefällt, und wir sehen uns
nicht so, wie wir in
Wirklichkeit sind, sondern so,
wie wir meinen, daß wir
entsprechend dem idealen Bild,
das wir uns von uns selbst
zurechtgezimmert haben, sein
müßten. So kann es geschehen,
daß eine Frau in hohem Maße
sinnlich ist, ohne es zu wissen
und dabei ganz ehrlich glaubt,
besonders keusch zu sein, Ekel
und Abscheu vor der Sinnlichkeit
zu empfinden, einfach deshalb,
weil sie wegen einer Nichtigkeit
errötet. Dieses Erröten um einer
Nichtigkeit willen, das an und
für sich der ganz aufrichtige
Ausdruck der tatsächlichen
Sinnlichkeit dieser Frau ist,
wird nun vielmehr als Beweis der
Keuschheit genommen, an die sie
glaubt; und wenn es so gedeutet
wird, wird es ganz natürlich zu
etwas Unaufrichtigem. "Aber
Signora", hatte einige Abende
zuvor der Freund von
unschätzbarem Wert seine
Ausführungen geschlossen, "die
Frau (Ausnahmen natürlich
vorbehalten) ist von Natur aus
ein Wesen, das ganz dem Bereich
der Sinne angehört. Man muß sie
zu nehmen, zu entflammen und zu
beherrschen wissen. Die allzu
Schamhaften müssen nicht einmal
entflammt werden; sie stehen von
selbst in Flammen,
augenblicklich, wenn man sie
anrührt.
Sie hatte nicht
einen Augenblick daran
gezweifelt, daß diese ganze Rede
ihr galt. Und kaum war der
Freund gegangen, war sie wütend
über ihren Mann hergefallen, der
während der ganzen langen
Diskussion nichts anderes getan
hatte als zu lächeln wie ein
Schwachsinniger und seinem
Freund beizupflichten.
"Er hat mich in
jeder nur denkbaren Weise zwei
Stunden lang beleidigt und du,
anstatt mich zu verteidigen,
hast gelächelt, hast ihm
beigepflichtet und ihm so zu
verstehen gegeben, daß es
stimmte, was er sagte, denn du
als mein Ehemann, tja, du
müßtest es ja wissen..."
"Aber was denn?"
hatte er ganz verdattert
ausgerufen. "Du redest ja
irre... Ich? Daß du sinnlich
wärest? Aber was sagst du denn
da? Er hat doch von der Frau im
allgemeinen gesprochen, was hat
das mit dir zu tun? Wenn er nur
im geringsten hätte ahnen
können, daß du seine Rede auf
dich beziehen würdest, hätte er
doch den Mund nicht aufgemacht!
Und dann, entschuldige, wie
hätte er es denn annehmen
können, wo du dich doch ihm
gegenüber nicht im geringsten
als die schamhafte Frau gezeigt
hast, von der er sprach? Du bist
ja überhaupt nicht errötet; du
hast deine Meinung mit
Nachdruck, mit Begeisterung
vertreten. Und ich habe
gelächelt, weil ich mich darüber
freute, weil ich darin den
Beweis für das gesehen habe, was
ich immer sage und gesagt habe,
daß du nämlich, wenn du nicht
daran denkst, überhaupt nicht
verlegen, überhaupt nicht
gehemmt bist; daß deine ganze
angebliche Verlegenheit also
nichts anderes ist als eine fixe
Idee. Was hat das nun mit dem
Schamgefühl zu tun, von dem er
gesprochen hat?"
Auf diese
Rechtfertigung ihres Mannes
hatte sie nichts zu entgegnen
gewußt. Sie hatte sich in sich
selbst zurückgezogen, war
verschlossen geworden, brütend
über die Frage, warum sie sich
so zuinnerst von den Worten
dieses Mannes verletzt gefühlt
hatte. Es war kein Schamgefühl,
nein und noch einmal nein, was
sie empfand, es war kein
Schamgefühl, kein solch
ekelhaftes Schamgefühl wie das,
von dem er gesprochen hatte; es
war Verlegenheit, Verlegenheit,
Verlegenheit! Aber natürlich
konnte es ein böswilliger Mensch
wie dieser für Schamgefühl
ansehen und sie deshalb für eine
solche Frau halten, für eine...
na, eben für so eine!
Mochte sie sich
auch tatsächlich nicht verlegen
gezeigt haben, wie ihr Mann
behauptete, empfunden hatte sie
die Verlegenheit trotzdem; sie
konnte sich manchmal überwinden,
sich Gewalt antun, um sie nicht
zu zeigen; aber sie empfand sie
dennoch. Wenn nun ihr Mann ihr
diese Verlegenheit absprechen
wollte, dann hieß das, daß er
nichts bemerkte. Er hätte also
auch nicht bemerkt, wenn diese
Verlegenheit in ihr etwas
anderes gewesen wäre, das heißt,
dieses Schamgefühl, von dem der
Freund gesprochen hatte.
Was das möglich?
O Gott, nein! Der bloße Gedanke
jagte ihr Ekel und Grauen ein.
Und dennoch...
Im Traum kam ihr
die Erleuchtung.
Er begann wie
eine Herausforderung, dieser
Traum, wie eine Prüfung, zu der
dieser widerliche Mann sie
herausforderte, in der Folge der
Diskussion, die sie vor drei
Abenden miteinander geführt
hatten.
Sie mußte ihm
beweisen, daß sie nicht über
eine Nichtigkeit errötete; daß
er mit ihr tun konnte, was er
wollte, ohne daß sie sich
verwirren lassen oder gar ihre
Fassung verlieren würde.
Und tatsächlich,
da begann er mit eiskalter
Kühnheit diese Prüfung. Zunächst
fuhr er ihr leicht mit der Hand
über das Gesicht. Bei der
Berührung dieser Hand mußte sie
sich mit allen Kräften Gewalt
antun, um den Schauder zu
unterdrücken, der ihr über den
ganzen Körper lief, um die Augen
fest und ungerührt,
unverschleiert blicken zu lassen
und dem Mund ein leises Lächeln
abzuringen. Und da, jetzt
berührte er mit den Fingern
ihren Mund; er rieb zart über
ihre Unterlippe und versenkte
dort, in der Feuchte des
Inneren, einen langen, heißen
Kuß von unendlicher Süße. Sie
preßte die Zähne zusammen; sie
versteifte sich, um das Zittern,
das Beben ihres Körpers zu
beherrschen; und da begann er
ganz ruhig, ihre Brust zu
entblößen, und... was war denn
da Böses dabei? Nein, nein,
nichts, gar nichts Böses.
Aber... o Gott, nein... er
verweilte in perfider Weise bei
dieser Liebkosung... nein,
nein... das war zuviel... und...
Besiegt, verloren, zuerst ohne
einzuwilligen, begann sie
nachzugeben, nicht von seiner
Kraft überwältigt, nein, sondern
von dem sehnsüchtigen Verlangen
ihres eigenen Körpers... und
zuletzt...
Ha! Sie fuhr aus
dem Schlaf auf, verkrampft,
zerstört, am ganzen Leibe
zitternd, voll Ekel und Abscheu.
Sie blickte zu
ihrem Mann hinüber, der
ahnungslos neben ihr schlief.
Und das Gefühl der Schande, das
sie in sich hatte, verwandelte
sich sofort in Verachtung gegen
ihn, als wäre er der Grund
dieser Schande, von der sie noch
die Lust und den Schauder in
sich hatte: er, er mit seiner
blöden Hartnäckigkeit, diese
Freunde immer bei sich zu Hause
empfangen zu wollen.
Das war's: sie
hatte ihn im Traum betrogen.
Betrogen hatte sie ihn, und sie
empfand keine Reue darüber,
nein, bloß einen ungeheueren
Zorn über sich, daß sie besiegt
worden war, und eine Wut, Wut
gegen ihn, auch deshalb, weil es
ihm in sechs Jahren Ehe nie
gelungen war, sie das erleben zu
lassen, was sie nun im Traum mit
einem anderen erlebt hatte.
Ein Wesen, das
ganz dem Bereich der Sinne
angehört... war das also wahr?
Nein, nein.
Schuld hatte nur er, der
Ehemann, der nicht an ihre
Verlegenheit glauben wollte und
sie zwang, sich zu überwinden,
ihrer Natur Gewalt anzutun, der
sie diesen Prüfungen, diesen
Duellen aussetzte, aus denen der
Traum erwachsen war. Wie konnte
man einer solchen Prüfung
standhalten? Er hatte es
gewollt, er, ihr Mann. Und das
war jetzt die Strafe. Sie hätte
noch Genuß daran finden können,
wenn sie aus der böswilligen
Freude, die sie bei dem Gedanken
an die Strafe empfand, die das
für ihn bedeutete, die Schande
hätte entfernen können, die sie
für sich dabei empfand.
Und was jetzt?
Zu dem Eklat kam
es am nächsten Nachmittag nach
dem harten Stillschweigen, das
sie den ganzen Tag über gegen
die bohrenden Fragen ihres
Mannes bewahrt hatte, der wissen
wollte, weshalb sie so seltsam
sei und was denn geschehen wäre.
Es kam dazu bei
der Ankündigung des gewohnten
Besuches dieses Freundes von
unschätzbarem Wert.
Als sie aus dem
Vorzimmer dessen Stimme hörte,
fuhr sie auf, plötzlich wie von
Sinnen. Eine rasende Wut blitzte
aus ihren Augen. Sie stürzte
sich auf ihren Mann und beschwor
ihn, von Kopf bis Füßen
zitternd, diesen Mann nicht zu
empfangen: "Ich will nicht! Ich
will nicht! Schick ihn fort!"
Er war zuerst
mehr als verblüfft, geradezu
erschüttert über diesen
Wutausbruch. Er konnte den Grund
für eine solche Ablehnung nicht
verstehen, wo er doch eben noch
der Meinung gewesen war, daß der
Freund aufgrund all dessen, was
er nach der Diskussion gesagt
hatte, ihr nun ein wenig
sympathischer geworden sein
müßte; und angesichts eines so
absurden, haltlosen Verlangens
geriet nun er in Zorn.
"Aber du bist ja
verrückt oder willst, daß ich
verrückt werde! Soll ich denn
wirklich wegen deines blöden
Wahns noch alle meine Freunde
verlieren?
Und er machte
sich von ihr los, die sich an
ihn geklammert hatte und befahl
dem Dienstmädchen, den Herrn
hereinzuführen.
Sie sprang auf,
um sich ins Nebenzimmer zu
flüchten, wobei sie ihm, ehe sie
hinter der Tür verschwand, noch
einen Blick voll Haß und
Verachtung zuwarf.
Sie fiel in
einen Lehnstuhl, als wären ihr
plötzlich die Beine unter dem
Körper weggerissen worden. Das
Blut brauste ihr in den Adern,
und ihr ganzes Wesen lehnte sich
im Inneren auf, in dieser
verzweifelten Verlassenheit, als
sie durch die geschlossene Türe
hörte, wie ihr Mann den, mit dem
sie ihn in der Nacht zuvor im
Traum betrogen hatte, mit
freudigen Worten empfing. Und
die Stimme dieses Mannes...
o Gott... und die Hände, die
Hände dieses Mannes...
Plötzlich,
während sie sich auf dem
Lehnsessel hin- und herwand und
die gekrümmten Finger in die
Arme und die Brust grub, stieß
sie einen Schrei aus und fiel zu
Boden, geschüttelt von einer
entsetzlichen Nervenkrise, einem
regelrechten Anfall von
Wahnsinn.
Die beiden
Männer stürzten in das Zimmer;
sie blieben einen Augenblick
entsetzt bei ihrem Anblick
stehen, während sie sich wie
eine Schlange auf dem Boden
wand, brüllte und heulte; ihr
Mann versuchte sie aufzuheben,
der Freund eilte herbei, um ihm
zu helfen. Hätte er das bloß
nicht getan. Als sie sich von
diesen Händen berührt fühlte,
begann ihr Körper unbewußt,
unter der absoluten Herrschaft
der noch in der Erinnerung
befangenen Sinne überall zu
zittern, in einem lustvollen
Beben; und vor den Augen ihres
Ehemannes klammerte sie sich an
diesen Mann und verlangte mit
erschreckender, wütender
Begierde die Liebkosungen von
ihm, die sie im Traum erfahren
hatte.
Entsetzt riß er
sie dem Freund von der Brust;
sie schrie und wehrte sich, dann
brach sie wie leblos in seinen
Armen zusammen und wurde zu Bett
gebracht.
Die beiden
Männer sahen einander
entgeistert an und wußten nicht
was sie denken, was sie sagen
sollten.
In der
schmerzlichen Verblüffung des
Freundes war die Unschuld so
offensichtlich, daß bei dem
Ehemann unmöglich ein Verdacht
aufkommen konnte. Er bat ihn,
mit ihm aus dem Zimmer zu gehen;
er erzählte ihm, daß seine Frau
seit dem Morgen verwirrt gewesen
war, in einem Zustand seltsamer
Nervenreizung; er begleitete ihn
zur Tür und bat ihn um
Verzeihung für diesen
bedauerlichen, unvorhersehbaren
Zwischenfall; dann lief er so
schnell wie möglich wieder zu
ihrem Bett.
Er fand sie auf
dem Bett liegend und wieder bei
Sinnen, zusammengekrümmt wie ein
Tier, mit glasstarren Augen: sie
zitterte an allen Gliedern wie
vor Kälte, wurde von gewaltsamen
Zuckungen geschüttelt und fuhr
von Zeit zu Zeit in die Höhe.
Als er sich mit
düsterem Gesicht über sie
beugte, um von ihr Rechenschaft
über das zu verlangen, was
vorgefallen war, stieß sie ihn
mit beiden Armen und mit
zusammengebissenen Zähnen zurück
und schleuderte ihm mit
zerstörerischer Wollust die
Beichte ihres Fehltritts ins
Gesicht. Mit einem verzerrten,
bösartigen Lächeln, sagte sie,
während sie sich
zusammenkrampfte und die Arme
öffnete:
"Im Traum
war's!... Im Traum!..."
Und sie erließ
ihm kein einziges Detail. Der
Kuß auf die Innenseite der
Lippe... die Liebkosung ihrer
Brust... mit der perfiden
Sicherheit, daß er zwar ebenso
wie sie fühlen mußte, daß dieser
Fehltritt eine Wirklichkeit und
als solche unwiderruflich und
nicht wieder gutzumachen war,
weil er bis zum letzten
vollzogen und genossen worden
war, daß er ihr aber dennoch
keinen Vorwurf daraus machen
konnte. Ihr Körper - er konnte
ihn schlagen, ihn quälen, ihn in
Stücke reißen - aber da war er,
er hatte einem anderen gehört,
in dem unbewußten Reich des
Traums. In dem Bereich der
Tatsachen existierte für den
anderen dieser Fehltritt nicht;
aber er war eine Wirklichkeit
gewesen und blieb sie hier, hier
für sie, in ihrem Körper, der
die Lust erlebt hatte.
Wer hatte
Schuld? Und was konnte er ihr
schon tun?
* * *
*
- Erstveröffentlichung
in der Zeitschrift
Noi e il mondo vom
November 1914;
umfangreiche
Veränderungen in der
Version letzter Hand.
Anfangenseite
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