Luigi Pirandello (1867-1936) - Novellen
Der Nagel
(Il chiodo – 1937)

aus dem Italienischen von Michael
Rössner
Der Junge hat gestanden, daß er
diesen Nagel da gefunden hatte, als er im
Schwarzenviertel Harlem eine Straße überquerte. Es
war ein großer, rostiger Nagel, der vielleicht von
einem kurz zuvor über diese Straße gefahrenen Wagen
heruntergefallen sein mochte.
Absichtlich heruntergefallen.
„Wie denn, absichtlich?“
Es nützt nichts, die Augen
sperrangelweit aufzureißen oder im Sessel
hochzufahren. Wenn man dem nicht Rechnung tragen
wollte, und der Art, in der der Junge das sagte,
ruhig, überzeugt, aber in den gläsernen Augen noch
den Schrecken über die unverständliche und
unerklärliche Sache festhaltend, die ihm widerfahren
war, dann hatte es gar keinen Sinn, ihn weiter zu
befragen.
Dieser Nagel lag dort, mitten auf
der ausgestorbenen Straße, und er stach dort so sehr
ins Auge, daß er in unwiderstehlicher Weise nicht
bloß den Blick, sondern auch die Hand des zufällig
Vorübergehenden anzog, der sich gezwungen sah, sich
herabzubeugen, um ihn aufzuheben, ohne zu wissen,
was er damit anfangen sollte, sei es auch nur, um
ihn kurze Zeit später auf der Straße wieder
wegzuwerfen.
Tatsächlich sagt der Junge, er habe
nie daran gedacht, daß er ihn später verwenden
könnte; daß er nicht einmal daran gedacht hatte,
während er schon dabei war, ihn zu verwenden. Er
hatte ihn in der Hand, weil er nicht anders konnte
als ihn aufzuheben; aber da dachte er schon nicht
mehr daran. Der Nagel war ja schon „ruhig geworden“
in seiner Hand (ja, so hat er gesagt, und allen ist
es kalt den Rücken hinuntergelaufen, als sie ihn das
sagen hörten), der Nagel war schon „ruhig geworden“
in seiner Hand, weil er ‑ wie er es gewollt hatte ‑
aufgehoben worden war.
Und so ‑ immer noch nach der
Erzählung des Jungen ‑ hatten zwei Straßenmädchen,
während er eben dabei war, aus der Straße, auf
welcher er den Nagel aufgehoben hatte, in eine
andere einzubiegen, hatten zwei Straßenmädchen also,
die eine vielleicht vierzehn, die andere kaum acht
Jahre alt, zu raufen begonnen. In Brand geraten in
einem Feuerschein der untergehenden Sommersonne,
wurden sie zu einem Knäuel aus Armen, aus Beinen,
aus Lumpen und aus Haaren; und auf der Stelle hatte
er sich ohne nachzudenken auf sie gestürzt, die
Faust gehoben und den Nagel in den Kopf der
kleineren der beiden gebohrt; dann, sogleich danach,
in Wahrheit aber nach einer unendlich langen Zeit,
als er sie tot daliegen sah, als wäre sie es immer
schon gewesen, zu seinen Füßen ganz blutüberströmt
zusammengesunken, war er inmitten des Entsetzens der
herbeigelaufenen Leute wie betäubt zurückgeblieben.
Warum er die Kleine durchbohrt hatte
und nicht die Große, das wußte er nicht zu sagen. Er
kannte weder die eine noch die andere. Er hatte
nicht einmal Zeit gehabt, ihnen ins Gesicht zu
sehen. Er hatte bloß gesehen, daß die Große die
Kleine an den Haaren an der Schläfe gepackt hatte,
und daß diese Haare der Kleinen kupferrot waren, und
eine ihrer Hände, krallenartig gekrümmt, im Gesicht
der Großen, die ihr von unten gräßlich ein Auge nach
oben drückte, so daß das gesamte Weiße des Auges zu
sehen war, das fast aus der Höhle sprang.
Vielleicht war es wegen der Farbe
der Haare gewesen, wegen dieses so scheußlich
verschobenen Auges. Denn danach hatte man erfahren,
daß die Große an der Sache schuld gewesen war, die
der Kleinen einen Streich hatte spielen und dabei
deren Schwächlichkeit ausnützen wollte, kränklich,
wie das Mädchen nun einmal war, das sah man doch
gleich beim Anblick ihres spitzen, ausgezehrten
Gesichtchens, das dort auf dem Boden, inmitten der
Blutlache, aussah wie aus Wachs, ein Jammer, dieses
Näslein, dieses Mündchen, und all diese
Sommersprossen dazu. Kein Zweifel, daß sie bei der
Rauferei zu guter Letzt den Kürzeren gezogen hätte.
Und mit diesem Nagel hatte er sie
getötet.
Nun, nach dem Verhör, lauscht er,
gebeugt auf seinem Stuhl, mit einer düsteren
Verwunderung in den Augen, die schmalen Hände auf
den Knien, mit den Malen von Kratzern, die er sich
vielleicht selbst zugefügt hat, ohne es auch nur zu
bemerken. Er lauscht den Gründen, die die anderen
sich ausdenken, um seine Tat zu erklären.
Seine Verwunderung gilt dem Umstand,
daß es so viele sein können, so viele solche Gründe,
während er nicht einmal einen einzigen zu sehen
vermag; und alle scheinen wahr und einleuchtend,
sowohl die, die für ihn als auch die, die gegen ihn
sprechen.
Anfangenseite
Aber ja, auch ihm
erscheinen sie wahr und einleuchtend,
freilich nur wenn er sich dazu hinreißen
läßt, sie als ein Konstrukt aus
geistreichen Vermutungen und Eingebungen
zu betrachten, das nicht eigentlich auf
ihn und seine Tat bezogen werden kann;
sonst nicht; ein paar würden ihn
geradezu zum Lachen reizen, wenn ihn
nicht die allgemeine Beklemmung
zurückhalten würde, und noch etwas
anderes, was man ihm dort vor die Augen
hält, auf dem Tisch des Richters: der
Nagel, dessen Rost einen noch ein wenig
dunkleren Rotton angenommen hat; und
noch etwas hält ihn zurück, das
Schrecklichste von allem, etwas, das er
im tiefsten Grund seines Herzens vor
sich selbst verborgen hält, als müßte er
sich dafür schämen. Aber es ist keine
Scham. Es ist Schreck. Ein verzweifeltes
Mitleid, eine trostlose Liebe ist da in
ihm allmählich zu ihr entstanden, von
der er erst jetzt erfahren hat, daß sie
Betty hieß; nur so, Betty; denn nur
unter ihrem Vornamen war sie bekannt,
und tatsächlich hat sich keiner ihrer
Angehörigen gemeldet.
Mit diesem geheimen
Gefühl im Herzen, das ihn förmlich
auffrißt, ist es ihm völlig
gleichgültig, ob die Leute, die da
sprechen, gegen die Wahrheit verstoßen
und etwas gegen ihn sagen; im Gegenteil,
es ist ihm ganz recht, denn alles, was
die da an Ungerechtem sagen, beweist ihm
immer mehr, daß wahr vielmehr das andere
ist, an das niemand glauben will, daß
nämlich dieser Nagel absichtlich dort
hingefallen ist, und das von Betty und
dem anderen Mädchen, daß die nämlich,
gerade als er in die Straße einbog,
ebenfalls absichtlich zu Raufen begonnen
hatten, absichtlich, damit er, von
dieser Rauferei dazu angeregt, sich
einzumischen, ohne daß er noch daran
gedacht hätte, daß er ja mit diesem
Nagel bewaffnet war, die grauenhafte
Ungerechtigkeit begehen müßte, eine
Unschuldige zu töten. Und übrigens ist
das nicht wahr, Betty, das mit deinen
Haaren; daß deine roten Haare nicht
schön gewesen wären. Sie waren schön,
jawohl, sie waren schön und sie standen
dir wunderbar. Und was liegt schon
daran, daß du all diese vielen
Sommersprossen in deinem spitzen
Gesichtchen hattest? Wenn du nur die
Augen aufmachen würdest, die ich nicht
einmal zu Gesicht bekommen habe! Ach
wäre doch nur das Wunder geschehen, daß
du da auf der Erde, in all diesem Blut,
plötzlich, damit allen der Schreck
vergeht, den Schalk von zwei leuchtenden
Äuglein hättest aufblitzen lassen. Aber
dieses Wunder ist nicht geschehen. Deine
Äuglein habe ich nur geschlossen
gesehen, auf immer geschlossen.
Vielleicht konntest du, armes krankes
Mädchen, auch gar keine leuchtenden
Äuglein haben. Macht nichts, macht
nichts: mach sie trotzdem auf, Betty,
mach sie auf und lächle. Kann sein, es
fehlt dir der eine oder andere Zahn; du
wirst noch nicht alle zweiten Zähne
haben; macht nichts, lächle trotzdem.
aber diese weißen Lippen, diese weißen
Lippen: man muß sofort das ganze Blut
abwaschen.
Ein epileptischer
Anfall? Wer redet da von einem
epileptischen Anfall?
Sie meinen ihn damit,
und sie erklären alle Symptome dieser
Krankheit. Aber er ist ganz sicher, nie
etwas dergleichen gespürt zu haben. Kann
es sein, daß er diese Krankheit hat ohne
es zu wissen, daß sie bis zum Augenblick
des Delikts verborgen geblieben und dann
plötzlich in ihm ausgebrochen ist?
Also, wenn sie weiter
solche Dinge sagen, dann bricht ihm das
Herz oder er schnappt über.
Aber jetzt reden sie von
bösartigen Trieben.
Das ist ihm lieber, wenn
sie das sagen, denn das ist nicht wahr.
Er, bösartige Triebe? Er hat doch nie
bei all den Grausamkeiten seiner
Schulkameraden in den Pausen, gegen ein
kleines Tier oder ein Insekt, zusehen
können, ohne sich dagegen aufzulehnen.
Also, gezeigt hat er sie nie, diese
bösartigen Triebe. Und wenn die glauben,
daß dieser vom Boden aufgehobene Nagel
ein Beweis dafür sei, dann ist das ja
zum Lachen. Die kennen ihn nicht. Die
sprechen gar nicht von ihm. Kein Trieb
ist in ihm erwacht, als er diesen Nagel
aufgehoben hat. Er hat ihn aufgehoben,
ohne überhaupt an das zu denken, was er
tat; und er war so weit fort mit seinen
Gedanken, daß er während des ganzen
Stück Weges, den er zurücklegte, ehe er
in die andere Straße einbog, nur an
einen Wagen gedacht hatte, an einen
Wagen, von dem dieser Nagel
heruntergefallen sein könnte, einen
Wagen, der vielleicht jetzt aufs Land
fuhr, in die Ferne. Denn er war gerade
in diesen Tagen vom Land zurückgekommen,
wo er mit der Familie die Ferien
verbracht hatte, den Sommer, und er
hatte so viele solcher Karren über die
Wege inmitten des hohen Grases fahren
sehen. Aber im übrigen mögen sie doch
sagen, was sie wollen; mögen sie doch
die absurdesten Vermutungen anstellen,
ihm liegt an gar nichts mehr etwas: Er
ist schon weit weg, auf dem Land, in Old
Lime, wo er den Sommer verbracht hat, er
sieht wieder die Villa vor sich und die
herrliche Landschaft in der heiteren
Sommerluft; das Segelboot des Vaters,
das am Ufer des Flusses, des
Connecticut, vor Anker liegt, der so
viel blauer ist als das Meer, zwischen
all dem Grün ringsumher; er ist mit dem
Vater auf diesem Boot bis zum Ozean
gefahren; weiter hat die Mama nicht
erlaubt, daß er mitfährt. Das Boot war
ja so klein, mitsamt dem Segel; aber die
Villa war groß, mit den vielen falschen
Säulen in der Fassade, und auf allen
Seiten umgeben von lauter großen,
schönen Bäumen, von denen der Großvater
sicher war, es seien Eukalyptusbäume,
und die der Vater Platanen und Buchen
nannte; Eukalyptus, Eukalyptus;
Platanen, Buchen; Tatsache war
jedenfalls, daß sie viel Schatten
machten, denn in der Villa sah man fast
gar nichts, und es war besser, die Tage
draußen zu verbringen; außerdem, dazu
fährt man ja schließlich aufs Land; die
Mutter schrie ihm nach, er solle nicht
zu weit fortgehen; und sie erklärten den
Freunden, die sie besuchen kamen, auf
der Hausbank sitzend, daß diese Villa
das älteste Haus in Old Lime sei, und
eines der ältesten Häuser in ganz
Amerika; während er glücklich wie ein
Verrückter am Flußufer entlang lief oder
sich in der Landschaft verlor, mitten in
dem Gras, das so hoch und so dicht stand
und so sehr nach all den Säften der Erde
roch, daß es einen fast erstickte und
berauscht machte. Aber jetzt kann er
nicht mehr allein sein. Jetzt ist er da
inmitten all dieses Grases mit Betty; er
will mit ihr spielen; aber zuerst will
Betty nicht; dann gibt sie ihm ihre
kleine Hand, eine noch ganz kalte Hand,
eiskalt, so daß einen ein Schauder
überläuft, wenn man sie anfaßt; man
braucht nicht mehr daran zu denken; er
beugt sich hinab, um sie anzusehen; nun
folgt sie ihm mit gesenktem Kopf, den
Finger der anderen Hand in den
Mundwinkel gesteckt. Sie gehen und
gehen. Aber so ist’s ja sinnlos, wenn
sie nicht spielen sollen. Will sie nicht
mehr spielen? Sie kann nicht? Was dann?
Will sie sich wieder zu Boden werfen?
Nein! Nein! Betty ist jetzt geheilt, sie
muß wieder strahlen und lachen, jawohl,
lachen. Aber Betty bleibt stehen und
winkt ihm mit der Hand, er solle ein
bißchen warten. Was denn? Sie muß einen
Augenblick zur Seite gehen, nur für
einen kleinen Augenblick. Ein Bedürfnis.
Ihm ist das ein bißchen peinlich. Er mag
das gar nicht, daß Mädchen gewisse Dinge
aussprechen. Aber da kommt statt ihrer
aus der Gegend, in der sie sich
verstecken wollte, ein anderes Mädchen;
nein, es ist nicht das von der Rauferei;
es ist eine seiner Cousinen, dick und
häßlich, fast so alt wie er, sie ist aus
Harlem mit ihrer Mutter gekommen, um den
ganzen Tag auf dem Land zu verbringen;
er kann sie nicht ausstehen. Wo ist
Betty hingegangen? Da ist sie, dort
hinten, weit, weit weg, sie läuft; sie
hat diesen Vorwand gewählt, um
davonzulaufen; sie hat Angst vor ihm.
Nein, nein Betty; er wird dir nicht mehr
weh tun; er würde sein Leben dafür
geben, dich wieder lebendig zu machen,
er wird dich seinen Platz in dem Haus
einnehmen lassen. Nun bist du hier. Die
Mama wird dafür sorgen, daß du
ordentlich gewaschen wirst. Und dann
fort mit all diesen Lumpen; sie wird dir
ein neues Kleid anziehen, in einer
Farbe, die dir gut steht, die zu deinen
roten Haaren paßt, ein blauviolettes
Kleidchen; ach, wie du jetzt entzückend
aussiehst; schade, daß er nicht mehr da
sein kann, um dich zu sehen, wenn er
sein Leben für dich gegeben hat; und du
wirst immer so klein bleiben, hier auf
dem Land, ohne je für irgend jemand groß
zu werden; auf dem Land wie in einem
Paradies, Betty.
Sie haben ihn nicht
angeklagt.
Als er freigesprochen
wurde, ließ sich der Junge nichts
anmerken. Nur ein Seufzer ist ihm
entschlüpft. Es ist sicher, daß er aus
Kummer über Betty sterben wird.
Aber vielleicht wird er
auch nicht sterben. Die Jahre werden
vergehen. Und vielleicht wird er als
Großer manchmal an Betty denken. Und
dann wird er sie sehen, immer noch
klein, wie sie auf ihn wartet, auf dem
Land, in Old Lime, in ihrem immer noch
ganz neuen blauvioletten Kleid, das so
gut zu ihren roten Haaren paßt.
©
Michael Rössner.
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