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aus dem Italienischen von Michael
Rössner
I.
Manche Nachrichten treffen einen so
unvorbereitet, daß man im ersten Augenblick ganz
verstört ist, und es scheint, als gäbe es keine
andere Möglichkeit aus dieser Verstörung wieder
herauszufinden, als Zuflucht zu einem völlig
abgedroschenen Satz oder einer Feststellung zu
nehmen, die sich ohnedies von selbst versteht.
So war es zum Beispiel, als der
junge Calvetti, der Sekretär meines Freundes
Bernabò, mir von dem Tod von Massaris Vater
erzählte, bei dem Bernabò und ich eben noch zum
Mittagessen gewesen waren; da überkam es mich, und
ich rief aus: „Ach, was ist schon das Leben! Ein
Hauch genügt, und schon ist es zu Ende!“, und dabei
legte ich Daumen und Zeigefinger einer Hand
aneinander und blies darauf, als wollte ich mit
diesem Hauch eine Feder fortblasen, die ich zwischen
diesen Fingern hielt.
Als ich so blies, sah ich, wie der
junge Calvetti plötzlich grau im Gesicht wurde,
hierauf den Oberkörper krümmte und sich mit einer
Hand an die Brust griff, wie man das tut, wenn man
da drinnen, ohne genau zu wissen wo, ein vages
Unwohlsein verspürt; aber ich achtete nicht weiter
darauf, denn es schien mir absurd anzunehmen, dieses
Unwohlsein könnte mit dem stumpfsinnigen Satz
zusammenhängen, den ich gesagt hatte, und mit der
lächerlichen Geste, mit der ich diesen Satz ‑ als
wäre ich noch nicht zufrieden damit, so etwas
Abgedroschenes auszusprechen ‑ auch noch meinte
begleiten zu müssen. Ich dachte, er habe einfach
einen plötzlichen Schmerz, ein Stechen verspürt,
vielleicht in der Leber oder in der Niere oder im
Darm, jedenfalls nur einen augenblicklichen Schmerz
ohne jede Bedeutung. Noch ehe es Abend wurde, fiel
mir freilich dann ein höchst bestürzter Bernabò ins
Haus:
„Weißt du schon: Mein junger
Calvetti ist gestorben?“
„Gestorben?“
„Ja, ganz plötzlich, heute
nachmittag!“
„Aber am Nachmittag ist er doch noch
bei mir gewesen! Warte einmal, wann mag das gewesen
sein? Ich glaube, so gegen drei.“
„Und um halb vier war er tot.“
„Eine halbe Stunde später?“
„Eine halbe Stunde später.“
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Ich sah ihn ein wenig schief an, als
habe er mit dieser Bestätigung eine Beziehung (aber
was denn für eine Beziehung?) zwischen dem Besuch
bei mir und dem plötzlichen Tod des armen Jungen
herstellen wollen. In mir fühlte ich so etwas wie
einen Drang, der mich zwang, jegliche Beziehung, sei
sie auch nur zufällig, zurückzuweisen, als wäre sie
der Verdacht eines Gewissensbisses, den ich hätte
empfinden können; und der mich andererseits dazu
verhielt, eine Ursache für diesen Tod zu suchen, die
mit dem Besuch bei mir nichts zu tun hatte; und so
erzählte ich Bernabò von dem plötzlichen Unwohlsein,
daß der junge Mann offensichtlich verspürt hatte,
während er bei mir gewesen war.
„Ach so? Ein Unwohlsein?“
„Was ist schon das Leben! Ein Hauch
genügt, und schon ist es zu Ende!“
Da haben wir’s: Ich wiederholte den
Satz völlig mechanisch, denn da unten hatten Daumen
und Zeigefinger meiner rechten Hand ganz von selbst
zueinandergefunden, und ganz von selbst hob sich
jetzt auch die Hand auf, bis zu meinen Lippen. Ich
schwöre, es war nicht so sehr der bewußte Wunsch, es
noch einmal zu versuchen, als vielmehr die Lust
daran, mir mit mir selbst einen Scherz zu erlauben,
was ich nur so, im verborgenen, tun konnte, wollte
ich mich nicht lächerlich machen: da ich nun einmal
diese beiden Finger genau vor meinem Mund fand,
blies ich über sie hinweg, nur einen ganz leichten
Hauch.
Bernabòs Gesicht hatte sich verfärbt
vor Bestürzung über den Tod seines jungen Sekretärs,
der ihm sehr ans Herz gewachsen war; und oft und oft
schon war er ‑ nach einem kurzen Lauf oder auch nur
ein paar schnelleren Schritten (korpulent, wie er
nun einmal war, mit einem stets geröteten Kopf, der
fast ohne Hals auf den Schultern saß) ‑ keuchend vor
mir gestanden und hatte sich auch mit der Hand an
die Brust gegriffen, um das jagende Herz zu
beruhigen und wieder zu Atem zu kommen. Als ich ihn
jetzt dieselbe Geste vollführen sah und ihn sagen
hörte, er meine zu ersticken, und seinen Geist und
sein Sehvermögen trübe plötzlich ein seltsam
düsterer Schimmer, mein Gott, was sollte ich da
schon glauben?
Auf der Stelle sprang ich, trotz
aller Bestürzung und Verwirrung, in der ich mich
befand, dem armen Freund bei, der rücklings und nach
Atem ringend in einem Lehnstuhl gesunken war; aber
da sah ich mich wütend zurückgestoßen, und nun
verstand ich wirklich gar nichts mehr; ich fühlte
mich förmlich zu Eis erstarren, in einer völlig
apathischen Verblüffung, und ich beobachtete ihn
zuckend auf diesem mit rotem Samt bezogenen
Fauteuil, der mir erschien wie eine riesige
Blutlache, zuckend nicht mehr wie ein Mensch,
sondern wie ein waidwundes Tier, ich sah zu, wie
sein Atem immer hastiger wurde und sein Gesicht sich
immer mehr verfärbte, bis es beinahe schwarz
geworden war. Einen Fuß hatte er auf den Teppich
gestemmt, vielleicht, um sich solcherart wieder
allein aufzurichten, aber in dieser Anstrengung
vergeudete er seine letzten Kräfte; wie in einem
Alptraum sah ich, wie der Teppich allmählich unter
seinem Fuß fortglitt und sich in Falten warf. An dem
anderen Fuß, der verkrümmt über der Armlehne des
Fauteuils lag, war ihm das Hosenbein nach oben
gerutscht und enthüllte nun einem seidenen
Sockenhalter in einem grünschimmernden Farbton mit
rosa Streifen. Ich bitte doch um ein wenig
Anerkennung für meine Barmherzigkeit: All meine
Beunruhigung war förmlich zerrieben und überall
verstreut worden, so daß man sie wie nichts
vergessen konnte, in einem einzigen Abwenden der
Augen, oder bei dem Gedanken an den Ärger, den mir
stets meine häßlichen Bilder an den Wänden bereitet
hatten, oder auch in der seltsamen Neugier, die
mich, jawohl, die mich auf die Farbe und die
Streifen dieses Sockenhalters starren ließ.
Plötzlich kam ich jedoch wieder zu mir, entsetzt
darüber, daß ich mich in einem solchen Augenblick so
weit hatte gehen lassen, und rief nach meinem
Diener, er solle sofort vor der Tür einen Wagen
aufhalten und dann heraufkommen, um mir zu helfen,
den Sterbenden in ein Krankenhaus oder nach Hause zu
bringen.
Lieber nach Hause, denn das war
näher. Er lebte nicht allein; er hatte eine
Schwester bei sich, eine ältere Schwester, ich weiß
nicht, war sie verwitwet oder eine alte Jungfer;
jedenfalls war sie unausstehlich in ihrer
starrköpfigen Pedanterie, mit der sie sein Leben zu
bestimmen suchte. Sie war ganz außer sich, die Arme,
sie raufte sich die Haare: „O Gott, was ist
geschehen? Wie ist das passiert?“, und sie wich uns
nicht von der Seite, wie ärgerlich! Nur, um von mir
zu erfahren, was geschehen war, wie es passiert war,
ausgerechnet von mir, und ausgerechnet in diesem
Augenblick, da ich nun wirklich nicht mehr konnte,
nach all den Stufen, die wir hinaufgestiegen waren,
immer rückwärts gehend, unter dem ungeheuren Gewicht
dieses reglosen Körpers. „Das Bett! Wo ist das
Bett?“ Es schien, als wisse sie es selbst nicht
mehr, wo dieses Bett war, das wir nicht und nicht zu
erreichen schienen. Als wir ihn endlich röchelnd -
aber auch ich röchelte nur mehr - aufs Bett gelegt
hatten, lehnte ich mich rücklings gegen eine Wand,
und wenn man mir nicht einen Stuhl untergeschoben
hätte, wäre ich wohl in voller Länge zu Boden
gestürzt. Mein Kopf baumelte kraftlos herab, und ich
vermochte gerade noch, zu dem Diener gewandt,
hervorzustoßen: „Einen Arzt! Einen Arzt!“; aber
zugleich sank mein Mut endgültig, wenn ich daran
dachte, daß ich nun allein mit der Schwester
zurückbleiben mußte, die mich sicherlich sofort mit
neuen Fragen überfallen würde. Was mich rettete, war
die Stille, die plötzlich auf dem Bett eintrat, als
das Röcheln dort aufgehört hatte. Einen Augenblick
lang schien die ganze Welt schweigend innezuhalten;
und tatsächlich schwieg von nun an die ganze Welt
auf immer für den armen Bernabò, der taub und
bewegungslos auf diesem Bett liegen geblieben war.
Sofort brach jedoch die Verzweiflung der Schwester
los. Ich war erledigt. Wie konnte man sich denn bloß
vorstellen ‑ um nicht zu sagen tatsächlich glauben
‑, daß eine solche Ungeheuerlichkeit möglich wäre?
Meine Gedanken fanden keinen Halt mehr. Und in
diesem Aufruhr der Gefühle erschien es mir so
seltsam, daß diese arme Person ihren Bruder Giulio -
wie sie ihn stets genannt hatte - nun, da er tot
dort lag, unbewegliche Korpulenz, die keine
Diminutive zuließ ‑, ausgerechnet Giulietto nennen
mußte, ihren kleinen Giulietto! Plötzlich sprang ich
entsetzt auf. Der Leichnam hatte ihr, als ginge ihm
dieses ewige „Giulietto! Kleiner Giulietto!“ auf die
Nerven, mit einem gräßlichen Gurgelgeräusch aus den
Eingeweiden geantwortet. Diesmal war es an mir, die
Schwester aufzufangen, die ansonsten zu Boden
gestürzt wäre, ohnmächtig vor Schreck; statt dessen
wurde sie in meinen Armen ohnmächtig. Und nun fühlte
ich, wie mich, als ich zwischen dieser Ohnmächtigen
im Arm und dem Toten auf dem Bett wirklich nicht
mehr wußte, was ich tun noch was ich denken sollte,
ein Wirbel des Wahnsinns ergriff, und ich begann,
die arme Person zu schütteln, damit sie endlich mit
dieser Ohnmacht aufhöre, die nun wirklich zu viel
des Guten war. Freilich, kaum war sie wieder bei
sich, wollte sie nun nicht mehr an den Tod des
Bruders glauben. „Haben Sie gehört? Er kann nicht
tot sein! Er darf nicht tot sein!“ Es mußte
tatsächlich der Arzt kommen und es ihr amtlich
bestätigen, ihr versichern, daß dieses Geräusch
nichts gewesen war, ein Wind oder was weiß ich
sonst, alle Toten pflegen so was zu machen. Da
setzte sie, die ein vornehmer Mensch war und sich
darauf etwas zugute hielt, eine peinliche Miene auf,
und hielt sich die Hand vor die Augen, als habe der
Arzt ihr damit gesagt, auch sie würde dergleichen
tun, wenn sie erst einmal tot wäre.
Der Arzt war einer jener jungen
Glatzköpfe, die ihre vorzeitige Kahlköpfigkeit mit
beinahe verächtlicher Wildheit zwischen einem Urwald
aus schwarzen Locken zur Schau tragen, die, obwohl
niemand weiß, weshalb sie von dem Scheitel
verschwunden sind, rund um den Kopf wild wuchern.
Mit lackstarren Augen hinter dicken
Brillengläsern, hochgewachsen, eher beleibt, aber
kräftig, zwei Büschelchen gestutzter Haare unter dem
kleinen Näschen und über den wulstigen, geröteten,
und so klar gezogenen Lippen, daß sie aussahen wie
gemalt, sah er die Unwissenheit dieser armen
Schwester mit so abschätzigem Erbarmen an und sprach
vom Tod mit einer so lockeren Vertrautheit, als
könnte, da er doch ständig mit ihm zu tun hatte,
keiner seiner Fälle ihm mehr ein Rätsel aufgeben
oder einen Zweifel verursachen, daß mir am Ende
unwiderstehlich ein höhnisches Lachen aus der Kehle
hervorbrach. Schon während er gesprochen hatte,
hatte ich mich zufällig in dem Spiegel der
Kastenwand entdeckt und mich dabei mit einem
schiefen und kalten Blick ertappt, der sich mir
plötzlich wie eine Schlange in die Augen geschlichen
hatte. Und Daumen und Zeigefinger der linken Hand
drückten einander, sie preßten sich so fest
gegeneinander, daß sie von dem Krampf des
gegenseitigen Drucks beinahe taub geworden waren.
Kaum wandte er sich bei diesem Hohngelächter zu mir
um, da trat ich auf ihn zu, auf Tuchfühlung, und aus
dem noch immer höhnisch verzogenen Mund in dem
totenbleich gewordenen Gesicht zischte ich ihm zu:
„Sehen Sie“, und dabei zeigte ich ihm die Finger,
„so! Sie wissen ja so gut Bescheid über Leben und
Tod; blasen Sie einmal da drauf, nur einen Hauch,
und sehen Sie zu, ob Sie mich sterben lassen
können!“. Er wich zurück, um mich zu mustern, ob er
es nicht mit einem Irren zu tun habe. Aber ich trat
erneut auf Tuchfühlung an ihn heran: „Ein Hauch
genügt, glauben Sie mir das. Nur ein Hauch!“ Ich
ließ ihn stehen und packte die Schwester am
Handgelenk. „Tun Sie es! Sehen Sie, so!“, und dabei
führte ich ihr die Hand an den Mund, „legen Sie zwei
Finger aneinander und blasen Sie darauf!“ Die Arme
stand entsetzt da, mit weitaufgerissenen Augen, und
zitterte am ganzen Körper, während der Arzt, ohne
noch daran zu denken, daß da auf dem Bett ein Toter
lag, amüsiert vor sich hinkicherte. „Ich tue es bei
Ihnen nicht mehr, denn da liegt schon einer, und mit
Calvetti sind’s heute schon zwei! Aber ich muß fort,
auf der Stelle fort, ich muß fort!“
Und damit stürzte ich hinaus, wie
von Sinnen.
Kaum war ich auf der Straße, da
brach der Wahnsinn erst richtig los. Es war schon
dunkel geworden, und die Straße war voll von
Menschen. Aus dem Schatten sprangen eins nach dem
anderen die Häuser heraus, in denen die Lichter
angingen, und all diese Leute liefen, um sich das
Gesicht vor den Lichtblitzen in den vielen Farben zu
schützen, die von allen Seiten auf sie einhackten,
Straßenlampen, Lichtschein aus Schaufenstern,
Leuchtreklamen, in innerem Aufruhr, bedrängt von
düsteren Ahnungen. Obwohl, nein: da war wiederum ein
Frauengesicht, das sich bei dem Anblick eines roten
Lichtscheins befriedigt entspannte; und dort das
eines Kindes, das lachte, auf den Schultern eines
alten Mannes, vor der Spiegeltür eines Ladens, über
den ein Wasserfall smaragdgrüner Lichttropfen
herabglitt. Ich brach durch die drängenden
Menschenmassen und blies, zwei Finger vor dem Mund,
blies auf all diese mir entgleitenden Gesichter,
wahllos, und ohne mich nach ihnen umzudrehen, ob
mein Atemhauch tatsächlich die bereits zweimal
erprobte Wirkung auf sie hervorbrachte. Und wenn er
das tat, wer hätte diese Wirkung mir zurechnen
dürfen? War ich nicht frei, zwei Finger vor den Mund
zu halten und mir das unschuldige Vergnügen zu
gestalten, über sie drüberzublasen? Wer hätte denn
ernsthaft glauben können, mir wäre tatsächlich eine
so unerhörte und schreckliche Macht in diesen beiden
Fingern und in dem leisen Hauch, den ich über sie
hinblies, zugewachsen? Es war ja lächerlich, so
etwas zuzugeben, man konnte das nur als einen
kindlichen Scherz einstufen. Ja, das war’s: ich
scherzte. Und die Zunge klebte mir schon im Mund von
diesem wütenden Blasen, ich hatte kaum noch Luft
zwischen den gespitzten Lippen, als ich am Ende der
Straße angekommen war. Wenn das, was ich zweimal
erlebt hatte, wahr sein sollte, dann ‑ ja, mein
Gott, dann mußte ich, so zwischen Scherz und Scherz,
wohl mehr als tausend Leute umgebracht haben. Es war
gar nicht möglich, daß man tags darauf nicht zum
Entsetzen der ganzen Stadt von dieser plötzlichen
und rätselhaften Häufung von Todesfällen erfahren
würde.
Und man erfuhr tatsächlich davon. Am
Morgen danach waren alle Zeitungen voll von der
Sache. Die Stadt erwachte unter dem Druck des
gräßlichen Alptraums einer Epidemie, gegen die es
keine Rettung gab, und die wie ein Blitz aus
heiterem Himmel ausgebrochen war.
Neunhundertsechzehn Tote in einer einzigen Nacht.
Auf den Friedhöfen wußte man nicht, wie man sie alle
von einem Tag auf den anderen begraben sollte; man
wußte auch nicht, wie man sie so schnell aus allen
Wohnungen abtransportieren sollte. Gemeinsame
Symptome, die die Ärzte an allen Betroffenen
festgestellt hatten: Zuerst ein undefiniertes
Unwohlsein, dann Tod durch Ersticken. Die Autopsie
der Leichen ergab keinen Hinweis auf die Krankheit,
die diesen beinahe sofortigen Tod verursacht hatte.
Als ich die Zeitungen las, verfiel
ich in eine tiefe Erschütterung, so etwas wie einen
Katerzustand nach einem gräßlichen Rausch,
verwirrtes Chaos ungeschiedener Gedankenfetzen, die
übereinander herfielen, gegeneinander stießen,
durcheinanderwirbelnd in einer Wolke, die mich einem
Wirbel gleich umfing; und eine unerklärliche
Bangigkeit, ein bohrender Drang, der gegen etwas in
mir stieß, immer wieder anrannte, gegen etwas in mir
drinnen, das für mich schwarz und unbeweglich blieb,
von dem mein Bewußtsein sich angezogen fühlte, mit
dem es jedoch, völlig widerborstig und in alle
Richtungen zerfließend, nichts zu tun haben wollte;
so berührte es dieses Etwas immer wieder und wich
sofort zurück. Ich weiß wirklich nicht, was ich
damit ausdrücken wollte, als ich eine verkrampfte
Hand gegen die Stirne preßte und stets aufs neue vor
mich hinsagte: „Es ist bloß ein Eindruck! Bloß ein
Eindruck!“. Jedenfalls half dieses doch ganz leere
Wort mir, blitzartig diese Wolke zu sprengen, und
ich fühlte mich für einen Augenblick erleichtert und
befreit. „Es war wohl alles nur eine Wahnidee“,
dachte ich, „die mir da in den Sinn gekommen ist,
weil ich gestern zufällig diese lächerliche,
kindische Geste just in dem Moment gemacht habe, ehe
die Nachricht von der schrecklichen Epidemie, die so
plötzlich über die Stadt hereingebrochen war, sich
verbreitet hatte. Oft entstehen aus solchen
zufälligen Zusammentreffen die dümmsten Aberglauben
und die unglaublichsten Obsessionen. Im übrigen
brauche ich nur ein paar Tage warten, ohne diese
scherzhafte Geste zu wiederholen. Wenn es sich um
eine Epidemie handelt - was mit Sicherheit der Fall
ist, dann muß diese erschreckende Welle von
Todesfällen weitergehen und nicht ebenso plötzlich
abbrechen wie sie begonnen hat.“
Gut: Ich wartete also drei Tage,
fünf Tage, eine Woche, zwei Wochen: Kein neuer Fall
wurde in den Zeitungen berichtet; die Epidemie war
plötzlich wieder zu Ende.
Hm, aber wahnsinnig, nein,
wahnsinnig bin ich nicht, verzeihen Sie! Unter der
Obsession eines solchen Zweifels, daß ich verrückt
sei, konnte ich es nicht aushalten; wahnsinnig,
befallen von einem Wahn, der, wenn ich ihn publik
gemacht hätte, jeden in helles Gelächter hätte
ausbrechen lassen, nein, also hören Sie mir auf
damit. Von einer solchen Obsession mußte ich mich
befreien, so schnell wie möglich. Und wie? Indem ich
wieder über meine Finger blies? Schließlich ging es
da um Menschenleben. Dafür mußte ich selbst
überzeugt sein, daß meine Handlung unschuldig war,
die eines Kindes, und daß ich nicht schuld war, wenn
andere darüber starben. Ich hätte ja immer noch an
ein Wiederaufflackern der Epidemie nach dieser Pause
von vierzehn Tagen glauben können, denn ich mußte
bis zum letzten darauf beharren, daß es völlig
unglaublich war, der Tod könnte von mir abhängen.
Unterdessen jedoch war da die diabolische
Versuchung, mir eine derartige Gewißheit zu
verschaffen, viel grauenhafter als der Zweifel, ich
könnte wahnsinnig sein: die Gewißheit, daß ich über
eine so unerhörte Macht verfügte: Wie hätte ich
einer solchen Versuchung widerstehen können?
Anfangenseite
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II.
Ich mußte mir also noch
einen Versuch gestatten, aber einen
vorsichtigen, schüchternen: einen
Versuch, der so „gerecht“ sein mußte,
wie das möglich war. Der Tod ist nie
gerecht, das ist ja bekannt. Aber der
Tod, der von mir abhing (falls er
wirklich von mir abhing), mußte gerecht
sein.
Ich kannte ein liebes
kleines Mädchen, das, während es mit
seinen Puppen spielte, aus einem Traum
in den anderen sprang, und alle waren
sie verschieden, der eine trug sie in
ein Dorf in den Bergen, der andere an
den Strand des Meeres, und dann vom Meer
in ein fernes, ganz fernes Land, wo
fremde Menschen eine andere Sprache
sprachen, so verschieden von der ihren;
so war sie am Ende all dieser Träume
immer noch als kleines Mädchen von
zwanzig Jahren aufgewacht, ganz und gar
Kind, aber nun mit einem Menschen an
ihrer Seite, der, kaum war er aus dem
letzten ihrer Träume herausgetreten,
sich sofort in die Wirklichkeit eines
fremden Riesenkerls verwandelt hatte,
eine Bohnenstange von gut zwei Metern,
dumm, träge und lasterhaft; und in den
Armen fand sie plötzlich statt der Puppe
ein armseliges kleines Wesen, man hätte
sagen können, ein kleines Monsterchen,
das sogar das Gesicht eines kranken
Engels hatte, solange der Krampf, der
den ganzen armseligen Körper immer
wieder durchzuckte, nicht auch dieses
grauenhaft verzerrte. „Morbus ...“ hieß
das, ich weiß nicht mehr genau wie, es
war der Name eines ausländischen Arztes
aus England oder Amerika, Pot hieß er,
glaube ich, wenn man ihn so schreibt
(wunderbarer Ruhm, wenn man einer
Krankheit den eigenen Namen geben
darf!), „Morbus Pot“ also in einer der
schwersten und hoffnungslosesten Formen.
Dieses Kind würde nie sprechen, nie
gehen, sich nie seiner abgemagerten und
von der Gewalt der gräßlichen Krämpfe
verkrümmten Händchen bedienen können.
Aber es würde noch ein paar Jährchen so
vor sich hinvegetieren. Wie alt war es?
Drei? Nun, vielleicht noch bis zehn. Und
doch schien es nicht wahr zu sein, in
den Armen eines Menschen, der gelernt
hatte es richtig zu halten, wie diese
Bohnenstange von einem Vater, da
lächelte das arme Kind mit einem so
seligen Lächeln in seinem Engelsgesicht,
daß auf der Stelle, kaum setzte das
Entsetzen über diese krampfartigen
Zuckungen aus, das zarteste Mitgefühl
Tränen aus den Augen aller quellen ließ,
die es betrachteten. Es schien
unmöglich, daß nur die Ärzte nicht
imstande waren zu verstehen, um was das
Kind mit diesem Lächeln bat. Aber
vielleicht verstanden sie es sogar, denn
sie hatten bereits einmal erklärt, daß
das sicherlich einer jener Fälle war, in
denen man nicht gezögert hätte, hätte es
das Gesetz erlaubt und die Eltern
zugestimmt... Aber Gesetz ist nun einmal
Gesetz, denn grausam kann es wohl sein
und ist es auch oft, aber barmherzig
nie, es sei denn, es würde zugleich
aufhören, Gesetz zu sein.
Ich ging also zu dieser
Mutter.
Der Raum, in dem sie
mich empfing, war vom Schatten ganz
erfüllt und wie in weiter Ferne
erschienen zwei Fenster, verschleiert
von dem fahlen Schimmer des letzten
Dämmerlichts. Auf dem Lehnstuhl am
Bettende sitzend, wiegte die Mutter das
von Krämpfen geschüttelte Kind im Arm.
Ich beugte mich über das Kleine, ohne
ein Wort zu sagen, zwei Finger vor dem
Mund. Bei meinem Hauch lächelte das
Kind, entspannte sich und verschied. Als
die Mutter, die an die ständige
Anspannung und die Zuckungen der Krämpfe
in diesem kleinen Körper gewöhnt war,
ihn plötzlich zwischen den Armen sich
lockern und weich werden fühlte,
unterdrückte sie mit Mühe einen Schrei,
hob den Kopf und sah mich an, sah das
Kind an:
„O Gott, was haben Sie
mit ihm gemacht?“
„Nichts, hast du’s nicht
gesehen, gerade nur ein Hauch...“
„Aber es ist tot!“
„Nun ist es selig.“
Ich nahm es ihr aus den
Armen und legte es, so locker und weich,
wie es nun war, auf sein kleines
Bettchen. Auf dem blassen Mündchen ruhte
noch immer das Engelslächeln.
„Wo ist dein Mann? Dort
drüben? Von dem befreie ich dich auch.
Er hat kein Recht mehr, dich zu
unterdrücken. Aber dann bleib beim
Träumen, mein liebes kleines Mädchen.
Siehst du nicht, was man davon hat, wenn
man aus den Träumen heraussteigt?“
Ich mußte den Mann gar
nicht holen gehen. Er erschien wie ein
verwirrter Riese auf der Schwelle. Aber
in der Erregung, in die mich die
schreckliche, nun tatsächlich gewonnene
Gewißheit versetzte, fühlte ich mich
maßlos gewachsen, weit größer als er.
„Was ist das Leben schon? Sehen Sie her,
ein Hauch genügt, ein Hauch, so, und
schon ist es vorbei!“
Dabei blies ich ihm aufs
Gesicht und trat aus dem Haus, ins
Riesenhafte gewachsen in den Abend
hinein.
Ich war es, ich war es;
ich war der Tod; ich trug ihn hier, in
meinen beiden Fingern und in meinem
Atemhauch; ich konnte alle sterben
lassen. Und mußte ich nicht alle sterben
lassen, um gerecht zu sein gegenüber
denen, die ich zuerst ins Jenseits
befördert hatte? Nichts leichter als
das, solange ich genug Puste hatte. Ich
hätte es nicht aus Haß gegen irgend
jemanden getan; ich kannte niemanden.
Wie der Tod selbst. Ein Hauch, und
vorbei war’s. Wieviel Menschheit war
schon vor dieser, die schattenhaft vor
mir vorüberzog, fortgeblasen worden?
Aber konnte ich denn je - die ganze
Menschheit? Alle Häuser entvölkern? Alle
Straßen sämtlicher Städte? Und die
Landstriche, Berge und Meere? Die
gesamte Erde menschenleer machen? Nein,
das war nicht möglich. Nun, aber dann,
niemanden mehr, keinen einzigen durfte
ich mehr, keinen einzigen. Vielleicht
würde ich mir die beiden Finger
abschneiden müssen. Aber wer weiß,
vielleicht würde der Atemhauch auch
allein ausreichen. Sollte ich es einmal
versuchen? Nein, nein: genug! Ich
fühlte, wie es mir allein bei dem
Gedanken eiskalt den Rücken herablief,
vom Nacken bis zu den Fersen. Vielleicht
reichte schon der Atemhauch allein aus.
Wie sollte ich mich daran hindern? Wie
sollte ich der Versuchung widerstehen?
Eine Hand auf den Mund legen? Konnte ich
mich denn dazu verdammen, ewig eine Hand
auf den Mund zu halten?
Als ich so meinen wilden
Phantasien nachhing, fand ich mich
plötzlich vor dem Tor des Krankenhauses
vorbeigehen, das weit offenstand. In der
Einfahrt lungerten ein paar
Krankenpfleger herum; sie hatten Dienst
für die Notambulanz und unterhielten
sich mit zwei Polizisten und dem alten
Portier; und auf der Schwelle, auf die
Straße hinausblickend, stand im langen
weißen Arztmantel, die Hände in die
Hüften gestemmt, der junge Doktor, der
an das Totenbett des armen Bernabò
geeilt war. Als er mich vorübergehen
sah, erkannte er mich wieder und begann
‑ vielleicht aufgrund der wirren Gesten,
die ich in meinen wilden Phantasien
vollführte ‑ zu lachen. Hätte er das
bloß nie getan! Ich blieb stehen; ich
rief ihm zu: „Reizen Sie mich nicht mit
ihrem blöden Grinsen! Ich bin es, ich
bin es; ich habe ihn hier“, und dabei
zeigte ich ihm wiederum die
aufeinandergelegten Finger, „vielleicht
auch nur im Hauch meines Atems allein!
Wollen Sie es vor all diesen
Herrschaften ausprobieren?“ Überrascht
und neugierig waren die Krankenpfleger,
die beiden Polizisten und der alte
Portier hinzugetreten. Mit starrem
Grinsen auf den Lippen, die wie gemalt
erschienen, und ohne die Hände von den
Hüften zu nehmen, begnügte sich dieser
Unglückselige diesmal nicht damit es zu
denken, sondern er sprach es aus, indem
er mit den Achseln zuckte: „Aber Sie
sind ja wahnsinnig!“. „Ich bin
wahnsinnig?“, fragte ich drohend. „Die
Epidemie ist seit vierzehn Tagen
erloschen. Wollen Sie sehen, wie ich sie
wieder anfache und im Handumdrehen sich
ausbreiten lasse, in grauenhafter
Schnelligkeit?“ „Indem Sie auf Ihre
Finger blasen, nicht?“ Das brüllende
Gelächter, das auf diese Frage des
Doktors antwortete, ließ mich zögern.
Ich bemerkte, daß ich der Empörung nicht
hätte nachgeben dürfen, die mich ob der
beschämenden Lächerlichkeit ergriff,
welche meine Geste, sobald sie einmal
offenbar wurde, mir unausweichlich
eintragen mußte. Niemand außer mir
selbst vermochte ja ernsthaft an die
schrecklichen Wirkungen dieser Geste zu
glauben. Und dennoch gewann die Empörung
in mir die Oberhand, wie das Brennen
einer Feuerspitze auf rohem Fleisch,
denn ich fühlte diese Lächerlichkeit wie
ein Brandmal des Hohns, das der Tod mir
aufprägen hatte wollen, indem er mir
diese unglaubliche Macht übertragen
hatte. Dazu kam, wie ein
Peitschenschlag, die Frage des jungen
Arztes: „Wer hat Ihnen denn gesagt, daß
die Epidemie erloschen ist?“ Ich blieb
wie versteinert stehen. Die Epidemie war
also nicht erloschen? Ich fühlte, wie
meine Wangen vor Scham rot anliefen. „In
den Zeitungen“, sagte ich, „ist doch von
keinem einzigen Fall mehr berichtet
worden.“ „Ja, in den Zeitungen“, gab der
andere zurück. „aber nicht bei uns hier
im Krankenhaus.“ „Noch weitere Fälle?“
„Drei bis vier pro Tag.“ „Und Sie sind
sicher, daß es dieselbe Krankheit ist?“
„Aber ja, lieber Herr, absolut sicher.
Würde man nur auf diese Weise endlich
klar sehen, was die Krankheit anlangt!
Sparen Sie, lieber Herr, sparen Sie
Ihren Atem!“ Die anderen fingen wieder
an zu lachen. „Na gut“, sagte ich
hierauf. „Wenn es so ist, dann bin ich
bloß ein Verrückter, und Sie werden also
keine Angst haben, mit mir ein
Experiment zu machen. Übernehmen Sie die
Verantwortung auch für die anderen fünf
Herrschaften?“ Angesichts meiner
Herausforderung stutzte der junge Arzt
einen Augenblick; dann kehrte das Lachen
auf seine Lippen zurück, und er wandte
sich zu den anderen fünf um: „Haben Sie
verstanden? Der Herr hier behauptet, er
brauche nur leicht auf seine Finger
blasen, um uns allesamt sterben zu
lassen. Wollen wir’s versuchen? Ich
mache mit!“ Die anderen riefen höhnisch
lachend im Chor: „Aber ja, blasen Sie,
blasen Sie, wir machen auch mit, hier
sind wir!“ Und damit stellten sie sich
alle sechs in einer Reihe vor mir auf,
die Köpfe vorgestreckt. Es erschien wie
eine Theaterszene, in dieser
Krankenhauseinfahrt, unter der roten
Laterne der Erste-Hilfe-Ambulanz. Sie
waren sicher, es mit einem Verrückten zu
tun zu haben. Nun konnten sie nicht mehr
zurück. „Es ist die Epidemie, wenn
überhaupt, nicht ich, was?“ Und um ganz
sicher zu gehen, legte ich wieder die
beiden Finger vor dem Mund aufeinander.
Als ich blies, wurden alle sechs, einer
nach dem anderen, bleich im Gesicht;
alle sechs krümmten sich vornüber, alle
sechs griffen sich mit einer Hand auf
die Brust und sahen einander aus
verschleierten Augen an. Dann sprang
einer der Polizisten auf mich zu und
packte mich am Handgelenk; sogleich aber
blieb ihm die Luft weg, die Beine
knickten ihm ein, und er fiel mir zu
Füßen, als wolle er mich um Hilfe
anflehen. Von den anderen brabbelte
einer etwas vor sich hin, der andere
ruderte mit den Armen, der dritte
starrte mit weitaufgerissenen Augen und
ebensolchem Mund vor sich hin.
Instinktiv versuchte ich mit dem freien
Arm den jungen Arzt aufzufangen, der mir
entgegenfiel. Aber auch er stieß mich
wie Bernabò wütend zurück und fiel mit
lautem Krachen der Länge nach auf den
Boden. Ein Rudel Leute, der allmählich
zu einer Menschenmenge anwuchs, hatte
sich unterdessen vor dem Tor
zusammengerottet. Die neu
hinzugekommenen Neugierigen drängten von
außen nach innen, die Entsetzten wichen
von der Schwelle zurück und quetschten
so in der Mitte die in banger Erwartung
verharrenden Leute ein, die sehen
wollten, was in dieser Toreinfahrt vor
sich ging. Sie fragten mich danach, als
wäre ich einer, der das wissen müßte,
vielleicht, weil mein Gesicht weder die
Neugier, noch die bange Erwartung, noch
das Entsetzen ausdrückte, das in ihnen
war. Wie ich aussah, hätte ich nicht zu
sagen vermocht; in diesem Augenblick
fühlte ich mich wie verloren, plötzlich
überfallen von einer Meute wilder Hunde.
Ich fand keinen anderen Ausweg als meine
kindische Geste. In den Augen hatte ich
wohl einen Ausdruck der Angst und
zugleich des Mitleids für die sechs
Gefallenen und für alle, die um mich
herumstanden; vielleicht lächelte ich
sogar, während ich zu dem einen oder
anderen sagte, indem ich mir einen Weg
bahnte: „Ein Hauch genügt, so... so...“;
zugleich rief vom Boden der junge Arzt,
der bis zum Letzten starrköpfig blieb,
sich in Krämpfen windend: „Die Epidemie!
Die Epidemie!“ Eine allgemeine Flucht
war die Folge; und eine Zeitlang sah ich
mich noch inmitten all dieser Leute, die
entsetzt und wie von Sinnen nach allen
Seiten flohen, langsam vor mich hin
trotten, wie ein Betrunkener, der mit
sich selbst spricht, sanft und betrübt;
bis ich mich, ich weiß selbst nicht wie,
vor dem Spiegel eines Schaufenster
wiederfand, noch immer mit diesen beiden
Fingern vor dem Mund und mitten im Akt
des Blasens „ ...so ...so“, vielleicht,
um einen Beweis für die Unschuld dieses
Aktes zu liefern, indem ich zeigte, daß
ich dasselbe, bitte, auch mit mir selbst
machte, in der einzigen Weise, in der
ich das tun konnte. Für einen Augenblick
sah ich mich in diesem Spiegel, mit
Augen, von denen ich selbst nicht mehr
wußte, wie ich sie mir ansehen sollte,
so tief eingesunken waren sie in diesem
Totengesicht, das mich anstarrte; dann,
als hätte die Leere mich verschlungen,
oder ein Schwindel mich erfaßt, sah ich
mich selbst nicht mehr; ich berührte den
Spiegel, er war da, vor mir, ich sah
ihn, aber ich war nicht in ihm; ich
berührte mich, berührte meinen Kopf,
meine Brust, meine Arme; ich spürte
meinen Körper unter den Händen, aber ich
sah ihn nicht mehr, und auch nicht mehr
die Hände, mit denen ich ihn berührte;
und doch war ich nicht blind; ich sah
alles, die Straße, die Leute, die
Häuser, den Spiegel; da, ich berührte
ihn von neuem, ich trat näher heran, um
mich in ihm zu suchen; aber ich war
nicht da, und auch die Hand war nicht
da, die doch unter den Fingerkuppen die
Kälte der Scheibe spürte. Ein Drang
ergriff mich, ein frenetischer Drang, in
diesen Spiegel hineinzusteigen, auf der
Suche nach meinem fortgeblasenen,
verschwundenen Bild; und während ich so
gegen das Spiegelglas gelehnt stand,
lief einer, der aus dem Geschäft kam, in
mich hinein, und sofort sah ich ihn
entsetzt zurückprallen, den Mund zu dem
Schrei eines Wahnsinnigen geöffnet, der
nicht aus der Kehle dringen wollte: er
war gegen jemanden gelaufen, der da sein
mußte und doch nicht da war, denn da war
niemand; da stieg in mir übermächtig das
Bedürfnis auf, zu bekunden, daß ich doch
da war; ich sprach, als wäre ich eine
Stimme in der Luft; ich hauchte es ihm
ins Gesicht: „Die Epidemie!“ und mit
einem Stoß der Hand gegen seine Brust
warf ich ihn zu Boden. Unterdessen war
die Straße in Aufruhr geraten,
aufgewiegelt von denen, die zuvor
geflohen waren, und die nun, mit
Gesichtern von Besessenen zurückkamen,
sicherlich alle zur Suche nach mir
aufhetzend, sie füllte sich mit Leuten,
die von allen Seiten hereindrängten,
wurde immer voller, wie ein dicker Rauch
aus wechselnden Gesichtern, der mich
erstickte, der ich mich doch fast in dem
Rausch eines erschreckenden Traums
verflüchtigt hatte; aber sogar in diesem
Gedränge eingeklemmt, konnte ich gehen,
mir einen Weg bahnen mit dem Hauch
meines Atems über meine unsichtbaren
Finger. „Die Epidemie! Die Epidemie!“ -
Ich war nicht mehr ich; nun endlich
begriff ich es; ich war die Epidemie,
und es waren alles Larven, jawohl, alles
Larven, die Menschenleben, die ein Hauch
mit sich forttrug. Wie lange wohl dieser
Alptraum anhielt? Die ganze Nacht und
einen Teil des darauffolgenden Tages
versuchte ich, aus diesem Gedränge zu
entkommen, und als ich mich endlich auch
noch von der Enge der Häuserzeilen der
gräßlichen Stadt befreit hatte, fühlte
ich mich in der Luft des freien Landes
selbst Luft geworden. Alles wurde von
der Sonne in Gold getaucht; ich hatte
keinen Körper mehr, keinen Schatten
mehr; das Grün war so frisch und neu,
als wäre es eben jetzt aus meinem so
dringenden Bedürfnis nach Erfrischung
hervorgegangen, und es war so sehr mein,
daß ich mich in jedem unter der Last
eines sich darauf niederlassenden
Insekts erzitternden Grashalm selbst
angerührt fühlte; ich versuchte zu
fliegen, mit dem beinahe papiergleichen,
hingebungsvollen Liebesflug von zwei
weißen Schmetterlingen; und als ob es
nun wirklich ein Scherz wäre, da, ein
Hauch und fort ist es, schon schwebten
die abgefallenen Flügel dieser
Schmetterlinge durch die Luft herab wie
dünnes Papier; weiter drüben saß auf
einem Stuhl, den Oleander neugierig
beäugten, ein junges Mädchen in einem
Kleid aus himmelblauem Schleiertuch, auf
dem Kopf einen großen Strohhut, den
kleine Rosen zierten; sie blinzelte mit
den Augenlidern; nachdenklich saß sie
da, und lächelte mit einem Lächeln, das
sie mir in die Ferne entrückte, wie ein
Bild aus meiner Jugend; vielleicht war
sie ja wirklich nichts anderes als ein
Bild, das mir vom Leben zurückgeblieben
war, nur noch dieses einzige Bild auf
der ganzen Erde. Ein Hauch und fort
damit! Bis zur Beklemmung gerührt von so
viel Süße, blieb ich unbeweglich dort
stehen, die Hände ineinander
verschlungen und den Atem anhaltend, und
betrachtete sie aus der Ferne; und mein
Blick war die Luft selbst, die sie
liebkoste, ohne daß sie sich von ihr
angerührt fühlte.
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