Luigi Pirandello (1867-1936) - Novellen
Da lacht doch jemand
(C'è qualcuno che ride – 1937)

aus dem Italienischen von Michael
Rössner
Ein Raunen schlängelt sich mitten
durch die vielen Menschen, die hier beisammen
stehen:
„Da lacht doch jemand.“
Da oder dort, wo immer dieses Raunen
hingelangt, ist es, als richte sich plötzlich eine
Viper auf, oder als springe eine Grille in die Höhe,
oder als blitze unerwartet ein Spiegel auf und
blende die Augen mit gleißendem Licht.
Wer wagt es zu lachen?
Alle fahren herum und sehen sich mit
zornblitzenden Augen um.
(Der riesige Salon, den über der
Schar der Gäste der Lichtschein vier großer
Kristallüster erleuchtet, verharrt da oben in seiner
düsteren, staubigen Altertümlichkeit, als wäre er
erloschen und verlassen; beunruhigt erscheint nur,
von einem Ende des Gewölbes bis zum anderen, die
Kruste des gewaltigen Barockfreskos, das sich doch
so bemüht hat, die wilden Ausschweifungen seiner
Farben in einem ewigen Nachtdunkel zu ersticken und
verschwimmen zu lasen; man würde meinen, er könne es
kaum erwarten, daß auch dort unten endlich all die
Unruhe aufhöre und der Salon geräumt werde.)
Das eine oder andere längliche,
mühsam durch ein mitleidvolles Dehnen zu einem
betroffenen, verständnisvollen Lächeln verzogene
Gesicht mag sich ja finden lassen, wenn man genau
hinsieht; aber eines, das lachen würde, richtig
lachen, das nicht. Nun, verständnisvoll lächeln, das
mag wohl hingehen, ja, es könnte geradezu geboten
sein, wenn man bedenkt, daß diese ‑ überaus ernste ‑
Zusammenkunft sich auch den Anstrich einer der in
Faschingszeiten üblichen städtischen Zerstreuungen
geben möchte. Tatsächlich hat da ja auf einer mit
einem schwarzen Teppich abgedeckten Fläche ein
kleines Orchester totenschädelartiger Glatzköpfe
Aufstellung genommen und spielt endlos
tanzmusikartige Stücke, und da sind auch tatsächlich
Paare, die tanzen, auf Aufforderung, ja fast auf
Befehl der eigens herbeigerufenen Photographen hin,
um dieser Zusammenkunft den Anstrich eines
Tanzfestes zu verleihen.
So schreiend ist freilich das Rot,
das Himmelblau gewisser Abendroben, und so
ekelerregend die Zerbrechlichkeit gewisser nackter
Schultern und Arme, daß man beinahe meinen möchte,
diese Tänzer wären nur für diesen Anlaß von unter
der Erde heraufgeholt worden, Spielzeug aus anderen
Zeiten, wohlkonserviert und nun künstlich wieder
aufgezogen, um dieses Schauspiel zu gestalten. Man
hat richtig das Bedürfnis, nachdem man sie angesehen
hat, sich an etwas Solides, Grobschlächtiges zu
klammern. Ja, hier zum Beispiel, an den Nacken
dieses speckfaltigen Nachbarn, über dessen gerötetes
Gesicht der Schweiß läuft und der sich mit einem
überaus weißen Taschentuch Luft zufächelt; oder an
die idiotengleiche Stirn dieser alten Dame. Seltsam:
Dort, die Blumen auf dem schäbigen Tischchen mit
Erfrischungen, die sind nicht künstlich, und deshalb
stimmt es einen so traurig, wenn man an die Gärten
denkt, in denen sie heute morgen unter einem hellen,
feinen Sprühregen, der in den Gesichtern brannte,
gepflückt wurden; wie schade um diese bleiche Rose,
die in ihren abgefallenen Blättern einen
ersterbenden Geruch nach gepudertem Fleisch bewahrt.
Da und dort, verloren unter der
Masse von Leuten, steht wohl auch der eine oder
andere Gast im Domino und sieht aus wie ein
Laienbruder auf der Suche nach dem Begräbniszug.
Die Wahrheit ist: Alle diese Gäste
haben keine Ahnung vom Grund dieser Einladung. Die
lief einfach in der Stadt um wie der Appell zu einer
Versammlung. Nun sind sie unschlüssig, ob es eher
angebracht wäre, sich ein wenig abzusondern oder
sich möglichst allen zu zeigen (was bei so vielen
Menschen alles andere als leicht wäre), und so
beobachtet einer den anderen, und wer sich dabei
beobachtet sieht, sich zurückzuziehen oder sich
bemerkbar zu machen, der verwelkt auf der Stelle und
hält inne; denn hier hat auch einer den anderen im
Verdacht, und das allgemeine Mißtrauen in dem
Gedränge führt zu Obsessionen, die sich nur sehr
schwer beherrschen lassen; schräge Blicke werden
über die Schulter geworfen und fahren sofort zurück
wie ertappte Schlangen, wenn sie entdeckt werden.
„Ach, sieh mal, du bist auch hier?“
„Na, wir sind doch alle hier,
scheint’s.“
Unterdessen wagt niemand nach dem
Warum zu fragen, weil jeder fürchtet, er wäre der
einzige, der es nicht weiß, was ihn wiederum
zweifelsohne schuldig machen würde, falls diese
Versammlung einberufen wurde, um eine schwerwiegende
Entscheidung zu treffen. Ohne sich dabei erwischen
zu lassen, suchen einige mit den Blicken jene zwei
oder drei, von denen man doch annehmen würde, daß
sie imstande sein müßten, es zu wissen; aber sie
finden sie nicht. Sie werden sich wohl in einem
geheimen Raum zu einer Beratung versammelt haben,
einen Raum, in den von Zeit zu Zeit jemand
hineingerufen wird, erbleichend diesem Ruf folgt und
die anderen in banger Verwirrung zurückläßt. Man
versucht, aus dem Charakter des Gerufenen, aus
seiner Stellung und seinen Verbindungen darauf zu
schließen, um was es wohl bei diesen Beratungen
gehen kann, und man kommt dabei zu keinem Schluß,
weil eben zuvor ein anderer mit ganz gegensätzlichem
Charakter und ganz entgegengesetzten Verbindungen
gerufen worden war.
Anfangenseite
In der allgemeinen
Betroffenheit ob dieses Rätsels wächst
die Erregung immer mehr. Man weiß ja,
wie schnell sich Unruhe mitzuteilen
pflegt, und wie schnell aus einer
Botschaft, wenn sie von Mund zu Mund
weitergegeben wird, eine ganz andere
wird. So kommen von einem Ende des
Salons zum anderen solche
Ungeheuerlichkeiten heraus, daß man ganz
niedergeschmettert zurückbleibt. Und aus
den brodelnden Gemütern steigt etwas auf
und breitet sich aus, wie ein Alptraum,
in dem, zu dem beklemmenden,
schmerzlichen Klang dieses Orchesters,
zwischen dem Stimmengewirr, das einen
ganz taub macht, und vor dem Widerschein
der Lichter in den Spiegeln vor eines
jeden Augen, die seltsamsten
Erscheinungen aufblitzen; und wie ein
Rauch, der in dichten Ringen
herausquillt, dringen aus den Gewissen,
die im geheimen das Feuer
uneingestandener Gewissensbisse nähren,
Besorgnisse und Ängste und Befürchtungen
jeder Art; bei vielen löst der
instinktive Drang, die Sache sofort
wieder in Ordnung zu bringen, die
unerwartetsten Wirkungen aus: der eine
klappert unaufhörlich mit den
Augenlidern, der andere starrt seinen
Nachbarn an, ohne ihn zu sehen, und
lächelt ihm zärtlich zu, der dritte
knöpft ohne Unterlaß einen Westenknopf
auf und wieder zu. Besser, man tut, als
ginge einen das alles nichts an. An
etwas anderes denken. An Ostern, das
fällt heuer sehr spät. An einen
Menschen, der doch ausgerechnet
Buongiorno heißt. Ach, aber das ist
wirklich unerträglich, diese Komödie,
die wir mit uns selbst aufführen.
Die Tatsache (wenn sie
überhaupt zutrifft), daß einer lacht,
sollte doch nicht solchen Eindruck
machen, will mir scheinen, wenn alle in
dieser Stimmung sind. Was heißt da
Eindruck! Eine gewaltige Empörung, und
eben deshalb, weil alle in dieser
Stimmung sind; eine Empörung, als wäre
das eine persönliche Beleidigung, daß da
wirklich einer den Mut haben kann, ganz
offen zu lachen. Der Alpdruck lastet ja
eben deshalb so unerträglich auf allen,
weil es keinem zulässig erscheint zu
lachen. Wenn da einer zu lachen anfängt
und die anderen es ihm nachtun, wenn
dieser ganze Alpdruck sich plötzlich in
einen Schwall des allgemeinen Lachens
löst, na dann gute Nacht! In einer
solchen Ungewißheit und Spannung der
Seele muß man wenigstens glauben und
fühlen, daß die Versammlung heute abend
eine sehr, sehr ernste Angelegenheit
ist.
Aber ist denn da nun
wirklich dieser jemand, der immer noch
weiterlacht, trotz des Raunens, das sich
nun schon eine ganze Weile durch die
Versammlung schlängelt? Wer ist es? Wo
ist er? Den muß man doch aufspüren, ihn
an der Brust packen, ihn gegen die Wand
schleudern, und, alle mit vorgestreckten
Fäusten, fragen, weshalb er lacht und
über wen er lacht. Es scheint, es ist
nicht nur einer allein. Ach so, mehr als
einer? Man sagt, es wären wenigstens
drei. Was denn, wie denn, in Absprache
untereinander oder jeder für sich? Es
scheint, in Absprache, alle drei. Ach
so? Die sind also mit der bewußten
Absicht hierhergekommen zu lachen? Ja,
so scheint es.
Als erstes fiel so ein
großgewachsenes junges Mädchen auf, weiß
angezogen, ganz rot im Gesicht, das
blühende Leben, vielleicht ein bißchen
plump, daß sich vor Lachen kaum halten
konnte, in einer Ecke des Saals dort
drüben. Anfangs haben die Leute nicht
weiter drauf geachtet, sei es, weil sie
eine Frau war, sei es wegen des Alters.
Nur der unerwartete Klang des Lachens
wirkte störend, und einige haben sich
umgedreht, als ginge es da um eine
Unangemessenheit, sagen wir ruhig
Ungehörigkeit, ja sogar Unverfrorenheit,
wenn man es so nennen will, aber doch
wohl eine entschuldbare Unverfrorenheit:
Was denn? Das Lachen eines Kindes, das
zudem gleich abbrach, als die Kleine
sich beobachtet sah. Als sie dann aus
ihrer Ecke geflohen war,
vornübergebeugt, sich zusammenkrümmend,
beide Hände vor dem Mund, da war das
verständlich ‑ ja, das schon ‑ daß man
sie auch da drüben noch lachen hören
konnte, in einen förmlichen Lachkrampf
ausbrechend, vielleicht wegen der
Verkrampfung, mit der sie vor den Leuten
davonzulaufen suchte. Ein Kind? Nun
erfährt man eben, daß sie schon
wenigstens sechzehn Jahre alt war, und
zwei Augen besaß, die förmlich Flammen
sprühten. Es scheint, sie flieht von
einem Saal in den anderen, als würde sie
verfolgt. Aber ja, verfolgt wird sie,
tatsächlich verfolgt von einem sehr
hübschen Jungen, blond wie sie, der
lacht wie ein Verrückter, während er ihr
nachläuft; dann und wann freilich hält
er inne, erschreckt durch die
Unverfrorenheit, mit der sie überall
ihre Nase hineinsteckt; er möchte sich
gerne ein wenig Zurückhaltung
auferlegen, aber er schafft es einfach
nicht; er wendet sich hierhin und
dorthin, als höre er seinen Namen rufen,
und gewiß beißt er sich auf die Lippen,
um einen Anfall von Heiterkeit
zurückzuhalten, der in ihm drinnen
brodelt und ihm das Zwerchfell erbeben
läßt. Und jetzt haben sie auch den
dritten entdeckt, ein biegsames
Männchen, das sich tänzelnd durch die
Räume bewegt und mit den kurzen Ärmchen
wie mit zwei Trommelschlegeln in einem
fort auf die runde, massive Brust
schlägt; seine spiegelnde Glatze rahmt
ein roter, lockiger Haarkranz ein, in
seinem selig lächelnden Gesicht lacht
die Nase mehr als der Mund, die Augen
mehr als Mund und Nase zusammen, es
lacht das Kinn, es lacht die Stirn, ja
sogar die Ohren dieses Mannes lachen.
Einen Frack hat er an, wie alle anderen.
Wer hat den eingeladen? Wie sind die zu
dieser Versammlung gekommen? Niemand
kennt sie. Nicht einmal ich. Ich weiß
nur, daß er der Vater dieser beiden
jungen Leute ist, ein wohlhabender Herr,
der mit seiner Tochter auf dem Lande
lebt, während der Sohn hier in der Stadt
studiert. Sie werden zufällig auf dieses
vorgetäuschte Tanzfest geraten sein. Wer
weiß, was sie einander beim Kommen
zugeraunt haben, was für geheime
Einverständnisse und Scherze sie
untereinander seit langem verabredet
haben, Streiche, die nur ihnen bekannt
sind, Sprengstoff in der Hinterhand,
färbiges Pulver für ein Feuerwerk, das
bei dem geringsten Anlaß in die Luft
gehen kann, sei es auch bloß ein
flüchtiger Blick; jedenfalls können sie
nicht mehr beisammen sein; sie suchen
einander aber mit den Augen aus der
Ferne, und kaum erspähen sie einander,
wenden sie das Gesicht ab, und hinter
den vorgehaltenen Händen bricht so ein
gewisses Lachen hervor, das inmitten all
dieser Ernsthaftigkeit tatsächlich
skandalös ist.
Die Obsession dieser
Ernsthaftigkeit lastet so schwer und
erdrückend auf allen, daß niemand auch
nur den Gedanken zu fassen vermag, daß
diese drei außerhalb dieses Ernstes
stehen könnten, weit fort, und
stattdessen in sich drinnen einen
unschuldigen, vielleicht sogar dummen
Grund haben könnten, so einfach ohne
Anlaß zu lachen; das Mädchen zum
Beispiel, bloß weil es sechzehn Jahre
alt und gewohnt ist, wie ein Fohlen
mitten auf einer blumenbestandenen Wiese
zu leben, ein Fohlen, das bei jeder
Brise feurig in die Höhe steigt und
glücklich springt und galoppiert, ohne
daß es selbst wüßte warum. Man könnte
schwören, daß es gar nichts mitbekommt,
daß es nicht die geringste Ahnung von
dem Skandal hat, den es gemeinsam mit
dem Vater und dem Bruder
heraufbeschwört, die auch so fröhlich
und so fremd und ohne jede böse Ahnung
sind.
Und als sich am Ende
alle drei auf einem Sofa in dem Saal
dort drüben vereint wiederfinden, der
Vater in der Mitte zwischen Sohn und
Tochter, erschöpft und zufrieden, aber
mit einem großen Verlangen danach,
einander zu umarmen, vor lauter Freude
über die gelungene Unterhaltung, die aus
ihrer Freude in dieses schöne, helle
Lachen ausgebrochen ist wie in deN Lärm
einer rasch vergehenden Meeresbrandung,
da sehen sie plötzlich aus den drei
großen Glastüren wie eine schwarze Flut
unter einem plötzlich verdüsterten und
verschlossenen Himmel die ganze Masse
der Gäste auf sich zukommen, langsam,
sehr langsam, mit dem melodramatischen
Schritt einer finsteren Verschwörung,
und nun verstehen sie natürlich zunächst
gar nichts, sie glauben nicht, daß
dieses merkwürdige Manöver ihnen gelten
könnte und tauschen einen Blick, noch
immer ein wenig lächelnd; aber das
Lächeln erstirbt nach und nach in einer
immer stärkeren Beklemmung, bis sie, da
sie nicht fliehen und nicht einmal
zurückweichen können, den Rücken gegen
die Lehne des Sofas gepreßt, nun schon
nicht mehr von Beklemmung, sondern von
Schrecken erfüllt, instinktiv die Hände
heben, als wollten sie die Masse
abwehren, die weiter voranschreitend,
furchterregend über sie hereingebrochen
ist. Die drei Autoritäten, die sich
ihretwegen, aus keinem anderen Grund,
zur Beratung in den geheimen Raum
zurückgezogen hatten, eben wegen des
umlaufenden Gerüchts über ihr
unzulässiges Lachen, und die dort
beschlossen haben, dieses Verhalten in
denkwürdiger und exemplarischer Weise zu
bestrafen, sie sind eben durch die
Mitteltüre eingetreten und präsentieren
sich vor allen, die Kapuzen ihrer
Dominomäntel bis zum Kinn herabgezogen
und zum Scherz an den Händen mit drei
Servietten gefesselt, als wären sie
gefangene Verbrecher, die gekommen sind,
um Gnade zu flehen. Kaum stehen sie vor
dem Sofa, da bricht ein riesiges,
sardonisches Lachen aus der gesamten
Menge der Gäste lärmend hervor und hallt
in grauenhafter Weise mehrfach in dem
Saal wieder. Dieser arme Vater rudert
bestürzt und zitternd mit den Armen,
endlich gelingt es ihm, seine beiden
Kinder unter den Arm zu nehmen, und ganz
geduckt ergreift er die Flucht, während
ihm kalte Schauer den Rücken
hinunterlaufen, ohne daß er etwas
verstehen könnte, verfolgt von dem
gräßlichen Gedanken, sämtliche Einwohner
der Stadt könnten ganz plötzlich
irrsinnig geworden sein.
©
Michael Rössner.
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