Luigi Pirandello (1867-1936) - Novellen
DIE VERNICHTUNG DES MENSCHEN
*
(La distruzione dell'uomo - 1923)

aus dem Italienischen von Michael Rössner
Ich möchte bloß gerne wissen, ob der Herr
Untersuchungsrichter**
guten Glaubens der Meinung ist, er habe auch nur ein
einziges Motiv gefunden, mit dem sich tatsächlich
irgendwie das erklären ließe, was er vorsätzlichen
Mord nennt (und was, wenn überhaupt, ein Doppelmord
gewesen wäre, denn das Opfer war gesegneten Leibes,
am Ende des letzten Schwangerschaftsmonats).
Es ist bekannt, daß Nicola Petix sich hinter einem
undurchdringlichen Schweigen verschanzt hat, erst
gegenüber dem Polizeikommissar gleich nach seiner
Verhaftung, später gegenüber ihm, das heißt dem
Herrn Untersuchungsrichter, der sich vergeblich so
oft und auf jede nur denkbare Weise bemüht hat, ihn
zu verhören, und zuletzt gegenüber dem jungen Anwalt,
den sie ihm als Pflichtverteidiger zugeteilt haben,
da er bis zum Schluß keinen Verteidiger seiner Wahl
hatte benennen wollen.
Dieses so hartnäckige Schweigen müßte man, so will
mir scheinen, doch auf irgendeine Art und Weise
auszulegen versuchen.
Man sagt, Petix lege in der Zelle die
erinnerungslose Gleichgültigkeit einer Katze an den
Tag, die, nachdem sie einer Maus oder einem Vogel
den Garaus gemacht hat, sich behaglich in einem
Sonnenstrahl räkelt.
Aber es ist klar, daß dieses Gerede, das darauf
hinausläuft, daß Petix seine Tat mit der glücklichen
Unschuld eines Tieres begangen hat, bei den Ohren
des Herrn Untersuchungsrichters keine Gnade gefunden
hat, wenn er vorsätzlichen Mord annehmen und
behaupten konnte. Den Tieren ist jeder Vorsatz fremd.
Wenn sie ihrer Beute auflauern, ist ihr Überfall
instinktiver und natürlicher Bestandteil ihres
ebenso natürlichen Jagdverhaltens, das sie weder zu
Dieben noch zu Mördern macht. Der Fuchs mag für den
Besitzer des Huhns immerhin ein Dieb sein; für sich
selbst ist er kein Dieb, er hat bloß Hunger. Und
wenn er Hunger hat, schnappt er sich ein Huhn und
frißt es. Und wenn er es einmal gefressen hat, dann
war's das, und er denkt nicht mehr daran.
Nun, Petix ist natürlich kein Tier. Und nun muß man
erst einmal sehen, ob diese Gleichgültigkeit echt
ist. Denn wenn sie echt ist, dann müßte man auch
diese Gleichgültigkeit in Betracht ziehen, ebenso
wie dieses hartnäckige Schweigen, dessen - so will
mir scheinen - natürlichste Konsequenz sie ist; noch
dazu, wo beide durch die ausdrückliche Ablehnung
eines Verteidigers noch unterstützt werden.
Aber ich will kein Urteil vorwegnehmen und
einstweilen mit meiner Meinung noch zurückhalten.
Ich setze also die Diskussion mit dem Herrn
Untersuchungsrichter fort.
Wenn der Herr Untersuchungsrichter glaubt, Petix
wäre mit aller Strenge des Gesetzes zu bestrafen,
weil er für ihn weder ein einem wilden Tier
vergleichbarer gewalttätiger Schwachsinniger ist
noch ein rasender Irrer, der ohne Grund eine Frau
wenige Wochen vor der Geburt umgebracht hat, was
kann dann das Motiv des Verbrechens, dieses
vorsätzlichen Mordes gewesen sein?
Eine geheime Leidenschaft für diese Frau? Nein. Da
würde es genügen, wenn der junge Pflichtverteidiger
den Herren Geschworenen einen Augenblick lang ein
Bild der armen Toten vorlegte. Frau Porrella war
siebenundvierzig Jahre alt und ähnelte leider
bereits allem anderen mehr als einer Frau.
Ich erinnere mich, sie wenige Tage vor dem
Verbrechen, gegen Ende Oktober, gesehen zu haben.
Sie spazierte am Arm ihres fünfzigjährigen Mannes,
der noch ein bißchen kleiner war als sie, aber auch
einen schönen Bauch vor sich herschleppte, der Herr
Porrella, in der Abenddämmerung durch die Viale
Nomentano, ohne sich um den Wind zu bekümmern, der
mit seinen warmen Böen lärmend die welken Blätter
aufwirbelte.
Ich kann es auf mein Ehrenwort bestätigen, daß der
Anblick dieser beiden eine Provokation war, wie sie
an einem solchen Tag spazieren gingen, mit all
diesem Wind, zwischen den Wirbeln all dieser welken
Blätter, so klein unter den hohen, nackten Platanen,
die ihr spitzes Zweiggeflecht abwehrend in den
stürmischen Himmel reckten.
Sie schritten genau auf dieselbe Weise und zur
selben Zeit aus, ernst und schwer, als erfüllten sie
einen Auftrag.
Vielleicht glaubten sie, daß dieser Spaziergang
unbedingt notwendig wäre, nun, da die letzten Tage
der Schwangerschaft angebrochen waren. Verschreibung
des Arztes; und von allen Freundinnen aus der
Umgebung wärmstens empfohlen.
Ja, es mag ärgerlich gewesen sein für sie, aber doch
nur zu natürlich, daß diese Windböen alle
Augenblicke da und dort aufkamen und wütend alle
diese staubtrockenen Blätter aufwirbelten, ohne sie
doch je forttragen zu können; und daß diese Platanen
dort, da sie doch zur rechten Zeit Blätter
ausgetrieben hatten, sich nun auch zur rechten Zeit
ihrer entledigten, um wie Tote den kommenden
Frühling zu erwarten; und daß dieser räudige Hund
dort drüben von jedem neuen Geruch in der Nase dazu
verdammt wurde, bei fast allen Stämmen dieser
Platanen stehen zu bleiben, verzweifelt eine Hüfte
in die Höhe zu recken, um gerade noch ein paar
Tröpfchen herauszupressen, nachdem er sich immer und
immer wieder wie verrückt im Kreis gedreht hatte, um
die richtige Position dafür zu finden.
Ich schwöre, daß nicht nur mir allein, sondern jedem,
der an diesem Tag durch die Viale Nomentano ging,
unglaublich erschien, daß dieses Männchen da mit so
befriedigtem Gesicht seine Frau in diesem Zustand
durch die Straßen führen konnte; und noch viel
unglaublicher, daß diese Frau sich durch die Straßen
führen ließ, mit einer Hartnäckigkeit, die ihr
selbst gegenüber umso grausamer erschien, je mehr
sie sich in die Notwendigkeit der unerträglichen
Anstrengung zu ergeben schien, die das für sie
bedeuten mußte. Sie taumelte, keuchte und bekam ganz
starre, verkrampfte Augen, nicht einmal so sehr von
der unmenschlichen Anstrengung, als von der Angst,
sie könnte vielleicht diesen obszönen Ballast im
herunterhängenden Bauch nicht bis zum Ende austragen.
Tatsächlich ließ sie alle Augenblicke die bläulichen
Lider über diesen Augen sinken. Aber sie tat das
nicht so sehr aus Scham, als aus Wut darüber, daß
sie sich gezwungen sah, diese Scham zu empfinden,
vor den Augen derer, die sie betrachteten und sie in
diesem Zustand sahen, in ihrem Alter, eine alte
Schachtel, die noch einmal verwendet wurde,
ausgerechnet für eine so auffälligen Zweck. Sie
hätte ja auch wirklich den Mann, den sie beim Arm
hielt, mit einem ganz kleinen Druck heimlich aus der
tiefinneren Befriedigung herausholen können, der er
sich allzu oft und allzu augenfällig hingab, darüber
nämlich, daß er es gewesen war, er, wenn auch so
winzig klein und kahlköpfig und um die fünfzig Jahre
alt, der diesen dicken Schaden da angerichtet hatte.
Sie holte ihn nicht aus seiner Befriedigung heraus,
denn sie war ja im Gegenteil froh darüber, daß er
den Mut hatte, sie zu zeigen, diese Befriedigung,
während sie Scham zeigen mußte.
Mir ist, als sähe ich sie noch immer vor mir, wie
sie bei einem noch stärkeren Windstoß von hinten auf
ihren plumpen, dicken Beinen stehenblieb, an denen
das Kleid, sie in obszöner Weise nachzeichnend,
klebte, während es sich vorne zu einer Kugel
aufblähte. Dann wußte sie nicht, wo sie zuerst mit
dem freien Arm hineilen sollte, das heißt, ob sie
zuerst diese Kugel von einem Kleid herunterziehen
sollte, die ihre ganze Vorderseite zu entblößen
drohte, oder ob sie zuerst den alten violetten
Samthut an der Krempe festhalten sollte, dessen
melancholische schwarze Federn bei diesem Wind eine
verzweifelte Sehnsucht nach dem Fliegen befiel.
Aber kommen wir zu den Tatsachen.
Ich bitte Sie (wenn Sie ein wenig Zeit haben), sich
diese alte Zinskaserne in der Via Alessandria
anzusehen, in der das Ehepaar Porrella wohnte und
auch, in zwei Zimmerchen im Erdgeschoß, Nicola Petix.
Es ist eine dieser vielen Zinskasernen, alle auf
dieselbe Weise häßlich, wie abgestempelt mit der
Marke der gemeinsamen Gewöhnlichkeit der Zeit, in
der sie in großer Eile aufgerichtet wurden, in der
Erwartung - die sich später als irrig herausstellte
- daß es einen überstürzten und übermäßigen Zustrom
von Bürgern des Königreichs nach Rom geben würde,
sobald diese Stadt zur dritten Hauptstadt des
Königreichs proklamiert wurde.
So viele privaten Vermögen, nicht nur von neureichen
Spekulanten, auch von uralten Patrizierfamilien, und
alle Kreditmittel, die die Banken diesen Bauherrn
geliehen hatten, die sich einige Jahre hindurch in
einer beinahe fanatischen Baumanie zu befinden
schienen, gingen damals in einem riesigen Bankrott
verloren, an den sich die Leute heute noch erinnern.
Und man sah dort, wo die alten Patrizierparks und
herrliche Villen waren, und auch jenseits des
Flusses, an Stelle von Wiesen und Gärten, Häuser,
Häuser und wiederum Häuser in die Höhe schießen,
ganze Häuserblocks in kaum trassierten Straßen
abgelegener Viertel; und so viele davon sah man
plötzlich stecken bleiben - moderne Ruinen -, als
sie gerade bis zum vierten Stockwerk gekommen waren,
durchnäßt, da ihnen das Dach fehlte, mit all diesen
nackten Fensterhöhlen und, in den Löchern an der
Spitze rohen Mauer, da und dort noch dem Rest eines
verlassenen Gerüstes, vom Regen geschwärzt und
vermodert; andere Häuserblocks, schon fertiggebaut,
blieben leer stehen an ganzen Straßenzügen in den
neuen Vierteln, durch die nie jemand kam; und man
sah das Gras in der monatelangen Stille an den
Rändern der Gehsteige wieder herausgucken, ganz
dicht an den Mauern, und schließlich, zart und in
jedem Windhauch erschauernd, die ganze Straßenfläche
zurückerobern.
Viele dieser Häuser, die ursprünglich für
wohlhabende Mieter erbaut worden waren, wurden dann,
um wenigstens irgend einen Nutzen aus ihnen zu
ziehen, der Invasion des einfachen Volkes geöffnet.
Diese Invasion richtete die Häuser ziemlich zugrunde,
wie man sich leicht vorstellen kann. Als dann
schließlich im Laufe der Jahre in Rom wirklich die
Wohnungsnot ausbrach, die man zunächst zu früh
befürchtet und dann zu spät bekämpft hatte, weil
alle aufgrund dieses riesigen Schadens Angst davor
hatten, Neubauten in Angriff zu nehmen, da begannen
die neuen Eigentümer, die diese Häuser um einen
Pappenstiel von den Kreditgebern der insolventen
Bauherrn erworben hatte, schnell nachzurechnen,
wieviel sie nun hätten ausgeben müssen, um diese
Häuser in einen Zustand zu versetzen, der es
ermöglicht hätte, Mieter aufzunehmen, die eine
höhere Miete zu zahlen bereit wären. Und das
Ergebnis war, daß sie es für klüger befanden, nichts
zu tun, und die Stiegen und Treppenstufen weiter
zerfallen zu lassen, die Mauern voll obszöner
Schmierereien, die Fenster mit herunterhängenden
Jalousien und die zerbrochenen Scheiben beflaggt mit
den schmutzigen, geflickten Fetzen, die dort zum
Trocknen aufgehängt waren.
Nur daß jetzt in einigen dieser großen, elenden
Häuser unter vielen Mietern, die zurückgeblieben
sind, um das Zerstörungswerk ihrer Vorgänger auf
Wänden, Türen und Fußböden fortzusetzen, nun auch
die eine oder andere verarmte Familie aus dem Adel
oder dem Mittelstand, von Angestellten oder Lehrern,
Unterschlupf zu suchen begonnen hat, sei es, daß sie
anderswo keine Wohnung finden konnte, oder aus Not,
oder aus Sparsamkeit. Nun muß sie den Ekel vor
diesem ganzen Schmutz überwinden und noch mehr vor
der Vermischung mit dem, was, ja, mein Gott,
natürlich auch mein Nächster ist, das würde ja
sicher niemand leugnen, aber das man doch sicherlich
gerne nicht allzu nahe hat, wenn man auch nur ein
bißchen Freund der Sauberkeit und der
Wohlerzogenheit ist. Im übrigen kann man nicht sagen,
daß diese Abneigung nicht erwidert würde; jedenfalls
wurden die Neuankömmlinge zu Beginn sehr scheel
angesehen und dann mußten sie sich nach und nach,
wenn sie zu einem besseren Verhältnis mit den Leuten
im Haus gelangen wollten, mit gewissen
Vertraulichkeiten abfinden, die sie nicht so sehr
gewährten, als sie sich vielmehr die anderen
herausnahmen.
Nun, in dieser Zinskaserne dort in der Via
Alessandria wohnten die Eheleute Porrella zum
Zeitpunkt des Verbrechens seit ungefähr fünfzehn
Jahren, Nicola Petix, seit etwa zehn. Aber während
die Porrellas seit einer guten Weile das Wohlwollen
aller alteingesessenen Mieter für sich erobert
hatten, hatte Petix vielmehr stets die allgemeine
Antipathie auf sich gezogen, weil er alle,
angefangen von dem verdreckten Hausmeister, mit
Verachtung ansah, ohne jemals irgendjemanden eines
Grußes, ja nicht einmal eines leichten Kopfnickens
zu würdigen.
Ja, ich habe gesagt, kommen wir zu den Tatsachen.
Aber mit den Tatsachen ist das wie mit einem Sack:
wenn er leer ist, fällt er um.
Das wird der Herr Untersuchungsrichter noch merken,
wenn er - wie es den Anschein hat - versuchen will,
ihn so einfach aufrecht stehen zu lassen, ohne erst
alle die Motive hineinzupacken, von denen er mit
Sicherheit bestimmt worden ist, und von denen der
Untersuchungsrichter nicht einmal die leiseste
Ahnung hat.[1]
Anfangenseite
Petix' Vater war ein vor vielen
Jahren nach Amerika
ausgewanderter und dort
verstorbener Ingenieur gewesen,
der das ganze Vermögen, daß er
dort im Lauf der Jahre in seinem
Beruf erworben hatte, als Erbe
einem anderen Sohn hinterließ,
der gleichfalls Ingenieur und
zwei Jahre älter war als Petix,
und zwar mit der Bedingung, dem
jüngeren Bruder auf Lebenszeit
einen Scheck über ein paar
armselige Hundert Lire zukommen
zu lassen, sozusagen als Almosen,
und nicht, weil es ihm
zugestanden hätte, denn er hatte,
wie es im Testament hieß, "den
ganzen ihm zustehenden
Pflichtteil bereits in einem
schandbaren Müßiggang aufgezehrt".
Diesen Müßiggang Petix' gilt es
freilich nicht nur von der Seite
des Vaters zu betrachten,
sondern ein wenig auch von der
seinen, denn Petix frequentierte
tatsächlich Jahre hindurch die
Hörsäle der Universitäten,
wechselte von einer
Studienrichtung zur anderen, von
der Medizin zu den
Rechtswissenschaften, von den
Rechtswissenschaften zur
Mathematik, von dieser zur
Literatur und zur Philosophie.
Dabei legte er, das ist schon
wahr, niemals eine Prüfung ab,
weil er sich nie vorstellen
konnte, Arzt zu werden oder
Anwalt, Mathematiker oder
Literat oder Philosoph. In
Wahrheit wollte Petix nie
irgendetwas werden oder tun,
aber das heißt nicht, daß er
Müßiggang getrieben hätte und
daß dieser Müßiggang schandbar
gewesen wäre. Er hat stets über
die Wechselfälle des Lebens und
die Gebräuche der Menschen
nachgedacht und so auf seine
eigene Weise Studien betrieben.
Die Frucht dieses ständigen
Nachdenkens war ein unendlicher
Überdruß, ein unerträglicher
Überdruß gegenüber dem Leben und
gegenüber den Menschen.
Etwas tun, nur um es zu tun? Man
müßte in diesem etwas drinnen
sein, was getan werden soll, wie
ein Blinder, ohne es von außen
zu sehen; oder, wenn schon das
nicht, dann ihm ein Ziel
zuschreiben. Nur das Ziel, es zu
tun, als Selbstzweck? Aber ja,
mein Gott, wie das eben so geht.
Heute dieses, morgen etwas
anderes. Oder auch jeden Tag
dasselbe. Je nach den Neigungen,
den Fähigkeiten, den Absichten,
den Gefühlen oder den Trieben.
Wie das eben so geht.
Das Schlimme kommt nur dann,
wenn man diesen Neigungen,
Fähigkeiten und Absichten,
diesen Gefühlen und Trieben, die
man von innen verfolgt, weil man
sie hat und empfindet, einen
außerhalb ihrer selbst liegenden
Zweck zuschreiben will, den man
eben deshalb, weil man ihn
draußen sucht, nicht mehr findet,
so wie man dann überhaupt nichts
mehr findet.
Nicola Petix war bald bei diesem
Nichts angelangt, das wohl die
Quintessenz jeder Philosophie
sein muß.
Der tägliche Anblick der hundert
und mehr Mieter dieser düsteren
und schmutzigen Mietskaserne,
Leute, die lebten, um zu leben,
ohne zu wissen, daß sie lebten,
es sei denn um dieses bißchen
willen, das sie jeden Tag
verdammt schienen zu tun, immer
dieselben Dinge; dieses Anblicks
wurde er bald überdrüssig, er
wurde ihm geradezu wahnhaft
unerträglich, und er steigerte
sich darüber von Tag zu Tag in
eine immer größere Verzweiflung
hinein.
Vor allem waren ihm der Anblick
und der Lärm der vielen kleinen
Kinder unerträglich, die im Hof
und auf den Stiegen rumorten. Er
brauchte sich nur ans Fenster
stellen, das auf den Hof
hinausging: sofort sah er vier
oder fünf in einer Reihe ihr
Geschäft verrichten, während sie
an einem faulen Apfel oder an
einem Stück Brot kauten; oder
auf dem löchrigen Pflaster, auf
dem Tümpel fauligen Wassers
standen (wenn es Wasser war),
drei Jungen auf allen Vieren,
die heimlich zusahen, wie ein
dreijähriges Mädchen Pipi machte,
das davon nichts bemerkte,
während es ernst, unschuldig und
mit einem verbundenen Auge sein
Geschäftchen verrichtete. Und
wie sie einander anspuckten, die
Fußtritte und Kratzer, die sie
austeilten, wie sie einander an
den Haaren zogen, und die
Schreie, die darauf folgten, und
an denen sich auch alle Mammas
aus sämtlichen Fenstern der fünf
Stockwerke beteiligten; während..
bitte, da geht eben das Fräulein
Lehrerin mit dem käsigen Gesicht
und den herabhängenden Haaren
mit einem dicken Blumenstrauß
über den Hof, den ihr der an
ihrer Seite lächelnde Verlobte
geschenkt hat. Petix überkam die
Versuchung, zur Schublade der
Kommode zu laufen, um dieser
Lehrerin eine Kugel aus dem
Revolver nachzuschicken, so
groß war seine Wut und seine
Entrüstung über diese Blumen und
dieses Lächeln des Verlobten,
über das schmeichlerische
Getändel der Liebe inmitten
dieser Übelkeit erregenden
Obszönität all dieser
schmutzigen Brut, die binnen
kurzem von der Lehrerin
herangezogen werden würde.
Nun müssen Sie nur einmal
bedenken, daß Nicola Petix seit
zehn Jahren jeden Tag in diesem
Mietshaus die periodischen, nie
ausbleibenden Schwangerschaften
der Frau Porrella miterlebte,
die, wenn sie unter
Übelkeitsanfällen, Zittern und
Leiden das siebente oder achte
Monat erreicht hatte, jedesmal
unter Todesgefahr eine
Fehlgeburt hatte. In neunzehn
Jahren Ehe hatte es dieser
Kasten von einer Frau bereits
auf fünfzehn Fehlgeburten
gebracht.
Und das erschreckendste für
Nicola Petix war dies: daß er
bei diesen beiden keinen Grund
dafür erkennen konnte, daß sie
in so blindem Starrsinn
unbedingt ein Kind wollten.2)
Vielleicht deshalb, weil vor
achtzehn Jahren, in der Zeit der
ersten Schwangerschaft, die Frau
die ganze Babyausstattung
vorbereitet hatte: Windeln,
Häubchen, Hemdchen, Lätzchen,
mit Schleifen geschmückte lange
Kleidchen, Wollsöckchen, die
noch immer auf ihre Verwendung
warteten und nun schon vergilbt
und vor Wäschestärke steif
geworden waren wie kleine
Leichen.
Seit zehn Jahren nun schon hatte
sich zwischen all diesen Frauen
des Mietshauses, die auf Kinder
in die Welt setzten, so viel sie
nur konnten, und Nicola Petix,
der ihre schmutzige Brut haßte,
so sehr er nur konnte, so etwas
wie eine Wette herausgebildet:
die Frauen behaupteten, dieses
Mal würde die Frau Porrella ihr
Kind bekommen, und er sagte nein,
auch dieses Mal nicht. Und je
besorgter sie den von Monat zu
Monat wachsenden Bauch der Frau
mit unzähligen Aufmerksamkeiten,
Ratschlägen und Hilfen behüteten,
umso mehr fühlte er, während er
diesem Wachstum von Monat zu
Monat zusah, in sich Ärger,
Erregung, ja Wut wachsen. In den
letzten Tagen jeder
Schwangerschaft stellte sich
seiner überreizten Phantasie das
ganze Mietshaus wie ein riesiger
Bauch dar, der verzweifelt von
Schwangerschaft des Menschen,
der da geboren werden sollte,
erschüttert wurde. Es handelte
sich längst nicht mehr um die
bevorstehende Geburt des Kindes
der Frau Porrella, die für ihn
eine Niederlage darstellen
sollte; es handelte sich um den
Menschen, den Menschen
schlechthin, der nach dem Wunsch
all dieser Frauen aus dem Bauch
dieser Frau geboren werden
sollte; des Menschen, wie er
aus dem dumpfen Trieb der beiden
Geschlechter entstehen kann, die
miteinander kopulieren.
Nun, der Mensch war es, den
Petix vernichten wollte, als er
sicher war, daß diese sechzehnte
Schwangerschaft endlich zum Ziel
führen würde. Den Menschen.
Nicht einen von vielen, sondern
alle in diesem einen; um an
diesem einen sich für die vielen
zu rächen, die er dort sah,
kleine Tiere, die lebten, um zu
leben, ohne zu wissen, daß sie
lebten, es sei denn um dieses
bißchen willen, das sie jeden
Tag verdammt schienen zu tun,
immer dieselben Dinge.
Und es geschah wenige Tage,
nachdem ich das Ehepaar Porrella
in der Viale Nomentano zwischen
den Spiralen welker Blätter die
Füße im selben Rhythmus, ernst
und gemessen einen vor den
anderen setzen gesehen hatte,
als erfüllten sie eine Aufgabe.
Das Ziel des täglichen
Spaziergangs war ein
Steinmäuerchen hinter der
Zollbarriere, wo die Straße,
nachdem sie nach Sant'Agnese
noch einmal eine Kehre gemacht
und sich ein wenig verengt hat,
zum Tal des Aniene abfällt.
Jeden Tag ruhten sie sich auf
diesem Steinmäuerchen sitzend
ein halbes Stündchen von dem
langen, langsamen Spaziergang
aus. Herr Porrella sah dabei die
düstere Brücke an und dachte
sicher daran, daß über sie schon
die alten Römer geschritten
waren. Frau Porrella verfolgte
mit den Augen die alte
Salatsammlerin zwischen den
Gräsern der Böschung entlang des
Flusses, dessen Lauf noch ein
Stück nach der Brücke da unten
eingesehen werden kann; oder
sie blickte auf ihre Hände und
drehte ganz langsam an den
Ringen, die an ihren plumpen
Wurstfingern steckten.
Auch an jenem Tag wollten sie
ans Ziel gelangen, wenngleich
der Fluß durch die ausgiebigen
Regenfälle der letzten Zeit
Hochwasser führte und drohend
auf die Böschung hinaufschlug,
fast bis zu ihrem Steinmäuerchen
hinauf; und obwohl sie auf
diesem sitzend, als hätte er auf
sie gewartet, ihren Nachbarn
Nicola Petix vorfanden: ganz in
sich zusammengesunken auf dem
Stein kauernd wie eine riesige
Eule.
Sie blieben stehen, als sie ihn
sahen, für einen Augenblick
ärgerlich und unschlüssig, ob
sie sich anderswo hinsetzen oder
lieber umkehren sollten. Aber
gerade diese Erkenntnis des
eigenen Ärgers und Mißtrauens
trieb sie schließlich dazu, sich
zu ihm zu setzen, denn es
erschien ihnen unvernünftig zu
glauben, das die unangenehme
Gegenwart dieses Mannes und
seine offenkundige Absicht, um
ihretwillen hierhergekommen zu
sein, irgendetwas so Ernstes
darstellen konnten, daß man
deshalb auf die gewohnte Rast
hätte verzichten müssen, derer
vor allem die Schwangere so sehr
bedurfte.
Petix sagte nichts. Alles
geschah in einem Augenblick,
fast lautlos. Als die Frau zu
der Mauer trat, um sich
hinzusetzen, packte er sie bei
einem Arm und zog sie mit einem
Ruck bis zum Rand des
hochwasserführenden Flusses;
dort gab er ihr einen Stoß und
warf sie in die Fluten.
* * *
-
Erstveröffentlichung in
Novella,
Weihnachtsnummer 1921.
- Die Rede
ist vom Delikt des Herrn
Petix. (Anm. des Autors)
- In der
erwähnten
Erstveröffentlichung von
1921 folgt an dieser
Stelle ein später
gestrichener, jedoch
interessanter Absatz:
"Im übrigen ist das
leicht vorherzusehen. So
wie er nur die Tatsache
sehen wird, nichts als
eine Tatsache, leer und
aufgeblasen von ein
bißchen rhetorischem
Wind, damit sie
irgendwie und um jeden
Preis aufrecht steht, so
werden die Herren
Geschworenen bloß den
Körper sehen, den Körper
eines Menschen dort im
Käfig, so wie Petix sich
ihren Blicken darbieten
wird, diesen langen,
hageren, schief
gewachsenen Körper und
diesen Kopf eines
ausgestopften Vogels mit
den fliehenden,
stechenden Augen.
Und niemand wird es in
den Sinn kommen, daß
Petix diesen seinen
Körper, als er die Tat
beging, gar nicht sehen,
daß er gar nicht an ihn
denken konnte; und daß
diese Tatsache, die er
schuf, während er in dem
Motivzusammenhang stand,
der ihn die Tat begehen
ließ, für ihn nicht die
war, die sie nun für
alle und vielleicht auch
für ihn selbst ist,
etwas draußen, weit weg,
irgendeine von außen
betrachtete Geschichte,
sondern vielmehr das
Motiv selbst, das in ihm
arbeitete, und das man
ergründen müßte, damit
die Tatsache ihren
wahren Sinn und ihren
wahren Wert bekäme.
Einen metaphysischen
Sinn, meine Herrschaften,
und einen universellen
Wert."
In der
angegebenen
Erstveröffentlichung
folgt ein interessanter
Einschub:
"ob der Grund dafür
nicht darin lag, daß
unter der stets prallen
Kugel der Röcke der
einen ein anderes
Geschlecht verborgen war
als das, das um viel
geringerer Ursache
willen die Hosen des
anderen ausbeulte. Petix
dachte, daß diese Frau,
die doch breitschultrig
und viel größer als der
Mann war, ein gewisses
Ressentiment für ihren
eigenen Körper haben
mußte, der ihr dieses
Geschlecht zugeteilt
hatte, daß sie zwang,
sich diesem Männlein zu
unterwerfen, der nichts
getan hatte, um sich die
Dreistigkeit zu
verdienen, mit der er
seine Beinchen in den
von ihr genähten
Röhrenhosen durch die
Welt trug. Und wer weiß,
vielleicht hatte ihr
Frauenkörper einmal
dieses Ressentiment
gegen sich selbst
empfunden. Aber nun, da
sie einmal als Frau
geboren war, mußte sich
ihr neben den eines
Mannes gelegter Körper
einmal allen
Notwendigkeiten fügen,
so grausam sie auch sein
mochten, und sie, so
schwer und durch die
lange Gewohnheit grau
und erinnerungslos
geworden, zeigte die
apathischeste
Gleichgültigkeit dafür.
Er war durch Zufall als
Mann geboren und sie
als Frau, obwohl sie von
einer Frau nichts mehr
an sich hatte als dieses
eine; die Natur wollte
es so, und so mußte es
geschehen. Auf dem
Hintergrund dieser
apathischen
Gleichgültigkeit für
ihre sexuelle
Unterwerfung erschienen
schamlos und wild die
Zeichen von Erbitterung
und Herausforderung,
wenn sie dem Höhepunkt
der Schwangerschaft nahe
war, vielleicht deshalb,
weil der frühere Stolz,
den ihr größerer und
festerer Körper
gegenüber dem des
kleinen Mannes empfunden
haben mochte, zu viele
Niederlagen erlitten
hatte. Nun wollte sie,
solange ihre Kräfte
reichten, und sei es
auch um den Preis ihres
Lebens, beweisen, daß,
wenn dieses Männchen es
noch schaffte, sie zu
schwängern, auch sie,
dieser unförmige,
verfallende Körper, es
wenigstens einmal
schaffen würde, eine
Schwangerschaft
auszutragen.
©
Michael Rössner.
Anfangenseite
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