Luigi Pirandello (1867-1936) - Novellen
DIE FALLE
(La Trappola - 1922)

aus dem Italienischen von Michael Rössner
Nein, nein, wie soll ich mich denn damit abfinden?
Und warum? Ja, wenn ich anderen gegenüber
irgendwelche Verpflichtungen hätte, dann vielleicht.
Aber ich habe keine! Warum dann also?
Hör mir zu. Du kannst mir nicht unrecht geben.
Niemand kann mir unrecht geben, wenn er so in
abstracto darüber nachdenkt. Was ich fühle, fühlst
auch du, das fühlen alle.
Warum habt ihr so Angst davor, nachts aufzuwachen?
Weil für euch die Kraft für die Gründe des Lebens
aus dem Tageslicht kommt. Aus den Illusionen des
Lichts.
Dunkel und Stille jagen euch Schrecken ein. Und dann
zündet ihr die Kerze an. Aber es erscheint euch
traurig, was? Traurig, so ein Kerzenlicht. Denn das
ist nicht das Licht, das ihr braucht. Die Sonne! Die
Sonne! Gierig verlangt ihr nach der Sonne. Denn mit
einem künstlichen Licht, das ihr selbst mit
zitternder Hand vor euch hertragt, entstehen die
Illusionen nicht mehr so spontan aus sich heraus.
Wie die Hand zittert, so zittert eure ganze
Wirklichkeit und sie erweist sich euch als fiktiv
und unbeständig. Als künstlich wie dieses
Kerzenlicht. Und alle eure Sinne wachen angespannt,
krampfhaft, in der Angst, unter dieser Wirklichkeit,
deren leere Unbeständigkeit ihr entdeckt, könnte
sich euch eine andere, dunkle, schreckliche
Wirklichkeit auftun: die wahre. Ein Lufthauch... was
ist das? Was ist dieses Knarren?
Und in dem Augenblick des Innehaltens, in dem
Schauder dieser Erwartung des Unbekannten, unter
Zittern und Schweißausbrüchen, da seht ihr vor euch
in diesem Zimmer eure Illusionen des Tages sich
bewegen, in geisterhafter Erscheinung und mit
ebensolchem Gang. Seht gut hin, sie haben dieselben
geschwollenen, wässrigen Augenhöhlen wie ihr, die
gelbe Farbe eurer Schlaflosigkeit, und auch eure
arthritischen Schmerzen. Ja, das dumpfe Nagen der
Knoten an den Gelenken eurer Finger.
Und wie sie aussehen, wie sie mit einem Mal aussehen,
die Gegenstände des Zimmers; auch sie halten
förmlich inne in einer entsetzten Reglosigkeit, die
euch beunruhigt.
Sie waren um euch, als ihr schlieft.
Aber sie schlafen nicht. Sie sind da, untertags
ebenso wie in der Nacht.
Eure Hand öffnet sie und schließt sie einstweilen.
Morgen wird sie eine andere Hand öffnen und
schließen. Wer weiß, welche andere Hand... aber für
sie ist das einerlei. Sie bewahren einstweilen in
sich eure Kleider, leere, aufgehängte Gewänder, die
ganz zerknittert sind, die die Falten eurer müden
Knie, eurer spitzen Ellbogen angenommen haben.
Morgen werden da drinnen die zerknitterten Gewänder
eines anderen hängen. Der Spiegel dieses Kastens
reflektiert jetzt euer Bild und bewahrt keine Spur
davon; morgen wird er keine Spur von dem Gesicht
eines anderen bewahren.
Der Spiegel sieht für sich gar nichts. Der Spiegel
ist wie die Wahrheit.
Du meinst, ich rede irre? Ich rede so vor mich hin?
Ach geh' doch, ich weiß ja, daß du mich verstehst.
Du verstehst sogar mehr, als ich sage, denn es ist
sehr schwer, dieses dunkle Gefühl auszudrücken, das
mich beherrscht und erschüttert.
Du weißt, wie ich bis jetzt gelebt habe. Du weißt,
daß ich immer Ekel, Abscheu davor empfunden habe,
mir doch noch eine Form zu geben, mich in einer
solchen einfangen zu lassen, mich auch nur für einen
Augenblick an sie zu binden.
Stets habe ich meinen Freunden Stoff zum Lachen
geboten, wegen der... wie nennt ihr das? - ach ja,
der Veränderungen in meinen persönlichen Kennzeichen.
Aber ihr konntet nur deshalb darüber lachen, weil
ihr nie so tief darüber nachgedacht habt, was
eigentlich dieses wahnhafte Bedürfnis ausmachte,
mich mir selbst vor dem Spiegel in einer ständig
neuen Erscheinungsform zu präsentieren, mich der
Illusion hinzugeben, ich wäre nicht immer dieser
eine, mich als einen anderen zu sehen!
Aber natürlich! Was habe ich denn schon verändern
können? Freilich, ich habe mir am Schluß sogar den
Kopf rasiert, um mich frühzeitig als Glatzkopf
ansehen zu können; bald habe ich mir den Schnurrbart
abrasiert und den Kinnbart stehen lassen; bald habe
ich Schnurr- und Kinnbart abrasiert, oder ich habe
mir letzteren bald so, bald so wachsen lassen, als
Spitzbart, über dem Kinn geteilt, als Rauschebart.
Ich habe mit den Haaren gespielt.
Die Augen, die Nase, den Mund, die Ohren, den Rumpf,
die Beine, die Arme, die Hände, die habe ich nicht
verändern können. Oder hätte ich mich schminken
sollen, wie ein Schauspieler? Manchmal war ich
versucht, es zu tun. Aber dann habe ich daran
gedacht, daß mein Körper unter der Maske doch
derselbe bleiben.. und altern würde!
Ich habe versucht, mich im Bereich des Geistes dafür
zu entschädigen. Ja, mit dem Geist konnte ich besser
spielen!
Ihr schätzt über alles die Beständigkeit der Gefühle
und die Kohärenz eines Charakters und könnt gar
nicht aufhören, sie zu loben. Und warum? Nun, doch
immer aus demselben Grund! Weil ihr feig seid, weil
ihr Angst vor euch selbst habt, das heißt davor,
durch eine Veränderung der Wirklichkeit, die ihr
euch selbst gegeben habt, diese Wirklichkeit zu
verlieren, und somit anzuerkennen, daß sie nichts
anderes war als eure Illusion; daß es somit
überhaupt keine Wirklichkeit gibt, außer der, die
wir selbst uns geben.
Aber was soll das denn heißen, frage ich, sich
selbst eine Wirklichkeit geben, wenn nicht, daß man
sich in einem Gefühl festschreibt, darin gerinnt und
erstarrt, sich darin einschließt? Und daß wir somit
die unaufhörliche Bewegung des Lebens anhalten, aus
uns lauter kleine, armselige Pfützen machen, die auf
das Verfaulen warten, während das Leben ein
ständiger, glühender und ununterschiedener Fluß ist.
Siehst du, das ist der Gedanke, der mich beschäftigt
und mich rasend macht!
Das Leben ist der Wind, das Leben ist das Meer, das
Leben ist das Feuer; nicht die Erde, die erstarrt
und Form annimmt.
Jede Form ist der Tod.
Alles das, was sich selbst aus dem Zustand der
Schmelze herausbewegt und erstarrt in diesem
ständigen, glühenden und ununterschiedenen Fluß, das
ist der Tod.
Wir sind alle Wesen, die in der Falle gefangen sind,
abgetrennt von dem nie anhaltenden Fluß,
festgebunden für den Tod.
Für eine kurze Zeitspanne dauert die Bewegung dieses
Flusses in uns noch fort, in unserer abgetrennten,
losgelösten, erstarrten Form; aber da, nach und nach,
wird sie langsamer; das Feuer kühlt aus; die Form
trocknet; bis endlich die Bewegung in der ganz steif
gewordenen Form endgültig zum Erliegen kommt.
Wir sind mit dem Sterben zu Ende gekommen. Und das
haben wir Leben genannt!
Ich fühle mich in dieser Falle des Todes gefangen,
die mich von dem Lebensstrom abgetrennt hat, in dem
ich ohne Form dahingeflossen bin, und mich in der
Zeit erstarren hat lassen, in dieser Zeit!
Warum in dieser Zeit?
Ich hätte noch weiter fließen können und wenigstens
weiter hinten, in einer anderen Form, weiter hinten
erstarren können... das wäre dasselbe gewesen,
meinst du? Ja freilich, früher oder später... Aber
ich wäre ein anderer geworden, dort hinten, wer weiß
wer und wer weiß wie; in einem anderen Schicksal
gefangen; ich hätte andere Dinge gesehen, oder
vielleicht auch dieselben, aber aus einem anderen
Blickwinkel, in einer anderen Ordnung.
Du kannst dir nicht vorstellen, welchen Haß mir die
Dinge einflößen, die ich sehe, und die mit mir in
der Falle dieser meiner Zeit gefangen sind; all die
Dinge, die mit mir nach und nach zu Ende sterben!
Haß und Mitleid zugleich! Aber mehr Haß vielleicht
als Mitleid.
Ja, natürlich hätte ich, wenn ich weiter hinten in
die Falle geraten wäre, auch jene andere Form gehaßt,
so wie ich jetzt diese hasse; ich hätte jene andere
Zeit gehaßt, wie ich jetzt diese hasse, und all die
Illusionen des Lebens, die wir Toten aller Zeiten
uns aus dem bißchen Rest an Bewegung und Wärme
bauen, der, in uns eingeschlossen, von jenem
ständigen Fluß zurückgeblieben ist, der das wahre
Leben ist und niemals innehält.
Anfangenseite
Wir sind lauter geschäftige Tote,
die sich einbilden, sich selbst
das Leben zu bauen.
Wir vereinigen uns miteinander,
ein Toter mit einer Toten, und
glauben, so das Leben zu geben,
und dabei geben wir den Tod...
noch ein Wesen in der Falle!
"Hier, mein Lieber, hier; fang
nur schön an mit dem Sterben,
Lieber, fang nur schön an... Du
weinst, gelt? Du weinst und
zappelst... wärest du gerne noch
weitergeflossen? Sei schön ruhig,
Lieber! Was willst du schon
machen? Gefangen, ko-a-gu-liert,
erstarrt... es dauert nur ein
Weilchen! Sei schön ruhig..."
Ja, solange wir noch klein sind,
solange unser Körper zart ist,
wächst und uns nicht beschwert,
da merken wir gar nicht so recht,
daß wir in der Falle gefangen
sind! Aber dann schnürt uns der
Körper plötzlich ein; wir fangen
an, sein Gewicht zu bemerken;
wir fangen an zu fühlen, daß wir
uns nicht mehr so bewegen können
wie früher.
Ich sehe mit Ekel meinen Geist
sich in dieser Falle winden,
damit nicht auch er noch in dem
schon seit Jahren beschädigten
und schwer gewordenen Körper
festgeschrieben wird. Ich
verscheuche sofort jede Idee,
die sich in mir festzusetzen
trachtet; ich unterbreche sofort
jede Handlung, die bei mir zur
Gewohnheit zu werden droht; ich
will keine Pflichten, keine
Gefühlsbindungen, ich will
nicht, daß auch noch mein Geist
sich in einer Kruste aus
Begriffen verhärtet; aber ich
spüre, daß der Körper von einem
Tag zum anderen immer mehr Mühe
hat, dem unruhigen Geist zu
folgen; er strauchelt, er
stürzt, er hat müde Knie und
schwere Hände... er will seine
Ruhe! Ich werde sie ihm geben.
Nein, nein, ich kann nicht, ich
will mich nicht damit abfinden,
daß auch ich das
mitleiderregende Schauspiel
aller Alten abgeben soll, die
langsam zu Ende sterben. Nein.
Aber vorher... ich weiß nicht,
vorher würde ich gerne etwas
Außergewöhnliches, etwas
Unerhörtes tun, um die Wut, die
mich verzehrt, ein wenig
abzureagieren.
Zumindest würde ich gerne... -
siehst du diese Nägel? In das
Gesicht jeder schönen Frau würde
ich sie gerne eingraben, die auf
der Straße mit aufreizenden
Blicken vorübergeht, um die
Männer zu erregen.
Was für dumme, elende und
gedankenlose Kreaturen sind doch
alle Frauen! Sie putzen sich
heraus, sie behängen sich mit
Schmuck, sie zeigen ihre
herausfordernden Formen, so gut
sie es vermögen; und dabei
denken sie keinen Augenblick
daran, daß sie ja selbst auch in
der Falle stecken, selbst auch
für den Tod festgebunden sind,
und daß sie auch noch in sich
selbst die Falle für die tragen,
die nach ihnen kommen werden.
Für uns Männer liegt die Falle
in ihnen, in den Frauen. Sie
versetzen uns für einen
Augenblick zurück in den Zustand
der glühenden Schmelze, um aus
uns ein weiteres zum Tod
verurteiltes Lebewesen
herauszuholen. Sie tun und reden
so lange, bis sie uns endlich
dort in ihrer Falle fangen,
blind gemacht, entflammt und
gewalttätig geworden.
Auch mich! Auch mich! Auch mich
haben sie dort eingefangen. Eben
jetzt, vor kurzem. Deshalb bin
ich ja so voller Wut.
Eine gemeine Falle! Wenn du sie
gesehen hättest... Eine wahre
Madonnengestalt. Schüchtern und
demütig. Kaum, daß sie mich sah,
schlug sie die Augen nieder und
errötete. Denn sie wußte, daß
ich sonst nie in die Falle
gegangen wäre.
Sie kam hierher, um einen der
sieben körperlichen Beweise der
Barmherzigkeit zu erbringen: den
Krankenbesuch. Um meines Vaters
willen kam sie, nicht
meinetwegen. Sie kam, um meinem
alten Kinderfräulein bei der
Pflege und beim Waschen meines
armen Vaters da drinnen zu
helfen...
Sie pflegte sich hier
aufzuhalten, in dem Zimmerchen
nebenan, und sie hatte sich mit
meiner Kinderfrau angefreundet,
vor der sie sich über ihren
Dummkopf von einem Mann
beklagte, der sie in einem fort
beschimpfte, weil sie nicht
einmal dazu tauge, ihm einen
Sohn zu schenken.
Verstehst du, wie das ist? Wenn
man beginnt, steif zu werden,
sich nicht mehr so bewegen zu
können wie früher, dann will man
um sich andere kleine Tote
sehen, noch ganz zarte, die sich
noch bewegen, wie man selbst
sich bewegt hat, als man noch
ganz zart war; andere kleine
Tote, die einem ähneln und all
die unschuldigen kleinen Dinge
tun, die man selbst nicht mehr
tun kann.
Es ist ein Vergnügen, den
kleinen Toten das Gesicht zu
waschen, die noch nicht wissen,
daß sie in der Falle gefangen
sind, sie zu kämmen und sie
spazieren zu führen.
Also, sie pflegte hierher zu
kommen.
"Ich kann mir vorstellen", sagte
sie, errötend, mit
niedergeschlagenen Augen, "ich
kann mir vorstellen, welche Qual
das für Sie sein muß, Herr
Fabrizio, Ihren Vater seit so
vielen Jahren in diesem Zustand
zu sehen!"
"Ja, Signora", antwortete ich
brüsk, kehrte ihr den Rücken zu
und ging.
Jetzt bin ich sicher, daß sie
jedes Mal, kaum daß ich ihr den
Rücken zukehrte, um zu gehen,
lachte, heimlich lachte und sich
auf die Lippen biß, um das
Lachen zurückzuhalten.
Ich ging fort, weil ich gegen
meinen Willen spürte, wie ich
diese Frau bewunderte, nicht so
sehr wegen ihrer Schönheit (sie
war schön, und umso
verführerischer, je mehr sie aus
Bescheidenheit zu erkennen gab,
daß ihr ihre Schönheit überhaupt
nichts bedeutete); ich
bewunderte sie, weil sie ihrem
Mann nicht die Befriedigung gab,
einen weiteren Unglücklichen in
der Falle zu fangen.
Ich dachte, es läge an ihr. Aber
nein: es lag nicht an ihr; es
lag an diesem Dummkopf. Und sie
wußte es, oder wenigstens - wenn
sie dessen nicht sicher war,
mußte sie es doch wohl vermuten.
Deshalb lachte sie; über mich,
über mich lachte sie, über mich,
der ich sie wegen dieser
scheinbaren Unfähigkeit
bewunderte. Sie lachte im
Stillen, in ihrem heimtückischen
Herzen, und wartete. Bis eines
Abends...
Es geschah hier, in diesem
Zimmer.
Ich stand im Dunklen. Weißt du,
daß es mir Spaß macht, den Tag
durch die Scheiben eines
Fensters sterben zu sehen, mich
von der Dunkelheit ergreifen und
nach und nach einhüllen zu
lassen, und dabei zu denken: "Ich
bin nicht mehr da!", zu denken:
"Wenn da einer in diesem Zimmer
wäre, stünde er auf und würde
ein Licht anzünden. Ich zünde
kein Licht an, denn ich bin
nicht mehr da. Ich bin wie die
Stühle in diesem Zimmer, wie der
Tisch, die Vorhänge, der Kasten,
das Sofa, die kein Licht
brauchen und nicht wissen und
nicht sehen, daß ich hier bin.
Ich möchte sein wie sie und mich
nicht sehen und vergessen, daß
ich da bin".
Also stand ich im Dunklen. Sie
kam dort drüben herein, auf
Zehenspitzen, aus dem Zimmer
meines Vaters, wo nur ein
kleines Nachtlämpchen brannte,
dessen Schimmer durch den Spalt
der Türe hereindrang und sich
ein klein wenig im Dunkel
ausbreitete, beinahe ohne es zu
zerreißen.
Ich sah sie nicht; ich sah
nicht, daß sie auf mich zukam.
Vielleicht sah sie mich auch
nicht. Bei dem Zusammenprall
stieß sie einen Schrei aus. Sie
tat, als fiele sie in Ohnmacht,
in meinen Armen, an meiner
Brust. Ich beugte das Gesicht
hinunter; meine Wange berührte
ihre Wange; ich fühlte die Nähe
der Glut ihres sehnsuchtsvollen
Mundes, und ...
Am Schluß riß mich ihr Lachen
aus dem Taumel. Ein teuflisches
Lachen. Ich habe es jetzt noch
hier in den Ohren! Sie lachte
und lachte, während sie
fortlief, diese hinterlistige
Person! Sie lachte über die
Falle, die sie mir mit ihrer
Bescheidenheit gestellt hatte;
sie lachte über meine Wut; und
über etwas anderes lachte sie
auch noch - das habe ich erst
später erfahren.
Sie ist fortgezogen, seit drei
Monaten, mit ihrem Mann, der zum
ordentlichen Gymnasialprofessor
in Sardinien befördert worden
ist.
Manche Beförderungen kommen
wahrlich zur rechten Zeit.
Ich werde meinen Gewissensbiß
nicht sehen. Ich werde ihn nicht
sehen. Aber in manchen
Augenblicken überkommt mich die
Versuchung, dieser
hinterlistigen Person
nachzulaufen und sie zu
erwürgen, ehe sie auch noch den
Unglücklichen, den sie so
heimtückisch aus mir
herausgepreßt hat, in die Falle
steckt.
Mein Freund, ich bin froh, daß
ich meine Mutter nie gekannt
habe. Wenn ich sie gekannt
hätte, wäre vielleicht dieses
Gefühl der Wut nie in mir
entstanden. Aber seit es in mir
entstanden ist, bin ich froh,
meine Mutter nie gekannt zu
haben.
Komm, komm; komm hier mit mir
herein, in dieses Zimmer. Sieh
her!
Das ist mein Vater.
Seit sieben Jahren ist er dort.
Er ist gar nichts mehr. Zwei
Augen, die weinen; ein Mund, der
ißt. Er spricht nicht mehr, hört
nicht mehr, rührt sich nicht
mehr. Er ißt und weint. Er ißt,
wenn man ihn füttert; weinen tut
er allein; ohne Grund; oder
vielleicht deshalb, weil noch
etwas in ihm ist, ein letzter
Rest, der, obwohl er vor
sechsundsiebzig Jahren mit dem
Sterben begonnen hat, noch immer
nicht damit aufhören will.
Erscheint dir das nicht
entsetzlich, so zu verharren, an
einem einzigen Punkt noch
hängend, noch in der Falle
gefangen, ohne sich freimachen
zu können?
Er kann nicht an seinen Vater
denken, der ihn vor
sechsundsiebzig Jahren für
diesen Tod festgeschrieben hat,
der mit seinem Vollzug so
grauenhaft lange wartet. Aber
ich, ich kann schon an ihn
denken; und ich denke, daß ich
ein Same dieses Mannes bin, der
sich nicht mehr bewegt; daß ich
es ihm zu verdanken habe, wenn
ich in dieser Zeit gefangen bin
und nicht in einer anderen!
Er weint, siehst du? Er weint
immer so... und er macht mich
auch weinen! Vielleicht will er
befreit werden. Eines Abends
werde ich ihn befreien, und mich
dazu. Jetzt beginnt es schon
kühl zu werden; an einem dieser
Abende werden wir ein kleines
Feuerchen anzünden... Wenn du
auch etwas davon haben willst...
Nein, hm? Du dankst mir bestens?
Aber ja, ja, gehen wir raus,
gehen wir nur raus, mein Freund.
Ich sehe schon, du mußt dringend
wieder die Sonne sehen, draußen
auf der Straße.
* * *
Erstveröffentlichung
dieser Novelle im
Corriere della sera
vom 23. Mai 1912.
-
In der erwähnten
Erstveröffentlichung
dieser Novelle findet
sich an dieser Stelle
folgender Einschub, den
wir auszugsweise
wiedergeben:
"Was ich fühle, fühlst
auch du, fühlen alle.
Aber ihr anderen, ihr
strickt euch dann
hundertundein Gründe
zurecht, die das Gefühl
wie in einer Zwangsjacke
einschließen, damit es
in euch nicht die
einfache, rasche Tat
auslöst, die euch
befreien würde.
Aber wenn es auch so von
euren Gründen
eingesperrt ist, so ist
dieses Gefühl doch in
euch und es schreit:
"Wenn ihr nicht selbst
anerkennen würdet, daß
ich stärker bin als
alles andere, dann
würdet ihr mich nicht so
fest binden!"
©
Michael Rössner.
Anfangenseite
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