DIE AMME
*
(La balia - 1923)

aus dem Italienischen von Michael
Rössner
I.
"Na endlich!", rief Frau Manfroni
und riß dem Stubenmädchen den so sehnlich erwarteten
Brief aus Rom aus der Hand, in dem ihr
Schwiegersohn, Ennio Mori, ihr alle versprochenen
Details über die Niederkunft ihrer Tochter Ersilia
berichten sollte.
Sofort setzte sie die Brille auf die
Nase und begann zu lesen.
Sie wußte bereits aus den
vorhergehenden Telegrammen, daß es eine schwierige
Geburt gewesen war, daß ihre Tochter sich aber nie
in Gefahr befunden hatte. Nun stand in dem Brief
jedoch zu lesen, daß für Ersilia eigentlich doch
eine gewisse Gefahr bestanden hatte, ja, daß man
sogar einen Spezialisten für Geburtshilfe
hinzuziehen hatte müssen. Das teilte ihr Mori
sicherlich nicht mit, um die Verwandten seiner Frau
zu beunruhigen, jetzt, wo die Sache so oder so
vorbei war; wohl aber, um sich über ihre
Starrköpfigkeit zu beklagen, weil sie entgegen
seinen weisen Ratschlägen darauf beharrt hatte, bis
zum letzten Augenblick ein zu enges Mieder und hohe
Absätze zu tragen.
"Esel! Was hat das mit den Absätzen
zu tun!"
Und mehrfach ließ sich die vor Wut
kochende Signora Manfroni ein solches "Esel!"
während der Lektüre entschlüpfen. Schließlich hielt
sie inne, ärgerlicher als je zuvor, hob die Augen
von dem Brief auf und blickte in die Runde, als
suche sie jemanden, an dem sie ihren Zorn auslassen
könnte.
"Wie denn? Ja, wie denn?"
Ach, die Amme dürfe keine Römerin
sein? Und warum denn nicht, Herr Rechtsanwalt Mori?
Die römischen Ammen haben zu viele Ansprüche? Ach
sieh einmal, jetzt auf einmal war man sparsam! Als
ob Ersilias Mitgift dem Herrn sozialistischen Anwalt
nicht wahrhaft einen solchen Luxus bequem gestatten
hätte können. Na, und ob! Was hätte Ersilia denn für
eine Figur abgegeben, wenn sie mit einem
ungeschliffenen, ungewaschenen sizilianischen
Bauernmädchen an der Seite, das als Amme aufgeputzt
war, durch die Straßen Roms spaziert wäre!
"Esel! Esel! Esel!"
"He! Gibt's heute nichts zu essen?
Wieso ist denn noch nicht aufgedeckt?"
Es war Signor Manfroni, der wie
üblich laut schimpfend das Haus betrat. Dort drüben
hatte er schon das Stubenmädchen und die Köchin
ausgezankt.
"Ruhig, Saverio, ruhig..." sagte
seine Frau. "Du weißt doch recht gut, daß es bei uns
immer eine Menge Dinge zu tun gibt."
"Zu tun? Ihr habt zu tun? Und ich?"
"Lies lieber einmal diesen schönen
Brief deines lieben Schwiegersohns."
"Geht's um Ersilia?"
"Du wirst schon sehen."
Signor Manfroni beruhigte sich auf
der Stelle; er überflog den Brief; dann sagte er,
während er ihn wieder zusammenfaltete: "Sehr gut.
Ich habe schon die richtige Amme für sie."
Er hatte diese plötzlichen
Geistesblitze, der Signor Manfroni, Geistesblitze,
von denen er sich selbst als erster blenden ließ,
und denen er - seiner Meinung nach - seinen
ansehnlichen kommerziellen Erfolg verdankte.
Mit spöttischem und herausforderndem
Ton fragte Signora Manfroni: "Und wer wäre das?"
"Die Frau von Titta Marullo."
"Die Frau dieses Galgenstricks?"
"Schweig!"
"Die Frau dieses Aufrührers?"
"Schweig!"
"Die Frau eines Sträflings!"
"Laß mich doch ausreden!", schrie
Manfroni. "Du bist eben eine Frau und hast deine
Norm, hier, Gott im Himmel, Stroh, ein Bündel Stroh,
jawohl, meine Liebe, ein Bündel Stroh hast du hier
im Kopf anstelle des Gehirns. Bei den schönen
sozialen Bedingungen, unter denen wir leben..."
"Was hat das mit den sozialen
Bedingungen zu tun?", fragte seine Frau verblüfft.
"Die haben damit zu tun! Die haben
damit zu tun!", gab Signor Saverio wütend zurück.
"Denn wir, die wir es geschafft haben, uns mit
unserer unermüdlichen und hin... wie heißt das
schnell hingabungsvollen..., nein, das heißt doch...
aber ja, hingabungsvollen Arbeit eine gewisse
Grundlage zu erwerben, gerade wir müßten heute,
deiner Norm zufolge, angesichts einer Zukunft, die
immer undurchsichtiger und bedrohlicher wird... hast
du mich verstanden?"
"Nein! Was soll man denn da
verstehen?"
"Na, sag ich dir's nicht? Stroh!"
Er packte einen Stuhl, rückte ihn an
den heran, auf dem seine Frau saß und ließ sich
schnell und fauchend darauf nieder.
"Ich mußte Titta Marullo", setzte er
fort, wobei er sich bemühte, leise zu sprechen,
damit ihn die Dienerschaft nicht hören konnte,
"deiner Normen wegen mußte ich Titta Marullo aus der
Bäckerei rauswerfen und auf die Straße setzen, weil
er revolutionäre Ideen vertritt.
"Dieselben Ideen wie die des Signor
Mori, dem du deine Tochter gegeben hast!"
"Laß mich doch aussprechen!" schrie
Manfroni. "Und warum hab' ich ihm meine Tochter
gegeben? Vor allen Dingen deshalb, weil Ennio ein
hochanständiger Junge ist; und dann auch deshalb,
jawohl, deshalb, weil er Sozialist ist! Jawohl! Und
weil das in meine Pläne paßt! Weil mir genau zupaß
das kommt! Weshalb glaubst du, bin ich so geachtet
bei der ganzen Kanaille, der ich zu Essen gebe?
Stroh! Aber damit hat Ennio nichts zu tun. Wir
sprachen von Titta Marullo. Ich habe ihn aus der
Bäckerei rausgeworfen. Da er nun auf der Straße saß,
der Unglücksrabe, hat er sich natürlich so benommen,
daß er sich als Sträfling auf die Insel schicken
ließ. Und nun werde ich, der ich reich bin, aber da
drinnen etwas schlagen habe, was man deiner Norm
zufolge Herz nennt, seine Frau nehmen, sie in einen
Waggon dritter Klasse setzen und nach Rom schicken,
als Amme meines Enkels!
Er konnte ja hunderttausend gute
Gründe haben, der Signor Manfroni, aber er hatte
auch auf einem Jochbein eine besonders lächerliche
Warze, auf die seine Frau mit einem eisigen und
besonders verächtlichen Blick zielte, wenn sie sich
gezwungen sah, sich diesen Gründen geschlagen zu
geben. Und Signor Manfroni, der jedes Mal den Blick
auf dieser Warze ruhen fühlte, gingen daraufhin
immer so sehr die Nerven durch, daß er schnell, um
sich nicht zu einer Unbesonnenheit hinreißen zu
lassen, die Diskussion abschnitt. Er läutete und
befahl dem Stubenmädchen: "Schick mir sofort Lisi
her."
Lisi, der als Kutscher und Diener
beschäftigt war, erschien auf der Schwelle ohne
Jacke, die Hemdsärmel aufgekrempelt und den Mund zu
einem stummen Lachen verzogen, wie immer, wenn die
Herrschaft ihn zu sich rief.
Signor Manfroni hatte schon bei
seiner ersten Begegnung mit ihm eine ganz
außergewöhnliche Schlauheit in diesem Burschen zu
entdecken vermeint.
"Weißt du, wo Titta Marullos Frau
ist?"
"Jawohl, Signore. Ich habe
verstanden!", antwortete Lisi, zuckte eine Achsel
und krümmte sich, während ein dümmliches Lächeln ihm
den Adamsapfel den Hals hinaufwandern ließ.
"Was hast du verstanden, du dummes
Vieh?" schrie ihn Marconi an, der in diesem
Augenblick nicht dazu aufgelegt war, ihn zu
bewundern.
Lisi krümmte sich von neuem, als
hätte der Herr ihm ein besonders schönes Kompliment
gemacht, und antwortete: "Ich gehe und sage es ihr,
Signore."
"Sag ihr, sie soll sofort herkommen.
Ich habe mit ihr zu reden."
Und kurze Zeit darauf bekam Signor
Manfroni eine beeindruckende Probe der
außergewöhnlichen Schlauheit Lisis geliefert. Man
muß sich nur vorstellen, noch während er mit seiner
Frau bei Tisch saß, sah er Annicchia, Tittas Frau,
ins Zimmer stürzen, vor Freude weinend und ein etwa
zwei Monate altes Kindchen auf dem Arm.
"Ach mein lieber Signore! Mein
Signorino! Lassen Sie sich die Hände küssen!"
Und während sie das rief, fiel sie
vor ihm auf die Knie. Das Stubenmädchen und die
Köchin standen in der Türe und ließen sich diese
Szene nicht entgehen; vor ihnen lachte Lisi selig
und triumphierend vor sich hin.
Zwischen den Augen und den Brauen
von Signor Saverio begann ein wilder Kampf, denn die
einen wollten aufgrund der plötzlichen Verwirrung
aus den Höhlen treten, die anderen sich vor Wut in
die Höhe ziehen. Er zog sofort die Hand zurück, die
die kniende junge Frau ihm küssen wollte, blickte
zur Tür und brüllte: "Hinaus! Nein, du bleibst da,
Lisi! Was hast du ihr erzählt?"
"Daß Titta kommen wird!", rief
Annicchia, ohne sich zu erheben. "Daß sie ihn für
mich freibekommen haben, Signore!"
Manfroni sprang auf und packte den
Stuhl: "Na warte, du Kanaille!"
Lisi sprang davon wie ein junger
Hirsch.
"Stimmt es denn nicht?", fragte
Annicchia mit ersterbender Stimme, zu der Signora
Manfroni gewendet.
Und sie stand langsam auf. Es
bedurfte einer gehörigen Anstrengung, ihr klar zu
machen, daß die Freilassung ihres Mannes nicht vom
Willen oder von den Freunden des Signor Manfroni
abhing und auch gar nicht abhängen konnte; er hatte
ihn zwar aus der Bäckerei hinausgeworfen, aber sie
selbst war doch Zeugin dafür, welche Langmut er
zuvor bewiesen hatte, allein ihretwegen, die doch
als kleines Mädchen in seinem Hause aufgewachsen und
viele Jahre hindurch Ersilias Spielgefährtin gewesen
war.
Während ihr Mann ihr das alles
erklärte, beobachtete Signora Manfroni die junge
Frau, putzte sie in Gedanken als Amme auf und nickte
zustimmend mit dem Kopf, als sähe sie sie jetzt
schon mit einem affigen roten Schleier auf dem Kopf,
eine Haarnadel mit herunterbaumelnden Silberblüten
daran durch die blonden Haare gesteckt.
Als Manfroni ihr die Gründe
darlegte, weshalb er Lisi nach ihr geschickt hatte,
war Annicchia ganz verstört und ratlos.
"Und mein Kindchen da?", sagte sie
und streckte es vor. "Wem soll ich denn das lassen?"
Sie drückte es an die Brust; sie
begann wiederum zu weinen.
"Tati kommt nicht zurück, Luzzì! Er
kommt nicht zurück!"
Schließlich hob sie das
tränenüberströmte Gesicht wieder auf und sagte, zu
Signora Manfroni gewandt: "Er kennt ihn noch gar
nicht; er hat ihn noch nie gesehen, diesen Engel,
den ich ihm geboren habe."
"Du könntest dein Kind ja in Pflege
geben, mit einem Teil von der Summe, die du von
Ersilia bekommst."
"Ach, für Signorina Ersilia",
erwiderte Annicchia schnell, "denken Sie nur, wie
gerne ich das für sie täte! Aber... es ist zu weit
weg! in Rom!"
Herr Saverio erklärte es ihr auf der
Stelle: Abfahrt! Fertig! Mit dem Zug und dem
Dampfboot gäbe es heutzutage keine Distanzen mehr.
"Ja, Signore", sagte Annicchia.
"Euer Gnaden haben ganz recht. Aber ich bin ein
armes, unwissendes Ding; ich ginge verloren dort.
Ich habe doch nie einen Fuß aus unserem Dorf
gesetzt. Und dann", fügte sie hinzu, "Euer Gnaden
wissen ja auch, daß ich meine Schwiegermutter bei
mir habe: wie könnte ich die arme alte Frau allein
lassen? Wir beiden sind ja allein zurückgeblieben.
Titta hat sie mir so sehr ans Herz gelegt! Und wenn
er wüßte, wie wir unser Leben fristen! Mir bindet
dieses Kindchen die Hände; sie ist über siebzig
Jahre alt! Ich wollte ja den Kleinen in Pflege geben
und selbst irgendwo in Dienst gehen. So oder so,
Titta wird nichts mehr von den schönen Sachen
finden, die wir zu unserer Hochzeit gekauft haben.
Arme-Leute-Ausstattung, jawohl, aber sauber.
Verkauft haben wir's, ein Stück da, eines dort...
Aber die Alte will mich nicht in Dienst gehen
lassen. Sie ist stolz; sie will es nicht. Aber wenn
es für die Signorina Ersilia ist, dann vielleicht...
nun, ich kann versuchen, mit ihr darüber zu reden."
"Ja, aber die Antwort brauche ich
sofort. Du müßtest spätestens morgen fahren."
Annicchia war wiederum ganz verstört.
"Ich werde hören, was Sie sagt, und
dann werde ich Ihnen ja oder nein sagen können",
sagte sie schließlich und verschwand.
Sie wohnte in einem kleinen Gäßchen
ganz in der Nähe. Schon hatten sich in dem
schmucklosen, ebenerdigen Häuschen alle Nachbarinnen
bei der ebenso frohen wie falschen Nachricht Lisis
rund um die alte Mutter des Deportierten versammelt,
die ganz zusammengekrümmt in der Stube saß, ein
schwarzes Kopftuch unter dem Kinn zusammengeknotet
und die mit Gichtknoten übersäten Hände auf ein
grobes Terracotta-Wärmebecken auf ihren Knien
gelegt. Die Nachbarinnen lobten im Chor das gute
Herz und die Großzügigkeit Manfronis, und die Alte
stieß mit gesenktem Kopf von Zeit zu Zeit eine Art
Knurren aus, von dem man nicht recht zu sagen wußte,
ob es Zustimmung oder Verachtung bedeuten sollte,
wobei sie die Umstehenden mit gewissen Blicken
durchbohrte, die Mißtrauen und Groll ausdrückten.
Als Annicchia auf der Schwelle erschien und ihre
ersten Worte den Nachbarinnen die bewundernden Sätze
über Signor Manfroni auf den Lippen erstarren
ließen, da hob die alte Schwiegermutter den Kopf und
sah die Nachbarinnen ringsumher mit Empörung an;
dann, als sie von Manfronis Vorschlag erzählte,
erhob sie sich.
"Was hast du ihm geantwortet?"
Annicchia warf einen Blick in die
Runde der Nachbarinnen, als wollte sie sagen: Macht
ihr es ihr doch klar, daß ich annehmen muß.
"Ich habe ihm geantwortet, daß ich
mit Ihnen darüber reden würde, Mamma."
"Ich will es nicht! Ich will es
nicht!", schrie die Alte auf der Stelle voller Zorn.
"Ich würde es auch am liebsten nicht
wollen; aber..."
Und wiederum wandte Annicchia sich
um Hilfe an die Nachbarinnen. Diese versuchten
daraufhin, ein wenig die eine, ein wenig die andere,
die Alte von den Gründen zu überzeugen, um
deretwillen die Schwiegertochter diese Gelegenheit
nicht ausschlagen durfte, die sich ihr bot, auf
ehrbare Weise für sich, für sie und für das Kind zu
sorgen. Eine, die mit ihrem Kind gekommen war, das
an einer riesigen Brust hing, schrie sogar: "Da! Da!
Seht her! Ich hab genug Milch für zwei! Ich nehm' es
zu mir, das Bübchen... Da, da, seht her!"
Und sie zog dem saugenden Kind die
Brustwarze aus dem Mund, hob die Brust mit einer
Hand und ließ den Nachbarinnen ihre Milch ins
Gesicht spritzen, die lachend und ihre Gesichter mit
den Händen schützend, zurückwichen und
gegeneinanderprallten.
Aber die Alte wollte nicht
nachgeben; sie wehrte sich gegen alle Bitten und
Beschwörungen und schrie die Schwiegertochter an:
"Wenn du gehst, gehst du gegen meinen Willen, und
dann verfluche ich dich! Denk daran!"
II.
Der Rechtsanwalt Ennio Mori wartete
im Bahnhof auf die Ankunft des Zuges aus Neapel.
Kleingewachsen, hager, mit hochgezogenen Schultern,
schnaufte er ungeduldig vor sich hin und kratzte
sich das knochige, gelblich gefärbte Gesicht, das
von einem allzu wild wuchernden schwarzen Bart
bedrängt und geradezu unterdrückt wurde, rückte sich
die Brille zurecht, die nicht und nicht auf der Nase
sitzen bleiben wollte, oder betastete immer wieder
die Taschen des Mantels und der Jacke, die voll mit
Zeitungen waren.
Schließlich trat er auf einen
Eisenbahner zu.
"Verzeihen Sie, was ist mit dem Zug
aus Neapel?"
"Der hat vierzig Minuten
Verspätung."
"Die italienischen Eisenbahnen! Das
ist doch zum Aus-der-Haut-Fahren!"
Und er ging weg, auf der Suche nach
irgend einem Sitzplatz; dort hinten, unter der Uhr,
auf einem Mauervorsprung, denn die Bänke waren alle
besetzt.
Jetzt mußte er auch noch den Diener
spielen für die Amme, die da ankommen sollte:
"Zum Aus-der-Haut-Fahren ist das!"
Nun waren sie zwei Jahre verheiratet
und wohnten seit zwei Jahren in Rom, aber seine Frau
schien gerade eben erst aus diesem Stamm von Wilden
aus dem hintersten Sizilien entsprungen zu sein: sie
verstand sich nicht einmal zu Hause zu rühren,
konnte nicht allein auf die Straße gehen, um die
kleinen Einkäufe für die Familie zu erledigen; sie
konnte ihm nur von früh bis spät Vorwürfe machen,
jawohl, das konnte sie, immer mürrisch und immer
stichelnd, dort, wo es am meisten schmerzte: bei der
Logik, bei der Logik; sie konnte ihn mit der
dümmsten und ärgerlichsten Eifersucht kränken, und
das nicht aus Liebe, sondern aus Starrsinn. Sie
fühlte sich nicht richtig geliebt! Na freilich! Was
hatte sie denn je dafür getan, was tat sie nun
dafür, geliebt zu werden? Es hatte doch viel eher
den Anschein, als hätte sie Freude daran, gehaßt zu
werden. Nie ein freundliches Wort, nie eine
Liebkosung, nie! Und immer war sie voll Mißtrauen,
abweisend, hart, übelnehmend, mürrisch. Na, mit
dieser Heirat hatte er ein gutes Geschäft gemacht,
das konnte man wirklich sagen!
"Zum Aus-der-Haut-Fahren!"
Er schnaufte, rückte sich wieder die
Brille auf der Nase, zog eine der vielen Zeitungen
aus der Tasche und begann zu lesen.
Aber sogar bei dieser Lektüre fand
er keinen Augenblick Ruhe, als wäre er zu Hause und
unterhielte sich mit seiner Frau; und fast bei jeder
Meldung wiederholte er seinen Lieblingssatz: "Zum
Aus-der-Haut-Fahren!" Er las jedoch trotz alledem
weiter; und jeden Tag war er erst dann zufrieden,
wenn er von der ersten bis zur letzten Seite die
wichtigsten Blätter aus Rom, Mailand, Neapel, Turin
und Florenz überflogen hatte, mit denen er sich
stets alle Taschen vollstopfte.
"Medizin", pflegte er zu sagen. "Sie
bringen meine Galle in Bewegung."
Aber wohl ein bißchen zu stark! Das
hatte ihm auch der Arzt gesagt. Zu stark, ja, das
mochte schon sein; aber hätten ihm ohne Lektüre der
Zeitungen das unmittelbare Erleben der über alle
Maßen angenehmen italienischen Gegenwart und die
Gesellschaft seiner Frau die Leber nicht noch viel
mehr ruiniert? Da war das Zeitunglesen noch besser.
"Und dieser verdammte Zug aus
Neapel, zum Teufel, kommt der nun an oder nicht?"
Er sah auf die Uhr; dann sprang er
entsetzt in die Höhe. Es war ja mehr als eine Stunde
vergangen! In aller Eile stürzte er zum Ausgang. Wo
sollte er nun diese arme Person finden, die bereits
angekommen sein mußte und seine Adresse nicht
kannte?
Aber zum Glück fand er sie, im
Zollbüro, wo die Gepäckstücke kontrolliert werden,
auf ihrem Reisesack kauernd und in Tränen. Die
Zollbeamten versuchten sie zu trösten. Sie rieten
ihr, auf die Polizei zu gehen, weil ihnen dieser
"Mohrenanwalt", von dem sie sprach, unbekannt war.
"Annicchia!"
"Signorino!", schrie die Ärmste und
sprang mit einem Satz auf, als sie seine Stimme
hörte.
Es fehlte nicht viel, so hätte sie
ihn umarmt vor Freude. Sie zitterte am ganzen Leib.
"Verloren war ich, Signorino, ganz
und gar verloren... was hätte ich nur getan, wenn
Euer Gnaden nicht gekommen wären?"
"Ja, konnte denn mein überaus
ehrenwerter Herr Schwiegervater dir die Adresse
nicht auf ein Stück Papier schreiben, zum Teufel",
schrie Mori sie an.
"Ja, ich kann doch nicht lesen...",
gab ihm Annicchia zu bedenken, die sich bemühte,
ihre letzten Schluchzer zu unterdrücken und sich die
Tränen abzuwischen.
"Zum Aus-der-Haut-Fahren ist das! Du
hättest den Zettel einem Droschkenkutscher geben
können, und ich hätte nicht selbst kommen brauchen.
Im übrigen bin ich ohnehin gekommen. Ich war ja die
ganze Zeit auf dem Bahnhof, ich habe nur die Ankunft
des Zuges nicht bemerkt. Also Schluß damit."
Während sie in den Wagen stiegen,
trug er ihr auf: "Kein Wort zu meiner Frau über
diese Geschichte. Sonst ist wieder die Hölle los."
Damit zog er eine andere Zeitung aus
der Tasche und begann wieder zu lesen.
Annicchia machte sich ganz klein, um
so wenig Platz wie nur möglich in dem Wagen
einzunehmen. Sie empfand eine große Befangenheit,
als sie so neben dem gnädigen Herrn saß, ganz allein
mit ihm im Wagen. Aber das dauerte nur kurz. Sie war
wie benommen von der langen Reise, von den vielen
neuen Eindrücken, die lärmend in ihre arme Seele
eingebrochen waren, die bisher stets zurückgezogen
gelebt hatte, gefangen in den gewohnten
Verrichtungen ihres engen Lebens. An nichts
erinnerte sie sich mehr; nichts dachte sie, nichts
sah sie mehr; sie empfand nur die Erleichterung,
endlich angekommen zu sein, den Schreck der
Überfahrt auf dem Dampfschiff von Palermo nach
Neapel, das Entsetzen über den entfesselten Lauf des
Zuges überwunden zu haben. Wo war sie hingeraten?
Sie versuchte aus dem Fenster zu sehen, aber die
Augen schmerzten sie. Sie würde ja noch so viel Zeit
haben, Rom zu sehen, die große Stadt, wo der Papst
lebte! Einstweilen hatte sie schon jemanden neben
sich, den sie kannte, und bald würde sie auch "ihr
Fräulein" wiedersehen und sich beinahe wie zu Hause
im Dorf fühlen. Sie lächelte. Für einen Augenblick
stieg der Gedanke an ihr fernes Büblein in ihr hoch,
an die alte Schwiegermutter, aber sie schüttelte das
Bild sofort ab, aus dem instinktiven Bedürfnis
heraus, sich diesen Augenblick der Erleichterung
nach den langen, bangen Qualen der Reise nicht zu
verderben.
"In Neapel", fragte sie auf einmal
Mori, "ist dich da jemand auf dem Dampfer abholen
gekommen?"
"Oh ja, Signore! Ein großer Herr! So
gut war er zu mir...", beeilte sich Annicchia zu
antworten. "Er hat mir auch befohlen, Grüße an Sie
auszurichten."
"Befohlen hat er dir?"
"Jawohl, Signore, Sie zu grüßen."
"Er wird dich darum gebeten haben."
"Jawohl, Signore; aber... ein
gnädiger Herr und ich..."
Ennio Mori fauchte vor sich hin und
begann wieder in der Zeitung zu lesen.
"Medizin, Medizin..."
"Wie sagen Sie, bitte?", wagte
Annicchia schüchtern zu fragen.
"Nichts. Ich spreche mit mir
selbst."
Annicchia verstummte eine Zeitlang
vor Verblüffung. Dann sagte sie: "Auch in Palermo
ist ein anderer großer Herr auf den Bahnhof
gekommen, der mich dann zum Dampfer begleitet hat:
auch der war so gut zu mir.
"Und hat der dir auch befohlen,
mich zu grüßen?"
"Jawohl, Signore, auch der."
Mori ließ die Zeitung auf die Knie
sinken, rückte sich die Brille auf der Nase zurecht
und fragte mit hochgezogenen Brauen:
"Was ist mit deinem Mann?"
"Immer noch dort!", seufzte
Annicchia. "Immer noch auf der Insel. Ach, wenn Euer
Gnaden, die Sie hier in Rom wohnen, wo doch der
König ist..."
"Halt den Mund!", fuhr Mori auf, als
hätte dieses arme Mädchen ihm auf den Fuß getreten,
als sie den König erwähnte.
"Ein Wörtchen würde schon
genügen...", wagte Annicchia unterwürfig
hinzuzufügen.
"Zum Aus-der-Haut-Fahren ist das!",
fauchte Mori von neuem, so wütend, daß er die
Zeitung, die er auf den Knien hielt, zusammenknüllte
und aus dem Wagen warf. "Glaubst du denn, die hätten
bloß deinen Mann dorthin geschickt, ins Straflager?
Die schicken uns genauso hin!"
"Die Herrschaft?", fragte Annicchia
verblüfft und ungläubig. "Die Herrschaft schicken
sie auch dorthin?
"Halt den Mund!", gab Mori zurück,
dem diese sklavische Unwissenheit geradezu
unerträglich wurde.
Und er begann düster über das
verzweifelte Unternehmen zu grübeln, das darin
bestehen sollte, diesen einfachen Leuten in seinem
heimatlichen Sizilien, in denen das Gefühl der
Unterwürfigkeit so tief verwurzelt war, ein neues
Bewußtsein zu geben.
Endlich kam der Wagen in der Via
Sistina an, in der Mori wohnte.
Ersilia lag noch zu Bett. Unter dem
rosafarbenen Baldachin des breiten Himmelbettes,
zwischen dem weißen Schimmer der Kissen und Spitzen
erschien ihre Haut noch dunkler als früher, fast
schwarz, so mager war sie noch von den Strapazen der
eben erst überstandenen Geburt.
Annicchia lief zu ihr, um sie
freudig zu umarmen.
"Signorina! Meine Signorina! Da bin
ich... wie ein Traum kommt es mir vor! Wie geht es
Ihnen? Sie haben viel gelitten, nicht wahr? Ach,
mein Kind, das sieht man... Sie sind kaum
wiederzuerkennen... Aber das ist eben Gottes Wille:
Wir Frauen sind zum Leiden geschaffen."
"Einen Dreck!", wehrte sich Ersilia.
"Wie blöd sie sind, die Frauen... Alle sind sie so!
Und es macht euch noch Spaß, was? Spaß macht es
euch, in einem fort zu wiederholen, daß wir Frauen
zum Leiden geschaffen sind. Und vor lauter
Wiederholen dieser Phrase, da glauben es die Herren
Männer am Ende tatsächlich, daß wir Frauen ihnen zu
Diensten sein müssen, für ihre Bequemlichkeit und
ihr Vergnügen zu sorgen haben. Wir sind die
Sklavinnen, was? Und sie sind die Herren. Einen
Dreck!"
Ennio Mori, dem diese Ohrfeige galt,
faltete wütend die dritte Zeitung zusammen, fauchte
und ging aus dem Zimmer.
Annicchia sah die gnädige Frau ein
bißchen verlegen an und sagte: "Auch sie haben ja so
viel zu erdulden, die Armen..."
"Ja, schlafen, essen und
spazierengehen. Ich möchte gerne einmal ein bißchen
tauschen. Ach, ein Mann sein, ein Mann, und wenn es
ein Auge kosten sollte!"
"Natürlich, wenn wir gerade so viel
für sie leiden mußten..."
"Nein, immer! Ich hasse sie alle
miteinander!"
An dieser Stelle hörte man im Zimmer
nebenan Ennio Mori rufen: "Die ganze weite Welt!"
Und darauf antwortete sofort ein
anderer Ruf:
"Da bin ich schon, Signore! Was
befehlen Sie?"
Ersilia brach in Gelächter aus und
erklärte Annicchia: "Ich habe ein schwerhöriges
Stubenmädchen. Immer wenn man ein bißchen die Stimme
erhebt, glaubt sie, man hätte sie gerufen.
Margherita! Margherita!"
Auf der Schwelle erschien die
schwerhörige Alte mit einem halb beleidigten, halb
verdatterten Gesichtsausdruck. Dort drüben hatte
Mori, dem die Augen aus den Höhlen traten, zu ihr
hin eine Geste gemacht... so eine gewisse,
unverschämte Geste.
"Hör einmal, Margherita", sagte
Ersilia. "Das ist die Amme, sie ist eben
angekommen... ja, jetzt eben. Gut: Nun zeigst du ihr
das Zimmer. Hast du verstanden? Du gehst dich jetzt
erst einmal waschen", setzte sie, zu Annicchia
gewandt, hinzu. "Du bist ja ganz rußig."
Annicchia reckte den Hals, um sich
in dem Spiegel der Kastentür zu betrachten und
schrie sofort mit erhobenen Händen: "Du meine Güte!"
Der Rauch der Eisenbahn und die auf
dem Bahnhof vergossenen Tränen hatten ihr das
Gesicht verschmiert. Aber ehe sie sich waschen ging,
wollte sie "ihrer Signorina" noch, die Erlebnisse
der Seereise, dann die der Bahnreise berichten,
begleitet von lebhaften Gesten und häufigen
Ausrufen, die der schwerhörigen Dienerin die Augen
aus den Höhlen treten ließen. Vor allem erzählte
sie, wie ihr auf einmal die Brust fast zu platzen
drohte vor aufgestauter Milch, und wie sie daraufhin
zu weinen begonnen hatte wie ein kleines Mädchen.
Ihre Reisegefährten hatten sie gefragt, was sie denn
habe; aber sie schämte sich, es zu sagen. Endlich
begriffen sie. Und da machte sich ein junger Mann
erbötig, ihr die Milch abzusaugen - der Lümmel! -
und streckte sogar schon lachend die Hände nach
ihrer Brust aus. Schreiend hatte sie gedroht, sich
aus dem Abteilfenster zu stürzen. Aber dann hatte
sie zum Glück bei der nächsten Station ein alter
Mann, der dort neben ihr saß, in ein anderes Abteil
geführt, in dem eine Frau mit einem armseligen
kleinen Mädchen von drei Monaten saß, dem sie
endlich ihre Milch geben konnte, wobei sie sich
allmählich förmlich wiedergeboren fühlte.
Ersilia glaubte bereits die Sitten
der Frau "vom Kontinent" angenommen zu haben und
empfand daher Ärger über diese lebhaften und naiven
Äußerungen bäuerlichen Schamgefühls.
"Genug, jetzt gehst du dich erst
einmal waschen. Dann mußt du mir von Mama und Papa
erzählen. Los, geh."
"Und das Kindchen?", fragte
Annicchia. "Wollen Sie es mir nicht zeigen? Ich sehe
es nur schnell an und gehe."
"Da drinnen", sagte Ersilia und
deutete auf die Wiege. "Aber du nicht, rühr den
Schleier nicht an mit deinen schmutzigen Händen.
Los, Margherita, zeig es ihr."
Zwischen einem solchen Reichtum an
Bändchen, Schleiern und Spitzen erblickte Annicchia
ein kleines Monsterchen mit puterrotem Gesicht, noch
viel armseliger als das Mädchen, dem sie im Zug
Milch gegeben hatte. Dennoch rief sie aus: "Schön!
Schön! Mein Herzchen! Wie ein Engel schäft er! Euer
Gnaden werden schon sehen, wie ich ihn aufpäppele.
Auch mein Luzziddu kam so auf die Welt, winzig
klein, und jetzt, jetzt sollten Sie ihn sehen!"
Bewegt brach sie ab. "Ich gehe und
komme gleich wieder." sagte sie schließlich und
folgte der alten Dienerin auf ihr Zimmer.
Anfangenseite