III.
Am liebsten
hätte sie den Kleinen gleich an
die Brust genommen; der gnädige
Herr war auch dieser Meinung;
aber Ersilia, die in allem und
jedem anderer Meinung sein mußte
als ihr Mann, nein, die wollte,
daß zuerst ein Arzt ihre Milch
untersuchen solle.
"Ist denn
wirklich ein Arzt nötig?",
fragte Annicchia lachend. "Sehen
Sie nicht, wie gut's mir geht?"
Sie strotzte vor
Gesundheit mit ihren frischen
und rosigen Wangen.
Ersilia blickte
sie haßerfüllt vom Bett aus an,
als hätte sie mit diesen Worten
die Aufmerksamkeit ihres Mannes
auf sich ziehen wollen.
"Einen Arzt! Ich
will auf der Stelle einen Arzt!"
Und Mori mußte,
seinen üblichen Satz vor sich
hinmurmelnd, einen Arzt holen
gehen.
Dieser kam erst
gegen Abend, als Annicchia sich
von neuem in Krämpfen wand mit
ihrer angeschwollenen Brust, und
das Kind, das die im übrigen
vertrocknete Brust der Mutter
nicht zu fassen bekam, vor
Hunger und Angst schrie.
Ennio wäre gerne
bei der Untersuchung dabei
gewesen, aber seine Frau jagte
ihn fort: "Was willst du da denn
sehen? Sag lieber Margherita,
sie soll uns einen Löffel und
ein Glas Wasser bringen."
"Blond, hm?...
blond... blond...", sagte
unterdessen der Arzt, der die
Angewohnheit hatte, drei und
viermal hintereinander dasselbe
Wort zu wiederholen, während er
geistesabwesend auf die Amme
blickte, als müßte er sich
jedesmal bemühen, seine Gedanken
zusammenzuhalten.
Als sie sich so
angestarrt sah, wurde Annicchia
rot wie Klatschmohn.
"Blond, hm?...
sagten wir doch, hochverehrte
gnädige Frau", setzte
unterdessen der Arzt fort.
"blond, nicht wahr?
Hochverehrte
gnädige Frau... Eine schöne
junge Frau... schön, ja, und
gesund wirkt sie auch, gesund
auch... aber braun, hm, braun,
braun wäre besser gewesen... die
Milch der Braunhaarigen,
sicherlich, die Milch der
Braunhaarigen... na gut, wollen
wir einmal sehen."
Er hob Annicchia
den Kopf auf und untersuchte die
Drüsen am Hals; nach einigen
weiteren Betrachtungen begann er
ihr zerstreut das Mieder
aufzuknöpfen. Annicchia, bebend
vor Scham, ganz verdattert und
verlegen, versuchte ihn daran zu
hindern und verdeckte ihre Brust
mit den Händen.
"Hol's raus, hm?
Hol's raus", sagte der Arzt.
Ersilia brach in
Gelächter aus.
"Warum... warum
la... warum lachen Sie,
hochverehrte gnädige Frau?"
"Ja, sehen Sie
denn nicht, wie sich diese dumme
Gans vor Ihnen schämt?", machte
Ersilia ihn aufmerksam.
"Vor mir? Ich
bin doch Arzt!"
"Daran ist sie
nicht gewöhnt", erklärte
Ersilia. "Und außerdem, wissen
Sie, unsere Frauen, also, wir
Sizilianerinnen, wir sind nun
einmal nicht so wie die Frauen
hier."
"Achso", sagte
der Arzt schnell. "Ich verstehe,
ich verstehe... ich weiß schon,
ich weiß schon... schamhafter
sind sie, hm? Schamhafter...
Aber ich bin Arzt; ein Arzt ist
wie ein Beichtvater. Laß einmal
sehen: spritz du selbst ein paar
Tröpfchen hier in den Löffel.
Wie lange hast du denn dein
Kindchen schon?"
"Gekauft hab
ich's", antwortete Annicchia,
wobei sie sich abmühte, ihm ins
Gesicht zu sehen, "wohl schon
vor zwei Monaten."
"Gekauft hast
du's? Was sagst du da?"
"Wie soll ich es
denn sagen?"
"Na, geboren,
mein Kind, geboren.... Die
Kinder werden geboren...
geboren... Was ist da Böses
dabei?"
Als der Arzt
endlich nach Untersuchung der
Milch gegangen war, ließ sich
Annicchia erledigt auf einen
Stuhl sinken, als hätte sie eben
eine unsägliche Anstrengung
hinter sich gebracht: "Ach,
Signorina, was für eine Schande!
Ich bin fast gestorben dabei."
Als sie kurz
darauf das Kind schreien hörte,
lief sie zur Wiege und gab ihm
sofort die Brust. "Da hast,
trink dich satt, mein kleines
Schätzchen, mein Herzchen,
trink!"
Ersilia
betrachtete sie abermals vom
Bett aus: sie sah ihre
goldglänzenden blonden Haare,
die, in der Mitte gescheitelt,
in zwei Strähnen über ihre Ohren
hingen und ihr zartes Gesicht
einrahmten, sie sah ihre
wunderbar weiße, schöne Brust,
und da sagte sie ärgerlich:
"Es wäre besser
gewesen, ihn zuerst nur zu
beruhigen; und ihm dann Milch zu
geben, um ihn einzuschläfern."
"Lassen Sie ihn
doch trinken, das arme
Würmchen!" rief Annicchia. "Er
hat ja wirklich Hunger! Wenn Sie
sehen könnten, wie er saugt, wie
er saugt!"
Wenig später
konnte sie sich in dem
Nebenzimmer, das für sie und den
Kleinen bestimmt war, gar nicht
beruhigen, wenn sie die Möbel
und die Vorhänge betrachtete:
"Jesus! Was es alles gibt, in
Rom! Was es alles gibt!"
Und sie fühlte
eine gewisse Verlegenheit
angesichts dieses neuen, so
schönen Bettes, das für sie
vorbereitet worden war. Sie
erinnerte sich auch noch an die
noch stärkere Verlegenheit, die
sie vor zwei Jahren bei dem
Anblick eines anderen Bettes
empfunden hatte, jenes Bettes,
in dem sie zum ersten Mal nicht
mehr allein schlafen sollte. In
Gedanken sah sie dabei ihr
fernes Häuschen vor sich, wie es
gewesen war, als Titta, ehe ihm
diese schlimmen Ideen, die ihn
ruiniert hatten, in den Kopf
geraten waren, es voller Liebe
für die Hochzeit vorbereitet
hatte; und wie es dagegen jetzt
war, armselig und nackt, gerade
mit zwei Stühlen darin und einem
einzigen Bett, für sie und die
Schwiegermutter gemeinsam.
Nun hatte die
Alte da unten es für sich
allein, dieses Doppelbett, denn
das Kind schlief wahrscheinlich
im Haus der Nachbarin. Armer
Luzziddu, so klein schon fort
von Zuhause, und so weit
entfernt von seiner Mamma!
Sicherlich hatte diese Frau für
ihn nicht die selbe liebevolle
Zuwendung wie für ihr eigenes
Kind, und Luzziddu mußte, zur
Seite geschoben, still sein und
warten, was für ihn übrig blieb;
er, der bisher seine Mamma ganz
für sich allein gehabt hatte!
Annicchia begann
zu weinen; aber dann hatte sie
Angst, jemand könnte es
bemerken, trocknete ihre Tränen
und tröstete sich mit dem
Gedanken, daß ja die Großmutter
ganz in der Nähe war, um
aufzupassen, und daß sie sich
schon Gehör zu verschaffen
gewußt hätte mit ihrem düsteren
und herrischen Ton, falls das
notwendig geworden wäre. Ja, sie
war die würdige Mutter Tittas!
Aber im Grunde war sie doch gut,
so wie Titta gut war; sicher
würde sie mit der Zeit einsehen,
daß die Schwiegertochter nur
deshalb gewagt hatte, ihr nicht
zu gehorchen, weil sie von der
Notwendigkeit und dem Gedanken
an das Wohl aller dazu gezwungen
worden war.
Nun, um sich
selbst zu beweisen, daß sie ein
Opfer gebracht und dabei nur an
das Wohl der anderen und nicht
an das eigene gedacht hatte,
hätte sie am liebsten auf dem
Boden geschlafen und nicht dort,
auf diesem herrschaftlichen
Bett, unter diesem Baldachin:
der Kleine sollte dort schlafen,
denn der ganze Reichtum galt ja
ihm, und sie auf dem Boden wie
eine Hündin. Sie konnte sich
kaum dazu entschließen, unter
diese Decken zu schlüpfen, weil
sie ständig an das Stroh denken
mußte, auf dem ihr Luzziddu
schlief und ihre Schwiegermutter
auch.
Aber einige Tage
später kränkten sie die affigen
und pompösen Kleider, die die
Schneiderin gebracht hatte, in
dieser geheimen Empfindung noch
viel mehr. War all dieser
Schnickschnack wirklich für sie,
die bestickten Schürzen, die
Samtbänder, die Silbernadeln?
Und sollte sie wirklich so auf
die Straße gehen, als ginge es
zu einem Maskenzug?
Ersilia, die das
Bett bereits verlassen hatte,
wurde ernsthaft böse: "Ach, was
für ein Gesicht! Das habe ich
mir ja gedacht. Aber hier ist es
nun einmal so üblich und das
hast du anzuziehen, ob's dir nun
paßt oder nicht!"
"Wie Euer Gnaden
befehlen", gab Annicchia rasch
zur Antwort, um sie zu
beruhigen. "Verzeihen Sie mir.
Euer Gnaden haben so viel
schönes Geld ausgegeben für
mich, die ich doch gar nichts
verdient hätte. Aber
schließlich, was hat das schon
für eine Bedeutung? Euer Gnaden
sind die Herrschaft... Ich
meine, es kommt mir seltsam
vor... denn bei uns im Dorf..."
"Hier sind wir
aber in Rom", schnitt ihr
Ersilia die Rede ab. "Im übrigen
siehst du sehr gut aus.
Das stimmte
tatsächlich. Das leuchtende Rot
des Schleiers unterstrich noch
das Blond der Haare und das Blau
ihrer fröhlichen, klaren Augen.
Ersilia war sicher, daß sie
neben ihr bei dem gemeinsamen
Spaziergang eine höchst
unvorteilhafte Figur machen
würde; aber die Eitelkeit, der
Ehrgeiz, eine schön aufgeputzte
Amme zu haben, waren in ihr
stärker als selbst die
Eifersucht.
Das erste Mal
nahm sie sie im Wagen mit.
Annicchia,
feuerrot im Gesicht vor Scham,
hatte die Augen niedergeschlagen
und starrte auf das Kind in
ihrem Schoß. Unterdessen merkte
Ersilia, wie alle Leute auf der
Straße stehen blieben und sich
nach ihr umdrehten.
"Los, los",
sagte sie. "Heb den Kopf auf!
Wir wollen doch kein Schauspiel
bieten! Du siehst ja aus, als
wärst du geohrfeigt worden!"
Annicchia
versuchte, die Augen aufzuheben
und den Kopf dazu. Nach und nach
ließ das Staunen über das
ungewohnte, beeindruckende
Schauspiel der Stadt sie ihre
Scham vergessen, und sie begann
wie betäubt aus dem Fenster zu
starren, auf all die Dinge, die
Ersilia ihr zeigte.
"Jesus, Jesus!"
murmelte Annicchia insgeheim.
"Was das für große Dinge sind!
Was das für Dinge sind..."
Als sie von
diesem ersten Ausgang nach Hause
zurückkehrte, war sie ganz
verstört, es schwindelte ihr
beinahe, und die Ohren dröhnten
ihr, als wäre sie in einen
Aufruhr geraten und wäre ihm nur
mit großer Mühe entkommen. Und
sie fühlte sich viel, sehr viel
weiter entfernt von ihrem Dorf
als zuvor, so weit, wie sie es
sich nie vorzustellen vermocht
hätte, beinahe verloren in einer
anderen Welt, die ihr noch gar
nicht wirklich erschien.
"Jesus! Jesus!"
Unterdessen gab
Mori nebenan seiner Frau einen
während ihrer Abwesenheit aus
Sizilien eingetroffenen Brief zu
lesen.
Darin schrieb
Frau Manfroni ihrer Tochter, daß
die alte Marullo ihr das Geld
zurückgeschickt hatte, das sie
ihr, der Abmachung mit Annicchia
entsprechend, auf den ersten
Monatslohn vorstrecken wollte.
Die Alte hatte das Geld nicht
einmal von weitem sehen wollen.
Lieber würde sie sterben, hatte
sie gesagt, lieber von Haus zu
Haus ziehen und um ein Stückchen
Brot betteln. Unterdessen war
die Nachbarin gekommen, der
Annicchia ihr Kindchen
anvertraut hatte, um sich über
diese alte Hexe zu beschweren,
die ihr keinen Heller geben
wollte, auch nicht für das, was
sie für das Kind aufwenden
mußte. Frau Manfroni fügte
hinzu, sie habe dieser Nachbarin
den halben Monatslohn gegeben,
jedoch unter der Bedingung, daß
sie jeden Tag der Alten, als
wäre es aus eigener
Barmherzigkeit, einen Teller
Suppe geben sollte, damit sie
nicht buchstäblich Hungers
stürbe. Sie riet ihrer Tochter,
die andere Hälfte gar nicht erst
zu schicken, denn die Marullo
hätte das nie angenommen, und
schloß mit der Bemerkung, sie
wäre zutiefst betrübt darüber,
daß sie in diese peinliche
Situation geraten wäre, weil sie
dem Rat anderer Leute hatte
folgen wollen.
"Deinem klugen
Rat!", brauste Ersilia auf,
während sie den Brief
zusammenfaltete. "Du kannst auch
nicht ein einziges Mal das
Richtige treffen!"
"Ich?", wehrte
sich Ennio. "Ja, habe ich denn
vielleicht deiner hochverehrten
Frau Mutter geschrieben, sie
solle mir die Schwiegertochter
einer gemeingefährlichen Irren
als Amme schicken?"
"Nein. Aber eine
sizilianische Amme wolltest du
haben! Hättest du nicht diese
wunderbare Idee gehabt, steckten
wir jetzt nicht in diesem
Schlamassel. Im übrigen, ach hör
mir auf, hör mir auf, sie
gefällt dir doch, und gar nicht
wenig, die kleine sizilianische
Amme! Das hab ich schon
gemerkt!"
Mori riß die
Augen weit auf:
"Die Amme meines
Sohnes?"
"Schrei nur,
schrei nur! Damit man drüben
alles hört..."
"Erst reizt du
mich, und dann willst du, daß
ich nicht schreie? Auch noch auf
die Amme meines Sohnes bist du
also jetzt eifersüchtig? Bist du
denn ganz übergeschnappt?"
"Übergeschnappt
bist du! Du könntest froh sein,
wenn du deine fünf Sinne so
beisammen hättest wie ich! Nun,
und was machen wir jetzt? Was
sollen wir damit machen, mit
diesem Geld?"
"Ich hoffe, du
willst ihr jetzt nicht ins
Gesicht schreien, daß ihre
Schwiegermutter es nicht
annimmt!"
"Aber wo denkst
du hin? Ihr solchen Verdruß
bereiten? Ich werde mich hüten!"
Mori verlor die
Geduld, zuckte wütend die
Schultern und ging.
IV.
Jetzt blieb ihm
auch das nicht erspart: er
durfte nicht einmal sein kleines
Kindchen liebkosen, es nicht
einmal betrachten, weil seine
Frau nun schon den Verdacht
hatte, die Amme könnte diese
Liebkosungen, diese Blicke, auf
sich beziehen.
"Und weshalb",
fragte sie ihn auch tatsächlich,
"weshalb bist du nicht entzückt
von deinem Sohn, wenn ich ihn im
Arm halte und schneidest ihm
stattdessen lauter zärtliche
Grimassen, wenn er bei der da
ist?"
Entrüstet und
beschämt ob dieses ungerechten
und empörenden Verdachts schrie
Ennio sie an: "Aber bei dir ist
er ja nie!"
Tatsächlich fing
das Kind jedesmal, wenn sie es
auf den Arm nahm, zu schreien an
und streckte die Händchen nach
der Amme aus. Vielleicht hielt
sie es nicht richtig, nicht so
sehr deshalb, weil sie es nicht
gewohnt war, als vielmehr aus
Angst, es könnte ihr die reich
verzierten Hausmäntel
beschmutzen, mit denen sie zu
prunken liebte.
Obwohl sie nie
Besuche empfing und nur selten
ausging, gab sie doch sehr viel
Geld für Kleider aus, mit denen
sie dann nie zufrieden war,
ebenso wenig wie mit allem
anderen und mit sich selbst. Sie
fühlte sich unglücklich, und
vielleicht war sie es
tatsächlich; aber ihr Unglück
machte sie den anderen zum
Vorwurf und nicht der eigenen
Unduldsamkeit, ihrem
widerborstigen Charakter, dem
Fehlen jeder Anmut. Sie war
überzeugt davon, wenn sie über
einen anderen Mann gestolpert
wäre, der sie zu lieben und zu
verstehen vermocht hätte, dann
hätte sie nie all diese Leere
verspürt, die sie nun in und um
sich fühlte. Jetzt war sie auch
noch des Kindes überdrüssig
geworden, weil dieses mehr
Zuneigung zur Amme zeigte als zu
ihr. Und es verging kein Tag, an
dem sie nicht, in diesem
Müßiggang versinkend, heimlich
geweint hätte. Manchmal sah ihr
Mann ihre geschwollenen,
geröteten Augen, aber er tat,
als bemerke er nichts. Er
vermied es, so gut es ging, mit
ihr zu sprechen, denn er war
längst sicher, daß es ihm, was
er auch immer sagen oder tun
würde, nie gelingen könnte, ihr
jene Liebe zum Leben
mitzuteilen, nach der sie sich
so rasend sehnte, und deren er
sie doch für nicht fähig hielt.
Sie erwartete es von den
anderen, das Leben, ohne zu
begreifen, daß jeder es sich für
sich allein schaffen muß. Im
übrigen, wenn sie schon
unglücklich war, dann war er
nicht minder unglücklich
darüber, mit ihr zusammenleben
zu müssen. Ein schönes Leben
führte er! Den ganzen Tag
eingesperrt, dort in der
Kanzlei. Ein Glück, daß ihn
wenigstens von Zeit zu Zeit
seine Parteifreunde besuchen
kamen, mit denen er zumindest
ein bißchen Dampf ablassen und
frei diskutieren konnte.
Während dieser
Diskussionen wurde der alte
Schreiber der Kanzlei hinaus ins
Wartezimmer geschickt. Dabei
verbeugte er sich jedes Mal ganz
tief, der Herr Felicissimo
Ramicelli, vor den Herren
Revolutionären, und ging sehr
würdevoll aus dem Zimmer. Kaum
war er jedoch über der Schwelle
und hatte die Tür hinter sich
ins Schloß gezogen, da kniff er
ein Auge zu, hob ein Bein und
rieb sich in höchster
Zufriedenheit die Hände. Dann
zwirbelte er sich die Spitzen
seines gefärbten Schnurrbarts
und setzte sich auf die Bank des
Wartezimmers, in der Hoffnung,
daß dort Annicchia, die hübsche
kleine sizilianische Amme
auftauchen würde.
Er hatte bereits
versucht, mit ihr ein Gespräch
anzuknüpfen: "Weißt du, wie ich
heiße? Felicissimo."
Aber Annicchia
schien das nicht zu verstehen,
sie kehrte ihm den Rücken zu.
Und also sagte Signor Ramicelli
zu sich selbst: "Felicissimo,
jawohl, der Glücklichste. Aber
worüber bloß?"
Wie gutes Omen
hatten sie ihm diesen schönen,
superlativischen Namen
angehängt. Danke vielmals!
Freilich hatte er im Leben
eigentlich nie Gelegenheit
gehabt, sich, ‑ na sagen wir
nicht glücklich, gerade nur so
ein bißchen zufrieden zu
erklären, der gute Signor
Ramicelli. Acht Lire pro Tag
verdiente er, und das wäre ihm
vielleicht auch genug gewesen,
wenn er nicht so ein kleines
Lasterchen gehabt hätte... so
ein ganz gewisses Lasterchen..."
"Tja, was will
man da schon machen? Die
hübschen kleinen
Frauenzimmer..."
Diese Annicchia
zum Beispiel, das war doch ein
Lecherbissen! Jedes Mal, wenn er
sie sah, lief ihm das Wasser im
Mund zusammen. Und sie schien
ihm auch ein braves Mädchen zu
sein. Sie schien es ihm
natürlich nur, verstehen wir uns
recht! Denn all diese Ammen, das
weiß man ja: das sind
gestrauchelte Mädchen, das
sind... na, so eine Art
Kriegsbeute sind sie!
Annicchia
bemerkte die Blicke und das
affige Getue des Herrn
Ramicelli, und sie wußte nicht
recht, ob sie darüber lachen
oder sich ärgern sollte. Er
schien ihr gar zu seltsam,
dieser Alte mit seinem noch
immer blonden Haar. Also
sicherlich, wenn der nicht
übergeschnappt war, dann fehlte
nicht mehr viel daran.
Dort im
Wartezimmer versuchte sie, ob
die Beinchen des Kleinen schon
trugen, indem sie ihn nur unter
den Achseln hielt. Nach sechs
Monaten vermochte sie noch immer
nicht den Namen, den Mori dem
Kind gegeben hatte, richtig
auszusprechen: Leonida. Sie
nannte es stattdessen Nònida.
"Was heißt da
Nónida!", stichelte Signor
Ramicelli. "LE‑O-nida."
"Das kann ich
nicht aussprechen."
"Und
Felicissimo? Kannst du
Felicissimo auch nicht
aussprechen? Aber ich heiße
wirklich so, weißt du?"
Annicchia nahm
das Kind wieder auf den Arm und
verließ das Wartezimmer mit den
Worten: "Das glaube ich nicht."
"Ich auch
nicht", schloß Signor Ramicelli
in philosophischer Manier,
während er allein im Wartezimmer
blieb, um das Ende der
Diskussion dort drinnen
abzuwarten.
"Taktik...
Verbrecher... Die
Erziehung des Proletariats...
Mindestforderungskatalog..."
- solche und ähnliche Ausdrücke
drangen von Zeit zu Zeit an
Ramicellis Ohr. Dieser
schüttelte daraufhin
melancholisch den Kopf und
blickte lieber mit einem Seufzer
zu der Türe hin, durch die die
Amme verschwunden war. Manchmal
drang von dort zu ihm ein
bäuerliches Wiegenliedchen
herüber, das Annicchia mit einer
süßen, traurigen Stimme sang.
Vielleicht dachte sie dabei an
ihren Sohn und blickte
unterdessen auf dieses Kind, das
hier mit ihrer Milch groß und
schön geworden war, größer und
dicker als das ihre gewesen war,
als sie es dort verlassen hatte.
Ach, ihr Luzziddu wäre sicher
ein Riese geworden, wenn sie ihn
hätte stillen können! Nun
aber... wer konnte das wissen!
So viele schlimme Gedanken
gingen ihr durch den Kopf! Oft
träumte sie, er wäre krank
geworden, ganz dünn, nur Haut
und Knochen, mit einem dünnen
Hälschen und einem rachitischen
Kopf, der bald auf die eine,
bald auf die andere Schulter
sank und immer mehr anschwoll,
während sie ihn entsetzt und
verzweifelt betrachtete: "Das
soll mein Luzziddu sein? So
zugrundegerichtet habt ihr ihn?"
Und in ihrem Angsttraum wollte
sie ihm sofort ihre Milch geben,
auf der Stelle; aber dann sah
sie das Kind mit den düsteren,
starrsinnigen Augen seiner
Großmutter an und wandte das
Gesicht ab, ohne die Brust zu
nehmen, die sie ihm darbot. Was
für eine Qual! Sie stand auf,
das Herz klopfte ihr bis zum
Hals, und bis zum Morgen
vermochte sie das Bild ihres
Kindes in diesem gräßlichen
Zustand nicht mehr loszuwerden.
Sie wagte
freilich nicht mehr, der
gnädigen Frau davon zu erzählen,
die ihr schon mehrfach eine böse
Antwort gegeben hatte,
vielleicht weil sie sich über
ihre hartnäckige Insistenz
ärgerte, vielleicht auch, weil
sie fürchtete, sie könnte über
den Gedanken an ihr Kleines das
ihr anvertraute Kind
vernachlässigen. Aber das
konnte man ihr wirklich nicht
vorwerfen, auf Ehre: das durfte
sie nicht sagen: da brauchte man
ja Nònida nur anzusehen:
blühend und lebhaft war er!
Annicchia
vermochte in ihrer gnädigen Frau
kaum noch die Signorina Ersilia
von damals wiederzuerkennen, so
schlecht wurde sie von ihr
behandelt: schlimmer als eine
Dienerin. Sie tat alles, um
Ersilia zufriedenzustellen,
übernahm viele Dienste, zu denen
sie nicht verpflichtet war, nun,
da die schwerhörige Margherita
nicht mehr im Hause war; und sie
bemühte sich, immer fröhlich zu
erscheinen und auch der gnädigen
Frau Mut zu machen, die ständig
Nervenkrisen hatte und wegen
jedem Nichts verzweifelte.
"Da bin ich
schon, da bin ich, ich erledige
alles, Signorina, machen Sie
sich nur keine Sorgen."
Als
Gegenleistung hätte sie gerne
ein bißchen Wertschätzung
erfahren. Zum Beispiel, wenn
Briefe aus Sizilien kamen... die
brachte sie ihr sofort, ganz
glücklich, frohlockend:
"Signorina! Signorina!"
"Was ist los?
Hast du im Lotto gewonnen?"
Jedes Mal ließ
sie sie förmlich erstarren mit
diesen Worten. Sie wartete
geduldig, bis Ersilia zu Ende
gelesen hatte und hoffte, sie
würde ihr sofort sagen, was es
Neues von ihrem Kind gab. Aber
nichts da! Keine Spur! Sie mußte
sie danach fragen, wenn dann die
gnädige Frau den Brief zurück in
den Umschlag steckte.
"Und... steht
nichts von Luzziddu drinnen?"
"Oja. Hier
steht, daß es ihm gut geht."
"Und meiner
Schwiegermutter?"
"Auch."
Mit diesen
Antworten mußte sie sich
zufriedengeben. Aber war es denn
möglich, daß von da unten keine
anderen Botschaften an sie
aufgetragen worden waren? Ach,
wie sehr sie es jetzt bereute,
nie schreiben gelernt zu haben!
Ja freilich, bei der Abreise
hatte sie schon gedacht, daß die
Entfernung ihr Kummer bereiten
würde; aber so viel auch wieder
nicht! Es war ja eine wahre
Höllenstrafe, so!
Das Kind würde
jedoch in ein paar Tagen sieben
Monate alt werden. Mit neun
Monaten sollte es auf Wunsch des
Vaters abgestillt werden; also
galt es diese Qualen noch zwei
Monate lang zu ertragen. Da
mußte man eben Geduld haben!
Wenn sie sich so
tröstete und mit ihrem traurigen
Schicksal abfand, dann erwartete
sie sicherlich nicht das, was
ihr eben an dem Tag zustoßen
sollte, an dem das Kind sieben
Monate alt wurde: ein doppelter
Festtag, denn gerade da war
Nònida auch das erste
Zähnchen gewachsen.
Als sie an jenem
Tag die Türglocke hörte und aus
dem Läuten zu entnehmen meinte,
es wäre der Briefträger, da war
sie ganz fröhlich öffnen
gegangen, wie üblich. Aber
plötzlich, ohne daß sie auch
nur Zeit gefunden hätte, darauf
zu achten, wem sie da geöffnet
hatte, klatschte eine gewaltige
Ohrfeige auf ihre Wange und sie
fand sich auf dem Boden wieder.
Titta Marullo stand vor ihr, ihr
Mann, bleich, mit wutverzerrtem
Gesicht, einen Fuß erhoben, um
ihr ins Gesicht zu treten.
"Elende Hündin!
Wo ist dein Herr?"
Auf dieses
Geschrei hin kamen Mori, seine
Frau und Signor Ramicelli
gelaufen. Titta Marullo,
totenbleich, stürzte auf Mori
zu, packte ihn am
Jackenaufschlag und schüttelte
ihn ganz langsam: "Mein Sohn ist
tot, weißt du? Tot!"
wiederholte er noch einmal,
während er sich zu Annicchia
wandte, die einen Schrei
ausgestoßen hatte. "Und du, was
willst du jetzt tun? Bezahlst du
mir ihn oder willst du mir
lieber deinen dafür geben?"
"Der ist
verrückt!" schrie Ersilia,
zitternd vor Entsetzen.
Mori stieß
Marullo zurück und wies ihm die
Tür, mit einer nervösen Geste
seiner vor Wut bebenden kleinen
Gestalt.
"Raus!" brüllte
er. "Verbrecher! Raus aus meinem
Haus, auf der Stelle!"
"Was tust du
da?" sagte Marullo und stellte
sich ihm entgegen, Brust an
Brust. "Ich habe nichts zu
verlieren, nimm dich in Acht!
Meine Mutter ist im Krankenhaus;
mein Sohn ist tot! Ich bin
gekommen, um dir ins Gesicht zu
spucken und diese Hündin da
mitzunehmen. Los, steh auf!",
setzte er hinzu, zu seiner Frau
gewandt, die noch immer auf dem
Boden lag.
Aber in diesem
Augenblick kam Ramicelli, der
heimlich davongeschlichen war,
erschreckt und keuchend mit zwei
Gendarmen zurück, an die der am
ganzen Körper vor Wut zitternde
Mori sich in höchster Erregung
wandte:
"Raus! Führt ihn
ab! Er ist hier hereingekommen,
um mich in meinem eigenen Haus
zu beschimpfen und zu bedrohen,
dieser Verbrecher!"
Die beiden
Gendarmen packten Marullo an den
Armen, der verzweifelt versuchte
sich loszureißen, wobei er
schrie: "Ich will meine Frau
haben!" So zerrten sie ihn aus
dem Haus, gefolgt von Mori, der
auf das Kommissariat gehen
wollte, um die tätliche
Beleidigung anzuzeigen, deren
Opfer er in seinem eigenen Haus
geworden war.
V.
Am Tag darauf,
ohne Eile, kam der Brief der
Signora Manfroni an, in dem der
Tod des Kindes und die Krankheit
der alten Marullo berichtet
wurde. Von Titta kein Wort.
Mori vermutete
zuerst, er wäre aus dem
Straflager entsprungen, aber
dann erfuhr er, daß er auf
Intervention des Präfekten, an
den sich die kranke Mutter vom
Spital aus gewandt hatte,
vorzeitig entlassen warden war.
Die römische Polizeiwache hatte
ihn unterdessen nach Sizilien
zurückgeschickt, mit der
Warnung, wenn er dort unten auch
nur im geringsten versucht
hätte, sich der besonderen
Überwachung, die drei Jahre lang
über ihn verhängt war, zu
entziehen, würde man ihn auf der
Stelle ins Lager zurückschicken.
Annicchia war
durch den Schrecken, den ihr
Mann ihr eingejagt hatte, und
durch den Kummer über den Tod
ihres Kindes von einem heftigen
Fieber befallen worden. Drei
Tage lang schien es, als würde
sie wahnsinnig; dann ließ das
Delirium, dann ließen die
Halluzinationen allmählich nach;
sie blieb apathisch zurück, mit
einem geistesabwesenden
Ausdruck, der noch
erschreckender war als ihr
vorangegangenes Toben. Sie
blickte, aber es schien, als
sähe sie nichts; sie hörte, was
man ihr sagte, nickte mit dem
Kopf dazu und sagte auch ja,
aber dann zeigte sie deutlich,
daß sie nichts verstanden hatte.
Die Milch war
ihr ausgeblieben, das Kind hatte
man abstillen müssen. Im Hause
ging alles drunter und drüber.
Ersilia, unerfahren und zu allem
ungeeignet, wie sie war, hatte
zwei Nächte hindurch partout bei
dem Kind wachen wollen, das nach
der Amme schrie und keinen
Augenblick still war; sie hatte
sich auch um den Haushalt
kümmern, der neuen Dienerin
erste Instruktionen geben
müssen, dazu noch ein wenig nach
der Kranken sehen: nun war sie
rasend vor Wut gegen ihren Mann,
der sich umsah, eine Zeitung in
der Hand, ohne zu wissen, was er
tun sollte. Aber was hätte er
denn auch tun können?
"Was?" schrie
ihn seine Frau an. "Na, dich
bewegen, die Sache ein bißchen
in die Hand nehmen! Siehst du
nicht, daß ich hier ganz allein
bin, ohne Hilfe, das Kind auf
dem Arm? Ich kann mich nicht
auch noch um sie kümmern, die
mir die ganze Suppe eingebrockt
hat! Los, geh, such ihr einen
Platz in irgendeinem Spital!"
Ennio blieb bei
diesem Vorschlag erstarrt stehen
und sah sie ganz verdattert an:
"Im Spital?"
"Ach, kommt
jetzt Mitleid und
Barmherzigkeit?", setzte Ersilia
giftig hinzu. "Mitleid für sie,
was? Nicht für mich, die ich
seit vielen Nächten nicht zum
Schlafen komme, die ich nicht
einmal mehr Zeit habe, mich zu
frisieren. Soll ich denn für
alle der Dienstbote sein? Na
gut, warte nur, bis sie wieder
aufstehen kann, dann werde ich
dir was zeigen! Keinen Tag mehr,
keine einzige Minute mehr bleibt
sie in meinem Haus!"
Sie hatte
freilich nicht den Mut, diese
Drohung sofort in die Tat
umzusetzen, kaum daß Annicchia
sich ein bißchen erholt hatte.
Sie versuchte, mit ihr darüber
zu reden, indem sie ihr
erzählte, sie halte für sie das
Geld bereit, das ihre
Schwiegermutter nicht hatte
nehmen wollen. Aber Annicchia
antwortete ihr: "Was soll ich
denn jetzt noch damit tun? Jetzt
habe ich ja nur noch diesen da!"
Und dabei
drückte sie Nònida ans
Herz, der zu ihr zurückgekehrt
war und die gleiche Zuneigung zu
ihr zeigte wie vorher, obwohl er
nun abgestillt war.
Als ihn ihr die
Dienerin das erste Mal ans Bett
brachte, empfand sie einen
starken Widerwillen:
seinetwegen war ihr eigenes
Kind gestorben! Aber dann,
gerührt von der liebevollen
Ungeduld, mit der der
unschuldige Kleine ihr seine
Händchen entgegenstreckte,
umarmte sie ihn ganz, ganz fest,
so wie sie ihr eigenes Kind
umarmt hätte, und die sie
erdrückende Verzweiflung löste
sich in einen nicht enden
wollenden Tränenstrom auf.
Der Kleine
suchte noch immer nach ihrer
Brust.
"Ach mein Kind!
Ach mein Kind! Was willst du
denn noch von mir? Ich habe ja
nichts mehr, ich kann dir nichts
mehr geben, weder dir noch
irgendjemandem sonst... Aus
ist's mit deiner Mamma, mein
Liebling, aus ist's!"
Ach, wenn sie
wenigstens mit Sicherheit
erfahren hätte können, woran ihr
Kind eigentlich gestorben war,
ob an Nahrungsmangel oder an
irgend einer nicht behandelten
Krankheit. Mußte sie sich denn
wirklich damit begnügen, nichts
von ihm zu wissen, gar nichts
mehr? War das denn möglich? Als
wäre ein Hündchen gestorben! Ach
du armes, unschuldiges,
verlassenes Würmlein, ohne
Mamma, ohne Vater, ohne
niemanden, dort gestorben, in
fremden Händen, ach Gott, ach
Gott!
Aber wer
kümmerte sich denn jetzt noch um
ihren Kummer? Die gnädige Frau
war im Gegenteil böse auf sie,
weil ihretwegen ihr Sohn
plötzlich keine Muttermilch mehr
bekommen hatte, schon mit sieben
Monaten. Und sie hatte recht,
natürlich, denn auch sie war ja
eine Mutter und konnte nur an
ihr eigenes Kind denken. Was lag
ihr schon daran, daß jenes
andere gestorben war. Ärger
konnte sie darüber empfinden,
aber keinen Schmerz. "Ja, aber
sie müßte doch auch verstehen",
dachte Annicchia, "daß ihr Sohn
nun auch ein bißchen mir gehört:
denn wenn sie die Qual der
Geburt auf sich genommen hat, so
habe ich meinen Sohn für ihn
geopfert; und nun habe ich
nichts mehr außer ihm."
Obwohl es
Ersilia nicht unangenehm war,
sich die Mühe mit dem Kind zu
ersparen, wollte sie
andererseits doch nicht, daß es
sich noch mehr an diese Person
anschlösse, die es schon als ihr
eigenes betrachtete. Und so
bestärkte sie sich selbst immer
mehr in dem Entschluß, sie
fortzuschicken. Im übrigen,
welche Verpflichtung hatte sie
denn ihr gegenüber, weshalb
sollte sie sie noch länger
behalten? Sie eignete sich nicht
zur Bedienten und auch nicht zur
Kinderfrau. Und außerdem wollte
sie, daß ihr Kleiner ein schönes
Italienisch lernen sollte, aber
mit dieser Person da neben sich,
die bloß ihren Dialekt
beherrschte, war das unmöglich.
Also fort mit ihr, fort! Oder
sollte sie sie vielleicht nur
deshalb behalten, damit sie das
Schauspiel ihrer Schönheit ihrem
Mann besser vor Augen führen
konnte? Nein, fort! Fort! Und
ihr Mann selbst mußte sie
entlassen.
"Ich? Warum denn
ich?" fragte Mori.
"Weil du das
Haupt der Familie bist. Und
außerdem, weil ich nicht weiß,
was sie sich in den Kopf gesetzt
hat wegen des Mitleids, wegen
der Barmherzigkeit, die du ihr
damals gezeigt hast."
"Ich?"
wiederholte Ennio. "Ich habe ihr
gar nichts gezeigt."
"Vielleicht ist
es ihr es damals bloß so
vorgekommen. Für mich kommt das
auf dasselbe heraus. Siehst du
nicht? Sie fühlt sich doch schon
ganz zu Hause. Auf diese Weise
gäbe es hier zwei Mütter und
zwei Hausfrauen. Und das mag dir
gefallen, gut, aber mir gefällt
das ganz und gar nicht!"
Obwohl er wußte,
daß er es damit nur noch
schlimmer machte, versuchte
Ennio es noch einmal mit
vernünftigen Argumenten: "Aber
verzeih: weshalb willst du dich
denn unbedingt darauf
versteifen, dort etwas Böses zu
sehen, wo es gar nichts Böses
gibt, dir selbst schlimme
Trugbilder vorzugaukeln, wo ich
dir mit meinem von Studium und
Arbeit erfüllten Leben nie auch
nur den geringsten Anlaß gegeben
habe, an mir zu zweifeln? Du
hast doch gesehen: um Ruhe zu
haben, damit du zufrieden bist,
habe ich es mir sogar versagt,
mein Kind zu liebkosen.
Mißtraust du nun wirklich diesem
armen Mädchen? Ja, meinst du
denn, sie könnte sich mit dem
Gedanken anfreunden, wieder da
hinunterzufahren, wo sie ihr
Kind nicht wiederfinden wird,
sondern bloß einen groben Kerl,
der ihr den Tod des Kindes
anlastet und vor dem sie Angst
hat? Da sie ihr eigenes Kind
verloren hat, weil sie
hierhergekommen ist, um unser
Kind zu säugen, glaubt sie, sie
habe damit ein Recht erworben,
bei uns im Haus zu bleiben, bei
diesem anderen Kind, dem sie das
ihre geopfert hat. Erscheint dir
das nicht gerecht? Erscheint dir
das nicht vernünftig?"
Unwillkürlich
wiederholte er nun das, was er
wenig zuvor niedergeschrieben
hatte, ehe seine Frau die
Kanzlei betreten hatte. Bei dem
Gedanken an die traurige
Geschichte dieses unten in
Sizilien verstorbenen Kindes war
ihm ein Passus aus Malons Werk
Le socialisme intégral
eingefallen. Und anstatt daraus
Gewissensbisse entstehen zu
lassen, hatte er beschlossen, es
zu einer Rede zu verarbeiten,
die er in ein paar Tagen im
Sozialistischen Club zu halten
hatte.
Wie es zu
erwarten gewesen war, bestritt
Ersilia auf das heftigste seine
humanitären Überlegungen und
verließ die Kanzlei mit dem
festen Entschluß, Annicchia auf
der Stelle zu entlassen.
Entnervt packte Mori die ersten,
bereits fertiggeschriebenen
Blätter seines Redetextes und
warf sie zu Boden. Wenig später
hörte er durch die geschlossene
Türe hindurch das verzweifelte
Weinen der Unglücklichen und die
herzzerreißenden Worte, mit
denen sie die gnädige Frau bat,
sie doch nicht fortzuschicken.
"Behalten Sie
mich doch als Dienerin, ohne mir
irgendetwas dafür zu geben!
Geben Sie mir nur ein Stück
Brot! Den Abfall! Ich schlafe ja
auch auf dem Boden... Aber jagen
Sie mich nicht fort, ich flehe
Sie an! Da unten, da unten kann
ich nicht mehr hin... haben Sie
doch Mitleid mit mir, tun Sie es
doch aus Liebe zu diesem
unschuldigen Kindchen! Wenn Sie
mich fortjagen, gehe ich vor die
Hunde, Signorina! Ich gehe vor
die Hunde, aber da unten gehe
ich nicht mehr hin..."
Das Weinen und
die verzweifelten Bitten
dauerten eine ganze Weile
hindurch an. Dann hörte Mori
nichts mehr; er nahm an, Ersilia
hätte sich rühren lassen und
diesem armen Mädchen doch noch
erlaubt, bei dem Kind zu
bleiben.
Kurz darauf
betrat Signor Felicissimo
Ramicelli die Kanzlei ohne die
gewohnte Würde, mit gerötetem
Gesicht und glänzenden Augen.
Welch ein Sieg!
Welch ein Sieg! Es fehlte nicht
viel, und er, Felicissimo
Ramicelli, hätte sich die Hände
gerieben, dort vor den Augen
des Rechtsanwalts. Die hübsche
kleine sizilianische Amme, die
eben von der gnädigen Frau
davongejagt worden war, würde
noch am selben Abend in seinem
Haus schlafen. Tja, die Ammen -
er wußte das sehr gut - lauter
gestrauchelte Mädchen waren das,
so eine Art... na, so eine Art
Kriegsbeute, jawohl! Die hier
spielte noch die Naive, sie tat
so, als glaube sie, er wolle sie
wirklich nur als Bediente. Hm
ja, als Bediente... warum nicht?
"Signor
Ramicelli!"
"Was befehlen
Sie, Herr Rechtsanwalt?"
"Aufgepaßt, ja?
Deutlich schreiben, und - ich
bitte Sie - ohne Schnörksel nach
oben oder unten!"
Und Mori schob
ihm die bereits fertigen Blätter
seines Redetextes zum Kopieren
hin.
Dann schrieb er
weiter:
"Die Gleichheit
zwischen den Menschen ist nach
den Worten Malons im Sinne des
Sozialismus also als in einem
doppelten Sinne relativ zu
verstehen: 1. daß für alle
Menschen als solche die
notwendigen Existenzbedingungen
gesichert werden müssen; 2. daß
deshalb alle Menschen am
Ausgangspunkt des
Daseinskampfes gleich gestellt
sein müssen, so daß ein jeder
frei seine eigene Persönlichkeit
entsprechend den sozialen
Bedingungen entfalten kann;
währens es gegenwärtig so ist,
daß ein Kind, das gesund
und widerstandsfähig,
jedoch arm geboren wird,
in der Konkurrenz mit einem
schwach, aber reich
geborenen unterliegen muß..."
"Signor
Ramicelli!"
"Herr
Rechtsanwalt!"
"Sind Sie
übergeschnappt? Weshalb lachen
Sie so?"
* * *
*
- Erstveröffentlichung
Juni 1903 in der
Zeitschrift Nuova
Antologia.
Zahlreiche Varianten
bekannt. Das einzig
interessante Detail in
diesen Varianten ist die
Tatsache, daß in einer
früheren Version die
Amme die bei Bauern
aufgewachsene
uneheliche Tochter
eines Arztes aus der
Stadt und somit eine
selbst der Klasse der
"signori" zuzurechnende
Figur ist.
Anfangenseite