|
|
|
|
Der Tod am Leib
*
|
|
(La morte addosso – 1923 ) |
 |
|
|
|
(Aus dem Italienischen von Georg Richert, für die
Novellenfassung überarbeitet von Michael Rössner)
- Hm, was ich sagen wollte... Sie sind offenbar ein
ruhiger Mensch... Haben Sie den Zug verpaßt?
- Um eine Minute, sag ich Ihnen. Ich komme gerade am
Bahnhof an, und da fährt er mir vor der Nase weg.
- Sie hätten doch hinterherlaufen können!
- Ja, das schon. Ich weiß, es ist lächerlich. Mein
Gott, wenn ich bloß nicht diese vielen Pakete,
Päckchen und Schächtelchen gehabt hätte! Beladen wie
ein Lastesel! Aber die Damen... noch ein Auftrag,
noch eine Besorgung... die finden ja kein Ende. Als
ich aus dem Wagen sprang - glauben Sie mir, ganze
drei Minuten habe ich gebraucht, um die Schlingen
all dieser Päckchen an die Finger zu hängen; an
jeden Finger zwei.
- Das muß hübsch gewesen sein! Wissen Sie, was ich
getan hätte? Ich hätte sie im Wagen liegen lassen.
- Und meine Frau? Ich danke. Und meine Töchter? Und
alle ihre Freundinnen?
- Schreien lassen! Ich hätte mich königlich amüsiert
dabei.
- Sie haben wohl keine Ahnung, was in der
Sommerfrische aus Frauen wird!
- Und ob ich das weiß! Gerade weil ich es weiß. Alle
Frauen sagen, sie brauchten überhaupt nichts.
- Wenn es nur das wäre! Die behaupten doch glatt,
sie führen nur aufs Land, um zu sparen. Und dann,
kaum angekommen in irgendeinem Nest hier in der
Gegend... je häßlicher es ist, je armseliger und
schmutziger, desto mehr sind sie versessen darauf,
es mit ihren allerauffälligsten Plundern und
Klunkern zu verschönern! Ja, die Frauen, mein Lieber!
Aber schließlich ist es ja ihr Beruf... "Wenn du mal
kurz in die Stadt fahren könntest, Lieber! Ich
brauche dringend dies und das... und könntest du
dabei nicht auch gleich, natürlich nur, wenn es dir
nichts ausmacht... (herrlich, dieses "wenn es dir
nichts ausmacht"!) und dann, wenn du schon einmal
dort bist, du kommst sowieso da vorbei..." - aber
meine Liebe, wie soll ich denn das alles in drei
Stunden erledigen?" "Ach, red' doch nicht! Wenn du
dir einen Wagen nimmst..." - Zu allem Unglück bin
ich auch noch ohne Hausschlüssel, weil ich ja nur
drei Stunden bleiben wollte.
|
|
|
|
- So ein Pech! Und nun?
- Ich habe diesen Berg von Paketen und Päckchen in
der Gepäckaufbewahrung gelassen im Bahnhof, bin
essen gegangen und dann ins Theater, um den Ärger
auszuschwitzen. Man kam dort fast um vor Hitze. Als
ich wieder auf der Straße stehe, frage ich mich: was
mache ich jetzt? Es ist schon zwölf. Um vier nehme
ich den ersten Zug. Für drei Stunden Schlaf lohnt
sich das Geld für die Übernachtung nicht. Und so bin
ich nun hier. Dieses Café macht doch nicht zu, wie?
- Nein, es macht nicht zu. Und Sie haben also Ihre
Päckchen alle auf dem Bahnhof gelassen?
- Warum fragen Sie das? Sind Sie dort vielleicht
nicht sicher? Sie waren alle gut verschnürt.
- Nein, nein, das meine ich nicht. Gut verschnürt,
das kann ich mir denken, mit all der Kunstfertigkeit,
mit der die jungen Verkäufer beim Einpacken zu Werke
gehen... Was für Hände! Ein schöner, großer Bogen
starkes Papier, rot, glänzend... schon den anzusehen,
ist ein Vergnügen... so glatt, daß man am liebsten
sein Gesicht drauf legen möchte, um die kühle,
zärtliche Berührung zu spüren... Sie breiten ihn auf
dem Tisch aus und legen dann ganz nonchalant den
leichten, gut gefalteten Stoff in die Mitte. Zuerst
heben sie mit dem Handrücken einen Rand von unten in
die Höhe, holen dann von oben den anderen herunter
und falten dabei flink und graziös einen Umschlag,
wie eine Zugabe, l'art pour l'art. Danach legen sie
den Bogen von der einen und dann von der anderen
Seite zum Dreieck und schlagen die beiden Spitzen
unter, greifen mit einer Hand nach der
Bindfadenrolle, ziehen gerade so viel ab, wie sie
brauchen, verschnüren so rasch, daß man nicht einmal
Zeit hat, ihr Können zu bewundern, schon
präsentieren sie das Paket mit der fertigen Schlaufe,
so daß man den Finger hineinstecken kann.
- Man sieht, Sie haben die jungen Verkäufer sehr
aufmerksam beobachtet.
- Ich? Ganze Tage verbringe ich damit, mein lieber
Herr. Ich kann stundenlang stehen und durch die
Scheibe in einen Laden schauen. Ich vergesse mich
völlig. Mir ist, als ob ich selbst... Ich möchte
wirklich dieser Stoff dort sein, diese Seide...
dieses gestreifte Leinen... dieses rote oder
himmelblaue Band, das die Lehrmädchen im
Kurzwarengeschäft, nachdem sie es abgemessen haben
am Metermaß... haben Sie schon einmal gesehen, wie
sie das machen?... wenn sie es sich wie eine Acht
über Daumen und kleinen Finger der linken Hand
wickeln, ehe sie es einpacken. Ich beobachte den
Kunden oder die Kundin, die mit dem Paket am Finger
oder in der Hand oder unterm Arm aus dem Laden
herauskommen... ich folge ihnen mit den Blicken, bis
ich sie aus den Augen verliere... und dabei denke
ich mir... mein Gott, was denke ich mir nicht alles
dabei! Sie können sich das gar nicht vorstellen.
Aber mir hilft das. Es hilft mir.
- Es hilft Ihnen? Verzeihen sie... wobei denn?
- Mich so - ich meine, mit der Einbildungskraft - an
das Leben zu klammern. Wie eine Kletterpflanze an
die Stäbe eines Gitters. Ah, man darf die Phantasie
keinen Augenblick zur Ruhe kommen lassen, man muß
durch sie unaufhörlich mit dem Leben der anderen
verbunden sein... aber nicht mit dem der Leute, die
man kennt. Nein, nein. Das könnte ich nicht. Das
wäre mir unangenehm, wenn sie es wüßten, sogar
ekelhaft. Mit dem Leben der Fremden, an denen sich
meine Phantasie ungehemmt betätigen kann, aber nicht
etwa nur so, aus einer Laune heraus, nein... sie
bezieht die allerkleinsten Dinge mit ein, die ich
bei diesem oder jenem entdeckt habe. Wenn Sie wüßten,
wie sehr und wie sie arbeitet, diese Phantasie! Wie
weit ich mich einzudringen traue! Ich sehe das Haus
von diesem oder jenem: ich lebe dort, ich habe das
Gefühl, wirklich dort zu sein, so sehr, daß ich
sogar spüre... kennen Sie diesen besonderen Geruch,
der in jedem Hause hängt?... in Ihrem genau so wie
in meinem. Aber in unserem eigenen spüren wir ihn
nicht mehr, weil es der Geruch unseres Lebens ist,
verstehen Sie? Ich sehe, daß Sie meiner Meinung sind...
- Ja, weil... ich meine, es muß ein großes Vergnügen
für Sie sein, sich so viel vorzustellen...
- Vergnügen? Für mich?
- Ja... das denke ich mir so...
- Hören Sie... sind Sie je bei einem tüchtigen Arzt
gewesen?
- Ich? Nein. Warum? Ich bin doch nicht krank!
- Nein, keine Angst! Ich frage nur, um zu hören, ob
Sie je im Hause eines solchen Arztes das Zimmer
gesehen haben, in dem die Patienten warten, bis sie
dran sind zur Untersuchung.
- Oh ja. Einmal mußte ich eine von meinen Töchtern
begleiten. Sie hatte was mit den Nerven.
Anfangenseite
|
|
|
|
- Gut. Ich will gar nichts
Näheres wissen. ich meine nur,
dieses Wartezimmer... Haben Sie
darauf geachtet? Ein
altmodisches dunkles Sofa...
Polstersessel, die meist nicht
zueinander passen... Lehnstühle...
lauter Gelegenheitskäufe aus dem
Trödlerladen, hingestellt für
die Patienten, sie gehören gar
nicht zur Wohnung. Der Herr
Doktor hat für sich, für die
Freundinnen seiner Frau einen
ganz anderen Salon, einen
eleganten, schönen. Was meinen
Sie, wie sich so ein Sessel, so
ein Stuhl aus dem Salon, wenn
man ihn ins Wartezimmer brächte,
mit dieser einfachen,
billig-bescheidenen Einrichtung
beißen würde, die für die
Patienten genügt. Ich möchte
wissen, ob Sie sich, als Sie mit
Ihrer Tochter dort waren, den
Sessel oder Stuhl, auf dem Sie
saßen und warteten, genau
angesehen haben.
- Ich? Nein, eigentlich nicht.
- Das glaube ich. Weil Sie nicht
krank waren... Aber häufig
achten nicht einmal die Kranken
darauf, so erfüllt sind sie von
ihren Leiden. Und doch, wie oft
hocken da welche und starren auf
ihren Finger, der vergebliche
Signale auf die blanke Armlehne
des Sessels klopft, auf dem sie
sitzen. Sie denken nach, aber
sie sehen nicht. Und wie
merkwürdig ist es, wenn man nach
der Untersuchung durch das
Wartezimmer geht und den Stuhl
wiedersieht, auf dem man kurz
zuvor gesessen und darauf
gewartet hat, was der Arzt sagen
würde über die Krankheit, die
man noch nicht kennt. Ein
anderer Patient sitzt darauf,
auch er mit einem geheimen
Leiden, oder der Stuhl ist leer
und wartet gleichgültig auf
irgendjemanden, der sich
draufsetzt. Aber wovon sprachen
wir? Ach ja... von dem Vergnügen,
sich etwas vorzustellen. -
Merkwürdig, daß ich sofort an
einen Sessel aus diesen
Wartezimmern gedacht habe, in
denen die Patienten auf die
Untersuchung warten.
- Ja... wirklich...
- Sehen Sie da keinen
Zusammenhang? Ich auch nicht.
Aber es ist so: gewisse
Erinnerungen an Bilder, die
keine Beziehung zueinander haben,
sind für jeden von uns so
persönlich, durch so besondere
Gründe und Erfahrungen bestimmt,
daß der eine den anderen nicht
mehr verstünde, wenn wir im
Gespräch nicht vermeiden würden,
sie zu erwähnen. Es ist oft
nichts unlogischer als diese
Analogien. Aber schauen Sie,
vielleicht kann das ein
Zusammenhang sein: Hätten diese
Stühle Spaß daran, sich
vorzustellen, wer der Patient
ist, der sich auf sie setzt und
auf die Untersuchung wartet?
Welche Krankheit er hat? Wohin
er nach der Untersuchung gehen
und was er tun wird? Gar keinen
Spaß. Und mir geht es genau so.
Gar keinen! Es kommen so viele
Patienten, und sie stehen da,
die armen Stühle, nur um in
Beschlag genommen zu werden. Nun,
mir geht es auch nicht viel
anders. Ich werde auch in
Beschlag genommen, mal von
diesem, mal von jenem. Im
Augenblick sind Sie es, der mich
in Beschlag nimmt, und Sie
können mir glauben, ich habe
nicht den geringsten Spaß an dem
Zug, den Sie verpaßt haben, an
der Familie, die in Ihrem
Urlaubsquartier auf Sie wartet,
und auch nicht an all dem Ärger,
den ich bei Ihnen vermuten kann...
- Und was für welchen, hören Sie!
- Danken Sie Gott, wenn es nur
Ärger ist! Manch einem geht es
schlimmer, lieber Herr. Ich sage
Ihnen, für mich ist es notwendig,
daß ich mich mit meiner
Phantasie an das Leben der
anderen klammere, aber nur so,
ohne Spaß daran, ohne mich
überhaupt dafür zu interessieren,
im Gegenteil... im Gegenteil...
nur um die ganze Plackerei darin
zu erkennen, um zu sehen, wie
dumm und leer es ist, dieses
Leben, so daß es wirklich
niemandem etwas ausmachen sollte,
damit Schluß zu machen. Und das
kann man gut zeigen, wissen Sie?
Durch fortgesetzte Beweise und
Beispiele kann man sich das
selbst vor Augen führen,
unerbittlich. Denn, mein Lieber,
wir wissen nicht, worin sie
besteht, aber sie ist da, sie
ist da, wir alle spüren sie hier,
in der Kehle, fast wie eine
Angst, diese Lust zu leben, die
sich nie zufrieden gibt, die
sich nie zufrieden geben kann,
denn das Leben ist in dem
Moment, in dem wir es leben, so
gierig auf sich selbst, daß man
seinen Geschmack gar nicht
genießen kann. Geschmack hat
bloß die Vergangenheit, die in
uns weiterlebt. Die Lust zu
leben kommt von dorther zu uns,
von den Erinnerungen, an die wir
gefesselt sind. Aber gefesselt
woran? An jene Dummheit, an
diese Scherereien, an so viele
törichte Illusionen, läppische
Beschäftigungen... ja, ja. Das,
was hier jetzt eine Dummheit ist...
das, was uns hier jetzt lästig
ist... ich möchte sogar
behaupten, das, was jetzt für
uns ein Unglück ist, ein
wirkliches Unglück... tja, nach
einem Abstand von vier, fünf,
zehn Jahren... wer weiß, was für
einen Geschmack das dann
bekommen kann... wie diese
Tränen dann schmecken! Und das
Leben, mein Gott, bei dem bloßen
Gedanken es zu verlieren...
besonders, wenn man weiß, daß es
nur eine Frage von Tagen ist...
- Da... sehen Sie dort? Da, an
der Ecke... sehen Sie den
Schatten der Frau?... Sie hat
sich versteckt.
- Wieso? Wer... wer war das?
- Haben Sie sie nicht gesehen?
Sie hat sich versteckt.
- Eine Frau?
- Ja, meine Frau...
- Ach! Ihre Frau?
- Sie überwacht mich von weitem.
Glauben Sie mir, am liebsten
möchte ich sie mit Fußtritten
verjagen. Aber das wäre zwecklos.
Sie ist wie eine dieser
streunenden, störrischen
Hündinnen. Je mehr man sie
wegstößt, umso dichter bleiben
sie einem auf den Fersen. Was
diese Frau durch mich zu leiden
hat, das können Sie sich gar
nicht vorstellen. Sie ißt nicht
mehr, sie schläft nicht mehr,
sie folgt mir Tag und Nacht,
so... immer mit Abstand. Wenn
Sie wenigstens diese alte Dohle,
die sie auf dem Kopf trägt, und
ihre Kleider mal abbürsten würde!
Sie sieht gar nicht mehr aus wie
eine Frau, eher schon wie ein
Scheuerlappen. Auch ihre Haare
an den Schläfen sind für immer
mit grauem Staub bedeckt. Dabei
ist sie gerade erst
vierunddreißig. Sie glauben gar
nicht, wie rasend sie mich macht.
Manchmal stürze ich mich auf sie
und schreie sie an: "Du blödes
Weib!" und schüttele sie dabei.
Sie nimmt alles hin, steht da
und schaut mich an mit einem
Blick, daß es mich in den
Fingern juckt, daß mich eine
wilde Lust überkommt, sie zu
erwürgen. Aber nichts. Sie
wartet, bis ich weitergehe, und
dann läuft sie wieder hinter mit
her. - Da, sehen Sie... sie
schaut schon wieder um die Ecke.
- Die arme Frau...
- Was heißt da arme Frau! Sie
möchte, verstehen Sie, daß ich
ruhig und friedlich zu Hause
hocke und es mir bei ihrer
liebevollen, aufopfernden Pflege
wohl sein lasse. Ich soll mich
über die vollendete Ordnung in
all den Zimmern, über die
Sauberkeit all der Möbel freuen,
über die Ruhe, wie sie in meiner
Wohnung herrschte, die nur durch
das Tick-Tack der Pendeluhr im
Speisezimmer unterbrochen wurde.
Das möchte sie! Und nun frage
ich Sie, um Ihnen die Absurdität
verständlich zu machen - ach,
was heißt Absurdität! - die
makabre Grausamkeit dieser
Zumutung: ich frage Sie, würden
Sie es für möglich halten, daß
die Häuser von Avezzano, die
Häuser von Messina ruhig im
Mondschein auf ihren Straßen und
Plätzen, wo sie nach den Plänen
des Bauamtes hingehörten,
stehengeblieben wären, hätten
sie gewußt, daß in Kürze ein
Erdbeben sie zertrümmern würde?
Häuser aus Balken und Steinen,
bei Gott, die wären
davongelaufen! Stellen Sie sich
nur die Einwohner von Avezzano,
die Bürger von Messina vor, die
sich seelenruhig ausziehen, um
zu Bett zu gehen, die ihre
Kleider zusammenlegen, ihre
Schuhe vor die Tür stellen und
unter die Decke kriechen, sich
über das weiße, frische Laken
freuen, und all das in dem
Bewußtsein, daß sie in wenigen
Stunden tot sein werden. -
Halten Sie das für möglich?
- Aber vielleicht will Ihre
Frau...
- Lassen Sie mich ausreden! Ja,
wenn der Tod wie eines dieser
merkwürdigen, ekelhaften
Insekten wäre, das irgendjemand
unversehens auf unserem Rücken
entdeckt... Sie gehen auf der
Straße... ein Passant hält Sie
plötzlich auf, streckt zwei
Finger aus, vorsichtig, und sagt
zu Ihnen: "Verzeihung, gestatten
Sie? Mein Herr, Sie tragen da
den Tod auf dem Leib!" Und mit
zwei vorgestreckten Fingern
packt er ihn und wirft ihn fort...
das wäre wunderbar! Aber der Tod
ist nicht wie eines dieser
ekelhaften Insekten. Wie viele,
die unbeschwert und ahnungslos
daherspazieren, haben ihn
vielleicht am Leib. Niemand
sieht ihn; und Sie denken
sorglos und friedlich an das,
was Sie morgen oder übermorgen
vorhaben. Nun, ich, mein Lieber,
da... kommen Sie hierher...
hierher, unter diese Laterne...
kommen Sie... ich zeige Ihnen
etwas... Sehen Sie, da unter dem
Bart... hier, sehen Sie diese
schöne violette Knolle? Wissen
Sie, wie sie heißt? Sie hat
einen so süßen Namen... süßer
als eine Karamelle: Epitheliom
heißt sie. Sprechen Sie es nur
nach. Sie werden spüren, wie süß
das klingt: E-pi-the-liom... Der
Tod, verstehen Sie? Er ist
vorübergegangen, hat mir diese
Blume in den Mund gesteckt und
zu mir gesagt: "Behalte sie
einstweilen, mein Lieber, ich
komme in acht oder zehn Monaten
wieder vorbei!" Und nun sagen
Sie mir, ob ich mit dieser Blume
im Mund heiter und friedlich zu
Hause bleiben kann, wie diese
Unglückselige es möchte. Ich
schreie ihr ins Gesicht: "Ach,
du möchtest wohl, daß ich dir
einen Kuß gebe?" "Ja, küsse mich!"
Und wissen Sie, was sie getan
hat? Vorige Woche hat sie sich
mit einer Nadel die Lippe
aufgerissen, und dann hat sie
meinen Kopf gepackt und wollte
mich küssen, auf den Mund küssen...
weil sie sagt, sie wolle mit mir
sterben. Sie ist verrückt... Zu
Hause bleibe ich nicht. Ich, ich
muß vor den Schaufenstern der
Läden stehen und die Tüchtigkeit
der Verkäufer bewundern. Denn,
verstehen Sie, wenn ich auch nur
einen Augenblick in mir die
Leere spürte, dann könnte ich
wie nichts das ganze Leben
umbringen in einem, den ich
nicht kenne... ich könnte den
Revolver ziehen und jemanden
töten wie Sie, der zufällig den
Zug verpaßt hat... Nein, nein,
Sie brauchen keine Angst zu
haben, mein Lieber. Ich scherze
nur! - Ich gehe jetzt. Wenn
überhaupt, würde ich mich
umbringen... Aber in diesen
Tagen, da gibt es gerade sehr
gute Aprikosen... wie essen Sie
die? Mit der ganzen Haut, nicht
wahr? Man spaltet sie mit zwei
Fingern in gleiche Hälften,
drückt sie der Länge nach
auseinander, wie zwei saftige
Lippen... ach, eine Wollust! -
Meine Empfehlungen an die
verehrte Frau Gemahlin und auch
an Ihre Töchter in der
Sommerfrische. Ich stelle Sie
mir in weißen und himmelblauen
Kleidern vor, auf einer grünen,
schattigen Wiese... Und morgen
früh, wenn Sie ankommen, tun Sie
mir einen Gefallen. Ich vermute,
das Dorf liegt etwas abseits vom
Bahnhof. In der Morgenkühle
können Sie den Weg zu Fuß machen.
Das erste Grasbüschel am
Wiesenrand: zählen Sie seine
Halme für mich. So viele Halme
es sind,. so viele Tage habe ich
noch zu leben. Aber suchen Sie
ein recht dickes aus, ja? Gute
Nacht, mein lieber Herr.
* * *
* -
Erstveröffentlichung
August 1918 unter dem
Titel Caffè notturno
- "Nachtcafé" in der
Zeitschrift La
Rassegna italiana.
Die Novelle wurde ohne
größere Veränderungen (der
gesprochene Text ist im
wesentlichen
deckungsgleich) 1923 als
Einakter unter dem Titel
L'uomo dal fiore in
bocca ("Der Mann mit
der Blume im Mund")
uraufgeführt (siehe Bd.
9? unserer Ausgabe).
Keine wesentlichen
Varianten bekannt.
Anfangenseite
|
|
|
|
|
Il contenuto di queste pagine proviene,
oltre che da contributi dei nostri
visitatori, anche da altri siti cui abbiamo
estratto quanto di pertinenza, citandone,
ove a conoscenza, fonte e relativo link. In
caso di segnalazione da parte dei
proprietari di tali siti inerente la loro
contrarietà alla pubblicazione su
PirandelloWeb del loro materiale, le pagine
contestate, verranno immediatamente rimosse. |
|