Luigi Pirandello (1867-1936) - Novellen
DER KATER, EIN DISTELFINK UND DIE
STERNE
(Il gatto, un cardellino e le
stelle – 1925)

aus dem Italienischen von Michael
Rössner
Ein Stein. Noch ein Stein. Der
Mensch geht vorüber und sieht sie nebeneinander
liegen. Aber was weiß dieser Stein schon von dem
Stein neben sich? Und was das Wasser, das im Graben
fließt, vom Graben? Der Mensch sieht das Wasser und
sieht den Graben; er hört das Wasser hindurchfließen
und versteigt sich sogar zu dem Gedanken, das Wasser
könnte im Vorüberfließen dem Graben weiß Gott was
für Geheimnisse mitteilen.
Ach, was für eine Sternennacht über
den Dächern dieses armseligen Dörfchens in den
Bergen! Wenn man den Himmel von diesen Dächern aus
betrachtete, hätte man schwören mögen, die Sterne
sähen in dieser Nacht nichts anderes an, so lebhaft
strahlten sie gerade darüber.
Und die Sterne haben auch keine
Ahnung von der Erde.
Diese Berge? Ja, ist es denn die
Möglichkeit, daß sie nicht wissen, daß sie zu diesem
Dörflein gehören, das seit fast tausend Jahren in
ihrer Mitte liegt? Alle wissen, wie sie heißen,
Monte Corno, Monte Moro; und sie wüßten nicht
einmal, daß sie Berge sind? Und dann wäre also auch
das älteste Haus dieses Dörfleins sich nicht bewußt,
daß es hier aufgerichtet worden ist, daß es diese
Straße hier einrahmt, die die älteste aller Straßen
ist? Ja, kann denn das möglich sein?
Und was wäre dann?
Dann glaubt ruhig, wenn euch das
Spaß macht, daß die Sterne nichts anderes sehen als
die Dächer eures Dörfleins zwischen den Bergen.
Ich habe zwei alte Leutchen
kennengelernt, die einen Distelfink besaßen. Die
Frage, wie die runden, lebhaften Äuglein dieses
Distelfinks ihre Gesichter, den Käfig, das Haus mit
all den alten Möbeln sähen, und was der Kopf dieses
Distelfinks über all die Liebkosungen und
Zärtlichkeiten dachte, mit denen sie ihn
überhäuften, war diesen beiden alten Leutchen mit
Sicherheit noch nie gekommen; so sicher waren sie,
daß der Distelfink, wenn er sich auf der Schulter
des Großväterchens oder des Großmütterchens
niederließ und wenn er an ihrem runzligen Hals oder
am Ohrläppchen knabberte, sehr gut wußte, daß das,
worauf er sich niedergelassen hatte, eine Schulter
war, und daß, woran er knabberte, ein Ohrläppchen
war, und daß Schulter und Ohr ihm und nicht ihr
gehörte. War es denn möglich, daß er sie nicht beide
kannte? Daß er nicht wußte, daß der eine das
Großväterchen und die andere das Großmütterchen war?
Und daß er sich nicht darüber im klaren war, daß sie
ihn beide so sehr liebten, weil er der Distelfink
ihrer verstorbenen Enkelin war, die ihn so gut
abgerichtet hatte, daß er auf die Schulter flog, am
Ohr knabberte und im Haus frei herumflog?
Im Käfig, der zwischen den Vorhängen
am Fensterkreuz hing, hielt er sich nur des Nachts
auf und tagsüber in den kurzen Augenblicken, in
denen er seine Hirsekörner aufpickte und mit vielen
koketten Verbeugungen ein Tröpfchen Wasser trank.
Mit einem Wort, der Käfig war sein Königspalast und
das Haus war sein weites Königreich. Und oft ließ er
auf dem Lampenschirm der Hängelampe im Eßzimmer oder
auf der Rückenlehne des Großvaterstuhls seine
Triller los und auch noch was anderes... naja, er
war eben ein Distelfink!
"Schmutzfink!", zankte ihn das alte
Großmütterchen aus, wenn sie ihn dabei ertappte. Und
sie lief mit dem Lappen herbei, immer bereit zu
putzen, als wäre ein Kind im Haus, von dem man noch
nicht erwarten konnte, daß es genug Verstand besäße,
gewisse Dinge ordentlich und am richtigen Ort zu
erledigen. Und unterdessen erinnerte sie sich an
sie, die alte Großmutter, an die Enkelin erinnerte
sie sich, die ihr genau diese Putzerei, armes
Schätzchen, mehr als ein Jahr hindurch aufgebürdet
hatte, bis sie endlich, als braves Kindchen...
"Erinnerst du dich, hm?"
Und der Alte - was heißt erinnern?
Er sah sie förmlich noch vor sich im Haus
herumlaufen, ganz winzigklein - so! Und er
schüttelte lange Zeit den Kopf.
Sie waren allein zurückgeblieben,
die beiden Alten, mit dem Waisenkind, das da von
Kindesbeiden bei ihnen aufgewachsen war, und das die
Freude ihres Alters hätte werden sollen; aber
stattdessen, mit fünfzehn Jahren.... Nun, aber
lebendig von ihr zurückgeblieben war doch - Triller
und Flügel - die Erinnerung, der Distelfink. Dabei
hatten sie ja zuerst nicht einmal an ihn gedacht! In
der Verzweiflung, in die sie nach dem Unglück
verfallen waren, wie hätten sie da an einen
Distelfink denken können? Aber auf ihre gebugten
Schultern, zuckend unter der Gewalt des Schluchzens,
da hatte er, der Distelfink - ja, er, er - sich ganz
von selbst sanft hingesetzt, hatte das Köpfchen
dahin und dorthin gewendet, den Hals gereckt und
dann einen kleinen Biß mit dem Schnabel liebevoll
hinters Ohr, als wollte er sagen, daß... ja
freilich, er war etwas, das von ihr lebendig
geblieben war; lebendig, immer noch am Leben, etwas,
das ihre Fürsorge brauchte, dieselbe Liebe, die sie
für das Mädchen gehabt hatten.
Wie zitterte doch die klobige Hand
des Alten, als er den Distelfink daraufsetzte, um
ihn schluchzend seiner guten Alten zu zeigen! Was
regnete es da Küsse auf dieses Köpfchen, auf dieses
Schnäbelchen. Aber er wollte sich nicht von dieser
Hand fangen, von ihr einsperren lassen, er schlug
mit den Füßchen um sich, mit dem Köpfchen; er
beantwortete die Küsse der beiden Alten mit
Schnabelhieben.
Das Großmütterchen war ganz, ganz
sicher, daß der Distelfink mit diesen Zwitschertönen
noch immer sein kleines Frauchen rufen wollte, und
daß er, wenn er hin und her durch die Zimmer
flatterte, nach ihr suchte, ohne Ruhe und Rast nach
ihr suchte, sich einfach nicht damit abfinden
konnte, daß er sie nicht mehr fand; und daß das
alles Reden war, die er an sie hielt, diese
langgezogenen Triller; Fragen, ja, richtige Fragen,
wie man sie mir Worten nicht deutlicher hätte
stellen können. Dreimal, viermal hintereinander
wiederholte er diese Fragen, die nach einer Antwort
verlangten und den Ärger darüber verrieten, daß er
keine bekam.
Anfangenseite
Aber wie denn, wenn es
doch andererseits ebenso ganz, ganz
sicher war, daß der Distelfink über den
Tod Bescheid wußte? Wenn er es wußte,
wen rief er dann? Von wem erwartete er
eine Antwort auf seine Fragen, wie man
sie mir Worten nicht deutlicher hätte
stellen können?
Nun, mein Gott, er war
eben doch ein Distelfink! Bald rief er
nach ihr, bald beweinte er sie. Konnte
man den ernsthaft daran zweifeln, daß er
- in diesem Augenblick zum Beispiel,
wenn er da ganz zusammengekauert auf dem
Stab seines Käfigs saß, das Köpfchen
eingezogen, das Schnäbelchen in die Höhe
gereckt und mit halbgeschlossenen Augen
- daß er da an das tote Mädchen dachte?
So gewisse kurze, unterdrückte Piepstöne
stieß er in solchen Augenblicken aus,
und die waren doch der schlagendste
Beweis dafür, daß er an sie dachte, sie
beweinte und sich beklagte. Es zerriß
einem förmlich das Herz, wenn man diese
Piepstöne hörte.
Nein, der alte Großvater
sagte ja gar nichts dagegen. Er war sich
der Sache ja genauso sicher wie seine
gute Alte! Und dennoch stieg er ganz
sachte auf den Stuhl, als wollte er
tatsächlich diesem armen gequälten
Seelchen ein paar Trostworte zuflüstern,
und dabei - fast, als wollte er selbst
nicht dabei zusehen, was er tat - dabei
öffnete er das Käfigtürchen, das
zugefallen war.
"Da fliegt er davon! Na,
da fliegt er, der Lausebengel!", rief
der Alte, während er sich auf dem Stuhl
umdrehte, mit lachenden Augen, die
beiden Handflächen vorstreckend, als
wollte er ihn aufhalten.
Und dann stritten
Großpapa und Großmama. Sie stritten,
weil sie es ihm schon hundertmal gesagt
hatte, er solle ihn in Ruhe lassen, wenn
er so im Käfig hockte, er solle ihn
nicht in seinem Kummer aufscheuchen. Na,
hörte er das jetzt?
"Er singt", sagte der
Alte.
"Was heißt, er singt!",
keifte sie zurück und zuckte die
Achseln. "Der erzählt dir was Schönes!
Der hat einen Affenzorn auf dich!"
Und sie lief hin, um ihn
zu beruhigen. Aber wie wollte man ihn
denn beruhigen? Er sprang hierhin und
dorthin, richtig gekränkt war er. Und
ganz zu Recht, denn er mußte ja den
Eindruck haben, daß man in diesen
Augenblicken keine Achtung vor ihm
hatte.
Das Schöne war nur, daß
der Großvater sich nicht nur all die
Beschimpfungen der Großmutter geduldig
anhörte, ohne ihr zu sagen, daß das
Käfigtürchen zugefallen war, und daß der
Distelfink vielleicht deshalb so klagend
gepiepst hatte, nein, er weinte, als er
seine gute Alte so reden hörte, während
sie dem Distelfink nachlief und gestand
es selbst ein, während er unter Tränen
den Kopf schüttelte:
"Der Ärmste, er hat ganz
recht... der Ärmste, er hat ganz
recht... er meint, wir hätten keine
Achtung vor ihm!"
Denn der Großvater wußte
sehr gut, was es heißt, wenn man spürt,
daß die anderen keine Achtung vor einem
haben. Vor ihnen beiden, den armen
Alten, hatte auch niemand mehr Achtung,
sie waren das Gespött des Dorfes, weil
sie nur noch für diesen Distelfink
lebten, und weil sie sich selbst dazu
verdammten, ständig bei geschlossenem
Fenster lebten; ja, auch er, der alte
Großvater, hatte sich dazu verdammt, die
Nase nicht mehr vor die Türe zu stecken,
denn er war zwar alt und heulte zu Hause
wie ein kleines Kind, aber, he! - also
auf der Nase herumtanzen hatte er sich
noch von keinem lassen, und hätte einer
auf der Straße auf die dumme Idee
gekommen, sich über ihn lustig zu
machen, dann hätte er sein Leben (was
für einen Wert hatte das Leben denn noch
für ihn?) wie nichts, jawohl, wie nichts
aufs Spiel gesetzt. Jawohl, meine
Herrschaften, für diesen Distelfink da,
wenn jemand auf die dumme Idee gekommen
wäre, ein falsches Wort zu sagen.
Dreimal, in seiner Jugend, da stand es
auf des Messers Schneide... da ging's um
Kopf und Kragen oder wenigstens um die
Freiheit! Ach, ihm lag nicht viel daran,
die Augen auf immer zu schließen!
Jedes Mal, wenn diese
gewalttätigen Gedanken sein Blut in
Wallung brachten, stand der alte
Großvater auf, oft mit dem Distelfink
auf der Schulter, ging zum Fenster und
sah mit grimmigem Blicken durch die
Glasscheibe auf die Fenster der Häuser
gegenüber.
Daß das dort Häuser
waren, dort gegenüber, daß das Fenster
waren, mit Rahmen und Scheiben, mit
Brüstungen, Blumentöpfen und allem, was
dazugehört; daß das Dächer waren, mit
Rauchfängen, Ziegeln, Dachrinnen, daran
konnte der alte Großvater nicht zweifeln
- er wußte ja noch dazu, wem sie
gehörten, wer dort drinnen war, und wie
man dort wohnte. Das Schlimme war nur,
daß ihm nicht im geringsten die Frage in
den Sinn kam, was dagegen für den
Distelfink, der auf seiner Schulter
hockte, dieses sein eigenes Haus und die
anderen Häuser gegenüber waren; und auch
nicht, was sie für diesen prächtigen
weißen Kater bedeuteten, der auf dem
Fensterbrett des Fensters gegenüber
hockte und sich mit geschlossenen Augen
die Sonne auf den Pelz scheinen ließ.
Fenster? Glasscheiben? Dächer? Ziegel?
Mein Haus? Dein Haus? Für diesen
riesigen weißen Kater: Mein Haus? Dein
Haus? Aber wenn er nur hineingelangen
konnte, waren doch alle Häuser sein!
Häuser? Was heißt denn Häuser! Orte, wo
man etwas mitgehen lassen konnte; Orte,
wo man mehr oder weniger bequem schlafen
konnte; oder auch, wo man sich schlafend
stellen konnte.
Glaubten denn die beiden
alten Großeltern tatsächlich, wenn sie
immer Fenster und Türe des Hauses
geschlossen hielten, könnte ein Kater,
wenn ihm wirklich daran läge, nicht
einen anderen Weg finden, ins Haus zu
gelangen und diesen Distelfink zu
verspeisen?
Und war es nicht
wirklich ein bißchen zu viel verlangt,
daß der Kater wissen sollte, daß dieser
Distelfink für die beiden alten
Großeltern alles war, was sie im Leben
noch hatten, weil er ihrer verstorbenen
Enkelin gehört hatte, die ihn so gut
abgerichtet hatte, daß er im Haus frei
herumfliegen konnte, außerhalb des
Käfigs? Und daß er wissen sollte, daß
der alte Großvater, als er ihn einmal
hinter einem der Fenster auf der Lauer
liegen und durch das Glas den sorglosen
Flug des Distelfinks durch die Zimmer
beobachten gesehen hatte, wütend zu
seinem Besitzer gelaufen war, um ihn zu
warnen, wehe, wehe, wenn er noch einmal
dieses Katzenvieh dort erwischen würde?
Dort? Wann? Wie? Das Frauchen... die
Großeltern... das Fenster... der
Distelfink?
Und so verspeiste er ihn
eines Tages - aber freilich, diesen
Distelfink, der seinetwegen auch ruhig
ein anderer Vogel hätte sein können, er
verspeiste ihn, nachdem er, Gott weiß
wie, sich in das Haus der beiden Alten
geschlichen hatte. Die Großmutter - es
war schon fast Abend - vernahm von
drüben gerade so etwas wie ein leises
Klagen, einen unterdrückten Piepser; der
Großvater eilte herbei, sah gerade noch
etwas Weißes durch die Küche
davonhuschen und ein paar kleine
Brustfedern, die allerzartesten, auf dem
Boden verstreut, wo sie sich in dem
Lufthauch seines Eintretens auf dem
Marmorboden ganz sachte bewegten. Welch
ein Schrei! Seine gute Alte versuchte
ihn vergeblich zurückzuhalten, der
Großvater packte sein Gewehr und lief
wie ein Verrückter zum Haus der
Nachbarin. Nein, nicht die Nachbarin,
den Kater, freilich, den Kater wollte er
erschießen, der Alte, dort, vor ihren
Augen. Und so schoß er in das Eßzimmer
hinein, als er ihn dort seelenruhig auf
der Kredenz sitzen sah, schoß einmal,
zweimal, dreimal, bis das Geschirr in
Brüche ging und der Sohn der Nachbarin,
seinerseits mit einem Gewehr bewaffnet,
hinzustürzte und auf den Alten anhielt.
Eine Tragödie. Unter
Schreien und Weinen trug man den
Großvater sterbend, mit einer Schußwunde
in der Brust in sein Haus zurück, zu
seiner guten Alten.
Der Sohn der Nachbarin
war in den Wald geflohen. Zwei Familien
waren ruiniert; das ganze Dorf war eine
Nacht lang in hellem Aufruhr.
Und der Kater konnte
sich einen Augenblick später schon gar
nicht mehr daran erinnern, daß er einen
Distelfink gefressen hatte - einen
beliebigen Distelfink; und er hatte
nicht einmal begriffen, daß der Alte auf
ihn geschossen hatte. Er hatte einen
riesigen Luftsprung gemacht, als es
krachte, war davongelaufen, und nun - da
war er wieder - nun lag er ganz
friedlich, so sehr weiß auf dem
schwarzen Dach, und betrachtete die
Sterne, die aus der tiefschwarzen
Neumondnacht herausguckten und dabei -
da kann man ganz sicher sein - nicht im
geringsten von den armseligen Dächern
dieses kleinen Dorfes zwischen den
Bergen Notiz nahmen. Und doch leuchteten
sie so hell gerade darüber, daß man
hätte schwören mögen, sie sähen in
dieser Nacht nichts anderes an.
* * *
Erstveröffentlichung in
der Zeitschrift "Penombra" 1917; keine
wesentlichen Varianten bekannt.
©
Michael Rössner.
Anfangenseite
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