Luigi Pirandello (1867-1936) - Novellen
DER GROSSE VERBLICHENE
*
(L'
illustre estinto – 1928)

aus dem Italienischen von Michael
Rössner
I.
Im Bett aufgesetzt, damit das Asthma
ihn nicht ersticke, kraftlos hingesunken auf die
aufgetürmten Kissen blickte der Herr Abgeordnete
Costanzo Ramberti durch die halbgeschlossenen,
angeschwollenen Lider auf den Sonnenstrahl, der zum
Fenster hereindrang, sich auf seinen Beinen
ausbreitete und dort den Flaum eines grauen
Wollschals mit schwarzen Karos vergoldete.
Er fühlte sich sterben; er wußte,
daß es für ihn keine Rettung mehr gab, er hatte sich
bereits ganz in sich zurückgezogen, verbot sich
selbst, den Blick weiter als bis zu den Enden des
Bettes durch das Zimmer schweifen zu lassen; nicht
einmal so sehr deshalb, weil er sich ganz auf den
Gedanken des unmittelbar bevorstehenden Endes
konzentrieren wollte, als vielmehr aus Furcht, wenn
er den Blick auch nur ein bißchen weiter schweifen
ließe, könnte ihn der Anblick der Gegenstände
ringsumher ihn mit einem gewissen Bedauern zu den
Beziehungen zurückrufen, die ihn noch mit dem Leben
verbinden mochten, und die der Tod binnen kurzer
Zeit endgültig abschneiden würde.
Solcherart in sich versammelt, klein
geworden in diesen übermäßig engen Grenzen, fühlte
er sich sicherer, geschützter, beinahe geborgen. Und
wenn er so seine ganze Konzentration auf die
Betrachtung der nichtigsten Dinge aufwendete, der
feinen, zu Löckchen gekrümmten und von der Sonne
vergoldeten Wollfäden dieses Schals, dann genoß er
solcherart die Länge der Zeit, all seiner Zeit, die
nur noch Stunden betragen mochte, oder auch noch
einen oder den anderen Tag; zwei oder drei;
vielleicht auch - allerhöchstens - noch eine Woche.
Aber wenn eine Minute unter diesen Winzigkeiten so
langsam verstrich, hm, dann hätte er ja noch Zeit,
des ganzen müde zu werden - jawohl, geradezu müde zu
werden - wenn es eine Woche dauerte. Auf diese Weise
ging eine Woche ja nie zu Ende!
Die Müdigkeit jedoch, die er bereits
zu spüren begann, die hatte nichts mit diesem Dehnen
der Zeit zwischen den Härchen seines Schals bis hin
zur Ewigkeit zu tun: sie war das Resultat seiner
Anstrengungen, sich am Denken zu hindern.
Ja, woran wollte er denn noch
denken? An seinen Tod? Eher schon... ja, das war's:
Er hätte sich all das ausmalen können, was danach
passieren würde. Ja, auch das wäre ein Weg gewesen,
zu verhindern, daß - wenigstens für seine verwirrten
Gedanken, denen die Tröstung der Religion ermangelte
- das Leben mit einem Mal - und binnen kurzer Frist
- sich wie in Nichts auflöste; eine Methode, noch
ein wenig hierzubleiben, für kurze Zeit, vor den
Augen der anderen wenigstens, wenn schon nicht vor
den eigenen.
Und der Abgeordnete Costanzo
Ramberti war mutig genug, sich selbst tot vor sich
zu sehen, so wie die anderen ihn sehen würden; so
wie er so viele andere gesehen hatte: tot und steif,
hier auf diesem Bett; die Füße zusammengekrampft, in
den zu engen Lackschuhen; wachsbleich im Gesicht und
eiskalt, die Hände fast zu Stein geworden; würdevoll
und... aber ja, auch elegant, in seinem schwarzen
Anzug, unter den vielen Blumen, die rund um seinen
Körper und auf dem Kissen aufgelegt waren.
Der Frack mußte dort im Koffer
liegen, zusammen mit der neuen Uniform, dem Degen
und dem Minister-Zweispitz.
Einstweilen zog er die Füße an und
betrachtete sie, um einmal die Probe zu machen. Er
fühlte etwas wie ein Kitzeln am Bauch; er hob eine
Hand und strich sich die Haare auf dem Kopf glatt,
dann zupfte er an seinem rötlichen, über dem Kinn
geteilten Bart. Er dachte, wenn er einmal tot wäre,
würde ihm sein Privatsekretär diesen Bart kämmen und
die wenigen Haare auf dem Kopf frisieren, der
Cavaliere Spigula-Nonnis, der ihn seit so vielen
Tagen und Nächten betreute, der arme Kerl, mit
ergebener Zuneigung, ohne ihn auch nur einen
Augenblick allein zu lassen, ganz verzweifelt, am
Fußende des Bettes stehend, weil er ihm in keiner
Weise seine Leiden erleichtern konnte.
Aber er half ihm doch auch, der
Cavaliere Spigula-Nonnis, ohne es zu wissen: er half
ihm, in Würde zu sterben, wie ein Philosoph. Wäre er
allein gewesen, hätte er vielleicht begonnen zu
toben, zu weinen, in verzweifelter Wut zu schreien;
mit dem Cavaliere Spigula-Nonnis am Fußende seines
Bettes, der ihn "Exzellenz" titulierte, ließ er sich
keinen lauten Atemzug entschlüpfen: er starrte
aufmerksam, beinahe verwundert, vor sich hin, ein
leises Lächeln auf den Lippen.
Ja, die Gegenwart dieses armseligen,
spindeldürren, kurzsichtigen Menschen hielt ihn
noch an einem nun schon sehr dünn gewordenen Faden
auf der Bühne, in seiner Rolle, bis zum letzten
Atemzug. Innerlich verzweifelte er vor Angst und
Schreck angesichts dieses gar so dünnen Fadens, denn
er konnte gar nicht anders als die Nichtigkeit und
Vergeblichkeit dieser Anstrengung zu empfinden, mit
der sich seine ganze Seele daran klammerte, in
alledem sehr ähnlich der Verzweiflung, die er so oft
mit grausamer Neugier bei irgendeinem Tierchen im
Todeskampf beobachtet hatte, bei einem ins Wasser
gefallenen Insekt etwa, das sich an ein schwimmendes
Flöckchen oder Härchen zu klammern versuchte.
All diese Dinge, mit denen er die
Leere ausgefüllt hatte, in der ihm nun das Leben vor
den Augen schwirrte, waren in der Person des
Cavaliere Spigula-Nonnis verkörpert: seine
Autorität, sein Ansehen, eitle Dinge, die er zu
verlieren begann, die keinen Wert mehr besaßen, die
aber aus der Leere, die ihn binnen kurzem
verschlucken würde, hervorstachen wie Traumlarven,
Winzigkeiten des Lebens, die noch für kurze Zeit
nach seinem Tod, das konnte er voraussehen, um ihn
herumtanzen würden, um sein Bett, um seine Bahre.
Dieser Cavaliere Spigula-Nonnis
würde ihn also waschen, ankleiden und kämmen,
liebevoll, aber doch mit einem gewissen Anflug von
Ekel. Ekel empfand übrigens auch er bei dem
Gedanken, daß sein Fleisch, sein nackter Körper von
den großen, knochigen Händen dieses Mannes berührt
und von ihm angeschaut werden sollte. Aber andere
Menschen hatte er nicht: keinen einzigen Verwandten,
weder nah noch entfernt. Er starb allein, wie er
stets gelebt hatte; allein, in dieser hübschen Villa
in Castel Gandolfo, die er in der Hoffnung gemietet
hatte, nach zwei bis drei Monaten der Erholung würde
er wieder ganz zu Kräften kommen. Er war doch kaum
fünfundvierzig Jahre alt!
Aber er hatte sich eben selbst
umgebracht, wie ein Vieh, mit eigenen Händen; er
selbst hatte sich den Lebensfaden durchgeschnitten,
vor lauter Arbeitswut und starrsinnigem, erbittertem
Kampf. Und als es ihm endlich gelungen war, den Sieg
zu fassen zu kriegen, da trug er den Tod schon im
Leibe, den Tod, der sich schon seit einer ganzen
Weile in seinen Körper eingeschlichen hatte. Als er
zum König gegangen war, um den Eid zu leisten; als
er, nach außen hin in gefaßter Betroffenheit,
innerlich aber jauchzend, die Glückwünsche seiner
Kollegen und der Freunde entgegengenommen hatte,
trug er den Tod im Leib und wußte es nicht. Vor zwei
Monaten, eines Abends, hatte dieser unversehens
einmal nach seinem Herzen gegriffen und zugedrückt,
ihn röchelnd mit dem Kopf auf seinem
Ministerschreibtisch im Ministerium für öffentliche
Arbeiten zurücklassend.
Alle Zeitungen der Opposition, die
sich so böse über seine Ernennung ausgelassen hatten
und sie als unverschämte Günstlingswirtschaft des
Ministerpräsidenten abgetan hatten, würden nun bei
dem Bericht über seinen viel zu frühen Tod
vielleicht seine Verdienste berücksichtigen, seine
langen und geduldig vorangetriebenen Studien, seine
ständige, einzige, alles andere absorbierende
Leidenschaft für das Gemeinwesen, die Begeisterung,
die er stets bei der Erfüllung seiner Pflichten als
Abgeordneter und später für kurze Zeit als Minister
an den Tag gelegt hatte. Tja! Derartige Trostworte
kann man ruhig einem spenden, der uns verlassen hat,
und das umso mehr, als die Freundschaft, die
berühmte Protektion des Ministerpräsidenten nicht so
weit gegangen waren, daß er ihm auch noch die Gunst
gewährt hätte, wenigstens als Minister zu sterben.
Sofort nach diesem Schlaganfall hatte man ihm in
schön verklausulierter Form zu verstehen gegeben,
daß es wohl angebracht wäre - nun, natürlich nur aus
Rücksicht auf seine Gesundheit, nichts weiter - von
seinem Amt zurückzutreten.
So würde also nicht einmal für die
der Regierung nahestehenden Blätter sein Tod eine
"regelrechte Staatstrauer" bedeuten. Aber jedenfalls
würde er für alle ein "großer Verblichener" sein,
das wohl, ohne jeden Zweifel. Und alle würden sein
"viel zu frühes Heimgehen" bedauern, durch das er
"aus der vollen Blüte eines Lebens gerissen wurde,
in dem er dem Vaterland sicher noch viele große und
wertvolle Dienste hätte leisten können", usw. usf.
Vielleicht würden, angesichts der
örtlichen Nähe und der kurzen Zeit, die seit seinem
Ausscheiden aus dem Ministeramt verstrichen war,
Seine Exzellenz der Ministerpräsident und seine
ehemaligen Ministerkollegen sowie die
Staatssekretäre und viele befreundete Abgeordnete
aus Rom kommen und ihn tot da liegen sehen, in
diesem Zimmer, das der Bürgermeister des Ortes, um
sich Anerkennung zu sichern, gemeinsam mit dem
Cavaliere Spigula-Nonnis in eine Aufbahrungshalle
verwandeln würde, mit Lorbeerbaumkistchen und
anderen Pflanzen, Blumen und Kerzenleuchtern. Alle
würden mit entblößtem Haupt eintreten, an der Spitze
der Ministerpräsident: sie würden ihn eine Zeitlang
betrachten, stumm, beklommen, bleich, mit dieser vom
instinktiven Schauer gebremsten Neugier, die er
selbst so oft vor so vielen anderen Toten empfunden
hatte. Ein feierlicher und berührender Augenblick.
"Armer Ramberti!"
Und dann würden sich alle nach
drüben zurückziehen, um zu warten, bis man ihn in
dem bereitstehenden Sarg eingeschlossen hätte.
Valdana, seine Geburtsstadt,
Valdana, das ihn seit fünfzehn Jahren immer wieder
zum Abgeordneten des Wahlkreises bestimmte, Valdana,
die Stadt, für die er so viel getan hatte, würde
sicherlich seine sterblichen Überreste für sich
beanspruchen. Und der Bürgermeister von Valdana
würde sich mit zwei oder drei Stadträten einfinden,
um dem Leichnam das Geleit zu geben.
Die Seele... tja, die Seele wäre da
wohl schon eine geraume Zeit fort, und wer weiß wo
angekommen...
Der Abgeordnete Costanzo Ramberti
kniff die Augen zusammen. Er versuchte sich an eine
alte Definition der Seele zu erinnern, die ihm sehr
gefallen hatte, als er noch Student der Philosophie
an der Universität war: "Die Seele ist jene Essenz,
die in uns Bewußtsein von sich selbst und der außer
uns befindlichen Dinge gewinnt". Jawohl. So war
es... Es war die Definition eines deutschen
Philosophen.
"Was für eine Essenz?", dachte er
nun. "Was soll das heißen? Dieses gewisse Ding, "das
ist", unleugbar ist, und um dessentwillen ich,
solange ich am Leben bin, mich von meinem Ich nach
dem Tod unterscheide. Das ist klar! Aber ist diese
Essenz in mir für sich selbst da oder nur insoferne
es mich gibt? Zwei ganz verschiedene Fälle. Ist sie
für sich da, und wird sie nur in mir ihrer selbst
bewußt, wird sie dann außerhalb meines Ich kein
Bewußtsein mehr haben? Und was wird sie dann also
sein? Etwas, was ich nicht bin, was sie selbst nicht
ist, solange sie in mir steckt. Einmal
hinausgetreten, wird sie sein, was sie sein wird...
wenn sie noch sein wird! Denn es gibt ja noch die
andere Möglichkeit: nämlich, daß sie nur ist,
insoferne auch ich bin; so daß also, wenn ich einmal
nicht mehr da bin..."
"Cavaliere, einen Schluck Wasser,
bitte..."
Der Cavaliere Spigula-Nonnis sprang
in die Höhe und richtete sich zu seiner ganzen Länge
auf. Er schüttelte die Müdigkeit aus den Gliedern,
reichte ihm das Glas Wasser und fragte besorgt:
"Exzellenz, wie fühlen Sie sich?"
Der Abgeordnete Costanzo Ramberti
trank zwei Schluck: dann reichte er ihm das Glas
zurück, lächelte seinen Sekretär blaß an, schloß
wieder die Augen und seufzte: "Soso..."
Wo war er stehen geblieben? Er mußte
also nach Valdana fahren. Die Leiche... Ja, es war
besser, sich nur an die Leiche zu halten. Nun gut:
sie packten sie am Kopf und an den Füßen an. In dem
Sarg war bereits ein mit Sublimatwasser getränktes
Leintuch aufgelegt, in das würden sie die Leiche
einhüllen. Und dann der Spengler... Wie hieß bloß
dieses lärmende Gerät mit der bläulichen Feuerzunge?
Da war die Zinkplatte, die auf den Sarg geschweißt
werden mußte; da der Deckel, den es anzuschrauben
galt...
An diesem Punkt sah der Abgeordnete
Costanzo Ramberti sich selbst im Sarg nicht mehr. Er
blieb draußen und sah den Sarg, so wie andere ihn
sehen würden: ein schöner Sarg aus Kastanienholz, in
der geschwungenen Form einer Urne, glattpoliert, mit
vergoldeten Beschlägen. Das Begräbnis und der
Transport würden sicherlich auf Staatskosten gehen.
Und da, nun wurde der Sarg auch
schon hochgehoben: er durchquerte die Zimmer, glitt
die Treppen der Villa hinunter, bewegte sich durch
den Garten, gefolgt von allen Kollegen, wiederum mit
entblößtem Kopf und mit dem Ministerpräsidenten an
der Spitze; er wurde in den Wagen der
Gemeindeverwaltung geschoben, inmitten der
ängstlichen und ehrfürchtigen Neugier der gesamten
Bevölkerung, die zu diesem seltenen Schauspiel
zusammengeströmt war.
Und auch hier ließ der Abgeordnete
Ramberti den Sarg in den Wagen schieben und blieb
draußen, um dem Wagen zuzusehen, der sich in der
Begleitung so vieler Leuten langsam und feierlich
vom Ort zur Eisenbahnstation hinunterbewegte. Ein
Waggon wartete schon, einer von denen mit der
Aufschrift Pferde 8, Menschen 40, mit dem
Aufbau aus vernagelten Brettern, in dem sollte der
Sarg eingeschlossen werden. Der Abgeordnete Costanzo
Ramberti sah, wie sein Sarg aus dem Wagen geholt
wurde und folgte ihm auf den schmucklosen, staubigen
Waggon, der sicherlich in Rom noch herausgeputzt und
mit allen Kränzen geschmückt werden würde, die der
König und die Regierung, die Gemeinde Valdana und
alle Freunde schicken würden. Abfahrt!
Und der Abgeordnete Costanzo
Ramberti folgte dem Zug, dessen letzter Waggon
seinen Sarg transportierte, über eine sehr, sehr
weite Strecke, bis zur Station Valdana; auch hier
war der Bahnhof mit Schaulustigen überfüllt. Da
waren sie ja, einer nach dem anderen, seine
treuesten und engsten Freunde, die Provinzräte und
Stadträte, einige ein wenig plump wirkend in dem
ungewohnten schwarzen Anzug oder mit dem Zylinder
auf dem Kopf. Ach, da war ja Robertelli!... ja,
natürlich!... der gute Robertelli... er weinte, er
drängte sich durch die Leute hindurch...
"Wo ist er? Wo ist er?"
Na, wo mochte er wohl sein? Da
drinnen, im Sarg, lieber Robertelli. Na, na, immer
nur einer auf einmal...
Aber der Abgeordnete Costanzo
Ramberti sah diese Szene, als läge tatsächlich nicht
er in diesem Sarg, der doch ziemlich schwer war,
jawohl, er war schwer, und das zeigten die
Magistratsbeamten deutlich, die da in Livree und
weißen Handschuhen alle Mühe hatten, ihn auf die
Schultern zu heben.
Er sah... ach, da war ja Tonni, der
immer, der Ärmste, nur für eine abgezählte Frist
Ausgang hatte, weil ihm seine wütend eifersüchtige
Frau die Minuten vorrechnete - da stand er unruhig,
ächzte, holte jeden Augenblick die Uhr aus der
Tasche, verwünschte die einstündige Verspätung, mit
der der Zug eingetroffen war, und die ihm die Frau
sicherlich nicht glauben würde. Na, laß es gut sein,
lieber Tonni, laß es gut sein. Deine Frau wird dir
eine Szene machen; aber nachher wirst du dich wieder
versöhnen. Du bleibst ja am Leben. Ins Jenseits
dagegen geht man nicht zweimal. Hättest du lieber
für deinen Freund, der dir doch so viel Gutes getan
hat, ein Begräbnis in aller Stille? Laß es ruhig mit
Pomp und Feierlichkeit sein... Siehst du? Da ist
auch der Herr Präfekt... Platz da, Platz da! Oh,
sogar der Oberst ist gekommen... Ja natürlich! Er
hatte ja auch Anrecht auf eine militärische
Begleitung. Und auch die ganzen Schulen waren
vertreten, mit den Fahnen all der verschiedenen
Institute; und wie viele Fahnen noch von allen
möglichen Vereinen! Ja, denn wenngleich er sich
tatsächlich ganz und gar den höchsten Problemen der
Staatspolitik, den brennendsten sozioökonomischen
Problemen verschrieben hatte, so hatte er doch nie
die besonderen Sorgen seines Wahlkreises vergessen,
der ihm für die vielen erwiesenen Wohltaten viel
Dankbarkeit schuldete. Und vielleicht würde Valdana
ihm diesen Dank mit einer marmornen Erinnerung am
Rathaus abstatten, oder indem man eine Straße oder
einen Platz nach ihm benannte; und einstweilen eben
mit diesem festlichen Leichenzug... in Gedanken sah
er die Hauptstraße der überall auf Halbmast
beflaggten Stadt vor sich:
VIA COSTANZO RAMBERTI.
Und die Fenster, schwarz von all den
Menschen, die auf den von acht prächtig aufgeputzten
Pferden gezogenen, mit Kränzen bedeckten Wagen
warteten. Und viele wiesen unterwegs mit dem Finger
auf den Kranz des Königs, der der schönste von allen
war. Der Friedhof lag dort unten, hinter dem Hügel,
düster und einsam. Die Pferde gingen in langsamem
Schritt, als wollten sie ihm Zeit geben, diese
letzten Ehren zu genießen, die man ihm erwies und
die sein Leben noch um ein kleines Stückchen über
das Ende hinaus verlängerten...
Anfangenseite
II.
All das malte sich der
Abgeordnete Costanzo Ramberti am
Vorabend seines Todes aus. Ein wenig
durch seine eigene Schuld, ein wenig
durch die Schuld anderer entsprach dann
die Wirklichkeit nicht im geringsten
seiner Vorstellung.
Er starb bereits in der
Nacht, man weiß nicht, ob es im Schlaf
geschah; sicher ist nur, daß es geschah,
ohne daß er damit den Cavaliere
Spigula-Nonnis störte, der, von
Müdigkeit überwältigt, auf dem Lehnstuhl
am Fußende des Bettes in einen tiefen
Schlummer gefallen war. Da wäre weiter
nichts dabei gewesen, hätte sich der
Cavaliere Spigula-Nonnis, als er gegen
vier Uhr morgens plötzlich aus dem
Schlaf aufschreckte und ihn bereits kalt
und steif vorfand, nicht so
außergewöhnlich erschüttern lassen, erst
von einem seltsamen Brummen im Zimmer,
dann von dem Vollmond, der in seinem
allmählichen Untergehen förmlich am
Himmel stehenzubleiben schien, um diesen
Toten da auf dem Bett zu betrachten,
durch die Fensterscheiben, vor denen aus
Nachlässigkeit die Läden offengeblieben
waren. Das Brummen stammte von einer
dicken Fliege, die er mit seinem
plötzlichen Auffahren aus dem Schlaf
geweckt hatte.
Als beim Morgengrauen
Bürgermeister Agostino Migneco
herbeilief, den der Diener in höchster
Eile geweckt hatte, stammelte der
Cavaliere Spigula-Nonnis: "Da war der
Mond... da war der Mond..."
Etwas anderes brachte er
nicht heraus.
"Der Mond? Was für ein
Mond?"
"Ein Mond war das... ein
Mond!"
"Na schön, der Mond war
da... aber mein Bester, nun heißt es
sofort ein Blitztelegramm an seine
Exzellenz den Parlamentspräsidenten
schicken; ein zweites an seine Exzellenz
den Ministerpräsidenten; und an den
Bürgermeister von... für welchen
Wahlkreis war Seine Exzellenz eigentlich
Abgeordneter?"
"Valdana... (Was für ein
Mond!)"
"Lassen Sie doch endlich
den Mond zufrieden! Also: an den
Bürgermeister von Valdana. Also drei,
lauter Blitztelegramme, damit die
traurige Nachricht an die Bürger
weitergegeben werden kann, verstehen
Sie? An die Wähler... Der wird alle
Hände zu tun haben, dieser
Bürgermeister! Beeilen Sie sich, um
Himmels willen! Man muß das
Telegraphenamt aufsperren! Lassen Sie
sich von einem Wachbeamten begleiten,
sagen Sie, es sei in meinem Namen. Und
dann sofort wieder hierher! Man muß ihn
so schnell wie möglich anziehen. Sehen
Sie? Die Leiche ist schon ganz starr.
Es war geradezu ein
Wunder, daß Cavaliere Spigula-Nonnis
nicht in all diese Telegramme schrieb,
was für ein Mond dagewesen war.
Eigentlich hätte
Bürgermeister Migneco, um sich Ehre
einzulegen, ja nur zu gerne eine
Aufbahrung vorbereiten lassen, vor der
alle mit offenem Mund stehen sollten,
mit einem Katafalk und allem, was dazu
gehört. Aber... in so kleinen Nestern
ging das eben nicht; nichts bekam man;
sogar geschickte Arbeiter waren nicht zu
finden. Er war in die Kirche um ein
Parament gelaufen: da gab es nur solche
in rotem Damast mit goldenem Besatz.
Wären sie doch schwarz gewesen.
Schließlich packte er vier goldene
Leuchter zusammen, uraltes Zeug aus dem
Mittelalter... Oja, Blumen schon, Blumen
und Topfpflanzen: Blumen auf dem Boden,
Blumen auf dem Bett: das ganze Zimmer
mußte voll werden damit.
Unterdessen fand sich
der Frack nicht im Koffer, und der
Cavaliere Spigula-Nonnis war gezwungen,
nach Rom zu eilen, in die kleine Wohnung
in der via Ludovisi; aber auch dort fand
er ihn nicht; er war doch im Koffer, nur
eben ganz unten. Dieser arme Mensch
hatte ja wirklich total den Kopf
verloren. Tja, er war ihm sehr
ergeben... Tränen wie ein Springbrunnen.
Aber den Frack mußte man am Rückenteil
zerschneiden (ewig schade, er war noch
ganz neu), denn die Arme des Leichnams
ließen sich nicht mehr bewegen. Und kaum
war er endlich angezogen, Herrschaften,
da hieß es auch schon wieder ausziehen
und danach wieder von vorne anziehen,
denn die Gemeinde Valdana (das schon,
das verlief so, wie Costanzo Ramberti es
sich ausgemalt hatte) sandte ein
Blitztelegramm, in dem angekündigt
wurde, die tieftrauernde Bürgerschaft
verlange einstimmig die irdische Hülle
ihres großen Vertreters, um sie mit
einem feierlichen Begräbnis zu ehren;
ein Denkmal... auch ein Denkmal! Ja,
große Dinge waren geplant, und - jawohl,
sogar ein Platz, der Postplatz, sollte
auf seinen Namen umbenannt werden - und
ein Arzt kam aus Rom, um der Leiche ein
paar Injektionen zu geben, Formalin, wie
er sagte; Bürgermeister Migneco, bei
allem schuldigen Respekt, hätte es
lieber "Deformalin" nennen wollen, denn
nach diesen Injektionen... ach, das
wachsbleiche Gesicht, die Eleganz, mit
der sich der Abgeordnete Costanzo
Ramberti im Tod dargestellt hatte! So
ein grobes Gesicht formten sie ihm
jetzt, ohne Nase, ohne Wangen, ohne
Hals, ohne alles: eine Talgkugel, das
war's. So schlimm sah er aus, daß man
sogar daran dachte, sein Gesicht unter
einem Tuch zu verstecken.
Viel mehr
Abgeordnetenkollegen, als Costanzo
Ramberti je gemeint hätte, zu seinen
Freunden zählen zu können, strömten am
nächsten Morgen nach Castel Gandolfo,
zusammen mit dem Parlamentspräsidenten,
dem Ministerpräsidenten, den Ministern
und den Staatssekretären. Sogar einige
Senatoren waren erschienen, aus dem
Kreise der weniger hochbetagten, und
natürlich ein Rattenschwanz von
Journalisten und zwei Photographen dazu.
Es war ein herrlicher
Tag.
Für Leute, die von so
vielen schweren sozialen Problemen
bedrückt, von so vielen kleinlichen
Querelen des Alltags bekümmert waren,
mußte es wohl tatsächlich wie ein Fest
wirken, dieses Eintauchen ins Blaue, in
die eben ergrünende Campagna, in die
Welt der sonnenbeschienenen römischen
Kastelle, des Sees und der Wälder in
dieser noch ein bißchen kühlen Luft, in
der doch schon ein Hauch des Frühlings
zu spüren war. Das sagten sie freilich
nicht; im Gegenteil, sie stellten ihre
Betroffenheit zur Schau, und die war
vielleicht sogar echt; aber wohl wegen
der geheimen Gewissensbisse darüber, daß
sie es trotzdem in kleinlichen,
sinnlosen Kämpfen aufgebraucht hatten
und weiter aufbrauchten, ihr so kurzes,
so wenig sicheres Erdendasein, das ihnen
doch in diesem Augenblick so teuer war,
dort, in dieser frischen, luftigen,
bezaubernden Erscheinung.
Ein gewisser Trost war
ihnen der Gedanke, daß sie es noch
genießen konnten, wenn auch nur
flüchtig, ihr Kollege dort aber nicht
mehr.
Und solcherart
getröstet, begannen sie tatsächlich nach
und nach während der kurzen Fahrt sich
fröhlich zu unterhalten, zu lachen,
dankbar gegenüber diesen fünf oder sechs
ehrlichsten unter ihnen, die als erste
die Atmosphäre der Niedergeschlagenheit
mit der einen oder anderen launigen
Bemerkung durchbrochen hatten und nun
weiterhin den Hanswurst spielten.
Dennoch trat von Zeit zu
Zeit eine Pause ein in den fröhlichen
Unterhaltungen und dem Lachen der
Reisenden, so als tauchte in den
Fenstern der aneinanderhängenden Wagen
plötzlich der Kopf Costanzo Rambertis
mahnend auf; und alle empfanden dann
fast so etwas wie Bestürzung, ein
quälendes Unbehagen, allen voran die,
die wirklich keinen Grund hatten, dabei
zu sein, außer dem Vergnügen, einen
Ausflug in großer Gesellschaft zu
unternehmen: die bekannten Gegner
Rambertis oder die, die ihn heimlich
verleumdet hatten. Diese Leute
bemerkten, daß ihre Gegenwart einen
Verstoß gegen irgend etwas darstellte.
Wogegen? Gegen die Erwartung des Toten,
die Erwartung eines Menschen, der sich
nicht mehr wehren und sie hinauswerfen
und beschämen konnte?
Ja, war das nun der
Besuch bei einem Toten oder nicht?
Wenn es einer war, na
dann! Einen Toten besucht man wirklich
nicht so, unter fröhlichem Geplauder und
Gelächter.
Alle diese Kollegen,
Freunde oder auch nicht, hatten keine
Ahnung von der Vorstellung, die sich der
arme Ramberti am Vorabend seines Todes
von diesem ihren Besuch gemacht hatte,
natürlich dem Charakter entsprechend,
den dieser hätte haben sollen, ein
Trauer-, ein Beileidsbesuch, ein
Ausdruck des Bedauerns für ihn. Davon
hatten sie keine Ahnung; aber aufgrund
der bloßen Tatsache, daß dieser Besuch
nun stattfand, konnten sie gar nicht
anders, als von Zeit zu Zeit bemerken,
daß die Art und Weise, in der er nun
stattfand, dem Anlaß nicht angemessen
war. Und diejenigen, die keine Freunde
Rambertis waren, konnten gar nicht
anders als zu bemerken, daß sie hier
überflüssig waren und ihre Gegenwart
einen Verstoß darstellte.
Kaum waren sie am
Bahnhof Castel Gandolfo ausgestiegen,
nahmen jedoch alle wieder ihre
ursprüngliche, ernste und
schmerzerfüllte Haltung an, bekleideten
sich mit der Feierlichkeit des
traurigen Augenblicks, mit der
Bedeutung, die ihnen die ehrfurchtsvolle
Menge zumaß, die sich zu ihrem Empfang
versammelt hatte.
Unter der Führung des
Bürgermeisters Migneco und seiner
Stadträte begaben sich Minister und
Abgeordnete zu Fuß und mit glühenden
Gesichtern, alle in Schweiß geraten, mit
aus den Ärmeln herausschlüpfenden
Manschetten und verdrehten Krawatten in
einer langen Reihe zur Villa Rambertis,
an der Spitze die beiden Präsidenten, zu
beiden Seiten und im Gefolge eine
riesige Volksmenge.
Diese Ankunft, dieser
Einzug in den mit Trauerfahnen
geschmückten Ort, diese Prozession waren
tatsächlich noch viel größer, als
Ramberti sie sich vorgestellt hatte. Nur
geschah ausgerechnet im feierlichsten
Augenblick, als der Parlamentspräsident,
der Ministerpräsident und alle Minister
und Staatssekretäre, die Abgeordneten
und die Menge der Neugierigen mit
entblößtem Haupt den Aufbahrungsraum
betraten, etwas, das der Abgeordnete
Ramberti sich niemals auszumalen
vermocht hätte: etwas Entsetzliches, in
der beinahe heiligen Stille dieser
Szene: ein plötzliches, unheilvolles,
maßloses Grollen im Bauch des Toten, das
wie ein Donner klang und alle
Umstehenden erstarren ließ. Was war das
gewesen?
"Digestio post mortem",
seufzte in würdigem Latein einer von
ihnen, ein Arzt, kaum, daß er wieder ein
bißchen Luft bekam.
Und die anderen starrten
fassungslos auf den Leichnam, der sich
das Gesicht mit dem Tuch bedeckt zu
haben schien, um sich ohne Scham so
etwas vor dem höchsten Vertretern der
Nation erlauben zu können. Und mit
finsteren Gesichtern verließen sie alle
den Aufbahrungsraum.
Als der Cavaliere
Spigula-Nonnis drei Stunden später im
römischen Bahnhof mit unendlicher
Betrübnis alle, die nach Castel Gandolfo
gekommen waren, davongehen sah, ohne
auch nur noch einen letzten Blick, einen
letzten Abschiedsblick auf den Wagen zu
werfen, in dem Seine Exzellenz, der
Abgeordnete Ramberti, eingeschlossen
war, da hatte er den Eindruck eines
Verrats. So sollte also alles zu Ende
sein?
Und er blieb allein
zurück, in dem unsicheren, gedrückten
Licht des sterbenden Tages unter dem
riesigen rauchgeschwärzten Glasdach,
und verfolgte mit seinen Blicken die
Verschubbewegungen des Zuges, der
langsam zerlegt wurde. Nach vielen
Bewegungen in einem komplizierten
Zickzack sah er schließlich den Wagen am
Ende eines Gleises im Hintergrund zum
Stehen kommen, neben einem anderen, auf
dem bereits ein Schild mit der
Aufschrift Leichentransport
angebracht war.
Ein alter
Bahnhofswärter, halb lahm und
asthmatisch, schleppte sich mit dem
Leimtopf hinzu und klebte auch auf den
Wagen des Abgeordneten Ramberti ein
ebensolches Schild. Dann ging er wieder
fort. Der Cavaliere Spigula-Nonnis
näherte sich, um mit seinen
kurzsichtigen Augen die Aufschrift zu
entziffern. Und er las darüber:
Pferde: 8, Menschen: 40, schüttelte
den Kopf und seufzte. Eine ganze Weile
lang blieb er noch stehen und
betrachtete diese beiden Leichenwaggons
neben einander.
Zwei Tote, zwei, die
schon gegangen waren, und die doch noch
einmal reisen mußten!
Und so würden sie
bleiben, allein, in dieser Nacht, unter
dem Donnern der ankommenden und
abfahrenden Züge. Dort ausgestreckt,
unbeweglich, im Dunkel ihrer Kisten,
unter dem ständigen Kommen und Gehen
eines Bahnhofs. Lebt wohl! Lebt wohl!
Und nun ging auch er,
der Cavaliere Spigula-Nonnis. Er ging
beklemmt fort. Unterwegs jedoch kaufte
er die Abendblätter und tröstete sich,
als er die langen Nekrologe sah, die
alle auf der ersten Seite brachten, mit
dem Bild des großen Verblichenen in der
Mitte der Seite.
Zu Hause angekommen,
vertiefte er sich in die Lektüre und war
sehr gerührt über den in einer der
Zeitungen erscheinenden Hinweis auf die
Pflege und den liebevollen Beistand, die
selbstlose Ergebenheit, mit der er, der
Cavaliere Spigula-Nonnis, in diesen
letzten Monaten den Abgeordneten
Costanzo Ramberti betreut hatte.
Schade nur, daß in
seinem Namen das "Nonnis" nur mit einem
"n" geschrieben war.
Aber man verstand
trotzdem, daß er gemeint war.
Er las diese Bemerkung
wenigstens zwanzigmal von vorne; und als
er wieder auf die Straße hinaustrat, um
in der gewohnten Pension sein Abendessen
einzunehmen, kaufte er zuvor noch bei
einem Kiosk weitere zehn Exemplare
dieser Zeitung, um sie anderentags nach
Novara zu schicken, an seine Verwandten
und Freunde, natürlich erst nachdem er
das fehlende "n" hinzugefügt und die
betreffende Passage mit blauem Farbstift
angestrichen hätte.
Große Lobeshymnen, große
Lobeshymnen sangen sie alle auf den
Abgeordneten Costanzo Ramberti. Das
Bedauern war einstimmig und die
Verdienste, der unermüdliche Fleiß, die
absolute Ehrlichkeit des Verstorbenen
wurden ins rechte Licht gerückt. Alles,
wie es sich der Abgeordnete Costanzo
Ramberti ausgemalt hatte. Von seinem
"viel zu frühen Heimgehen" war da die
Rede, und von den "vielen großen und
wertvollen Diensten, die er dem
Vaterland sicher noch hätte leisten
können". Und die Telegramme aus Valdana
sprachen von der tiefen Betroffenheit
der Bevölkerung bei der Trauernachricht,
von den außerordentlichen,
unvergeßlichen Ehrungen, die seine
Vaterstadt ihrem Großen Sohn bereiten
würde, und sie kündigten bereits an, daß
der Bürgermeister, eine Abordnung des
Stadtrates und andere hervorragende
Bürger, ergebene Freunde des großen
Verblichenen, bereits nach Rom
aufgebrochen waren, um dem Leichnam das
Geleit zu geben. Als er gegen
Mitternacht durch die Stille der
verlassenen, von den Laternen nur
spärlich erhellten Straßen nach Hause
schritt, dachte der Cavaliere
Spigula-Nonnis noch einmal an die beiden
Leichenwaggons, die dort am Ende eines
Gleises des Bahnhofs wartend standen.
Wenn diese beiden Toten einander
Gesellschaft hätten leisten können, mit
einander Konversation machen, um die
Zeit totzuschlagen! Bei diesem Gedanken
lächelte Cavaliere Spigula-Nonnis
schmerzlich. Wer weiß, wer der andere
sein mochte, wo er schließlich enden
würde... Diese Nacht stand er dort, ohne
die geringste Ahnung von der Ehre zu
haben, die ihm widerfuhr, indem er als
Nachbarn einen hatte, von dem in diesem
Augenblick sämtliche Zeitungen Italiens
voll waren, und der tags darauf den
triumphalen Empfang einer ganzen Stadt
erleben würde, die ihn beweinte.
Konnte der Cavaliere
Spigula-Nonnis je auf die Idee kommen,
daß der Leichenwagen des Abgeordneten
Costanzo Ramberti gegen zwei Uhr morgens
von ein paar Eisenbahnern, denen vor
Müdigkeit schon die Augen zufielen, an
den Zug gehängt werden könnte, der um
diese Zeit nach den Abruzzen abfuhr, und
daß man so den großen Verblichenen dem
triumphalen Empfang entziehen würde,
der feierlichen Ehrung durch seine
Vaterstadt?
Aber der Abgeordnete
Costanzo Ramberti, selbst ein Politiker,
der bereits an der Macht gewesen war und
deshalb in die "geheimen Dinge" Einblick
gewonnen hatte, der Abgeordnete Costanzo
Ramberti, der alle Mängel des
Eisenbahnwesens kannte, der hätte eine
derartige Fehlleistung sehr wohl
voraussehen können. Wenn einmal zwei
wartende Leichenwaggons in einem so viel
befahrenen Bahnhof nebeneinander wartend
standen, dann war nichts leichter,
nichts offensichtlicher zu erraten, als
daß man den einen an den Bestimmungsort
des anderen schicken würde und
umgekehrt.
Eingesperrt, eingenagelt
in seinem Waggon, konnte er sich nun
freilich nicht gegen diese unwürdige
Verwechslung zur Wehr setzen, gegen
diesen Übergriff, mit dem sechs
bestialische Verschubarbeiter ihn in
diesem Augenblick der festlichen
Trauerkleider beraubten, die sein
Valdana in dieser Nacht für ihn anlegte,
um ihn tags darauf mit allen Ehren zu
empfangen. Und am Ende dieses Zuges, der
da, beinahe leer, nach den Abruzzen
abfuhr und mit seinen ausgeleierten
Bremsen die armen, alten, schmutzigen
Waggons, aus denen er zusammengesetzt
war, beinahe zerquetschte, mußte er nun
die ganze restliche Nacht reisen,
langsam, traurig in die Ferne, zu dem
Bestimmungsort jenes anderen Toten,
eines jungen Seminaristen aus Avezzano
mit Namen Feliciangiolo Scanalino.
Natürlich wurde der
Leichenwagen dieses anderen am Morgen
darauf unter der Aufsicht des Leiters
des Bestattungsunternehmens, das sich
den Auftrag für das Staatsbegräbnis
gesichert hatte, prächtig geschmückt.
Schwere Samtdecken mit Silberfransen als
Baldachin, und Schleier und Bänder und
Palmwedel. Auf dem Sarg, bedeckt mit
einer herrlichen Sargdecke, bloß der
Kranz des Königs; zu beiden Seiten jener
des Minister- und jener des
Parlamentspräsidenten. An die siebzig
weitere Kränze wurden in dem folgenden
Wagen untergebracht. Und um exakt acht
Uhr dreißig brach unter den bewundernden
Blicken einer wahren Menschenmenge aus
Freunden des Abgeordneten Costanzo
Ramberti Feliciangiolo Scanalino zu den
feierlichen Ehrungen Valdanas auf.
Als der Zug gegen drei
Uhr nachmittags im Bahnhof Valdana
eintraf, der von einer ergriffenen
Menschenmenge förmlich überquoll, wurde
der Bürgermeister, der mit der Abordnung
der Gemeinde dem Leichnam das Geleit
gegeben hatte, in geheimnisvoller Weise
von einem kreidebleichen, am ganzen
Leibe zitternden Stationsvorsteher
beiseite gerufen und in den
Telegraphenraum geführt. Aus dem Bahnhof
Rom war ein Telegramm eingetroffen, daß
unter dem Siegel der Verschwiegenheit
von der Verwechslung der Leichenwaggons
berichtete.
Der Bürgermeister von
Valdana war wie vom Donner gerührt.
Was sollte man nun tun,
wo draußen alle Leute warteten und die
ganze Stadt geschmückt war?
"Commendatore",
flüsterte der Stationsvorsteher, eine
Hand auf die Brust gelegt, "hier weiß
nur ich davon und der Telegraphist; auch
in Rom und in Avezzano wissen es nur der
Stationsvorsteher und der Telegraphist.
Commendatore, es ist doch in unserem
eigenen Interesse, im Interesse der
Eisenbahnverwaltung, die Sache
geheimzuhalten. Vertrauen Sie uns
ruhig!"
Was konnte man schon
anderes tun in einer so heiklen
Situation? Und also erhielt der
unschuldige Seminarist Feliciangiolo
Scanalino den triumphalen Empfang der
Stadt Valdana, auf seinem Leichenwagen,
der aussah wie ein Berg von Blumen,
gezogen von acht Pferden. Er erhielt den
Kranz des Königs, er erhielt die
Leichenrede des Bürgermeisters, und er
erhielt die Begleitung einer ganzen
Volksmenge bis zum Friedhof.
Unterdessen reiste der
Abgeordnete Costanzo Ramberti von
Avezzano in dem schmucklosen, staubigen
Waggon mit der Aufschrift Pferde: 8,
Menschen: 40 ohne eine einzige
Blume, ohne ein einziges Bändchen: ein
armer, fortgeschickter Körper, vom Weg
abgekommen und gestrandet, so weit weg
von seinem Bestimmungsort.
Mitten in der Nacht kam
er im Bahnhof Valdana an. Nur der
Bürgermeister und vier vertrauenswürdige
Totengräber erwarteten ihn am Bahnhof
und mucksmäuschenstill, mit den leisen
Schritten von Gaunern, die ein
Schmuggelgut vor den Augen der Zöllner
verbergen wollen, schleppten sie ihn auf
und ab über holprige Feldwege, von denen
ein Laternchen immer nur kleine Stücke
notdürftig aus dem Dunkel riß, zum
Friedhof und gruben ihn ein; dann
seufzten sie tief und erleichtert auf.
* * *
*
- Erstveröffentlichung in der
Zeitschrift La lettura
vom November 1909. Keine
wesentlichen Varianten bekannt.
©
Michael Rössner.
Anfangenseite
|
|
|
|
|
|
|