DER FREUDENSPRUNG
*
(La Rallegrata - 1922)

aus dem Italienischen von Michael Rössner
Kaum war der Stallmeister, noch heftiger fluchend
als gewohnt, fortgegangen, wandte sich Fofo an Nero,
seinen Nachbarn an der Futterkrippe, der neu war,
und seufzte:
"Ich habe verstanden! Schabracken, Schleifen und
Federbüsche. Na, du fängst gut an, mein Lieber!
Heute ist es erster Klasse."
Nero wandte den Kopf nach der anderen Seite. Er
schnaubte nicht, denn er war ein wohlerzogenes Pferd.
Aber er wollte keine Vertraulichkeiten mit diesem
Fofo.
Er kam schließlich aus einem fürstlichen Stall, wo
man sich in den Wänden spiegeln konnte.
Futterkrippen aus Buchenholz in jeder Box,
Messingglöckchen, lederbezogene Querstangen und
Pfeiler mit blitzenden Knöpfen darauf.
Tja!
Der junge Fürst, der nun ganz diesen lärmenden
Karossen ergeben war, die - Pardon: Gestank -
verursachen, aber auch Rauch hinten rausblasen und
ganz allein davoneilen, dem genügte es nicht, daß er
sich dreimal schon ums Haar damit den Hals gebrochen
hätte; gleich nachdem die alte Fürstin von der
Lähmung befallen worden war (die hatte ja von diesem
Teufelszeug nie etwas wissen wollen, Gott segne sie
dafür!), hatte er sich beeilt, ihn und Corbino, die
letzten, die im Stall zurückgeblieben waren, um den
gemütlichen Landauer der Mutter zu kutschieren,
loszuwerden.
Armer Corbino, wer weiß, wo er gelandet war, nach so
vielen Jahren ehrenhaften Dienstes!
Der gute Giuseppe, der alte Kutscher, hatte ihnen
versprochen, er würde ein gutes Wort für sie
einlegen, wenn er zusammen mit den anderen treuen
alten Dienstboten der Fürstin, die nun auf ewig an
den Lehnstuhl gefesselt war, seine Aufwartung machte,
um ihr die Hand zu küssen.
Ach was! Nach der Art zu schließen, mit der der gute
Alte, als er wenig später zurückgekehrt war, ihnen
den Nacken und die Flanken streichelte, hatten sie
einer wie der andere gleich begriffen, daß alle
Hoffnung verloren und ihr Schicksal besiegelt war.
Sie würden verkauft werden.
Und tatsächlich...
Nero verstand noch immer eigentlich nicht, wo er
hingeraten war. Ganz schlecht hatte er es nicht
getroffen. Natürlich war es nicht der Stall der
Fürstin. Aber ein guter Stall war das hier auch.
Mehr als zwanzig Pferde, alle dunkel und alle schon
ein bißchen alt, aber gut aussehend, würdig und voll
eindruckgebietenden Ernstes. Tja, Ernst hatten sie
vielleicht sogar zuviel!
Daß die anderen begriffen, zu welchem Behufe sie
hier Dienst taten, da hatte Nero so seine Zweifel.
Es schien ihm, als dächten sie alle im Gegenteil
ohne Unterlaß darüber nach, ohne doch je auf einen
grünen Zweig zu kommen. Dieses langsame Schaukeln
der buschigen Schweife, dieses Scharren der Hufe von
Zeit zu Zeit... das waren sicher nachdenkliche
Pferde.
Nur dieser Fofo war sicher, überaus sicher, er hätte
alles ganz und gar verstanden.
Ein vulgäres und eingebildetes Tier!
Ein Militärklepper, nach drei Dienstjahren
ausgegliedert, weil - wie er erzählte - ein Rüpel
von einem abruzzesischen Kavalleristen ihn
zuschanden geritten hatte - und jetzt redete er in
einem fort.
Nero, der in seinem Herzen noch großen Kummer über
den Verlust seines alten Freundes trug, konnte ihn
einfach nicht ertragen. Am ärgsten fand er diese
Vertraulichkeit im Umgang, und dann dieses ständige
Schimpfen über die Stallgefährten.
Mein Gott, was für eine Lästerzunge!
Von zwanzig Pferden blieb nicht ein einziges
verschont! An einem war dies, am anderen jenes
auszusetzen.
"Der Schweif... na sieh doch nur mal her, bitte, ob
das wirklich ein Schweif sein soll! Ob man so einen
Schweif bewegen darf! Welches Feuer, hm?
- Na, das ist das Pferd eines Arztes, das sag ich
dir.
- Und da, da drüben, na sieh dir mal diesen hübschen
kalabresischen Ackergaul an, mit welcher Grazie er
seine Schweinsohren umlegt. Und was für eine
herrliche Mähne! Was für eine schöne Kinngrube! Na,
der ist auch ziemlich feurig, was meinst du?
- Alle Augenblicke vergißt er, daß er ein Wallach
ist, und will es am liebsten mit der Stute da drüben
treiben, drei Boxen weiter rechts, siehst du sie?
Mit dem Kopf einer alten Mähre, vorne niedrig gebaut,
der Bauch hängt ihr fast bis zur Erde.
- Was, das soll eine Stute sein? Eine Kuh ist das,
sage ich dir! Und wenn du wüßtest, wie die mit
schulmäßigem Tritt marschiert! Sieht aus, als würde
sie sich die Hufe verbrennen, wenn sie den Boden
berührt. Und dabei heimst sie Schmeicheleien ein,
mein Freund, ich sag dir's! Naja, sie ist noch grün
ums Maul. Sie muß noch die Straßenecken abschneiden,
stell dir vor!"
Vergeblich zeigte Nero in jeder nur möglichen Weise
diesem Fofo, daß er nicht mehr zuhören wollte. Fofo
begann immer mehr gegen die anderen zu wüten.
Um ihn zu ärgern natürlich.
"Weißt du, wo wir sind? In einem
Transportunternehmen. Da gibt es viele Arten davon.
Unseres heißt Bestattungsinstitut.
- Weißt du, was Bestattungsinstitut bedeutet? Es
bedeutet, daß man einen schwarzen, seltsam geformten
Wagen zieht, sehr hoch, mit vier Säulen, die einen
über und über mit Borten, Paramenten und
Goldverzierungen geschmückten Baldachin tragen. Mit
einem Wort, einen ordentlichen Luxuswagen. Aber das
Ganze ist vergeudet, ob du's glaubst oder nicht!
Alles vergeudet, denn einsteigen tut nie einer.
- Nur der Kutscher, todernst, auf den Bock.
- Und es heißt langsam gehen, immer nur im Schritt.
Tja, da ist keine Gefahr, daß du schwitzt und sie
dich bei der Rückkehr abreiben, oder daß der
Kutscher dir je eins mit der Peitsche überzieht oder
dich sonst irgendwie antreibt!
- Langsam - langsam - langsam.
- Wo du ankommen sollst, da kommst du immer noch
früh genug an.
- Und dieser Wagen - das hab' ich sehr wohl
verstanden - der muß für die Menschen Gegenstand
einer besonderen Verehrung sein.
- Wie ich dir schon gesagt habe: niemand will auf
ihn aufsteigen. Alle ziehen, kaum daß sie ihn vor
einem Haus stehen sehen, so gewisse, angstvolle
Gesichter; einige umringen ihn mit brennenden
Kerzen; und dann, kaum, daß wir uns in Bewegung
setzen, schreitet eine ganze Menge von ihnen
mucksmäuschenstill hinterdrein.
- Oft geht vor uns auch noch eine Musikkapelle. Eine
Kapelle, mein Lieber, die spielt so eine gewisse
Musik, die reißt dir die Eingeweide aus dem Leib.
- Übrigens, hör mal gut zu, du hast die üble
Angewohnheit zu schnauben und den Kopf zu sehr hin
und her zu werfen. Also diese Mätzchen mußt du dir
wieder abgewöhnen. Wenn du schon ohne jeden Grund
schnaubst, was wird dann erst sein, wenn du diese
Musik anhörst!
- Unser Dienst ist eher ruhig, das bestreitet
keiner; aber es braucht Gefaßtheit und Feierlichkeit
dafür. Kein Schnauben, kein Scharren. Ist schon mehr
als genug, wenn sie dir zugestehen, dann und wann
kaum merklich den Schweif hin- und herzubewegen.
- Denn der Wagen, den wir ziehen, ich sag dir's noch
einmal, der ist Gegenstand einer besonderen
Verehrung. Du wirst sehen, alle nehmen den Hut ab,
wenn sie uns vorüberkommen sehen.
- Weißt du, wann ich begriffen habe, daß es sich um
ein Transportunternehmen handeln muß? Ich habe es
erschlossen, und zwar aus folgender Geschichte:
- Vor etwa zwei Jahren stand ich mit einem unserer
geschlossenen Wagen vor dem großen Eisentor, das
unser ständiges Fahrtziel ist.
- Das wirst du noch kennenlernen, dieses große
Eisentor! Dahinter sind viele schwarze, spitz
aufragende Bäume, die in zwei unendlichen Reihen
kerzengerade aufragen, und zu beiden Seiten dieser
Bäume wunderschöne grüne Wiesen mit vielen fetten
Gräsern - auch verschwendet, denn wehe, wenn du mal
im Vorübergehen die Lippen danach ausstreckst.
- Na gut. Ich stand da also still, da kommt
plötzlich mein alter Kamerad aus dem Militärdienst
neben mich zu stehen, ziemlich schlimm
heruntergekommen: er zog, stell dir nur vor, einen
eisenbeschlagenen Wagen, einen von diesen langen,
niedrigen, ohne Federung. Er sagt zu mir:
- Siehst du mich? Ach Fofo, ich kann nicht mehr!
- "Was hast du für einen Dienst?", frag' ich ihn.
Und er darauf: "Kistenführen, den ganzen Tag, von
einem Transportunternehmen zum Zoll."
- "Kisten?", frag' ich. "Was für Kisten?"
- "Schwere Kisten!", antwortet er. "Kisten voll mit
Zeug, das verschickt werden soll."
- Das war für mich eine Offenbarung. Denn du mußt
wissen, so eine ganz lange Kiste transportieren wir
auch. Sie schieben sie ganz sachte (immer alles
ganz, ganz sachte) von hinten auf unseren Wagen; und
während sie diese Operation vornehmen, entblößen die
Leute ringsum das Haupt und blicken ganz verstört.
Wer weiß, warum! Aber natürlich, wenn wir auch
Kisten führen, dann müssen wir wohl auch ein
Transportunternehmen sein, was meinst du?
- Was zum Teufel mag in dieser Kiste drinnen sein?
Ein Gewicht hat die, na, das möchte man nicht
glauben. Ein Glück, daß wir immer nur eine auf
einmal führen.
- Na, sicher ist es auch so ein Zeug, das verschickt
werden soll. Was für ein Zeug das ist, weiß ich
allerdings nicht. Es scheint aber sehr wertvoll zu
sein, denn der Transport geschieht voller Pomp und
mit großer Begleitung.
- Nach einer gewissen Zeit bleiben wir meistens
(nicht immer) vor einem prunkvollen Bau stehen; das
ist vermutlich das Zollamt, das für unsere
Transporte zuständig ist. Aus dem Tor kommen so
gewisse Leute in einer schwarzen Soutane und mit
Hemdchen darüber (das sind, glaube ich, die
Zöllner); die Kiste wird vom Wagen heruntergehoben;
alle entblößen wieder den Kopf; und die Zöllner
zeichnen ihr Laissez-passer auf die Kiste.
- Wo dann das ganze wertvolle Zeug hinkommt, das wir
transportieren, das, siehst du, das habe ich noch
nicht herausfinden können. Aber ich habe so einen
gewissen Zweifel, daß die Menschen das selbst auch
nicht so genau wissen, und damit tröste ich mich.
- Natürlich, die prächtige Ausführung der Kisten und
der festliche Pomp könnten einen glauben machen, die
Menschen müßten etwas über diese Transporte wissen.
Aber ich sehe andererseits, wie unsicher und
verstört sie sind. Und aus meinem langen Umgang mit
ihnen habe ich das gelernt, mein Lieber: die
Menschen tun so viele Dinge, ohne auch nur im
geringsten zu wissen, weshalb."
Wie es sich Fofo an jenem Morgen bei dem Fluchen des
Stallmeisters ausgemalt hatte: Schabracken,
Schleifen, Federbüsche. Im Viergespann. Na, das war
wirklich erster Klasse.
"Siehst du? Hab ich's dir nicht gesagt?"
Nero fand sich neben Fofo an die Deichsel gespannt.
Und Fofo fuhr natürlich fort, ihm mit seinen ewigen
Erklärungen auf die Nerven zu fallen.
Anfangenseite