Entschuldigen Sie mal:
"Sind denn vielleicht
Ihr Sohn, Ihre Tochter nicht gestorben,
wenn sie zum Studium in die weit
entfernte große Stadt gefahren sind?"
Ach, Sie klopfen auf
Holz? Sie fallen mir ins Wort und
schreien, die wären gar nicht tot, nicht
im geringsten? Die würden doch am Ende
des Jahres zurückkommen und einstweilen
erhalten Sie pünktlich jede Woche
zweimal Nachricht von ihnen?
Beruhigen Sie sich nur,
ist schon gut, ich glaube es ja. Aber
wie kommt es dann, daß Sie, wenn Ihr
Sohn oder Ihre Tochter nach einem Jahr
oder mehr aus der großen Stadt
zurückkommen, bei ihrem Anblick ganz
verblüfft, ganz entgeistert sind; daß
Sie, jawohl Sie, mit erhobenen Händen,
als wollten Sie einen Zweifel
zurückdrängen, der Ihnen Angst macht,
ausrufen:
"O Gott, bist du es
wirklich? O Gott, sie ist ja eine ganz
andere geworden!"
Nicht nur in der Seele
eine andere, das heißt in ihrem Denken
und Fühlen; nein, sogar im Klang der
Stimme, auch im Körper eine andere, in
der Gestik, in der Art sich zu bewegen,
zu schauen, zu lächeln...
Und ganz verdattert
fragen Sie:
"Wie ist das möglich?
Waren ihre Augen wirklich so? Ich hätte
schwören mögen, daß ihr Näschen, als sie
wegfuhr, ein bißchen mehr nach oben
stand..."
Die Wahrheit ist
einfach, daß Sie in Ihrem Sohn oder in
Ihrer Tochter, wenn die nach einem Jahr
wiederkommen, nicht mehr dieselbe
Wirklichkeit erkennen können, die Sie
ihnen gegeben haben, ehe sie abfuhren.
Es gibt sie nicht mehr, sie ist tot,
diese Wirklichkeit. Und dennoch kleiden
Sie sich nicht schwarz um dieses Todes
willen und beweinen ihn nicht... oder
ja, Sie beweinen ihn sogar, wenn es Sie
schmerzt, daß dieser andere, der da zu
Ihnen zurückgekommen ist an Stelle Ihres
Kindes, daß dieser andere einer ist, den
sie nicht wiederzuerkennen vermögen,
nicht wiedererkennen können.
Ihr Sohn, der, den Sie
gekannt haben, ehe er fortging, der ist
tot, glauben Sie es mir, er ist tot. Nur
die Anwesenheit eines Körpers (und auch
der ist so verändert!) läßt Sie das
verneinen. Aber Sie merken es sehr wohl,
daß der ein anderer war, der vor einem
Jahr wegfuhr, und er ist nicht mehr
zurückgekommen.
Nun, auf eben dieselbe
Weise kehrt auch dieser Cesarino Mochi,
der vor zwei Jahren nach Tripolitanien
gefahren ist und dort in den Fezzan
abkommandiert wurde, nicht zu seiner
Mutter und seinen drei Schwestern
zurück.
Sie wissen es nun sehr
gut, daß die Wirklichkeit nicht davon
abhängt, ob ein Körper da ist oder
nicht. Der Körper kann da sein und
dennoch für die Wirklichkeit, die Sie
ihm gegeben haben, gestorben sein. Was
das Leben ausmacht, ist also bloß die
Wirklichkeit, die Sie ihm geben. Und
daher kann der Mutter und den drei
Schwestern des Cesarino Mochi
tatsächlich das Leben genügen, das er
für sie weiterhin hat, hier in der
Wirklichkeit der Handlungen, die sie für
ihn jeden Tag vollführen, in diesem
Zimmer, das ihn wohlgeordnet erwartet
und bereit ist, ihn zu empfangen, so,
wie er vor seiner Abreise war.
Nun, für diese Mutter
und diese drei Schwestern besteht keine
Gefahr, daß er als ein anderer
zurückkommt, wie das mit Ihrem Sohn am
Ende des Studienjahres geschehen ist.
Cesarinos Wirklichkeit
ist unabänderlich hier in seinem Zimmer
und im Herzen und im Geist dieser Mutter
und dieser drei Schwestern, die für
sich, außerhalb dieser Wirklichkeit,
keine andere besitzen.
"Tittí, den wievielten
haben wir heute?" fragt die kranke
Mutter aus ihrem Lehnstuhl die jüngste
ihrer drei Töchter.
"Den fünfzehnten",
antwortet Margherita, indem sie den Kopf
von ihrem Buch aufhebt; aber sie ist
sich nicht ganz sicher und fragt
ihrerseits die beiden Schwestern weiter:
"Den fünfzehnten, nicht wahr?"
"Den fünfzehnten, ja",
bestätigt Nanda, die älteste, von ihrem
Stickrahmen aus.
"Den fünfzehnten",
wiederholt die nähende Flavia.
Auf der Stirn aller drei
erscheint dieser Frage der Mutter wegen,
auf die sie geantwortet haben, ein und
dieselbe Falte.
In der Stille des
weiten, hellen Eßzimmers, das von weißen
Musselinvorhängen ein wenig abgeschirmt
wird, ist ein Gedanke eingedrungen, der
üblicherweise, nicht mit Vorbedacht,
aber doch ganz instinktiv von den vier
Frauen ferngehalten wird: der Gedanke
der verrinnenden Zeit.
Die drei Schwestern
haben den Grund dieses angstvollen
Gedankens im Geist der kranken, an den
Lehnstuhl gefesselten Mutter erraten;
und deshalb haben sie die Stirne in
Falten gezogen.
Es ist gar nicht
Cesarinos wegen.
Es gibt da eine andere,
es gibt eine andere - nicht hier im
Haus, aber eine, die morgen vielleicht
schon, wer weiß, die Königin dieses
Hauses sein könnte - Claretta, die
Verlobte des Bruders - es gibt da sie,
ja, leider, sie, die einen an die
verrinnende Zeit denken läßt.
Als die Mutter danach
fragte, den wievielten man gerade habe,
wollte sie damit die Tage zählen, die
seit Clarettas letztem Besuch vergangen
sind..
Zunächst kam das liebe
Kind (und sie war ja wirklich ein Kind,
die Claretta, für die drei ein wenig
ältlichen Schwestern) fast jeden Tag, in
der Hoffnung, daß die Nachricht gekommen
sei; denn sie war sicher, sicherer als
alle anderen, daß die Nachricht bald
kommen würde. Und dann betrat sie
freudestrahlend das Zimmer ihres
Verlobten und ließ dort immer eine Blume
und einen Brief zurück. Ja, denn sie
schrieb weiter wie gewohnt jeden Abend
einen Brief an Cesarino. Und die Briefe
‑ nun, anstatt sie abzuschicken, brachte
sie sie nun hierher, damit er, Cesarino,
sie gleich nach seiner Ankunft finden
würde.
Die Blume verwelkte, der
Brief blieb liegen.
Dachte Claretta
vielleicht, wenn sie unter der welken
Blume den Brief vom Vortag fand, daß
auch dessen Duft verströmt war, ohne daß
sich jemand daran berauscht hätte? Sie
legte ihn in die Lade des kleinen
Schreibtisches beim Fenster und ließ an
seiner Stelle den neuen Brief zurück,
auf den sie eine neue Blume legte.
Diese liebevolle Szene
wiederholte sich lange, Monate um Monate
hindurch. Aber eines Tages kam die
Kleine mit mehr Blumen als üblich, ja,
aber ohne Brief. Sie sagte, sie habe am
Abend zuvor geschrieben, ach, sogar noch
länger als üblich, und sie würde auch
weiterhin jeden Abend schreiben, aber in
ein Tagebuch, denn ihre Mamma habe ihr
zu bedenken gegeben, es wäre doch eine
unnütze Verschwendung von Briefpapier
und Kuverts gewesen, was sie bisher
getan hatte.
Und es war ja wirklich
so: was wichtig war, war doch der
Gedanke, jeden Tag zu schreiben; ob sie
nun auf Briefpapier schrieb oder in ein
Tagebuch, das blieb sich gleich.
Nur begann mit diesem
Brief auch der tägliche Besuch Clarettas
auszubleiben. Zuerst kam sie dreimal,
dann zweimal, dann nur mehr einmal in
der Woche zu Besuch. Schließlich blieb
sie mehr als vierzehn Tage aus, mit der
Entschuldigung, sie wäre in Trauer, weil
ihre Großmutter mütterlicherseits
gestorben war. Und zu guter letzt, als
sie - nicht spontan, sondern auf Drängen
der Schwestern - das erste Mal, in
schwarzen Trauerkleidern, wieder
Cesarinos Zimmer betrat, da kam es zu
einer unerwarteten Szene, die ums Haar
den drei armen Schwestern das Herz vor
Schreck gebrochen hätte. Ganz plötzlich
warf sie sich, so in schwarzen Kleidern,
kaum daß sie das Zimmer betreten hatte,
über Cesarinos weißes Bett und brach in
ein verzweifeltes Weinen aus.
Warum? Was hatte denn
das damit zu tun? Sie war nachher ganz
verstört, wie erschlagen, angesichts der
angstvollen Verblüffung, des Zitterns
dieser drei bleichen Schwestern mit
ihren fahlen Gesichtern; sie sagte, sie
wisse selbst nicht, wie das zugegangen
sei, wie es geschehen konnte... sie
entschuldigte sich; sie schob die Schuld
auf ihr schwarzes Kleid, auf den Schmerz
um die tote Großmutter... und jedenfalls
nahm sie die wöchentlichen Besuche
wieder auf.
Aber die drei Schwestern
empfanden nun eine gewisse Zurückhaltung
bei dem Gedanken, sie in das wartende
Zimmer zu führen; sie ging auch nicht
selbst hinein oder bat die Schwestern,
sie hineinzuführen. Und von Cesarino
sprachen sie fast gar nicht mehr.
Vor drei Monaten kam sie
wieder in fröhlichen, frühlingshaften
Farben gekleidet, wieder aufgeblüht wie
eine Knospe, sprühend vor Leben, wie die
drei Schwestern und ihre arme Mutter sie
schon seit langer Zeit nicht mehr
gesehen hatten. Sie brachte viele, so
viele Blumen und wollte sie selbst, mit
eigenen Händen in Cesarinos Zimmer
tragen und dort auf die Vasen auf dem
Schreibtisch, auf dem Nachttischchen,
auf der Kommode verteilen. Sie sagte,
sie habe einen schönen Traum gehabt.
Sie blieben besorgt
zurück, bedrückt und fast erschüttert
von dieser überbordenden Lebhaftigkeit,
von dieser wiedergeborenen Fröhlichkeit
des Kindes, die drei Schwestern, die
immer fahler und bleicher aussahen. Sie
empfanden sie, kaum daß die erste
Verblüffung gewichen war, wie den
Aufprall einer grausamen
Gewalttätigkeit, den Aufprall des
Lebens, das übermächtig in diesem Kind
wieder aufblühte und nicht länger in dem
Schweigen dieses Wartens eingesperrt
werden konnte, dem sie mit den fast
sakralen Verrichtungen ihrer dünnen,
kalten Hände noch immer und mit
Hartnäckigkeit eine Maske des Lebens
überstülpen wollten, gerade so viel, wie
für sie nötig war. Und sie erhoben
keinen Einwand, als Claretta, die dabei
über und über rot anlief, sagte, es habe
sie eine große Neugierde überkommen zu
lesen, was sie Cesarino in ihren ersten
Briefen von vor über einem Jahr
geschrieben hatte, die in der Schublade
des Schreibtisches eingeschlossen waren.
Mehr als hundert mußten
es sein, diese Briefe,
hundertzweiundzwanzig oder
hundertdreiundzwanzig. Sie wollte sie
alle wieder lesen. Dann würde sie sie
selbst für Cesarino aufbewahren,
zusammen mit den Tagebüchern. Und immer
zehn auf einmal nahm sie sie alle nach
und nach mit nach Hause.
Seitdem sind ihre
Besuche seltener geworden. Die alte,
kranke Mutter, den Blick starr auf die
Armlehne ihres Lehnstuhls gerichtet,
zählt die Tage, die seit ihrem letzten
Besuch vergangen sind; und es ist
seltsam, daß für sie und für die drei
Töchter mit der gerunzelten Stirn diese
Tage immer mehr werden, viel zu viel,
während für den nicht zurückkehrenden
Cesarino die Zeit nie vergeht; es ist,
als wäre er gestern fortgefahren,
Cesarino, ja sogar, als wäre er gar
nicht fortgefahren, sondern nur aus dem
Haus gegangen und müßte von einem
Augenblick zum anderen zurückkommen, um
sich mit ihnen an den Tisch zu setzen
und dann dort in seinem bereitstehenden
Bettchen schlafen zu gehen.
Der Zusammenbruch kommt
für die arme Mutter, als sie erfährt,
daß Claretta sich wieder verlobt hat.
Sie war zu erwarten,
diese Nachricht, denn schon seit zwei
Monaten hat Claretta sich nicht mehr
blicken lassen. Aber die drei
Schwestern, die weniger alt und daher
weniger schwach sind als die Mutter,
beharren auf ihrem Nein, diesen Verrat
hätten sie nicht erwartet. Sie wollen um
jedem Preis dem Zusammenbruch
standhalten, und sie sagen, Claretta
habe sich nicht deshalb mit einem
anderen verlobt, weil Cesarino tot ist
und sie deshalb wirklich keinen Grund
haben konnte, immer noch auf seine
Rückkehr zu warten, sondern deshalb,
weil sie nach sechzehn Monaten des
Wartens müde geworden sei. Sie sagen,
daß ihre Mutter nicht deshalb stirbt,
weil die neue Verlobung Clarettas ihr
die immer schon schwache Illusion zum
Einsturz gebracht hat, ihr Sohn könnte
zurückkehren, sondern wegen des Kummers,
den ihr Cesarino bei seiner Rückkehr
über diesen grausamen Verrat Clarettas
empfinden wird.
Und die Mutter sagt vom
Bett aus: Ja, sie stürbe tatsächlich
wegen dieses Kummers; aber in den Augen
steht ihr so etwas wie ein Lachen des
Lichts.
Die drei Töchter sehen
sie an, diese Augen, mit einem traurigen
Gefühl des Neids. Sie wird binnen kurzem
nachsehen gehen, ob er dort ist; sie
wird die Bangigkeit des langen Wartens
hinter sich lassen; sie wird Sicherheit
haben; aber sie wird nicht zurückkehren
können, um ihnen davon zu berichten.
Sie würde am liebsten
sagen, die Mutter, daß es dieses
Berichts gar nicht bedarf, weil sie
jetzt schon sicher ist, daß sie ihn dort
drüben finden wird, ihren Cesarino. Aber
nein, sie sagt es nicht; sie empfindet
ein großes Mitleid für ihre drei armen
Töchter, die allein zurückbleiben, und
die so dringend des Gedankens und des
Glaubens daran bedürfen, daß Cesarino
noch lebt, für sie lebt, und daß er
eines Tages zurückkommen muß; und da, da
verschleiert sie sanft das Licht in
ihren Augen und will bis zum letzten,
bis zum letzten an der Illusion ihrer
drei Töchter anhängen, damit diese
Illusion noch aus ihrem letzten Atemzug
genährt wird und für sie lebendig
bleibt. Mit dem letzten Hauch von Stimme
flüstert sie:
"Ihr werdet ihm sagen,
daß ich so sehr auf ihn gewartet
habe..."
In der Nacht brennen die
vier Totenkerzen an den vier Ecken des
Bettes, und von Zeit zu Zeit knistern
sie ein wenig, so daß die lange gelbe
Flamme gerade ein bißchen zu flackern
beginnt.
So tief ist die Stille
des Hauses, daß das Knistern dieser
Kerzen, so leicht es auch ist, bis
hinüber in das wartende Zimmer, zu
dieser gelb gewordenen Kerze dringt, die
seit sechzehn Monaten auf dem Kleeblatt
des Leuchters festgeklemmt ist, zu
dieser von den beiden
grimassenschneidenden Figuren auf der
Zündholzschachtel verlachten Kerze, und
bei jedem Knistern scheint es, als zucke
sie zusammen, um aus diesem Zucken
heraus auch für sich eine Flamme
aufflackern zu lassen, damit auch sie
Totenwache halten kann bei einem anderen
Toten hier, auf dem unberührten Bett.
Und für diese Kerze ist
es eine Art Revanche. Tatsächlich ist an
diesem Abend das Wasser in der Flasche
nicht gewechselt und auch das Nachthemd
nicht aus dem Kleidersack geholt und auf
den zurückgeschlagenen Decken
ausgebreitet worden. Und der
Wandkalender zeigt das Datum von
gestern.
Für einen Tag ist sie
stehen geblieben, die Illusion des
Lebens in diesem Zimmer, und es scheint,
als wäre es für immer.
Nur die alte Bronzeuhr
auf der Kommode fährt fort, düsterer und
verdrossener denn je in diesem dunklen
Warten ohne Ende von der Zeit zu reden.
* * *
*
Erstveröffentlichung Mai 1916 in
La lettura; keine
Varianten bekannt.