Die Dramen, die er bei
seinen zwanzig und mehr Verlöbnissen
durchlebt hatte, würden, wenn man sie in
einem von ihm erzählten Buch sammelte,
wohl eine der erheiterndsten Lektüren
unserer Tage abgeben. Aber was für die
Leser Motiv des Gelächters wäre, das
waren doch leider ursprünglich Tränen,
echte Tränen für den armen Perazzetti,
und Zorn und Beklemmung und
Verzweiflung.
Jedes Mal versprach er,
schwor er heilige Eide, er würde nicht
mehr rückfällig werden; er nahm sich
vor, sich ein heldenhaftes, unerhörtes
Mittel auszudenken, das ihn vor
amourösen Rückfällen bewahren sollte.
Ach was! Die Rückfälle kamen immer schon
kurze Zeit später, und sie waren meist
ärger als das Mal zuvor.
Eines Tages schließlich
schlug wie eine Bombe die Nachricht ein,
daß er sich verheiratet hätte. Und er
hatte niemand geringeren geheiratet
als... Aber nein, das wollte anfangs nun
wirklich keiner glauben! Verrücktheiten
hatte Perazzetti ja wirklich jede Menge
begangen; aber daß er so weit gehen
würde, sich für das ganze Leben an eine
Frau wie die da zu binden...
Sich zu binden? Wenn
dieses Wort einem der vielen Freunde,
die ihn zu Hause besuchten,
entschlüpfte, dann war es ein Wunder,
wenn Perazzetti ihn nicht gleich
auffraß.
"Sich binden? Was heißt
da sich binden? Wieso denn sich binden?
Hohlköpfe, Idioten, Volltrottel seid ihr
alle miteinander! Sich binden? Wer
spricht denn davon? Hast du das Gefühl,
ich wäre gebunden? Na komm, hier
herein... Das ist doch mein gewohntes
Bett, ja oder nein? Glaubst du
vielleicht, das wäre ein Ehebett? He,
Celestino! Celestino!"
Celestino war sein alter
treuer Diener.
"Sag einmal Celestino:
Komme ich nicht jeden Abend allein
hierher zum Schlafen?"
"Ja, gnädiger Herr,
allein."
"Jeden Abend?"
"Jeden Abend."
"Wo speise ich?"
"Dort drüben."
"Mit wem speise ich?"
"Allein."
"Kochst du mir das
Essen?"
"Jawohl, ich, gnädiger
Herr."
"Und bin ich immer noch
derselbe Perazzetti?"
"Immer noch derselbe,
freilich, gnädiger Herr."
Sobald er den Diener
nach diesem Verhör wieder fortgeschickt
hatte, schloß Perazzetti, die Arme
ausbreitend:
"Somit..."
"Somit ist es nicht
wahr?", fragte der andere.
"Aber natürlich ist es
wahr! Ganz und gar wahr!" antwortete
Perazzetti. Ich habe sie geheiratet! In
der Kirche hab ich sie geheiratet und
vor dem Standesamt auch! Aber was tut
das schon? Hast du den Eindruck, daß das
was Ernstes ist?"
"Nein, im Gegenteil, das
ist vollkommen lächerlich."
"Na eben!", schloß
Perazzetti von neuem. "Dann rück mir
doch endlich von der Pelle! Habt ihr
noch nicht genug hinter meinem Rücken
über mich zu lachen gehabt? Tot wolltet
ihr mich haben, was? Ständig die
Schlinge um den Hals gelegt? Nein,
Schluß, Schluß, meine Lieben! Jetzt hab
ich mich für immer davon befreit! Da hat
es diesen letzten Wirbelsturm gebraucht,
dem ich nur wie durch ein Wunder lebend
entkommen bin."
Der letzte Wirbelsturm,
auf den Perazzetti anspielte, war seine
Verlobung mit der Tochter eines
Sektionschefs im Finanzministerium, des
Commendatore Vico Lamanna; und er hatte
wirklich recht, Perazzetti, wenn er
davon sprach, daß er ihm nur wie durch
ein Wunder lebend entkommen war. Er
hatte sich auf Degen mit ihrem Bruder
Lino Lamanna schlagen müssen. Und da
Lino einer seiner besten Freunde war und
er das Gefühl hatte, nichts, aber auch
gar nichts gegen ihn zu haben, hatte er
sich großzügig aufspießen lassen wie ein
Huhn.
Dabei hatte es diesmal
geschienen - und jeder hätte die Hand
dafür ins Feuer gelegt - daß die
Hochzeit wirklich stattfinden würde.
Signorina Ely Lamanna, die eine
englische Erziehung genossen hatte - wie
man auch am Vornahmen sehen konnte, war
ehrlich, offen, ein solider Charakter,
mit beiden Beinen auf der Erde stehend
(sprich: sie trug amerikanische Schuhe);
und so war es ihr ohne Zweifel gelungen,
die übliche Katastrophe in Perazzettis
Phantasie zu überstehen. Freilich, das
eine oder andere Lachen war ihm
entschlüpft, wenn er ihren
Schwiegervater, den Commendatore,
betrachtete, der auch im Umgang mit ihm
stets in den Wolken schwebte und zu ihm
manchmal mit dieser süßlichen Blumigkeit
sprach... Aber damit hatte es sich auch
schon. Er hatte der Braut den Grund
seiner Lachanfälle in liebenswürdiger
Form enthüllt, sie hatte mitgelacht, und
nachdem diese Klippe umschifft war,
glaubte sogar er, Perazzetti, daran, daß
er diesmal endlich den ruhigen Hafen der
Ehe erreichen würde (wie man so schön
sagt). Die Schwiegermutter war ein
braves altes Weiblein, bescheiden und
schweigsam, und Lino, sein Schwager,
schien wie gemacht dafür, in allem und
jedem mit ihm übereinzustimmen.
Tatsächlich wurden
Perazzetti und Lino Lamanna vom ersten
Tag des Verlöbnisses an unzertrennlich.
Mehr als mit der Braut konnte man sagen,
daß Perazzetti mit seinem zukünftigen
Schwager zusammen war: Ausflüge,
Jagdpartien, gemeinsame Ausritte,
gemeinsame Bootsausflüge auf dem Tiber
mit dem Ruderklub.
Alles konnte er sich
ausmalen, der arme Perazzetti, nur das
nicht, daß dieses Mal die "Katastrophe"
gerade durch diese allzu große Intimität
im Umgang mit dem zukünftigen Schwager
zustandekommen sollte, durch einen
weiteren Streich, den ihm seine
krankhafte und spöttische Phantasie
spielen sollte.
Plötzlich begann er
nämlich an seiner Verlobten eine
beunruhigende Ähnlichkeit mit ihrem
Bruder zu bemerken.
Das war in Livorno, wo
er - natürlich mit den Lamannas - auf
Badeferien gefahren war.
Perazzetti hatte Lino so
oft im Badetrikot gesehen, im Ruderklub;
nun sah er die Braut im Badekostüm. Er
bemerkte sofort, daß Lino wirklich etwas
Feminines an sich hatte, im Bau der
Hüften.
Wie Perazzetti
reagierte, als er diese Ähnlichkeit
bemerkte? Der kalte Schweiß trat ihm auf
die Stirne, er begann einen
unüberwindlichen Abscheu vor dem
Gedanken zu empfinden, mit Ely Lamanna,
die ihrem Bruder so ähnlich war, in
eheliche Intimitäten einzutreten. Sofort
erschienen ihm diese Intimitäten als
etwas Monströses, geradezu
Widernatürliches, da er in seiner Braut
ihren Bruder sah. Und bei der geringsten
Liebkosung ihrer Hand begann er sich zu
winden, unter den Blicken dieser bald
aufstachelnden und fordernden, bald in
dem Versprechen einer seufzenden Lust
ermattenden Augen.
Konnte Perazzetti sie
denn anschreien: "Ach Gott, hör doch
auf, um Himmels willen! Lassen wir es
sein! Ich kann der beste Freund Linos
sein, weil ich ihn nicht heiraten muß,
aber ich kann dich nicht mehr heiraten,
weil ich das Gefühl hätte, deinen Bruder
zu heiraten!"?
Die Folter, die
Perazzetti diesmal auszustehen hatte,
war bei weitem schlimmer als alle
bisherigen. Es endete mit diesem
Degenstoß, der ihn nur durch ein Wunder
nicht ins Jenseits beförderte.
Und kaum war er von der
Wunde genesen, fand er endlich das
heldenhafte, unerhörte Mittel, das ihm
den Weg der Heirat auf ewig versperren
sollte.
Ja, wie denn - werdet
ihr fragen - indem er heiratete?
Freilich! Filomena: die
mit dem Hund. Indem er Filomena
heiratete, diese arme Schwachsinnige,
die jeden Abend auf der Straße zu sehen
war, aufgeputzt mit schrecklichen, mit
zerzaustem Gemüse beladenen Hüten,
gezogen von einem schwarzen Pudel, der
ihr nie die Zeit ließ, ihre schneidenden
Lachanfälle vor den Polizisten, den
Halbwüchsigen und den Soldaten zu Ende
zu führen, weil er immer so große Eile
hatte - der verdammte Hund - weiß Gott
wo anzukommen, in irgend einem dunklen
Winkel...
In der Kirche und auf
dem Standesamt heiratete er sie; er las
sie von der Straße auf, setzte ihr
zwanzig Lire täglich als Kostgeld aus
und schickte sie weit fort, aufs Land,
mit dem Hund.
Die Freunde - das könnt
ihr euch wohl denken - ließen ihm lange
Zeit hindurch keine Ruhe. Aber
Perazzetti war nun wirklich ruhig
geworden, ganz ernsthaft, er schien gar
nicht mehr er selbst zu sein.
"Ja", sagte er und
betrachtete seine Fingernägel. "Ich habe
sie geheiratet. Aber das ist ja nichts
Ernstes. Was das Schlafen betrifft, ich
schlafe allein in meinem Haus. Was das
Essen betrifft, ich esse allein in
meinem Haus. Ich sehe sie nie. Sie stört
mich nicht... Ihr sagt, es ist wegen des
Namens? Na gut: ich habe ihr meinen
Namen gegeben. Aber, Herrschaften, was
ist schon ein Name? Das ist doch nichts
Ernstes."
Ernste Dinge im strengen
Sinn gab es für Perazzetti nicht. Alles
liegt an der Bedeutung, die man den
Dingen zumißt. Eine überaus lächerliche
Angelegenheit kann ganz und gar ernst
werden, wenn man ihr Bedeutung
zubilligt, und umgekehrt kann die
ernsteste Angelegenheit sich plötzlich
als lächerlich erweisen. Was könnte
ernster sein als der Tod? Und doch, für
so viele, die dem Tod keine Bedeutung
zumessen...
Na gut; aber nach
einiger Zeit wollten ihn die Freunde
sehen! Wer weiß, wie er die Sache dann
bereuen würde!
"Schöne Prophezeihung!"
entgegnete Perazzetti. "Natürlich werde
ich es bereuen! Ich beginne es ja jetzt
schon zu bereuen..."
Als ihm dieser Satz
entschlüpfte, fielen die Freunde laut
ein: "Na! Siehst du?"
"Ach ihr Schafsköpfe!",
gab Perazzetti zurück. "Gerade dann,
wenn ich es tatsächlich bereue, dann
beginnt mein Heilmittel ja erst zu
wirken, denn das bedeutet, daß ich mich
wiederum verliebt habe, so sehr, daß ich
von neuem dabei wäre, die größte,
viehischste Dummheit zu begehen, die man
begehen kann: mir eine Frau zu nehmen.
Chor: "Aber du hast doch
schon eine genommen!"
Perazzetti: "Die? Ach
hört mir auf! Das ist doch nichts
Ernstes."
Schlußfolgerung:
Perazzetti hatte
geheiratet, um sich vor der Gefahr zu
schützen, sich eine Frau zu nehmen.
* * *
*
- Erstveröffentlichung im
Corriere della Sera vom 7.
Januar 1910. Keine wesentlichen
Varianten bekannt - die in
Beffe della morte e della vita
II (Florenz, 1903)
veröffentlichte Novelle "La
Signora Speranza" unterscheidet
sich im Inhalt doch
beträchtlich. Ähnliches gilt für
das eher dieser Novelle
nachgebildete Theaterstück Ma
non è una cosa seria - "Aber
das ist doch nichts Ernstes" von
1918 - siehe Bd.?