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aus dem Italienischen von Michael
Rössner
Ein Hund vor einer geschlossenen
Tür, der kauert sich geduldig auf den Boden und
wartet, daß man ihm aufmacht; allerhöchstens hebt er
dann und wann die Pfote und kratzt ein bißchen
daran, wobei er ein unterdrücktes Winseln hören
läßt.
Als Hund, das weiß er, kann er nicht
mehr tun.
Als Cinci vom Nachmittagsunterricht
nach Hause kommt, das Bündel aus Büchern und Heften
mit dem Lederriemen darum unter den Arm geklemmt,
findet er den Hund dort vor der Tür, und versetzt
ihm, weil ihm dieses geduldige Warten auf die Nerven
geht, einen ordentlichen Fußtritt; und Fußtritte
bekommt auch die Türe ab, obwohl er doch weiß, daß
sie versperrt ist und daß niemand zu Hause ist; am
Schluß nimmt er das, was ihn am meisten beschwert,
dieses Bücherbündel, und schleudert es wütend, um
sich davon zu befreien, gegen die Tür, als ob es
durch das Holz dringen und im Haus landen könnte.
Die Tür hingegen schleudert ihm das ganze mit
derselben Kraft wieder gegen die Brust zurück. Cinci
ist überrascht, als wäre das ein schönes Spiel, zu
dem die Tür ihn aufgefordert hat, und er wirft das
Bündel noch einmal. Und dann, weil sie nun schon zu
dritt sind bei diesem Spiel, Cinci, das Bündel, und
die Tür, will der Hund auch mitmachen, und fährt bei
jedem Wurf und jedem Zurückprallen bellend in die
Höhe. Der eine oder andere Vorübergehende bleibt
stehen und schaut hinüber; der eine lächelt, fast
ein wenig beschämt über die Blödheit dieses Spiels
und des Hundes, der sich darüber freut; der andere
entrüstet sich wegen der armen Bücher; die kosten
schließlich Geld; es sollte nicht erlaubt sein, sie
so verächtlich zu behandeln. Schließlich macht Cinci
dem Schauspiel ein Ende. Das Bücherbündel auf die
Erde, und Cinci, mit dem Rücken die Mauer
entlangfahrend, will sich darauf niederlassen; das
Bündel freilich rutscht ihm unter dem Gesäß weg und
er kommt unsanft auf die Erde zu sitzen; er grinst
verlegen und schaut sich um, während der Hund
zurückfährt und ihn ansieht.
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Fast könnte man alle Teufeleien, die
Cinci durch den Kopf gehen, schon an diesen
zerrauften Haarbüscheln seiner strohigen Haare und
an den blitzenden grünen Augen ablesen, in denen sie
förmlich zu brodeln scheinen. Er ist in dem
unglückseligen Alter des Wachstums, kratzbürstig und
bleich. Als er an diesem Nachmittag wieder in die
Schule ging, hat er das Taschentuch zu Hause
vergessen, deshalb bläst er nun von Zeit zu Zeit
durch die Nase aus, während er dort auf der Erde
sitzt. Die riesigen Knie der langen, nackten Beine ‑
denn obwohl er das eigentlich nicht mehr tun sollte,
trägt er immer noch kurze Hosen ‑ stoßen ihm fast
gegen das Kinn. Wenn er geht, setzt er die Füße
schief auf, und seine Schuhe halten nie lange; die,
die er jetzt anhat, sind schon ganz zerschlissen.
Nun hat er’s satt, er umklammert seine Beine,
prustet und zieht sich mit dem Rücken an der Mauer
hoch. Auch den Hund nimmt er mit, es sieht so aus,
als frage er ihn, wohin sie jetzt gehen sollen?
Wohin? Aufs Land hinaus, um eine Jause zu essen,
indem sie da oder dort eine Feige oder einen Apfel
stibitzen. Das ist nur so eine Idee; er ist sich
noch nicht ganz sicher, ob er es wirklich tun soll.
Das Straßenpflaster hört hier auf,
unmittelbar nach dem Haus; dann beginnt die
Sandstraße des Vororts, die bis weit in das offene
Land hineinführt. Wer weiß wie angenehm das sein
muß, wenn man in der Kutsche fährt und die Hufeisen
der Pferde und die Wagenräder von dem harten,
lärmenden Pflaster auf die weiche, leise Sandstraße
gelangen. Das muß wohl ganz ähnlich sein, wie wenn
der Professor, nachdem er ihn so heftig ausgezankt
hat, weil er ihn geärgert hat, plötzlich mit sanfter
Güte, gemischt mit resignierender Melancholie, zu
ihm spricht, und ihm das um so mehr wohl tut, als es
ihn von der befürchteten Strafe entfernt. Ja, aufs
Land hinauslaufen; hinaus aus der Enge der letzten
Häuser dieses muffigen Vororts, bis dort unten hin,
wo sich die Straße am Ausgang des Ortes zu einem
Platz verbreitert. Nun steht dort das neue Spital,
und dessen frisch gekalkte Wände sind noch so weiß,
daß man in der Sonne die Augen schließen muß, so
sehr blenden sie. Neulich erst haben sie dort alle
Kranken hintransportiert, die vorher im alten Spital
gelegen hatten, mit Ambulanzwagen und auf Bahren; es
sah aus wie ein Fest, als die alle so in einer
langen Reihe dahinzogen, die Amblanzen voran, mit
den wehenden Vorhängen an den Fenstern; und für die
schwerer Kranken, diese schönen auf Federlagern wie
Spinnen auf ihrem Netz schwingenden Bahren. Aber
jetzt ist es schon spät; die Sonne wird bald
untergehen, und die Rekonvaleszenten werden nicht
mehr da und dort an den Fenstern lehnen, in ihren
grauen Hemden und den weißen Käppchen, um traurig
das alte Kirchlein gegenüber anzusehen, das zwischen
den paar Häusern dort, die auch schon alt sind,
hervorragt, zusammen mit dem einen oder anderen
Baum. Hinter dem kleinen Platz schließlich wird aus
der Straße eine reine Landstraße, die den Hügel
hinaufklettert.
Cinci bleibt stehen; er bläst wieder
hörbar die Luft aus. Soll er denn wirklich dorthin
gehen? Er macht sich wieder auf den Weg, die Lust
ist ihm vergangen, denn er fühlt, wie in seinen
Eingeweiden all das Böse brodelt, das ihm aus vielen
Dingen zuwächst, die er sich nicht erklären kann:
seine Mutter, wie sie lebt, wovon sie lebt, nie zu
Hause, und dabei versteft sie sich darauf, ihn immer
noch n die Schule zu schicken; verdammte Schule, so
weit weg; jeden Tag, selbst wenn er nur so
dahinfliegt, braucht er wenigstens drei
Viertelstunden von da unten, wo er wohnt, um dorthin
zu gelangen; und dann zu Mittag wieder nach Hause;
und dann wieder in die Schule, kaum daß er zwei
Bissen heruntergewürgt hat; wie soll er nur
rechtzeitig kommen? Und seine Mutter sagt, er
verliere seine Zeit beim Spielen mit dem Hund, und
er sei ein Taugenichts, und kurz und gut, sie wirft
ihm immer dieselben Dinge vor: er lernt nicht, er
ist schmutzig, wenn sie ihn Einkaufen schickt,
hängen ihm die Händler die schlechteste Ware an...
Wo ist denn Fox?
Ach da: er trottet ihm hinterdrein,
das arme Vieh. Na, der weiß wenigstens, was er tun
muß: seinem Herrn folgen. Etwas tun: genau das ist
der Grund seiner Unruge: daß er nicht weiß was. Sie
könnte ihn ihm ja wirklich auch geben, seine Mutter,
den Hausschlüssel, wenn sie tagsüber zum Nähen, wie
sie ihm zu verstehen gibt, in die Häuser der
Herrschaften geht. Aber nein, sie sagt, sie habe
kein Vertrauen, und wenn sie noch nicht da ist, wenn
er von der Schule kommt, dann könne es nicht mehr
lange dauern und er solle ruhig warten. Wo? Dort,
still vor der Tür? Manchmal hat er sogar zwei
Stunden dort gewartet, in der Kälte, und auch im
Regen; und dann ist er, anstatt ich unterzustellen,
justament zu der Ecke gelaufen, um die ganze Dusche
aus der Regenrinne auf den Kopf zu bekommen, damit
sie ihn zum Auswringen naß vorfinden sollte. Endlich
sieht er sie kommen, keuchend mit einen geliehenen
Schirm, glühendem Gesicht, die glänzenden Augen
wichen ihm aus, und sie war so nervös, daß sie nicht
einmal den Schlüssel in der Tasche fand.
„Bist du naß geworden? Nimm’s nicht
tragisch, ich bin aufgehalten worden.“
Anfangenseite
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Cinci runzelt die
Brauen. An gewisse Dinge will er nicht
denken. Aber seinen Vater, den hat er
nie gekannt. Man hat ihm gesagt, er wäre
gestorben, noch ehe er zur Welt kam;
aber wer er gewesen ist, das hat man ihm
nicht gesagt; und jetzt will er nicht
mehr danach fragen, und er will es auch
gar nicht mehr wissen. Es kann ja auch
dieser Invalide sein, der sich auf einer
Seite hinkend dahinschleppt ‑ ja, bravo,
natürlich in die nächste Schenke. Fox
baut sich vor ihm auf und verbellt ihn.
Wahrscheinlich ist es die Krücke, die
ihm solchen Eindruck macht. Und da sind
all diese Frauen, die in einem Haufen
beeinanderstehen, mit ihren großen
Bäuchen, ohne daß sie doch schwanger
wären; na, eine vielleicht schon; die,
deren Kleidersaum sich vorne eine
Handbreit über den Boden hebt und hinten
die Straße fegt; und diese andere, die
mit dem Kind im Arm, das sie eben von
der Brust abnimmt... ach, pffff, was für
eine schlaffe Haut! Seine Mamma ist
schön, und noch immer so jung, ihm hat
sie als Kind auch Milch gegeben, so aus
der Brust, vielleicht in einem Haus auf
dem Land, in einer Scheune, im
Sonnenschein. Er hat eine vage
Erinnerung an ein Haus auf dem Land,
Cinci; in dem hat er vielleicht, wenn er
es nicht geträumt hat, in seiner
Kindheit gewohnt, oder vielleicht hat er
es damals gesehen, wer weiß wo. Jetzt
freilich, wenn er sie so aus der Ferne
betrachtet, die Häuser auf dem Land,
dann fühlt er die Traurigkeit, die sich
dort ausbreiten muß, wenn es Abend wird,
mit den Petroleumlampen, die man dann
anzündet, solche Lampen, wie man sie von
einem Zimmer ins andere trägt, und wie
man sie von draußen durch ein Fenster
verschwinden und im anderen wieder
auftauchen sieht.
Jetzt ist er auf dem
Platz angekommen. Nun sieht man die
ganze Ausdehnung des Himmels vor sich,
auf dem das Rot des Sonnenuntergangs nun
schon einem gedämpften Farbton gewichen
ist, und über dem schwarz erscheinenden
Hügel das zarte Hellblau. Auf der Erde
liegt schon der Schatten des Abends, und
der die große weiße Mauer des Spitals
hat sich ein wenig bläulich verfärbt.
Irgendein altes Weiblein läuft verspätet
zum Vespergebet in die Kirche. Plötzlich
bekommt Cinci auch Lust hineinzugehen,
und Fox bleibt stehen und seht ihn an,
denn er weiß sehr gut, daß er da nicht
hineindarf. Vor dem Eingang keucht die
verspätete Alte und müht sich mit dem
ledernen Türvorhang ab, der für sie viel
zu schwer ist. Cinci hilft ihr ihn
aufzuheben, aber sie sieht ihn nur böse
an, statt ihm zu danken, denn sie errät,
daß er nicht aus Frömmigkeit in die
Kirche geht. Das Kirchlein hat die
Steifheit einer Grotte; auf dem
Hauptaltar die zuckenden Lichtblitze
zweier flackernder Kerzen nd da und dort
irgendein verlorenes Lämpchen. Sie hat
so viel Staub angesammelt, die arme
Kirche, durch ihr hohes Alter; und der
Staub riecht abgestanden in dieser
feuchten Roheit; die düstere Stille
scheint mit allen Echos nur auf den
geringsten Lärm zu warten. Cinci
überkommt die Versuchung, einen Gebrüll
loszulassen, um sie alle aufzuschrecken.
Die Betschwestern haben sich in den
Bänken aufgereiht, eine jede auf ihrem
Platz. Nein, kein Gebrüll, aber dieses
Bücherbündel, das so schwer an ihm
hängt, mit Krach auf den Boden werfen,
als wäre es ihm zufällig aus der Hand
gefallen, warum nicht? Er wirft es, und
sofort springen die Echos dem dröhnenden
Aufprallen entgegen und ersticken es in
fast verächtlicher Weise. Das mit dem
Echo, das ein Geräusch anspringt wie ein
im Schlaf gestörter Hund und es
erstickt, das ist eine Erfahrung, die
Cinci schon mehrfach mit Vergnügen
gemacht hat. Man darf die Geduld der
armen entsetzten Beginen nicht
mißbrauchen. Cinci verläßt die Kirche;
er findet Fox, der auf ihn wartet und
geht weiter die Straße, die den Hügel
hinaufführt. Irgendein Obst, um etwas zu
naschen, das muß sich doch finden
lassen, wenn er weiter hinten über eine
Mauer klettert und sich zwischen die
Bäume schlägt. Er hat ein Gefühl der
Leere; aber er weiß nicht, ob es
eigentlich das Bedürfnis nach Essen ist
oder diese Unruhe, daß er etwas tun muß,
die sich ihm auf den Magen geschlagen
hat.
Eine Landstraße, ergauf,
einsam; Kieselsteine, die den Eseln
manchmal zwischen den Hufen stecken
bleiben, dann ein Stück herunterkullern
und dann dort liegen bleiben, wo sie zum
Stillstand kommen; da ist schon einer:
ein Tritt mit der Schuhspitze: Genieß,
flieg! Gras, das am Straßenrand oder am
Fuß der Mauern hervorsprießt, lange
Haferhalme mit ihren Büscheln drauf, das
macht Spaß, die abzustreifen: all die
kleinen Haferbüschel bleiben dann
zwischen den Fingern zurück; dann wirft
man sie jemandem nach und so viele auf
ihm hängen bleiben, so viele Ehemänner
wird sie haben, wenn es eine Frau ist,
und so viele Ehefrauen wenn es ein Mann
ist. Cinci will das mit Fox
ausprobieren. Sieben Ehefrauen, keine
einzige weniger. Aber eigentlich gilt
das nicht, denn auf dem schwarzen Fell
von Fox sind alle auf einmal
hängengeblieben. Und Fox, der alte
Dummkopf, hat die Augen geschlossen und
ist ruhig stehen geblieben, ohne den
Scherz zu verstehen, mit diesen sieben
Ehefrauen am Leib.
Jetzt mag er nicht mehr
weitergehen, Cinci ist müde und hat es
satt. Er läßt sich auf der Mauer links
neben der Straße nieder und betrachtet
von dort aus die Larve des Mondes, die
sich eben beginnt, mit einem blassen
Gold zu beleben, inmitten des Grün, das
sich in der zu Ende gehenden
Abenddämmerung auflöst. Er sieht ihn und
sieht ihn auch wieder nicht; so wie die
Dinge ihm im Kopf umherfliegen und eines
sich in das andere verwandelt, und alle
zusammen ihn immer weiter von diesem
seinen Körper, der da unbeweglich sitzen
bleibt, entfernen, so sehr, daß er ihn
gar nicht mehr spürt; seine eigene Hand,
wenn er die erblickte, so wie sie da auf
dem Knie liegt, erschiene ihm als die
Hand eines Fremden, und ebenso sein Fuß,
der da herunterbaumelt, mit dem
zerschlissenen, schmutzigen Schuh daran.
Es ist nicht mehr sein Körper: er ist in
den Dingen drinnen, die er sieht und
auch nicht sieht, in dem sterbenden
Himmel, in dem sich entzündenden Mond,
und dort in diesen düsteren Baummassen,
die in die dünn gewordene Luft
hineinragen, und hier in der lockeren,
schwarzen, vor kurzem erst umgestochenen
Erde, aus der noch diese faulige
Feuchtigkeit der Schwüle dieser letzten
Oktobertage, in denen die Sonne noch
warm scheint, aufsteigt.
Plötzlich, so
gedankenverloren er auch ist, zuckt er
zusammen, und instinktiv greift er sich
mit einer Hand ans Ohr. Unter der Mauer
dringt ein Lachen hervor. Ein Junge in
seinem Alter, ein Bauernlümmel, hat sich
dort unten versteckt, auf der Seite der
Äcker. Auch er hat einen langen
Haferhalm abgerissen und die Samen
abgestreift, hat am Ende eine Schlinge
gemacht und ganz leise, den Arm
ausstreckend, versucht, Cinci am Ohr zu
erwischen. Kaum wendet Cinci sich
ärgerlich um, macht er ihm ein Zeichen,
still zu sein und streckt den Halm an
der Mauer entlang aus, wo zwischen zwei
Steinen die Schnauze einer Eidechse
sichtbar wird, die er mit dieser
Schlinge schon seit einer Stunde zu
erhaschen sucht. Cinci reckt den Hals
und sieht zu, in banger Erregung. Das
Tierchen hat, ohne es zu merken, von
selbst den Hals in die dort hingehaltene
Schlinge gesteckt; aber das ist noch zu
wenig; es gilt zu warten, daß es den
Kopf noch weiter vorstreckt, aber
vielleicht zieht es ihn ja auch zurück,
wenn die Hand, die den Haferhalm hält,
zittert und es dadurch die Falle
bemerkt. Vielleicht ist es gerade dabei,
sich aus dieser Zufluchtsstätte
herauszustürzen, die ihm zu einem
Gefängnis geworden ist. Ja! Ja! Aber nun
aufgepaßt, im richtigen Augenblick
zugezogen, damit man es erwischt. Es ist
ein einziger Augenblick. Da haben wir
es! Nun zappelt die Eidechse wie ein
Fischlein an der Spitze dieses
Haferhalms. Unwiderstehlich angezogen
springt Cinci von der Mauer herab; der
andere jedoch, vielleicht aus Angst,e r
wollte ihm das Tierchen abnehmen, läßt
den Arm ein paarmal im Kreis durch die
Luft schwingen und schlägt es dann mit
aller Kraft gegen eine Steinplatte, die
dort zwischen dem Gestrüpp liegt.
„Nein!“ schreit Cinci; aber es ist schon
zu spät. Die Eidechse liegt unbeweglich
auf der Steinplatte, ihr weißer Bauch
glänzt im Mondlicht. Cinci wird wütend.
Ja, auch er wollte, daß dieses arme Tier
gefangen wird, weil auch ihn einen
Augenblick lang die Jagdlust ergriffen
hat, die in allen Menschen verborgen
lauert. Aber es so einfach umzubringen,
ohne es auch nur aus der Nähe zu
betrachten, die fast qualvoll scharfen
Äuglein, das Beben der Flanken, das
Zittern dieses ganzen grünen
Körperchens; nein, das war wirklich dumm
und gemein. Und Cinci schlägt mit aller
Kraft seine Faust gegen die Brust dieses
Jungen, und der fällt rücklings auf den
Boden und rutscht noch ein Stück weiter,
um so weiter als er so plötzlich das
Gleichgewicht verlierend, versucht hat,
nicht zu fallen und wieder Tritt zu
fassen. Aber kaum liegt er, da springt
er auch schon wieder wütend in die Höhe,
packt einen Erdklumpen und wirft ihn
Cinci ins Gesicht; der sieht nichts mehr
und verspürt im Mund diesen feuchten
Geschmack, der nach Schmach riecht und
ihn nun jede Beherrschung verlieren
läßt. Auch er nimmt einen Erdbrocken und
wirft ihn auf den Gegner. Das Duell der
beiden wird auf der Stelle zum heftigen,
schonungslosen Kampf. Der andere ist
freilich geschickter und schneller. Er
trifft immer, und er kommt ihm immer
näher, mit diesen Erdklumpen, die, wenn
sie auch keine Wunden verursachen, doch
dumpf und hart aufprallen und, während
sie auseinanderbrechen, wie ein
hagelschauer auf ihn niedergehen, auf
die Brust, ins Gesicht, in die Hare, in
die Ohren, sogar in die Schuhe. Halb
erstickt, dreht Cinci, als er schon
nicht mehr weiß, wie er sich verteidigen
soll, sich wütend um, tut einen Satz und
reißt mit erhobenemr Hand einen Stein
aus der Mauer. Irgendwer läuft dort weg:
das wird wohl Fox sein. Kaum hat er den
Stein geworfen, da ist plötzlich ‑ wie
ist das möglich? ‑ in all dem, was
vorher vor seinen Augen tanzte und sich
ineinanderschob, diese Massen von
Bäumen, im Himmel der Mond wie ein
Strich aus Licht, Ruhe eingetreten: da,
nun bewegt sich nichts mehr, als hätte
die Zeit und mit ihr alle Dinge in einem
in einem verblüfften Staunen
innegehalten, rund um diesen Jungen, der
bäuchlings auf der Erde liegt. Cinci,
noch keuchend, schlägt das Herz bis zum
Hals. Er schaut entsetzt, an die Mauer
gelehnt, auf diese unglaubliche
schweigende Unbeweglichkeit des Ackers
unter dem Mond, auf diesen Jungen, der
da liegt, das Gesicht halb in der Erde
verborgen, und fühlt in sich das Gefühl
einer ewigen Einsamkeit wachsen, heftig
wachsen, vor der er auf der Stelle
fortlaufen muß. Nein, das ist er nicht
gewesen; er hat nichts davon gewollt; er
weiß nichts darüber. Und dann, ja,
geradeso, als ob er es nicht gewesen
wäre, macht er einen Schritt und dann
noch einen, und beugt sich hinunter, um
zu schauen. Der Junge hat den Schädel
eingeschlagen, der Mund ist voll
schwarzem, mit der Erde verkrusteten
Blut, ein Bein ragtt ein bißchen nackt
hervor, zwischen dem Hosenbein, das
hinaufgerutscht ist, und der
Baumwollsocke. Tot, als ob er es immer
schon gewesen wäre. Das ist alles, als
wäre es ein Traum. Er muß aus diesem
Traum erwachen, um rechtzeitig
fortzugehen. Dort, wie in einem Traum,
liegt diese Eidechse zerschmettert auf
dem flachen Stein, den Bauch in den
Mondschein gereckt und den Haferhalm
noch immer am Hald hängend. Er geht
fort, sein Bücherbündel wieder unter den
Arm geklemmt und Fox hinter ihm drein,
der auch von nichts weiß.
Als er nach und nach
sich immer weiter entfernt, von dem
Hügel herabsteigt, wird er immer mehr
von einem so seltsamen Sicherheitsgefühl
erfüllt, daß er sich nicht einmal
beeilt. Er kommt zu dem menschenleeren
Platz; auch hier ist der Mond, aber ein
anderer Mond, den nun, hier, beleuchtet
er, ohne von irgend etwas zu wissen, die
weiße Fassade des Spitals. Da ist nun
die Vorortstraße, so wie zuvor. Er langt
zu Hause an: Seine Mutter ist noch nicht
gekommen. Er muß also nicht einmal
erzählen, wo er gewesen ist. Er ist hier
gewesen und hat auf sie gewartet. Und
dies wird, so wie es nun für seine
Mutter die Wahrheit wird, auf der Stelle
auch für ihn die Wahrheit; da ist er ja
tatsächlich, den Rücken an die Wand
gelehnt, wartend neben der Tür.
Es genügt, wenn man ihn
so findet.
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