Nun, als Ehefrau und mit einer Mitgift, wie sah sie
da die Sache, lieber Herr? Sie war von einem Tag zum
anderen wie ausgewechselt.
Nun hören Sie zu. Wissen Sie, daß ich so einen
gewissen boshaften Geist im Leibe habe... wie soll
ich ihn nennen? phi-... philosophenhaft ist er, das
mag ihnen seltsam erscheinen; aber lassen Sie mich
erzählen.
Glauben Sie, daß es nur zwei Geschlechter gibt, das
männliche und das weibliche?
Nein, mein Herr.
Die Ehefrauen sind ein Geschlecht für sich. Die
Ehemänner auch.
Und was die Geschlechter betrifft, da gewinnt die
Frau durch die Ehe immer. Sie macht einen großen
Schritt vorwärts! Sie erhält nämlich so viel Anteil
am männlichen Geschlecht, wie der Mann
notwendigerweise davon aufgeben muß. Und aufgeben
muß er viel, glauben Sie mir das.
Wenn ich einmal auf die traurige Idee verfiele, eine
vernünftige Grammatik zu erstellen, wie ich sie
nenne, würde ich zur Regel erheben, daß es der
Ehefrau und infolgedessen die Ehemann heißen
muß.
Sie lachen? Aber für die Ehefrau, mein lieber Herr,
für die Ehefrau ist der Ehemann wirklich kein Mann
mehr. Sie bemüht sich ja nicht einmal mehr, ihm zu
gefallen.
"Mit dir macht's keinen Spaß mehr", denkt die
Ehefrau. "Du kennst mich ja schon."
Und wenn der Ehemann wirklich so einfältig ist, sich
von neuem zu ereifern, etwa, wenn er sie zum
Beispiel wie eine Teufelin im Bett liegen sieht, mit
Lockenwicklern in den Haaren und dicht bestrichenem
Gesicht, dann geht es gleich los:
"Aber das tue ich doch für dich!", ist sie imstande
zu antworten.
"Für mich?"
"Sicher. Damit du keine schlechte Figur machst.
Wärst du denn froh, wenn die Leute, wenn sie dich
auf der Straße sehen, sagen würden: 'Ach, schau
einmal, was für eine Frau sich dieser arme Kerl
ausgesucht hat!'"
Und der Ehemann, der - das versichere ich Ihnen -
kein Mann mehr ist, der schweigt; und dabei müßte er
ihr ins Gesicht schreien:
"Aber das sage ich mir doch selbst, meine Liebe, was
für eine Frau ich mir ausgesucht habe, wenn ich dich
so ansehe, jetzt, wo du neben mir liegst! Ach, du
zeigst dich also deshalb mir jetzt zu Hause und im
Bett häßlich, damit die anderen dann auf der Straße
ausrufen können: 'Ach, schau einmal, was für eine
hübsche Frau dieser arme Kerl da hat!'? Und darum
sollten sie mich auch noch beneiden? Na, ich danke,
ich danke vielmals, meine Liebe, für diesen Neid mir
gegenüber, der sich natürlich in ein Begehren dir
gegenüber verwandelt. Du willst begehrt sein, damit
ich beneidet werde? Was du doch für ein guter Mensch
bist! Aber ich bin ein noch besserer Mensch, weil
ich dich geheiratet habe."
Und der Dialog ließe sich noch fortführen. Denn es
könnte ja der Fall eintreten, wissen Sie? - der
Fall, daß die Ehefrau sogar die Unverfrorenheit
besäße, den Ehemann ganz unschuldig zu fragen, ob
sie, geschminkt und aufgeputzt zum Spaziergang,
seiner Meinung nach gut aussähe.
Der Ehemann müßte ihr darauf antworten:
"Ja, weißt du, Liebe, die Geschmäcker sind doch sehr
verschieden. Mir persönlich gefällt, wie ich dir
schon gesagt habe, diese Frisur nicht besonders. Wem
willst du nun gefallen? Das müßtest du mir sagen,
damit ich dir eine Antwort geben kann. Keinem?
Wirklich keinem? Ja, dann sei froh, wenn schon
keinem, dann versuch doch wenigstens deinem Mann zu
gefallen, das ist dann wenigstens einer und nicht
keiner!"
Mein lieber Herr, bei einer solchen Antwort würde
die Ehefrau ihren Mann fast mitleidig anschauen, und
dann würde sie verächtlich mit den Achseln zucken,
als wollte sie sagen: "Was hast denn du damit zu
schaffen?"
Und sie hätte recht. Die Frauen können nicht darauf
verzichten: instinktiv wollen sie gefallen. Für sie
ist es einfach eine Notwendigkeit, begehrt zu
werden.
Nun, das werden Sie verstehen, eine Ehemann kann
seine Ehefrau, die er Tag und Nacht um sich hat,
nicht mehr begehren. Ich meine: Er kann sie nicht so
begehren, wie sie begehrt werden möchte.
Denn so wie die Ehefrau im Ehemann nicht mehr den
Mann sieht, so sieht auch der Ehemann in der Ehefrau
nach einer gewissen Zeit nicht mehr die Frau.
Der Mann, der von Natur aus eher zum Philosophieren
neigt, geht darüber hinweg; die Frau hingegen ist
darüber gekränkt. Und deshalb wird ihr der Ehemann
bald lästig und oft geradezu unerträglich.
Sie muß für das eigene Wohlergehen Sorge tragen, der
Ehemann nicht.
Aber was immer er auch täte, glauben Sie mir, nichts
wäre ihr je recht, denn die Liebe, diese besondere
Liebe, die sie braucht, kann ihr der Ehemann,
einfach weil er ihr Ehemann ist, nicht mehr geben.
Mehr als Liebe ist es eine gewisse Aura von
Bewunderung, von der sie umgeben sein will. Aber
jetzt versuchen Sie sie einmal zu bewundern, wenn
sie im Haus mit Lockenwicklern, ohne Mieder, in
Pantoffeln und, sagen wir, heute mit Bauchweh und
morgen mit Zahnweh herumläuft. Diese gewisse Aura
kann aus den Blicken der Männer entstehen, die nicht
wissen, und deren Aufmerksamkeit sie, ohne daß es
schien, mit besonders raffinierter List, auf sich zu
ziehen und festzuhalten verstanden hat, um sich an
ihnen in wunderbarer Weise zu berauschen. Wenn sie
eine anständige Ehefrau ist, wird ihr das genügen.
Ich spreche jetzt von den anständigen Ehefrauen,
verstehen wir uns recht, ja geradezu von den
makellosen Ehefrauen. Von den anderen zahlt sich's
gar nicht mehr aus zu sprechen.
Erlauben Sie mir noch eine weitere kleine Überlegung.
Wir Männer haben die Angewohnheit zu sagen, die Frau
wäre ein unbegreifliches Wesen. Mein lieber Herr,
die Frau ist ganz im Gegenteil genauso wie wir, aber
sie kann es weder zeigen noch aussprechen, denn sie
weiß vor allen Dingen, daß es ihr die Gesellschaft
nicht gestattet und ihr als Schuld anrechnen würde,
was sie dagegen beim Mann ganz natürlich findet. Und
deshalb weiß sie, daß es den Männern keine Freude
machen würde, würde sie es zeigen und aussprechen.
Damit haben wir das Rätsel erklärt. Wer wie ich das
Pech gehabt hat, an eine Frau zu geraten, die sich
kein Blatt vor den Mund nimmt, der weiß das sehr gut.
Und jetzt wollen wir noch einen Schluck trinken. Nur
Mut!
Am Beginn war sie nicht so, die Carlotta. Sie wurde
erst nach der Hochzeit so, das heißt, sobald sie
sich wohl etabliert fühlte und bemerkte, daß ich
natürlich begann, in ihr nicht nur das Vergnügen,
sondern auch dieses überaus häßliche Ding zu sehen,
das wir Pflicht nennen.
Ich hatte sie zu achten, nicht wahr? Sie war
schließlich meine Frau. Nun, vielleicht wollte sie
nicht geachtet werden. Wer weiß weshalb, es ging ihr
jedenfalls schrecklich auf die Nerven, mich von
einem Tag auf den anderen zum exemplarischen Ehemann
werden zu sehen.
Für uns beide begann eine wahre Hölle. Sie ständig
brummend, widerborstig, ruhelos, ich dagegen
geduldig, ein wenig aus Angst, ein wenig aus dem
Bewußtsein heraus, die schlimmste aller Eseleien
begangen zu haben und die Folgen derselben zu
beklagen zu müssen. Ich lief ihr nach wie ein
Schoßhündchen. Und damit machte ich es noch
schlimmer! So sehr ich mir auch den Kopf
zermarterte, es gelang mir nicht zu erraten, was zum
Teufel meine Frau wollte. Aber ich hätte den sehen
wollen, der es zu erraten vermochte! Wissen Sie, was
sie wollte? Sie wäre gerne als Mann auf die Welt
gekommen, meine Frau! Und sie ließ ihre Wut darüber
an mir aus, daß sie stattdessen als Frau geboren
war. "Als Mann", sagte sie, "und meinetwegen
einäugig!"
Eines Tages fragte ich sie: "Na, laß mal hören, was
wäre aus dir geworden, wenn du als Mann auf die Welt
gekommen wärst?"
Und sie antwortete, während sie die Augen weit
aufriß: "Ein Verbrecher!"
"Bravo!"
"Und Ehefrau, nichts da, weißt du? Ich hätte nie
eine Frau genommen."
"Danke, Liebe."
"Ach, da kannst du ganz sicher sein!"
"Und du hättest dich bloß amüsiert? Glaubst du denn,
daß man sich mit den Frauen einfach bloß amüsieren
darf?"
Meine Frau sah mir ganz tief in die Augen: "Mich
fragst du das?" sagte sie dann. "Weißt du das denn
nicht? Ich hätte auch deshalb nicht geheiratet, um
nicht aus einer armen Frau eine Gefangene zu
machen."
"Ach", rief ich. "Fühlst du dich vielleicht als
Gefangene?"
Und sie: "Ob ich mich als Gefangene fühle? Ja, was
bin ich denn? Was bin ich denn immer schon gewesen,
seit ich lebe? Ich kenne ja nur dich. Wann habe ich
je mein Vergnügen gehabt?"
"Hättest du gerne andere gekannt?"
"Na sicher! Genauso wie du, der du so viele vorher
und wer weiß wie viele nachher gekannt hast!"
Mein lieber Herr, merken Sie sich also das eine sehr
gut: eine Frau empfindet genauso wie wir Begierde.
Sie sehen zum Beispiel eine schöne Frau, folgen ihr
mit Ihren Blicken, stellen sie sich in ihrer ganzen
Schönheit vor und umarmen sie in Gedanken, natürlich
ohne Ihrer Frau etwas davon zu sagen, die neben
Ihnen geht? Nun, in der Zwischenzeit sieht Ihre Frau
einen schönen Mann, folgt ihm mit ihren Blicken,
stellt ihn sich in seiner ganzen Schönheit vor und
umarmt ihn in Gedanken, natürlich ohne Ihnen etwas
davon zu sagen.
Da ist gar nichts Außergewöhnliches dabei; aber
glauben Sie mir, es ist gar nicht angenehm, zu
bedenken, daß diese leicht einsehbare und allgemein
verbreitete Tatsache auch auf die eigene Frau
zutrifft, die mit ihrem Körper, nicht aber mit der
Seele Ihre Gefangene ist. Und erst der Körper! Sagen
Sie selbst: Haben wir Männer nicht das Gefühl, daß
wir bei gegebener Gelegenheit nicht widerstehen
könnten? Nun, denken Sie einmal, daß dasselbe auch
auf die Frau zutrifft. Sie fallen, sie fallen um,
daß es eine Freude ist, mit derselben Leichtigkeit,
wenn es ihnen geschieht, wenn sich also ein
entschlossener Mann findet, zu dem sie Vertrauen
haben können. Das hat mir meine Frau deutlich zu
verstehen gegeben, natürlich indem sie von den
anderen Frauen sprach.
Und damit komme ich zu meinem Fall.
Natürlich wurde ich nach einem Jahr Ehe
leberleidend.
Sechs Jahre hindurch sinnlose Behandlungen, die
meinen armen Körper zerstörten, bis er sich in einem
so erbarmungswürdigen Zustand befand, daß sogar die
Leute, die an derselben Krankheit litten, ihn
bemitleideten.
Das Heilmittel sollte ich hier finden.
Ich kam mit meiner Frau hierher, und in den ersten
Tagen wohnte ich im Rori, so wie Sie jetzt. Ich
bestellte mir gleich nach der Ankunft einen Arzt,
der mich untersuchen und verordnen sollte, wie viele
Gläser am Tag ich zu trinken hätte, und ob ich eher
Duschen oder Bäder mit Schwefelwasser nehmen sollte.
Es erschien ein hübscher junger Mann, braunhaarig,
groß und kräftig, mit zackigem Auftreten, ganz in
Schwarz gekleidet. Wenig später erfuhr ich, daß er
tatsächlich Militärarzt gewesen war, genauer
Oberleutnant-Arzt; daß er in Rovigo ein Verhältnis
mit der Tochter eines Druckers gehabt hatte; daß sie
ihm eine Tochter geboren hatte, und daß er, nun zur
Heirat gezwungen, den Dienst quittiert hatte und als
Gemeindearzt hierher gezogen war. Acht Monate nach
diesem großen Opfer waren ihm, eine nach der anderen,
Frau und Tochter gestorben. Nun waren schon an die
drei Jahre seit diesem doppelten Unglück verstrichen,
aber er kleidete sich immer noch in Schwarz wie ein
wunderschöner Rabe.
Natürlich hatte er ungeheuren Erfolg mit dieser
Geschichte, daß er seine Militärkarriere aus Liebe
geopfert habe und vom Schicksal so schlecht dafür
belohnt worden sei; mit diesen beiden schrecklichen
Unglücksfällen, deren Spuren noch immer in diesem
Gesicht eingegraben waren, und mit seiner stolzen
Haltung, als wäre er Karl der Große persönlich. Alle
Frauen, hätte man sie gelassen, hätten es am
liebsten selbst übernommen, den armen Mann zu
trösten. Er wußte das und zeigte sich abweisend.
Er kam also zu mir, untersuchte mich sehr gründlich,
klopfte mich überall ab, dann wiederholte er mehr
oder minder das, was mir schon so viele andere Ärzte
gesagt hatten, und zuletzt verschrieb er mir die Kur:
drei halbe Gläser, diese halbgroßen, in den ersten
Tagen, danach drei ganze, und immer einen Tag ein
Bad, einen Tag eine Dusche. Er war schon im Gehen,
als er so tat, als bemerke er jetzt erst die
Anwesenheit meiner Frau.
"Die gnädige Frau auch?", fragte er und
betrachtete sie kühl.
"Nein, nein", wehrte meine Frau sofort, indem
die das Gesicht in die Länge und die Augenbrauen
bis zum Haaransatz hinauf zog.
"Trotzdem, gestatten Sie?", erwiderte er.
Er trat zu ihr hin, hob ihr behutsam das Kinn
mit einer Hand in die Höhe und strich ihr mit
dem Zeigefinger der anderen über das Augenlid,
fast ohne sie zu berühren.
"Ein bißchen anämisch", sagte er.
Meine Frau sah mich an, totenbleich, als hätte
diese leichthin ausgesprochene Diagnose sie auf
der Stelle tatsächlich anämisch gemacht. Und mit
einem nervösen kleinen Lachen auf den Lippen
zuckte sie die Achseln und sagte: "Aber ich
spüre doch gar nichts..."
Der Arzt verbeugte sich mit großem Ernst: "Umso
besser."
Und er verließ würdevoll das Zimmer.
Ob es nun das Wasser war, oder das Bad, oder die
Dusche, oder vielmehr, wie ich glaube, die gute
Luft hier und der herrliche Blick auf die
toskanische Landschaft, jedenfalls fühlte ich
mich sofort besser, und zwar so sehr, daß ich
beschloß, einen Monat oder auch zwei zu bleiben.
Um mehr Freiheit zu genießen, mietete ich eine
kleine Wohnung in der Nähe der Pension, ein
bißchen weiter unten, bei Coli, mit einem
kleinen Balkon, von dem aus man das ganze Tal
mit den zwei Seen von Chiusi und von
Montepulciano überblickt.
Aber - ich weiß nicht, ob Sie das schon geahnt
haben - nun begann meine Frau sich krank zu
fühlen.
Sie sprach nicht von Anämie, weil der Doktor
davon gesprochen hatte; sie sagte, sie fühle
eine gewisse Müdigkeit am Herzen und so etwas
wie ein Gewicht auf der Brust, das sie am Atmen
hinderte.
Und daraufhin sagte ich, mit dem unschuldigsten
Ausdruck, dessen ich fähig war: "Willst du dich
nicht auch untersuchen lassen, Liebe?"
Sie wehrte sich wütend dagegen, wie ich es
erwartet hatte, und lehnte meinen Vorschlag ab.
Natürlich verschlimmerte sich ihre Krankheit von
Tag zu Tag, je mehr sie sich in ihrer Ablehnung
versteifte. Ich blieb hart und sprach zu ihr
nicht mehr davon. Bis sie selbst eines Tages
nicht mehr konnte und mir sagte, sie wolle sich
untersuchen lassen, aber nicht von diesem Arzt,
nein, ganz entschieden nein; von dem anderen
Gemeindearzt wollte sie untersucht werden
(damals gab es hier zwei), von Doktor Berri,
einem mürrischen, asthmatischen alten Mann, fast
blind, schon halb im Ruhestand - nun ist er ganz
im Ruhestand -, nicht mehr von dieser Welt.
"Ach hör doch auf!", rief ich. "Wer ruft denn
noch den Doktor Berri? Und dann wäre es eine
unverdiente Taktlosigkeit gegenüber dem Doktor
Loero, der sich immer so um uns bemüht hat und
immer so höflich gewesen ist!"
Tatsächlich kam Doktor Loero jeden Tag, wenn er
mich mit meiner Frau hier bei den Thermen aus
dem Wagen steigen sah, herbei, in dieser stolzen
und kummervollen Haltung; er gratulierte mir zu
der raschen Besserung, begleitete mich zu dem
Brunnen und dann auf und ab über diese
Parkwege,wobei er es nicht an den
pflichtschuldigen Aufmerksamkeiten meiner Frau
gegenüber fehlen ließ, wenngleich er sich in den
ersten Tagen wenig um sie kümmerte, die
natürlich im Stillen darüber vor Wut platzte.
Seit einer Woche hatten sie jedoch begonnen,
miteinander über die ewige Frage der Männer und
der Frauen zu streiten, über den anmaßenden Mann
und die Frau, die stets das Opfer ist, über die
ungerechte Gesellschaft und so weiter und so
fort.
Glauben Sie mir, mein Herr, ich kann dieses
Geschwätz schon nicht mehr hören. In sieben
Jahren Ehe ist zwischen meiner Frau und mir über
nichts anderes gesprochen worden.
Ich muß Ihnen jedoch gestehen, daß ich in dieser
Woche innerlich frohlockte, als ich Doktor Loero
genau dieselben Argumente vortragen hörte wie
ich es zu tun pflegte, und das mit dem Salz und
Pfeffer der wissenschaftlichen Autorität. Mich
pflegte meine Frau mit Beschimpfungen zu
überschütten. Bei dem Doktor Loero mußte sie
dagegen die Bremse des Anstands betätigen; aber
die Galle, die sie nicht ausspucken konnte, die
schmierte sie doch fein säuberlich auf ihre
Worte.
Ich hoffte, daß ihr so ihre Herzkrankheit
vergehen würde. Aber woher denn! Wie ich Ihnen
sagte: sie wurde von Tag zu Tag schlimmer. Und
jetzt sehen Sie einmal, was für eine miese Rolle
man bisweilen als Ehemann zu spielen hat. Ich
wußte sehr gut, daß sie von Doktor Loero
untersucht werden wollte, und daß die Abneigung
die dieser ihr einflößte, ganz und gar Komödie
war, und auch das Verlangen, von dem senilen,
asthmatischen Alten untersucht zu werden, eine
Komödie wie die ganze Herzkrankheit. Und doch
mußte ich so tun, als würde ich ganz ernsthaft
an alle drei Dinge glauben und ein ganzes Hemd
durchschwitzen, um sie zu dem zu überreden, was
sie sich im Grunde ihres Herzens wünschte.
Mein lieber Herr, als meine Frau sich -
natürlich ohne Korsett - auf dem Bett
ausstreckte und er, der Doktor, ihr in die Augen
sah, als er sich herunterbeugte, um das Ohr auf
ihre Brust zu legen, da sah ich, wie sie beinahe
ohnmächtig wurde, beinahe zusammenbrach; ich sah
in ihren Augen und auf ihrem Gesicht eine solche
Erregung... ein solches Zittern, daß... Sie
verstehen mich: ich wußte, woran ich war und
konnte nicht fehlgehen.
Das mochte reichen, nicht wahr? Eine Ehefrau
bleibt ganz und gar ehrbar, untadelig, rein,
nach einer Visite wie dieser; eine ärztliche
Untersuchung, da kann man gar nichts sagen, im
Beisein ihres Mannes noch dazu. Na also! Wozu,
frage ich, hätte ich mir dann ins Gesicht sagen
sollen, was ich im Grunde meines Herzens längst
wußte, was ich mit eigenen Augen gesehen und
fast mit den Händen gegriffen hatte?
Los, los. Nur Mut. Trinken wir wieder. Trinken
wir.
Eines Abends stand ich auf dem Balkon und
betrachtete das wunderbare Schauspiel des
breiten Tales im Mondlicht.
Meine Frau war schon zu Bett gegangen.
Sie sehen mich jetzt so wohlbeleibt und glauben
vielleicht, mich könnte ein Naturschauspiel
nicht rühren. Aber glauben Sie mir, ich habe
eine zerbrechliche, kleine und zarte Seele. Ein
Seelchen mit blonden Haaren habe ich, mit einem
ganz süßen Gesichtlein, durchscheinend und
zugespitzt, mit himmelblauen Augen dazu. Mit
einem Wort, ein Seelchen, das wie eine kleine
Engländerin aussieht, wenn es sich in der
Stille, in der Einsamkeit, aus den Fenstern
dieser häßlichen Ochsenaugen in meinem Gesicht
lehnt, und das sich vom Anblick des Mondes und
dem Zirpen der unzähligen Grillen ringsumher
unsäglich rühren läßt.
Wie die Menschen untertags in den Städten, so
geben die Grillen des Nachts auf dem Lande keine
Ruhe. Ein schöner Beruf muß das sein, der einer
Grille!
"Was tust du?"
"Ich singe."
"Und weshalb singst du?"
Das weiß ja nicht einmal die Grille selbst. Und
alle Sterne beben auf dem Firmament. Sie schauen
sie an. Muß auch ein schöner Beruf sein, der
eines Sterns! Was machen die schon da oben?
Nichts. Auch sie schauen ins Leere und es sieht
so aus, als würde ihnen darob ununterbrochen ein
Schauder über die Haut laufen. Wenn Sie wüßten,
wie mir da die Eule gefällt, die inmitten all
dieser Süße plötzlich in der Ferne ängstlich zu
schluchzen beginnt. Sie weint vor so viel Süße.
Genug. Ich betrachtete also voller Bewegung, wie
ich Ihnen eben sagte, dieses Schauspiel, aber
ich fühlte auch schon ein wenig die abendliche
Kühle (es war elf Uhr vorbei) und war eben im
Begriff, mich zurückzuziehen, als ich es laut
und insistent am Eingangstor klopfen hörte. Wer
konnte das sein, um diese Zeit?
Es war Doktor Loero.
In einem Zustand, mein Herr, daß sogar ein Stein
mit ihm Mitleid hätte haben müssen.
Stockbesoffen.
Es waren nämlich aus Florenz, aus Perugia und
aus Rom fünf oder sechs Ärzte der Wasserkur
wegen in den Ort gekommen, und er hatte es für
angezeigt gehalten, gemeinsam mit dem Apotheker
ein Abendessen für die Kollegen zu geben, im
Grünen-Kreuz-Krankenhaus hinter der
Kollegienkirche, ganz in der Nähe von Rori.
Na, da ging's lustig zu, wie Sie sich vorstellen
können, ein Abendessen im Spital! Und von
Wasserkur war natürlich nicht die Rede! Sie
hatten sich allesamt besoffen wie... na, sagen
wir nicht wie die Schweine, weil die armen
Schweine gerade diese Gewohnheit nun tatsächlich
nicht haben.
Was war ihm da in seiner Weinseligkeit nur für
eine Idee gekommen, mich aufzusuchen und zu
stören, der ich in dieser Nacht, wie ich Ihnen
eben sagte, ganz Mondschein war?
Er schwankte und ich mußte ihn bis zum Balkon
stützen. Dort umarmte er mich ganz fest und
sagte, daß er mich sehr gern habe, wie einen
Bruder, und daß er den ganzen Abend hindurch mit
seinen Kollegen von mir gesprochen habe, von
meiner kaputten Leber und meinem kaputten Magen,
die ihm am Herzen lägen, so sehr am Herzen, daß
er, als er an meiner Türe vorüberkam, es nicht
habe verabsäumen wollen, mir einen kleinen
Besuch abzustatten, weil er fürchte, am Tag
darauf nicht bei den Thermen erscheinen zu
können, weil - das hätte man nicht geglaubt, hm?
- weil er nämlich tatsächlich ein bißchen was
getrunken hatte. Natürlich dankte ich ihm von
Herzen, was meinen Sie denn, und mahnte ihn, er
solle doch nach Hause gehen, es wäre schon
spät... Nichts! Er wollte einen Stuhl, um sich
auf den Balkon zu setzen und begann mir von
meiner Frau zu sprechen, die ihm gar so gut
gefiele, ich solle sie doch aufwecken gehen,
damit sie ihm ein wenig Gesellschaft leiste, die
Signora Carlottina, ach, die würde schon
mitmachen! Und wie! Und wie! Eine hübsche,
scheue Stute, die ausschlug, aber aus Liebe, um
sich Liebkosungen zu holen... Und in dieser
Tonart ging es weiter, während er immer wieder
grinste und mit den Augen, die ihm von selbst
zufielen, versuchte, so ein gewisses überlegenes
Zwinkern zustandezubringen.
Sagen Sie mir selbst: Was sollte ich mit ihm tun,
in diesem Zustand? Einen Betrunkenen, der nicht
mehr stehen konnte, ohrfeigen? Meine Frau, die
aufgewacht war, schrie mir drei oder viermal aus
dem Schlafzimmer heraus wütend zu, ich solle das
tun. Auch mir zuckte es geradezu in den Händen,
ihn zu ohrfeigen. Aber wer weiß, wie dieser arme
junge Mann, der in seiner Weinseligkeit jeden
Sinn für soziale Umgangsformen und Erziehung
verloren hatte und mir fröhlich die Wahrheit ins
Gesicht schrie, auf eine Ohrfeige reagiert hätte.
Ich packte ihn und zog ihn aus dem Stuhl hoch:
ein wenig schütteln mußte ich ihn schon, aber er
war drauf und dran, hinzufallen, und ich mußte
mich bis zur Türe seines Zustandes erbarmen.
Dort... ja, dort gab ich ihm dann einen kleinen
Stoß, der ihn die Straße hinunterkollern ließ.
Als ich ins Schlafzimmer kam, fand ich meine
Frau mit zu Berge stehenden Haaren, geradezu wie
von Sinnen, vor. Sie war aufgestanden. Sie fiel
mit den gräßlichsten Verwünschungen über mich
her. Sie sagte, wäre ich ein anderer Mann
gewesen, dann hätte ich auf diesem Verbrecher
herumtrampeln und ihn vom Balkon hinunterstürzen
müssen; ich aber sei nur ein papierener Wicht,
der kein Blut in den Adern habe, der nicht
einmal rot würde dabei, wenn er die Ehre seiner
Frau nicht zu verteidigen vermochte, im
Gegenteil, durchaus fähig zu katzbuckeln vor dem
ersten, besten Dahergelaufenen, der...
Ich ließ sie nicht aussprechen. Ich hob eine
Hand auf; ich schrie sie an, sie solle lieber
achtgeben, die Ohrfeige, die ich dem Mann hätte
geben müssen, wäre er nicht betrunken gewesen,
die bekäme sie, wenn sie nicht gleich den Mund
hielte. Natürlich hielt sie nicht den Mund, was
glauben Sie! Von der Wut ging sie zum Hohn über.
Ja, freilich sei es leicht für mich, bei ihr den
starken Mann zu spielen, eine Frau zu ohrfeigen,
nachdem ich einen, der mich in meinem eigenen
Haus beleidigen gekommen war, freundlich
empfangen und mit den gebührenden Ehrbezeugungen
bis zur Türe begleitet hatte. Aber warum hatte
ich sie denn eigentlich nicht gleich geweckt?
Mehr noch, warum hatte ich den Mann denn nicht
zu ihr ins Schlafzimmer geführt und ihn
freundlich gebeten, sich zu ihr zu legen?
"Du wirst ihn fordern!" schrie sie schließlich
außer sich. "Morgen wirst du ihn fordern, und
wehe dir, wenn du es nicht tust!"
Wenn man sich gewisse Dinge von einer Frau sagen
lassen muß, dann bäumt sich jeder Mann auf. Ich
hatte mich bereits ausgekleidet und zu Bett
gelegt. Ich sagte ihr, sie sollte endlich
aufhören und mich in Ruhe schlafen lassen. Ich
würde niemanden fordern, schon deshalb nicht, um
ihr nicht diese Freude zu machen.
Aber in der Nacht dachte ich im Stillen lange
darüber nach. Ich verstand und ich verstehe bis
heute nichts von Ehrensachen: ob zum Beispiel
ein Ehrenmann die Beleidigung und Provokation
von einem Betrunkenen, der nicht weiß, was er
redet, tatsächlich aufgreifen muß. Am nächsten
Morgen wollte ich schon darüber den Rat eines
Majors im Ruhestand einholen, den ich bei den
Thermen kennengelernt hatte, als derselbe Major
in Begleitung eines anderen Herren aus dem Ort
im Namen Doktor Loeros von mir Satisfaktion
verlangte. Tatsächlich! Wegen der Form, in der
ich ihn gestern abend vor die Tür gesetzt hatte.
Es schien, als habe er sich bei meinem kleinen
Stoß und dem darauffolgenden Fall die Nase
aufgeschürft.
"Aber er war doch betrunken!", schrie ich diesen
Herren ins Gesicht.
Na, umso ärger. Dann hätte ich doch besonders
vorsichtig sein müssen. Ich, verstehen Sie? Und
dabei war es geradezu ein Wunder, daß meine Frau
mich nicht dafür aufgefressen hat, daß ich ihn
nicht vom Balkon geworfen hatte!
Genug. Ich will sehen, daß ich rasch zu einem
Ende komme. Ich nahm die Forderung an. Aber
meine Frau lachte mir höhnisch ins Gesicht und
begann auf der Stelle ihre Sachen zu packen. Sie
wollte sofort abreisen; abreisen, ohne den
Ausgang des Duells abzuwarten, obwohl sie wußte,
daß dafür die allerschwersten Bedingungen
vereinbart worden waren.
Da ich mich nun schon einmal aufs Eis gewagt
hatte, wollte ich tanzen. Er diktierte mir die
Bedingungen: auf Pistolen. Sehr gut! Aber dann
verlangte ich dafür, daß auf fünfzehn Schritt
Entfernung geschossen würde. Und ich schrieb
einen Brief, am Vorabend des Duells: jedesmal,
wenn ich den heute wieder lese, sterbe ich vor
Lachen . Sie können sich nicht vorstellen, was
für Blödheiten einem armen Menschen in einer
solchen Lage durch den Kopf gehen.
Ich hatte nie mit Waffen zu tun gehabt. Ich
schwöre Ihnen, ich schloß instinktiv die Augen,
als ich schoß. Das Duell fand oben in dem
Buchenwäldchen statt. Die ersten beiden Schüsse
gingen ins Leere; es war beim dritten... nein,
der dritte ging auch daneben, es war beim
vierten. Beim vierten Schuß also - sehen Sie
mal, was der für einen harten Schädel hatte, der
Doktor! - da sah die Kugel für mich hin und traf
ihn genau in die Stirn, aber sie verletzte den
Knochen nicht, sie fuhr unter der Kopfhaut
hindurch und beim Nacken wieder heraus.
Im ersten Augenblick schien er tot zu sein. Wir
liefen alle hinzu, auch ich, aber einer der
Sekundanten riet mir, mich zu entfernen, den
Wagen zu nehmen und über die Straße nach Chiusi
zu fliehen.
Ich floh.
Am Tag danach erfuhr ich, wie es wirklich um ihn
stand; und noch etwas anderes erfuhr ich, was
mich zugleich mit ungeheurer Freude und mit
Kummer erfüllte: Freude um meinetwillen, Kummer
um meines Gegners willen, der sich nach einer
Kugel im Kopf, wirklich nicht auch noch das
verdient hatte, der arme Kerl.
Als er nämlich im Grünen-Kreuz-Krankenhaus
wieder die Augen aufschlug, sah Doktor Loero ein
wunderschönes Schauspiel vor sich: meine Frau,
die an sein Bett geeilt war, um ihn zu pflegen!
Von der Verwundung war er in zwei Wochen wieder
geheilt; von meiner Frau, lieber Herr, ist er
bis heute nicht geheilt.
Gehen wir uns jetzt unser zweites Glas holen?
* * *
*
Erstveröffentlichung Oktober 1905 in der
Zeitschrift "Il Ventesimo". Keine
wesentlichen Varianten bekannt. In der
Duellgeschichte läßt sich eine erste
Version der Handlung von Il giuoco
delle parti ("Das Rollenspiel", in:
Bd. 10) erkennen.
Anfangenseite