BITTERWASSER
*
(Acqua amara - 1922)

aus dem Italienischen von Michael Rössner
Wenige Leute waren an diesem Morgen in dem Park rund
um die Thermen. Die Kursaison ging nun schon zu Ende.
Auf zwei benachbarten Bänken an einer Wegkreuzung
unter den hohen Platanen saßen ein junger Mann mit
blassem, ja gelblichem Gesicht, zum Erbarmen hager
unter seinem neuen, hellen Anzug, dessen frisch
gebügelte Falten in einem Zickzack herunterfielen,
weil er viel zu weit war, und ein häßlicher Kerl um
die Fünfzig, in einem Anzug aus billigem Tuch,
voller Falten, wo die enorme Fettleibigkeit ihn
nicht bis zum Platzen aufblähte, und einem alten,
verbeulten Panamahut auf dem kahlgeschorenen Kopf.
Beide hielten am Henkel ihre noch ganz mit dem lauen,
trüben Alkaliwasser gefüllten Gläser, die sie eben
an der Quelle gefüllt hatten.
Der dicke Mann erschien noch halb betäubt von dem
donnernden Schnarchen, das er sicherlich in der
Nacht von sich gegeben hatte; er schloß von Zeit zu
Zeit halb die vom Schlaf noch verschleierten Augen
in seinem feisten, zufriedenen Mönchsgesicht. Der
hagere Junge dagegen spürte die Kälte der frischen
Morgenluft; von Zeit zu Zeit lief ihm sogar ein
Schauder über den Rücken.
Weder der eine noch der andere konnte sich dazu
entschließen zu trinken, und es schien, als wartete
jeder darauf, dem Beispiel des anderen folgen zu
können. Schließlich, nach dem ersten Schluck, sahen
sich beide mit von demselben Ausdruck des Ekels
verzogenen Gesichtern an.
"Die Leber, was?" fragte plötzlich leise der dicke
Mann den jungen und schüttelte sich. "So kleine
Leberkoliken, was? Sie sind natürlich verheiratet,
denke ich mir..."
"Nein, weshalb?" fragte der junge Mann zurück,
während er qualvoll sein Gesicht in Falten legte,
die ein Lächeln ausdrücken wollten.
"Na, es schien mir so, so ins Blaue hinein geraten",
seufzte der andere. "Aber wenn Sie keine Frau haben,
können Sie ganz ruhig sein. Dann werden Sie gesund!"
Der junge Mann lächelte wieder wie vorhin.
"Leiden Sie vielleicht an der Leber?" fragte er dann
spitz.
"Nein, nein, keine Frau mehr, ich habe keine mehr!",
beeilte sich der dicke Mann in höchstem Ernst zu
antworten. "Ich war leberleidend; aber Gott sei Dank
habe ich mich von meiner Frau befreit; ich bin
geheilt. Ich komme nun schon seit dreizehn Jahren
hierher, aus Dankbarkeit. Entschuldigen Sie, wann
sind Sie angekommen?"
"Gestern abend um sechs", sagte der junge Mann.
"Ach, deshalb", rief der andere, während er die
Augen halb schloß und den massigen Kopf hin und her
wiegte. “Wären Sie am Morgen gekommen, würden Sie
mich bereits kennen."
"Ich... ich würde Sie kennen?"
"Aber sicher, so wie mich alle hier kennen. Ich bin
eine Berühmtheit! Sehen Sie, auf der Piazza
dell'Arena, in allen Hotels, in allen Pensionen, im
Club, im Caffè da Pedoca, in der Apotheke spricht
man seit dreizehn Jahren hier Saison für Saison bloß
von mir. Ich weiß es und habe meine Freude daran und
komme eben deshalb immer wieder her. Wo sind Sie
abgestiegen? Bei Rori? Bravo. Nun, seien Sie ganz
sicher, noch heute mittag bei Tisch werden sie Ihnen
bei Rori meine Geschichte erzählen. Erlauben Sie,
daß ich ihnen zuvorkomme und sie Ihnen selbst
erzähle, in einem Stück."
Während er das sagte, stemmte er sich mühevoll in
die Höhe und ging zu der Bank des jungen Mannes
hinüber, der ihm mit seinem gelben, vor Freude ganz
verkniffenen Gesicht Platz machte.
- Zu allererst, damit wir uns gleich verstehen, hier
nennt man mich den Gatten der Frau Doktor. In
Wirklichkeit heiße ich Cambiè. Mit Vornamen
Bernardo. Bernardone, weil ich so dick bin. Trinken
Sie. Ich trinke auch.
Sie tranken, zogen wieder eine Grimasse des Ekels,
die sie sofort in ein Lächeln zu verwandeln suchten,
als sie einander freundlich ansahen. Dann setzte
Cambiè fort:
- Sie sind noch ganz jung und ernsthaft ein bißchen
leidend. Was ich Ihnen hier an grauenhaften Dingen
erzählen werde, kann Ihnen mehr von Nutzen sein als
dieses scheußliche Wasser hier, das zwar bitter ist,
dafür aber - glauben Sie mir das - gar nichts
bewirkt. Sie geben es uns zu trinken, in jedem Sinn
tun sie das, und wir trinken es, weil es scheußlich
schmeckt. Würde es gut schmecken... Aber nein, genug;
sie machen ja eine Kur, Sie müssen Vertrauen haben.
Sie müssen nämlich wissen, wenn ich das Wort Ehe
hörte, dann kam mir - mit Verlaub gesagt - der Magen
hoch, mir war geradezu... geradezu zum... jawohl,
mein Herr. Ich sah einen Hochzeitszug... ich erfuhr,
daß ein Freund heiraten würde... derselbe Effekt.
Aber was wollen Sie schon von uns unglücklichen
Sterblichen? Bildet sich ein Fleckchen in der Sonne?
Zusammenbrüche und Katastrophen. Wacht ein König mit
belegter Zunge auf? Kriege, Mord und Totschlag ohne
Ende. Beginnt ein Vulkan kurz zu schluchzen?
Erdbeben, Naturkatastrophen, Hekatomben von Blut...
In Neapel brach zu meiner Zeit die Cholera aus. Die
große Choleraepidemie von vor rund zwanzig Jahren,
von der Sie, wenn Sie sich auch nicht erinnern, wohl
doch reden gehört haben.
Mein Vater, ein kleiner Angestellter, hielt sich -
bei dem liebenswerten Schicksal, das ihn stets
verfolgte - zu diesem Zeitpunkt natürlich gerade in
Neapel auf. Ich war schon dreißig Jahre alt, hatte
eine gute Anstellung gefunden und eine
Junggesellenwohnung gemietet, nicht weit weg von zu
Hause. Ich lebte bei der Familie und dort hatte ich
auch eine Freundin, die mir einfach so zugewachsen
war, als wäre sie vom Himmel gefallen.
Carlotta. So hieß sie. Sie war die Tochter eines...
na, da ist nichts Schlimmes dabei, wissen Sie! Ein
Beruf wie jeder andere - die Tochter eines Wucherers.
Ein ehemaliger Priester war er.
Sie war wegen Streitereien mit ihrer Stiefmutter und
mit einem jüngeren Bruder, der bereits ein
ausgewachsener Gauner war, von zu Hause weggelaufen;
aber diese Geschichte werde ich Ihnen ersparen. Sie
schien ein braves Mädchen zu sein, und vielleicht
war sie das damals auch; aber Sie werden verstehen,
da ich sie liebte, dachte ich da nicht viel drüber
nach.
Entschuldigen Sie, sind Sie vielleicht religiös?
Soso? Wohl eher nein als ja. Wie ich. Meine Mutter
hingegen, mein lieber Herr, na, die war mehr als
religiös. Die arme Frau, sie litt entsetzlich unter
meiner Beziehung, die sie für sündhaft hielt. Sie
wußte, daß dieses Mädchen, bevor sie die Meine wurde,
keine anderen Männer gehabt hatte. Als nun die
Cholera ausbrach, war sie, entsetzt über das
Massensterben, fest überzeugt, wir seien alle dem
Tod geweiht, und ich zuallererst, da ich im Stand
der Todsünde lebte. Und so verlangte sie mir das
Opfer ab, dieses Mädchen zu heiraten, sei es auch
nur in der Kirche, um so den göttlichen Zorn zu
besänftigen.
Glauben Sie mir, ich hätte es trotzdem nicht getan,
wenn Carlotta nicht von der Seuche befallen worden
wäre. Ich mußte ihr doch wenigstens die Seele retten;
so hatte ich es meiner Mutter versprochen. Ich lief
also einen Priester holen und heiratete sie. Aber
was war da im Spiel? Eine göttliche Hand? Ein Wunder?
Sie schien schon halb hinüber, und plötzlich wurde
sie gesund.
Meine Mutter bestand darauf, obwohl ihr das große
Zittern kam, aus Nächstenliebe, ja, aus Opfergeist
an der Zeremonie teilzunehmen und dann am Bett der
Kranken auszuharren.
Es schien, als wäre die Cholera nur meinetwegen nach
Neapel gekommen, um mich für die Todsünde zu
bestrafen, und als sollte sie mit Carlottas Genesung
vorübergehen, so sehr bemühte sich meine Mutter, mit
solcher Inbrunst widmete sie sich der Aufgabe, sie
gesundzupflegen. Und kaum hatte sie sie gerettet und
sah, daß dort in diesem Zimmerchen die Genesende
jede Bequemlichkeit entbehren mußte, da bestand sie
darauf, sie auch noch zu sich nach Hause zu nehmen,
so sehr ich mich auch dagegen wehrte.
Sie werden verstehen, sobald sie einmal in mein Haus
gekommen war, konnte Carlotta es nur als meine
legitime Ehefrau wieder verlassen, und das tat sie
auch kurze Zeit später, kaum daß das große Sterben
aufgehört hatte.
Na, dann wollen wir wieder einmal trinken, lieber
Herr!
Gott sei Dank waren Carlotta während der Epidemie
Vater, Mutter und Brüder gestorben. Ein Glück und
ein Unglück zugleich, denn als einzige Überlebende
der Familie erbte sie achtunddreißig oder
vierzigtausend Lire, die Frucht des edlen Handwerks,
das ihr Vater betrieben hatte.
Nun, als Ehefrau und mit einer Mitgift, wie sah sie
da die Sache, lieber Herr? Sie war von einem Tag zum
anderen wie ausgewechselt.
Nun hören Sie zu. Wissen Sie, daß ich so einen
gewissen boshaften Geist im Leibe habe... wie soll
ich ihn nennen? phi-... philosophenhaft ist er, das
mag ihnen seltsam erscheinen; aber lassen Sie mich
erzählen.
Glauben Sie, daß es nur zwei Geschlechter gibt, das
männliche und das weibliche?
Nein, mein Herr.
Die Ehefrauen sind ein Geschlecht für sich. Die
Ehemänner auch.
Und was die Geschlechter betrifft, da gewinnt die
Frau durch die Ehe immer. Sie macht einen großen
Schritt vorwärts! Sie erhält nämlich so viel Anteil
am männlichen Geschlecht, wie der Mann
notwendigerweise davon aufgeben muß. Und aufgeben
muß er viel, glauben Sie mir das.
Wenn ich einmal auf die traurige Idee verfiele, eine
vernünftige Grammatik zu erstellen, wie ich sie
nenne, würde ich zur Regel erheben, daß es der
Ehefrau und infolgedessen die Ehemann heißen
muß.
Sie lachen? Aber für die Ehefrau, mein lieber Herr,
für die Ehefrau ist der Ehemann wirklich kein Mann
mehr. Sie bemüht sich ja nicht einmal mehr, ihm zu
gefallen.
"Mit dir macht's keinen Spaß mehr", denkt die
Ehefrau. "Du kennst mich ja schon."
Und wenn der Ehemann wirklich so einfältig ist, sich
von neuem zu ereifern, etwa, wenn er sie zum
Beispiel wie eine Teufelin im Bett liegen sieht, mit
Lockenwicklern in den Haaren und dicht bestrichenem
Gesicht, dann geht es gleich los:
"Aber das tue ich doch für dich!", ist sie imstande
zu antworten.
"Für mich?"
"Sicher. Damit du keine schlechte Figur machst.
Wärst du denn froh, wenn die Leute, wenn sie dich
auf der Straße sehen, sagen würden: 'Ach, schau
einmal, was für eine Frau sich dieser arme Kerl
ausgesucht hat!'"
Und der Ehemann, der - das versichere ich Ihnen -
kein Mann mehr ist, der schweigt; und dabei müßte er
ihr ins Gesicht schreien:
"Aber das sage ich mir doch selbst, meine Liebe, was
für eine Frau ich mir ausgesucht habe, wenn ich dich
so ansehe, jetzt, wo du neben mir liegst! Ach, du
zeigst dich also deshalb mir jetzt zu Hause und im
Bett häßlich, damit die anderen dann auf der Straße
ausrufen können: 'Ach, schau einmal, was für eine
hübsche Frau dieser arme Kerl da hat!'? Und darum
sollten sie mich auch noch beneiden? Na, ich danke,
ich danke vielmals, meine Liebe, für diesen Neid mir
gegenüber, der sich natürlich in ein Begehren dir
gegenüber verwandelt. Du willst begehrt sein, damit
ich beneidet werde? Was du doch für ein guter Mensch
bist! Aber ich bin ein noch besserer Mensch, weil
ich dich geheiratet habe."
Und der Dialog ließe sich noch fortführen. Denn es
könnte ja der Fall eintreten, wissen Sie? - der
Fall, daß die Ehefrau sogar die Unverfrorenheit
besäße, den Ehemann ganz unschuldig zu fragen, ob
sie, geschminkt und aufgeputzt zum Spaziergang,
seiner Meinung nach gut aussähe.
Der Ehemann müßte ihr darauf antworten:
"Ja, weißt du, Liebe, die Geschmäcker sind doch sehr
verschieden. Mir persönlich gefällt, wie ich dir
schon gesagt habe, diese Frisur nicht besonders. Wem
willst du nun gefallen? Das müßtest du mir sagen,
damit ich dir eine Antwort geben kann. Keinem?
Wirklich keinem? Ja, dann sei froh, wenn schon
keinem, dann versuch doch wenigstens deinem Mann zu
gefallen, das ist dann wenigstens einer und nicht
keiner!"
Mein lieber Herr, bei einer solchen Antwort würde
die Ehefrau ihren Mann fast mitleidig anschauen, und
dann würde sie verächtlich mit den Achseln zucken,
als wollte sie sagen: "Was hast denn du damit zu
schaffen?"
Und sie hätte recht. Die Frauen können nicht darauf
verzichten: instinktiv wollen sie gefallen. Für sie
ist es einfach eine Notwendigkeit, begehrt zu
werden.
Nun, das werden Sie verstehen, eine Ehemann kann
seine Ehefrau, die er Tag und Nacht um sich hat,
nicht mehr begehren. Ich meine: Er kann sie nicht so
begehren, wie sie begehrt werden möchte.
Denn so wie die Ehefrau im Ehemann nicht mehr den
Mann sieht, so sieht auch der Ehemann in der Ehefrau
nach einer gewissen Zeit nicht mehr die Frau.
Der Mann, der von Natur aus eher zum Philosophieren
neigt, geht darüber hinweg; die Frau hingegen ist
darüber gekränkt. Und deshalb wird ihr der Ehemann
bald lästig und oft geradezu unerträglich.
Sie muß für das eigene Wohlergehen Sorge tragen, der
Ehemann nicht.
Aber was immer er auch täte, glauben Sie mir, nichts
wäre ihr je recht, denn die Liebe, diese besondere
Liebe, die sie braucht, kann ihr der Ehemann,
einfach weil er ihr Ehemann ist, nicht mehr geben.
Mehr als Liebe ist es eine gewisse Aura von
Bewunderung, von der sie umgeben sein will. Aber
jetzt versuchen Sie sie einmal zu bewundern, wenn
sie im Haus mit Lockenwicklern, ohne Mieder, in
Pantoffeln und, sagen wir, heute mit Bauchweh und
morgen mit Zahnweh herumläuft. Diese gewisse Aura
kann aus den Blicken der Männer entstehen, die nicht
wissen, und deren Aufmerksamkeit sie, ohne daß es
schien, mit besonders raffinierter List, auf sich zu
ziehen und festzuhalten verstanden hat, um sich an
ihnen in wunderbarer Weise zu berauschen. Wenn sie
eine anständige Ehefrau ist, wird ihr das genügen.
Ich spreche jetzt von den anständigen Ehefrauen,
verstehen wir uns recht, ja geradezu von den
makellosen Ehefrauen. Von den anderen zahlt sich's
gar nicht mehr aus zu sprechen.
Erlauben Sie mir noch eine weitere kleine Überlegung.
Wir Männer haben die Angewohnheit zu sagen, die Frau
wäre ein unbegreifliches Wesen. Mein lieber Herr,
die Frau ist ganz im Gegenteil genauso wie wir, aber
sie kann es weder zeigen noch aussprechen, denn sie
weiß vor allen Dingen, daß es ihr die Gesellschaft
nicht gestattet und ihr als Schuld anrechnen würde,
was sie dagegen beim Mann ganz natürlich findet. Und
deshalb weiß sie, daß es den Männern keine Freude
machen würde, würde sie es zeigen und aussprechen.
Damit haben wir das Rätsel erklärt. Wer wie ich das
Pech gehabt hat, an eine Frau zu geraten, die sich
kein Blatt vor den Mund nimmt, der weiß das sehr gut.
Und jetzt wollen wir noch einen Schluck trinken. Nur
Mut!
Am Beginn war sie nicht so, die Carlotta. Sie wurde
erst nach der Hochzeit so, das heißt, sobald sie
sich wohl etabliert fühlte und bemerkte, daß ich
natürlich begann, in ihr nicht nur das Vergnügen,
sondern auch dieses überaus häßliche Ding zu sehen,
das wir Pflicht nennen.
Ich hatte sie zu achten, nicht wahr? Sie war
schließlich meine Frau. Nun, vielleicht wollte sie
nicht geachtet werden. Wer weiß weshalb, es ging ihr
jedenfalls schrecklich auf die Nerven, mich von
einem Tag auf den anderen zum exemplarischen Ehemann
werden zu sehen.
Für uns beide begann eine wahre Hölle. Sie ständig
brummend, widerborstig, ruhelos, ich dagegen
geduldig, ein wenig aus Angst, ein wenig aus dem
Bewußtsein heraus, die schlimmste aller Eseleien
begangen zu haben und die Folgen derselben zu
beklagen zu müssen. Ich lief ihr nach wie ein
Schoßhündchen. Und damit machte ich es noch
schlimmer! So sehr ich mir auch den Kopf
zermarterte, es gelang mir nicht zu erraten, was zum
Teufel meine Frau wollte. Aber ich hätte den sehen
wollen, der es zu erraten vermochte! Wissen Sie, was
sie wollte? Sie wäre gerne als Mann auf die Welt
gekommen, meine Frau! Und sie ließ ihre Wut darüber
an mir aus, daß sie stattdessen als Frau geboren
war. "Als Mann", sagte sie, "und meinetwegen
einäugig!"
Eines Tages fragte ich sie: "Na, laß mal hören, was
wäre aus dir geworden, wenn du als Mann auf die Welt
gekommen wärst?"
Und sie antwortete, während sie die Augen weit
aufriß: "Ein Verbrecher!"
"Bravo!"
"Und Ehefrau, nichts da, weißt du? Ich hätte nie
eine Frau genommen."
"Danke, Liebe."
"Ach, da kannst du ganz sicher sein!"
"Und du hättest dich bloß amüsiert? Glaubst du denn,
daß man sich mit den Frauen einfach bloß amüsieren
darf?"
Meine Frau sah mir ganz tief in die Augen: "Mich
fragst du das?" sagte sie dann. "Weißt du das denn
nicht? Ich hätte auch deshalb nicht geheiratet, um
nicht aus einer armen Frau eine Gefangene zu
machen."
"Ach", rief ich. "Fühlst du dich vielleicht als
Gefangene?"
Und sie: "Ob ich mich als Gefangene fühle? Ja, was
bin ich denn? Was bin ich denn immer schon gewesen,
seit ich lebe? Ich kenne ja nur dich. Wann habe ich
je mein Vergnügen gehabt?"
"Hättest du gerne andere gekannt?"
"Na sicher! Genauso wie du, der du so viele vorher
und wer weiß wie viele nachher gekannt hast!"
Mein lieber Herr, merken Sie sich also das eine sehr
gut: eine Frau empfindet genauso wie wir Begierde.
Sie sehen zum Beispiel eine schöne Frau, folgen ihr
mit Ihren Blicken, stellen sie sich in ihrer ganzen
Schönheit vor und umarmen sie in Gedanken, natürlich
ohne Ihrer Frau etwas davon zu sagen, die neben
Ihnen geht? Nun, in der Zwischenzeit sieht Ihre Frau
einen schönen Mann, folgt ihm mit ihren Blicken,
stellt ihn sich in seiner ganzen Schönheit vor und
umarmt ihn in Gedanken, natürlich ohne Ihnen etwas
davon zu sagen.
Da ist gar nichts Außergewöhnliches dabei; aber
glauben Sie mir, es ist gar nicht angenehm, zu
bedenken, daß diese leicht einsehbare und allgemein
verbreitete Tatsache auch auf die eigene Frau
zutrifft, die mit ihrem Körper, nicht aber mit der
Seele Ihre Gefangene ist. Und erst der Körper! Sagen
Sie selbst: Haben wir Männer nicht das Gefühl, daß
wir bei gegebener Gelegenheit nicht widerstehen
könnten? Nun, denken Sie einmal, daß dasselbe auch
auf die Frau zutrifft. Sie fallen, sie fallen um,
daß es eine Freude ist, mit derselben Leichtigkeit,
wenn es ihnen geschieht, wenn sich also ein
entschlossener Mann findet, zu dem sie Vertrauen
haben können. Das hat mir meine Frau deutlich zu
verstehen gegeben, natürlich indem sie von den
anderen Frauen sprach.
Und damit komme ich zu meinem Fall.
Natürlich wurde ich nach einem Jahr Ehe
leberleidend.
Sechs Jahre hindurch sinnlose Behandlungen, die
meinen armen Körper zerstörten, bis er sich in einem
so erbarmungswürdigen Zustand befand, daß sogar die
Leute, die an derselben Krankheit litten, ihn
bemitleideten.
Das Heilmittel sollte ich hier finden.
Ich kam mit meiner Frau hierher, und in den ersten
Tagen wohnte ich im Rori, so wie Sie jetzt. Ich
bestellte mir gleich nach der Ankunft einen Arzt,
der mich untersuchen und verordnen sollte, wie viele
Gläser am Tag ich zu trinken hätte, und ob ich eher
Duschen oder Bäder mit Schwefelwasser nehmen sollte.
Es erschien ein hübscher junger Mann, braunhaarig,
groß und kräftig, mit zackigem Auftreten, ganz in
Schwarz gekleidet. Wenig später erfuhr ich, daß er
tatsächlich Militärarzt gewesen war, genauer
Oberleutnant-Arzt; daß er in Rovigo ein Verhältnis
mit der Tochter eines Druckers gehabt hatte; daß sie
ihm eine Tochter geboren hatte, und daß er, nun zur
Heirat gezwungen, den Dienst quittiert hatte und als
Gemeindearzt hierher gezogen war. Acht Monate nach
diesem großen Opfer waren ihm, eine nach der anderen,
Frau und Tochter gestorben. Nun waren schon an die
drei Jahre seit diesem doppelten Unglück verstrichen,
aber er kleidete sich immer noch in Schwarz wie ein
wunderschöner Rabe.
Natürlich hatte er ungeheuren Erfolg mit dieser
Geschichte, daß er seine Militärkarriere aus Liebe
geopfert habe und vom Schicksal so schlecht dafür
belohnt worden sei; mit diesen beiden schrecklichen
Unglücksfällen, deren Spuren noch immer in diesem
Gesicht eingegraben waren, und mit seiner stolzen
Haltung, als wäre er Karl der Große persönlich. Alle
Frauen, hätte man sie gelassen, hätten es am
liebsten selbst übernommen, den armen Mann zu
trösten. Er wußte das und zeigte sich abweisend.
Er kam also zu mir, untersuchte mich sehr gründlich,
klopfte mich überall ab, dann wiederholte er mehr
oder minder das, was mir schon so viele andere Ärzte
gesagt hatten, und zuletzt verschrieb er mir die Kur:
drei halbe Gläser, diese halbgroßen, in den ersten
Tagen, danach drei ganze, und immer einen Tag ein
Bad, einen Tag eine Dusche. Er war schon im Gehen,
als er so tat, als bemerke er jetzt erst die
Anwesenheit meiner Frau.
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