Luigi Pirandello (1867-1936) - Novellen
Auswirkungen eines unterbrochenen
Traums
(Effetti di un sogno interrotto –
1937)

aus dem Italienischen von Michael
Rössner
Ich wohne in einem alten Haus, das
den Eindruck eines Trödlerladens macht. In einem
Haus, das seit wer weiß wie vielen Jahren Staub
geschluckt hat.
Das ständige Halbdunkel, das dieses
Haus bedrückt, hat etwas von der steifen Atmosphäre
der Kirchen an sich; in ihm steht unbeweglich der
muffige, alte und welke Geruch der zerfallenden
Möbel in allen Formen, mit denen es vollgestopft,
und der vielen Stoffe, mit denen es geschmückt ist,
teure, zerrissene und ausgebleichte Stoffe, überall
ausgebreitet und aufgehängt, in Form von Decken,
Vorhängen oder Baldachinen. Ich trage meinen Teil
bei zu diesem Gestank, indem ich den ganzen Tag
meine alten, verkrusteten Pfeifen rauche und damit
die Luft verpeste. Nur dann, wenn ich von draußen
zurückkomme, fällt es mir überhaupt auf, daß man in
meinem Haus gar keine Luft kriegt. Aber für einen,
der ein Leben führt wie ich... Aber genug: lassen
wir das.
Im Schlafzimmer befindet sich eine
Art Alkoven auf einer Plattform, zu dem man über
zwei Stufen hinaufsteigt. Oben ist die Zimmerdecke,
der Stützbalken liegt in der Mitte auf zwei
gedrungenen Säulen auf. Auch hier Baldachinvorhänge,
die das Bett verbergen sollen, sie laufen auf
Messingstangen hinter den Säulen. Die andere Hälfte
des Zimmers dient als Arbeitsraum. Unter den Säulen
steht ein Sofa: ehrlich gesagt ist es sehr bequem,
mit jeder Menge darauf aufgetürmter Kissen, und
davor ein massiver Tisch, der als Schreibtisch
verwendet wird; zur Linken ein großer Kamin, den
ich nie anzünde; in der gegenüberliegenden Wand,
zwischen zwei Fensterchen, ein altes Regal mit
Bücherleichen, die in vergilbtes Pergament gebunden
sind. Auf dem Kaminsims aus geschwärztem Marmor ist
ein halb geräuchertes Bild aus dem siebzehnten
Jahrhundert aufgehängt, eine Darstellung der
Büßenden Magdalena, ich weiß nicht, ob es ein
Original oder eine Kopie ist, aber selbst wenn es
eine Kopie sein sollte, hat es einen gewissen Wert.
Die lebensgroße Figur liegt auf dem Bauch
ausgestreckt in einer Höhle; ein auf den Ellbogen
gestützter Arm hält den Kopf; die gesenkten Augen
bemühen sich, bei dem Licht einer neben einen
Totenschädel auf den Boden gestellten Öllampe in
einem Buch zu lesen. Sicherlich, das Gesicht, die
prächtige Fülle der offenen rötlichen Haare, die
eine Schulter und die Brust frei lassen, sind in dem
Schein dieser Öllampe wunderschön.
Das Haus gehört mir und gehört mir
auch wieder nicht. Es gehört mit dem gesamten
Mobiliar einem Freund von mir, der es mir vor drei
Jahren, als er nach Amerika aufbrach, als Garantie
für einen größeren Geldbetrag überließ, den er mir
noch schuldete. Dieser Freund hat sich natürlich nie
wieder gemeldet, und trotz aller Nachfragen und
Nachforschungen, die ich angestellt habe, ist es mir
nicht gelungen, irgendeine Nachricht von ihm zu
erhalten. Sicher ist nur, daß ich noch nicht über
das Haus und seinen Inhalt verfügen kann, um mir das
Meine zurückzuholen.
Nun, ein Antiquitätenhändler aus
meinem Bekanntenkreis hat sich in diese Büßende
Magdalena verliebt, und neulich erst führte er mir
einen fremden Herrn ins Haus, um sie ihm zu zeigen.
Der Herr, um die vierzig, groß,
mager, kahlköpfig, trug strengste Trauer, wie man es
in der Provinz noch zu tun pflegt. Sogar das Hemd
war ein Trauerhemd. Aber auch auf seinem
eingefallenen Gesicht war noch das Unglück zu lesen,
das ihn vor kurzem heimgesucht hatte. Als er das
Bild sah, wechselte er die Farbe und schlug
plötzlich die Hände vor die Augen, während der
Antiquitätenhändler ihn mit seltsamer Befriedigung
fragte: „Ist es nicht wahr? Ist es nicht wahr?“
Jener, das Gesicht immer noch hinter
den Händen verborgen, nickte mehrmals bejahend. Es
schien, als wollten ihm die angeschwollenen Adern in
dem kahlen Schädel platzen. Aus der Tasche zog er
ein schwarzgerändertes Taschentuch und führte es an
die Augen, um die hervorbrechenden Tränen
aufzuhalten. Ich sah, wie sein Zwerchfell lange
stumm erbebte, während er gleichzeitig in einem fort
schluchzend durch die Nase aufzog.
Alles ‑ auf süditalienische Weise ‑
sehr übertrieben.
Aber vielleicht auch ehrlich.
Der Antiquitätenhändler wollte mir
erklären, daß er seit seiner Kindheit die Frau
dieses Herrn kannte, die aus demselben Dorf stammte
wie er selbst: „Ich kann Ihnen versichern, sie war
das genaue Abbild dieser Magdalena. Ich habe mich
gestern daran erinnert, als mein Freund mir die
Nachricht brachte, daß sie gestorben war, so jung
noch, kaum einen Monat ist es her. Sie wissen, daß
ich erst vor kurzem da gewesen bin, um dieses Bild
anzusehen.“
„Ja, das schon, aber ich...“
„Ja, Sie sagten damals, Sie könnten
es nicht verkaufen.“
„Und jetzt ebenso wenig.“
Ich fühlte mich von diesem Herrn am
Arm gepackt, er warf sich mir beinahe weinend an die
Brust und beschwor mich, es ihm abzutreten, um
welchen Preis auch immer: Es wäre sie, seine Frau,
genau sie, sie so ‑ ganz und gar ‑ wie nur er
allein, er als Ehemann, sie in der häuslichen
Intimität gesehen haben könne (und als er das sagte,
spielte er sichtlich auf die nackte Brust an), und
er könne sie mir nun nicht mehr vor den Augen
lassen, das müsse ich doch verstehen, nun, da ich
das wisse.
Ich sah ihn an, verblüfft und
konsterniert, als hätte ich einen Irren vor mir,
denn es schien mir nicht möglich, daß er so etwas im
Ernst sagte, das heißt, daß er im Ernst meinen
könnte, daß das, was für mich nichts anderes war als
ein Gemälde, an das ich nie irgend einen Gedanken
verschwendet hatte, nun auch für mich das Porträt
seiner Frau werden konnte, so mit der entblößten
Brust, wie er sie allein in der häuslichen Intimität
erblickt haben konnte, somit also in einem Zustand,
in dem er sie nicht mehr von einem Fremden ansehen
lassen durfte.
Das Seltsame einer solchen Forderung
rief bei mir ein unwillkürliches Lachen hervor.
Anfangenseite
„Aber nein, sehen Sie doch,
lieber Herr: Ich habe Ihre Frau ja nie gekannt;
ich kann daher an dieses Bild gar nicht den
Gedanken knüpfen, dessen Sie mich verdächtigen.
Ich sehe da bloß ein Gemälde mit einem Bild,
das... ja, das zeigt...“
Hätte ich das bloß nie gesagt!
Er pflanzte sich vor mir auf, als wollte er mir
an die Gurgel springen, und schrie:
„Ich verbiete Ihnen, sie jetzt
anzusehen, so, in meiner Gegenwart!“
Zum Glück griff da der
Antiquitätenhändler ein, der mich um
Entschuldigung bat, um Mitleid mit diesem armen
Mann, der förmlich von Sinnen war; er sei stets
bis zum Wahnsinn eifersüchtig auf seine Frau
gewesen, die er bis zum letzten Atemzug mit
einer beinahe krankhaften Liebe geliebt habe.
Dann wandte er sich an ihn und beschwor ihn,
sich zu beruhigen; es wäre dumm, zu mir so zu
reden, zu behaupten, es wäre meine Pflicht,
aufgrund all dieser intimen Dinge ihm das Bild
abzutreten. Er wage auch noch, mir das
Betrachten des Bildes zu verbieten? Ja, sei er
denn wirklich ganz und gar von Sinnen? Und damit
schleppte er ihn fort, wobei er mich abermals um
Entschuldigung für die Szene bat, er habe nicht
geahnt, daß er mich so etwas werde erleben
lassen.
Ich war so beeindruckt von
dieser Geschichte, daß ich in der darauf
folgenden Nacht davon träumte.
Um es genauer zu sagen, muß ich
diesen Traum wohl in den ersten Morgenstunden
geträumt haben, genau in dem Augenblick, in dem
ein plötzlicher Lärm vor der Türe des Zimmers
mich weckte, ein Streit zwischen Katzen, die
durch weiß Gott welche Schlupflöcher ständig in
mein Haus kommen, wahrscheinlich angezogen von
den vielen Mäusen, die hier Quartier
aufgeschlagen haben.
Auswirkung des dergestalt
plötzlich unterbrochenen Traums war es, daß die
Trugbilder desselben, ich meine der Herr in
Trauer und das Bild der Magdalena, die seine
Frau geworden war, vielleicht nicht mehr die
Zeit hatten, in mich zurückzukehren, und draußen
blieben, in dem anderen Teil des Zimmers
jenseits der Säulen, in dem ich sie im Traum
gesehen hatte; so daß ich, als ich bei dem Lärm
aus dem Bett aufschreckte und den Vorhang mit
einem raschen Zug beiseiteschob, vage ein
Wirrwarr aus nacktem Fleisch und roten und
türkisfarbenen Stoffen auf den Kaminsims huschen
und blitzartig wieder die Position im Bild
einnehmen sah; und auf dem Sofa, unter all den
durcheinandergeworfenen Kissen, da war er,
dieser Herr, der sich eben aus der liegenden
Haltung in die sitzende aufrichtete, nicht mehr
schwarz gekleidet, sondern in einem Pyjama aus
himmelblauer Seide mit weißen und dunkelblauen
Streifen, der sich in dem allmählich stärker
werdenden Licht, das durch die beiden
Fensterchen drang, allmählich in der Form und in
den Farben dieser Kissen auflöste und endlich
verschwand.
Ich will nicht versuchen zu
erklären, wofür es keine Erklärung gibt. Niemand
hat je das Geheimnis der Träume ergründet.
Tatsache ist: Als ich, aufs höchste verwirrt,
die Augen hob, um das Bild auf dem Kaminsims zu
betrachten, da sah ich mit aller Deutlichkeit,
wie die Augen der Magdalena für einen Augenblick
lebendig wurden, die Lider von der Lektüre
abhoben und mit einen Blick zuwarfen, einen
lebendigen, in zarter, diabolischer
Schelmenhaftigkeit lachenden Blick. Vielleicht
waren es die geträumten Augen der verstorbenen
Gattin dieses Herrn, die sich für einen
Augenblick in den gemalten Augen des Bildes
belebten.
Ich konnte keinen Augenblick
länger in dem Haus bleiben. Ich weiß nicht mehr,
wie ich es geschafft habe mich anzuziehen. Von
Zeit zu Zeit habe ich mich mit einem Gefühl des
Horrors, das Sie sich gut ausmalen können,
umgewandt, um verstohlen diese Augen zu
betrachten. Ich fand sie stets gesenkt und in
die Lektüre versunken vor, wie sie in dem
Gemälde tatsächlich sind; aber nun war ich mir
schon nicht mehr sicher, ob sie nicht, wenn ich
nicht mehr hinsah, hinter meinem Rücken wieder
lebendig wurden, um mich immer noch mit diesem
Schimmer von zarter, diabolischer
Schelmenhaftigkeit anzublicken.
Ich stürzte in das Geschäft des
Antiquitätenhändlers, das ganz nahe bei meinem
Hause liegt. Ich sagte ihm, wenn ich das Bild
auch seinem Freund nicht verkaufen könne, könne
ich diesem doch das Haus mit dem gesamten
Mobiliar, das Bild eingeschlossen, versteht
sich, zu einem sehr günstigen Preis vermieten.
„Schon ab dem heutigen Tag, wenn
Ihr Freund das so will.“
In meinem überfallsartigen
Angebot lag so viel Bangigkeit und Beklemmung,
daß der Antiquitätenhändler den Grund dafür
erfahren wollte. Den Grund, den schämte ich mich
freilich ihm zu enthüllen. Stattdessen bat ich
ihn, mich auf der Stelle zu dem Hotel zu
begleiten, in dem sein Freund abgestiegen war.
Sie können sich meinen Zustand
vorstellen, als ich diesen in seinem Hotelzimmer
mir entgegenkommen sehe, bekleidet mit demselben
Pyjama aus himmelblauer Seide mit weißen und
dunkelblauen Streifen, in dem ich ihn im Traum
gesehen und in meinem Zimmer beim Aufsetzen auf
dem Sofa zwischen den durcheinandergeworfenen
Kissen ertappt hatte.
„Sie kommen eben aus meinem
Haus“, schrie ich ihn kreidebleich an. „Sie
waren heute nacht in meinem Haus!“
Ich sah, wie er auf einem Sessel
zusammenbrach, entsetzt, vor sich hinstammelnd:
o Gott, ja, in meinem Haus, im Traum, da wäre er
tatsächlich gewesen, und seine Frau...
„Eben, eben, Ihre Frau ist aus
dem Bild herausgestiegen. Ich habe sie dabei
ertappt, wie sie wieder zurückging. Und Sie
selbst haben sich mir im Licht auf dem Sofa in
Nichts aufgelöst. Aber Sie werden zugeben, als
ich Sie auf dem Sofa erwischte, konnte ich nicht
wissen, daß Sie einen Pyjama besitzen wie den,
den sie anhaben. Dann waren es also tatsächlich
Sie, der im Traum bei mir zu Hause gewesen ist;
Ihre Frau ist tatsächlich aus dem Bild
herausgestiegen, wie Sie es geträumt haben.
Erklären Sie sich dieses Faktum, wie Sie wollen.
Möglicherweise ist es einfach die Begegnung
meines Traums mit dem Ihren. Ich weiß das nicht.
Aber in meinem Haus kann ich nicht mehr bleiben,
mit Ihnen, die Sie da im Traum zu Besuch kommen,
und Ihrer Frau, die mich ansieht und dabei die
Augen vom Bild aus öffnet und schließt. Den
Grund, sich davor zu fürchten, der für mich
gilt, den können Sie nicht haben, denn es
handelt sich ja um Sie selbst und Ihre Frau;
gehen Sie also und holen Sie sich das in meinem
Haus zurückgebliebenes Bild Ihrer selbst ab! Was
tun Sie jetzt? Sie wollen nicht mehr? Sie fallen
in Ohnmacht?
„Ach, Halluzinationen, meine
Herren nichts als Halluzinationen!“, wurde
unterdessen der Apotheker nicht müde auszurufen.
Ach, wie reizend sind doch diese
wohlgefestigten Menschen, die angesichts eines
Faktums, für das es keine Erklärung gibt, sofort
ein Wort finden, das nichts aussagt, und mit dem
sie sich so wundersam einfach beruhigen:
„Halluzinationen“.
©
Michael Rössner.
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