II - ORT UND GESCHEHENSABLAUF
Der Strand von Anzio, im Sommer, in
einer Mondnacht.
Du hast mir eine so wunderbare
Beschreibung davon gegeben, daß ich mich nicht darauf
einlasse, sie nun meinerseits zu beschreiben. Nur ein
bißchen zu viel Sterne waren es, mein lieber. Wenn der
Mond fast voll ist, sieht man nur sehr wenige. Aber ein
Dichter kann sich auch einmal über diese Dinge
hinwegsetzen, die zum Bereich der Tatsachen gehören. Ein
Dichter kann auch dann die Sterne sehen, wenn sie nicht
zu sehen sind, und umgekehrt kann er viele andere Dinge
nicht sehen, die alle anderen sehen können.
Der Commendatore Ballesi hat eine kleine
Villa am Strand gemietet, und Fräulein Anita ist mit
ihrer Mamma ans Meer gefahren.
Der Commendatore hat viel in Rom zu tun,
er fährt ständig hin und her. Nicolino Respi ist ständig
in Anzio, zum Baden und zur Spielen in den Casinos:
Jeden Morgen im Wasser und jeden Abend am grünen Tisch
stellt er seine Fähigkeiten zur Schau.
Fräulein Anita muß die Glut ihrer
Entrüstung kühlen, und deshalb geht sie besonders oft
ins Wasser. Sicherlich kann sie es nicht mit Nicolino
Respi aufnehmen, aber dennoch ist sie eine tüchtige
Schwimmerin, und so schwimmt sie eines Morgens mit ihm
um die Wette immer weiter hinaus. Sie schwimmen und
schwimmen. Alle Badegäste verfolgen gespannt vom Strand
aus dieses Wettschwimmen, zuerst mit freiem Auge, dann
mit Feldstechern.
Nach einer gewissen Zeit will die gute
Mamma nicht mehr hinsehen; sie beginnt zu zittern und zu
bangen. O Gott, o Gott, wie wird ihre Tochter es jetzt
schaffen, von so weit draußen wieder zurückzuschwimmen?
Sicher werden ihre Kräfte nicht ausreichen... O Gott, o
Gott! Wo ist sie nur? Mein Gott, so weit draußen... man
kann sie gar nicht mehr sehen... Man muß sofort Hilfe
schicken, um Himmelswillen! Ein Boot, ein Boot! Hilfe,
sofort Hilfe!
Und sie erregt sich so sehr und redet so
lange, bis schließlich zwei junge Burschen heldenhaft in
ein Ruderboot springen und hinausrudern.
Ein glücklicher Einfall! Denn kaum sind
die beiden losgerudert, da befällt Fräulein Anita ein
Krampf im Bein, sie schreit auf; Nicolino Respi schwimmt
mit zwei Schwimmstößen an ihre Seite und stützt sie;
aber Fräulein Anita ist der Ohnmacht nahe und klammert
sich verzweifelt an seinen Hals; Nicolino sieht sich
verloren; gleich wird er mit ihr untergehen; und in
seinem Zorn darüber, beißt er sie wütend in den Hals, um
sich zu befreien. Da läßt Fräulein Anita los und treibt
unbeweglich auf den Wellen. Nun kann er sie über Wasser
halten, aber auch seine Kräfte gehen zu Ende, als
endlich das Boot eintrifft. Die Rettung ist gelungen.
Nur laboriert Fräulein Anita nun über
eine Woche lang an den Folgen des Bisses von Nicolino
Respi.
Ja, das sind eben bleibende Eindrücke,
mein lieber Marino!
Mehrere Tage hindurch kann Fräulein
Anita bei jeder Bewegung des Halses nicht leugnen, daß
Nicolino Respi einen kräftigen Biß hat. Und gegen diesen
Biß kann sie nichts haben, denn sie verdankt ihm
schließlich ihre Rettung.
Nun, all das ist tatsächlich nur die
Vorgeschichte.
Obwohl - vielleicht auch nicht. Es ist
Vorgeschichte und auch wieder nicht. Denn alles hängt
davon ab, wie man die Tatsachen voneinander trennt.
Als du, mein lieber Marino, in dieser
wundervollen Mondnacht in Anzio ankamst, im Herzen
tiefste Verzweiflung, um noch ein letztes Mal unter vier
Augen mit dem bereits offiziell mit dem Commendatore
Ballesi verlobte Fräulein Anita zu sprechen, da trug sie
am Hals noch die Bißspuren von Nicolino Respi.
Deiner eigenen Aussage nach folgte sie
dir willig über den ganzen Strand, war bereit, sich mit
dir in den menschenleeren Sandflächen zu verlieren, die
sich bis zu dem großen sandverkrusteten Felsen dort ganz
unten hinziehen. Ihr beide im Mondschein, Arm in Arm,
berauscht von der Meeresbrise, eingelullt von dem
ständigen gedämpften Rollen der silbrigglänzenden
Gischtwellen.
Was hast du ihr da erzählt? Ja, ich weiß
schon, von deiner ganzen Liebe und deiner ganzen Qual;
und da hast du ihr vorgeschlagen, gegen den schamlosen
Antrag dieses alten Ekels zu rebellieren und lieber
deine Armut anzunehmen.
Sie aber, lieber Freund, von deinen
Worten entflammt, verstört, zerrissen, sie konnte deine
Armut nicht annehmen; dagegen wollte sie - das sehr wohl
- deine Liebe annehmen und sich dadurch im vorhinein,
noch an diesem selben Abend, für den schamlosen
Übergriff des Alten rächen, der sich als richtiger
Wucherer an ihr für seine lange erwiesenen Wohltaten
schadlos halten wollte.
Du aber warst ehrenhaft, du warst edel
genug, diese Rache nicht zuzulassen.
Freilich, lieber Freund, ich glaube dir
ja: Du wirst davongelaufen sein wie ein Verrückter. Aber
dem Fräulein Anita, das an diesem Abend allein auf dem
Strand, im Schatten des Felsens, zurückgeblieben war,
dem Fräulein Anita erschienst du nicht als Verrückter,
das kann ich dir versichern, als du da im Mondlicht
haltlos den Strand entlang davonliefst. Anita erschienst
du als Dummkopf und Feigling.
Und leider, lieber Marino, leider genoß
an diesem Abend auf diesem Felsen still und leise - dank
seiner leeren Taschen - diesen schönen Mondschein - und
dann auch das Schauspiel deines Davonlaufens - noch
einer: Nicolino Respi, der mit dem Biß und der Rettung
aus dem Meer.
Und ihm genügten ein paar Worte und ein
kurzes Lachen von dort oben:
"So ein Trottel, was, Signorina?"
Und damit sprang er von dem Felsen
herunter.
Dir blieb wenig später die Befriedigung,
zusammen mit dem Commendatore Ballesi, der spät im Auto
aus Rom eingetroffen war, im Mondschein Nicolino Respi
Arm in Arm mit Fräulein Anita zu erwischen.
Auf dem Hinweg du, auf dem Rückweg er.
Was ist süßer, der Hinweg oder der Rückweg?
Und nun, mein Freund, kommen wir zu dem
originellen Punkt der Sache.
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III - ERKLÄRUNG
Du, mein lieber Marino, meinst, eine
gräßliche Enttäuschung erlebt zu haben, weil du
plötzlich Fräulein Anita als eine ganz andere erlebt
hast, ganz anders als die, die du kanntest, als die, die
sie für dich war. Nun bist du ganz sicher, Fräulein
Anita sei doch eine ganz andere gewesen.
Na sehr gut. Eine andere war Fräulein
Anita mit Sicherheit. Nicht nur; sie war viele, sehr
viele andere, mein Freund, wenigstens so viele, als
Leute sie kennen und als sie Leute kennt. Weißt du,
worin dein Grundirrtum besteht? Darin, daß du glaubst,
wenn sie auch eine andere sei - wie du meinst -, oder
viele andere - wie ich meine -, dann könnte sie deshalb
nicht dennoch auch weiterhin die sein, die du in ihr
gekannt hast.
Fräulein Anita ist die, und eine andere,
und auch viele andere, denn du wirst mir doch zugeben,
daß die, die sie für mich ist, nicht dieselbe sein kann,
die sie für dich ist, die sie für ihre Mutter ist, die
sie für den Commendatore Ballesi ist, und für all die
anderen, die sie kennen, jeder auf seine Weise.
Nun sieh einmal: Jeder, so wie er sie
kennt, gibt ihr - das stimmt doch? - eine Wirklichkeit.
So viele Wirklichkeiten also, mein Lieber, daß sie
"wirklich" - und nicht nur sozusagen - dafür sorgen, daß
Fräulein Anita eine für dich, eine für mich, eine für
ihre Mutter, eine für den Commendator Ballesi, und so
weiter, ist. Und dabei hat doch jeder von uns die
Illusion, die wahre Anita wäre nur die, die er kennt.
Und auch sie hat natürlich diese Illusion, ja sie vor
allem, die Illusion, sie wäre immer und für alle
dieselbe.
Weißt du, woher diese Illusion stammt,
lieber Freund? Nun, einfach daher, daß wir alle guten
Glaubens davon überzeugt sind, in jeder unserer
Handlungen wären wir stets ganz präsent; aber leider ist
dem nicht so. Das merken wir freilich nur, wenn wir
durch irgend einen unglückseligen Zwischenfall plötzlich
an einer unserer Handlungen hängen bleiben, festgenagelt
an einer einzigen der vielen, die wir Tag für Tag
setzen; dann merken wir sehr wohl, daß wir nicht zur
Gänze in dieser einen Handlung stecken, und daß es eine
grauenhafte Ungerechtigkeit wäre, uns nur nach dieser
einen Handlung zu beurteilen, uns an ihr festzunageln,
an ihr aufzuhängen, ihretwegen an den Pranger zu
stellen, für unsere ganzes Erdenleben, als ließe sich
dieses in dieser einzigen Handlung zusammenfassen.
Nun, genau diese Ungerechtigkeit bist du
eben im Begriff, Fräulein Anita gegenüber zu begehen,
mein Lieber.
Du hast sie in einer anderen
Wirklichkeit überrascht, als du sie ihr zu geben gewohnt
warst, und nun bist du bereit zu glauben, ihre wahre
Wirklichkeit sei nicht die schöne, die du ihr früher
zugedacht hattest, sondern nur diese häßliche, in der du
sie zusammen mit dem Commendatore Ballesi ertappt hast,
als sie mit Nicolino Respi von dem Felsen
zurückspazierte.
Es ist kein Zufall, lieber Freund, daß
du mir nichts von dem aufstehenden Näschen des Fräuleins
Anita erzählt hast!
Dieses Näschen gehörte nicht dir. Das
war nicht das Näschen deiner Anita. Dein waren
die nachtschwarzen Augen, das leidenschaftliche Herz,
die feinsinnige Intelligenz dieses Mädchens. Nicht aber
dieses kühn aufstehende Näschen mit den eher fleischigen
Nasenflügeln.
Dieses Näschen erbebte noch immer, wenn
es sich an den Biß Nicolino Respis erinnerte. Dieses
Näschen wollte seine Rache haben für den widerlichen
Übergriff des alten Commendatore Ballesi. Du hast ihm
nicht erlaubt, diese Rache mit dir zu verwirklichen,
also hat das Näschen sich dafür Nicolino geholt.
Wer weiß, wie viel nun diese
nachtschwarzen Augen weinen, wie stark dieses
leidenschaftliche Herz blutet, wie sehr sich diese
feinsinnige Intelligenz gegen ihr Schicksal auflehnt -
ich meine, all das, was an ihr dir gehört.
Ach, glaube mir, lieber Marino, für sie
war der Hinweg zum Felsen mit dir viel süßer als der
Rückweg von dort mit Nicolino Respi.
Du wirst dich wohl bereit finden müssen,
nachzugeben, und es dem Commendatore gleichzutun, der -
du wirst schon sehen - Anita verzeihen und sie doch noch
heiraten wird.
Aber verlange bitte nicht, daß sie nur
eine einzige sein und ganz dir gehören soll. Sie wird
ganz und gar ehrlich eine einzige und ganz für dich
sein; und zugleich eine andere für den Commendatore
Ballesi, und das nicht weniger ehrlich. Denn es gibt
nicht nur ein einziges Fräulein - oder nur eine einzige
Frau - Anita, lieber Freund.
Das ist vielleicht nicht schön, aber es
ist nun einmal so.
Und bitte, sieh zu, daß Nicolino Respi
mit seinen gefletschten Zähnen diesem aufstehenden
Näschen keinen zweiten Besuch abstattet.
* * *
*
Erstveröffentlichung im Corriere della Sera
vom 4. Februar 1912. Keine wesentlichen
Varianten.
©
Michael Rössner.
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