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Novellen - Vorbemerkung


Pirandello auf Deutsch - Index

Liste der Novellen (in alphabetische Ordnung)

 

 

ANTWORT - (Risposta - 1922)

 

Erstveröffentlichung im Corriere della Sera vom 4. Februar 1912. Keine wesentlichen Varianten.

aus dem Italienischen von Michael Rössner

Italienische Version

 

Na, du hast dich schön ausgetobt, mein Freund!

Es ist ja wirklich zu beklagen, daß du deine angeborene Neigung überwinden mußtest und dich nicht den Musen widmen konntest. Wieviel Wärme liegt doch in deinem Ausdruck, und mit welch durchsichtiger Klarheit stellst du einem mit wenigen Strichen lebendig Orte, Geschehnisse und Menschen vor Augen!

Du bist schmerzlich berührt, du bist gekränkt, mein armer Marino; und ich möchte nicht, daß diese meine Antwort deinen Kummer und deine Verärgerung noch steigert. Aber du willst, daß ich dir offen darlege, was ich von deinem Fall halte. Ich werde es tun, damit du zufrieden bist, obwohl ich weiß, daß du damit nicht zufrieden sein wirst.

Ich folge meiner eigenen Methode, wenn du gestattest. Ich werde zuerst kurz den Tatbestand darlegen, dann werde ich mit der von dir gewünschten Offenheit meine Meinung dazu sagen.

Also schön der Reihe nach. 

 

I - PERSONEN, UMSTÄNDE UND HINTERGRÜNDE

a) Fräulein Anita. - Sechsundzwanzig Jahre (sie sieht gerade wie zwanzig aus, na schön, aber es sind doch sechsundzwanzig und auch schon ein bißchen drüber). Braunhaarig; nachtschwarze Augen:

 

In ihren Augen fängt sich
die tiefe Nacht...

 

Korallenlippen, na sei's drum.

Aber die Nase, mein Freund? Du erzählst mir nichts von der Nase. Bei den Braunhaarigen gilt's zu allererst auf die Nase zu schauen. Ganz besonders auf die Nasenflügel.

Ich bin sicher, bei Fräulein Anita steht die Nase ein bißchen auf. Nein, ich sage nicht, daß sie häßlich ist; sprechen wir ruhig von einem Näschen. Aber es steht ein bißchen auf. Und die Nasenflügel sind eher fleischig, sie blähen sich stark, wenn sie die Zähne zusammenpreßt, wenn sie mit den Augen ins Leere starrt und aus der Nase einen langen, langen, stillen Seufzer herauspreßt.

Hast du gemerkt, wie ihre Augen sich verschleiern und die Farbe wechseln, wenn sie einen dieser stillen Seufzer herauspreßt?

 

Sie hat viel gelitten, das Fräulein Anita, weil sie sehr klug ist. Sie war wohlhabend, solange ihr Vater lebte. Nun, da der Vater gestorben ist, ist sie arm. Und sechsund­zwanzig Jahre. Aufstehende Nase und nachtschwarze Augen.

Gehen wir weiter.

b) Mein Freund Marino.- Vierundzwanzig Jahre, um zwei Jahre weniger als Fräulein Anita, die freilich immerhin wie gerade zwanzig aussehen mag.

Arm ist auch er; auch er väterlicherseits ein Waisenkind. Das ist etwas recht Trauriges, aber Teures, wenn man es mit einer geliebten Person teilt. Zwei Schicksale, wie für einander bestimmt.

Aber mein Freund Marino, arm und Waisenkind, wie er nun einmal ist, hat die Mutter und eine Schwester zu erhalten. Waisenkind und arm, wie sie ist, hat Fräulein Anita ebenfalls eine Mutter, aber sie muß sie nicht erhalten.

Um die Erhaltung der Mutter kümmert sich der Commendatore Ballesi.

Mein Freund Marino haßt natürlich diesen Commendatore Ballesi.

Ein Hitzkopf ist er freilich, und das Herz geht ihm leicht über. Reden kann er wie kein zweiter, und seine Sprache ist bildreich, faszinierend, wie der Blick seiner schönen blauen Augen. Sagen wir: Mein Freund Marino ist der Tag, das Fräulein Anita ist die Nacht. Er hat die Farbe der Sonne in seinem blonden Haar und das Blau des Himmels in den Augen; in ihren Augen stehen zwei Sterne, in ihren Haaren wohnt die Nacht. Na, ich meine, da ich schon einmal mit einem Dichter spreche, kann ich mich wohl nicht besser ausdrücken als auf diese Weise.

Gehen wir weiter.

Von der Not zur Klugheit gezwungen, kann mein Freund Marino es sich einfach nicht erlauben, sich unter den gegenwärtigen Umständen (die freilich noch eine geraume Weile andauern werden), die Last einer weiteren Frau aufzuhalsen, und muß deshalb gerade die Last liegen lassen, die ihn am wenigsten beschweren würde.

Es mag sogar sein, daß diese dritte Last ihm das Gewicht der anderen beiden leichter erscheinen ließe, die er sich nicht vom Halse schaffen kann - aber daran würde er niemals wagen auch nur zu denken.

Manche Leute freilich meinen eben, zu dritt lebt sich's auf dem Rücken eines armen Menschen nicht so bequem und in gutem Einvernehmen. Und der gute Marino - von der Not zur Klugheit gezwungen - muß das anerkennen. 

c) Der Commendatore Ballesi.- Ein alter Freund des Seligen ist er; will sagen, von Anitas Vater. Sechsundsechzig Jahre. Zart und von kleinem Wuchs; spindeldürre Beinchen, aber mit mächtigen Absätzen bewehrt. Ein dicker Kopf, ein dicker, herabhängender Schnurrbart, unter dessen Vorhang nicht nur der Mund, sondern gleich auch das Kinn verschwindet, falls man sagen kann, daß der Commendatore Ballesi tatsächlich ein Kinn besitzt. Buschige, stets gerunzelte Augenbrauen, und meistens einen Finger in der Nase. Dieser Finger denkt. Auch die Haare der Augenbrauen denken. Er ist überhaupt geradezu eine geladene Kanone aus Gedanken, der gute Commendatore Ballesi. Das finanzielle Schicksal des neuen Italien liegt in seinen winzigen, eisenharten Fäusten.

Nun, kein Mensch weiß wie oder warum, plötzlich ist der Commendatore Ballesi auf die Idee verfallen, er müsse seine väterliche Liebe zu Fräulein Anita in eine Liebe anderer Art verwandeln. Und er hat um ihre Hand angehalten.

Fräulein Anita hat mehrere Taschentücher zerrissen, mit den Händen und mit den Zähnen. Nein, das war nicht Ärger, das war Scham, Abscheu, Grauen. Die Mamma hat geweint. Warum hat die Mamma denn geweint? Nun, vor Freude, sagte sie. Vor Freude - gut, geben wir einmal zu, daß man auch vor Freude weinen kann - aber vor Freude weint man ein bißchen, und dann lacht man wieder. Fräulein Anitas Mamma jedoch hat sehr viel geweint, und sie lacht gar nicht mehr. Honni soit qui mal y pense.

Und damit gehen wir zur letzten Figur. 

d) Nicolino Respi.- Dreißig Jahre, muskulös und athletisch gebaut, ein berühmt guter Schwimmer und Reiter, Ruderer und Fechter; und dazu schamlos, unwissend wie ein Perlhuhn, ständiger Besucher von Spielhöllen und ein Mädchenheld... Nur weiter, nur weiter, lieber Freund, ich gebe dir ja in allem recht. Ich kenne Nicolino Respi und teile deine Einschätzung und deine Entrüstung. Aber glaube deshalb bitte nicht, daß ich Respi Unrecht gebe.

Ach, ich gebe also dir unrecht? Aber nein. Dem Fräulein Anita? Auch nicht. Ach Gott, so laß mich doch ausreden, laß mich weiter nach meiner Methode vorgehen. Glaub mir doch, lieber Freund, dein Fall ist uralt. Neu, originell, ist daran einzig meine Methode und die Erklärung, die ich dir geben werde.

Aber immer schön der Reihe nach.

 

II - ORT UND GESCHEHENSABLAUF

Der Strand von Anzio, im Sommer, in einer Mondnacht.

Du hast mir eine so wunderbare Beschreibung davon gegeben, daß ich mich nicht darauf einlasse, sie nun meinerseits zu beschreiben. Nur ein bißchen zu viel Sterne waren es, mein lieber. Wenn der Mond fast voll ist, sieht man nur sehr wenige. Aber ein Dichter kann sich auch einmal über diese Dinge hinwegsetzen, die zum Bereich der Tatsachen gehören. Ein Dichter kann auch dann die Sterne sehen, wenn sie nicht zu sehen sind, und umgekehrt kann er viele andere Dinge nicht sehen, die alle anderen sehen können.

Der Commendatore Ballesi hat eine kleine Villa am Strand gemietet, und Fräulein Anita ist mit ihrer Mamma ans Meer gefahren.

Der Commendatore hat viel in Rom zu tun, er fährt ständig hin und her. Nicolino Respi ist ständig in Anzio, zum Baden und zur Spielen in den Casinos: Jeden Morgen im Wasser und jeden Abend am grünen Tisch stellt er seine Fähigkeiten zur Schau.

Fräulein Anita muß die Glut ihrer Entrüstung kühlen, und deshalb geht sie besonders oft ins Wasser. Sicherlich kann sie es nicht mit Nicolino Respi aufnehmen, aber dennoch ist sie eine tüchtige Schwimmerin, und so schwimmt sie eines Morgens mit ihm um die Wette immer weiter hinaus. Sie schwimmen und schwimmen. Alle Badegäste verfolgen gespannt vom Strand aus dieses Wettschwimmen, zuerst mit freiem Auge, dann mit Feldstechern.

Nach einer gewissen Zeit will die gute Mamma nicht mehr hinsehen; sie beginnt zu zittern und zu bangen. O Gott, o Gott, wie wird ihre Tochter es jetzt schaffen, von so weit draußen wieder zurückzuschwimmen? Sicher werden ihre Kräfte nicht ausreichen... O Gott, o Gott! Wo ist sie nur? Mein Gott, so weit draußen... man kann sie gar nicht mehr sehen... Man muß sofort Hilfe schicken, um Himmelswillen! Ein Boot, ein Boot! Hilfe, sofort Hilfe!

Und sie erregt sich so sehr und redet so lange, bis schließlich zwei junge Burschen heldenhaft in ein Ruderboot springen und hinausrudern.

Ein glücklicher Einfall! Denn kaum sind die beiden losgerudert, da befällt Fräulein Anita ein Krampf im Bein, sie schreit auf; Nicolino Respi schwimmt mit zwei Schwimmstößen an ihre Seite und stützt sie; aber Fräulein Anita ist der Ohnmacht nahe und klammert sich verzweifelt an seinen Hals; Nicolino sieht sich verloren; gleich wird er mit ihr untergehen; und in seinem Zorn darüber, beißt er sie wütend in den Hals, um sich zu befreien. Da läßt Fräulein Anita los und treibt unbeweglich auf den Wellen. Nun kann er sie über Wasser halten, aber auch seine Kräfte gehen zu Ende, als endlich das Boot eintrifft. Die Rettung ist gelungen.

Nur laboriert Fräulein Anita nun über eine Woche lang an den Folgen des Bisses von Nicolino Respi.

Ja, das sind eben bleibende Eindrücke, mein lieber Marino!

Mehrere Tage hindurch kann Fräulein Anita bei jeder Bewegung des Halses nicht leugnen, daß Nicolino Respi einen kräftigen Biß hat. Und gegen diesen Biß kann sie nichts haben, denn sie verdankt ihm schließlich ihre Rettung.

Nun, all das ist tatsächlich nur die Vorgeschichte.

Obwohl - vielleicht auch nicht. Es ist Vorgeschichte und auch wieder nicht. Denn alles hängt davon ab, wie man die Tatsachen voneinander trennt.

Als du, mein lieber Marino, in dieser wundervollen Mondnacht in Anzio ankamst, im Herzen tiefste Verzweiflung, um noch ein letztes Mal unter vier Augen mit dem bereits offiziell mit dem Commendatore Ballesi verlobte Fräulein Anita zu sprechen, da trug sie am Hals noch die Bißspuren von Nicolino Respi.

Deiner eigenen Aussage nach folgte sie dir willig über den ganzen Strand, war bereit, sich mit dir in den menschenleeren Sandflächen zu verlieren, die sich bis zu dem großen sandverkrusteten Felsen dort ganz unten hinziehen. Ihr beide im Mondschein, Arm in Arm, berauscht von der Meeresbrise, eingelullt von dem ständigen gedämpften Rollen der silbrigglänzenden Gischtwellen.

Was hast du ihr da erzählt? Ja, ich weiß schon, von deiner ganzen Liebe und deiner ganzen Qual; und da hast du ihr vorgeschlagen, gegen den schamlosen Antrag dieses alten Ekels zu rebellieren und lieber deine Armut anzunehmen.

Sie aber, lieber Freund, von deinen Worten entflammt, verstört, zerrissen, sie konnte deine Armut nicht annehmen; dagegen wollte sie - das sehr wohl - deine Liebe annehmen und sich dadurch im vorhinein, noch an diesem selben Abend, für den schamlosen Übergriff des Alten rächen, der sich als richtiger Wucherer an ihr für seine lange erwiesenen Wohltaten schadlos halten wollte.

Du aber warst ehrenhaft, du warst edel genug, diese Rache nicht zuzulassen.

Freilich, lieber Freund, ich glaube dir ja: Du wirst davongelaufen sein wie ein Verrückter. Aber dem Fräulein Anita, das an diesem Abend allein auf dem Strand, im Schatten des Felsens, zurückgeblieben war, dem Fräulein Anita erschienst du nicht als Verrückter, das kann ich dir versichern, als du da im Mondlicht haltlos den Strand entlang davonliefst. Anita erschienst du als Dummkopf und Feigling.

Und leider, lieber Marino, leider genoß an diesem Abend auf diesem Felsen still und leise - dank seiner leeren Taschen - diesen schönen Mondschein - und dann auch das Schauspiel deines Davonlaufens - noch einer: Nicolino Respi, der mit dem Biß und der Rettung aus dem Meer.

Und ihm genügten ein paar Worte und ein kurzes Lachen von dort oben:

"So ein Trottel, was, Signorina?"

Und damit sprang er von dem Felsen herunter.

Dir blieb wenig später die Befriedigung, zusammen mit dem Commendatore Ballesi, der spät im Auto aus Rom eingetroffen war, im Mondschein Nicolino Respi Arm in Arm mit Fräulein Anita zu erwischen.

Auf dem Hinweg du, auf dem Rückweg er. Was ist süßer, der Hinweg oder der Rückweg?

Und nun, mein Freund, kommen wir zu dem originellen Punkt der Sache.

 

III - ERKLÄRUNG

Du, mein lieber Marino, meinst, eine gräßliche Enttäuschung erlebt zu haben, weil du plötzlich Fräulein Anita als eine ganz andere erlebt hast, ganz anders als die, die du kanntest, als die, die sie für dich war. Nun bist du ganz sicher, Fräulein Anita sei doch eine ganz andere gewesen.

Na sehr gut. Eine andere war Fräulein Anita mit Sicherheit. Nicht nur; sie war viele, sehr viele andere, mein Freund, wenigstens so viele, als Leute sie kennen und als sie Leute kennt. Weißt du, worin dein Grundirrtum besteht? Darin, daß du glaubst, wenn sie auch eine andere sei - wie du meinst -, oder viele andere - wie ich meine -, dann könnte sie deshalb nicht dennoch auch weiterhin die sein, die du in ihr gekannt hast.

Fräulein Anita ist die, und eine andere, und auch viele andere, denn du wirst mir doch zugeben, daß die, die sie für mich ist, nicht dieselbe sein kann, die sie für dich ist, die sie für ihre Mutter ist, die sie für den Commendatore Ballesi ist, und für all die anderen, die sie kennen, jeder auf seine Weise.

Nun sieh einmal: Jeder, so wie er sie kennt, gibt ihr - das stimmt doch? - eine Wirklichkeit. So viele Wirklichkeiten also, mein Lieber, daß sie "wirklich" - und nicht nur sozusagen - dafür sorgen, daß Fräulein Anita eine für dich, eine für mich, eine für ihre Mutter, eine für den Commendator Ballesi, und so weiter, ist. Und dabei hat doch jeder von uns die Illusion, die wahre Anita wäre nur die, die er kennt. Und auch sie hat natürlich diese Illusion, ja sie vor allem, die Illusion, sie wäre immer und für alle dieselbe.

Weißt du, woher diese Illusion stammt, lieber Freund? Nun, einfach daher, daß wir alle guten Glaubens davon überzeugt sind, in jeder unserer Handlungen wären wir stets ganz präsent; aber leider ist dem nicht so. Das merken wir freilich nur, wenn wir durch irgend einen unglückseligen Zwischenfall plötzlich an einer unserer Handlungen hängen bleiben, festgenagelt an einer einzigen der vielen, die wir Tag für Tag setzen; dann merken wir sehr wohl, daß wir nicht zur Gänze in dieser einen Handlung stecken, und daß es eine grauenhafte Ungerechtigkeit wäre, uns nur nach dieser einen Handlung zu beurteilen, uns an ihr festzunageln, an ihr aufzuhängen, ihretwegen an den Pranger zu stellen, für unsere ganzes Erdenleben, als ließe sich dieses in dieser einzigen Handlung zusammenfassen.

Nun, genau diese Ungerechtigkeit bist du eben im Begriff, Fräulein Anita gegenüber zu begehen, mein Lieber.

Du hast sie in einer anderen Wirklichkeit überrascht, als du sie ihr zu geben gewohnt warst, und nun bist du bereit zu glauben, ihre wahre Wirklichkeit sei nicht die schöne, die du ihr früher zugedacht hattest, sondern nur diese häßliche, in der du sie zusammen mit dem Commendatore Ballesi ertappt hast, als sie mit Nicolino Respi von dem Felsen zurückspazierte.

Es ist kein Zufall, lieber Freund, daß du mir nichts von dem aufstehenden Näschen des Fräuleins Anita erzählt hast!

Dieses Näschen gehörte nicht dir. Das war nicht das Näschen deiner Anita. Dein waren die nachtschwarzen Augen, das leidenschaftliche Herz, die feinsinnige Intelligenz dieses Mädchens. Nicht aber dieses kühn aufstehende Näschen mit den eher fleischigen Nasenflügeln.

Dieses Näschen erbebte noch immer, wenn es sich an den Biß Nicolino Respis erinnerte. Dieses Näschen wollte seine Rache haben für den widerlichen Übergriff des alten Commendatore Ballesi. Du hast ihm nicht erlaubt, diese Rache mit dir zu verwirklichen, also hat das Näschen sich dafür Nicolino geholt.

Wer weiß, wie viel nun diese nachtschwarzen Augen weinen, wie stark dieses leidenschaftliche Herz blutet, wie sehr sich diese feinsinnige Intelligenz gegen ihr Schicksal auflehnt - ich meine, all das, was an ihr dir gehört.

Ach, glaube mir, lieber Marino, für sie war der Hinweg zum Felsen mit dir viel süßer als der Rückweg von dort mit Nicolino Respi.

Du wirst dich wohl bereit finden müssen, nachzugeben, und es dem Commendatore gleichzutun, der - du wirst schon sehen - Anita verzeihen und sie doch noch heiraten wird.

Aber verlange bitte nicht, daß sie nur eine einzige sein und ganz dir gehören soll. Sie wird ganz und gar ehrlich eine einzige und ganz für dich sein; und zugleich eine andere für den Commendatore Ballesi, und das nicht weniger ehrlich. Denn es gibt nicht nur ein einziges Fräulein - oder nur eine einzige Frau - Anita, lieber Freund.

Das ist vielleicht nicht schön, aber es ist nun einmal so.

Und bitte, sieh zu, daß Nicolino Respi mit seinen gefletschten Zähnen diesem aufstehenden Näschen keinen zweiten Besuch abstattet. 

© Michael Rössner.

 

 

Novellen - Vorbemerkung


Pirandello auf Deutsch - Index


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Auswirkungen eines unterbrochenen Traums - (Effetti di un sogno interrotto – 1937)

 

aus dem Italienischen von Michael Rössner

Italienische Version

 

Ich wohne in einem alten Haus, das den Eindruck eines Trödlerladens macht. In einem Haus, das seit wer weiß wie vielen Jahren Staub geschluckt hat.

Das ständige Halbdunkel, das dieses Haus bedrückt, hat etwas von der steifen Atmosphäre der Kirchen an sich; in ihm steht unbeweglich der muffige, alte und welke Geruch der zerfallenden Möbel in allen Formen, mit denen es vollgestopft, und der vielen Stoffe, mit denen es geschmückt ist, teure, zerrissene und ausgebleichte Stoffe, überall ausgebreitet und aufgehängt, in Form von Decken, Vorhängen oder Baldachinen. Ich trage meinen Teil bei zu diesem Gestank, indem ich den ganzen Tag meine alten, verkrusteten Pfeifen rauche und damit die Luft verpeste. Nur dann, wenn ich von draußen zurückkomme, fällt es mir überhaupt auf, daß man in meinem Haus gar keine Luft kriegt. Aber für einen, der ein Leben führt wie ich... Aber genug: lassen wir das.

 

Im Schlafzimmer befindet sich eine Art Alkoven auf einer Plattform, zu dem man über zwei Stufen hinaufsteigt. Oben ist die Zimmerdecke, der Stützbalken liegt in der Mitte auf zwei gedrungenen Säulen auf. Auch hier Baldachinvorhänge, die das Bett verbergen sollen, sie laufen auf Messingstangen hinter den Säulen. Die andere Hälfte des Zimmers dient als Arbeitsraum. Unter den Säulen steht ein Sofa: ehrlich gesagt ist es sehr bequem, mit jeder Menge darauf aufgetürmter Kissen, und davor ein massiver Tisch, der als Schreibtisch verwendet wird; zur Linken  ein großer Kamin, den ich nie anzünde; in der gegenüberliegenden Wand, zwischen zwei Fensterchen, ein altes Regal mit Bücherleichen, die in vergilbtes Pergament gebunden sind. Auf dem Kaminsims aus geschwärztem Marmor ist ein halb geräuchertes Bild aus dem siebzehnten Jahrhundert aufgehängt, eine Darstellung der Büßenden Magdalena, ich weiß nicht, ob es ein Original oder eine Kopie ist, aber selbst wenn es eine Kopie sein sollte, hat es einen gewissen Wert. Die lebensgroße Figur liegt auf dem Bauch ausgestreckt in einer Höhle; ein auf den Ellbogen gestützter Arm hält den Kopf; die gesenkten Augen bemühen sich, bei dem Licht einer neben einen Totenschädel auf den Boden gestellten Öllampe in einem Buch zu lesen. Sicherlich, das Gesicht, die prächtige Fülle der offenen rötlichen Haare, die eine Schulter und die Brust frei lassen, sind in dem Schein dieser Öllampe wunderschön.

Das Haus gehört mir und gehört mir auch wieder nicht. Es gehört mit dem gesamten Mobiliar einem Freund von mir, der es mir vor drei Jahren, als er nach Amerika aufbrach, als Garantie für einen größeren Geldbetrag überließ, den er mir noch schuldete. Dieser Freund hat sich natürlich nie wieder gemeldet, und trotz aller Nachfragen und Nachforschungen, die ich angestellt habe, ist es mir nicht gelungen, irgendeine Nachricht von ihm zu erhalten. Sicher ist nur, daß ich noch nicht über das Haus und seinen Inhalt verfügen kann, um mir das Meine zurückzuholen.

Nun, ein Antiquitätenhändler aus meinem Bekanntenkreis hat sich in diese Büßende Magdalena verliebt, und neulich erst führte er mir einen fremden Herrn ins Haus, um sie ihm zu zeigen.

Der Herr, um die vierzig, groß, mager, kahlköpfig, trug strengste Trauer, wie man es in der Provinz noch zu tun pflegt. Sogar das Hemd war ein Trauerhemd. Aber auch auf seinem eingefallenen Gesicht war noch das Unglück zu lesen, das ihn vor kurzem heimgesucht hatte. Als er das Bild sah, wechselte er die Farbe und schlug plötzlich die Hände vor die Augen, während der Antiquitätenhändler ihn mit seltsamer Befriedigung fragte: „Ist es nicht wahr? Ist es nicht wahr?“

Jener, das Gesicht immer noch hinter den Händen verborgen, nickte mehrmals bejahend. Es schien, als wollten ihm die angeschwollenen Adern in dem kahlen Schädel platzen. Aus der Tasche zog er ein schwarzgerändertes Taschentuch und führte es an die Augen, um die hervorbrechenden Tränen aufzuhalten. Ich sah, wie sein Zwerchfell lange stumm erbebte, während er gleichzeitig in einem fort schluchzend durch die Nase aufzog.

Alles ‑ auf süditalienische Weise ‑ sehr übertrieben.

Aber vielleicht auch ehrlich.

Der Antiquitätenhändler wollte mir erklären, daß er seit seiner Kindheit die Frau dieses Herrn kannte, die aus demselben Dorf stammte wie er selbst: „Ich kann Ihnen versichern, sie war das genaue Abbild dieser Magdalena. Ich habe mich gestern daran erinnert, als mein Freund mir die Nachricht brachte, daß sie gestorben war, so jung noch, kaum einen Monat ist es her. Sie wissen, daß ich erst vor kurzem da gewesen bin, um dieses Bild anzusehen.“

„Ja, das schon, aber ich...“

„Ja, Sie sagten damals, Sie könnten es nicht verkaufen.“

„Und jetzt ebenso wenig.“

Ich fühlte mich von diesem Herrn am Arm gepackt, er warf sich mir beinahe weinend an die Brust und beschwor mich, es ihm abzutreten, um welchen Preis auch immer: Es wäre sie, seine Frau, genau sie, sie so ‑ ganz und gar ‑ wie nur er allein, er als Ehemann, sie in der häuslichen Intimität gesehen haben könne (und als er das sagte, spielte er sichtlich auf die nackte Brust an), und er könne sie mir nun nicht mehr vor den Augen lassen, das müsse ich doch verstehen, nun, da ich das wisse.

Ich sah ihn an, verblüfft und konsterniert, als hätte ich einen Irren vor mir, denn es schien mir nicht möglich, daß er so etwas im Ernst sagte, das heißt, daß er im Ernst meinen könnte, daß das, was für mich nichts anderes war als ein Gemälde, an das ich nie irgend einen Gedanken verschwendet hatte, nun auch für mich das Porträt seiner Frau werden konnte, so mit der entblößten Brust, wie er sie allein in der häuslichen Intimität erblickt haben konnte, somit also in einem Zustand, in dem er sie nicht mehr von einem Fremden ansehen lassen durfte.

Das Seltsame einer solchen Forderung rief bei mir ein unwillkürliches Lachen hervor.

 

„Aber nein, sehen Sie doch, lieber Herr: Ich habe Ihre Frau ja nie gekannt; ich kann daher an dieses Bild gar nicht den Gedanken knüpfen, dessen Sie mich verdächtigen. Ich sehe da bloß ein Gemälde mit einem Bild, das... ja, das zeigt...“

Hätte ich das bloß nie gesagt! Er pflanzte sich vor mir auf, als wollte er mir an die Gurgel springen, und schrie:

„Ich verbiete Ihnen, sie jetzt anzusehen, so, in meiner Gegenwart!“

Zum Glück griff da der Antiquitätenhändler ein, der mich um Entschuldigung bat, um Mitleid mit diesem armen Mann, der förmlich von Sinnen war; er sei stets bis zum Wahnsinn eifersüchtig auf seine Frau gewesen, die er bis zum letzten Atemzug mit einer beinahe krankhaften Liebe geliebt habe. Dann wandte er sich an ihn und beschwor ihn, sich zu beruhigen; es wäre dumm, zu mir so zu reden, zu behaupten, es wäre meine Pflicht, aufgrund all dieser intimen Dinge ihm das Bild abzutreten. Er wage auch noch, mir das Betrachten des Bildes zu verbieten? Ja, sei er denn wirklich ganz und gar von Sinnen? Und damit schleppte er ihn fort, wobei er mich abermals um Entschuldigung für die Szene bat, er habe nicht geahnt, daß er mich so etwas werde erleben lassen.

Ich war so beeindruckt von dieser Geschichte, daß ich in der darauf folgenden Nacht davon träumte.

Um es genauer zu sagen, muß ich diesen Traum wohl in den ersten Morgenstunden geträumt haben, genau in dem Augenblick, in dem ein plötzlicher Lärm vor der Türe des Zimmers mich weckte, ein Streit zwischen Katzen, die durch weiß Gott welche Schlupflöcher ständig in mein Haus kommen, wahrscheinlich angezogen von den vielen Mäusen, die hier Quartier aufgeschlagen haben.

Auswirkung des dergestalt plötzlich unterbrochenen Traums war es, daß die Trugbilder desselben, ich meine der Herr in Trauer und das Bild der Magdalena, die seine Frau geworden war, vielleicht nicht mehr die Zeit hatten, in mich zurückzukehren, und draußen blieben, in dem anderen Teil des Zimmers jenseits der Säulen, in dem ich sie im Traum gesehen hatte; so daß ich, als ich bei dem Lärm aus dem Bett aufschreckte und den Vorhang mit einem raschen Zug beiseiteschob, vage ein Wirrwarr aus nacktem Fleisch und roten und türkisfarbenen Stoffen auf den Kaminsims huschen und blitzartig wieder die Position im Bild einnehmen sah; und auf dem Sofa, unter all den durcheinandergeworfenen Kissen, da war er, dieser Herr, der sich eben aus der liegenden Haltung in die sitzende aufrichtete, nicht mehr schwarz gekleidet, sondern in einem Pyjama aus himmelblauer Seide mit weißen und dunkelblauen Streifen, der sich in dem allmählich stärker werdenden Licht, das durch die beiden Fensterchen drang, allmählich in der Form und in den Farben dieser Kissen auflöste und endlich verschwand.

Ich will nicht versuchen zu erklären, wofür es keine Erklärung gibt. Niemand hat je das Geheimnis der Träume ergründet. Tatsache ist: Als ich, aufs höchste verwirrt, die Augen hob, um das Bild auf dem Kaminsims zu betrachten, da sah ich mit aller Deutlichkeit, wie die Augen der Magdalena für einen Augenblick lebendig wurden, die Lider von der Lektüre abhoben und mit einen Blick zuwarfen, einen lebendigen, in zarter, diabolischer Schelmenhaftigkeit lachenden Blick. Vielleicht waren es die geträumten Augen der verstorbenen Gattin dieses Herrn, die sich für einen Augenblick in den gemalten Augen des Bildes belebten.

Ich konnte keinen Augenblick länger in dem Haus bleiben. Ich weiß nicht mehr, wie ich es geschafft habe mich anzuziehen. Von Zeit zu Zeit habe ich mich mit einem Gefühl des Horrors, das Sie sich gut ausmalen können, umgewandt, um verstohlen diese Augen zu betrachten. Ich fand sie stets gesenkt und in die Lektüre versunken vor, wie sie in dem Gemälde tatsächlich sind; aber nun war ich mir schon nicht mehr sicher, ob sie nicht, wenn ich nicht mehr hinsah, hinter meinem Rücken wieder lebendig wurden, um mich immer noch mit diesem Schimmer von zarter, diabolischer Schelmenhaftigkeit anzublicken.

Ich stürzte in das Geschäft des Antiquitätenhändlers, das ganz nahe bei meinem Hause liegt. Ich sagte ihm, wenn ich das Bild auch seinem Freund nicht verkaufen könne, könne ich diesem doch das Haus mit dem gesamten Mobiliar, das Bild eingeschlossen, versteht sich, zu einem sehr günstigen Preis vermieten.

„Schon ab dem heutigen Tag, wenn Ihr Freund das so will.“

In meinem überfallsartigen Angebot lag so viel Bangigkeit und Beklemmung, daß der Antiquitätenhändler den Grund dafür erfahren wollte. Den Grund, den schämte ich mich freilich ihm zu enthüllen. Stattdessen bat ich ihn, mich auf der Stelle zu dem Hotel zu begleiten, in dem sein Freund abgestiegen war.

Sie können sich meinen Zustand vorstellen, als ich diesen in seinem Hotelzimmer mir entgegenkommen sehe, bekleidet mit demselben Pyjama aus himmelblauer Seide mit weißen und dunkelblauen Streifen, in dem ich ihn im Traum gesehen und in meinem Zimmer beim Aufsetzen auf dem Sofa zwischen den durcheinandergeworfenen Kissen ertappt hatte.

„Sie kommen eben aus meinem Haus“, schrie ich ihn kreidebleich an. „Sie waren heute nacht in meinem Haus!“

Ich sah, wie er auf einem Sessel zusammenbrach, entsetzt, vor sich hinstammelnd: o Gott, ja, in meinem Haus, im Traum, da wäre er tatsächlich gewesen, und seine Frau...

„Eben, eben, Ihre Frau ist aus dem Bild herausgestiegen. Ich habe sie dabei ertappt, wie sie wieder zurückging. Und Sie selbst haben sich mir im Licht auf dem Sofa in Nichts aufgelöst. Aber Sie werden zugeben, als ich Sie auf dem Sofa erwischte, konnte ich nicht wissen, daß Sie einen Pyjama besitzen wie den, den sie anhaben. Dann waren es also tatsächlich Sie, der im Traum bei mir zu Hause gewesen ist; Ihre Frau ist tatsächlich aus dem Bild herausgestiegen, wie Sie es geträumt haben. Erklären Sie sich dieses Faktum, wie Sie wollen. Möglicherweise ist es einfach die Begegnung meines Traums mit dem Ihren. Ich weiß das nicht. Aber in meinem Haus kann ich nicht mehr bleiben, mit Ihnen, die Sie da im Traum zu Besuch kommen, und Ihrer Frau, die mich ansieht und dabei die Augen vom Bild aus öffnet und schließt. Den Grund, sich davor zu fürchten, der für mich gilt, den können Sie nicht haben, denn es handelt sich ja um Sie selbst und Ihre Frau; gehen Sie also und holen Sie sich das in meinem Haus zurückgebliebenes Bild Ihrer selbst ab! Was tun Sie jetzt? Sie wollen nicht mehr? Sie fallen in Ohnmacht?

„Ach, Halluzinationen, meine Herren nichts als Halluzinationen!“, wurde unterdessen der Apotheker nicht müde auszurufen.

Ach, wie reizend sind doch diese wohlgefestigten Menschen, die angesichts eines Faktums, für das es keine Erklärung gibt, sofort ein Wort finden, das nichts aussagt, und mit dem sie sich so wundersam einfach beruhigen:

„Halluzinationen“. 

 

© Michael Rössner.

Bitterwasser - (Acqua amara - 1922)

 

Erstveröffentlichung Oktober 1905 in der Zeitschrift "Il Ventesimo". Keine wesentlichen Varianten bekannt. In der Duellgeschichte läßt sich eine erste Version der Handlung von Il giuoco delle parti ("Das Rollenspiel", in: Bd. 10) erkennen.

Italienische Version

aus dem Italienischen von Michael Rössner

 

Wenige Leute waren an diesem Morgen in dem Park rund um die Thermen. Die Kursaison ging nun schon zu Ende.

Auf zwei benachbarten Bänken an einer Wegkreuzung unter den hohen Platanen saßen ein junger Mann mit blassem, ja gelblichem Gesicht, zum Erbarmen hager unter seinem neuen, hellen Anzug, dessen frisch gebügelte Falten in einem Zickzack herunterfielen, weil er viel zu weit war, und ein häßlicher Kerl um die Fünfzig, in einem Anzug aus billigem Tuch, voller Falten, wo die enorme Fettleibigkeit ihn nicht bis zum Platzen aufblähte, und einem alten, verbeulten Panamahut auf dem kahlgeschorenen Kopf.

Beide hielten am Henkel ihre noch ganz mit dem lauen, trüben Alkaliwasser gefüllten Gläser, die sie eben an der Quelle gefüllt hatten.

Der dicke Mann erschien noch halb betäubt von dem donnernden Schnarchen, das er sicherlich in der Nacht von sich gegeben hatte; er schloß von Zeit zu Zeit halb die vom Schlaf noch verschleierten Augen in seinem feisten, zufriedenen Mönchsgesicht. Der hagere Junge dagegen spürte die Kälte der frischen Morgenluft; von Zeit zu Zeit lief ihm sogar ein Schauder über den Rücken.

 

Weder der eine noch der andere konnte sich dazu entschließen zu trinken, und es schien, als wartete jeder darauf, dem Beispiel des anderen folgen zu können. Schließlich, nach dem ersten Schluck, sahen sich beide mit von demselben Ausdruck des Ekels verzogenen Gesichtern an.

"Die Leber, was?" fragte plötzlich leise der dicke Mann den jungen und schüttelte sich. "So kleine Leberkoliken, was? Sie sind natürlich verheiratet, denke ich mir..."

"Nein, weshalb?" fragte der junge Mann zurück, während er qualvoll sein Gesicht in Falten legte, die ein Lächeln ausdrücken wollten.

"Na, es schien mir so, so ins Blaue hinein geraten", seufzte der andere. "Aber wenn Sie keine Frau haben, können Sie ganz ruhig sein. Dann werden Sie gesund!"

Der junge Mann lächelte wieder wie vorhin.

"Leiden Sie vielleicht an der Leber?" fragte er dann spitz.

"Nein, nein, keine Frau mehr, ich habe keine mehr!", beeilte sich der dicke Mann in höchstem Ernst zu antworten. "Ich war leberleidend; aber Gott sei Dank habe ich mich von meiner Frau befreit; ich bin geheilt. Ich komme nun schon seit dreizehn Jahren hierher, aus Dankbarkeit. Entschuldigen Sie, wann sind Sie angekommen?"

"Gestern abend um sechs", sagte der junge Mann.

"Ach, deshalb", rief der andere, während er die Augen halb schloß und den massigen Kopf hin und her wiegte. “Wären Sie am Morgen gekommen, würden Sie mich bereits kennen."

"Ich... ich würde Sie kennen?"

"Aber sicher, so wie mich alle hier kennen. Ich bin eine Berühmtheit! Sehen Sie, auf der Piazza dell'Arena, in allen Hotels, in allen Pensionen, im Club, im Caffè da Pedoca, in der Apotheke spricht man seit dreizehn Jahren hier Saison für Saison bloß von mir. Ich weiß es und habe meine Freude daran und komme eben deshalb immer wieder her. Wo sind Sie abgestiegen? Bei Rori? Bravo. Nun, seien Sie ganz sicher, noch heute mittag bei Tisch werden sie Ihnen bei Rori meine Geschichte erzählen. Erlauben Sie, daß ich ihnen zuvorkomme und sie Ihnen selbst erzähle, in einem Stück."

Während er das sagte, stemmte er sich mühevoll in die Höhe und ging zu der Bank des jungen Mannes hinüber, der ihm mit seinem gelben, vor Freude ganz verkniffenen Gesicht Platz machte. 

- Zu allererst, damit wir uns gleich verstehen, hier nennt man mich den Gatten der Frau Doktor. In Wirklichkeit heiße ich Cambiè. Mit Vornamen Bernardo. Bernardone, weil ich so dick bin. Trinken Sie. Ich trinke auch.

Sie tranken, zogen wieder eine Grimasse des Ekels, die sie sofort in ein Lächeln zu verwandeln suchten, als sie einander freundlich ansahen. Dann setzte Cambiè fort:

- Sie sind noch ganz jung und ernsthaft ein bißchen leidend. Was ich Ihnen hier an grauenhaften Dingen erzählen werde, kann Ihnen mehr von Nutzen sein als dieses scheuß­liche Wasser hier, das zwar bitter ist, dafür aber - glauben Sie mir das - gar nichts bewirkt. Sie geben es uns zu trinken, in jedem Sinn tun sie das, und wir trinken es, weil es scheußlich schmeckt. Würde es gut schmecken... Aber nein, genug; sie machen ja eine Kur, Sie müssen Vertrauen haben.

Sie müssen nämlich wissen, wenn ich das Wort Ehe hörte, dann kam mir - mit Verlaub gesagt - der Magen hoch, mir war geradezu... geradezu zum... jawohl, mein Herr. Ich sah einen Hochzeitszug... ich erfuhr, daß ein Freund heiraten würde... derselbe Effekt. Aber was wollen Sie schon von uns unglücklichen Sterblichen? Bildet sich ein Fleckchen in der Sonne? Zusammenbrüche und Katastrophen. Wacht ein König mit belegter Zunge auf? Kriege, Mord und Totschlag ohne Ende. Beginnt ein Vulkan kurz zu schluchzen? Erdbeben, Naturkatastrophen, Hekatomben von Blut...

In Neapel brach zu meiner Zeit die Cholera aus. Die große Choleraepidemie von vor rund zwanzig Jahren, von der Sie, wenn Sie sich auch nicht erinnern, wohl doch reden gehört haben.

Mein Vater, ein kleiner Angestellter, hielt sich - bei dem liebenswerten Schicksal, das ihn stets verfolgte - zu diesem Zeitpunkt natürlich gerade in Neapel auf. Ich war schon dreißig Jahre alt, hatte eine gute Anstellung gefunden und eine Junggesellenwohnung gemietet, nicht weit weg von zu Hause. Ich lebte bei der Familie und dort hatte ich auch eine Freundin, die mir einfach so zugewachsen war, als wäre sie vom Himmel gefallen.

Carlotta. So hieß sie. Sie war die Tochter eines... na, da ist nichts Schlimmes dabei, wissen Sie! Ein Beruf wie jeder andere - die Tochter eines Wucherers. Ein ehemaliger Priester war er.

Sie war wegen Streitereien mit ihrer Stiefmutter und mit einem jüngeren Bruder, der bereits ein ausgewachsener Gauner war, von zu Hause weggelaufen; aber diese Geschichte werde ich Ihnen ersparen. Sie schien ein braves Mädchen zu sein, und vielleicht war sie das damals auch; aber Sie werden verstehen, da ich sie liebte, dachte ich da nicht viel drüber nach.

Entschuldigen Sie, sind Sie vielleicht religiös? Soso? Wohl eher nein als ja. Wie ich. Meine Mutter hingegen, mein lieber Herr, na, die war mehr als religiös. Die arme Frau, sie litt entsetzlich unter meiner Beziehung, die sie für sündhaft hielt. Sie wußte, daß dieses Mädchen, bevor sie die Meine wurde, keine anderen Männer gehabt hatte. Als nun die Cholera ausbrach, war sie, entsetzt über das Massensterben, fest überzeugt, wir seien alle dem Tod geweiht, und ich zuallererst, da ich im Stand der Todsünde lebte. Und so verlangte sie mir das Opfer ab, dieses Mädchen zu heiraten, sei es auch nur in der Kirche, um so den göttlichen Zorn zu besänftigen.

Glauben Sie mir, ich hätte es trotzdem nicht getan, wenn Carlotta nicht von der Seuche befallen worden wäre. Ich mußte ihr doch wenigstens die Seele retten; so hatte ich es meiner Mutter versprochen. Ich lief also einen Priester holen und heiratete sie. Aber was war da im Spiel? Eine göttliche Hand? Ein Wunder? Sie schien schon halb hinüber, und plötzlich wurde sie gesund.

Meine Mutter bestand darauf, obwohl ihr das große Zittern kam, aus Nächstenliebe, ja, aus Opfergeist an der Zeremonie teilzunehmen und dann am Bett der Kranken auszuharren.

Es schien, als wäre die Cholera nur meinetwegen nach Neapel gekommen, um mich für die Todsünde zu bestrafen, und als sollte sie mit Carlottas Genesung vorübergehen, so sehr bemühte sich meine Mutter, mit solcher Inbrunst widmete sie sich der Aufgabe, sie gesundzupflegen. Und kaum hatte sie sie gerettet und sah, daß dort in diesem Zimmerchen die Genesende jede Bequemlichkeit entbehren mußte, da bestand sie darauf, sie auch noch zu sich nach Hause zu nehmen, so sehr ich mich auch dagegen wehrte.

Sie werden verstehen, sobald sie einmal in mein Haus gekommen war, konnte Carlotta es nur als meine legitime Ehefrau wieder verlassen, und das tat sie auch kurze Zeit später, kaum daß das große Sterben aufgehört hatte.

Na, dann wollen wir wieder einmal trinken, lieber Herr!

Gott sei Dank waren Carlotta während der Epidemie Vater, Mutter und Brüder gestorben. Ein Glück und ein Unglück zugleich, denn als einzige Überlebende der Familie erbte sie achtunddreißig oder vierzigtausend Lire, die Frucht des edlen Handwerks, das ihr Vater betrieben hatte.

 

Nun, als Ehefrau und mit einer Mitgift, wie sah sie da die Sache, lieber Herr? Sie war von einem Tag zum anderen wie ausgewechselt.

Nun hören Sie zu. Wissen Sie, daß ich so einen gewissen boshaften Geist im Leibe habe... wie soll ich ihn nennen? phi-... philosophenhaft ist er, das mag ihnen seltsam erscheinen; aber lassen Sie mich erzählen.

Glauben Sie, daß es nur zwei Geschlechter gibt, das männliche und das weibliche?

Nein, mein Herr.

Die Ehefrauen sind ein Geschlecht für sich. Die Ehemänner auch.

Und was die Geschlechter betrifft, da gewinnt die Frau durch die Ehe immer. Sie macht einen großen Schritt vorwärts! Sie erhält nämlich so viel Anteil am männlichen Geschlecht, wie der Mann notwendigerweise davon aufgeben muß. Und aufgeben muß er viel, glauben Sie mir das.

Wenn ich einmal auf die traurige Idee verfiele, eine vernünftige Grammatik zu erstellen, wie ich sie nenne, würde ich zur Regel erheben, daß es der Ehefrau und infolgedessen die Ehemann heißen muß.

Sie lachen? Aber für die Ehefrau, mein lieber Herr, für die Ehefrau ist der Ehemann wirklich kein Mann mehr. Sie bemüht sich ja nicht einmal mehr, ihm zu gefallen.

"Mit dir macht's keinen Spaß mehr", denkt die Ehefrau. "Du kennst mich ja schon."

Und wenn der Ehemann wirklich so einfältig ist, sich von neuem zu ereifern, etwa, wenn er sie zum Beispiel wie eine Teufelin im Bett liegen sieht, mit Lockenwicklern in den Haaren und dicht bestrichenem Gesicht, dann geht es gleich los:

"Aber das tue ich doch für dich!", ist sie imstande zu antworten.

"Für mich?"

"Sicher. Damit du keine schlechte Figur machst. Wärst du denn froh, wenn die Leute, wenn sie dich auf der Straße sehen, sagen würden: 'Ach, schau einmal, was für eine Frau sich dieser arme Kerl ausgesucht hat!'"

Und der Ehemann, der - das versichere ich Ihnen - kein Mann mehr ist, der schweigt; und dabei müßte er ihr ins Gesicht schreien:

"Aber das sage ich mir doch selbst, meine Liebe, was für eine Frau ich mir ausgesucht habe, wenn ich dich so ansehe, jetzt, wo du neben mir liegst! Ach, du zeigst dich also deshalb mir jetzt zu Hause und im Bett häßlich, damit die anderen dann auf der Straße ausrufen können: 'Ach, schau einmal, was für eine hübsche Frau dieser arme Kerl da hat!'? Und darum sollten sie mich auch noch beneiden? Na, ich danke, ich danke vielmals, meine Liebe, für diesen Neid mir gegenüber, der sich natürlich in ein Begehren dir gegenüber verwandelt. Du willst begehrt sein, damit ich beneidet werde? Was du doch für ein guter Mensch bist! Aber ich bin ein noch besserer Mensch, weil ich dich geheiratet habe."

Und der Dialog ließe sich noch fortführen. Denn es könnte ja der Fall eintreten, wissen Sie? - der Fall, daß die Ehefrau sogar die Unverfrorenheit besäße, den Ehemann ganz unschuldig zu fragen, ob sie, geschminkt und aufgeputzt zum Spaziergang, seiner Meinung nach gut aussähe.

Der Ehemann müßte ihr darauf antworten:

"Ja, weißt du, Liebe, die Geschmäcker sind doch sehr verschieden. Mir persönlich gefällt, wie ich dir schon gesagt habe, diese Frisur nicht besonders. Wem willst du nun gefallen? Das müßtest du mir sagen, damit ich dir eine Antwort geben kann. Keinem? Wirklich keinem? Ja, dann sei froh, wenn schon keinem, dann versuch doch wenigstens deinem Mann zu gefallen, das ist dann wenigstens einer und nicht keiner!"

Mein lieber Herr, bei einer solchen Antwort würde die Ehefrau ihren Mann fast mitleidig anschauen, und dann würde sie verächtlich mit den Achseln zucken, als wollte sie sagen: "Was hast denn du damit zu schaffen?"

Und sie hätte recht. Die Frauen können nicht darauf verzichten: instinktiv wollen sie gefallen. Für sie ist es einfach eine Notwendigkeit, begehrt zu werden.

Nun, das werden Sie verstehen, eine Ehemann kann seine Ehefrau, die er Tag und Nacht um sich hat, nicht mehr begehren. Ich meine: Er kann sie nicht so begehren, wie sie begehrt werden möchte.

Denn so wie die Ehefrau im Ehemann nicht mehr den Mann sieht, so sieht auch der Ehemann in der Ehefrau nach einer gewissen Zeit nicht mehr die Frau.

Der Mann, der von Natur aus eher zum Philosophieren neigt, geht darüber hinweg; die Frau hingegen ist darüber gekränkt. Und deshalb wird ihr der Ehemann bald lästig und oft geradezu unerträglich.

Sie muß für das eigene Wohlergehen Sorge tragen, der Ehemann nicht.

Aber was immer er auch täte, glauben Sie mir, nichts wäre ihr je recht, denn die Liebe, diese besondere Liebe, die sie braucht, kann ihr der Ehemann, einfach weil er ihr Ehemann ist, nicht mehr geben. Mehr als Liebe ist es eine gewisse Aura von Bewunderung, von der sie umgeben sein will. Aber jetzt versuchen Sie sie einmal zu bewundern, wenn sie im Haus mit Lockenwicklern, ohne Mieder, in Pantoffeln und, sagen wir, heute mit Bauchweh und morgen mit Zahnweh herumläuft. Diese gewisse Aura kann aus den Blicken der Männer entstehen, die nicht wissen, und deren Aufmerksamkeit sie, ohne daß es schien, mit besonders raffinierter List, auf sich zu ziehen und festzuhalten verstanden hat, um sich an ihnen in wunderbarer Weise zu berauschen. Wenn sie eine anständige Ehefrau ist, wird ihr das genügen. Ich spreche jetzt von den anständigen Ehefrauen, verstehen wir uns recht, ja geradezu von den makellosen Ehefrauen. Von den anderen zahlt sich's gar nicht mehr aus zu sprechen.

Erlauben Sie mir noch eine weitere kleine Überlegung. Wir Männer haben die Angewohnheit zu sagen, die Frau wäre ein unbegreifliches Wesen. Mein lieber Herr, die Frau ist ganz im Gegenteil genauso wie wir, aber sie kann es weder zeigen noch aussprechen, denn sie weiß vor allen Dingen, daß es ihr die Gesellschaft nicht gestattet und ihr als Schuld anrechnen würde, was sie dagegen beim Mann ganz natürlich findet. Und deshalb weiß sie, daß es den Männern keine Freude machen würde, würde sie es zeigen und aussprechen. Damit haben wir das Rätsel erklärt. Wer wie ich das Pech gehabt hat, an eine Frau zu geraten, die sich kein Blatt vor den Mund nimmt, der weiß das sehr gut.

Und jetzt wollen wir noch einen Schluck trinken. Nur Mut!

Am Beginn war sie nicht so, die Carlotta. Sie wurde erst nach der Hochzeit so, das heißt, sobald sie sich wohl etabliert fühlte und bemerkte, daß ich natürlich begann, in ihr nicht nur das Vergnügen, sondern auch dieses überaus häßliche Ding zu sehen, das wir Pflicht nennen.

Ich hatte sie zu achten, nicht wahr? Sie war schließlich meine Frau. Nun, vielleicht wollte sie nicht geachtet werden. Wer weiß weshalb, es ging ihr jedenfalls schrecklich auf die Nerven, mich von einem Tag auf den anderen zum exemplarischen Ehemann werden zu sehen.

Für uns beide begann eine wahre Hölle. Sie ständig brummend, widerborstig, ruhelos, ich dagegen geduldig, ein wenig aus Angst, ein wenig aus dem Bewußtsein heraus, die schlimmste aller Eseleien begangen zu haben und die Folgen derselben zu beklagen zu müssen. Ich lief ihr nach wie ein Schoßhündchen. Und damit machte ich es noch schlimmer! So sehr ich mir auch den Kopf zermarterte, es gelang mir nicht zu erraten, was zum Teufel meine Frau wollte. Aber ich hätte den sehen wollen, der es zu erraten vermochte! Wissen Sie, was sie wollte? Sie wäre gerne als Mann auf die Welt gekommen, meine Frau! Und sie ließ ihre Wut darüber an mir aus, daß sie stattdessen als Frau geboren war. "Als Mann", sagte sie, "und meinetwegen einäugig!"

Eines Tages fragte ich sie: "Na, laß mal hören, was wäre aus dir geworden, wenn du als Mann auf die Welt gekommen wärst?"

Und sie antwortete, während sie die Augen weit aufriß: "Ein Verbrecher!"

"Bravo!"

"Und Ehefrau, nichts da, weißt du? Ich hätte nie eine Frau genommen."

"Danke, Liebe."

"Ach, da kannst du ganz sicher sein!"

"Und du hättest dich bloß amüsiert? Glaubst du denn, daß man sich mit den Frauen einfach bloß amüsieren darf?"

Meine Frau sah mir ganz tief in die Augen: "Mich fragst du das?" sagte sie dann. "Weißt du das denn nicht? Ich hätte auch deshalb nicht geheiratet, um nicht aus einer armen Frau eine Gefangene zu machen."

"Ach", rief ich. "Fühlst du dich vielleicht als Gefangene?"

Und sie: "Ob ich mich als Gefangene fühle? Ja, was bin ich denn? Was bin ich denn immer schon gewesen, seit ich lebe? Ich kenne ja nur dich. Wann habe ich je mein Vergnügen gehabt?"

"Hättest du gerne andere gekannt?"

"Na sicher! Genauso wie du, der du so viele vorher und wer weiß wie viele nachher gekannt hast!"

Mein lieber Herr, merken Sie sich also das eine sehr gut: eine Frau empfindet genauso wie wir Begierde. Sie sehen zum Beispiel eine schöne Frau, folgen ihr mit Ihren Blicken, stellen sie sich in ihrer ganzen Schönheit vor und umarmen sie in Gedanken, natürlich ohne Ihrer Frau etwas davon zu sagen, die neben Ihnen geht? Nun, in der Zwischenzeit sieht Ihre Frau einen schönen Mann, folgt ihm mit ihren Blicken, stellt ihn sich in seiner ganzen Schönheit vor und umarmt ihn in Gedanken, natürlich ohne Ihnen etwas davon zu sagen.

Da ist gar nichts Außergewöhnliches dabei; aber glauben Sie mir, es ist gar nicht angenehm, zu bedenken, daß diese leicht einsehbare und allgemein verbreitete Tatsache auch auf die eigene Frau zutrifft, die mit ihrem Körper, nicht aber mit der Seele Ihre Gefangene ist. Und erst der Körper! Sagen Sie selbst: Haben wir Männer nicht das Gefühl, daß wir bei gegebener Gelegenheit nicht widerstehen könnten? Nun, denken Sie einmal, daß dasselbe auch auf die Frau zutrifft. Sie fallen, sie fallen um, daß es eine Freude ist, mit derselben Leichtigkeit, wenn es ihnen geschieht, wenn sich also ein entschlossener Mann findet, zu dem sie Ver­trauen haben können. Das hat mir meine Frau deutlich zu verstehen gegeben, natürlich indem sie von den anderen Frauen sprach.

Und damit komme ich zu meinem Fall. 

Natürlich wurde ich nach einem Jahr Ehe leberleidend.

Sechs Jahre hindurch sinnlose Behandlungen, die meinen armen Körper zerstörten, bis er sich in einem so erbarmungswürdigen Zustand befand, daß sogar die Leute, die an derselben Krankheit litten, ihn bemitleideten.

Das Heilmittel sollte ich hier finden.

Ich kam mit meiner Frau hierher, und in den ersten Tagen wohnte ich im Rori, so wie Sie jetzt. Ich bestellte mir gleich nach der Ankunft einen Arzt, der mich untersuchen und verordnen sollte, wie viele Gläser am Tag ich zu trinken hätte, und ob ich eher Duschen oder Bäder mit Schwefelwasser nehmen sollte.

Es erschien ein hübscher junger Mann, braunhaarig, groß und kräftig, mit zackigem Auftreten, ganz in Schwarz gekleidet. Wenig später erfuhr ich, daß er tatsächlich Militärarzt gewesen war, genauer Oberleutnant-Arzt; daß er in Rovigo ein Verhältnis mit der Tochter eines Druckers gehabt hatte; daß sie ihm eine Tochter geboren hatte, und daß er, nun zur Heirat gezwungen, den Dienst quittiert hatte und als Gemeindearzt hierher gezogen war. Acht Monate nach diesem großen Opfer waren ihm, eine nach der anderen, Frau und Tochter gestorben. Nun waren schon an die drei Jahre seit diesem doppelten Unglück verstrichen, aber er kleidete sich immer noch in Schwarz wie ein wunderschöner Rabe.

Natürlich hatte er ungeheuren Erfolg mit dieser Geschichte, daß er seine Militärkarriere aus Liebe geopfert habe und vom Schicksal so schlecht dafür belohnt worden sei; mit diesen beiden schrecklichen Unglücksfällen, deren Spuren noch immer in diesem Gesicht eingegraben waren, und mit seiner stolzen Haltung, als wäre er Karl der Große persönlich. Alle Frauen, hätte man sie gelassen, hätten es am liebsten selbst übernommen, den armen Mann zu trösten. Er wußte das und zeigte sich abweisend.

Er kam also zu mir, untersuchte mich sehr gründlich, klopfte mich überall ab, dann wiederholte er mehr oder minder das, was mir schon so viele andere Ärzte gesagt hatten, und zuletzt verschrieb er mir die Kur: drei halbe Gläser, diese halbgroßen, in den ersten Tagen, danach drei ganze, und immer einen Tag ein Bad, einen Tag eine Dusche. Er war schon im Gehen, als er so tat, als bemerke er jetzt erst die Anwesenheit meiner Frau.

 

"Die gnädige Frau auch?", fragte er und betrachtete sie kühl.

"Nein, nein", wehrte meine Frau sofort, indem die das Gesicht in die Länge und die Augenbrauen bis zum Haaransatz hinauf zog.

"Trotzdem, gestatten Sie?", erwiderte er.

Er trat zu ihr hin, hob ihr behutsam das Kinn mit einer Hand in die Höhe und strich ihr mit dem Zeigefinger der anderen über das Augenlid, fast ohne sie zu berühren.

"Ein bißchen anämisch", sagte er.

Meine Frau sah mich an, totenbleich, als hätte diese leichthin ausgesprochene Diagnose sie auf der Stelle tatsächlich anämisch gemacht. Und mit einem nervösen kleinen Lachen auf den Lippen zuckte sie die Achseln und sagte: "Aber ich spüre doch gar nichts..."

Der Arzt verbeugte sich mit großem Ernst: "Umso besser."

Und er verließ würdevoll das Zimmer. 

Ob es nun das Wasser war, oder das Bad, oder die Dusche, oder vielmehr, wie ich glaube, die gute Luft hier und der herrliche Blick auf die toskanische Landschaft, jedenfalls fühlte ich mich sofort besser, und zwar so sehr, daß ich beschloß, einen Monat oder auch zwei zu bleiben. Um mehr Freiheit zu genießen, mietete ich eine kleine Wohnung in der Nähe der Pension, ein bißchen weiter unten, bei Coli, mit einem kleinen Balkon, von dem aus man das ganze Tal mit den zwei Seen von Chiusi und von Montepulciano überblickt.

Aber - ich weiß nicht, ob Sie das schon geahnt haben - nun begann meine Frau sich krank zu fühlen.

Sie sprach nicht von Anämie, weil der Doktor davon gesprochen hatte; sie sagte, sie fühle eine gewisse Müdigkeit am Herzen und so etwas wie ein Gewicht auf der Brust, das sie am Atmen hinderte.

Und daraufhin sagte ich, mit dem unschuldigsten Ausdruck, dessen ich fähig war: "Willst du dich nicht auch untersuchen lassen, Liebe?"

Sie wehrte sich wütend dagegen, wie ich es erwartet hatte, und lehnte meinen Vorschlag ab.

Natürlich verschlimmerte sich ihre Krankheit von Tag zu Tag, je mehr sie sich in ihrer Ablehnung versteifte. Ich blieb hart und sprach zu ihr nicht mehr davon. Bis sie selbst eines Tages nicht mehr konnte und mir sagte, sie wolle sich untersuchen lassen, aber nicht von diesem Arzt, nein, ganz entschieden nein; von dem anderen Gemeindearzt wollte sie untersucht werden (damals gab es hier zwei), von Doktor Berri, einem mürrischen, asthmatischen alten Mann, fast blind, schon halb im Ruhestand - nun ist er ganz im Ruhestand -, nicht mehr von dieser Welt.

"Ach hör doch auf!", rief ich. "Wer ruft denn noch den Doktor Berri? Und dann wäre es eine unverdiente Taktlosigkeit gegenüber dem Doktor Loero, der sich immer so um uns bemüht hat und immer so höflich gewesen ist!"

Tatsächlich kam Doktor Loero jeden Tag, wenn er mich mit meiner Frau hier bei den Thermen aus dem Wagen steigen sah, herbei, in dieser stolzen und kummervollen Haltung; er gratulierte mir zu der raschen Besserung, begleitete mich zu dem Brunnen und dann auf und ab über diese Parkwege,wobei er es nicht an den pflichtschuldigen Aufmerksamkeiten meiner Frau gegenüber fehlen ließ, wenngleich er sich in den ersten Tagen wenig um sie kümmerte, die natürlich im Stillen darüber vor Wut platzte.

Seit einer Woche hatten sie jedoch begonnen, miteinander über die ewige Frage der Männer und der Frauen zu streiten, über den anmaßenden Mann und die Frau, die stets das Opfer ist, über die ungerechte Gesellschaft und so weiter und so fort.

Glauben Sie mir, mein Herr, ich kann dieses Geschwätz schon nicht mehr hören. In sieben Jahren Ehe ist zwischen meiner Frau und mir über nichts anderes gesprochen worden.

Ich muß Ihnen jedoch gestehen, daß ich in dieser Woche innerlich frohlockte, als ich Doktor Loero genau dieselben Argumente vortragen hörte wie ich es zu tun pflegte, und das mit dem Salz und Pfeffer der wissenschaftlichen Autorität. Mich pflegte meine Frau mit Beschimpfungen zu überschütten. Bei dem Doktor Loero mußte sie dagegen die Bremse des Anstands betätigen; aber die Galle, die sie nicht ausspucken konnte, die schmierte sie doch fein säuberlich auf ihre Worte.

Ich hoffte, daß ihr so ihre Herzkrankheit vergehen würde. Aber woher denn! Wie ich Ihnen sagte: sie wurde von Tag zu Tag schlimmer. Und jetzt sehen Sie einmal, was für eine miese Rolle man bisweilen als Ehemann zu spielen hat. Ich wußte sehr gut, daß sie von Doktor Loero untersucht werden wollte, und daß die Abneigung die dieser ihr einflößte, ganz und gar Komödie war, und auch das Verlangen, von dem senilen, asthmatischen Alten untersucht zu werden, eine Komödie wie die ganze Herzkrankheit. Und doch mußte ich so tun, als würde ich ganz ernsthaft an alle drei Dinge glauben und ein ganzes Hemd durchschwitzen, um sie zu dem zu überreden, was sie sich im Grunde ihres Herzens wünschte.

Mein lieber Herr, als meine Frau sich - natürlich ohne Korsett - auf dem Bett ausstreckte und er, der Doktor, ihr in die Augen sah, als er sich herunterbeugte, um das Ohr auf ihre Brust zu legen, da sah ich, wie sie beinahe ohnmächtig wurde, beinahe zusammenbrach; ich sah in ihren Augen und auf ihrem Gesicht eine solche Erregung... ein solches Zittern, daß... Sie verstehen mich: ich wußte, woran ich war und konnte nicht fehlgehen.

Das mochte reichen, nicht wahr? Eine Ehefrau bleibt ganz und gar ehrbar, untadelig, rein, nach einer Visite wie dieser; eine ärztliche Untersuchung, da kann man gar nichts sagen, im Beisein ihres Mannes noch dazu. Na also! Wozu, frage ich, hätte ich mir dann ins Gesicht sagen sollen, was ich im Grunde meines Herzens längst wußte, was ich mit eigenen Augen gesehen und fast mit den Händen gegriffen hatte?

Los, los. Nur Mut. Trinken wir wieder. Trinken wir.

Eines Abends stand ich auf dem Balkon und betrachtete das wunderbare Schauspiel des breiten Tales im Mondlicht.

Meine Frau war schon zu Bett gegangen.

Sie sehen mich jetzt so wohlbeleibt und glauben vielleicht, mich könnte ein Naturschauspiel nicht rühren. Aber glauben Sie mir, ich habe eine zerbrechliche, kleine und zarte Seele. Ein Seelchen mit blonden Haaren habe ich, mit einem ganz süßen Gesichtlein, durchscheinend und zugespitzt, mit himmelblauen Augen dazu. Mit einem Wort, ein Seelchen, das wie eine kleine Engländerin aussieht, wenn es sich in der Stille, in der Einsamkeit, aus den Fenstern dieser häßlichen Ochsenaugen in meinem Gesicht lehnt, und das sich vom Anblick des Mondes und dem Zirpen der unzähligen Grillen ringsumher unsäglich rühren läßt.

Wie die Menschen untertags in den Städten, so geben die Grillen des Nachts auf dem Lande keine Ruhe. Ein schöner Beruf muß das sein, der einer Grille!

"Was tust du?"

"Ich singe."

"Und weshalb singst du?"

Das weiß ja nicht einmal die Grille selbst. Und alle Sterne beben auf dem Firmament. Sie schauen sie an. Muß auch ein schöner Beruf sein, der eines Sterns! Was machen die schon da oben? Nichts. Auch sie schauen ins Leere und es sieht so aus, als würde ihnen darob ununterbrochen ein Schauder über die Haut laufen. Wenn Sie wüßten, wie mir da die Eule gefällt, die inmitten all dieser Süße plötzlich in der Ferne ängstlich zu schluchzen beginnt. Sie weint vor so viel Süße.

Genug. Ich betrachtete also voller Bewegung, wie ich Ihnen eben sagte, dieses Schauspiel, aber ich fühlte auch schon ein wenig die abendliche Kühle (es war elf Uhr vorbei) und war eben im Begriff, mich zurückzuziehen, als ich es laut und insistent am Eingangstor klopfen hörte. Wer konnte das sein, um diese Zeit?

Es war Doktor Loero.

In einem Zustand, mein Herr, daß sogar ein Stein mit ihm Mitleid hätte haben müssen.

Stockbesoffen.

Es waren nämlich aus Florenz, aus Perugia und aus Rom fünf oder sechs Ärzte der Wasserkur wegen in den Ort gekommen, und er hatte es für angezeigt gehalten, gemeinsam mit dem Apotheker ein Abendessen für die Kollegen zu geben, im Grünen-Kreuz-Krankenhaus hinter der Kollegienkirche, ganz in der Nähe von Rori.

Na, da ging's lustig zu, wie Sie sich vorstellen können, ein Abendessen im Spital! Und von Wasserkur war natürlich nicht die Rede! Sie hatten sich allesamt besoffen wie... na, sagen wir nicht wie die Schweine, weil die armen Schweine gerade diese Gewohnheit nun tatsächlich nicht haben.

Was war ihm da in seiner Weinseligkeit nur für eine Idee gekommen, mich aufzusuchen und zu stören, der ich in dieser Nacht, wie ich Ihnen eben sagte, ganz Mondschein war?

Er schwankte und ich mußte ihn bis zum Balkon stützen. Dort umarmte er mich ganz fest und sagte, daß er mich sehr gern habe, wie einen Bruder, und daß er den ganzen Abend hindurch mit seinen Kollegen von mir gesprochen habe, von meiner kaputten Leber und meinem kaputten Magen, die ihm am Herzen lägen, so sehr am Herzen, daß er, als er an meiner Türe vorüberkam, es nicht habe verabsäumen wollen, mir einen kleinen Besuch abzustatten, weil er fürchte, am Tag darauf nicht bei den Thermen erscheinen zu können, weil - das hätte man nicht geglaubt, hm? - weil er nämlich tatsächlich ein bißchen was getrunken hatte. Natürlich dankte ich ihm von Herzen, was meinen Sie denn, und mahnte ihn, er solle doch nach Hause gehen, es wäre schon spät... Nichts! Er wollte einen Stuhl, um sich auf den Balkon zu setzen und begann mir von meiner Frau zu sprechen, die ihm gar so gut gefiele, ich solle sie doch aufwecken gehen, damit sie ihm ein wenig Gesellschaft leiste, die Signora Carlottina, ach, die würde schon mitmachen! Und wie! Und wie! Eine hübsche, scheue Stute, die ausschlug, aber aus Liebe, um sich Liebkosungen zu holen... Und in dieser Tonart ging es weiter, während er immer wieder grinste und mit den Augen, die ihm von selbst zufielen, versuchte, so ein gewisses überlegenes Zwinkern zustandezubringen.

Sagen Sie mir selbst: Was sollte ich mit ihm tun, in diesem Zustand? Einen Betrunkenen, der nicht mehr stehen konnte, ohrfeigen? Meine Frau, die aufgewacht war, schrie mir drei oder viermal aus dem Schlafzimmer heraus wütend zu, ich solle das tun. Auch mir zuckte es geradezu in den Händen, ihn zu ohrfeigen. Aber wer weiß, wie dieser arme junge Mann, der in seiner Weinseligkeit jeden Sinn für soziale Umgangsformen und Erziehung verloren hatte und mir fröhlich die Wahrheit ins Gesicht schrie, auf eine Ohrfeige reagiert hätte. Ich packte ihn und zog ihn aus dem Stuhl hoch: ein wenig schütteln mußte ich ihn schon, aber er war drauf und dran, hinzufallen, und ich mußte mich bis zur Türe seines Zustandes erbarmen. Dort... ja, dort gab ich ihm dann einen kleinen Stoß, der ihn die Straße hinunterkollern ließ.

Als ich ins Schlafzimmer kam, fand ich meine Frau mit zu Berge stehenden Haaren, geradezu wie von Sinnen, vor. Sie war aufgestanden. Sie fiel mit den gräßlichsten Verwünschungen über mich her. Sie sagte, wäre ich ein anderer Mann gewesen, dann hätte ich auf diesem Verbrecher herumtrampeln und ihn vom Balkon hinunterstürzen müssen; ich aber sei nur ein papierener Wicht, der kein Blut in den Adern habe, der nicht einmal rot würde dabei, wenn er die Ehre seiner Frau nicht zu verteidigen vermochte, im Gegenteil, durchaus fähig zu katzbuckeln vor dem ersten, besten Dahergelaufenen, der...

Ich ließ sie nicht aussprechen. Ich hob eine Hand auf; ich schrie sie an, sie solle lieber achtgeben, die Ohrfeige, die ich dem Mann hätte geben müssen, wäre er nicht betrunken gewesen, die bekäme sie, wenn sie nicht gleich den Mund hielte. Natürlich hielt sie nicht den Mund, was glauben Sie! Von der Wut ging sie zum Hohn über. Ja, freilich sei es leicht für mich, bei ihr den starken Mann zu spielen, eine Frau zu ohrfeigen, nachdem ich einen, der mich in meinem eigenen Haus beleidigen gekommen war, freundlich empfangen und mit den gebührenden Ehrbezeugungen bis zur Türe begleitet hatte. Aber warum hatte ich sie denn eigentlich nicht gleich geweckt? Mehr noch, warum hatte ich den Mann denn nicht zu ihr ins Schlafzimmer geführt und ihn freundlich gebeten, sich zu ihr zu legen?

"Du wirst ihn fordern!" schrie sie schließlich außer sich. "Morgen wirst du ihn fordern, und wehe dir, wenn du es nicht tust!"

Wenn man sich gewisse Dinge von einer Frau sagen lassen muß, dann bäumt sich jeder Mann auf. Ich hatte mich bereits ausgekleidet und zu Bett gelegt. Ich sagte ihr, sie sollte endlich aufhören und mich in Ruhe schlafen lassen. Ich würde niemanden fordern, schon deshalb nicht, um ihr nicht diese Freude zu machen.

Aber in der Nacht dachte ich im Stillen lange darüber nach. Ich verstand und ich verstehe bis heute nichts von Ehrensachen: ob zum Beispiel ein Ehrenmann die Beleidigung und Provokation von einem Betrunkenen, der nicht weiß, was er redet, tatsächlich aufgreifen muß. Am nächsten Morgen wollte ich schon darüber den Rat eines Majors im Ruhestand einholen, den ich bei den Thermen kennengelernt hatte, als derselbe Major in Begleitung eines anderen Herren aus dem Ort im Namen Doktor Loeros von mir Satisfaktion verlangte. Tatsächlich! Wegen der Form, in der ich ihn gestern abend vor die Tür gesetzt hatte. Es schien, als habe er sich bei meinem kleinen Stoß und dem darauffolgenden Fall die Nase aufgeschürft.

"Aber er war doch betrunken!", schrie ich diesen Herren ins Gesicht.

Na, umso ärger. Dann hätte ich doch besonders vorsichtig sein müssen. Ich, verstehen Sie? Und dabei war es geradezu ein Wunder, daß meine Frau mich nicht dafür aufgefressen hat, daß ich ihn nicht vom Balkon geworfen hatte!

Genug. Ich will sehen, daß ich rasch zu einem Ende komme. Ich nahm die Forderung an. Aber meine Frau lachte mir höhnisch ins Gesicht und begann auf der Stelle ihre Sachen zu packen. Sie wollte sofort abreisen; abreisen, ohne den Ausgang des Duells abzuwarten, obwohl sie wußte, daß dafür die allerschwersten Bedingungen vereinbart worden waren.

Da ich mich nun schon einmal aufs Eis gewagt hatte, wollte ich tanzen. Er diktierte mir die Bedingungen: auf Pistolen. Sehr gut! Aber dann verlangte ich dafür, daß auf fünfzehn Schritt Entfernung geschossen würde. Und ich schrieb einen Brief, am Vorabend des Duells: jedesmal, wenn ich den heute wieder lese, sterbe ich vor Lachen . Sie können sich nicht vorstellen, was für Blödheiten einem armen Menschen in einer solchen Lage durch den Kopf gehen.

Ich hatte nie mit Waffen zu tun gehabt. Ich schwöre Ihnen, ich schloß instinktiv die Augen, als ich schoß. Das Duell fand oben in dem Buchenwäldchen statt. Die ersten beiden Schüsse gingen ins Leere; es war beim dritten... nein, der dritte ging auch daneben, es war beim vierten. Beim vierten Schuß also - sehen Sie mal, was der für einen harten Schädel hatte, der Doktor! - da sah die Kugel für mich hin und traf ihn genau in die Stirn, aber sie verletzte den Knochen nicht, sie fuhr unter der Kopfhaut hindurch und beim Nacken wieder heraus.

Im ersten Augenblick schien er tot zu sein. Wir liefen alle hinzu, auch ich, aber einer der Sekundanten riet mir, mich zu entfernen, den Wagen zu nehmen und über die Straße nach Chiusi zu fliehen.

Ich floh.

Am Tag danach erfuhr ich, wie es wirklich um ihn stand; und noch etwas anderes erfuhr ich, was mich zugleich mit ungeheurer Freude und mit Kummer erfüllte: Freude um meinetwillen, Kummer um meines Gegners willen, der sich nach einer Kugel im Kopf, wirklich nicht auch noch das verdient hatte, der arme Kerl.

Als er nämlich im Grünen-Kreuz-Krankenhaus wieder die Augen aufschlug, sah Doktor Loero ein wunderschönes Schauspiel vor sich: meine Frau, die an sein Bett geeilt war, um ihn zu pflegen!

Von der Verwundung war er in zwei Wochen wieder geheilt; von meiner Frau, lieber Herr, ist er bis heute nicht geheilt.

Gehen wir uns jetzt unser zweites Glas holen?

© Michael Rössner.

Cinci - (Cinci - 1934)

aus dem Italienischen von Michael Rössner

Italienische Version

 

Ein Hund vor einer geschlossenen Tür, der kauert sich geduldig auf den Boden und wartet, daß man ihm aufmacht; allerhöchstens hebt er dann und wann die Pfote und kratzt ein bißchen daran, wobei er ein unterdrücktes Winseln hören läßt.

Als Hund, das weiß er, kann er nicht mehr tun.

Als Cinci vom Nachmittagsunterricht nach Hause kommt, das Bündel aus Büchern und Heften mit dem Lederriemen darum unter den Arm geklemmt, findet er den Hund dort vor der Tür, und versetzt ihm, weil ihm dieses geduldige Warten auf die Nerven geht, einen ordentlichen Fußtritt; und Fußtritte bekommt auch die Türe ab, obwohl er doch weiß, daß sie versperrt ist und daß niemand zu Hause ist; am Schluß nimmt er das, was ihn am meisten beschwert, dieses Bücherbündel, und schleudert es wütend, um sich davon zu befreien, gegen die Tür, als ob es durch das Holz dringen und im Haus landen könnte. Die Tür hingegen schleudert ihm das ganze mit derselben Kraft wieder gegen die Brust zurück. Cinci ist überrascht, als wäre das ein schönes Spiel, zu dem die Tür ihn aufgefordert hat, und er wirft das Bündel noch einmal. Und dann, weil sie nun schon zu dritt sind bei diesem Spiel, Cinci, das Bündel, und die Tür, will der Hund auch mitmachen, und fährt bei jedem Wurf und jedem Zurückprallen bellend in die Höhe. Der eine oder andere Vorübergehende bleibt stehen und schaut hinüber; der eine lächelt, fast ein wenig beschämt über die Blödheit dieses Spiels und des Hundes, der sich darüber freut; der andere entrüstet sich wegen der armen Bücher; die kosten schließlich Geld; es sollte nicht erlaubt sein, sie so verächtlich zu behandeln. Schließlich macht Cinci dem Schauspiel ein Ende. Das Bücherbündel auf die Erde, und Cinci, mit dem Rücken die Mauer entlangfahrend, will sich darauf niederlassen; das Bündel freilich rutscht ihm unter dem Gesäß weg und er kommt unsanft auf die Erde zu sitzen; er grinst verlegen und schaut sich um, während der Hund zurückfährt und ihn ansieht.

 

Fast könnte man alle Teufeleien, die Cinci durch den Kopf gehen, schon an diesen zerrauften Haarbüscheln seiner strohigen Haare und an den blitzenden grünen Augen ablesen, in denen sie förmlich zu brodeln scheinen. Er ist in dem unglückseligen Alter des Wachstums, kratzbürstig und bleich. Als er an diesem Nachmittag wieder in die Schule ging, hat er das Taschentuch zu Hause vergessen, deshalb bläst er nun von Zeit zu Zeit durch die Nase aus, während er dort auf der Erde sitzt. Die riesigen Knie der langen, nackten Beine ‑ denn obwohl er das eigentlich nicht mehr tun sollte, trägt er immer noch kurze Hosen ‑ stoßen ihm fast gegen das Kinn. Wenn er geht, setzt er die Füße schief auf, und seine Schuhe halten nie lange; die, die er jetzt anhat, sind schon ganz zerschlissen. Nun hat er’s satt, er umklammert seine Beine, prustet und zieht sich mit dem Rücken an der Mauer hoch. Auch den Hund nimmt er mit, es sieht so aus, als frage er ihn, wohin sie jetzt gehen sollen? Wohin? Aufs Land hinaus, um eine Jause zu essen, indem sie da oder dort eine Feige oder einen Apfel stibitzen. Das ist nur so eine Idee; er ist sich noch nicht ganz sicher, ob er es wirklich tun soll.

Das Straßenpflaster hört hier auf, unmittelbar nach dem Haus; dann beginnt die Sandstraße des Vororts, die bis weit in das offene Land hineinführt. Wer weiß wie angenehm das sein muß, wenn man in der Kutsche fährt und die Hufeisen der Pferde und die Wagenräder von dem harten, lärmenden Pflaster auf die weiche, leise Sandstraße gelangen. Das muß wohl ganz ähnlich sein, wie wenn der Professor, nachdem er ihn so heftig ausgezankt hat, weil er ihn geärgert hat, plötzlich mit sanfter Güte, gemischt mit resignierender Melancholie, zu ihm spricht, und ihm das um so mehr wohl tut, als es ihn von der befürchteten Strafe entfernt. Ja, aufs Land hinauslaufen; hinaus aus der Enge der letzten Häuser dieses muffigen Vororts, bis dort unten hin, wo sich die Straße am Ausgang des Ortes zu einem Platz verbreitert. Nun steht dort das neue Spital, und dessen frisch gekalkte Wände sind noch so weiß, daß man in der Sonne die Augen schließen muß, so sehr blenden sie. Neulich erst haben sie dort alle Kranken hintransportiert, die vorher im alten Spital gelegen hatten, mit Ambulanzwagen und auf Bahren; es sah aus wie ein Fest, als die alle so in einer langen Reihe dahinzogen, die Amblanzen voran, mit den wehenden Vorhängen an den Fenstern; und für die schwerer Kranken, diese schönen auf Federlagern wie Spinnen auf ihrem Netz schwingenden Bahren. Aber jetzt ist es schon spät; die Sonne wird bald untergehen, und die Rekonvaleszenten werden nicht mehr da und dort an den Fenstern lehnen, in ihren grauen Hemden und den weißen Käppchen, um traurig das alte Kirchlein gegenüber anzusehen, das zwischen den paar Häusern dort, die auch schon alt sind, hervorragt, zusammen mit dem einen oder anderen Baum. Hinter dem kleinen Platz schließlich wird aus der Straße eine reine Landstraße, die den Hügel hinaufklettert.

Cinci bleibt stehen; er bläst wieder hörbar die Luft aus. Soll er denn wirklich dorthin gehen? Er macht sich wieder auf den Weg, die Lust ist ihm vergangen, denn er fühlt, wie in seinen Eingeweiden all das Böse brodelt, das ihm aus vielen Dingen zuwächst, die er sich nicht erklären kann: seine Mutter, wie sie lebt, wovon sie lebt, nie zu Hause, und dabei versteft sie sich darauf, ihn immer noch n die Schule zu schicken; verdammte Schule, so weit weg; jeden Tag, selbst wenn er nur so dahinfliegt, braucht er wenigstens drei Viertelstunden von da unten, wo er wohnt, um dorthin zu gelangen; und dann zu Mittag wieder nach Hause; und dann wieder in die Schule, kaum daß er zwei Bissen heruntergewürgt hat; wie soll er nur rechtzeitig kommen? Und seine Mutter sagt, er verliere seine Zeit beim Spielen mit dem Hund, und er sei ein Taugenichts, und kurz und gut, sie wirft ihm immer dieselben Dinge vor: er lernt nicht, er ist schmutzig, wenn sie ihn Einkaufen schickt, hängen ihm die Händler die schlechteste Ware an...

Wo ist denn Fox?

Ach da: er trottet ihm hinterdrein, das arme Vieh. Na, der weiß wenigstens, was er tun muß: seinem Herrn folgen. Etwas tun: genau das ist der Grund seiner Unruge: daß er nicht weiß was. Sie könnte ihn ihm ja wirklich auch geben, seine Mutter, den Hausschlüssel, wenn sie tagsüber zum Nähen, wie sie ihm zu verstehen gibt, in die Häuser der Herrschaften geht. Aber nein, sie sagt, sie habe kein Vertrauen, und wenn sie noch nicht da ist, wenn er von der Schule kommt, dann könne es nicht mehr lange dauern und er solle ruhig warten. Wo? Dort, still vor der Tür? Manchmal hat er sogar zwei Stunden dort gewartet, in der Kälte, und auch im Regen; und dann ist er, anstatt ich unterzustellen, justament zu der Ecke gelaufen, um die ganze Dusche aus der Regenrinne auf den Kopf zu bekommen, damit sie ihn zum Auswringen naß vorfinden sollte. Endlich sieht er sie kommen, keuchend mit einen geliehenen Schirm, glühendem Gesicht, die glänzenden Augen wichen ihm aus, und sie war so nervös, daß sie nicht einmal den Schlüssel in der Tasche fand.

„Bist du naß geworden? Nimm’s nicht tragisch, ich bin aufgehalten worden.“

 

Cinci runzelt die Brauen. An gewisse Dinge will er nicht denken. Aber seinen Vater, den hat er nie gekannt. Man hat ihm gesagt, er wäre gestorben, noch ehe er zur Welt kam; aber wer er gewesen ist, das hat man ihm nicht gesagt; und jetzt will er nicht mehr danach fragen, und er will es auch gar nicht mehr wissen. Es kann ja auch dieser Invalide sein, der sich auf einer Seite hinkend dahinschleppt ‑ ja, bravo, natürlich in die nächste Schenke. Fox baut sich vor ihm auf und verbellt ihn. Wahrscheinlich ist es die Krücke, die ihm solchen Eindruck macht. Und da sind all diese Frauen, die in einem Haufen beeinanderstehen, mit ihren großen Bäuchen, ohne daß sie doch schwanger wären; na, eine vielleicht schon; die, deren Kleidersaum sich vorne eine Handbreit über den Boden hebt und hinten die Straße fegt; und diese andere, die mit dem Kind im Arm, das sie eben von der Brust abnimmt... ach, pffff, was für eine schlaffe Haut! Seine Mamma ist schön, und noch immer so jung, ihm hat sie als Kind auch Milch gegeben, so aus der Brust, vielleicht in einem Haus auf dem Land, in einer Scheune, im Sonnenschein. Er hat eine vage Erinnerung an ein Haus auf dem Land, Cinci; in dem hat er vielleicht, wenn er es nicht geträumt hat, in seiner Kindheit gewohnt, oder vielleicht hat er es damals gesehen, wer weiß wo. Jetzt freilich, wenn er sie so aus der Ferne betrachtet, die Häuser auf dem Land, dann fühlt er die Traurigkeit, die sich dort ausbreiten muß, wenn es Abend wird, mit den Petroleumlampen, die man dann anzündet, solche Lampen, wie man sie von einem Zimmer ins andere trägt, und wie man sie von draußen durch ein Fenster verschwinden und im anderen wieder auftauchen sieht.

Jetzt ist er auf dem Platz angekommen. Nun sieht man die ganze Ausdehnung des Himmels vor sich, auf dem das Rot des Sonnenuntergangs nun schon einem gedämpften Farbton gewichen ist, und über dem schwarz erscheinenden Hügel das zarte Hellblau. Auf der Erde liegt schon der Schatten des Abends, und der die große weiße Mauer des Spitals hat sich ein wenig bläulich verfärbt. Irgendein altes Weiblein läuft verspätet zum Vespergebet in die Kirche. Plötzlich bekommt Cinci auch Lust hineinzugehen, und Fox bleibt stehen und seht ihn an, denn er weiß sehr gut, daß er da nicht hineindarf. Vor dem Eingang keucht die verspätete Alte und müht sich mit dem ledernen Türvorhang ab, der für sie viel zu schwer ist. Cinci hilft ihr ihn aufzuheben, aber sie sieht ihn nur böse an, statt ihm zu danken, denn sie errät, daß er nicht aus Frömmigkeit in die Kirche geht. Das Kirchlein hat die Steifheit einer Grotte; auf dem Hauptaltar die zuckenden Lichtblitze zweier flackernder Kerzen nd da und dort irgendein verlorenes Lämpchen. Sie hat so viel Staub angesammelt, die arme Kirche, durch ihr hohes Alter; und der Staub riecht abgestanden in dieser feuchten Roheit; die düstere Stille scheint mit allen Echos nur auf den geringsten Lärm zu warten. Cinci überkommt die Versuchung, einen Gebrüll loszulassen, um sie alle aufzuschrecken. Die Betschwestern haben sich in den Bänken aufgereiht, eine jede auf ihrem Platz. Nein, kein Gebrüll, aber dieses Bücherbündel, das so schwer an ihm hängt, mit Krach auf den Boden werfen, als wäre es ihm zufällig aus der Hand gefallen, warum nicht? Er wirft es, und sofort springen die Echos dem dröhnenden Aufprallen entgegen und ersticken es in fast verächtlicher Weise. Das mit dem Echo, das ein Geräusch anspringt wie ein im Schlaf gestörter Hund und es erstickt, das ist eine Erfahrung, die Cinci schon mehrfach mit Vergnügen gemacht hat. Man darf die Geduld der armen entsetzten Beginen nicht mißbrauchen. Cinci verläßt die Kirche; er findet Fox, der auf ihn wartet und geht weiter die Straße, die den Hügel hinaufführt. Irgendein Obst, um etwas zu naschen, das muß sich doch finden lassen, wenn er weiter hinten über eine Mauer klettert und sich zwischen die Bäume schlägt. Er hat ein Gefühl der Leere; aber er weiß nicht, ob es eigentlich das Bedürfnis nach Essen ist oder diese Unruhe, daß er etwas tun muß, die sich ihm auf den Magen geschlagen hat.

Eine Landstraße, ergauf, einsam; Kieselsteine, die den Eseln manchmal zwischen den Hufen stecken bleiben, dann ein Stück herunterkullern und dann dort liegen bleiben, wo sie zum Stillstand kommen; da ist schon einer: ein Tritt mit der Schuhspitze: Genieß, flieg! Gras, das am Straßenrand oder am Fuß der Mauern hervorsprießt, lange Haferhalme mit ihren Büscheln drauf, das macht Spaß, die abzustreifen: all die kleinen Haferbüschel bleiben dann zwischen den Fingern zurück; dann wirft man sie jemandem nach und so viele auf ihm hängen bleiben, so viele Ehemänner wird sie haben, wenn es eine Frau ist, und so viele Ehefrauen wenn es ein Mann ist. Cinci will das mit Fox ausprobieren. Sieben Ehefrauen, keine einzige weniger. Aber eigentlich gilt das nicht, denn auf dem schwarzen Fell von Fox sind alle auf einmal hängengeblieben. Und Fox, der alte Dummkopf, hat die Augen geschlossen und ist ruhig stehen geblieben, ohne den Scherz zu verstehen, mit diesen sieben Ehefrauen am Leib.

Jetzt mag er nicht mehr weitergehen, Cinci ist müde und hat es satt. Er läßt sich auf der Mauer links neben der Straße nieder und betrachtet von dort aus die Larve des Mondes, die sich eben beginnt, mit einem blassen Gold zu beleben, inmitten des Grün, das sich in der zu Ende gehenden Abenddämmerung auflöst. Er sieht ihn und sieht ihn auch wieder nicht; so wie die Dinge ihm im Kopf umherfliegen und eines sich in das andere verwandelt, und alle zusammen ihn immer weiter von diesem seinen Körper, der da unbeweglich sitzen bleibt, entfernen, so sehr, daß er ihn gar nicht mehr spürt; seine eigene Hand, wenn er die erblickte, so wie sie da auf dem Knie liegt, erschiene ihm als die Hand eines Fremden, und ebenso sein Fuß, der da herunterbaumelt, mit dem zerschlissenen, schmutzigen Schuh daran. Es ist nicht mehr sein Körper: er ist in den Dingen drinnen, die er sieht und auch nicht sieht, in dem sterbenden Himmel, in dem sich entzündenden Mond, und dort in diesen düsteren Baummassen, die in die dünn gewordene Luft hineinragen, und hier in der lockeren, schwarzen, vor kurzem erst umgestochenen Erde, aus der noch diese faulige Feuchtigkeit der Schwüle dieser letzten Oktobertage, in denen die Sonne noch warm scheint, aufsteigt.

Plötzlich, so gedankenverloren er auch ist, zuckt er zusammen, und instinktiv greift er sich mit einer Hand ans Ohr. Unter der Mauer dringt ein Lachen hervor. Ein Junge in seinem Alter, ein Bauernlümmel, hat sich dort unten versteckt, auf der Seite der Äcker. Auch er hat einen langen Haferhalm abgerissen und die Samen abgestreift, hat am Ende eine Schlinge gemacht und ganz leise, den Arm ausstreckend, versucht, Cinci am Ohr zu erwischen. Kaum wendet Cinci sich ärgerlich um, macht er ihm ein Zeichen, still zu sein und streckt den Halm an der Mauer entlang aus, wo zwischen zwei Steinen die Schnauze einer Eidechse sichtbar wird, die er mit dieser Schlinge schon seit einer Stunde zu erhaschen sucht. Cinci reckt den Hals und sieht zu, in banger Erregung. Das Tierchen hat, ohne es zu merken, von selbst den Hals in die dort hingehaltene Schlinge gesteckt; aber das ist noch zu wenig; es gilt zu warten, daß es den Kopf noch weiter vorstreckt, aber vielleicht zieht es ihn ja auch zurück, wenn die Hand, die den Haferhalm hält, zittert und es dadurch die Falle bemerkt. Vielleicht ist es gerade dabei, sich aus dieser Zufluchtsstätte herauszustürzen, die ihm zu einem Gefängnis geworden ist. Ja! Ja! Aber nun aufgepaßt, im richtigen Augenblick zugezogen, damit man es erwischt. Es ist ein einziger Augenblick. Da haben wir es! Nun zappelt die Eidechse wie ein Fischlein an der Spitze dieses Haferhalms. Unwiderstehlich angezogen springt Cinci von der Mauer herab; der andere jedoch, vielleicht aus Angst,e r wollte ihm das Tierchen abnehmen, läßt den Arm ein paarmal im Kreis durch die Luft schwingen und schlägt es dann mit aller Kraft gegen eine Steinplatte, die dort zwischen dem Gestrüpp liegt. „Nein!“ schreit Cinci; aber es ist schon zu spät. Die Eidechse liegt unbeweglich auf der Steinplatte, ihr weißer Bauch glänzt im Mondlicht. Cinci wird wütend. Ja, auch er wollte, daß dieses arme Tier gefangen wird, weil auch ihn einen Augenblick lang die Jagdlust ergriffen hat, die in allen Menschen verborgen lauert. Aber es so einfach umzubringen, ohne es auch nur aus der Nähe zu betrachten, die fast qualvoll scharfen Äuglein, das Beben der Flanken, das Zittern dieses ganzen grünen Körperchens; nein, das war wirklich dumm und gemein. Und Cinci schlägt mit aller Kraft seine Faust gegen die Brust dieses Jungen, und der fällt rücklings auf den Boden und rutscht noch ein Stück weiter, um so weiter als er so plötzlich das Gleichgewicht verlierend, versucht hat, nicht zu fallen und wieder Tritt zu fassen. Aber kaum liegt er, da springt er auch schon wieder wütend in die Höhe, packt einen Erdklumpen und wirft ihn Cinci ins Gesicht; der sieht nichts mehr und verspürt im Mund diesen feuchten Geschmack, der nach Schmach riecht und ihn nun jede Beherrschung verlieren läßt. Auch er nimmt einen Erdbrocken und wirft ihn auf den Gegner. Das Duell der beiden wird auf der Stelle zum heftigen, schonungslosen Kampf. Der andere ist freilich geschickter und schneller. Er trifft immer, und er kommt ihm immer näher, mit diesen Erdklumpen, die, wenn sie auch keine Wunden verursachen, doch dumpf und hart aufprallen und, während sie auseinanderbrechen, wie ein hagelschauer auf ihn niedergehen, auf die Brust, ins Gesicht, in die Hare, in die Ohren, sogar in die Schuhe. Halb erstickt, dreht Cinci, als er schon nicht mehr weiß, wie er sich verteidigen soll, sich wütend um, tut einen Satz und reißt mit erhobenemr Hand einen Stein aus der Mauer. Irgendwer läuft dort weg: das wird wohl Fox  sein. Kaum hat er den Stein geworfen, da ist plötzlich ‑ wie ist das möglich? ‑ in all dem, was vorher vor seinen Augen tanzte und sich ineinanderschob, diese Massen von Bäumen, im Himmel der Mond wie ein Strich aus Licht, Ruhe eingetreten: da, nun bewegt sich nichts mehr, als hätte die Zeit und mit ihr alle Dinge in einem in einem verblüfften Staunen innegehalten, rund um diesen Jungen, der bäuchlings auf der Erde liegt. Cinci, noch keuchend, schlägt das Herz bis zum Hals. Er schaut entsetzt, an die Mauer gelehnt, auf diese unglaubliche schweigende Unbeweglichkeit des Ackers unter dem Mond, auf diesen Jungen, der da liegt, das Gesicht halb in der Erde verborgen, und fühlt in sich das Gefühl einer ewigen Einsamkeit wachsen, heftig wachsen, vor der er auf der Stelle fortlaufen muß. Nein, das ist er nicht gewesen; er hat nichts davon gewollt; er weiß nichts darüber. Und dann, ja, geradeso, als ob er es nicht gewesen wäre, macht er einen Schritt und dann noch einen, und beugt sich hinunter, um zu schauen. Der Junge hat den Schädel eingeschlagen, der Mund ist voll schwarzem, mit der Erde verkrusteten Blut, ein Bein ragtt ein bißchen nackt hervor, zwischen dem Hosenbein, das hinaufgerutscht ist, und der Baumwollsocke. Tot, als ob er es immer schon gewesen wäre. Das ist alles, als wäre es ein Traum. Er muß aus diesem Traum erwachen, um rechtzeitig fortzugehen. Dort, wie in einem Traum, liegt diese Eidechse zerschmettert auf dem flachen Stein, den Bauch in den Mondschein gereckt und den Haferhalm noch immer am Hald hängend. Er geht fort, sein Bücherbündel wieder unter den Arm geklemmt und Fox hinter ihm drein, der auch von nichts weiß.

Als er nach und nach sich immer weiter entfernt, von dem Hügel herabsteigt, wird er immer mehr von einem so seltsamen Sicherheitsgefühl erfüllt, daß er sich nicht einmal beeilt. Er kommt zu dem menschenleeren Platz; auch hier ist der Mond, aber ein anderer Mond, den nun, hier, beleuchtet er, ohne von irgend etwas zu wissen, die weiße Fassade des Spitals. Da ist nun die Vorortstraße, so wie zuvor. Er langt zu Hause an: Seine Mutter ist noch nicht gekommen. Er muß also nicht einmal erzählen, wo er gewesen ist. Er ist hier gewesen und hat auf sie gewartet. Und dies wird, so wie es nun für seine Mutter die Wahrheit wird, auf der Stelle auch für ihn die Wahrheit; da ist er ja tatsächlich, den Rücken an die Wand gelehnt, wartend neben der Tür.

Es genügt, wenn man ihn so findet. 

© Michael Rössner.

 

Novellen - Vorbemerkung


Pirandello auf Deutsch - Index


Anfangenseite

 

Da lacht doch jemand - (C'è qualcuno che ride – 1937)

 

aus dem Italienischen von Michael Rössner

Italienische Version

 

Ein Raunen schlängelt sich mitten durch die vielen Menschen, die hier beisammen stehen:

„Da lacht doch jemand.“

Da oder dort, wo immer dieses Raunen hingelangt, ist es, als richte sich plötzlich eine Viper auf, oder als springe eine Grille in die Höhe, oder als blitze unerwartet ein Spiegel auf und blende die Augen mit gleißendem Licht.

Wer wagt es zu lachen?

Alle fahren herum und sehen sich mit zornblitzenden Augen um.

(Der riesige Salon, den über der Schar der Gäste der Lichtschein vier großer Kristallüster erleuchtet, verharrt da oben in seiner düsteren, staubigen Altertümlichkeit, als wäre er erloschen und verlassen; beunruhigt erscheint nur, von einem Ende des Gewölbes bis zum anderen, die Kruste des gewaltigen Barockfreskos, das sich doch so bemüht hat, die wilden Ausschweifungen seiner Farben in einem ewigen Nachtdunkel zu ersticken und verschwimmen zu lasen; man würde meinen, er könne es kaum erwarten, daß auch dort unten endlich all die Unruhe aufhöre und der Salon geräumt werde.)

Das eine oder andere längliche, mühsam durch ein mitleidvolles Dehnen zu einem betroffenen, verständnisvollen Lächeln verzogene Gesicht mag sich ja finden lassen, wenn man genau hinsieht; aber eines, das lachen würde, richtig lachen, das nicht. Nun, verständnisvoll lächeln, das mag wohl hingehen, ja, es könnte geradezu geboten sein, wenn man bedenkt, daß diese ‑ überaus ernste ‑ Zusammenkunft sich auch den Anstrich einer der in Faschingszeiten üblichen städtischen Zerstreuungen geben möchte. Tatsächlich hat da ja auf einer mit einem schwarzen Teppich abgedeckten Fläche ein kleines Orchester totenschädelartiger Glatzköpfe Aufstellung genommen und spielt endlos tanzmusikartige Stücke, und da sind auch tatsächlich Paare, die tanzen, auf Aufforderung, ja fast auf Befehl der eigens herbeigerufenen Photographen hin, um dieser Zusammenkunft den Anstrich eines Tanzfestes zu verleihen.

So schreiend ist freilich das Rot, das Himmelblau gewisser Abendroben, und so ekelerregend die Zerbrechlichkeit gewisser nackter Schultern und Arme, daß man beinahe meinen möchte, diese Tänzer wären nur für diesen Anlaß von unter der Erde heraufgeholt worden, Spielzeug aus anderen Zeiten, wohlkonserviert und nun künstlich wieder aufgezogen, um dieses Schauspiel zu gestalten. Man hat richtig das Bedürfnis, nachdem man sie angesehen hat, sich an etwas Solides, Grobschlächtiges zu klammern. Ja, hier zum Beispiel, an den Nacken dieses speckfaltigen Nachbarn, über dessen gerötetes Gesicht der Schweiß läuft und der sich mit einem überaus weißen Taschentuch Luft zufächelt; oder an die idiotengleiche Stirn dieser alten Dame. Seltsam: Dort, die Blumen auf dem schäbigen Tischchen mit Erfrischungen, die sind nicht künstlich, und deshalb stimmt es einen so traurig, wenn man an die Gärten  denkt, in denen sie heute morgen unter einem hellen, feinen Sprühregen, der in den Gesichtern brannte, gepflückt wurden; wie schade um diese bleiche Rose, die in ihren abgefallenen Blättern einen ersterbenden Geruch nach gepudertem Fleisch bewahrt.

Da und dort, verloren unter der Masse von Leuten, steht wohl auch der eine oder andere Gast im Domino und sieht aus wie ein Laienbruder auf der Suche nach dem Begräbniszug. 

Die Wahrheit ist: Alle diese Gäste haben keine Ahnung vom Grund dieser Einladung. Die lief einfach in der Stadt um wie der Appell zu einer Versammlung. Nun sind sie unschlüssig, ob es eher angebracht wäre, sich ein wenig abzusondern oder sich möglichst allen zu zeigen (was bei so vielen Menschen alles andere als leicht wäre), und so beobachtet einer den anderen, und wer sich dabei beobachtet sieht, sich zurückzuziehen oder sich bemerkbar zu machen, der verwelkt auf der Stelle und hält inne; denn hier hat auch einer den anderen im Verdacht, und das allgemeine Mißtrauen in dem Gedränge führt zu Obsessionen, die sich nur sehr schwer beherrschen lassen; schräge Blicke werden über die Schulter geworfen und fahren sofort zurück wie ertappte Schlangen, wenn sie entdeckt werden.

„Ach, sieh mal, du bist auch hier?“

„Na, wir sind doch alle hier, scheint’s.“

Unterdessen wagt niemand nach dem Warum zu fragen, weil jeder fürchtet, er wäre der einzige, der es nicht weiß, was ihn wiederum zweifelsohne schuldig machen würde, falls diese Versammlung einberufen wurde, um eine schwerwiegende Entscheidung zu treffen. Ohne sich dabei erwischen zu lassen, suchen einige mit den Blicken jene zwei oder drei, von denen man doch annehmen würde, daß sie imstande sein müßten, es zu wissen; aber sie finden sie nicht. Sie werden sich wohl in einem geheimen Raum zu einer Beratung versammelt haben, einen Raum, in den von Zeit zu Zeit jemand hineingerufen wird, erbleichend diesem Ruf folgt und die anderen in banger Verwirrung zurückläßt. Man versucht, aus dem Charakter des Gerufenen, aus seiner Stellung und seinen Verbindungen darauf zu schließen, um was es wohl bei diesen Beratungen gehen kann, und man kommt dabei zu keinem Schluß, weil eben zuvor ein anderer mit ganz gegensätzlichem Charakter und ganz entgegengesetzten Verbindungen gerufen worden war.

 

In der allgemeinen Betroffenheit ob dieses Rätsels wächst die Erregung immer mehr. Man weiß ja, wie schnell sich Unruhe mitzuteilen pflegt, und wie schnell aus einer Botschaft, wenn sie von Mund zu Mund weitergegeben wird, eine ganz andere wird. So kommen von einem Ende des Salons zum anderen solche Ungeheuerlichkeiten heraus, daß man ganz niedergeschmettert zurückbleibt. Und aus den brodelnden Gemütern steigt etwas auf und breitet sich aus, wie ein Alptraum, in dem, zu dem beklemmenden, schmerzlichen Klang dieses Orchesters, zwischen dem Stimmengewirr, das einen ganz taub macht, und vor dem Widerschein der Lichter in den Spiegeln vor eines jeden Augen, die seltsamsten Erscheinungen aufblitzen; und wie ein Rauch, der in dichten Ringen herausquillt, dringen aus den Gewissen, die im geheimen das Feuer uneingestandener Gewissensbisse nähren, Besorgnisse und Ängste und Befürchtungen jeder Art; bei vielen löst der instinktive Drang, die Sache sofort wieder in Ordnung zu bringen, die unerwartetsten Wirkungen aus: der eine klappert unaufhörlich mit den Augenlidern, der andere starrt seinen Nachbarn an, ohne ihn zu sehen, und lächelt ihm zärtlich zu, der dritte knöpft ohne Unterlaß einen Westenknopf auf und wieder zu. Besser, man tut, als ginge einen das alles nichts an. An etwas anderes denken. An Ostern, das fällt heuer sehr spät. An einen Menschen, der doch ausgerechnet Buongiorno heißt. Ach, aber das ist wirklich unerträglich, diese Komödie, die wir mit uns selbst aufführen.

Die Tatsache (wenn sie überhaupt zutrifft), daß einer lacht, sollte doch nicht solchen Eindruck machen, will mir scheinen, wenn alle in dieser Stimmung sind. Was heißt da Eindruck! Eine gewaltige Empörung, und eben deshalb, weil alle in dieser Stimmung sind; eine Empörung, als wäre das eine persönliche Beleidigung, daß da wirklich einer den Mut haben kann, ganz offen zu lachen. Der Alpdruck lastet ja eben deshalb so unerträglich auf allen, weil es keinem zulässig erscheint zu lachen. Wenn da einer zu lachen anfängt und die anderen es ihm nachtun, wenn dieser ganze Alpdruck sich plötzlich in einen Schwall des allgemeinen Lachens löst, na dann gute Nacht! In einer solchen Ungewißheit und Spannung der Seele muß man wenigstens glauben und fühlen, daß die Versammlung heute abend eine sehr, sehr ernste Angelegenheit ist.

Aber ist denn da nun wirklich dieser jemand, der immer noch weiterlacht, trotz des Raunens, das sich nun schon eine ganze Weile durch die Versammlung schlängelt? Wer ist es? Wo ist er? Den muß man doch aufspüren, ihn an der Brust packen, ihn gegen die Wand schleudern, und, alle mit vorgestreckten Fäusten, fragen, weshalb er lacht und über wen er lacht. Es scheint, es ist nicht nur einer allein. Ach so, mehr als einer? Man sagt, es wären wenigstens drei. Was denn, wie denn, in Absprache untereinander oder jeder für sich? Es scheint, in Absprache, alle drei. Ach so? Die sind also mit der bewußten Absicht hierhergekommen zu lachen? Ja, so scheint es.

Als erstes fiel so ein großgewachsenes junges Mädchen auf, weiß angezogen, ganz rot im Gesicht, das blühende Leben, vielleicht ein bißchen plump, daß sich vor Lachen kaum halten konnte, in einer Ecke des Saals dort drüben. Anfangs haben die Leute nicht weiter drauf geachtet, sei es, weil sie eine Frau war, sei es wegen des Alters. Nur der unerwartete Klang des Lachens wirkte störend, und einige haben sich umgedreht, als ginge es da um eine Unangemessenheit, sagen wir ruhig Ungehörigkeit, ja sogar Unverfrorenheit, wenn man es so nennen will, aber doch wohl eine entschuldbare Unverfrorenheit: Was denn? Das Lachen eines Kindes, das zudem gleich abbrach, als die Kleine sich beobachtet sah. Als sie dann aus ihrer Ecke geflohen war, vornübergebeugt, sich zusammenkrümmend, beide Hände vor dem Mund, da war das verständlich ‑ ja, das schon ‑ daß man sie auch da drüben noch lachen hören konnte, in einen förmlichen Lachkrampf ausbrechend, vielleicht wegen der Verkrampfung, mit der sie vor den Leuten davonzulaufen suchte. Ein Kind? Nun erfährt man eben, daß sie schon wenigstens sechzehn Jahre alt war, und zwei Augen besaß, die förmlich Flammen sprühten. Es scheint, sie flieht von einem Saal in den anderen, als würde sie verfolgt. Aber ja, verfolgt wird sie, tatsächlich verfolgt von einem sehr hübschen Jungen, blond wie sie, der lacht wie ein Verrückter, während er ihr nachläuft; dann und wann freilich hält er inne, erschreckt durch die Unverfrorenheit, mit der sie überall ihre Nase hineinsteckt; er möchte sich gerne ein wenig Zurückhaltung auferlegen, aber er schafft es einfach nicht; er wendet sich hierhin und dorthin, als höre er seinen Namen rufen, und gewiß beißt er sich auf die Lippen, um einen Anfall von Heiterkeit zurückzuhalten, der in ihm drinnen brodelt und ihm das Zwerchfell erbeben läßt. Und jetzt haben sie auch den dritten entdeckt, ein biegsames Männchen, das sich tänzelnd durch die Räume bewegt und mit den kurzen Ärmchen wie mit zwei Trommelschlegeln in einem fort auf die runde, massive Brust schlägt; seine spiegelnde Glatze rahmt ein roter, lockiger Haarkranz ein, in seinem selig lächelnden Gesicht lacht die Nase mehr als der Mund, die Augen mehr als Mund und Nase zusammen, es lacht das Kinn, es lacht die Stirn, ja sogar die Ohren dieses Mannes lachen. Einen Frack hat er an, wie alle anderen. Wer hat den eingeladen? Wie sind die zu dieser Versammlung gekommen? Niemand kennt sie. Nicht einmal ich. Ich weiß nur, daß er der Vater dieser beiden jungen Leute ist, ein wohlhabender Herr, der mit seiner Tochter auf dem Lande lebt, während der Sohn hier in der Stadt studiert. Sie werden zufällig auf dieses vorgetäuschte Tanzfest geraten sein. Wer weiß, was sie einander beim Kommen zugeraunt haben, was für geheime Einverständnisse und Scherze sie untereinander seit langem verabredet haben, Streiche, die nur ihnen bekannt sind, Sprengstoff in der Hinterhand, färbiges Pulver für ein Feuerwerk, das bei dem geringsten Anlaß in die Luft gehen kann, sei es auch bloß ein flüchtiger Blick; jedenfalls können sie nicht mehr beisammen sein; sie suchen einander aber mit den Augen aus der Ferne, und kaum erspähen sie einander, wenden sie das Gesicht ab, und hinter den vorgehaltenen Händen bricht so ein gewisses Lachen hervor, das inmitten all dieser Ernsthaftigkeit tatsächlich skandalös ist.

Die Obsession dieser Ernsthaftigkeit lastet so schwer und erdrückend auf allen, daß niemand auch nur den Gedanken zu fassen vermag, daß diese drei außerhalb dieses Ernstes stehen könnten, weit fort, und stattdessen in sich drinnen einen unschuldigen, vielleicht sogar dummen Grund haben könnten, so einfach ohne Anlaß zu lachen; das Mädchen zum Beispiel, bloß weil es sechzehn Jahre alt und gewohnt ist, wie ein Fohlen mitten auf einer blumenbestandenen Wiese zu leben, ein Fohlen, das bei jeder Brise feurig in die Höhe steigt und glücklich springt und galoppiert, ohne daß es selbst wüßte warum. Man könnte schwören, daß es gar nichts mitbekommt, daß es nicht die geringste Ahnung von dem Skandal hat, den es gemeinsam mit dem Vater und dem Bruder heraufbeschwört, die auch so fröhlich und so fremd und ohne jede böse Ahnung sind.

Und als sich am Ende alle drei auf einem Sofa in dem Saal dort drüben vereint wiederfinden, der Vater in der Mitte zwischen Sohn und Tochter, erschöpft und zufrieden, aber mit einem großen Verlangen danach, einander zu umarmen, vor lauter Freude über die gelungene Unterhaltung, die aus ihrer Freude in dieses schöne, helle Lachen ausgebrochen ist wie in deN Lärm einer rasch vergehenden Meeresbrandung, da sehen sie plötzlich aus den drei großen Glastüren wie eine schwarze Flut unter einem plötzlich verdüsterten und verschlossenen Himmel die ganze Masse der Gäste auf sich zukommen, langsam, sehr langsam, mit dem melodramatischen Schritt einer finsteren Verschwörung, und nun verstehen sie natürlich zunächst gar nichts, sie glauben nicht, daß dieses merkwürdige Manöver ihnen gelten könnte und tauschen einen Blick, noch immer ein wenig lächelnd; aber das Lächeln erstirbt nach und nach in einer immer stärkeren Beklemmung, bis sie, da sie nicht fliehen und nicht einmal zurückweichen können, den Rücken gegen die Lehne des Sofas gepreßt, nun schon nicht mehr von Beklemmung, sondern von Schrecken erfüllt, instinktiv die Hände heben, als wollten sie die Masse abwehren, die weiter voranschreitend, furchterregend über sie hereingebrochen ist. Die drei Autoritäten, die sich ihretwegen, aus keinem anderen Grund, zur Beratung in den geheimen Raum zurückgezogen hatten, eben wegen des umlaufenden Gerüchts über ihr unzulässiges Lachen, und die dort beschlossen haben, dieses Verhalten in denkwürdiger und exemplarischer Weise zu bestrafen, sie sind eben durch die Mitteltüre eingetreten und präsentieren sich vor allen, die Kapuzen ihrer Dominomäntel bis zum Kinn herabgezogen und zum Scherz an den Händen mit drei Servietten gefesselt, als wären sie gefangene Verbrecher, die gekommen sind, um Gnade zu flehen. Kaum stehen sie vor dem Sofa, da bricht ein riesiges, sardonisches Lachen aus der gesamten Menge der Gäste lärmend hervor und hallt in grauenhafter Weise mehrfach in dem Saal wieder. Dieser arme Vater rudert bestürzt und zitternd mit den Armen, endlich gelingt es ihm, seine beiden Kinder unter den Arm zu nehmen, und ganz geduckt ergreift er die Flucht, während ihm kalte Schauer den Rücken hinunterlaufen, ohne daß er etwas verstehen könnte, verfolgt von dem gräßlichen Gedanken, sämtliche Einwohner der Stadt könnten ganz plötzlich irrsinnig geworden sein. 

© Michael Rössner.

Das ist doch nichts ernstes - (Non è una cosa seria – 1928)

 

Erstveröffentlichung im Corriere della Sera vom 7. Januar 1910. Keine wesentlichen Varianten bekannt - die in Beffe della morte e della vita II (Florenz, 1903) veröffentlichte Novelle "La Signora Speranza" unterscheidet sich im Inhalt doch beträchtlich. Ähnliches gilt für das eher dieser Novelle nachgebildete Theaterstück Ma non è una cosa seria - "Aber das ist doch nichts Ernstes" von 1918 - siehe Bd.?

aus dem Italienischen von Michael Rössner

Italienische Version

 

Perazzetti? Nein. Der war nun wirklich eine Rasse für sich. Da sprach er manchmal todernst, als wäre er nicht er selbst, den Blick auf seine langen, gekrümmten Fingernägel gerichtet, die er mit allergrößter Sorgfalt pflegte.

Und freilich: dann, auf einmal, ohne ersichtlichen Grund... wie eine Ente, jawohl, ganz genau so! Er brach in so gewisse Lachanfälle aus, die hörten sich an wie das Schnattern einer Ente; und darin erklang ein Plätschern, genauso wie eine Ente im Wasser.

Viele wollten gerade in diesen Lachanfällen den schla­gendsten Beweis für Perazzettis Wahnsinn sehen. Wenn er sich so mit Tränen in den Augen wand, pflegten seine Freunde zu fragen: "Aber warum denn?"

Und er antwortete: "Nichts. Ich kann es euch nicht sagen."

Wenn man einen so lachen sieht, ohne daß er den Grund dafür verraten will, dann macht einen das schon etwas stutzig, man bleibt zurück mit so einem gewissen dummen Gesicht und einer gereizten Empfindung im Körper, die bei den sogenannten "Nervenbündeln" leicht zu einer wilden Erregung und zu dem Wunsch werden kann, dem anderen das Gesicht zu zerkratzen.

Da sie ihm das Gesicht nicht zerkratzen konnten, pflegten sich die sogenannten "Nervenbündel" (die heutzutage immer häufiger werden) wütend zu schütteln und sagten über Perazzetti: "Der ist verrückt!"

Hätte Perazzetti ihnen jedoch den Grund dieses entenartigen Lachanfalls verraten... Aber er konnte ihn oft nicht nennen, nein, wirklich, er konnte es nicht tun.

 

Er hatte nämlich eine äußerst bewegliche und unerhört launenreiche Phantasie, die sich beim Anblick anderer Leute damit vergnügte, ihm in seinem Inneren, ohne daß er es gewollt hätte, die ausgefallensten Bilder und das Aufblitzen überaus komischer, unbeschreiblicher Ansichten vor Augen zu führen; ihm mit einem Mal gewisse seltsame, versteckte Analogien zu enthüllen, ihm ganz unvorhergesehenermaßen so groteske und komische Kontraste vorzuführen, daß er das Gelächter einfach nicht mehr zurückhalten konnte.

Wie hätte er anderen das augenblickliche Spiel dieser flüchtigen, nicht einmal gedachten Bilder erklären sollen?

Perazzeti wußte sehr gut, aus eigener Erfahrung, wie sehr bei jedem Menschen der Grund seines Wesens sich von den trügerischen Auslegungen unterscheidet, die jeder spontan oder aufgrund einer unbewußten Täuschung davon gibt, aufgrund des Bedürfnisses, uns für andere zu halten oder für andere gehalten zu werden, als wir tatsächlich sind, oder aufgrund der Nachahmung anderer, oder auch einfach aus Not und sozialem Zwang.

Über diesen Grund des Wesens hatte er besondere Studien angestellt. Er nannte ihn "die Höhle des Viehs". Und er meinte damit das ursprüngliche Tier in jedem von uns, versteckt unter so vielen Schichten des Bewußtseins, die nach und nach im Lauf der Jahre darüber gewachsen sind.

Der Mensch, pflegte Perazzeti zu sagen, wird, wenn man ihn an dieser oder jener Schicht des Bewußtseins anrührt, kitzelt, mit Verbeugungen antworten, mit Lächeln, er wird die Hand ausstrecken, Guten Morgen oder Guten Abend sagen, vielleicht auch dem anderen hundert Lire leihen; aber wehe, man stochert da unten herum, in der Höhle des Viehs: Da kommt dann der Dieb heraus, der Schuft, der Mörder. Allerdings muß man zugeben, daß nach so vielen Jahrhunderten der Zivilisiertheit einige in ihrer Höhle nun schon ein allzu gedemütigtes, degeneriertes Vieh mit sich herumtragen: ein Schwein etwa, das jeden Abend einen Rosenkranz betet.

Im Wirtshaus studierte Perazzeti die gebremste Ungeduld der Gäste. Nach außen hin Wohlerzogenheit; drinnen wollte der Esel seinen Hafer, aber schnell. Und er unterhielt sich königlich, wenn er sich all die verschiedenen Tierarten ausmalte, die in den Höhlen seiner Bekannten verkrochen waren: dieser hatte sicherlich drinnen einen Ameisenhaufen, jener ein Stachelschwein, der dritte dort einen Truthahn, und so fort.

Häufig hatten jedoch Perazzettis Lachanfälle einen, sagen wir, konstanteren Grund. Und der ließ sich nun wirklich nicht so einfach vor allen ausbreiten; wenn überhaupt, könnte man ihn höchstens dem einen oder anderen ins Ohr flüstern. Wenn man ihn so im Vertrauen erfuhr, dann, das versichere ich Ihnen, dann bewirkte er unvermeidlich den allerlärmendsten Lachanfall. Einmal vertraute er ihn einem Freund an, bei dem ihm daran lag, nicht als verrückt zu gelten.

Ich kann ihn euch nicht laut nennen; ich kann ihn gerade eben andeuten; ihr werdet versuchen, ihn solcherart zu erhaschen, denn, wenn er laut ausgesprochen würde, bestünde die Gefahr, daß das ganze als vulgär empfunden würde, und das ist es nun wirklich nicht.

Perazzetti war alles andere als ein vulgärer Mensch; im Gegenteil, er behauptete stets, eine hohe Meinung von der Menschheit zu haben, von all dem, was die Menschheit, trotz des ursprünglichen Viehs in ihr, zu leisten vermocht hatte. Aber Perazzetti vermochte andererseits auch nicht völlig zu vergessen, daß der Mensch, der imstande war, so viele schöne Dinge zu schaffen, doch auch ein Vieh ist, das frißt, und das infolgedessen gezwungen ist, tagtäglich gewissen intimen natürlichen Bedürfnissen Genüge zu tun, die ihm sicherlich keine besondere Ehre einlegen.

Wenn er einen armen Mann, eine arme Frau, in einer demütigen und unterwürfigen Haltung sah, dann dachte Perazzetti nicht im geringsten daran; aber wenn er dagegen gewisse Frauen sah, die sich den Anschein von Gemütstiefe gaben, gewisse aufgeblasene Männer, die vor Stolz geradezu barsten, dann löste das in ihm sofort das Bild dieser intimen natürlichen Bedürfnisse aus, denen auch diese Leute zwangsläufig Tag für Tag gehorchen mußten; er sah sie bei dieser Verrichtung und brach in ein unaufhaltsames Lachen aus.

Es gab keinen Adel eines Mannes und keine Schönheit einer Frau, die sich vor dieser Katastrophe in der Vorstellung Perazzettis zu retten vermocht hätten; im Gegenteil, je ätherischer und idealer eine Frau ihm erschien, je würdevoller und ernster ein Mann, desto eher drängte sich ihm plötzlich dieses verdammte Bild auf.

Nun denkt euch einmal, mit dieser Schwäche, Perazzetti als Verliebten.

Und er verliebte sich tatsächlich, der Unglückselige, er verliebte sich mit einer erschreckenden Leichtigkeit! Er dachte an nichts mehr, versteht sich, er hörte auf, er selbst zu sein, kaum daß er sich verliebt hatte; er wurde sofort ein ganz anderer, wurde der Perazzetti, den die anderen sich wünschten, so, wie ihn sich die Frau zu formen wünschte, der er in die Hände gefallen war, aber nicht nur das, auch so, wie ihn sich die zukünftigen Schwiegereltern, die zukünftigen Schwäger, ja sogar die Hausfreunde der Braut zu formen wünschten.

Er war wenigstens zwanzigmal verlobt gewesen. Und man konnte bersten vor lachen, wenn er die vielen Perazzettis beschrieb, die er solcherart schon einmal gewesen war, einer dümmer und idiotischer als der andere: der des Papageis der Schwiegermutter, der der Fixsterne der kleinen Schwägerin, der der Bohnen des Freundes von wer weiß ich wem.

Wenn die Glut der Flamme, die ihn sozusagen in den Zusatand der Schmelze versetzt hatte, sich abzuschwächen begann, dann fand er sich allmählich in seiner gewohnten Form wieder und begann sich wieder seiner selbst bewußt zu werden; dann gewann er auch das Bewußtsein seiner selbst zurück, empfand zunächst Staunen und Verblüffung bei der Betrachtung der Form, die man ihm gegeben, der Rolle, die man ihn spielen lassen, des Zustandes der Verblödung, in den man ihn versetzt hatte; und als er dann die Frau, die Schwiegermutter, den Schwiegervater ansah, dann begannen die schrecklichen Lachanfälle von neuem, und er mußte davonlaufen - es gab keinen Ausweg - er mußte davonlaufen.

Das Schlimme war nur, daß man ihn dann nicht mehr laufen lassen wollte. Er war ja ein besonders netter junger Mann, dieser Perazzetti, wohlhabend und außerordentlich sympathisch: mit einem Wort, das, was man eben eine beneidenswerte Partie nennt.

 

Die Dramen, die er bei seinen zwanzig und mehr Verlöbnissen durchlebt hatte, würden, wenn man sie in einem von ihm erzählten Buch sammelte, wohl eine der erheiterndsten Lektüren unserer Tage abgeben. Aber was für die Leser Motiv des Gelächters wäre, das waren doch leider ursprünglich Tränen, echte Tränen für den armen Perazzetti, und Zorn und Beklemmung und Verzweiflung.

Jedes Mal versprach er, schwor er heilige Eide, er würde nicht mehr rückfällig werden; er nahm sich vor, sich ein heldenhaftes, unerhörtes Mittel auszudenken, das ihn vor amourösen Rückfällen bewahren sollte. Ach was! Die Rückfälle kamen immer schon kurze Zeit später, und sie waren meist ärger als das Mal zuvor.

Eines Tages schließlich schlug wie eine Bombe die Nachricht ein, daß er sich verheiratet hätte. Und er hatte niemand geringeren geheiratet als... Aber nein, das wollte anfangs nun wirklich keiner glauben! Verrücktheiten hatte Perazzetti ja wirklich jede Menge begangen; aber daß er so weit gehen würde, sich für das ganze Leben an eine Frau wie die da zu binden...

Sich zu binden? Wenn dieses Wort einem der vielen Freunde, die ihn zu Hause besuchten, entschlüpfte, dann war es ein Wunder, wenn Perazzetti ihn nicht gleich auffraß.

"Sich binden? Was heißt da sich binden? Wieso denn sich binden? Hohlköpfe, Idioten, Volltrottel seid ihr alle miteinander! Sich binden? Wer spricht denn davon? Hast du das Gefühl, ich wäre gebunden? Na komm, hier herein... Das ist doch mein gewohntes Bett, ja oder nein? Glaubst du vielleicht, das wäre ein Ehebett? He, Celestino! Celestino!"

Celestino war sein alter treuer Diener.

"Sag einmal Celestino: Komme ich nicht jeden Abend allein hierher zum Schlafen?"

"Ja, gnädiger Herr, allein."

"Jeden Abend?"

"Jeden Abend."

"Wo speise ich?"

"Dort drüben."

"Mit wem speise ich?"

"Allein."

"Kochst du mir das Essen?"

"Jawohl, ich, gnädiger Herr."

"Und bin ich immer noch derselbe Perazzetti?"

"Immer noch derselbe, freilich, gnädiger Herr."

Sobald er den Diener nach diesem Verhör wieder fortgeschickt hatte, schloß Perazzetti, die Arme ausbreitend:

"Somit..."

"Somit ist es nicht wahr?", fragte der andere.

"Aber natürlich ist es wahr! Ganz und gar wahr!" antwortete Perazzetti. Ich habe sie geheiratet! In der Kirche hab ich sie geheiratet und vor dem Standesamt auch! Aber was tut das schon? Hast du den Eindruck, daß das was Ernstes ist?"

"Nein, im Gegenteil, das ist vollkommen lächerlich."

"Na eben!", schloß Perazzetti von neuem. "Dann rück mir doch endlich von der Pelle! Habt ihr noch nicht genug hinter meinem Rücken über mich zu lachen gehabt? Tot wolltet ihr mich haben, was? Ständig die Schlinge um den Hals gelegt? Nein, Schluß, Schluß, meine Lieben! Jetzt hab ich mich für immer davon befreit! Da hat es diesen letzten Wirbelsturm gebraucht, dem ich nur wie durch ein Wunder lebend entkommen bin."

Der letzte Wirbelsturm, auf den Perazzetti anspielte, war seine Verlobung mit der Tochter eines Sektionschefs im Finanzministerium, des Commendatore Vico Lamanna; und er hatte wirklich recht, Perazzetti, wenn er davon sprach, daß er ihm nur wie durch ein Wunder lebend entkommen war. Er hatte sich auf Degen mit ihrem Bruder Lino Lamanna schlagen müssen. Und da Lino einer seiner besten Freunde war und er das Gefühl hatte, nichts, aber auch gar nichts gegen ihn zu haben, hatte er sich großzügig aufspießen lassen wie ein Huhn.

Dabei hatte es diesmal geschienen - und jeder hätte die Hand dafür ins Feuer gelegt - daß die Hochzeit wirklich stattfinden würde. Signorina Ely Lamanna, die eine englische Erziehung genossen hatte - wie man auch am Vornahmen sehen konnte, war ehrlich, offen, ein solider Charakter, mit beiden Beinen auf der Erde stehend (sprich: sie trug amerikanische Schuhe); und so war es ihr ohne Zweifel gelungen, die übliche Katastrophe in Perazzettis Phantasie zu überstehen. Freilich, das eine oder andere Lachen war ihm entschlüpft, wenn er ihren Schwiegervater, den Commendatore, betrachtete, der auch im Umgang mit ihm stets in den Wolken schwebte und zu ihm manchmal mit dieser süßlichen Blumigkeit sprach... Aber damit hatte es sich auch schon. Er hatte der Braut den Grund seiner Lachanfälle in liebenswürdiger Form enthüllt, sie hatte mitgelacht, und nachdem diese Klippe umschifft war, glaubte sogar er, Perazzetti, daran, daß er diesmal endlich den ruhigen Hafen der Ehe erreichen würde (wie man so schön sagt). Die Schwiegermutter war ein braves altes Weiblein, bescheiden und schweigsam, und Lino, sein Schwager, schien wie gemacht dafür, in allem und jedem mit ihm übereinzustimmen.

Tatsächlich wurden Perazzetti und Lino Lamanna vom ersten Tag des Verlöbnisses an unzertrennlich. Mehr als mit der Braut konnte man sagen, daß Perazzetti mit seinem zukünftigen Schwager zusammen war: Ausflüge, Jagdpartien, gemeinsame Ausritte, gemeinsame Bootsausflüge auf dem Tiber mit dem Ruderklub.

Alles konnte er sich ausmalen, der arme Perazzetti, nur das nicht, daß dieses Mal die "Katastrophe" gerade durch diese allzu große Intimität im Umgang mit dem zukünftigen Schwager zustandekommen sollte, durch einen weiteren Streich, den ihm seine krankhafte und spöttische Phantasie spielen sollte.

Plötzlich begann er nämlich an seiner Verlobten eine beunruhigende Ähnlichkeit mit ihrem Bruder zu bemerken.

Das war in Livorno, wo er - natürlich mit den Lamannas - auf Badeferien gefahren war.

Perazzetti hatte Lino so oft im Badetrikot gesehen, im Ruderklub; nun sah er die Braut im Badekostüm. Er bemerkte sofort, daß Lino wirklich etwas Feminines an sich hatte, im Bau der Hüften.

Wie Perazzetti reagierte, als er diese Ähnlichkeit bemerkte? Der kalte Schweiß trat ihm auf die Stirne, er begann einen unüberwindlichen Abscheu vor dem Gedanken zu empfinden, mit Ely Lamanna, die ihrem Bruder so ähnlich war, in eheliche Intimitäten einzutreten. Sofort erschienen ihm diese Intimitäten als etwas Monströses, geradezu Widernatürliches, da er in seiner Braut ihren Bruder sah. Und bei der geringsten Liebkosung ihrer Hand begann er sich zu winden, unter den Blicken dieser bald aufstachelnden und fordernden, bald in dem Versprechen einer seufzenden Lust ermattenden Augen.

Konnte Perazzetti sie denn anschreien: "Ach Gott, hör doch auf, um Himmels willen! Lassen wir es sein! Ich kann der beste Freund Linos sein, weil ich ihn nicht heiraten muß, aber ich kann dich nicht mehr heiraten, weil ich das Gefühl hätte, deinen Bruder zu heiraten!"?

Die Folter, die Perazzetti diesmal auszustehen hatte, war bei weitem schlimmer als alle bisherigen. Es endete mit diesem Degenstoß, der ihn nur durch ein Wunder nicht ins Jenseits beförderte.

Und kaum war er von der Wunde genesen, fand er endlich das heldenhafte, unerhörte Mittel, das ihm den Weg der Heirat auf ewig versperren sollte.

Ja, wie denn - werdet ihr fragen - indem er heiratete?

Freilich! Filomena: die mit dem Hund. Indem er Filomena heiratete, diese arme Schwachsinnige, die jeden Abend auf der Straße zu sehen war, aufgeputzt mit schrecklichen, mit zerzaustem Gemüse beladenen Hüten, gezogen von einem schwarzen Pudel, der ihr nie die Zeit ließ, ihre schneidenden Lachanfälle vor den Polizisten, den Halbwüchsigen und den Soldaten zu Ende zu führen, weil er immer so große Eile hatte - der verdammte Hund - weiß Gott wo anzukommen, in irgend einem dunklen Winkel...

In der Kirche und auf dem Standesamt heiratete er sie; er las sie von der Straße auf, setzte ihr zwanzig Lire täglich als Kostgeld aus und schickte sie weit fort, aufs Land, mit dem Hund.

Die Freunde - das könnt ihr euch wohl denken - ließen ihm lange Zeit hindurch keine Ruhe. Aber Perazzetti war nun wirklich ruhig geworden, ganz ernsthaft, er schien gar nicht mehr er selbst zu sein.

"Ja", sagte er und betrachtete seine Fingernägel. "Ich habe sie geheiratet. Aber das ist ja nichts Ernstes. Was das Schlafen betrifft, ich schlafe allein in meinem Haus. Was das Essen betrifft, ich esse allein in meinem Haus. Ich sehe sie nie. Sie stört mich nicht... Ihr sagt, es ist wegen des Namens? Na gut: ich habe ihr meinen Namen gegeben. Aber, Herrschaften, was ist schon ein Name? Das ist doch nichts Ernstes."

Ernste Dinge im strengen Sinn gab es für Perazzetti nicht. Alles liegt an der Bedeutung, die man den Dingen zumißt. Eine überaus lächerliche Angelegenheit kann ganz und gar ernst werden, wenn man ihr Bedeutung zubilligt, und umgekehrt kann die ernsteste Angelegenheit sich plötzlich als lächerlich erweisen. Was könnte ernster sein als der Tod? Und doch, für so viele, die dem Tod keine Bedeutung zumessen...

Na gut; aber nach einiger Zeit wollten ihn die Freunde sehen! Wer weiß, wie er die Sache dann bereuen würde!

"Schöne Prophezeihung!" entgegnete Perazzetti. "Natürlich werde ich es bereuen! Ich beginne es ja jetzt schon zu bereuen..."

Als ihm dieser Satz entschlüpfte, fielen die Freunde laut ein: "Na! Siehst du?"

"Ach ihr Schafsköpfe!", gab Perazzetti zurück. "Gerade dann, wenn ich es tatsächlich bereue, dann beginnt mein Heilmittel ja erst zu wirken, denn das bedeutet, daß ich mich wiederum verliebt habe, so sehr, daß ich von neuem dabei wäre, die größte, viehischste Dummheit zu begehen, die man begehen kann: mir eine Frau zu nehmen.

Chor: "Aber du hast doch schon eine genommen!"

Perazzetti: "Die? Ach hört mir auf! Das ist doch nichts Ernstes."

Schlußfolgerung:

Perazzetti hatte geheiratet, um sich vor der Gefahr zu schützen, sich eine Frau zu nehmen. 

© Michael Rössner.

Das wartende zimmer - (La camera in attesa – 1916)

 

Erstveröffentlichung Mai 1916 in La lettura; keine Varianten bekannt.

aus dem Italienischen von Michael Rössner

Italienische Version

 

Es erhält auch jeden Morgen ein wenig Licht, dieses Zimmer, wenn reihum eine der drei Schwestern kommt, um ein wenig sauber zu machen, ohne daß sie sich dabei umsieht. Aber kaum daß Jalousien und Fenster wieder geschlossen und die Blenden herabgestellt sind, wird der Schatten auf der Stelle streng und hart wie in einem unterirdischen Gewölbe; und als wäre dieses Fenster seit Jahren nicht geöffnet worden, wird die Strenge und Härte dieses Schattens sofort spürbar, wird förmlich zu dem fühlenden Atem des in der Leere hängenden Schweigens über den Möbeln und Gegenständen, die ihrerseits jeden Tag wie bestürzt erscheinen über die Sorgfalt, mit der man sie abgestaubt, gesäubert und zurechtgerückt hat.

Der Wandkalender beim Fenster, der spürt sicher das Abreißen eines weiteren Blattes schmerzlich, als schiene es ihm eine unnötige Grausamkeit, daß man ihn zwingt, in diesem leeren Schatten und in diesem Schweigen noch das Datum anzuzeigen. Und die alte Bronzeuhr in Form einer Amphore auf der Marmorplatte der Kommode macht den Eindruck, als empfinde sie die Gewalt, die man ihr antut, indem man sie zwingt, noch immer hier drinnen ihr dumpfes Ticktack auszustoßen.

 

Auf dem Nachttischchen jedoch scheint die bauchige Wasserflasche aus grünem, goldverziertem Kristallglas, der das lange, umgestülpte Glas wie ein Hütchen auf dem Hals sitzt, und die durch die Fensterblenden des gegenüberlie­genden Fensters einen kleinen Lichtstrahl einfängt, über die ganze in dem Zimmer verbreitete Bestürzung zu lachen.

Tatsächlich gibt es da etwas Lebendiges und Witziges auf diesem Nachttischchen.

Das Lachen der Wasserflasche kommt sicher von diesem Lichtstrahl, aber vielleicht auch daher, daß es der bauchi­gen Flasche mit diesem Lichtstrahl gelingt, auf der blanken Marmorplatte die Grimassen der beiden Figuren zu erblicken, die auf einer nun schon seit vierzehn Monaten hier liegenden Zündholzschachtel abgebildet sind; so lange liegt die Schach­­tel schon da, damit sie gegebenenfalls bereit ist, die Kerze anzuzünden, die auch schon seit vierzehn Monaten in dem Kerzenhalter aus emailliertem Eisen in Form eines Klee­blatts steckt, mit dem Griff und der Röhre aus Messing daran.

In der Erwartung der Flamme, die sie verzehren soll, ist die Kerze auf dem Kleeblatt des Kerzenhalters allmählich gelb geworden wie eine überreife Jungfrau. Und man möchte wetten, daß die beiden wie Lausbuben grimassenschneidenden Figuren auf der Zündholzschachtel sie mit den drei ebenfalls schon ziemlich reifen Schwestern vergleichen, von denen jeden Tag eine hier hereinkommt, um in dem Zimmer sauber zu machen und aufzuräumen.

Ach, auch wenn sie noch ganz intakt ist, die arme jungfräuliche Kerze, sollten die drei Schwestern sie austauschen, wenn schon nicht jeden Tag, wie sie es mit dem Wasser in der Flasche tun (die auch deshalb so lebendig ist und so bereit, bei jedem Lichtstrahl zu lachen), dann doch wenigstens alle vierzehn Tage, jeden Monat meinetwegen! Damit man sie nicht ansehen muß, wie sie so gelb da steckt, damit man nicht in dieser Gelbheit die vierzehn Monate sehen muß, die vergangen sind, ohne daß irgendjemand sie angezündet hätte, abends auf diesem Nachttischchen.

Und das ist wirklich eine beklagenswerte Unterlassung, denn nicht nur das Wasser in der Flasche, nein, alles wechseln diese drei Schwestern: alle vierzehn Tage die Bettücher und die Überzüge des Bettes, das sie jeden Morgen mit liebevoller Sorgfalt machen, als hätte wirklich jemand darin geschlafen; zweimal in der Woche das Nachthemd, das sie jeden Abend, nachdem sie die Decken zurückgeschlagen haben, aus dem Sack aus Atlasstoff holen, der an dem blauen Bändchen am Kopfende des weißen Bettgestells aufgehängt ist, und auf dem Bett ausbreiten, wobei sie den hinteren Schoß aufschlagen, wie es sich gehört. Und Gott, sie haben sogar noch die Pantoffeln vor dem Lehnstuhl am Fußende des Bettes gewechselt. Sicherlich: Die alten haben sie fortgeworfen, in die Kommode, und an ihre Stelle, dort auf den Bettvorleger, ein Paar neue, samtene gestellt, die die Jüngste der Drei bestickt hat. Und der Kalender? Der dort beim Fenster ist schon der zweite. Der andere, der von vorigem Jahr, der hat erleben müssen, wie sie ihm, eines nach dem anderen, alle Blätter aller Tage sämtlicher zwölf Monate ausgerissen haben, Morgen für Morgen, mit unerbittlicher Pünktlichkeit. Und es besteht keine Gefahr, daß die älteste der drei Schwestern einmal darauf vergäße, jeden Samstag um vier Uhr nachmittags in das Zimmer zu gehen, um die alte Bronzeuhr auf der Kommode aufzuziehen, die so unwillig die Stille mit ihrem Ticken zerreißt und die beiden Zeiger ganz langsam über das Zifferblatt bewegt, so daß man es nicht sieht, als wollte sie damit sagen, daß sie es nicht absichtlich macht, nicht zu ihrem Vergnügen, sondern deshalb, weil sie durch das Aufziehen dazu gezwungen wird.

Die beiden grimassenschneidenden Figuren der Zündholz­schachtel sehen sichtlich nicht, was die alte Bronzeuhr mit ihrem weißen, runden Zifferblattauge und der Kalender von der Höhe der Wand herab mit seiner roten Zahl, die das Datum bezeichnet, sehen können: den traurigen Effekt dieses auf dem Bett ausgebreiteten Nachthemds und dieser beiden neuen Pantoffel, die auf dem Bettvorleger vor dem Lehnstuhl warten.

Was die in dem Kleeblattkerzenhalter steckende Kerze betrifft, nun die ist so gerade und so verloren in ihrer gelben Steifheit, daß sie sich nicht um das Vergnügen dieser beiden grimassenschneidenden Figuren und um das Lachen der bauchigen Flasche kümmert, weil sie recht gut weiß, auf was sie dort wartet, noch unberührt und schon so gelb geworden.

Auf was denn?

 Tatsache ist, daß seit vierzehn Monaten diese drei Schwestern und ihre schwerkranke Mutter glauben, auf diese Weise die wahrscheinliche Rückkehr ihres Bruders beziehungs­weise Sohnes Cesarino erwarten zu können und zu müssen, Cesarinos, der als Leutnant der Reserve im 25. Infanterieregiment nach Tripolitanien gegangen ist (nun ist es schon mehr als zwei Jahre her) und dort in den Fezzan abkomman­diert wurde.

Seit vierzehn Monaten, das ist schon richtig, sind sie ohne Nachricht von ihm. Mehr noch: Nach vielen bangen Nachforschungen, Bitten und Vorstellungen ist endlich vom Kolonial-Oberkommando die offizielle Mitteilung eingelangt, daß der Leutnant Mochi Cesare nach einem Gefecht mit Aufständischen, da er weder unter den Toten noch unter den Verwundeten, noch auch unter den Gefangenen aufschien, von denen man sichere Nachricht hatte, als vermißt gelten muß, ja geradezu als spurlos verschwunden.

Zu Beginn hat dieser Fall bei allen Nachbarn und Bekann­ten dieser Mutter und dieser drei Schwestern großes Mitleid ausgelöst. Mit der Zeit ist das Mitleid freilich erkaltet und von einer gewissen Gereiztheit, bei manchen sogar von einer wahren Entrüstung über das abgelöst worden, was als "Komödie" erscheint, nämlich dieses so peinlich genau in Ordnung gehaltene Zimmer, bis hin zu dem auf dem aufgeschlagenen Bett ausgebreiteten Nachthemd; fast so, als wollten diese vier Frauen mit ihrer "Komödie" jenem armen jungen Mann ihren Tribut an Tränen verweigern und sich selbst den Schmerz ersparen, seinen Tod zu beweinen.

Nur zu bald haben die Nachbarn und Bekannten vergessen, daß sie es ja selbst waren, ja, gerade sie, die beim Ein­langen der Mitteilung des Kolonial-Oberkommandos, als diese Mutter und die drei Schwestern schon begonnen hatten, den Tod ihres geliebten Bruders und Sohnes mit herzzerreißenden Schreien zu beklagen, sie nach und nach mit vielen Argumenten, von denen eines überzeugender war als das andere, dazu gebracht haben, nicht so zu verzweifeln. Weshalb denn seinen Tod be­weinen - haben sie gesagt - wenn es doch in dieser Mitteilung ausdrücklich heißt, daß man den Offizier Mochi nicht unter den Toten gefunden hatte. Er war vermißt; er konnte ja jeden Augenblick zurückkehren: aber ja, auch nach einem Jahr, wer weiß! In Afrika, verirrt, irgendwo verborgen... Und sie waren es auch, die davon abrieten, ja, die Mutter und die drei Schwestern beinahe daran verhinderten, sich schwarz zu kleiden, wie sie es auch in der Unsicherheit am liebsten getan hätten. "Nein, kein Schwarz", haben sie damals gesagt. "Warum denn so ein böses Vorzeichen setzen?" Und bei dem ersten Anflug von Hoffnung in diesen armen Frauen, der sich noch in Form eines Zweifels ausdrückte: "Wer weiß... ja, vielleicht mag er noch am Leben sein", da haben sie in höchster Eile geantwortet:

"Aber natürlich wird er noch am Leben sein! Ganz sicher ist er noch am Leben!"

Nun, ist es da nicht ganz natürlich, daß nun, da tatsächlich jeder sichere Beweis für die Annahme fehlt, daß ihr geliebter Sohn und Bruder tot wäre, und sie stattdessen, wie alle es wollten, sich die Illusion zueigen gemacht haben, er könnte noch leben, daß nun also diese arme kranke Mutter und diese drei Schwestern dieser Illusion, so gut sie es vermögen, die Konsistenz einer Realität verleihen? Aber ja, genau das tun sie, indem sie dieses Zimmer warten lassen, es immer wieder mit allergrößter Sorgfalt aufräumen, jeden Abend das Nachthemd aus dem Kleidersack holen und es auf den zurückgeschlagenen Decken ausbreiten. Denn wenn sie sich einmal überzeugen ließen, daß sie seinen Tod nicht beweinen müssen, daß sie nicht verzweifeln müssen, weil er gestorben wäre, dann müssen sie ihm doch ganz zwangsläufig zeigen, ihm, der für sie lebte, ihm, der ja tatsächlich jeden Augenblick zurückkehren konnte, daß sie ‑ ja freilich ‑ daß sie sich dessen so sicher gewesen sind, daß sie ihm sogar jeden Abend sein Nachthemd vorbereitet haben, dort auf dem Bett, und daß sie jeden Morgen sein Bett gemacht haben, als hätte er in der Nacht tatsächlich darin geschlafen. Und da stehen auch die neuen Pantoffel, die Margheritina während des Wartens nicht bloß besticken, sondern auch noch zum Schuster tragen wollte, damit der sie fachgemäß zusammennäht; so wird er sie, kaum daß er zurück ist, an der Stelle der alten zum Anziehen bereit vorfinden.

 

Entschuldigen Sie mal:

"Sind denn vielleicht Ihr Sohn, Ihre Tochter nicht gestorben, wenn sie zum Studium in die weit entfernte große Stadt gefahren sind?"

Ach, Sie klopfen auf Holz? Sie fallen mir ins Wort und schreien, die wären gar nicht tot, nicht im geringsten? Die würden doch am Ende des Jahres zurückkommen und einstweilen erhalten Sie pünktlich jede Woche zweimal Nachricht von ihnen?

Beruhigen Sie sich nur, ist schon gut, ich glaube es ja. Aber wie kommt es dann, daß Sie, wenn Ihr Sohn oder Ihre Tochter nach einem Jahr oder mehr aus der großen Stadt zurückkommen, bei ihrem Anblick ganz verblüfft, ganz entgeistert sind; daß Sie, jawohl Sie, mit erhobenen Händen, als wollten Sie einen Zweifel zurückdrängen, der Ihnen Angst macht, ausrufen:

"O Gott, bist du es wirklich? O Gott, sie ist ja eine ganz andere geworden!"

Nicht nur in der Seele eine andere, das heißt in ihrem Denken und Fühlen; nein, sogar im Klang der Stimme, auch im Körper eine andere, in der Gestik, in der Art sich zu bewegen, zu schauen, zu lächeln...

Und ganz verdattert fragen Sie:

"Wie ist das möglich? Waren ihre Augen wirklich so? Ich hätte schwören mögen, daß ihr Näschen, als sie wegfuhr, ein bißchen mehr nach oben stand..."

Die Wahrheit ist einfach, daß Sie in Ihrem Sohn oder in Ihrer Tochter, wenn die nach einem Jahr wiederkommen, nicht mehr dieselbe Wirklichkeit erkennen können, die Sie ihnen gegeben haben, ehe sie abfuhren. Es gibt sie nicht mehr, sie ist tot, diese Wirklichkeit. Und dennoch kleiden Sie sich nicht schwarz um dieses Todes willen und beweinen ihn nicht... oder ja, Sie beweinen ihn sogar, wenn es Sie schmerzt, daß dieser andere, der da zu Ihnen zurückgekommen ist an Stelle Ihres Kindes, daß dieser andere einer ist, den sie nicht wiederzuerkennen vermögen, nicht wiedererkennen können.

Ihr Sohn, der, den Sie gekannt haben, ehe er fortging, der ist tot, glauben Sie es mir, er ist tot. Nur die An­wesenheit eines Körpers (und auch der ist so verändert!) läßt Sie das verneinen. Aber Sie merken es sehr wohl, daß der ein anderer war, der vor einem Jahr wegfuhr, und er ist nicht mehr zurückgekommen.

Nun, auf eben dieselbe Weise kehrt auch dieser Cesarino Mochi, der vor zwei Jahren nach Tripolitanien gefahren ist und dort in den Fezzan abkommandiert wurde, nicht zu seiner Mutter und seinen drei Schwestern zu­rück.

Sie wissen es nun sehr gut, daß die Wirklichkeit nicht davon abhängt, ob ein Körper da ist oder nicht. Der Körper kann da sein und dennoch für die Wirklichkeit, die Sie ihm gegeben haben, gestorben sein. Was das Leben ausmacht, ist also bloß die Wirklichkeit, die Sie ihm geben. Und daher kann der Mutter und den drei Schwestern des Cesarino Mochi tatsächlich das Leben genügen, das er für sie weiterhin hat, hier in der Wirklichkeit der Handlungen, die sie für ihn jeden Tag voll­führen, in diesem Zimmer, das ihn wohlgeordnet erwartet und bereit ist, ihn zu empfangen, so, wie er vor seiner Abreise war.

Nun, für diese Mutter und diese drei Schwestern besteht keine Gefahr, daß er als ein anderer zurückkommt, wie das mit Ihrem Sohn am Ende des Studienjahres geschehen ist.

Cesarinos Wirklichkeit ist unabänderlich hier in seinem Zimmer und im Herzen und im Geist dieser Mutter und dieser drei Schwestern, die für sich, außerhalb dieser Wirklich­keit, keine andere besitzen. 

"Tittí, den wievielten haben wir heute?" fragt die kranke Mutter aus ihrem Lehnstuhl die jüngste ihrer drei Töchter.

"Den fünfzehnten", antwortet Margherita, indem sie den Kopf von ihrem Buch aufhebt; aber sie ist sich nicht ganz sicher und fragt ihrerseits die beiden Schwestern weiter: "Den fünfzehnten, nicht wahr?"

"Den fünfzehnten, ja", bestätigt Nanda, die älteste, von ihrem Stickrahmen aus.

"Den fünfzehnten", wiederholt die nähende Flavia.

Auf der Stirn aller drei erscheint dieser Frage der Mutter wegen, auf die sie geantwortet haben, ein und dieselbe Falte.

In der Stille des weiten, hellen Eßzimmers, das von weißen Musselinvorhängen ein wenig abgeschirmt wird, ist ein Gedanke eingedrungen, der üblicherweise, nicht mit Vorbedacht, aber doch ganz instinktiv von den vier Frauen ferngehalten wird: der Gedanke der verrinnenden Zeit.

Die drei Schwestern haben den Grund dieses angstvollen Gedankens im Geist der kranken, an den Lehnstuhl gefessel­ten Mutter erraten; und deshalb haben sie die Stirne in Falten gezogen.

Es ist gar nicht Cesarinos wegen.

Es gibt da eine andere, es gibt eine andere - nicht hier im Haus, aber eine, die morgen vielleicht schon, wer weiß, die Königin dieses Hauses sein könnte - Claretta, die Verlobte des Bruders - es gibt da sie, ja, leider, sie, die einen an die verrinnende Zeit denken läßt.

Als die Mutter danach fragte, den wievielten man gerade habe, wollte sie damit die Tage zählen, die seit Clarettas letztem Besuch vergangen sind..

Zunächst kam das liebe Kind (und sie war ja wirklich ein Kind, die Claretta, für die drei ein wenig ältlichen Schwestern) fast jeden Tag, in der Hoffnung, daß die Nachricht gekommen sei; denn sie war sicher, sicherer als alle anderen, daß die Nachricht bald kommen würde. Und dann betrat sie freudestrahlend das Zimmer ihres Verlobten und ließ dort immer eine Blume und einen Brief zurück. Ja, denn sie schrieb weiter wie gewohnt jeden Abend einen Brief an Cesarino. Und die Briefe ‑ nun, anstatt sie abzuschicken, brachte sie sie nun hierher, damit er, Cesarino, sie gleich nach seiner Ankunft finden würde.

Die Blume verwelkte, der Brief blieb liegen.

Dachte Claretta vielleicht, wenn sie unter der welken Blume den Brief vom Vortag fand, daß auch dessen Duft verströmt war, ohne daß sich jemand daran berauscht hätte? Sie legte ihn in die Lade des kleinen Schreibtisches beim Fenster und ließ an seiner Stelle den neuen Brief zurück, auf den sie eine neue Blume legte.

Diese liebevolle Szene wiederholte sich lange, Monate um Monate hindurch. Aber eines Tages kam die Kleine mit mehr Blumen als üblich, ja, aber ohne Brief. Sie sagte, sie habe am Abend zuvor geschrieben, ach, sogar noch länger als üblich, und sie würde auch weiterhin jeden Abend schreiben, aber in ein Tagebuch, denn ihre Mamma habe ihr zu bedenken gegeben, es wäre doch eine unnütze Verschwendung von Briefpapier und Kuverts gewesen, was sie bisher getan hatte.

Und es war ja wirklich so: was wichtig war, war doch der Gedanke, jeden Tag zu schreiben; ob sie nun auf Brief­papier schrieb oder in ein Tagebuch, das blieb sich gleich.

Nur begann mit diesem Brief auch der tägliche Besuch Clarettas auszubleiben. Zuerst kam sie dreimal, dann zweimal, dann nur mehr einmal in der Woche zu Besuch. Schließlich blieb sie mehr als vierzehn Tage aus, mit der Entschuldigung, sie wäre in Trauer, weil ihre Großmutter mütterlicherseits gestorben war. Und zu guter letzt, als sie - nicht spontan, sondern auf Drängen der Schwestern - das erste Mal, in schwarzen Trauerkleidern, wieder Cesarinos Zimmer betrat, da kam es zu einer unerwarteten Szene, die ums Haar den drei armen Schwestern das Herz vor Schreck gebrochen hätte. Ganz plötzlich warf sie sich, so in schwarzen Kleidern, kaum daß sie das Zimmer betreten hatte, über Cesarinos weißes Bett und brach in ein verzweifeltes Weinen aus.

Warum? Was hatte denn das damit zu tun? Sie war nachher ganz verstört, wie erschlagen, angesichts der angstvollen Verblüffung, des Zitterns dieser drei bleichen Schwestern mit ihren fahlen Gesichtern; sie sagte, sie wisse selbst nicht, wie das zugegangen sei, wie es geschehen konnte... sie entschuldigte sich; sie schob die Schuld auf ihr schwarzes Kleid, auf den Schmerz um die tote Großmutter... und jedenfalls nahm sie die wöchentlichen Besuche wieder auf.

Aber die drei Schwestern empfanden nun eine gewisse Zurückhaltung bei dem Gedanken, sie in das wartende Zimmer zu führen; sie ging auch nicht selbst hinein oder bat die Schwestern, sie hineinzuführen. Und von Cesarino sprachen sie fast gar nicht mehr.

Vor drei Monaten kam sie wieder in fröhlichen, frühlingshaften Farben gekleidet, wieder aufgeblüht wie eine Knospe, sprühend vor Leben, wie die drei Schwestern und ihre arme Mutter sie schon seit langer Zeit nicht mehr gesehen hatten. Sie brachte viele, so viele Blumen und wollte sie selbst, mit eigenen Händen in Cesarinos Zimmer tragen und dort auf die Vasen auf dem Schreibtisch, auf dem Nachttischchen, auf der Kommode verteilen. Sie sagte, sie habe einen schönen Traum gehabt.

Sie blieben besorgt zurück, bedrückt und fast erschüttert von dieser überbordenden Lebhaftigkeit, von dieser wiedergeborenen Fröhlichkeit des Kindes, die drei Schwestern, die immer fahler und bleicher aussahen. Sie empfanden sie, kaum daß die erste Verblüffung gewichen war, wie den Aufprall einer grausamen Gewalttätigkeit, den Aufprall des Lebens, das übermächtig in diesem Kind wieder aufblühte und nicht länger in dem Schweigen dieses Wartens eingesperrt werden konnte, dem sie mit den fast sakralen Verrichtungen ihrer dünnen, kalten Hände noch immer und mit Hartnäckigkeit eine Maske des Lebens überstülpen wollten, gerade so viel, wie für sie nötig war. Und sie erhoben keinen Einwand, als Claretta, die dabei über und über rot anlief, sagte, es habe sie eine große Neugierde überkommen zu lesen, was sie Cesarino in ihren ersten Briefen von vor über einem Jahr geschrieben hatte, die in der Schublade des Schreibtisches eingeschlossen waren.

Mehr als hundert mußten es sein, diese Briefe, hundertzweiundzwanzig oder hundertdreiundzwanzig. Sie wollte sie alle wieder lesen. Dann würde sie sie selbst für Cesarino aufbewahren, zusammen mit den Tagebüchern. Und immer zehn auf einmal nahm sie sie alle nach und nach mit nach Hause.

Seitdem sind ihre Besuche seltener geworden. Die alte, kranke Mutter, den Blick starr auf die Armlehne ihres Lehnstuhls gerichtet, zählt die Tage, die seit ihrem letzten Besuch vergangen sind; und es ist seltsam, daß für sie und für die drei Töchter mit der gerunzelten Stirn diese Tage immer mehr werden, viel zu viel, während für den nicht zurückkehrenden Cesarino die Zeit nie vergeht; es ist, als wäre er gestern fortgefahren, Cesarino, ja sogar, als wäre er gar nicht fortgefahren, sondern nur aus dem Haus gegangen und müßte von einem Augenblick zum anderen zurückkommen, um sich mit ihnen an den Tisch zu setzen und dann dort in seinem bereitstehenden Bettchen schlafen zu gehen. 

Der Zusammenbruch kommt für die arme Mutter, als sie erfährt, daß Claretta sich wieder verlobt hat.

Sie war zu erwarten, diese Nachricht, denn schon seit zwei Monaten hat Claretta sich nicht mehr blicken lassen. Aber die drei Schwestern, die weniger alt und daher weniger schwach sind als die Mutter, beharren auf ihrem Nein, diesen Verrat hätten sie nicht erwartet. Sie wollen um jedem Preis dem Zusammenbruch standhalten, und sie sagen, Claretta habe sich nicht deshalb mit einem anderen verlobt, weil Cesarino tot ist und sie deshalb wirklich keinen Grund haben konnte, immer noch auf seine Rückkehr zu warten, sondern deshalb, weil sie nach sechzehn Monaten des Wartens müde geworden sei. Sie sagen, daß ihre Mutter nicht deshalb stirbt, weil die neue Verlobung Clarettas ihr die immer schon schwache Illusion zum Einsturz gebracht hat, ihr Sohn könnte zurückkehren, sondern wegen des Kummers, den ihr Cesarino bei seiner Rückkehr über diesen grausamen Verrat Clarettas empfinden wird.

Und die Mutter sagt vom Bett aus: Ja, sie stürbe tatsächlich wegen dieses Kummers; aber in den Augen steht ihr so etwas wie ein Lachen des Lichts.

Die drei Töchter sehen sie an, diese Augen, mit einem traurigen Gefühl des Neids. Sie wird binnen kurzem nachsehen gehen, ob er dort ist; sie wird die Bangigkeit des langen Wartens hinter sich lassen; sie wird Sicherheit haben; aber sie wird nicht zurückkehren können, um ihnen davon zu berichten.

Sie würde am liebsten sagen, die Mutter, daß es dieses Berichts gar nicht bedarf, weil sie jetzt schon sicher ist, daß sie ihn dort drüben finden wird, ihren Cesarino. Aber nein, sie sagt es nicht; sie empfindet ein großes Mitleid für ihre drei armen Töchter, die allein zurück­bleiben, und die so dringend des Gedankens und des Glaubens daran bedürfen, daß Cesarino noch lebt, für sie lebt, und daß er eines Tages zurückkommen muß; und da, da verschleiert sie sanft das Licht in ihren Augen und will bis zum letzten, bis zum letzten an der Illusion ihrer drei Töchter anhängen, damit diese Illusion noch aus ihrem letzten Atemzug genährt wird und für sie lebendig bleibt. Mit dem letzten Hauch von Stimme flüstert sie:

"Ihr werdet ihm sagen, daß ich so sehr auf ihn gewartet habe..." 

In der Nacht brennen die vier Totenkerzen an den vier Ecken des Bettes, und von Zeit zu Zeit knistern sie ein wenig, so daß die lange gelbe Flamme gerade ein bißchen zu flackern beginnt.

So tief ist die Stille des Hauses, daß das Knistern dieser Kerzen, so leicht es auch ist, bis hinüber in das wartende Zimmer, zu dieser gelb gewordenen Kerze dringt, die seit sechzehn Monaten auf dem Kleeblatt des Leuchters festgeklemmt ist, zu dieser von den beiden grimassenschneidenden Figuren auf der Zündholzschachtel verlachten Kerze, und bei jedem Knistern scheint es, als zucke sie zusammen, um aus diesem Zucken heraus auch für sich eine Flamme aufflackern zu lassen, damit auch sie Totenwache halten kann bei einem anderen Toten hier, auf dem unberührten Bett.

Und für diese Kerze ist es eine Art Revanche. Tatsächlich ist an diesem Abend das Wasser in der Flasche nicht gewechselt und auch das Nachthemd nicht aus dem Kleidersack geholt und auf den zurückgeschlagenen Decken ausgebreitet worden. Und der Wandkalender zeigt das Datum von gestern.

Für einen Tag ist sie stehen geblieben, die Illusion des Lebens in diesem Zimmer, und es scheint, als wäre es für immer.

Nur die alte Bronzeuhr auf der Kommode fährt fort, düsterer und verdrossener denn je in diesem dunklen Warten ohne Ende von der Zeit zu reden. 

© Michael Rössner.

Der Freudensprung - (La rallegrata - 1922)

 

Erstveröffentlichung im Corriere della Sera vom 26. Oktober 1913. Keine wesentlichen Varianten. 

aus dem Italienischen von Michael Rössner

Italienische Version

 

 

Kaum war der Stallmeister, noch heftiger fluchend als gewohnt, fortgegangen, wandte sich Fofo an Nero, seinen Nachbarn an der Futterkrippe, der neu war, und seufzte:

"Ich habe verstanden! Schabracken, Schleifen und Federbüsche. Na, du fängst gut an, mein Lieber! Heute ist es erster Klasse."

Nero wandte den Kopf nach der anderen Seite. Er schnaubte nicht, denn er war ein wohlerzogenes Pferd. Aber er wollte keine Vertraulichkeiten mit diesem Fofo.

Er kam schließlich aus einem fürstlichen Stall, wo man sich in den Wänden spiegeln konnte. Futterkrippen aus Buchenholz in jeder Box, Messingglöckchen, lederbezogene Querstangen und Pfeiler mit blitzenden Knöpfen darauf.

Tja!

Der junge Fürst, der nun ganz diesen lärmenden Karossen ergeben war, die - Pardon: Gestank - verursachen, aber auch Rauch hinten rausblasen und ganz allein davoneilen, dem genügte es nicht, daß er sich dreimal schon ums Haar damit den Hals gebrochen hätte; gleich nachdem die alte Fürstin von der Lähmung befallen worden war (die hatte ja von diesem Teufelszeug nie etwas wissen wollen, Gott segne sie dafür!), hatte er sich beeilt, ihn und Corbino, die letzten, die im Stall zurückgeblieben waren, um den gemütlichen Landauer der Mutter zu kutschieren, loszuwerden.

Armer Corbino, wer weiß, wo er gelandet war, nach so vielen Jahren ehrenhaften Dienstes!

Der gute Giuseppe, der alte Kutscher, hatte ihnen versprochen, er würde ein gutes Wort für sie einlegen, wenn er zusammen mit den anderen treuen alten Dienstboten der Fürstin, die nun auf ewig an den Lehnstuhl gefesselt war, seine Aufwartung machte, um ihr die Hand zu küssen.

 

Ach was! Nach der Art zu schließen, mit der der gute Alte, als er wenig später zurückgekehrt war, ihnen den Nacken und die Flanken streichelte, hatten sie einer wie der andere gleich begriffen, daß alle Hoffnung verloren und ihr Schicksal besiegelt war. Sie würden verkauft werden.

Und tatsächlich...

Nero verstand noch immer eigentlich nicht, wo er hingeraten war. Ganz schlecht hatte er es nicht getroffen. Natürlich war es nicht der Stall der Fürstin. Aber ein guter Stall war das hier auch. Mehr als zwanzig Pferde, alle dunkel und alle schon ein bißchen alt, aber gut aussehend, würdig und voll eindruckgebietenden Ernstes. Tja, Ernst hatten sie vielleicht sogar zuviel!

Daß die anderen begriffen, zu welchem Behufe sie hier Dienst taten, da hatte Nero so seine Zweifel. Es schien ihm, als dächten sie alle im Gegenteil ohne Unterlaß darüber nach, ohne doch je auf einen grünen Zweig zu kommen. Dieses langsame Schaukeln der buschigen Schweife, dieses Scharren der Hufe von Zeit zu Zeit... das waren sicher nachdenkliche Pferde.

Nur dieser Fofo war sicher, überaus sicher, er hätte alles ganz und gar verstanden.

Ein vulgäres und eingebildetes Tier!

Ein Militärklepper, nach drei Dienstjahren ausgegliedert, weil - wie er erzählte - ein Rüpel von einem abruzzesischen Kavalleristen ihn zuschanden geritten hatte - und jetzt redete er in einem fort.

Nero, der in seinem Herzen noch großen Kummer über den Verlust seines alten Freundes trug, konnte ihn einfach nicht ertragen. Am ärgsten fand er diese Vertraulichkeit im Umgang, und dann dieses ständige Schimpfen über die Stallgefährten.

Mein Gott, was für eine Lästerzunge!

Von zwanzig Pferden blieb nicht ein einziges verschont! An einem war dies, am anderen jenes auszusetzen.

"Der Schweif... na sieh doch nur mal her, bitte, ob das wirklich ein Schweif sein soll! Ob man so einen Schweif bewegen darf! Welches Feuer, hm?

- Na, das ist das Pferd eines Arztes, das sag ich dir.

- Und da, da drüben, na sieh dir mal diesen hübschen kalabresischen Ackergaul an, mit welcher Grazie er seine Schweinsohren umlegt. Und was für eine herrliche Mähne! Was für eine schöne Kinngrube! Na, der ist auch ziemlich feurig, was meinst du?

- Alle Augenblicke vergißt er, daß er ein Wallach ist, und will es am liebsten mit der Stute da drüben treiben, drei Boxen weiter rechts, siehst du sie? Mit dem Kopf einer alten Mähre, vorne niedrig gebaut, der Bauch hängt ihr fast bis zur Erde.

- Was, das soll eine Stute sein? Eine Kuh ist das, sage ich dir! Und wenn du wüßtest, wie die mit schulmäßigem Tritt marschiert! Sieht aus, als würde sie sich die Hufe verbrennen, wenn sie den Boden berührt. Und dabei heimst sie Schmeicheleien ein, mein Freund, ich sag dir's! Naja, sie ist noch grün ums Maul. Sie muß noch die Straßenecken abschneiden, stell dir vor!" 

Vergeblich zeigte Nero in jeder nur möglichen Weise diesem Fofo, daß er nicht mehr zuhören wollte. Fofo begann immer mehr gegen die anderen zu wüten.

Um ihn zu ärgern natürlich.

"Weißt du, wo wir sind? In einem Transportunternehmen. Da gibt es viele Arten davon. Unseres heißt Bestattungsinstitut.

- Weißt du, was Bestattungsinstitut bedeutet? Es bedeutet, daß man einen schwarzen, seltsam geformten Wagen zieht, sehr hoch, mit vier Säulen, die einen über und über mit Borten, Paramenten und Goldverzierungen geschmückten Baldachin tragen. Mit einem Wort, einen ordentlichen Luxuswagen. Aber das Ganze ist vergeudet, ob du's glaubst oder nicht! Alles vergeudet, denn einsteigen tut nie einer.

- Nur der Kutscher, todernst, auf den Bock.

- Und es heißt langsam gehen, immer nur im Schritt. Tja, da ist keine Gefahr, daß du schwitzt und sie dich bei der Rückkehr abreiben, oder daß der Kutscher dir je eins mit der Peitsche überzieht oder dich sonst irgendwie antreibt!

- Langsam - langsam - langsam.

- Wo du ankommen sollst, da kommst du immer noch früh genug an.

- Und dieser Wagen - das hab' ich sehr wohl verstanden - der muß für die Menschen Gegenstand einer besonderen Verehrung sein.

- Wie ich dir schon gesagt habe: niemand will auf ihn aufsteigen. Alle ziehen, kaum daß sie ihn vor einem Haus stehen sehen, so gewisse, angstvolle Gesichter; einige umringen ihn mit brennenden Kerzen; und dann, kaum, daß wir uns in Bewegung setzen, schreitet eine ganze Menge von ihnen mucksmäuschenstill hinterdrein.

- Oft geht vor uns auch noch eine Musikkapelle. Eine Kapelle, mein Lieber, die spielt so eine gewisse Musik, die reißt dir die Eingeweide aus dem Leib.

- Übrigens, hör mal gut zu, du hast die üble Angewohnheit zu schnauben und den Kopf zu sehr hin und her zu werfen. Also diese Mätzchen mußt du dir wieder abgewöhnen. Wenn du schon ohne jeden Grund schnaubst, was wird dann erst sein, wenn du diese Musik anhörst!

- Unser Dienst ist eher ruhig, das bestreitet keiner; aber es braucht Gefaßtheit und Feierlichkeit dafür. Kein Schnauben, kein Scharren. Ist schon mehr als genug, wenn sie dir zugestehen, dann und wann kaum merklich den Schweif hin- und herzubewegen.

- Denn der Wagen, den wir ziehen, ich sag dir's noch einmal, der ist Gegenstand einer besonderen Verehrung. Du wirst sehen, alle nehmen den Hut ab, wenn sie uns vorüberkommen sehen.

- Weißt du, wann ich begriffen habe, daß es sich um ein Transportunternehmen handeln muß? Ich habe es erschlossen, und zwar aus folgender Geschichte:

- Vor etwa zwei Jahren stand ich mit einem unserer geschlossenen Wagen vor dem großen Eisentor, das unser ständiges Fahrtziel ist.

- Das wirst du noch kennenlernen, dieses große Eisentor! Dahinter sind viele schwarze, spitz aufragende Bäume, die in zwei unendlichen Reihen kerzengerade aufragen, und zu beiden Seiten dieser Bäume wunderschöne grüne Wiesen mit vielen fetten Gräsern - auch verschwendet, denn wehe, wenn du mal im Vorübergehen die Lippen danach ausstreckst.

- Na gut. Ich stand da also still, da kommt plötzlich mein alter Kamerad aus dem Militärdienst neben mich zu stehen, ziemlich schlimm heruntergekommen: er zog, stell dir nur vor, einen eisenbeschlagenen Wagen, einen von diesen langen, niedrigen, ohne Federung. Er sagt zu mir:

- Siehst du mich? Ach Fofo, ich kann nicht mehr!

- "Was hast du für einen Dienst?", frag' ich ihn. Und er darauf: "Kistenführen, den ganzen Tag, von einem Transportunternehmen zum Zoll."

- "Kisten?", frag' ich. "Was für Kisten?"

- "Schwere Kisten!", antwortet er. "Kisten voll mit Zeug, das verschickt werden soll."

- Das war für mich eine Offenbarung. Denn du mußt wissen, so eine ganz lange Kiste transportieren wir auch. Sie schieben sie ganz sachte (immer alles ganz, ganz sachte) von hinten auf unseren Wagen; und während sie diese Operation vornehmen, entblößen die Leute ringsum das Haupt und blicken ganz verstört. Wer weiß, warum! Aber natürlich, wenn wir auch Kisten führen, dann müssen wir wohl auch ein Transportunternehmen sein, was meinst du?

- Was zum Teufel mag in dieser Kiste drinnen sein? Ein Gewicht hat die, na, das möchte man nicht glauben. Ein Glück, daß wir immer nur eine auf einmal führen.

- Na, sicher ist es auch so ein Zeug, das verschickt werden soll. Was für ein Zeug das ist, weiß ich allerdings nicht. Es scheint aber sehr wertvoll zu sein, denn der Transport geschieht voller Pomp und mit großer Begleitung.

- Nach einer gewissen Zeit bleiben wir meistens (nicht immer) vor einem prunkvollen Bau stehen; das ist vermutlich das Zollamt, das für unsere Transporte zuständig ist. Aus dem Tor kommen so gewisse Leute in einer schwarzen Soutane und mit Hemdchen darüber (das sind, glaube ich, die Zöllner); die Kiste wird vom Wagen heruntergehoben; alle entblößen wieder den Kopf; und die Zöllner zeichnen ihr Laissez-passer auf die Kiste.

- Wo dann das ganze wertvolle Zeug hinkommt, das wir transportieren, das, siehst du, das habe ich noch nicht herausfinden können. Aber ich habe so einen gewissen Zweifel, daß die Menschen das selbst auch nicht so genau wissen, und damit tröste ich mich.

- Natürlich, die prächtige Ausführung der Kisten und der festliche Pomp könnten einen glauben machen, die Menschen müßten etwas über diese Transporte wissen. Aber ich sehe andererseits, wie unsicher und verstört sie sind. Und aus meinem langen Umgang mit ihnen habe ich das gelernt, mein Lieber: die Menschen tun so viele Dinge, ohne auch nur im geringsten zu wissen, weshalb." 

Wie es sich Fofo an jenem Morgen bei dem Fluchen des Stallmeisters ausgemalt hatte: Schabracken, Schleifen, Federbüsche. Im Viergespann. Na, das war wirklich erster Klasse.

"Siehst du? Hab ich's dir nicht gesagt?"

Nero fand sich neben Fofo an die Deichsel gespannt. Und Fofo fuhr natürlich fort, ihm mit seinen ewigen Erklärungen auf die Nerven zu fallen.

 

Aber an diesem Morgen war Fofo selbst etwas auf die Nerven gefallen: die Unverschämtheit des Stallmeisters, der ihn im Viergespann immer an die Deichsel spannte und nie in den Vorspann nahm.

"Ein Hund ist das! Denn die zwei da vor uns, das weißt du ja, die sind ja nur Komparserie. Ziehen sollen die? Einen Dreck ziehen sie! Wir ziehen allein. Es geht ja so langsam dahin! Na, für die ist das nur ein hübscher Spaziergang in Galaaufmachung, um sich die Beine zu vertreten. Und sieh mal, was für miese Typen mir da vorgezogen werden! Siehst du sie?"

Es handelte sich um die beiden Schwarzen, die Fofo als Arztpferd und kalabresischen Klepper abqualifiziert hatte.

"Dieser miese Kalabreser! Na, den hast zum Glück du vor dir! Na, du wirst's ja riechen, mein Lieber, du wirst's schon merken, daß er die Ohren nicht das einzige sind, was er vom Schwein hat, und dann wirst du dem Stallmeister danken, daß er seinem Protektionskind stets die doppelte Ration Hafer gibt. Glück muß man haben in dieser Welt, nicht schnauben! Jetzt schon fängst du damit an? Ruhig halten, den Kopf! He, wenn du dich so aufführst, mein Lieber, dann wirst du dir vor lauter Zügelreißen heute noch ein blutiges Maul holen, das sag' ich dir. Heute gibt's auch noch Reden. Na, du wirst sehen, wie schön das ist. Eine Rede, zwei Reden, drei Reden... Einmal hab'ich sogar eine Erste-Klasse-Fahrt mit fünf Reden erlebt! Zum Aus-der-Haut-fahren ist das. Drei Stunden stillstehen, mit diesem ganzen Firlefanz rundherum, der dir den Atem raubt: die Beine gefesselt, den Schweif eingesperrt, die Ohren in zwei Löchern steckend. Was das ist, Reden? Tja! Ehrlich gesagt habe ich da nicht viel Ahnung. Diese Transporte erster Klasse müssen wohl besonders kompliziert sein. Und mit diesen Reden geben sie vielleicht die notwendigen Erklä­rungen dazu. Eine allein genügt nicht, also halten sie zwei. Und zwei genügen nicht, also müssen es drei sein. Manchmal werden sogar fünf gehalten, wie ich dir eben erzählt habe; ich bin da dabei gewesen, und es überkam mich, daß ich am liebsten nach allen Seiten ausgeschlagen hätte, um mich dann auf dem Boden zu wälzen wie ein Verrückter. Vielleicht ist es heute genauso. Ja, große Gala! Hast du den Kutscher gesehen, wie auch der sich herausgeputzt hat? Und dann sind auch die Diener dabei, die Fackelträger. Sag, bist du geruchsanfällig?"

"Ich verstehe nicht."

"Na, hör mal, ob du leicht scheu wirst. Denn du wirst gleich sehen, die brennenden Kerzen, die halten sie dir direkt unter die Nase... Sachte, hee... sachte! Was ist denn in dich gefahren? Siehst du? Ein erster Riß am Zügel... Hat's weh getan? Na, da wirst du heute noch einige davon einheimsen, das sag ich dir. Ja, was tust du denn? Bist du verrückt geworden? Streck doch den Hals nicht so heraus! (Na bravo, Schätzchen, willst du schwimmen? Spielst du Fingerzählen?). Halt doch still... Ja, siehst du? Da hast du noch ein paar... Hee, sag ich, paß auf, jetzt reißt er mich auch noch am Maul deinetwegen! Ja, der ist doch übergeschnappt! Gott, mein Gott, der ist tatsächlich übergeschnappt! Der prustet, wiehert, schnaubt, bäumt sich auf, was ist denn? Ja, sieh mal, was für ein Freudensprung. Der ist übergeschnappt! Total übergeschnappt! Tut doch glatt einen Freudensprung, während er einen Wagen erster Klasse zieht!"

Nero erschien tatsächlich wie übergeschnappt: er schnaubte, wieherte, stampfte, und zitterte am ganzen Leib. In höchster Eile mußten die Diener vom Wagen springen, um ihn vor dem Tor des Palais, vor dem sie halten solten, zum Stehen zu bringen, inmitten einer prächtig herausgeputzten Menschenmenge in langen Röcken und Zylinderhüten.

"Was ist da los?", riefen die Leute von allen Seiten. "Oh, sieh doch, eines der Pferde des Leichenwagens scheut!"

Und alle umringten in hellem Aufruhr den Wagen, neugierig, verwundert, entsetzt. Den Dienern gelang es noch immer nicht, Nero zu beruhigen. Der Kutscher war aufgesprungen und zerrte wütend an den Zügeln. Vergeblich. Nero fuhr fort zu stampfen und zu wiehern, er wimmerte, den Kopf gegen das Portal des Palais gewandt.

Er beruhigte sich erst, als aus diesem Portal ein alter Diener in Livrée herauskam, der die Bestattungsangestellten beiseiteschob, ihn am Zügel packte und sogleich, kaum daß er ihn erkannt hatte, mit Tränen in den Augen ausrief:

"Aber das ist ja Nero! Das ist Nero! Ach, mein armer Nero, kein Wunder, daß du dich so aufführst! Das Pferd der Gnädigen Frau! Das Pferd der armen Fürstin! Es hat ihr Palais wiedererkannt, es riecht den Geruch seines Stalles. Armer Nero, armer Nero... brav, brav... so, siehst du? Ich bin's ja, dein alter Giuseppe. Sei schön brav, ja... Armer Nero, gerade du mußt sie fahren, siehst du: deine Herrin. Du mußt es tun, mein Armer, der du dich noch an sie erinnerst. Aber sie wird sich freuen, daß du sie auf ihrem letzten Weg ziehst."

Dann wandte er sich an den Kutscher, der, außer sich über den schlechten Eindruck, den sein Bestattungsunternehmen vor all diesen Herrschaften machte, weiterhin wütend an den Zügeln riß und mit der Peitsche drohte, und rief ihm zu: "Schluß jetzt! Hör auf! Ich halte ihn schon zurück. Er ist ja sanft wie ein Lamm. Setz dich hin. Ich werde ihn während der ganzen Fahrt führen. Gehen wir miteinander, was, Nero? Unsere gute Gnädige Frau abliefern. Schön sachte, wie gewohnt, was? Und du wirst brav sein, um ihr nicht weh zu tun, armer alter Nero, der du dich noch an sie erinnerst. Sie haben sie schon in der Kiste eingeschlossen. Jeden Moment werden sie sie heruntertragen.

Fofo, der auf der anderen Seite der Deichsel lauschte, warf an dieser Stelle die verblüffte Frage ein:

"Im Sarg liegt deine Herrin?"

Nero versetzte ihm einen Huftritt von der Seite.

Aber Fofo war zu sehr in seine neue Erkenntnis versunken, um ihm das übel zu nehmen.

"Ja, dann", fuhr er, zu sich selbst gewandt, fort: "Ja, dann also tun wir... sieh mal, sieh mal an... ich wollte es doch gleich schon sagen... Dieser Alte weint; so viele andere habe ich schon weinen gesehen, bei anderen Gelegenheiten... und so viele erschrockene Gesichter... und diese traurige Musik. Jetzt begreife ich alles, alles begreife ich... Deshalb ist also unser Dienst so langsam! Nur wenn die Menschen weinen, können wir fröhlich sein und uns erholen..."

Und er hatte gute Lust, nun seinerseits einen Freudensprung zu tun. 

 

© Michael Rössner.

 

Der großen Verblichenen - (L' illustre estinto – 1928)

 

Erstveröffentlichung in der Zeitschrift La lettura vom November 1909. Keine wesentlichen Varianten bekannt.

aus dem Italienischen von Michael Rössner 

Italienische Version   

 

I.

Im Bett aufgesetzt, damit das Asthma ihn nicht ersticke, kraftlos hingesunken auf die aufgetürmten Kissen blickte der Herr Abgeordnete Costanzo Ramberti durch die halbgeschlossenen, angeschwollenen Lider auf den Sonnenstrahl, der zum Fenster hereindrang, sich auf seinen Beinen ausbreitete und dort den Flaum eines grauen Wollschals mit schwarzen Karos vergoldete.

Er fühlte sich sterben; er wußte, daß es für ihn keine Rettung mehr gab, er hatte sich bereits ganz in sich zurückgezogen, verbot sich selbst, den Blick weiter als bis zu den Enden des Bettes durch das Zimmer schweifen zu lassen; nicht einmal so sehr deshalb, weil er sich ganz auf den Gedanken des unmittelbar bevorstehenden Endes konzentrieren wollte, als vielmehr aus Furcht, wenn er den Blick auch nur ein bißchen weiter schweifen ließe, könnte ihn der Anblick der Gegenstände ringsumher ihn mit einem gewissen Bedauern zu den Beziehungen zurückrufen, die ihn noch mit dem Leben verbinden mochten, und die der Tod binnen kurzer Zeit endgültig abschneiden würde.

Solcherart in sich versammelt, klein geworden in diesen übermäßig engen Grenzen, fühlte er sich sicherer, geschützter, beinahe geborgen. Und wenn er so seine ganze Konzentration auf die Betrachtung der nichtigsten Dinge aufwendete, der feinen, zu Löckchen gekrümmten und von der Sonne vergoldeten Wollfäden dieses Schals, dann genoß er solcherart die Länge der Zeit, all seiner Zeit, die nur noch Stunden betragen mochte, oder auch noch einen oder den anderen Tag; zwei oder drei; vielleicht auch - allerhöchstens - noch eine Woche. Aber wenn eine Minute unter diesen Winzigkeiten so langsam verstrich, hm, dann hätte er ja noch Zeit, des ganzen müde zu werden - jawohl, geradezu müde zu werden - wenn es eine Woche dauerte. Auf diese Weise ging eine Woche ja nie zu Ende!

 

Die Müdigkeit jedoch, die er bereits zu spüren begann, die hatte nichts mit diesem Dehnen der Zeit zwischen den Härchen seines Schals bis hin zur Ewigkeit zu tun: sie war das Resultat seiner Anstrengungen, sich am Denken zu hindern.

Ja, woran wollte er denn noch denken? An seinen Tod? Eher schon... ja, das war's: Er hätte sich all das ausmalen können, was danach passieren würde. Ja, auch das wäre ein Weg gewesen, zu verhindern, daß - wenigstens für seine verwirrten Gedanken, denen die Tröstung der Religion ermangelte - das Leben mit einem Mal - und binnen kurzer Frist - sich wie in Nichts auflöste; eine Methode, noch ein wenig hierzubleiben, für kurze Zeit, vor den Augen der anderen wenigstens, wenn schon nicht vor den eigenen.

Und der Abgeordnete Costanzo Ramberti war mutig genug, sich selbst tot vor sich zu sehen, so wie die anderen ihn sehen würden; so wie er so viele andere gesehen hatte: tot und steif, hier auf diesem Bett; die Füße zusammengekrampft, in den zu engen Lackschuhen; wachsbleich im Gesicht und eiskalt, die Hände fast zu Stein geworden; würdevoll und... aber ja, auch elegant, in seinem schwarzen Anzug, unter den vielen Blumen, die rund um seinen Körper und auf dem Kissen aufgelegt waren.

Der Frack mußte dort im Koffer liegen, zusammen mit der neuen Uniform, dem Degen und dem Minister-Zweispitz.

Einstweilen zog er die Füße an und betrachtete sie, um einmal die Probe zu machen. Er fühlte etwas wie ein Kitzeln am Bauch; er hob eine Hand und strich sich die Haare auf dem Kopf glatt, dann zupfte er an seinem rötlichen, über dem Kinn geteilten Bart. Er dachte, wenn er einmal tot wäre, würde ihm sein Privatsekretär diesen Bart kämmen und die wenigen Haare auf dem Kopf frisieren, der Cavaliere Spigula-Nonnis, der ihn seit so vielen Tagen und Nächten betreute, der arme Kerl, mit ergebener Zuneigung, ohne ihn auch nur einen Augenblick allein zu lassen, ganz verzweifelt, am Fußende des Bettes stehend, weil er ihm in keiner Weise seine Leiden erleichtern konnte.

Aber er half ihm doch auch, der Cavaliere Spigula-Nonnis, ohne es zu wissen: er half ihm, in Würde zu sterben, wie ein Philosoph. Wäre er allein gewesen, hätte er vielleicht begonnen zu toben, zu weinen, in verzweifelter Wut zu schreien; mit dem Cavaliere Spigula-Nonnis am Fußende seines Bettes, der ihn "Exzellenz" titulierte, ließ er sich keinen lauten Atemzug entschlüpfen: er starrte aufmerksam, beinahe verwundert, vor sich hin, ein leises Lächeln auf den Lippen.

Ja, die Gegenwart dieses armseligen, spindeldürren, kurz­sichtigen Menschen hielt ihn noch an einem nun schon sehr dünn gewordenen Faden auf der Bühne, in seiner Rolle, bis zum letzten Atemzug. Innerlich verzweifelte er vor Angst und Schreck angesichts dieses gar so dünnen Fadens, denn er konnte gar nicht anders als die Nichtigkeit und Vergeblich­keit dieser Anstrengung zu empfinden, mit der sich seine ganze Seele daran klammerte, in alledem sehr ähnlich der Verzweiflung, die er so oft mit grausamer Neugier bei irgendeinem Tierchen im Todeskampf beobachtet hatte, bei einem ins Wasser gefallenen Insekt etwa, das sich an ein schwimmendes Flöckchen oder Härchen zu klammern versuchte.

All diese Dinge, mit denen er die Leere ausgefüllt hatte, in der ihm nun das Leben vor den Augen schwirrte, waren in der Person des Cavaliere Spigula-Nonnis verkörpert: seine Autorität, sein Ansehen, eitle Dinge, die er zu verlieren begann, die keinen Wert mehr besaßen, die aber aus der Leere, die ihn binnen kurzem verschlucken würde, hervor­stachen wie Traumlarven, Winzigkeiten des Lebens, die noch für kurze Zeit nach seinem Tod, das konnte er voraussehen, um ihn herumtanzen würden, um sein Bett, um seine Bahre.

Dieser Cavaliere Spigula-Nonnis würde ihn also waschen, ankleiden und kämmen, liebevoll, aber doch mit einem gewissen Anflug von Ekel. Ekel empfand übrigens auch er bei dem Gedanken, daß sein Fleisch, sein nackter Körper von den großen, knochigen Händen dieses Mannes berührt und von ihm angeschaut werden sollte. Aber andere Menschen hatte er nicht: keinen einzigen Verwandten, weder nah noch entfernt. Er starb allein, wie er stets gelebt hatte; allein, in dieser hübschen Villa in Castel Gandolfo, die er in der Hoffnung gemietet hatte, nach zwei bis drei Monaten der Erholung würde er wieder ganz zu Kräften kommen. Er war doch kaum fünfundvierzig Jahre alt!

Aber er hatte sich eben selbst umgebracht, wie ein Vieh, mit eigenen Händen; er selbst hatte sich den Lebens­faden durchgeschnitten, vor lauter Arbeitswut und starrsinnigem, erbittertem Kampf. Und als es ihm endlich gelungen war, den Sieg zu fassen zu kriegen, da trug er den Tod schon im Leibe, den Tod, der sich schon seit einer ganzen Weile in seinen Körper eingeschlichen hatte. Als er zum König gegangen war, um den Eid zu leisten; als er, nach außen hin in gefaßter Betroffenheit, innerlich aber jauchzend, die Glückwünsche seiner Kollegen und der Freunde entgegengenommen hatte, trug er den Tod im Leib und wußte es nicht. Vor zwei Monaten, eines Abends, hatte dieser unversehens einmal nach seinem Herzen gegriffen und zugedrückt, ihn röchelnd mit dem Kopf auf seinem Ministerschreibtisch im Ministerium für öffentliche Arbeiten zurücklassend.

Alle Zeitungen der Opposition, die sich so böse über seine Ernennung ausgelassen hatten und sie als unver­schämte Günstlingswirtschaft des Ministerpräsidenten abgetan hatten, würden nun bei dem Bericht über seinen viel zu frühen Tod vielleicht seine Verdienste berücksichtigen, seine langen und geduldig vorangetriebenen Studien, seine ständige, einzige, alles andere absorbierende Leidenschaft für das Gemeinwesen, die Begeisterung, die er stets bei der Erfüllung seiner Pflichten als Abgeordneter und später für kurze Zeit als Minister an den Tag gelegt hatte. Tja! Derartige Trostworte kann man ruhig einem spenden, der uns verlassen hat, und das umso mehr, als die Freundschaft, die berühmte Protektion des Ministerpräsidenten nicht so weit gegangen waren, daß er ihm auch noch die Gunst gewährt hätte, wenigstens als Minister zu sterben. Sofort nach diesem Schlaganfall hatte man ihm in schön verklausulierter Form zu verstehen gegeben, daß es wohl angebracht wäre - nun, natürlich nur aus Rücksicht auf seine Gesundheit, nichts weiter - von seinem Amt zurückzutreten.

So würde also nicht einmal für die der Regierung nahe­stehenden Blätter sein Tod eine "regelrechte Staatstrauer" bedeuten. Aber jedenfalls würde er für alle ein "großer Verblichener" sein, das wohl, ohne jeden Zweifel. Und alle würden sein "viel zu frühes Heimgehen" bedauern, durch das er "aus der vollen Blüte eines Lebens gerissen wurde, in dem er dem Vaterland sicher noch viele große und wertvolle Dienste hätte leisten können", usw. usf.

Vielleicht würden, angesichts der örtlichen Nähe und der kurzen Zeit, die seit seinem Ausscheiden aus dem Ministeramt verstrichen war, Seine Exzellenz der Minister­präsident und seine ehemaligen Ministerkollegen sowie die Staatssekretäre und viele befreundete Abgeordnete aus Rom kommen und ihn tot da liegen sehen, in diesem Zimmer, das der Bürgermeister des Ortes, um sich Anerkennung zu sichern, gemeinsam mit dem Cavaliere Spigula-Nonnis in eine Aufbahrungshalle verwandeln würde, mit Lorbeerbaumkistchen und anderen Pflanzen, Blumen und Kerzenleuchtern. Alle würden mit entblößtem Haupt eintreten, an der Spitze der Ministerpräsident: sie würden ihn eine Zeitlang betrachten, stumm, beklommen, bleich, mit dieser vom instinktiven Schauer gebremsten Neugier, die er selbst so oft vor so vielen anderen Toten empfunden hatte. Ein feierlicher und berührender Augenblick.

"Armer Ramberti!"

Und dann würden sich alle nach drüben zurückziehen, um zu warten, bis man ihn in dem bereitstehenden Sarg einge­schlossen hätte.

Valdana, seine Geburtsstadt, Valdana, das ihn seit fünfzehn Jahren immer wieder zum Abgeordneten des Wahlkreises bestimmte, Valdana, die Stadt, für die er so viel getan hatte, würde sicherlich seine sterblichen Überreste für sich beanspruchen. Und der Bürgermeister von Valdana würde sich mit zwei oder drei Stadträten einfinden, um dem Leichnam das Geleit zu geben.

Die Seele... tja, die Seele wäre da wohl schon eine geraume Zeit fort, und wer weiß wo angekommen...

Der Abgeordnete Costanzo Ramberti kniff die Augen zusammen. Er versuchte sich an eine alte Definition der Seele zu erinnern, die ihm sehr gefallen hatte, als er noch Student der Philosophie an der Universität war: "Die Seele ist jene Essenz, die in uns Bewußtsein von sich selbst und der außer uns befindlichen Dinge gewinnt". Jawohl. So war es... Es war die Definition eines deutschen Philosophen.

"Was für eine Essenz?", dachte er nun. "Was soll das heißen? Dieses gewisse Ding, "das ist", unleugbar ist, und um dessentwillen ich, solange ich am Leben bin, mich von meinem Ich nach dem Tod unterscheide. Das ist klar! Aber ist diese Essenz in mir für sich selbst da oder nur insoferne es mich gibt? Zwei ganz verschiedene Fälle. Ist sie für sich da, und wird sie nur in mir ihrer selbst bewußt, wird sie dann außerhalb meines Ich kein Bewußtsein mehr haben? Und was wird sie dann also sein? Etwas, was ich nicht bin, was sie selbst nicht ist, solange sie in mir steckt. Einmal hinausgetreten, wird sie sein, was sie sein wird... wenn sie noch sein wird! Denn es gibt ja noch die andere Möglichkeit: nämlich, daß sie nur ist, insoferne auch ich bin; so daß also, wenn ich einmal nicht mehr da bin..."

"Cavaliere, einen Schluck Wasser, bitte..."

Der Cavaliere Spigula-Nonnis sprang in die Höhe und richtete sich zu seiner ganzen Länge auf. Er schüttelte die Müdigkeit aus den Gliedern, reichte ihm das Glas Wasser und fragte besorgt: "Exzellenz, wie fühlen Sie sich?"

Der Abgeordnete Costanzo Ramberti trank zwei Schluck: dann reichte er ihm das Glas zurück, lächelte seinen Sekretär blaß an, schloß wieder die Augen und seufzte: "Soso..."

Wo war er stehen geblieben? Er mußte also nach Valdana fahren. Die Leiche... Ja, es war besser, sich nur an die Leiche zu halten. Nun gut: sie packten sie am Kopf und an den Füßen an. In dem Sarg war bereits ein mit Sublimatwasser getränktes Leintuch aufgelegt, in das würden sie die Leiche einhüllen. Und dann der Spengler... Wie hieß bloß dieses lärmende Gerät mit der bläulichen Feuerzunge? Da war die Zinkplatte, die auf den Sarg geschweißt werden mußte; da der Deckel, den es anzuschrauben galt...

An diesem Punkt sah der Abgeordnete Costanzo Ramberti sich selbst im Sarg nicht mehr. Er blieb draußen und sah den Sarg, so wie andere ihn sehen würden: ein schöner Sarg aus Kastanienholz, in der geschwungenen Form einer Urne, glattpoliert, mit vergoldeten Beschlägen. Das Begräbnis und der Transport würden sicherlich auf Staatskosten gehen.

Und da, nun wurde der Sarg auch schon hochgehoben: er durchquerte die Zimmer, glitt die Treppen der Villa hinunter, bewegte sich durch den Garten, gefolgt von allen Kollegen, wiederum mit entblößtem Kopf und mit dem Ministerpräsidenten an der Spitze; er wurde in den Wagen der Gemeindeverwaltung geschoben, inmitten der ängstlichen und ehrfürchtigen Neugier der gesamten Bevölkerung, die zu diesem seltenen Schauspiel zusammengeströmt war.

Und auch hier ließ der Abgeordnete Ramberti den Sarg in den Wagen schieben und blieb draußen, um dem Wagen zuzu­sehen, der sich in der Begleitung so vieler Leuten langsam und feier­lich vom Ort zur Eisenbahnstation hinunterbewegte. Ein Waggon wartete schon, einer von denen mit der Aufschrift Pferde 8, Menschen 40, mit dem Aufbau aus vernagelten Brettern, in dem sollte der Sarg eingeschlossen werden. Der Abgeordnete Costanzo Ramberti sah, wie sein Sarg aus dem Wagen geholt wurde und folgte ihm auf den schmucklosen, staubigen Waggon, der sicherlich in Rom noch herausgeputzt und mit allen Kränzen geschmückt werden würde, die der König und die Regierung, die Gemeinde Valdana und alle Freunde schicken würden. Abfahrt!

Und der Abgeordnete Costanzo Ramberti folgte dem Zug, dessen letzter Waggon seinen Sarg transportierte, über eine sehr, sehr weite Strecke, bis zur Station Valdana; auch hier war der Bahnhof mit Schaulustigen überfüllt. Da waren sie ja, einer nach dem anderen, seine treuesten und engsten Freunde, die Provinzräte und Stadträte, einige ein wenig plump wirkend in dem ungewohnten schwarzen Anzug oder mit dem Zylinder auf dem Kopf. Ach, da war ja Robertelli!... ja, natürlich!... der gute Robertelli... er weinte, er drängte sich durch die Leute hindurch...

"Wo ist er? Wo ist er?"

Na, wo mochte er wohl sein? Da drinnen, im Sarg, lieber Robertelli. Na, na, immer nur einer auf einmal...

Aber der Abgeordnete Costanzo Ramberti sah diese Szene, als läge tatsächlich nicht er in diesem Sarg, der doch ziemlich schwer war, jawohl, er war schwer, und das zeigten die Magistratsbeamten deutlich, die da in Livree und weißen Handschuhen alle Mühe hatten, ihn auf die Schultern zu heben.

Er sah... ach, da war ja Tonni, der immer, der Ärmste, nur für eine abgezählte Frist Ausgang hatte, weil ihm seine wütend eifersüchtige Frau die Minuten vorrechnete - da stand er unruhig, ächzte, holte jeden Augenblick die Uhr aus der Tasche, verwünschte die einstündige Verspätung, mit der der Zug eingetroffen war, und die ihm die Frau sicherlich nicht glauben würde. Na, laß es gut sein, lieber Tonni, laß es gut sein. Deine Frau wird dir eine Szene machen; aber nachher wirst du dich wieder versöhnen. Du bleibst ja am Leben. Ins Jenseits dagegen geht man nicht zweimal. Hättest du lieber für deinen Freund, der dir doch so viel Gutes getan hat, ein Begräbnis in aller Stille? Laß es ruhig mit Pomp und Feier­lichkeit sein... Siehst du? Da ist auch der Herr Präfekt... Platz da, Platz da! Oh, sogar der Oberst ist gekommen... Ja natürlich! Er hatte ja auch Anrecht auf eine militärische Begleitung. Und auch die ganzen Schulen waren vertreten, mit den Fahnen all der verschiedenen Institute; und wie viele Fahnen noch von allen möglichen Vereinen! Ja, denn wenngleich er sich tatsächlich ganz und gar den höchsten Problemen der Staatspolitik, den brennendsten sozioökono­mischen Problemen verschrieben hatte, so hatte er doch nie die besonderen Sorgen seines Wahlkreises vergessen, der ihm für die vielen erwiesenen Wohltaten viel Dankbarkeit schuldete. Und vielleicht würde Valdana ihm diesen Dank mit einer marmornen Erinnerung am Rathaus abstatten, oder indem man eine Straße oder einen Platz nach ihm benannte; und einstweilen eben mit diesem festlichen Leichenzug... in Gedanken sah er die Hauptstraße der überall auf Halbmast beflaggten Stadt vor sich:

VIA COSTANZO RAMBERTI.

Und die Fenster, schwarz von all den Menschen, die auf den von acht prächtig aufgeputzten Pferden gezogenen, mit Kränzen bedeckten Wagen warteten. Und viele wiesen unterwegs mit dem Finger auf den Kranz des Königs, der der schönste von allen war. Der Friedhof lag dort unten, hinter dem Hügel, düster und einsam. Die Pferde gingen in langsamem Schritt, als wollten sie ihm Zeit geben, diese letzten Ehren zu genießen, die man ihm erwies und die sein Leben noch um ein kleines Stückchen über das Ende hinaus verlängerten... 

 

II.

All das malte sich der Abgeordnete Costanzo Ramberti am Vorabend seines Todes aus. Ein wenig durch seine eigene Schuld, ein wenig durch die Schuld anderer entsprach dann die Wirklichkeit nicht im geringsten seiner Vorstellung.

Er starb bereits in der Nacht, man weiß nicht, ob es im Schlaf geschah; sicher ist nur, daß es geschah, ohne daß er damit den Cavaliere Spigula-Nonnis störte, der, von Müdigkeit überwältigt, auf dem Lehnstuhl am Fußende des Bettes in einen tiefen Schlummer gefallen war. Da wäre weiter nichts dabei gewesen, hätte sich der Cavaliere Spigula-Nonnis, als er gegen vier Uhr morgens plötzlich aus dem Schlaf aufschreckte und ihn bereits kalt und steif vorfand, nicht so außergewöhnlich erschüttern lassen, erst von einem seltsamen Brummen im Zimmer, dann von dem Vollmond, der in seinem allmählichen Untergehen förmlich am Himmel stehenzubleiben schien, um diesen Toten da auf dem Bett zu betrachten, durch die Fensterscheiben, vor denen aus Nachlässigkeit die Läden offengeblieben waren. Das Brummen stammte von einer dicken Fliege, die er mit seinem plötzlichen Auffahren aus dem Schlaf geweckt hatte.

Als beim Morgengrauen Bürgermeister Agostino Migneco herbeilief, den der Diener in höchster Eile geweckt hatte, stammelte der Cavaliere Spigula-Nonnis: "Da war der Mond... da war der Mond..."

Etwas anderes brachte er nicht heraus.

"Der Mond? Was für ein Mond?"

"Ein Mond war das... ein Mond!"

"Na schön, der Mond war da... aber mein Bester, nun heißt es sofort ein Blitztelegramm an seine Exzellenz den Parlamentspräsidenten schicken; ein zweites an seine Exzellenz den Ministerpräsidenten; und an den Bürgermeister von... für welchen Wahlkreis war Seine Exzellenz eigentlich Abgeordneter?"

"Valdana... (Was für ein Mond!)"

"Lassen Sie doch endlich den Mond zufrieden! Also: an den Bürgermeister von Valdana. Also drei, lauter Blitztelegramme, damit die traurige Nachricht an die Bürger weitergegeben werden kann, verstehen Sie? An die Wähler... Der wird alle Hände zu tun haben, dieser Bürgermeister! Beeilen Sie sich, um Himmels willen! Man muß das Telegraphenamt aufsperren! Lassen Sie sich von einem Wachbeamten begleiten, sagen Sie, es sei in meinem Namen. Und dann sofort wieder hierher! Man muß ihn so schnell wie möglich anziehen. Sehen Sie? Die Leiche ist schon ganz starr.

Es war geradezu ein Wunder, daß Cavaliere Spigula-Nonnis nicht in all diese Telegramme schrieb, was für ein Mond dagewesen war.

Eigentlich hätte Bürgermeister Migneco, um sich Ehre einzulegen, ja nur zu gerne eine Aufbahrung vorbereiten lassen, vor der alle mit offenem Mund stehen sollten, mit einem Katafalk und allem, was dazu gehört. Aber... in so kleinen Nestern ging das eben nicht; nichts bekam man; sogar geschickte Arbeiter waren nicht zu finden. Er war in die Kirche um ein Parament gelaufen: da gab es nur solche in rotem Damast mit goldenem Besatz. Wären sie doch schwarz gewesen. Schließlich packte er vier goldene Leuchter zusammen, uraltes Zeug aus dem Mittelalter... Oja, Blumen schon, Blumen und Topfpflanzen: Blumen auf dem Boden, Blumen auf dem Bett: das ganze Zimmer mußte voll werden damit.

Unterdessen fand sich der Frack nicht im Koffer, und der Cavaliere Spigula-Nonnis war gezwungen, nach Rom zu eilen, in die kleine Wohnung in der via Ludovisi; aber auch dort fand er ihn nicht; er war doch im Koffer, nur eben ganz unten. Dieser arme Mensch hatte ja wirklich total den Kopf verloren. Tja, er war ihm sehr ergeben... Tränen wie ein Springbrunnen. Aber den Frack mußte man am Rückenteil zerschneiden (ewig schade, er war noch ganz neu), denn die Arme des Leichnams ließen sich nicht mehr bewegen. Und kaum war er endlich angezogen, Herrschaften, da hieß es auch schon wieder ausziehen und danach wieder von vorne anziehen, denn die Gemeinde Valdana (das schon, das verlief so, wie Costanzo Ramberti es sich ausgemalt hatte) sandte ein Blitztelegramm, in dem angekündigt wurde, die tieftrauernde Bürgerschaft verlange einstimmig die irdische Hülle ihres großen Vertreters, um sie mit einem feierlichen Begräbnis zu ehren; ein Denkmal... auch ein Denkmal! Ja, große Dinge waren geplant, und - jawohl, sogar ein Platz, der Postplatz, sollte auf seinen Namen umbenannt werden - und ein Arzt kam aus Rom, um der Leiche ein paar Injektionen zu geben, Formalin, wie er sagte; Bürgermeister Migneco, bei allem schuldigen Respekt, hätte es lieber "Deformalin" nennen wollen, denn nach diesen Injektionen... ach, das wachs­bleiche Gesicht, die Eleganz, mit der sich der Abgeordnete Costanzo Ramberti im Tod dargestellt hatte! So ein grobes Gesicht formten sie ihm jetzt, ohne Nase, ohne Wangen, ohne Hals, ohne alles: eine Talgkugel, das war's. So schlimm sah er aus, daß man sogar daran dachte, sein Gesicht unter einem Tuch zu verstecken.

Viel mehr Abgeordnetenkollegen, als Costanzo Ramberti je gemeint hätte, zu seinen Freunden zählen zu können, strömten am nächsten Morgen nach Castel Gandolfo, zusammen mit dem Parlamentspräsidenten, dem Ministerpräsidenten, den Ministern und den Staatssekretären. Sogar einige Senatoren waren erschienen, aus dem Kreise der weniger hochbetagten, und natürlich ein Rattenschwanz von Journalisten und zwei Photographen dazu.

Es war ein herrlicher Tag.

Für Leute, die von so vielen schweren sozialen Problemen bedrückt, von so vielen kleinlichen Querelen des Alltags bekümmert waren, mußte es wohl tatsächlich wie ein Fest wirken, dieses Eintauchen ins Blaue, in die eben ergrünende Campagna, in die Welt der sonnenbeschienenen römischen Kastelle, des Sees und der Wälder in dieser noch ein bißchen kühlen Luft, in der doch schon ein Hauch des Frühlings zu spüren war. Das sagten sie freilich nicht; im Gegenteil, sie stellten ihre Betroffenheit zur Schau, und die war vielleicht sogar echt; aber wohl wegen der geheimen Gewissensbisse darüber, daß sie es trotzdem in kleinlichen, sinnlosen Kämpfen aufgebraucht hatten und weiter aufbrauchten, ihr so kurzes, so wenig sicheres Erdendasein, das ihnen doch in diesem Augen­blick so teuer war, dort, in dieser frischen, luftigen, bezaubernden Erscheinung.

Ein gewisser Trost war ihnen der Gedanke, daß sie es noch genießen konnten, wenn auch nur flüchtig, ihr Kollege dort aber nicht mehr.

Und solcherart getröstet, begannen sie tatsächlich nach und nach während der kurzen Fahrt sich fröhlich zu unterhalten, zu lachen, dankbar gegenüber diesen fünf oder sechs ehrlichsten unter ihnen, die als erste die Atmosphäre der Niedergeschlagenheit mit der einen oder anderen launigen Bemerkung durchbrochen hatten und nun weiterhin den Hanswurst spielten.

Dennoch trat von Zeit zu Zeit eine Pause ein in den fröhlichen Unterhaltungen und dem Lachen der Reisenden, so als tauchte in den Fenstern der aneinanderhängenden Wagen plötzlich der Kopf Costanzo Rambertis mahnend auf; und alle empfanden dann fast so etwas wie Bestürzung, ein quälendes Unbehagen, allen voran die, die wirklich keinen Grund hatten, dabei zu sein, außer dem Vergnügen, einen Ausflug in großer Gesellschaft zu unternehmen: die bekannten Gegner Rambertis oder die, die ihn heimlich verleumdet hatten. Diese Leute bemerkten, daß ihre Gegenwart einen Verstoß gegen irgend etwas darstellte. Wogegen? Gegen die Erwartung des Toten, die Erwartung eines Menschen, der sich nicht mehr wehren und sie hinauswerfen und beschämen konnte?

Ja, war das nun der Besuch bei einem Toten oder nicht?

Wenn es einer war, na dann! Einen Toten besucht man wirklich nicht so, unter fröhlichem Geplauder und Gelächter.

Alle diese Kollegen, Freunde oder auch nicht, hatten keine Ahnung von der Vorstellung, die sich der arme Ramberti am Vorabend seines Todes von diesem ihren Besuch gemacht hatte, natürlich dem Charakter entsprechend, den dieser hätte haben sollen, ein Trauer-, ein Beileidsbesuch, ein Ausdruck des Bedauerns für ihn. Davon hatten sie keine Ahnung; aber aufgrund der bloßen Tatsache, daß dieser Besuch nun stattfand, konnten sie gar nicht anders, als von Zeit zu Zeit bemerken, daß die Art und Weise, in der er nun stattfand, dem Anlaß nicht angemessen war. Und diejenigen, die keine Freunde Rambertis waren, konnten gar nicht anders als zu bemerken, daß sie hier überflüssig waren und ihre Gegenwart einen Verstoß darstellte.

Kaum waren sie am Bahnhof Castel Gandolfo ausgestiegen, nahmen jedoch alle wieder ihre ursprüngliche, ernste und schmerzerfüllte Haltung an, bekleideten sich mit der Feier­lichkeit des traurigen Augenblicks, mit der Bedeutung, die ihnen die ehrfurchtsvolle Menge zumaß, die sich zu ihrem Empfang versammelt hatte.

Unter der Führung des Bürgermeisters Migneco und seiner Stadträte begaben sich Minister und Abgeordnete zu Fuß und mit glühenden Gesichtern, alle in Schweiß geraten, mit aus den Ärmeln herausschlüpfenden Manschetten und verdrehten Krawatten in einer langen Reihe zur Villa Rambertis, an der Spitze die beiden Präsidenten, zu beiden Seiten und im Gefolge eine riesige Volksmenge.

Diese Ankunft, dieser Einzug in den mit Trauerfahnen geschmückten Ort, diese Prozession waren tatsächlich noch viel größer, als Ramberti sie sich vorgestellt hatte. Nur geschah ausgerechnet im feierlichsten Augenblick, als der Parlamentspräsident, der Ministerpräsident und alle Minister und Staatssekretäre, die Abgeordneten und die Menge der Neugierigen mit entblößtem Haupt den Aufbahrungsraum betraten, etwas, das der Abgeordnete Ramberti sich niemals auszumalen vermocht hätte: etwas Entsetzliches, in der beinahe heiligen Stille dieser Szene: ein plötzliches, unheilvolles, maßloses Grollen im Bauch des Toten, das wie ein Donner klang und alle Umstehenden erstarren ließ. Was war das gewesen?

"Digestio post mortem", seufzte in würdigem Latein einer von ihnen, ein Arzt, kaum, daß er wieder ein bißchen Luft bekam.

Und die anderen starrten fassungslos auf den Leichnam, der sich das Gesicht mit dem Tuch bedeckt zu haben schien, um sich ohne Scham so etwas vor dem höchsten Vertretern der Nation erlauben zu können. Und mit finsteren Gesichtern verließen sie alle den Aufbahrungsraum.

Als der Cavaliere Spigula-Nonnis drei Stunden später im römischen Bahnhof mit unendlicher Betrübnis alle, die nach Castel Gandolfo gekommen waren, davongehen sah, ohne auch nur noch einen letzten Blick, einen letzten Abschiedsblick auf den Wagen zu werfen, in dem Seine Exzellenz, der Abgeordnete Ramberti, eingeschlossen war, da hatte er den Eindruck eines Verrats. So sollte also alles zu Ende sein?

Und er blieb allein zurück, in dem unsicheren, gedrück­ten Licht des sterbenden Tages unter dem riesigen rauch­geschwärzten Glasdach, und verfolgte mit seinen Blicken die Verschubbewegungen des Zuges, der langsam zerlegt wurde. Nach vielen Bewegungen in einem komplizierten Zickzack sah er schließlich den Wagen am Ende eines Gleises im Hinter­grund zum Stehen kommen, neben einem anderen, auf dem bereits ein Schild mit der Aufschrift Leichentransport angebracht war.

Ein alter Bahnhofswärter, halb lahm und asthmatisch, schleppte sich mit dem Leimtopf hinzu und klebte auch auf den Wagen des Abgeordneten Ramberti ein ebensolches Schild. Dann ging er wieder fort. Der Cavaliere Spigula-Nonnis näherte sich, um mit seinen kurzsichtigen Augen die Aufschrift zu entziffern. Und er las darüber: Pferde: 8, Menschen: 40, schüttelte den Kopf und seufzte. Eine ganze Weile lang blieb er noch stehen und betrachtete diese beiden Leichenwaggons neben einander.

Zwei Tote, zwei, die schon gegangen waren, und die doch noch einmal reisen mußten!

Und so würden sie bleiben, allein, in dieser Nacht, unter dem Donnern der ankommenden und abfahrenden Züge. Dort ausgestreckt, unbeweglich, im Dunkel ihrer Kisten, unter dem ständigen Kommen und Gehen eines Bahnhofs. Lebt wohl! Lebt wohl!

Und nun ging auch er, der Cavaliere Spigula-Nonnis. Er ging beklemmt fort. Unterwegs jedoch kaufte er die Abend­blätter und tröstete sich, als er die langen Nekrologe sah, die alle auf der ersten Seite brachten, mit dem Bild des großen Verblichenen in der Mitte der Seite.

Zu Hause angekommen, vertiefte er sich in die Lektüre und war sehr gerührt über den in einer der Zeitungen erscheinenden Hinweis auf die Pflege und den liebevollen Beistand, die selbstlose Ergebenheit, mit der er, der Cavaliere Spigula-Nonnis, in diesen letzten Monaten den Abgeordneten Costanzo Ramberti betreut hatte.

Schade nur, daß in seinem Namen das "Nonnis" nur mit einem "n" geschrieben war.

Aber man verstand trotzdem, daß er gemeint war.

Er las diese Bemerkung wenigstens zwanzigmal von vorne; und als er wieder auf die Straße hinaustrat, um in der gewohnten Pension sein Abendessen einzunehmen, kaufte er zuvor noch bei einem Kiosk weitere zehn Exemplare dieser Zeitung, um sie anderentags nach Novara zu schicken, an seine Verwandten und Freunde, natürlich erst nachdem er das fehlende "n" hinzugefügt und die betreffende Passage mit blauem Farbstift angestrichen hätte.

Große Lobeshymnen, große Lobeshymnen sangen sie alle auf den Abgeordneten Costanzo Ramberti. Das Bedauern war einstimmig und die Verdienste, der unermüdliche Fleiß, die absolute Ehrlichkeit des Verstorbenen wurden ins rechte Licht gerückt. Alles, wie es sich der Abgeordnete Costanzo Ramberti ausgemalt hatte. Von seinem "viel zu frühen Heimgehen" war da die Rede, und von den "vielen großen und wertvollen Diensten, die er dem Vaterland sicher noch hätte leisten können". Und die Telegramme aus Valdana sprachen von der tiefen Betroffenheit der Bevölkerung bei der Trauernachricht, von den außerordentlichen, unvergeßlichen Ehrungen, die seine Vaterstadt ihrem Großen Sohn bereiten würde, und sie kündigten bereits an, daß der Bürgermeister, eine Abordnung des Stadtrates und andere hervorragende Bürger, ergebene Freunde des großen Verblichenen, bereits nach Rom aufgebrochen waren, um dem Leichnam das Geleit zu geben. Als er gegen Mitternacht durch die Stille der verlassenen, von den Laternen nur spärlich erhellten Straßen nach Hause schritt, dachte der Cavaliere Spigula-Nonnis noch einmal an die beiden Leichenwaggons, die dort am Ende eines Gleises des Bahnhofs wartend standen. Wenn diese beiden Toten einander Gesellschaft hätten leisten können, mit einander Konversation machen, um die Zeit totzuschlagen! Bei diesem Gedanken lächelte Cavaliere Spigula-Nonnis schmerzlich. Wer weiß, wer der andere sein mochte, wo er schließlich enden würde... Diese Nacht stand er dort, ohne die geringste Ahnung von der Ehre zu haben, die ihm widerfuhr, indem er als Nachbarn einen hatte, von dem in diesem Augenblick sämtliche Zeitungen Italiens voll waren, und der tags darauf den triumphalen Empfang einer ganzen Stadt erleben würde, die ihn beweinte.

Konnte der Cavaliere Spigula-Nonnis je auf die Idee kommen, daß der Leichenwagen des Abgeordneten Costanzo Ramberti gegen zwei Uhr morgens von ein paar Eisenbahnern, denen vor Müdigkeit schon die Augen zufielen, an den Zug gehängt werden könnte, der um diese Zeit nach den Abruzzen abfuhr, und daß man so den großen Verblichenen dem trium­phalen Empfang entziehen würde, der feierlichen Ehrung durch seine Vaterstadt?

Aber der Abgeordnete Costanzo Ramberti, selbst ein Politiker, der bereits an der Macht gewesen war und deshalb in die "geheimen Dinge" Einblick gewonnen hatte, der Abgeordnete Costanzo Ramberti, der alle Mängel des Eisenbahnwesens kannte, der hätte eine derartige Fehlleistung sehr wohl voraussehen können. Wenn einmal zwei wartende Leichenwaggons in einem so viel befahrenen Bahnhof nebeneinander wartend standen, dann war nichts leichter, nichts offensichtlicher zu erraten, als daß man den einen an den Bestimmungsort des anderen schicken würde und umgekehrt.

Eingesperrt, eingenagelt in seinem Waggon, konnte er sich nun freilich nicht gegen diese unwürdige Verwechslung zur Wehr setzen, gegen diesen Übergriff, mit dem sechs bestialische Verschubarbeiter ihn in diesem Augenblick der festlichen Trauerkleider beraubten, die sein Valdana in dieser Nacht für ihn anlegte, um ihn tags darauf mit allen Ehren zu empfangen. Und am Ende dieses Zuges, der da, beinahe leer, nach den Abruzzen abfuhr und mit seinen ausgeleierten Bremsen die armen, alten, schmutzigen Waggons, aus denen er zusammengesetzt war, beinahe zerquetschte, mußte er nun die ganze restliche Nacht reisen, langsam, traurig in die Ferne, zu dem Bestimmungsort jenes anderen Toten, eines jungen Seminaristen aus Avezzano mit Namen Feliciangiolo Scanalino.

Natürlich wurde der Leichenwagen dieses anderen am Morgen darauf unter der Aufsicht des Leiters des Bestattungsunternehmens, das sich den Auftrag für das Staatsbegräbnis gesichert hatte, prächtig geschmückt. Schwere Samtdecken mit Silberfransen als Baldachin, und Schleier und Bänder und Palmwedel. Auf dem Sarg, bedeckt mit einer herrlichen Sargdecke, bloß der Kranz des Königs; zu beiden Seiten jener des Minister- und jener des Parla­mentspräsidenten. An die siebzig weitere Kränze wurden in dem folgenden Wagen untergebracht. Und um exakt acht Uhr dreißig brach unter den bewundernden Blicken einer wahren Menschenmenge aus Freunden des Abgeordneten Costanzo Ramberti Feliciangiolo Scanalino zu den feierlichen Ehrungen Valdanas auf.

Als der Zug gegen drei Uhr nachmittags im Bahnhof Valdana eintraf, der von einer ergriffenen Menschenmenge förmlich überquoll, wurde der Bürgermeister, der mit der Abordnung der Gemeinde dem Leichnam das Geleit gegeben hatte, in geheimnisvoller Weise von einem kreidebleichen, am ganzen Leibe zitternden Stationsvorsteher beiseite gerufen und in den Telegraphenraum geführt. Aus dem Bahnhof Rom war ein Telegramm eingetroffen, daß unter dem Siegel der Verschwiegenheit von der Verwechslung der Leichenwaggons berichtete.

Der Bürgermeister von Valdana war wie vom Donner gerührt.

Was sollte man nun tun, wo draußen alle Leute warteten und die ganze Stadt geschmückt war?

"Commendatore", flüsterte der Stationsvorsteher, eine Hand auf die Brust gelegt, "hier weiß nur ich davon und der Telegraphist; auch in Rom und in Avezzano wissen es nur der Stationsvorsteher und der Telegraphist. Commendatore, es ist doch in unserem eigenen Interesse, im Interesse der Eisenbahnverwaltung, die Sache geheimzuhalten. Vertrauen Sie uns ruhig!"

Was konnte man schon anderes tun in einer so heiklen Situation? Und also erhielt der unschuldige Seminarist Feliciangiolo Scanalino den triumphalen Empfang der Stadt Valdana, auf seinem Leichenwagen, der aussah wie ein Berg von Blumen, gezogen von acht Pferden. Er erhielt den Kranz des Königs, er erhielt die Leichenrede des Bürgermeisters, und er erhielt die Begleitung einer ganzen Volksmenge bis zum Friedhof.

Unterdessen reiste der Abgeordnete Costanzo Ramberti von Avezzano in dem schmucklosen, staubigen Waggon mit der Aufschrift Pferde: 8, Menschen: 40 ohne eine einzige Blume, ohne ein einziges Bändchen: ein armer, fortgeschickter Körper, vom Weg abgekommen und gestrandet, so weit weg von seinem Bestimmungsort.

Mitten in der Nacht kam er im Bahnhof Valdana an. Nur der Bürgermeister und vier vertrauenswürdige Totengräber erwarteten ihn am Bahnhof und mucksmäuschenstill, mit den leisen Schritten von Gaunern, die ein Schmuggelgut vor den Augen der Zöllner verbergen wollen, schleppten sie ihn auf und ab über holprige Feldwege, von denen ein Laternchen immer nur kleine Stücke notdürftig aus dem Dunkel riß, zum Friedhof und gruben ihn ein; dann seufzten sie tief und erleichtert auf. 

© Michael Rössner.

Der Hauch - (Soffio - 1934)

aus dem Italienischen von Michael Rössner 

Italienische Version

I.

Manche Nachrichten treffen einen so unvorbereitet, daß man im ersten Augenblick ganz verstört ist, und es scheint, als gäbe es keine andere Möglichkeit aus dieser Verstörung wieder herauszufinden, als Zuflucht zu einem völlig abgedroschenen Satz oder einer Feststellung zu nehmen, die sich ohnedies von selbst versteht.

So war es zum Beispiel, als der junge Calvetti, der Sekretär meines Freundes Bernabò, mir von dem Tod von Massaris Vater erzählte, bei dem Bernabò und ich eben noch zum Mittagessen gewesen waren; da überkam es mich, und ich rief aus: „Ach, was ist schon das Leben! Ein Hauch genügt, und schon ist es zu Ende!“, und dabei legte ich Daumen und Zeigefinger einer Hand aneinander und blies darauf, als wollte ich mit diesem Hauch eine Feder fortblasen, die ich zwischen diesen Fingern hielt.

Als ich so blies, sah ich, wie der junge Calvetti plötzlich grau im Gesicht wurde, hierauf den Oberkörper krümmte und sich mit einer Hand an die Brust griff, wie man das tut, wenn man da drinnen, ohne genau zu wissen wo, ein vages Unwohlsein verspürt; aber ich achtete nicht weiter darauf, denn es schien mir absurd anzunehmen, dieses Unwohlsein könnte mit dem stumpfsinnigen Satz zusammenhängen, den ich gesagt hatte, und mit der lächerlichen Geste, mit der ich diesen Satz ‑ als wäre ich noch nicht zufrieden damit, so etwas Abgedroschenes auszusprechen ‑ auch noch meinte begleiten zu müssen. Ich dachte, er habe einfach einen plötzlichen Schmerz, ein Stechen verspürt, vielleicht in der Leber oder in der Niere oder im Darm, jedenfalls nur einen augenblicklichen Schmerz ohne jede Bedeutung. Noch ehe es Abend wurde, fiel mir freilich dann ein höchst bestürzter Bernabò ins Haus:

„Weißt du schon: Mein junger Calvetti ist gestorben?“

„Gestorben?“

„Ja, ganz plötzlich, heute nachmittag!“

„Aber am Nachmittag ist er doch noch bei mir gewesen! Warte einmal, wann mag das gewesen sein? Ich glaube, so gegen drei.“

„Und um halb vier war er tot.“

„Eine halbe Stunde später?“

„Eine halbe Stunde später.“

 

Ich sah ihn ein wenig schief an, als habe er mit dieser Bestätigung eine Beziehung (aber was denn für eine Beziehung?) zwischen dem Besuch bei mir und dem plötzlichen Tod des armen Jungen herstellen wollen. In mir fühlte ich so etwas wie einen Drang, der mich zwang, jegliche Beziehung, sei sie auch nur zufällig, zurückzuweisen, als wäre sie der Verdacht eines Gewissensbisses, den ich hätte empfinden können; und der mich andererseits dazu verhielt, eine Ursache für diesen Tod zu suchen, die mit dem Besuch bei mir nichts zu tun hatte; und so erzählte ich Bernabò von dem plötzlichen Unwohlsein, daß der junge Mann offensichtlich verspürt hatte, während er bei mir gewesen war.

„Ach so? Ein Unwohlsein?“

„Was ist schon das Leben! Ein Hauch genügt, und schon ist es zu Ende!“

Da haben wir’s: Ich wiederholte den Satz völlig mechanisch, denn da unten hatten Daumen und Zeigefinger meiner rechten Hand ganz von selbst zueinandergefunden, und ganz von selbst hob sich jetzt auch die Hand auf, bis zu meinen Lippen. Ich schwöre, es war nicht so sehr der bewußte Wunsch, es noch einmal zu versuchen, als vielmehr die Lust daran, mir mit mir selbst einen Scherz zu erlauben, was ich nur so, im verborgenen, tun konnte, wollte ich mich nicht lächerlich machen: da ich nun einmal diese beiden Finger genau vor meinem Mund fand, blies ich über sie hinweg, nur einen ganz leichten Hauch.

Bernabòs Gesicht hatte sich verfärbt vor Bestürzung über den Tod seines jungen Sekretärs, der ihm sehr ans Herz gewachsen war; und oft und oft schon war er ‑ nach einem kurzen Lauf oder auch nur ein paar schnelleren Schritten (korpulent, wie er nun einmal war, mit einem stets geröteten Kopf, der fast ohne Hals auf den Schultern saß) ‑ keuchend vor mir gestanden und hatte sich auch mit der Hand an die Brust gegriffen, um das jagende Herz zu beruhigen und wieder zu Atem zu kommen. Als ich ihn jetzt dieselbe Geste vollführen sah und ihn sagen hörte, er meine zu ersticken, und seinen Geist und sein Sehvermögen trübe plötzlich ein seltsam düsterer Schimmer, mein Gott, was sollte ich da schon glauben?

Auf der Stelle sprang ich, trotz aller Bestürzung und Verwirrung, in der ich mich befand, dem armen Freund bei, der rücklings und nach Atem ringend in einem Lehnstuhl gesunken war; aber da sah ich mich wütend zurückgestoßen, und nun verstand ich wirklich gar nichts mehr; ich fühlte mich förmlich zu Eis erstarren, in einer völlig apathischen Verblüffung, und ich beobachtete ihn zuckend auf diesem mit rotem Samt bezogenen Fauteuil, der mir erschien wie eine riesige Blutlache, zuckend nicht mehr wie ein Mensch, sondern wie ein waidwundes Tier, ich sah zu, wie sein Atem immer hastiger wurde und sein Gesicht sich immer mehr verfärbte, bis es beinahe schwarz geworden war. Einen Fuß hatte er auf den Teppich gestemmt, vielleicht, um sich solcherart wieder allein aufzurichten, aber in dieser Anstrengung vergeudete er seine letzten Kräfte; wie in einem Alptraum sah ich, wie der Teppich allmählich unter seinem Fuß fortglitt und sich in Falten warf. An dem anderen Fuß, der verkrümmt über der Armlehne des Fauteuils lag, war ihm das Hosenbein nach oben gerutscht und enthüllte nun einem seidenen Sockenhalter in einem grünschimmernden Farbton mit rosa Streifen. Ich bitte doch um ein wenig Anerkennung für meine Barmherzigkeit: All meine Beunruhigung war förmlich zerrieben und überall verstreut worden, so daß man sie wie nichts vergessen konnte, in einem einzigen Abwenden der Augen, oder bei dem Gedanken an den Ärger, den mir stets meine häßlichen Bilder an den Wänden bereitet hatten, oder auch in der seltsamen Neugier, die mich, jawohl, die mich auf die Farbe und die Streifen dieses Sockenhalters starren ließ. Plötzlich kam ich jedoch wieder zu mir, entsetzt darüber, daß ich mich in einem solchen Augenblick so weit hatte gehen lassen, und rief nach meinem Diener, er solle sofort vor der Tür einen Wagen aufhalten und dann heraufkommen, um mir zu helfen, den Sterbenden in ein Krankenhaus oder nach Hause zu bringen.

Lieber nach Hause, denn das war näher. Er lebte nicht allein; er hatte eine Schwester bei sich, eine ältere Schwester, ich weiß nicht, war sie verwitwet oder eine alte Jungfer; jedenfalls war sie unausstehlich in ihrer starrköpfigen Pedanterie, mit der sie sein Leben zu bestimmen suchte. Sie war ganz außer sich, die Arme, sie raufte sich die Haare: „O Gott, was ist geschehen? Wie ist das passiert?“, und sie wich uns nicht von der Seite, wie ärgerlich! Nur, um von mir zu erfahren, was geschehen war, wie es passiert war, ausgerechnet von mir, und ausgerechnet in diesem Augenblick, da ich nun wirklich nicht mehr konnte, nach all den Stufen, die wir hinaufgestiegen waren, immer rückwärts gehend, unter dem ungeheuren Gewicht dieses reglosen Körpers. „Das Bett! Wo ist das Bett?“ Es schien, als wisse sie es selbst nicht mehr, wo dieses Bett war, das wir nicht und nicht zu erreichen schienen. Als wir ihn endlich röchelnd - aber auch ich röchelte nur mehr - aufs Bett gelegt hatten, lehnte ich mich rücklings gegen eine Wand, und wenn man mir nicht einen Stuhl untergeschoben hätte, wäre ich wohl in voller Länge zu Boden gestürzt. Mein Kopf baumelte kraftlos herab, und ich vermochte gerade noch, zu dem Diener gewandt, hervorzustoßen: „Einen Arzt! Einen Arzt!“; aber zugleich sank mein Mut endgültig, wenn ich daran dachte, daß ich nun allein mit der Schwester zurückbleiben mußte, die mich sicherlich sofort mit neuen Fragen überfallen würde. Was mich rettete, war die Stille, die plötzlich auf dem Bett eintrat, als das Röcheln dort aufgehört hatte. Einen Augenblick lang schien die ganze Welt schweigend innezuhalten; und tatsächlich schwieg von nun an die ganze Welt auf immer für den armen Bernabò, der taub und bewegungslos auf diesem Bett liegen geblieben war. Sofort brach jedoch die Verzweiflung der Schwester los. Ich war erledigt. Wie konnte man sich denn bloß vorstellen ‑ um nicht zu sagen tatsächlich glauben ‑, daß eine solche Ungeheuerlichkeit möglich wäre? Meine Gedanken fanden keinen Halt mehr. Und in diesem Aufruhr der Gefühle erschien es mir so seltsam, daß diese arme Person ihren Bruder Giulio - wie sie ihn stets genannt hatte - nun, da er tot dort lag, unbewegliche Korpulenz, die keine Diminutive zuließ ‑, ausgerechnet Giulietto nennen mußte, ihren kleinen Giulietto! Plötzlich sprang ich entsetzt auf. Der Leichnam hatte ihr, als ginge ihm dieses ewige „Giulietto! Kleiner Giulietto!“ auf die Nerven, mit einem gräßlichen Gurgelgeräusch aus den Eingeweiden geantwortet. Diesmal war es an mir, die Schwester aufzufangen, die ansonsten zu Boden gestürzt wäre, ohnmächtig vor Schreck; statt dessen wurde sie in meinen Armen ohnmächtig. Und nun fühlte ich, wie mich, als ich zwischen dieser Ohnmächtigen im Arm und dem Toten auf dem Bett wirklich nicht mehr wußte, was ich tun noch was ich denken sollte, ein Wirbel des Wahnsinns ergriff, und ich begann, die arme Person zu schütteln, damit sie endlich mit dieser Ohnmacht aufhöre, die nun wirklich zu viel des Guten war. Freilich, kaum war sie wieder bei sich, wollte sie nun nicht mehr an den Tod des Bruders glauben. „Haben Sie gehört? Er kann nicht tot sein! Er darf nicht tot sein!“ Es mußte tatsächlich der Arzt kommen und es ihr amtlich bestätigen, ihr versichern, daß dieses Geräusch nichts gewesen war, ein Wind oder was weiß ich sonst, alle Toten pflegen so was zu machen. Da setzte sie, die ein vornehmer Mensch war und sich darauf etwas zugute hielt, eine peinliche Miene auf, und hielt sich die Hand vor die Augen, als habe der Arzt ihr damit gesagt, auch sie würde dergleichen tun, wenn sie erst einmal tot wäre.

Der Arzt war einer jener jungen Glatzköpfe, die ihre vorzeitige Kahlköpfigkeit mit beinahe verächtlicher Wildheit zwischen einem Urwald aus schwarzen Locken zur Schau tragen, die, obwohl niemand weiß, weshalb sie von dem Scheitel verschwunden sind, rund um den Kopf wild wuchern.

Mit lackstarren Augen hinter dicken Brillengläsern, hochgewachsen, eher beleibt, aber kräftig, zwei Büschelchen gestutzter Haare unter dem kleinen Näschen und über den wulstigen, geröteten, und so klar gezogenen Lippen, daß sie aussahen wie gemalt, sah er die Unwissenheit dieser armen Schwester mit so abschätzigem Erbarmen an und sprach vom Tod mit einer so lockeren Vertrautheit, als könnte, da er doch ständig mit ihm zu tun hatte, keiner seiner Fälle ihm mehr ein Rätsel aufgeben oder einen Zweifel verursachen, daß mir am Ende unwiderstehlich ein höhnisches Lachen aus der Kehle hervorbrach. Schon während er gesprochen hatte, hatte ich mich zufällig in dem Spiegel der Kastenwand entdeckt und mich dabei mit einem schiefen und kalten Blick ertappt, der sich mir plötzlich wie eine Schlange in die Augen geschlichen hatte. Und Daumen und Zeigefinger der linken Hand drückten einander, sie preßten sich so fest gegeneinander, daß sie von dem Krampf des gegenseitigen Drucks beinahe taub geworden waren. Kaum wandte er sich bei diesem Hohngelächter zu mir um, da trat ich auf ihn zu, auf Tuchfühlung, und aus dem noch immer höhnisch verzogenen Mund in dem totenbleich gewordenen Gesicht zischte ich ihm zu: „Sehen Sie“, und dabei zeigte ich ihm die Finger, „so! Sie wissen ja so gut Bescheid über Leben und Tod; blasen Sie einmal da drauf, nur einen Hauch, und sehen Sie zu, ob Sie mich sterben lassen können!“. Er wich zurück, um mich zu mustern, ob er es nicht mit einem Irren zu tun habe. Aber ich trat erneut auf Tuchfühlung an ihn heran: „Ein Hauch genügt, glauben Sie mir das. Nur ein Hauch!“ Ich ließ ihn stehen und packte die Schwester am Handgelenk. „Tun Sie es! Sehen Sie, so!“, und dabei führte ich ihr die Hand an den Mund, „legen Sie zwei Finger aneinander und blasen Sie darauf!“ Die Arme stand entsetzt da, mit weitaufgerissenen Augen, und zitterte am ganzen Körper, während der Arzt, ohne noch daran zu denken, daß da auf dem Bett ein Toter lag, amüsiert vor sich hinkicherte. „Ich tue es bei Ihnen nicht mehr, denn da liegt schon einer, und mit Calvetti sind’s heute schon zwei! Aber ich muß fort, auf der Stelle fort, ich muß fort!“

Und damit stürzte ich hinaus, wie von Sinnen.

Kaum war ich auf der Straße, da brach der Wahnsinn erst richtig los. Es war schon dunkel geworden, und die Straße war voll von Menschen. Aus dem Schatten sprangen eins nach dem anderen die Häuser heraus, in denen die Lichter angingen, und all diese Leute liefen, um sich das Gesicht vor den Lichtblitzen in den vielen Farben zu schützen, die von allen Seiten auf sie einhackten, Straßenlampen, Lichtschein aus Schaufenstern, Leuchtreklamen, in innerem Aufruhr, bedrängt von düsteren Ahnungen. Obwohl, nein: da war wiederum ein Frauengesicht, das sich bei dem Anblick eines roten Lichtscheins befriedigt entspannte; und dort das eines Kindes, das lachte, auf den Schultern eines alten Mannes, vor der Spiegeltür eines Ladens, über den ein Wasserfall smaragdgrüner Lichttropfen herabglitt. Ich brach durch die drängenden Menschenmassen und blies, zwei Finger vor dem Mund, blies auf all diese mir entgleitenden Gesichter, wahllos, und ohne mich nach ihnen umzudrehen, ob mein Atemhauch tatsächlich die bereits zweimal erprobte Wirkung auf sie hervorbrachte. Und wenn er das tat, wer hätte diese Wirkung mir zurechnen dürfen? War ich nicht frei, zwei Finger vor den Mund zu halten und mir das unschuldige Vergnügen zu gestalten, über sie drüberzublasen? Wer hätte denn ernsthaft glauben können, mir wäre tatsächlich eine so unerhörte und schreckliche Macht in diesen beiden Fingern und in dem leisen Hauch, den ich über sie hinblies, zugewachsen? Es war ja lächerlich, so etwas zuzugeben, man konnte das nur als einen kindlichen Scherz einstufen. Ja, das war’s: ich scherzte. Und die Zunge klebte mir schon im Mund von diesem wütenden Blasen, ich hatte kaum noch Luft zwischen den gespitzten Lippen, als ich am Ende der Straße angekommen war. Wenn das, was ich zweimal erlebt hatte, wahr sein sollte, dann ‑ ja, mein Gott, dann mußte ich, so zwischen Scherz und Scherz, wohl mehr als tausend Leute umgebracht haben. Es war gar nicht möglich, daß man tags darauf nicht zum Entsetzen der ganzen Stadt von dieser plötzlichen und rätselhaften Häufung von Todesfällen erfahren würde.

Und man erfuhr tatsächlich davon. Am Morgen danach waren alle Zeitungen voll von der Sache. Die Stadt erwachte unter dem Druck des gräßlichen Alptraums einer Epidemie, gegen die es keine Rettung gab, und die wie ein Blitz aus heiterem Himmel ausgebrochen war. Neunhundertsechzehn Tote in einer einzigen Nacht. Auf den Friedhöfen wußte man nicht, wie man sie alle von einem Tag auf den anderen begraben sollte; man wußte auch nicht, wie man sie so schnell aus allen Wohnungen abtransportieren sollte. Gemeinsame Symptome, die die Ärzte an allen Betroffenen festgestellt hatten: Zuerst ein undefiniertes Unwohlsein, dann Tod durch Ersticken. Die Autopsie der Leichen ergab keinen Hinweis auf die Krankheit, die diesen beinahe sofortigen Tod verursacht hatte.

Als ich die Zeitungen las, verfiel ich in eine tiefe Erschütterung, so etwas wie einen Katerzustand nach einem gräßlichen Rausch, verwirrtes Chaos ungeschiedener Gedankenfetzen, die übereinander herfielen, gegeneinander stießen, durcheinanderwirbelnd in einer Wolke, die mich einem Wirbel gleich umfing; und eine unerklärliche Bangigkeit, ein bohrender Drang, der gegen etwas in mir stieß, immer wieder anrannte, gegen etwas in mir drinnen, das für mich schwarz und unbeweglich blieb, von dem mein Bewußtsein sich angezogen fühlte, mit dem es jedoch, völlig widerborstig und in alle Richtungen zerfließend, nichts zu tun haben wollte; so berührte es dieses Etwas immer wieder und wich sofort zurück. Ich weiß wirklich nicht, was ich damit ausdrücken wollte, als ich eine verkrampfte Hand gegen die Stirne preßte und stets aufs neue vor mich hinsagte: „Es ist bloß ein Eindruck! Bloß ein Eindruck!“. Jedenfalls half dieses doch ganz leere Wort mir, blitzartig diese Wolke zu sprengen, und ich fühlte mich für einen Augenblick erleichtert und befreit. „Es war wohl alles nur eine Wahnidee“, dachte ich, „die mir da in den Sinn gekommen ist, weil ich gestern zufällig diese lächerliche, kindische Geste just in dem Moment gemacht habe, ehe die Nachricht von der schrecklichen Epidemie, die so plötzlich über die Stadt hereingebrochen war, sich verbreitet hatte. Oft entstehen aus solchen zufälligen Zusammentreffen die dümmsten Aberglauben und die unglaublichsten Obsessionen. Im übrigen brauche ich nur ein paar Tage warten, ohne diese scherzhafte Geste zu wiederholen. Wenn es sich um eine Epidemie handelt - was mit Sicherheit der Fall ist, dann muß diese erschreckende Welle von Todesfällen weitergehen und nicht ebenso plötzlich abbrechen wie sie begonnen hat.“

Gut: Ich wartete also drei Tage, fünf Tage, eine Woche, zwei Wochen: Kein neuer Fall wurde in den Zeitungen berichtet; die Epidemie war plötzlich wieder zu Ende.

Hm, aber wahnsinnig, nein, wahnsinnig bin ich nicht, verzeihen Sie! Unter der Obsession eines solchen Zweifels, daß ich verrückt sei, konnte ich es nicht aushalten; wahnsinnig, befallen von einem Wahn, der, wenn ich ihn publik gemacht hätte, jeden in helles Gelächter hätte ausbrechen lassen, nein, also hören Sie mir auf damit. Von einer solchen Obsession mußte ich mich befreien, so schnell wie möglich. Und wie? Indem ich wieder über meine Finger blies? Schließlich ging es da um Menschenleben. Dafür mußte ich selbst überzeugt sein, daß meine Handlung unschuldig war, die eines Kindes, und daß ich nicht schuld war, wenn andere darüber starben. Ich hätte ja immer noch an ein Wiederaufflackern der Epidemie nach dieser Pause von vierzehn Tagen glauben können, denn ich mußte bis zum letzten darauf beharren, daß es völlig unglaublich war, der Tod könnte von mir abhängen. Unterdessen jedoch war da die diabolische Versuchung, mir eine derartige Gewißheit zu verschaffen, viel grauenhafter als der Zweifel, ich könnte wahnsinnig sein: die Gewißheit, daß ich über eine so unerhörte Macht verfügte: Wie hätte ich einer solchen Versuchung widerstehen können?

 

II.

Ich mußte mir also noch einen Versuch gestatten, aber einen vorsichtigen, schüchternen: einen Versuch, der so „gerecht“ sein mußte, wie das möglich war. Der Tod ist nie gerecht, das ist ja bekannt. Aber der Tod, der von mir abhing (falls er wirklich von mir abhing), mußte gerecht sein.

Ich kannte ein liebes kleines Mädchen, das, während es mit seinen Puppen spielte, aus einem Traum in den anderen sprang, und alle waren sie verschieden, der eine trug sie in ein Dorf in den Bergen, der andere an den Strand des Meeres, und dann vom Meer in ein fernes, ganz fernes Land, wo fremde Menschen eine andere Sprache sprachen, so verschieden von der ihren; so war sie am Ende all dieser Träume immer noch als kleines Mädchen von zwanzig Jahren aufgewacht, ganz und gar Kind, aber nun mit einem Menschen an ihrer Seite, der, kaum war er aus dem letzten ihrer Träume herausgetreten, sich sofort in die Wirklichkeit eines fremden Riesenkerls verwandelt hatte, eine Bohnenstange von gut zwei Metern, dumm, träge und lasterhaft; und in den Armen fand sie plötzlich statt der Puppe ein armseliges kleines Wesen, man hätte sagen können, ein kleines Monsterchen, das sogar das Gesicht eines kranken Engels hatte, solange der Krampf, der den ganzen armseligen Körper immer wieder durchzuckte, nicht auch dieses grauenhaft verzerrte. „Morbus ...“ hieß das, ich weiß nicht mehr genau wie, es war der Name eines ausländischen Arztes aus England oder Amerika, Pot hieß er, glaube ich, wenn man ihn so schreibt (wunderbarer Ruhm, wenn man einer Krankheit den eigenen Namen geben darf!), „Morbus Pot“ also in einer der schwersten und hoffnungslosesten Formen. Dieses Kind würde nie sprechen, nie gehen, sich nie seiner abgemagerten und von der Gewalt der gräßlichen Krämpfe verkrümmten Händchen bedienen können. Aber es würde noch ein paar Jährchen so vor sich hinvegetieren. Wie alt war es? Drei? Nun, vielleicht noch bis zehn. Und doch schien es nicht wahr zu sein, in den Armen eines Menschen, der gelernt hatte es richtig zu halten, wie diese Bohnenstange von einem Vater, da lächelte das arme Kind mit einem so seligen Lächeln in seinem Engelsgesicht, daß auf der Stelle, kaum setzte das Entsetzen über diese krampfartigen Zuckungen aus, das zarteste Mitgefühl Tränen aus den Augen aller quellen ließ, die es betrachteten. Es schien unmöglich, daß nur die Ärzte nicht imstande waren zu verstehen, um was das Kind mit diesem Lächeln bat. Aber vielleicht verstanden sie es sogar, denn sie hatten bereits einmal erklärt, daß das sicherlich einer jener Fälle war, in denen man nicht gezögert hätte, hätte es das Gesetz erlaubt und die Eltern zugestimmt... Aber Gesetz ist nun einmal Gesetz, denn grausam kann es wohl sein und ist es auch oft, aber barmherzig nie, es sei denn, es würde zugleich aufhören, Gesetz zu sein.

Ich ging also zu dieser Mutter.

Der Raum, in dem sie mich empfing, war vom Schatten ganz erfüllt und wie in weiter Ferne erschienen zwei Fenster, verschleiert von dem fahlen Schimmer des letzten Dämmerlichts. Auf dem Lehnstuhl am Bettende sitzend, wiegte die Mutter das von Krämpfen geschüttelte Kind im Arm. Ich beugte mich über das Kleine, ohne ein Wort zu sagen, zwei Finger vor dem Mund. Bei meinem Hauch lächelte das Kind, entspannte sich und verschied. Als die Mutter, die an die ständige Anspannung und die Zuckungen der Krämpfe in diesem kleinen Körper gewöhnt war, ihn plötzlich zwischen den Armen sich lockern und weich werden fühlte, unterdrückte sie mit Mühe einen Schrei, hob den Kopf und sah mich an, sah das Kind an:

„O Gott, was haben Sie mit ihm gemacht?“

„Nichts, hast du’s nicht gesehen, gerade nur ein Hauch...“

„Aber es ist tot!“

„Nun ist es selig.“

Ich nahm es ihr aus den Armen und legte es, so locker und weich, wie es nun war, auf sein kleines Bettchen. Auf dem blassen Mündchen ruhte noch immer das Engelslächeln.

„Wo ist dein Mann? Dort drüben? Von dem befreie ich dich auch. Er hat kein Recht mehr, dich zu unterdrücken. Aber dann bleib beim Träumen, mein liebes kleines Mädchen. Siehst du nicht, was man davon hat, wenn man aus den Träumen heraussteigt?“

Ich mußte den Mann gar nicht holen gehen. Er erschien wie ein verwirrter Riese auf der Schwelle. Aber in der Erregung, in die mich die schreckliche, nun tatsächlich gewonnene Gewißheit versetzte, fühlte ich mich maßlos gewachsen, weit größer als er. „Was ist das Leben schon? Sehen Sie her, ein Hauch genügt, ein Hauch, so, und schon ist es vorbei!“

Dabei blies ich ihm aufs Gesicht und trat aus dem Haus, ins Riesenhafte gewachsen in den Abend hinein.

Ich war es, ich war es; ich war der Tod; ich trug ihn hier, in meinen beiden Fingern und in meinem Atemhauch; ich konnte alle sterben lassen. Und mußte ich nicht alle sterben lassen, um gerecht zu sein gegenüber denen, die ich zuerst ins Jenseits befördert hatte? Nichts leichter als das, solange ich genug Puste hatte. Ich hätte es nicht aus Haß gegen irgend jemanden getan; ich kannte niemanden. Wie der Tod selbst. Ein Hauch, und vorbei war’s. Wieviel Menschheit war schon vor dieser, die schattenhaft vor mir vorüberzog, fortgeblasen worden? Aber konnte ich denn je - die ganze Menschheit? Alle Häuser entvölkern? Alle Straßen sämtlicher Städte? Und die Landstriche, Berge und Meere? Die gesamte Erde menschenleer machen? Nein, das war nicht möglich. Nun, aber dann, niemanden mehr, keinen einzigen durfte ich mehr, keinen einzigen. Vielleicht würde ich mir die beiden Finger abschneiden müssen. Aber wer weiß, vielleicht würde der Atemhauch auch allein ausreichen. Sollte ich es einmal versuchen? Nein, nein: genug! Ich fühlte, wie es mir allein bei dem Gedanken eiskalt den Rücken herablief, vom Nacken bis zu den Fersen. Vielleicht reichte schon der Atemhauch allein aus. Wie sollte ich mich daran hindern? Wie sollte ich der Versuchung widerstehen? Eine Hand auf den Mund legen? Konnte ich mich denn dazu verdammen, ewig eine Hand auf den Mund zu halten?

Als ich so meinen wilden Phantasien nachhing, fand ich mich plötzlich vor dem Tor des Krankenhauses vorbeigehen, das weit offenstand. In der Einfahrt lungerten ein paar Krankenpfleger herum; sie hatten Dienst für die Notambulanz und unterhielten sich mit zwei Polizisten und dem alten Portier; und auf der Schwelle, auf die Straße hinausblickend, stand im langen weißen Arztmantel, die Hände in die Hüften gestemmt, der junge Doktor, der an das Totenbett des armen Bernabò geeilt war. Als er mich vorübergehen sah, erkannte er mich wieder und begann ‑ vielleicht aufgrund der wirren Gesten, die ich in meinen wilden Phantasien vollführte ‑ zu lachen. Hätte er das bloß nie getan! Ich blieb stehen; ich rief ihm zu: „Reizen Sie mich nicht mit ihrem blöden Grinsen! Ich bin es, ich bin es; ich habe ihn hier“, und dabei zeigte ich ihm wiederum die aufeinandergelegten Finger, „vielleicht auch nur im Hauch meines Atems allein! Wollen Sie es vor all diesen Herrschaften ausprobieren?“ Überrascht und neugierig waren die Krankenpfleger, die beiden Polizisten und der alte Portier hinzugetreten. Mit starrem Grinsen auf den Lippen, die wie gemalt erschienen, und ohne die Hände von den Hüften zu nehmen, begnügte sich dieser Unglückselige diesmal nicht damit es zu denken, sondern er sprach es aus, indem er mit den Achseln zuckte: „Aber Sie sind ja wahnsinnig!“. „Ich bin wahnsinnig?“, fragte ich drohend. „Die Epidemie ist seit vierzehn Tagen erloschen. Wollen Sie sehen, wie ich sie wieder anfache und im Handumdrehen sich ausbreiten lasse, in grauenhafter Schnelligkeit?“ „Indem Sie auf Ihre Finger blasen, nicht?“ Das brüllende Gelächter, das auf diese Frage des Doktors antwortete, ließ mich zögern. Ich bemerkte, daß ich der Empörung nicht hätte nachgeben dürfen, die mich ob der beschämenden Lächerlichkeit ergriff, welche meine Geste, sobald sie einmal offenbar wurde, mir unausweichlich eintragen mußte. Niemand außer mir selbst vermochte ja ernsthaft an die schrecklichen Wirkungen dieser Geste zu glauben. Und dennoch gewann die Empörung in mir die Oberhand, wie das Brennen einer Feuerspitze auf rohem Fleisch, denn ich fühlte diese Lächerlichkeit wie ein Brandmal des Hohns, das der Tod mir aufprägen hatte wollen, indem er mir diese unglaubliche Macht übertragen hatte. Dazu kam, wie ein Peitschenschlag, die Frage des jungen Arztes: „Wer hat Ihnen denn gesagt, daß die Epidemie erloschen ist?“ Ich blieb wie versteinert stehen. Die Epidemie war also nicht erloschen? Ich fühlte, wie meine Wangen vor Scham rot anliefen. „In den Zeitungen“, sagte ich, „ist doch von keinem einzigen Fall mehr berichtet worden.“ „Ja, in den Zeitungen“, gab der andere zurück. „aber nicht bei uns hier im Krankenhaus.“ „Noch weitere Fälle?“ „Drei bis vier pro Tag.“ „Und Sie sind sicher, daß es dieselbe Krankheit ist?“ „Aber ja, lieber Herr, absolut sicher. Würde man nur auf diese Weise endlich klar sehen, was die Krankheit anlangt! Sparen Sie, lieber Herr, sparen Sie Ihren Atem!“ Die anderen fingen wieder an zu lachen. „Na gut“, sagte ich hierauf. „Wenn es so ist, dann bin  ich bloß ein Verrückter, und Sie werden also keine Angst haben, mit mir ein Experiment zu machen. Übernehmen Sie die Verantwortung auch für die anderen fünf Herrschaften?“ Angesichts meiner Herausforderung stutzte der junge Arzt einen Augenblick; dann kehrte das Lachen auf seine Lippen zurück, und er wandte sich zu den anderen fünf um: „Haben Sie verstanden? Der Herr hier behauptet, er brauche nur leicht auf seine Finger blasen, um uns allesamt sterben zu lassen. Wollen wir’s versuchen? Ich mache mit!“ Die anderen riefen höhnisch lachend im Chor: „Aber ja, blasen Sie, blasen Sie, wir machen auch mit, hier sind wir!“ Und damit stellten sie sich alle sechs in einer Reihe vor mir auf, die Köpfe vorgestreckt. Es erschien wie eine Theaterszene, in dieser Krankenhauseinfahrt, unter der roten Laterne der Erste-Hilfe-Ambulanz. Sie waren sicher, es mit einem Verrückten zu tun zu haben. Nun konnten sie nicht mehr zurück. „Es ist die Epidemie, wenn überhaupt, nicht ich, was?“ Und um ganz sicher zu gehen, legte ich wieder die beiden Finger vor dem Mund aufeinander. Als ich blies, wurden alle sechs, einer nach dem anderen, bleich im Gesicht; alle sechs krümmten sich vornüber, alle sechs griffen sich mit einer Hand auf die Brust und sahen einander aus verschleierten Augen an. Dann sprang einer der Polizisten auf mich zu und packte mich am Handgelenk; sogleich aber blieb ihm die Luft weg, die Beine knickten ihm ein, und er fiel mir zu Füßen, als wolle er mich um Hilfe anflehen. Von den anderen brabbelte einer etwas vor sich hin, der andere ruderte mit den Armen, der dritte starrte mit weitaufgerissenen Augen und ebensolchem Mund vor sich hin. Instinktiv versuchte ich mit dem freien Arm den jungen Arzt aufzufangen, der mir entgegenfiel. Aber auch er stieß mich wie Bernabò wütend zurück und fiel mit lautem Krachen der Länge nach auf den Boden. Ein Rudel Leute, der allmählich zu einer Menschenmenge anwuchs, hatte sich unterdessen vor dem Tor zusammengerottet. Die neu hinzugekommenen Neugierigen drängten von außen nach innen, die Entsetzten wichen von der Schwelle zurück und quetschten so in der Mitte die in banger Erwartung verharrenden Leute ein, die sehen wollten, was in dieser Toreinfahrt vor sich ging. Sie fragten mich danach, als wäre ich einer, der das wissen müßte, vielleicht, weil mein Gesicht weder die Neugier, noch die bange Erwartung, noch das Entsetzen ausdrückte, das in ihnen war. Wie ich aussah, hätte ich nicht zu sagen vermocht; in diesem Augenblick fühlte ich mich wie verloren, plötzlich überfallen von einer Meute wilder Hunde. Ich fand keinen anderen Ausweg als meine kindische Geste. In den Augen hatte ich wohl einen Ausdruck der Angst und zugleich des Mitleids für die sechs Gefallenen und für alle, die um mich herumstanden; vielleicht lächelte ich sogar, während ich zu dem einen oder anderen sagte, indem ich mir einen Weg bahnte: „Ein Hauch genügt, so... so...“; zugleich rief vom Boden der junge Arzt, der bis zum Letzten starrköpfig blieb, sich in Krämpfen windend: „Die Epidemie! Die Epidemie!“ Eine allgemeine Flucht war die Folge; und eine Zeitlang sah ich mich noch inmitten all dieser Leute, die entsetzt und wie von Sinnen nach allen Seiten flohen, langsam vor mich hin trotten, wie ein Betrunkener, der mit sich selbst spricht, sanft und betrübt; bis ich mich, ich weiß selbst nicht wie, vor dem Spiegel eines Schaufenster wiederfand, noch immer mit diesen beiden Fingern vor dem Mund und mitten im Akt des Blasens „ ...so ...so“, vielleicht, um einen Beweis für die Unschuld dieses Aktes zu liefern, indem ich zeigte, daß ich dasselbe, bitte, auch mit mir selbst machte, in der einzigen Weise, in der ich das tun konnte. Für einen Augenblick sah ich mich in diesem Spiegel, mit Augen, von denen ich selbst nicht mehr wußte, wie ich sie mir ansehen sollte, so tief eingesunken waren sie in diesem Totengesicht, das mich anstarrte; dann, als hätte die Leere mich verschlungen, oder ein Schwindel mich erfaßt, sah ich mich selbst nicht mehr; ich berührte den Spiegel, er war da, vor mir, ich sah ihn, aber ich war nicht in ihm; ich berührte mich, berührte meinen Kopf, meine Brust, meine Arme; ich spürte meinen Körper unter den Händen, aber ich sah ihn nicht mehr, und auch nicht mehr die Hände, mit denen ich ihn berührte; und doch war ich nicht blind; ich sah alles, die Straße, die Leute, die Häuser, den Spiegel; da, ich berührte ihn von neuem, ich trat näher heran, um mich in ihm zu suchen; aber ich war nicht da, und auch die Hand war nicht da, die doch unter den Fingerkuppen die Kälte der Scheibe spürte. Ein Drang ergriff mich, ein frenetischer Drang, in diesen Spiegel hineinzusteigen, auf der Suche nach meinem fortgeblasenen, verschwundenen Bild; und während ich so gegen das Spiegelglas gelehnt stand, lief einer, der aus dem Geschäft kam, in mich hinein, und sofort sah ich ihn entsetzt zurückprallen, den Mund zu dem Schrei eines Wahnsinnigen geöffnet, der nicht aus der Kehle dringen wollte: er war gegen jemanden gelaufen, der da sein mußte und doch nicht da war, denn da war niemand; da stieg in mir übermächtig das Bedürfnis auf, zu bekunden, daß ich doch da war; ich sprach, als wäre ich eine Stimme in der Luft; ich hauchte es ihm ins Gesicht: „Die Epidemie!“ und mit einem Stoß der Hand gegen seine Brust warf ich ihn zu Boden. Unterdessen war die Straße in Aufruhr geraten, aufgewiegelt von denen, die zuvor geflohen waren, und die nun, mit Gesichtern von Besessenen zurückkamen, sicherlich alle zur Suche nach mir aufhetzend, sie füllte sich mit Leuten, die von allen Seiten hereindrängten, wurde immer voller, wie ein dicker Rauch aus wechselnden Gesichtern, der mich erstickte, der ich mich doch fast in dem Rausch eines erschreckenden Traums verflüchtigt hatte; aber sogar in diesem Gedränge eingeklemmt, konnte ich gehen, mir einen Weg bahnen mit dem Hauch meines Atems über meine unsichtbaren Finger. „Die Epidemie! Die Epidemie!“ - Ich war nicht mehr ich; nun endlich begriff ich es; ich war die Epidemie, und es waren alles Larven, jawohl, alles Larven, die Menschenleben, die ein Hauch mit sich forttrug. Wie lange wohl dieser Alptraum anhielt? Die ganze Nacht und einen Teil des darauffolgenden Tages versuchte ich, aus diesem Gedränge zu entkommen, und als ich mich endlich auch noch von der Enge der Häuserzeilen der gräßlichen Stadt befreit hatte, fühlte ich mich in der Luft des freien Landes selbst Luft geworden. Alles wurde von der Sonne in Gold getaucht; ich hatte keinen Körper mehr, keinen Schatten mehr; das Grün war so frisch und neu, als wäre es eben jetzt aus meinem so dringenden Bedürfnis nach Erfrischung hervorgegangen, und es war so sehr mein, daß ich mich in jedem unter der Last eines sich darauf niederlassenden Insekts erzitternden Grashalm selbst angerührt fühlte; ich versuchte zu fliegen, mit dem beinahe papiergleichen, hingebungsvollen Liebesflug von zwei weißen Schmetterlingen; und als ob es nun wirklich ein Scherz wäre, da, ein Hauch und fort ist es, schon schwebten die abgefallenen Flügel dieser Schmetterlinge durch die Luft herab wie dünnes Papier; weiter drüben saß auf einem Stuhl, den Oleander neugierig beäugten, ein junges Mädchen in einem Kleid aus himmelblauem Schleiertuch, auf dem Kopf einen großen Strohhut, den kleine Rosen zierten; sie blinzelte mit den Augenlidern; nachdenklich saß sie da, und lächelte mit einem Lächeln, das sie mir in die Ferne entrückte, wie ein Bild aus meiner Jugend; vielleicht war sie ja wirklich nichts anderes als ein Bild, das mir vom Leben zurückgeblieben war, nur noch dieses einzige Bild auf der ganzen Erde. Ein Hauch und fort damit! Bis zur Beklemmung gerührt von so viel Süße, blieb ich unbeweglich dort stehen, die Hände ineinander verschlungen und den Atem anhaltend, und betrachtete sie aus der Ferne; und mein Blick war die Luft selbst, die sie liebkoste, ohne daß sie sich von ihr angerührt fühlte.

© Michael Rössner. 

Der Kater ein Distelfink und die Sterne - (Il gatto, un cardellino e le stelle – 1925)

 

Erstveröffentlichung in der Zeitschrift "Penombra" 1917; keine wesentlichen Varianten bekannt.

aus dem Italienischen von Michael Rössner

Italienische Version

 

Ein Stein. Noch ein Stein. Der Mensch geht vorüber und sieht sie nebeneinander liegen. Aber was weiß dieser Stein schon von dem Stein neben sich? Und was das Wasser, das im Graben fließt, vom Graben? Der Mensch sieht das Wasser und sieht den Graben; er hört das Wasser hindurchfließen und versteigt sich sogar zu dem Gedanken, das Wasser könnte im Vorüberfließen dem Graben weiß Gott was für Geheimnisse mitteilen.

Ach, was für eine Sternennacht über den Dächern dieses armseligen Dörfchens in den Bergen! Wenn man den Himmel von diesen Dächern aus betrachtete, hätte man schwören mögen, die Sterne sähen in dieser Nacht nichts anderes an, so lebhaft strahlten sie gerade darüber.

Und die Sterne haben auch keine Ahnung von der Erde.

Diese Berge? Ja, ist es denn die Möglichkeit, daß sie nicht wissen, daß sie zu diesem Dörflein gehören, das seit fast tausend Jahren in ihrer Mitte liegt? Alle wissen, wie sie heißen, Monte Corno, Monte Moro; und sie wüßten nicht einmal, daß sie Berge sind? Und dann wäre also auch das älteste Haus dieses Dörfleins sich nicht bewußt, daß es hier aufgerichtet worden ist, daß es diese Straße hier einrahmt, die die älteste aller Straßen ist? Ja, kann denn das möglich sein?

Und was wäre dann? 

Dann glaubt ruhig, wenn euch das Spaß macht, daß die Sterne nichts anderes sehen als die Dächer eures Dörfleins zwischen den Bergen.

 

Ich habe zwei alte Leutchen kennengelernt, die einen Distelfink besaßen. Die Frage, wie die runden, lebhaften Äuglein dieses Distelfinks ihre Gesichter, den Käfig, das Haus mit all den alten Möbeln sähen, und was der Kopf dieses Distelfinks über all die Liebkosungen und Zärtlichkeiten dachte, mit denen sie ihn überhäuften, war diesen beiden alten Leutchen mit Sicherheit noch nie gekommen; so sicher waren sie, daß der Distelfink, wenn er sich auf der Schulter des Großväterchens oder des Großmütterchens niederließ und wenn er an ihrem runzligen Hals oder am Ohrläppchen knabberte, sehr gut wußte, daß das, worauf er sich niedergelassen hatte, eine Schulter war, und daß, woran er knabberte, ein Ohrläppchen war, und daß Schulter und Ohr ihm und nicht ihr gehörte. War es denn möglich, daß er sie nicht beide kannte? Daß er nicht wußte, daß der eine das Großväterchen und die andere das Großmütterchen war? Und daß er sich nicht darüber im klaren war, daß sie ihn beide so sehr liebten, weil er der Distelfink ihrer verstorbenen Enkelin war, die ihn so gut abgerichtet hatte, daß er auf die Schulter flog, am Ohr knabberte und im Haus frei herumflog?

Im Käfig, der zwischen den Vorhängen am Fensterkreuz hing, hielt er sich nur des Nachts auf und tagsüber in den kurzen Augenblicken, in denen er seine Hirsekörner aufpickte und mit vielen koketten Verbeugungen ein Tröpfchen Wasser trank. Mit einem Wort, der Käfig war sein Königspalast und das Haus war sein weites Königreich. Und oft ließ er auf dem Lampenschirm der Hängelampe im Eßzimmer oder auf der Rückenlehne des Großvaterstuhls seine Triller los und auch noch was anderes... naja, er war eben ein Distelfink!

"Schmutzfink!", zankte ihn das alte Großmütterchen aus, wenn sie ihn dabei ertappte. Und sie lief mit dem Lappen herbei, immer bereit zu putzen, als wäre ein Kind im Haus, von dem man noch nicht erwarten konnte, daß es genug Verstand besäße, gewisse Dinge ordentlich und am richtigen Ort zu erledigen. Und unterdessen erinnerte sie sich an sie, die alte Großmutter, an die Enkelin erinnerte sie sich, die ihr genau diese Putzerei, armes Schätzchen, mehr als ein Jahr hindurch aufgebürdet hatte, bis sie endlich, als braves Kindchen...

"Erinnerst du dich, hm?"

Und der Alte - was heißt erinnern? Er sah sie förmlich noch vor sich im Haus herumlaufen, ganz winzigklein - so! Und er schüttelte lange Zeit den Kopf.

Sie waren allein zurückgeblieben, die beiden Alten, mit dem Waisenkind, das da von Kindesbeiden bei ihnen aufgewachsen war, und das die Freude ihres Alters hätte werden sollen; aber stattdessen, mit fünfzehn Jahren.... Nun, aber lebendig von ihr zurückgeblieben war doch - Triller und Flügel - die Erinnerung, der Distelfink. Dabei hatten sie ja zuerst nicht einmal an ihn gedacht! In der Verzweiflung, in die sie nach dem Unglück verfallen waren, wie hätten sie da an einen Distelfink denken können? Aber auf ihre gebugten Schultern, zuckend unter der Gewalt des Schluchzens, da hatte er, der Distelfink - ja, er, er - sich ganz von selbst sanft hingesetzt, hatte das Köpfchen dahin und dorthin gewendet, den Hals gereckt und dann einen kleinen Biß mit dem Schnabel liebevoll hinters Ohr, als wollte er sagen, daß... ja freilich, er war etwas, das von ihr lebendig geblieben war; lebendig, immer noch am Leben, etwas, das ihre Fürsorge brauchte, dieselbe Liebe, die sie für das Mädchen gehabt hatten.

Wie zitterte doch die klobige Hand des Alten, als er den Distelfink daraufsetzte, um ihn schluchzend seiner guten Alten zu zeigen! Was regnete es da Küsse auf dieses Köpfchen, auf dieses Schnäbelchen. Aber er wollte sich nicht von dieser Hand fangen, von ihr einsperren lassen, er schlug mit den Füßchen um sich, mit dem Köpfchen; er beantwortete die Küsse der beiden Alten mit Schnabelhieben.

Das Großmütterchen war ganz, ganz sicher, daß der Distelfink mit diesen Zwitschertönen noch immer sein kleines Frauchen rufen wollte, und daß er, wenn er hin und her durch die Zimmer flatterte, nach ihr suchte, ohne Ruhe und Rast nach ihr suchte, sich einfach nicht damit abfinden konnte, daß er sie nicht mehr fand; und daß das alles Reden war, die er an sie hielt, diese langgezogenen Triller; Fragen, ja, richtige Fragen, wie man sie mir Worten nicht deutlicher hätte stellen können. Dreimal, viermal hintereinander wiederholte er diese Fragen, die nach einer Antwort verlangten und den Ärger darüber verrieten, daß er keine bekam.

 

Aber wie denn, wenn es doch andererseits ebenso ganz, ganz sicher war, daß der Distelfink über den Tod Bescheid wußte? Wenn er es wußte, wen rief er dann? Von wem erwartete er eine Antwort auf seine Fragen, wie man sie mir Worten nicht deutlicher hätte stellen können?

Nun, mein Gott, er war eben doch ein Distelfink! Bald rief er nach ihr, bald beweinte er sie. Konnte man den ernsthaft daran zweifeln, daß er - in diesem Augenblick zum Beispiel, wenn er da ganz zusammengekauert auf dem Stab seines Käfigs saß, das Köpfchen eingezogen, das Schnäbelchen in die Höhe gereckt und mit halbgeschlossenen Augen - daß er da an das tote Mädchen dachte? So gewisse kurze, unterdrückte Piepstöne stieß er in solchen Augenblicken aus, und die waren doch der schlagendste Beweis dafür, daß er an sie dachte, sie beweinte und sich beklagte. Es zerriß einem förmlich das Herz, wenn man diese Piepstöne hörte.

Nein, der alte Großvater sagte ja gar nichts dagegen. Er war sich der Sache ja genauso sicher wie seine gute Alte! Und dennoch stieg er ganz sachte auf den Stuhl, als wollte er tatsächlich diesem armen gequälten Seelchen ein paar Trostworte zuflüstern, und dabei - fast, als wollte er selbst nicht dabei zusehen, was er tat - dabei öffnete er das Käfigtürchen, das zugefallen war.

"Da fliegt er davon! Na, da fliegt er, der Lausebengel!", rief der Alte, während er sich auf dem Stuhl umdrehte, mit lachenden Augen, die beiden Handflächen vorstreckend, als wollte er ihn aufhalten.

Und dann stritten Großpapa und Großmama. Sie stritten, weil sie es ihm schon hundertmal gesagt hatte, er solle ihn in Ruhe lassen, wenn er so im Käfig hockte, er solle ihn nicht in seinem Kummer aufscheuchen. Na, hörte er das jetzt?

"Er singt", sagte der Alte.

"Was heißt, er singt!", keifte sie zurück und zuckte die Achseln. "Der erzählt dir was Schönes! Der hat einen Affenzorn auf dich!"

Und sie lief hin, um ihn zu beruhigen. Aber wie wollte man ihn denn beruhigen? Er sprang hierhin und dorthin, richtig gekränkt war er. Und ganz zu Recht, denn er mußte ja den Eindruck haben, daß man in diesen Augenblicken keine Achtung vor ihm hatte.

Das Schöne war nur, daß der Großvater sich nicht nur all die Beschimpfungen der Großmutter geduldig anhörte, ohne ihr zu sagen, daß das Käfigtürchen zugefallen war, und daß der Distelfink vielleicht deshalb so klagend gepiepst hatte, nein, er weinte, als er seine gute Alte so reden hörte, während sie dem Distelfink nachlief und gestand es selbst ein, während er unter Tränen den Kopf schüttelte:

"Der Ärmste, er hat ganz recht... der Ärmste, er hat ganz recht... er meint, wir hätten keine Achtung vor ihm!"

Denn der Großvater wußte sehr gut, was es heißt, wenn man spürt, daß die anderen keine Achtung vor einem haben. Vor ihnen beiden, den armen Alten, hatte auch niemand mehr Achtung, sie waren das Gespött des Dorfes, weil sie nur noch für diesen Distelfink lebten, und weil sie sich selbst dazu verdammten, ständig bei geschlossenem Fenster lebten; ja, auch er, der alte Großvater, hatte sich dazu verdammt, die Nase nicht mehr vor die Türe zu stecken, denn er war zwar alt und heulte zu Hause wie ein kleines Kind, aber, he! - also auf der Nase herumtanzen hatte er sich noch von keinem lassen, und hätte einer auf der Straße auf die dumme Idee gekommen, sich über ihn lustig zu machen, dann hätte er sein Leben (was für einen Wert hatte das Leben denn noch für ihn?) wie nichts, jawohl, wie nichts aufs Spiel gesetzt. Jawohl, meine Herrschaften, für diesen Distelfink da, wenn jemand auf die dumme Idee gekommen wäre, ein falsches Wort zu sagen. Dreimal, in seiner Jugend, da stand es auf des Messers Schneide... da ging's um Kopf und Kragen oder wenigstens um die Freiheit! Ach, ihm lag nicht viel daran, die Augen auf immer zu schließen!

Jedes Mal, wenn diese gewalttätigen Gedanken sein Blut in Wallung brachten, stand der alte Großvater auf, oft mit dem Distelfink auf der Schulter, ging zum Fenster und sah mit grimmigem Blicken durch die Glasscheibe auf die Fenster der Häuser gegenüber.

Daß das dort Häuser waren, dort gegenüber, daß das Fenster waren, mit Rahmen und Scheiben, mit Brüstungen, Blumentöpfen und allem, was dazugehört; daß das Dächer waren, mit Rauchfängen, Ziegeln, Dachrinnen, daran konnte der alte Großvater nicht zweifeln - er wußte ja noch dazu, wem sie gehörten, wer dort drinnen war, und wie man dort wohnte. Das Schlimme war nur, daß ihm nicht im geringsten die Frage in den Sinn kam, was dagegen für den Distelfink, der auf seiner Schulter hockte, dieses sein eigenes Haus und die anderen Häuser gegenüber waren; und auch nicht, was sie für diesen prächtigen weißen Kater bedeuteten, der auf dem Fensterbrett des Fensters gegenüber hockte und sich mit geschlossenen Augen die Sonne auf den Pelz scheinen ließ. Fenster? Glasscheiben? Dächer? Ziegel? Mein Haus? Dein Haus? Für diesen riesigen weißen Kater: Mein Haus? Dein Haus? Aber wenn er nur hineingelangen konnte, waren doch alle Häuser sein! Häuser? Was heißt denn Häuser! Orte, wo man etwas mitgehen lassen konnte; Orte, wo man mehr oder weniger bequem schlafen konnte; oder auch, wo man sich schlafend stellen konnte.

Glaubten denn die beiden alten Großeltern tatsächlich, wenn sie immer Fenster und Türe des Hauses geschlossen hielten, könnte ein Kater, wenn ihm wirklich daran läge, nicht einen anderen Weg finden, ins Haus zu gelangen und diesen Distelfink zu verspeisen?

Und war es nicht wirklich ein bißchen zu viel verlangt, daß der Kater wissen sollte, daß dieser Distelfink für die beiden alten Großeltern alles war, was sie im Leben noch hatten, weil er ihrer verstorbenen Enkelin gehört hatte, die ihn so gut abgerichtet hatte, daß er im Haus frei herumfliegen konnte, außerhalb des Käfigs? Und daß er wissen sollte, daß der alte Großvater, als er ihn einmal hinter einem der Fenster auf der Lauer liegen und durch das Glas den sorglosen Flug des Distelfinks durch die Zimmer beobachten gesehen hatte, wütend zu seinem Besitzer gelaufen war, um ihn zu warnen, wehe, wehe, wenn er noch einmal dieses Katzenvieh dort erwischen würde? Dort? Wann? Wie? Das Frauchen... die Großeltern... das Fenster... der Distelfink?

Und so verspeiste er ihn eines Tages - aber freilich, diesen Distelfink, der seinetwegen auch ruhig ein anderer Vogel hätte sein können, er verspeiste ihn, nachdem er, Gott weiß wie, sich in das Haus der beiden Alten geschlichen hatte. Die Großmutter - es war schon fast Abend - vernahm von drüben gerade so etwas wie ein leises Klagen, einen unterdrückten Piepser; der Großvater eilte herbei, sah gerade noch etwas Weißes durch die Küche davonhuschen und ein paar kleine Brustfedern, die allerzartesten, auf dem Boden verstreut, wo sie sich in dem Lufthauch seines Eintretens auf dem Marmorboden ganz sachte bewegten. Welch ein Schrei! Seine gute Alte versuchte ihn vergeblich zurückzuhalten, der Großvater packte sein Gewehr und lief wie ein Verrückter zum Haus der Nachbarin. Nein, nicht die Nachbarin, den Kater, freilich, den Kater wollte er erschießen, der Alte, dort, vor ihren Augen. Und so schoß er in das Eßzimmer hinein, als er ihn dort seelenruhig auf der Kredenz sitzen sah, schoß einmal, zweimal, dreimal, bis das Geschirr in Brüche ging und der Sohn der Nachbarin, seinerseits mit einem Gewehr bewaffnet, hinzustürzte und auf den Alten anhielt.

Eine Tragödie. Unter Schreien und Weinen trug man den Großvater sterbend, mit einer Schußwunde in der Brust in sein Haus zurück, zu seiner guten Alten.

Der Sohn der Nachbarin war in den Wald geflohen. Zwei Familien waren ruiniert; das ganze Dorf war eine Nacht lang in hellem Aufruhr.

Und der Kater konnte sich einen Augenblick später schon gar nicht mehr daran erinnern, daß er einen Distelfink gefressen hatte - einen beliebigen Distelfink; und er hatte nicht einmal begriffen, daß der Alte auf ihn geschossen hatte. Er hatte einen riesigen Luftsprung gemacht, als es krachte, war davongelaufen, und nun - da war er wieder - nun lag er ganz friedlich, so sehr weiß auf dem schwarzen Dach, und betrachtete die Sterne, die aus der tiefschwarzen Neumondnacht herausguckten und dabei - da kann man ganz sicher sein - nicht im geringsten von den armseligen Dächern dieses kleinen Dorfes zwischen den Bergen Notiz nahmen. Und doch leuchteten sie so hell gerade darüber, daß man hätte schwören mögen, sie sähen in dieser Nacht nichts anderes an.

© Michael Rössner.

Der Nagel - (Il chiodo - 1937)

aus dem Italienischen von Michael Rössner 

Italienische Version

 

Der Junge hat gestanden, daß er diesen Nagel da gefunden hatte, als er im Schwarzenviertel Harlem eine Straße überquerte. Es war ein großer, rostiger Nagel, der vielleicht von einem kurz zuvor über diese Straße gefahrenen Wagen heruntergefallen sein mochte.

Absichtlich heruntergefallen.

„Wie denn, absichtlich?“

Es nützt nichts, die Augen sperrangelweit aufzureißen oder im Sessel hochzufahren. Wenn man dem nicht Rechnung tragen wollte, und der Art, in der der Junge das sagte, ruhig, überzeugt, aber in den gläsernen Augen noch den Schrecken über die unverständliche und unerklärliche Sache festhaltend, die ihm widerfahren war, dann hatte es gar keinen Sinn, ihn weiter zu befragen.

Dieser Nagel lag dort, mitten auf der ausgestorbenen Straße, und er stach dort so sehr ins Auge, daß er in unwiderstehlicher Weise nicht bloß den Blick, sondern auch die Hand des zufällig Vorübergehenden anzog, der sich gezwungen sah, sich herabzubeugen, um ihn aufzuheben, ohne zu wissen, was er damit anfangen sollte, sei es auch nur, um ihn kurze Zeit später auf der Straße wieder wegzuwerfen.

Tatsächlich sagt der Junge, er habe nie daran gedacht, daß er ihn später verwenden könnte; daß er nicht einmal daran gedacht hatte, während er schon dabei war, ihn zu verwenden. Er hatte ihn in der Hand, weil er nicht anders konnte als ihn aufzuheben; aber da dachte er schon nicht mehr daran. Der Nagel war ja schon „ruhig geworden“ in seiner Hand (ja, so hat er gesagt, und allen ist es kalt den Rücken hinuntergelaufen, als sie ihn das sagen hörten), der Nagel war schon „ruhig geworden“ in seiner Hand, weil er ‑ wie er es gewollt hatte ‑ aufgehoben worden war.

 

Und so ‑ immer noch nach der Erzählung des Jungen ‑ hatten zwei Straßenmädchen, während er eben dabei war, aus der Straße, auf welcher er den Nagel aufgehoben hatte, in eine andere einzubiegen, hatten zwei Straßenmädchen also, die eine vielleicht vierzehn, die andere kaum acht Jahre alt, zu raufen begonnen. In Brand geraten in einem Feuerschein der untergehenden Sommersonne, wurden sie zu einem Knäuel aus Armen, aus Beinen, aus Lumpen und aus Haaren; und auf der Stelle hatte er sich ohne nachzudenken auf sie gestürzt, die Faust gehoben und den Nagel in den Kopf der kleineren der beiden gebohrt; dann, sogleich danach, in Wahrheit aber nach einer unendlich langen Zeit, als er sie tot daliegen sah, als wäre sie es immer schon gewesen, zu seinen Füßen ganz blutüberströmt zusammengesunken, war er inmitten des Entsetzens der herbeigelaufenen Leute wie betäubt zurückgeblieben.

Warum er die Kleine durchbohrt hatte und nicht die Große, das wußte er nicht zu sagen. Er kannte weder die eine noch die andere. Er hatte nicht einmal Zeit gehabt, ihnen ins Gesicht zu sehen. Er hatte bloß gesehen, daß die Große die Kleine an den Haaren an der Schläfe gepackt hatte, und daß diese Haare der Kleinen kupferrot waren, und eine ihrer Hände, krallenartig gekrümmt, im Gesicht der Großen, die ihr von unten gräßlich ein Auge nach oben drückte, so daß das gesamte Weiße des Auges zu sehen war, das fast aus der Höhle sprang.

Vielleicht war es wegen der Farbe der Haare gewesen, wegen dieses so scheußlich verschobenen Auges. Denn danach hatte man erfahren, daß die Große an der Sache schuld gewesen war, die der Kleinen einen Streich hatte spielen und dabei deren Schwächlichkeit ausnützen wollte, kränklich, wie das Mädchen nun einmal war, das sah man doch gleich beim Anblick ihres spitzen, ausgezehrten Gesichtchens, das dort auf dem Boden, inmitten der Blutlache, aussah wie aus Wachs, ein Jammer, dieses Näslein, dieses Mündchen, und all diese Sommersprossen dazu. Kein Zweifel, daß sie bei der Rauferei zu guter Letzt den Kürzeren gezogen hätte.

Und mit diesem Nagel hatte er sie getötet. 

Nun, nach dem Verhör, lauscht er, gebeugt auf seinem Stuhl, mit einer düsteren Verwunderung in den Augen, die schmalen Hände auf den Knien, mit den Malen von Kratzern, die er sich vielleicht selbst zugefügt hat, ohne es auch nur zu bemerken. Er lauscht den Gründen, die die anderen sich ausdenken, um seine Tat zu erklären.

Seine Verwunderung gilt dem Umstand, daß es so viele sein können, so viele solche Gründe, während er nicht einmal einen einzigen zu sehen vermag; und alle scheinen wahr und einleuchtend, sowohl die, die für ihn als auch die, die gegen ihn sprechen.

Aber ja, auch ihm erscheinen sie wahr und einleuchtend, freilich nur wenn er sich dazu hinreißen läßt, sie als ein Konstrukt aus geistreichen Vermutungen und Eingebungen zu betrachten, das nicht eigentlich auf ihn und seine Tat bezogen werden kann; sonst nicht; ein paar würden ihn geradezu zum Lachen reizen, wenn ihn nicht die allgemeine Beklemmung zurückhalten würde, und noch etwas anderes, was man ihm dort vor die Augen hält, auf dem Tisch des Richters: der Nagel, dessen Rost einen noch ein wenig dunkleren Rotton angenommen hat; und noch etwas hält ihn zurück, das Schrecklichste von allem, etwas, das er im tiefsten Grund seines Herzens vor sich selbst verborgen hält, als müßte er sich dafür schämen. Aber es ist  keine Scham. Es ist Schreck. Ein verzweifeltes Mitleid, eine trostlose Liebe ist da in ihm allmählich zu ihr entstanden, von der er erst jetzt erfahren hat, daß sie Betty hieß; nur so, Betty; denn nur unter ihrem Vornamen war sie bekannt, und tatsächlich hat sich keiner ihrer Angehörigen gemeldet.

Mit diesem geheimen Gefühl im Herzen, das ihn förmlich auffrißt, ist es ihm völlig gleichgültig, ob die Leute, die da sprechen, gegen die Wahrheit verstoßen und etwas gegen ihn sagen; im Gegenteil, es ist ihm ganz recht, denn alles, was die da an Ungerechtem sagen, beweist ihm immer mehr, daß wahr vielmehr das andere ist, an das niemand glauben will, daß nämlich dieser Nagel absichtlich dort hingefallen ist, und das von Betty und dem anderen Mädchen, daß die nämlich, gerade als er in die Straße einbog, ebenfalls absichtlich zu Raufen begonnen hatten, absichtlich, damit er, von dieser Rauferei dazu angeregt, sich einzumischen, ohne daß er noch daran gedacht hätte, daß er ja mit diesem Nagel bewaffnet war, die grauenhafte Ungerechtigkeit begehen müßte, eine Unschuldige zu töten. Und übrigens ist das nicht wahr, Betty, das mit deinen Haaren; daß deine roten Haare nicht schön gewesen wären. Sie waren schön, jawohl, sie waren schön und sie standen dir wunderbar. Und was liegt schon daran, daß du all diese vielen Sommersprossen in deinem spitzen Gesichtchen hattest? Wenn du nur die Augen aufmachen würdest, die ich nicht einmal zu Gesicht bekommen habe! Ach wäre doch nur das Wunder geschehen, daß du da auf der Erde, in all diesem Blut, plötzlich, damit allen der Schreck vergeht, den Schalk von zwei leuchtenden Äuglein hättest aufblitzen lassen. Aber dieses Wunder ist nicht geschehen. Deine Äuglein habe ich nur geschlossen gesehen, auf immer geschlossen. Vielleicht konntest du, armes krankes Mädchen, auch gar keine leuchtenden Äuglein haben. Macht nichts, macht nichts: mach sie trotzdem auf, Betty, mach sie auf und lächle. Kann sein, es fehlt dir der eine oder andere Zahn; du wirst noch nicht alle zweiten Zähne haben; macht nichts, lächle trotzdem. aber diese weißen Lippen, diese weißen Lippen: man muß sofort das ganze Blut abwaschen.

Ein epileptischer Anfall? Wer redet da von einem epileptischen Anfall?

Sie meinen ihn damit, und sie erklären alle Symptome dieser Krankheit. Aber er ist ganz sicher, nie etwas dergleichen gespürt zu haben. Kann es sein, daß er diese Krankheit hat ohne es zu wissen, daß sie bis zum Augenblick des Delikts verborgen geblieben und dann plötzlich in ihm ausgebrochen ist?

Also, wenn sie weiter solche Dinge sagen, dann bricht ihm das Herz oder er schnappt über.

Aber jetzt reden sie von bösartigen Trieben.

Das ist ihm lieber, wenn sie das sagen, denn das ist nicht wahr. Er, bösartige Triebe? Er hat doch nie bei all den Grausamkeiten seiner Schulkameraden in den Pausen, gegen ein kleines Tier oder ein Insekt, zusehen können, ohne sich dagegen aufzulehnen. Also, gezeigt hat er sie nie, diese bösartigen Triebe. Und wenn die glauben, daß dieser vom Boden aufgehobene Nagel ein Beweis dafür sei, dann ist das ja zum Lachen. Die kennen ihn nicht. Die sprechen gar nicht von ihm. Kein Trieb ist in ihm erwacht, als er diesen Nagel aufgehoben hat. Er hat ihn aufgehoben, ohne überhaupt an das zu denken, was er tat; und er war so weit fort mit seinen Gedanken, daß er während des ganzen Stück Weges, den er zurücklegte, ehe er in die andere Straße einbog, nur an einen Wagen gedacht hatte, an einen Wagen, von dem dieser Nagel heruntergefallen sein könnte, einen Wagen, der vielleicht jetzt aufs Land fuhr, in die Ferne. Denn er war gerade in diesen Tagen vom Land zurückgekommen, wo er mit der Familie die Ferien verbracht hatte, den Sommer, und er hatte so viele solcher Karren über die Wege inmitten des hohen Grases fahren sehen. Aber im übrigen mögen sie doch sagen, was sie wollen; mögen sie doch die absurdesten Vermutungen anstellen, ihm liegt an gar nichts mehr etwas: Er ist schon weit weg, auf dem Land, in Old Lime, wo er den Sommer verbracht hat, er sieht wieder die Villa vor sich und die herrliche Landschaft in der heiteren Sommerluft; das Segelboot des Vaters, das am Ufer des Flusses, des Connecticut, vor Anker liegt, der so viel blauer ist als das Meer, zwischen all dem Grün ringsumher; er ist mit dem Vater auf diesem Boot bis zum Ozean gefahren; weiter hat die Mama nicht erlaubt, daß er mitfährt. Das Boot war ja so klein, mitsamt dem Segel; aber die Villa war groß, mit den vielen falschen Säulen in der Fassade, und auf allen Seiten umgeben von lauter großen, schönen Bäumen, von denen der Großvater sicher war, es seien Eukalyptusbäume, und die der Vater Platanen und Buchen nannte; Eukalyptus, Eukalyptus; Platanen, Buchen; Tatsache war jedenfalls, daß sie viel Schatten machten, denn in der Villa sah man fast gar nichts, und es war besser, die Tage draußen zu verbringen; außerdem, dazu fährt man ja schließlich aufs Land; die Mutter schrie ihm nach, er solle nicht zu weit fortgehen; und sie erklärten den Freunden, die sie besuchen kamen, auf der Hausbank sitzend, daß diese Villa das älteste Haus in Old Lime sei, und eines der ältesten Häuser in ganz Amerika; während er glücklich wie ein Verrückter am Flußufer entlang lief oder sich in der Landschaft verlor, mitten in dem Gras, das so hoch und so dicht stand und so sehr nach all den Säften der Erde roch, daß es einen fast erstickte und berauscht machte. Aber jetzt kann er nicht mehr allein sein. Jetzt ist er da inmitten all dieses Grases mit Betty; er will mit ihr spielen; aber zuerst will Betty nicht; dann gibt sie ihm ihre kleine Hand, eine noch ganz kalte Hand, eiskalt, so daß einen ein Schauder überläuft, wenn man sie anfaßt; man braucht nicht mehr daran zu denken; er beugt sich hinab, um sie anzusehen; nun folgt sie ihm mit gesenktem Kopf, den Finger der anderen Hand in den Mundwinkel gesteckt. Sie gehen und gehen. Aber so ist’s ja sinnlos, wenn sie nicht spielen sollen. Will sie nicht mehr spielen? Sie kann nicht? Was dann? Will sie sich wieder zu Boden werfen? Nein! Nein! Betty ist jetzt geheilt, sie muß wieder strahlen und lachen, jawohl, lachen. Aber Betty bleibt stehen und winkt ihm mit der Hand, er solle ein bißchen warten. Was denn? Sie muß einen Augenblick zur Seite gehen, nur für einen kleinen Augenblick. Ein Bedürfnis. Ihm ist das ein bißchen peinlich. Er mag das gar nicht, daß Mädchen gewisse Dinge aussprechen. Aber da kommt statt ihrer aus der Gegend, in der sie sich verstecken wollte, ein anderes Mädchen; nein, es ist nicht das von der Rauferei; es ist eine seiner Cousinen, dick und häßlich, fast so alt wie er, sie ist aus Harlem mit ihrer Mutter gekommen, um den ganzen Tag auf dem Land zu verbringen; er kann sie nicht ausstehen. Wo ist Betty hingegangen? Da ist sie, dort hinten, weit, weit weg, sie läuft; sie hat diesen Vorwand gewählt, um davonzulaufen; sie hat Angst vor ihm. Nein, nein Betty; er wird dir nicht mehr weh tun; er würde sein Leben dafür geben, dich wieder lebendig zu machen, er wird dich seinen Platz in dem Haus einnehmen lassen. Nun bist du hier. Die Mama wird dafür sorgen, daß du ordentlich gewaschen wirst. Und dann fort mit all diesen Lumpen; sie wird dir ein neues Kleid anziehen, in einer Farbe, die dir gut steht, die zu deinen roten Haaren paßt, ein blauviolettes Kleidchen; ach, wie du jetzt entzückend aussiehst; schade, daß er nicht mehr da sein kann, um dich zu sehen, wenn er sein Leben für dich gegeben hat; und du wirst immer so klein bleiben, hier auf dem Land, ohne je für irgend jemand groß zu werden; auf dem Land wie in einem Paradies, Betty. 

Sie haben ihn nicht angeklagt.

Als er freigesprochen wurde, ließ sich der Junge nichts anmerken. Nur ein Seufzer ist ihm entschlüpft. Es ist sicher, daß er aus Kummer über Betty sterben wird.

Aber vielleicht wird er auch nicht sterben. Die Jahre werden vergehen. Und vielleicht wird er als Großer manchmal an Betty denken. Und dann wird er sie sehen, immer noch klein, wie sie auf ihn wartet, auf dem Land, in Old Lime, in ihrem immer noch ganz neuen blauvioletten Kleid, das so gut zu ihren roten Haaren paßt.

© Michael Rössner.

 

Novellen - Vorbemerkung


Pirandello auf Deutsch - Index


Anfangenseite

 

Der Tod am Leib - (La morte addosso - 1923)

 

Erstveröffentlichung August 1918 unter dem Titel Caffè notturno - "Nachtcafé" in der Zeitschrift La Rassegna italiana. Die Novelle wurde ohne größere Veränderungen (der gesprochene Text ist im wesentlichen deckungsgleich) 1923 als Einakter unter dem Titel L'uomo dal fiore in bocca ("Der Mann mit der Blume im Mund") uraufgeführt (siehe Bd. 9? unserer Ausgabe). Keine wesentlichen Varianten bekannt.

Aus dem Italienischen von Georg Richert, für die Novellenfassung überarbeitet von Michael Rössner.

Italienische Version

 

- Hm, was ich sagen wollte... Sie sind offenbar ein ruhiger Mensch... Haben Sie den Zug verpaßt?

- Um eine Minute, sag ich Ihnen. Ich komme gerade am Bahnhof an, und da fährt er mir vor der Nase weg.

- Sie hätten doch hinterherlaufen können!

- Ja, das schon. Ich weiß, es ist lächerlich. Mein Gott, wenn ich bloß nicht diese vielen Pakete, Päckchen und Schächtelchen gehabt hätte! Beladen wie ein Lastesel! Aber die Damen... noch ein Auftrag, noch eine Besorgung... die finden ja kein Ende. Als ich aus dem Wagen sprang - glauben Sie mir, ganze drei Minuten habe ich gebraucht, um die Schlingen all dieser Päckchen an die Finger zu hängen; an jeden Finger zwei.

- Das muß hübsch gewesen sein! Wissen Sie, was ich getan hätte? Ich hätte sie im Wagen liegen lassen.

- Und meine Frau? Ich danke. Und meine Töchter? Und alle ihre Freundinnen?

- Schreien lassen! Ich hätte mich königlich amüsiert dabei.

- Sie haben wohl keine Ahnung, was in der Sommerfrische aus Frauen wird!

- Und ob ich das weiß! Gerade weil ich es weiß. Alle Frauen sagen, sie brauchten überhaupt nichts.

- Wenn es nur das wäre! Die behaupten doch glatt, sie führen nur aufs Land, um zu sparen. Und dann, kaum angekommen in irgendeinem Nest hier in der Gegend... je häßlicher es ist, je armseliger und schmutziger, desto mehr sind sie versessen darauf, es mit ihren allerauffälligsten Plundern und Klunkern zu verschönern! Ja, die Frauen, mein Lieber! Aber schließlich ist es ja ihr Beruf... "Wenn du mal kurz in die Stadt fahren könntest, Lieber! Ich brauche dringend dies und das... und könntest du dabei nicht auch gleich, natürlich nur, wenn es dir nichts ausmacht... (herrlich, dieses "wenn es dir nichts ausmacht"!) und dann, wenn du schon einmal dort bist, du kommst sowieso da vorbei..." - aber meine Liebe, wie soll ich denn das alles in drei Stunden erledigen?" "Ach, red' doch nicht! Wenn du dir einen Wagen nimmst..." - Zu allem Unglück bin ich auch noch ohne Hausschlüssel, weil ich ja nur drei Stunden bleiben wollte.

 

- So ein Pech! Und nun?

- Ich habe diesen Berg von Paketen und Päckchen in der Gepäckaufbewahrung gelassen im Bahnhof, bin essen gegangen und dann ins Theater, um den Ärger auszuschwitzen. Man kam dort fast um vor Hitze. Als ich wieder auf der Straße stehe, frage ich mich: was mache ich jetzt? Es ist schon zwölf. Um vier nehme ich den ersten Zug. Für drei Stunden Schlaf lohnt sich das Geld für die Übernachtung nicht. Und so bin ich nun hier. Dieses Café macht doch nicht zu, wie?

- Nein, es macht nicht zu. Und Sie haben also Ihre Päckchen alle auf dem Bahnhof gelassen?

- Warum fragen Sie das? Sind Sie dort vielleicht nicht sicher? Sie waren alle gut verschnürt.

- Nein, nein, das meine ich nicht. Gut verschnürt, das kann ich mir denken, mit all der Kunstfertigkeit, mit der die jungen Verkäufer beim Einpacken zu Werke gehen... Was für Hände! Ein schöner, großer Bogen starkes Papier, rot, glänzend... schon den anzusehen, ist ein Vergnügen... so glatt, daß man am liebsten sein Gesicht drauf legen möchte, um die kühle, zärtliche Berührung zu spüren... Sie breiten ihn auf dem Tisch aus und legen dann ganz nonchalant den leichten, gut gefalteten Stoff in die Mitte. Zuerst heben sie mit dem Handrücken einen Rand von unten in die Höhe, holen dann von oben den anderen herunter und falten dabei flink und graziös einen Umschlag, wie eine Zugabe, l'art pour l'art. Danach legen sie den Bogen von der einen und dann von der anderen Seite zum Dreieck und schlagen die beiden Spitzen unter, greifen mit einer Hand nach der Bindfadenrolle, ziehen gerade so viel ab, wie sie brauchen, verschnüren so rasch, daß man nicht einmal Zeit hat, ihr Können zu bewundern, schon präsentieren sie das Paket mit der fertigen Schlaufe, so daß man den Finger hineinstecken kann.

- Man sieht, Sie haben die jungen Verkäufer sehr aufmerksam beobachtet.

- Ich? Ganze Tage verbringe ich damit, mein lieber Herr. Ich kann stundenlang stehen und durch die Scheibe in einen Laden schauen. Ich vergesse mich völlig. Mir ist, als ob ich selbst... Ich möchte wirklich dieser Stoff dort sein, diese Seide... dieses gestreifte Leinen... dieses rote oder himmelblaue Band, das die Lehrmädchen im Kurzwarengeschäft, nachdem sie es abgemessen haben am Metermaß... haben Sie schon einmal gesehen, wie sie das machen?... wenn sie es sich wie eine Acht über Daumen und kleinen Finger der linken Hand wickeln, ehe sie es einpacken. Ich beobachte den Kunden oder die Kundin, die mit dem Paket am Finger oder in der Hand oder unterm Arm aus dem Laden herauskommen... ich folge ihnen mit den Blicken, bis ich sie aus den Augen verliere... und dabei denke ich mir... mein Gott, was denke ich mir nicht alles dabei! Sie können sich das gar nicht vorstellen. Aber mir hilft das. Es hilft mir.

- Es hilft Ihnen? Verzeihen sie... wobei denn?

- Mich so - ich meine, mit der Einbildungskraft - an das Leben zu klammern. Wie eine Kletterpflanze an die Stäbe eines Gitters. Ah, man darf die Phantasie keinen Augenblick zur Ruhe kommen lassen, man muß durch sie unaufhörlich mit dem Leben der anderen verbunden sein... aber nicht mit dem der Leute, die man kennt. Nein, nein. Das könnte ich nicht. Das wäre mir unangenehm, wenn sie es wüßten, sogar ekelhaft. Mit dem Leben der Fremden, an denen sich meine Phantasie ungehemmt betätigen kann, aber nicht etwa nur so, aus einer Laune heraus, nein... sie bezieht die allerkleinsten Dinge mit ein, die ich bei diesem oder jenem entdeckt habe. Wenn Sie wüßten, wie sehr und wie sie arbeitet, diese Phantasie! Wie weit ich mich einzudringen traue! Ich sehe das Haus von diesem oder jenem: ich lebe dort, ich habe das Gefühl, wirklich dort zu sein, so sehr, daß ich sogar spüre... kennen Sie diesen besonderen Geruch, der in jedem Hause hängt?... in Ihrem genau so wie in meinem. Aber in unserem eigenen spüren wir ihn nicht mehr, weil es der Geruch unseres Lebens ist, verstehen Sie? Ich sehe, daß Sie meiner Meinung sind...

- Ja, weil... ich meine, es muß ein großes Vergnügen für Sie sein, sich so viel vorzustellen...

- Vergnügen? Für mich?

- Ja... das denke ich mir so...

- Hören Sie... sind Sie je bei einem tüchtigen Arzt gewesen?

- Ich? Nein. Warum? Ich bin doch nicht krank!

- Nein, keine Angst! Ich frage nur, um zu hören, ob Sie je im Hause eines solchen Arztes das Zimmer gesehen haben, in dem die Patienten warten, bis sie dran sind zur Untersuchung.

- Oh ja. Einmal mußte ich eine von meinen Töchtern begleiten. Sie hatte was mit den Nerven.

 

- Gut. Ich will gar nichts Näheres wissen. ich meine nur, dieses Wartezimmer... Haben Sie darauf geachtet? Ein altmodisches dunkles Sofa... Polstersessel, die meist nicht zueinander passen... Lehnstühle... lauter Gelegenheitskäufe aus dem Trödlerladen, hingestellt für die Patienten, sie gehören gar nicht zur Wohnung. Der Herr Doktor hat für sich, für die Freundinnen seiner Frau einen ganz anderen Salon, einen eleganten, schönen. Was meinen Sie, wie sich so ein Sessel, so ein Stuhl aus dem Salon, wenn man ihn ins Wartezimmer brächte, mit dieser einfachen, billig-bescheidenen Einrichtung beißen würde, die für die Patienten genügt. Ich möchte wissen, ob Sie sich, als Sie mit Ihrer Tochter dort waren, den Sessel oder Stuhl, auf dem Sie saßen und warteten, genau angesehen haben.

- Ich? Nein, eigentlich nicht.

- Das glaube ich. Weil Sie nicht krank waren... Aber häufig achten nicht einmal die Kranken darauf, so erfüllt sind sie von ihren Leiden. Und doch, wie oft hocken da welche und starren auf ihren Finger, der vergebliche Signale auf die blanke Armlehne des Sessels klopft, auf dem sie sitzen. Sie denken nach, aber sie sehen nicht. Und wie merkwürdig ist es, wenn man nach der Untersuchung durch das Wartezimmer geht und den Stuhl wiedersieht, auf dem man kurz zuvor gesessen und darauf gewartet hat, was der Arzt sagen würde über die Krankheit, die man noch nicht kennt. Ein anderer Patient sitzt darauf, auch er mit einem geheimen Leiden, oder der Stuhl ist leer und wartet gleichgültig auf irgendjemanden, der sich draufsetzt. Aber wovon sprachen wir? Ach ja... von dem Vergnügen, sich etwas vorzustellen. - Merkwürdig, daß ich sofort an einen Sessel aus diesen Wartezimmern gedacht habe, in denen die Patienten auf die Untersuchung warten.

- Ja... wirklich...

- Sehen Sie da keinen Zusammenhang? Ich auch nicht. Aber es ist so: gewisse Erinnerungen an Bilder, die keine Beziehung zueinander haben, sind für jeden von uns so persönlich, durch so besondere Gründe und Erfahrungen bestimmt, daß der eine den anderen nicht mehr verstünde, wenn wir im Gespräch nicht vermeiden würden, sie zu erwähnen. Es ist oft nichts unlogischer als diese Analogien. Aber schauen Sie, vielleicht kann das ein Zusammenhang sein: Hätten diese Stühle Spaß daran, sich vorzustellen, wer der Patient ist, der sich auf sie setzt und auf die Untersuchung wartet? Welche Krankheit er hat? Wohin er nach der Untersuchung gehen und was er tun wird? Gar keinen Spaß. Und mir geht es genau so. Gar keinen! Es kommen so viele Patienten, und sie stehen da, die armen Stühle, nur um in Beschlag genommen zu werden. Nun, mir geht es auch nicht viel anders. Ich werde auch in Beschlag genommen, mal von diesem, mal von jenem. Im Augenblick sind Sie es, der mich in Beschlag nimmt, und Sie können mir glauben, ich habe nicht den geringsten Spaß an dem Zug, den Sie verpaßt haben, an der Familie, die in Ihrem Urlaubsquartier auf Sie wartet, und auch nicht an all dem Ärger, den ich bei Ihnen vermuten kann...

- Und was für welchen, hören Sie!

- Danken Sie Gott, wenn es nur Ärger ist! Manch einem geht es schlimmer, lieber Herr. Ich sage Ihnen, für mich ist es notwendig, daß ich mich mit meiner Phantasie an das Leben der anderen klammere, aber nur so, ohne Spaß daran, ohne mich überhaupt dafür zu interessieren, im Gegenteil... im Gegenteil... nur um die ganze Plackerei darin zu erkennen, um zu sehen, wie dumm und leer es ist, dieses Leben, so daß es wirklich niemandem etwas ausmachen sollte, damit Schluß zu machen. Und das kann man gut zeigen, wissen Sie? Durch fortgesetzte Beweise und Beispiele kann man sich das selbst vor Augen führen, unerbittlich. Denn, mein Lieber, wir wissen nicht, worin sie besteht, aber sie ist da, sie ist da, wir alle spüren sie hier, in der Kehle, fast wie eine Angst, diese Lust zu leben, die sich nie zufrieden gibt, die sich nie zufrieden geben kann, denn das Leben ist in dem Moment, in dem wir es leben, so gierig auf sich selbst, daß man seinen Geschmack gar nicht genießen kann. Geschmack hat bloß die Vergangenheit, die in uns weiterlebt. Die Lust zu leben kommt von dorther zu uns, von den Erinnerungen, an die wir gefesselt sind. Aber gefesselt woran? An jene Dummheit, an diese Scherereien, an so viele törichte Illusionen, läppische Beschäftigungen... ja, ja. Das, was hier jetzt eine Dummheit ist... das, was uns hier jetzt lästig ist... ich möchte sogar behaupten, das, was jetzt für uns ein Unglück ist, ein wirkliches Unglück... tja, nach einem Abstand von vier, fünf, zehn Jahren... wer weiß, was für einen Geschmack das dann bekommen kann... wie diese Tränen dann schmecken! Und das Leben, mein Gott, bei dem bloßen Gedanken es zu verlieren... besonders, wenn man weiß, daß es nur eine Frage von Tagen ist... - Da... sehen Sie dort? Da, an der Ecke... sehen Sie den Schatten der Frau?... Sie hat sich versteckt.

- Wieso? Wer... wer war das?

- Haben Sie sie nicht gesehen? Sie hat sich versteckt.

- Eine Frau?

- Ja, meine Frau...

- Ach! Ihre Frau?

- Sie überwacht mich von weitem. Glauben Sie mir, am liebsten möchte ich sie mit Fußtritten verjagen. Aber das wäre zwecklos. Sie ist wie eine dieser streunenden, störrischen Hündinnen. Je mehr man sie wegstößt, umso dichter bleiben sie einem auf den Fersen. Was diese Frau durch mich zu leiden hat, das können Sie sich gar nicht vorstellen. Sie ißt nicht mehr, sie schläft nicht mehr, sie folgt mir Tag und Nacht, so... immer mit Abstand. Wenn Sie wenigstens diese alte Dohle, die sie auf dem Kopf trägt, und ihre Kleider mal abbürsten würde! Sie sieht gar nicht mehr aus wie eine Frau, eher schon wie ein Scheuerlappen. Auch ihre Haare an den Schläfen sind für immer mit grauem Staub bedeckt. Dabei ist sie gerade erst vierunddreißig. Sie glauben gar nicht, wie rasend sie mich macht. Manchmal stürze ich mich auf sie und schreie sie an: "Du blödes Weib!" und schüttele sie dabei. Sie nimmt alles hin, steht da und schaut mich an mit einem Blick, daß es mich in den Fingern juckt, daß mich eine wilde Lust überkommt, sie zu erwürgen. Aber nichts. Sie wartet, bis ich weitergehe, und dann läuft sie wieder hinter mit her. - Da, sehen Sie... sie schaut schon wieder um die Ecke.

- Die arme Frau...

- Was heißt da arme Frau! Sie möchte, verstehen Sie, daß ich ruhig und friedlich zu Hause hocke und es mir bei ihrer liebevollen, aufopfernden Pflege wohl sein lasse. Ich soll mich über die vollendete Ordnung in all den Zimmern, über die Sauberkeit all der Möbel freuen, über die Ruhe, wie sie in meiner Wohnung herrschte, die nur durch das Tick-Tack der Pendeluhr im Speisezimmer unterbrochen wurde. Das möchte sie! Und nun frage ich Sie, um Ihnen die Absurdität verständlich zu machen - ach, was heißt Absurdität! - die makabre Grausamkeit dieser Zumutung: ich frage Sie, würden Sie es für möglich halten, daß die Häuser von Avezzano, die Häuser von Messina ruhig im Mondschein auf ihren Straßen und Plätzen, wo sie nach den Plänen des Bauamtes hingehörten, stehengeblieben wären, hätten sie gewußt, daß in Kürze ein Erdbeben sie zertrümmern würde? Häuser aus Balken und Steinen, bei Gott, die wären davongelaufen! Stellen Sie sich nur die Einwohner von Avezzano, die Bürger von Messina vor, die sich seelenruhig ausziehen, um zu Bett zu gehen, die ihre Kleider zusammenlegen, ihre Schuhe vor die Tür stellen und unter die Decke kriechen, sich über das weiße, frische Laken freuen, und all das in dem Bewußtsein, daß sie in wenigen Stunden tot sein werden. - Halten Sie das für möglich?

- Aber vielleicht will Ihre Frau...

- Lassen Sie mich ausreden! Ja, wenn der Tod wie eines dieser merkwürdigen, ekelhaften Insekten wäre, das irgendjemand unversehens auf unserem Rücken entdeckt... Sie gehen auf der Straße... ein Passant hält Sie plötzlich auf, streckt zwei Finger aus, vorsichtig, und sagt zu Ihnen: "Verzeihung, gestatten Sie? Mein Herr, Sie tragen da den Tod auf dem Leib!" Und mit zwei vorgestreckten Fingern packt er ihn und wirft ihn fort... das wäre wunderbar! Aber der Tod ist nicht wie eines dieser ekelhaften Insekten. Wie viele, die unbeschwert und ahnungslos daherspazieren, haben ihn vielleicht am Leib. Niemand sieht ihn; und Sie denken sorglos und friedlich an das, was Sie morgen oder übermorgen vorhaben. Nun, ich, mein Lieber, da... kommen Sie hierher... hierher, unter diese Laterne... kommen Sie... ich zeige Ihnen etwas... Sehen Sie, da unter dem Bart... hier, sehen Sie diese schöne violette Knolle? Wissen Sie, wie sie heißt? Sie hat einen so süßen Namen... süßer als eine Karamelle: Epitheliom heißt sie. Sprechen Sie es nur nach. Sie werden spüren, wie süß das klingt: E-pi-the-liom... Der Tod, verstehen Sie? Er ist vorübergegangen, hat mir diese Blume in den Mund gesteckt und zu mir gesagt: "Behalte sie einstweilen, mein Lieber, ich komme in acht oder zehn Monaten wieder vorbei!" Und nun sagen Sie mir, ob ich mit dieser Blume im Mund heiter und friedlich zu Hause bleiben kann, wie diese Unglückselige es möchte. Ich schreie ihr ins Gesicht: "Ach, du möchtest wohl, daß ich dir einen Kuß gebe?" "Ja, küsse mich!" Und wissen Sie, was sie getan hat? Vorige Woche hat sie sich mit einer Nadel die Lippe aufgerissen, und dann hat sie meinen Kopf gepackt und wollte mich küssen, auf den Mund küssen... weil sie sagt, sie wolle mit mir sterben. Sie ist verrückt... Zu Hause bleibe ich nicht. Ich, ich muß vor den Schaufenstern der Läden stehen und die Tüchtigkeit der Verkäufer bewundern. Denn, verstehen Sie, wenn ich auch nur einen Augenblick in mir die Leere spürte, dann könnte ich wie nichts das ganze Leben umbringen in einem, den ich nicht kenne... ich könnte den Revolver ziehen und jemanden töten wie Sie, der zufällig den Zug verpaßt hat... Nein, nein, Sie brauchen keine Angst zu haben, mein Lieber. Ich scherze nur! - Ich gehe jetzt. Wenn überhaupt, würde ich mich umbringen... Aber in diesen Tagen, da gibt es gerade sehr gute Aprikosen... wie essen Sie die? Mit der ganzen Haut, nicht wahr? Man spaltet sie mit zwei Fingern in gleiche Hälften, drückt sie der Länge nach auseinander, wie zwei saftige Lippen... ach, eine Wollust! - Meine Empfehlungen an die verehrte Frau Gemahlin und auch an Ihre Töchter in der Sommerfrische. Ich stelle Sie mir in weißen und himmelblauen Kleidern vor, auf einer grünen, schattigen Wiese... Und morgen früh, wenn Sie ankommen, tun Sie mir einen Gefallen. Ich vermute, das Dorf liegt etwas abseits vom Bahnhof. In der Morgenkühle können Sie den Weg zu Fuß machen. Das erste Grasbüschel am Wiesenrand: zählen Sie seine Halme für mich. So viele Halme es sind,. so viele Tage habe ich noch zu leben. Aber suchen Sie ein recht dickes aus, ja? Gute Nacht, mein lieber Herr. 

© Michael Rössner.

Dialoge zwischen dem Großen Ich und dem kleinen ich - (Dialoghi tra il gran Me e il piccolo Me – 1895)

 

aus dem Italienischen von Michael Rössner 

Italienische Version

 

I. Unsere Ehefrau

 

(Das Große Ich und das kleine ich kommen von einer Landpartie nach Hause; dabei haben sie den ganzen Tag in der Gesellschaft reizender Mädchen verbracht, in deren Herzen das berauschende Spektakel des Frühlings gewiß, wie aus ihren Augen und dem Lächeln und den Worten nur zu deutlich zu erkennen war, im geheimen süße, ungreifbare Sehnsüchte entzündet hatte. Das Große Ich ist noch ganz gefangen in der Verzückung und in der Vision der Phantasiebilder, die ihm der vage Zauber des wiedergeborenen Frühlings eingepflanzt hatte. Das kleine ich ist dagegen rechtschaffen müde, möchte sich die Hände und das Gesicht waschen und ins Bett gehen. Das Zimmer liegt im Dunklen. Der Stoff der leichten Vorhänge an den Fenstern zeichnet sich im Raum durch den schönen Mondschein deutlich ab. Von unten dringt das unterdrückte Murmeln der Tiberfluten herauf, dann und wann auch das dumpfe Rollen eines Gefährts auf der hölzernen Ripetta-Brücke.)

- Wollen wir Licht machen?

- Nein, warte... warte... verweilen wir noch einen Augenblick so, im Dunklen. Laß mich noch ein bißchen die Sonne des heutigen Tages bei geschlossenen Augen genießen. Der Anblick der vertrauten Gegenstände würde mir diese sanfte Trunkenheit fortreißen, in der ich noch befangen bin. Strecken wir uns doch in diesen Lehnstuhl aus.

- Im Dunklen, mit geschlossenen Augen? Hör mal, da schlafe ich ein! Ich kann ja schon nicht mehr...

- Also, dann zünde meinetwegen das Licht an, aber sei still, nur einen Augenblick still, du Nervensäge! Gähnst du?...

- Ich gähne...

(Das kleine ich zündet das Licht auf dem Tischchen an, sofort entschlüpft ihm ein Ausruf der Überraschung.)

- Oh, sieh doch! Ein Brief... der ist von ihr!

- Gib ihn her. Ich will einstweilen nichts hören!

- Was denn? Ein Brief von ihr...

- Gib ihn her, sag ich dir! Wir werden ihn später lesen. Ich will jetzt nicht gestört werden.

 

- Ach so? Na, dann darf ich dich darauf hinweisen, daß du heute den ganzen Tag mit diesen Mädchen eine Menge dummes Zeug gesagt und getan hast; vielleicht hast du mich sogar kompromittiert!

- Ich? Spinnst du? Was hab ich denn getan?

- Frage doch die Augen und die Hand. Ich weiß jedenfalls, daß ich mich den ganzen Tag gefühlt habe wie auf glühenden Kohlen; und ich mußte wieder einmal die Erfahrung machen, daß wir beide nicht gleichzeitig froh sein können.

- Und wer ist da dran schuld? Ich vielleicht? Ich dachte doch, ich mache dir eine Freude, als ich gestern abend nachgegeben habe, damit wir die Einladung zu dieser Landpartie annehmen. Hast du dich nicht stets beklagt, ich würde mich nicht um dich kümmern, um deine Gesundheit; ich würde dich andauernd zwingen, dich mit mir im Studierzimmer zwischen den Büchern und Papieren einzuschließen, einsam, ohne Luft und ohne Bewegung? Hast du dich nicht stets beklagt, ich würde sogar noch dein Essen und die wenigen dir gewidmeten Stunden mit meinen Gedanken, meinen Reflexionen und meinem Weltüberdruß verderben? Und jetzt beklagst du stattdessen, daß ich mich einmal einen Tag lang in Gesellschaft reizender Mädchen und in dem Frohsinn der neuen Jahreszeit vergessen habe? Was willst du denn von mir, wenn du ja doch mit nichts zufrieden bist?

- Dreh, dreh, Kreisel, dreh dich... Wenn du mal zu reden anfängst, wer kommt da noch mit? Du kannst einem ein X für ein U vormachen und das Wort im Munde verdrehen. Daß du dich heute den ganzen Tag über vergessen hast, das hätte natürlich für mich gut sein können, hättest du dich nur nicht zu sehr vergessen... zu sehr, verstehst du? Da liegt das Übel, und das kommt von deiner Lebensweise, die du auch mir aufzwingst. Viel zu unfrei ist unsere Jugend, und wenn du dann einmal den Zügel ein bißchen locker läßt, ja, da verlierst du ihn auch schon ganz aus der Hand, und dann, da haben wir’s, dann gibt es entweder Dummheiten oder Verrücktheiten, die uns nicht mehr angemessen sind, denn wir haben ja jetzt eine heiliges Versprechen zu halten. Also gib mir den Brief und spar dir dein Gepruste!

- Du gehst mir vielleicht auf die Nerven, du Jeremias! Du hast dir in den Kopf gesetzt dich zu verheiraten, und seit du mich mit unerträglichen Raunzereien dazu gebracht hast wider meine Überzeugung einzuwilligen bist du zur ärgsten Plage für mich geworden. Wann werden wir sie denn im Hause haben, diese Ehefrau?

- Sie wird dein und mein Glück sein, mein Lieber!

- Was mich anbelangt, ich habe es dir schon oft gesagt und sage es dir noch einmal, daß ich von ihr nichts wissen will. Dein Glück kann sie ja ruhig werden! Da will ich mich nicht einmischen.

- Da tust du sicher gut daran, bis zu einem gewissen Punkt natürlich. Du hast immer noch jeden meiner Pläne durchkreuzt. Vor zwei Jahren war ich so schön verliebt in unser Kusinchen Elisa, erinnerst du dich?... da kam ich zu dir um ein Sonettchen oder ein Madrigal, und du mit deinen Versen, du undankbarer Kerl, du hast sie bloß zum Weinen gebracht! Ich sagte zu dir: Still, laß sie mir in Ruhe! Was soll sie denn schon begreifen von deinen Wahnbildern und deinen verwirrten Gedankenflügen? Wie soll denn ihr Fuß die Schwelle zu deinem Traumland überschreiten? Wie grausam du gewesen bist! Später hast du es ja selbst in einem Gedicht eingestanden: ich habe in deinen Papieren gekramt und dabei ein paar Lob- und Klagegedichte auf die arme Elisa gefunden... Und was willst du jetzt mit dieser anderen anstellen? Antworte!

- Gar nichts. Ich werde nie ein Wort an sie richten; ich werde immer nur dich reden lassen, bist du dann zufrieden? Freilich unter der Bedingung, daß du mir versprichst, daß sie mich nie in meinem Arbeitszimmer stören und mich nie dazu zwingen wird, das zu sagen, was ich denke und fühle. Mit einem Wort, du nimmst dir eine Frau, und nicht ich...

- Was denn! Wenn du meinst, du kannst dir deine Freiheit so ganz und gar bewahren, wie kann ich da je mit ihr im Hause Frieden haben?

- Ich will nur Freiheit für meine geheimsten Gedanken. Du weißt, die Liebe ist für mich nie ein Tyrann gewesen und wird es auch nie sein: ich habe ja tatsächlich immer dir das Praktizieren der Liebe überlassen. Tu also in dieser Hinsicht, was immer dir richtig erscheint. Ich habe andere Dinge zu denken. Du nimm dir ruhig eine Frau, wenn du es denn wirklich für notwendig hältst.

- Jawohl, notwendig, das habe ich dir doch gesagt! Denn wenn ich auch nur kurze Zeit noch in deiner Macht verbleibe, werde ich ganz sicher der unglücklichste Mensch auf der weiten Erde. Ich brauche unbedingt eine liebevolle Gefährtin, eine Frau, die mich das Leben fühlen und unter meinesgleichen dahinschreiten läßt, bald traurig, bald vergnügt, auf den gewöhnlichen Pfaden der Erde. Ach, ich bin es müde, mein Lieber, selbst die Knöpfe an unseren Hemden anzunähen und mich mit der Nadel in den Finger zu stechen, während du im Geiste durch das aufgewühlte Meer deiner Schimären segelst. Bei jedem Knoten im Garn schreist du: Reiß ab!, aber ich Armer versuche geduldig mit den Nägeln, ihn aufzuknüpfen. Jetzt reicht’s! Von uns beiden bin ich der, der bald sterben muß. Dir verschafft ja dein Stolz die schmeichelhafte Aussicht auf Unsterblichkeit: Laß mich also in Frieden die paar Tage genießen, die mir auf Erden beschieden sind! Denk doch: Wir werden ein gemütliches kleines Häuschen haben, und wir werden diese stummen Räume von stillem Leben widerhallen hören, ein Liedchen, das unsere Frau trällert, während sie bei der Näharbeit sitzt, und der Topf wird auf dem Herd dampfen, wenn es Abend wird... Sind das nicht auch gute und schöne Dinge? Du wirst allein für dich sein, in deinem Zimmer, und arbeiten. Niemand wird dich stören. Nur unter der Bedingung, daß du, wenn du aus dem Arbeitszimmer kommst, ein freundliches Gesicht für unsere Gefährtin übrig hast. Siehst du, wir verlangen wirklich nicht zu viel von dir; du mußt nur ein paar Stunden am Tag mit uns Geduld haben, und dann in der Nacht... nicht zu spät zu Bett gehen...

- Und dann?... Karneades, der Philosoph, pflegte zu sagen, wenn er das Zimmer seiner Frau betrat: Gutes Gelingen! Wir wollen Kinder zeugen! Werdet ihr sie zu mir in die Schule schicken?

- Nein, also das nicht, hör einmal! Laß mich die Kinder aufziehen, die da kommen werden: du könntest aus ihnen so unglückliche Menschen machen, wie du selbst einer bist. Aber darüber reden wir zu seiner Zeit. Jetzt hör auf mich: Schlaf! Laß mich den Brief unserer Braut lesen und ihr dann antworten. Mir ist die Müdigkeit ohnedies vergangen.

- Soll ich dir eine Antwort diktieren?

- Nein, danke vielmals! Schlaf nur... ich bin Manns genug. Ich habe gelernt, ich habe ja genug mit dir geübt, ich mache keine Rechtschreibfehler. Und außerdem, was liegt der Liebe schon an der Grammatik! Übrigens wärest du imstande, die Nase zu rümpfen, wenn du entdeckst, daß unsere Braut Schule mit stummem h schreibt. 

 

 

II. Die Abmachung

 

(Das Große Ich hat sich auf der Chaiselongue ausgestreckt und starrt auf den Baldachin, von dem ein Stofflappen herunterhängt, der sich im Sommer in eine Traube von Fliegen verwandelt. Das kleine ich fühlt sich wie auf eine Folterbank gespannt, von Zeit zu Zeit fuchtelt es wild in der Luft herum oder prustet vor sich hin. Das Arbeitszimmer liegt im Halbdunkel, dank eines Schilfhalmvorhangs vor dem Fenster. Allerdings sind zwei oder drei Schilfhalme gebrochen, und so dringt ein fadendünner Sonnenstrahl gleißend in das Zimmer, und richtet sich auf das Fußende der Chaiselongue, auf den handgeknüpften Teppich, dessen bunten Flaum er an einem Punkt aufglühen läßt. Das Große Ich betrachtet nun aufmerksam das goldene Staubwölkchen, das, sich langsam drehend ohne je stillzuhalten, in diesem Sonnenstrahl schwebt, und von dem sich von Zeit zu Zeit so etwas wie ein Atom Licht löst, das sofort im Schatten erlischt.)

- So geht es jedem meiner Gedanken!

- Na, bravo! Und findest du es nicht dumm, dieses Atom, das sich von dem Strahl ablöst, in dem es so selig zu schweben war, um kopfüber ins Dunkel zu springen und Schiffbruch zu erleiden?

- Nein. Dumm bist nur du. Was soll das Licht für einen Blinden für einen Wert haben?

- Bravo! Aber das würde nur gelten, wenn ich nicht immer wieder die Illusion hätte, daß unsere Augen mir sehr gute Dienste leisten, wie im übrigen auch die anderen Sinne, die mir viel bessere Dienste leisten würden, wenn du mir größere Freiheit in ihrem Gebrauch zugestehen könntest. Bin ich vielleicht schuld, wenn du nichts zu sehen vermagst?

- Und du? Was siehst du?

- Ich sehe, was es da eben zu sehen gibt. Es ist schon wahr, in Zeiten wie den unseren sieht man fast nur Häßliches und Erbärmliches; aber du, der du das Zeug zum Magier hättest und für dich und für mich (wenn schon nicht für die anderen) diese Erbärmlichkeit und Häßlichkeit verzaubern könntest, weshalb, verzeih, setzt du anscheinend alles daran, mir die einen noch trauriger, die anderen noch niedriger erscheinen zu lassen, so daß wir, mehr noch als Überdruß, geradezu Ekel am Leben empfinden müssen?

- Ach, jetzt erzählst du mir von Zauber, du, der du mich ständig auf die gewohnten Verhaltensmuster verpflichten willst, du Sklave der allergewöhnlichsten Bedürfnisse, der du dich treiben läßt vom Strom der alltäglichen Wechselfälle, der du ohne nachzudenken das Leben so akzeptierst, wie es sich dir gerade präsentiert?

- Was denn, was denn? Ich verstehe dich nicht? Was akzeptiere ich denn? Was verweigere ich? Ich lebe ja bloß, oder besser, ich würde gerne leben, so wie du und ich in unseren Umständen das eben können, wenn du dich nicht ständig über Dinge so maßlos ärgern würdest, die im Grunde gar keine Bedeutung haben, zumindest nach meinem Urteil.

- Urteil? Was willst denn du für ein Urteilsvermögen besitzen?

- Na, du bist gut! Immerhin das Urteilsvermögen, daß ich zum Beispiel gerne nachts schlafen würde, wenn du mir nicht den Schlaf in den Augen vertrocknen ließest, indem du mir in der Stille mit deinen Phantastereien den Schrecken des unausweichlichen und beinahe unmittelbar bevorstehenden Todes einflüsterst; das Urteilsvermögen, mir ein wenig Appetit zu verschaffen, mit ein bißchen fröhlichem und gesundem Sport zur rechten Zeit; das Urteilsvermögen, manchmal auch die Vernunft beiseitezulassen; und schließlich jenes zu arbeiten (warum auch nicht?) aber zu unser und anderer Nutzen, in irgendeiner Art und Weise.

- Und weiter?

- Weiter nichts.

- Dann sage ich dir, wie es weiter geht: Du kannst dich damit abfinden, so weiter voranzuschreiten, einen Tag nach dem anderen, bis ins Alter, mich zu entmündigen, in einer verzweifelten, unaufhörlichen Schwebezustand zu halten, indem du mit oberflächlichen Vorwänden meine ständige Bestürzung beiseite schiebst; du darfst dabei nie wagen, auch nur die geringste Handlung, auch nur ein Wort über die Grenzen des Gewohnten hinausdringen zu lassen, denn du mußt fürchten, daß die Dornenhecke, die die Gesetze zur Verteidigung dieser Schwelle aufgerichtet haben,  dir das Kleid ein wenig zerreißt, das so genau nach der Mode geschneidert ist, oder daß du dir deine ehrbaren Hände blutig schindest. So also, so möchtest du mich weiter mit dir blind dahinschleppen, auf den endgültigen Ruin zu, bergab, immer bergab mit den anderen, im Rudel, gestoßen, gejagt von der Zeit, wie eine Schafherde auf der Flucht, die das bißchen Gras, das sie zwischen den fliehenden Beinen, unter dem Stab und den Wurfsteinen des alten Hirten aufblitzen sieht, hastig zu erhaschen sucht. Aber ich gehöre nicht zu der Herde, mein Lieber! Ich sage nicht wie du: Hier bin ich, schert mich nach Belieben; gebt mir jene Form, die euch am besten paßt! Ich will mein eigener Herr sein, und du sollst mein Sklave sein!

- Ich, Sklave? Ja, was denn noch! Hast du mich denn noch nicht genug versklavt? Sag doch gleich, daß du mich noch lieber tot sehen möchtest! Ich armer Kerl, was erlaube ich mir denn schon anderes als dir schüchtern und untertänig zu empfehlen, ein paar Bissen zu essen, wenn ich dich so trübselig dahinsiechen sehe, oder ein bißchen Erholung in einer klitzekleinen Zerstreuung oder einem kleinen Nickerchen zu suchen? Ach, ist das also ein Verbrechen, wenn ich dich vor dem Spiegel darauf hinweise, daß unsere Stirn zum Beispiel beginnt, allzu ausladend zu werden, daß also binnen kurzer Zeit unsere Jugend verblüht sein wird? Und da verlangst du, daß ich mich nicht beklage, zum Donnerwetter, daß ich nicht darüber verzweifle, daß ich sie nicht so sehr nutzen konnte, wie ich es gewollt hätte? Aber ja doch! Leider kommt nichts dabei heraus, wenn der Wille sich nicht mit der Sehnsucht verbindet. Aber für dich hatten ja alle Sehnsüchte stets den Mangel, daß sie zu mir gehörten, während der Wille stets dein sein mußte, und daher für mich nichts Gutes hervorzubringen vermochte. Ach glückliche, glückliche Kindertage! Denn ich will doch hoffen, daß du damals nicht auch schon groß warst, als wir alle beide klein gewesen sind. Übrigens, sag mir doch: wie ist es dir eigentlich in den Sinn gekommen, so groß zu werden? Was für ein Unglück, mein Lieber! Wenn es nicht überhaupt eine Verrücktheit gewesen ist... Schluß damit. Verzeih meine Kleinheit, ich sage: den Sinn, den Zweck des Lebens, wie kannst du den finden, wenn du ihn nicht im Leben selbst suchst?

- Ihn suchen... Na, bravo! Und wie? Neulich am Abend, in der Kutsche, erinnerst du dich? Als wir im Schritt über die steile Straße fuhren, die zu dem Bahnhof führt: Du dachtest an die, die du abholen fuhrst, und die dann nicht gekommen ist; ich sah den Rücken des alten Kutschers an und seine entspannten Schultern, seit so vielen Jahren saß er da auf seinem schaukelnden Kutschbock. „Als Pferd auf die Welt kommen ist scheußlich, auf solchen Straßen...“ „Und ich, wenn ich es führen muß?“, drehte sich der Kutscher zu mir um. „Frohe Ostern, junger Herr! Eine kleine Gabe für eine arme Witwe, die vier Kinder durchfüttern muß...“ „Streichhölzer hab ich in der Tasche“, hast du mir geantwortet, und ich habe der Witwe ihr Geldstück nicht gegeben. Auf dem Gehsteig zur Rechten trottete hustend ein alter, ärmlich gekleideter Mann, einen abgeschabten und verfärbten Zylinderhut auf dem Kopf: „Das letzte Osterfest, Alter! Paß nur auf, wohin du deine Füße setzt, ein Schritt noch, und du stehst am Grabe... hast du’s gefunden, was ich suche?“ „Dort!“, hätte mir der Alte vielleicht geantwortet, hätte er mich verstanden, und dabei auf ein Brautpaar gezeigt, das hinter ihm die Bergstraße hinunterschlenderte. „Dort, aber nur auf kurze Zeit, wie bei so vielen anderen Dingen. Jetzt versuche ich’s in der Kirche, aber ich habe es nicht gefunden. Leinsamen, mein Lieber, wenn du Husten hast; ein ordentliches Leinsamenpflaster auf die Brust, und eine Prise Senfkorn dazu: das zieht die Feuchtigkeit heraus...“

- Danke! Aber der Alte hat gesucht, er hat gelebt. Du hingegen siehst beim Leben nur zu, du lebst nicht. Und so mag ich vielleicht ein Esel sein, aber du wirst nie verstehen, wie die anderen wenigstens relativ den Sinn und das Ziel finden können, heute in der einen Sache, morgen in der anderen, unter den ungeheuer vielen, die eben gerade das Leben ausmachen. So hab doch Mitleid mit mir: Du siehst ja, du machst sogar mich noch zum Philosophen, und das wäre für mich wirklich das größte Unglück. Aber dann, mein Lieber, dann greifen wir doch gleich zum letzten Mittel, werfen wir uns aus dem Fenster oder hängen wir uns an einen Baum, das wäre noch besser. Nein, nein, Schluß damit: Einigen wir uns lieber endlich, da wir nun einmal gezwungen sind, miteinander zu leben. Du kannst mir ruhig glaube, so sehr du Lust hast, mich umzubringen, so groß ist auch mein Wunsch, dich zu töten... Ich hasse dich, ich verabscheue dich, ich würde dich am liebsten jeden Tag durchprügeln, wenn ich nicht dann zusammen mit dir Au schreien müßte. Also: Schließen wir eine klare Vereinbarung und teilen wir uns einfach die Stunden auf.

- Teilen wir sie auf.

- Jeder von uns ist ganz allein Herr über seine Stunden.

- Ganz allein.

- Also fangen wir an: Wie viele Stunden Schlaf stehen mir zu, meinst du? Ich verlange sieben.

- Zu viele!

- Zu viele, meinst du? Aber wenn ich doch immer schläfrig bin, solange ich deine Gegenwart ertragen muß! Du merkst das nicht, aber du bist ganz schön anstrengend, weißt du das, und wenn du mir weniger gibst, werde ich gewiß auf der Stelle einschlafen, sobald du mit deinen Phantastereien anfängst... Gehen wir weiter! Halt... warte einmal! Sieben Stunden Schlaf, meine ich ‑ wirklich Schlaf, verstanden? Ich möchte nicht, daß du, wie du es bisher gehalten hast, kaum daß wir im Bett sind... Gedanken, Phantasien, Spitzfindigkeiten, Obsessionen, Bücher, Geschichten: das bleibt alles im Arbeitszimmer! Um das Einschlafen, auf der Stelle, da kümmere ich mich schon. Und ich will auch nicht mehr erleben, daß du mir die Mahlzeiten mit deinen ewigen Grübeleien verdirbst. Die Stunde der Mahlzeit gehört mir. Abgemacht?

- Wer hat dir die je verweigert?

- Verweigern tust du sie mir nicht, aber du machst sie mir kaputt. Wie oft bist du mit einem aufgeschlagenen Buch zu Tisch gekommen? Ein Bissen für mich, und eine Viertelstunde Lektüre für dich. Und dann wird mein Essen kalt und ich kann nicht ordentlich verdauen.

- Schluß damit, basta! Du ziehst mich ja in einen Sumpf hinein!

- Also gut, Schluß... Kapitel Liebe: Was gedenkst du da zu tun?

- Das überlasse ich dir; aber hör mal, ich will damit nicht zu viel Zeit verlieren, verstanden?

- Ach, du willst im Ernst nicht einmal die Liebe für dich haben? Was bleibt denn dann noch für dich im Leben? Was willst du dann mit deiner Zeit anfangen?

- Das ist meine Sache, und du hast dich da nicht einzumischen.

- Na, ist gut... das heißt, das ist schlecht. Verrate mir doch eines: Du sagst immer, du fühlst die ganze Welt in deinem Hirn. Da muß wohl was dran sein, denn ich habe ständig Kopfschmerzen. Aber wenn die Erde dir in dieser deiner Welt wirklich als etwas so Kleines und Armseliges erscheint, meinst du nicht, daß ich dann mehr Recht habe, dort zu leben als du? Ach, in gewissen Augenblicken, glaub mir, mein Lieber, da erbarmt mich deine Größe geradezu; und in gewissen anderen frage ich mich sogar, ob ich, in meinem kleinen Dasein, nicht am Ende größer bin als du.

 

 

III. Der Vorabend

 

(Das kleine ich, das überaus glücklich erscheinen möchte, schleppt das vor Ärger schnaufende Große Ich nach Hause. Jenes war den letzten Monat hindurch damit beschäftigt, das eheliche Heim einzurichten; dieses mußte ihm dabei wie ein geprügelter Hund nachlaufen. Und nicht selten ist es zwischen den beiden zum Streit gekommen, wie jeder sich leicht ausmalen kann, der sich überlegt, wie viele Hindernisse und Vergeßlichkeiten der Widerwille und die Unfähigkeit des einen in dem Streben und den eifrigen Bemühungen des anderen verursacht haben mag. Aber nun ist das neue Heim fertig und ganz in Ordnung gebracht. Das kleine ich wollte, nachdem es die Braut nach dem Durchsprechen aller notwendigen Details für morgen allein gelassen hat, dieses Heim noch einmal inspizieren, und es ist sehr zufrieden damit. Nun stößt das Große Ich, als es zum letzten Mal sein Junggesellenzimmerchen betritt, einen langen Seufzer durch die Nase aus und ruft)

- Endlich!

- O nein, mein Lieber. Noch ein klein wenig Geduld. Nur ein kleines bißchen. Heute ist erst der Vorabend...

- Jaja, reib dir nur schön die Hände, so, bade dich in deiner Zufriedenheit! Ich dagegen... Aber hör mal, darf man  vielleicht erfahren, wann es zu Ende sein wird, dieses „kleine bißchen“, daß du mir seit Monaten herunterleierst?

- Es ist ja schon der Vorabend, das sag ich dir doch. Unser kleines Nestchen, hast du gesehen?, das ist bereit. Morgen dann, die Hochzeit. Morgen, endlich. Ach!... Dann, wie abgemacht, in der Villa, und dann... dann ist’s genug.

- Genug, jawohl: Es sei denn, ich komme noch zu der Ansicht, daß es für mich angemessener wäre zu krepieren anstatt mich bis dahin zu gedulden.

- Aber geh doch, was läßt du dir da für Dinge entschlüpfen... Lach mit mir, komm! Sei glücklich mit mir! Verzeih, willst du mir denn nicht einmal den Monat der sogenannten „Flitterwochenzeit“ gönnen? Jetzt hast du die Krot verschlungen, wie man so schön sagt, und wegen dem letzten Stückchen machst du Theater?

- Ich habe keine Krot verschlungen, ich hab mich zum Esel gemacht mit dir, und das schon drei Monate lang.

- Wenn du einmal nett zu mir bist, dann hältst du dich immer gleich für einen Esel. Das ist ein Zeichen, daß du es bereust, und deshalb brauche ich dir dafür nicht dankbar zu sein.

- Ja, glaubst du vielleicht, ich hätte mich dabei unterhalten, dir drei Monate hindurch beim Turteln die Mauer zu machen, euren verliebten Stumpfsinn anzuhören und bei euren Zärtlichkeiten und eurem Süßholzraspeln nach Art verliebter Affen zuzusehen?

- Als hättest du nicht auch aus dieser Schüssel gegessen! Und als wären die Dummheiten, die einander Verliebte zuflüstern, nicht die achtbarsten Dinge von der Welt! Ach geh doch, geh doch... Willst du mich wirklich ausgerechnet am Vorabend ärgern? Und doch habe ich dich schon einmal sagen hören, wenn ich mich nicht irre, es gebe nichts Befriedigenderes auf der Welt als andere zufrieden zu machen...

- Ja, aber ich habe auch gesagt, wenn ich mich nicht irre, daß uns nichts die anderen liebenswerter erscheinen läßt als wenn sie mit uns zufrieden sind oder sich uns zufrieden zeigen. Und du bist nie zufriedenzustellen.

- Nein, das ist nicht wahr. Vielleicht zeige ich es nicht so, weil du ja keine sonderliche Gegenleistung erwartest. Aber ich sage es dir noch einmal, in diesen drei Monaten, die für mich voll der Freude waren, bin ich mit dir wirklich zufrieden gewesen. Und sie auch, sie auch, hochzufrieden, das wirst du ja gemerkt haben. Mehr noch, weißt du? Die Verwandten, als die dich so gut und vernünftig erlebt haben, da haben sie mir beinahe zu verstehen gegeben, der Leichtsinnige, das müßte ihrer Meinung nach ich sein, denn sie sind der Ansicht, daß ich, wenn ich nur wollte, meinen die... dich leicht überzeugen könnte, ein bißchen mehr an das Praktische im Leben zu denken, jetzt, wo’s ans Heiraten geht, und zum Beispiel, meinen die... zum Beispiel, diese Kunst an den Nagel zu hängen, mit der man doch so wenig verdienen kann... na, die irren sich, ja, freilich, leider irren sie sich, und zwar gewaltig... du weißt das ja; aber ich, damit ich dich nicht in ein schlechtes Licht rücke, ich halte den Mund; ich habe mich nicht verteidigt. Ich habe nur versprochen... hm, daß ich es versuchen würde.

- Du wirst es hoffentlich nicht wagen, mir gegenüber je eine Silbe von diesem Vorhaben zu erwähnen.

- Ich weiß schon! Es wäre ganz sinnlos. Freilich ist es ein Glück, meine ich, daß wir nicht gezwungen sind, unsere Zeit zum Broterwerb zu verwenden.. Obwohl, andererseits, wer weiß, ob wir da nicht weniger unglücklich gewesen wären, hätte das Schicksal dich gezwungen, aus deinem Tisch im Arbeitszimmer statt einer Alchimistenwerkstatt, in der du dich täglich damit abquälst, Tränen aus geheimnisvollen Ängsten herauszudestillieren, einen Backtrog für das tägliche Brot zu machen. Aber lassen wir dieses Thema. Hast du gesehen, was wir - à propos - für einen herrlichen Schreibtisch und für schöne Bücherregale für dich gekauft haben? Sie hatte den zartfühlenden Einfall, dir ein Arbeitszimmer einzurichten, genau wie du es in deinem letzten Roman beschrieben hast. Ich habe getan, als widersetzte ich mich - auch, um mich ein bißchen bei den Verwandten Liebkind zu machen: ein schönes Mobiliar, hab ich zu ihr gesagt, das kann man mit etwas Geschmack, Papier und Tinte problemlos beschreiben; aber wenn man es kaufen will, dann braucht es klingende Münze. Am Schluß freilich habe ich es geschehen lassen, damit stattdessen du sie lieb gewinnst. Und sei mal ehrlich, bist jetzt nicht auch du zufrieden?

- Ja, die Ärmste, sie ist ein guter Mensch, oder wenigstens scheint es einstweilen so. Aber ich denke daran, daß wir beide morgen zu dritt sein werden, oder besser du zu zweit, und sieh mal, da kann ich nicht anders als mich beunruhigen, ich bin schließlich mehr denn je zur Einsamkeit geboren und gemacht. Und auch wenn ich anerkenne, daß ich zum Großteil schuld daran bin, wenn du oft den anderen leichtsinnig erscheinst, bist du doch diesmal drauf und dran, etwas zu tun, was schlimmer ist als jeder Leichtsinn, und ganz für dich allein; und wenn die anderen das ebenso beurteilen wie ich, dann möchte ich, daß du selbst mir Zeuge dafür bist, daß ich mit der Sache nichts zu tun habe. Und deshalb will ich keine Gewissensbisse, weder für dich, der du meiner Meinung nach in Zukunft noch unglücklicher sein wirst als bisher, zerrissen zwischen den unumgänglichen Pflichten, die du mir gegenüber hast, und den neuen, die du morgen gegenüber deiner Gefährtin eingehen wirst; und ich will auch nicht, daß die vielleicht binnen kurzem schon alles andere als glücklich über unsere Begleitung sein wird.

- Ist schon gut, ich habe verstanden. Du willst mir heute nacht um jeden Preis das Herz schwer machen. Besser, wir gehen ins Bett und schlafen.

- Da sind wir wieder bei deiner alten Gewohnheit: nichts liegt dir am Herzen als Essen und Schlafen.

- Immer noch besser als dir zuzuhören, versteht sich.

- Um sich gegen unangenehme und quälende Warnungen zu schützen, mein Lieber, da genügt es nicht, sich die Ohren mit dem Schlaf zu verstopfen; die Stimme kommt nicht von draußen; sie spricht in uns selbst.

- Also, was mich betrifft: Mit Ausnahme der Stimme, die mir von den bevorstehenden Freuden spricht, und der deinigen, die mir diese Vorfreude verderben will, höre ich keine anderen Stimmen.

- Wenn du deinem Gewissen ein bißchen mehr zuhörtest, würdest du eine andere Stimme hören, die zu dir sagt: „Hast du daran gedacht, an welche Kette du deine Nachkommen fesselst?“

- Ach du meine Güte, meine Nachkommen, das jetzt! Laß sie erst mal kommen! Wenn überhaupt welche kommen! Wenn alle vorher so darüber nachgrübelten...

- Und doch ist es leicht zuzugeben, daß du Nachkommen haben mußt.

- Na gut, dann werde ich es genauso machen wie alle anderen.

- Sieh mal zu: Daß du, was dich anbelangt, dir vornimmst, ein ausgezeichneter Familienvater zu werden, da habe ich keinen Zweifel. Aber da sind wir wieder bei unserem alten Thema: Hast du auch an mich gedacht?

- Und was willst du werden?

- Laß mich erklären. Du hast dir ein Leben erträumt und erträumst es noch immer, das aus Liebe, aus heiterem und aufrichtigem Frieden bestehen soll.

- Hoffentlich.

- Liebe, das mag hingehen, solange sie anhält; aber Friede? In deinem Haus muß ja schließlich auch ich wohnen...

- Ja, das weiß ich!

- Ich werde mich ja nicht den ganzen Tag ausschließlich ins Arbeitszimmer verbannen können...

- Ich weiß!

- Ich werde mit dir zu Tisch gehen, ich werde mit dir zu Bett gehen...

- Ich weiß, verdammt, ich weiß das leider! Das ist doch mein Fluch, wie sollte ich das nicht wissen?

- Na gut, ich meine, was ist dann mit dem Frieden?

- Entschuldige, aber könntest du dich nicht dazu herbeilassen, mäuschenstill den Anblick unseres gemeinsamen Glücks zu genießen? Es wird doch mit Sicherheit ein rührendes Schauspiel werden...

- Ich sage nicht nein. Aber wirst du es verhindern können, daß durch meinen natürlichen Hang zur Melancholie ein schwerer Schatten über dein Haus fällt, deine Kinder traurig macht, deine Frau in Bedrängnis bringt, jedes Mal, wenn eine meiner vielen Sorgen mich von den anderen abschneidet, die sie nicht einmal verstehen können?

- Wir verheiraten uns ‑ oder, wenn du das lieber hast, ich verheirate mich ja eben deshalb, meine ich! Das heißt, um ein Heilmittel einzusetzen, ein Heilmittel nach meiner Art, gegen das, was du deine natürliche Melancholie nennst.

- Und du wirst eine große Enttäuschung erleben! Es liegt nicht in deiner Hand, die Sache zu heilen; hättest du stattdessen mehr Achtung und mehr Liebe für mich gehabt, dann hättest du verstanden, daß für uns beide das weniger Schlimme darin bestanden hätte, allein zu bleiben, und daß es deine Pflicht gewesen wäre, dich um nichts anderes zu kümmern, und nicht an andere zu denken als an mich.

- Meine Pflicht wäre also gewesen mich zu opfern?

- Es wäre dir nicht als ein Opfer erschienen, hättest du nur mehr Vertrauen in mich gehabt. Aber ich mache dir keinen Vorwurf daraus, daß es dir daran ermangelt hat; ich fühle mich... ich fühle mich tatsächlich als ein Fremder auf dieser Erde, und so allein, daß ich begreife, wie in dir, mehr noch als die Sehnsucht, das Bedürfnis nach einer liebenden Begleitung entstehen mußte.

- Na Gott sei Dank!

- Du siehst, wenn ich dich nicht entschuldige, so klage ich dich doch auch nicht an...

- Und warum dann das ganze...?

- Ja, ja, du hast ja recht, es ist tatsächlich so: Diese Erde ist wirklich für dich gemacht, für euch andere... Du weißt aus ihr deinen Unterhalt zu ziehen; du baust auf ihr Häuser und findest mit deinem Fleiß dort von Tag zu Tag einen immer sichereren Schutz gegen die Unbill der Natur, eine immer größere Bequemlichkeit. Ich müßte der Sonnenstrahl sein, die erquickende Brise, die durch die Fenster hereindringt und den Duft der Blüten mit sich trägt; aber oft verstehe ich das nicht zu sein, oft habe ich die Grausamkeit eines kleinen Jungen, der mit einem Stein den Eingang des Ameisenhaufens verstopft. Oft besteht meine Größe gerade darin, daß ich mich unendlich klein fühle; aber klein ist für mich auch die Erde, und jenseits der Berge, jenseits der Meere suche ich dann nach etwas, das da unbedingt sein muß, sonst könnte ich mir diese uranfängliche Sehnsucht nicht erklären, die mich gefangen hält, und die mich zu den Sternen seufzen läßt...

   Zu meiner eisigen Einsamkeit
zu meiner Beklemmung, zu meinem langsamen Sterben
spricht in den Sternennächten der Himmel
von anderen uranfänglichen Abenteuern, die es zu erleben gilt,
stets inmitten des Mysteriums und dieser Sehnsucht.

   „Und wie lange noch?“ seufzt die Seele.
Unendliche Stille in der Höhe fängt sie auf,
ihre Frage. Und doch sieht sie sie erzittern,
die Sterne am Himmel, als wären’s belebte Blätter
eines Waldes, in dem der Hauch des Uranfangs weht.

- Soll ich sie zu Papier bringen, diese Verse? O Gott, ich werde nicht sagen, daß sie ihr Entstehen dem freudigen Anlaß verdanken... Ach, steig doch herunter vom Himmel, ich bitte dich... Ich stehe hier am Fenster und im Zug. Ich möchte mir ja nicht ausgerechnet an diesem Abend eine Erkältung holen...

- Dann würdest du morgen vielleicht mit einem Niesen antworten anstatt mit dem für das Sakrament vorgeschriebenen Ja.

- Genug mit den Scherzen, genug mit den Scherzen... Hören wir auf mit dieser Debatte. Und wenn es dir recht ist, dann verwenden wir den Rest dieser Nacht, solange das Feuer im Kamin noch anhält, damit, die kompromittierenden Papiere und Erinnerungen aus unserer frühen Jugend zu vernichten, die mit dem heutigen Abend zu Ende geht.

 

 

IV. In Gesellschaft

 

(Salon im Hause X. „Intellektueller Salon“. Die Marchesa X  ist eine Schriftstellerin, die sich jedoch durch eine Besonderheit auszeichnet: daß sie außerdem eine schöne Frau ist.

Vierzigtausend Lire Apanage im Jahr.

Sie läßt Novellen drucken und „sentimentale Variationen“ ‑ so nennt sie das ‑ in den wichtigsten Zeitschriften. Es ist alles andere als selten, jeden Samstag unter den Tischgästen der Marchesa die Chefredakteure dieser Zeitschriften anzutreffen.

Der Ehemann, der Abgeordnete Marchese X., kahlköpfig, kurzsichtig, bärtig, ist vier Legislaturen alt, sitzt im Parlament auf der Rechten, ist aber ‑ versteht sich ‑ auch liberal und demokratisch gesinnt. Als leidenschaftlicher Sammler nennt er wie Seine Majestät eine wertvolle Medaillensammlung sein eigen, aber er hütet sie nicht eifersüchtig. Der beste Beweis: Er hat mehr als eine schöne Medaille an bekannte Schriftsteller verschenkt, die zu den Bewunderern seiner Frau zählen. Den Salon frequentieren zahlreiche Damen der Aristokratie und die Patronessen der Gesellschaft zur Pflege der Frauenbildung, Senatoren, Abgeordnete, Literaten und ausgewählte Journalisten.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben, mein kleines ich hat sich nicht im geringsten darum bemüht, in die erlesene Schar dieser Auserwählten aufgenommen zu werden; aber es wäre auch Heuchelei, wollte man leugnen, daß die Einladung ihm eine große Freude und tiefinnere Befriedigung bereitet hat, worüber das Große Ich wiederum sich geärgert hat. Nun nimmt die Marchesa X, blond und wohlgerundet, strahlend und erbebend in ihrem gewagten, wenngleich nicht unschicklichen Décolleté, seinen Arm und führt ihn herum, um ihn den Damen vorzustellen, wobei sie einige flüchtige Hinweise auf das Große Ich fallen läßt, das darüber errötet, während das kleine ich ‑ Lächeln stets bereit, lebhafte Gestik ‑ sich tief verneigt.

Als die Vorstellung zu Ende ist, fragt das Große Ich das kleine ich:)

grosses ich

Wo wirst du dich jetzt hinsetzen?

kleines ich

Warte... laß mich ein bißchen schauen. Aber reiß dich zusammen! Du wirkst noch immer, als hätte dich die Würde des Dieners eingeschüchtert, der uns im Vorzimmer den Mantel abgenommen hat. Hör mal, wenn du dich hier in dich verkriechen willst, dann machst du’s nur schlimmer!

grosses ich

Aber ich ersticke doch mein Lieber, was heißt da verkriechen! Du hast mich auf einem steifen Kragen aufgehängt, über den du kaum drübersiehst, du hast mich herausgeputzt wie eine Schaufensterpuppe...

kleines ich

Na, na, nicht schlappmachen! Los, gib dir einen Ruck! Zum Teufel, die werden noch alle merken, daß wir nicht gewohnt sind, einen Frack zu tragen...

grosses ich

Und was soll mir das schon ausmachen? Du hast es doch genau gewußt, du Idiot, daß ich mich hier nicht wohlfühlen würde, unter all diesen Leuten, in dieser lächerlichen Aufmachung. Du bist schuld, wenn ich einen miserablen Eindruck mache!

kleines ich

Aber wenn ich doch eigens deinetwegen gekommen bin, um dich bekannt zu machen, damit die Leute dich sehen können...

grosses ich

Wie einen Tanzbären auf dem Jahrmarkt?

kleines ich

Himmel, du mußt es eben einmal lernen! Hör nur, hör, was die Leute dort reden, in dieser Gruppe von Abgeordneten und Zeitungsleuten. Sie sprechen von der russischen Revolution, sie bedauern Witte[1]. Schade! Ein Mann, der in wenigen Tagen, von seinem Verhandlungstisch aus, so viele glorreiche japanische Siege zunichte gemacht hatte, und nun... „Aber nein, meine Herrschaften!“ ruft der brillante Journalist Kappa. „Ich ersuche Sie, mir zu glauben, daß in Portsmouth nicht Herr Witte gesiegt hat!“ „Oh, oh! Und wer ist es dann gewesen, der gesiegt hat?“ „Nun, sein Frack, meine Herrschaften, sein Frack! Das gelbe Männchen, wenn es einmal in einem Frack steckt wie ein Pinguin, das wissen Sie doch selbst, dann ist es erbärmlich lächerlich...“

grosses ich

(Kappa hat uns angesehen...)

kleines ich

(Sei still! Hören wir lieber zu.) ‑ „Meine Herren, die Japaner, verschlagen wie sie nun einmal sind, hätten doch wissen müssen, daß man die gewohnte Kleidung nicht ungestraft ablegen darf...“

grosses ich

(Hörst du? Hörst du?)

kleines ich

(Halt den Mund!) ‑ „Nein, die Nationaltracht legt man nicht ungestraft ab, meine Herren, die Kleidung, die den natürlichen Gegebenheiten entspricht, der Hautfarbe und was weiß ich noch allem. Hätten Herr Witte und die anderen Gäste sich einer Auswahl von japanischen Figurinen gegenübergesehen, wie wir sie üblicherweise auf den Fächern, den Vasen und den Paravents abgebildet sehen, und dabei denken müssen, daß von diesen Figurinen da, die wie ein schlechter Scherz wirkten, ein so wilder Sturm ausgegangen war und die heilige Mutter Rußland durchgeschüttelt hatte, dann, das versichere ich Ihnen, wären sie einigermaßen durcheinander gewesen und hätten nicht so leicht gesiegt. Stattdessen sahen sie den Herrn Koruma im Frack vor sich und haben ihn natürlich so ohne jeden Respekt behandelt wie das die Diener eines großen Herrn mit dem Bürgermeister eines kleinen Dorfes tun, der zum Galadiner aufs Schloß gebeten worden ist...“

grosses ich

Bravo! Ich hoffe, das wird dir eine Lehre sein!

kleines ich

Aber das sollte doch eher dir eine Lehre sein, meine ich! Schließlich hast du im Frack Triumphe gefeiert! Und glaube mir, heutzutage... Still! Da kommt ein Herr auf uns zu...

grosses ich

Geh ihm aus dem Weg! Schau woanders hin!

kleines ich

Halt still! Da ist er schon... Er sagt, er kennt deinen Namen... er hat etwas von dir gelesen. Ach, zu gütig von Ihnen... zu gütig... Laß mich doch zuhören, zum Donnerwetter, was er sagt. Aha, er fragt uns, ob wir schon lange in Rom sind. Was halten wir davon? Na los, gib mir einen schönen Satz über Rom ein...

grosses ich

Sag ihm, Rom beginnt fast ein bißchen Paris zu ähneln.

kleines ich

Bravo! Hörst du? Der Herr stimmt zu... Na los, benimm dich! Lächle nicht so komisch... Da haben wir's: Der Herr fragt uns, weshalb wir lächeln. Er meint, Paris wäre freilich...

grosses ich

Aber das ist doch klar, zum Teufel! Du kannst ihn trösten: Natürlich ist Paris etwas ganz anderes! Paris ist Paris! Das gibt’s nur einmal ‑ sag’s ihm auf Französisch! Rom dagegen, da halten wir schon beim „dritten Rom“, und ehe das Paris wird...

kleines ich

Jetzt lächelt der Herr! Du bist schuld, das er weitergegangen ist... Und jetzt hast du einen Feind mehr! Ach! Du bist wirklich unverbesserlich! Was ist das nur für eine Freude daran, alle Leute in die Flucht zu schlagen! Und dann beklagst du dich, daß dich niemand beachtet! Wenn du doch nicht redest, wenn du dich nicht rührst, wenn du doch in keiner Weise die Aufmerksamkeit der Leute auf dich ziehst! Willst du denn wirklich bloß mir allein da drinnen die Seele zum Vertrocknen bringen? Rede doch! Wie willst du denn sonst, daß die Leute dich kennen lernen?

grosses ich

Willst du wirklich, daß mich die Leute kennen lernen, wenn ich hierher komme, und damit deine Kleider und Dummheit zur Schau stelle?

kleines ich

Aber mir wäre es lieber, wenn du stattdessen einmal die Leute kennen lerntest, wie sie wirklich sind, nicht wie du sie dir vorstellst. Während ich rede und, um niemanden zu kränken, na meinetwegen, Blödheiten von mir gebe, mach du dir doch die Mühe und beobachte ‑ nur nicht zu insistent ‑ was um dich herum vorgeht, und glaube mir, du wirst hier mehr und nutzbringendere Studien betreiben als in deinen vielen Büchern. Hörst du, wie man plaudert, wie man vom Hundertsten ins Tausendste kommt, ohne Pedanterei, ohne Intoleranz? Nein, tiefe Ideen, sind es nicht, und keine Leidenschaft, das ist schon richtig! Aber was für ein lebhafter Geschmack, was für eine angeregte Konversation, welche exquisite Vollendung in Umgangsformen und Sprache... Sieh dir diese jungen Damen an: das sind Intellektuelle, natürlich, da gibt es keine Debatte; aber trotzdem, diese Schultern, diese Brüste! Und dennoch, wie sie da ganz ruhig vor sich hinblicken, als hätten sie nicht den geringsten Verdacht, sie könnten so halbnackt dastehen, wie sie es tun... Und die armen Ehemänner! Wer weiß, wie viele in diesem Augenblick denken: „Käme doch nur wieder die Zeit des Feigenblatts! Denn, was die Nacktheit anbelangt... Heiliger Gott, nachdem wir ein Vermögen ausgegeben haben, um unsere Frauen zu bekleiden, da haben wir sie: jetzt zeigen sie erst recht die nackte Haut...“ Los, los, laß den Blick nicht zu tief dringen! Man muß dieses Leben flüchtig genießen, wie eine Illusion, die vorüberfliegt, wie ein glänzendes Phantasiebild, das sich in Rauch auflöst... Oh! Sieh dich doch einmal in diesen Spiegel da... Du bist ja rot im Gesicht wie Klatschmohn!... Dieser Duft... Du läßt dich zu sehr erregen, was?, du großer Mann... Schluß! Schluß! Ein bißchen Luft schöpfen am Fenster...

grosses ich

Wäre es nicht besser nach Hause zu gehen?

kleines ich

Nein, komm her, komm hierher ans Fenster!

grosses ich

Hier hat man wenigstens frische Luft...

kleines ich

Das ist ein Unterschied, was? Wie dunkel es ist! Und wie düster da alles wirkt... Schau nur, diese Lampions dort, und diese Bäumchen auf dem Platz... der schwankende Widerschein der Gaslampen auf dem Pflaster... und diese beiden Wagenlaternen, die sich langsam vorwärts bewegen... Was für eine unheimliche Düsterkeit! ‑ He, aufgepaßt! Man ruft uns... komm... Die Marchesa fragt, ob wir uns langweilen...

grosses ich

Aber ich amüsiere mich doch königlich!

kleines ich

Hm, aufgepaßt, hier: Jetzt sind wir unter den Damen. Sie sprechen von dem jungen Herzog von Orléans... Sie sagen, er beginnt, den Weg für seine Rückkehr nach Frankreich vorzubereiten, um wieder König zu werden. Er hat eine Reise zum Nordpol gemacht. Sie fragen dich, was du davon hältst...

grosses ich

Na! Das muß wohl wirklich eine ungeheure Befriedigung sein, wenn man sagen kann: „Hier bin ich: Ich habe den Pol erreicht! Kein Mensch weiß das, aber ich stehe nun mit der Zehenspitze bloß eines Fußes auf nichts geringerem als dem einen Ende der imaginären Rotationsachse der Erde. Hier ist nichts aufgeschrieben; aber hier zu stehen ist nicht dasselbe wie ein paar Schritte weiter drüben zu stehen. Hier ist der richtige Punkt. Ja freilich, Eis ist da wie dort; eine Hundekälte; und keine Menschenseele ist zu sehen. Aber ich stehe hier erhöht, mehr als jeder König auf seinem Thron!“ Vielleicht wird der junge Herzog von Orléans, nachdem er einmal den Pol erreicht hat, sich ja damit zufrieden geben, auf Dauer ein bißchen tiefer zu sitzen, nämlich auf dem französischen Thron. Aber haben uns die Zeitungen nicht erzählt, daß er statt des Pols eine Insel entdeckt hat und sie Terre de France, Eiland Frankreichs genannt hat? Also das verstehe ich nicht! Terre de France, und dann kehrt er zurück... Er hätte sich doch einstweilen... na, um einmal einen Anfang zu machen ‑ zum König dieses kleinen Frankreich ausrufen können...

kleines ich

Vielleicht war es dort zu kalt. Dafür gibt es einen anderen Kaiser, der kann nicht in seinem Reich bleiben, weil es dort zu heiß ist. Dort das Eis des Polarmeers; hier die Sanddünen der Wüste.

grosses ich

Aber Lebaudy[2], der hat sich doch wenigstens zum Kaiser ausgerufen...

kleines ich

Bravo! Siehst du? Jetzt hast du diese schönen Damen zum Lachen gebracht... Ja, wenn du nur wolltest... Still! Was ist los? Die Leute stehen auf...

grosses ich

Wird getanzt? Wenn getanzt wird, gehen wir sofort nach Hause! Hör mal, da laß ich mit mir nicht reden... Gehen wir nach Hause!

kleines ich

Es wird ja nicht getanzt, du alter Brummbär! Hörst du nicht? Fräulein B. wird uns etwas vorspielen. Sie läßt sich nur noch ein wenig bitten. Sie hat eiskalte Hände, die Arme, sie kann nicht! Sieh nur, sieh: Ein junger Mann macht sich erbötig, sie ihr aufzuwärmen, indem er sie mit aller Kraft schlägt... Um Himmels willen, das glaubt sie ihm auch noch: sie versteckt die Hände, zeigt ihre blitzenden weißen Zähne, sie windet sich... Ach, jetzt ist es soweit: ihre Freundinnen schleppen sie zum Klavier...

grosses ich

Moderne Musik?

kleines ich

Gar keine Musik! Bravourstücke der Hände auf den Tasten. Hör zu. Dann werden wir klatschen.

grosses ich

Sag mal, verblödest du?Allzu durchsichtig, mein Lieber: Du machst mir Angst!

kleines ich

Keine Angst! Es gibt Schlimmeres als mich... Sieh doch, wie aufmerksam jetzt alle sind, wie hingegeben... Was für ein Schweigen! Aber sieh doch dort, diese zusammengezogenen Augenbrauen, diesen Abgeordneten mit dem runden roten Gesicht wie ein holländischer Käselaib... Ist das Vaterland in Gefahr? Nein, betrachte nur die Schultern und den Nacken der Marchesa, sie sieht heute abend wirklich wunderbar aus, wie eine Göttin von Rubens... Aber jetzt sag mir doch einmal im Ernst, unterhält dich das nicht, dieses Schauspiel?

grosses ich

Aber sehr! Hör mal: Halte mir bitte eine Hand vor den Mund.

kleines ich

Warum? Was tust du?

grosses ich

Halte mir sofort eine Hand vor den Mund...

kleines ich

Gähnst du?

grosses ich

Ich gähne.

 


 

[1] Die Rede ist von dem russischen Grafen Sergej Juljewitsch Witte (1849-1915), der nach einer „kleinen“ Revolution und einer in deren Gefolge erlassenen neuen Verfassung Nikolaus II. erster Ministerpräsident war, im Mai 1906 jedoch von der Duma entlassen wurde, nachdem er 1905 einen günstigen Frieden mit Japan zustandegebracht hatte, der den Russisch-Japanischen Krieg beendete. Diese Aktualitätsanspielung erlaubt es, das letzte Fragment in etwa auf das Jahr 1906 zu datieren (also nach dem Mattia Pascal, dem finanziellen Zusammenbruch der Familie und den ersten Krankheitszeichen bei Pirandellos Frau), während die ersten Fragmente aus der Zeit der Verlobung (1893/94) stammen - siehe auch die Erstveröffentlichungsdaten.

 

[2] Paul Lebaudy (1858-1937) war ein französischer Industrieller, der die ersten Luftschiffe baute („Le Jaune“ 1902). 1906 riß sich „La Patrie“, eines seiner Luftschiffe los und mußte aufgegeben werden. Der Zusammenhang mit dem „zum Kaiser ausrufen“ und der Wüste ist nicht ganz klar zu eruieren ‑ möglicherweise Anspielungen auf ein Interview.

 

© Michael Rössner.

Die Amme - (La balia - 1923)

 

Erstveröffentlichung Juni 1903 in der Zeitschrift Nuova Antologia. Zahlreiche Varianten bekannt. Das einzig interes­sante Detail in diesen Varianten ist die Tatsache, daß in einer früheren Version die Amme die bei Bauern auf­gewachsene unehe­liche Tochter eines Arztes aus der Stadt und somit eine selbst der Klasse der "signori" zuzu­rechnende Figur ist.

aus dem Italienischen von Michael Rössner 

Italienische Version

 

I.

 

"Na endlich!", rief Frau Manfroni und riß dem Stubenmädchen den so sehnlich erwarteten Brief aus Rom aus der Hand, in dem ihr Schwiegersohn, Ennio Mori, ihr alle versprochenen Details über die Niederkunft ihrer Tochter Ersilia berichten sollte.

Sofort setzte sie die Brille auf die Nase und begann zu lesen.

Sie wußte bereits aus den vorhergehenden Telegrammen, daß es eine schwierige Geburt gewesen war, daß ihre Tochter sich aber nie in Gefahr befunden hatte. Nun stand in dem Brief jedoch zu lesen, daß für Ersilia eigentlich doch eine gewisse Gefahr bestanden hatte, ja, daß man sogar einen Spezialisten für Geburtshilfe hinzuziehen hatte müssen. Das teilte ihr Mori sicherlich nicht mit, um die Verwandten seiner Frau zu beunruhigen, jetzt, wo die Sache so oder so vorbei war; wohl aber, um sich über ihre Starrköpfigkeit zu beklagen, weil sie entgegen seinen weisen Ratschlägen darauf beharrt hatte, bis zum letzten Augenblick ein zu enges Mieder und hohe Absätze zu tragen.

"Esel! Was hat das mit den Absätzen zu tun!"

Und mehrfach ließ sich die vor Wut kochende Signora Manfroni ein solches "Esel!" während der Lektüre entschlüpfen. Schließlich hielt sie inne, ärgerlicher als je zuvor, hob die Augen von dem Brief auf und blickte in die Runde, als suche sie jemanden, an dem sie ihren Zorn auslassen könnte.

"Wie denn? Ja, wie denn?"

Ach, die Amme dürfe keine Römerin sein? Und warum denn nicht, Herr Rechtsanwalt Mori? Die römischen Ammen haben zu viele Ansprüche? Ach sieh einmal, jetzt auf einmal war man sparsam! Als ob Ersilias Mitgift dem Herrn sozialistischen Anwalt nicht wahrhaft einen solchen Luxus bequem gestatten hätte können. Na, und ob! Was hätte Ersilia denn für eine Figur abgegeben, wenn sie mit einem ungeschliffenen, ungewaschenen sizilianischen Bauernmädchen an der Seite, das als Amme aufgeputzt war, durch die Straßen Roms spaziert wäre!

"Esel! Esel! Esel!"

"He! Gibt's heute nichts zu essen? Wieso ist denn noch nicht aufgedeckt?"

Es war Signor Manfroni, der wie üblich laut schimpfend das Haus betrat. Dort drüben hatte er schon das Stubenmädchen und die Köchin ausgezankt.

 

"Ruhig, Saverio, ruhig..." sagte seine Frau. "Du weißt doch recht gut, daß es bei uns immer eine Menge Dinge zu tun gibt."

"Zu tun? Ihr habt zu tun? Und ich?"

"Lies lieber einmal diesen schönen Brief deines lieben Schwiegersohns."

"Geht's um Ersilia?"

"Du wirst schon sehen."

Signor Manfroni beruhigte sich auf der Stelle; er überflog den Brief; dann sagte er, während er ihn wieder zusammenfaltete: "Sehr gut. Ich habe schon die richtige Amme für sie."

Er hatte diese plötzlichen Geistesblitze, der Signor Manfroni, Geistesblitze, von denen er sich selbst als erster blenden ließ, und denen er - seiner Meinung nach - seinen ansehnlichen kommerziellen Erfolg verdankte.

Mit spöttischem und herausforderndem Ton fragte Signora Manfroni: "Und wer wäre das?"

"Die Frau von Titta Marullo."

"Die Frau dieses Galgenstricks?"

"Schweig!"

"Die Frau dieses Aufrührers?"

"Schweig!"

"Die Frau eines Sträflings!"

"Laß mich doch ausreden!", schrie Manfroni. "Du bist eben eine Frau und hast deine Norm, hier, Gott im Himmel, Stroh, ein Bündel Stroh, jawohl, meine Liebe, ein Bündel Stroh hast du hier im Kopf anstelle des Gehirns. Bei den schönen sozialen Bedingungen, unter denen wir leben..."

"Was hat das mit den sozialen Bedingungen zu tun?", fragte seine Frau verblüfft.

"Die haben damit zu tun! Die haben damit zu tun!", gab Signor Saverio wütend zurück. "Denn wir, die wir es geschafft haben, uns mit unserer unermüdlichen und hin... wie heißt das schnell hingabungsvollen..., nein, das heißt doch... aber ja, hingabungsvollen Arbeit eine gewisse Grundlage zu erwerben, gerade wir müßten heute, deiner Norm zufolge, angesichts einer Zukunft, die immer undurchsichtiger und bedrohlicher wird... hast du mich verstanden?"

"Nein! Was soll man denn da verstehen?"

"Na, sag ich dir's nicht? Stroh!"

Er packte einen Stuhl, rückte ihn an den heran, auf dem seine Frau saß und ließ sich schnell und fauchend darauf nieder.

"Ich mußte Titta Marullo", setzte er fort, wobei er sich bemühte, leise zu sprechen, damit ihn die Dienerschaft nicht hören konnte, "deiner Normen wegen mußte ich Titta Marullo aus der Bäckerei rauswerfen und auf die Straße setzen, weil er revolutionäre Ideen vertritt.

"Dieselben Ideen wie die des Signor Mori, dem du deine Tochter gegeben hast!"

"Laß mich doch aussprechen!" schrie Manfroni. "Und warum hab' ich ihm meine Tochter gegeben? Vor allen Dingen deshalb, weil Ennio ein hochanständiger Junge ist; und dann auch deshalb, jawohl, deshalb, weil er Sozialist ist! Jawohl! Und weil das in meine Pläne paßt! Weil mir genau zupaß das kommt! Weshalb glaubst du, bin ich so geachtet bei der ganzen Kanaille, der ich zu Essen gebe? Stroh! Aber damit hat Ennio nichts zu tun. Wir sprachen von Titta Marullo. Ich habe ihn aus der Bäckerei rausgeworfen. Da er nun auf der Straße saß, der Unglücksrabe, hat er sich natürlich so benommen, daß er sich als Sträfling auf die Insel schicken ließ. Und nun werde ich, der ich reich bin, aber da drinnen etwas schlagen habe, was man deiner Norm zufolge Herz nennt, seine Frau nehmen, sie in einen Waggon dritter Klasse setzen und nach Rom schicken, als Amme meines Enkels!

Er konnte ja hunderttausend gute Gründe haben, der Signor Manfroni, aber er hatte auch auf einem Jochbein eine besonders lächerliche Warze, auf die seine Frau mit einem eisigen und besonders verächtlichen Blick zielte, wenn sie sich gezwungen sah, sich diesen Gründen geschlagen zu geben. Und Signor Manfroni, der jedes Mal den Blick auf dieser Warze ruhen fühlte, gingen daraufhin immer so sehr die Nerven durch, daß er schnell, um sich nicht zu einer Unbesonnenheit hinreißen zu lassen, die Diskussion abschnitt. Er läutete und befahl dem Stubenmädchen: "Schick mir sofort Lisi her."

Lisi, der als Kutscher und Diener beschäftigt war, erschien auf der Schwelle ohne Jacke, die Hemdsärmel aufgekrempelt und den Mund zu einem stummen Lachen verzogen, wie immer, wenn die Herrschaft ihn zu sich rief.

Signor Manfroni hatte schon bei seiner ersten Begegnung mit ihm eine ganz außergewöhnliche Schlauheit in diesem Burschen zu entdecken vermeint.

"Weißt du, wo Titta Marullos Frau ist?"

"Jawohl, Signore. Ich habe verstanden!", antwortete Lisi, zuckte eine Achsel und krümmte sich, während ein dümmliches Lächeln ihm den Adamsapfel den Hals hinaufwandern ließ.

"Was hast du verstanden, du dummes Vieh?" schrie ihn Marconi an, der in diesem Augenblick nicht dazu aufgelegt war, ihn zu bewundern.

Lisi krümmte sich von neuem, als hätte der Herr ihm ein besonders schönes Kompliment gemacht, und antwortete: "Ich gehe und sage es ihr, Signore."

"Sag ihr, sie soll sofort herkommen. Ich habe mit ihr zu reden."

Und kurze Zeit darauf bekam Signor Manfroni eine beeindruckende Probe der außergewöhnlichen Schlauheit Lisis geliefert. Man muß sich nur vorstellen, noch während er mit seiner Frau bei Tisch saß, sah er Annicchia, Tittas Frau, ins Zimmer stürzen, vor Freude weinend und ein etwa zwei Monate altes Kindchen auf dem Arm.

"Ach mein lieber Signore! Mein Signorino! Lassen Sie sich die Hände küssen!"

Und während sie das rief, fiel sie vor ihm auf die Knie. Das Stubenmädchen und die Köchin standen in der Türe und ließen sich diese Szene nicht entgehen; vor ihnen lachte Lisi selig und triumphierend vor sich hin.

Zwischen den Augen und den Brauen von Signor Saverio begann ein wilder Kampf, denn die einen wollten aufgrund der plötzlichen Verwirrung aus den Höhlen treten, die anderen sich vor Wut in die Höhe ziehen. Er zog sofort die Hand zurück, die die kniende junge Frau ihm küssen wollte, blickte zur Tür und brüllte: "Hinaus! Nein, du bleibst da, Lisi! Was hast du ihr erzählt?"

"Daß Titta kommen wird!", rief Annicchia, ohne sich zu erheben. "Daß sie ihn für mich freibekommen haben, Signore!"

Manfroni sprang auf und packte den Stuhl: "Na warte, du Kanaille!"

Lisi sprang davon wie ein junger Hirsch.

"Stimmt es denn nicht?", fragte Annicchia mit ersterbender Stimme, zu der Signora Manfroni gewendet.

Und sie stand langsam auf. Es bedurfte einer gehörigen Anstrengung, ihr klar zu machen, daß die Freilassung ihres Mannes nicht vom Willen oder von den Freunden des Signor Manfroni abhing und auch gar nicht abhängen konnte; er hatte ihn zwar aus der Bäckerei hinausgeworfen, aber sie selbst war doch Zeugin dafür, welche Langmut er zuvor bewiesen hatte, allein ihretwegen, die doch als kleines Mädchen in seinem Hause aufgewachsen und viele Jahre hindurch Ersilias Spielgefährtin gewesen war.

Während ihr Mann ihr das alles erklärte, beobachtete Signora Manfroni die junge Frau, putzte sie in Gedanken als Amme auf und nickte zustimmend mit dem Kopf, als sähe sie sie jetzt schon mit einem affigen roten Schleier auf dem Kopf, eine Haarnadel mit herunterbaumelnden Silberblüten daran durch die blonden Haare gesteckt.

Als Manfroni ihr die Gründe darlegte, weshalb er Lisi nach ihr geschickt hatte, war Annicchia ganz verstört und ratlos.

"Und mein Kindchen da?", sagte sie und streckte es vor. "Wem soll ich denn das lassen?"

Sie drückte es an die Brust; sie begann wiederum zu weinen.

"Tati kommt nicht zurück, Luzzì! Er kommt nicht zurück!"

Schließlich hob sie das tränenüberströmte Gesicht wieder auf und sagte, zu Signora Manfroni gewandt: "Er kennt ihn noch gar nicht; er hat ihn noch nie gesehen, diesen Engel, den ich ihm geboren habe."

"Du könntest dein Kind ja in Pflege geben, mit einem Teil von der Summe, die du von Ersilia bekommst."

"Ach, für Signorina Ersilia", erwiderte Annicchia schnell, "denken Sie nur, wie gerne ich das für sie täte! Aber... es ist zu weit weg! in Rom!"

Herr Saverio erklärte es ihr auf der Stelle: Abfahrt! Fertig! Mit dem Zug und dem Dampfboot gäbe es heutzutage keine Distanzen mehr.

"Ja, Signore", sagte Annicchia. "Euer Gnaden haben ganz recht. Aber ich bin ein armes, unwissendes Ding; ich ginge verloren dort. Ich habe doch nie einen Fuß aus unserem Dorf gesetzt. Und dann", fügte sie hinzu, "Euer Gnaden wissen ja auch, daß ich meine Schwiegermutter bei mir habe: wie könnte ich die arme alte Frau allein lassen? Wir beiden sind ja allein zurückgeblieben. Titta hat sie mir so sehr ans Herz gelegt! Und wenn er wüßte, wie wir unser Leben fristen! Mir bindet dieses Kindchen die Hände; sie ist über siebzig Jahre alt! Ich wollte ja den Kleinen in Pflege geben und selbst irgendwo in Dienst gehen. So oder so, Titta wird nichts mehr von den schönen Sachen finden, die wir zu unserer Hochzeit gekauft haben. Arme-Leute-Ausstattung, jawohl, aber sauber. Verkauft haben wir's, ein Stück da, eines dort... Aber die Alte will mich nicht in Dienst gehen lassen. Sie ist stolz; sie will es nicht. Aber wenn es für die Signorina Ersilia ist, dann vielleicht... nun, ich kann versuchen, mit ihr darüber zu reden."

"Ja, aber die Antwort brauche ich sofort. Du müßtest spätestens morgen fahren."
Annicchia war wiederum ganz verstört.

"Ich werde hören, was Sie sagt, und dann werde ich Ihnen ja oder nein sagen können", sagte sie schließlich und verschwand.

Sie wohnte in einem kleinen Gäßchen ganz in der Nähe. Schon hatten sich in dem schmucklosen, ebenerdigen Häuschen alle Nachbarinnen bei der ebenso frohen wie falschen Nachricht Lisis rund um die alte Mutter des Deportierten versammelt, die ganz zusammengekrümmt in der Stube saß, ein schwarzes Kopftuch unter dem Kinn zusammengeknotet und die mit Gichtknoten übersäten Hände auf ein grobes Terracotta-Wärmebecken auf ihren Knien gelegt. Die Nachbarinnen lobten im Chor das gute Herz und die Großzügigkeit Manfronis, und die Alte stieß mit gesenktem Kopf von Zeit zu Zeit eine Art Knurren aus, von dem man nicht recht zu sagen wußte, ob es Zustimmung oder Verachtung bedeuten sollte, wobei sie die Umstehenden mit gewissen Blicken durchbohrte, die Mißtrauen und Groll ausdrückten. Als Annicchia auf der Schwelle erschien und ihre ersten Worte den Nachbarinnen die bewundernden Sätze über Signor Manfroni auf den Lippen erstarren ließen, da hob die alte Schwiegermutter den Kopf und sah die Nachbarinnen ringsumher mit Empörung an; dann, als sie von Manfronis Vorschlag erzählte, erhob sie sich.

"Was hast du ihm geantwortet?"

Annicchia warf einen Blick in die Runde der Nachbarinnen, als wollte sie sagen: Macht ihr es ihr doch klar, daß ich annehmen muß.

"Ich habe ihm geantwortet, daß ich mit Ihnen darüber reden würde, Mamma."

"Ich will es nicht! Ich will es nicht!", schrie die Alte auf der Stelle voller Zorn.

"Ich würde es auch am liebsten nicht wollen; aber..."

Und wiederum wandte Annicchia sich um Hilfe an die Nachbarinnen. Diese versuchten daraufhin, ein wenig die eine, ein wenig die andere, die Alte von den Gründen zu überzeugen, um deretwillen die Schwiegertochter diese Gelegenheit nicht ausschlagen durfte, die sich ihr bot, auf ehrbare Weise für sich, für sie und für das Kind zu sorgen. Eine, die mit ihrem Kind gekommen war, das an einer riesigen Brust hing, schrie sogar: "Da! Da! Seht her! Ich hab genug Milch für zwei! Ich nehm' es zu mir, das Bübchen... Da, da, seht her!"

Und sie zog dem saugenden Kind die Brustwarze aus dem Mund, hob die Brust mit einer Hand und ließ den Nachbarinnen ihre Milch ins Gesicht spritzen, die lachend und ihre Gesichter mit den Händen schützend, zurückwichen und gegeneinanderprallten.

Aber die Alte wollte nicht nachgeben; sie wehrte sich gegen alle Bitten und Beschwörungen und schrie die Schwiegertochter an: "Wenn du gehst, gehst du gegen meinen Willen, und dann verfluche ich dich! Denk daran!"

 

 

II.

 

Der Rechtsanwalt Ennio Mori wartete im Bahnhof auf die Ankunft des Zuges aus Neapel. Kleingewachsen, hager, mit hochgezogenen Schultern, schnaufte er ungeduldig vor sich hin und kratzte sich das knochige, gelblich gefärbte Gesicht, das von einem allzu wild wuchernden schwarzen Bart bedrängt und geradezu unterdrückt wurde, rückte sich die Brille zurecht, die nicht und nicht auf der Nase sitzen bleiben wollte, oder betastete immer wieder die Taschen des Mantels und der Jacke, die voll mit Zeitungen waren.

Schließlich trat er auf einen Eisenbahner zu.

"Verzeihen Sie, was ist mit dem Zug aus Neapel?"

"Der hat vierzig Minuten Verspätung."

"Die italienischen Eisenbahnen! Das ist doch zum Aus-der-Haut-Fahren!"

Und er ging weg, auf der Suche nach irgend einem Sitzplatz; dort hinten, unter der Uhr, auf einem Mauervorsprung, denn die Bänke waren alle besetzt.

Jetzt mußte er auch noch den Diener spielen für die Amme, die da ankommen sollte:

"Zum Aus-der-Haut-Fahren ist das!"

Nun waren sie zwei Jahre verheiratet und wohnten seit zwei Jahren in Rom, aber seine Frau schien gerade eben erst aus diesem Stamm von Wilden aus dem hintersten Sizilien entsprungen zu sein: sie verstand sich nicht einmal zu Hause zu rühren, konnte nicht allein auf die Straße gehen, um die kleinen Einkäufe für die Familie zu erledigen; sie konnte ihm nur von früh bis spät Vorwürfe machen, jawohl, das konnte sie, immer mürrisch und immer stichelnd, dort, wo es am meisten schmerzte: bei der Logik, bei der Logik; sie konnte ihn mit der dümmsten und ärgerlichsten Eifersucht kränken, und das nicht aus Liebe, sondern aus Starrsinn. Sie fühlte sich nicht richtig geliebt! Na freilich! Was hatte sie denn je dafür getan, was tat sie nun dafür, geliebt zu werden? Es hatte doch viel eher den Anschein, als hätte sie Freude daran, gehaßt zu werden. Nie ein freundliches Wort, nie eine Liebkosung, nie! Und immer war sie voll Mißtrauen, abweisend, hart, übelnehmend, mürrisch. Na, mit dieser Heirat hatte er ein gutes Geschäft gemacht, das konnte man wirklich sagen!

"Zum Aus-der-Haut-Fahren!"

Er schnaufte, rückte sich wieder die Brille auf der Nase, zog eine der vielen Zeitungen aus der Tasche und begann zu lesen.

Aber sogar bei dieser Lektüre fand er keinen Augenblick Ruhe, als wäre er zu Hause und unterhielte sich mit seiner Frau; und fast bei jeder Meldung wiederholte er seinen Lieblingssatz: "Zum Aus-der-Haut-Fahren!" Er las jedoch trotz alledem weiter; und jeden Tag war er erst dann zufrieden, wenn er von der ersten bis zur letzten Seite die wichtigsten Blätter aus Rom, Mailand, Neapel, Turin und Florenz überflogen hatte, mit denen er sich stets alle Taschen vollstopfte.

"Medizin", pflegte er zu sagen. "Sie bringen meine Galle in Bewegung."

Aber wohl ein bißchen zu stark! Das hatte ihm auch der Arzt gesagt. Zu stark, ja, das mochte schon sein; aber hätten ihm ohne Lektüre der Zeitungen das unmittelbare Erleben der über alle Maßen angenehmen italienischen Gegenwart und die Gesellschaft seiner Frau die Leber nicht noch viel mehr ruiniert? Da war das Zeitunglesen noch besser.

"Und dieser verdammte Zug aus Neapel, zum Teufel, kommt der nun an oder nicht?"

Er sah auf die Uhr; dann sprang er entsetzt in die Höhe. Es war ja mehr als eine Stunde vergangen! In aller Eile stürzte er zum Ausgang. Wo sollte er nun diese arme Person finden, die bereits angekommen sein mußte und seine Adresse nicht kannte?

Aber zum Glück fand er sie, im Zollbüro, wo die Gepäckstücke kontrolliert werden, auf ihrem Reisesack kauernd und in Tränen. Die Zollbeamten versuchten sie zu trösten. Sie rieten ihr, auf die Polizei zu gehen, weil ihnen dieser "Mohrenanwalt", von dem sie sprach, unbekannt war.

"Annicchia!"

"Signorino!", schrie die Ärmste und sprang mit einem Satz auf, als sie seine Stimme hörte.

Es fehlte nicht viel, so hätte sie ihn umarmt vor Freude. Sie zitterte am ganzen Leib.

"Verloren war ich, Signorino, ganz und gar verloren... was hätte ich nur getan, wenn Euer Gnaden nicht gekommen wären?"

"Ja, konnte denn mein überaus ehrenwerter Herr Schwiegervater dir die Adresse nicht auf ein Stück Papier schreiben, zum Teufel", schrie Mori sie an.

"Ja, ich kann doch nicht lesen...", gab ihm Annicchia zu bedenken, die sich bemühte, ihre letzten Schluchzer zu unterdrücken und sich die Tränen abzuwischen.

"Zum Aus-der-Haut-Fahren ist das! Du hättest den Zettel einem Droschkenkutscher geben können, und ich hätte nicht selbst kommen brauchen. Im übrigen bin ich ohnehin gekommen. Ich war ja die ganze Zeit auf dem Bahnhof, ich habe nur die Ankunft des Zuges nicht bemerkt. Also Schluß damit."

Während sie in den Wagen stiegen, trug er ihr auf: "Kein Wort zu meiner Frau über diese Geschichte. Sonst ist wieder die Hölle los."

Damit zog er eine andere Zeitung aus der Tasche und begann wieder zu lesen.

Annicchia machte sich ganz klein, um so wenig Platz wie nur möglich in dem Wagen einzunehmen. Sie empfand eine große Befangenheit, als sie so neben dem gnädigen Herrn saß, ganz allein mit ihm im Wagen. Aber das dauerte nur kurz. Sie war wie benommen von der langen Reise, von den vielen neuen Eindrücken, die lärmend in ihre arme Seele eingebrochen waren, die bisher stets zurückgezogen gelebt hatte, gefangen in den gewohnten Verrichtungen ihres engen Lebens. An nichts erinnerte sie sich mehr; nichts dachte sie, nichts sah sie mehr; sie empfand nur die Erleichterung, endlich an­gekommen zu sein, den Schreck der Überfahrt auf dem Dampfschiff von Palermo nach Neapel, das Entsetzen über den entfesselten Lauf des Zuges überwunden zu haben. Wo war sie hingeraten? Sie versuchte aus dem Fenster zu sehen, aber die Augen schmerzten sie. Sie würde ja noch so viel Zeit haben, Rom zu sehen, die große Stadt, wo der Papst lebte! Einstweilen hatte sie schon jemanden neben sich, den sie kannte, und bald würde sie auch "ihr Fräulein" wiedersehen und sich beinahe wie zu Hause im Dorf fühlen. Sie lächelte. Für einen Augenblick stieg der Gedanke an ihr fernes Büblein in ihr hoch, an die alte Schwiegermutter, aber sie schüttelte das Bild sofort ab, aus dem instinktiven Bedürfnis heraus, sich diesen Augenblick der Erleichterung nach den langen, bangen Qualen der Reise nicht zu verderben.

"In Neapel", fragte sie auf einmal Mori, "ist dich da jemand auf dem Dampfer abholen gekommen?"

"Oh ja, Signore! Ein großer Herr! So gut war er zu mir...", beeilte sich Annicchia zu antworten. "Er hat mir auch befohlen, Grüße an Sie auszurichten."

"Befohlen hat er dir?"

"Jawohl, Signore, Sie zu grüßen."

"Er wird dich darum gebeten haben."

"Jawohl, Signore; aber... ein gnädiger Herr und ich..."

Ennio Mori fauchte vor sich hin und begann wieder in der Zeitung zu lesen.

"Medizin, Medizin..."

"Wie sagen Sie, bitte?", wagte Annicchia schüchtern zu fragen.

"Nichts. Ich spreche mit mir selbst."

Annicchia verstummte eine Zeitlang vor Verblüffung. Dann sagte sie: "Auch in Palermo ist ein anderer großer Herr auf den Bahnhof gekommen, der mich dann zum Dampfer begleitet hat: auch der war so gut zu mir.

"Und hat der dir auch befohlen, mich zu grüßen?"

"Jawohl, Signore, auch der."

Mori ließ die Zeitung auf die Knie sinken, rückte sich die Brille auf der Nase zurecht und fragte mit hochgezogenen Brauen:

"Was ist mit deinem Mann?"

"Immer noch dort!", seufzte Annicchia. "Immer noch auf der Insel. Ach, wenn Euer Gnaden, die Sie hier in Rom wohnen, wo doch der König ist..."

"Halt den Mund!", fuhr Mori auf, als hätte dieses arme Mädchen ihm auf den Fuß getreten, als sie den König erwähnte.

"Ein Wörtchen würde schon genügen...", wagte Annicchia unterwürfig hinzuzufügen.

"Zum Aus-der-Haut-Fahren ist das!", fauchte Mori von neuem, so wütend, daß er die Zeitung, die er auf den Knien hielt, zusammenknüllte und aus dem Wagen warf. "Glaubst du denn, die hätten bloß deinen Mann dorthin geschickt, ins Straflager? Die schicken uns genauso hin!"

"Die Herrschaft?", fragte Annicchia verblüfft und ungläubig. "Die Herrschaft schicken sie auch dorthin?

"Halt den Mund!", gab Mori zurück, dem diese sklavische Unwissenheit geradezu unerträglich wurde.

Und er begann düster über das verzweifelte Unternehmen zu grübeln, das darin bestehen sollte, diesen einfachen Leuten in seinem heimatlichen Sizilien, in denen das Gefühl der Unterwürfigkeit so tief verwurzelt war, ein neues Bewußtsein zu geben.

Endlich kam der Wagen in der Via Sistina an, in der Mori wohnte.

Ersilia lag noch zu Bett. Unter dem rosafarbenen Baldachin des breiten Himmelbettes, zwischen dem weißen Schimmer der Kissen und Spitzen erschien ihre Haut noch dunkler als früher, fast schwarz, so mager war sie noch von den Strapazen der eben erst überstandenen Geburt.

Annicchia lief zu ihr, um sie freudig zu umarmen.

"Signorina! Meine Signorina! Da bin ich... wie ein Traum kommt es mir vor! Wie geht es Ihnen? Sie haben viel gelitten, nicht wahr? Ach, mein Kind, das sieht man... Sie sind kaum wiederzuerkennen... Aber das ist eben Gottes Wille: Wir Frauen sind zum Leiden geschaffen."

"Einen Dreck!", wehrte sich Ersilia. "Wie blöd sie sind, die Frauen... Alle sind sie so! Und es macht euch noch Spaß, was? Spaß macht es euch, in einem fort zu wiederholen, daß wir Frauen zum Leiden geschaffen sind. Und vor lauter Wiederholen dieser Phrase, da glauben es die Herren Männer am Ende tatsächlich, daß wir Frauen ihnen zu Diensten sein müssen, für ihre Bequemlichkeit und ihr Vergnügen zu sorgen haben. Wir sind die Sklavinnen, was? Und sie sind die Herren. Einen Dreck!"

Ennio Mori, dem diese Ohrfeige galt, faltete wütend die dritte Zeitung zusammen, fauchte und ging aus dem Zimmer.

Annicchia sah die gnädige Frau ein bißchen verlegen an und sagte: "Auch sie haben ja so viel zu erdulden, die Armen..."

"Ja, schlafen, essen und spazierengehen. Ich möchte gerne einmal ein bißchen tauschen. Ach, ein Mann sein, ein Mann, und wenn es ein Auge kosten sollte!"

"Natürlich, wenn wir gerade so viel für sie leiden mußten..."

"Nein, immer! Ich hasse sie alle miteinander!"

An dieser Stelle hörte man im Zimmer nebenan Ennio Mori rufen: "Die ganze weite Welt!"

Und darauf antwortete sofort ein anderer Ruf:

"Da bin ich schon, Signore! Was befehlen Sie?"

Ersilia brach in Gelächter aus und erklärte Annicchia: "Ich habe ein schwerhöriges Stubenmädchen. Immer wenn man ein bißchen die Stimme erhebt, glaubt sie, man hätte sie gerufen. Margherita! Margherita!"

Auf der Schwelle erschien die schwerhörige Alte mit einem halb beleidigten, halb verdatterten Gesichtsausdruck. Dort drüben hatte Mori, dem die Augen aus den Höhlen traten, zu ihr hin eine Geste gemacht... so eine gewisse, unverschämte Geste.

"Hör einmal, Margherita", sagte Ersilia. "Das ist die Amme, sie ist eben angekommen... ja, jetzt eben. Gut: Nun zeigst du ihr das Zimmer. Hast du verstanden? Du gehst dich jetzt erst einmal waschen", setzte sie, zu Annicchia gewandt, hinzu. "Du bist ja ganz rußig."

Annicchia reckte den Hals, um sich in dem Spiegel der Kastentür zu betrachten und schrie sofort mit erhobenen Händen: "Du meine Güte!"

Der Rauch der Eisenbahn und die auf dem Bahnhof vergos­senen Tränen hatten ihr das Gesicht verschmiert. Aber ehe sie sich waschen ging, wollte sie "ihrer Signorina" noch, die Erlebnisse der Seereise, dann die der Bahnreise be­richten, begleitet von lebhaften Gesten und häufigen Aus­rufen, die der schwerhörigen Dienerin die Augen aus den Höhlen treten ließen. Vor allem erzählte sie, wie ihr auf einmal die Brust fast zu platzen drohte vor aufgestauter Milch, und wie sie daraufhin zu weinen begonnen hatte wie ein kleines Mädchen. Ihre Reisegefährten hatten sie gefragt, was sie denn habe; aber sie schämte sich, es zu sagen. Endlich begriffen sie. Und da machte sich ein junger Mann erbötig, ihr die Milch abzusaugen - der Lümmel! - und streckte sogar schon lachend die Hände nach ihrer Brust aus. Schreiend hatte sie gedroht, sich aus dem Abteilfenster zu stürzen. Aber dann hatte sie zum Glück bei der nächsten Station ein alter Mann, der dort neben ihr saß, in ein anderes Abteil geführt, in dem eine Frau mit einem armseligen kleinen Mädchen von drei Monaten saß, dem sie endlich ihre Milch geben konnte, wobei sie sich allmählich förmlich wiedergeboren fühlte.

Ersilia glaubte bereits die Sitten der Frau "vom Kontinent" angenommen zu haben und empfand daher Ärger über diese lebhaften und naiven Äußerungen bäuerlichen Schamgefühls.

"Genug, jetzt gehst du dich erst einmal waschen. Dann mußt du mir von Mama und Papa erzählen. Los, geh."

"Und das Kindchen?", fragte Annicchia. "Wollen Sie es mir nicht zeigen? Ich sehe es nur schnell an und gehe."

"Da drinnen", sagte Ersilia und deutete auf die Wiege. "Aber du nicht, rühr den Schleier nicht an mit deinen schmutzigen Händen. Los, Margherita, zeig es ihr."

Zwischen einem solchen Reichtum an Bändchen, Schleiern und Spitzen erblickte Annicchia ein kleines Monsterchen mit puterrotem Gesicht, noch viel armseliger als das Mädchen, dem sie im Zug Milch gegeben hatte. Dennoch rief sie aus: "Schön! Schön! Mein Herzchen! Wie ein Engel schäft er! Euer Gnaden werden schon sehen, wie ich ihn aufpäppele. Auch mein Luzziddu kam so auf die Welt, winzig klein, und jetzt, jetzt sollten Sie ihn sehen!"

Bewegt brach sie ab. "Ich gehe und komme gleich wie­der." sagte sie schließlich und folgte der alten Dienerin auf ihr Zimmer.

 

 

III. 

 

Am liebsten hätte sie den Kleinen gleich an die Brust genommen; der gnädige Herr war auch dieser Meinung; aber Ersilia, die in allem und jedem anderer Meinung sein mußte als ihr Mann, nein, die wollte, daß zuerst ein Arzt ihre Milch untersuchen solle.

"Ist denn wirklich ein Arzt nötig?", fragte Annicchia lachend. "Sehen Sie nicht, wie gut's mir geht?"

Sie strotzte vor Gesundheit mit ihren frischen und rosigen Wangen.

Ersilia blickte sie haßerfüllt vom Bett aus an, als hätte sie mit diesen Worten die Aufmerksamkeit ihres Mannes auf sich ziehen wollen.

"Einen Arzt! Ich will auf der Stelle einen Arzt!"

Und Mori mußte, seinen üblichen Satz vor sich hinmurmelnd, einen Arzt holen gehen.

Dieser kam erst gegen Abend, als Annicchia sich von neuem in Krämpfen wand mit ihrer angeschwollenen Brust, und das Kind, das die im übrigen vertrocknete Brust der Mutter nicht zu fassen bekam, vor Hunger und Angst schrie.

Ennio wäre gerne bei der Untersuchung dabei gewesen, aber seine Frau jagte ihn fort: "Was willst du da denn sehen? Sag lieber Margherita, sie soll uns einen Löffel und ein Glas Wasser bringen."

"Blond, hm?... blond... blond...", sagte unterdessen der Arzt, der die Angewohnheit hatte, drei und viermal hintereinander dasselbe Wort zu wiederholen, während er geistesabwesend auf die Amme blickte, als müßte er sich jedesmal bemühen, seine Gedanken zusammenzuhalten.

Als sie sich so angestarrt sah, wurde Annicchia rot wie Klatschmohn.

"Blond, hm?... sagten wir doch, hochverehrte gnädige Frau", setzte unterdessen der Arzt fort. "blond, nicht wahr?

Hochverehrte gnädige Frau... Eine schöne junge Frau... schön, ja, und gesund wirkt sie auch, gesund auch... aber braun, hm, braun, braun wäre besser gewesen... die Milch der Braunhaarigen, sicherlich, die Milch der Braunhaarigen... na gut, wollen wir einmal sehen."

Er hob Annicchia den Kopf auf und untersuchte die Drüsen am Hals; nach einigen weiteren Betrachtungen begann er ihr zerstreut das Mieder aufzuknöpfen. Annicchia, bebend vor Scham, ganz verdattert und verlegen, versuchte ihn daran zu hindern und verdeckte ihre Brust mit den Händen.

"Hol's raus, hm? Hol's raus", sagte der Arzt.

Ersilia brach in Gelächter aus.

"Warum... warum la... warum lachen Sie, hochverehrte gnädige Frau?"

"Ja, sehen Sie denn nicht, wie sich diese dumme Gans vor Ihnen schämt?", machte Ersilia ihn aufmerksam.

"Vor mir? Ich bin doch Arzt!"

"Daran ist sie nicht gewöhnt", erklärte Ersilia. "Und außerdem, wissen Sie, unsere Frauen, also, wir Sizilianerinnen, wir sind nun einmal nicht so wie die Frauen hier."

"Achso", sagte der Arzt schnell. "Ich verstehe, ich verstehe... ich weiß schon, ich weiß schon... schamhafter sind sie, hm? Schamhafter... Aber ich bin Arzt; ein Arzt ist wie ein Beichtvater. Laß einmal sehen: spritz du selbst ein paar Tröpfchen hier in den Löffel. Wie lange hast du denn dein Kindchen schon?"

"Gekauft hab ich's", antwortete Annicchia, wobei sie sich abmühte, ihm ins Gesicht zu sehen, "wohl schon vor zwei Monaten."

"Gekauft hast du's? Was sagst du da?"

"Wie soll ich es denn sagen?"

"Na, geboren, mein Kind, geboren.... Die Kinder werden geboren... geboren... Was ist da Böses dabei?"

Als der Arzt endlich nach Untersuchung der Milch gegangen war, ließ sich Annicchia erledigt auf einen Stuhl sinken, als hätte sie eben eine unsägliche Anstrengung hinter sich gebracht: "Ach, Signorina, was für eine Schande! Ich bin fast gestorben dabei."

Als sie kurz darauf das Kind schreien hörte, lief sie zur Wiege und gab ihm sofort die Brust. "Da hast, trink dich satt, mein kleines Schätzchen, mein Herzchen, trink!"

Ersilia betrachtete sie abermals vom Bett aus: sie sah ihre goldglänzenden blonden Haare, die, in der Mitte gescheitelt, in zwei Strähnen über ihre Ohren hingen und ihr zartes Gesicht einrahmten, sie sah ihre wunderbar weiße, schöne Brust, und da sagte sie ärgerlich:

"Es wäre besser gewesen, ihn zuerst nur zu beruhigen; und ihm dann Milch zu geben, um ihn einzuschläfern."

"Lassen Sie ihn doch trinken, das arme Würmchen!" rief Annicchia. "Er hat ja wirklich Hunger! Wenn Sie sehen könnten, wie er saugt, wie er saugt!"

Wenig später konnte sie sich in dem Nebenzimmer, das für sie und den Kleinen bestimmt war, gar nicht beruhigen, wenn sie die Möbel und die Vorhänge betrachtete: "Jesus! Was es alles gibt, in Rom! Was es alles gibt!"

Und sie fühlte eine gewisse Verlegenheit angesichts dieses neuen, so schönen Bettes, das für sie vorbereitet worden war. Sie erinnerte sich auch noch an die noch stär­kere Verlegenheit, die sie vor zwei Jahren bei dem Anblick eines anderen Bettes empfunden hatte, jenes Bettes, in dem sie zum ersten Mal nicht mehr allein schlafen sollte. In Gedanken sah sie dabei ihr fernes Häuschen vor sich, wie es gewesen war, als Titta, ehe ihm diese schlimmen Ideen, die ihn ruiniert hatten, in den Kopf geraten waren, es voller Liebe für die Hochzeit vorbereitet hatte; und wie es dagegen jetzt war, armselig und nackt, gerade mit zwei Stühlen darin und einem einzigen Bett, für sie und die Schwiegermutter gemeinsam.

Nun hatte die Alte da unten es für sich allein, dieses Doppelbett, denn das Kind schlief wahrscheinlich im Haus der Nachbarin. Armer Luzziddu, so klein schon fort von Zuhause, und so weit entfernt von seiner Mamma! Sicherlich hatte diese Frau für ihn nicht die selbe liebevolle Zuwendung wie für ihr eigenes Kind, und Luzziddu mußte, zur Seite ge­schoben, still sein und warten, was für ihn übrig blieb; er, der bisher seine Mamma ganz für sich allein gehabt hatte!

Annicchia begann zu weinen; aber dann hatte sie Angst, jemand könnte es bemerken, trocknete ihre Tränen und tröstete sich mit dem Gedanken, daß ja die Großmutter ganz in der Nähe war, um aufzupassen, und daß sie sich schon Gehör zu verschaffen gewußt hätte mit ihrem düsteren und herrischen Ton, falls das notwendig geworden wäre. Ja, sie war die würdige Mutter Tittas! Aber im Grunde war sie doch gut, so wie Titta gut war; sicher würde sie mit der Zeit einsehen, daß die Schwiegertochter nur deshalb gewagt hatte, ihr nicht zu gehorchen, weil sie von der Notwendigkeit und dem Gedanken an das Wohl aller dazu gezwungen worden war.

Nun, um sich selbst zu beweisen, daß sie ein Opfer gebracht und dabei nur an das Wohl der anderen und nicht an das eigene gedacht hatte, hätte sie am liebsten auf dem Boden geschlafen und nicht dort, auf diesem herrschaftlichen Bett, unter diesem Baldachin: der Kleine sollte dort schlafen, denn der ganze Reichtum galt ja ihm, und sie auf dem Boden wie eine Hündin. Sie konnte sich kaum dazu entschließen, unter diese Decken zu schlüpfen, weil sie ständig an das Stroh denken mußte, auf dem ihr Luzziddu schlief und ihre Schwiegermutter auch.

Aber einige Tage später kränkten sie die affigen und pompösen Kleider, die die Schneiderin gebracht hatte, in dieser geheimen Empfindung noch viel mehr. War all dieser Schnickschnack wirklich für sie, die bestickten Schürzen, die Samtbänder, die Silbernadeln? Und sollte sie wirklich so auf die Straße gehen, als ginge es zu einem Maskenzug?

Ersilia, die das Bett bereits verlassen hatte, wurde ernsthaft böse: "Ach, was für ein Gesicht! Das habe ich mir ja gedacht. Aber hier ist es nun einmal so üblich und das hast du anzuziehen, ob's dir nun paßt oder nicht!"

"Wie Euer Gnaden befehlen", gab Annicchia rasch zur Ant­wort, um sie zu beruhigen. "Verzeihen Sie mir. Euer Gnaden haben so viel schönes Geld ausgegeben für mich, die ich doch gar nichts verdient hätte. Aber schließlich, was hat das schon für eine Bedeutung? Euer Gnaden sind die Herr­schaft... Ich meine, es kommt mir seltsam vor... denn bei uns im Dorf..."

"Hier sind wir aber in Rom", schnitt ihr Ersilia die Rede ab. "Im übrigen siehst du sehr gut aus.

Das stimmte tatsächlich. Das leuchtende Rot des Schleiers unterstrich noch das Blond der Haare und das Blau ihrer fröhlichen, klaren Augen. Ersilia war sicher, daß sie neben ihr bei dem gemeinsamen Spaziergang eine höchst unvor­teilhafte Figur machen würde; aber die Eitelkeit, der Ehr­geiz, eine schön aufgeputzte Amme zu haben, waren in ihr stärker als selbst die Eifersucht.

Das erste Mal nahm sie sie im Wagen mit.

Annicchia, feuerrot im Gesicht vor Scham, hatte die Augen niedergeschlagen und starrte auf das Kind in ihrem Schoß. Unterdessen merkte Ersilia, wie alle Leute auf der Straße stehen blieben und sich nach ihr umdrehten.

"Los, los", sagte sie. "Heb den Kopf auf! Wir wollen doch kein Schauspiel bieten! Du siehst ja aus, als wärst du geohrfeigt worden!"

Annicchia versuchte, die Augen aufzuheben und den Kopf dazu. Nach und nach ließ das Staunen über das ungewohnte, beeindruckende Schauspiel der Stadt sie ihre Scham vergessen, und sie begann wie betäubt aus dem Fenster zu starren, auf all die Dinge, die Ersilia ihr zeigte.

"Jesus, Jesus!" murmelte Annicchia insgeheim. "Was das für große Dinge sind! Was das für Dinge sind..."

Als sie von diesem ersten Ausgang nach Hause zu­rück­kehrte, war sie ganz verstört, es schwindelte ihr beinahe, und die Ohren dröhnten ihr, als wäre sie in einen Aufruhr geraten und wäre ihm nur mit großer Mühe entkommen. Und sie fühlte sich viel, sehr viel weiter entfernt von ihrem Dorf als zuvor, so weit, wie sie es sich nie vorzustellen ver­mocht hätte, beinahe verloren in einer anderen Welt, die ihr noch gar nicht wirklich erschien.

"Jesus! Jesus!"

Unterdessen gab Mori nebenan seiner Frau einen während ihrer Abwesenheit aus Sizilien eingetroffenen Brief zu lesen.

Darin schrieb Frau Manfroni ihrer Tochter, daß die alte Marullo ihr das Geld zurückgeschickt hatte, das sie ihr, der Abmachung mit Annicchia entsprechend, auf den ersten Monatslohn vorstrecken wollte. Die Alte hatte das Geld nicht einmal von weitem sehen wollen. Lieber würde sie sterben, hatte sie gesagt, lieber von Haus zu Haus ziehen und um ein Stückchen Brot betteln. Unterdessen war die Nachbarin gekommen, der Annicchia ihr Kindchen anvertraut hatte, um sich über diese alte Hexe zu beschweren, die ihr keinen Heller geben wollte, auch nicht für das, was sie für das Kind aufwenden mußte. Frau Manfroni fügte hinzu, sie habe dieser Nachbarin den halben Monatslohn gegeben, jedoch unter der Bedingung, daß sie jeden Tag der Alten, als wäre es aus eigener Barmherzigkeit, einen Teller Suppe geben sollte, damit sie nicht buchstäblich Hungers stürbe. Sie riet ihrer Tochter, die andere Hälfte gar nicht erst zu schicken, denn die Marullo hätte das nie angenommen, und schloß mit der Bemerkung, sie wäre zutiefst betrübt darüber, daß sie in diese peinliche Situation geraten wäre, weil sie dem Rat anderer Leute hatte folgen wollen.

"Deinem klugen Rat!", brauste Ersilia auf, während sie den Brief zusammenfaltete. "Du kannst auch nicht ein ein­ziges Mal das Richtige treffen!"

"Ich?", wehrte sich Ennio. "Ja, habe ich denn viel­leicht deiner hochverehrten Frau Mutter geschrieben, sie solle mir die Schwiegertochter einer gemeingefährlichen Irren als Amme schicken?"

"Nein. Aber eine sizilianische Amme wolltest du haben! Hättest du nicht diese wunderbare Idee gehabt, steckten wir jetzt nicht in diesem Schlamassel. Im übrigen, ach hör mir auf, hör mir auf, sie gefällt dir doch, und gar nicht wenig, die kleine sizilianische Amme! Das hab ich schon gemerkt!"

Mori riß die Augen weit auf:

"Die Amme meines Sohnes?"

"Schrei nur, schrei nur! Damit man drüben alles hört..."

"Erst reizt du mich, und dann willst du, daß ich nicht schreie? Auch noch auf die Amme meines Sohnes bist du also jetzt eifersüchtig? Bist du denn ganz übergeschnappt?"

"Übergeschnappt bist du! Du könntest froh sein, wenn du deine fünf Sinne so beisammen hättest wie ich! Nun, und was machen wir jetzt? Was sollen wir damit machen, mit diesem Geld?"

"Ich hoffe, du willst ihr jetzt nicht ins Gesicht schreien, daß ihre Schwiegermutter es nicht annimmt!"

"Aber wo denkst du hin? Ihr solchen Verdruß bereiten? Ich werde mich hüten!"

Mori verlor die Geduld, zuckte wütend die Schultern und ging. 

 

 

IV. 

 

Jetzt blieb ihm auch das nicht erspart: er durfte nicht einmal sein kleines Kindchen liebkosen, es nicht einmal betrachten, weil seine Frau nun schon den Verdacht hatte, die Amme könnte diese Liebkosungen, diese Blicke, auf sich beziehen.

"Und weshalb", fragte sie ihn auch tatsächlich, "weshalb bist du nicht entzückt von deinem Sohn, wenn ich ihn im Arm halte und schneidest ihm stattdessen lauter zärtliche Grimassen, wenn er bei der da ist?"

Entrüstet und beschämt ob dieses ungerechten und em­pörenden Verdachts schrie Ennio sie an: "Aber bei dir ist er ja nie!"

Tatsächlich fing das Kind jedesmal, wenn sie es auf den Arm nahm, zu schreien an und streckte die Händchen nach der Amme aus. Vielleicht hielt sie es nicht richtig, nicht so sehr deshalb, weil sie es nicht gewohnt war, als vielmehr aus Angst, es könnte ihr die reich verzierten Hausmäntel beschmutzen, mit denen sie zu prunken liebte.

Obwohl sie nie Besuche empfing und nur selten ausging, gab sie doch sehr viel Geld für Kleider aus, mit denen sie dann nie zufrieden war, ebenso wenig wie mit allem anderen und mit sich selbst. Sie fühlte sich unglücklich, und viel­leicht war sie es tatsächlich; aber ihr Unglück machte sie den anderen zum Vorwurf und nicht der eigenen Unduldsamkeit, ihrem widerborstigen Charakter, dem Fehlen jeder Anmut. Sie war überzeugt davon, wenn sie über einen anderen Mann ge­stolpert wäre, der sie zu lieben und zu verstehen vermocht hätte, dann hätte sie nie all diese Leere verspürt, die sie nun in und um sich fühlte. Jetzt war sie auch noch des Kindes überdrüssig geworden, weil dieses mehr Zuneigung zur Amme zeigte als zu ihr. Und es verging kein Tag, an dem sie nicht, in diesem Müßiggang versinkend, heimlich geweint hätte. Manchmal sah ihr Mann ihre geschwollenen, geröteten Augen, aber er tat, als bemerke er nichts. Er vermied es, so gut es ging, mit ihr zu sprechen, denn er war längst sicher, daß es ihm, was er auch immer sagen oder tun würde, nie gelingen könnte, ihr jene Liebe zum Leben mitzuteilen, nach der sie sich so rasend sehnte, und deren er sie doch für nicht fähig hielt. Sie erwartete es von den anderen, das Leben, ohne zu begreifen, daß jeder es sich für sich allein schaffen muß. Im übrigen, wenn sie schon unglücklich war, dann war er nicht minder unglücklich darüber, mit ihr zusammenleben zu müssen. Ein schönes Leben führte er! Den ganzen Tag eingesperrt, dort in der Kanzlei. Ein Glück, daß ihn wenigstens von Zeit zu Zeit seine Partei­freunde besuchen kamen, mit denen er zumindest ein bißchen Dampf ablassen und frei diskutieren konnte.

Während dieser Diskussionen wurde der alte Schreiber der Kanzlei hinaus ins Wartezimmer geschickt. Dabei verbeugte er sich jedes Mal ganz tief, der Herr Felicissimo Ramicelli, vor den Herren Revolutionären, und ging sehr würdevoll aus dem Zimmer. Kaum war er jedoch über der Schwelle und hatte die Tür hinter sich ins Schloß gezogen, da kniff er ein Auge zu, hob ein Bein und rieb sich in höchster Zufriedenheit die Hände. Dann zwirbelte er sich die Spitzen seines gefärbten Schnurrbarts und setzte sich auf die Bank des Wartezimmers, in der Hoffnung, daß dort Annicchia, die hübsche kleine sizilianische Amme auftauchen würde.

Er hatte bereits versucht, mit ihr ein Gespräch anzuknüpfen: "Weißt du, wie ich heiße? Felicissimo."

Aber Annicchia schien das nicht zu verstehen, sie kehrte ihm den Rücken zu. Und also sagte Signor Ramicelli zu sich selbst: "Felicissimo, jawohl, der Glücklichste. Aber worüber bloß?"

Wie gutes Omen hatten sie ihm diesen schönen, superlativischen Namen angehängt. Danke vielmals! Freilich hatte er im Leben eigentlich nie Gelegenheit gehabt, sich, ‑ na sagen wir nicht glücklich, gerade nur so ein bißchen zufrieden zu erklären, der gute Signor Ramicelli. Acht Lire pro Tag verdiente er, und das wäre ihm vielleicht auch genug gewesen, wenn er nicht so ein kleines Lasterchen gehabt hätte... so ein ganz gewisses Lasterchen..."

"Tja, was will man da schon machen? Die hübschen kleinen Frauenzimmer..."

Diese Annicchia zum Beispiel, das war doch ein Lecherbissen! Jedes Mal, wenn er sie sah, lief ihm das Wasser im Mund zusammen. Und sie schien ihm auch ein braves Mädchen zu sein. Sie schien es ihm natürlich nur, verstehen wir uns recht! Denn all diese Ammen, das weiß man ja: das sind gestrauchelte Mädchen, das sind... na, so eine Art Kriegsbeute sind sie!

Annicchia bemerkte die Blicke und das affige Getue des Herrn Ramicelli, und sie wußte nicht recht, ob sie darüber lachen oder sich ärgern sollte. Er schien ihr gar zu selt­sam, dieser Alte mit seinem noch immer blonden Haar. Also sicherlich, wenn der nicht übergeschnappt war, dann fehlte nicht mehr viel daran.

Dort im Wartezimmer versuchte sie, ob die Beinchen des Kleinen schon trugen, indem sie ihn nur unter den Achseln hielt. Nach sechs Monaten vermochte sie noch immer nicht den Namen, den Mori dem Kind gegeben hatte, richtig auszuspre­chen: Leonida. Sie nannte es stattdessen Nònida.

"Was heißt da Nónida!", stichelte Signor Ramicelli. "LE‑O-nida."

"Das kann ich nicht aussprechen."

"Und Felicissimo? Kannst du Felicissimo auch nicht aussprechen? Aber ich heiße wirklich so, weißt du?"

Annicchia nahm das Kind wieder auf den Arm und verließ das Wartezimmer mit den Worten: "Das glaube ich nicht."

"Ich auch nicht", schloß Signor Ramicelli in philosophischer Manier, während er allein im Wartezimmer blieb, um das Ende der Diskussion dort drinnen abzuwarten.

"Taktik... Verbrecher... Die Erziehung des Proletariats... Mindestforderungskatalog..." - solche und ähnliche Ausdrücke drangen von Zeit zu Zeit an Ramicellis Ohr. Dieser schüttelte daraufhin melancholisch den Kopf und blickte lieber mit einem Seufzer zu der Türe hin, durch die die Amme verschwunden war. Manchmal drang von dort zu ihm ein bäuer­liches Wiegenliedchen herüber, das Annicchia mit einer süßen, traurigen Stimme sang. Vielleicht dachte sie dabei an ihren Sohn und blickte unterdessen auf dieses Kind, das hier mit ihrer Milch groß und schön geworden war, größer und dicker als das ihre gewesen war, als sie es dort verlassen hatte. Ach, ihr Luzziddu wäre sicher ein Riese geworden, wenn sie ihn hätte stillen können! Nun aber... wer konnte das wissen! So viele schlimme Gedanken gingen ihr durch den Kopf! Oft träumte sie, er wäre krank geworden, ganz dünn, nur Haut und Knochen, mit einem dünnen Hälschen und einem rachitischen Kopf, der bald auf die eine, bald auf die andere Schulter sank und immer mehr anschwoll, während sie ihn entsetzt und verzweifelt betrachtete: "Das soll mein Luzziddu sein? So zugrundegerichtet habt ihr ihn?" Und in ihrem Angsttraum wollte sie ihm sofort ihre Milch geben, auf der Stelle; aber dann sah sie das Kind mit den düsteren, starrsinnigen Augen seiner Großmutter an und wandte das Gesicht ab, ohne die Brust zu nehmen, die sie ihm darbot. Was für eine Qual! Sie stand auf, das Herz klopfte ihr bis zum Hals, und bis zum Morgen vermochte sie das Bild ihres Kindes in diesem gräßlichen Zustand nicht mehr loszuwerden.

Sie wagte freilich nicht mehr, der gnädigen Frau davon zu erzählen, die ihr schon mehrfach eine böse Antwort ge­geben hatte, vielleicht weil sie sich über ihre hartnäckige Insistenz ärgerte, vielleicht auch, weil sie fürchtete, sie könnte über den Gedanken an ihr Kleines das ihr anvertraute Kind vernachläs­sigen. Aber das konnte man ihr wirklich nicht vorwerfen, auf Ehre: das durfte sie nicht sagen: da brauchte man ja Nònida nur anzusehen: blühend und lebhaft war er!

Annicchia vermochte in ihrer gnädigen Frau kaum noch die Signorina Ersilia von damals wiederzuerkennen, so schlecht wurde sie von ihr behandelt: schlimmer als eine Dienerin. Sie tat alles, um Ersilia zufriedenzustellen, übernahm viele Dienste, zu denen sie nicht verpflichtet war, nun, da die schwerhörige Margherita nicht mehr im Hause war; und sie bemühte sich, immer fröhlich zu erscheinen und auch der gnädigen Frau Mut zu machen, die ständig Nervenkrisen hatte und wegen jedem Nichts verzweifelte.

"Da bin ich schon, da bin ich, ich erledige alles, Signorina, machen Sie sich nur keine Sorgen."

Als Gegenleistung hätte sie gerne ein bißchen Wertschätzung erfahren. Zum Beispiel, wenn Briefe aus Sizilien kamen... die brachte sie ihr sofort, ganz glücklich, frohlockend: "Signorina! Signorina!"

"Was ist los? Hast du im Lotto gewonnen?"

Jedes Mal ließ sie sie förmlich erstarren mit diesen Worten. Sie wartete geduldig, bis Ersilia zu Ende gelesen hatte und hoffte, sie würde ihr sofort sagen, was es Neues von ihrem Kind gab. Aber nichts da! Keine Spur! Sie mußte sie danach fragen, wenn dann die gnädige Frau den Brief zurück in den Umschlag steckte.

"Und... steht nichts von Luzziddu drinnen?"

"Oja. Hier steht, daß es ihm gut geht."

"Und meiner Schwiegermutter?"

"Auch."

Mit diesen Antworten mußte sie sich zufriedengeben. Aber war es denn möglich, daß von da unten keine anderen Botschaften an sie aufgetragen worden waren? Ach, wie sehr sie es jetzt bereute, nie schreiben gelernt zu haben! Ja freilich, bei der Abreise hatte sie schon gedacht, daß die Entfernung ihr Kummer bereiten würde; aber so viel auch wieder nicht! Es war ja eine wahre Höllenstrafe, so!

Das Kind würde jedoch in ein paar Tagen sieben Monate alt werden. Mit neun Monaten sollte es auf Wunsch des Vaters abgestillt werden; also galt es diese Qualen noch zwei Monate lang zu ertragen. Da mußte man eben Geduld haben!

Wenn sie sich so tröstete und mit ihrem traurigen Schicksal abfand, dann erwartete sie sicherlich nicht das, was ihr eben an dem Tag zustoßen sollte, an dem das Kind sieben Monate alt wurde: ein doppelter Festtag, denn gerade da war Nònida auch das erste Zähnchen gewachsen.

Als sie an jenem Tag die Türglocke hörte und aus dem Läuten zu entnehmen meinte, es wäre der Briefträger, da war sie ganz fröhlich öffnen gegangen, wie üblich. Aber plötz­lich, ohne daß sie auch nur Zeit gefunden hätte, darauf zu achten, wem sie da geöffnet hatte, klatschte eine gewaltige Ohrfeige auf ihre Wange und sie fand sich auf dem Boden wieder. Titta Marullo stand vor ihr, ihr Mann, bleich, mit wutverzerrtem Gesicht, einen Fuß erhoben, um ihr ins Gesicht zu treten.

"Elende Hündin! Wo ist dein Herr?"

Auf dieses Geschrei hin kamen Mori, seine Frau und Signor Ramicelli gelaufen. Titta Marullo, totenbleich, stürzte auf Mori zu, packte ihn am Jackenaufschlag und schüttelte ihn ganz langsam: "Mein Sohn ist tot, weißt du? Tot!" wieder­holte er noch einmal, während er sich zu Annicchia wandte, die einen Schrei ausgestoßen hatte. "Und du, was willst du jetzt tun? Bezahlst du mir ihn oder willst du mir lieber deinen dafür geben?"

"Der ist verrückt!" schrie Ersilia, zitternd vor Entsetzen.

Mori stieß Marullo zurück und wies ihm die Tür, mit einer nervösen Geste seiner vor Wut bebenden kleinen Gestalt.

"Raus!" brüllte er. "Verbrecher! Raus aus meinem Haus, auf der Stelle!"

"Was tust du da?" sagte Marullo und stellte sich ihm entgegen, Brust an Brust. "Ich habe nichts zu verlieren, nimm dich in Acht! Meine Mutter ist im Krankenhaus; mein Sohn ist tot! Ich bin gekommen, um dir ins Gesicht zu spucken und diese Hündin da mitzunehmen. Los, steh auf!", setzte er hinzu, zu seiner Frau gewandt, die noch immer auf dem Boden lag.

Aber in diesem Augenblick kam Ramicelli, der heimlich davongeschlichen war, erschreckt und keuchend mit zwei Gendarmen zurück, an die der am ganzen Körper vor Wut zitternde Mori sich in höchster Erregung wandte:

"Raus! Führt ihn ab! Er ist hier hereingekommen, um mich in meinem eigenen Haus zu beschimpfen und zu bedrohen, dieser Verbrecher!"

Die beiden Gendarmen packten Marullo an den Armen, der verzweifelt versuchte sich loszureißen, wobei er schrie: "Ich will meine Frau haben!" So zerrten sie ihn aus dem Haus, gefolgt von Mori, der auf das Kommissariat gehen wollte, um die tätliche Beleidigung anzuzeigen, deren Opfer er in seinem eigenen Haus geworden war.

 

 

V.

 

Am Tag darauf, ohne Eile, kam der Brief der Signora Manfroni an, in dem der Tod des Kindes und die Krankheit der alten Marullo berichtet wurde. Von Titta kein Wort.

Mori vermutete zuerst, er wäre aus dem Straflager entsprungen, aber dann erfuhr er, daß er auf Intervention des Präfekten, an den sich die kranke Mutter vom Spital aus gewandt hatte, vorzeitig entlassen warden war. Die römische Polizeiwache hatte ihn unterdessen nach Sizilien zurückgeschickt, mit der Warnung, wenn er dort unten auch nur im geringsten versucht hätte, sich der besonderen Überwachung, die drei Jahre lang über ihn verhängt war, zu entziehen, würde man ihn auf der Stelle ins Lager zurückschicken.

Annicchia war durch den Schrecken, den ihr Mann ihr eingejagt hatte, und durch den Kummer über den Tod ihres Kindes von einem heftigen Fieber befallen worden. Drei Tage lang schien es, als würde sie wahnsinnig; dann ließ das Delirium, dann ließen die Halluzinationen allmählich nach; sie blieb apathisch zurück, mit einem geistesabwesenden Ausdruck, der noch erschreckender war als ihr vorangegangenes Toben. Sie blickte, aber es schien, als sähe sie nichts; sie hörte, was man ihr sagte, nickte mit dem Kopf dazu und sagte auch ja, aber dann zeigte sie deutlich, daß sie nichts verstanden hatte.

Die Milch war ihr ausgeblieben, das Kind hatte man abstillen müssen. Im Hause ging alles drunter und drüber. Ersilia, unerfahren und zu allem ungeeignet, wie sie war, hatte zwei Nächte hindurch partout bei dem Kind wachen wollen, das nach der Amme schrie und keinen Augenblick still war; sie hatte sich auch um den Haushalt kümmern, der neuen Dienerin erste Instruktionen geben müssen, dazu noch ein wenig nach der Kranken sehen: nun war sie rasend vor Wut gegen ihren Mann, der sich umsah, eine Zeitung in der Hand, ohne zu wissen, was er tun sollte. Aber was hätte er denn auch tun können?

"Was?" schrie ihn seine Frau an. "Na, dich bewegen, die Sache ein bißchen in die Hand nehmen! Siehst du nicht, daß ich hier ganz allein bin, ohne Hilfe, das Kind auf dem Arm? Ich kann mich nicht auch noch um sie kümmern, die mir die ganze Suppe eingebrockt hat! Los, geh, such ihr einen Platz in irgendeinem Spital!"

Ennio blieb bei diesem Vorschlag erstarrt stehen und sah sie ganz verdattert an: "Im Spital?"

"Ach, kommt jetzt Mitleid und Barmherzigkeit?", setzte Ersilia giftig hinzu. "Mitleid für sie, was? Nicht für mich, die ich seit vielen Nächten nicht zum Schlafen komme, die ich nicht einmal mehr Zeit habe, mich zu frisieren. Soll ich denn für alle der Dienstbote sein? Na gut, warte nur, bis sie wieder aufstehen kann, dann werde ich dir was zeigen! Keinen Tag mehr, keine einzige Minute mehr bleibt sie in meinem Haus!"

Sie hatte freilich nicht den Mut, diese Drohung sofort in die Tat umzusetzen, kaum daß Annicchia sich ein bißchen erholt hatte. Sie versuchte, mit ihr darüber zu reden, indem sie ihr erzählte, sie halte für sie das Geld bereit, das ih­re Schwiegermutter nicht hatte nehmen wollen. Aber Annicchia antwortete ihr: "Was soll ich denn jetzt noch damit tun? Jetzt habe ich ja nur noch diesen da!"

Und dabei drückte sie Nònida ans Herz, der zu ihr zurück­gekehrt war und die gleiche Zuneigung zu ihr zeigte wie vorher, obwohl er nun abgestillt war.

Als ihn ihr die Dienerin das erste Mal ans Bett brachte, empfand sie einen starken Widerwillen: seinet­wegen war ihr eigenes Kind gestorben! Aber dann, gerührt von der liebevollen Ungeduld, mit der der unschuldige Kleine ihr seine Händchen entgegenstreckte, umarmte sie ihn ganz, ganz fest, so wie sie ihr eigenes Kind umarmt hätte, und die sie erdrückende Verzweiflung löste sich in einen nicht enden wollenden Tränenstrom auf.

Der Kleine suchte noch immer nach ihrer Brust.

"Ach mein Kind! Ach mein Kind! Was willst du denn noch von mir? Ich habe ja nichts mehr, ich kann dir nichts mehr geben, weder dir noch irgendjemandem sonst... Aus ist's mit deiner Mamma, mein Liebling, aus ist's!"

Ach, wenn sie wenigstens mit Sicherheit erfahren hätte können, woran ihr Kind eigentlich gestorben war, ob an Nahrungsmangel oder an irgend einer nicht behandelten Krankheit. Mußte sie sich denn wirklich damit begnügen, nichts von ihm zu wissen, gar nichts mehr? War das denn möglich? Als wäre ein Hündchen gestorben! Ach du armes, unschuldiges, verlassenes Würmlein, ohne Mamma, ohne Vater, ohne niemanden, dort gestorben, in fremden Händen, ach Gott, ach Gott!

Aber wer kümmerte sich denn jetzt noch um ihren Kummer? Die gnädige Frau war im Gegenteil böse auf sie, weil ihret­wegen ihr Sohn plötzlich keine Muttermilch mehr bekommen hatte, schon mit sieben Monaten. Und sie hatte recht, natür­lich, denn auch sie war ja eine Mutter und konnte nur an ihr eigenes Kind denken. Was lag ihr schon daran, daß jenes andere gestorben war. Ärger konnte sie darüber empfinden, aber keinen Schmerz. "Ja, aber sie müßte doch auch verstehen", dachte Annicchia, "daß ihr Sohn nun auch ein bißchen mir gehört: denn wenn sie die Qual der Geburt auf sich genommen hat, so habe ich meinen Sohn für ihn geopfert; und nun habe ich nichts mehr außer ihm."

Obwohl es Ersilia nicht unangenehm war, sich die Mühe mit dem Kind zu ersparen, wollte sie andererseits doch nicht, daß es sich noch mehr an diese Person anschlösse, die es schon als ihr eigenes betrachtete. Und so bestärkte sie sich selbst immer mehr in dem Entschluß, sie fortzuschicken. Im übrigen, welche Verpflichtung hatte sie denn ihr gegenüber, weshalb sollte sie sie noch länger behalten? Sie eignete sich nicht zur Bedienten und auch nicht zur Kinderfrau. Und außerdem wollte sie, daß ihr Kleiner ein schönes Italienisch lernen sollte, aber mit dieser Person da neben sich, die bloß ihren Dialekt beherrschte, war das unmöglich. Also fort mit ihr, fort! Oder sollte sie sie vielleicht nur deshalb behalten, damit sie das Schauspiel ihrer Schönheit ihrem Mann besser vor Augen führen konnte? Nein, fort! Fort! Und ihr Mann selbst mußte sie entlassen.

"Ich? Warum denn ich?" fragte Mori.

"Weil du das Haupt der Familie bist. Und außerdem, weil ich nicht weiß, was sie sich in den Kopf gesetzt hat wegen des Mitleids, wegen der Barmherzigkeit, die du ihr damals gezeigt hast."

"Ich?" wiederholte Ennio. "Ich habe ihr gar nichts gezeigt."

"Vielleicht ist es ihr es damals bloß so vorgekommen. Für mich kommt das auf dasselbe heraus. Siehst du nicht? Sie fühlt sich doch schon ganz zu Hause. Auf diese Weise gäbe es hier zwei Mütter und zwei Hausfrauen. Und das mag dir gefallen, gut, aber mir gefällt das ganz und gar nicht!"

Obwohl er wußte, daß er es damit nur noch schlimmer machte, versuchte Ennio es noch einmal mit vernünftigen Argumenten: "Aber verzeih: weshalb willst du dich denn unbedingt darauf versteifen, dort etwas Böses zu sehen, wo es gar nichts Böses gibt, dir selbst schlimme Trugbilder vorzugaukeln, wo ich dir mit meinem von Studium und Arbeit erfüllten Leben nie auch nur den geringsten Anlaß gegeben habe, an mir zu zweifeln? Du hast doch gesehen: um Ruhe zu haben, damit du zufrieden bist, habe ich es mir sogar versagt, mein Kind zu liebkosen. Mißtraust du nun wirklich diesem armen Mädchen? Ja, meinst du denn, sie könnte sich mit dem Gedanken anfreunden, wieder da hinunterzufahren, wo sie ihr Kind nicht wiederfinden wird, sondern bloß einen groben Kerl, der ihr den Tod des Kindes anlastet und vor dem sie Angst hat? Da sie ihr eigenes Kind verloren hat, weil sie hierhergekommen ist, um unser Kind zu säugen, glaubt sie, sie habe damit ein Recht erworben, bei uns im Haus zu bleiben, bei diesem anderen Kind, dem sie das ihre geopfert hat. Erscheint dir das nicht gerecht? Erscheint dir das nicht vernünftig?"

Unwillkürlich wiederholte er nun das, was er wenig zuvor niedergeschrieben hatte, ehe seine Frau die Kanzlei betreten hatte. Bei dem Gedanken an die traurige Geschichte dieses unten in Sizilien verstorbenen Kindes war ihm ein Passus aus Malons Werk Le socialisme intégral eingefallen. Und anstatt daraus Gewissensbisse entstehen zu lassen, hatte er beschlossen, es zu einer Rede zu verarbeiten, die er in ein paar Tagen im Sozialistischen Club zu halten hatte.

Wie es zu erwarten gewesen war, bestritt Ersilia auf das heftigste seine humanitären Überlegungen und verließ die Kanzlei mit dem festen Entschluß, Annicchia auf der Stelle zu entlassen. Entnervt packte Mori die ersten, bereits fertiggeschriebenen Blätter seines Redetextes und warf sie zu Boden. Wenig später hörte er durch die geschlossene Türe hindurch das verzweifelte Weinen der Unglücklichen und die herzzerreißenden Worte, mit denen sie die gnädige Frau bat, sie doch nicht fortzuschicken.

"Behalten Sie mich doch als Dienerin, ohne mir irgendetwas dafür zu geben! Geben Sie mir nur ein Stück Brot! Den Abfall! Ich schlafe ja auch auf dem Boden... Aber jagen Sie mich nicht fort, ich flehe Sie an! Da unten, da unten kann ich nicht mehr hin... haben Sie doch Mitleid mit mir, tun Sie es doch aus Liebe zu diesem unschuldigen Kind­chen! Wenn Sie mich fortjagen, gehe ich vor die Hunde, Signorina! Ich gehe vor die Hunde, aber da unten gehe ich nicht mehr hin..."

Das Weinen und die verzweifelten Bitten dauerten eine ganze Weile hindurch an. Dann hörte Mori nichts mehr; er nahm an, Ersilia hätte sich rühren lassen und diesem armen Mädchen doch noch erlaubt, bei dem Kind zu bleiben.

Kurz darauf betrat Signor Felicissimo Ramicelli die Kanzlei ohne die gewohnte Würde, mit gerötetem Gesicht und glänzenden Augen.

Welch ein Sieg! Welch ein Sieg! Es fehlte nicht viel, und er, Felicissimo Ramicelli, hätte sich die Hände ge­rieben, dort vor den Augen des Rechtsanwalts. Die hübsche kleine sizilianische Amme, die eben von der gnädigen Frau davongejagt worden war, würde noch am selben Abend in seinem Haus schlafen. Tja, die Ammen - er wußte das sehr gut - lauter gestrauchelte Mädchen waren das, so eine Art... na, so eine Art Kriegsbeute, jawohl! Die hier spielte noch die Naive, sie tat so, als glaube sie, er wolle sie wirklich nur als Bediente. Hm ja, als Bediente... warum nicht?

"Signor Ramicelli!"

"Was befehlen Sie, Herr Rechtsanwalt?"

"Aufgepaßt, ja? Deutlich schreiben, und - ich bitte Sie - ohne Schnörksel nach oben oder unten!"

Und Mori schob ihm die bereits fertigen Blätter seines Redetextes zum Kopieren hin.

Dann schrieb er weiter:

"Die Gleichheit zwischen den Menschen ist nach den Worten Malons im Sinne des Sozialismus also als in einem doppelten Sinne relativ zu verstehen: 1. daß für alle Menschen als solche die notwendigen Existenzbedingungen gesichert werden müssen; 2. daß deshalb alle Menschen am Ausgangspunkt des Daseinskampfes gleich gestellt sein müssen, so daß ein jeder frei seine eigene Persönlichkeit entsprechend den sozialen Bedingungen entfalten kann; währens es gegenwärtig so ist, daß ein Kind, das gesund und widerstandsfähig, jedoch arm geboren wird, in der Konkurrenz mit einem schwach, aber reich geborenen unterliegen muß..."

"Signor Ramicelli!"

"Herr Rechtsanwalt!"

"Sind Sie übergeschnappt? Weshalb lachen Sie so?" 

 

© Michael Rössner.

Die drei lieben Mädchen - (Le tre carissime - 1926)

 

Erstveröffentlichung August 1894 in der Zeitschrift La domenica italiana. Zahlreiche Varianten bekannt. Eine gewisse Verwandtschaft mit der Novelle Leonora, addio! bzw. dem 3.Stück der Theatertrilogie, Heute abend wird aus dem Stegreif gespielt (beide in Band 7?) ist nicht zu leugnen.

aus dem Italienischen von Michael Rössner

Italienische Version

 

Diese drei Mädchen traf man wirklich überall: in den Konzerten, bei jeder Première, immer in einer Parterreloge, oder auch beim Spazierengehen auf dem Pincio oder auf dem Corso in der Abenddämmerung, die eine bei der weißhaarigen und müde gewordenen Mutter untergehakt, die anderen beiden davor, immer ein wenig ausgefallen gekleidet. Ja, genau die: die Marùccolis.

Arme Mädchen: nach so vielen Opfern verloren sie eines Tages die Geduld und zugleich die Achtung vieler, die an ihrer Stelle nicht den Mut gehabt hätten, so zu handeln (und ich sage den Mut, nicht den Wunsch!). Ich erinnere mich noch, wie da die allgemeine Entrüstung losbrach! Vor allem waren es die Mamas, die sich ihren Tochtern gegenüber gar nicht beruhigen konnten, entsetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlugen und riefen: "Was ist das für eine Welt!"

Und ich mußte heimlich schmunzeln, wenn ich sie so reden hörte und dabei die niedergeschlagene und verstörte Erscheinung ihrer eingeschüchterten Töchter beobachtete.

 

Tatsächlich bedenkt uns die Gesellschaft ja mit einer schönen Zahl von Normen und Regeln, die dieses böse Vieh, das sich Mensch nennt, in Zaum halten sollen. Seit Jahrhunderten bemüht sich die Gesellschaft, ihm eine Erziehung zu geben, es beispielsweise guten Tag oder guten Abend sagen, anständig angezogen auf der Straße gehen, sich gerade auf nur zwei Beinen halten zu lassen, usw. usw. Aber dann und wann kommt doch das böse Vieh zum Vorschein und spielt ihr einen Streich. Wie immer es auch sein mag, wir geben dann der Gesellschaft die Schuld, als hätte sie uns Schaden zugefügt, nur deshalb, weil wir sie gezwungen haben, der Natur gewisse Pflichten aufzuerlegen, die diese nun einmal weder anerkennen noch erfüllen mag. Als ob eine Frau nicht einmal, sei es auch nur irrtümlich, einen Mann lieben könnte, der genau genommen nicht ihr Ehemann ist, bloß deshalb, weil ihr die Gesellschaft ausrichten ließ, daß das eine Ehefrau nicht darf. Die Gesellschaft, die Arme, sagt es und verlangt es so; aber was kann sie schon dafür, wenn die Natur darüber nur lacht?

Wie man da gleich sieht, sagt ihr, daß ich nicht verheiratet bin! 

Also kommen wir zu dem Fall der Marùccolis.

Ehe wir sie verurteilen, möchte ich doch bitten, daß wir versuchen, einmal, so gut es uns gelingt, das Für und Wider abzuwägen, ohne uns jener Worte zu bedienen, die wie die Augustfliegen sofort bereit sind, sich auf jede Träne und auf jede Speilache (ich bitte um Verzeihung) zu stürzen.

Ihr wißt so viele Dinge nicht, die man auf den ersten Blick tatsächlich nicht berücksichtigen zu müssen meint, die aber auf der berühmten Waage der Gerechtigkeit größeres Gewicht haben oder wenigstens haben sollten.

Wundert euch also nicht, wenn ihr mich auf eine dieser Waagschalen, unter anderem, mit vollen Armen eine Menge von Dingen legen seht, die mich noch immer ganz trunken machen. Hier zum Beispiel: all die abgelegten Kleider der drei armen Mädchen. Ihr wißt nicht, daß diese wegen ihrer extravaganten Freizügigkeit so sehr bewunderten Kleider aus ihren eigenen Händen stammten: die kunstfertige Mutter schnitt sie zu, und die drei Töchter hefteten sie und nähten sie zusammen, mit der Hand und mit der Maschine, wie drei fröhliche Schneiderinnen. Und ihr wißt nicht, daß sie mit den Spitzen und den Bändern an jedes Kleid auch die Hoffnung hefteten, mit diesem könnten sie endlich einem Mann auffallen, der sie dann zur Frau nehmen würde.

Die Mutter hatte eine äußerst bescheidene Pension, die ihr verstorbener Mann (dieser brave Herr Carlo Marùccoli, den alle dann als einen lupenreinen Ehrenmann anerkannten: ja, ihn schon! - denn er war ja tot, als es zu dem Skandal kam), ihr hinterlassen hatte; und sie hatten auch eine kleine Vigna - wie man das in Rom nennt - eine hübsches Häuschen mit ein paar Weingärten jenseits des Ponte Molle; aber weder die eine noch das andere konnten ausreichen, um die Ausgaben der Familie zu decken.

Das Leben, das sie führten, ging also immer nur durch Wunder verborgener Einsparungen und mit höchster Kunstfertigkeit verborgener Opfer weiter. Sie waren immer fröhlich, die drei lieben Mädchen, und ihr brennender und ganz und gar ehrbarer Wunsch, einen Mann zu finden, machte sie nie unangenehm, wenigstens nicht im Umgang mit uns (ich meine mich und den armen Tranzi), von denen sie im übrigen sehr gut wußten, daß wir sie nur zu gerne glücklich gemacht hätten, wenn... Das Wenn, das könnt ihr euch leicht ausmalen: ich war ein armer Maler, Tranzi ein Musiklehrer. Schöne Künste, ja freilich, das leugne ich nicht. Aber ob sie ausreichen, um eine Frau zu erhalten, das will ich doch bezweifeln.

Niemand hatte sie je vor der Geschichte für kokett gehalten. Nun dagegen - das ist ja bekannt - waren sie immer schon voll von Lastern, voll von Fehlern. Ich will sie wirklich nicht verteidigen: Fragt doch ruhig einmal die anderen, die mit mir in ihrem Haus verkehrten. Wer könnte denn behaupten, je auch nur im geringsten von ihnen ermutigt worden zu sein? Ja, wir waren lustig, wir lachten, wir scherzten und waren ausgelassen an diesen Abenden, aber stets in der korrektesten und anständigsten Weise, wie es sich drei Mädchen gegenüber geziemte, die gegebenenfalls jeden sofort zurechtzuweisen verstanden hätten, der sich, von der guten Stimmung angeregt, dazu verstiegen hätte, mit Worten oder Gesten ein bißchen über die Stränge zu schlagen.

Also, dafür, daß sie nicht kokett waren, kann ich euch sogar einen Beweis liefern, der auf meine Kosten und auf die des armen Tranzi ging. Warum sollte ich es nicht erzählen? Ich war in die zweite verliebt, Tranzi in Giorgina, die Älteste. Eines Abends, als wir ihr Haus verlassen hatten und uns auf dem Heimweg unterhielten, wurden wir ernstlich betrübt darüber, daß es diesen drei anständigen, schönen und lieben Mädchen nicht gelingen wollte, einen Mann zu finden. Da wir sie schon nicht heiraten konnten, hätten wir gewollt, daß andere, denen es möglich gewesen wäre, es an unserer Stelle tun sollten, und wir schimpften über sie, weil sie, da sie sich nicht irgendwie besonders dazu ermutigt sahen, sich nicht und nicht zu entscheiden vermochten. Nun, ich und Tranzi, wir gaben mehr als nur einmal einem dieser Leute, wenn er über die Eintönigkeit des eigenen müßiggängeri­schen Lebens klagte und behauptete, seines Lebens müde zu sein, den Rat, als unfehlbares Rezept eine der Marùccolis zu heiraten. Nur empfahl - da Irene nicht so viele Sympa­thien auf sich zu ziehen vermochte wie die anderen beiden - ich die Giorgina und Tranzi die Carlotta; mit einem Wort, ich die seine und er die meine.

Aber mit der einen oder der anderen der Drei wären diese dummen Kerle ohne jeden Zweifel von der Eintönigkeit und allen anderen Übeln kuriert worden, denn jede von ihnen hätte ihrem Ehemann das Leben froh gemacht. Und stattdessen suchten sich diese dummen Kerle einer nach dem anderen, nachdem sie eine Weile hindurch die angenehme Gesellschaft der drei Mädchen genossen und sie vielleicht mit Blicken oder zarten Aufmerksamkeiten ein wenig umschwärmt hatten, sich anderswo eine Frau; und sie bereuten das wenig später. 

Ich gab Giorgina Malunterricht, gelegentlich, in der Freizeit. Tranzi unterrichtete Carlotta mit größerer Regelmäßigkeit in Musik und Gesang. Beide erwiesen sich als überaus dankbar für das wenige, was wir für sie taten. Ich sage sogar noch mehr. Ich sage das, was ein anderer vielleicht aus Angst, sich lächerlich zu machen, verschweigen würde. Wenn sie so an manchen Abenden im Salon vor uns beiden allein erschienen, in neuen Kleidern prächtig herausgeputzt, um nun zu einer befreundeten Familie oder ins Theater zu gehen, bemerkten alle drei die Begierde, die sie in uns erregten; und sie antworteten auf unsere geheime, aber aus den Augen leuchtende Begierde mit einem undefinierbaren Blick und einem ebensolchen Lächeln, in dem Genugtuung für sie selbst und zugleich Mitgefühl für uns lag. Irene verstand das am besten von allen, errötete und fragte uns, um ihre Verwirrung zu überspielen, mit unsagbarer Anmut, während sie ihr Kleid betrachtete: "Sehen wir hübsch aus damit?"

Ach, über diesesThema könnte ich einen langen Vortrag halten, über die Sprache der Augen, wenn die Lippen nicht sprechen dürfen. Etwa, wenn Carlotta, beinahe, als täte sie es nur, um ihr Gewissen zu beruhigen, sich mit irgendeinem Dummkopf unterhielt, der mit übertriebener Insistenz um sie herumschwänzelte, oft, wenn sie gerade etwas zu ihm sagte oder ihn anlachte, ihren Blick zu mir wendete: da lag in diesem Blick ein liebevolles Mitgefühl, und er sagte mir: "Du müßtest das sein!"

Denn Carlottas Augen - das kann ich euch versichern - Carlottas Augen duzten mich.

Von den dreien war Carlotta die schönste, wenigstens für mich, Irene die klügste, Giorgina die unterhaltsamste.

Das Gruppenbild, das ich von ihnen malte, ist sicherlich das am wenigsten schlechte meiner Produkte. Ich habe es vor vielen Jahren in München ausgestellt, unter dem Titel Die drei lieben Mädchen. Es wurde verkauft und ich weiß nicht mehr, wem es jetzt gehört und wo es hingeraten ist.

 

Mir und Tranzi gegenüber gab es nie eine Heuchelei, nie! Wenn wir einmal im Theater eine von ihnen noch strahlender als sonst sahen, genügte ein leichtes Kopfnicken, damit sie verstand. Und das Nicken bedeutete: "Gefunden?"

"Nein!", antwortete das Köpfchen des Mädchens, indem es sich lebhaft schüttelte, mit geschlossenen Augen und einem schelmischen Lächeln auf den Lippen.

Sie fanden nicht, sie fanden noch immer nicht, sie fanden nie, diese drei lieben Mädchen! 

Nun, eines schönen Tages wurden sie es müde; zuletzt verloren sie die Geduld.

Wer weiß, wie lange sie schon drinnen das Toben ihrer ständig frustrierten Hoffnung zurückhielten und die Zeichen ihrer Enttäuschung unterdrückten! Das erste Zeichen, das ich bemerkte, und das mir als ewiger Eindruck geblieben ist, wie ein Satz in einem Drama, in dem man schon die Katastrophe spürt, war jener Morgen, an dem wir zu der Vigna am Ponte Molle fahren sollten, und Giorgina Tranzi mit gesenktem Kopf entgegentrat: Sie hielt mit zwei Fingern einen Silberfaden in die Höhe, der aus ihrer Stirn herauswuchs, wobei sich ihre Augen in dem Bemühen verdrehten, ihn zu betrachten: "Tranzi, ein weißes Haar!"

Denn sie hatte die Dreißig bereits überschritten. In der letzten Zeit hatte ich bemerkt, daß sie sich mit ungewöhnlicher Hartnäckigkeit um Arnaldo Ruffi kümmerte, einen der treuesten Gäste des Hauses; dann, daß sie plötzlich, über ihn mit einer nicht weniger ungewöhnlichen Bitterkeit sprach, und schließlich, daß sie Tranzi wegen seiner Faulheit zu quälen begann: er habe kein Recht, sich über die Ungerechtigkeit des Schicksals zu beklagen, denn er wolle ja nichts tun und nichts versuchen, um seine künstlerischen Talente besser zur Geltung zu bringen; hatte er da nicht die Skizze einer Oper, eines Jugendweks? Na eben: warum überarbeitete er die nicht? Warum beschäftigte er sich nicht mit einem anderen Werk?

Beinahe mit Tränen in den Augen entdeckte ihr der arme Tranzi daraufhin das geheime Elend, von dem sein Leben voll war: er verriet ihr unter anderem, daß er seit ungefähr einem Jahr sich sogar von dem Klavier hatte trennen müssen, daß er gemietet hatte. Ohne viele Umschweife schlug ihm Giorgina daraufhin vor, dort zu arbeiten, in ihrem Haus; sie würden ihm das Klavier zur Verfügung stellen, er könnte es mit der größtmöglichen Freiheit benützen; sie würden ihn im Salon allein lassen; die Familie würde sich in den entlegensten Winkel des Hauses zurückziehen. Sie redete und bemühte sich so lange, daß sie ihn endlich zwang, den Vorschlag anzunehmen. Ich weiß, daß sie schließlich sogar so weit ging, ihn im Salon einzuschließen; und den Schlüssel hatte sie in der Tasche.

Wer weiß, ob es nicht wirklich die Entdeckung dieses weißen Haars war, die, zusammen mit so vielen anderen traurigen Kleinigkeiten, vor denen sie die Augen bislang kummervoll geschlossen hatte, sie, und in der Folge auch ihre Schwestern, zur Rebellion aufstachelte! Und diese Rebellion war umso wilder, als zuvor die hoffnungsvolle Erwartung lang und geduldig gewesen war, diese Hoffnung, die ihnen plötzlich sinnlos und beinahe lächerlich erscheinen mußte.

Ich habe mehr als einmal gehört, daß man die älteste Marùccoli für den Selbstmord Angiolo Tranzis verantwortlich machte. Das ist eine Infamie. Welche Schuld hatte denn die Marùccoli daran, daß Tranzi Gewissensbisse über die Freude empfand, die sie, in ihrer Rebellion gegen die in dem vergeblichen Warten verlorene Zeit und gegen das Schicksal, das sie zum Verblühen ohne Liebe verdammte, ihm schenken wollte, ganz bewußt und geradezu als Preis für sein langes, schweigend zurückgehaltenes Begehren?

Nein, nein: Tranzi habe ich gut gekannt, der war innerlich viel zu sehr zerfressen, der konnte nicht dieser über ihn hereinbrechenden, brennenden Freude standhalten, die sich über jedes Vorurteil hinwegsetzte. Zu sehr hatten die vielen Enttäuschungen an ihm genagt und ihn innerlich ganz ausgehöhlt; als diese Freude ihn packte, brach er unter ihr zusammen.

Ich sah ihn an diesem Tag nach Hause kommen, mit roten, geschwollenen Augen. Er hatte geweint, versteht ihr das? - nachher. Und er mußte lange geweint haben, sicherlich in der Überzeugung, ein Verbrechen begangen zu haben; und die Frau, das Mädchen, mußte ihn trösten, ihn wieder aufrichten, den Schatten der Reue verjagen, mit dem er ihr in diesem Augenblick die Sonne der eben empfundenen Freude zu verdüstern suchte. Und wer weiß! Vielleicht hat gerade die Scham über diese Szene in seinem inneren Aufruhr, in dem plötzlich so viele Gefühle und Gedanken in ihm entfesselt wurden, auch dazu beigetragen, ihn zu dieser Gewalttat gegen sich selbst schreiten zu lassen.

Und die Marùccoli beweinte ihn nicht: sie fühlte sich im Gegenteil durch seinen Tod verletzt wie durch eine Beleidigung. 

Alle drei Schwestern zogen sich damals in das hübsche Häuschen in der Vigna zurück. Aufgrund einer leichter zu verstehenden als zu erklärenden Scheu nahm ich davon Abstand, sie nach Tranzis Tod dort zu besuchen. Ich könnte daher keine genauen Angaben über diese Zeit machen. Ich weiß, daß das Häuschen immer sehr viel Besuch empfing, aber daß die häufigsten Besucher sich nach einer gewissen Zeit zurückzogen, um anderen Platz zu machen.

Die drei Schwestern schienen, nun ohne jede Hemmung und in der Freiheit des Landlebens, geradezu übergeschnappt zu sein; sie schmiedeten die seltsamsten Pläne für die Zukunft: Giorgina wollte sich der Malerei widmen, und jeden Morgen zog sie aus, einen schäbigen Strohhut auf dem Kopf, mit blühendem Gesicht, strotzend vor Kraft und Gesundheit, um sich mit den kleinen Zypressen auf dem Monte Mario im Duell zu messen. Die Waffen waren der Pinsel, der Schauplatz ein Stückchen Leinwand, bis die Sonnenstrahlen genug sagten. Carlotta - so erzählte man mir - war mehr denn je davon überzeugt, in der Kehle den Goldschatz einer wunderschönen Altstimme zu haben, mit der sie nach jeder Mahlzeit die geduldigen Ohren eines alten, hinfälligen Gesangslehrers aus der Provinz in Erstaunen versetzte. Irene hatte sich den Floh ins Ohr gesetzt, Schauspielerin werden zu wollen und deklamierte mit lauter Stimme und großen Gesten ihre Rollen, wobei sie die alte Mutter zur Rolle des jeweiligen Partners verdammte. Die arme, geduldige Alte spielte also die Stichwortbringerin, indem sie sitzend, die Brille auf der Nasenspitze, gehorsam den Text ablas:

Odetta: Ihr wollt mich also zum Gehen zwingen?

Der Graf: (las die Mutter): Aus meinem Haus... jawohl, und zwar augenblicklich.

Odetta: Und meine Tochter?

Der Graf: Meine Tochter... Die behalte ich bei mir.

Odetta: Hier? Ohne mich?

Der Graf: Ohne Sie.

Odetta: Ach was! Ihr seid verrückt, mein Herr... Meine Tochter gehört mir, und niemals dürft ihr hoffen, mich von ihr zu trennen.

So ging es, bis nach einigen Monaten der Abwesenheit einer der treuesten Gäste, die als erste verschwunden waren, in das Häuschen zurückkehrte: ich meine Ruffo.

Arnaldo Ruffo, das habe ich euch ja bereits angedeutet, hatte vor der Geschichte mit dem armen Tranzi Giorgina ernste Hoffnungen gemacht. Er war einer derjenigen, denen es möglich gewesen wäre, wenngleich zwei kurze Besuche in Monte Carlo sein Vermögen beträchtlich hatten zusammenschmelzen lassen. Ein gut aussehender junger Mann, groß, dunkel, solid: genau der richtige Ehemann für Giorgina. Die erste Liebe loderte in ihm neu auf, als er sie nun besitzen konnte, sie wurde zur wilden Leidenschaft. Es scheint, daß seine Familie versucht hat, ihn ein zweites Mal von dem Mädchen loszureißen, indem sie ihm die blöde Medizin einer Vergnügungsreise zu kosten gaben. Als er in das Häuschen der Marùccolis zurückgekehrt war wie ein Schmetterling zum Licht, scheint er Giorgina bereits in einen anderen ständigen Gast dieser Zeit verliebt vorgefunden zu haben, und es heißt, daß es in dem Haus zu wilden Eifersuchtsszenen kam. Einige Freunde erzählten mir, sie hätten eines Abends in der Dunkelheit der Straße diesen Fetzen eines Gesprächs aufgeschnappt:

"Na gut, dann heirate mich eben!"

Und darauf Ruffos Stimme, gereizt, dumpf:

"Nein! Nein! Nein!"

Schließlich ein großes, spöttisches Gelächter Giorginas: "Dann laß mich doch in Frieden!" 

Den Rest wißt ihr.

Seit nunmehr zwei Jahren ist Giorgina Marùccoli die legitime Ehefrau Arnaldo Ruffos. Gleich nach Giorgina heiratete Carlotta. Irene ist noch verlobt. Erst vorgestern bin ich zufällig ihrem Bräutigam begegnet, der alle Hände voll zu tun hat, um das gemeinsame Nestchen vorzubereiten: er ist überglücklich! Und er hat mir gesagt, er würde so schnell wie möglich heiraten.

Versteht ihr das? Erst hieß es nein; nun heißt es ja. Das freut mich für die Herren Männer! Ja, seht nur, beinahe wäre ich sogar versucht, nun - nach so langer Zeit - Giorgina, der Mutigen, einen Besuch abzustatten, um sie zu beglückwünschen. Sie ist nicht sehr glücklich, die Arme: ihr Mann ist eifersüchtig auf ihre Vergangenheit - (der Dummkopf! Als ob das nicht seine eigene Schuld wäre). Aber schließlich und endlich, wer ist denn in dieser Welt schon glücklich?

Jetzt werden sich immerhin binnen kurzer Zeit alle drei eine soziale Stellung geschaffen haben, endlich einen Hausstand besitzen, ein Ziel im Leben: das, was sie sich in ehrbarer Weise stets gewünscht haben. Und auf den Knien der lieben alten Großmutter, die mittlerweile wohl bleicher als Wachs sein wird, schläft schon rosig das erste Enkelkindchen. Ich stelle mir die gute Alte vor, wie sie es selig betrachtet, während sie mit der zittrigen Hand eine Fliege verscheucht, die sich gerade dort niederlassen will, mitten auf dem lieben, runden Gesichtchen. 

 

© Michael Rössner.

Die Falle - (La trappola - 1922)

 

Erstveröffentlichung dieser Novelle im Corriere della sera vom 23. Mai 1912.

aus dem Italienischen von Michael Rössner

Italienische Version

 

Nein, nein, wie soll ich mich denn damit abfinden? Und warum? Ja, wenn ich anderen gegenüber irgendwelche Verpflichtungen hätte, dann vielleicht. Aber ich habe keine! Warum dann also?

Hör mir zu. Du kannst mir nicht unrecht geben. Niemand kann mir unrecht geben, wenn er so in abstracto darüber nachdenkt. Was ich fühle, fühlst auch du, das fühlen alle.[1]

Warum habt ihr so Angst davor, nachts aufzuwachen? Weil für euch die Kraft für die Gründe des Lebens aus dem Tageslicht kommt. Aus den Illusionen des Lichts.

Dunkel und Stille jagen euch Schrecken ein. Und dann zündet ihr die Kerze an. Aber es erscheint euch traurig, was? Traurig, so ein Kerzenlicht. Denn das ist nicht das Licht, das ihr braucht. Die Sonne! Die Sonne! Gierig verlangt ihr nach der Sonne. Denn mit einem künstlichen Licht, das ihr selbst mit zitternder Hand vor euch hertragt, entstehen die Illusionen nicht mehr so spontan aus sich heraus.

 

Wie die Hand zittert, so zittert eure ganze Wirklichkeit und sie erweist sich euch als fiktiv und unbeständig. Als künstlich wie dieses Kerzenlicht. Und alle eure Sinne wachen angespannt, krampfhaft, in der Angst, unter dieser Wirklichkeit, deren leere Unbeständigkeit ihr entdeckt, könnte sich euch eine andere, dunkle, schreckliche Wirklichkeit auftun: die wahre. Ein Lufthauch... was ist das? Was ist dieses Knarren?

Und in dem Augenblick des Innehaltens, in dem Schauder dieser Erwartung des Unbekannten, unter Zittern und Schweißausbrüchen, da seht ihr vor euch in diesem Zimmer eure Illusionen des Tages sich bewegen, in geisterhafter Erscheinung und mit ebensolchem Gang. Seht gut hin, sie haben dieselben geschwollenen, wässrigen Augenhöhlen wie ihr, die gelbe Farbe eurer Schlaflosigkeit, und auch eure arthritischen Schmerzen. Ja, das dumpfe Nagen der Knoten an den Gelenken eurer Finger.

Und wie sie aussehen, wie sie mit einem Mal aussehen, die Gegenstände des Zimmers; auch sie halten förmlich inne in einer entsetzten Reglosigkeit, die euch beunruhigt.

Sie waren um euch, als ihr schlieft.

Aber sie schlafen nicht. Sie sind da, untertags ebenso wie in der Nacht.

Eure Hand öffnet sie und schließt sie einstweilen. Morgen wird sie eine andere Hand öffnen und schließen. Wer weiß, welche andere Hand... aber für sie ist das einerlei. Sie bewahren einstweilen in sich eure Kleider, leere, aufgehängte Gewänder, die ganz zerknittert sind, die die Falten eurer müden Knie, eurer spitzen Ellbogen angenommen haben. Morgen werden da drinnen die zerknitterten Gewänder eines anderen hängen. Der Spiegel dieses Kastens reflektiert jetzt euer Bild und bewahrt keine Spur davon; morgen wird er keine Spur von dem Gesicht eines anderen bewahren.

Der Spiegel sieht für sich gar nichts. Der Spiegel ist wie die Wahrheit.

Du meinst, ich rede irre? Ich rede so vor mich hin? Ach geh' doch, ich weiß ja, daß du mich verstehst. Du verstehst sogar mehr, als ich sage, denn es ist sehr schwer, dieses dunkle Gefühl auszudrücken, das mich beherrscht und erschüttert.

Du weißt, wie ich bis jetzt gelebt habe. Du weißt, daß ich immer Ekel, Abscheu davor empfunden habe, mir doch noch eine Form zu geben, mich in einer solchen einfangen zu lassen, mich auch nur für einen Augenblick an sie zu binden.

Stets habe ich meinen Freunden Stoff zum Lachen geboten, wegen der... wie nennt ihr das? - ach ja, der Veränderungen in meinen persönlichen Kennzeichen. Aber ihr konntet nur deshalb darüber lachen, weil ihr nie so tief darüber nachgedacht habt, was eigentlich dieses wahnhafte Bedürfnis ausmachte, mich mir selbst vor dem Spiegel in einer ständig neuen Erscheinungsform zu präsentieren, mich der Illusion hinzugeben, ich wäre nicht immer dieser eine, mich als einen anderen zu sehen!

Aber natürlich! Was habe ich denn schon verändern können? Freilich, ich habe mir am Schluß sogar den Kopf rasiert, um mich frühzeitig als Glatzkopf ansehen zu können; bald habe ich mir den Schnurrbart abrasiert und den Kinnbart stehen lassen; bald habe ich Schnurr- und Kinnbart abrasiert, oder ich habe mir letzteren bald so, bald so wachsen lassen, als Spitzbart, über dem Kinn geteilt, als Rauschebart.

Ich habe mit den Haaren gespielt.

Die Augen, die Nase, den Mund, die Ohren, den Rumpf, die Beine, die Arme, die Hände, die habe ich nicht verändern können. Oder hätte ich mich schminken sollen, wie ein Schauspieler? Manchmal war ich versucht, es zu tun. Aber dann habe ich daran gedacht, daß mein Körper unter der Maske doch derselbe bleiben.. und altern würde!

Ich habe versucht, mich im Bereich des Geistes dafür zu entschädigen. Ja, mit dem Geist konnte ich besser spielen!

Ihr schätzt über alles die Beständigkeit der Gefühle und die Kohärenz eines Charakters und könnt gar nicht aufhören, sie zu loben. Und warum? Nun, doch immer aus demselben Grund! Weil ihr feig seid, weil ihr Angst vor euch selbst habt, das heißt davor, durch eine Veränderung der Wirklichkeit, die ihr euch selbst gegeben habt, diese Wirklichkeit zu verlieren, und somit anzuerkennen, daß sie nichts anderes war als eure Illusion; daß es somit überhaupt keine Wirklichkeit gibt, außer der, die wir selbst uns geben.

Aber was soll das denn heißen, frage ich, sich selbst eine Wirklichkeit geben, wenn nicht, daß man sich in einem Gefühl festschreibt, darin gerinnt und erstarrt, sich darin einschließt? Und daß wir somit die unaufhörliche Bewegung des Lebens anhalten, aus uns lauter kleine, armselige Pfützen machen, die auf das Verfaulen warten, während das Leben ein ständiger, glühender und ununterschiedener Fluß ist.

Siehst du, das ist der Gedanke, der mich beschäftigt und mich rasend macht!

Das Leben ist der Wind, das Leben ist das Meer, das Leben ist das Feuer; nicht die Erde, die erstarrt und Form annimmt.

Jede Form ist der Tod.

Alles das, was sich selbst aus dem Zustand der Schmelze herausbewegt und erstarrt in diesem ständigen, glühenden und ununterschiedenen Fluß, das ist der Tod.

Wir sind alle Wesen, die in der Falle gefangen sind, abgetrennt von dem nie anhaltenden Fluß, festgebunden für den Tod.

Für eine kurze Zeitspanne dauert die Bewegung dieses Flusses in uns noch fort, in unserer abgetrennten, losgelösten, erstarrten Form; aber da, nach und nach, wird sie langsamer; das Feuer kühlt aus; die Form trocknet; bis endlich die Bewegung in der ganz steif gewordenen Form endgültig zum Erliegen kommt.

Wir sind mit dem Sterben zu Ende gekommen. Und das haben wir Leben genannt!

Ich fühle mich in dieser Falle des Todes gefangen, die mich von dem Lebensstrom abgetrennt hat, in dem ich ohne Form dahingeflossen bin, und mich in der Zeit erstarren hat lassen, in dieser Zeit!

Warum in dieser Zeit?

Ich hätte noch weiter fließen können und wenigstens weiter hinten, in einer anderen Form, weiter hinten erstarren können... das wäre dasselbe gewesen, meinst du? Ja freilich, früher oder später... Aber ich wäre ein anderer geworden, dort hinten, wer weiß wer und wer weiß wie; in einem anderen Schicksal gefangen; ich hätte andere Dinge gesehen, oder vielleicht auch dieselben, aber aus einem anderen Blickwinkel, in einer anderen Ordnung.

Du kannst dir nicht vorstellen, welchen Haß mir die Dinge einflößen, die ich sehe, und die mit mir in der Falle dieser meiner Zeit gefangen sind; all die Dinge, die mit mir nach und nach zu Ende sterben! Haß und Mitleid zugleich! Aber mehr Haß vielleicht als Mitleid.

Ja, natürlich hätte ich, wenn ich weiter hinten in die Falle geraten wäre, auch jene andere Form gehaßt, so wie ich jetzt diese hasse; ich hätte jene andere Zeit gehaßt, wie ich jetzt diese hasse, und all die Illusionen des Lebens, die wir Toten aller Zeiten uns aus dem bißchen Rest an Bewegung und Wärme bauen, der, in uns eingeschlossen, von jenem ständigen Fluß zurückgeblieben ist, der das wahre Leben ist und niemals innehält.

 

Wir sind lauter geschäftige Tote, die sich einbilden, sich selbst das Leben zu bauen.

Wir vereinigen uns miteinander, ein Toter mit einer Toten, und glauben, so das Leben zu geben, und dabei geben wir den Tod... noch ein Wesen in der Falle!

"Hier, mein Lieber, hier; fang nur schön an mit dem Sterben, Lieber, fang nur schön an... Du weinst, gelt? Du weinst und zappelst... wärest du gerne noch weitergeflossen? Sei schön ruhig, Lieber! Was willst du schon machen? Gefangen, ko-a-gu-liert, erstarrt... es dauert nur ein Weilchen! Sei schön ruhig..."

Ja, solange wir noch klein sind, solange unser Körper zart ist, wächst und uns nicht beschwert, da merken wir gar nicht so recht, daß wir in der Falle gefangen sind! Aber dann schnürt uns der Körper plötzlich ein; wir fangen an, sein Gewicht zu bemerken; wir fangen an zu fühlen, daß wir uns nicht mehr so bewegen können wie früher.

Ich sehe mit Ekel meinen Geist sich in dieser Falle winden, damit nicht auch er noch in dem schon seit Jahren beschädigten und schwer gewordenen Körper festgeschrieben wird. Ich verscheuche sofort jede Idee, die sich in mir festzusetzen trachtet; ich unterbreche sofort jede Handlung, die bei mir zur Gewohnheit zu werden droht; ich will keine Pflichten, keine Gefühlsbindungen, ich will nicht, daß auch noch mein Geist sich in einer Kruste aus Begriffen verhärtet; aber ich spüre, daß der Körper von einem Tag zum anderen immer mehr Mühe hat, dem unruhigen Geist zu folgen; er strauchelt, er stürzt, er hat müde Knie und schwere Hände... er will seine Ruhe! Ich werde sie ihm geben.

Nein, nein, ich kann nicht, ich will mich nicht damit abfinden, daß auch ich das mitleiderregende Schauspiel aller Alten abgeben soll, die langsam zu Ende sterben. Nein. Aber vorher... ich weiß nicht, vorher würde ich gerne etwas Außergewöhnliches, etwas Unerhörtes tun, um die Wut, die mich verzehrt, ein wenig abzureagieren.

Zumindest würde ich gerne... - siehst du diese Nägel? In das Gesicht jeder schönen Frau würde ich sie gerne eingraben, die auf der Straße mit aufreizenden Blicken vorübergeht, um die Männer zu erregen.

Was für dumme, elende und gedankenlose Kreaturen sind doch alle Frauen! Sie putzen sich heraus, sie behängen sich mit Schmuck, sie zeigen ihre herausfordernden Formen, so gut sie es vermögen; und dabei denken sie keinen Augenblick daran, daß sie ja selbst auch in der Falle stecken, selbst auch für den Tod festgebunden sind, und daß sie auch noch in sich selbst die Falle für die tragen, die nach ihnen kommen werden.

Für uns Männer liegt die Falle in ihnen, in den Frauen. Sie versetzen uns für einen Augenblick zurück in den Zustand der glühenden Schmelze, um aus uns ein weiteres zum Tod verurteiltes Lebewesen herauszuholen. Sie tun und reden so lange, bis sie uns endlich dort in ihrer Falle fangen, blind gemacht, entflammt und gewalttätig geworden.

Auch mich! Auch mich! Auch mich haben sie dort eingefangen. Eben jetzt, vor kurzem. Deshalb bin ich ja so voller Wut.

Eine gemeine Falle! Wenn du sie gesehen hättest... Eine wahre Madonnengestalt. Schüchtern und demütig. Kaum, daß sie mich sah, schlug sie die Augen nieder und errötete. Denn sie wußte, daß ich sonst nie in die Falle gegangen wäre.

Sie kam hierher, um einen der sieben körperlichen Beweise der Barmherzigkeit zu erbringen: den Krankenbesuch. Um meines Vaters willen kam sie, nicht meinetwegen. Sie kam, um meinem alten Kinderfräulein bei der Pflege und beim Waschen meines armen Vaters da drinnen zu helfen...

Sie pflegte sich hier aufzuhalten, in dem Zimmerchen nebenan, und sie hatte sich mit meiner Kinderfrau angefreundet, vor der sie sich über ihren Dummkopf von einem Mann beklagte, der sie in einem fort beschimpfte, weil sie nicht einmal dazu tauge, ihm einen Sohn zu schenken.

Verstehst du, wie das ist? Wenn man beginnt, steif zu werden, sich nicht mehr so bewegen zu können wie früher, dann will man um sich andere kleine Tote sehen, noch ganz zarte, die sich noch bewegen, wie man selbst sich bewegt hat, als man noch ganz zart war; andere kleine Tote, die einem ähneln und all die unschuldigen kleinen Dinge tun, die man selbst nicht mehr tun kann.

Es ist ein Vergnügen, den kleinen Toten das Gesicht zu waschen, die noch nicht wissen, daß sie in der Falle gefangen sind, sie zu kämmen und sie spazieren zu führen.

Also, sie pflegte hierher zu kommen.

"Ich kann mir vorstellen", sagte sie, errötend, mit niedergeschlagenen Augen, "ich kann mir vorstellen, welche Qual das für Sie sein muß, Herr Fabrizio, Ihren Vater seit so vielen Jahren in diesem Zustand zu sehen!"

"Ja, Signora", antwortete ich brüsk, kehrte ihr den Rücken zu und ging.

Jetzt bin ich sicher, daß sie jedes Mal, kaum daß ich ihr den Rücken zukehrte, um zu gehen, lachte, heimlich lachte und sich auf die Lippen biß, um das Lachen zurückzuhalten.

Ich ging fort, weil ich gegen meinen Willen spürte, wie ich diese Frau bewunderte, nicht so sehr wegen ihrer Schönheit (sie war schön, und umso verführerischer, je mehr sie aus Bescheidenheit zu erkennen gab, daß ihr ihre Schönheit überhaupt nichts bedeutete); ich bewunderte sie, weil sie ihrem Mann nicht die Befriedigung gab, einen weiteren Unglücklichen in der Falle zu fangen.

Ich dachte, es läge an ihr. Aber nein: es lag nicht an ihr; es lag an diesem Dummkopf. Und sie wußte es, oder wenigstens - wenn sie dessen nicht sicher war, mußte sie es doch wohl vermuten. Deshalb lachte sie; über mich, über mich lachte sie, über mich, der ich sie wegen dieser scheinbaren Unfähigkeit bewunderte. Sie lachte im Stillen, in ihrem heimtückischen Herzen, und wartete. Bis eines Abends...

Es geschah hier, in diesem Zimmer.

Ich stand im Dunklen. Weißt du, daß es mir Spaß macht, den Tag durch die Scheiben eines Fensters sterben zu sehen, mich von der Dunkelheit ergreifen und nach und nach einhüllen zu lassen, und dabei zu denken: "Ich bin nicht mehr da!", zu denken: "Wenn da einer in diesem Zimmer wäre, stünde er auf und würde ein Licht anzünden. Ich zünde kein Licht an, denn ich bin nicht mehr da. Ich bin wie die Stühle in diesem Zimmer, wie der Tisch, die Vorhänge, der Kasten, das Sofa, die kein Licht brauchen und nicht wissen und nicht sehen, daß ich hier bin. Ich möchte sein wie sie und mich nicht sehen und vergessen, daß ich da bin".

Also stand ich im Dunklen. Sie kam dort drüben herein, auf Zehenspitzen, aus dem Zimmer meines Vaters, wo nur ein kleines Nachtlämpchen brannte, dessen Schimmer durch den Spalt der Türe hereindrang und sich ein klein wenig im Dunkel ausbreitete, beinahe ohne es zu zerreißen.

Ich sah sie nicht; ich sah nicht, daß sie auf mich zukam. Vielleicht sah sie mich auch nicht. Bei dem Zusammenprall stieß sie einen Schrei aus. Sie tat, als fiele sie in Ohnmacht, in meinen Armen, an meiner Brust. Ich beugte das Gesicht hinunter; meine Wange berührte ihre Wange; ich fühlte die Nähe der Glut ihres sehnsuchtsvollen Mundes, und ...

Am Schluß riß mich ihr Lachen aus dem Taumel. Ein teuflisches Lachen. Ich habe es jetzt noch hier in den Ohren! Sie lachte und lachte, während sie fortlief, diese hinterlistige Person! Sie lachte über die Falle, die sie mir mit ihrer Bescheidenheit gestellt hatte; sie lachte über meine Wut; und über etwas anderes lachte sie auch noch - das habe ich erst später erfahren.

Sie ist fortgezogen, seit drei Monaten, mit ihrem Mann, der zum ordentlichen Gymnasialprofessor in Sardinien befördert worden ist.

Manche Beförderungen kommen wahrlich zur rechten Zeit.

Ich werde meinen Gewissensbiß nicht sehen. Ich werde ihn nicht sehen. Aber in manchen Augenblicken überkommt mich die Versuchung, dieser hinterlistigen Person nachzulaufen und sie zu erwürgen, ehe sie auch noch den Unglücklichen, den sie so heimtückisch aus mir herausgepreßt hat, in die Falle steckt.

Mein Freund, ich bin froh, daß ich meine Mutter nie gekannt habe. Wenn ich sie gekannt hätte, wäre vielleicht dieses Gefühl der Wut nie in mir entstanden. Aber seit es in mir entstanden ist, bin ich froh, meine Mutter nie gekannt zu haben.

Komm, komm; komm hier mit mir herein, in dieses Zimmer. Sieh her!

Das ist mein Vater.

Seit sieben Jahren ist er dort. Er ist gar nichts mehr. Zwei Augen, die weinen; ein Mund, der ißt. Er spricht nicht mehr, hört nicht mehr, rührt sich nicht mehr. Er ißt und weint. Er ißt, wenn man ihn füttert; weinen tut er allein; ohne Grund; oder vielleicht deshalb, weil noch etwas in ihm ist, ein letzter Rest, der, obwohl er vor sechsundsiebzig Jahren mit dem Sterben begonnen hat, noch immer nicht damit aufhören will.

Erscheint dir das nicht entsetzlich, so zu verharren, an einem einzigen Punkt noch hängend, noch in der Falle gefangen, ohne sich freimachen zu können?

Er kann nicht an seinen Vater denken, der ihn vor sechsundsiebzig Jahren für diesen Tod festgeschrieben hat, der mit seinem Vollzug so grauenhaft lange wartet. Aber ich, ich kann schon an ihn denken; und ich denke, daß ich ein Same dieses Mannes bin, der sich nicht mehr bewegt; daß ich es ihm zu verdanken habe, wenn ich in dieser Zeit gefangen bin und nicht in einer anderen!

Er weint, siehst du? Er weint immer so... und er macht mich auch weinen! Vielleicht will er befreit werden. Eines Abends werde ich ihn befreien, und mich dazu. Jetzt beginnt es schon kühl zu werden; an einem dieser Abende werden wir ein kleines Feuerchen anzünden... Wenn du auch etwas davon haben willst...

Nein, hm? Du dankst mir bestens? Aber ja, ja, gehen wir raus, gehen wir nur raus, mein Freund. Ich sehe schon, du mußt dringend wieder die Sonne sehen, draußen auf der Straße.


[1]- In der erwähnten Erstveröffentlichung dieser Novelle findet sich an dieser Stelle folgender Einschub, den wir auszugsweise wiedergeben:

"Was ich fühle, fühlst auch du, fühlen alle. Aber ihr anderen, ihr strickt euch dann hundertundein Gründe zurecht, die das Gefühl wie in einer Zwangsjacke einschließen, damit es in euch nicht die einfache, rasche Tat auslöst, die euch befreien würde.
Aber wenn es auch so von euren Gründen eingesperrt ist, so ist dieses Gefühl doch in euch und es schreit: "Wenn ihr nicht selbst anerkennen würdet, daß ich stärker bin als alles andere, dann würdet ihr mich nicht so fest binden!"

 

© Michael Rössner.

 

Novellen - Vorbemerkung


Pirandello auf Deutsch - Index


Anfangenseite

 

Die Pensionäre der Erinnerung - (I pensionati della memoria - 1925)

 

Erstveröffentlichung Januar 1914 in der Zeitschrift "Aprutium". Keine wesentlichen Varianten bekannt.

aus dem Italienischen von Michael Rössner

Italienische Version

 

Na, ihr habt es gut getroffen! Die Toten zum Friedhof begleiten und dann nach Hause zurückkehren, vielleicht mit einer großen Trauer im Herzen und einem Gefühl der inneren Leere, wenn euch der Tote sehr teuer war; und wenn nicht, dann wenigstens mit der Befriedigung, eine unangenehme Pflicht erledigt zu haben, und dem Wunsch, durch das erneute Eintauchen in die kleinen Sorgen und den Trott des Lebens die Betroffenheit und Beklemmung zu vertreiben, die der Gedanke und das Schauspiel des Todes den Menschen stets einflößen. Alle jedenfalls mit einem gewissen Gefühl der Erleichterung, denn auch für die nächsten Anverwandten ist der Tote - seien wir doch ehrlich - mit seiner eisigen unbeweglichen Starrheit, die sich ungerührt allen Sorgen entgegenstellt, die wir uns um ihn machen, all dem Weinen, das wir um ihn herum veranstalten, eine schreckliche Last, von der sich selbst die Totenklage - so sehr sie auch Miene macht und Anstrengungen unternimmt, sich mit ihm in verzweifelter Weise noch einmal zu beschweren - im tiefsten Grunde eigentlich zu befreien sucht.

 

Und auch ihr befreit euch von ihm, wenigstens von dieser schrecklichen physischen Last, indem ihr auf den Friedhof wandert, um eure Toten dortzulassen. Es mag eine Qual sein, ein großer Kummer; aber dann seht ihr den Begräbniszug auseinanderlaufen, den Sarg in das Grab hineinsinken; das wär's, Adieu. Erledigt.

Na, habt ihr's so schlecht getroffen?  

Zu mir kommen nämlich alle Toten, die ich auf den Friedhof begleite, zurück.

Dort im Sarg, da spielen sie noch schön die Toten. Vielleicht sind sie ja auch wirklich tot, für sich selbst, versteht sich. Aber für mich nicht, bitte glaubt mir das! Wenn für euch alles erledigt ist, dann ist für mich gar nichts erledigt. Denn mit mir gehen sie alle wieder zurück, zu mir nach Hause. Ich habe das ganze Haus voll von ihnen. Von Toten, meint ihr? Was heißt da Tote! Lebendig sind sie, alle miteinander lebendig, so wie ich, so wie ihr; lebendiger als zuvor.

Allerdings - das muß man zugeben - allerdings haben sie ihre Illusionen verloren.

Denn - denkt einmal nach: Was kann denn von ihnen gestorben sein? Die Wirklichkeit, die sie - und nicht immer in derselben Weise - sich selbst und dem Leben gegeben haben. Na, eine sehr relative Wirklichkeit, das könnt ihr mir glauben. Eure war sie nicht. Meine auch nicht. Ihr und ich, wir sehen, fühlen und denken uns selbst und das Leben tatsächlich ja jeder auf unsere Weise. Das heißt, wir geben uns selbst und dem Leben jeder auf unsere Weise eine Wirklichkeit: Wir projizieren sie nach außen und glauben, so wie sie die unsere ist, müßte sie auch die aller anderen sein. Und so leben wir dann fröhlich in ihrer Mitte und gehen in ihr mit der größten Sicherheit spazieren, den Stock in der Hand, die Zigarre im Mund.

Ach, meine Herrschaften, verlaßt euch bloß nicht zu sehr darauf! Ein leiser Hauch schon genügt, um sie fortzublasen, diese eure Wirklichkeit. Sehr ihr denn nicht, daß sie sich im Inneren ständig wandelt? Sie wandelt sich, kaum, daß ihr auch nur ein kleines bißchen anders zu sehen, zu fühlen, zu denken beginnt als eben vorhin noch; so daß ihr jetzt zu der Erkenntnis gelangt, daß das, was ihr eben vorhin noch für die Wirklichkeit angesehen habt, doch nur eine Illusion war. Aber zum Teufel, gibt es denn überhaupt eine andere Wirklichkeit als diese Illusion? Und was anderes ist denn dann der Tod wenn nicht der Verlust jeglicher Illusion?

Aber das ist es eben. Mögen die Toten immerhin lauter arme Kerle sein und alle Illusionen verloren haben, die sie sich von sich selbst und vom Leben machten; was die Illusion anbelangt, die ich mir noch immer von ihnen mache, da können sie sich damit trösten, daß sie weiterleben, solange ich lebe. Und das nützen die aus! Ich schwöre euch, die nützen das schamlos aus. 

Sehr einmal her: Ich habe da vor mehr als zwanzig Jahren in Bonn am Rhein einen gewissen Herrn Herbst kennengelernt. Mit dem Herbst hatte er außer seinem Namen nichts gemeinsam; er war auch im Winter, im Frühjahr und im Sommer Hutmacher und besaß einen kleinen Laden an einer Ecke des Marktplatzes in der Nähe der Beethovenhalle.

Ich sehe diese Ecke vor mir, als wäre ich jetzt noch dort, es ist Abend; ich atme die vermischten Gerüche ein, die aus den hellerleuchteten Läden strömen, fettige Gerüche; und ich sehe die erleuchteten Lampen auch vor dem Schaufenster des Herrn Herbst, der mit gespreizten Beinen, die Hände in den Hosentaschen, auf der Schwelle seines Ladens steht. Er sieht mich vorübergehen, nickt mir zu und wünscht mir in dem eigentümlichen Singsang des rheinischen Dialekts eine "Gute Nacht, Herr Doktor".

Nun sind mehr als zwanzig Jahre vergangen. Zumindest achtundfünfzig war er damals wohl, der Herr Herbst. Nun, jetzt wird er vielleicht schon tot sein. Aber tot für sich selbst, nicht für mich, glaubt mir das bitte. Und es ist vergeblich, ganz und gar vergeblich, wenn Sie mir erzählen, Sie wären neulich in Bonn am Rhein gewesen und hätten an der Ecke des Marktplatzes in der Nähe der Beethovenhalle keine Spur gefunden, weder von Herrn Herbst noch von seinem Hutladen. Was haben Sie stattdessen gefunden? Eine andere Wirklichkeit, nicht wahr? Und die halten Sie für wahrer als die, die ich dort vor zwanzig Jahren verlassen habe? Aber lieber Herr, fahren Sie doch in zwanzig Jahren noch einmal hin, und Sie werden sehen, was aus der Wirklichkeit geworden ist, die Sie jetzt dort zurückgelassen haben.

Was für eine Wirklichkeit denn? Ja, glaubt ihr denn im Ernst, meine von vor zwanzig Jahren, mit dem Herrn Herbst auf der Schwelle seines Ladens, mit gespreizten Beinen und den Händen in der Hosentasche, wäre dieselbe gewesen, die sich der Betroffene von sich selbst, seinem Laden und dem Marktplatz machte, der Herr Herbst in Person? Wer weiß denn, wie der Herr Herbst sich selbst, seinen Laden und diesen Platz gesehen haben mag!

 

Nein, nein, meine Herrschaften: Das war meine Wirklichkeit, ganz allein meine, und die kann sich nicht verändern und nicht untergehen, solange ich lebe, ja sie kann sogar ewig leben, wenn ich genug Kraft habe, sie auf einer Seite zu verewigen - naja, ewig, oder wenigstens noch hundert Millionen Jahre länger, wenn man die Berechnungen zugrundelegt, die eben jetzt in Amerika über die voraussichtliche Dauer des menschlichen Lebens auf der Erde angestellt werden.

Nun, so wie es mir mit dem so weit entfernten Herr Herbst geht, falls er jetzt tot ist, so geht es mir auch mit den vielen Toten, die ich auf den Friedhof begleite, und die ihrerseits noch viel weiter fortgehen, wer weiß wohin. Ihre Wirklichkeit ist vergangen; aber welche? Die, die sich selbst gegeben haben. Aber was konnte ich denn je davon wissen, von diesen ihren Wirklichkeiten? Was wißt denn ihr davon? Ich kenne nur die Wirklichkeit, die ich ihnen meinerseits gegeben habe. Illusion ist die meine ebenso wie die ihre.

Aber wenn sie, die armen Toten, sich so vollständig von jeder Illusion ihrer Wirklichkeit befreit haben, so lebt doch meine Illusion noch weiter, und sie ist so stark, daß ich sie - ich sage es noch einmal - nachdem ich sie eben erst zum Friedhof begleitet habe, wieder zurückgehen sehe: einen wie den anderen, genauso wie sie waren: sachte, sachte, heraus aus dem Sarg, und an meine Seite.

"Aber warum", fragt ihr, "warum kehren sie nicht in ihre eigenen Häuser zurück, anstatt in Ihr Haus zu gehen?

Schöne Frage! Na, weil sie ja keine Wirklichkeit mehr für sich haben, so daß sie dorthin gehen könnten, wo es ihnen paßt. Die Wirklichkeit ist nie aus sich selbst heraus da. Sie haben sie nun nur mehr durch mich, ihre Wirklichkeit, und deshalb müssen sie zwangsläufig auch mit mir gehen.

Arme Pensionäre der Erinnerung, ihr Illusionsverlust rührt mich ganz unsäglich.

Ganz zu Beginn, das heißt nach dem Ende des letzten Schauspiels (ich meine nach dem Trauerzug), wenn sie da aus dem Sarg steigen, um mit mir zu Fuß vom Friedhof zurückzugehen, da haben sie so eine gewisse ausgelassene, leicht verächtliche Lebhaftigkeit an sich wie einer, der - auf wenig ehrenhafte Weise freilich und um den Preis, dafür alles zu verlieren - eine zentnerschwere Bürde losgeworden ist. Und wenn sie jetzt auch so armselig wie nur möglich dastehen, wollen sie erst einmal aufatmen. Na freilich! Wenigstens einen tiefen Atemzug der Erleichterung, das muß doch erlaubt sein! So viele Stunden waren sie dort, steif, unbeweglich, auf ein Bett gefesselt, und haben Tote gespielt. Jetzt würden sie am liebsten ihre Glieder strecken, sie drehen den Hals hierhin und dorthin, ziehen bald diese, bald jene Schulter hoch, recken, verdrehen, schlenkern die Arme, wollen die Beine kräftig ausschreiten lassen und sind mir bald ein paar Schritte voraus. Aber allzu weit entfernen können sie sich nicht. Sie wissen ja nur zu gut, daß sie an mich gebunden sind, daß sie nun ihre einzige Wirklichkeit - oder Illusion des Lebens, was auf dasselbe herauskommt - in mir haben.

Andere - Verwandte, der eine oder andere Freund - beweinen sie, vermissen sie, erinnern sich an den einen oder anderen Charakterzug von ihnen, leiden unter ihrem Verlust; aber dieses Weinen, dieses Vermissen, diese Erinnerung, dieses Leiden, richten sich an eine vergangene Wirklichkeit, die diese Leute für mit dem Toten verflogen halten, weil sie nie über den Wert dieser Wirklcihkeit nachgedacht haben.

Für sie liegt alles daran, ob ein Körper da ist oder nicht.

Es würde ausreichen, sie zu trösten, wenn sie glauben könnten, daß dieser Körper nicht mehr da ist, nicht deshalb, weil er schon unter der Erde liegt, sondern weil er verreist ist, und irgendwann, weiß Gott wann, zurückkehren wird.

Jaja, laßt nur ruhig alles, wie es ist: Das Zimmer für seine Rückkehr bereit, das Bett frisch gemacht, die Decke ein wenig zurückgeschlagen, das Nachthemd ausgebreitet. Auf der Nachttischkommode die Kerze und die Schachtel Streichhölzer; die Pantoffeln vor dem Lehnstuhl am Fußende des Bettes.

"Fortgefahren ist er. Er kommt zurück."

Das würde genügen. Ihr wäret getröstet. Warum? Weil ihr diesem Körper eine Wirklichkeit für sich gebt, während er für sich nun einmal keine hat. Deshalb löst er sich ja auch auf, verschwindet, wenn er einmal tot ist.

"Da haben wir's", ruft ihr nun aus. "Tot! Du sagst, wenn er tot ist, löst er sich auf; aber als er am Leben war? Da hatte er doch eine Wirklichkeit!"

Aber meine Lieben, wollen wir wirklich von vorne anfangen? Natürlich hatte er eine - die Wirklichkeit, die er selbst sich gab und die ihr ihm gegeben habt. Aber haben wir nicht eben bewiesen, daß das nur eine Illusion war? Die Wirklichkeit, die er sich gab, die kennt ihr nicht, und könnt sie nie kennen, denn sie lag in ihm drinnen und außerhalb von euch; ihr kennt nur die, die ihr ihm gegeben habt. Ja, und die, könnt ihr ihm die vielleicht jetzt nicht mehr geben, auch ohne seinen Körper vor Augen zu haben? Aber natürlich könnt ihr das! Ihr würdet euch doch auf der Stelle trösten, wenn ihr glauben könntet, er sei nur verreist. Ihr sagt nein? Aber habt ihr sie ihm denn nicht früher so oft gegeben, als ihr ihn wirklich auf Reisen wußtet? Und ist es nicht vielleicht dieselbe Wirklichkeit, die ich hier aus der Ferne dem Herrn Herbst gebe, von dem ich nicht weiß, ob er gestorben oder noch am Leben ist?

Ach, hört doch auf! Wißt ihr, um was ihr eigentlich weint? Ihr weint aus einem ganz anderen Grund, meine Lieben, den ihr nicht einmal im entferntesten ahnt. Ihr weint, weil er, derTote, euch keine Wirklichkeit mehr geben kann. Euch ängstigen seine geschlossenen Augen, die euch nicht mehr erblicken können; seine harten, eiskalten Hände, die euch nicht mehr berühren können. Ihr könnt euch nicht beruhigen über seine absolute Gefühllosigkeit. Also gerade darüber, daß er, der Tote, euch nicht mehr fühlen kann. Und das heißt, daß ihr mit ihm eine Stütze, einen Trost eurer eigenen Illusion verloren habt: die Wechselseitigkeit der Illusion.

Wenn er verreist war, dann haben Sie, seine brave Ehefrau, zu sich selbst gesagt:

"Wenn er aus der Ferne an mich denkt, dann bin ich für ihn lebendig."

Und das hat Sie gestützt und getröstet. Nun aber, da er tot ist, sagen Sie nicht mehr:

"Ich bin für ihn nicht mehr lebendig!"

Sie sagen stattdessen:

"Er ist für mich nicht mehr lebendig!"

Aber natürlich ist er für Sie lebendig! So lebendig wie er es in diesem Rahmen sein kann, nämlich im Rahmen des bißchen Wirklichkeit, die Sie ihm gegeben haben. Die Wahrheit ist freilich, daß Sie ihm stets eine sehr labile Wirklichkeit gegeben haben, eine Wirklichkeit, die ganz auf Sie, auf die Illusion Ihres Lebens zugeschneidert war, und gar nicht oder nur sehr wenig auf seine.

Und das ist der Grund dafür, daß die Toten jetzt zu mir kommen. Mit mir sitzen sie dann, die armen Pensionäre der Erinnerung, und stellen bittere Betrachtungen an über die eitlen Illusionen des Lebens, die sie alle verloren haben, die ich aber noch nicht ganz aufgeben kann, obwohl sie auch mir so wie ihnen eitel erscheinen.

© Michael Rössner.

Die Vernichtung der Menschen - (La distruzione dell'uomo - 1923)

 

aus dem Italienischen von Michael Rössner

Italienische Version

 

Ich möchte bloß gerne wissen, ob der Herr Untersuchungsrichter** guten Glaubens der Meinung ist, er habe auch nur ein einziges Motiv gefunden, mit dem sich tatsächlich irgendwie das erklären ließe, was er vorsätzlichen Mord nennt (und was, wenn überhaupt, ein Doppelmord gewesen wäre, denn das Opfer war gesegneten Leibes, am Ende des letzten Schwangerschaftsmonats).

Es ist bekannt, daß Nicola Petix sich hinter einem undurchdringlichen Schweigen verschanzt hat, erst gegenüber dem Polizeikommissar gleich nach seiner Verhaftung, später gegenüber ihm, das heißt dem Herrn Untersuchungsrichter, der sich vergeblich so oft und auf jede nur denkbare Weise bemüht hat, ihn zu verhören, und zuletzt gegenüber dem jungen Anwalt, den sie ihm als Pflichtverteidiger zugeteilt haben, da er bis zum Schluß keinen Verteidiger seiner Wahl hatte benennen wollen.

Dieses so hartnäckige Schweigen müßte man, so will mir scheinen, doch auf irgendeine Art und Weise auszulegen versuchen.

Man sagt, Petix lege in der Zelle die erinnerungslose Gleichgültigkeit einer Katze an den Tag, die, nachdem sie einer Maus oder einem Vogel den Garaus gemacht hat, sich behaglich in einem Sonnenstrahl räkelt.

 

Aber es ist klar, daß dieses Gerede, das darauf hinausläuft, daß Petix seine Tat mit der glücklichen Unschuld eines Tieres begangen hat, bei den Ohren des Herrn Untersuchungsrichters keine Gnade gefunden hat, wenn er vorsätzlichen Mord annehmen und behaupten konnte. Den Tieren ist jeder Vorsatz fremd. Wenn sie ihrer Beute auflauern, ist ihr Überfall instinktiver und natürlicher Bestandteil ihres ebenso natürlichen Jagdverhaltens, das sie weder zu Dieben noch zu Mördern macht. Der Fuchs mag für den Besitzer des Huhns immerhin ein Dieb sein; für sich selbst ist er kein Dieb, er hat bloß Hunger. Und wenn er Hunger hat, schnappt er sich ein Huhn und frißt es. Und wenn er es einmal gefressen hat, dann war's das, und er denkt nicht mehr daran.

Nun, Petix ist natürlich kein Tier. Und nun muß man erst einmal sehen, ob diese Gleichgültigkeit echt ist. Denn wenn sie echt ist, dann müßte man auch diese Gleichgültigkeit in Betracht ziehen, ebenso wie dieses hartnäckige Schweigen, dessen - so will mir scheinen - natürlichste Konsequenz sie ist; noch dazu, wo beide durch die ausdrückliche Ablehnung eines Verteidigers noch unterstützt werden.

Aber ich will kein Urteil vorwegnehmen und einstweilen mit meiner Meinung noch zurückhalten.

Ich setze also die Diskussion mit dem Herrn Untersuchungsrichter fort. 

Wenn der Herr Untersuchungsrichter glaubt, Petix wäre mit aller Strenge des Gesetzes zu bestrafen, weil er für ihn weder ein einem wilden Tier vergleichbarer gewalttätiger Schwachsinniger ist noch ein rasender Irrer, der ohne Grund eine Frau wenige Wochen vor der Geburt umgebracht hat, was kann dann das Motiv des Verbrechens, dieses vorsätzlichen Mordes gewesen sein?

Eine geheime Leidenschaft für diese Frau? Nein. Da würde es genügen, wenn der junge Pflichtverteidiger den Herren Geschworenen einen Augenblick lang ein Bild der armen Toten vorlegte. Frau Porrella war siebenundvierzig Jahre alt und ähnelte leider bereits allem anderen mehr als einer Frau.

Ich erinnere mich, sie wenige Tage vor dem Verbrechen, gegen Ende Oktober, gesehen zu haben. Sie spazierte am Arm ihres fünfzigjährigen Mannes, der noch ein bißchen kleiner war als sie, aber auch einen schönen Bauch vor sich herschleppte, der Herr Porrella, in der Abenddämmerung durch die Viale Nomentano, ohne sich um den Wind zu bekümmern, der mit seinen warmen Böen lärmend die welken Blätter aufwirbelte.

Ich kann es auf mein Ehrenwort bestätigen, daß der Anblick dieser beiden eine Provokation war, wie sie an einem solchen Tag spazieren gingen, mit all diesem Wind, zwischen den Wirbeln all dieser welken Blätter, so klein unter den hohen, nackten Platanen, die ihr spitzes Zweiggeflecht abwehrend in den stürmischen Himmel reckten.

Sie schritten genau auf dieselbe Weise und zur selben Zeit aus, ernst und schwer, als erfüllten sie einen Auftrag.

Vielleicht glaubten sie, daß dieser Spaziergang unbedingt notwendig wäre, nun, da die letzten Tage der Schwangerschaft angebrochen waren. Verschreibung des Arztes; und von allen Freundinnen aus der Umgebung wärmstens empfohlen.

Ja, es mag ärgerlich gewesen sein für sie, aber doch nur zu natürlich, daß diese Windböen alle Augenblicke da und dort aufkamen und wütend alle diese staubtrockenen Blätter aufwirbelten, ohne sie doch je forttragen zu können; und daß diese Platanen dort, da sie doch zur rechten Zeit Blätter ausgetrieben hatten, sich nun auch zur rechten Zeit ihrer entledigten, um wie Tote den kommenden Frühling zu erwarten; und daß dieser räudige Hund dort drüben von jedem neuen Geruch in der Nase dazu verdammt wurde, bei fast allen Stämmen dieser Platanen stehen zu bleiben, verzweifelt eine Hüfte in die Höhe zu recken, um gerade noch ein paar Tröpfchen herauszupressen, nachdem er sich immer und immer wieder wie verrückt im Kreis gedreht hatte, um die richtige Position dafür zu finden.

Ich schwöre, daß nicht nur mir allein, sondern jedem, der an diesem Tag durch die Viale Nomentano ging, unglaublich erschien, daß dieses Männchen da mit so befriedigtem Gesicht seine Frau in diesem Zustand durch die Straßen führen konnte; und noch viel unglaublicher, daß diese Frau sich durch die Straßen führen ließ, mit einer Hartnäckigkeit, die ihr selbst gegenüber umso grausamer erschien, je mehr sie sich in die Notwendigkeit der unerträglichen Anstrengung zu ergeben schien, die das für sie bedeuten mußte. Sie taumelte, keuchte und bekam ganz starre, verkrampfte Augen, nicht einmal so sehr von der unmenschlichen Anstrengung, als von der Angst, sie könnte vielleicht diesen obszönen Ballast im herunterhängenden Bauch nicht bis zum Ende austragen. Tatsächlich ließ sie alle Augenblicke die bläulichen Lider über diesen Augen sinken. Aber sie tat das nicht so sehr aus Scham, als aus Wut darüber, daß sie sich gezwungen sah, diese Scham zu empfinden, vor den Augen derer, die sie betrachteten und sie in diesem Zustand sahen, in ihrem Alter, eine alte Schachtel, die noch einmal verwendet wurde, ausgerechnet für eine so auffälligen Zweck. Sie hätte ja auch wirklich den Mann, den sie beim Arm hielt, mit einem ganz kleinen Druck heimlich aus der tiefinneren Befriedigung herausholen können, der er sich allzu oft und allzu augenfällig hingab, darüber nämlich, daß er es gewesen war, er, wenn auch so winzig klein und kahlköpfig und um die fünfzig Jahre alt, der diesen dicken Schaden da angerichtet hatte. Sie holte ihn nicht aus seiner Befriedigung heraus, denn sie war ja im Gegenteil froh darüber, daß er den Mut hatte, sie zu zeigen, diese Befriedigung, während sie Scham zeigen mußte.

Mir ist, als sähe ich sie noch immer vor mir, wie sie bei einem noch stärkeren Windstoß von hinten auf ihren plumpen, dicken Beinen stehenblieb, an denen das Kleid, sie in obszöner Weise nachzeichnend, klebte, während es sich vorne zu einer Kugel aufblähte. Dann wußte sie nicht, wo sie zuerst mit dem freien Arm hineilen sollte, das heißt, ob sie zuerst diese Kugel von einem Kleid herunterziehen sollte, die ihre ganze Vorderseite zu entblößen drohte, oder ob sie zuerst den alten violetten Samthut an der Krempe festhalten sollte, dessen melancholische schwarze Federn bei diesem Wind eine verzweifelte Sehnsucht nach dem Fliegen befiel. 

Aber kommen wir zu den Tatsachen.

Ich bitte Sie (wenn Sie ein wenig Zeit haben), sich diese alte Zinskaserne in der Via Alessandria anzusehen, in der das Ehepaar Porrella wohnte und auch, in zwei Zimmerchen im Erdgeschoß, Nicola Petix.

Es ist eine dieser vielen Zinskasernen, alle auf dieselbe Weise häßlich, wie abgestempelt mit der Marke der gemeinsamen Gewöhnlichkeit der Zeit, in der sie in großer Eile aufgerichtet wurden, in der Erwartung - die sich später als irrig herausstellte - daß es einen überstürzten und übermäßigen Zustrom von Bürgern des Königreichs nach Rom geben würde, sobald diese Stadt zur dritten Hauptstadt des Königreichs proklamiert wurde.

So viele privaten Vermögen, nicht nur von neureichen Spekulanten, auch von uralten Patrizierfamilien, und alle Kreditmittel, die die Banken diesen Bauherrn geliehen hatten, die sich einige Jahre hindurch in einer beinahe fanatischen Baumanie zu befinden schienen, gingen damals in einem riesigen Bankrott verloren, an den sich die Leute heute noch erinnern.

Und man sah dort, wo die alten Patrizierparks und herrliche Villen waren, und auch jenseits des Flusses, an Stelle von Wiesen und Gärten, Häuser, Häuser und wiederum Häuser in die Höhe schießen, ganze Häuserblocks in kaum trassierten Straßen abgelegener Viertel; und so viele davon sah man plötzlich stecken bleiben - moderne Ruinen -, als sie gerade bis zum vierten Stockwerk gekommen waren, durchnäßt, da ihnen das Dach fehlte, mit all diesen nackten Fensterhöhlen und, in den Löchern an der Spitze rohen Mauer, da und dort noch dem Rest eines verlassenen Gerüstes, vom Regen geschwärzt und vermodert; andere Häuserblocks, schon fertiggebaut, blieben leer stehen an ganzen Straßenzügen in den neuen Vierteln, durch die nie jemand kam; und man sah das Gras in der monatelangen Stille an den Rändern der Gehsteige wieder herausgucken, ganz dicht an den Mauern, und schließlich, zart und in jedem Windhauch erschauernd, die ganze Straßenfläche zurückerobern.

Viele dieser Häuser, die ursprünglich für wohlhabende Mieter erbaut worden waren, wurden dann, um wenigstens irgend einen Nutzen aus ihnen zu ziehen, der Invasion des einfachen Volkes geöffnet. Diese Invasion richtete die Häuser ziemlich zugrunde, wie man sich leicht vorstellen kann. Als dann schließlich im Laufe der Jahre in Rom wirklich die Wohnungsnot ausbrach, die man zunächst zu früh befürchtet und dann zu spät bekämpft hatte, weil alle aufgrund dieses riesigen Schadens Angst davor hatten, Neubauten in Angriff zu nehmen, da begannen die neuen Eigentümer, die diese Häuser um einen Pappenstiel von den Kreditgebern der insolventen Bauherrn erworben hatte, schnell nachzurechnen, wieviel sie nun hätten ausgeben müssen, um diese Häuser in einen Zustand zu versetzen, der es ermöglicht hätte, Mieter aufzunehmen, die eine höhere Miete zu zahlen bereit wären. Und das Ergebnis war, daß sie es für klüger befanden, nichts zu tun, und die Stiegen und Treppenstufen weiter zerfallen zu lassen, die Mauern voll obszöner Schmierereien, die Fenster mit herunterhängenden Jalousien und die zerbrochenen Scheiben beflaggt mit den schmutzigen, geflickten Fetzen, die dort zum Trocknen aufgehängt waren.

Nur daß jetzt in einigen dieser großen, elenden Häuser unter vielen Mietern, die zurückgeblieben sind, um das Zerstörungswerk ihrer Vorgänger auf Wänden, Türen und Fußböden fortzusetzen, nun auch die eine oder andere verarmte Familie aus dem Adel oder dem Mittelstand, von Angestellten oder Lehrern, Unterschlupf zu suchen begonnen hat, sei es, daß sie anderswo keine Wohnung finden konnte, oder aus Not, oder aus Sparsamkeit. Nun muß sie den Ekel vor diesem ganzen Schmutz überwinden und noch mehr vor der Vermischung mit dem, was, ja, mein Gott, natürlich auch mein Nächster ist, das würde ja sicher niemand leugnen, aber das man doch sicherlich gerne nicht allzu nahe hat, wenn man auch nur ein bißchen Freund der Sauberkeit und der Wohlerzogenheit ist. Im übrigen kann man nicht sagen, daß diese Abneigung nicht erwidert würde; jedenfalls wurden die Neuankömmlinge zu Beginn sehr scheel angesehen und dann mußten sie sich nach und nach, wenn sie zu einem besseren Verhältnis mit den Leuten im Haus gelangen wollten, mit gewissen Vertraulichkeiten abfinden, die sie nicht so sehr gewährten, als sie sich vielmehr die anderen herausnahmen.

Nun, in dieser Zinskaserne dort in der Via Alessandria wohnten die Eheleute Porrella zum Zeitpunkt des Verbrechens seit ungefähr fünfzehn Jahren, Nicola Petix, seit etwa zehn. Aber während die Porrellas seit einer guten Weile das Wohlwollen aller alteingesessenen Mieter für sich erobert hatten, hatte Petix vielmehr stets die allgemeine Antipathie auf sich gezogen, weil er alle, angefangen von dem verdreckten Hausmeister, mit Verachtung ansah, ohne jemals irgendjemanden eines Grußes, ja nicht einmal eines leichten Kopfnickens zu würdigen. 

Ja, ich habe gesagt, kommen wir zu den Tatsachen. Aber mit den Tatsachen ist das wie mit einem Sack: wenn er leer ist, fällt er um.

Das wird der Herr Untersuchungsrichter noch merken, wenn er - wie es den Anschein hat - versuchen will, ihn so einfach aufrecht stehen zu lassen, ohne erst alle die Motive hineinzupacken, von denen er mit Sicherheit bestimmt worden ist, und von denen der Untersuchungsrichter nicht einmal die leiseste Ahnung hat.[1]

 

Petix' Vater war ein vor vielen Jahren nach Amerika ausgewanderter und dort verstorbener Ingenieur gewesen, der das ganze Vermögen, daß er dort im Lauf der Jahre in seinem Beruf erworben hatte, als Erbe einem anderen Sohn hinterließ, der gleichfalls Ingenieur und zwei Jahre älter war als Petix, und zwar mit der Bedingung, dem jüngeren Bruder auf Lebenszeit einen Scheck über ein paar armselige Hundert Lire zukommen zu lassen, sozusagen als Almosen, und nicht, weil es ihm zugestanden hätte, denn er hatte, wie es im Testament hieß, "den ganzen ihm zustehenden Pflichtteil bereits in einem schandbaren Müßiggang aufgezehrt".

Diesen Müßiggang Petix' gilt es freilich nicht nur von der Seite des Vaters zu betrachten, sondern ein wenig auch von der seinen, denn Petix frequentierte tatsächlich Jahre hindurch die Hörsäle der Universitäten, wechselte von einer Studienrichtung zur anderen, von der Medizin zu den Rechtswissenschaften, von den Rechtswissenschaften zur Mathematik, von dieser zur Literatur und zur Philosophie. Dabei legte er, das ist schon wahr, niemals eine Prüfung ab, weil er sich nie vorstellen konnte, Arzt zu werden oder Anwalt, Mathematiker oder Literat oder Philosoph. In Wahrheit wollte Petix nie irgendetwas werden oder tun, aber das heißt nicht, daß er Müßiggang getrieben hätte und daß dieser Müßiggang schandbar gewesen wäre. Er hat stets über die Wechselfälle des Lebens und die Gebräuche der Menschen nachgedacht und so auf seine eigene Weise Studien betrieben.

Die Frucht dieses ständigen Nachdenkens war ein unendlicher Überdruß, ein unerträglicher Überdruß gegenüber dem Leben und gegenüber den Menschen.

Etwas tun, nur um es zu tun? Man müßte in diesem etwas drinnen sein, was getan werden soll, wie ein Blinder, ohne es von außen zu sehen; oder, wenn schon das nicht, dann ihm ein Ziel zuschreiben. Nur das Ziel, es zu tun, als Selbstzweck? Aber ja, mein Gott, wie das eben so geht. Heute dieses, morgen etwas anderes. Oder auch jeden Tag dasselbe. Je nach den Neigungen, den Fähigkeiten, den Absichten, den Gefühlen oder den Trieben. Wie das eben so geht.

Das Schlimme kommt nur dann, wenn man diesen Neigungen, Fähigkeiten und Absichten, diesen Gefühlen und Trieben, die man von innen verfolgt, weil man sie hat und empfindet, einen außerhalb ihrer selbst liegenden Zweck zuschreiben will, den man eben deshalb, weil man ihn draußen sucht, nicht mehr findet, so wie man dann überhaupt nichts mehr findet.

Nicola Petix war bald bei diesem Nichts angelangt, das wohl die Quintessenz jeder Philosophie sein muß.

Der tägliche Anblick der hundert und mehr Mieter dieser düsteren und schmutzigen Mietskaserne, Leute, die lebten, um zu leben, ohne zu wissen, daß sie lebten, es sei denn um dieses bißchen willen, das sie jeden Tag verdammt schienen zu tun, immer dieselben Dinge; dieses Anblicks wurde er bald überdrüssig, er wurde ihm geradezu wahnhaft unerträglich, und er steigerte sich darüber von Tag zu Tag in eine immer größere Verzweiflung hinein.

Vor allem waren ihm der Anblick und der Lärm der vielen kleinen Kinder unerträglich, die im Hof und auf den Stiegen rumorten. Er brauchte sich nur ans Fenster stellen, das auf den Hof hinausging: sofort sah er vier oder fünf in einer Reihe ihr Geschäft verrichten, während sie an einem faulen Apfel oder an einem Stück Brot kauten; oder auf dem löchrigen Pflaster, auf dem Tümpel fauligen Wassers standen (wenn es Wasser war), drei Jungen auf allen Vieren, die heimlich zusahen, wie ein dreijähriges Mädchen Pipi machte, das davon nichts bemerkte, während es ernst, unschuldig und mit einem verbundenen Auge sein Geschäftchen verrichtete. Und wie sie einander anspuckten, die Fußtritte und Kratzer, die sie austeilten, wie sie einander an den Haaren zogen, und die Schreie, die darauf folgten, und an denen sich auch alle Mammas aus sämtlichen Fenstern der fünf Stockwerke beteiligten; während.. bitte, da geht eben das Fräulein Lehrerin mit dem käsigen Gesicht und den herabhängenden Haaren mit einem dicken Blumenstrauß über den Hof, den ihr der an ihrer Seite lächelnde Verlobte geschenkt hat. Petix überkam die Versuchung, zur Schublade der Kommode zu laufen, um dieser Lehrerin eine Kugel aus dem Revolver nachzu­schicken, so groß war seine Wut und seine Entrüstung über diese Blumen und dieses Lächeln des Verlobten, über das schmeichlerische Getändel der Liebe inmitten dieser Übelkeit erregenden Obszönität all dieser schmutzigen Brut, die binnen kurzem von der Lehrerin herangezogen werden würde.

Nun müssen Sie nur einmal bedenken, daß Nicola Petix seit zehn Jahren jeden Tag in diesem Mietshaus die periodi­schen, nie ausbleibenden Schwangerschaften der Frau Porrella miterlebte, die, wenn sie unter Übelkeitsanfällen, Zittern und Leiden das siebente oder achte Monat erreicht hatte, jedesmal unter Todesgefahr eine Fehlgeburt hatte. In neun­zehn Jahren Ehe hatte es dieser Kasten von einer Frau be­reits auf fünfzehn Fehlgeburten gebracht.

Und das erschreckendste für Nicola Petix war dies: daß er bei diesen beiden keinen Grund dafür erkennen konnte, daß sie in so blindem Starrsinn unbedingt ein Kind wollten.2)

Vielleicht deshalb, weil vor achtzehn Jahren, in der Zeit der ersten Schwangerschaft, die Frau die ganze Babyaus­stattung vorbereitet hatte: Windeln, Häubchen, Hemdchen, Lätzchen, mit Schleifen geschmückte lange Kleidchen, Woll­söckchen, die noch immer auf ihre Verwendung warteten und nun schon vergilbt und vor Wäschestärke steif geworden waren wie kleine Leichen.

Seit zehn Jahren nun schon hatte sich zwischen all diesen Frauen des Mietshauses, die auf Kinder in die Welt setzten, so viel sie nur konnten, und Nicola Petix, der ihre schmutzige Brut haßte, so sehr er nur konnte, so etwas wie eine Wette herausgebildet: die Frauen behaupteten, dieses Mal würde die Frau Porrella ihr Kind bekommen, und er sagte nein, auch dieses Mal nicht. Und je besorgter sie den von Monat zu Monat wachsenden Bauch der Frau mit unzähligen Aufmerksamkeiten, Ratschlägen und Hilfen behüteten, umso mehr fühlte er, während er diesem Wachstum von Monat zu Monat zusah, in sich Ärger, Erregung, ja Wut wachsen. In den letzten Tagen jeder Schwangerschaft stellte sich seiner überreizten Phantasie das ganze Mietshaus wie ein riesiger Bauch dar, der verzweifelt von Schwangerschaft des Menschen, der da geboren werden sollte, erschüttert wurde. Es handelte sich längst nicht mehr um die bevorstehende Geburt des Kindes der Frau Porrella, die für ihn eine Niederlage darstellen sollte; es handelte sich um den Menschen, den Menschen schlechthin, der nach dem Wunsch all dieser Frauen aus dem Bauch dieser Frau geboren werden sollte; des Men­schen, wie er aus dem dumpfen Trieb der beiden Geschlechter entstehen kann, die miteinander kopulieren.

Nun, der Mensch war es, den Petix vernichten wollte, als er sicher war, daß diese sechzehnte Schwangerschaft endlich zum Ziel führen würde. Den Menschen. Nicht einen von vielen, sondern alle in diesem einen; um an diesem einen sich für die vielen zu rächen, die er dort sah, kleine Tiere, die lebten, um zu leben, ohne zu wissen, daß sie lebten, es sei denn um dieses bißchen willen, das sie jeden Tag verdammt schienen zu tun, immer dieselben Dinge.

Und es geschah wenige Tage, nachdem ich das Ehepaar Porrella in der Viale Nomentano zwischen den Spiralen welker Blätter die Füße im selben Rhythmus, ernst und gemessen einen vor den anderen setzen gesehen hatte, als erfüllten sie eine Aufgabe.

Das Ziel des täglichen Spaziergangs war ein Steinmäuer­chen hinter der Zollbarriere, wo die Straße, nachdem sie nach Sant'Agnese noch einmal eine Kehre gemacht und sich ein wenig verengt hat, zum Tal des Aniene abfällt. Jeden Tag ruhten sie sich auf diesem Steinmäuerchen sitzend ein halbes Stündchen von dem langen, langsamen Spaziergang aus. Herr Porrella sah dabei die düstere Brücke an und dachte sicher daran, daß über sie schon die alten Römer geschritten waren. Frau Porrella verfolgte mit den Augen die alte Salatsamm­lerin zwischen den Gräsern der Böschung entlang des Flusses, dessen Lauf noch ein Stück nach der Brücke da unten einge­sehen werden kann; oder sie blickte auf ihre Hände und drehte ganz langsam an den Ringen, die an ihren plumpen Wurstfingern steckten.

Auch an jenem Tag wollten sie ans Ziel gelangen, wenngleich der Fluß durch die ausgiebigen Regenfälle der letzten Zeit Hochwasser führte und drohend auf die Böschung hinaufschlug, fast bis zu ihrem Steinmäuerchen hinauf; und obwohl sie auf diesem sitzend, als hätte er auf sie gewartet, ihren Nachbarn Nicola Petix vorfanden: ganz in sich zusammenge­sunken auf dem Stein kauernd wie eine riesige Eule.

Sie blieben stehen, als sie ihn sahen, für einen Augen­blick ärgerlich und unschlüssig, ob sie sich anderswo hinsetzen oder lieber umkehren sollten. Aber gerade diese Erkenntnis des eigenen Ärgers und Mißtrauens trieb sie schließlich dazu, sich zu ihm zu setzen, denn es erschien ihnen unvernünftig zu glauben, das die unangenehme Gegenwart dieses Mannes und seine offenkundige Absicht, um ihretwillen hierhergekommen zu sein, irgendetwas so Ernstes darstellen konnten, daß man deshalb auf die gewohnte Rast hätte ver­zichten müssen, derer vor allem die Schwangere so sehr bedurfte.

Petix sagte nichts. Alles geschah in einem Augenblick, fast lautlos. Als die Frau zu der Mauer trat, um sich hinzusetzen, packte er sie bei einem Arm und zog sie mit einem Ruck bis zum Rand des hochwasserführenden Flusses; dort gab er ihr einen Stoß und warf sie in die Fluten.


 

* - Erstveröffentlichung in Novella, Weihnachtsnummer 1921.  

** - Die Rede ist vom Delikt des Herrn Petix. (Anm. des Autors)  

[1]- In der erwähnten Erstveröffentlichung von 1921 folgt an dieser Stelle ein später gestrichener, jedoch interessanter Absatz:

"Im übrigen ist das leicht vorherzusehen. So wie er nur die Tatsache sehen wird, nichts als eine Tatsache, leer und aufgeblasen von ein bißchen rhetorischem Wind, damit sie irgendwie und um jeden Preis aufrecht steht, so werden die Herren Geschworenen bloß den Körper sehen, den Körper eines Menschen dort im Käfig, so wie Petix sich ihren Blicken darbieten wird, diesen langen, hageren, schief gewachsenen Körper und diesen Kopf eines ausgestopften Vogels mit den fliehenden, stechenden Augen.
Und niemand wird es in den Sinn kommen, daß Petix diesen seinen Körper, als er die Tat beging, gar nicht sehen, daß er gar nicht an ihn denken konnte; und daß diese Tatsache, die er schuf, während er in dem Motivzusammenhang stand, der ihn die Tat begehen ließ, für ihn nicht die war, die sie nun für alle und vielleicht auch für ihn selbst ist, etwas draußen, weit weg, irgendeine von außen betrachtete Geschichte, sondern vielmehr das Motiv selbst, das in ihm arbeitete, und das man ergründen müßte, damit die Tatsache ihren wahren Sinn und ihren wahren Wert bekäme.
Einen metaphysischen Sinn, meine Herrschaften, und einen universellen Wert." 

2) In der angegebenen Erstveröffentlichung folgt ein interessanter Einschub:

"ob der Grund dafür nicht darin lag, daß unter der stets prallen Kugel der Röcke der einen ein anderes Geschlecht verborgen war als das, das um viel geringerer Ursache willen die Hosen des anderen ausbeulte. Petix dachte, daß diese Frau, die doch breitschultrig und viel größer als der Mann war, ein gewisses Ressentiment für ihren eigenen Körper haben mußte, der ihr dieses Geschlecht zugeteilt hatte, daß sie zwang, sich diesem Männlein zu unterwerfen, der nichts getan hatte, um sich die Dreistigkeit zu verdienen, mit der er seine Beinchen in den von ihr genähten Röhrenhosen durch die Welt trug. Und wer weiß, vielleicht hatte ihr Frauenkörper einmal dieses Ressentiment gegen sich selbst empfunden. Aber nun, da sie einmal als Frau geboren war, mußte sich ihr neben den eines Mannes gelegter Körper einmal allen Notwendigkeiten fügen, so grausam sie auch sein mochten, und sie, so schwer und durch die lange Gewohnheit grau und erinnerungslos geworden, zeigte die apathischeste Gleichgültigkeit dafür. Er war durch Zufall als Mann ge­boren und sie als Frau, obwohl sie von einer Frau nichts mehr an sich hatte als dieses eine; die Natur woll­te es so, und so mußte es geschehen. Auf dem Hinter­grund dieser apathischen Gleichgültigkeit für ihre sexuelle Unterwerfung erschienen schamlos und wild die Zeichen von Erbitterung und Herausforderung, wenn sie dem Höhe­punkt der Schwangerschaft nahe war, vielleicht deshalb, weil der frühere Stolz, den ihr größerer und festerer Körper gegenüber dem des kleinen Mannes empfunden haben mochte, zu viele Niederlagen erlitten hatte. Nun wollte sie, solange ihre Kräfte reichten, und sei es auch um den Preis ihres Lebens, beweisen, daß, wenn dieses Männ­chen es noch schaffte, sie zu schwängern, auch sie, dieser unförmige, verfallende Körper, es wenigstens einmal schaffen würde, eine Schwangerschaft auszutragen. 

 

© Michael Rössner.

Die Wirklichkeit des Traums - (La realtà del sogno - 1914)

 

Erstveröffentlichung in der Zeitschrift Noi e il mondo vom November 1914; umfangreiche Veränderungen in der Version letzter Hand.

aus dem Italienischen von Michael Rössner 

Italienische Version  

 

Alles, was er sagte, schien denselben unbestreitbaren Wert zu haben wie seine Schönheit; beinahe so, als könnte er - da man nicht daran zweifeln konnte, daß er ein überaus schöner Mann war, aber auch wirklich wunderschön - ihm nie und in nichts widersprechen.

Und er verstand nichts, er verstand aber auch wirklich nichts von dem, was in ihr vorging!

Wenn man sich anhören mußte, mit welcher Sicherheit er seine Interpretationen ihrer instinktiven Regungen, ihrer vielleicht auch ungerechten Abneigungen und mancher ihrer Gefühle vortrug, dann überkam sie die Versuchung, ihm das Gesicht zu zerkratzen, ihn zu ohrfeigen, ihn zu beißen.

Auch deshalb, weil er sie dann bei aller Kälte und Sicherheit und diesem Stolz eines gutaussehenden jungen Mannes in anderen Momenten wiederum enttäuschte, wenn er sich ihr näherte, weil er sie brauchte. Dann war er schüchtern, demütig, flehend, mit einem Wort so, wie sie ihn in diesen Augenblicken nicht haben wollte; so daß sie sich auch dann gereizt fühlte, wenn auch aus einem anderen Grund, und so sehr, daß sie - obwohl sie dazu neigte nachzugeben - sich störrisch verhärtete; und die Erinnerung an jeden Augenblick der Hingabe, der im schönsten Moment von diesem Gefühl der Gereiztheit vergiftet wurde, wandelte sich ihr zu einem Groll. 

 

Er behauptete, die Verlegenheit und Peinlichkeit, die sie angeblich allen Männern gegenüber empfand, wären bei ihr eine fixe Idee.

"Du empfindest das, Liebe, weil du daran denkst", wiederholte er hartnäckig.

"Ich denke daran, Lieber, weil ich es empfinde", gab sie zurück. "Was heißt da fixe Idee! Ich empfinde es. So ist es nun einmal. Und ich habe meinem Vater dafür zu danken, für die wunderbare Erziehung, die er mir angedeihen hat lassen! Willst du vielleicht auch das noch in Zweifel ziehen?"

Na, das wenigstens nicht, darauf konnte man hoffen. Er hatte diese Erziehung ja selbst während der Verlobungszeit zu spüren bekommen. In den vier Monaten vor der Hochzeit war ihm dort in der Kleinstadt, aus der sie stammte, nicht einmal gestattet worden, wenn schon nicht ihre Hand zu berühren, wenigstens zwei Wörtchen mit ihr im Flüsterton zu wechseln.

Eifersüchtiger als ein Tiger, hatte der Vater ihr von Kindesbeinen an einen heillosen Schrecken vor den Männern eingejagt; nie hatte er einen Mann ins Haus gelassen; alle Fenster wurden hermetisch geschlossen; und die seltenen Male, die er sie ausgeführt hatte, hatte er sie gezwungen, mit gesenktem Kopf zu gehen wie eine Nonne und auf den Boden zu starren, als müßte sie die Pflastersteine zählen.

Nun, was Wunder, wenn sie nun in Gegenwart eines Mannes diese Verlegenheit empfand, es nicht vermochte, irgend einem in die Augen zu sehen und nicht mehr wußte, wie sie sprechen und wie sich bewegen sollte?

Ja, natürlich, sie hatte sich schon seit sechs Jahren von dem Alptraum dieser wilden väterlichen Eifersucht be­freit; sie sah Leute, zu Hause, auf der Straße; und dennoch... Sicherlich war es nicht mehr dieser kindliche Schreck von einst; aber eben diese Peinlichkeit. Ihre Augen, so sehr sie sich auch bemühten, konnten niemandes Blick aushalten; die Zunge verhedderte sich ihr im Mund, wenn sie sprach; und plötzlich, ohne daß sie gewußt hätte warum, stand ihr Gesicht in Flammen, so daß alle denken konnten, ihr ginge weiß Gott was durch den Kopf, während sie doch tatsächlich an gar nichts dachte; kurz gesagt, sie sah sich dazu verdammt, ständig einen schlechten Eindruck zu machen, als dumm zu gelten, als gehemmt, und sie wollte das nicht. Es war sinnlos, sich dagegen zu wehren. Ihrem Vater verdankte sie es, daß sie sich einschließen mußte, niemanden sehen durfte, um sich wenig­stens nicht über diese dumme und lächerliche Peinlichkeit ärgern zu müssen, die stärker war als sie. 

Die Freunde, die besten, die, an denen ihm am meisten gelegen war, und die er gerne als Zierde seines Hauses betrachtet hätte, jener kleinen Welt, die er vor sechs Jahren bei seiner Hochzeit gehofft hatte, um sich herum aufbauen zu können, die hatten sich einer nach dem anderen von ihm entfernt. Kein Wunder! Sie kamen ihn besuchen. Sie fragten:

"Ist deine Frau nicht da?"

Seine Frau war wie von der Tarantel gestochen aufgesprungen und fortgelaufen, als die Glocke das erste Mal schellte. Er tat, als ginge er sie rufen; er ging wirklich zu ihr; er trat mit einem betrübten Gesicht vor sie hin, die Arme ausgebreitet, obwohl er wußte, daß es vergeblich sein würde; seine Frau würde ihn mit zornblitzenden Augen ansehen und ihm zwischen den Zähnen zuzischen: "Dummkopf!". So kehrte er ihr den Rücken und ging zurück, innerlich weißgottwie, äußerlich lächelnd, und beschied seinem Freund: "Tut mir leid, mein Lieber, sie fühlt sich nicht gut, sie hat sich hingelegt."

Und so ging's einmal, zweimal, dreimal; zum Schluß hatten alle genug bekommen. Konnte er ihnen das vorwerfen?

Zwei oder drei waren ihm noch geblieben, die allertreuesten oder allermutigsten. Und die wenigstens wollte er verteidigen, einen vor allen anderen, den klügsten von allen, der wirklich gebildet war und die Pedanterie haßte, vielleicht auch ein bißchen viel Aufhebens davon machte, ein äußerst scharfsinniger Journalist; kurz gesagt, ein Freund von unschätzbarem Wert.

Manchmal hatte sich seine Frau vor diesen wenigen übrig gebliebenen Freunden doch sehen lassen, sei es, daß sie überraschend gekommen waren, sei es, daß sie in einem guten Augenblick seinem Bitten trotz allem nachgegeben hatte. Und siehst du, kein Wort stimmte, daß sie etwa eine schlechte Figur gemacht hätte - ganz im Gegenteil!

"Denn wenn du nicht daran denkst, siehst du... wenn du dich einfach deinem Naturell überläßt... du bist lebhaft..."

"Dankeschön!"

"Du bist klug..."

"Dankeschön!"

"Und du bist alles andere als verlegen, ich versichere es dir! Entschuldige mal, welches Interesse sollte denn ich daran haben, daß du eine schlechte Figur machst? Du sprichst so frei und offen, aber ja, manchmal sogar allzu frei... und mit großer Anmut, ich schwöre es dir! Du wirst richtig entflammt, und deine Augen... was heißt da, du weißt nicht, wie du schauen sollst! Die sprühen geradezu, meine Liebe... Und dann sagst du, dann sagst du durchaus auch gewagte Dinge, jawohl... Du wunderst dich? Nein, ich sage ja nicht, daß sie unpassend wären... aber doch ein bißchen gewagt für eine Frau; und all das gelöst, frei, kurz, mit Esprit, ich schwöre es dir!

Er lobte sich in einen wahren Taumel hinein, denn er merkte, daß sie, obwohl sie behauptete, nichts davon zu glauben, im Grunde Vergnügen daran hatte, errötete und nicht wußte, ob sie lächeln oder die Brauen runzeln sollte.

"Es ist so, ganz genau so. Glaub mir, das ist eine fixe Idee von dir, deine..."

Die Tatsache, daß sie nicht gegen seine hundertmal behauptete "fixe Idee" protestierte und sein Lob über ihr freies, gelöstes, ja sogar gewagtes Sprechen mit sichtlichem Vergnügen entgegennahm, hätte ihm wenigstens ein bißchen Angst machen müssen.

Wann und mit wem hatte sie denn so gesprochen?

Vor wenigen Tagen erst, mit dem Freund "von unschätzba­rem Wert", mit dem also, der ihr natürlich der unsympathischste von allen war. Ja, sie gab die Ungerechtigkeit mancher ihrer Antipathien zu, und auch, daß sie vor allen Dingen jene Männer als unsympathisch bezeichnete, die sie am meisten verlegen machten.

Aber nun war sie deshalb so befriedigt über die Tatsache, daß sie vor diesem Mann sogar mit einer gewissen Dreistigkeit zu sprechen vermocht hatte, weil dieser (sicher­lich, um sie insgeheim zu reizen) es in einer langen Diskussion über das ewige Thema der Anständigkeit der Frau gewagt hatte zu behaupten, das übermäßige Schamgefühl wäre ein untrügliches Zeichen eines besonders sinnlichen Cha­rakters, so daß man sich vor einer Frau hüten müsse, die ohne Grund errötet, die es nicht wagt, die Augen zu heben, weil sie Angst davor hat, in allem ringsumher einen Angriff auf das eigene Schamgefühl zu entdecken, und in jedem Blick, in jedem Wort, einen Hinterhalt sieht, der ihre Anständig­keit bedroht. Das bedeutet, daß diese Frau besessen ist von Bildern der Versuchung; sie fürchtet, sie überall zu erblicken; der bloße Gedanke daran verwirrt sie. Wie denn auch nicht? Während eine andere, mit weniger lebhafter Sinnlichkeit, dieses Schamgefühl gar nicht kennt und sogar von gewissen intimen Dingen aus dem Bereich der Liebe sprechen kann, ohne verlegen zu werden, weil sie gar nicht auf die Idee käme, daß etwas Böses dabei sein könnte bei... was weiß ich, bei einer etwas weiter ausgeschnittenen Bluse, bei einem Strumpf mit Lochstickerei, bei einem Rock, der gerade ein kleines, kleines bißchen vom Bein oberhalb des Knies erspähen läßt.

 

Damit sagte er wohlgemerkt nicht, daß eine Frau, damit man sie nicht für sinnlich hielte, sich nun schamlos und ungehörig geben oder das sehen lassen müßte, was man nicht sehen lassen darf. Das wäre ja ein Paradox gewesen. Er sprach nur vom Schamgefühl. Und das Schamgefühl war für ihn die Rache der Unaufrichtigkeit. Nicht, daß dieses Gefühl nicht an und für sich aufrichtig gewesen wäre. Nein, es war ganz und gar aufrichtig, aber eben als Ausdruck der Sinnlichkeit. Unaufrichtig ist die Frau, die ihre Sinnlichkeit verleugnen will, indem sie als Beweis die Schamröte ihrer Wangen zur Schau stellt. Und eine solche Frau kann auch unaufrichtig sein, ohne es zu wollen, ja, ohne es zu wissen. Denn nichts ist komplizierter als die Aufrichtigkeit. Wir alle spielen ganz spontan eine Rolle, nicht so sehr vor den anderen als vielmehr vor uns selbst; wir glauben immer das von uns, was uns gefällt, und wir sehen uns nicht so, wie wir in Wirklichkeit sind, sondern so, wie wir meinen, daß wir entsprechend dem idealen Bild, das wir uns von uns selbst zurechtgezimmert haben, sein müßten. So kann es geschehen, daß eine Frau in hohem Maße sinnlich ist, ohne es zu wissen und dabei ganz ehrlich glaubt, besonders keusch zu sein, Ekel und Abscheu vor der Sinnlichkeit zu empfinden, einfach deshalb, weil sie wegen einer Nichtigkeit errötet. Dieses Erröten um einer Nichtigkeit willen, das an und für sich der ganz aufrichtige Ausdruck der tatsächlichen Sinnlichkeit dieser Frau ist, wird nun vielmehr als Beweis der Keuschheit genommen, an die sie glaubt; und wenn es so gedeutet wird, wird es ganz natürlich zu etwas Unaufrichtigem. "Aber Signora", hatte einige Abende zuvor der Freund von unschätzbarem Wert seine Ausführungen geschlossen, "die Frau (Ausnahmen natürlich vorbehalten) ist von Natur aus ein Wesen, das ganz dem Bereich der Sinne angehört. Man muß sie zu nehmen, zu entflammen und zu beherrschen wissen. Die allzu Schamhaften müssen nicht einmal entflammt werden; sie stehen von selbst in Flammen, augenblicklich, wenn man sie anrührt.

Sie hatte nicht einen Augenblick daran gezweifelt, daß diese ganze Rede ihr galt. Und kaum war der Freund gegangen, war sie wütend über ihren Mann hergefallen, der während der ganzen langen Diskussion nichts anderes getan hatte als zu lächeln wie ein Schwachsinniger und seinem Freund beizupflichten.

"Er hat mich in jeder nur denkbaren Weise zwei Stunden lang beleidigt und du, anstatt mich zu verteidigen, hast gelächelt, hast ihm beigepflichtet und ihm so zu verstehen gegeben, daß es stimmte, was er sagte, denn du als mein Ehemann, tja, du müßtest es ja wissen..."

"Aber was denn?" hatte er ganz verdattert ausgerufen. "Du redest ja irre... Ich? Daß du sinnlich wärest? Aber was sagst du denn da? Er hat doch von der Frau im allgemeinen gesprochen, was hat das mit dir zu tun? Wenn er nur im geringsten hätte ahnen können, daß du seine Rede auf dich beziehen würdest, hätte er doch den Mund nicht aufgemacht! Und dann, entschuldige, wie hätte er es denn annehmen können, wo du dich doch ihm gegenüber nicht im geringsten als die schamhafte Frau gezeigt hast, von der er sprach? Du bist ja überhaupt nicht errötet; du hast deine Meinung mit Nachdruck, mit Begeisterung vertreten. Und ich habe gelächelt, weil ich mich darüber freute, weil ich darin den Beweis für das gesehen habe, was ich immer sage und gesagt habe, daß du nämlich, wenn du nicht daran denkst, überhaupt nicht verlegen, überhaupt nicht gehemmt bist; daß deine ganze angebliche Verlegenheit also nichts anderes ist als eine fixe Idee. Was hat das nun mit dem Schamgefühl zu tun, von dem er gesprochen hat?"

Auf diese Rechtfertigung ihres Mannes hatte sie nichts zu entgegnen gewußt. Sie hatte sich in sich selbst zurückgezogen, war verschlossen geworden, brütend über die Frage, warum sie sich so zuinnerst von den Worten dieses Mannes verletzt gefühlt hatte. Es war kein Schamgefühl, nein und noch einmal nein, was sie empfand, es war kein Schamgefühl, kein solch ekelhaftes Schamgefühl wie das, von dem er gesprochen hatte; es war Verlegenheit, Verlegenheit, Verlegenheit! Aber natürlich konnte es ein böswilliger Mensch wie dieser für Schamgefühl ansehen und sie deshalb für eine solche Frau halten, für eine... na, eben für so eine!

Mochte sie sich auch tatsächlich nicht verlegen gezeigt haben, wie ihr Mann behauptete, empfunden hatte sie die Verlegenheit trotzdem; sie konnte sich manchmal überwinden, sich Gewalt antun, um sie nicht zu zeigen; aber sie empfand sie dennoch. Wenn nun ihr Mann ihr diese Verlegenheit absprechen wollte, dann hieß das, daß er nichts bemerkte. Er hätte also auch nicht bemerkt, wenn diese Verlegenheit in ihr etwas anderes gewesen wäre, das heißt, dieses Schamgefühl, von dem der Freund gesprochen hatte.

Was das möglich? O Gott, nein! Der bloße Gedanke jagte ihr Ekel und Grauen ein.

Und dennoch...

Im Traum kam ihr die Erleuchtung.

Er begann wie eine Herausforderung, dieser Traum, wie eine Prüfung, zu der dieser widerliche Mann sie herausforderte, in der Folge der Diskussion, die sie vor drei Abenden miteinander geführt hatten.

Sie mußte ihm beweisen, daß sie nicht über eine Nichtigkeit errötete; daß er mit ihr tun konnte, was er wollte, ohne daß sie sich verwirren lassen oder gar ihre Fassung verlieren würde.

Und tatsächlich, da begann er mit eiskalter Kühnheit diese Prüfung. Zunächst fuhr er ihr leicht mit der Hand über das Gesicht. Bei der Berührung dieser Hand mußte sie sich mit allen Kräften Gewalt antun, um den Schauder zu unterdrücken, der ihr über den ganzen Körper lief, um die Augen fest und ungerührt, unverschleiert blicken zu lassen und dem Mund ein leises Lächeln abzuringen. Und da, jetzt berührte er mit den Fingern ihren Mund; er rieb zart über ihre Unterlippe und versenkte dort, in der Feuchte des Inneren, einen langen, heißen Kuß von unendlicher Süße. Sie preßte die Zähne zusammen; sie versteifte sich, um das Zittern, das Beben ihres Körpers zu beherrschen; und da begann er ganz ruhig, ihre Brust zu entblößen, und... was war denn da Böses dabei? Nein, nein, nichts, gar nichts Böses. Aber... o Gott, nein... er verweilte in perfider Weise bei dieser Liebkosung... nein, nein... das war zuviel... und... Besiegt, verloren, zuerst ohne einzuwilligen, begann sie nachzugeben, nicht von seiner Kraft überwältigt, nein, sondern von dem sehnsüchtigen Verlangen ihres eigenen Körpers... und zuletzt...

Ha! Sie fuhr aus dem Schlaf auf, verkrampft, zerstört, am ganzen Leibe zitternd, voll Ekel und Abscheu.

Sie blickte zu ihrem Mann hinüber, der ahnungslos neben ihr schlief. Und das Gefühl der Schande, das sie in sich hatte, verwandelte sich sofort in Verachtung gegen ihn, als wäre er der Grund dieser Schande, von der sie noch die Lust und den Schauder in sich hatte: er, er mit seiner blöden Hartnäckigkeit, diese Freunde immer bei sich zu Hause empfangen zu wollen.

Das war's: sie hatte ihn im Traum betrogen. Betrogen hatte sie ihn, und sie empfand keine Reue darüber, nein, bloß einen ungeheueren Zorn über sich, daß sie besiegt wor­den war, und eine Wut, Wut gegen ihn, auch deshalb, weil es ihm in sechs Jahren Ehe nie gelungen war, sie das erleben zu lassen, was sie nun im Traum mit einem anderen erlebt hatte.

Ein Wesen, das ganz dem Bereich der Sinne angehört... war das also wahr?

Nein, nein. Schuld hatte nur er, der Ehemann, der nicht an ihre Verlegenheit glauben wollte und sie zwang, sich zu überwinden, ihrer Natur Gewalt anzutun, der sie diesen Prüfungen, diesen Duellen aussetzte, aus denen der Traum erwachsen war. Wie konnte man einer solchen Prüfung standhalten? Er hatte es gewollt, er, ihr Mann. Und das war jetzt die Strafe. Sie hätte noch Genuß daran finden können, wenn sie aus der böswilligen Freude, die sie bei dem Gedanken an die Strafe empfand, die das für ihn bedeutete, die Schande hätte entfernen können, die sie für sich dabei empfand.

Und was jetzt? 

Zu dem Eklat kam es am nächsten Nachmittag nach dem harten Stillschweigen, das sie den ganzen Tag über gegen die bohrenden Fragen ihres Mannes bewahrt hatte, der wissen wollte, weshalb sie so seltsam sei und was denn geschehen wäre.

Es kam dazu bei der Ankündigung des gewohnten Besuches dieses Freundes von unschätzbarem Wert.

Als sie aus dem Vorzimmer dessen Stimme hörte, fuhr sie auf, plötzlich wie von Sinnen. Eine rasende Wut blitzte aus ihren Augen. Sie stürzte sich auf ihren Mann und beschwor ihn, von Kopf bis Füßen zitternd, diesen Mann nicht zu empfangen: "Ich will nicht! Ich will nicht! Schick ihn fort!"

Er war zuerst mehr als verblüfft, geradezu erschüttert über diesen Wutausbruch. Er konnte den Grund für eine solche Ablehnung nicht verstehen, wo er doch eben noch der Meinung gewesen war, daß der Freund aufgrund all dessen, was er nach der Diskussion gesagt hatte, ihr nun ein wenig sympathischer geworden sein müßte; und angesichts eines so absurden, haltlosen Verlangens geriet nun er in Zorn.

"Aber du bist ja verrückt oder willst, daß ich verrückt werde! Soll ich denn wirklich wegen deines blöden Wahns noch alle meine Freunde verlieren?

Und er machte sich von ihr los, die sich an ihn geklammert hatte und befahl dem Dienstmädchen, den Herrn hereinzuführen.

Sie sprang auf, um sich ins Nebenzimmer zu flüchten, wobei sie ihm, ehe sie hinter der Tür verschwand, noch einen Blick voll Haß und Verachtung zuwarf.

Sie fiel in einen Lehnstuhl, als wären ihr plötzlich die Beine unter dem Körper weggerissen worden. Das Blut brauste ihr in den Adern, und ihr ganzes Wesen lehnte sich im Inneren auf, in dieser verzweifelten Verlassenheit, als sie durch die geschlossene Türe hörte, wie ihr Mann den, mit dem sie ihn in der Nacht zuvor im Traum betrogen hatte, mit freudigen Worten empfing. Und die Stimme dieses Mannes... o Gott... und die Hände, die Hände dieses Mannes...

Plötzlich, während sie sich auf dem Lehnsessel hin- und herwand und die gekrümmten Finger in die Arme und die Brust grub, stieß sie einen Schrei aus und fiel zu Boden, geschüttelt von einer entsetzlichen Nervenkrise, einem regelrechten Anfall von Wahnsinn.

 Die beiden Männer stürzten in das Zimmer; sie blieben einen Augenblick entsetzt bei ihrem Anblick stehen, während sie sich wie eine Schlange auf dem Boden wand, brüllte und heulte; ihr Mann versuchte sie aufzuheben, der Freund eilte herbei, um ihm zu helfen. Hätte er das bloß nicht getan. Als sie sich von diesen Händen berührt fühlte, begann ihr Körper unbewußt, unter der absoluten Herrschaft der noch in der Erinnerung befangenen Sinne überall zu zittern, in einem lustvollen Beben; und vor den Augen ihres Ehemannes klammerte sie sich an diesen Mann und verlangte mit erschreckender, wütender Begierde die Liebkosungen von ihm, die sie im Traum erfahren hatte.

Entsetzt riß er sie dem Freund von der Brust; sie schrie und wehrte sich, dann brach sie wie leblos in seinen Armen zusammen und wurde zu Bett gebracht.

Die beiden Männer sahen einander entgeistert an und wußten nicht was sie denken, was sie sagen sollten.

In der schmerzlichen Verblüffung des Freundes war die Unschuld so offensichtlich, daß bei dem Ehemann unmöglich ein Verdacht aufkommen konnte. Er bat ihn, mit ihm aus dem Zimmer zu gehen; er erzählte ihm, daß seine Frau seit dem Morgen verwirrt gewesen war, in einem Zustand seltsamer Nervenreizung; er begleitete ihn zur Tür und bat ihn um Ver­zeihung für diesen bedauerlichen, unvorhersehbaren Zwischen­fall; dann lief er so schnell wie möglich wieder zu ihrem Bett.

Er fand sie auf dem Bett liegend und wieder bei Sinnen, zusammengekrümmt wie ein Tier, mit glasstarren Augen: sie zitterte an allen Gliedern wie vor Kälte, wurde von gewaltsamen Zuckungen geschüttelt und fuhr von Zeit zu Zeit in die Höhe.

Als er sich mit düsterem Gesicht über sie beugte, um von ihr Rechenschaft über das zu verlangen, was vorgefallen war, stieß sie ihn mit beiden Armen und mit zusammengebissenen Zähnen zurück und schleuderte ihm mit zerstörerischer Wollust die Beichte ihres Fehltritts ins Gesicht. Mit einem verzerrten, bösartigen Lächeln, sagte sie, während sie sich zusammenkrampfte und die Arme öffnete:

"Im Traum war's!... Im Traum!..."

Und sie erließ ihm kein einziges Detail. Der Kuß auf die Innenseite der Lippe... die Liebkosung ihrer Brust... mit der perfiden Sicherheit, daß er zwar ebenso wie sie fühlen mußte, daß dieser Fehltritt eine Wirklichkeit und als solche unwiderruflich und nicht wieder gutzumachen war, weil er bis zum letzten vollzogen und genossen worden war, daß er ihr aber dennoch keinen Vorwurf daraus machen konnte. Ihr Körper - er konnte ihn schlagen, ihn quälen, ihn in Stücke reißen - aber da war er, er hatte einem anderen gehört, in dem unbewußten Reich des Traums. In dem Bereich der Tatsachen existierte für den anderen dieser Fehltritt nicht; aber er war eine Wirklichkeit gewesen und blieb sie hier, hier für sie, in ihrem Körper, der die Lust erlebt hatte.

Wer hatte Schuld? Und was konnte er ihr schon tun?

© Michael Rössner.

Eine Stimme - (Una voce - 1923)

 

Erstveröffentlichung 1904 in "Regina". Keine wesentlichen Varianten.

aus dem Italienischen von Michael Rössner

Italienische Version

 

Wenige Tage vor ihrem Tod hatte die Marchesa, mehr um ihr Gewissen zu beruhigen als aus einem sonstigen Grund, auch den Doktor Giunio Falci wegen ihres seit einem Jahr erblindeten Sohnes Silvio konsultieren wollen. Sie hatte ihn von den bedeutendsten Augenärzten Italiens und des Auslands untersuchen lassen, und alle hatten diagnostiziert, er leide an unheilbarem grünen Star.

Doktor Giunio Falci war vor kurzem zum Vorstand der Augenklinik berufen worden; aber sei es wegen seiner müden, immer ein wenig geistesabwesenden Erscheinung, sei es wegen seines unvorteilhaften Äußeren oder wegen dieses stets lässigen und schlaksigen Ganges: es gelang ihm einfach nicht, bei irgend jemandem Sympathien oder gar Vertrauen zu erwerben. Er wußte das, ja, es schien, als freue er sich sogar darüber. An die Schüler, an die Patienten, richtete er neugierige, scharfe Fragen, die den Gesprächspartner erstarren ließen und aus der Fassung brachten; und allzu deutlich ließ er erkennen, was für ein Bild er sich vom Leben gemacht hatte: nackt und entblößt von all den geheimen und beinahe notwendigen Heucheleien, von diesen spontanen, unumgänglichen Illusionen, die jeder sich unwillkürlich schafft und aufbaut, aus einem instinktiven Bedürfnis heraus, fast aus einer Art sozialen Schamgefühls. Auf diese Weise wurde seine Gesellschaft auf die Dauer unerträglich.

 

Auf Bitten der Marchesa hatte er die Augen des jungen Mannes bedächtig und sorgfältig untersucht, ohne - wenigstens nach außen hin - auf all das zu achten, was ihm die Marchesa unterdessen über seine Krankheit, das Urteil der anderen Ärzte und die verschiedenen versuchten Behandlungsmethoden erzählte. Grüner Star? Nein. Es schien ihm nicht so, als wären in diesen Augen die charakteristischen Zeichen dieser Krankheit, der bläuliche oder grünliche Schimmer der undurchsichtigen Stelle, usw. usf., zu erkennen; es schien ihm vielmehr, als hätte er es mit einer seltenen und seltsamen Abart jener Krankheit zu tun, die man üblicherweise Katarakta## oder grauer Star nennt. Aber so im ersten Augenblick hatte er der Mutter nichts von seinem Zweifel erzählen wollen, um nicht in ihr plötzlich eine auch noch so zarte Hoffnung aufkeimen zu lassen. So hatte er das lebhafte Interesse unterdrückt, daß dieser seltsame Fall in ihm ausgelöst hatte, und hatte ihr stattdessen bloß seinen Wunsch mitgeteilt, den Kranken in ein paar Monaten noch einmal zu untersuchen.

Und er war tatsächlich wiedergekommen; aber merkwürdigerweise fand er dabei in dieser neuen, stets ausgestorbenen Straße am Ende der Prati di Castello, in der die Villa der Marchesa Borghi stand, vor dem offenstehenden Gartentor eine Traube von Neugierigen vor: Die Marchesa Borghi war plötzlich in dieser Nacht verstorben.

Was sollte er tun? Umdrehen? Für einen Augenblick dachte er daran, hätte er dieser armen Mutter bei seiner ersten Visite von seinem Zweifel erzählt, daß es sich bei der Krankheit des jungen Mannes tatsächlich um grünen Star handle, dann wäre sie nicht mit dem verzweifelten Gedanken gestorben, ihren Sohn als unheilbar Blinden zurückzulassen. Nun, wenn es ihm schon nicht mehr gegeben war, die Mutter mit dieser Hoffnung zu trösten, konnte er dann nicht wenigstens versuchen, damit dem armen Hinterbliebenen, der so plötzlich einen neuen, schweren Schicksalsschlag erlitten hatte, Trost zu bringen?

Und er hatte die Villa betreten.

Nach einer langen Wartezeit trat in dem dort herrschenden Gewühl eine junge Dame vor ihn hin, schwarz gekleidet, blond, mit steifem, ja strengem Ausdruck: die Gesellschaftsdame der verblichenen Marchesa. Doktor Falci legte ihr den besonderen Grund seines Besuches dar, der ansonsten ja höchst zur Unzeit erfolgt wäre. An einer bestimmten Stelle fragte die junge Dame ihn mit einem Ausdruck leichter Verwunderung, der ihr Mißtrauen verriet: "Ja, tritt denn der graue Star auch bei jungen Menschen auf?"

Falci hatte ihr eine Zeit lang in die Augen gesehen, dann hatte er ihr mit einem ironischen Lächeln, das mehr im Blick als auf den Lippen zu erkennen war, geantwortet: "Und warum nicht? Moralisch immer, Signorina: Dann, wenn sie sich verlieben. Aber auch physisch, leider Gottes."

Die Signorina hatte sich daraufhin noch mehr versteift und das Gespräch abgebrochen, indem sie sagte, der augenblickliche Zustand des Marchese ließe es nicht zu, ihm von irgend etwas zu sprechen; aber sie würde ihm, sobald er sich ein wenig beruhigt habe, von diesem Besuch erzählen, und er würde ihn dann sicherlich bald zu holen lassen.

Mehr als drei Monate waren vergangen; Doktor Giunio Falci war nicht wieder geholt worden. 

Um ehrlich zu sein, bei seinem ersten Besuch hatte der Doktor bei der verstorbenen Marchesa einen sehr schlechten Eindruck hinterlassen. Signorina Lydia Venturi, die nun als Gesellschafterin und Vorleserin des jungen Marchese im Hause geblieben war, erinnerte sich noch sehr gut daran. Aufgrund einer instinktiven Abneigung gegen diesen überaus unsympathischen Doktor kam ihr unterdessen die Frage gar nicht in den Sinn, ob der Eindruck der Marchesa nicht am Ende ein ganz anderer gewesen wäre, wenn Falci ihr Hoffnungen darauf gemacht hätte, die Genesung ihres Sohnes wäre nicht völlig unwahrscheinlich. In ihrer Perspektive erschien der zweite Besuch noch schlimmer und erst recht als der eines Scharlatans: dieses Kommen ausgerechnet an dem Tag, an dem die Marchesa gestorben war, um einen Zweifel zu äußern, eine Hoffnung dieser Art zu entzünden. Umso mehr, als der junge Marchese sich allmählich mit seinem Schicksal abzufinden schien. Als ihm so plötzlich die Mutter gestorben war, da hatte er neben dem Dunkel seiner Blindheit noch ein anderes Dunkel sich auftun gefühlt, mehr in sich drinnen als draußen, ein schreckliches Dunkel, dem gegenüber freilich alle Menschen blind sind. Aber wer gesunde Augen hat, der kann sich von diesem Dunkel mit dem Anblick der Dinge ringsumher ablenken, er jedoch konnte das nicht: blind für das Leben, war er nun auch blind für den Tod. Und in diesem anderen Dunkel, das noch kälter und finsterer war, war nun seine Mutter ver­schwunden, schweigend, und hatte ihn allein zurückgelassen, in einer entsetzlichen Leere.

Ganz plötzlich - er wußte nicht so recht, von wem - war eine Stimme von unendlicher Sanftheit zu ihm gedrungen, wie ein zarter Lichtschimmer. Und an diese Stimme hatte sich seine ganze in dieser entsetzlichen Leere verlorene Seele geklammert.

Nichts anderes als eine Stimme war für ihn Signorina Lydia. Aber dennoch war sie es, die mehr als alle anderen in den letzten Monaten seiner Mutter nahegestanden hatte. Und seine Mutter - er erinnerte sich daran - hatte, wenn sie ihm von ihr erzählte, immer gesagt, daß sie brav sei und aufmerksam, von ausgezeichneten Manieren, gebildet, klug; und genauso empfand er sie nun in den Aufmerksamkeiten, die sie ihm angedeihen ließ, in dem Trost, den sie ihm spendete.

Lydia hatte seit den ersten Tagen den Verdacht gehabt, daß die Marchesa Borghi, als sie sie einstellte, es nicht ungern gesehen hätte, wenn der unglückiche Sohn sich in irgendeiner Form mit ihr getröstet hätte; sie war darüber bitter gekränkt und hatte ihren natürlichen Stolz gezwungen, sich zu einer geradezu strengen Unnahbarkeit zu versteifen. Aber nach dem Unglück, als er da unter verzweifeltem Schluchzen eine ihrer Hände ergriffen hatte, um sein schönes, bleiches Gesicht an sie zu lehnen, wobei er stöhnte: "Verlassen Sie mich nicht!... verlassen Sie mich nicht!", da fühlte sie, wie sie das Mitleid, die Rührung überwältigten, und sie hatte sich ihm gewidmet, ohne weiter Verdacht zu nähren.

Bald hatte er begonnen, sie mit der schüchternen, aber hartnäckigen und zermürbenden Neugier der Blinden zu quälen. Er wollte sie in seinem Dunkel "sehen"; er wollte, daß ihre Stimme in ihm zum Bild würde.

Zuerst waren es vage, kurze Fragen. Er wollte ihr erzählen, wie er sie sich vorstellte, wenn er sie vorlesen oder sprechen hörte.

"Sie sind blond, nicht wahr?"

"Ja."

Blond war sie freilich; aber die ein wenig groben, eher schütteren Haare kontrastierten in seltsamer Weise mit der ein bißchen trüben Farbe der Haut. Wie sollte sie ihm das sagen? Und warum?

"Und ihre Augen sind blau?"

"Ja."

Blau, jawohl; aber düster, traurig, zu tief einge­graben unter der ernsten, traurigen, vorspringenden Stirn. Wie sollte sie ihm das sagen? Und warum?

Schön war sie nicht, was das Gesicht betraf; aber sie hatte eine sehr elegante Figur. Schön, wahrhaft schön, waren ihre Hände und ihre Stimme. Ihre Stimme ganz besonders. Von einer unfaßbaren Sanftheit, die im Gegensatz zu dem düste­ren, stolzen und traurigen Ausdruck des Gesichtes stand.

Sie wußte, wie er, durch den Zauber dieser Stimme und aufgrund der schüchternen Antworten, die er auf seine insistenten Fragen erhielt, sie sah; und sie mühte sich vor dem Spiegel ab, diesem fiktiven Bild ihrer selbst ähnlich zu sehen, sie bemühte sich, sich selbst so zu sehen, wie er in seinem Dunkel sie sah. Und längst kam ihre Stimme für sie selbst nicht mehr aus ihren eigenen Lippen, sondern aus denen, die er sich für sie vorstellte; und wenn sie lachte, hatte sie sofort den Eindruck, nicht selbst gelacht zu haben, sondern viel eher ein Lächeln nachgeahmt zu haben, das nicht ihr gehörte, das Lächeln dieser anderen, die in ihm lebte.

All das verursachte ihr so etwas wie eine taube Qual, es bedrückte sie. Es schien ihr, sie wäre nicht mehr sie, sie würde sich nach und nach selbst aufgeben, durch das Mitleid, das dieser junge Mann in ihr hervorrief. War es nur Mitleid? Nein; es war jetzt auch Liebe. Sie verstand ihre Hand nicht mehr von der seinen zurückzuziehen, ihr Gesicht von seinem abzuheben, wenn er sie zu nahe an sich heranzog.

"Nein! So nicht... so nicht..."

Es galt nun schnell zu einer Entscheidung zu kommen, zu einer Entscheidung, die Signorina Lydia einen langen und harten Kampf mit sich selbst bescherte. Der junge Marchese hatte keine Verwandten, er war sein eigener Herr und konnte also tun und lassen, was ihm gefiel. Aber würden nicht die Leute sagen, sie nütze sein Unglück aus, um geheiratet zu werden, um sich zur reichen Marchesa aufzuschwingen? Na freilich, das und noch vieles andere mehr würden sie sagen. Aber andererseits: wie sollte sie länger in diesem Haus bleiben, wenn nicht um diesen Preis? Und wäre es nicht eine Grausamkeit gewesen, diesen Blinden zu verlassen, ihm nur aus Angst vor der Böswilligkeit der anderen ihre liebevolle Pflege zu entziehen? Sicherlich, es war für sie ein großes Glück; aber sie fühlte ehrlichen Herzens auch, daß sie es sich verdiente, denn sie liebte ihn wirklich; ja, das größte Glück war für sie sogar dieses: ihn offen lieben zu dürfen, sich die Seine nennen zu dürfen, ganz und für immer die Seine, sich ganz und für immer, mit Seele und Körper ihm widmen zu können. Er konnte sich nicht sehen: er sah nichts anderes in sich als sein Unglück; aber dabei war er doch so schön! Und zart war er, wie ein Mädchen; und sie konnte, wenn sie ihn ansah, sich an ihm erfreute, ohne daß er es merkte, denken: "Nun bist du ganz mein, weil du dich nicht siehst und kein Bewußtsein von dir hast; denn deine Seele ist wie gefangen in deinem Unglück und bedarf meiner, um sehen und fühlen zu können." Aber galt es nicht zuerst, ihm seinen Willen zu tun und ihm zu gestehen, daß sie nicht so war, wie er sie sich vorstellte? Wäre ihr Schweigen nicht Betrug? Jawohl, ein Betrug. Aber er war ja doch blind, und für ihn mochte daher ein Herz wie das ihre, ergeben und glühend, und die Illusion ihrer Schönheit genug sein. Häßlich war sie ja im übrigen auch nicht. Und dann eine Schöne, eine wirklich Schöne, na, wer weiß! Die hätte ihn vielleicht noch ganz anders getäuscht, sein Unglück ausnützend, während er doch eigentlich statt eines schönen Gesichtes, das er doch nie sehen würde können, ein liebendes Herz nötig hatte. 

Nach einigen Tagen bangen Ringens wurde die Hochzeit festgesetzt. Sie sollte ohne jeden Pomp stattfinden, und bald, sofort nach Ende der Trauerzeit von einem halben Jahr.

Sie hatte also noch ungefähr anderthalb Monate Zeit, um das Notwendige, so gut es ging, vorzubereiten. Es waren Tage intensiven Glücks: die Stunden flogen nur so dahin zwischen den fröhlichen, hastigen Besorgungen für das Nestchen, das sie sich bauen wollten, und den Liebkosungen, denen sie sich ein wenig trunken entwand, mit zarter Gewalt, um aus dieser Freiheit, die das Zusammenleben ihrer Liebe gewährte, ein Stückchen Seligkeit, das allerstärkste, für den Hochzeitstag aufzubewahren.

Es fehlte noch wenig mehr als eine Woche zum Hochzeitstag, als Lydia plötzlich ein Besuch von Doktor Giunio Falci gemeldet wurde.

In der ersten Regung wollte sie schon sagen: "Ich bin nicht zu Hause!"

Aber der Blinde, der das Flüstern gehört hatte, fragte: "Wer ist da?"

"Doktor Falci", antwortete der Diener.

"Weißt du", ergänzte Lydia, "dieser Arzt, den deine arme Mama wenige Tage vor dem Unglück rufen ließ."

"Ach ja!", rief Borghi, sich erinnernd. "Er hat mich ja lange untersucht... sehr lange, ich erinnere mich gut, und er sagte, er wolle wiederkommen, um..."

"Warte", unterbrach ihn Lydia eilig, in höchster Erregung. "Ich werde mit ihm sprechen."

Doktor Giunio Falci stand mitten im Salon, den dicken, kahlen Kopf zurückgeworfen, die Augen halb geschlossen, und zupfte zerstreut mit einer Hand an seinem stacheligen Kinnbart.

"Nehmen Sie doch Platz, Herr Doktor", sagte Signorina Lydia, die eingetreten war, ohne daß er es bemerkt hatte.

Falchi zuckte zusammen, verneigte sich und hob an: "Sie werden verzeihen, wenn..."

Aber sie wollte ihm in ihrer Verwirrung und Erregung zuvorkommen: "Wir haben Sie bislang nicht rufen lassen, weil..."

"Auch jener andere Besuch von mir erfolgte vielleicht nicht gerade im richtigen Moment", sagte Falci, ein leichtes, sarkastisches Lächeln auf den Lippen. "Aber Sie werden mir vergeben, Signorina."

"Nein... warum denn? Im Gegenteil..." erwiderte Lydia errötend.

"Sie wissen ja nicht", setzte Falci fort, "was für ein unbändiges Interesse in einem armen Menschen, der sich der Wissenschaft verschrieben hat, gewisse Krankheitsfälle her­vorrufen können... Aber ich will Ihnen die Wahrheit gestehen, Signorina: ich hatte diesen Fall, wenn er auch meiner Meinung nach sehr selten und merkwürdig sein mag, einfach vergessen. Gestern jedoch, als ich mit ein paar Freunden über dies und das plauderte, habe ich von der bevorstehenden Hochzeit des Marchese Borghi mit Ihnen erfahren, Signorina: ist es wahr?"

Lydia erbleichte und bejahte mit einem abweisenden Kopfnicken.

 

"Erlauben Sie, daß ich meine Glückwünsche zum Ausdruck bringe", fuhr Falci fort. "Aber sehen Sie, da habe ich mich mit einem Schlag erinnert. Ich habe mich an die Diagnose grüner Star erinnert, die von so vielen meiner hochgeschätzten Herren Kollegen vertreten wurde, wenn ich mich nicht täusche. Eine im Prinzip überaus verständliche Diagnose, glauben Sie mir. Ich bin jedoch sicher, hätte die Frau Marchesa ihren Sohn von diesen Kollegen zu dem Zeitpunkt untersuchen lassen, zu dem ich ihn sah, so hätten auch die leicht erkannt, daß man von einem grünen Star im eigentlichen Sinn hier nicht sprechen kann. Na gut. Ich habe mich auch an meinen zweiten, überaus mißglück­ten Besuch erinnert, und habe gedacht, daß Sie, Signori­na, zuerst in der Auf­regung über den plötzlichen Tod der Mar­chesa, dann in der Freude über dieses neue Ereignis sicher­lich vergessen hatten, nicht wahr?, vergessen hatten..."

"Nein!", schleuderte ihm Lydia an dieser Stelle entgegen, als wollte sie sich gegen die Qualen wehren, die ihr die lange, giftige Rede des Doktors bereitet hatte.

"Ach, nein?" fragte Falci.

"Nein", wiederholte sie hartnäckig und fest. "Ich habe mich vielmehr daran erinnert, wie wenig Vertrauen, um nicht zu sagen gar keines, die Marchesa - Sie entschuldigen schon - auch nach Ihrem Besuch in die Heilungsmög­lichkeiten für ihren Sohn setzte."

"Aber ich habe ja nicht zur Marchesa davon gesprochen", gab Falci sofort zurück, "daß die Krankheit ihres Sohnes meiner Ansicht nach..."

"Das stimmt, Sie haben zu mir davon gesprochen", schnitt ihm Lydia erneut das Wort ab. "Aber auch ich, wie die Marchesa, ..."

"Auch Sie haben wenig Vertrauen, um nicht zu sagen gar keines?", unterbrach sie nun Falci seinerseits. "Das macht nichts. Aber haben Sie dem Herrn Marchese demnach also nichts von meinem Besuch und seinem Grund erzählt?"

"Im Augenblick nicht."

"Und nachher?"

"Auch nicht. Denn..."

Doktor Falci hob eine Hand auf: "Ich verstehe. Wenn einmal die Liebe erwacht ist... Aber Sie, Signorina, entschuldigen Sie bitte: ja, ich weiß, man sagt, die Liebe ist blind; aber wollen Sie sie nun wirklich so blind haben, die Liebe des Herrn Marchese? Auch physisch blind?"

Lydia fühlte, daß gegen die sichere, bissige Kälte dieses Mannes die stolze und abweisende Haltung nicht ausreichte, in der sie sich nach und nach immer mehr versteifte, um ihre Würde gegen einen gemeinen Verdacht zu verteidigen. Sie bemühte sich jedoch, noch ihre Beherrschung zu wahren und fragte mit scheinbarer Ruhe: "Sie beharren also darauf, daß der Marchese mit Ihrer Hilfe das Augenlicht zurückbekommen könnte?"

"Langsam, langsam, Signorina", antwortete Falci, indem er wiederum die Hand aufhob. "Ich bin nicht allmächtig wie der liebe Herrgott. Ich habe die Augen des Herrn Marchese ein einziges Mal untersucht, und es schien mir, als könnte man mit völliger Sicherheit einen Fall von grünem Star ausschließen. Nun, das, was wie ein Zweifel erscheinen mag oder auch wie eine Hoffnung, das sollte Ihnen doch genügen, meine ich, wenn Ihnen, wie ich annehmen will, tatsächlich das Wohl Ihres Verlobten am Herzen liegt."

"Und wenn der Zweifel", erwiderte Lydia schnell in herausforderndem Ton, "nach Ihrer Visite nicht mehr bestehen bliebe, und die Hoffnung enttäuscht würde? Hätten Sie dann nicht grundlos, ja grausam, eine Seele aufgestört, die sich bereits mit ihrem Schicksal abgefunden hatte?

"Nein, Signorina", entgegnete Falci mit ruhiger und ernster Härte. "Immerhin habe ich es als meine ärztliche Pflicht erachtet, auch ohne Aufforderung zu Ihnen zu kommen. Denn, das sollen Sie wissen, hier glaube ich, es nicht nur mit einem Krankheitsfall, sondern auch mit einem - viel schwerer wiegenden - Gewissensproblem zu tun zu haben."

"Sie verdächtigen mich also...", versuchte Lydia ihn zu unterbrechen, aber Falci gab ihr keine Gelegenheit weiterzusprechen.

"Sie selbst", fuhr er fort, "haben mir eben gesagt, Sie hätten dem Marchese meinen Besuch verschwiegen, und zwar mit einer Entschuldigung, die ich nicht akzeptieren kann, nicht, weil sie mich beleidigen könnte, sondern weil Vertrauen oder Mißtrauen in meine Kunst nicht Ihnen obliegt, sondern dem Marchese. Sehen Sie, Signorina: es mag auch so etwas wie Eigensinn von meiner Seite sein, ich leugne das gar nicht; ja, ich verspreche Ihnen sogar, daß ich von dem Herrn Marchese keine Bezahlung annehmen werde, wenn er zu mir in die Klinik kommt, wo er jede Behandlung und jede Hilfe erhalten wird, die die Wissenschaft zu geben vermag, ohne jegliches materielle Interesse. Ist es nach dieser Erklärung zu viel verlangt, wenn ich Sie bitte, dem Herrn Marchese meinen Besuch anzukündigen?"

Lydia stand auf.

"Warten Sie", sagte Falci daraufhin, indem er gleichfalls aufstand und seine gewohnte Haltung wieder einnahm. "Ich sage Ihnen, ich werde dem Marchese gegenüber nicht erwähnen, daß ich damals gekommen bin. Ich werde ihm vielmehr sagen, wenn Sie das wollen, daß Sie mich aus Sorge vor der Hochzeit rufen ließen."

Lydia sah ihm stolz in die Augen.

"Sie werden die Wahrheit sagen. Vielmehr, ich werde sie sagen."

"Daß Sie mir nicht geglaubt haben?"

"Genau das."

Falci zuckte die Achseln und lächelte.

"Das könnte Ihnen schaden. Und das möchte ich nicht. Wenn Sie lieber meinen Besuch bis nach der Hochzeit aufschieben wollen, sehen Sie, ich wäre auch durchaus bereit, später wiederzukommen."

"Nein", sagte Lydia, mehr mit einer Geste als mit der Stimme, erstickt von dem inneren Aufruhr, mit glühendem Gesicht vor Scham angesichts der scheinbaren Großzügigkeit des Arztes; mit der Hand bedeutete sie ihm einzutreten.

Silvio Borghi wartete schon ungeduldig in seinem Zimmer.

"Hier ist Doktor Falci", sagte Lydia, als sie steif und verkrampft ins Zimmer trat. "Wir haben da drüben ein Mißverständnis ausgeräumt. Du erinnerst dich doch daran, daß der Doktor bei seinem ersten Besuch gesagt hatte, er wollte wiederkommen, nicht wahr?"

"Ja", antwortete Borghi. "Ich erinnere mich sehr gut, Herr Doktor!"

"Du weißt noch nicht", setzte Lydia fort, "daß er tatsächlich wiederkam, und zwar an demselben Morgen, an dem das Unglück mit deiner Mutter geschehen war. Und damals hat er mit mir gesprochen. Er sagte, er sei der Ansicht, deine Krankheit wäre nicht genau diejenige, die von den vielen anderen Ärzten festgestellt worden war; daher wäre deine Heilung seiner Meinung nach nicht ganz unmöglich. Ich habe dir nichts davon gesagt."

"Weil die Signorina, verstehen Sie", beeilte sich Doktor Falci anzufügen, "da es sich ja nur um einen Zweifel handelte, den ich in diesem Augenblick und in sehr vager Form ausgesprochen hatte, der Meinung war, es handle sich um eine Art Trost, den ich in dieser Stunde hätte bringen wollen, und der Sache daher keine große Bedeutung beimaß."

"Das ist es, was ich gesagt habe, nicht das, was Sie denken", entgegnete Lydia rasch und stolz. "Doktor Falci hat vermutet, was im übrigen wahr ist, nämlich, daß ich dir nichts von seinem zweiten Besuch gesagt hätte; und so ist er von sich aus noch vor der Hochzeit zu uns gekommen, um dir unentgeltlich seine Behandlung anzubieten. Und nun kannst du mit ihm glauben, Silvio, ich wollte dich lieber blind lassen, damit du mich heiratest."

"Was sagst du da, Lydia?", fuhr der Blinde auf.

"Aber freilich", setzte sie schnell hinzu, mit einem seltsamen Lachen. "Und das kann sogar stimmen, denn tatsäch­lich könnte ich nur unter dieser Bedingung die Deine werden..."

"Was sagst du da?", wiederholte Borghi, ihr ins Wort fallend.

"Du wirst es noch merken, Silvio, wenn es dem Doktor Falci gelingt, dir das Augenlicht zurückzugeben. Ich lasse euch allein."

"Lydia! Lydia!", schrie Borghi.

Aber sie war bereits hinausgegangen und hatte die Türe ins Schloß geworfen.

Sie warf sich aufs Bett, biß voller Wut in ein Kissen und brach zunächst in ein unstillbares Schluchzen aus. Als die erste Wut des Weinens vorüber war, überkam sie eine große Bestürzung und so etwas wie Abscheu vor ihrem Gewissen. Es schien ihr, als hätte sie all das, was der Arzt ihr in seiner kalten, beißenden Art an den Kopf geworfen hätte, sich längst schon selbst gesagt, oder besser, als hätte jemand in ihr es gesagt; und sie hatte getan, als höre sie es nicht. Ja, freilich, ständig, in einem fort hatte sie an Doktor Falci gedacht, und immer, wenn sein Bild in ihr aufgestiegen war, wie das Gespenst eines Gewissensbisses, hatte sie es mit einem Schimpfwort verscheucht: "Schar­latan!" Denn - wie hätte sie das jetzt noch leugnen können? - sie wollte, sie wollte wirklich, daß ihr Silvio blind bleiben sollte. Seine Blindheit war die unverzichtbare Voraussetzung seiner Liebe. Denn wenn er morgen das Sehvermögen wiedererlangt hätte, schön wie er war, jung, reich, ein adeliger Herr, weshalb hätte er dann noch sie heiraten sollen? Aus Dankbarkeit? Aus Mitleid? Ach, nur aus diesem Grund! Und also nicht, nein! Selbst wenn er es gewollt hätte: sie nicht! wie hätte sie das annehmen können, sie, die sie ihn liebte und ihn nur um dieser Liebe willen wollte? Sie, die sie in seinem Unglück den Grund seiner Liebe, ja, beinahe die Entschuldigung dafür sah gegenüber der Böswilligkeit der anderen? Kann man also so nachgeben, ohne es zu merken, mit dem eigenen Gewissen Kompromisse schließen, bis man ein Verbrechen begeht? Bis man das eigene Glück auf dem Unglück eines anderen aufbaut? Nein, sie hatte ja wirklich nie daran geglaubt, daß dieser da, ihr Feind, das Wunder vollbringen und ihrem Silvio das Augenlicht zurückgeben könnte; sie glaubte es nicht einmal jetzt; aber warum hatte sie geschwiegen? Wirklich deshalb, weil sie nicht geglaubt hatte, daß man diesem Arzt Vertrauen schenken dürfe? Oder nicht vielleicht doch deshalb, weil der Zweifel, den der Arzt ausgesprochen hatte, und der für Silvio wie ein Hoffnungsschimmer sein würde, für sie dagegen den Tod bedeutet hätte, den Tod seiner Liebe, wenn er zur Gewißheit geworden wäre? Auch jetzt noch konnte sie glauben, daß ihre Liebe genügen würde, um den Blinden für das verlorene Augen­licht zu entschädigen, ja, daß ihm, wenn er nun durch ein Wunder sein Sehvermögen zurückgewänne, weder dieses höchste Glück, noch alle Vergnügungen, die er sich mit seinem Reichtum kaufen könnte, noch die Liebe einer anderen Frau Ersatz für den Verlust ihrer Liebe bieten könnte. Aber das waren Gründe, die für sie selbst zählten, nicht für ihn. Wenn sie nun vor ihn hingetreten wäre, um ihm zu sagen: "Silvio, du mußt wählen zwischen dem Augenlicht und meiner Liebe?" - "Und warum willst du mich denn blind lassen?", hätte er ihr sicher geantwortet. Ja, weil eben nur so, um den Preis seines Unglücks, ihr Glück möglich war.

Plötzlich sprang sie auf, als hätte sie jemand gerufen. War die Untersuchung dort drüben denn noch immer nicht zu Ende? Was mochte der Arzt wohl sagen? Was würde er denken? Sie verspürte die Versuchung, auf Zehenspitzen zu dieser Tür zu schleichen, die sie selbst geschlossen hatte, und zu lauschen; aber sie hielt sich zurück. Ja, das war's: sie war draußen vor der Tür geblieben. Sie selbst hatte sie sich zugeschlagen, mit ihren eigenen Händen, auf immer. Aber hätte sie vielleicht die giftigen Angebote dieses Menschen annehmen sollen? Er hatte sich ja sogar dazu verstiegen, ihr vorzuschlagen, man könnte seinen Besuch bis nach der Hochzeit aufschieben. - Wenn sie das angenommen hätte... Nein! Nein! Sie krampfte sich zusammen, vor Abscheu und Ekel. Was für ein infamer Tauschhandel wäre das gewesen! Der häßlichste Betrug, den man sich denken konnte! Und danach? Verachtung, aber keine Liebe mehr...

Sie hörte, wie die Türe aufging; sie zuckte zusammen. Instinktiv lief sie in den Korridor hinaus, durch den Falci kommen mußte.

"Ich habe versucht, das wiedergutzumachen, was Ihre übermäßige Offenheit bewirkt hat, Signorina", sagte er kalt. "Meine Diagnose hat sich erhärtet. Der Marchese kommt morgen früh zu mir auf die Klinik. Gehen Sie, gehen Sie einstweilen zu ihm, er erwartet Sie. Auf Wiedersehen."

Wie vernichtet, leer, blieb sie stehen und folgte ihm mit den Augen bis an das Ende des Korridors. Dann hörte sie Silvios Stimme, der nach ihr rief, von dort drinnen. Sie fühlte, wie ein Aufruhr in ihr zu toben begann; sie empfand etwas wie Schwindel; sie fiel beinahe zu Boden; sie schlug die Hände vors Gesicht, um die Tränen zurückzuhalten; dann lief sie zu ihm.

Er erwartete sie sitzend, mit ausgebreiteten Armen; dann drückte er sie an sich, fest, ganz fest, und schrie sein Glück hinaus, daß er für sie allein sein Augenlicht zurückhaben wollte, um sie zu sehen, seine liebe, schöne, süße Braut.

"Du weinst? Warum? Ach, ich weine ja auch, siehst du? Ach, welche Freude! Ich werde dich sehen... ich werde dich sehen! Ich werde sehen!"

Jedes Wort war für sie ein Tod; so sehr, daß er mitten in seiner Freude begriff, daß ihr Weinen nicht so war wie das seine. Da begann er ihr zu sagen, daß er freilich, ach! na freilich, auch er, an einem Tag wie damals den Worten des Arztes nicht geglaubt hätte, und also Schluß damit, kein Wort mehr! Was dachte sie denn noch darüber nach? Heute war ein Festtag! Fort mit all der Betrübnis! Fort mit allen Gedanken, mit einer Ausnahme, dieser: daß sein Glück nun endlich vollständig sein würde, denn er würde seine Braut sehen. Nun hätte sie ein bißchen mehr Muße, mehr Zeit, um das gemeinsame Nestchen zu bauen; und schön sollte es sein, wie ein Traum, dieses Nestchen, das er als erstes Ding auf der Welt sehen würde. Ja, er verspreche es, er würde mit verbundenen Augen aus der Klinik kommen und sie hier zum ersten Mal aufschlagen, in seinem Nestchen.

"Sag doch was! Sprich zu mir! Laß mich doch nicht allein reden!"

"Strengt es dich an?"

"Nein... Frag mich noch einmal: "Strengt es dich an?", mit dieser deiner Stimme. Laß sie mich küssen, hier, auf deinen Lippen, diese deine Stimme..."

"Ja..."

"Und jetzt sprich; erzähl mir, wie du es mir bauen wirst, unser Nestchen."

"Wie?"

"Ja, bis jetzt habe ich dich nichts darüber gefragt. Aber nein, ich will nichts darüber wissen, auch jetzt noch nicht. Du sollst alles allein machen. Es wird für mich ein Wunder sein, ein Zauber... aber zuerst werde ich gar nichts sehen: nur dich allein!"

Sie unterdrückte entschlossen das verzweifelte Weinen, ihr Gesicht begann zu strahlen, und dort, vor ihm kniend, er über sie gebeugt, sie umarmend, begann sie, ihm von ihrer Liebe zu sprechen, beinahe ins Ohr flüsternd, mit ihrer Stimme, die mehr denn je süß und zauberhaft klang. Aber als er sie dann trunken an sich zog und drohte, sie nicht mehr loslassen zu wollen, in diesem Augenblick entwand sie sich ihm, richtete sich auf, stolz, wie auf einen Sieg über sich selbst. Ja, sie hätte es in der Hand gehabt, auch jetzt noch, ihn unauflöslich an sich zu binden. Aber nein! Denn sie liebte ihn.

Diesen ganzen Tag lang, bis spät in die Nacht hinein, machte sie ihn mit ihrer Stimme trunken; sie war sicher, denn er war ja noch im Dunkel, dort, und gehörte ihr; im Dunkel, in dem bereits die Hoffnung aufflackerte, schön wie das Bild, das er sich von ihr ausgemalt hatte.

Am nächsten Morgen bestand sie darauf, ihn im Wagen bis zur Klinik zu begleiten, und beim Abschied sagte sie ihm, sie würde nun gleich ans Werk gehen, wie eine eilige Schwalbe.

"Du wirst sehen!"

Sie wartete zwei Tage in schrecklichem Bangen auf den Ausgang der Operation. Als sie erfuhr, daß sie gelungen war, wartete sie noch ein bißchen in dem leeren Haus; sie richtete es liebevoll für ihn her und ließ ihm, der sie überglücklich an seiner Seite haben wollte, sei es auch nur für eine Minute, bestellen, er solle noch ein paar Tage warten; sie käme ihn nicht besuchen, um ihn nicht aufzuregen; der Arzt erlaube es nicht...

"Doch?" Nun gut, dann würde sie kommen...

Sie packte ihre Sachen zusammen, und am Vortag des Tages, an dem er das Krankenhaus verlassen sollte, reiste sie heimlich ab, um wenigstens in seiner Erinnerung eine Stimme zu bleiben, die er nun vielleicht, da er jetzt aus seinem Dunkel herausgetreten war, auf vielen Lippen suchen würde, aber vergebens.

© Michael Rössner.

Erledigen wir das, damit wir den Gedanken aus dem Kopf haben - (Leviamoci questo pensiero - 1928)

 

Erstveröffentlichung im Corriere della sera vom 19. Juli 1910. Keine wesentlichen Varianten bekannt.

aus dem Italienischen von Michael Rössner 

Italienische Version

 

Im Sterbezimmer waren alle Verwandten versammelt: der steinalte Vater, die Schwestern mit ihren Ehemännern, die Brüder mit ihren Ehefrauen und ihren ältesten Kindern. Manch einer weinte still vor sich hin, das Taschentuch auf die Augen gepreßt; manch einer schüttelte bitter den Kopf, kaum merklich, und zog die Mundwinkel nach unten, während er die arme Tote auf dem Bett zwischen den vier Kerzen betrachtete, mit dem kleinen silbernen Kruzifix und dem Rosenkranz aus roten Perlen in den harten, bläulich angelaufenen und mit Gewalt auf der Brust verschränkten Händen.

Bernardo Sopo, ihr Mann, ging im Nebenzimmer auf und ab. Breitschultrig, wenngleich mit armseligen, müden Beinchen ausgestattet, ging er dort auf und ab, kahlköpfig und vollbärtig wie ein Kapuziner­pater, mit halbgeschlossenen Augen, die Brille auf der Nasenspitze vergessen, die Hände auf dem Rücken verschränkt; von Zeit zu Zeit blieb er kurz stehen und sagte:

"Ersilia... die Ärmste..."

Dann begann er wieder auf und abzugehen, und kurz darauf blieb er wieder stehen, um nochmals zu wiederholen:

"Die Ärmste."

 

Der Klang seiner Schritte, der Klang seiner Stimme bei dem, was da nicht einmal wie ein Ausruf des Bedauerns klang, sondern eher wie eine logische Schlußfolgerung, störten die stumm und in tiefer Trauer in dem Sterbezimmer verharren­den Verwandten. Noch mehr aber störte seine Gegenwart, jedes Mal, wenn er einen Augenblick auf der Schwelle stehen blieb, und mit rückwärts geneigtem Kopf, die Augen hinter den Wimpern verborgen, alle reihum ansah, als betrachte er mitleidig dieses Schauspiel des Todes, das sie dort aus ehrlichem Herzen aufführten, als müßten sie eine Pflicht erfüllen, eine überaus traurige, sicher, aber doch auch eine ganz und gar unnötige.

Und kaum wandte er ihnen den Rücken, um wieder im Neben­zimmer auf und abzugehen, hatten alle den Eindruck, daß dieser Mann, indem er so auf und abging, mit erzwungener Geduld den Augenblick erwartete, in dem da drinnen endlich das Weinen zu Ende sein würde.

In einem bestimmten Augenblick sahen sie ihn mit einem Ausdruck das Zimmer betreten, den sie an ihm gut kannten, einen Ausdruck der Resignation, aber zugleich der Starr­köpfigkeit, mit dem er den Protesten aller begegnete und alle Beschimpfungen entgegennahm wie ein Esel die Peit­schenhiebe, ohne sich doch einen Schritt von dem Abgrund vor ihm fortzubewegen.

Es fehlte nicht viel, und sie hätten gefürchtet, er könnte diese vier Kerzen ausblasen, als wollte er sagen, das Schauspiel habe nun genug gedauert und könnte gut zu Ende gehen.

Sogar dessen hielten diese Verwandten Bernardo Sopo für fähig. Und wirklich, wenn es auf ihn angekommen wäre - nein, ausgelöscht hätte er sie nicht, ausgelöscht niemals - aber sie wären gar nie angezündet worden, diese Kerzen, und auch diese Blumen wären nicht aufs Bett gestreut worden, der Toten wäre nicht dieses Kruzifix und dieser Rosenkranz aus roten Perlen in die Hand gedrückt worden. Aber nicht aus dem Grund, den die Verwandten böswilligerweise anzunehmen geneigt waren.

Bernardo Sopo trat zu seinem Schwiegervater hin und bat ihn, einen Augenblick mit ihm in sein Arbeitszimmer zu kommen.

Dort entlockte ihm der Anblick der stillen Möbel im Halb­dunkel, die nichts von dem wußten, was dort drüben vorgefallen war, ein hörbares Schnauben, besonders der An­blick der von dicken Büchern über Philosophie überquellenden Regale. Er öffnete eine Lade des Schreibtisches, zog ein auf seine verstorbene Frau lautendes Zertifikat heraus und reichte es dem Schwiegervater hin.

Dieser, von dem Unglück ganz verstört, starrte mit wimpernlosen, durch das Weinen blutunterlaufenen Augen erst dieses Zertifikat, dann seinen Schwiegersohn an, ohne etwas zu begreifen.

"Ersilias Mitgift", sagte Sopo zu ihm.

Der Alte warf entrüstet das Zertifikat auf den Schreib­tisch, und nachdem er dortselbst auf den ersten besten Stuhl ge­sunken war, weil er sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte, sprang er gleich wieder wie von der Tarantel gestochen auf, um ins Sterbezimmer zurückzulaufen. Aber Bernardo Sopo, der schmerzlich die Augen zusammenkniff und die Hände vorstreckte, versuchte ihn zurückzuhalten.

"Um Himmels willen", bat er. "Was zu tun ist, muß getan werden..."

"Weinen!" schrie der Alte zurück. "Weinen! Sie beweinen, das ist einstweilen das einzige, was zu tun ist!"

Bernardo Sopo kniff wieder schmerzlich die Augen zusammen, aus tiefem Mitleid mit diesem armen Alten, mit diesen armen Vater; aber dann blickte er auf, hob die Brust, sog so viel Luft wie möglich durch die Nasenlöcher ein und sagte, während er sie mit einer Geste verzwei­felter Müdig­keit wieder ausblies:

"Was hilft das schon?"

Da er keine Kinder mit seiner Frau gehabt hatte, mußte er die Mitgift zurückerstatten.

Das galt es zu erledigen, damit er den Gedanken aus dem Kopf hatte.

Ein anderer Gedanke, bei dem er es kaum erwarten konn­te, ihn aus dem Kopf zu haben, war der an das Haus. Nachdem die Frau verstorben war und er die Mitgift zurückerstatten mußte, konnte er sich bei all den Belastungen, die er auf sich hatte, die Miete nicht länger leisten. Zudem wäre dieses Haus für ihn, der nun allein zurückblieb, ohnedies viel zu groß gewesen. Glücklicherweise lautete der Mietver­trag auf seine Frau, so daß er sich mit ihrem Tod ganz von selbst auflöste.

Aber da waren noch die Möbel, all die Möbel, mit denen die arme Verstorbene, die eine besondere Liebe für das Deko­ra­tive gehabt hatte, sämt­li­che Zimmer bis in die entlegen­sten Winkel vollgeräumt hatte. Und Bernardo Sopo empfand sie als ebenso viele Felsblöcke, die auf seiner Brust lasteten.

Bis zum Monatsende waren es nur noch sechs Tage. Die Miete für diesen Monat war bezahlt; er wollte nicht wegen all dieser Möbel da, mit denen er nichts anzufangen wußte, auch noch die für den nächsten Monat zahlen. Er hatte bereits vereinbart, in ein möbliertes Zimmer zu ziehen. Aber wie sollte er die Sache beschleunigen? Damit er diesen anderen Gedanken mit den Möbeln aus dem Kopf bekam, mußte zuerst seine Frau auf den Friedhof getragen worden sein; und nach dem ausdrücklichen Willen der Verwandten mußten dafür wenigstens achtundvierzig Stunden vergehen, da sie so plötz­lich an einem Herzstillstand gestorben war.

"Achtundvierzig Stunden", murmelte Bernardo Sopo, während er weiter spazierenging, mit halbgeschlossenen Augen und sich mit der unruhigen Hand das Kinn unter den Haaren des dichten Kapuzinerpater-Bartes kratzend. "Achtundvierzig Stunden! Als ob die arme Ersilia nicht wirklich tot sein könnte! Leider ist sie wirklich tot! Leider für mich, nicht für sie. Ach, sie, die arme Ersilia, sie hat diesen Gedanken des Todes jetzt aus dem Kopf. Während wir hier jetzt... Alle diese Dummheiten, die zu erledigen sind; und die man erle­digen muß! Die Totenwache, sicherlich, und die Kerzen und die Blumen und der Begräbnisritus in der Kirche und die Über­führung und das Begraben. Achtundvierzig Stunden!"

Und ohne auf die schrägen Blicke zu achten, die ihm alle zuwarfen, weil sein Schwiegervater gerade eben die Geschichte von dem Zertifikat über die Mitgift erzählen gekommen war, gab er weiterhin auf jede nur denkbare Weise die Beklemmung, ja die Raserei zu erkennen, die dieses er­zwungene Warten in ihm auslöste.

Unter dem Ansturm der drängenden Sorgen fand er einfach keine Ruhe; er trat bald zu diesem, bald zu jenem der engsten Verwandten der Verblichenen hin, unwiderstehlich getrieben von der Idee, ihm ein paar von den vielen Dingen vorzu­schlagen, die zu tun waren; aber sogleich spürte er bei dem Gesprächspartner das Entsetzen und die Ablehnung. Er nahm das nicht übel. Er war schon darauf gefaßt. Im übrigen erkannte er ja an, daß dieses Entsetzen, diese Ablehnung nur natürlich waren gegenüber einem, der wie er die harten Notwendigkeiten des Lebens verkörperte. Er verstand und bemitleidete den anderen, blieb eine Weile neben ihm stehen und beobachtete ihn unter den halbgeschlossenen Lidern, unbeweglich, störend, erdrückend, bis er endlich bei dem anderen ein Aufseufzen und die Frage auslöste: "Brauchst du etwas von mir?"

Er nickte mit dem Kopf, traurig, und mit müdem, zerstörten Ausdruck schleppte er den anderen in das Eßzimmer, um dort auf und abzugehen.

Nachdem er dort zwei oder dreimal hin- und hergelaufen war, wobei er stoßweise ausrief: "Ach, das Leben, mein Lieber, was für ein Jammer!" - "Das Leben, was für ein Elend!" - oder wiederum: "Ersilia... die Ärmste...", blieb er stehen und seufzte in demütiger, ergebener Haltung, oder indem er sich plötzlich zerstreut gab:

"Du, mein Lieber, wenn du willst, könntest du dir einstweilen diese beiden Vitrinen mit dem Porzellan und den Gläsern nehmen. Auch die Anrichte, wenn du willst."

 

Das Angebot in diesem Augenblick, da dort drüben noch der Leichnam lag, erschien dem Gesprächspartner wie eine Beleidigung, ja schlimmer, wie ein Schlag ins Gesicht. Und ohne andere Antwort als einen angewiderten, verächtlichen Blick sah Bernardo Sopo sich plötzlich stehen gelassen.

Das nahm ihm freilich nicht den Mut, kurz darauf zu einem anderen der nächsten Verwandten hinzutreten und ihn zu einem Spaziergang in den Salon zu führen, um ihm in einem bestimmten Augenblick, so wie dem vorhergehenden Gesprächs­partner, ein Angebot zu machen:

"Wenn dir dieses Kanapee und diese kleinen Lehnsessel gefallen, kannst du sie gerne haben, weißt du, Lieber!

Zu guter Letzt, als er sah, wie die nächsten Verwandten sich alle entrüstet weigerten, begann er die Möbel und den Hausrat den weniger nahen Verwandten und auch dem einen oder anderen Fremden unter den Freunden des Hauses anzubieten, wobei die Beschenkten ihm mit weniger Skrupeln, aber doch verdattert und schüchtern für das Angebot dankten. Bernardo Sopo schnitt die Danksagungen sogleich mit einer Handbewe­gung ab, zuckte die Achseln, als wollte er sagen, er messe diesem Geschenk keinerlei Bedeutung bei, und fügte hinzu:

"Du mußt dich freilich ziemlich beeilen, sie fortzu­schaffen; es liegt mir am Herzen, dieses Haus so bald wie möglich zu räumen."

Jene anderen verfolgten ihn einstweilen aus dem Sterbe­zimmer heraus wie rasend mit bösen Blicken und gaben ihre Wut, ihre Verachtung und ihren Abscheu zu erkennen.

Nein, sie hatten kein Recht, kein Recht an diesen Möbeln, die ihm, Bernardo Sopo, ganz allein gehörten; aber zum Teufel, es war doch eine Ungehörigkeit!

Und einer nach dem anderen hielten sie es nicht mehr aus, sprangen von ihren Stühlen auf und beschimpften ihn, knurrten ihm zwischen den Zähnen zu, er solle sich schämen über das, was er tat, sich schämen, so wie sogar die Leute sich für ihn schämten, die in der Peinlichkeit der Situation es nicht verstanden hatten, seine Angebote von sich zu weisen. Sie riefen sie als Zeugen an:

"Ist's nicht wahr? Ist's nicht wahr?"

Und jene zuckten die Achseln, ein betrübtes Lächeln auf den Lippen.

"Aber freilich! Ein jeder von ihnen!" riefen da die Verwandten aus. "Das sind doch Beleidigungen!"

Und Bernardo Sopo erwiderte, immer noch mit geschlosse­nen Augen, während er die Arme ausbreitete:

"Aber entschuldigt, meine Lieben, warum das alles? Ich gebe alles her, was ich habe... Für mich ist's vorbei, meine Lieben! Ich darf nicht mehr daran denken, ich muß das aus dem Kopf haben! Ich weiß, was ich für eine Bürde mit mir herumschleppe. Laßt mich doch machen. Das sind Dinge, die getan werden müssen."

Und die anderen schrien: "Na gut, sie müssen getan wer­den: aber zur rechten Zeit und am rechten Ort, zum Donnerwetter!"

Und darauf sagte er, um die Suada abzuschneiden, indem er wieder zu sich fand: "Ich verstehe... ich verstehe..."

Aber er verstand nicht im geringsten; oder besser, er verstand nur das eine: daß diese verlangte Verzögerung eine Schwäche war; eine Schwäche wie dieses ganze Weinen dort.

Sie glaubten, er hätte kein Herz, weil er nicht weinte. Aber zeigt denn das Weinen die Intensität eines Schmerzes? Es zeigt doch nur die Schwäche dessen, der leidet. Wer weint, will den anderen zeigen, daß er weint, will sie rühren oder bittet um Trost und Anteilnahme. Er weinte nicht, denn er wußte, daß  niemand ihn zu trösten vermocht hätte, und daß jede Anteilnahme sinnlos gewesen wäre. Und mit jenen, die aus dieser Welt gingen, mußte man schon gar kein Mitleid haben. Die Glücklichen waren vielmehr zu beneiden!

Das Leben stellte sich Bernardo Sopo durch und durch düster dar; der Tod ein Hauch von noch dichterem Dunkel in dieser Düsternis. Es gelang ihm nicht zu glauben, weder an das Licht der Wissenschaft für das Leben, noch an das Licht des Glaubens für den Tod; und in all dieser Dunkelheit sah er sich nichts anderes abzeichnen als auf Schritt und Tritt die unangenehmen, harten und schwierigen Notwendigkeiten der Existenz, bei denen jeder Versuch sinnlos war, ihnen zu entgehen, denen man sich also unverzüglich zu stellen hatte, um sie zu überwinden, um den Gedanken an sie so schnell wie möglich aus dem Kopf zu haben.

Ja, das war es: es galt sie zu erledigen, um den Gedanken daran aus dem Kopf zu haben! Das ganze Leben war nichts anderes als das: ein Gedanke, eine Kette von Gedan­ken, die es zu erledigen galt, um sie aus dem Kopf zu haben. Jede Verzögerung war eine Schwäche.

Alle diese Verwandten die sich entrüsteten, wußten freilich sehr gut, daß er immer so gewesen war. Wie oft hatte sie nicht ihre Ersilia zum Lachen gebracht, wenn sie mit fröhlicher Übertreibung die wilden Abenteuer ihres Ehelebens mit diesem Mann erzählt hatte, der - der Arme, was konnte man schon tun? - der die Manie, den Wahn im Leibe hatte, alle Gedanken so schnell wie möglich aus dem Kopf zu bekommen, kaum daß sie ihm im Geist als unausweichliche Notwendigkeiten aufgestiegen waren. Auch im Bett, jawohl, auch dort, alle Gedanken! Und sie, die Ärmste, sie stellte sich als eine müde gelaufene Hündin dar, die ständig mit heraushängender Zunge hinter ihm dreinhetzte.

Hieß es ins Theater gehen? Dieser Mann hatte keine Ruhe mehr. Nicht, weil ihm das Theater so sehr am Herzen gelegen wäre; ganz im Gegenteil! Der Gedanke, dorthin zu gehen, wurde ihm zu einem solchen Alptraum, daß er es kaum erwarten konnte, ihn aus dem Kopf zu bekommen; und jawohl, meine Herrschaften, da war er jedes Mal eine Stunde zu früh in der Loge, und wartete im Dunklen!

Hieß es verreisen? Um Gottes willen! Ein Abgrund tat sich auf. Koffer, Taschen, Bündel; los, jage, Kutscher! Los, lauf, Gepäckträger! Und der Schweiß! Und der Schweiß! Und wie viele Dinge waren nicht aufzufinden, wie viele wurden vergessen, nur damit man zwei Stunden vor Abfahrt des Zuges am Bahnhof ankam! Nicht, weil er Angst hatte, den Zug zu versäumen, aber weil er einfach nicht mehr zu Hause warten konnte, nicht einmal eine Minute lang, mit diesem Gedanken an die Abfahrt, der ihn nicht in Ruhe ließ.

Und wie oft war er nicht zu Hause mit einem Bündel von fünf oder sechs Schuhen angekommen, damit er für eine lange Zeit den Gedanken an den Schuhkauf aus dem Kopf hatte! Er war vielleicht der einzige Steuerpflichtige, der seine ganze Jahressteuerrate auf einmal einbezahlte, und immer als erster an den Schaltern des Steueramtes. Es war geradezu ein Wunder, daß er im Morgengrauen des Tages, an dem die erste Rate zu bezahlen war, den Steuereinnehmer nicht auch noch aus dem Bett holte.

Die arme Ersilia hatte immer versucht, ihn zu bremsen, wenn sie ihn so bedrängt von all den Geschäften vor sich sah; und dann, wenn er müde und unruhig nicht wußte, wie er die viele Zeit, die er vor sich hatte, ausfüllen sollte, fragte sie ihn: "Siehst du? Jetzt hast du den Gedanken aus dem Kopf, mein lieber Bebi; und nun? Und nun?"

Bei dieser Frage schüttelte Bernardo Sopo den Kopf, immer noch mit geschlossenen Augen.

Er wollte nicht zugeben, nicht nur den anderen gegen­über, sondern nicht einmal vor sich selbst, daß im tiefsten Grund dieser Dunkelheit, die er in sich spürte, und die weder das Licht der Wissenschaft noch das Licht des Glaubens je auch nur mit einem ersten kalten Schimmer des Morgen­grauens zu erhellen vermochten, in ihm so etwas wie eine unbenennbare Sehnsucht pochte, die Sehnsucht einer unbe­­kannten Erwartung, eine vage Vorahnung, daß es im Leben etwas zu tun galt, das nichts mit den vielen Dingen zu tun hatte, denen er hinterherlief, um sie sofort zu erledigen und den Gedanken an sie aus dem Kopf zu haben. Aber leider blieb ihm immer, wenn er den Gedanken an diese Dinge aus dem Kopf hatte, so etwas wie Spannung und Sehnsucht in einer entsetzlichen Leere zurück. Diese Sehnsucht blieb tief drin­nen in ihm; aber die Erwartung, ach ja, die Erwartung war stets vergebens.

Und die Jahre waren vergangen und vergingen weiter und Bernardo Sopo, immer müder und angewiderter, aber darob nicht weniger gehorsam gegenüber all den härtesten Notwen­digkeiten der Existenz, ja umso gehorsamer, je müder und angewiderter er wurde, konnte nicht mehr begreifen, daß man eben deshalb, eben um diesen Notwendigkeiten zu gehorchen, im Leben stand.

War es denn möglich, daß es sonst nichts zu tun gab? Daß man deshalb auf die Welt gekommen war und in der Welt blieb?

Oja, es gab da die Träume der Dichter, die geistigen Gebäude der Philosophen, die Entdeckungen der Wissenschaft. Aber Bernardo Sopo erschienen sie alle als Scherze, ja, witzige oder kluge Scherze, Illusionen. Zu welchen Schlüssen führten sie denn schon?

Er war immer mehr zu der Überzeugung gelangt, daß der Mensch auf dieser Erde zu gar keinen Schlüssen gelangen konnte, daß alle Schlüsse, die der Mensch meinte erreicht zu haben, notwendigerweise illusorisch und arbiträr waren.

Der Mensch ist ein Teil der Natur, er ist die Natur selbst, die denkt, die in ihm die Früchte ihres Denkens hervorbringt, auch sie Früchte je nach Jahreszeit, wie die der Bäume, vielleicht ein bißchen weniger kurzlebig, aber doch zwangsläufig kurzlebig auch sie. Die Natur kann nicht zu einem Schluß kommen, weil sie ewig ist. Die Natur in ihrer Ewigkeit zieht nie einen Schluß. Und also kann auch der Mensch keinen Schluß ziehen!

Bernardo Sopo erinnerte sich sehr gut daran, daß er, in der freien Zeit, von der er immer mehr als genug hatte, sich den gewöhnlichen Verstrickungen, den alltäglichen Sorgen, den Pflichten, die er sich selbst auferlegt hatte, den Gewohn­heiten, die er angenommen hatte, entzog, die Grenzen der gewohnten Sicht des Lebens erweiterte, und sich leiden­schaftslos darüber erhob, um aus dieser tragischen und feierlichen Höhe die Natur zu betrachten. Er bemerkte, daß der Mensch Scheuklappen aufsetzte, um zu einem Schluß zu kommen, so daß er für eine gewisse Zeit nur ein Ding auf einmal sah; aber wenn er dann glaubte, dieses Ding eingeholt zu haben, fand er es nicht mehr, denn wenn er diese Scheu­klappen abnahm und dann all die Dinge ringsherum zu Gesicht bekam, dann hieß es ade, Schlußfolgerung!

Was blieb dann also, wenn man sich nicht bewußt selbst täuschen wollte, wie in einem Scherz? Ach je, nichts anderes als die harten Notwendigkeiten der Existenz, denen man sich sofort stellen, und die man überwinden mußte, um so schnell wie möglich den Gedanken an sie loszuwerden. Ja, dann konnte man sich aber auch gleich umbringen, um den Gedanken an alles und jedes loszuwerden. Ja, bravo! Sich umbringen... Wer das tun konnte! Bernardo Sopo konnte es nicht; sein Leben war leider eine Notwendigkeit, und den Gedanken an diese konnte er nicht aus dem Kopf bekommen. Er hatte so viele arme Verwandte; für sie mußte er leben.

Nach der Überführung und dem Begräbnis der Frau zog er sich in ein armseliges Untermietzimmer zurück, um hinfort allein zu leben, nachdem es ihm gelungen war, alle Habe in den wenigen Tagen, die ihm noch bis zum Monatsende blieben, loszuwerden.

Keiner der Verwandten seiner Frau wollte mehr etwas von ihm wissen. Und ihm tat das auch gar nicht leid.

Er befreite sich sofort von vielen Notwendigkeiten, die ihm auch zu Lebzeiten seiner Frau stets überflüssig er­schienen waren, die er aber um ihretwillen angenommen und denen er sich mit seinem üblichen Mut oder der üblichen Ergebenheit gestellt hatte, um sie zu überwinden. Er schränkte sich in allen Lebenshaltungskosten ein, bei der Wäsche, bei der Garderobe, die die Frau ihm aufgezwungen hatte, um nun, da sie nicht mehr lebte, die Schecks für die armen Verwandten nicht allzu sehr zu schmälern, die ihm dafür gar keinen Dank wußten. Und auch das tat ihm nicht weh. Er hielt sein Opfer für eine ebenfalls unumgängliche Notwendigkeit; und er ließ das auch deutlich in seinen Briefen an diese Verwandten erkennen, die ihm eben deshalb nicht dankbar waren. Sie stellten somit für ihn so wie alles übrige einen Gedanken dar, den es zu erledigen galt, um ihn aus dem Kopf zu haben, so schnell es ging, jeden Monat. Auch, wenn er deshalb so essen mußte, wie er es tat, nur einmal täglich, und auch das nicht zu üppig. Schnell, schnell, auch diese kleine Mahlzeit hinter sich gebracht, damit man den ganzen Tag nicht mehr daran denken mußte.

Nachdem er so die wenigen Geschäfte erledigt hatte, die ihm noch geblieben waren, wuchs vor ihm die Zeit mehr denn je ins Unermeßliche, wuchs die schreckliche Leere, die er nicht mehr zu füllen wußte.

Er begann, sie zum Nutzen der anderen zu verwenden, zum Nutzen von Leuten, die er kaum kannte, von deren Bedürftigkeit er durch Zufall erfahren hatte. Aber gewöhnlich bekam er von diesen Nutznießern seiner Mühe nichts anderes zurück als Unhöflichkeiten und Undank. Es fehlte ihm ganz und gar der Sinn für die Angemessenheit, denn er konnte nun einmal nicht verstehen, daß man Freude daran haben konnte, sich mit Illusionen aufzuhalten, da er doch überzeugt war, daß jede Verzögerung angesichts der drängenden und unvermeid­lichen Notwendigkeiten der Existenz eine Schwäche wäre. Und er hatte weder Mitleid noch Achtung für all diese Schwachen, die Aufschub suchten; er stellte sich vor sie hin, wenn es ge­rade nicht der Augenblick war, sie an diese Notwendigkei­ten zu erinnern, mit einem immer müderen und bedrückteren Ausdruck, der nur zu deutlich sagte: "Seht her, wenn es auch so ist, wenn es mich auch so viel Mühe kostet, hier bin ich und stehe bereit; los, los, meine Lieben, erledigen wir das, damit wir den Gedanken aus dem Kopf haben!"

Und längst schon gerieten alle außer sich, wenn sie ihn nur aus der Ferne erblickten. Er war für alle zum Alptraum geworden. Alle dachten, er empfinde eine wilde Freude dabei, andere zu quälen und zu bedrücken.

Im Lauf der Jahre wurden ihm die Beine immer schwerer. Nichts war schmerzlicher als ihm zuzusehen, wie er nun zu Werk ging, bei seinem ständigen Lauf hinter den eigenen und fremden Notwendigkeiten her, wie er nach einer Weise suchte, mit diesen armen Beinen, die ihn scheinbar nicht vom Fleck kommen ließen, so schnell wie möglich vorwärtszukommen.

Eingehüllt in den schrecklichen Schatten der überschüssigen Zeit, in dem Geschwirr, in dem Sturm der vielen nicht nur von ihm selbst zu erledigenden Dinge, passierte es ihm oft, daß er plötzlich mitten auf der Straße innehielt und nicht mehr wußte, wohin er ging und was er zu tun hatte.

Den Stock unter der Achsel, den Hut in der Hand, die andere Hand am Kinn unruhig an den Haaren des dichten Bartes zupfend, blieb er eine Weile stehen, dachte mit geschlosse­nen Augen nach und sagte immer wieder leise zu sich selbst:

"Ich hatte da doch etwas zu erledigen..."

Und so erfaßte ihn eines Tages, mitten auf einem menschenleeren Platz, gerade um die Mittagszeit, ein mit Höchstgeschwindigkeit daherrasendes Automobil.

Blitzschnell umgeworfen, zwischen den Rädern hin- und hergeschleudert, wurde Bernardo Sopo kurz darauf mit ge­brochenen Rippen und zersplitterten Armen und Beinen ster­bend von einigen Rettungsleuten aufgelesen und bewußtlos ins Krankenhaus gebracht.

Kurz vor seinem Tod kam er noch einmal zu sich. Er schlug die verschleierten Augen auf, blickte eine Weile mit hochgezogenen Augenbrauen den Arzt und die Krankenpfleger rund um sein Bett an; dann ließ er den Kopf auf die Kissen zurücksinken und wiederholte mit seinem letzten Seufzer:

"Ich hatte da doch etwas zu erledigen..." 

 

© Michael Rössner.

Im Wirbel - (Nel gorgo - 1925)

 

Erstveröffentlichung 1913 in Aprutium (Darunter vom Autor vermerkt: Juni 1913). Die No in unserer Ausgabe in Band 11, Heinrich IV. und andere Stücke). Keine wesentlichen Varianten bekannt.

aus dem Italienischen von Michael Rössner

Italienische Version

 

Im Circolo della racchetta wurde den ganzen Abend hindurch von nichts anderem gesprochen.

Der erste, der die Botschaft brachte, war Respi, Nicolino Respi, dem die Sache sehr naheging. Wie üblich vermochte er jedoch nicht zu vermeiden, daß die innere Bewegung sich ihm auf den Lippen zu diesem nervösen Lächeln kräuselte, das in den ernstesten Diskussionen wie in den riskantesten Augenblicken des Spiels sein bleiches, gelbliches Gesicht mit den scharfen Zügen so unverwechselbar auszeichnete.

Die Freunde umringten ihn aufgeregt und bestürzt:

"Wirklich verrückt geworden?"

"Nein, nur zum Spaß."

Traldi, der mit dem ganzen Gewicht seines unförmigen, nilpferdartigen Körpers in dem Diwan versunken war, versuchte mehrfach mit den Händen die Hebelwirkung zu benutzen, um mehr auf dem Rand des Möbels zu sitzen zu kommen, wobei er vor Anstrengung die rotgeäderten Ochsenaugen weit aufriß, die ihm aus den Höhlen zu springen drohten. Er fragte: "Aber entschuldige, du sagst das doch... (aach! aach...) du sagst das, weil er auch dich angesehen hat?"

 

"Auch mich? Angesehen? Was willst du damit sagen?" fragte Nicolino Respi nun seinerseits verdutzt, indem er sich zu den Freunden wandte. "Ich bin doch heute morgen erst aus Mailand angekommen, und ich finde hier diese schöne Neuigkeit vor. Ich weiß gar nichts, und ich kann es noch immer nicht begreifen, wie Romeo Daddi, zum Teufel, der Ruhigste, der Heiterste, der Weiseste von uns allen..."

"Ist er schon in der Klapsmühle?"

"Aber ja, das sag ich euch doch! Seit heute um drei. Im Sanatorium auf dem Monte Mario."

"Armer Daddi!"

"Und Donna Bicetta? Ja, wie denn... Es wird ja wohl sie gewesen sein, Donna Bicetta?

"Nein! Sie nicht! Im Gegenteil, sie war um jeden Preis dagegen! Aber vorgestern ist der Vater aus Florenz gekommen."

"Ach deshalb..."

"Jawohl, und er hat sie zu dieser Entscheidung gezwungen, auch um ihres Mannes willen... Aber erzählt mir doch, worum es dabei eigentlich geht! Du, Traldi, weshalb hast du mich gefragt, ob Daddi auch mich angesehen hatte?"

Carlo Traldi hatte sich wieder behaglich in den Diwan zurückfallen lassen, den Kopf nach hinten gelegt, das gerötete, schweißbedeckte Doppelkinn nach vorne gereckt. Während er mit den dünnen Froschbeinchen schlenkerte, die der riesige Wanst ihn stets in obszöner Weise zu verbergen zwang und er sich in nicht weniger obszöner Weise ständig die Lippen mit der Zunge befeuchtete, antwortete er geistesabwesend:

"Ja so... ich dachte nämlich, du meintest deshalb, daß er verrückt geworden ist."

"Wieso deshalb?"

"Aber ja. So hat sich ja bei ihm der Wahnsinn geäußert. Er blickte alle in einer so seltsamen Weise an, mein Lieber... Kinder, laßt doch nicht immer mich reden: sagt ihr, wie der arme Daddi zu schauen pflegte."

Die Freunde erzählten Nicolino Respi daraufhin, daß Daddi, als er von der Sommerfrische zurückgekommen war, allen wie vom Donner gerührt erschien, als wäre er gar nicht bei sich, mit einem vagen Lächeln auf den Lippen und stumpfen, blicklosen Augen, sobald irgend jemand ihn rief. Dann war diese Benommenheit geschwunden, hatte einer seltsamen, auffälligen Starre Platz gemacht. Er starrte die anderen zunächst aus der Ferne, von der Seite her an. Dann, nach und nach, als zögen ihn gewisse Zeichen an, die er an diesem oder jenem seiner engsten Freunde zu erkennen glaubte, insbesondere bei denen, die sein Haus am häufigsten frequentierten (ganz und gar natürliche Zeichen im übrigen, denn tatsächlich waren alle verblüfft über seine plötzliche und sonderbare Veränderung, die sich so gar nicht mit der heiteren Ruhe seines Charakters vertragen wollte), hatte er sie immer mehr aus der Nähe zu belauern begonnen, und in den letzten Tagen war er geradezu unerträglich geworden. Er stellte sich bald dem einen, bald dem anderen gegenüber auf, legte ihm die Hände auf die Schultern und blickte ihm ganz steif und fest in die Augen.

"Der Körper, was für ein Grauen!" rief an dieser Stelle Traldi, wobei er sich von neuem in die Höhe zu ziehen versuchte, um auf den Rand des Diwans zu sitzen zu kommen.

"Aber weshalb?" fragte Respi nervös.

"Hör einmal, jetzt will der auch noch wissen, weshalb", rief Traldi neuerlich. "Ach, du meinst, weshalb das Grauen? Mein Lieber, dich hätte ich sehen mögen, unter diesem Blick! Du wechselst jeden Tag das Hemd, nehme ich an. Du bist sicher, saubere Füße zu haben und keine Löcher in den Socken. Aber bist du auch sicher, daß du keinen Schmutz in deinem Inneren hast, keinen Fleck auf deinem Gewissen?"

"Ach Gott, ich meine..."

"Hör mal, du bist doch nicht ehrlich!"

"Und du vielleicht?"

"Ich schon, ich bin ganz sicher, daß es so ist. Und glaub mir, so geht es allen, mehr oder weniger, daß wir uns in einem luziden Intervall plötzlich als Schweine sehen! Schon seit einer geraumen Weile, fast jeden Abend, wenn ich meine Kerze ausblase, bevor ich einschlafe..."

"Du wirst alt, mein Lieber! Du wirst alt!" riefen die Freunde im Chor.

"Mag schon sein, daß es daran liegt, daß ich alt werde", räumte Traldi ein. "Umso schlimmer! Es ist ja nicht eben ein Vergnügen festzustellen, daß ich zu guter letzt nicht umhin kann, mich in diesem Bild meiner selbst wiederzufinden, als ein altes Schwein. Übrigens, warte einmal. Nun, da ich dir das gesagt habe, wollen wir einen Versuch wagen? Ruhe, ihr anderen!"

Und Carlo Traldi stemmte sich ächzend in die Höhe. Er legte die Hände auf Nicolino Respis Schultern und schrie ihn an: "Sieh mir fest in die Augen. Nein, nicht lachen, mein Lieber! Sieh mir fest in die Augen... Warte! Wartet... Ruhe..."

Alle ringsumher schwiegen, gespannt den Ausgang dieses seltsamen Experimentes erwartend.

Traldi fixierte mit seinen großen, eiförmigen und rot­geäderten Augen, die aus den Höhlen traten, auf das schärfste die Augen Nicolino Respis und schien, als wühle er mit dem boshaften Schimmer seines Blicks, der immer schärfer und immer intensiver wurde, in dessen Gewissen und fördere dort in den geheimsten Verstecken die schrecklichsten und abscheulichsten Dinge zutage. Nach und nach begannen die Augen Nicolino Respis - wenngleich darunter die Lippen mit dem üblichen kleinen Lachen sagten: "Ach was, ich will bloß kein Spaßverderber sein" - zu erlöschen, sich zu trüben, auszuweichen, während Traldi unter dem Schweigen der Freunde mit einer seltsamen Stimme, und ohne den Blick abzuwenden oder auch nur ein wenig in der Intensität abzuschwächen, triumphierend sagte:

"Das hast du's... siehst du?... siehst du?"

"Ach hör doch auf!", brach es aus Respi heraus, der nicht mehr an sich halten konnte und ganz die Beherrschung verlor.

"Hör du doch auf, wir haben uns schon verstanden", rief Traldi. "Du bist ein noch größeres Schwein als ich!"

Und er brach in ein Gelächter aus. Auch die anderen lachten, mit dem Gefühl einer unerwarteten Erleichterung. Und Traldi setzte fort: "Nun, das ist bloß ein Scherz gewesen. Nur im Scherz kann einer von uns einen anderen auf diese Weise ansehen. Denn du genauso wie ich, wir haben bislang in uns ein funktionstüchtiges Maschinchen des gesellschaftlichen Umgangs, und wir lassen den Abschaum all unserer Taten, all unserer Gedanken, all unserer Gefüh­le still und heimlich sich versteckt am tiefsten Grund unseres Gewissens absetzen. Aber warte, wenn dann einer, bei dem das Maschinchen kaputtgegangen ist, dich so ansieht, wie ich dich eben angesehen habe, aber nicht mehr zum Scherz, son­dern im Ernst, und wenn er dir auf diese Weise, ohne daß du darauf gefaßt bist, den ganzen Bodensatz an Abschaum deiner Taten, Gedanken und Gefühle, den du in dir trägst, vom tiefsten Grund deines Gewissens aufrührt; dann möchte ich doch sehen, ob du nicht einen schönen Schrecken bekommst!"

Während er das sagte, wandte Carlo Traldi sich erregt zum Gehen. Er kam jedoch noch einmal zurück und setzte hinzu: "Und weißt du, was er vor sich hinmurmelte, ganz leise, der arme Daddi, während er dir in die Augen sah? Sagt ihr es, was er murmelte! Ich muß laufen."

"Welch ein Abgrund... welch ein Abgrund..."

"So?"

"Ja... welch ein Abgrund... welch ein Abgrund..."

Als Traldi gegangen war, löste sich die Menschentraube auf, und Nicolino Respi blieb höchst durcheinander in der Gesellschaft der beiden einzigen Freunde zurück, die noch eine Weile hindurch weiter von dem Unglück des armen Daddi sprachen.

Ungefähr zwei Monate war es her, daß er ihn in seiner Villa bei Perugia besucht hatte. Er hatte ihn ruhig und heiter wie immer vorgefunden, in Gesellschaft seiner Frau und einer Freundin derselben namens Gabriella Vanzi, einer ehemaligen Schulkameradin, die vor kurzem einen Marineoffizier geheiratet hatte, der sich gerade auf hoher See aufhielt. Er war drei Tage in der Villa geblieben, und in diesen drei Tagen, nein, da hatte Romeo Daddi ihn kein einziges Mal in der Weise angesehen, von der Traldi gesprochen hatte.

Hätte er ihn angesehen...

Nicolino Respi befiel ein Unwohlsein wie von einem plötzlichen Schwindel, und um sich zu stützen - unter einem Lächeln, leichenblaß - tat er, als wollte er sich vertraulich bei einem der beiden Freunde einhängen.

Was war geschehen? Was erzählten sie da? Folter? Was für eine Folter? Ach so, die Folter, der Daddi seine Frau unter­zogen hatte...

"Nachher, was?" - entschlüpfte es ihm.

Und die beiden wandten sich zu ihm um.

"Was heißt nachher?"

"Ach... nein, ich meinte... nachher, also, nachdem bei ihm... bei ihm das Maschinchen kaputt gegangen war."

"Na klar! Vorher wohl sicher nicht!"

"Zum Donnerwetter, sie waren doch ein Wunder an ehe­licher Eintracht, an häuslichem Frieden! Sicherlich muß irgendetwas mit ihm während der Sommerfrische geschehen sein."

"Aber ja, wenigstens irgendein Verdacht muß ihm gekommen sein."

"Na seid so gut! Seiner Frau gegenüber?", platzte Nicolino Respi heraus. "Das kann, wenn überhaupt, nur ein Effekt des Wahnsinns gewesen sein, nicht seine Ursache! Nur ein Wahnsinniger..."

"Einverstanden! Einverstanden!", riefen die Freunde dazwischen. "Bei einer Frau wie Donna Bicetta!"

"Über jeden Verdacht erhaben! Aber andererseits..."

Nicolino Respi konnte diese beiden nicht mehr anhören. Er erstickte. Er brauchte Luft, mußte ein wenig im Freien spazieren gehen, allein. Er ergriff den ersten besten Vorwand und ging.

Ein banger Zweifel hatte sich in ihm festgesetzt und brachte ihn ganz durcheinander.

Niemand konnte besser wissen als er, daß Bicetta Daddi tatsächlich über jeden Zweifel erhaben war. Seit über einem Jahr hatte er ihr seine Liebe erklärt, hatte er ihr den Hof gemacht und sie förmlich belagert, ohne je mehr zu ernten als ein sanftes Lächeln des Bedauerns über seine vergebli­chen Mühen und Qualen. Mit jener heiteren Ruhe, die aus der festesten Selbstsicherheit kommt, hatte sie ihm bewiesen, daß jedes Beharren seinerseits vergeblich sein mußte, denn sie war ebenso verliebt wie er, vielleicht sogar noch mehr als er, aber in ihren Mann. Da das so war, mußte er, wenn er sie wirklich liebte, doch verstehen, daß sie in keiner Weise ihre Liebe verraten konnte. Wenn er das nicht verstand, war das ein Zeichen, daß er sie nicht wirklich liebte. Und dann?

Bisweilen ist das Meerwasser an gewissen einsamen Stränden von einer so klaren und durchsichtigen Reinheit, daß man, so sehr es einen auch drängt, hineinzuspringen, um sich in ihm zu erfrischen, doch von einer fast sakralen Scheu zurückgehalten wird, es aufzuwühlen und zu trüben.

 

Diesen Eindruck der Reinheit und diese Scheu hatte Nicolino Respi stets empfunden, wenn er sich der Seele Bicetta Daddis näherte. Sie liebte das Leben, diese Frau, mit einer so stillen, aufmerksamen und sanften Liebe! Bloß in den drei Tagen, die er in ihrer Villa bei Perugia ver­brachte, hatte er, überwältigt von der glühenden Begierde, seine Scheu doch überwunden, diese Reinheit doch aufgewühlt und getrübt; aber nur, um schroff abgewiesen zu werden.

Nun war sein banger Zweifel, daß die Verwirrung, die er in diesen drei Tagen bewirkt hatte, sich nach seiner Abreise nicht gleich wieder gelegt haben mochte; vielleicht war sie so sehr angewachsen, daß der Ehemann sie bemerkt hatte. Sicher war nur eines: Bei seiner Ankunft in der Villa war Romeo Daddi heiter und ruhig; wenige Tage nach seiner Abreise war er verrückt geworden.

War es also seinetwegen? War sie also von seiner aggressiven Liebeserklärung so tief erschüttert und niedergeworfen worden?

Aber freilich, ganz sicher, was gab es da noch zu zweifeln?

Die ganze Nacht wälzte sich Nicolino Respi auf diese Weise hin und her, wand sich in wütenden Anfällen, bald den Gewissensbissen durch ein boshaftes, unbändiges Freudengefühl entrissen, bald aus diesem Freudengefühl wieder in die Gewissensbisse zurückfallend.

Am Morgen darauf lief er, kaum daß die Uhrzeit für einen Besuch geeignet erschien, zum Haus von Donna Bicetta Daddi. Er mußte sie sehen; er mußte sofort, so oder so, Klarheit über seinen Zweifel erlangen. Vielleicht würde sie ihn nicht empfangen; aber so oder so wollte er in ihrem Haus vorsprechen, bereit, alle Konsequenzen dieser Situation auf sich zu nehmen oder ihnen die Stirn zu bieten.

Donna Bicetta Daddi war nicht zu Hause.

Seit einer Stunde war sie damit beschäftigt, ohne es zu wollen, ohne es zu wissen, ihre Freundin Gabriella Vanzi, die drei Monate lang ihr Gast in der Villa gewesen war, den grausamsten Foltern zu unterziehen.

Sie hatte sie aufgesucht, um gemeinsam zu suchen, nicht den Grund, ach, bloß den Vorwand, wenigstens den auslösenden Faktor für ihr Unglück, dort, wo es sich zuerst gezeigt hatte, während dieser Sommerfrische, in den letzten Tagen derselben. Sie allein, so sehr sie sich auch den Kopf zerbrach, hatte nichts gefunden.

Seit einer Stunde beharrte sie darauf, Minute um Minute diese letzten Tage zu evozieren, zu rekonstruieren.

"Erinnerst du dich daran? Erinnerst du dich, daß er am Morgen in den Garten hinunterging, ohne seinen alten Leinenhut aufzusetzen, und daß er hinaufrief, damit wir ihn zum Fenster hinunterwerfen sollten, und daß er dann wieder hinaufstieg, lachend, mit diesem Rosenstrauß? Erinnerst du dich, wie er darauf bestand, daß ich zwei davon mitnehmen sollte; wie er mich danach bis zum Gartentor begleitete, mir beim Einsteigen in das Automobil half und mich bat, ihm aus Perugia diese Bücher mitzubringen... warte... eines war... ich weiß nicht... es ging um Saatgut... erinnerst du dich? Erinnerst du dich?”

Ganz versunken in der Mühe, so viele wertlose Einzelheiten ins Gedächtnis zurückzurufen, bemerkte sie nicht einmal die Beklemmung, die Erregung ihrer Freundin, die von einem Augenblick zum anderen zunahm.

Nun hatte sie bereits ohne das geringste Zeichen von Verwirrung die drei Tage Revue passieren lassen, die Nicolino Respi in der Villa verbracht hatte, und sie hatte sich keinen Augenblick mit dem Gedanken aufgehalten, ihr Mann hätte in dem harmlosen Werben Respis um sie, einen Grund für seinen plötzlichen Wahnsinn finden können. Das war nicht denkbar. Sie hatten doch zu dritt darüber gelacht, über dieses Werben, nachdem Respi nach Mailand zurückgefahren war. Wie konnte man es da annehmen? Und außerdem war ihr Mann nicht nach dieser Abreise noch vierzehn Tage lang ganz ruhig und heiter gewesen wie zuvor?

Nein, nie, nie auch nur das geringste Zeichen des entferntesten Verdachtes! In sieben Jahren Ehe, nie! Wie, wo hätte er denn einen Vorwand dafür finden können? Und dann, sieh einmal her, ganz plötzlich, dort, im ländlichen Frieden, ohne daß irgendetwas geschehen wäre...

"Ach Gabriella, meine liebe Gabriella, glaub mir, ich werde noch wahnsinnig, auch ich werde wahnsinnig."

Plötzlich, kaum hatte sie sich von dieser Krise der Verzweiflung erholt, bemerkte Donna Bicetta Daddi, als sie die tränenerfüllten Augen zu dem Gesicht der Freundin aufhob, darin eine bläuliche Starre wie die eines Leichnams, um sich gegen einen unerträglichen Krampf zu wehren, und Gabriella schnaufte mit geblähten Nasenflügeln und starrte sie mit einem bösen Blick an. O Gott! Das waren ja beinahe dieselben Augen, mit denen sie in den letzten Tagen auch ihr Mann angesehen hatte.

Sie fühlte, wie sie erstarrte und empfand fast so etwas wie einen tödlichen Schrecken.

"Warum... du auch... warum...", stammelte sie zitternd, "warum siehst auch du... auch du mich so an?"

Gabriella Vanzi unternahm eine entsetzliche Anstrengung, um diesen Ausdruck, den ihr Gesicht ohne ihr Wissen angenommen hatte, in ein wohlwollendes, mitleidiges Lächeln aufzulösen: "Ich... ich sehe dich an?... Nein... ich war nur so in Gedanken... Ja, ich wollte dir sagen... ja, ich weiß, du bist deiner sicher... hast du wirklich nichts... hast du dir wirklich gar nichts... gar nichts vorzuwerfen?"

Donna Bicetta Daddi erstarrte; mit weit aufgerissenen Augen, die Hände auf die Wangen gelegt, schrie sie: "Wieso denn?... Aber du sprichst ja jetzt... du sprichst jetzt auch noch mit seinen Worten zu mir?... Wieso denn?... Wie kannst du das tun?..."

Das Gesicht Gabriella Vanzis verzog sich, ihre Augen wurden glasstarr: "Ich?"

"Du, jawohl. O Gott! Jetzt wirst du auch genauso abwesend wie er... was hat das zu bedeuten?... Was hat das zu bedeuten?"

Sie hatte diesen Satz noch nicht zu Ende gehaucht, wobei sie fühlte wie, ihr allmählich die Beine nachgaben, da lag ihr plötzlich ihre Freundin in den Armen und preßte den Kopf an ihre Brust.

"Bice... Bice... du hast einen Verdacht gegen mich?... Du bist hierher gekommen, weil du einen Verdacht gegen mich hast, stimmt's?"

"Nein... nein... ich schwöre dir, Gabriella... nein... erst jetzt..."

"Jetzt, nicht wahr? Ja... Aber du hast unrecht, du hast unrecht, Bice... Denn du kannst nicht verstehen..."

"Was ist denn gewesen?... Gabriella, komm, sag es mir, was ist gewesen?"

"Du kannst es nicht verstehen... du kannst es nicht verstehen... ich kenne den Grund dafür, daß dein Mann wahnsinnig geworden ist... ich kenne ihn!"

"Den Grund? Welchen Grund?"

"Ich kenne ihn, weil er in mir ist, auch in mir, dieser Grund, wahnsinnig zu werden... um dessentwillen, was uns beiden geschehen ist!"

"Euch beiden?"

"Ja... ja... mir und deinem Mann."

"Ach, also so?"

"Nein, nein! Nicht, wie du es dir vorstellst! Du kannst es nicht verstehen... ohne zu betrügen, ohne es zu denken oder zu wollen... in einem Augenblick... etwas Entsetz­liches, an dem niemand schuld hat. Siehst du, wie ich dir das erzähle? Wie ich zu dir davon sprechen kann? Weil ich keine Schuld habe! Und er auch nicht! Aber eben deshalb... Hör mir zu, hör mir zu; und wenn du erst alles weißt, wirst du vielleicht auch wahnsinnig werden, so wie ich nahe daran bin, wahnsinnig zu werden, so wie er wahnsinnig geworden ist... Hör zu! Du hast dich doch eben an den Tag erinnert, an dem du im Automobil von der Villa nach Perugia gefahren bist, nicht wahr? An dem er dir zwei Rosen gab und von den Büchern sprach..."

"Ja."

"Gut: An diesem Morgen ist es geschehen!"

"Was?"

"Alles, was vorgefallen ist. Alles und nichts... Laß es mich erzählen, um Himmels willen! Es war sehr heiß, erin­nerst du dich? Nachdem wir deiner Abfahrt zugesehen hatten, gingen wir beide, er und ich, durch den Garten zurück. Die Sonne brannte und der Lärm der Zikaden war ohrenbetäubend... Wir gingen wieder ins Haus und setzten uns in den kleinen Salon neben dem Eßzimmer. Die Jalousien waren geschlossen, die Läden zugezogen; es war fast dunkel da drinnen; und die unbewegliche Kühle... (ich erzähle dir jetzt meine Ein­drücke, die einzigen, die ich haben konnte, an die ich mich erinnere und erinnern werde, solange ich lebe; aber viel­leicht hatte er sie auch, ganz dieselben Eindrücke... er mußte sie wohl haben, sonst könnte ich mir gar nichts mehr erklären); es war diese unbewegliche Kühle, nach all dieser Sonne und dem betäubenden Lärm der Zikaden... in einem Augenblick, ohne es auch nur zu denken, ich schwöre es dir! Nie, nie, weder ich noch er, das ist ganz sicher... wie durch eine unwiderstehliche Anziehung dieser schrecklichen Leere, der angenehmen Frische in diesem Halbdunkel... Bice, Bice... so, ich schwöre es dir, in einem Augenblick..."

Donna Bicetta Daddi sprang auf, getrieben von einer Woge des Hasses und der Verachtung: "Ach, deshalb also?" zischte sie zwischen den Zähnen, wobei sie mit einer katzenhaften Bewegung zurückwich.

"Nein! Nicht deshalb!" schrie Gabriella Vanzi, während sie ihr die Arme in einer flehenden und verzweifelten Geste entgegenstreckte. "Nicht deshalb, nicht deshalb, Bice! Dein Mann ist deinetwegen verrückt geworden, deinetwegen, nicht meinetwegen!"

"Meinetwegen ist er verrückt geworden? Was willst du damit sagen? Wegen der Gewissensbisse?"

"Nein! Was denn für Gewissensbisse? Man braucht doch keine Gewissensbisse zu haben, wenn man den Fehltritt nicht gewollt hat... Das kannst du nicht verstehen! So wie auch ich es nicht verstehen könnte, wenn ich nicht bei der Über­legung, was mit deinem Mann geschehen ist, an meinen Mann gedacht hätte! Ja, ja, ich verstehe jetzt den Wahnsinn deines Mannes, weil ich an meinen denke, der auf dieselbe Weise wahnsinnig würde, wenn ihm das geschähe, was deinem Mann mit mir geschehen ist! Ohne Gewissensbisse! Ohne Ge­wissensbisse! Und eben deshalb, weil es ohne Gewissensbisse geschehen ist... Verstehst du? Das ist ja das Ensetzliche daran. Ich weiß nicht, wie ich dir das begreiflich machen soll! Ich begreife es ja auch nur, ich sage es noch einmal, wenn ich an meinen Mann denke und mich vor mir sehe, so ohne irgendwelche Gewissensbisse um eines Fehltritts willen, den ich nicht begehen wollte. Siehst du, wie ich dir davon erzählen kann, ohne zu erröten? Weil ich nicht weiß, Bice, weil ich wirklich nicht weiß, wie dein Mann ist; so wie er sicherlich nicht weiß, nicht wissen kann, wie ich bin... Es war wie ein Wirbel, verstehst du? Wie ein Wirbel, der sich plötzlich zwischen uns aufgetan hat, ohne daß jemand es geahnt hätte, um uns in einem Augenblick zu packen und hinabzuziehen, und er hat sich sofort wieder geschlossen, ohne auch nur die geringste Spur zu hinterlassen! Sofort danach war unser Gewissen wieder rein und gleichmäßig. Wir haben nicht mehr an das gedacht, was zwischen uns vorgefallen war, nicht einmal für einen Augenblick; unsere Verwirrung dauerte nur einen Moment; wir sind davongelaufen, der eine hierhin, der andere dorthin; aber kaum waren wir allein: Nichts, als ob nichts gewesen wäre, nicht nur vor dir, als du kurz danach zurückkamst, sondern auch vor uns selbst. Wir konnten einander in die Augen sehen und wieder wie vorher miteinander reden, ganz genauso wie vorher, als ob nichts geschehen wäre, denn es war, das schwöre ich dir, keine Spur mehr von dem Vorgefallenen in uns. Nichts, nichts, nicht einmal ein Schatten der Begierde, gar nichts. Alles zu Ende. Verschwunden. Das Geheimnis eines Augen­blicks, begraben für immer. Nun, das war es, was deinen Mann in den Wahnsinn getrieben hat. Nicht der Fehltritt, den keiner von uns zu begehen gedacht hat! Sondern das: die Möglichkeit zu denken, daß das geschehen kann; daß eine ehrbare Frau, die ihren Mann liebt, in einem Augenblick, ohne es zu wollen, durch einen hinterhältigen Überfall der Sinne, durch die rätselhafte Komplizenschaft des Augen­blicks, des Ortes, in die Arme eines anderen Mannes sinkt; und eine Minute danach alles wieder vorbei ist, auf immer; der Wirbel hat sich wieder geschlossen; das Geheimnis ist begraben; keine Gewissensbisse; keine Verwirrung; keine Anstrengung, um den anderen, um uns selbst ins Gesicht zu lügen. Er hat einen Tag gewartet, zwei, drei; er hat keine Bewegung in seinem Inneren gespürt, weder in deiner Gegenwart, noch in der meinen; er hat mich gesehen, ganz so, wie ich vorher war, mit ihm wie mit dir; er hat wenig später - erinnerst du dich? - meinen Mann in die Villa kommen sehen, er hat gesehen, wie ich ihn begrüßt habe, mit welcher Sehnsucht, mit welcher Liebe... und da hat der Abgrund, in dem unser Geheimnis auf immer versunken war, ohne die geringste Spur zu hinterlassen, ihn allmählich eingesogen und ihm den Verstand verwirrt. Er hat an dich gedacht; er hat gedacht, daß vielleicht auch du..."

"Auch ich?"

"Ach, Bice, es wird dir sicherlich nie so etwas passiert sein, ich glaube es schon, meine liebe Bice! Aber wir, er und ich, wir wissen aus Erfahrung, daß es geschehen kann, und daß es, wie es bei uns möglich war, ohne daß wir es wollten, auch bei jeden anderen möglich ist! Er wird gedacht haben, daß er dich manchmal, wenn er nach Hause kam, im Salon vorgefunden hat, mit einem seiner Freunde, und daß es in einem Augenblick auch dir geschehen hätte können, und diesem Freund, das, was mir und ihm geschehen konnte, in derselben Weise; daß du in dir, ohne jede Spur, dasselbe Geheimnis verschließen, es ohne jede Lüge verbergen könntest, das ich in mir verschloß und vor meinem Mann verbarg, ohne ihn zu belügen. Und kaum war ihm dieser Gedanke in den Kopf geraten, da hat ein dünnes, scharfes Brennen begonnen, an seinem Gehirn zu nagen, wenn er dich fremdartig, fröhlich und liebevoll im Umgang mit ihm sah, wie ich es mit meinem Mann war; mit meinem Mann, den ich, das schwöre ich dir, mehr als mich selbst liebe, mehr als alles auf der Welt! Er begann zu denken: "Nun, und diese Frau, die sich ihrem Mann gegenüber so benimmt, ist einen Augenblick lang in meinen Armen gelegen! Und deshalb könnte doch auch meine Frau, in einem Augenblick... wer weiß?... wer kann das je wissen?...". Und so ist er wahnsinnig ge­worden. Ach! Sag nichts, Bice, ich bitte dich, sag nichts!"

Gabriella Vanzi stand auf, totenbleich und zitternd.

Sie hatte gehört, wie draußen, im Vorzimmer die Türe aufgegangen war. Ihr Mann kam nach Hause.

Als Donna Bicetta Daddi sah, wie ihre Freundin mit einem Schlag ihr früheres Gesicht wieder zurückbekam, rosig, mit klaren Augen, und einem Lächeln auf den Lippen, als sie ihrem Mann entgegenging, da blieb sie fast zerstört zurück.

Gar nichts, ja, das stimmte: keine Verwirrung mehr, keine Gewissensbisse, keine Spur...

Und Donna Bicetta begriff ganz und gar, weshalb ihr Mann, Romeo Daddi, wahnsinnig geworden war.

 

© Michael Rössner.

 

Novellen - Vorbemerkung


Pirandello auf Deutsch - Index


Anfangenseite

 

LUCILLA (nun, da sie sich’s mit den Nonnen verdorben hat) - (Lucilla (Ora che s'è guastata con le monache) – 1934)

 

aus dem Italienischen von Michael Rössner

Italienische Version

 

Eine Wiese in der Sonne, frisches Gras, Klangfäden inmitten der Stille, die erscheint wie eine einzige Verzückung. Verzückung darüber, wie hier sich die goldenen Blüten entzünden und dort die roten lichterloh brennen.

Aber schon beginnt er herabzusinken, schräg und bedrohlich, der blaue Schatten des Klosters mit dem plumpen Kreuz auf der Spitze des Giebels, das sich so sehr in die Länge zieht, daß es gegen das weiße Mäuerchen prallt, das die Klostergärten schützt, und sich zerbrochen an ihm aufrichtet.

Lucilla, die schon eine ganze Weile gegen die Mauer des Klosters gelehnt hatte, hörte zu Weinen auf, als ihr plötzlich der Schatten dieses Kreuzes ins Auge stach.

Ist denn das die Möglichkeit, so lang?

 

Immer schon hat sie gedacht, wenn sie ihre Blicke bis da hinaufschickte, daß sie es doch ein bißchen weniger plump hätten machen können, dieses kleine Kreuz; im Grunde jedoch, ohne daß sie es sich vorgesagt hätte, fand sie es durchaus in Ordnung, daß es so da droben auf dem spitzen Giebel kauerte, ohne je die Sehnsucht zu zeigen, sich ein bißchen zu strecken, um zu einem schlanken und hohen Kreuz zu werden, das in den Himmel ragte.

Und nun, jetzt, da die Sonne darauf scheint, vergönnt es sich plötzlich dieses Vergnügen, und gleich in so unwahrscheinlich übertriebener Form: Bumm! Gleich bis zur Mauer hin... Und wenn dann sie, Lucilla, sich in die Sonne legt, bis wohin würde sie wohl reichen?

Sie tritt aus dem Schatten heraus und läßt sich auf der Wiese von der Sonne bescheinen.

Na, wie sieht sie aus?

Eine Mißgeburt, dazu noch schief.

Der Ärger, den sie darüber empfindet, steigert sich zusammen mit der Überraschung und dem Unverständnis für diese Erscheinung zu einer wilden Wut, eine Wut, die ihr die Eingeweide tief drinnen zusammenschnürt wie ein Seil, kaum, daß dort auf der Wiese der Schatten von jemand anderem hinzutritt, sich neben den ihren legt und ihn sofort übertrifft, bis er den ihren im Handumdrehen winzig erscheinen läßt, kleiner als den Schatten eines Kindes.

Sie fährt herum (denn sie hat den Schatten der Laienschwester erkannt, die sie holen kommt) und schreit ihr entgegen, die Fäuste vorgestreckt, mit einem zornverzerrten Gesichtchen und den Augen einer geprügelten Katze:

„Nein! Nein! Nein! Und wenn sie noch so sehr auf mich warten, ich gehe nicht mehr zurück! Ich gehe nicht mehr dahin zurück!

Und sie läuft in den Schatten und setzt sich wieder ins Gras, den Rücken an das Klostermäuerchen gelehnt.

Bei diesem Wutausbruch ist die Laienschwester stehen geblieben; sie folgt ihr mit den Blicken; dann will sie erneut auf sie zugehen, aber da springt die Kleine wieder in die Höhe, zur Flucht bereit, und die Schwester bleibt erneut stehen:

„Ach hör doch auf, sei nicht so dumm“, sagt sie. „Du bist doch kein kleines Mädchen mehr!“

Ein einziges Beben, das Gesicht blutrot angelaufen, das ihr bei diesen Worten in den Kopf gestiegen ist, ballt sie erneut die Fäuste und tritt ihr entgegen:

„Ach so? Das sagst du mir? Na, eben deshalb, weil ich kein kleines Mädchen mehr bin!“

Und die Worte selbst, während sie sie ausspricht, verursachen nach und nach dieses gräßliche Schauspiel in Lucillas Augen und Mund: die Augen, blutunterlaufen vom Weinen und funkelnd vor Wut, sprühen Tränen, und sofort werden sie mit diesen Tränen in dem kleinen Mädchengesicht Augen einer Erwachsenen; und die Stimme, die Stimme zwischen den gefletschten Zähnen, die wird zu der Stimme einer Frau, der nichts mehr fremd ist.

Bei diesem Schauspiel scheint die Laienschwester sich betrübt in sich selbst zu verschließen; sie wirkt noch gelber und noch magerer als zuvor; sie weiß nichts mehr zu sagen, holt schließlich aus dem schwarzen Umhangtuch, das sie um die Schultern gelegt hat, zwei vertrocknete Hände hervor, die aussehen, als wären sie aus abgewetztem Stein, und legt sie ineinander, um sie mitleidsvoll zu ringen.

„Aber was willst du bloß anfangen?“, fragt sie schließlich. „Wo willst du hin?“

Lucilla schüttelt sich: „Das lassen Sie nur meine Sorge sein! Kümmern Sie sich nicht darum!“

Die andere setzt sich in Bewegung, um ins Kloster zurückzugehen. Nach zwei Schritten, sich kaum umwendend, um ihr Weinen zu verbergen, seufzt sie, mit einer dieser Hände vor sich hin weisend:

„Da, dein Kloster...“

Damit geht sie.

In der Leere der Luft bleibt von ihrer Stimme so etwas wie der Schatten von dem zurück, was da war: das Bedauern und der Vorwurf. Und Lucilla sieht das Kloster an.

 

Dort ist sie geboren. Und tatsächlich, auch wenn sie es sich selber nicht mehr zugeben will, fühlt sie, wie sie an ihm hängt. Sie hängt an ihm, weil sie es statt als großes, sehr großes Kloster, wie sie es ja ruhig hätten machen können, als kleines, ganz kleines gebaut haben, als wäre es gerade für sie gemacht. So wie ihr Vater, der dort so viele Jahre Sakristan gewesen ist, gerade für sie die Möbelchen ihres Zimmerchens da drinnen gebastelt hat, ehe er starb: geradezu Puppenmöbelchen, damit sie sich nicht gekränkt fühlen sollte: das Bettchen, die Stühlchen, das Tischlein, alles in der richtigen Proportion für ihre Größe. Denn für diesen Vater und für diese Mutter, die sicherlich nicht zum Kinderkriegen gemacht war (immerhin starb sie ja, kaum daß sie sie so winzig klein auf die Welt gebracht hatte), ist sie stets wie eine aus weiter Ferne betrachtete Tochter gewesen, von dort aus, von ihrer Geburt, vor zwanzig Jahren. Und da diese Augen der Mutter, die sich von Jahr zu Jahr mehr entfernten, sie so ansahen, war das bißchen, was sie zu wachsen vermocht hat, bitte, hier, wenig, ganz wenig, eigentlich gar nichts: nur an Jahren ist sie gewachsen, aber wenn man sie ansieht, ist sie ein kleines Mädchen geblieben: das ist alles. Nein, keine Zwergin! Von einer Zwergin hat sie gar nichts! Im Gegenteil, wenn sie vorübergeht, drehen sich alle verwundert nach ihr um, so hübsch ist sie mit ihrem Lockenköpfchen auf dem schlanken Hals, das sie hierhin und dorthin drehen kann, wie sie will, und lauter Locken fliegen um sie herum wie viele kleine Schlangen; ihr Körper ist perfekt, eine Miniatur. Und sie weiß es, sie weiß es besser als alle anderen, wie ihr Körper ist, seit sie ihn kennen gelernt hat, aus den Blicken, mit denen gewisse Mannsbilder ihn verfolgen, diese Idioten!

Darin liegt der Hohn, die Wut, die Folter für sie: daß sie in ihrem Inneren, wenn sie denkt, ohne sich zu sehen, nunmehr ganz wie eine Große denkt, wie eine Frau, eine fertige Frau wie alle anderen. Wenn sie sich dann von diesen blöden bandagierten Schwesternköpfen als kleines Kind behandelt sieht, von ihnen, die, ja, sie schon, so alt sie auch sein mögen mit ihren Saure-Milch-Gesichtern, stets schauen, reden, kichern und sich benehmen wie dumme kleine Kinder; wenn sie sich von ihnen wie eine Puppe behandelt sieht, wie ein Spielzeug, das man aufnimmt und dann von den Armen der einen zu denen der anderen weitergibt, wobei sie alle herzen und damit ausnützen, keine will es wahrhaben, daß sie schon ganz Frau geworden ist; nein, da kann man nicht mehr aushalten, das darf man nicht mehr aushalten, das muß aufhören; es ist schon zu Ende. Sie hat heute drei oder vier von ihnen das Gesicht zerkratzt, als sie die Finger sich von selbst krümmen fühlte, und sie weiß gar nicht mehr, welche Unflätigkeiten und Beleidigungen sie ihnen ins Gesicht geworfen hat, mit Schaum vor dem Mund.

Sie haben ihr die Barmherzigkeit erwiesen, sie bei sich zu behalten, in diesem Zimmerchen, auch nachdem ihr Vater gestorben war? Na, danke vielmals, damit sie sich dieses Vergnügen verschaffen konnten, eine lebendige Puppe zu haben, mit der sie in der Freizeit zwischen den Gebeten ordentlich spielen konnten! Sie haben ihr, der Puppe, eigenhändig eine Aussteuer genäht, Kleider und Wäsche? Das wird sie ihnen alles zurücklassen, alles; sie wird nichts mitnehmen; so, wie sie ist wird sie noch heute abend zu Nino gehen.

Zu Nino, jawohl, zu Nino. Sehr bald schon. Um sieben. Nino hat es ihr selbst gesagt.

Sie wird zu ihm ziehen. Sie versteht sich auf alles: sie kann das Haus in Ordnung halten, ihm das Essen zubereiten, die Kleider in Ordnung halten, nähen und bügeln. Mit ihrem kleinen Bügeleisen hat sie Tröge voll von Wäsche gebügelt, dort im Kloster!

Und Nino weiß es sehr gut, daß sie schon eine Frau ist. Vom ersten Augenblick an, in dem auch er sie zum Scherz auf den Arm nahm, als er auf seinem gewohnten Gang am Abend auf der Wiese vorbeikam, auf dem Rückweg von der Koppel, wo er seine Pferde züchtet, mit seinem alten Hirtenhut, aber doch ganz als Herr, mit den schönen leuchtenden Gamaschen und den Sporen daran; schon damals, als er sie unter den Achseln faßte, hat er plötzlich, während er ihr mit beiden Daumen an die Brust griff, so eine schlitzohrige Geste mit dem Kopf gemacht, jawohl, und sie in so bestimmter Weise angegrinst, wobei er ein „Ahhh...“ der Überraschung und Bewunderung hervorstieß und sie mit ganz verzückten Augen ansah. Und sie stieß die Hände nach vorne, auf seine Wangen zielend, um den Mund abzuhalten, der sie zu küssen versuchte, dort, direkt an seiner Brust, dieser Nino. Was für Augen er hatte! Schwarz und lachend! Die gingen einem durch und durch, diese Augen! Und was für Zähne, wenn er lachte! 

Schon sieben Uhr?

Seit sie dort auf der Wiese vor sich hingegrübelt hat, nachdem sie sich entschlossen hatte, mit den Nonnen Schluß zu machen, ist Lucilla wie trunken; sie sieht nichts mehr, sie läuft, fliegt wie ein von der Sonne geblendeter Schmetterling; und als sie sich endlich im Toreingang des Hauses wiederfindet, in dem Nino wohnt, scheint es ihr, als wäre sie nach der Art eines Kreisels hierhergeschwebt, in einem schwindelerregenden wilden Reigentanz. Sie kriegt gar keine Luft mehr; und jetzt, o Gott, jetzt muß sie all diese Stufen da hinauf, und was für Stufen! Bis in das oberste Stockwerk des alten verfallenen Bauernhauses.

Endlich kommt sie oben an, sich ein bißchen an der Mauer, ein bißchen am Geländer abstützend hat sie’s geschafft; aber als sie endlich oben ist, vor der Türe, da gelingt es ihr nicht, so sehr sie sich auch auf die Zehenspitzen stellt und das Ärmchen in die Höhe reckt, die viel zu hoch angebrachte Türglocke zu erreichen; und da beginnt sie mit ihren kleinen Fäusten auf die Türe einzuhämmern:

„Mach auf, Nino, mach auf! Ich bin es! Ich bin zu dir gekommen!“

In dem Dunkel des Raumes kann sie nicht deutlich ausmachen, wer ihr geöffnet hat. Neben sich spürt sie so etwas wie Stallgestank, während eine schwielige Hand unbeholfen nach der ihren tastet, um sie zu fassen, so wie man Kinder an der Hand nimmt, die man zu einem Erwachsenen hinführen will. Die Verwirrung, schlimmer noch, der Schrecken, die von ihr Besitz ergreifen, haben freilich nichts mit diesem Gestank zu tun, und auch nicht mit diesem unbeholfenen Akt, dem sie sich instinktiv entzieht; es ist vielmehr wegen dieses ungeheuren Durcheinanders von brüllendem Gelächter und lauten Stimmen, das aus dem anliegenden Raum dringt, zu dem die Türe nur angelehnt ist, wobei das aus dem Türspalt dringende Licht Lucilla den Eindruck vermittelt, da drinnen loderten und prasselten die Flammen wie in einem Backofen.

Lucilla beginnt zu zittern; sie möchte am liebsten davonlaufen; aber da springt die Türe auf; rohe, betrunkene Landmänner, in groben Samt gekleidet, mit Gamaschen und Sporen an den Beinen; tierische, rot angelaufene Gesichter, brüllend, schwankend, die Pranken nach ihr ausstreckend; sie ziehen sie hinein, mitten in eine Wolke aus Rauch; als wäre die Stimmung auf den Höhepunkt gelangt, dringt ein höhnisches Lachen aus allen Mündern; der eine legt die Pfeife zur Seite, der andere stellt Glas und Flasche weg, und dann stürzen sich alle auf sie; sie wollen auch mit ihr spielen, aber auf welch andere Weise! Sie quetschen sie, sie zerdrücken sie, sie wollen sie entblößen; und sie schreit, kreischt, schlägt um sich, bis endlich Nino, der auch grinst und sich förmlich in einem Lachkrampf windet, der ihm die Tränen in die Augen getrieben hat, sie mit einem kräftigen Ruck von den anderen befreit, worauf er sich wieder hinsetzt und sie schützend zwischen seine Beine nimmt, wobei er den anderen zuruft:

„Schluß! Basta! Ich fühle, wie ihr Herz klopft, o Gott, ja, ja freilich, ich fühle es hier am Knie, wie ihr Herz klopft!“

Er bemerkt nicht, daß Lucilla auf diesem Knie zusammengebrochen ist, und daß sie, würde er die Beine öffnen, wie ein feuchter Lappen ohnmächtig zu Boden fallen würde.

Dann packt er mit einer Hand einen schmuddeligen Bauernjungen von etwa vierzehn Jahren, einen Trottel, der, ganz zerzaust und gerührt (er war es, der die Türe öffnen gegangen war) neben ihm hockt, und schüttelt Lucilla, um ihn ihr vorzustellen:

„Da habe ich einen kleinen Bräutigam für dich! Nebenan ist schon alles für euch vorbereitet!“ 

Lucilla weiß nicht mehr, wie viel Zeit verstrichen ist; nicht, was dort wirklich geschehen ist; sie hat sich gewehrt, gewunden, befreit, gebissen, gekratzt, und jetzt geht sie durch die Nacht, sie weiß nicht wohin, eine kleine, ganz kleine Gestalt, über große, verlassene, unbekannte Straßen; sie ist wie von einem Wahn ergriffen, wie in Trance; und sie betrachtet, so klein wie sie ist, die riesenhaften Stämme der Bäume, deren Wipfel sie kaum zu erspähen vermag, und noch höher, viel höher, leere, erleuchtete Fenster, als wären sie im Himmel, in dem sie verschwinden möchte, verschwinden, wenn Gott, wie sie so sehr hofft, ihr endlich die Flügel dafür schenken wird.

© Michael Rössner. 

Nacht - (Notte - 1922)

 

Erstveröffentlichung im Corriere della sera vom 1.8.1912. Keine wesentlichen Varianten. 

us dem Italienischen von Michael Rössner

Italienische Version

 

Als die Station Sulmona vorüber war, blieb Silvestro Noli allein in dem schmutzigen Waggon zweiter Klasse zurück.

Er wendete einen letzten Blick dem rauchigen Flämmchen zu, das flackerte und bei den Stößen des Zuges beinahe auszugehen drohte, weil das Petroleum herausgespritzt war und in dem bauchigen Glas der Lampe hin und herschwappte; dann schloß er die Augen, in der Hoffnung, durch die Müdigkeit der langen Reise (er war seit einem Tag und einer Nacht unterwegs) würde der Schlaf ihn aus der Beklemmung reißen, in der er sich mehr und mehr versinken fühlte, je näher ihn der Zug an den Ort seiner Verbannung brachte.

Nie mehr! Nie mehr! Nie mehr! Wie lange schon wiederholte das rhythmische Rattern des Räder auf den Schienen in der Nacht immer wieder diese beiden Worte?

Nie mehr, jawohl, nie mehr würde er das unbeschwerte Leben seiner Jugend führen, nie mehr dort unter den sorglos heiteren Freunden, unter den bevölkerten Laubengängen seines Turin; nie mehr den Trost spüren, den warmen, heimeligen Atem seines alten Vaterhauses; nie mehr die liebevolle Zuwendung der Mutter, nie mehr das zärtliche Lächeln im beschützenden Blick des Vaters.

 

Vielleicht würde er sie überhaupt nie mehr wiedersehen, seine lieben alten Eltern! Die Mamma, vor allem die Mamma, nie mehr! Ach, wie er sie jetzt wiedergefunden hatte, nach sieben Jahren Abwesenheit! Gebeugt, eingeschrumpft, in so wenigen Jahren, wachsbleich und ohne Zähne. Nur die Augen lebten noch. Arme, liebe, heilige, schöne Augen!

Während er der Mutter, während er dem Vater so zusah, ihren Reden lauschte, wenn sie durch die Zimmer gingen und suchend um sich blickten, da hatte er sehr wohl empfunden, daß nicht bloß für ihn allein das Leben des Vaterhauses zu Ende gegangen war. Bei seiner letzten Abreise vor sieben Jahren hatte das Leben auch für die anderen aufgehört.

Hatte er es also mit sich fortgenommen? Und was hatte er damit angefangen? Wo war denn das Leben noch in ihm? Die anderen mochten geglaubt haben, daß er es mit sich fortgenommen hatte, aber er wußte, daß er hingegen seines dort zurückgelassen hatte, als er fortfuhr; und daß er nun, als er es nicht wiederfand, als er hörte, wie man ihm sagte, daß er dort nichts mehr finden könne, weil er alles mit sich fortgenommen hatte, in dieser Leere eine Eiseskälte gespürt hatte.

Mit dieser Eiseskälte im Herzen fuhr er nun zurück in die Abruzzen, da der vierzehntägige Urlaub zu Ende ging, den ihm der Direktor der Knabenrealgymnasien von Città Sant'Angelo gewährt hatte, wo er seit fünf Jahren Zeichnen unterrichtete.

Vor den Abruzzen war er ein Jahr Professor in Kalabrien gewesen; dann ein weiteres Jahr in der Basilicata. In Città Sant'Angelo hatte er, besiegt und blind gemacht von dem glühenden, unwiderstehlichen Wunsch, eine Gefühlsbindung zu finden, die in ihm die Leere ausfüllen sollte, in der er sich verloren fühlte, die Verrücktheit begangen, sich zu verheiraten. Und so hatte er sich selbst dort für immer festgenagelt.

Die Ehefrau war in diesem hochgelegenen, feuchten Dörfchen, das nicht einmal Trinkwasser hatte, mit den bangen Vorurteilen, der engherzigen Kleinlichkeit, der Störrigkeit und der Trägheit des dummen, faulen Lebens in der Provinz aufgewachsen: Anstatt ihm eine Gefährtin zu sein, hatte sie die Einsamkeit rund um ihn noch gesteigert und ließ ihn jeden Augenblick spüren, wie weit entfernt er war von der Wärme einer Familie, die seine Familie hätte sein sollen, in die aber nie auch nur einer seiner Gedanken, eines seiner Gefühle einzudringen vermochte.

Ein Kind war ihm geboren worden, und - entsetzlich! - auch dieses Kind, sein Kind, hatte er vom ersten Tag an als etwas ihm Fremdes empfunden, als ob es ganz der Mutter gehört hätte und ihm gar nicht.

Vielleicht wäre der Bub sein Kind geworden, hätte er ihn von dort losreißen können, von diesem Haus, von diesem Dorf; und auch die Frau wäre vielleicht tatsächlich zu seiner Gefährtin geworden, und er hätte die Freude empfunden, ein eigenes Haus, eine eigene Familie zu besitzen, wenn er die Versetzung an einen anderen Ort beantragen und erreichen hätte können. Aber es war ihm versagt, diese Rettung auch bloß für eine ferne Zukunft zu erhoffen, denn seine Frau, die sich nicht einmal für eine kurze Hochzeitsreise aus ihrem Heimatort wegbewegen hatte wollen, nicht einmal dafür, seine Mutter und seinen Vater und die anderen Turiner Verwandten kennenzulernen, seine Frau drohte, sie würde sich im Fall einer Versetzung lieber noch von ihm als von den Ihren trennen.

Also: dort. Dort verschimmeln, dort warten, in dieser entsetzlichen Einsamkeit, daß seinem Geist nach und nach ein Panzer aus Dummheit zuwächst. Er liebte so sehr das Theater, die Musik, alle Künste, und er verstand es kaum, von etwas anderem zu sprechen; er würde auf ewig den Durst danach verspüren, jawohl, auch danach, wie nach einem Glas reinen Wassers! Ach, er konnte es einfach nicht trinken, dieses lehmige, rohe, sandige Wasser der Zisternen. Es hieß, es wäre nicht schädlich; aber er verspürte doch seit einer ganzen Weile Magenschmerzen. Einbildung? Ja, freilich! Zu allem Überdruß auch noch ausgelacht werden!

Seine geschlossenen Lider vermochten die Tränen nicht mehr zurückzuhalten, mit denen sie sich gefüllt hatten. Während er sich um die Lippe biß, als wollte er verhindern, daß ihm auch noch das eine oder andere Schluchzen aus der Kehle drang, zog Silvestro Noli ein Taschentuch aus der Hosentasche.

Er dachte nicht daran, daß sein Gesicht von der langen Reise ganz rauchgeschwärzt war; als er das Taschentuch betrachtete, war er verärgert und gekränkt über den schmutzigen Abdruck seines Weinens. Er sah in diesem schmutzigen Abdruck ein Bild seines Lebens, und er schob das Taschentuch zwischen die Zähne, als wollte er es in Fetzen reißen.

Endlich fuhr der Zug in die Station Castellamare Adriatico ein.

Wegen einer Fahrt von zwanzig Minuten mußte er in diesem Bahnhof nun mehr als fünf Stunden auf den Anschluß warten. Das war das Schicksal der Reisenden, die mit dem Nachtzug aus Rom kamen und auf der Strecke nach Ancona oder nach Foggia weiterreisen wollten.

Gott sei Dank gab es auf dem Bahnhof ein Kaffeehaus, das die ganze Nacht offen war, weiträumig, hell erleuchtet, mit gedeckten Tischen, in dessen Licht und Bewegung man sich irgendwie über die Untätigkeit und Traurigkeit des langen Wartens hinwegtäuschen konnte. Aber auf den aufgedunsenen, bleichen, schmutzigen und abgespannten Gesichtern der Reisenden war eine düstere Beklemmung, ein drückender Ärger, ein bitterer Ekel gegenüber dem Leben zu lesen, das sich, fern der gewohnten Gefühlsbeziehungen, außerhalb der ausgetretenen Spur der Gewohnheiten, für alle als leer, blöde und unerträglich erwies.

Vielleicht fühlten viele von ihnen, wie sich ihnen das Herz zusammenkrampfte bei dem klagenden Pfeifen des Zuges, der durch die Nacht brauste. Vielleicht dachte jeder von ihnen daran, daß Zank und Verdruß der Menschen nicht einmal in der Nacht ruhen; und da sie in der Nacht mehr als sonst nichtig erscheinen, weil ihnen die Trugbilder des Lichtes fehlen, und auch aufgrund dieses Gefühls einer bangen Vorläufigkeit, das von jedem Besitz ergreift, der unterwegs ist und uns die Empfindung vermittelt, wir wären verloren auf dieser Erde, dachte vielleicht jeder von ihnen dort daran, daß der Wahnsinn die Feuer in den schwarzen Maschinen entzündet und daß die Züge, die durch die dunklen Ebenen rasen, lärmend über die Brücken rattern und sich in lange Tunnels stürzen, in der Nacht, unter den Sternen, von Zeit zu Zeit einen verzweifelten Klagelaut ausstoßen, weil sie gezwungen sind, so in der Nacht den menschlichen Wahnsinn die Eisenwege entlang zu schleifen, die der Mensch verlegt hat, um seinen unstillbaren, wilden Ausbrüchen Gelegenheit zu geben, sich abzureagieren.

Nachdem Silvestro Noli mit langsamen Schlucken eine Tasse Milch ausgetrunken hatte, stand er auf, um den Bahnhof durch die andere Türe des Kaffeehauses am Ende des Saales zu verlassen. Er wollte zum Strand, die nächtliche Meeresbrise atmen, die lange Straße durch die schlafende Stadt entlanggehen.

Aber als er sich an einem der Tische vorbeidrängte, hörte er, wie ihn eine sehr klein gewachsene Dame, schlank, blaß, hager, in dem strengen Trauerkleid einer Witwe, ansprach.

"Professor Noli..."

Er blieb überrascht, ja verblüfft stehen:

"Signora... ach, Sie sind es, Signora Nina? Ja, wie ist denn das möglich?"

Es war die Frau eines Kollegen, Professor Ronchi, den er vor sechs Jahren in Matera in den technischen Fachschulen kennengelernt hatte. Verstorben war er, ja, ja, verstorben - er wußte es - vor wenigen Wochen in Lanciano verstorben, in noch sehr jungen Jahren. Er hatte im Mitteilungsblatt mit schmerzlichem Erstaunen davon gelesen. Der arme Ronchi, gerade, als er endlich ans Gymnasium gekommen war, nach so vielen unglücklich ausgegangenen Bewerbungsversuchen, plötzlich verstorben, an einem Herzschlag, durch ein Übermaß an Liebe, sagten die Leute, an Liebe zu seiner winzigkleinen Ehefrau, die er wie ein riesiger, gewalttätiger, starrköpfiger Bär ständig und überallhin hinter sich herschleppte.

 

Da war sie nun, die kleine Witwe, und drückte das schwarzgeränderte Taschentuch gegen den Mund, sah ihn an mit ihren schwarzen, wunderschönen Augen, die ganz versunken waren in die bläulichen, angeschwollenen Augenhöhlen, und berichtete ihm mit einem leichten Kopfschütteln von dem Entsetzlichen der Tragödie, die sie vor kurzem durchlebt hatte.

Als er aus diesen schönen schwarzen Augen zwei dicke Tränen quellen sah, lud Noli die Signora ein, aufzustehen und mit ihm aus dem Kaffeehaus hinauszugehen, um frei sprechen zu können, auf einem Spaziergang die verlassene Straße entlang bis zu dem Meer dort hinten.

Ihr ganzes armseliges nervöses Körperchen zitterte, bewegte sich ruckhaft und vollführte zuckende Gesten, mit den Schultern, mit den Armen, mit den überaus langen Händen, an denen fast kein Fleisch zu sein schien. Sie begann, sich überstürzend, zu reden, und sofort erschienen da und dort, auf den Schläfen und den Jochbeinen, flammendrote Flecken. Durch einen kleinen Aussprachefehler pflegte sie jedes F am Beginn eines Wortes doppelt auszusprechen, als würde sie schnauben, und ununterbrochen fuhr sie sich mit dem Taschentuch über die Nasenspitze und die Oberlippe, die sich ihr auf seltsame Weise ständig mit Schweißperlen bedeckten, während sie sprach. Dazu wurde ihre Speichelproduktion so übermäßig, daß die Stimme bisweilen förmlich darin zu ertrinken schien.

"Ach, Noli, sehen Sie? Lieber Noli, da, da hat er mich zurückgelassen, mit drei Kindern, in einem Dorf, in dem ich niemanden kenne, wo ich fffor kaum zwei Monaten erst angekommen war. Allein, ganz allein... Ach, was fffür ein schrecklicher Mann, Noli! Er hat sich selbst zerstört und mich dazu, meine Gesundheit, mein Leben... alles... Auf mir, Noli, wissen Sie das? Auf mir ist er gestorben... auf mir..."

Sie wurde von einem langen Schauder geschüttelt, der beinahe in ein Wiehern mündete. Dann fuhr sie fort:

"Er hat mich aus meiner Heimat fffortgeholt, wo ich nun niemanden mehr habe außer einer Schwester, die auch geheiratet hat... Was sollte ich dort noch machen? ich will doch kein Schauspiel meines Elends bieten fffür die, die mich fffrüher einmal beneidet haben... Aber hier, allein mit drei Kindern, ohne einen Menschen zu kennen... was soll ich da tun? Ich bin ffferzweifelt... ich fffühle mich ffferloren... ich bin in Rom gewesen, um um einen Scheck zu bitten... Ich habe ja auf nichts Anspruch: nur elf Dienstjahre , elf Monatsgehälter: ein paar Tausend Lire... Aber sie haben sie mir noch immer nicht ausbezahlt. Am Ministerium habe ich so herumgeschrien, daß sie mich für ffferrückt gehalten haben... Liebe Signora, sagt er, kalt duschen, kalt duschen!... Aber ja, fffielleicht werde ich tatsächlich ffferrückt... Hier, hier spüre ich ständig einen Schmerz, einen nagenden, einen ziehenden Schmerz, hier im Gehirn, Noli... und ich bin wie rasend... ja, ja... ich bin jetzt wie rasend vor Wut... als würde mich fffon innen ein Fffeuer auffressen, ein Fffeuer im ganzen Körper... Ach, wie kühl, sie sich anfühlen, Noli, wie kühl!

Und während sie das sagte, mitten auf der feuchten, menschenleeren Straße, unter dem blassen Schein der elektrischen Straßenlampen, die viel zu weit von einander entfernt waren und so gerade einen schwachen, opalfarbenen Schimmer verbreiteten, hängte sie sich an seinen Arm und legte den Kopf, der in einem Häubchen aus schwarzem Krepp steckte, an seine Brust, rieb ihn hin und her, als wollte sie in seine Haut eindringen und brach in ein wildes Schluchzen aus.

Professor Noli, verblüfft, entsetzt und bewegt zugleich, wich instinktiv zurück, um der Berührung auszuweichen. Er begriff, daß diese arme Frau in dem Zustand der Verzweiflung, in dem sie sich befand, sich wie von Sinnen einfach an den ersten besten Mann ihrer Bekanntschaft geklammert hätte, der ihr über den Weg gelaufen wäre.

"Nur Mut, nur Mut, Signora", sagte er zu ihr. "Kühl? Jaja, kühl! Ich bin schon verheiratet, meine liebe Signora."

"So", sagte die kleine Frau und wich sofort zurück. "Verheiratet? Sie haben sich verheiratet?"

"Schon vor vier Jahren, Signora. ich habe auch schon einen Sohn."

"Hier?"

"Hier in der Nähe. In Città Sant'Angelo."

Die kleine Witwe ließ nun auch seinen Arm los.

"Aber sind Sie denn nicht aus Piemont?"

"Ja, direkt aus Turin."

"Und Ihre Gattin?"

"Nein, meine Gattin stammt von hier."

Die beiden blieben unter einer der elektrischen Straßenlampen stehen, sahen einander an und verstanden einander.

Sie stammte vom äußersten Zipfel Italiens, aus Bagnara Calabra.

Sie sahen sich beide in der Nacht verloren in dieser langen, breiten, verlassenen und melancholischen Straße stehen, die zum Meer führte, zwischen den schlafenden Häusern und Villen dieser Stadt hindurch, die so weit entfernt war von ihren wahren und ursprünglichen Gefühlen und doch so nahe von den Orten, an die ein grausames Schicksal ihren Wohnsitz verlegt hatte. Und sie empfanden für einander ein tiefes Mitgefühl, das sie in bitterer Weise davon überzeugte, daß sie nicht zueinander kommen durften, sondern sich von einander getrennt halten sollten, damit jeder für sich in seinem eigenen trostlosen Elend eingeschlossen bliebe.

Stumm gingen sie bis zu dem Sandstrand und näherten sich dem Meer.

Die Nacht war überaus friedlich, die Meeresbrise herrlich frisch.

Das endlose Meer war nicht zu sehen, aber man fühlte und hörte es, lebendig und pulsierend in dem schwarzen, unendlichen, stillen Schlund der Nacht.

Nur auf der einen Seite sah man ganz hinten zwischen den am Horizont lagernden Nebelschwaden etwas Blutrotes, Trübes, das auf den Wassern schaukelte. Vielleicht war es das letzte Viertel des abnehmenden Mondes, eingehüllt in den Dunst.

Auf dem Strand breiteten die Wellen sich nach allen Richtungen aus, ohne Schaum zu hinterlassen, wie stille Zungen, und da und dort ließen sie auf dem glatten, glitzernden Sand, der vom Wasser ganz durchtränkt war, die eine oder andere Muschel zurück, die dann sofort, wenn die Welle sich zurückzog, im Sand versank.

In der Höhe war diese ganze faszinierende Stille durchbrochen von dem wilden, unaufhörlichen Funkeln unzähliger Sterne, die so lebendig wirkten, als wollten sie der Erde in dem tiefen Mysterium der Nacht etwas erzählen.

Die beiden gingen weiter stumm eine lange Strecke über den feuchten, nachgiebigen Sand dahin. Die Spur ihrer Schritte dauerte gerade einen Augenblick; die eine begann zu verlöschen, während die nächste sich eindrückte. Zu hören war nur das leise Rascheln ihrer Kleider.

Ein weißschimmerndes Boot im Schatten, das man ans Ufer gezogen und auf dem Sand umgelegt hatte, zog sie an. Sie setzten sich darauf, sie auf der einen, er auf der anderen Seite, und verharrten noch eine Weile in Schweigen und betrachteten die Wellen, die sich gemächlich und gläsern auf dem grauen, weichen Sand ausbreiteten. Dann hob die Frau ihre schönen schwarzen Augen zum Himmel und zeigte ihm im Sternenlicht die Blässe ihrer gemarterten Stirn, ihrer Kehle, die sicher die Angst zuschnürte.

"Noli, singen Sie nicht mehr?"

"Ich... singen?"

"Aber ja, Sie haben doch gesungen, damals, in den schönen Nächten... Erinnern Sie sich nicht mehr, in Matera? Sie haben gesungen... Ich habe ihn noch in den Ohren, den Klang ihrer hübschen Stimme... Im Fffalsett haben Sie gesungen... so sanft... so fffoll leidenschaftlicher Anmut... Erinnern Sie sich nicht mehr?"

Er fühlte, wie ihm dieses plötzliche Heraufrufen der Erinnerung den tiefsten Grund seiner Seele aufwühlte, und in den Haarspitzen und auf dem Rücken verspürte er die Schauder einer unbegreiflichen Rührung.

Ja, ja... das stimmte: er hatte damals gesungen... sogar dort unten noch, in Matera, auch dort hatte er noch die lieben, leidenschaftlichen Lieder seiner Jugend gesungen, und an den schönen Abenden, wenn er mit irgendeinem Freund unter den Sternen spazieren ging, waren ihm diese Lieber wie von selbst auf die Lippen gekommen.

Es stimmte also, daß er es mit sich fortgetragen hatte, das Leben, aus seinem Turiner Elternhaus; dort unten hatte er es noch bei sich gehabt, freilich, wenn er doch gesungen hatte... vor dieser armen kleinen Freundin, der er vielleicht damals ein bißchen den Hof gemacht hatte, in diesen fernen Tagen, ach, nur so, aus Sympathie, ohne Hintergedanken... aus dem Bedürfnis heraus, um sich die Wärme von ein wenig Zuneigung zu spüren, die weiche Zärtlichkeit einer Frau, die ihm eine Freundin war.

"Erinnern Sie sich, Noli?"

Und er, die Augen starr in die Leere der Nacht gerichtet, stammelte: "Ja... ja, Signora, ich erinnere mich..."

"Weinen Sie?"

"Ich erinnere mich..."

Sie schwiegen von neuem.Während sie beide in die Nacht hinaussahen, fühlten sie nun, daß ihr Unglück förmlich als Dampf aufstieg, und längst nicht mehr bloß ihres allein war, sondern das Unglück der ganzen Welt, aller Wesen und aller Dinge, dieses dunklen und schlaflosen Meeres, dieser glitzernden Sterne am Himmel, des ganzen Lebens, das nie wissen kann, weshalb man geboren werden, weshalb man lieben, weshalb man sterben muß.

Die frische, angenehme, von so vielen Sternen durchlöcherte Dunkelheit am Meer hüllte ihre Trauer ein, ließ sie sich in der Nacht auflösen und mit diesen Sternen pulsieren, und langsam, leicht, in monotonem Rhythmus mit diesen Wellen auf den stillen Strand schlagen. Die Sterne, fragten nach dem Warum, auch sie, wenn sie diese Lichtfunken in die Abgründe des Raumes schickten; und das Meer fragte nach dem Warum dieser müden Wellen, und auch die kleinen Muscheln, die da und dort auf dem Sand zurückblieben.

Aber nach und nach wurde die Dunkelheit weniger dicht, zeigte sich allmählich über dem Meer ein erster kühler Schimmer des Morgengrauens. Da begann dann alles, was wie Dunst gewesen war, alles Uralte, fast Samtene in dem Schmerz dieser beiden Menschen, die noch immer auf den Seitenwänden des umgedrehten Bootes auf dem Sand saßen, sich zusammenzuziehen, sich mit nackter Härte abzuzeichnen wie die Umrisse ihrer Gesichter in dem ersten, noch unsicheren und verwischten Licht des neuen Tages.

Er fühlte sich wieder ganz von dem gewohnten Elend seines nahegelegenen Hauses umfaßt, in dem er bald ankommen würde; er sah es wieder vor sich, als wäre er schon dort, mit all seinen Farben, mit all seinen Details, mit seiner Frau und seinem Kleinen darin, die ihn voller Freude begrüßen würden. Und auch sie, die kleine Witwe, sah ihr Schicksal nicht mehr so schwarz und verzweifelt vor sich: sie hatte doch einige Tausend Lire mit, das heißt, das Leben war für einige Zeit gesichert: sie würde schon einen Weg finden, für die eigene Zukunft und die ihrer drei Kleinen zu sorgen. Mit den Händen richtete sie sich ein wenig die Haare auf der Stirne und sagte lächelnd zu Noli:

"Mein Gott, ich muß ja werweißwie aussehen, lieber Freund, nicht wahr?"

Und beide standen auf, um zum Bahnhof zurückzugehen.

Im tiefsten Kämmerchen ihrer Seele hatte sich die Erinnerung an diese Nacht eingegraben; vielleicht, wer weiß, um ihnen später einmal in der Ferne des Gedächtnisses wieder zu erscheinen, mit all dem friedlichen schwarzen Meer, mit all den leuchtenden Sternen, wie ein Funken uralter Poesie und uralter Bitterkeit. 

© Michael Rössner.

 

Novellen - Vorbemerkung


Pirandello auf Deutsch - Index


Anfangenseite

 

Nichts - (Niente - 1923)

 

Erstveröffentlichung in Il Mondo vom 16. April 1922. Zahlreiche Änderungen im Text letzter Hand.

aus dem Italienischen von Michael Rössner

Italienische Version

 

Die Droschke, die eilig und lärmend durch die Nacht über den großen leeren Platz fährt, hält vor dem kalten Lichtschein der Milchglasscheibe einer Apotheke an der Ecke der Via San Lorenzo. Ein Herr im Pelz springt heraus und stürzt sich auf die Klinke dieser Glastüre, um zu öffnen. Er drückt hierhin, er drückt dorthin - was, zum Teufel? - die Türe geht nicht auf.

"Versuchen Sie doch zu klingeln", rät ihm der Kutscher.

"Wo, wie klingelt man hier?"

"Sehen Sie doch, da ist der Knopf. Anziehen müssen Sie."

Der Herr zieht mit wütender Gewalt an.

"Schöne Nachtdienstbereitschaft ist das!"

Und seine Worte dampfen im Nachtfrost, im roten Lichtschein der Laterne, als lösten sie sich in weiße Wölkchen auf.

Klagend dringt vom nahegelegenen Bahnhof der Pfiff eines abfahrenden Zuges herüber. Der Kutscher holt die Uhr aus der Tasche, beugt sich zu einer der Laternen hinüber und sagt:

"Hm, bald drei..."

 

Endlich kommt der junge Apothekergehilfe ganz steif noch vom Schlaf, den Kragen der Jacke bis über die Ohren hochgezogen, um aufzuschließen.

Und sofort fragt der Herr: "Ist ein Arzt da?"

Aber der Junge springt zurück, als er auf dem Gesicht und auf den Händen den Frost von draußen spürt, wirft die Arme in die Höhe, streckt die Fäuste aus und beginnt sich die Augen zu reiben und zu gähnen: "Um diese Zeit?"

Dann, um die wütenden Proteste des Kunden zu unterbrechen, der - aber ja, mein Gott, natürlich - all diese wütende Erregung hat natürlich ihre Berechtigung, wer will denn das leugnen - aber er müßte auch ein bißchen Verständnis für jemanden aufbringen, der um diese Zeit wirklich allen Grund hat, schläfrig zu sein - na bitte, da nimmt er schon die Hände von den Augen und bedeutet ihm erst einmal zu warten; dann, ihm zu folgen, hinter die Theke, in das Laboratorium der Apotheke.

Der Kutscher unterdessen, der draußen geblieben ist, steigt von seinem Kutschbock und möchte sich die Befriedigung gönnen, sich die Hose aufzuknöpfen, um dort ganz offen, im Angesicht des riesigen, leeren Platzes, der von den schimmernden Straßenbahngleisen durchschnitten wird, das zu tun, was untertags nicht ohne die entsprechenden Folgen getan werden könnte.

Denn es ist auch ein Vergnügen, während da einer unter der Last einer Sorge stöhnt, die ihn zwingt, andere um Hilfe und Beistand zu bitten, in aller Ruhe so ein kleines, natürliches Bedürfnis zu befriedigen und dabei zu sehen, wie alles an seinem Platz bleibt: dort die schwarzen Eichen, die in Reih und Glied den Platz einsäumen, die hohen gußeisernen Rohre, die das Netz der Straßenbahndrähte tragen, all diese leeren Monde auf den Laternenpfählen, und hier die Gebäude des Zollamts neben dem Bahnhof. 

Das Laboratorium der Apotheke hat eine niedrige Decke und ist ganz von Regalen eingefaßt. Die Luft ist verpestet vom Geruch der Medizinen. Ein schmutziges Öllämpchen, das vor einem Heiligenbild auf dem Regal gegenüber der Türe angezündet ist, scheint nicht einmal sich selbst Licht geben zu wollen. Der Tisch in der Mitte, vollgeräumt mit Röhren, Gläsern, Waagen, Mörsern und Trichtern, erlaubt es zunächst gar nicht zu erkennen, ob auf dem schäbigen Lederkanapee, dort unter dem Regal gegenüber der Türe, tatsächlich der Notarzt schläft.

"Da ist er, er ist schon da", sagt der Apothekergehilfe und zeigt auf eine riesige Männergestalt, die da schmerzlich verkrümmt und zusammengekauert schlummert, das Gesicht gegen die Rückenlehne gequetscht.

"Na, dann wecken Sie ihn doch, zum Donnerwetter!"

"Tja, das sagt sich so leicht! Der ist imstande und versetzt mir einen Tritt, wissen Sie?"

"Aber er ist doch der Arzt?"

"Der Arzt, jawohl. Doktor Mangoni."

 

"Und der teilt Tritte aus?"

"Na, verstehen Sie, wenn man ihn um diese Zeit weckt..."

"Dann werde eben ich ihn wecken!"

Und der Herr beugt sich entschlossen über das Kanapee und schüttelt den Schlafenden: "Doktor! Doktor!"

Doktor Mangoni stößt einen brüllenden Laut aus unter dem zerzausten Bart, der ihm die Wangen bis fast unter die Augen bedeckt; dann stemmt er die Fäuste gegen die Brust und hebt die Ellbogen, um sich zu strecken. Endlich setzt er sich verkrümmt auf, die Augen noch immer geschlossen unter den buschigen Augenbrauen. Eines seiner Hosenbeine ist über dem dicken Wulst der Waden hochgerutscht und gibt den Blick auf die Unterhosen aus Tuch frei, die auf altmodische Weise mit einer Schnur über dem groben schwarzen Baumwollstrumpf festgebunden sind.

"Doktor, ich bitte Sie, rasch..." - sagt der Herr ungeduldig. "Ein Fall von Erstickungsgefahr..."

"Mit einem Kohlebecken?" fragt der Doktor, sich umwendend, aber ohne die Augen zu öffnen. Er hebt die Hand in einer melodramatischen Geste und bemüht sich, die Stimme aus der noch schlafenden Kehle zu holen, während er die Arie aus der Oper Gioconda anstimmt: "Suicidio? In questi fieeeriii momenti..."[1]

Der Herr macht eine Geste der Verwunderung und der Empörung. Aber Doktor Mangoni wirft sofort den Kopf zurück und sagt, während er beginnt, erst einmal ein Auge zu öffnen: "Entschuldigen Sie, handelt es sich um einen Verwandten von Ihnen?"

"Nein! Aber ich bitte Sie, beeilen Sie sich. Ich werde Ihnen alles unterwegs erklären. Mein Wagen wartet draußen. Wenn Sie etwas mitzunehmen haben..."

"Ja, gib mir... gib mir..." beginnt Doktor Mangoni, während er versucht, sich zu erheben, zu dem Apothekergehilfen gewandt.

"Das mach ich schon, das mach ich schon, Herr Doktor", antwortet dieser, knipst das elektrische Licht an und macht sich plötzlich mit einer fröhlichen Eile zu schaffen, die den nächtlichen Kunden beeindruckt.

Doktor Mangoni verdreht den Kopf wie ein Ochse, der mit den Hörnern zum Stoß ansetzt, um die Augen vor dem plötzlichen Lichtschein zu schützen.

"Jaja, braves Kind", sagt er. Aber du hast mich blind gemacht. He, und mein Helm? Wo ist der?"

Der Helm ist sein Hut. Er hat ihn, jawohl. Er hat ihn ganz sicher, da gibt's gar nichts. Er erinnert sich, ihn, ehe er eingeschlafen ist, auf den Hocker neben das Kanapee gelegt zu haben. Wo ist er bloß hin?

Er beginnt ihn zu suchen. Der Kunde sucht mit; schließlich sucht auch noch der Kutscher, der hereingekommen ist, um sich in der Apotheke ein bißchen aufzuwärmen. Und unterdessen hat der Apothekergehilfe bequem Zeit, ein Paket mit Geräten und Medizinen für die Erste Hilfe zusammenzustellen.

"Die Injektionsspritze, Herr Doktor, haben Sie die?"

"Ich?" wendet sich Doktor Mangoni so verwundert um, daß er bei dem Jungen einen Lachanfall auslöst.

Gut, gut. Sagen wir also, Senfpapier. Acht Stück, wird das genug sein? Koffein, Strychnin. Eine Pravaz. Und Sauerstoff, Herr Doktor? Sie werden doch auch einen Sauerstoffballon brauchen?

"Den Hut brauch ich! Den Hut! Zuerst einmal den Hut!" brüllt Doktor Mangoni schwer atmend. Und er erklärt den Zuhörern, er hänge unter anderem deshalb so sehr an diesem Hut, weil es sozusagen ein historischer Hut wäre: vor elf Jahren habe er ihn gekauft, anläßlich des feierlichen Begräbnisses von Schwester Maria dell'Udienza, der Oberin des Nachtasyls im Vicolo del Falco in Trastevere[2], wo er sich häufig einfindet, um ganz ausgezeichnete Teller billiger Klostersuppe zu essen, und manchmal auch, um zu schlafen, wenn er gerade nicht Dienst in den Apotheken hat.

Endlich findet sich der Hut, nicht im Laboratorium, sondern dort drüben unter der Theke der Apotheke. Das Kätzchen hat mit ihm gespielt.

Der Kunde bebt vor Ungeduld. Aber nun folgt eine weitere lange Diskussion, denn Doktor Mangoni, den verdrückten Hut in der Hand, will nun um jeden Preis beweisen, daß das Kätzchen ganz sicher, auch das Kätzchen damit gespielt hat, vor allen Dingen aber er, der Apothekergehilfe, dem Hut auch noch einen Fußtritt versetzt haben muß, so daß er unter der Theke so stark verbeult worden ist. Na gut. Ein Faustschlag in die Zylinderröhre, so daß die Faust wie durch ein Wunder nicht auf der anderen Seite wieder zum Vorschein kommt, und Doktor Mangoni stülpt sich den Zylinder ein wenig schief auf den Kopf.

" Ganz zu Ihren Diensten, hochgeschätzter Herr!"  

"Ein armer Junge", beginnt der Herr sofort, als er wieder in die Droschke einsteigt und die Decke über den Beinen des Doktors und den eigenen ausbreitet.

"Ach, das ist eine gute Idee! Dankeschön."

"Ein armer Junge, der mir von einem meiner Brüder so sehr ans Herz gelegt worden war. Ich sollte ihm eine Anstellung besorgen. Jaja, verstehen Sie, als ob das die einfachste Sache der Welt wäre: Hopphopp, da ist sie schon. Die übliche Geschichte. Die Leute in der Provinz leben wirklich wie in einer anderen Welt. Sie glauben, es genüge schon, nach Rom zu kommen, und gleich findet sich eine Anstellung da: Hopphopp, da ist sie schon. Eine der üblichen verkrachten Existenzen, Sie wissen schon: der Sohn eines Landarbeiters, der vor zwei Jahren im Dienst meines Bruders verstorben war. Er kommt nach Rom, und was will er da tun? Nichts, Journalist werden, sagt er. Er legt mir seine Zeugnisse vor: das Abgangszeugnis des Gymnasiums und eine Gedichtsammlung; und dazu sagt er: "Sie müssen mir eine Anstellung bei einer Zeitung besorgen." Ich! Na, der spinnt ja! Ich kümmere mich sofort darum, ihm auf der Polizei die Heimreiseerlaubnis zu besorgen. Und einstweilen - konnte ich ihn da nachts auf der Straße stehen lassen? Er war ja fast nackt, halbtot vor Kälte, mit einem schäbigen Tuchanzug, der ihm um den Leib flatterte, dazu zwei oder drei Lire in der Tasche; mehr waren es bestimmt nicht. Ich habe ihm also ein Obdach verschafft, in einem Häuschen, das mir gehört, hier im San Lorenzo-Viertel. Vermietet ist es, an Leute, ich sage Ihnen... na, lassen wir das. Kerle, die zwei möblierte Zimmerchen noch untervermieten. Seit vier Monaten bezahlen sie die Miete nicht. Das nütze ich aus und stecke ihnen den Jungen zum Schlafen ins Haus. Na gut! Es vergehen fünf Tage; noch immer keine Möglichkeit, den Heimfahrtschein von der Polizei zu bekommen. Die Umständlichkeit dieser Beamten! Die sind wie die Vögel, wissen Sie - überall müssen sie ihre Häufchen hinmachen, verzeihen Sie den Ausdruck! Um diesen Schein auszustellen, müssen sie zuerst wasweißich für Aktenauskünfte aus seinem Heimatort einholen, dann noch die ganzen Formalitäten auf der Polizei hier. Na gut: heute abend war ich im Theater, im Teatro Nazionale. Da kommt ganz entsetzt der Sohn meiner Mieterin um Viertel nach Zwölf zu mir ins Haus, weil dieser unglückselige Kerl sich, wie er sagt, mit angezündetem Kohlebecken in seinem Zimmer eingeschlossen hat. Und das seit sieben Uhr abends, verstehen Sie?"

An dieser Stelle beugt sich der Herr ein bißchen vor, um den Doktor im Fond der Kutsche zu betrachten, der während seiner Erzählung kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben hat. Da er Angst hat, er könnte wieder eingeschlafen sein, wiederholt er, ein wenig lauter: "Seit sieben Uhr abends!"

"Wie angenehm dieses Pferdchen trabt", sagt daraufhin Doktor Mangoni, der sich genüßlich in der Kutsche ausgestreckt hat.

Dem Herrn ist es, als habe er in der Dunkelheit einen Faustschlag auf die Nase erhalten.

"Aber entschuldigen Sie, Herr Doktor, haben Sie gehört, was ich gesagt habe?"

"Ja, natürlich."

"Seit sieben Uhr abends. Von sieben bis Mitternacht, fünf Stunden also."

"Ganz genau."

"Er atmet aber noch, wissen Sie! Ganz schwach. Seine Muskeln sind ganz verkrampft, und..."

"Ach, wie herrlich! Das muß... ja, warten Sie, drei... oder nein, was sag' ich denn?... mindestens fünf Jahre muß das her sein, daß ich nicht mehr mit einer Kutsche gefahren bin. Wie angenehm man hier drinnen fährt!"

"Aber entschuldigen Sie, ich erzähle Ihnen..."

"Ja natürlich. Aber beruhigen Sie sich doch, was soll mir denn die Geschichte dieses unglückseligen Kerls schon bedeuten?"

"Ich will Ihnen ja nur sagen, daß es fünf Stunden waren..."

"Na gut! Gleich werden wir sehen! Glauben Sie eigentlich, Sie würden ihm einen großen Dienst erweisen?"

"Wie bitte?"

"Aber ja, verzeihen Sie! Eine Verwundung im Duell, ein Dachziegel auf den Kopf, irgendein Unfall... na gut, Hilfe leisten, einen Arzt holen, das versteh' ich noch. Aber wenn so ein armer Kerl, Sie verzeihen, sich da in aller Stille zusammenkauert, um zu sterben?"

"Wie bitte?", wiederholte der Herr, mehr denn je entgeistert.

Und Doktor Mangoni setzte völlig ruhig und ungerührt fort: "Haben Sie ein bißchen Geduld. Das meiste hatte er ja schon getan, der Ärmste. Statt Brot hatte er sich Kohlen gekauft. Ich stelle mir vor, er wird die Türe verrammelt haben, nicht wahr? Alle Löcher verstopft... vielleicht hat er sich zuvor mit Opium betäubt; fünf Stunden waren schon vergangen; und da stören Sie ihn gerade dann, wenn es darauf ankommt!"

"Sie machen Witze!", schreit der Herr.

"Nein, nein. Ich spreche ganz im Ernst."

"Ach zum Teufel!", bricht da der Herr heraus. "Aber ich bin es ja, der gestört worden ist, will mir scheinen! Man ist ja mich holen gekommen."

"Ich verstehe, ja, aus dem Theater."

"Hätte ich ihn sterben lassen sollen? Und dann? Jede Menge neuer Scherereien, nicht wahr? Als ob die nicht schon genug gewesen wären, die er mir bislang bereitet hat. Solche Sachen macht man nicht in fremden Häusern, entschuldigen Sie!"

"Ah ja, das schon; was das anbelangt, haben Sie ganz recht", räumt Doktor Mangoni mit einem Seufzer ein. "Er hätte rausgehen können, um draußen im Stehen zu sterben, sagen Sie. Da haben Sie recht. Aber das Bett ist eine Versuchung, wissen Sie? Eine große Versuchung. Wie ein Hund auf dem Boden zu sterben... Lassen Sie sich das von einem sagen, der keines hat!"

"Kein was?"

"Kein Bett."

"Sie?"

Doktor Mangoni zögert mit der Antwort. Dann sagt er langsam, mit dem Tonfall eines Menschen, der schon so oft Gesagtes wiederholt:

"Ich schlafe, wo ich kann. Ich esse, wenn ich kann. Ich kleide mich, wie ich kann."

 

Und sofort fügt er hinzu: "Aber glauben Sie nicht, daß es mir etwas ausmacht. Ganz im Gegenteil. Ich bin ein großer Mann, wissen Sie das? Aber ich habe verzichtet."

Der Herr beginnt sich für diesen seltsamen Arzt zu interessieren, auf den er da durch Zufall gestoßen ist; und er fragt lachend: "Verzichtet? Was heißt verzichtet?"

"Daß ich rechtzeitig begriffen habe, lieber Herr, daß sich nichts dafürsteht. Und daß man im Gegenteil, je mehr man sich abmüht, groß zu werden, immer kleiner wird. Zwangsläufig. Entschuldigen Sie, haben Sie eine Frau?"

"Ich? Jawohl."

"Mir scheint, Sie haben geseufzt, als Sie Jawohl sagten."

"Aber nein, ich habe nicht im geringsten geseufzt."

"Na dann genug davon. Wenn Sie nicht geseufzt haben, reden wir nicht mehr davon."

Und Doktor Mangoni kauert sich wieder im Fond der Kutsche zusammen und gibt so deutlich zu verstehen, daß er es nicht mehr für angebracht hält, die Konversation fortzusetzen. Der Herr ist verstimmt.

"Aber entschuldigen Sie mal, was hat meine Frau damit zu tun?"

In diesem Augenblick wendet sich der Kutscher auf seinem Kutschbock um und fragt: "Na hören Sie mal, wo ist das jetzt? Wir sind schon gleich in Campoverano!"

"Ach ja!" ruft der Herr aus. "Drehen Sie um! Umdrehen! Wir sind ja schon lange an dem Haus vorbei!"

"Es ist schade, umzudrehen", sagt Doktor Mangoni, "wenn man schon fast am Ziel ist."

Der Kutscher dreht um und flucht dazu. 

Eine dunkle Treppe, die wie eine eingestürzte Höhle wirkt, düster, feucht und übelriechend.

"Au! Verflucht. Gottogott!"

"Was ist? Haben Sie sich weh getan?"

"Am Fuß. Auauau! Aber sagen Sie, hätten Sie nicht vielleicht ein Streichholz?"

 

"Verdammt! Ich suche die Schachtel. Nicht zu finden!"

Endlich ein Lichtschimmer, der aus einer offenstehenden Türe auf dem Treppenabsatz im dritten Stock dringt.

Wenn das Unglück in ein Haus kommt, zeichnet es sich immer dadurch aus, daß es die Türe offenläßt, damit jeder Fremde hereinkommen und seine Neugier befriedigen kann.

Doktor Mangoni folgt dem Herrn hinkend durch ein schäbiges Zimmer mit einem weißen Petroleumlämpchen auf dem Boden bei der Türe; dann geht der Herr, ohne irgendjemanden um Erlaubnis zu fragen, durch einen dunklen Gang mit drei Türen; zwei davon sind verschlossen, die dritte am Ende steht offen und ist schwach erleuchtet. Im Krampf des Schmerzes von der Verstauchung am Fuß, den Sauerstoffballon in der Hand, überkommt ihn die Versuchung, ihn diesem Herrn auf den Rücken zu werfen, damit er zerplatzt; aber dann legt er ihn auf den Boden, bleibt stehen, stützt sich mit einer Hand gegen die Mauer, zieht den Fuß in die Höhe und umfaßt ihn mit der anderen Hand fest am Knöchel, wobei er mit verzerrtem Gesicht versucht, ihn nach beiden Seiten zu drehen.

Unterdessen ist in dem Zimmer am Ende des Ganges, wer weiß warum, ein Streit zwischen diesem Herrn und den Mietern ausgebrochen. Doktor Mangoni läßt seinen Fuß aus und versucht, sich in Bewegung zu setzen, um zu erfahren, was da los ist, da kommt ihm wie ein Wirbelwind dieser Herr entgegengestürzt, der brüllt:

"Wie die Idioten, jawohl! Wie die Idioten!"

Er kann ihm gerade noch ausweichen. Als er sich umdreht, sieht er ihn in den Sauerstoffballon hineinlaufen. "Langsam! Langsam, um Himmels willen!"

Was heißt da langsam! Der Herr versetzt dem Ballon einen Fußtritt; da hat er ihn schon wieder zwischen den Füßen; wieder fällt er beinahe hin und läuft schließlich fluchend davon, während auf der Schwelle der Türe am Ende des Ganges ein plumper, lächerlicher Alter in Pantoffeln und Nachtmütze erscheint, einen dicken grünen Wollschal um den Hals geschlungen, aus dem ein aufgedunsenes rotes Gesicht hervorschaut, das die Stearinkerze in der Hand beleuchtet.

"Aber entschuldigen Sie... ich meine, wäre es denn vielleicht besser gewesen, wir hätten ihn hier sterben lassen, während wir auf den Arzt warten?"

Doktor Mangoni glaubt, er spreche zu ihm und antwortet: "Hier bin ich. Das bin ich."

Aber der Mann hebt die Hand mit der Kerze, betrachtet ihn und fragt ihn wie betäubt: "Sie? Wer?"

"Sagten Sie nicht eben, der Arzt?"

"Was heißt da Arzt! Was heißt da Arzt!" erhebt sich da eine schrille Frauenstimme aus dem Zimmer dahinter.

Und damit stürzt die Frau dieses würdigen Alten in Pantoffeln und Nachtmütze auf den Gang, ganz aufgelöst, in eine Wolke grauer Haare und Locken gehüllt, die schwarz umrandeten Augen geschwollen und verweint, der obszön geschminkte Mund, der ihr quer ins Gesicht schneidet, zittert vor Erregung. Sie reckt den Kopf nach der Seite, um auszuspähen, und setzt in herrschaftlichem Ton hinzu:

"Sie können gehen! Sie können gehen! Wir brauchen Sie nicht mehr. Wir haben ihn ins Spital bringen lassen, weil er beinahe gestorben wäre!"

Und dann stößt sie ihrem Mann kräftig gegen den Arm und fordert: "Schick ihn fort!"

Aber der Mann stößt einen Schrei aus und springt in die Höhe, weil der Stoß gegen den Arm ihm die heißen Wachstropfen der Kerze auf die Haut hat spritzen lassen.

"Na, na, immer sachte, zum Teufel!"

Doktor Mangoni wehrt sich, allerdings ohne allzu viel Nachdruck, er sei doch kein Dieb und auch kein Mörder, daß man ihn so wegschicken könne; wenn er gekommen ist, dann deshalb, weil man ihn aus der Apotheke geholt hat, vom Bereitschaftsdienst; und bis jetzt hat er sich damit bloß einen verstauchten Fuß eingehandelt, weshalb er auch bitten würde, daß man ihn sich wenigstens ein bißchen hinsetzen läßt.

"Aber ich bitte Sie, natürlich, hier, kommen Sie, nehmen Sie Platz, nehmen Sie Platz, Herr Doktor", sagt der Alte schnell und führt ihn in das Zimmer am Ende des Ganges, während die Frau, den Kopf noch immer nach einer Seite gereckt, um auszuspähen wie ein verärgertes Huhn, mustert ihn sorgfältig, ganz beeindruckt von diesem wilden Bart, der bis zu den Augen reicht.

"Ach, weiß Gott", sagt sie nun besänftigt, als eine Art Entschuldigung, "wenn man Gutes tut und sich dafür auch noch Vorwürfe anhören muß!"

"Jawohl, Vorwürfe", hakt der Alte ein, während er die brennende Kerze in das Loch des Kerzenhalters auf dem Nachttisch neben dem leeren, aufgeschlagenen Bett steckt, dessen Kopfkissen noch den Eindruck des Kopfes dieses jungen Selbstmörders zeigen. In aller Ruhe streift er sich dann die Wachstropfen von den Fingern und fährt fort: "Denn er sagt: Nichts da, meine Herrschaften, man hätte ihn nicht ins Spital bringen dürfen, auf keinen Fall."

"Ganz schwarz angelaufen war er!" schreit die Frau dazwischen. "Ach, dieses Gesicht. Wie ausgesaugt sah es aus. Und was der für Augen hatte! Und diese Lippen, ganz schwarz, die hier, hier, gerade so ein bißchen von den Zähnen sehen ließen. Atem hatte er auch keinen mehr..."

Und sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.

"Hätten wir ihn denn ohne Hilfe sterben lassen sollen?" fragt der Alte wiederum in aller Ruhe. "Aber warum hat er sich nur so darüber geärgert? Weil er vermutet - sagt er - daß dieser arme Bursche ein unehelicher Sohn seines Bruders sein könnte."

"Und da hatte er ihn uns hier hereingeworfen", springt die Frau wieder in die Höhe, man weiß nicht recht ob aus Ärger oder aus Rührung. "Hierher, damit in meinem Haus diese Tragödie ausbrechen mußte, die noch lange nicht zu Ende ist, denn meine Tochter, die ältere, die hat sich in ihn verliebt, verstehen Sie? Wie eine Verrückte, als sie ihn sterben sah, da hat sie - Gott, was für ein gräßliches Schauspiel - da hat sie ihn auf die Schultern gehoben - also ich weiß nicht, wie sie das angestellt hat! - und hat ihn fortgetragen, mit der Hilfe ihres Bruders, da über die Stiegen runter, in der Hoffnung, auf der Straße eine Droschke zu finden. Vielleicht haben sie eine gefunden. Und sehen Sie mir nur einmal diese andere Tochter an, wie die heult.

Doktor Mangoni hat beim Eintreten schon für einen kurzen Augenblick in dem Eßzimmer daneben ein Mädchen mit blondem, zerzaustem Haar gesehen, das, die Ellbogen auf den Tisch und den Kopf in die Hände gestützt, zu lesen schien. Sie liest und weint, ja; aber mit aufgeknöpftem Korsett, die rosigen, ausladenden Rundungen der Brust beinahe zur Gänze unter dem gelben Licht der von der Decke hängenden Lampe zur Schau stellend.

Der alte Vater, zu dem sich Doktor Mangoni nun ganz verdattert umwendet, vollführt mit den Händen Gesten der höchsten Bewunderung. Über die Brust der Tochter? Nein. Über das, was die Tochter dort unter so vielen Tränen liest. Die Gedichte des jungen Mannes.

"Ein Dichter!" ruft er aus. "Ein Dichter, der, wenn sie ihn hören würden... Ach, das sind Sachen! Sachen sind das! Ich verstehe was davon, ich bin nämlich Literaturprofessor im Ruhestand. Ganz große Kunst ist das, ganz große Kunst."

Und er geht hinüber, um einige dieser Gedichte an sich zu nehmen; die Tochter wehrt sich jedoch wütend dagegen, weil sie fürchtet, die ältere Schwester würde ihr nicht mehr erlauben, sie zu lesen, wenn sie erst mit dem Bruder vom Spital nach Hause kommt. Dann wird sie sie eifersüchtig für sich allein haben wollen, wie einen Schatz, dessen einzige Erbin sie sein soll.

"Wenigstens ein paar, die du schon gelesen hast", versucht es der Vater schüchtern noch einmal.

Aber das Mädchen das sich über den Tisch gebeugt hat und mit ihrer ganzen Brust die Blätter abschirmt, stampft mit dem Fuß auf und schreit: "Nein!" Dann rafft sie alle Blätter zusammen, preßt sie mit der Hand gegen die entblößte Brust und schleppt sie mit sich in ein anderes Zimmer.

Doktor Mangoni wendet sich noch einmal um, um dieses traurige, leere Bettchen zu betrachten, das seinen Besuch sinnlos macht; dann blickt er auf das Fenster, das in diesem düsteren Zimmer trotz des Nachtfrostes offen geblieben ist, um den Kohlegestank hinauszulassen.

Der Mond erleuchtet die Öffnung dieses Fensters. Mitten in der Nacht, der Mond. Doktor Mangoni stellt ihn sich so vor, wie er ihn so viele Male auf seinen Irrwegen durch ferne Straßen gesehen hat, wie er versunken und gleichsam entrückt auf dem Himmelsgewölbe steht, während die Menschen schlafen und ihn nicht mehr sehen.

Die schäbige Enge dieses Zimmers, dieses ganzen Hauses, eines der vielen Häuser der Menschen, in denen, um das nie abschließende Elend des Lebens zu perpetuieren, verführerisch zwei Frauenbrüste herumtanzen, solche wie die, die er eben für einen Augenblick unter dem Licht der Hängelampe in dem Zimmer dort drüben gesehen hat; all das flößt ihm in diesem Augenblick eine so eisige Mutlosigkeit und zugleich eine so bittere Wut ein, daß er beim besten Willen nicht mehr sitzen bleiben kann.

 

Fauchend erhebt er sich, um fortzugehen. Na schön, letzten Endes ist es einer der vielen Fälle, mit denen er immer zu tun hat, wenn er in den Nachtapotheken Bereitschaftsdienst versieht. Vielleicht ist er ein bißchen trauriger als die anderen, wenn man bedenkt, daß dieser arme Junge - wer weiß! - wahrscheinlich wirklich ein Dichter war. Aber in dem Fall ist es besser so: nämlich, daß er tot ist.

"Hören sie", sagt er zu dem Alten, der ebenfalls aufgestanden ist, um wieder die Kerze zur Hand zu nehmen. "Dieser Herr, der Ihnen Vorwürfe gemacht hat, und der mich aus der Apotheke geholt hat, muß wirklich ein Dummkopf sein. Warten Sie: lassen Sie mich ausreden. Nicht deswegen, weil er Ihnen Vorwürfe gemacht hat, sondern deshalb, weil ich ihn gefragt habe, ob er eine Frau hätte, und er hat mit Ja geantwortet; aber ohne dazu zu seufzen. Haben Sie mich verstanden?"

Der Alte starrt ihn mit offenem Mund an. Sichtlich versteht er ihn nicht. Dafür versteht ihn die Frau, die in die Höhe springt und ihn fragt: "Warum sollte denn jemand Ihrer Ansicht nach seufzen, wenn er sagt, daß er eine Frau hat?"

Und Doktor Mangoni gibt sofort zurück: "Na, so wie ich meine, daß Sie seufzen werden, liebe Signora, wenn Sie jemand fragt, ob Sie einen Mann haben."

Und dabei zeigt er mit dem Finger auf denselben. Dann setzt er fort: "Entschuldigen Sie, hätten Sie diesem jungen Mann, wenn er sich nicht umgebracht hätte, Ihre Tochter zur Frau gegeben?"

Die andere blickt ihn eine Weile von der Seite her an, dann antwortet sie herausfordernd: "Und warum nicht?"

"Und Sie hätten ihn dann zu sich in dieses Haus genommen?" fragt Doktor Mangoni weiter.

Und Sie antwortet wiederum: "Und warum nicht?"

"Und Sie", fragt Doktor Mangoni noch immer weiter, diesmal zu dem alten Ehemann gewandt, "Sie, die Sie sich da auskennen, als Literaturprofessor im Ruhestand, hätten Sie ihm vielleicht geraten, seine Gedichte zu veröffentlichen?"

Um nicht hinter seiner Frau zurückzustehen, antwortet der Alte ebenfalls: "Und warum nicht?"

"Na dann", schließt Doktor Mangoni trocken, "dann tut's mir leid, aber ich muß Ihnen sagen, daß Sie wenigstens doppelt so große Dummköpfe sind wie jener Herr."

Und er wendet sich zum Gehen.

"Darf man vielleicht erfahren, weshalb?" brüllt ihm die Frau in höchster Wut nach.

Doktor Mangoni bleibt stehen und antwortet ganz ruhig: "Haben Sie ein bißchen Geduld. Sie werden mir zugeben, daß dieser arme Junge wahrscheinlich von Ruhm und Ehre träumte, wenn er Gedichte schrieb. Nun denken Sie einmal ein bißchen nach: Was wäre für ihn aus diesem Ruhm geworden, hätte er diese Gedichte drucken lassen? Ein armseliges, unnützes Gedichtbändchen. Und aus der Liebe? Aus der Liebe, die das lebendigste, heiligste ist, was wir auf Erden erleben dürfen? Was wäre für ihn daraus geworden? Aus der Liebe - eine Frau. Ja, schlimmer noch: eine Ehefrau: Ihre Tochter."

"He! He!" unterbricht ihn da die Frau drohend und fährt ihm beinahe mit den Krallen ins Gesicht: "Geben Sie acht, wie Sie von meiner Tochter sprechen!"

"Ich sage gar nichts", wehrt Doktor Mangoni eilig ab. "Im Gegenteil: Ich stelle sie mir wunderschön vor und als ein Muster an Tugend dazu. Aber doch immer noch als eine Frau, liebe Signora, die nach kurzer Zeit, mein Gott, das wissen wir doch alle, mit dem Elend und den Kindern, erbärmlich heruntergekommen wäre. Und was wäre für ihn aus der Welt geworden, sagen Sie mir das? Aus der Welt, in die ich nun mit diesem Fuß, der mir so höllisch weh tut, hinauslaufen werde; sehen Sie doch, liebe Signora, was für ihn aus der großen weiten Welt geworden wäre: ein Haus. Dieses Haus. Haben Sie mich verstanden?"

Und während seine Hände in seltsamen Gesten des Ekels und des Abscheus zucken, läuft er fort, hinkend und vor sich hinbrabbelnd:

"Was heißt da Bücher! Was heißt da Frauen! Was heißt da Haus! Nichts... nichts... nichts... Verzichten! Verzichten! Nichts." 

 


 

[1] - dt.: "Selbstmord? In dieser heeeeehren Zeit..."  

[2]- Dieses Obdachlosenasyl ist auch der Schauplatz der ersten Kapitel des Romans "Serafino Gubbio" - siehe Bd.1.

 

© Michael Rössner.

 

Novellen - Vorbemerkung


Pirandello auf Deutsch - Index


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Schubkarrenfahren - (La carriola - 1917)

 

Erstveröffentlichung 1917 in dem Novellenband E domani, lunedì ("Und morgen ist Montag"); keine wesentlichen Varianten.

aus dem Italienischen von Michael Rössner

Italienische Version

 

Wenn ich jemanden bei mir habe, sehe ich sie nie an; aber ich spüre, daß sie mich ansieht, sie sieht mich an, sieht mich an, ohne mich auch nur einen Augenblick mit ihren Augen loszulassen.

Unter vier Augen möchte ich ihr zu verstehen geben, daß es nichts zu bedeuten hat; daß sie ganz ruhig sein soll; daß ich mir mit anderen diese kurze Handlung nicht erlauben könnte, die für sie keine Bedeutung hat und für mich alles ist. Ich vollziehe sie jeden Tag, wenn ein günstiger Augen­blick da ist, unter strengster Geheimhaltung, mit erschreckender Freude, denn ich koste darin zitternd die Lust eines göttlichen, bewußten Irrsinns, der mich für einen Augenblick befreit und für alles entschädigt.

Ich mußte sicher sein (und sicher meinte ich nur bei ihr sein zu können) daß diese Handlung nicht entdeckt werden konnte. Denn wenn sie einmal entdeckt würde, wäre der Schaden unermeßlich, und nicht nur für mich. Ich wäre erledigt. Wahrscheinlich würden sie mich packen, fesseln und entsetzt in ein Irrenhaus schleppen.

Der Schrecken, der alle ergriffe, wenn meine Handlung entdeckt würde, den lese ich nun hier in den Augen meines Opfers.

 

Mir sind das Leben, die Ehre, die Freiheit, die Besitztümer unzähliger Menschen anvertraut, die mich von morgens bis abends belagern, damit ich für sie tätig werde, ihnen rate, ihnen beistehe. Und noch viele andere, allerhöchste Pflichten lasten auf mir, im öffentlichen wie im privaten Bereich: ich habe eine Frau und Kinder, die oft zu schwach sind, sich so zu verhalten, wie sie es tun sollten, und die deshalb ständig durch meine strenge Autorität im Zaum gehalten werden müssen, durch das beständige Beispiel meines unbeugsamen und tadellosen Gehorsams gegenüber allen meinen Verpflichtungen, von denen eine ernster ist als die andere, als Ehemann, als Vater, als Bürger, als Professor der Rechtswissenschaften, als Anwalt. Wehe also, wenn mein Geheimnis entdeckt würde!

Mein Opfer kann nicht sprechen, das ist wahr. Und dennoch fühle ich mich seit einigen Tagen nicht mehr sicher. Ich bin nervös und unruhig. Denn wenn sie schon nicht sprechen kann, so sieht sie mich doch an, sieht mich mit so seltsamen Augen an, und in diesen Augen steht der Schreck so deutlich zu lesen, daß ich fürchte, jemand könnte das von einem Augenblick zum anderen bemerken und sich bemüßigt fühlen, den Grund dieses Schrecks herauszufinden.

Ich wäre, ich wiederhole es, erledigt. Die wahre Bedeutung der Handlung, die ich ausführe, kann nur von den ganz wenigen eingeschätzt und beurteilt werden, denen sich das Leben plötzlich offenbart hat, so wie das bei mir geschehen ist.

Es auszusprechen und verständlich zu machen, ist nicht einfach. Ich will es versuchen. 

Vor ungefähr vierzehn Tagen fuhr ich von Perugia, wo ich beruflich zu tun gehabt hatte, wieder nach Hause.

Eine meiner schwierigsten Pflichten besteht darin, die Müdigkeit, die mich erdrückt, nicht zu bemerken, das enorme Gewicht all der Verpflichtungen, die ich mir selbst und die mir die anderen aufgeladen haben, und nicht im geringsten dem Bedürfnis nach ein wenig Zerstreuung nachzugeben, das mein erschöpfter Geist von Zeit zu Zeit verspürt. Die einzige Zerstreuung, die ich mir erlauben kann, ist die: wenn mich die Müdigkeit bei einer lästigen Aufgabe, der ich mich schon lange Zeit gewidmet habe, allzu sehr quält, dann kann ich mich einer neuen zuwenden.

Ich hatte deshalb in meiner ledernen Aktentasche einige neue Akten in den Zug mitgenommen, um sie zu studieren. Als ich beim Lesen auf ein erstes Problem gestoßen war, hatte ich die Augen vom Papier gehoben und sie auf das Fenster des Waggons gerichtet. Ich blickte hinaus, aber ich sah nichts, weil ich wegen dieses Problems ganz in Gedanken verloren war.

Nun, also eigentlich kann ich nicht sagen, daß ich nichts sah. Die Augen sahen; sie sahen und genossen vielleicht ganz für sich die Anmut und die sanften Linien der umbrischen Landschaft. Aber ich schenkte sicherlich dem, was die Augen sahen, keine Aufmerksamkeit.

Nur begann in mir auch die Aufmerksamkeit, die ich diesem mich beschäftigenden Problem schenkte, nachzulassen, ohne daß mir deswegen das Schauspiel der Landschaft, die mir doch so rein, leicht, erquickend vor den Augen dahinzog, deutlicher bewußt geworden wäre.

Ich dachte nicht an das, was ich sah, und dachte überhaupt an nichts mehr; für eine Zeitspanne, deren Länge ich nicht angeben könnte, verharrte ich so in einer Art seltsamer, vager Abwesenheit, die doch sehr klar und angenehm war. Geradezu luftig leicht. Mein Geist war den Sinnen beinahe entflohen, in eine unendliche Ferne, wo er mit einem Glücksgefühl, das nicht das seine schien, wer weiß wie schwache Bilder des Treibens eines anderen Lebens wahrnahm, das nicht das seine war, aber doch seines hätte sein können, nicht hier, nicht jetzt, wohl aber dort, in dieser unendlichen Ferne; eines weit zurückliegenden Lebens, das viel­leicht das seine gewesen war, er wußte nicht wie noch wann; das die ununterscheidbare Erinnerung atmete, nicht von Taten, nicht von Ansichten, sondern beinahe von Wünschen, die schon vergangen waren, ehe sie noch entstehen konnten; mit einer bangen, eitlen und doch harten Qual des Nicht-Seins, derselben, die vielleicht die Blumen fühlen, die nicht aufzublühen vermocht haben; mit einem Wort, das Treiben eines Lebens, das zu leben war, dort, weit, sehr weit weg, von wo aus es Zeichen gab mit Klopfen und Lichtblitzen. Und es war nicht geboren worden; aber in ihm hätte sich der Geist, ja, dann schon, oh ja, ganz und gar wiedergefunden, auch zum Leiden wiedergefunden, nicht nur zum Genuß des Glücks, auch zum Ertragen von Leiden, die wirklich seine Leiden waren.

Nach und nach fielen mir die Augen zu, ohne daß ich es bemerkte, und vielleicht verfolgte ich im Schlaf weiter dieses Leben, das nicht geboren worden war. Ich sage vielleicht, denn als ich erwachte, mit schmerzenden Gliedern und einem bitteren Geschmack im ausgedörrten Mund, schon kurz vor der Ankunft, da fand ich meine Seele auf einmal ganz und gar verändert, voll eines entsetzlichen Überdrusses gegenüber dem Leben, in einer düsteren, bleiernen Bestürzung, in der der Anblick der allergewohntesten Dinge mir plötzlich völlig sinnentleert, wohl aber für meine Augen mit einer grausamen, unerträglichen Schwere behaftet erschien.

In dieser Stimmung verließ ich am Zielbahnhof den Zug, bestieg mein am Ausgang wartendes Automobil und machte mich auf den Weg nach Hause. 

Gut, also es geschah im Stiegenhaus, auf dem Treppenabsatz vor meiner Wohnungstür.

 

Plötzlich sah ich vor dieser dunklen, bronzefarbenen Tür mit dem ovalen Messingschild, auf dem mein Name eingraviert ist, eingeleitet von meinen Titeln und gefolgt von meinen wissenschaftlichen und beruflichen Attributen, plötz­lich sah ich da wie von außen mich selbst und mein Leben, aber nicht, um mich wiederzuerkennen und um dieses Leben als das meine zu erkennen.

In erschreckender Weise überkam mich vielmehr auf einmal die Gewißheit, daß dieser Mensch, der da vor dieser Tür stand, mit der ledernen Aktentasche unter dem Arm, daß dieser Mensch, der in diesem Hause wohnte, nicht ich war, niemals ich gewesen war. Plötzlich erkannte ich, daß ich immer wie von diesem Hause, von dem Leben dieses Menschen abwesend gewesen war, und nicht nur von diesem, sondern tatsächlich und eigentlich von jedem Leben. Ich hatte nie gelebt; ich war nie wirklich im Leben gewesen; in einem Leben, meine ich, daß ich als das meine, als das von mir gewollte hätte empfinden und anerkennen können. Auch mein eigener Körper, meine Gestalt, wie sie mir nun unversehens erschien, mit diesen Kleidern, dieser Aufmachung, erschien mir als etwas Fremdes: als ob sie mir jemand anderer aufgedrängt und zusammengestellt hätte, diese Gestalt, um mich in einem Leben auftreten zu lassen, das nicht das meine war, um mich in diesem Leben, aus dem ich immer abwesend gewesen war, Akte der Präsenz setzen zu lassen, in denen, wie mein Geist nun auf einmal bemerkte, ich mich nie befunden hatte, nie, nie! Wer hatte ihn so gemacht, den Menschen, der mich verkörperte? Wer hatte ihn so gewollt? Wer kleidete ihn so, wer zog ihm diese Schuhe an? Wer ließ ihn sich so bewegen und so sprechen? Wer hatte ihm diese ganzen Verpflichtungen auferlegt, von denen eine belastender und ärgerlicher war als die andere? Commen­datore, Professor, Rechtsanwalt, der Mann, den alle suchten, den alle respektierten und bewunderten, von dem alle Taten, Ratschläge, Beistand wollten, um den alle stritten, ohne ihm je einen Augenblick Ruhe, einen Augenblick zum Atemholen zu gönnen - das war ich? Ich? Wirklich ich? Ja, wie denn das? Was gingen denn mich die ganzen lästigen Aufgaben an, in die dieser Mann von morgens bis abends verstrickt war; was der ganze Respekt, die ganze Achtung, die er genoß, Commendatore, Professor, Rechtsanwalt, und was der Reichtum und die Ehren, die ihm durch die eifrige und gewissenhafte Erfüllung all dieser Verpflichtungen, durch die Ausübung seines Berufes zugewachsen waren?

Und dort, hinter dieser Tür, die auf dem ovalen Messingschild meinen Namen trug, waren eine Frau und vier Kinder, die jeden Tag mit demselben Widerwillen, der auch der meine war, den ich aber in ihnen nicht dulden konnte, diesen unerträglichen Menschen vor sich sahen, der ich sein mußte, und in dem ich nun einen mir Fremden, einen Feind erkannte. Meine Frau? Meine Kinder? Aber wenn ich doch nie ich gewesen war in Wirklichkeit, wenn doch in Wirklichkeit (und ich fühlte es mit erschreckender Sicherheit) dieser unerträgliche Mensch, der da vor der Türe stand, gar nicht ich war; wessen Frau war dann diese Frau, wessen Kinder waren dann diese vier Kinder? Meine waren sie sicher nicht! Sie gehörten diesem Mann, diesem Mann, den mein Geist in diesem Augenblick, hätte er einen Körper besessen, seinen wahren Körper, seine wahre Gestalt, mit Fußtritten davongejagt oder aber gepackt, zerrissen, zerstört hätte, mit all diesen lästigen Aufgaben, mit all diesen Pflichten und Ehren und dem Respekt und dem Reichtum, und auch mit der Frau, ja, vielleicht auch die Frau...

Aber die Kinder?

Ich griff mir an die Schläfen und drückte fest zu.

Nein. Ich empfand sie nicht als die meinen. Aber über ein seltsames, qualvolles, banges Gefühl von ihnen, wie sie außerhalb meiner selbst waren, wie ich sie jeden Tag vor mir sah, wie sie mich brauchten, meine Betreuung, meinen Rat, meine Arbeit; über dieses Gefühl und mit der Empfindung des entsetzlichen Überdrusses, mit der ich im Zug aufgewacht war, fühlte ich, wie ich wieder in diesen unerträglichen Menschen hineinschlüpfte, der vor der Tür stand.

Ich holte den Schlüssel aus der Tasche; ich öffnete diese Tür und trat wieder in dieses Haus und in das Leben von zuvor ein. 

Nun ist das meine Tragödie. Ich sage die meine, aber wer weiß, für wie viele Leute es ihre Tragödie ist.

Wer lebt, sieht sich nicht, wenn er lebt; er lebt einfach... Wenn jemand das eigene Leben sehen kann, ist das ein Zeichen, daß er es nicht mehr lebt: es widerfährt ihm, er schleppt es mit. Wie ein totes Ding schleppt er es mit. Denn jede Form ist ein Tod.

Ganz wenige wissen das; die meisten, beinahe alle, kämpfen, bemühen sich, wie sie sagen, sich eine Position zu schaffen, eine Form zu erreichen; haben sie die erreicht, glauben sie, ihr Leben erkämpft zu haben, und stattdessen beginnen sie zu sterben. Sie wissen es nicht, weil sie sich nicht sehen; weil sie es nicht vermögen, sich von dieser sterbenden Form zu lösen, die sie erreicht haben; sie erkennen sich nicht als Tote und glauben zu leben. Nur der erkennt sich, dem es gelingt, die Form zu sehen, die er selbst oder andere, das Schicksal, der Zufall, die Bedingungen, unter denen jeder auf die Welt kommt, ihm gegeben haben. Aber wenn wir sie einmal sehen können, diese Form, dann ist das ein Zeichen, daß unser Leben nicht mehr in ihr ist; denn wenn es noch darin wäre, würden wir sie nicht sehen: wir würden sie leben, diese Form, ohne sie zu sehen, und wir würden jeden Tag mehr in ihr sterben, die schon an und für sich ein Tod ist, ohne sie dabei kennenzulernen. Wir können daher nur das an uns sehen und kennen­lernen, was von uns gestorben ist. Sich erkennen heißt sterben.

Mein Fall liegt freilich noch schlimmer. Ich sehe nicht das, was an mir gestorben ist; ich sehe, daß ich nie gelebt habe, ich sehe die Form, die die anderen, nicht ich, mir gegeben haben, und ich fühle, daß mein Leben, ein Leben, das wahrhaft mein gewesen wäre, nie in dieser Form gewesen ist. Sie haben mich genommen wie irgendeinen Werkstoff, sie haben ein Gehirn genommen, eine Seele, ein paar Muskeln, Nerven, Fleisch, sie haben aus dem Ganzen einen Teig gemacht und ihn geformt, wie es ihnen paßte, damit er eine Arbeit verrichtet, Handlungen setzt, Verpflichtungen nachkommt, in denen ich mich suche und nicht finde. Und ich schreie, meine Seele schreit in dieser toten Form, die nie die meine war: "Ja, wieso denn? Ich soll das sein? So soll ich sein? Ja, wann wäre ich denn je so?" Und ich empfinde Ekel, Abscheu, Haß vor dem, der ich nicht bin, der ich nie gewesen bin; vor dieser toten Form, in der ich gefangen bin, und von der ich mich nicht befreien kann. Eine Form, die noch von Pflichten beschwert wird, die ich nicht als meine empfinde, von lästigen Aufgaben bedrückt, die mir nichts bedeuten, geprägt von einer allgemeinen Achtung, mit der ich nichts anzufangen weiß; eine Form, die in diesen Pflichten, diesen Aufgaben, dieser Achtung besteht, die sich doch außerhalb meiner selbst, oberhalb von mir befinden; leere Dinge, tote Dinge, die schwer an mir hängen, mich ersticken, mich erdrücken und mich nicht mehr atmen lassen.

Mich befreien? Aber niemand kann eine Tatsache un­geschehen machen, niemand kann machen, daß der Tod nicht mehr da sei, wenn er uns einmal ergriffen hat und festhält.

Da sind die Tatsachen. Wenn du einmal, wie auch immer, gehandelt hast, auch ohne daß du dich selbst danach in deinen Handlungen gefühlt oder wiedergefunden hast, dann bleibt doch das zurück, was du getan hast, wie ein Gefängnis für dich. Und wie Fangarme und Windungen um­fassen dich die Folgen deiner Handlungen. Und um dich herum lastet wie eine dichte, schwere, den Atem benehmende Atmosphäre die Verantwortung, die dir durch diese ungewollten oder unvorhergesehenen Handlungen und ihre Folgen zugewachsen ist. Wie könnte ich in dem Gefängnis dieser Form, die nicht die meine ist, aber mich darstellt, so wie ich für alle bin, wie alle mich kennen und wollen und respektieren, wie könnte ich darin ein anderes, mein wahres Leben annehmen und führen? Ein Leben in einer Form, die ich als tot empfinde, die aber für die anderen weiter­bestehen muß, für alle die, die sie aufgebaut haben und sie so und nicht anders haben wollen? Sie muß so sein, ganz zwangsläufig. So braucht sie meine Frau, so brauchen sie meine Kinder, die Gesellschaft, das heißt die Herren Studenten der juristischen Fakultät, die Herren Klienten, die ihr Leben, ihre Ehre, ihre Freiheit, ihr Vermögen in meine Hände legen. So wird sie gebraucht, und ich kann sie nicht verändern, ich kann sie nicht mit Fußtritten traktieren und sie mir vom Halse schaffen; ich kann mich nicht gegen sie auflehnen, nicht an ihr rächen, es sei denn für einen einzigen Augenblick jeden Tag, mit einer Handlung, die ich unter strengster Geheimhaltung vollführe, indem ich mit Bangen und unendlicher Umsicht den geeigneten Moment auswähle, in dem mich keiner sehen kann.

Das ist's: Ich habe eine alte Schäferhündin, die seit elf Jahren im Haus ist, schwarz-weiß gefleckt, dick, kurzbeinig und mit langem Fell, die Augen schon ein wenig vom Alter verschleiert.

Zwischen ihr und mir bestand nie ein gutes Verhältnis. Vielleicht hat sie zu Beginn meinen Beruf nicht sehr geschätzt, da dieser ihr verbot, Lärm im Haus zu machen; nach und nach hat sie jedoch im Alter begonnen, ihn sehr wohl zu schätzen, so sehr, daß sie, um der kapriziösen Tyrannei der Kinder zu entkommen, die noch immer mit ihr unten im Garten herumtollen möchten, seit geraumer Zeit die Gewohnheit angenommen hat, sich von morgens bis abends in mein Arbeitszimmer zu flüchten, wo sie auf dem Teppich schläft, die spitze Schnauze zwischen die Pfoten gesteckt. Zwischen so vielen Papieren und so vielen Büchern fühlte sie sich geborgen und sicher. Von Zeit zu Zeit pflegte sie ein Auge aufzuschlagen, um mich anzusehen, als wollte sie sagen:

"Bravo, ja, mein Lieber! Arbeite nur, rühre dich nur nicht fort von hier, denn solange du da arbeitest, wird niemand hereinkommen, um meinen Schlaf zu stören."

So dachte das arme Tier mit Sicherheit. Die Versuchung, an ihr meine Rache zu vollziehen, überkam mich vor etwa vierzehn Tagen ganz plötzlich, als ich merkte, wie sie mich so ansah.

Ich tue ihr nicht weh; ich tue ihr gar nichts. Kaum, daß es mir möglich ist, kaum, daß mir igendein Klient einen freien Augenblick läßt, erhebe ich mich vorsichtig und lang­sam aus meinem Lehnstuhl, damit niemand bemerkt, daß mein gefürchtetes und beneidetes Wissen, mein beeindruckendes Wissen als Anwalt und Professor der Rechtswissen­schaften, meine strenge Würde als Ehemann und Vater sich für einen Augenblick von dem Thron dieses Lehnstuhls gelöst haben. Auf Zehenspitzen laufe ich zur Tür, um in den Gang hinauszu­spähen, ob dort niemand zu sehen ist. Dann versperre ich die Tür, nur für einen Augenblick; meine Augen leuchten vor Freude, meine Hände tanzen in dem Vorgefühl der Lust, die ich mir nun verschaffen werde, der Lust, verrückt zu sein, für einen einzigen Augenblick verrückt zu sein, für einen einzigen Augenblick dem Gefängnis dieser toten Form zu entfliehen, für einen einzigen Augenblick in schelmenhafter Weise dieses Wissen, diese Würde, die mich ersticken und erdrücken, zu zerstören, zu vernichten; ich laufe zu ihr hin, zu der Hündin, die auf dem Teppich schläft; langsam und mit Anmut ergreife ich ihre beiden Hinterpfoten und fahre mit ihr Schubkarren; ich lasse sie acht oder zehn Schritte, nicht mehr, auf den Vorderpfoten allein gehen, während ich sie an den Hinterpfoten halte.

Das ist alles. Nichts anderes tue ich. Ich laufe sofort zur Türe, um sie ganz vorsichtig ohne das leiseste Geräusch wieder aufzusperren, ich setze mich wieder auf den Thron, in meinen Lehnstuhl, bereit, einen neuen Klienten zu empfangen, mit der strengen Würde von zuvor, geladen wie eine Kanone mit all meinem beeindruckenden Wissen.

Aber da ist es, das Tier, seit vierzehn Tagen liegt die Hündin da wie betäubt und blickt mich an mit diesen verschleierten, vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen. Ich möchte ihr zu verstehen geben - ich sage es noch einmal - daß das alles nichts ist; daß sie ganz ruhig sein soll, daß sie mich nicht so ansehen soll.

Es versteht, dieses Tier, wie entsetzlich meine Handlung tatsächlich ist.

Es wäre nichts dabei, wenn ich dasselbe im Scherz mit einem meiner Kinder machen würde. Aber die Hündin weiß, daß ich nicht scherzen kann; es ist ihr nicht möglich, anzunehmen, daß ich auch nur für einen Augenblick scherzen könnte. Und so fährt sie fort mich entsetzt anzusehen, wie ein Fluch. 

© Michael Rössner.

Sieg der Ameisen - (Vittoria delle formiche - 1937)

 

aus dem Italienischen von Michael Rössner

Italienische Version

 

Eine Sache, die an und für sich lächerlich sein mag, in den Auswirkungen aber schrecklich: Ein Haus, das ganz von den Ameisen in Besitz genommen wird. Und dieser verrückte Gedanke: Daß der Wind sich mit ihnen verbündet haben könnte. Der Wind mit den Ameisen. Verbündet, mit dieser Sorglosigkeit die ihm zu eigen ist, da er in seinem Schwung nicht für einen Augenblick anhalten kann, um darüber nachzudenken, was er gerade tut. Gesagt, getan, mit einer kräftigen Bö hatte der Wind gerade in dem Augenblick eingesetzt, in dem er beschlossen hatte, den Ameisenhaufen vor der Tür anzuzünden. Und gesagt, getan, stand nun das ganze Haus in Flammen. Als hätte er, um es von den Ameisen zu befreien, keinen anderen Weg gefunden als das Feuer: es anzuzünden..

 

Aber ehe wir zu diesem entscheidenden Punkt gelangen, wäre es gut, die vielen vorausgehenden Dinge zu bedenken, die doch irgendwie zu erklären vermögen, wie die Ameisen das Haus so sehr in Besitz hatten nehmen können, und wie sich in ihm der seltsame Gedanke eines Bündnisses zwischen den Ameisen und dem Wind hatte einnisten können.

 Heruntergekommen zu einem Hungerleider, aus der wohlhabenden Situation, in der ihn sein Vater bei dessen Tod hinterlassen hatte, verlassen von Frau und Kindern, die sich am Ende dazu durchgerungen hatten, allein zu leben, so gut es ging, endlich frei von seinen tyrannischen Übergriffen, die man beurteilen mochte, wie man wollte, vor allem aber waren sie unangemessen; er dagegen hielt sich für das Opfer, weil er zu nachgiebig gewesen war und bei ihnen nie Unterstützung gefunden hatte in seinen bescheidenen Vorlieben und seinen wohlüberlegten Ansichten; so lebte er allein, auf einem Fleckchen Erde, dem einzigen, was ihm noch von all den früheren Besitztümern, Häusern und Landgütern, geblieben war; ein Fleckchen künstlich urbar gemachter Erde unterhalb des Dorfes, am Rande des Tals, mit einer Hütte, die gerade drei Zimmer hatte, und in der früher der Bauer gewohnt hatte, der das Land in Pacht hatte. Nun wohnte er hier, der Signore, ärger herabgekommen als der elendste Bauer; er kleidete sich freilich immer noch in den Anzug eines Signore, der an seinem Körper in entsetzlicher Weise viel abgerissener und fleckiger aussah, als es an einem Bettler der Fall gewesen wäre, der ihn als Almosen bekommen hätte. Und dennoch erschien manchmal dieses schreckliche herrenhafte Elend geradezu fröhlich, wie gewisse Farbflicken, die die Armen auf ihre Kleider genäht tragen, und die beinahe so etwas wie ihr Banner darstellen. In dem langen, bleichen Gesicht mit den geschwollenen, aber lebendigen Augen lag etwas Ausgelassenes, das zu den fliegenden, halb grauen, halb rötlichen Locken des Kopfes paßte; und in den Augen war immer wieder so ein gewisses heiteres Aufblitzen, das jedoch gleich wieder erlosch bei dem Gedanken, wenn jemand es zufällig beobachtete, würde man ihn deshalb für verrückt halten. Er verstand es ja selbst, daß die anderen sich nur zu leicht von ihm eine solche Vorstellung machen konnten. Aber dabei war er doch wirklich zufrieden, endlich einmal alles so einrichten zu können, wie er es wollte; und er genoß mit einem unendlichen Behagen dieses Bißchen, ja Fast-Nichts, das ihm die Armut zu bieten vermochte. Es reichte nicht einmal dafür, jeden Tag das Herdfeuer anzuzünden, um sich wenigstens eine Bohnen- oder Linseneinsuppe zu kochen. Gefallen hätte ihm das schon, denn niemand verstand diese Speisen besser zuzubereiten als er, der mit so viel Kunstfertigkeit Salz und Pfeffer dosierte und in so kundiger Weise gerade das richtige Grünzeug hineinmischte, daß die Suppe schon während des Kochens allein durch ihren Geruch trunken machte; und sie aß sich wie Götterspeise. Aber er konnte auch darauf verzichten. Es reichte ihm, am Abend ein paar Schritte vor die Haustür zu machen und im Garten eine Tomate und eine Zwiebel zu pflücken, die das gewohnte Stück Brot begleiteten, das er mit größter Sorgfalt mit einem Taschenmesser in Scheiben schnitt und dann mit zwei Fingern Stück für Stück wie einen Leckerbissen in den Mund schob.

Er hatte diesen neuen Reichtum entdeckt, der einfach in der Erfahrung lag, daß so wenig schon für das Leben genug sein kann; und daß man dabei gesund sein kann und sich keine Gedanken machen muß; und daß man die ganze Welt für sich hat, wenn man kein Haus mehr hat und keine Familie und keine Sorgen und keine Geschäfte; ja, man ist dreckig und abgerissen, sei’s drum, aber in Frieden; und so sitzt man des Nachts unter dem Sternenhimmel auf der Schwelle einer Hütte; und wenn ein Hund, auch er ein streunender, davongejagter, sich an einen schmiegt, dann kann man ihn streicheln und ihm den Kopf tätscheln; ein Mensch und ein Hund, allein auf dieser Erde, unter dem Sternenhimmel. 

 

Aber sich so ganz und gar keine Gedanken machen, das war auch wieder nicht wahr. Als er sich wenig später auf einem Haufen Stroh auf der Erde ausgestreckt hatte wie ein Stück Vieh, da begann er anstatt zu schlafen, an den Nägeln zu kauen und, ohne darauf zu achten, sich mit den Zähnen die Fingerkuppen bis aufs Blut wundzuscheuern, die ihn hernach, angeschwollen und eitrig geworden, einige Tage lang brennen würden. Er wälzte immer wieder die Gedanken an das, was er hätte tun sollen und nicht getan hatte, um sein Vermögen zu retten; und er krümmte sich vor Wut oder stöhnte auf vor Reue, als wäre sein Ruin erst gestern erfolgt, als hätte er erst gestern vorgetäuscht, er würde nicht bemerken, daß dieser Ruin binnen kurzem eintreten müßte und längst unvermeidbar geworden sei. Es war doch nicht zu glauben! Eines nach dem anderen hatte er sich seine Landgüter von den Wucherern entreißen lassen, eines nach dem anderen die Häuser, nur um über ein bißchen Geld verfügen zu können, von dem seine Frau nichts wußte, um sich eine kleine, vorübergehende Zerstreuung gestatten zu können (also, um der Wahrheit die Ehre zu geben, weder klein noch vorübergehend; es war unnötig, daß er jetzt noch nach Milderungsgründen suchte; jetzt galt es, sich ganz offen einzugestehen, daß er Jahre hindurch gelebt hatte wie ein Schwein, jawohl, so mußte man es wohl nennen: wie ein richtiges Schwein; Weiber, Wein und Würfelspiel) und es hatte ihm gereicht, daß seine Frau noch immer nichts gemerkt hatte, um weiterhin so zu leben, als ob auch er nichts von dem unmittelbar bevorstehenden Ruin gewußt hätte; und unterdessen hatte er seine Bitterkeit und seine heimlichen Rasereien an seinem unschuldigen Sohn abreagiert, der Latein studierte. Jawohl! So unglaublich das war: Auch er hatte sich wieder daran gemacht, Latein zu lernen, um den Sohn zu beaufsichtigen und ihm zu helfen; als hätte er sonst nichts zu tun und als wäre das tatsächlich Fürsorge und Zuwendung gewesen, die einen Ausgleich für die Katastrophe darstellen könnten, die er unterdessen für die gesamte Familie vorbereitete.

Diese Katastrophe war für seine geheime Verzweiflung dieselbe, der sein Sohn entgegenging, wenn er nicht zu verstehen vermochte, welche Bedeutung der Ablativus absolutus oder die adversative Form im Lateinischen hatten; und er versteifte sich darauf, ihm die zu erklären, das ganze Haus erzitterte von seinen Schreien und seinem Wüten angesichts der Verwirrung dieses armen Burschen, der allmählich das ganze wohl auch selbst verstanden hätte. Mit was für Augen er ihn einmal angesehen hatte, nach einer Ohrfeige! In der Heftigkeit seiner Gewissensbisse zerkratzte er sich nun bei dem Gedanken an diesen Blick seines Jungen das Gesicht mit verkrümmten Fingern und beschimpfte sich dabei: Schwein, Schwein, Vieh! Wie kann man so auf einen Unschuldigen losgehen!

Er erhob sich von dem Strohlager; er gab es auf zu schlafen; er setzte sich wieder auf die Schwelle der Hütte; und dort gelang es dem gedächtnislosen Schweigen der in der Nacht aufgehenden Campagna allmählich ihn zu beruhigen; diesem Schweigen, das nicht nur nicht gestört, sondern geradezu gesteigert zu werden schien von dem fernen Zirpen der Grillen, das aus dem Grund des großen Tals heraufdrang. In der Landschaft lag bereits die Melancholie der sterbenden Jahreszeit; und er liebte die ersten feuchten, verschleierten Tage, wenn diese ganz feinen Sprühregen begannen, die ihm, wer weiß warum, eine vage Sehnsucht nach der fernen Kindheit einflößten, diese ersten schmerzlichen und doch süßen Empfindungen, durch die man Zuneigung zu der Erde faßt, zu ihrem Geruch. Die Rührung weitete ihm die Brust; die Bangigkeit schnürte ihm die Kehle zu, und er begann zu weinen. Es war wohl Schicksal, daß es mit ihm auf dem Lande zu Ende gehen sollte. Aber daß es in dieser Weise geschehen sollte, das hatte er sich doch nicht erwartet. 

Da er weder die Kräfte noch die Mittel hatte, selbst dieses bißchen Erde zu bestellen, das gerade so viel trug, daß man davon den Grundzins bezahlen konnte, der darauf lastete, hatte er es dem Bauern abgetreten, der das Gut nebenan gepachtet hatte, lediglich unter der Bedingung, daß der für ihn diesen Grundzins zahlte und ihm zu essen gab; wenig, fast als Almosen, und von dem, was die Erde selbst hervorbrachte: Brot und Gemüse, damit er sich, wenn ihm danach zumute war, jeden Tag eine Suppe kochen konnte.

Seit er diesen Vertrag abgeschlossen hatte, war er dazu übergegangen, all das, was er da ringsumher erblickte, Mandelbäume, Olivenbäume, Korn, Gartenfrüchte, als Dinge anzusehen, die nicht mehr ihm gehörten. Ihm gehörte nur noch die Hütte; aber wenn er sie als sein einziges Besitztum ansah, dann konnte er nicht umhin, mit dem bittersten Vergnügen der Welt darüber zu lächeln. Die Ameisen hatten sie bereits in Besitz genommen. Bislang hatte er sich dabei unterhalten, sie in unendlichen Prozessionen die Wände der Zimmer hinauflaufen zu sehen. Sie waren so viele, daß er manchmal meinte, die Wände würden förmlich unter ihnen erzittern. Aber noch mehr Spaß hatte er daran, sie in allen Richtungen kreuz und quer, als gehörten sie ihnen, über die merkwürdigen herrschaftlichen Möbel laufen zu sehen, die aus seinem ehemaligen Stadthaus stammten, von dem Zusammenbruch der Familie übrig geblieben und dort in der Hütte in buntem Durcheinander aufgestellt worden waren, alle mit einer dicken Staubschicht darauf. In seinen Stunden der Muße hatte er, um sich zu zerstreuen, sich sogar darangemacht, sie zu studieren, diese Ameisen, Stunden um Stunden hatte er sie so beobachtet.

Es waren winzig kleine Ameisen, unglaublich leicht, dünn, zart und rosig, so daß ein einziger Atemhauch mehr als hundert von ihnen verblasen konnte; aber auf der Stelle kamen andere hundert von allen Seiten herbei; und was für eine Geschäftigkeit sie entwickelten; welche Ordnung in der Eile; diese Trupps hier, jene dort; ein Hin und Her ohne Rast; sie gerieten an ein Hindernis, machten ein Stück lang einen Umweg, aber dann fanden sie ihre Straße wieder und sicherlich verständigten und berieten sie sich untereinander.

Noch nie jedoch war es ihm so erschienen ‑ vielleicht gerade wegen ihrer Zartheit und Kleinheit ‑, als könnten sie zu fürchten sein, als wollten sie sich tatsächlich des Hauses und seiner selbst bemächtigen und ihn nicht mehr weiterleben lassen. Und dennoch hatte er sie schon überall gefunden, sogar in den Schubladen; er hatte sie an den Stellen herauskommen sehen, an denen er sie am wenigsten erwartet hätte, manchmal fand er sie sogar in seinem Mund, wenn er ein Stück Brot aß, das er für einen Augenblick auf dem Tisch oder sonstwo liegen gelassen hatte. Die Idee, er müsse sich im Ernst gegen sie verteidigen, im Ernst den Kampf gegen sie aufnehmen, die war ihm noch nicht gekommen. Sie kam ihm ganz plötzlich eines Morgens, vielleicht wegen der Stimmung, in der er sich befand, nach einer Schreckensnacht, die noch schwärzer gewesen war als alle anderen.

Er hatte sich die Jacke ausgezogen, um ein paar Ährenbündel in die Hütte zu tragen, zwanzig vielleicht, die der Bauer noch nicht in seinen Hof gebracht und hier im Freien liegen gelassen hatte. Der Himmel hatte sich über Nacht verdüstert, und der Regen schien unmittelbar bevorzustehen. Da er nun einmal ans Nichtstun gewohnt war, hatte ihn diese ungewohnte Mühe und diese blöde Vorsorge, die ihn im übrigen gar nichts anging, denn diese Ährenbündel gehörten ja wie alles andere dem Bauern, so sehr ermüdet, daß er, als er für das letzte Bündel in der schon ganz vollgestopften Hütte Platz suchte, einfach nicht mehr konnte, das Bündel vor der Tür absetzte und sich dazuhockte, um ein wenig auszuruhen.

Mit hängendem Kopf, die Arme auf die gespreizten Beine gestützt, ließ er zwischen den Beinen die Hände ein  wenig baumeln. Und auf einmal, da, sah er doch tatsächlich aus den Ärmeln seines Hemds über diese baumelnden Hände die Ameisen kriechen, die Ameisen, die also offenbar unter seinem Hemd über seinen Körper spazierten, als wären sie da zu Hause. Er geriet in Wut und beschloß, auf der Stelle diese Plage auszurotten. Der Ameisenhaufen war ja nur zwei Schritte von der Tür entfernt. Ihn anzünden!

Wie kam es nur, daß er nicht an den Wind dachte? Na, das ist eine gute Frage. Er dachte nicht an ihn, weil gar kein Wind ging, es ging ja gar kein Wind. Die Luft schien stillzustehen, in Erwartung des Regens, der über dem Land hing, in dieser schwer lastenden Stille, die dem Fallen der ersten Tropfen voranzugehen pflegt. Kein Blatt fiel vom Baum. Die Windbö kam ganz plötzlich und heimtückisch auf, kaum daß er das Strohbündel, das er vom Boden aufgelesen hatte, in Brand gesteckt hatte; er hielt es in der Hand wie eine Fackel; als er es senkte, um den Ameisenhaufen in Brand zu stecken, da packte die Bö das Feuer und trug die Funken bis zu dem Ährenbündel, das vor der Tür liegen geblieben war, und sofort flammte es auf und gab das Feuer an die anderen Ährenbündel weiter, die in der Hütte gestapelt waren, in der sich nun das Feuer prasselnd und alles mit Rauch erfüllend ausbreitete. Wie ein Verrückter warf er sich in die Glut, schreiend und mit erhobenen Armen, vielleicht in der Hoffnung, sie noch zu ersticken.

Als er von den herbeigeeilten Leuten herausgetragen wurde, bot er einen grauenhaften Anblick, so entsetzlich verbrannt und doch noch nicht tot, im Gegenteil, in höchster, wütender Erregung, mit den Armen fuchtelnd, die Flammen am Leib, auf den Kleidern und in den fliegenden Locken auf dem Kopf. Er starb wenige Stunden später in dem Spital, in das man ihn gebracht hatte. In seinem Delirium schimpfte er auf den Wind, den Wind und die Ameisen.

„Verbündet haben sie sich... verbündet...“

Aber man wußte ja längst, daß er verrückt war. Und dieses schreckliche Ende, das er nahm, das bedauerten die Leute, gewiß, aber doch mit einem gewissen Schmunzeln auf den Lippen.

© Michael Rössner.

Singt-die-Episte - (Canta l'epistola - 1922)

 

Erstveröffentlichung: Corriere della sera, 31.12.1911. Keine wesentlichen Varianten.  

aus dem Italienischen von Michael Rössner

Italienische Version   

 

"Hatten Sie schon die Weihen bekommen?"

"Nicht alle. Bis zum Subdiakon."

"Aha, bis zum Subdiakon. Und was tut der Subdiakon?"

"Er singt die Epistel; er hält dem Diakon das Buch, während dieser das Evangelium singt; er bringt die Gefäße für die Meßfeier zum Altar; er hält während des Kanons das Hostiengefäß in den Schleier eingehüllt."

"Ach, dann haben Sie also das Evangelium gesungen?"

"Nein, Signore. Das Evangelium singt der Diakon, der Subdiakon singt die Epistel."

"Dann haben Sie also die Epistel gesungen?"

"Ich? Warum gerade ich? Der Subdiakon."

"Der singt die Epistel?"

"Der singt die Epistel."

Was gibt es bei alledem zu lachen?

Und doch: als auf dem luftigen Hauptplatz des Ortes, der vom Rascheln der welken Blätter erfüllt wurde und sich im raschen Wechsel von Wolken und Sonne bald verdüsterte, bald erhellte, der alte Doktor Fanti diese Fragen an Tommasino Unzio stellte, der eben das Priesterseminar ver­lassen und die Soutane ausgezogen hatte, weil er den Glauben verloren hatte, da verzog er sein Ziegengesicht so seltsam, daß alle Nichtstuer des Ortes, die im Kreis vor der "Apothe­ke zum Krankenhaus" saßen, in ein wildes Gelächter ausge­brochen waren, so daß die einen sich wanden vor lachen und die anderen sich den Mund zuhielten.

 

Das Lachen war herausgebrochen wie ein Durchfall, kaum daß Tommasino sich entfernt hatte, verfolgt von all diesen welken Blättern. Und dann hatte einer den anderen gefragt:

"Der singt die Epistel?"

Und der andere hatte geantwortet:

"Der singt die Epistel."

Und so hängten sie Tommasino Unzio, der als Subdiakon aus dem Priesterseminar ausgetreten war, ohne Soutane, weil er den Glauben verloren hatte, den Spitznamen "Singt-die-Epistel" an. 

Den Glauben kann man aus hunderttausend verschiedenen Gründen verlieren. Und im allgemeinen ist der, der den Glauben verliert, überzeugt - wenigstens im ersten Augenblick - daß er dafür etwas gewonnen hat; wenn schon nichts anderes, so wenigstens die Freiheit, gewisse Dinge zu tun und zu sagen, die er zuvor für mit dem Glauben nicht vereinbar gehalten hat.

Wenn der Grund für den Glaubensverlust aber nicht die überstarke Hunger nach dem Irdischen ist, sondern der Durst der Seele, der sich nicht mehr im Altarkelch und im Weihwasserbecken stillen läßt, dann wird der, der den Glauben verloren hat, nur schwer der Meinung sein können, er hätte dabei etwas anderes gewonnen. Allerhöchstens wird er sich im ersten Augenblick nicht über den Verlust beklagen, weil er anerkennt, etwas verloren zu haben, das für ihn schon keinen Wert mehr besessen hat.

Tommasino Unzio hatte also mit dem Glauben alles verloren, auch die einzige Position, die ihm sein Vater hätte verschaffen können, dank eines solcherart bedingten Legates von einem Onkel, der selbst Priester gewesen war. Der Vater war zudem nicht davor zurückgeschreckt, ihn mit Ohrfeigen und Fußtritten zu traktieren, ihn mehrere Tage bei Wasser und Brot einzuschließen, und ihm jede Art von Beschimpfungen und Verwünschungen ins Gesicht zu schleudern. Aber Tommasino hatte alles mit harter, bleicher Festigkeit ausgehalten und auf den Moment gewartet, in dem der Vater einsehen würde, daß dies nicht gerade die geeignetsten Mittel waren, um Glauben und Berufung zurückzuholen.

Es war nicht so sehr die Gewalttätigkeit, die ihm weh getan hatte, als vielmehr die Gemeinheit der Handlung, die so konträr zu dem Grund war, dessentwegen er den Priester­rock ausgezogen hatte.

Aber auf der anderen Seite hatte er verstanden, daß seine Wangen, sein Rücken, sein Magen dem Vater Gelegenheit bieten mußten, seine Wut über den Schmerz abzureagieren, den auch er fühlte, in der brennendsten Weise, da sein Leben unrettbar zusammengebrochen war und er im Haus zurückgeblie­ben war wie ein unnützes Hindernis.

Er wollte jedoch allen beweisen, daß er den Priester­stand nicht aufgegeben hatte, weil es ihn gelüstete, "seine Schweinereien auszuleben", wie der Vater in vornehmer Weise im ganzen Ort herumerzählt hatte. Er verschloß sich in sich selbst, verließ sein Zimmerchen nicht mehr, es sei denn für einen oder den anderen einsamen Spaziergang hinauf durch die Kastanienwälder bis zum Pian della Britta oder hinunter über den Fahrweg ins Tal, zwischen den Feldern hindurch, bis zu dem verlassenen Kirchlein Santa Maria di Loreto, stets verloren in seinen Meditationen und ohne je den Blick oder das Gesicht zu jemandem anderen aufzuheben.

Allerdings ist es wahr, daß ein Körper, auch wenn der Geist sich in einem tiefen Schmerz oder in einem hartnäckigen, ehrgeizigen Streben verschließt, oft den Geist in dieser selbstgewählten Isolation läßt und heimlich und leise, ohne ihm etwas davon zu sagen, sein eigenes Leben beginnt, wieder anfängt, die gute Luft und die gesunden Speisen zu genießen.

So geschah es, daß Tommasino sich binnen kurzem und fast zum Hohn in dem wohlbeleibten, blühenden Körper eines feisten Mönchs wiederfand, während sein Geist über seinen verzweifelten Meditationen immer melancholischer und zarter wurde.

 

Was hieß da noch Tommasino! Ein Tommasone war er jetzt, der dicke Tommaso Singt-die-Epistel. Jeder hätte, wenn er ihn so sah, dem Vater recht gegeben. Aber im Dorf wußte man, wie der arme Bursche lebte; und keine Frau konnte sagen, daß er sie auch nur flüchtig von der Seite je angesehen hätte.

Kein Bewußtsein des eigenen Seins mehr haben, wie ein Stein, wie eine Pflanze; sich nicht einmal mehr an den eigenen Namen erinnern; leben, um zu leben, ohne zu wissen, daß man lebt, wie die Tiere, wie die Pflanzen; keine Gefühlsbindungen mehr, keine Wünsche, keine Erinnerungen, keine Gedanken; nichts mehr, das dem eigenen Leben Sinn oder Wert geben könnte. Einfach so: im Gras ausgestreckt, die ineinander verschlungenen Hände unter dem Nacken, in dem blauen Himmel die blendend weißen Wolken betrachten, die voll des Sonnenlichts sind; dem Wind lauschen, der in den Kastanienbäumchen des Waldes eine Art Meeresrauschen auslöst, und aus der Stimme dieses Windes und diesem Rauschen wie aus einer unendlichen Ferne die Nichtigkeit aller Dinge und die bange Leere des Lebens heraushören.

Wolken und Wind.

Ja, aber darin lag ja schon alles, wenn man bemerkte und erkannte, daß das, was da lichterfüllt über die grenzenlose blaue Leere dahinschwebte, Wolken waren. Weiß die Wolke etwa, daß sie eine Wolke ist? Und auch Baum und Stein wissen nichts von ihr und ebenso wenig von sich selbst.

Und er, der die Wolken bemerkte und erkannte, konnte auch - warum nicht? - an das Schicksal des Wassers denken, das zur Wolke wird, um dann wiederum Wasser zu werden. Es genügte ein armseliger Physiklehrer, um dieses Schicksal zu erklären; aber wer erklärte das Warum des Warum?

Oben im Kastanienwald, Axthiebe; unten im Stollen, Pickelhiebe.

Den Berg verstümmeln; die Bäume umlegen, um Häuser zu bauen. Dort, in diesem Gebirgsdorf, neue Häuser. Mühen, Plagen, Anstrengungen, Qualen jeder Art, wozu? Um endlich zu einem Schornstein zu kommen und dann aus diesem Schornstein ein bißchen Rauch dringen zu lassen, das sich sofort in der Leere des Raumes verliert.

Und so wie dieser Rauch jeder Gedanke, jede Erinnerung der Menschen.

Aber vor diesem weiten Schauspiel der Natur, vor dieser unermeßlichen grünen Ebene mit ihren Eichen, Ölbäumen und Kastanienbäumen, die von den Hängen des Cimino bis zum Tibertal ganz weit unten abfällt, fühlte er sich allmählich heiter werden, in einer weichen, gedächtnislosen Wehmut.

Alle Illusionen, alle Enttäuschungen, und die Schmerzen, die Freuden, die Hoffnungen und die Wünsche der Menschen erschienen ihm eitel und vergänglich angesichts des Gefühls, das die Dinge ausstrahlten, die all diese Regungen unbeweglich überdauerten. Beinahe wie die Schicksale von Wolken erschienen ihm vor dem Hintergrund der Ewigkeit der Natur die Einzelschicksale der Menschen. Man brauchte doch nur diese hohen Berge jenseits des Tibertals ansehen, die da weit in der Ferne, am Horizont verschwimmend, zart und fast wie Luftgebilde in der Dämmerung aufragten.

Ach, der Ehrgeiz der Menschen! Welche Siegesschreie, weil der Mensch begonnen hat, wie ein Vogel zu fliegen. Aber bitte, da fliegt ein Vogel: mit der allereinfachsten, problemlosesten Leichtigkeit, spontan begleitet von einem Freudentriller. Wenn man nun dagegen an den plumpen, röhrenden Apparat denkt, an das Erschrecken, die Bangigkeit, die Todesangst des Menschen, der einmal Vogel spielen will! Hier ein Rauschen und ein Trillern; dort ein lärmender, stinkender Motor und der Tod vor den Augen. Der Motor fällt aus, der Motor bleibt stehen; dann Lebewohl, Vogel!

"Mensch", sagte Tommasino Unzio, wenn er so auf dem Gras ausgestreckt lag. "Mensch, hör auf zu fliegen. Weshalb willst du fliegen? Und wann bist du je geflogen?" 

Plötzlich flog wie ein Lauffeuer durch den ganzen Ort eine Nachricht, die alle aufs höchste verblüffte: Tommasino Unzio, "Singt-die-Epistel", war erst geohrfeigt und dann zum Duell gefordert worden, und zwar vom Oberleutnant De Venera, dem örtlichen Abteilungskommandanten, weil er, ohne irgend eine Erklärung dafür zu geben, bestätigt hatte, daß er am Abend zuvor an der Landstraße, die zu dem Kirchlein Santa Maria di Loreto führt, dem Fräulein Olga Fanelli, der Verlobten des Oberleutnants, das Wort "Idiotin" ins Gesicht gesagt hatte.

Es war eine Verblüffung gemischt mit Heiterkeit, die sich an eine Frage über diese oder jene Einzelheit der Nachricht zu klammern schien, um nicht mit einem Schlag in die Ungläubigkeit zu stürzen.

"Tommasino?" "Zum Duell gefordert?" "Idiotin, zu Signorina Fanelli?" "Bestätigt hat er's?" "Ohne Erklärungen?" "Und hat er die Forderung angenommen?"

"Na hör mal, wo er doch geohrfeigt worden ist!"

"Und er wird sich wirklich schlagen?"

"Morgen, auf Pistolen."

"Mit dem Oberleutnant De Venera auf Pistolen?"

"Auf Pistolen."

Na, dann mußte der Grund wirklich überaus schwerwiegend sein. Allen schien, daß man nun nicht mehr an einer wütenden, bislang verborgen gehaltenen Leidenschaft zweifeln konnte. Und vielleicht hatte er ihr "Idiotin!" ins Gesicht geschrien, weil sie nicht ihn, sondern den Oberleutnant De Venera liebte. Das war doch klar! Und tatsächlich waren alle im Ort der Ansicht, daß nur eine Idiotin sich in diesen höchst lächerlichen De Venera verlieben konnte. Aber diese Meinung konnte natürlich er, der Oberleutnant, wiederum nicht teilen; und deshalb hatte er eine Erklärung verlangt.

Fräulein Olga Fanelli ihrerseits schwor ein um das andere Mal unter Tränen, daß sie nicht der Grund dieser Beschimpfung sein konnte; sie hatte den jungen Mann bloß zwei oder dreimal gesehen, und im übrigen hatte er nie auch nur die Augen gehoben, um sie anzusehen; und erst recht nicht, nie und nimmer, hatte er ihr auch nur das kleinste Anzeichen dafür gegeben, daß er für sie diese wütende heimliche Leidenschaft hegte, von der alle sprachen. Aber woher denn! Nein! Das war nicht der Grund! Irgend ein anderer Grund mußte hier verborgen sein! Aber was für einer? Ohne Grund schreit man schließlich einem Fräulein der Gesellschaft nicht einfach "Idiotin!" ins Gesicht.

Wenn alle, ganz besonders Vater und Mutter, die beiden Sekundanten, De Venera und das Fräulein selbst sich abmühten, den wahren Grund der Beschimpfung herauszufinden, so mühte sich Tommasino mehr als sie alle ab, weil er sie nicht sagen konnte, da er doch sicher war, daß niemand ihm geglaubt hätte, wenn er den Grund genannt hätte; im Gegenteil, alle hätten gedacht, er wolle ein Geheimnis, daß er nicht beichten konnte, zudecken, indem er sich darüber lustig machte.

 

Wer hätte denn tatsächlich geglaubt, daß er, Tommasino Unzio, seit einiger Zeit in seiner wachsenden und ständig tiefer werdenden Melancholie von einem überaus zarten Mit­gefühl für alle Dinge erfaßt worden war, die zum Leben geboren werden und darin nur kurz überdauern, ohne das Warum zu kennen, in Erwartung von Verfall und Tod? Je schwächer und zarter bis an die Grenze der Selbstauflösung diese Formen des Lebens waren, desto mehr rührten sie ihn, manchmal bis zu den Tränen. Ach, auf wie vielfältige Weise man geboren wird, und nur für ein einziges Mal, und in dieser gegebenen, einzigartigen Form, denn nie waren zwei Formen völlig gleich, und für so kurze Zeit, manchmal nur für einen einzigen Tag, auf einem winzigen Raum, wo man doch rund um sich die unbekannte, riesige Welt hat, die enorme, undurchdringliche Leere des Mysteriums der Existenz. Als Ameise wurde man geboren, als winzige Fliege, als Grashalm. Eine Ameise, in der Welt! In der Welt eine kleine Fliege, ein Grashalm. Der Grashalm wurde geboren, wuchs, blühte, welkte dahin. Und fort auf ewig; nie wieder dieser, nie wieder!

Nun hatte er seit etwa einem Monat Tag für Tag die kurze Lebensgeschichte eines solchen Grashalms verfolgt; eines Grashalms zwischen zwei grauen, moosgefleckten Felsbrocken hinter dem verlassenen Kirchlein Santa Maria di Loreto.

Er hatte mit fast mütterlicher Zärtlichkeit sein langsames Wachstum zwischen noch niedrigeren Halmen begleitet, die ihn umstanden, und er hatte ihn zunächst schüchtern in seiner zittrigen Zartheit jenseits der beiden mit Weinstein bedeckten Felsbrocken aufragen sehen, als empfände er zugleich Angst und Neugierde, wenn er bewundernd des Schauspiels, das sich da unter ihm ausbreitete, ansichtig wurde: der grenzenlosen grünen Ebene. Dann hoch, hoch, immer höher, kühn, herausfordernd, mit einem roten Kränzchen an der Spitze wie ein Hahnenkamm.

Und jeden Tag hatte er eine oder zwei Stunden lang, während er ihn beobachtete und sein Leben mitlebte, mit ihm sich in dem leisesten Lufthauch gewiegt; ängstlich war er an manchen Tagen herbeigelaufen, wenn der Wind besonders stark blies, oder wenn er fürchtete, er käme nicht mehr zurecht, um ihn vor einer Herde Ziegen zu schützen, die jeden Tag um dieselbe Zeit hinter der Kirche vorbeiströmte und oft ein wenig stehen blieb, um zwischen den Felsbrocken da und dort ein Grasbüschel auszurupfen. Bislang hatten sowohl der Wind als auch die Ziegen diesen Grashalm verschont. Und die Freude Tommasinos war unermeßlich, wenn er ihn dort unversehrt wiederfand, mit seinem kecken Kränzlein an der Spitze. Er liebkoste ihn, er strich mit zwei behutsamen Fingern über ihn hin, er bewachte ihn förmlich mit seiner Seele und seinem Atemhauch. Und wenn er ihn des Abends allein ließ, befahl er ihn den ersten Sternen, die im Himmel der Abenddämmerung aufleuchteten, damit sie ihn gemeinsam mit all den anderen die ganze Nacht hindurch bewachen sollten. Und vor seinem geistigen Auge sah er förmlich aus der Ferne seinen Grashalm zwischen den beiden Felsbrocken, unter dem dichten Sternenhimmel, dessen leuchtende Augen auf dem schwarzen Firmament ihn bewachten.

Nun, und eines Tages, als er zur gewohnten Stunde dorthin kam, um eine Stunde mit seinem Grashalm zu verleben, als er nur noch wenige Schritte von dem Kirchlein entfernt war, hatte er hinter demselben, auf einem der beiden Felsbrocken sitzend, Fräulein Olga Fanelli vorgefunden, die sich dort vielleicht ein wenig ausruhen wollte, ehe sie ihren Spaziergang fortsetzte.

Er war stehen geblieben, weil er es nicht wagte, näher zu kommen, und wartete, daß sie ihm den Platz überließe, wenn sie sich ausgeruht hätte. Und tatsächlich war das Fräulein kurz darauf aufgestanden, vielleicht, weil es ihr auf die Nerven ging, sich so von ihm beobachtet zu sehen. Sie hatte sich kurz umgesehen; dann hatte sie zerstreut eine Hand ausgestreckt und ausgerechnet diesen Grashalm ausgerissen, um ihn sich mitsamt seinem schaukelnden Kränzlein zwischen die Zähne zu stecken.

Tommasino Unzio war es gewesen, als habe man ihm die Seele aus dem Leib gerissen, und unwillkürlich hatte er sie angeschrien: "Idiotin!", als sie an ihm vorüberkam, mit diesem Hälmchen im Mund.

Nun, konnte er jetzt eingestehen, daß er dieses Fräulein wegen eines Grashalms solcherart beleidigt hatte?

Und der Oberleutnant De Venera hatte ihn geohrfeigt.

Tommasino war seines unnützen Lebens müde, müde der Plage seines blöden Fleisches, müde des Spotts, den alle mit ihm trieben, und der noch bitterer und verbissener geworden wäre, hätte er nach den Ohrfeigen es abgelehnt, sich zu schlagen. Er nahm also die Forderung an, aber unter der Bedingungen, daß das Duell unter den allerschwersten Bedingungen ausgefochten würde. Er wußte, daß der Oberleutnant De Venera ein ausgezeichneter Schütze war. Jeden Morgen legte er eine Probe davon ab, beim Scheibenschießen der Kompanie. Und er wollte sich mit ihm auf Pistolen schlagen, am nächsten Morgen, in der Dämmerung, eben dort, auf dem Scheibenschießplatz. 

Eine Kugel in der Brust. Zunächst schien die Verwundung nicht so schwer; dann wurde der Zustand plötzlich schlimmer. Die Kugel hatte die Lunge durchstoßen. Hohes Fieber; Delirium. Vier Tage und Nächte verzweifelter Pflege.

Als die Ärzte zu guter Letzt erklärten, es wäre nichts mehr zu machen, bat, ja beschwor Frau Unzio, die so religiös war, ihren Sohn, er möge doch wenigstens vor seinem Tod wieder mit Gott ins Reine kommen. Und Tommasino ließ sich dazu herbei, einen Beichtvater zu empfangen, um seine Mamma zufriedenzustellen.

Als dieser ihn auf dem Totenbett fragte: "Aber weshalb, mein Sohn? Weshalb?", da antwortete Tommasino mit halbgeschlossenen Augen und erloschener Stimme, unter einem Seufzer, der zugleich ein mildes Lächeln war, ganz einfach:

"Wegen eines Grashalms, Pater..."

Und alle dachten, er hätte wirklich bis zum letzten Augenblick im Delirium gesprochen.

 

© Michael Rössner.

 

Novellen - Vorbemerkung


Pirandello auf Deutsch - Index


Anfangenseite

 

Von der Nase in den Himmell - (Dal naso al cielo - 1925)

 

aus dem Italienischen von Michael Rössner

Italienische Version

I.

Seit einer Woche hatten die wenigen Gäste des alten Hotels auf dem Gipfel des Monte Gajo das Vergnügen, den Herrn Senator Romualdo Reda sprechen zu hören.

"Na, endlich!"

Seit gut zwanzig Tagen war er schon dort oben, der berühmte Chemikprofessor und seines Zeichens ordentliches Mitglied der Accademia dei Lincei, aber er hatte noch kein Wort mit den anderen gewechselt. Er fühlte sich nicht recht wohl; er war müde, ja, man munkelte sogar, es habe ihn vor kurzem in Rom ein leichtes Unwohlsein im Laboratorium befallen, in dem er sich vom frühen Morgen bis zum späten Abend aufzuhalten pflegte; und die Ärzte hätten ihn förmlich gezwungen, sich ein bißchen Ruhe zu gönnen und die Studien, die er in seinem Alter mit unbeugsamer Hartnäckigkeit und der üblichen strengen Präzision betrieb, wenigstens auf ein paar Monate zu unterbrechen.

Von derselben Strenge und Hartnäckigkeit war auch sein Verhalten im Leben bestimmt gewesen. Zweimal hatte man ihn wahrhaft bestürmt, das Amt eines Unterrichtsministers anzunehmen, und beide Male hatte er den wohlgemeinten Bitten eine entschiedene Ablehnung entgegengesetzt, weil er von seinen Studien und von seinen Pflichten als Lehrer nicht abgelenkt werden wollte.

Sehr klein gewachsen, mit einem fast ansatzlos aus den Schultern wachsenden Kopf, einem platten, ledernen, glattrasierten Gesicht, mit diesen wie zwei Taschen geschwollenen Augenlidern, unter denen seine Wimpern förmlich verschwanden, und diesen langen, grauen, glatten und stets etwas feuchten Haaren, die seine Ohren verbargen, sah er aus wie eine alte, geschwätzige Haushälterin.

 

Jeden Tag stieg er nachmittags zu dem großen freien Platz vor dem Hotel hinab, gefolgt von einem Hoteldiener, der ihm ein dickes Bündel Zeitschriften oder Zeitungen sowie ein oder das andere Buch nachtrug; dann vertiefte er sich auf einem Liegestuhl aus Rohrgeflecht für einige Stunden in seine Lektüre, im Schatten der majestätischen Buche, die den Höhenkamm beherrschte.

Nun ja, majestätisch, das war nur so eine Redensart, in Wahrheit mußte sie es wohl schon mehr als leid sein, da oben frei zu stehen, allen Winden preisgegeben; und sie zeigte es auch deutlich, daß sie die überaus große Ehre und das Glück, in diesen Tagen mit ihrem Blätterkleid eine so illustre Persönlichkeit gegen die Sonne schützen zu dürfen, gar nicht zu schätzen wußte. Man hätte meinen können, sie bemerke es gar nicht.

Auch das Hotel schien sich gar nicht dadurch geehrt zu fühlen, daß es eine solche Persönlichkeit beherbergen durfte; der Hotelier dagegen... ach, den mußte man nur mal ansehen, den Hotelier, er hatte sofort den anderen Gästen gegenüber das Gehabe eines höheren Diplomaten angenommen, und die Kellner... den Kellnern mußte man nur mal zuschauen, wie sie die anderen Gäste nun mit einer geradezu unbezahl­baren Verachtung bedienten, um nur ja deutlich zu machen, daß sie sich jetzt nicht mehr so sehr um die anderen kümmern konnten, da sie sich doch jetzt ganz und gar auf die Wünsche dieses einen konzentrieren mußten.

Der junge Anwalt Torello Scamozzi, der sich zum Zeitvertreib auch als Journalist betätigte, war darüber geradezu erzürnt; nicht so sehr seinetwegen, sagte er, als vielmehr wegen der Damen. Aber die Damen baten ihn in großzügiger Manier, er solle sich doch ihretwegen nicht exponieren.

Die Damen waren vier an der Zahl: die Gillis, Mutter und Tochter, Miss Green, eine zierliche, schon etwas ältli-che Engländerin, blaß und blond, immer mit Kopfschmerzen und Antipyrinen versehen, sowie die Frau des Herrn Doktor Sandrocca, der unter Ataxie litt und auf immer an den Rollstuhl gefesselt war.

Viel vernünftiger, das heißt viel praktischer, dachte ein anderer junger Gast, Leone Borisi, der Scamozzi das Vergnügen überließ, sich solcherart als Beschützer der Damen und besonders des liebenswürdigen und überaus lebhaften Fräuleins Ninì Gilli aufzuspielen, um einstweilen selbst den Rollstuhl des Herrn Doktor Sandrocca die Bergwege hinunterzuschieben, unter die Roßkastanienbäume; mit einer Hand den Rollstuhl zu schieben und mit der anderen die Taille der Frau des guten Doktors zu umfassen, die eine Brünette mit Löckchen war, mit einem kerzengeraden Näschen und leuchtenden Augen, eine besonders anziehende Person. Ach, nur so, natürlich! Ganz unschuldig, sozusagen aus Zerstreutheit, hinter dem Rücken des Mannes, der in einem fort lachte, lachte und plapperte und seine Pfeife rauchte, ohne auch nur einen Augenblick innezuhalten.

 

II.

Das Wunder, seine Exzellenz, den Herrn Senator Reda, zum Sprechen zu bringen, das hatte ein neuer Gast bewirkt, der auf den ersten Blick bei den vier Damen ein Nasenrümpfen und bei dem Hotelier ein ärgerliches Verziehen der Mundwinkel hervorgerufen hatte.

Schweißtriefend, die Kleider in Unordnung, mit seinem rasierten Stierschädel und den dicken Speckfalten im Nacken, den Augengläsern, die ihm immer wieder von der Kartoffelnase rutschten und diesen riesigen, verwaschenblauen Augen, die ständig unterwegs zu sein schienen, um irgendetwas in den Blick zu bekommen, und so den Kopf zu gewissen seltsamen und ruckartigen Drehungen veranlaßten, die an einen Ochsen denken ließen, der sich verzweifelt vom Joch zu befreien sucht: die Erscheinung des Herrn Professor Dionisio Vernoni war wirklich nicht dazu angetan, Vertrauen zu erwecken. Aber wenn man ihn dann reden hörte...

Vielleicht litt der Professor Dionisio Vernoni in seinem Inneren an den vulkanischen Durcheinander der vielen Leidenschaften, die seine mächtige Brust verbarg; aber das bißchen, was davon nach außen drang, reizte nur zum Lachen. Zum Lachen vor allem deshalb, weil er mit all diesem Riesenberg schwitzenden Fleisches, den er mit sich herumschleppte, ein unverbesserlicher Idealist war, der Professor Dionisio Vernoni; ein Idealist, der keine Ruhe gab, sollte es ihm auch an den Kragen gehen, der keine Ruhe geben konnte, keine Ruhe geben wollte angesichts des irritierenden Resignation der Wissenschaft vor den faszinierenden Problemen der Existenz, vor dem bequemen (oder feigen, wie er zu sagen pflegte) Rückzug des sogenannten philosophischen Denkens in die Grenzen des Erkennbaren. Und dazu verjagte er hier und dort mit seinen beiden Pranken die hartnäckigsten Fliegen, die sich auf seinem schweißüberströmten Gesicht niederlassen wollten.

Als er nun unter der Buche den Senator erblickte, der vor so vielen Jahren sein Lehrer an der Universität gewesen war (freilich waren alle Professoren einer ganzen Reihe von Universitäten seine Lehrer gewesen, denn er hatte wenigstens drei oder vier Studien abgeschlossen, dieser Dionisio Vernoni, eines nach dem anderen), da war er ihm, unter dem indignierten Staunen des Hoteliers entgegengelaufen, besser gesagt, er hatte sich auf ihn gestürzt und ihm mit aufgehobenen Armen entgegengerufen:

"Ach, Sie sind hier, verehrtester Herr Professor?"

Und beinahe unverzüglich war zwischen dem ehemaligen Schüler und dem alten Lehrer wieder eine jener lebhaften Diskussionen entflammt, die an der römischen Universität viele Jahre hindurch unvergeßlich geblieben waren.

Lebhaft waren sie ja eigentlich nur von einer Seite: von der Vernonis, denn der Senator antwortete trocken und schneidend, mit einem kühlen Lächeln auf den Lippen, das zeigen sollte, daß er seinen bizarren Schüler der einen oder anderen Antwort würdigte, nur um seinen Spaß mit ihm zu haben.

Das hatten die anderen Gäste recht gut begriffen, die, einer nach dem anderen, allmählich hinzugetreten waren, um zuzuhören. Nun nahm man nach jeder Mahlzeit an diesem intellektuellen Duell unter der Buche teil, als wäre das eine besonderes Unterhaltungsprogramm.

Von Zeit zu Zeit brachen alle in Gelächter aus, bei einigen besonders treffenden Repliken des hochverehrten Herrn Senators, während Vernoni bald mit weitgeöffneten, starren Augen aufsprang, bald ganz verunsichert die beiden Pranken vor die Brust schlug, als wollte er eine wahre Lawine von wütenden Protestrufen zurückhalten.

Die alte Frau Gilli und Miss Green jedoch, die oft von dem begeisterten Feuer mitgerissen wurden, mit dem Professor Vernoni sich für seine edlen und großmütigen Theorien in die Bresche warf, neigten dann und wann unwillkürlich zustimmend den Kopf. Dann trug der Senator seine Erwiderung verärgert mit einem gewissen essigsauren Stimmchen vor, und Vernoni zog entweder die Schultern ein oder er murmelte mit bitterer Verachtung:[1]

"Also das Gras, was? Das Gras! Als ob wir alle miteinander Schafe wären..."

Bei diesen Worten brach Ninì Gilli in ein unwiderstehliches Gelächter aus und alle anderen fielen mit ein, während der Senator in die Runde blickte, als habe er nicht recht verstanden, und fragte:

"Das Gras? Wieso das Gras? Das verstehe ich nicht."

"Das Gras! Das Gras!" wiederholte Vernoni, dem vor Ärger beinahe die Tränen kamen. "Was ist denn für die Schafe die einzige Wahrheit, die existiert? Das Gras. Das Gras, das unter ihren Mäulern wächst. Aber wir, Gott verdammich, wir können auch nach oben schauen, hochverehrter Herr Senator! Nach oben, nach oben, auf die Sterne!"

Als Antwort knurrte der Senator zwischen den Zähnen: "Auch nach oben, jawohl, wie schon Sallust sagt."

"Wie schon Sallust sagt, jawohl!", gab Vernoni postwendend zurück, "Aber auch, wenn man nach unten schaut, entschuldigen Sie... der Maulwurf zum Beispiel, Herr Senator: sehen wir uns den Maulwurf an, und folgen wir der Logik der Natur."

"Aber nein!"

Wenn der Herr Senator Romualdo Reda die Natur nennen hörte, wurde er ernsthaft unruhig; mit beiden Händen auf die Armlehnen trommelnd, stieß er hervor:

"Ach, hören Sie doch auf! Tun Sie mir doch den Gefallen! Ach, Ihre Logik, lieber Vernoni! Das ist ja ganz nett, so im Spaß... Aber lassen wir doch bitte die Natur in Ruhe, ja!

"Entschuldigung, Entschuldigung, Entschuldigung", ver-suchte Vernoni daraufhin rasch zu erklären, wobei er beide Hände vorstreckte. "Daß die Natur eine Logik besitzt, kann man etwa daran zweifeln? Aber wir haben doch einen mehr als schlagenden Beweis dafür in ihrer Ökonomie! Lassen Sie mich doch erklären, verehrtester Herr Professor! Der Maulwurf... warum ist beim Maulwurf das Sehorgan so schwach ausgebildet? Na, weil er unter der Erde leben muß! Logik der Natur! Und der Mensch? Verzeihen Sie, weshalb muß der Mensch die Sterne sehen können? Einen Grund muß es dafür doch geben, verzeihen Sie!"[2]

Alle verharrten einen Augenblick lang wie gebannt in Erwartung der Antwort des Herrn Senators; dieser aber schloß die müden, geschwollenen Augen, wiegte ein wenig das Haupt, öffnete die Lippen zu einem bescheidenen Lächeln verächtlichen Mitleids und enttäuschte alle, indem er rezitierte: "Gestit enim mens exilire ad magis generalia ut acquiescat: et post parvam moram fastidit experientiam. Sed haec mala demum aucta sunt a dialectica ob pompas disputationum."

"Bacon?" fragte Professor Dionisio Vernoni, während er sich die Sturzbäche von Schweiß aus Stirn und Nacken wischte.

Und der Senator antwortete: "Bacon." 

III.

An einem dieser Tage freilich wurden alle Gäste des Hotels auf dem Berggipfel unerwartet früh von den schrillen Schreien Fräulein Ninì Gillis und ihrer Mutter geweckt. Was war geschehen?

Zunächst hieß es, die liebe Ninì, die beim Morgengrauen allein hinunter in das Klosterwäldchen spazieren gegangen war, habe eine unangenehme Begegnung gehabt.

Unangenehm? Wie denn? War sie vielleicht überfallen worden? Man hatte doch noch nie gehört, daß sich im Klosterwäldchen solches Gesindel... ach, es war gar kein Gesindel? Ja, was war das denn dann für eine Begegnung gewesen?

Die liebe Ninì, oder die Gillina, wie alle sie nannten, war aus dem Wäldchen heraufgelaufen, so schnell sie konnte, puterrot im Gesicht, schreiend, vor Schrecken dem Wahnsinn nahe. Nun wälzte sie sich in ihrem Zimmer, von einem schrecklichen Weinkrampf geschüttelt, von einer Seite auf die andere.

Ja, aber was war das denn nun wirklich für eine Begegnung gewesen, zum Teufel? Was hatte man ihr denn getan?

Das Klosterwäldchen lag am westlichen Abhang des Berges, dicht und undurchdringlich. Wäldchen war eigentlich gar kein Ausdruck: Alle diese Roßkastanien waren zwar dünn geblieben, hatten aber mittlerweile recht hohe, gerade Stämme angesetzt, die wie Nadeln aufragten: ein ausgewachsener Wald. "Klosterwäldchen" hieß es, weil auf einer kleinen Lichtung in der Mitte die verlassenen Ruinen eines alten Klosters lagen, mit dem Kirchlein an der einen Seite, dessen geheimnisvollen Innenraum man durch die Risse in dem vermoderten Tor gerade ein bißchen erahnen konnte.

Bleich und in höchster Erregung versuchte Scamozzi den Anwalt Borisi, ja sogar die Kellner, dazu zu bewegen, sich zu bewaffnen und mit ihm dort unten ins Wäldchen zu laufen, um nach dem Rechten zu sehen. Aber was sollte es denn dort zu sehen geben? Wenn man doch noch nichts mit Sicherheit wußte! Was sagte denn Senator Reda dazu, der eben an das Bett des Fräuleins geeilt war? Denn er war auch Arzt, der Senator, wenngleich er diesen Beruf nie ausgeübt hatte.

Einzig Professor Dionisio Vernoni erklärte sich bereit, Scamozzi zu folgen. Aber der hatte kein rechtes Vertrauen zu ihm und tat, als höre und sähe er ihn nicht.

Na endlich, da war Reda! Ach, Gott sei Lob und Dank, er lächelte... Na...?

"Gar nichts, meine Herrschaften. Seien Sie ganz beruhigt. Eine leichte Psychose, die von selbst vorbeigeht, Ein kleiner Anfall von Hysterie, das ist alles. Sowas geht vorüber."

Aber da trat Professor Dionisio Vernoni vor, mit zusammengezogenen Augenbrauen und zerzaustem Haar:

"Eine Psychose?" stieß er hervor. "Da unten im Klosterwäldchen? Wenn Sie von Psychose reden - ich weiß, worum es sich handelt! Ich weiß alles, alles! Fräulein Gilli hat gesehen! Fräulein Gilli hat gehört, auch sie!"

Scamozzi, Borisi, Doktor Sandrocca, seine Frau, Miss Green, alle wandten sich um und starrten ihn mit offenem Mund an:

"Gesehen... was denn gesehen?"

"Aber achten Sie doch nicht auf ihn, ich bitte Sie!" rief der Senator.

"Eine Halluzination, nicht wahr?", schrie daraufhin Vernoni spöttisch und herausfordernd zurück. "Eine Psychose... ein Anfall von Hysterie... Und wie erklären Sie dann, daß auch ich, jawohl, mein Herr, auch ich, neulich gegen Abend, etwas gehört habe... ja, meine Herrschaften, ich habe etwas gehört, als ich allein in dem Wäldchen war, bei dem Kloster... eine Musik war es, eine... eine paradiesische Musik, die aus dem Kirchlein drang... Orgel und Harfen... eine göttliche Musik! Ich habe zu niemandem davon gesprochen; ich erzähle es jetzt, weil ich sicher bin, daß auch Fräulein Gilli es gehört hat, sie auch... Ich habe den Mund gehalten, weil ich mich geschämt habe, ich schwöre es, und auch, weil ich Angst hatte, jawohl! Ja, Angst hatte ich, und ich bin davongelaufen, so schnell ich konnte!

"Ach, jetzt hören Sie doch mal bitte auf, lieber Herr!" unterbrach ihn an dieser Stelle der Hotelier, der die Wirkung bemerkte, die seine Worte auf die anderen Gäste hatten. "Sie wollen mich wohl ruinieren! Ach, entschuldigen Sie, das sind doch Verrücktheiten! Nie hat man je etwas dergleichen erzählt! Niemand hat je irgendetwas gehört! Ein Glück, daß Seine Exzellenz hier ist... ich meine den Herrn Senator... eine Leuchte der Wissenschaft... und auch ein anderer hochgeschätzter Herr Doktor, der... na Gott sei Dank, er lacht, sehen Sie nur! Er lacht, und recht hat er... das ist ja wirklich zum Lachen, lieber Herr Doktor! Ein ganz simpler Anfall von Nervenüberreizung..."

"Von Hysterie", verbesserte ihn der Senator.

"Natürlich, von Hysterie... und wenn das der Herr Senator sagt!", schloß der Hotelier seine Rede. "Was heißt da Musik! Was heißt da Orgel! Was heißt da Harfen! Gehen wir doch alle gemeinsam dort in das Wäldchen... Ich lasse Ihnen dort das Frühstück servieren... Ein angenehmer, ganz und gar sicherer Ort, jawohl... wir werden auch die Kirche öffnen... Sie werden sehen..."

"Aber gibt es dort wirklich eine Orgel?" fragte Frau Sandrocca.

"Nein... das heißt... ja, es gibt eine und es gibt auch keine..." antwortete der Hotelier ein wenig verwirrt. "Sie können sich ja denken, wie die aussieht, nach so vielen Jahrhunderten... vielleicht hat irgendein Mäuslein... ach, das ist doch wirklich zum Lachen... zum Lachen ist das, was, meine Herrschaften?"

Und er lachte: er schon, jawohl, und auch Doktor Sandrocca, der ewig Lachende, lachte weiter. Die anderen hingegen lachten nicht, und sie zeigten auch keine große Lust, der Einladung zum Frühstück dort unten im Klosterwäldchen zu folgen. Was den Senator anging, der wandte der ganzen Gesellschaft verächtlich den Rücken und streckte sich auf seinem Stuhl aus Rohrgeflecht unter der Buche aus.

In diesem Augenblick stürzte in höchster Eile und mit ungewöhnlicher Heftigkeit, wenngleich ein Bein ihr, vielleicht durch die Erregung, steif geworden war, die alte Frau Gilli hinzu, um mit dem Hotelier ein Wörtlein zu reden.

Sie gab keinen Heller, nein, keinen roten Heller gab sie auf diese Erklärung seiner Exzellenz, des Herrn Senators, die ganz danach aussah, als sollte dadurch der Hotelier vor Schaden bewahrt werden. Aber was denn für ein Anfall von Hysterie, zum Teufel, wenn ihre Tochter doch nie und nimmer an solchen Spintisierkrankheiten wie der Schwangerenhysterie gelitten hatte! Oh, das war schnell gesagt! Und dann bleibt der schlechte Ruf an einem hängen, es wird getuschelt und verleumdet. Nein, nein, alles mußte seine Richtigkeit haben! Alles mußte seine Richtigkeit haben, für die Frau Gilli; das heißt alle sollten erfahren, was geschehen war; dann die Rechnung bezahlen und auf der Stelle Abfahrt! Auf der Stelle, denn ihre arme Tochter zitterte noch immer wie Espenlaub, vor lauter Schreck, und sie sagte, sie würde lieber sterben als weiter hierbleiben, sei es auch nur für eine einzige Nacht.

Und Frau Gilli begann somit zu erzählen, daß die arme Ninì wirklich die Orgel in dem Klosterkirchlein hatte spielen hören.

"Hören Sie? Hören Sie", rief daraufhin Dionisio Vernoni triumphierend aus.

Die alte Dame brach ab, wie vom Donner gerührt, und fragte: "Ja, wie denn das? Sie... wie können denn Sie davon wissen?"

Und Vernoni gab zurück: "Ich weiß nichts davon; ich habe es vermutet, Signora! Ja, ich war sicher, mehr als sicher; denn ich habe es auch gehört!"

Verdattert und doch froh klatschte Frau Gilli in die Hände und rief: "Sehen Sie? Na also! Der Herr da kann ja wohl nicht unter Schwangerenhysterie leiden... würde ich meinen..."

Dionisio Vernoni ließ den anderen keine Zeit, über diese Überlegung zu schmunzeln, sondern setzte schnell hinzu: "Orgel und Harfen?"

"Harfen? Von Harfen weiß ich nichts", antwortete Frau Gilli, ein wenig erschrocken über die Art, wie er sie anstarrte. "Ninì spricht nur von einer Orgel, und sie sagt, sie wäre zuerst bloß erstaunt gewesen... erstaunt, daß jemand zu so früher Stunde in dieses verlassene Kirchlein gegangen sein konnte, um Orgel zu spielen. Sie dachte wirklich an gar nichts Außergewöhnliches, sie ging sogar hin, um nachzusehen... und dann... ich weiß nicht, ich weiß nicht genau, was sie gesehen hat... man kann sie da nicht recht verstehen... sie spricht von Mönchen... von einer Prozession... von brennenden Kerzen..."

Die alte Frau Gilli brach ihre Erzählung mittendrin ab, weil ein Stubenmädchen sie in höchster Eile zu ihrer Tochter rief, die einen neuen Weinkrampf bekommen hatte. Und da war der Augenblick des Professor Dionisio Vernoni gekommen, dem sich nun alle ganz instinktiv zuwandten. Und Professor Vernoni setzte sofort mit seiner üblichen Begeisterung ein; er sprach von Okkultismus und Mediumismus, von Telepathie und Weissagungen, von Apporten und Materialisationen; und vor den Augen seiner verdatterten Zuhörer bevölkerte er die Erde mit Wundern und Geistererscheinungen, jene Erde, von der der blödsinnige Stolz des Menschen annimmt, sie wäre nur von ihm selbst und von den paar Tieren bewohnt, die er kennt und die ihm dienstbar sind. Was für ein ungeheurer Irrtum! Es leben auf der Erde noch andere Wesen ein natürliches, ein ganz natürliches Leben so wie das unsere; Wesen, die wir im Normalzustand unserer Beschränktheit wegen nicht wahrnehmen können, die sich aber manchmal, unter besonderen Umständen, zu erkennen geben und uns mit Schrecken erfüllen; übermenschliche Wesen, in dem Sinn, daß sie unser armseliges Menschenwesen übersteigen, aber auch sie sind natürlich, ganz und gar natürlich, anderen Gesetzen unterworfen, die wir nicht kennen, oder besser, die unser Bewußtsein nicht kennt, denen wir aber vielleicht unbewußt auch folgen: nichtmenschliche Bewohner der Erde, elementare Wesenheiten, Geister der Natur jeglicher Art, die mitten unter uns leben, in den Felsen, in den Wäldern, in der Luft, im Wasser, im Feuer, unsichtbar, aber doch mit der Fähigkeit, bisweilen körperhafte Gestalt anzunehmen.[3]

Vor Ärger darüber, daß der Senator Reda nicht hinzukam, um mit ihm zu diskutieren, verstieg er sich absichtlich, um ihn zu provozieren, zu den phantastischesten Gedankenflügen, den kühnsten Vermutungen, den verführerischsten Erklärungs­versuchen, und brach zu guter letzt in eine grundlegende Anklage gegen die positive Wissenschaft aus, gegen manche sogenannte Wissenschaftler, die kaum eine Spanne weiter als ihre Nasenspitze blicken können (diesen Satz wiederholte er vier oder fünfmal): kalte, kurzsichtige, überhebliche Typen, die die Natur dazu zwingen wollten, sich ihren Experimenten zu unterwerfen, den Berechnungen ihrer Studierstuben, dem Bußgürtel ihrer armseligen Meßinstrumente und ihrer elenden Schwätzerkongresse.

Der Senator Romualdo Reda blieb stumm. Scamozzi, Borisi, Miss Green, Frau Sandrocca, beinahe entsetzt über die gewalttätige Aggressivität Vernonis, warfen von Zeit zu Zeit einen verstohlenen Blick zu ihm hinüber. Stumm und ungerührt lag der Senator Romualdo Reda auf seinem Liege­stuhl unter der Buche, die Augen geschlossen, als schliefe er. Endlich, als es ihm paßte, stand er auf und ging, ohne ein Wort zu sprechen, ohne irgendjemanden anzusehen, zwei Finger zwischen den Knöpfen der Weste durchgesteckt, still und ernst, wenngleich er doch von so winziger Statur war, das Weglein entlang, daß zum Klosterwäldchen führte.

"Gott segne ihn!", rief der Hotelier und warf ihm eine Kußhand zu. Dann wandte er sich an Vernoni: "Sie, mein Herr, dürfen getrost sagen, was Sie wollen: Sie sind ganz frei! Aber sehen Sie: Das da ist die beste Antwort darauf!"

Und er wies mit der Hand auf den Senator, der allmäh­lich, winzig klein, unter den riesigen Roßkastanien des abschüssigen Weges verschwand.

 

 

IV.

 

Als Professor Dionisio Vernoni und Torello Scamozzi, die es sich nicht hatten nehmen lassen, in ritterlicher Weise die beiden Damen Gilli bis zum Bahnhof von Valdana zu begleiten, um dann den ganzen Tag in Valdana zuzubringen, spätabends müde und hungrig zu dem kleinen Hotel am Berggipfel zurückkehrten, fanden sie dort alle übrigen Gäste wie erstarrt vor, in einem Schweigen, das von unendlicher Bestürzung zeugte.

Der Herr Senator Romualdo Reda war noch immer nicht aus dem Klosterwäldchen zurückgekehrt.

Nach dem schrecklichen Abenteuer der Ninì Gilli und all den Reden, die da am Vormittag geführt worden waren - wie sollte man sich da eine so lange Verspätung des Senators erklären?

Leone Borisi beeilte sich, den beiden Freunden die neuesten Nachrichten weiterzugeben. Er erzählte, daß man zwei Kellner geschickt hatte, um den berühmten Mann zu suchen, daß sie zurückgekommen waren, ohne ihn gefunden zu haben, daß dann der Hotelier selbst mit einem anderen Kellner nochmals aufgebrochen war, weil er nicht sicher glauben konnte, daß die beiden wirklich bis zum Kloster gegangen waren; aber auch er hatte ihn nicht gefunden. Danach hatte man vermutet, daß der Senator, wütend über Vernonis Attacke, das ganze Wäldchen durchquert habe und zu Fuß bis in den nahegelegenen Flecken Sopri gelangt sei. Aber der Küchenjunge, den man nach Sopri geschickt hatte, war eben gerade zurückgekommen, ohne eine Spur oder eine Nach­richt entdeckt zu haben, und das, nachdem er - wie er be­hauptete - das ganze Dorf Haus für Haus abgegangen war.

"Um Himmelswillen", schloß Borisi, "laßt euch ja nicht sehen; Sie vor allem nicht, Professor Vernoni! Der Wirt ist außer sich vor Wut. Der ist imstande und springt Ihnen an die Gurgel."

"Na, das möchte ich doch sehen!", erwiderte Professor Vernoni wütend. "Hören Sie, lieber Herr, es täte mir wirklich leid, wenn dem Herrn Senator Reda etwas Ärgeres zugestoßen wäre. Er ist herzkrank. Aber so eine winzigkleine Lektion... so ein kleines Orgelständchen, wissen Sie, wie gut das manchen Wissenschaftlern täte?"

Wenig später kam der Hotelier mit ein paar Windlichtern für eine allerletzte Expedition in das Wäldchen aus dem Keller zurück und tat, als bemerke er gar nicht, daß Vernoni und Scamozzi zurück waren.

"Meine Herrschaften", sagte er, beinahe mit Tränen in den Augen, "wenn Sie die Güte hätten, mir beizustehen... ich lade Sie alle ein! Sie werden meinen Gemütszustand verstehen, bei der Verantwortung, die auf mir lastet."

Obgleich sie todmüde waren, ließen sich Vernoni und Scamozzi nicht zweimal bitten. Die drei Kellner und der Küchenjunge zündeten die Windlichter an und los ging's, zu acht, auf die Suche nach dem kleinen Senator, der sich zwischen den dichtstehenden Roßkastanienbäumen des steil abfallenden Wäldchens verloren hatte.

Trotz der allgemeinen Betroffenheit und der bangen Erwartung, die jeden von ihnen beseelte, gaben doch alle ihrer neugierigen Unruhe nach und ließen den seltsamen, phantastischen Eindruck des nächtlichen Wäldchens im rötlichen, rauchenden Licht dieser verzweifelt zuckenden Fackeln auf sich wirken. Auf Schritt und Tritt fuhren kolossale Schatten in die Höhe. All diese biegsamen, kerzengerade in den Himmel aufragenden Stämme färbten sich blutrot; bald schien es für einen Augenblick, als stellten sie sich alle in der Tiefe des Wäldchens zu beiden Seiten zum Spalier auf wie bei einer Parade, bald schien es wieder, als wirbelten sie alle kunterbunt durcheinander. Und das Knacken der trockenen Blätter und die Schreie der flüchtenden Eichhörnchen und der Vögel schmerzten die überreizten Sinne dieser unversehens zu nächtlichen Aufklärern gewordenen Männer.

Mehrmals schlug der Hotelier vor, sie sollten sich trennen, vielleicht immer zwei und zwei, um so das Unterholz zu durchstreifen, denn es wäre sinnlos, den Senator hier auf dem zum Kloster führenden Weg zu suchen. Aber niemand vermochte es, sich vom anderen zu lösen, zu stark war die instinktive Furcht, allein dem Ansturm dieser unerhörten, gewaltigen Eindrücke standhalten zu müssen.

Als die Gesellschaft zu dem Kloster gelangte, richteten sich aller Augen auf das vermoderte Tor des Kirchleins. Allen lief ein Schauder über den Rücken, als der Hotelier hinzutrat und mit einer Hand mehrmals dagegendrückte.

"Verschlossen!"

Scamozzi und Vernoni schlugen vor, man möge zwischen den Ruinen des Klosters suchen; aber der Hotelier versicherte, das hätte man schon bei den vorhergehenden Malen mit der größtmöglichen Sorgfalt getan. Im Wäldchen, im Wäldchen selbst, da galt es zu suchen, denn vielleicht war der Senator ins Unterholz geraten und hatte nicht mehr herausgefunden. Sie waren zu acht und hatten vier Fackeln! Also immer zwei und zwei, da half nichts! Ein Paar hier, ein Paar dort, ganz langsam und sorgfältig.

So geschah es. Die Suche dauerte ungefähr eine Stunde. Die eine oder andere Fackel erlosch und ließ sich nur mit großer Mühe wieder anzünden; dann begann einerseits der schreckenerregende Ort im Verein mit der Müdigkeit weniger düstere Bilder in den Männern zu erwecken; andererseits ließ er das Mißtrauen in den Erfolg des Unternehmens immer mehr wachsen. Die acht verständigten sich durch Rufe; sie fanden sich wieder auf dem Weg ein, von dem keines der Paare sich wirklich sehr weit entfernt hatte; und alle wurden sich leicht darüber einig, die Suche morgen bei Tageslicht fortzusetzen.

Diesmal begannen die acht vom Vorabend jeder für sich allein zu suchen, und das Wäldchen wurde in seiner ganzen Ausdehnung durchkämmt; ohne Ergebnis.

Endlich, ein Schrei! Er kam von der Lichtung her, wo die Ruinen des Klosters standen. Alle liefen hinzu, keuchend und atemlos.

Dort, genau unter den ersten Roßkastanien, vielleicht fünfzig Schritt vom Kloster entfernt, lag der Leichnam des Senators Romualdo Reda, ganz klein, auf dem Rücken ausgestreckt, ohne jede Spur einer Gewaltanwendung, vielmehr so, als hätte ihn jemand für den ewigen Schlaf zurechtgerückt, die Beine nebeneinander, die Arme fein säuberlich zu beiden Seiten des winzigen Körpers ausgerichtet.

Alle blieben erstarrt stehen und sahen ihn an.

Von der Höhe der Kronen dieser Roßkastanien hing ein ganz, ganz dünner Spinnenfaden herunter, der sich an der Nasenspitze des kleinen Senators festgesetzt hatte.

Von diesem Faden war kein Ende zu sehen.

Und von der Nase des kleinen Senators kletterte ein fast unsichtbares Spinnlein, als wäre es aus den Haarbüschelchen der Nasenlöcher herausgekrochen, immer höher hinauf, diesen Faden entlang, der sich im Himmel zu verlieren schien.


* - Erstdruck in der Zeitschrift Marzocco, März 1907. Die wichtigsten Varianten werden in den Fußnoten angeführt.  

[1]- An dieser Stelle hat der Autor für die Druckfassung einen längeren Abschnitt aus der Urfassung der Novelle (1907) gestrichen, der die Diskussion der beiden Professoren näher illustriert, und den wir dem modernen Leser nicht vorenthalten wollen:

"Sie haben mir die Notwendigkeit bewiesen", schrie Professor Vernoni mit leuchtenden Augen, das Gesicht von dumpfer Wut erstickt, "die Notwendigkeit, mich den Bedingungen der Existenz anzupassen, und daß ich in dieser Anpassung das Leitprinzip des Lebens suchen und in diesem Weg der Vervollkommnung das Ideal des Lebens erblicken soll. Na gut! Na gut! Und weiter?"

Der Senator antwortete ihm mit niedergeschlagenen Augen und mit dem üblichen kühlen Lächeln auf den Lippen, mit den Fingern auf die Armlehnen des Liegestuhls trommelnd: "Genügt Ihnen das nicht?"

"Nein! Es tut mir unendlich leid, hochverehrter Herr Professor, aber es genügt mir nicht; es kann mir gar nicht genügen. Die Anpassung... Was soll das heißen? Und wenn ich mich nicht anpassen will oder kann?"

"Sehr einfach", antwortete ihm der Senator wiederum ganz gelassen. "Das heißt dann, daß Sie, lieber Vernoni, kein Leitprinzip haben und Gefahr laufen, in einem Irrenhaus oder im Gefängnis zu enden."

Alle brachen angesichts der treffenden Antwort in Lachen aus, während Vernoni mit weit aufgerissenen Augen in die Höhe fuhr und sich mit beiden Händen auf die Brust schlug: "Ich?"

"Ja freilich", bestätigte der Senator, "je nach der Art Ihrer Rebellion."

"Aber verzeihen Sie, verzeihen Sie, verzeihen Sie...", brach es da aus Herrn Professor Dionisio Vernoni heraus, der vor Wut verkrümmt mit den Händen in der Luft herumfuchtelte. "Das, Herr Professor, scheint mir doch die Frage allzu leicht zu nehmen."

"Und warum?"

"Weil ich Ihnen nie die Uhrkette stehlen würde, nicht einmal, wenn ich vor Hunger halbtot wäre."

"Aaaach", riefen da die Zuhörer aus, wie von einem vulgären Mißton gekränkt.

Aber der Senator Romualdo Reda betrachtete seine Uhrkette über dem Bauch und fragte ungerührt: "Was hat meine Uhrkette damit zu tun?"

"Natürlich hat sie das", kreischte Vernoni. "Sie sagen, es wäre notwendig, sich den Bedingungen der Existenz anzupassen. Und wenn ich nun halbtot vor Hunger wäre? Na, das sind schöne Existenzbedingungen, verzeihen Sie! Und würde mich ein Richter verurteilen, wenn ich Ihnen dann die Uhrkette stehlen würde?"

"Ich glaube schon, lieber Vernoni."

"Hm", sagte Scamozzi dazwischen.

"Versuchen Sie's doch mal...", regte Borisi an.

Professor Dionisio Vernoni sprang erneut auf: "Ach ja? Aber ich würde ihm sagen: 'Lieber Herr Richter, wie stellen Sie es an, in der Anpassung das Leitprinzip Ihres Lebens zu finden? Der Staat gibt Ihnen eine lächerliche Vergütung; die Bedingungen Ihres Lebens sind ziemlich elend. Wie passen Sie sich an, Herr Richter? Gehorchen Sie? Machen Sie sich gleich? Ich verstehe! Sie verkaufen die Gerechtigkeit, so wie ich eine Uhrkette stehle!' Nein, nein, Herr Professor, da braucht's was ganz anderes, glauben Sie mir!"

Die alte Frau Gilli und Miss Green, mitgerissen von dem begeisterten Feuer von Vernonis Rede, nickten unwillkürlich zustimmend mit dem Kopf. Daraufhin antwortete der Senator mit einem vor Ärger säuerlichen Stimmchen: "Aber natürlich braucht's da was anderes, ganz sicher braucht's was anderes! Es gilt die Existenzbedingungen zu verbessern, so weit das geht, zum Teufel! In dem Weg der Vervollkommnung liegt das Ideal des Lebens..."

"Und das ist alles?" fragte Vernoni wiederum.

"Was wollen Sie denn noch, heiliger Gott!" rief der Senator aus und zeigte deutlich, daß ihm allmählich die Geduld ausging.

[2]- (siehe Anm.1):

"Einen Grund muß es doch dafür geben! Sicherlich nicht, damit er Astronomie studieren kann... Das wäre ja lächerlich!"

"Und weshalb?" fragte lächelnd, als wäre er betäubt von so viel Tollheiten, der Senator.

"Nicht um der Astronomie willen, jedenfalls!" gab Vernoni, immer erhitzter und bebender, rasch zurück. "Denn ohne die Astronomie könnte der Mensch sehr gut leben, wie er so viele Jahrhunderte hindurch gelebt hat, als er die Sterne für Lämpchen hielt, entschuldigen Sie. Kaum aber war das Teleskop erfunden..."

"Was sah er da?" unterbrach ihn der Senator, ein Ärmchen in die Luft reckend.

Und da brach Vernoni verärgert aus: "Seine Kleinheit, nicht wahr? Verfluchtes Teleskop! Glauben Sie mir, ich würde sie am liebsten alle kurz und klein hauen! Ich würde am liebsten alle astronomischen Observatorien von der Erde hinwegfegen! Das Teleskop, jawohl, das Teleskop ist unser Ruin. Es hat die Menschheit ruiniert - jawohl - das Teleskop! Denn während das Auge von unten hineinblickt, durch die kleine Linse, und das groß sieht, was die Natur ihm vorsorglich klein erscheinen lassen wollte, was tut da die Seele? Sie springt hinauf, um von oben hineinzublicken, die Seele, durch die große Linse; und was wird dann aus dem Teleskop? Ein schreckliches Instrument, ein großartiges Mikroskop, das die Erde und den Menschen und all unseren Ruhm und unsere Größe zugrunde richtet. Klein? Aber verzeihen Sie, Herr Professor, meinen Sie das im Ernst? Aber wenn der Mensch seine unendliche Kleinheit verstehen und sich einen Begriff davon machen kann, dann bedeutet das, daß er auch die unendliche Größe des Universums verstehen und sich einen Begriff von ihr machen kann. Und wie könnte man dann den Menschen noch klein nennen? Sie scherzen! Klein? Aber in mir muß doch notwendigerweise, verstehen Sie?, notwendigerweise etwas von dieser Unendlichkeit sein, sonst könnte ich sie nicht begreifen, wie sie dieser Baum da nicht begreift, zum Donnerwetter, oder mein Hut... Irgend etwas, das, wenn ich die Augen auf den Himmel hefte, hochverehrter Herr Professor, sich auftut und wie nichts zu einer Gegend im All wird, in der Welten rotieren, Welten sage ich, deren beeindruckende Größe ich fühle und verstehe. Und da wollen sie, entschuldigen Sie, daß ich die Augen, die mir die Natur nun einmal so scharf gemacht hat und so begierig, einen Grund zu schauen, zu entdecken, einen Grund, der mich beruhigt und betäubt, daß ich diese Augen verschließe und mich auf das Studium der Kieselsteine beschränke, der Fischlein, der Mücken?... Ja, ja, Wissenschaft, auch das ist Wissenschaft, ich leugne es nicht! Aber wie wollen Sie, daß ich mich damit zufriedengebe, Herr Professor?"

Alle schwiegen voll staunender Bewunderung für den Schwung dieses begeisterten Höhenflugs. Wer hätte je gedacht, daß bei diesem Mann ein Paar so leichter und beschwingter Flügel zu finden wären, wo er doch so dick und plump war, daß man den Eindruck hatte, er hielte sich wie ein ungeschlachter Bär nur mit Mühe auf den beiden Hinterbeinen?

[3]- Diese Formulierung erinnert - ähnlich wie zuvor schon die Beschreibung der geheimnisvollen, "paradiesischen" Musik - an das "Arsenal der Erscheinungen" aus der Villa "La Scalogna" in den Riesen vom Berge (vgl. Bd.3 unserer Ausgabe) und an das Plädoyer des "Zauberers" Cotrone im 2.Akt desselben Stücks - ein Beweis, daß die widersprüchliche Faszination des Okkulten, die Pirandello bei Abfassung der Novelle (1907, also in unmittelbarer zeitlicher Nachbarschaft zu Mattia Pascal (Bd. 10?), in dem dieser Geisterglaube lächerlich gemacht wird) offenbar verspürte, ihn sein Leben hindurch begleitet hat und, ins Phantastisch-Kreative umgedeutet, Ausgangspunkt eines seiner schönsten Entwürfe für eine "post-materialistische" Kunst gewesen ist.

© Michael Rössner.

 

Wer war es? - (Chi fu? - 1896)

 

aus Roma di Roma (Tageszeitung), Jg.I/Nr.59, 27./28.Juni 1896; später nicht wieder veröffentlicht, daher keine Varianten. Von Pirandello nicht in die geplante Gesamt­ausgabe aufgenommen.

aus dem Italienischen von Michael Rössner 

Italienische Version

 

Sagen Sie doch, wer es war, wenn das, was ich sage, Sie bloß zum Lachen bringt. Aber lassen Sie wenigstens Andrea Sanserra aus dem Spiel; er ist unschuldig. Zu der Verabredung ist er nicht erschienen; das sage ich nun schon zum hundertsten Mal. Und nun reden wir von mir.

Ein Beweis meiner Schuld könnte vielleicht darin liegen, daß ich im Oktober wieder nach Rom gekommen bin, während ich in den anderen Jahren immer nur einmal dorthin zu fahren pflegte, und zwar im Juni. Aber wollen Sie denn wirklich nicht berücksichtigen, daß in diesem letzten Juni meine Verlobung in die Brüche gegangen ist? In Neapel benahm ich mich von Juli bis Oktober wie ein Verrückter; so sehr, daß mein Chef mir um jeden Preis ein weiteres Monat Urlaub geben wollte, ausgerechnet im Oktober. Mein Traum, mein Traum so vieler Jahre, war zusammengebrochen! Und der, der behauptet, ich hätte mich in Neapel dem Wein ergeben, der lügt wie gedruckt. Wein hab' ich nie getrunken. Ich hatte hier einen Schmerz, hier im Kopf, der war schuld daran, daß ich wirres Zeug rede, daß sich alles um mich zu drehen begann und daß ich Anfälle von Erbrechen hatte. Ich, betrunken? Nun freilich, was wunder, wenn man nun versucht, die Leute glauben zu machen, ich würde mich verrückt stellen, um meine Schuld zu leugnen? Dagegen hatte ich mich etwas anderem ergeben, den... ja, den leichten Abenteuern, dumm und gedankenlos, um mich schadlos zu halten, ja zu rächen an meinem Gewissen, an meiner Treue, an meiner Enthaltsamkeit so vieler Jahre. Das freilich stimmt; und darin, das gebe ich zu, habe ich über die Stränge geschlagen.

 

In Rom, im Haus meiner Mutter, sehe ich nach sieben Jahren Andrea Sanserra wieder, der seit zwei Monaten aus Amerika zurück ist. Die Mamma vertraut mich ihm an. Wir waren zusammen aufgewachsen und kannten einander besser als uns die arme Mutter kannte, die in der Heiligkeit ihrer Gedanken von uns eine bessere Meinung hatte, als wir es verdienten; sie hielt uns für zwei Engel, und das mit sechs­undzwanzig Jahren! Aber in dieser guten Meinung hatte sie meine Lebensweise während der fünf Jahre meines Verlöbnisses bestärkt. Genug davon. Mit Andrea folgte ich weiter dem traurigen Weg, den ich vor drei Monaten in Neapel einge­schlagen hatte. Und nun komme ich zu den Tatsachen. Eines Abends schlägt er mir vor... Ich muß vorausschicken, daß Sanserra die Person, von der ich nun erzählen muß, nicht kannte; er hatte nur durch andere von ihr gehört. Er schlägt mir also vor, die Bekanntschaft einer - so drückt er sich aus - besonderen Spezialität dieses Genres zu machen. Er erzählte mir... ich kann Ihnen das nicht wiedergeben. Ich habe nur noch den Eindruck im Kopf, den seine Worte bei mir hervorriefen: ein Zimmer im Dunklen, mir einem großen Bett, am Fußende des Bettes ein Paravent; ein Mädchen, in ein Lein­tuch gewickelt, wie ein Gespenst; hinter dem Paravent eine alte Tante des Mädchens, die Strümpfe strickte, an einem runden Tischchen sitzend, mit einer Lampe, die auf die Wand den vergrößerten Schatten der Alten mit den flinken, sich ständig bewegenden Händen warf. Das Mädchen sprach nicht und ließ kaum ihr Gesicht sehen; stattdessen sprach die Tante und erzählte den wenigen vertrauten Kunden eine ganze Welt des Elends: die Nichte war mit einem braven jungen Mann verlobt, der in Norditalien eine gut bezahlte Vertrauensstellung innehatte. Die Hochzeit war wegen der Mitgift geplatzt; einer Mitgift, die es gab, die aber ein Unglücksfall in der Familie aufgefressen hatte... nun galt es sie wieder zusammenzubekommen, und zwar in kürzester Zeit, ehe der brave junge Mann davon erfuhr... - "Auf die Türe dieses Zimmers", schloß Andrea Sanserra, "könnte man schreiben: Krampf."

Natürlich reizte mich die Sache. Und mit Andrea vereinbarte ich ein Treffen für den morgigen Abend, um halb neun, außerhalb der Porta del Popolo. Er wohnt in der Via Flaminia. Die Wohnung der beiden Frauen ist in der Via Laurina; an die Nummer erinnere ich mich nicht mehr.

Es war an einem Samstagabend, und es regnete. Die Via Flaminia breitete sich kerzengerade vor mir aus, schlammig, da und dort von Laternen erhellt, deren Licht von Zeit zu Zeit flackerte und bei Windstößen für einen Augenblick verlöschte. Derselbe Wind beutelte in meinem Rücken die dichtbelaubten Bäume der Villa Borghese, auf die der Regen niederprasselte. Ich dachte, er würde nicht mehr kommen bei diesem Dreckswetter; und dennoch konnte ich mich nicht dazu entschließen, fortzugehen und blieb verdutzt stehen, die Wasserbäche betrachtend, die rund um meinen Schirm zur Erde stürzten. Allein in die Via Laurina gehen? Nein, nein... Ein tiefer Ekel vor dem Leben, das ich seit drei Monaten führte, überfiel mich in diesem Augenblick. Ich schämte mich für mich selbst, wie ich da auf der Straße des Lasters von meinem Kumpan sitzengelassen worden war. Ich dachte, daß Andrea wahrscheinlich woanders hingegangen war, um den Abend in einem ehrbaren Haus zu verbringen, wobei er sicher gedacht hatte, ich wäre nicht so verdorben, die Verabredung an einem Abend mit einem solchen Mistwetter einzuhalten. "Aber nein, eigentlich nicht", dachte ich. "Mehr als verdorben bin ich doch elend. Wo könnte denn ich jetzt hin­gehen? Und ich mußte an die ruhigen und glücklichen Abende denken, mit meiner Freude an meiner Seite, an mein früheres Leben, an ihr Häuschen. Ach Tuda! Tuda! - Plötzlich tauchte aus dem mittleren Torbogen ein gebeugtes altes Männchen auf, in einem Mantel, der ihm bis zu den Knöcheln reichte. In beiden Händen hielt er einen schäbigen, verdrückten Schirm. Er ging, förmlich vom Wind vor sich hergetrieben, die Via Flaminia hinunter. Ich blicke scharf hin... Ein Schauder läuft mir über den ganzen Körper. Herr Jacopo, Jacopo Sturzi, der Vater Tudas, meiner Verlobten!... Ja, aber, wenn doch ich selbst, ich mit diesen Händen, ein Jahr war es her, ihn in den Sarg gelegt und ihn auf den Friedhof Campo Verano begleitet hatte? Und doch, da war er: er geht vor mir vorbei, du mein Gott! Und er dreht sich um und sieht mich an, neigt den Kopf ein wenig zur Seite, wie um mir ein Lächeln zu zeigen. Und was für ein Lächeln! Wie angenagelt bleibe ich stehen, ein krampfhaftes Zittern nimmt von mir Besitz, ich versuche zu schreien, aber ich bringe keinen Ton heraus. Eine Zeitlang folge ich ihm mit den Augen. Endlich gelingt es mir, mich von meiner namenlosen Furcht loszureißen, und ich laufe ihm nach.

Glauben Sie mir, ich bitte Sie. Ich bin nicht fähig, etwas Derartiges zu erfinden. Ich könnte Ihnen nicht Wort für Wort wiederholen, was er zu mir sagte; aber Sie werden leicht verstehen, daß mir gewisse Dinge nicht mehr aus dem Kopf gehen, denn Jacopo Sturzi war, wenngleich ein ziemlich zügelloser Mensch, doch ein wahrer Philosoph, ein Philosoph mir überaus originellen Ideen, und er hat zu mir mit der Weisheit der Toten gesprochen.

 

Ich holte ihn ein, als er gerade die kleine, zitternde Hand auf den Türknauf der gläsernen Eingangstür zu einem Wirtshaus legte. Er drehte sich ruckartig um, packte mich beim Arm und flüsterte, während er mich hinunter in den Schatten zog: "Luzzi, um Himmelswillen, sag nicht, daß ich lebe!"

"Ja, wieso denn... Sie?", stammelte ich.

"Ja, ich bin tot, Luzzi", fügte er hinzu. "Aber das Laster, verstehst du, das ist stärker! Ich werde es dir gleich erklären. Es gibt Leute, die sterben reif für das Leben im Jenseits, und andere nicht. Der eine stirbt und kehrt nicht zurück, weil es ihm gelungen ist, seinen Weg zu finden. Der andere hingegen kehrt zurück, weil er ihn nicht gefunden hat; und natürlich sucht er ihn gerade dort, wo er ihn verloren hat. Ich zum Beispiel suche ihn hier im Wirtshaus. Aber was meinst du? Es ist eine Strafe. Ich trinke, und es ist, als tränke ich nicht; je mehr ich trinke, desto mehr Durst habe ich. Und dann, du verstehst, allzu große Sprünge kann ich mir nicht erlauben..."

Und dabei rieb er Daumen und Zeigefinger der rechten Hand aneinander und verzog das Gesicht zu einer Fratze, um anzudeuten: Es fehlt mir das nötige Kleingeld.

Ich sah ihn verdutzt an. Träumte ich? Und da kam mir die folgende dumme Frage über die Lippen: "Ja, natürlich! Und wie stellen Sie es dann an?"

Da lächelte er und legte mir eine Hand auf die Schulter. Dann antwortete er: "Wenn du wüßtest!... Ich habe damit begonnen, am Tag nach meinem Begräbnis, den schönen Porzellankranz zu verkaufen, den meine Frau mir auf das Grab hatte setzen lassen, mit der Inschrift darauf: "Meinem angebeteten Gatten". Gewisse Lügen können wir Toten nun einmal nicht ertragen. Um ein paar Lire habe ich ihn verkauft. Damit bin ich eine Woche ausgekommen. Es ist keine Gefahr, daß meine Frau mich besuchen käme und dabei merken würde, daß der Kranz nicht mehr da ist. Nun spiele ich mit den Gästen Karten, gewinne und trinke auf Kosten des Verlierers. Mit einem Wort... ich gebe mir Mühe. Und du, was tust du?"

Ich wußte nicht, was ich ihm antworten sollte. Ich sah ihn einen Augenblick lang an, dann überkam mich ein Anfall von Wahnsinn und ich packte ihn beim Arm: "Sag mir die Wahrheit! Wer bist du? Wie kommst du hierher?"

Er verlor seine Haltung für keinen Augenblick; lächelnd entgegnete er: "Aber hör mal, wo du mich doch von selbst erkannt hast!... Wie ich hierherkomme? Ich werde es dir erzählen. Aber zuerst gehen wir da hinein. Siehst du nicht? Es regnet."

Und er zog mich in das Wirtshaus. Drinnen zwang er mich zu trinken und wiederum zu trinken, sicherlich in der Absicht, mich betrunken zu machen. Meine Verblüffung und mein Entsetzen waren so groß, daß ich mich nicht wehrte. Ich trinke gewöhnlich keinen Wein, und dennoch trank ich in dieser Nacht ich weiß nicht wieviel davon. Ich erinnere mich an erstickende Rauchschwaden; an den scharfen Geruch des Weines; an das dumpfe Klappern der Teller und Becher; an den warmen, schweren Küchengeruch; an das gedämpfte Gemurmel rauher Stimmen. Vornübergebeugt, als wollten sie sich gegenseitig den Atem rauben, spielten zwei Alte neben uns Karten, unter dem wütenden oder zustimmenden Knurren der aufmerksamen Zuschauer, die hinter ihrem Rücken lehnten. Von der niedrigen Decke hing eine Lampe herab und verbreitete einen gelben Schimmer in den dicken Rauchschwaden. Aber was mich am meisten erstaunte, war, daß unter so vielen Menschen keiner den geringsten Verdacht hatte, daß sich da drinnen jemand befand, der außerhalb des Lebens stand. Und während ich bald diesen, bald jenen ansah, überkam mich die Versuchung, auf meinen Zechkumpan zu deuten und dem anderen zu sagen: "Der da ist ein Toter!" - Aber in diesen Augenblicken, als läse er diese Versuchung auf meinen Lippen, begann Jacopo Sturzi, den Rücken an die Wand gelehnt, das Kinn auf der Brust, zu lächeln, ohne den Blick seiner Augen von mir zu wenden, den Blick dieser entzündeten Augen, die voll von Tränen waren! Auch während er trank, sah er mich an. Plötzlich schüttelte er sich, und begann mit leiser Stimme auf mich einzureden. Mir drehte sich schon der Kopf von den Weindünsten. Aber bei diesen seltsamen Worten über Tod und Leben begann er sich mir noch schlimmer zu drehen. Er bemerkte es und schloß lachend: "Das ist nichts für dich. Reden wir von was anderem. Was ist mit Tuda?"

"Tuda?" fragte ich. "Ja, wissen Sie denn nicht? Alles ist aus..."

Er nickte mehrmals mit dem Kopf. Dann sagte er jedoch: "Ich habe es nicht gewußt. Aber du hast recht, wenn du Schluß gemacht hast. Sag, es war wegen der Mutter, stimmt's? Amalia Noce, meine Frau, eine schlimme Person wie alle Noces! Sieh mal, ich..."

Er nahm den Hut ab, legte ihn auf den Tisch, schlug sich mit einer Hand gegen die kahle Stirn und kniff ein Auge zu: "Zweimal", rief er. "Das erste Mal 1860; dann im Jahr 75. Und dabei war sie wirklich nicht mehr taufrisch, wenn auch immer noch sehr schön. Aber darüber kann ich mich nicht mehr beklagen; ich habe ihr verziehen, und Schluß. Mein Sohn - ich darf dich doch so nennen - glaub mir, mein Sohn: ich habe erst aufgeatmet, als ich tot war. Na, und kümmere ich mich vielleicht noch um sie? Weder um die Mutter noch um die Tochter. Nicht einmal mehr um die Tochter, der Mutter wegen. Ich will dir alles sagen: Ich weiß, was sie für ein Leben führen. Hör mal, ich könnte, ohne gesehen zu werden, wie das viele andere in meinem Zustand tun, mich von Zeit zu Zeit bei ihnen einschleichen, um heimlich ein bißchen Geld zu holen. Aber nein, dieses Geld stehle ich nicht einmal! Weißt du denn, weißt du, was sie für ein Leben führen?"

"Wie?", antwortete ich. "Ich habe nicht mehr nach ihnen gefragt."

"Ach geh' doch! Du weißt es", beharrte er. "Gestern abend hat man's dir erzählt."

Zögernd hob ich fragend die Augenbrauen.

"Aber ja; wo du hingehen wolltest, ehe du mich gesehen hast!"

Ich sprang auf, taumelte aber und fiel mit den Ellbogen auf den Tisch zurück, während ich ihn anschrie: "Sie sind es? Tuda? Tuda und ihre Mutter?"

Er packte mich beim Arm und legte den Zeigefinger auf die Lippen.

"Still! Still! Zahl und komm mit mir. Zahl, zahl schnell."

Wir verließen das Wirtshaus. Draußen regnete es noch stärker. Der Sturm peitschte uns das Wasser ins Gesicht und ließ uns kaum vorwärtskommen. Aber er zerrte mich am Arm mit sich, immer weiter, gegen den Wind, gegen den Regen. Stolpernd, trunken, mit glühendem, bleischweren Kopf stöhnte ich: "Tuda? Tuda und ihre Mutter?" Seine Gestalt im Mantel verschwamm vor meinen Augen in der tiefen Finsternis mit dem Schirm, den er zum Schutz gegen den Regen in die Höhe reckte, sie wuchs vor meinen Augen ins Riesenhafte, wie ein Gespenst aus einem bösen Traum, das mich in den Abgrund zu zerren versuchte. Und da stieß er mich in eine dunkle Toreinfahrt und schrie mir ins Ohr: "Los, geh, geh zu meiner Tochter!"

Nun habe ich hier, hier in meinem Kopf nur noch die Schreie Tudas, die an meinem Hals hing, Schreie, die mir das Gehirn zu sprengen drohten... Er war es, ich schwöre es noch einmal, er war es, er, Jacopo Sturzi!... Er hat diese Hexe erdrosselt, die sich als Tante ausgab... Freilich, wenn er es nicht getan hätte, hätte ich es getan. Aber er hat sie erdrosselt, denn er hatte mehr Grund dazu als ich.

Das ist die Wahrheit. An meinen Händen klebt kein Blut.

 

© Michael Rössner.

 

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