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LUIGI PIRANDELLO 1867 - 1936 -
Novellen
ANTWORT -
(Risposta - 1922) |
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Erstveröffentlichung im Corriere della Sera vom 4. Februar 1912. Keine wesentlichen
Varianten.
aus dem Italienischen von Michael
Rössner
Na, du hast dich schön ausgetobt, mein Freund!
Es ist ja wirklich zu beklagen, daß du deine angeborene Neigung überwinden
mußtest und dich nicht den Musen widmen konntest. Wieviel Wärme liegt doch in
deinem Ausdruck, und mit welch durchsichtiger Klarheit stellst du einem mit
wenigen Strichen lebendig Orte, Geschehnisse und Menschen vor Augen!
Du bist schmerzlich berührt, du bist gekränkt, mein armer Marino; und ich möchte
nicht, daß diese meine Antwort deinen Kummer und deine Verärgerung noch steigert.
Aber du willst, daß ich dir offen darlege, was ich von deinem Fall halte. Ich
werde es tun, damit du zufrieden bist, obwohl ich weiß, daß du damit nicht
zufrieden sein wirst.
Ich folge meiner eigenen Methode, wenn du gestattest. Ich werde zuerst kurz den
Tatbestand darlegen, dann werde ich mit der von dir gewünschten Offenheit meine
Meinung dazu sagen.
Also schön der Reihe nach.
I - PERSONEN, UMSTÄNDE UND HINTERGRÜNDE
a) Fräulein Anita. - Sechsundzwanzig Jahre (sie sieht gerade wie zwanzig
aus, na schön, aber es sind doch sechsundzwanzig und auch schon ein bißchen
drüber). Braunhaarig; nachtschwarze Augen:
In ihren Augen fängt sich
die tiefe Nacht...
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Dank Giuseppe Tizza
für die freundliche Zusammenarbeit
Giuseppe Tizza
Dolmetscher und Übersetzer
Am Gallberg 4
40629 - Dusseldorf
Telefonische Multikonferenz
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Si ringrazia Giuseppe Tizza
per la gentile collaborazione
Giuseppe Tizza
Interprete e Traduttore
Am Gallberg 4
40629 - Dusseldorf
Anche traduzioni in multiconferenza telefonica
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Korallenlippen, na sei's drum.
Aber die Nase, mein Freund? Du
erzählst mir nichts von der Nase. Bei den
Braunhaarigen gilt's zu allererst auf die Nase zu
schauen. Ganz besonders auf die Nasenflügel.
Ich bin sicher, bei Fräulein Anita
steht die Nase ein bißchen auf. Nein, ich sage
nicht, daß sie häßlich ist; sprechen wir ruhig von
einem Näschen. Aber es steht ein bißchen auf. Und
die Nasenflügel sind eher fleischig, sie blähen sich
stark, wenn sie die Zähne zusammenpreßt, wenn sie
mit den Augen ins Leere starrt und aus der Nase
einen langen, langen, stillen Seufzer herauspreßt.
Hast du gemerkt, wie ihre Augen sich
verschleiern und die Farbe wechseln, wenn sie einen
dieser stillen Seufzer herauspreßt?
Sie hat viel gelitten, das Fräulein
Anita, weil sie sehr klug ist. Sie war wohlhabend,
solange ihr Vater lebte. Nun, da der Vater gestorben
ist, ist sie arm. Und sechsundzwanzig Jahre.
Aufstehende Nase und nachtschwarze Augen.
Gehen wir weiter.
b) Mein Freund Marino.-
Vierundzwanzig Jahre, um zwei Jahre weniger als
Fräulein Anita, die freilich immerhin wie gerade
zwanzig aussehen mag.
Arm ist auch er; auch er
väterlicherseits ein Waisenkind. Das ist etwas recht
Trauriges, aber Teures, wenn man es mit einer
geliebten Person teilt. Zwei Schicksale, wie für
einander bestimmt.
Aber mein Freund Marino, arm und
Waisenkind, wie er nun einmal ist, hat die Mutter
und eine Schwester zu erhalten. Waisenkind und arm,
wie sie ist, hat Fräulein Anita ebenfalls eine
Mutter, aber sie muß sie nicht erhalten.
Um die Erhaltung der Mutter kümmert
sich der Commendatore Ballesi.
Mein Freund Marino haßt natürlich
diesen Commendatore Ballesi.
Ein Hitzkopf ist er freilich, und
das Herz geht ihm leicht über. Reden kann er wie
kein zweiter, und seine Sprache ist bildreich,
faszinierend, wie der Blick seiner schönen blauen
Augen. Sagen wir: Mein Freund Marino ist der Tag,
das Fräulein Anita ist die Nacht. Er hat die Farbe
der Sonne in seinem blonden Haar und das Blau des
Himmels in den Augen; in ihren Augen stehen zwei
Sterne, in ihren Haaren wohnt die Nacht. Na, ich
meine, da ich schon einmal mit einem Dichter
spreche, kann ich mich wohl nicht besser ausdrücken
als auf diese Weise.
Gehen wir weiter.
Von der Not zur Klugheit gezwungen,
kann mein Freund Marino es sich einfach nicht
erlauben, sich unter den gegenwärtigen Umständen
(die freilich noch eine geraume Weile andauern
werden), die Last einer weiteren Frau aufzuhalsen,
und muß deshalb gerade die Last liegen lassen, die
ihn am wenigsten beschweren würde.
Es mag sogar sein, daß diese dritte
Last ihm das Gewicht der anderen beiden leichter
erscheinen ließe, die er sich nicht vom Halse
schaffen kann - aber daran würde er niemals wagen
auch nur zu denken.
Manche Leute freilich meinen eben,
zu dritt lebt sich's auf dem Rücken eines armen
Menschen nicht so bequem und in gutem Einvernehmen.
Und der gute Marino - von der Not zur Klugheit
gezwungen - muß das anerkennen.
c) Der Commendatore Ballesi.-
Ein alter Freund des Seligen ist er; will sagen, von
Anitas Vater. Sechsundsechzig Jahre. Zart und von
kleinem Wuchs; spindeldürre Beinchen, aber mit
mächtigen Absätzen bewehrt. Ein dicker Kopf, ein
dicker, herabhängender Schnurrbart, unter dessen
Vorhang nicht nur der Mund, sondern gleich auch das
Kinn verschwindet, falls man sagen kann, daß der
Commendatore Ballesi tatsächlich ein Kinn besitzt.
Buschige, stets gerunzelte Augenbrauen, und meistens
einen Finger in der Nase. Dieser Finger denkt. Auch
die Haare der Augenbrauen denken. Er ist überhaupt
geradezu eine geladene Kanone aus Gedanken, der gute
Commendatore Ballesi. Das finanzielle Schicksal des
neuen Italien liegt in seinen winzigen, eisenharten
Fäusten.
Nun, kein Mensch weiß wie oder
warum, plötzlich ist der Commendatore Ballesi auf
die Idee verfallen, er müsse seine väterliche Liebe
zu Fräulein Anita in eine Liebe anderer Art
verwandeln. Und er hat um ihre Hand angehalten.
Fräulein Anita hat mehrere
Taschentücher zerrissen, mit den Händen und mit den
Zähnen. Nein, das war nicht Ärger, das war Scham,
Abscheu, Grauen. Die Mamma hat geweint. Warum hat
die Mamma denn geweint? Nun, vor Freude, sagte sie.
Vor Freude - gut, geben wir einmal zu, daß man auch
vor Freude weinen kann - aber vor Freude weint man
ein bißchen, und dann lacht man wieder. Fräulein
Anitas Mamma jedoch hat sehr viel geweint, und sie
lacht gar nicht mehr. Honni soit qui mal y pense.
Und damit gehen wir zur letzten
Figur.
d) Nicolino Respi.- Dreißig
Jahre, muskulös und athletisch gebaut, ein berühmt
guter Schwimmer und Reiter, Ruderer und Fechter; und
dazu schamlos, unwissend wie ein Perlhuhn, ständiger
Besucher von Spielhöllen und ein Mädchenheld... Nur
weiter, nur weiter, lieber Freund, ich gebe dir ja
in allem recht. Ich kenne Nicolino Respi und teile
deine Einschätzung und deine Entrüstung. Aber glaube
deshalb bitte nicht, daß ich Respi Unrecht gebe.
Ach, ich gebe also dir unrecht? Aber
nein. Dem Fräulein Anita? Auch nicht. Ach Gott, so
laß mich doch ausreden, laß mich weiter nach meiner
Methode vorgehen. Glaub mir doch, lieber Freund,
dein Fall ist uralt. Neu, originell, ist daran
einzig meine Methode und die Erklärung, die ich dir
geben werde.
Aber immer schön der Reihe nach.
II - ORT UND GESCHEHENSABLAUF
Der Strand von Anzio, im Sommer, in
einer Mondnacht.
Du hast mir eine so wunderbare
Beschreibung davon gegeben, daß ich mich nicht darauf
einlasse, sie nun meinerseits zu beschreiben. Nur ein
bißchen zu viel Sterne waren es, mein lieber. Wenn der
Mond fast voll ist, sieht man nur sehr wenige. Aber ein
Dichter kann sich auch einmal über diese Dinge
hinwegsetzen, die zum Bereich der Tatsachen gehören. Ein
Dichter kann auch dann die Sterne sehen, wenn sie nicht
zu sehen sind, und umgekehrt kann er viele andere Dinge
nicht sehen, die alle anderen sehen können.
Der Commendatore Ballesi hat eine kleine
Villa am Strand gemietet, und Fräulein Anita ist mit
ihrer Mamma ans Meer gefahren.
Der Commendatore hat viel in Rom zu tun,
er fährt ständig hin und her. Nicolino Respi ist ständig
in Anzio, zum Baden und zur Spielen in den Casinos:
Jeden Morgen im Wasser und jeden Abend am grünen Tisch
stellt er seine Fähigkeiten zur Schau.
Fräulein Anita muß die Glut ihrer
Entrüstung kühlen, und deshalb geht sie besonders oft
ins Wasser. Sicherlich kann sie es nicht mit Nicolino
Respi aufnehmen, aber dennoch ist sie eine tüchtige
Schwimmerin, und so schwimmt sie eines Morgens mit ihm
um die Wette immer weiter hinaus. Sie schwimmen und
schwimmen. Alle Badegäste verfolgen gespannt vom Strand
aus dieses Wettschwimmen, zuerst mit freiem Auge, dann
mit Feldstechern.
Nach einer gewissen Zeit will die gute
Mamma nicht mehr hinsehen; sie beginnt zu zittern und zu
bangen. O Gott, o Gott, wie wird ihre Tochter es jetzt
schaffen, von so weit draußen wieder zurückzuschwimmen?
Sicher werden ihre Kräfte nicht ausreichen... O Gott, o
Gott! Wo ist sie nur? Mein Gott, so weit draußen... man
kann sie gar nicht mehr sehen... Man muß sofort Hilfe
schicken, um Himmelswillen! Ein Boot, ein Boot! Hilfe,
sofort Hilfe!
Und sie erregt sich so sehr und redet so
lange, bis schließlich zwei junge Burschen heldenhaft in
ein Ruderboot springen und hinausrudern.
Ein glücklicher Einfall! Denn kaum sind
die beiden losgerudert, da befällt Fräulein Anita ein
Krampf im Bein, sie schreit auf; Nicolino Respi schwimmt
mit zwei Schwimmstößen an ihre Seite und stützt sie;
aber Fräulein Anita ist der Ohnmacht nahe und klammert
sich verzweifelt an seinen Hals; Nicolino sieht sich
verloren; gleich wird er mit ihr untergehen; und in
seinem Zorn darüber, beißt er sie wütend in den Hals, um
sich zu befreien. Da läßt Fräulein Anita los und treibt
unbeweglich auf den Wellen. Nun kann er sie über Wasser
halten, aber auch seine Kräfte gehen zu Ende, als
endlich das Boot eintrifft. Die Rettung ist gelungen.
Nur laboriert Fräulein Anita nun über
eine Woche lang an den Folgen des Bisses von Nicolino
Respi.
Ja, das sind eben bleibende Eindrücke,
mein lieber Marino!
Mehrere Tage hindurch kann Fräulein
Anita bei jeder Bewegung des Halses nicht leugnen, daß
Nicolino Respi einen kräftigen Biß hat. Und gegen diesen
Biß kann sie nichts haben, denn sie verdankt ihm
schließlich ihre Rettung.
Nun, all das ist tatsächlich nur die
Vorgeschichte.
Obwohl - vielleicht auch nicht. Es ist
Vorgeschichte und auch wieder nicht. Denn alles hängt
davon ab, wie man die Tatsachen voneinander trennt.
Als du, mein lieber Marino, in dieser
wundervollen Mondnacht in Anzio ankamst, im Herzen
tiefste Verzweiflung, um noch ein letztes Mal unter vier
Augen mit dem bereits offiziell mit dem Commendatore
Ballesi verlobte Fräulein Anita zu sprechen, da trug sie
am Hals noch die Bißspuren von Nicolino Respi.
Deiner eigenen Aussage nach folgte sie
dir willig über den ganzen Strand, war bereit, sich mit
dir in den menschenleeren Sandflächen zu verlieren, die
sich bis zu dem großen sandverkrusteten Felsen dort ganz
unten hinziehen. Ihr beide im Mondschein, Arm in Arm,
berauscht von der Meeresbrise, eingelullt von dem
ständigen gedämpften Rollen der silbrigglänzenden
Gischtwellen.
Was hast du ihr da erzählt? Ja, ich weiß
schon, von deiner ganzen Liebe und deiner ganzen Qual;
und da hast du ihr vorgeschlagen, gegen den schamlosen
Antrag dieses alten Ekels zu rebellieren und lieber
deine Armut anzunehmen.
Sie aber, lieber Freund, von deinen
Worten entflammt, verstört, zerrissen, sie konnte deine
Armut nicht annehmen; dagegen wollte sie - das sehr wohl
- deine Liebe annehmen und sich dadurch im vorhinein,
noch an diesem selben Abend, für den schamlosen
Übergriff des Alten rächen, der sich als richtiger
Wucherer an ihr für seine lange erwiesenen Wohltaten
schadlos halten wollte.
Du aber warst ehrenhaft, du warst edel
genug, diese Rache nicht zuzulassen.
Freilich, lieber Freund, ich glaube dir
ja: Du wirst davongelaufen sein wie ein Verrückter. Aber
dem Fräulein Anita, das an diesem Abend allein auf dem
Strand, im Schatten des Felsens, zurückgeblieben war,
dem Fräulein Anita erschienst du nicht als Verrückter,
das kann ich dir versichern, als du da im Mondlicht
haltlos den Strand entlang davonliefst. Anita erschienst
du als Dummkopf und Feigling.
Und leider, lieber Marino, leider genoß
an diesem Abend auf diesem Felsen still und leise - dank
seiner leeren Taschen - diesen schönen Mondschein - und
dann auch das Schauspiel deines Davonlaufens - noch
einer: Nicolino Respi, der mit dem Biß und der Rettung
aus dem Meer.
Und ihm genügten ein paar Worte und ein
kurzes Lachen von dort oben:
"So ein Trottel, was, Signorina?"
Und damit sprang er von dem Felsen
herunter.
Dir blieb wenig später die Befriedigung,
zusammen mit dem Commendatore Ballesi, der spät im Auto
aus Rom eingetroffen war, im Mondschein Nicolino Respi
Arm in Arm mit Fräulein Anita zu erwischen.
Auf dem Hinweg du, auf dem Rückweg er.
Was ist süßer, der Hinweg oder der Rückweg?
Und nun, mein Freund, kommen wir zu dem
originellen Punkt der Sache.
III - ERKLÄRUNG
Du, mein lieber Marino, meinst, eine
gräßliche Enttäuschung erlebt zu haben, weil du
plötzlich Fräulein Anita als eine ganz andere erlebt
hast, ganz anders als die, die du kanntest, als die, die
sie für dich war. Nun bist du ganz sicher, Fräulein
Anita sei doch eine ganz andere gewesen.
Na sehr gut. Eine andere war Fräulein
Anita mit Sicherheit. Nicht nur; sie war viele, sehr
viele andere, mein Freund, wenigstens so viele, als
Leute sie kennen und als sie Leute kennt. Weißt du,
worin dein Grundirrtum besteht? Darin, daß du glaubst,
wenn sie auch eine andere sei - wie du meinst -, oder
viele andere - wie ich meine -, dann könnte sie deshalb
nicht dennoch auch weiterhin die sein, die du in ihr
gekannt hast.
Fräulein Anita ist die, und eine andere,
und auch viele andere, denn du wirst mir doch zugeben,
daß die, die sie für mich ist, nicht dieselbe sein kann,
die sie für dich ist, die sie für ihre Mutter ist, die
sie für den Commendatore Ballesi ist, und für all die
anderen, die sie kennen, jeder auf seine Weise.
Nun sieh einmal: Jeder, so wie er sie
kennt, gibt ihr - das stimmt doch? - eine Wirklichkeit.
So viele Wirklichkeiten also, mein Lieber, daß sie
"wirklich" - und nicht nur sozusagen - dafür sorgen, daß
Fräulein Anita eine für dich, eine für mich, eine für
ihre Mutter, eine für den Commendator Ballesi, und so
weiter, ist. Und dabei hat doch jeder von uns die
Illusion, die wahre Anita wäre nur die, die er kennt.
Und auch sie hat natürlich diese Illusion, ja sie vor
allem, die Illusion, sie wäre immer und für alle
dieselbe.
Weißt du, woher diese Illusion stammt,
lieber Freund? Nun, einfach daher, daß wir alle guten
Glaubens davon überzeugt sind, in jeder unserer
Handlungen wären wir stets ganz präsent; aber leider ist
dem nicht so. Das merken wir freilich nur, wenn wir
durch irgend einen unglückseligen Zwischenfall plötzlich
an einer unserer Handlungen hängen bleiben, festgenagelt
an einer einzigen der vielen, die wir Tag für Tag
setzen; dann merken wir sehr wohl, daß wir nicht zur
Gänze in dieser einen Handlung stecken, und daß es eine
grauenhafte Ungerechtigkeit wäre, uns nur nach dieser
einen Handlung zu beurteilen, uns an ihr festzunageln,
an ihr aufzuhängen, ihretwegen an den Pranger zu
stellen, für unsere ganzes Erdenleben, als ließe sich
dieses in dieser einzigen Handlung zusammenfassen.
Nun, genau diese Ungerechtigkeit bist du
eben im Begriff, Fräulein Anita gegenüber zu begehen,
mein Lieber.
Du hast sie in einer anderen
Wirklichkeit überrascht, als du sie ihr zu geben gewohnt
warst, und nun bist du bereit zu glauben, ihre wahre
Wirklichkeit sei nicht die schöne, die du ihr früher
zugedacht hattest, sondern nur diese häßliche, in der du
sie zusammen mit dem Commendatore Ballesi ertappt hast,
als sie mit Nicolino Respi von dem Felsen
zurückspazierte.
Es ist kein Zufall, lieber Freund, daß
du mir nichts von dem aufstehenden Näschen des Fräuleins
Anita erzählt hast!
Dieses Näschen gehörte nicht dir. Das
war nicht das Näschen deiner Anita. Dein waren
die nachtschwarzen Augen, das leidenschaftliche Herz,
die feinsinnige Intelligenz dieses Mädchens. Nicht aber
dieses kühn aufstehende Näschen mit den eher fleischigen
Nasenflügeln.
Dieses Näschen erbebte noch immer, wenn
es sich an den Biß Nicolino Respis erinnerte. Dieses
Näschen wollte seine Rache haben für den widerlichen
Übergriff des alten Commendatore Ballesi. Du hast ihm
nicht erlaubt, diese Rache mit dir zu verwirklichen,
also hat das Näschen sich dafür Nicolino geholt.
Wer weiß, wie viel nun diese
nachtschwarzen Augen weinen, wie stark dieses
leidenschaftliche Herz blutet, wie sehr sich diese
feinsinnige Intelligenz gegen ihr Schicksal auflehnt -
ich meine, all das, was an ihr dir gehört.
Ach, glaube mir, lieber Marino, für sie
war der Hinweg zum Felsen mit dir viel süßer als der
Rückweg von dort mit Nicolino Respi.
Du wirst dich wohl bereit finden müssen,
nachzugeben, und es dem Commendatore gleichzutun, der -
du wirst schon sehen - Anita verzeihen und sie doch noch
heiraten wird.
Aber verlange bitte nicht, daß sie nur
eine einzige sein und ganz dir gehören soll. Sie wird
ganz und gar ehrlich eine einzige und ganz für dich
sein; und zugleich eine andere für den Commendatore
Ballesi, und das nicht weniger ehrlich. Denn es gibt
nicht nur ein einziges Fräulein - oder nur eine einzige
Frau - Anita, lieber Freund.
Das ist vielleicht nicht schön, aber es
ist nun einmal so.
Und bitte, sieh zu, daß Nicolino Respi
mit seinen gefletschten Zähnen diesem aufstehenden
Näschen keinen zweiten Besuch abstattet.
* * *
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LUIGI PIRANDELLO 1867 - 1936 -
Novellen
Auswirkungen eines unterbrochenen
Traums - (Effetti di un sogno interrotto –
1937) |
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aus dem Italienischen von Michael
Rössner
Ich wohne in einem alten Haus, das
den Eindruck eines Trödlerladens macht. In einem
Haus, das seit wer weiß wie vielen Jahren Staub
geschluckt hat.
Das ständige Halbdunkel, das dieses
Haus bedrückt, hat etwas von der steifen Atmosphäre
der Kirchen an sich; in ihm steht unbeweglich der
muffige, alte und welke Geruch der zerfallenden
Möbel in allen Formen, mit denen es vollgestopft,
und der vielen Stoffe, mit denen es geschmückt ist,
teure, zerrissene und ausgebleichte Stoffe, überall
ausgebreitet und aufgehängt, in Form von Decken,
Vorhängen oder Baldachinen. Ich trage meinen Teil
bei zu diesem Gestank, indem ich den ganzen Tag
meine alten, verkrusteten Pfeifen rauche und damit
die Luft verpeste. Nur dann, wenn ich von draußen
zurückkomme, fällt es mir überhaupt auf, daß man in
meinem Haus gar keine Luft kriegt. Aber für einen,
der ein Leben führt wie ich... Aber genug: lassen
wir das.
Im Schlafzimmer befindet sich eine
Art Alkoven auf einer Plattform, zu dem man über
zwei Stufen hinaufsteigt. Oben ist die Zimmerdecke,
der Stützbalken liegt in der Mitte auf zwei
gedrungenen Säulen auf. Auch hier Baldachinvorhänge,
die das Bett verbergen sollen, sie laufen auf
Messingstangen hinter den Säulen. Die andere Hälfte
des Zimmers dient als Arbeitsraum. Unter den Säulen
steht ein Sofa: ehrlich gesagt ist es sehr bequem,
mit jeder Menge darauf aufgetürmter Kissen, und
davor ein massiver Tisch, der als Schreibtisch
verwendet wird; zur Linken ein großer Kamin, den
ich nie anzünde; in der gegenüberliegenden Wand,
zwischen zwei Fensterchen, ein altes Regal mit
Bücherleichen, die in vergilbtes Pergament gebunden
sind. Auf dem Kaminsims aus geschwärztem Marmor ist
ein halb geräuchertes Bild aus dem siebzehnten
Jahrhundert aufgehängt, eine Darstellung der
Büßenden Magdalena, ich weiß nicht, ob es ein
Original oder eine Kopie ist, aber selbst wenn es
eine Kopie sein sollte, hat es einen gewissen Wert.
Die lebensgroße Figur liegt auf dem Bauch
ausgestreckt in einer Höhle; ein auf den Ellbogen
gestützter Arm hält den Kopf; die gesenkten Augen
bemühen sich, bei dem Licht einer neben einen
Totenschädel auf den Boden gestellten Öllampe in
einem Buch zu lesen. Sicherlich, das Gesicht, die
prächtige Fülle der offenen rötlichen Haare, die
eine Schulter und die Brust frei lassen, sind in dem
Schein dieser Öllampe wunderschön.
Das Haus gehört mir und gehört mir
auch wieder nicht. Es gehört mit dem gesamten
Mobiliar einem Freund von mir, der es mir vor drei
Jahren, als er nach Amerika aufbrach, als Garantie
für einen größeren Geldbetrag überließ, den er mir
noch schuldete. Dieser Freund hat sich natürlich nie
wieder gemeldet, und trotz aller Nachfragen und
Nachforschungen, die ich angestellt habe, ist es mir
nicht gelungen, irgendeine Nachricht von ihm zu
erhalten. Sicher ist nur, daß ich noch nicht über
das Haus und seinen Inhalt verfügen kann, um mir das
Meine zurückzuholen.
Nun, ein Antiquitätenhändler aus
meinem Bekanntenkreis hat sich in diese Büßende
Magdalena verliebt, und neulich erst führte er mir
einen fremden Herrn ins Haus, um sie ihm zu zeigen.
Der Herr, um die vierzig, groß,
mager, kahlköpfig, trug strengste Trauer, wie man es
in der Provinz noch zu tun pflegt. Sogar das Hemd
war ein Trauerhemd. Aber auch auf seinem
eingefallenen Gesicht war noch das Unglück zu lesen,
das ihn vor kurzem heimgesucht hatte. Als er das
Bild sah, wechselte er die Farbe und schlug
plötzlich die Hände vor die Augen, während der
Antiquitätenhändler ihn mit seltsamer Befriedigung
fragte: „Ist es nicht wahr? Ist es nicht wahr?“
Jener, das Gesicht immer noch hinter
den Händen verborgen, nickte mehrmals bejahend. Es
schien, als wollten ihm die angeschwollenen Adern in
dem kahlen Schädel platzen. Aus der Tasche zog er
ein schwarzgerändertes Taschentuch und führte es an
die Augen, um die hervorbrechenden Tränen
aufzuhalten. Ich sah, wie sein Zwerchfell lange
stumm erbebte, während er gleichzeitig in einem fort
schluchzend durch die Nase aufzog.
Alles ‑ auf süditalienische Weise ‑
sehr übertrieben.
Aber vielleicht auch ehrlich.
Der Antiquitätenhändler wollte mir
erklären, daß er seit seiner Kindheit die Frau
dieses Herrn kannte, die aus demselben Dorf stammte
wie er selbst: „Ich kann Ihnen versichern, sie war
das genaue Abbild dieser Magdalena. Ich habe mich
gestern daran erinnert, als mein Freund mir die
Nachricht brachte, daß sie gestorben war, so jung
noch, kaum einen Monat ist es her. Sie wissen, daß
ich erst vor kurzem da gewesen bin, um dieses Bild
anzusehen.“
„Ja, das schon, aber ich...“
„Ja, Sie sagten damals, Sie könnten
es nicht verkaufen.“
„Und jetzt ebenso wenig.“
Ich fühlte mich von diesem Herrn am
Arm gepackt, er warf sich mir beinahe weinend an die
Brust und beschwor mich, es ihm abzutreten, um
welchen Preis auch immer: Es wäre sie, seine Frau,
genau sie, sie so ‑ ganz und gar ‑ wie nur er
allein, er als Ehemann, sie in der häuslichen
Intimität gesehen haben könne (und als er das sagte,
spielte er sichtlich auf die nackte Brust an), und
er könne sie mir nun nicht mehr vor den Augen
lassen, das müsse ich doch verstehen, nun, da ich
das wisse.
Ich sah ihn an, verblüfft und
konsterniert, als hätte ich einen Irren vor mir,
denn es schien mir nicht möglich, daß er so etwas im
Ernst sagte, das heißt, daß er im Ernst meinen
könnte, daß das, was für mich nichts anderes war als
ein Gemälde, an das ich nie irgend einen Gedanken
verschwendet hatte, nun auch für mich das Porträt
seiner Frau werden konnte, so mit der entblößten
Brust, wie er sie allein in der häuslichen Intimität
erblickt haben konnte, somit also in einem Zustand,
in dem er sie nicht mehr von einem Fremden ansehen
lassen durfte.
Das Seltsame einer solchen Forderung
rief bei mir ein unwillkürliches Lachen hervor.
„Aber nein, sehen Sie doch,
lieber Herr: Ich habe Ihre Frau ja nie gekannt;
ich kann daher an dieses Bild gar nicht den
Gedanken knüpfen, dessen Sie mich verdächtigen.
Ich sehe da bloß ein Gemälde mit einem Bild,
das... ja, das zeigt...“
Hätte ich das bloß nie gesagt!
Er pflanzte sich vor mir auf, als wollte er mir
an die Gurgel springen, und schrie:
„Ich verbiete Ihnen, sie jetzt
anzusehen, so, in meiner Gegenwart!“
Zum Glück griff da der
Antiquitätenhändler ein, der mich um
Entschuldigung bat, um Mitleid mit diesem armen
Mann, der förmlich von Sinnen war; er sei stets
bis zum Wahnsinn eifersüchtig auf seine Frau
gewesen, die er bis zum letzten Atemzug mit
einer beinahe krankhaften Liebe geliebt habe.
Dann wandte er sich an ihn und beschwor ihn,
sich zu beruhigen; es wäre dumm, zu mir so zu
reden, zu behaupten, es wäre meine Pflicht,
aufgrund all dieser intimen Dinge ihm das Bild
abzutreten. Er wage auch noch, mir das
Betrachten des Bildes zu verbieten? Ja, sei er
denn wirklich ganz und gar von Sinnen? Und damit
schleppte er ihn fort, wobei er mich abermals um
Entschuldigung für die Szene bat, er habe nicht
geahnt, daß er mich so etwas werde erleben
lassen.
Ich war so beeindruckt von
dieser Geschichte, daß ich in der darauf
folgenden Nacht davon träumte.
Um es genauer zu sagen, muß ich
diesen Traum wohl in den ersten Morgenstunden
geträumt haben, genau in dem Augenblick, in dem
ein plötzlicher Lärm vor der Türe des Zimmers
mich weckte, ein Streit zwischen Katzen, die
durch weiß Gott welche Schlupflöcher ständig in
mein Haus kommen, wahrscheinlich angezogen von
den vielen Mäusen, die hier Quartier
aufgeschlagen haben.
Auswirkung des dergestalt
plötzlich unterbrochenen Traums war es, daß die
Trugbilder desselben, ich meine der Herr in
Trauer und das Bild der Magdalena, die seine
Frau geworden war, vielleicht nicht mehr die
Zeit hatten, in mich zurückzukehren, und draußen
blieben, in dem anderen Teil des Zimmers
jenseits der Säulen, in dem ich sie im Traum
gesehen hatte; so daß ich, als ich bei dem Lärm
aus dem Bett aufschreckte und den Vorhang mit
einem raschen Zug beiseiteschob, vage ein
Wirrwarr aus nacktem Fleisch und roten und
türkisfarbenen Stoffen auf den Kaminsims huschen
und blitzartig wieder die Position im Bild
einnehmen sah; und auf dem Sofa, unter all den
durcheinandergeworfenen Kissen, da war er,
dieser Herr, der sich eben aus der liegenden
Haltung in die sitzende aufrichtete, nicht mehr
schwarz gekleidet, sondern in einem Pyjama aus
himmelblauer Seide mit weißen und dunkelblauen
Streifen, der sich in dem allmählich stärker
werdenden Licht, das durch die beiden
Fensterchen drang, allmählich in der Form und in
den Farben dieser Kissen auflöste und endlich
verschwand.
Ich will nicht versuchen zu
erklären, wofür es keine Erklärung gibt. Niemand
hat je das Geheimnis der Träume ergründet.
Tatsache ist: Als ich, aufs höchste verwirrt,
die Augen hob, um das Bild auf dem Kaminsims zu
betrachten, da sah ich mit aller Deutlichkeit,
wie die Augen der Magdalena für einen Augenblick
lebendig wurden, die Lider von der Lektüre
abhoben und mit einen Blick zuwarfen, einen
lebendigen, in zarter, diabolischer
Schelmenhaftigkeit lachenden Blick. Vielleicht
waren es die geträumten Augen der verstorbenen
Gattin dieses Herrn, die sich für einen
Augenblick in den gemalten Augen des Bildes
belebten.
Ich konnte keinen Augenblick
länger in dem Haus bleiben. Ich weiß nicht mehr,
wie ich es geschafft habe mich anzuziehen. Von
Zeit zu Zeit habe ich mich mit einem Gefühl des
Horrors, das Sie sich gut ausmalen können,
umgewandt, um verstohlen diese Augen zu
betrachten. Ich fand sie stets gesenkt und in
die Lektüre versunken vor, wie sie in dem
Gemälde tatsächlich sind; aber nun war ich mir
schon nicht mehr sicher, ob sie nicht, wenn ich
nicht mehr hinsah, hinter meinem Rücken wieder
lebendig wurden, um mich immer noch mit diesem
Schimmer von zarter, diabolischer
Schelmenhaftigkeit anzublicken.
Ich stürzte in das Geschäft des
Antiquitätenhändlers, das ganz nahe bei meinem
Hause liegt. Ich sagte ihm, wenn ich das Bild
auch seinem Freund nicht verkaufen könne, könne
ich diesem doch das Haus mit dem gesamten
Mobiliar, das Bild eingeschlossen, versteht
sich, zu einem sehr günstigen Preis vermieten.
„Schon ab dem heutigen Tag, wenn
Ihr Freund das so will.“
In meinem überfallsartigen
Angebot lag so viel Bangigkeit und Beklemmung,
daß der Antiquitätenhändler den Grund dafür
erfahren wollte. Den Grund, den schämte ich mich
freilich ihm zu enthüllen. Stattdessen bat ich
ihn, mich auf der Stelle zu dem Hotel zu
begleiten, in dem sein Freund abgestiegen war.
Sie können sich meinen Zustand
vorstellen, als ich diesen in seinem Hotelzimmer
mir entgegenkommen sehe, bekleidet mit demselben
Pyjama aus himmelblauer Seide mit weißen und
dunkelblauen Streifen, in dem ich ihn im Traum
gesehen und in meinem Zimmer beim Aufsetzen auf
dem Sofa zwischen den durcheinandergeworfenen
Kissen ertappt hatte.
„Sie kommen eben aus meinem
Haus“, schrie ich ihn kreidebleich an. „Sie
waren heute nacht in meinem Haus!“
Ich sah, wie er auf einem Sessel
zusammenbrach, entsetzt, vor sich hinstammelnd:
o Gott, ja, in meinem Haus, im Traum, da wäre er
tatsächlich gewesen, und seine Frau...
„Eben, eben, Ihre Frau ist aus
dem Bild herausgestiegen. Ich habe sie dabei
ertappt, wie sie wieder zurückging. Und Sie
selbst haben sich mir im Licht auf dem Sofa in
Nichts aufgelöst. Aber Sie werden zugeben, als
ich Sie auf dem Sofa erwischte, konnte ich nicht
wissen, daß Sie einen Pyjama besitzen wie den,
den sie anhaben. Dann waren es also tatsächlich
Sie, der im Traum bei mir zu Hause gewesen ist;
Ihre Frau ist tatsächlich aus dem Bild
herausgestiegen, wie Sie es geträumt haben.
Erklären Sie sich dieses Faktum, wie Sie wollen.
Möglicherweise ist es einfach die Begegnung
meines Traums mit dem Ihren. Ich weiß das nicht.
Aber in meinem Haus kann ich nicht mehr bleiben,
mit Ihnen, die Sie da im Traum zu Besuch kommen,
und Ihrer Frau, die mich ansieht und dabei die
Augen vom Bild aus öffnet und schließt. Den
Grund, sich davor zu fürchten, der für mich
gilt, den können Sie nicht haben, denn es
handelt sich ja um Sie selbst und Ihre Frau;
gehen Sie also und holen Sie sich das in meinem
Haus zurückgebliebenes Bild Ihrer selbst ab! Was
tun Sie jetzt? Sie wollen nicht mehr? Sie fallen
in Ohnmacht?
„Ach, Halluzinationen, meine
Herren nichts als Halluzinationen!“, wurde
unterdessen der Apotheker nicht müde auszurufen.
Ach, wie reizend sind doch diese
wohlgefestigten Menschen, die angesichts eines
Faktums, für das es keine Erklärung gibt, sofort
ein Wort finden, das nichts aussagt, und mit dem
sie sich so wundersam einfach beruhigen:
„Halluzinationen“.
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LUIGI PIRANDELLO 1867 - 1936 -
Novellen
Bitterwasser
-
(Acqua amara - 1922) |
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Erstveröffentlichung Oktober 1905 in der
Zeitschrift "Il Ventesimo".
Keine
wesentlichen Varianten bekannt.
In der
Duellgeschichte läßt sich eine erste
Version der Handlung von Il giuoco
delle parti ("Das Rollenspiel", in:
Bd. 10) erkennen.
aus dem Italienischen von Michael
Rössner
Wenige Leute waren an diesem Morgen in dem Park rund
um die Thermen. Die Kursaison ging nun schon zu Ende.
Auf zwei benachbarten Bänken an einer Wegkreuzung
unter den hohen Platanen saßen ein junger Mann mit
blassem, ja gelblichem Gesicht, zum Erbarmen hager
unter seinem neuen, hellen Anzug, dessen frisch
gebügelte Falten in einem Zickzack herunterfielen,
weil er viel zu weit war, und ein häßlicher Kerl um
die Fünfzig, in einem Anzug aus billigem Tuch,
voller Falten, wo die enorme Fettleibigkeit ihn
nicht bis zum Platzen aufblähte, und einem alten,
verbeulten Panamahut auf dem kahlgeschorenen Kopf.
Beide hielten am Henkel ihre noch ganz mit dem lauen,
trüben Alkaliwasser gefüllten Gläser, die sie eben
an der Quelle gefüllt hatten.
Der dicke Mann erschien noch halb betäubt von dem
donnernden Schnarchen, das er sicherlich in der
Nacht von sich gegeben hatte; er schloß von Zeit zu
Zeit halb die vom Schlaf noch verschleierten Augen
in seinem feisten, zufriedenen Mönchsgesicht. Der
hagere Junge dagegen spürte die Kälte der frischen
Morgenluft; von Zeit zu Zeit lief ihm sogar ein
Schauder über den Rücken.
Weder der eine noch der andere konnte sich dazu
entschließen zu trinken, und es schien, als wartete
jeder darauf, dem Beispiel des anderen folgen zu
können. Schließlich, nach dem ersten Schluck, sahen
sich beide mit von demselben Ausdruck des Ekels
verzogenen Gesichtern an.
"Die Leber, was?" fragte plötzlich leise der dicke
Mann den jungen und schüttelte sich. "So kleine
Leberkoliken, was? Sie sind natürlich verheiratet,
denke ich mir..."
"Nein, weshalb?" fragte der junge Mann zurück,
während er qualvoll sein Gesicht in Falten legte,
die ein Lächeln ausdrücken wollten.
"Na, es schien mir so, so ins Blaue hinein geraten",
seufzte der andere. "Aber wenn Sie keine Frau haben,
können Sie ganz ruhig sein. Dann werden Sie gesund!"
Der junge Mann lächelte wieder wie vorhin.
"Leiden Sie vielleicht an der Leber?" fragte er dann
spitz.
"Nein, nein, keine Frau mehr, ich habe keine mehr!",
beeilte sich der dicke Mann in höchstem Ernst zu
antworten. "Ich war leberleidend; aber Gott sei Dank
habe ich mich von meiner Frau befreit; ich bin
geheilt. Ich komme nun schon seit dreizehn Jahren
hierher, aus Dankbarkeit. Entschuldigen Sie, wann
sind Sie angekommen?"
"Gestern abend um sechs", sagte der junge Mann.
"Ach, deshalb", rief der andere, während er die
Augen halb schloß und den massigen Kopf hin und her
wiegte. “Wären Sie am Morgen gekommen, würden Sie
mich bereits kennen."
"Ich... ich würde Sie kennen?"
"Aber sicher, so wie mich alle hier kennen. Ich bin
eine Berühmtheit! Sehen Sie, auf der Piazza
dell'Arena, in allen Hotels, in allen Pensionen, im
Club, im Caffè da Pedoca, in der Apotheke spricht
man seit dreizehn Jahren hier Saison für Saison bloß
von mir. Ich weiß es und habe meine Freude daran und
komme eben deshalb immer wieder her. Wo sind Sie
abgestiegen? Bei Rori? Bravo. Nun, seien Sie ganz
sicher, noch heute mittag bei Tisch werden sie Ihnen
bei Rori meine Geschichte erzählen. Erlauben Sie,
daß ich ihnen zuvorkomme und sie Ihnen selbst
erzähle, in einem Stück."
Während er das sagte, stemmte er sich mühevoll in
die Höhe und ging zu der Bank des jungen Mannes
hinüber, der ihm mit seinem gelben, vor Freude ganz
verkniffenen Gesicht Platz machte.
- Zu allererst, damit wir uns gleich verstehen, hier
nennt man mich den Gatten der Frau Doktor. In
Wirklichkeit heiße ich Cambiè. Mit Vornamen
Bernardo. Bernardone, weil ich so dick bin. Trinken
Sie. Ich trinke auch.
Sie tranken, zogen wieder eine Grimasse des Ekels,
die sie sofort in ein Lächeln zu verwandeln suchten,
als sie einander freundlich ansahen. Dann setzte
Cambiè fort:
- Sie sind noch ganz jung und ernsthaft ein bißchen
leidend. Was ich Ihnen hier an grauenhaften Dingen
erzählen werde, kann Ihnen mehr von Nutzen sein als
dieses scheußliche Wasser hier, das zwar bitter ist,
dafür aber - glauben Sie mir das - gar nichts
bewirkt. Sie geben es uns zu trinken, in jedem Sinn
tun sie das, und wir trinken es, weil es scheußlich
schmeckt. Würde es gut schmecken... Aber nein, genug;
sie machen ja eine Kur, Sie müssen Vertrauen haben.
Sie müssen nämlich wissen, wenn ich das Wort Ehe
hörte, dann kam mir - mit Verlaub gesagt - der Magen
hoch, mir war geradezu... geradezu zum... jawohl,
mein Herr. Ich sah einen Hochzeitszug... ich erfuhr,
daß ein Freund heiraten würde... derselbe Effekt.
Aber was wollen Sie schon von uns unglücklichen
Sterblichen? Bildet sich ein Fleckchen in der Sonne?
Zusammenbrüche und Katastrophen. Wacht ein König mit
belegter Zunge auf? Kriege, Mord und Totschlag ohne
Ende. Beginnt ein Vulkan kurz zu schluchzen?
Erdbeben, Naturkatastrophen, Hekatomben von Blut...
In Neapel brach zu meiner Zeit die Cholera aus. Die
große Choleraepidemie von vor rund zwanzig Jahren,
von der Sie, wenn Sie sich auch nicht erinnern, wohl
doch reden gehört haben.
Mein Vater, ein kleiner Angestellter, hielt sich -
bei dem liebenswerten Schicksal, das ihn stets
verfolgte - zu diesem Zeitpunkt natürlich gerade in
Neapel auf. Ich war schon dreißig Jahre alt, hatte
eine gute Anstellung gefunden und eine
Junggesellenwohnung gemietet, nicht weit weg von zu
Hause. Ich lebte bei der Familie und dort hatte ich
auch eine Freundin, die mir einfach so zugewachsen
war, als wäre sie vom Himmel gefallen.
Carlotta. So hieß sie. Sie war die Tochter eines...
na, da ist nichts Schlimmes dabei, wissen Sie! Ein
Beruf wie jeder andere - die Tochter eines Wucherers.
Ein ehemaliger Priester war er.
Sie war wegen Streitereien mit ihrer Stiefmutter und
mit einem jüngeren Bruder, der bereits ein
ausgewachsener Gauner war, von zu Hause weggelaufen;
aber diese Geschichte werde ich Ihnen ersparen. Sie
schien ein braves Mädchen zu sein, und vielleicht
war sie das damals auch; aber Sie werden verstehen,
da ich sie liebte, dachte ich da nicht viel drüber
nach.
Entschuldigen Sie, sind Sie vielleicht religiös?
Soso? Wohl eher nein als ja. Wie ich. Meine Mutter
hingegen, mein lieber Herr, na, die war mehr als
religiös. Die arme Frau, sie litt entsetzlich unter
meiner Beziehung, die sie für sündhaft hielt. Sie
wußte, daß dieses Mädchen, bevor sie die Meine wurde,
keine anderen Männer gehabt hatte. Als nun die
Cholera ausbrach, war sie, entsetzt über das
Massensterben, fest überzeugt, wir seien alle dem
Tod geweiht, und ich zuallererst, da ich im Stand
der Todsünde lebte. Und so verlangte sie mir das
Opfer ab, dieses Mädchen zu heiraten, sei es auch
nur in der Kirche, um so den göttlichen Zorn zu
besänftigen.
Glauben Sie mir, ich hätte es trotzdem nicht getan,
wenn Carlotta nicht von der Seuche befallen worden
wäre. Ich mußte ihr doch wenigstens die Seele retten;
so hatte ich es meiner Mutter versprochen. Ich lief
also einen Priester holen und heiratete sie. Aber
was war da im Spiel? Eine göttliche Hand? Ein Wunder?
Sie schien schon halb hinüber, und plötzlich wurde
sie gesund.
Meine Mutter bestand darauf, obwohl ihr das große
Zittern kam, aus Nächstenliebe, ja, aus Opfergeist
an der Zeremonie teilzunehmen und dann am Bett der
Kranken auszuharren.
Es schien, als wäre die Cholera nur meinetwegen nach
Neapel gekommen, um mich für die Todsünde zu
bestrafen, und als sollte sie mit Carlottas Genesung
vorübergehen, so sehr bemühte sich meine Mutter, mit
solcher Inbrunst widmete sie sich der Aufgabe, sie
gesundzupflegen. Und kaum hatte sie sie gerettet und
sah, daß dort in diesem Zimmerchen die Genesende
jede Bequemlichkeit entbehren mußte, da bestand sie
darauf, sie auch noch zu sich nach Hause zu nehmen,
so sehr ich mich auch dagegen wehrte.
Sie werden verstehen, sobald sie einmal in mein Haus
gekommen war, konnte Carlotta es nur als meine
legitime Ehefrau wieder verlassen, und das tat sie
auch kurze Zeit später, kaum daß das große Sterben
aufgehört hatte.
Na, dann wollen wir wieder einmal trinken, lieber
Herr!
Gott sei Dank waren Carlotta während der Epidemie
Vater, Mutter und Brüder gestorben. Ein Glück und
ein Unglück zugleich, denn als einzige Überlebende
der Familie erbte sie achtunddreißig oder
vierzigtausend Lire, die Frucht des edlen Handwerks,
das ihr Vater betrieben hatte.
Nun, als Ehefrau und mit einer Mitgift, wie sah sie
da die Sache, lieber Herr? Sie war von einem Tag zum
anderen wie ausgewechselt.
Nun hören Sie zu. Wissen Sie, daß ich so einen
gewissen boshaften Geist im Leibe habe... wie soll
ich ihn nennen? phi-... philosophenhaft ist er, das
mag ihnen seltsam erscheinen; aber lassen Sie mich
erzählen.
Glauben Sie, daß es nur zwei Geschlechter gibt, das
männliche und das weibliche?
Nein, mein Herr.
Die Ehefrauen sind ein Geschlecht für sich. Die
Ehemänner auch.
Und was die Geschlechter betrifft, da gewinnt die
Frau durch die Ehe immer. Sie macht einen großen
Schritt vorwärts! Sie erhält nämlich so viel Anteil
am männlichen Geschlecht, wie der Mann
notwendigerweise davon aufgeben muß. Und aufgeben
muß er viel, glauben Sie mir das.
Wenn ich einmal auf die traurige Idee verfiele, eine
vernünftige Grammatik zu erstellen, wie ich sie
nenne, würde ich zur Regel erheben, daß es der
Ehefrau und infolgedessen die Ehemann heißen
muß.
Sie lachen? Aber für die Ehefrau, mein lieber Herr,
für die Ehefrau ist der Ehemann wirklich kein Mann
mehr. Sie bemüht sich ja nicht einmal mehr, ihm zu
gefallen.
"Mit dir macht's keinen Spaß mehr", denkt die
Ehefrau. "Du kennst mich ja schon."
Und wenn der Ehemann wirklich so einfältig ist, sich
von neuem zu ereifern, etwa, wenn er sie zum
Beispiel wie eine Teufelin im Bett liegen sieht, mit
Lockenwicklern in den Haaren und dicht bestrichenem
Gesicht, dann geht es gleich los:
"Aber das tue ich doch für dich!", ist sie imstande
zu antworten.
"Für mich?"
"Sicher. Damit du keine schlechte Figur machst.
Wärst du denn froh, wenn die Leute, wenn sie dich
auf der Straße sehen, sagen würden: 'Ach, schau
einmal, was für eine Frau sich dieser arme Kerl
ausgesucht hat!'"
Und der Ehemann, der - das versichere ich Ihnen -
kein Mann mehr ist, der schweigt; und dabei müßte er
ihr ins Gesicht schreien:
"Aber das sage ich mir doch selbst, meine Liebe, was
für eine Frau ich mir ausgesucht habe, wenn ich dich
so ansehe, jetzt, wo du neben mir liegst! Ach, du
zeigst dich also deshalb mir jetzt zu Hause und im
Bett häßlich, damit die anderen dann auf der Straße
ausrufen können: 'Ach, schau einmal, was für eine
hübsche Frau dieser arme Kerl da hat!'? Und darum
sollten sie mich auch noch beneiden? Na, ich danke,
ich danke vielmals, meine Liebe, für diesen Neid mir
gegenüber, der sich natürlich in ein Begehren dir
gegenüber verwandelt. Du willst begehrt sein, damit
ich beneidet werde? Was du doch für ein guter Mensch
bist! Aber ich bin ein noch besserer Mensch, weil
ich dich geheiratet habe."
Und der Dialog ließe sich noch fortführen. Denn es
könnte ja der Fall eintreten, wissen Sie? - der
Fall, daß die Ehefrau sogar die Unverfrorenheit
besäße, den Ehemann ganz unschuldig zu fragen, ob
sie, geschminkt und aufgeputzt zum Spaziergang,
seiner Meinung nach gut aussähe.
Der Ehemann müßte ihr darauf antworten:
"Ja, weißt du, Liebe, die Geschmäcker sind doch sehr
verschieden. Mir persönlich gefällt, wie ich dir
schon gesagt habe, diese Frisur nicht besonders. Wem
willst du nun gefallen? Das müßtest du mir sagen,
damit ich dir eine Antwort geben kann. Keinem?
Wirklich keinem? Ja, dann sei froh, wenn schon
keinem, dann versuch doch wenigstens deinem Mann zu
gefallen, das ist dann wenigstens einer und nicht
keiner!"
Mein lieber Herr, bei einer solchen Antwort würde
die Ehefrau ihren Mann fast mitleidig anschauen, und
dann würde sie verächtlich mit den Achseln zucken,
als wollte sie sagen: "Was hast denn du damit zu
schaffen?"
Und sie hätte recht. Die Frauen können nicht darauf
verzichten: instinktiv wollen sie gefallen. Für sie
ist es einfach eine Notwendigkeit, begehrt zu
werden.
Nun, das werden Sie verstehen, eine Ehemann kann
seine Ehefrau, die er Tag und Nacht um sich hat,
nicht mehr begehren. Ich meine: Er kann sie nicht so
begehren, wie sie begehrt werden möchte.
Denn so wie die Ehefrau im Ehemann nicht mehr den
Mann sieht, so sieht auch der Ehemann in der Ehefrau
nach einer gewissen Zeit nicht mehr die Frau.
Der Mann, der von Natur aus eher zum Philosophieren
neigt, geht darüber hinweg; die Frau hingegen ist
darüber gekränkt. Und deshalb wird ihr der Ehemann
bald lästig und oft geradezu unerträglich.
Sie muß für das eigene Wohlergehen Sorge tragen, der
Ehemann nicht.
Aber was immer er auch täte, glauben Sie mir, nichts
wäre ihr je recht, denn die Liebe, diese besondere
Liebe, die sie braucht, kann ihr der Ehemann,
einfach weil er ihr Ehemann ist, nicht mehr geben.
Mehr als Liebe ist es eine gewisse Aura von
Bewunderung, von der sie umgeben sein will. Aber
jetzt versuchen Sie sie einmal zu bewundern, wenn
sie im Haus mit Lockenwicklern, ohne Mieder, in
Pantoffeln und, sagen wir, heute mit Bauchweh und
morgen mit Zahnweh herumläuft. Diese gewisse Aura
kann aus den Blicken der Männer entstehen, die nicht
wissen, und deren Aufmerksamkeit sie, ohne daß es
schien, mit besonders raffinierter List, auf sich zu
ziehen und festzuhalten verstanden hat, um sich an
ihnen in wunderbarer Weise zu berauschen. Wenn sie
eine anständige Ehefrau ist, wird ihr das genügen.
Ich spreche jetzt von den anständigen Ehefrauen,
verstehen wir uns recht, ja geradezu von den
makellosen Ehefrauen. Von den anderen zahlt sich's
gar nicht mehr aus zu sprechen.
Erlauben Sie mir noch eine weitere kleine Überlegung.
Wir Männer haben die Angewohnheit zu sagen, die Frau
wäre ein unbegreifliches Wesen. Mein lieber Herr,
die Frau ist ganz im Gegenteil genauso wie wir, aber
sie kann es weder zeigen noch aussprechen, denn sie
weiß vor allen Dingen, daß es ihr die Gesellschaft
nicht gestattet und ihr als Schuld anrechnen würde,
was sie dagegen beim Mann ganz natürlich findet. Und
deshalb weiß sie, daß es den Männern keine Freude
machen würde, würde sie es zeigen und aussprechen.
Damit haben wir das Rätsel erklärt. Wer wie ich das
Pech gehabt hat, an eine Frau zu geraten, die sich
kein Blatt vor den Mund nimmt, der weiß das sehr gut.
Und jetzt wollen wir noch einen Schluck trinken. Nur
Mut!
Am Beginn war sie nicht so, die Carlotta. Sie wurde
erst nach der Hochzeit so, das heißt, sobald sie
sich wohl etabliert fühlte und bemerkte, daß ich
natürlich begann, in ihr nicht nur das Vergnügen,
sondern auch dieses überaus häßliche Ding zu sehen,
das wir Pflicht nennen.
Ich hatte sie zu achten, nicht wahr? Sie war
schließlich meine Frau. Nun, vielleicht wollte sie
nicht geachtet werden. Wer weiß weshalb, es ging ihr
jedenfalls schrecklich auf die Nerven, mich von
einem Tag auf den anderen zum exemplarischen Ehemann
werden zu sehen.
Für uns beide begann eine wahre Hölle. Sie ständig
brummend, widerborstig, ruhelos, ich dagegen
geduldig, ein wenig aus Angst, ein wenig aus dem
Bewußtsein heraus, die schlimmste aller Eseleien
begangen zu haben und die Folgen derselben zu
beklagen zu müssen. Ich lief ihr nach wie ein
Schoßhündchen. Und damit machte ich es noch
schlimmer! So sehr ich mir auch den Kopf
zermarterte, es gelang mir nicht zu erraten, was zum
Teufel meine Frau wollte. Aber ich hätte den sehen
wollen, der es zu erraten vermochte! Wissen Sie, was
sie wollte? Sie wäre gerne als Mann auf die Welt
gekommen, meine Frau! Und sie ließ ihre Wut darüber
an mir aus, daß sie stattdessen als Frau geboren
war. "Als Mann", sagte sie, "und meinetwegen
einäugig!"
Eines Tages fragte ich sie: "Na, laß mal hören, was
wäre aus dir geworden, wenn du als Mann auf die Welt
gekommen wärst?"
Und sie antwortete, während sie die Augen weit
aufriß: "Ein Verbrecher!"
"Bravo!"
"Und Ehefrau, nichts da, weißt du? Ich hätte nie
eine Frau genommen."
"Danke, Liebe."
"Ach, da kannst du ganz sicher sein!"
"Und du hättest dich bloß amüsiert? Glaubst du denn,
daß man sich mit den Frauen einfach bloß amüsieren
darf?"
Meine Frau sah mir ganz tief in die Augen: "Mich
fragst du das?" sagte sie dann. "Weißt du das denn
nicht? Ich hätte auch deshalb nicht geheiratet, um
nicht aus einer armen Frau eine Gefangene zu
machen."
"Ach", rief ich. "Fühlst du dich vielleicht als
Gefangene?"
Und sie: "Ob ich mich als Gefangene fühle? Ja, was
bin ich denn? Was bin ich denn immer schon gewesen,
seit ich lebe? Ich kenne ja nur dich. Wann habe ich
je mein Vergnügen gehabt?"
"Hättest du gerne andere gekannt?"
"Na sicher! Genauso wie du, der du so viele vorher
und wer weiß wie viele nachher gekannt hast!"
Mein lieber Herr, merken Sie sich also das eine sehr
gut: eine Frau empfindet genauso wie wir Begierde.
Sie sehen zum Beispiel eine schöne Frau, folgen ihr
mit Ihren Blicken, stellen sie sich in ihrer ganzen
Schönheit vor und umarmen sie in Gedanken, natürlich
ohne Ihrer Frau etwas davon zu sagen, die neben
Ihnen geht? Nun, in der Zwischenzeit sieht Ihre Frau
einen schönen Mann, folgt ihm mit ihren Blicken,
stellt ihn sich in seiner ganzen Schönheit vor und
umarmt ihn in Gedanken, natürlich ohne Ihnen etwas
davon zu sagen.
Da ist gar nichts Außergewöhnliches dabei; aber
glauben Sie mir, es ist gar nicht angenehm, zu
bedenken, daß diese leicht einsehbare und allgemein
verbreitete Tatsache auch auf die eigene Frau
zutrifft, die mit ihrem Körper, nicht aber mit der
Seele Ihre Gefangene ist. Und erst der Körper! Sagen
Sie selbst: Haben wir Männer nicht das Gefühl, daß
wir bei gegebener Gelegenheit nicht widerstehen
könnten? Nun, denken Sie einmal, daß dasselbe auch
auf die Frau zutrifft. Sie fallen, sie fallen um,
daß es eine Freude ist, mit derselben Leichtigkeit,
wenn es ihnen geschieht, wenn sich also ein
entschlossener Mann findet, zu dem sie Vertrauen
haben können. Das hat mir meine Frau deutlich zu
verstehen gegeben, natürlich indem sie von den
anderen Frauen sprach.
Und damit komme ich zu meinem Fall.
Natürlich wurde ich nach einem Jahr Ehe
leberleidend.
Sechs Jahre hindurch sinnlose Behandlungen, die
meinen armen Körper zerstörten, bis er sich in einem
so erbarmungswürdigen Zustand befand, daß sogar die
Leute, die an derselben Krankheit litten, ihn
bemitleideten.
Das Heilmittel sollte ich hier finden.
Ich kam mit meiner Frau hierher, und in den ersten
Tagen wohnte ich im Rori, so wie Sie jetzt. Ich
bestellte mir gleich nach der Ankunft einen Arzt,
der mich untersuchen und verordnen sollte, wie viele
Gläser am Tag ich zu trinken hätte, und ob ich eher
Duschen oder Bäder mit Schwefelwasser nehmen sollte.
Es erschien ein hübscher junger Mann, braunhaarig,
groß und kräftig, mit zackigem Auftreten, ganz in
Schwarz gekleidet. Wenig später erfuhr ich, daß er
tatsächlich Militärarzt gewesen war, genauer
Oberleutnant-Arzt; daß er in Rovigo ein Verhältnis
mit der Tochter eines Druckers gehabt hatte; daß sie
ihm eine Tochter geboren hatte, und daß er, nun zur
Heirat gezwungen, den Dienst quittiert hatte und als
Gemeindearzt hierher gezogen war. Acht Monate nach
diesem großen Opfer waren ihm, eine nach der anderen,
Frau und Tochter gestorben. Nun waren schon an die
drei Jahre seit diesem doppelten Unglück verstrichen,
aber er kleidete sich immer noch in Schwarz wie ein
wunderschöner Rabe.
Natürlich hatte er ungeheuren Erfolg mit dieser
Geschichte, daß er seine Militärkarriere aus Liebe
geopfert habe und vom Schicksal so schlecht dafür
belohnt worden sei; mit diesen beiden schrecklichen
Unglücksfällen, deren Spuren noch immer in diesem
Gesicht eingegraben waren, und mit seiner stolzen
Haltung, als wäre er Karl der Große persönlich. Alle
Frauen, hätte man sie gelassen, hätten es am
liebsten selbst übernommen, den armen Mann zu
trösten. Er wußte das und zeigte sich abweisend.
Er kam also zu mir, untersuchte mich sehr gründlich,
klopfte mich überall ab, dann wiederholte er mehr
oder minder das, was mir schon so viele andere Ärzte
gesagt hatten, und zuletzt verschrieb er mir die Kur:
drei halbe Gläser, diese halbgroßen, in den ersten
Tagen, danach drei ganze, und immer einen Tag ein
Bad, einen Tag eine Dusche. Er war schon im Gehen,
als er so tat, als bemerke er jetzt erst die
Anwesenheit meiner Frau.
"Die gnädige Frau auch?", fragte er und
betrachtete sie kühl.
"Nein, nein", wehrte meine Frau sofort, indem
die das Gesicht in die Länge und die Augenbrauen
bis zum Haaransatz hinauf zog.
"Trotzdem, gestatten Sie?", erwiderte er.
Er trat zu ihr hin, hob ihr behutsam das Kinn
mit einer Hand in die Höhe und strich ihr mit
dem Zeigefinger der anderen über das Augenlid,
fast ohne sie zu berühren.
"Ein bißchen anämisch", sagte er.
Meine Frau sah mich an, totenbleich, als hätte
diese leichthin ausgesprochene Diagnose sie auf
der Stelle tatsächlich anämisch gemacht. Und mit
einem nervösen kleinen Lachen auf den Lippen
zuckte sie die Achseln und sagte: "Aber ich
spüre doch gar nichts..."
Der Arzt verbeugte sich mit großem Ernst: "Umso
besser."
Und er verließ würdevoll das Zimmer.
Ob es nun das Wasser war, oder das Bad, oder die
Dusche, oder vielmehr, wie ich glaube, die gute
Luft hier und der herrliche Blick auf die
toskanische Landschaft, jedenfalls fühlte ich
mich sofort besser, und zwar so sehr, daß ich
beschloß, einen Monat oder auch zwei zu bleiben.
Um mehr Freiheit zu genießen, mietete ich eine
kleine Wohnung in der Nähe der Pension, ein
bißchen weiter unten, bei Coli, mit einem
kleinen Balkon, von dem aus man das ganze Tal
mit den zwei Seen von Chiusi und von
Montepulciano überblickt.
Aber - ich weiß nicht, ob Sie das schon geahnt
haben - nun begann meine Frau sich krank zu
fühlen.
Sie sprach nicht von Anämie, weil der Doktor
davon gesprochen hatte; sie sagte, sie fühle
eine gewisse Müdigkeit am Herzen und so etwas
wie ein Gewicht auf der Brust, das sie am Atmen
hinderte.
Und daraufhin sagte ich, mit dem unschuldigsten
Ausdruck, dessen ich fähig war: "Willst du dich
nicht auch untersuchen lassen, Liebe?"
Sie wehrte sich wütend dagegen, wie ich es
erwartet hatte, und lehnte meinen Vorschlag ab.
Natürlich verschlimmerte sich ihre Krankheit von
Tag zu Tag, je mehr sie sich in ihrer Ablehnung
versteifte. Ich blieb hart und sprach zu ihr
nicht mehr davon. Bis sie selbst eines Tages
nicht mehr konnte und mir sagte, sie wolle sich
untersuchen lassen, aber nicht von diesem Arzt,
nein, ganz entschieden nein; von dem anderen
Gemeindearzt wollte sie untersucht werden
(damals gab es hier zwei), von Doktor Berri,
einem mürrischen, asthmatischen alten Mann, fast
blind, schon halb im Ruhestand - nun ist er ganz
im Ruhestand -, nicht mehr von dieser Welt.
"Ach hör doch auf!", rief ich. "Wer ruft denn
noch den Doktor Berri? Und dann wäre es eine
unverdiente Taktlosigkeit gegenüber dem Doktor
Loero, der sich immer so um uns bemüht hat und
immer so höflich gewesen ist!"
Tatsächlich kam Doktor Loero jeden Tag, wenn er
mich mit meiner Frau hier bei den Thermen aus
dem Wagen steigen sah, herbei, in dieser stolzen
und kummervollen Haltung; er gratulierte mir zu
der raschen Besserung, begleitete mich zu dem
Brunnen und dann auf und ab über diese
Parkwege,wobei er es nicht an den
pflichtschuldigen Aufmerksamkeiten meiner Frau
gegenüber fehlen ließ, wenngleich er sich in den
ersten Tagen wenig um sie kümmerte, die
natürlich im Stillen darüber vor Wut platzte.
Seit einer Woche hatten sie jedoch begonnen,
miteinander über die ewige Frage der Männer und
der Frauen zu streiten, über den anmaßenden Mann
und die Frau, die stets das Opfer ist, über die
ungerechte Gesellschaft und so weiter und so
fort.
Glauben Sie mir, mein Herr, ich kann dieses
Geschwätz schon nicht mehr hören. In sieben
Jahren Ehe ist zwischen meiner Frau und mir über
nichts anderes gesprochen worden.
Ich muß Ihnen jedoch gestehen, daß ich in dieser
Woche innerlich frohlockte, als ich Doktor Loero
genau dieselben Argumente vortragen hörte wie
ich es zu tun pflegte, und das mit dem Salz und
Pfeffer der wissenschaftlichen Autorität. Mich
pflegte meine Frau mit Beschimpfungen zu
überschütten. Bei dem Doktor Loero mußte sie
dagegen die Bremse des Anstands betätigen; aber
die Galle, die sie nicht ausspucken konnte, die
schmierte sie doch fein säuberlich auf ihre
Worte.
Ich hoffte, daß ihr so ihre Herzkrankheit
vergehen würde. Aber woher denn! Wie ich Ihnen
sagte: sie wurde von Tag zu Tag schlimmer. Und
jetzt sehen Sie einmal, was für eine miese Rolle
man bisweilen als Ehemann zu spielen hat. Ich
wußte sehr gut, daß sie von Doktor Loero
untersucht werden wollte, und daß die Abneigung
die dieser ihr einflößte, ganz und gar Komödie
war, und auch das Verlangen, von dem senilen,
asthmatischen Alten untersucht zu werden, eine
Komödie wie die ganze Herzkrankheit. Und doch
mußte ich so tun, als würde ich ganz ernsthaft
an alle drei Dinge glauben und ein ganzes Hemd
durchschwitzen, um sie zu dem zu überreden, was
sie sich im Grunde ihres Herzens wünschte.
Mein lieber Herr, als meine Frau sich -
natürlich ohne Korsett - auf dem Bett
ausstreckte und er, der Doktor, ihr in die Augen
sah, als er sich herunterbeugte, um das Ohr auf
ihre Brust zu legen, da sah ich, wie sie beinahe
ohnmächtig wurde, beinahe zusammenbrach; ich sah
in ihren Augen und auf ihrem Gesicht eine solche
Erregung... ein solches Zittern, daß... Sie
verstehen mich: ich wußte, woran ich war und
konnte nicht fehlgehen.
Das mochte reichen, nicht wahr? Eine Ehefrau
bleibt ganz und gar ehrbar, untadelig, rein,
nach einer Visite wie dieser; eine ärztliche
Untersuchung, da kann man gar nichts sagen, im
Beisein ihres Mannes noch dazu. Na also! Wozu,
frage ich, hätte ich mir dann ins Gesicht sagen
sollen, was ich im Grunde meines Herzens längst
wußte, was ich mit eigenen Augen gesehen und
fast mit den Händen gegriffen hatte?
Los, los. Nur Mut. Trinken wir wieder. Trinken
wir.
Eines Abends stand ich auf dem Balkon und
betrachtete das wunderbare Schauspiel des
breiten Tales im Mondlicht.
Meine Frau war schon zu Bett gegangen.
Sie sehen mich jetzt so wohlbeleibt und glauben
vielleicht, mich könnte ein Naturschauspiel
nicht rühren. Aber glauben Sie mir, ich habe
eine zerbrechliche, kleine und zarte Seele. Ein
Seelchen mit blonden Haaren habe ich, mit einem
ganz süßen Gesichtlein, durchscheinend und
zugespitzt, mit himmelblauen Augen dazu. Mit
einem Wort, ein Seelchen, das wie eine kleine
Engländerin aussieht, wenn es sich in der
Stille, in der Einsamkeit, aus den Fenstern
dieser häßlichen Ochsenaugen in meinem Gesicht
lehnt, und das sich vom Anblick des Mondes und
dem Zirpen der unzähligen Grillen ringsumher
unsäglich rühren läßt.
Wie die Menschen untertags in den Städten, so
geben die Grillen des Nachts auf dem Lande keine
Ruhe. Ein schöner Beruf muß das sein, der einer
Grille!
"Was tust du?"
"Ich singe."
"Und weshalb singst du?"
Das weiß ja nicht einmal die Grille selbst. Und
alle Sterne beben auf dem Firmament. Sie schauen
sie an. Muß auch ein schöner Beruf sein, der
eines Sterns! Was machen die schon da oben?
Nichts. Auch sie schauen ins Leere und es sieht
so aus, als würde ihnen darob ununterbrochen ein
Schauder über die Haut laufen. Wenn Sie wüßten,
wie mir da die Eule gefällt, die inmitten all
dieser Süße plötzlich in der Ferne ängstlich zu
schluchzen beginnt. Sie weint vor so viel Süße.
Genug. Ich betrachtete also voller Bewegung, wie
ich Ihnen eben sagte, dieses Schauspiel, aber
ich fühlte auch schon ein wenig die abendliche
Kühle (es war elf Uhr vorbei) und war eben im
Begriff, mich zurückzuziehen, als ich es laut
und insistent am Eingangstor klopfen hörte. Wer
konnte das sein, um diese Zeit?
Es war Doktor Loero.
In einem Zustand, mein Herr, daß sogar ein Stein
mit ihm Mitleid hätte haben müssen.
Stockbesoffen.
Es waren nämlich aus Florenz, aus Perugia und
aus Rom fünf oder sechs Ärzte der Wasserkur
wegen in den Ort gekommen, und er hatte es für
angezeigt gehalten, gemeinsam mit dem Apotheker
ein Abendessen für die Kollegen zu geben, im
Grünen-Kreuz-Krankenhaus hinter der
Kollegienkirche, ganz in der Nähe von Rori.
Na, da ging's lustig zu, wie Sie sich vorstellen
können, ein Abendessen im Spital! Und von
Wasserkur war natürlich nicht die Rede! Sie
hatten sich allesamt besoffen wie... na, sagen
wir nicht wie die Schweine, weil die armen
Schweine gerade diese Gewohnheit nun tatsächlich
nicht haben.
Was war ihm da in seiner Weinseligkeit nur für
eine Idee gekommen, mich aufzusuchen und zu
stören, der ich in dieser Nacht, wie ich Ihnen
eben sagte, ganz Mondschein war?
Er schwankte und ich mußte ihn bis zum Balkon
stützen. Dort umarmte er mich ganz fest und
sagte, daß er mich sehr gern habe, wie einen
Bruder, und daß er den ganzen Abend hindurch mit
seinen Kollegen von mir gesprochen habe, von
meiner kaputten Leber und meinem kaputten Magen,
die ihm am Herzen lägen, so sehr am Herzen, daß
er, als er an meiner Türe vorüberkam, es nicht
habe verabsäumen wollen, mir einen kleinen
Besuch abzustatten, weil er fürchte, am Tag
darauf nicht bei den Thermen erscheinen zu
können, weil - das hätte man nicht geglaubt, hm?
- weil er nämlich tatsächlich ein bißchen was
getrunken hatte. Natürlich dankte ich ihm von
Herzen, was meinen Sie denn, und mahnte ihn, er
solle doch nach Hause gehen, es wäre schon
spät... Nichts! Er wollte einen Stuhl, um sich
auf den Balkon zu setzen und begann mir von
meiner Frau zu sprechen, die ihm gar so gut
gefiele, ich solle sie doch aufwecken gehen,
damit sie ihm ein wenig Gesellschaft leiste, die
Signora Carlottina, ach, die würde schon
mitmachen! Und wie! Und wie! Eine hübsche,
scheue Stute, die ausschlug, aber aus Liebe, um
sich Liebkosungen zu holen... Und in dieser
Tonart ging es weiter, während er immer wieder
grinste und mit den Augen, die ihm von selbst
zufielen, versuchte, so ein gewisses überlegenes
Zwinkern zustandezubringen.
Sagen Sie mir selbst: Was sollte ich mit ihm tun,
in diesem Zustand? Einen Betrunkenen, der nicht
mehr stehen konnte, ohrfeigen? Meine Frau, die
aufgewacht war, schrie mir drei oder viermal aus
dem Schlafzimmer heraus wütend zu, ich solle das
tun. Auch mir zuckte es geradezu in den Händen,
ihn zu ohrfeigen. Aber wer weiß, wie dieser arme
junge Mann, der in seiner Weinseligkeit jeden
Sinn für soziale Umgangsformen und Erziehung
verloren hatte und mir fröhlich die Wahrheit ins
Gesicht schrie, auf eine Ohrfeige reagiert hätte.
Ich packte ihn und zog ihn aus dem Stuhl hoch:
ein wenig schütteln mußte ich ihn schon, aber er
war drauf und dran, hinzufallen, und ich mußte
mich bis zur Türe seines Zustandes erbarmen.
Dort... ja, dort gab ich ihm dann einen kleinen
Stoß, der ihn die Straße hinunterkollern ließ.
Als ich ins Schlafzimmer kam, fand ich meine
Frau mit zu Berge stehenden Haaren, geradezu wie
von Sinnen, vor. Sie war aufgestanden. Sie fiel
mit den gräßlichsten Verwünschungen über mich
her. Sie sagte, wäre ich ein anderer Mann
gewesen, dann hätte ich auf diesem Verbrecher
herumtrampeln und ihn vom Balkon hinunterstürzen
müssen; ich aber sei nur ein papierener Wicht,
der kein Blut in den Adern habe, der nicht
einmal rot würde dabei, wenn er die Ehre seiner
Frau nicht zu verteidigen vermochte, im
Gegenteil, durchaus fähig zu katzbuckeln vor dem
ersten, besten Dahergelaufenen, der...
Ich ließ sie nicht aussprechen. Ich hob eine
Hand auf; ich schrie sie an, sie solle lieber
achtgeben, die Ohrfeige, die ich dem Mann hätte
geben müssen, wäre er nicht betrunken gewesen,
die bekäme sie, wenn sie nicht gleich den Mund
hielte. Natürlich hielt sie nicht den Mund, was
glauben Sie! Von der Wut ging sie zum Hohn über.
Ja, freilich sei es leicht für mich, bei ihr den
starken Mann zu spielen, eine Frau zu ohrfeigen,
nachdem ich einen, der mich in meinem eigenen
Haus beleidigen gekommen war, freundlich
empfangen und mit den gebührenden Ehrbezeugungen
bis zur Türe begleitet hatte. Aber warum hatte
ich sie denn eigentlich nicht gleich geweckt?
Mehr noch, warum hatte ich den Mann denn nicht
zu ihr ins Schlafzimmer geführt und ihn
freundlich gebeten, sich zu ihr zu legen?
"Du wirst ihn fordern!" schrie sie schließlich
außer sich. "Morgen wirst du ihn fordern, und
wehe dir, wenn du es nicht tust!"
Wenn man sich gewisse Dinge von einer Frau sagen
lassen muß, dann bäumt sich jeder Mann auf. Ich
hatte mich bereits ausgekleidet und zu Bett
gelegt. Ich sagte ihr, sie sollte endlich
aufhören und mich in Ruhe schlafen lassen. Ich
würde niemanden fordern, schon deshalb nicht, um
ihr nicht diese Freude zu machen.
Aber in der Nacht dachte ich im Stillen lange
darüber nach. Ich verstand und ich verstehe bis
heute nichts von Ehrensachen: ob zum Beispiel
ein Ehrenmann die Beleidigung und Provokation
von einem Betrunkenen, der nicht weiß, was er
redet, tatsächlich aufgreifen muß. Am nächsten
Morgen wollte ich schon darüber den Rat eines
Majors im Ruhestand einholen, den ich bei den
Thermen kennengelernt hatte, als derselbe Major
in Begleitung eines anderen Herren aus dem Ort
im Namen Doktor Loeros von mir Satisfaktion
verlangte. Tatsächlich! Wegen der Form, in der
ich ihn gestern abend vor die Tür gesetzt hatte.
Es schien, als habe er sich bei meinem kleinen
Stoß und dem darauffolgenden Fall die Nase
aufgeschürft.
"Aber er war doch betrunken!", schrie ich diesen
Herren ins Gesicht.
Na, umso ärger. Dann hätte ich doch besonders
vorsichtig sein müssen. Ich, verstehen Sie? Und
dabei war es geradezu ein Wunder, daß meine Frau
mich nicht dafür aufgefressen hat, daß ich ihn
nicht vom Balkon geworfen hatte!
Genug. Ich will sehen, daß ich rasch zu einem
Ende komme. Ich nahm die Forderung an. Aber
meine Frau lachte mir höhnisch ins Gesicht und
begann auf der Stelle ihre Sachen zu packen. Sie
wollte sofort abreisen; abreisen, ohne den
Ausgang des Duells abzuwarten, obwohl sie wußte,
daß dafür die allerschwersten Bedingungen
vereinbart worden waren.
Da ich mich nun schon einmal aufs Eis gewagt
hatte, wollte ich tanzen. Er diktierte mir die
Bedingungen: auf Pistolen. Sehr gut! Aber dann
verlangte ich dafür, daß auf fünfzehn Schritt
Entfernung geschossen würde. Und ich schrieb
einen Brief, am Vorabend des Duells: jedesmal,
wenn ich den heute wieder lese, sterbe ich vor
Lachen . Sie können sich nicht vorstellen, was
für Blödheiten einem armen Menschen in einer
solchen Lage durch den Kopf gehen.
Ich hatte nie mit Waffen zu tun gehabt. Ich
schwöre Ihnen, ich schloß instinktiv die Augen,
als ich schoß. Das Duell fand oben in dem
Buchenwäldchen statt. Die ersten beiden Schüsse
gingen ins Leere; es war beim dritten... nein,
der dritte ging auch daneben, es war beim
vierten. Beim vierten Schuß also - sehen Sie
mal, was der für einen harten Schädel hatte, der
Doktor! - da sah die Kugel für mich hin und traf
ihn genau in die Stirn, aber sie verletzte den
Knochen nicht, sie fuhr unter der Kopfhaut
hindurch und beim Nacken wieder heraus.
Im ersten Augenblick schien er tot zu sein. Wir
liefen alle hinzu, auch ich, aber einer der
Sekundanten riet mir, mich zu entfernen, den
Wagen zu nehmen und über die Straße nach Chiusi
zu fliehen.
Ich floh.
Am Tag danach erfuhr ich, wie es wirklich um ihn
stand; und noch etwas anderes erfuhr ich, was
mich zugleich mit ungeheurer Freude und mit
Kummer erfüllte: Freude um meinetwillen, Kummer
um meines Gegners willen, der sich nach einer
Kugel im Kopf, wirklich nicht auch noch das
verdient hatte, der arme Kerl.
Als er nämlich im Grünen-Kreuz-Krankenhaus
wieder die Augen aufschlug, sah Doktor Loero ein
wunderschönes Schauspiel vor sich: meine Frau,
die an sein Bett geeilt war, um ihn zu pflegen!
Von der Verwundung war er in zwei Wochen wieder
geheilt; von meiner Frau, lieber Herr, ist er
bis heute nicht geheilt.
Gehen wir uns jetzt unser zweites Glas holen?
* * *
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LUIGI PIRANDELLO 1867 - 1936 -
Novellen
Cinci - (Cinci - 1934) |
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aus dem Italienischen von Michael
Rössner
Ein Hund vor einer geschlossenen
Tür, der kauert sich geduldig auf den Boden und
wartet, daß man ihm aufmacht; allerhöchstens hebt er
dann und wann die Pfote und kratzt ein bißchen
daran, wobei er ein unterdrücktes Winseln hören
läßt.
Als Hund, das weiß er, kann er nicht
mehr tun.
Als Cinci vom Nachmittagsunterricht
nach Hause kommt, das Bündel aus Büchern und Heften
mit dem Lederriemen darum unter den Arm geklemmt,
findet er den Hund dort vor der Tür, und versetzt
ihm, weil ihm dieses geduldige Warten auf die Nerven
geht, einen ordentlichen Fußtritt; und Fußtritte
bekommt auch die Türe ab, obwohl er doch weiß, daß
sie versperrt ist und daß niemand zu Hause ist; am
Schluß nimmt er das, was ihn am meisten beschwert,
dieses Bücherbündel, und schleudert es wütend, um
sich davon zu befreien, gegen die Tür, als ob es
durch das Holz dringen und im Haus landen könnte.
Die Tür hingegen schleudert ihm das ganze mit
derselben Kraft wieder gegen die Brust zurück. Cinci
ist überrascht, als wäre das ein schönes Spiel, zu
dem die Tür ihn aufgefordert hat, und er wirft das
Bündel noch einmal. Und dann, weil sie nun schon zu
dritt sind bei diesem Spiel, Cinci, das Bündel, und
die Tür, will der Hund auch mitmachen, und fährt bei
jedem Wurf und jedem Zurückprallen bellend in die
Höhe. Der eine oder andere Vorübergehende bleibt
stehen und schaut hinüber; der eine lächelt, fast
ein wenig beschämt über die Blödheit dieses Spiels
und des Hundes, der sich darüber freut; der andere
entrüstet sich wegen der armen Bücher; die kosten
schließlich Geld; es sollte nicht erlaubt sein, sie
so verächtlich zu behandeln. Schließlich macht Cinci
dem Schauspiel ein Ende. Das Bücherbündel auf die
Erde, und Cinci, mit dem Rücken die Mauer
entlangfahrend, will sich darauf niederlassen; das
Bündel freilich rutscht ihm unter dem Gesäß weg und
er kommt unsanft auf die Erde zu sitzen; er grinst
verlegen und schaut sich um, während der Hund
zurückfährt und ihn ansieht.
Fast könnte man alle Teufeleien, die
Cinci durch den Kopf gehen, schon an diesen
zerrauften Haarbüscheln seiner strohigen Haare und
an den blitzenden grünen Augen ablesen, in denen sie
förmlich zu brodeln scheinen. Er ist in dem
unglückseligen Alter des Wachstums, kratzbürstig und
bleich. Als er an diesem Nachmittag wieder in die
Schule ging, hat er das Taschentuch zu Hause
vergessen, deshalb bläst er nun von Zeit zu Zeit
durch die Nase aus, während er dort auf der Erde
sitzt. Die riesigen Knie der langen, nackten Beine ‑
denn obwohl er das eigentlich nicht mehr tun sollte,
trägt er immer noch kurze Hosen ‑ stoßen ihm fast
gegen das Kinn. Wenn er geht, setzt er die Füße
schief auf, und seine Schuhe halten nie lange; die,
die er jetzt anhat, sind schon ganz zerschlissen.
Nun hat er’s satt, er umklammert seine Beine,
prustet und zieht sich mit dem Rücken an der Mauer
hoch. Auch den Hund nimmt er mit, es sieht so aus,
als frage er ihn, wohin sie jetzt gehen sollen?
Wohin? Aufs Land hinaus, um eine Jause zu essen,
indem sie da oder dort eine Feige oder einen Apfel
stibitzen. Das ist nur so eine Idee; er ist sich
noch nicht ganz sicher, ob er es wirklich tun soll.
Das Straßenpflaster hört hier auf,
unmittelbar nach dem Haus; dann beginnt die
Sandstraße des Vororts, die bis weit in das offene
Land hineinführt. Wer weiß wie angenehm das sein
muß, wenn man in der Kutsche fährt und die Hufeisen
der Pferde und die Wagenräder von dem harten,
lärmenden Pflaster auf die weiche, leise Sandstraße
gelangen. Das muß wohl ganz ähnlich sein, wie wenn
der Professor, nachdem er ihn so heftig ausgezankt
hat, weil er ihn geärgert hat, plötzlich mit sanfter
Güte, gemischt mit resignierender Melancholie, zu
ihm spricht, und ihm das um so mehr wohl tut, als es
ihn von der befürchteten Strafe entfernt. Ja, aufs
Land hinauslaufen; hinaus aus der Enge der letzten
Häuser dieses muffigen Vororts, bis dort unten hin,
wo sich die Straße am Ausgang des Ortes zu einem
Platz verbreitert. Nun steht dort das neue Spital,
und dessen frisch gekalkte Wände sind noch so weiß,
daß man in der Sonne die Augen schließen muß, so
sehr blenden sie. Neulich erst haben sie dort alle
Kranken hintransportiert, die vorher im alten Spital
gelegen hatten, mit Ambulanzwagen und auf Bahren; es
sah aus wie ein Fest, als die alle so in einer
langen Reihe dahinzogen, die Amblanzen voran, mit
den wehenden Vorhängen an den Fenstern; und für die
schwerer Kranken, diese schönen auf Federlagern wie
Spinnen auf ihrem Netz schwingenden Bahren. Aber
jetzt ist es schon spät; die Sonne wird bald
untergehen, und die Rekonvaleszenten werden nicht
mehr da und dort an den Fenstern lehnen, in ihren
grauen Hemden und den weißen Käppchen, um traurig
das alte Kirchlein gegenüber anzusehen, das zwischen
den paar Häusern dort, die auch schon alt sind,
hervorragt, zusammen mit dem einen oder anderen
Baum. Hinter dem kleinen Platz schließlich wird aus
der Straße eine reine Landstraße, die den Hügel
hinaufklettert.
Cinci bleibt stehen; er bläst wieder
hörbar die Luft aus. Soll er denn wirklich dorthin
gehen? Er macht sich wieder auf den Weg, die Lust
ist ihm vergangen, denn er fühlt, wie in seinen
Eingeweiden all das Böse brodelt, das ihm aus vielen
Dingen zuwächst, die er sich nicht erklären kann:
seine Mutter, wie sie lebt, wovon sie lebt, nie zu
Hause, und dabei versteft sie sich darauf, ihn immer
noch n die Schule zu schicken; verdammte Schule, so
weit weg; jeden Tag, selbst wenn er nur so
dahinfliegt, braucht er wenigstens drei
Viertelstunden von da unten, wo er wohnt, um dorthin
zu gelangen; und dann zu Mittag wieder nach Hause;
und dann wieder in die Schule, kaum daß er zwei
Bissen heruntergewürgt hat; wie soll er nur
rechtzeitig kommen? Und seine Mutter sagt, er
verliere seine Zeit beim Spielen mit dem Hund, und
er sei ein Taugenichts, und kurz und gut, sie wirft
ihm immer dieselben Dinge vor: er lernt nicht, er
ist schmutzig, wenn sie ihn Einkaufen schickt,
hängen ihm die Händler die schlechteste Ware an...
Wo ist denn Fox?
Ach da: er trottet ihm hinterdrein,
das arme Vieh. Na, der weiß wenigstens, was er tun
muß: seinem Herrn folgen. Etwas tun: genau das ist
der Grund seiner Unruge: daß er nicht weiß was. Sie
könnte ihn ihm ja wirklich auch geben, seine Mutter,
den Hausschlüssel, wenn sie tagsüber zum Nähen, wie
sie ihm zu verstehen gibt, in die Häuser der
Herrschaften geht. Aber nein, sie sagt, sie habe
kein Vertrauen, und wenn sie noch nicht da ist, wenn
er von der Schule kommt, dann könne es nicht mehr
lange dauern und er solle ruhig warten. Wo? Dort,
still vor der Tür? Manchmal hat er sogar zwei
Stunden dort gewartet, in der Kälte, und auch im
Regen; und dann ist er, anstatt ich unterzustellen,
justament zu der Ecke gelaufen, um die ganze Dusche
aus der Regenrinne auf den Kopf zu bekommen, damit
sie ihn zum Auswringen naß vorfinden sollte. Endlich
sieht er sie kommen, keuchend mit einen geliehenen
Schirm, glühendem Gesicht, die glänzenden Augen
wichen ihm aus, und sie war so nervös, daß sie nicht
einmal den Schlüssel in der Tasche fand.
„Bist du naß geworden? Nimm’s nicht
tragisch, ich bin aufgehalten worden.“
Cinci runzelt die
Brauen. An gewisse Dinge will er nicht
denken. Aber seinen Vater, den hat er
nie gekannt. Man hat ihm gesagt, er wäre
gestorben, noch ehe er zur Welt kam;
aber wer er gewesen ist, das hat man ihm
nicht gesagt; und jetzt will er nicht
mehr danach fragen, und er will es auch
gar nicht mehr wissen. Es kann ja auch
dieser Invalide sein, der sich auf einer
Seite hinkend dahinschleppt ‑ ja, bravo,
natürlich in die nächste Schenke. Fox
baut sich vor ihm auf und verbellt ihn.
Wahrscheinlich ist es die Krücke, die
ihm solchen Eindruck macht. Und da sind
all diese Frauen, die in einem Haufen
beeinanderstehen, mit ihren großen
Bäuchen, ohne daß sie doch schwanger
wären; na, eine vielleicht schon; die,
deren Kleidersaum sich vorne eine
Handbreit über den Boden hebt und hinten
die Straße fegt; und diese andere, die
mit dem Kind im Arm, das sie eben von
der Brust abnimmt... ach, pffff, was für
eine schlaffe Haut! Seine Mamma ist
schön, und noch immer so jung, ihm hat
sie als Kind auch Milch gegeben, so aus
der Brust, vielleicht in einem Haus auf
dem Land, in einer Scheune, im
Sonnenschein. Er hat eine vage
Erinnerung an ein Haus auf dem Land,
Cinci; in dem hat er vielleicht, wenn er
es nicht geträumt hat, in seiner
Kindheit gewohnt, oder vielleicht hat er
es damals gesehen, wer weiß wo. Jetzt
freilich, wenn er sie so aus der Ferne
betrachtet, die Häuser auf dem Land,
dann fühlt er die Traurigkeit, die sich
dort ausbreiten muß, wenn es Abend wird,
mit den Petroleumlampen, die man dann
anzündet, solche Lampen, wie man sie von
einem Zimmer ins andere trägt, und wie
man sie von draußen durch ein Fenster
verschwinden und im anderen wieder
auftauchen sieht.
Jetzt ist er auf dem
Platz angekommen. Nun sieht man die
ganze Ausdehnung des Himmels vor sich,
auf dem das Rot des Sonnenuntergangs nun
schon einem gedämpften Farbton gewichen
ist, und über dem schwarz erscheinenden
Hügel das zarte Hellblau. Auf der Erde
liegt schon der Schatten des Abends, und
der die große weiße Mauer des Spitals
hat sich ein wenig bläulich verfärbt.
Irgendein altes Weiblein läuft verspätet
zum Vespergebet in die Kirche. Plötzlich
bekommt Cinci auch Lust hineinzugehen,
und Fox bleibt stehen und seht ihn an,
denn er weiß sehr gut, daß er da nicht
hineindarf. Vor dem Eingang keucht die
verspätete Alte und müht sich mit dem
ledernen Türvorhang ab, der für sie viel
zu schwer ist. Cinci hilft ihr ihn
aufzuheben, aber sie sieht ihn nur böse
an, statt ihm zu danken, denn sie errät,
daß er nicht aus Frömmigkeit in die
Kirche geht. Das Kirchlein hat die
Steifheit einer Grotte; auf dem
Hauptaltar die zuckenden Lichtblitze
zweier flackernder Kerzen nd da und dort
irgendein verlorenes Lämpchen. Sie hat
so viel Staub angesammelt, die arme
Kirche, durch ihr hohes Alter; und der
Staub riecht abgestanden in dieser
feuchten Roheit; die düstere Stille
scheint mit allen Echos nur auf den
geringsten Lärm zu warten. Cinci
überkommt die Versuchung, einen Gebrüll
loszulassen, um sie alle aufzuschrecken.
Die Betschwestern haben sich in den
Bänken aufgereiht, eine jede auf ihrem
Platz. Nein, kein Gebrüll, aber dieses
Bücherbündel, das so schwer an ihm
hängt, mit Krach auf den Boden werfen,
als wäre es ihm zufällig aus der Hand
gefallen, warum nicht? Er wirft es, und
sofort springen die Echos dem dröhnenden
Aufprallen entgegen und ersticken es in
fast verächtlicher Weise. Das mit dem
Echo, das ein Geräusch anspringt wie ein
im Schlaf gestörter Hund und es
erstickt, das ist eine Erfahrung, die
Cinci schon mehrfach mit Vergnügen
gemacht hat. Man darf die Geduld der
armen entsetzten Beginen nicht
mißbrauchen. Cinci verläßt die Kirche;
er findet Fox, der auf ihn wartet und
geht weiter die Straße, die den Hügel
hinaufführt. Irgendein Obst, um etwas zu
naschen, das muß sich doch finden
lassen, wenn er weiter hinten über eine
Mauer klettert und sich zwischen die
Bäume schlägt. Er hat ein Gefühl der
Leere; aber er weiß nicht, ob es
eigentlich das Bedürfnis nach Essen ist
oder diese Unruhe, daß er etwas tun muß,
die sich ihm auf den Magen geschlagen
hat.
Eine Landstraße, ergauf,
einsam; Kieselsteine, die den Eseln
manchmal zwischen den Hufen stecken
bleiben, dann ein Stück herunterkullern
und dann dort liegen bleiben, wo sie zum
Stillstand kommen; da ist schon einer:
ein Tritt mit der Schuhspitze: Genieß,
flieg! Gras, das am Straßenrand oder am
Fuß der Mauern hervorsprießt, lange
Haferhalme mit ihren Büscheln drauf, das
macht Spaß, die abzustreifen: all die
kleinen Haferbüschel bleiben dann
zwischen den Fingern zurück; dann wirft
man sie jemandem nach und so viele auf
ihm hängen bleiben, so viele Ehemänner
wird sie haben, wenn es eine Frau ist,
und so viele Ehefrauen wenn es ein Mann
ist. Cinci will das mit Fox
ausprobieren. Sieben Ehefrauen, keine
einzige weniger. Aber eigentlich gilt
das nicht, denn auf dem schwarzen Fell
von Fox sind alle auf einmal
hängengeblieben. Und Fox, der alte
Dummkopf, hat die Augen geschlossen und
ist ruhig stehen geblieben, ohne den
Scherz zu verstehen, mit diesen sieben
Ehefrauen am Leib.
Jetzt mag er nicht mehr
weitergehen, Cinci ist müde und hat es
satt. Er läßt sich auf der Mauer links
neben der Straße nieder und betrachtet
von dort aus die Larve des Mondes, die
sich eben beginnt, mit einem blassen
Gold zu beleben, inmitten des Grün, das
sich in der zu Ende gehenden
Abenddämmerung auflöst. Er sieht ihn und
sieht ihn auch wieder nicht; so wie die
Dinge ihm im Kopf umherfliegen und eines
sich in das andere verwandelt, und alle
zusammen ihn immer weiter von diesem
seinen Körper, der da unbeweglich sitzen
bleibt, entfernen, so sehr, daß er ihn
gar nicht mehr spürt; seine eigene Hand,
wenn er die erblickte, so wie sie da auf
dem Knie liegt, erschiene ihm als die
Hand eines Fremden, und ebenso sein Fuß,
der da herunterbaumelt, mit dem
zerschlissenen, schmutzigen Schuh daran.
Es ist nicht mehr sein Körper: er ist in
den Dingen drinnen, die er sieht und
auch nicht sieht, in dem sterbenden
Himmel, in dem sich entzündenden Mond,
und dort in diesen düsteren Baummassen,
die in die dünn gewordene Luft
hineinragen, und hier in der lockeren,
schwarzen, vor kurzem erst umgestochenen
Erde, aus der noch diese faulige
Feuchtigkeit der Schwüle dieser letzten
Oktobertage, in denen die Sonne noch
warm scheint, aufsteigt.
Plötzlich, so
gedankenverloren er auch ist, zuckt er
zusammen, und instinktiv greift er sich
mit einer Hand ans Ohr. Unter der Mauer
dringt ein Lachen hervor. Ein Junge in
seinem Alter, ein Bauernlümmel, hat sich
dort unten versteckt, auf der Seite der
Äcker. Auch er hat einen langen
Haferhalm abgerissen und die Samen
abgestreift, hat am Ende eine Schlinge
gemacht und ganz leise, den Arm
ausstreckend, versucht, Cinci am Ohr zu
erwischen. Kaum wendet Cinci sich
ärgerlich um, macht er ihm ein Zeichen,
still zu sein und streckt den Halm an
der Mauer entlang aus, wo zwischen zwei
Steinen die Schnauze einer Eidechse
sichtbar wird, die er mit dieser
Schlinge schon seit einer Stunde zu
erhaschen sucht. Cinci reckt den Hals
und sieht zu, in banger Erregung. Das
Tierchen hat, ohne es zu merken, von
selbst den Hals in die dort hingehaltene
Schlinge gesteckt; aber das ist noch zu
wenig; es gilt zu warten, daß es den
Kopf noch weiter vorstreckt, aber
vielleicht zieht es ihn ja auch zurück,
wenn die Hand, die den Haferhalm hält,
zittert und es dadurch die Falle
bemerkt. Vielleicht ist es gerade dabei,
sich aus dieser Zufluchtsstätte
herauszustürzen, die ihm zu einem
Gefängnis geworden ist. Ja! Ja! Aber nun
aufgepaßt, im richtigen Augenblick
zugezogen, damit man es erwischt. Es ist
ein einziger Augenblick. Da haben wir
es! Nun zappelt die Eidechse wie ein
Fischlein an der Spitze dieses
Haferhalms. Unwiderstehlich angezogen
springt Cinci von der Mauer herab; der
andere jedoch, vielleicht aus Angst,e r
wollte ihm das Tierchen abnehmen, läßt
den Arm ein paarmal im Kreis durch die
Luft schwingen und schlägt es dann mit
aller Kraft gegen eine Steinplatte, die
dort zwischen dem Gestrüpp liegt.
„Nein!“ schreit Cinci; aber es ist schon
zu spät. Die Eidechse liegt unbeweglich
auf der Steinplatte, ihr weißer Bauch
glänzt im Mondlicht. Cinci wird wütend.
Ja, auch er wollte, daß dieses arme Tier
gefangen wird, weil auch ihn einen
Augenblick lang die Jagdlust ergriffen
hat, die in allen Menschen verborgen
lauert. Aber es so einfach umzubringen,
ohne es auch nur aus der Nähe zu
betrachten, die fast qualvoll scharfen
Äuglein, das Beben der Flanken, das
Zittern dieses ganzen grünen
Körperchens; nein, das war wirklich dumm
und gemein. Und Cinci schlägt mit aller
Kraft seine Faust gegen die Brust dieses
Jungen, und der fällt rücklings auf den
Boden und rutscht noch ein Stück weiter,
um so weiter als er so plötzlich das
Gleichgewicht verlierend, versucht hat,
nicht zu fallen und wieder Tritt zu
fassen. Aber kaum liegt er, da springt
er auch schon wieder wütend in die Höhe,
packt einen Erdklumpen und wirft ihn
Cinci ins Gesicht; der sieht nichts mehr
und verspürt im Mund diesen feuchten
Geschmack, der nach Schmach riecht und
ihn nun jede Beherrschung verlieren
läßt. Auch er nimmt einen Erdbrocken und
wirft ihn auf den Gegner. Das Duell der
beiden wird auf der Stelle zum heftigen,
schonungslosen Kampf. Der andere ist
freilich geschickter und schneller. Er
trifft immer, und er kommt ihm immer
näher, mit diesen Erdklumpen, die, wenn
sie auch keine Wunden verursachen, doch
dumpf und hart aufprallen und, während
sie auseinanderbrechen, wie ein
hagelschauer auf ihn niedergehen, auf
die Brust, ins Gesicht, in die Hare, in
die Ohren, sogar in die Schuhe. Halb
erstickt, dreht Cinci, als er schon
nicht mehr weiß, wie er sich verteidigen
soll, sich wütend um, tut einen Satz und
reißt mit erhobenemr Hand einen Stein
aus der Mauer. Irgendwer läuft dort weg:
das wird wohl Fox sein. Kaum hat er den
Stein geworfen, da ist plötzlich ‑ wie
ist das möglich? ‑ in all dem, was
vorher vor seinen Augen tanzte und sich
ineinanderschob, diese Massen von
Bäumen, im Himmel der Mond wie ein
Strich aus Licht, Ruhe eingetreten: da,
nun bewegt sich nichts mehr, als hätte
die Zeit und mit ihr alle Dinge in einem
in einem verblüfften Staunen
innegehalten, rund um diesen Jungen, der
bäuchlings auf der Erde liegt. Cinci,
noch keuchend, schlägt das Herz bis zum
Hals. Er schaut entsetzt, an die Mauer
gelehnt, auf diese unglaubliche
schweigende Unbeweglichkeit des Ackers
unter dem Mond, auf diesen Jungen, der
da liegt, das Gesicht halb in der Erde
verborgen, und fühlt in sich das Gefühl
einer ewigen Einsamkeit wachsen, heftig
wachsen, vor der er auf der Stelle
fortlaufen muß. Nein, das ist er nicht
gewesen; er hat nichts davon gewollt; er
weiß nichts darüber. Und dann, ja,
geradeso, als ob er es nicht gewesen
wäre, macht er einen Schritt und dann
noch einen, und beugt sich hinunter, um
zu schauen. Der Junge hat den Schädel
eingeschlagen, der Mund ist voll
schwarzem, mit der Erde verkrusteten
Blut, ein Bein ragtt ein bißchen nackt
hervor, zwischen dem Hosenbein, das
hinaufgerutscht ist, und der
Baumwollsocke. Tot, als ob er es immer
schon gewesen wäre. Das ist alles, als
wäre es ein Traum. Er muß aus diesem
Traum erwachen, um rechtzeitig
fortzugehen. Dort, wie in einem Traum,
liegt diese Eidechse zerschmettert auf
dem flachen Stein, den Bauch in den
Mondschein gereckt und den Haferhalm
noch immer am Hald hängend. Er geht
fort, sein Bücherbündel wieder unter den
Arm geklemmt und Fox hinter ihm drein,
der auch von nichts weiß.
Als er nach und nach
sich immer weiter entfernt, von dem
Hügel herabsteigt, wird er immer mehr
von einem so seltsamen Sicherheitsgefühl
erfüllt, daß er sich nicht einmal
beeilt. Er kommt zu dem menschenleeren
Platz; auch hier ist der Mond, aber ein
anderer Mond, den nun, hier, beleuchtet
er, ohne von irgend etwas zu wissen, die
weiße Fassade des Spitals. Da ist nun
die Vorortstraße, so wie zuvor. Er langt
zu Hause an: Seine Mutter ist noch nicht
gekommen. Er muß also nicht einmal
erzählen, wo er gewesen ist. Er ist hier
gewesen und hat auf sie gewartet. Und
dies wird, so wie es nun für seine
Mutter die Wahrheit wird, auf der Stelle
auch für ihn die Wahrheit; da ist er ja
tatsächlich, den Rücken an die Wand
gelehnt, wartend neben der Tür.
Es genügt, wenn man ihn
so findet.
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LUIGI PIRANDELLO 1867 - 1936 -
Novellen
Da lacht doch jemand - (C'è qualcuno che
ride – 1937) |
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aus dem Italienischen von Michael
Rössner
Ein Raunen schlängelt sich mitten
durch die vielen Menschen, die hier beisammen
stehen:
„Da lacht doch jemand.“
Da oder dort, wo immer dieses Raunen
hingelangt, ist es, als richte sich plötzlich eine
Viper auf, oder als springe eine Grille in die Höhe,
oder als blitze unerwartet ein Spiegel auf und
blende die Augen mit gleißendem Licht.
Wer wagt es zu lachen?
Alle fahren herum und sehen sich mit
zornblitzenden Augen um.
(Der riesige Salon, den über der
Schar der Gäste der Lichtschein vier großer
Kristallüster erleuchtet, verharrt da oben in seiner
düsteren, staubigen Altertümlichkeit, als wäre er
erloschen und verlassen; beunruhigt erscheint nur,
von einem Ende des Gewölbes bis zum anderen, die
Kruste des gewaltigen Barockfreskos, das sich doch
so bemüht hat, die wilden Ausschweifungen seiner
Farben in einem ewigen Nachtdunkel zu ersticken und
verschwimmen zu lasen; man würde meinen, er könne es
kaum erwarten, daß auch dort unten endlich all die
Unruhe aufhöre und der Salon geräumt werde.)
Das eine oder andere längliche,
mühsam durch ein mitleidvolles Dehnen zu einem
betroffenen, verständnisvollen Lächeln verzogene
Gesicht mag sich ja finden lassen, wenn man genau
hinsieht; aber eines, das lachen würde, richtig
lachen, das nicht. Nun, verständnisvoll lächeln, das
mag wohl hingehen, ja, es könnte geradezu geboten
sein, wenn man bedenkt, daß diese ‑ überaus ernste ‑
Zusammenkunft sich auch den Anstrich einer der in
Faschingszeiten üblichen städtischen Zerstreuungen
geben möchte. Tatsächlich hat da ja auf einer mit
einem schwarzen Teppich abgedeckten Fläche ein
kleines Orchester totenschädelartiger Glatzköpfe
Aufstellung genommen und spielt endlos
tanzmusikartige Stücke, und da sind auch tatsächlich
Paare, die tanzen, auf Aufforderung, ja fast auf
Befehl der eigens herbeigerufenen Photographen hin,
um dieser Zusammenkunft den Anstrich eines
Tanzfestes zu verleihen.
So schreiend ist freilich das Rot,
das Himmelblau gewisser Abendroben, und so
ekelerregend die Zerbrechlichkeit gewisser nackter
Schultern und Arme, daß man beinahe meinen möchte,
diese Tänzer wären nur für diesen Anlaß von unter
der Erde heraufgeholt worden, Spielzeug aus anderen
Zeiten, wohlkonserviert und nun künstlich wieder
aufgezogen, um dieses Schauspiel zu gestalten. Man
hat richtig das Bedürfnis, nachdem man sie angesehen
hat, sich an etwas Solides, Grobschlächtiges zu
klammern. Ja, hier zum Beispiel, an den Nacken
dieses speckfaltigen Nachbarn, über dessen gerötetes
Gesicht der Schweiß läuft und der sich mit einem
überaus weißen Taschentuch Luft zufächelt; oder an
die idiotengleiche Stirn dieser alten Dame. Seltsam:
Dort, die Blumen auf dem schäbigen Tischchen mit
Erfrischungen, die sind nicht künstlich, und deshalb
stimmt es einen so traurig, wenn man an die Gärten
denkt, in denen sie heute morgen unter einem hellen,
feinen Sprühregen, der in den Gesichtern brannte,
gepflückt wurden; wie schade um diese bleiche Rose,
die in ihren abgefallenen Blättern einen
ersterbenden Geruch nach gepudertem Fleisch bewahrt.
Da und dort, verloren unter der
Masse von Leuten, steht wohl auch der eine oder
andere Gast im Domino und sieht aus wie ein
Laienbruder auf der Suche nach dem Begräbniszug.
Die Wahrheit ist: Alle diese Gäste
haben keine Ahnung vom Grund dieser Einladung. Die
lief einfach in der Stadt um wie der Appell zu einer
Versammlung. Nun sind sie unschlüssig, ob es eher
angebracht wäre, sich ein wenig abzusondern oder
sich möglichst allen zu zeigen (was bei so vielen
Menschen alles andere als leicht wäre), und so
beobachtet einer den anderen, und wer sich dabei
beobachtet sieht, sich zurückzuziehen oder sich
bemerkbar zu machen, der verwelkt auf der Stelle und
hält inne; denn hier hat auch einer den anderen im
Verdacht, und das allgemeine Mißtrauen in dem
Gedränge führt zu Obsessionen, die sich nur sehr
schwer beherrschen lassen; schräge Blicke werden
über die Schulter geworfen und fahren sofort zurück
wie ertappte Schlangen, wenn sie entdeckt werden.
„Ach, sieh mal, du bist auch hier?“
„Na, wir sind doch alle hier,
scheint’s.“
Unterdessen wagt niemand nach dem
Warum zu fragen, weil jeder fürchtet, er wäre der
einzige, der es nicht weiß, was ihn wiederum
zweifelsohne schuldig machen würde, falls diese
Versammlung einberufen wurde, um eine schwerwiegende
Entscheidung zu treffen. Ohne sich dabei erwischen
zu lassen, suchen einige mit den Blicken jene zwei
oder drei, von denen man doch annehmen würde, daß
sie imstande sein müßten, es zu wissen; aber sie
finden sie nicht. Sie werden sich wohl in einem
geheimen Raum zu einer Beratung versammelt haben,
einen Raum, in den von Zeit zu Zeit jemand
hineingerufen wird, erbleichend diesem Ruf folgt und
die anderen in banger Verwirrung zurückläßt. Man
versucht, aus dem Charakter des Gerufenen, aus
seiner Stellung und seinen Verbindungen darauf zu
schließen, um was es wohl bei diesen Beratungen
gehen kann, und man kommt dabei zu keinem Schluß,
weil eben zuvor ein anderer mit ganz gegensätzlichem
Charakter und ganz entgegengesetzten Verbindungen
gerufen worden war.
In der allgemeinen
Betroffenheit ob dieses Rätsels wächst
die Erregung immer mehr. Man weiß ja,
wie schnell sich Unruhe mitzuteilen
pflegt, und wie schnell aus einer
Botschaft, wenn sie von Mund zu Mund
weitergegeben wird, eine ganz andere
wird. So kommen von einem Ende des
Salons zum anderen solche
Ungeheuerlichkeiten heraus, daß man ganz
niedergeschmettert zurückbleibt. Und aus
den brodelnden Gemütern steigt etwas auf
und breitet sich aus, wie ein Alptraum,
in dem, zu dem beklemmenden,
schmerzlichen Klang dieses Orchesters,
zwischen dem Stimmengewirr, das einen
ganz taub macht, und vor dem Widerschein
der Lichter in den Spiegeln vor eines
jeden Augen, die seltsamsten
Erscheinungen aufblitzen; und wie ein
Rauch, der in dichten Ringen
herausquillt, dringen aus den Gewissen,
die im geheimen das Feuer
uneingestandener Gewissensbisse nähren,
Besorgnisse und Ängste und Befürchtungen
jeder Art; bei vielen löst der
instinktive Drang, die Sache sofort
wieder in Ordnung zu bringen, die
unerwartetsten Wirkungen aus: der eine
klappert unaufhörlich mit den
Augenlidern, der andere starrt seinen
Nachbarn an, ohne ihn zu sehen, und
lächelt ihm zärtlich zu, der dritte
knöpft ohne Unterlaß einen Westenknopf
auf und wieder zu. Besser, man tut, als
ginge einen das alles nichts an. An
etwas anderes denken. An Ostern, das
fällt heuer sehr spät. An einen
Menschen, der doch ausgerechnet
Buongiorno heißt. Ach, aber das ist
wirklich unerträglich, diese Komödie,
die wir mit uns selbst aufführen.
Die Tatsache (wenn sie
überhaupt zutrifft), daß einer lacht,
sollte doch nicht solchen Eindruck
machen, will mir scheinen, wenn alle in
dieser Stimmung sind. Was heißt da
Eindruck! Eine gewaltige Empörung, und
eben deshalb, weil alle in dieser
Stimmung sind; eine Empörung, als wäre
das eine persönliche Beleidigung, daß da
wirklich einer den Mut haben kann, ganz
offen zu lachen. Der Alpdruck lastet ja
eben deshalb so unerträglich auf allen,
weil es keinem zulässig erscheint zu
lachen. Wenn da einer zu lachen anfängt
und die anderen es ihm nachtun, wenn
dieser ganze Alpdruck sich plötzlich in
einen Schwall des allgemeinen Lachens
löst, na dann gute Nacht! In einer
solchen Ungewißheit und Spannung der
Seele muß man wenigstens glauben und
fühlen, daß die Versammlung heute abend
eine sehr, sehr ernste Angelegenheit
ist.
Aber ist denn da nun
wirklich dieser jemand, der immer noch
weiterlacht, trotz des Raunens, das sich
nun schon eine ganze Weile durch die
Versammlung schlängelt? Wer ist es? Wo
ist er? Den muß man doch aufspüren, ihn
an der Brust packen, ihn gegen die Wand
schleudern, und, alle mit vorgestreckten
Fäusten, fragen, weshalb er lacht und
über wen er lacht. Es scheint, es ist
nicht nur einer allein. Ach so, mehr als
einer? Man sagt, es wären wenigstens
drei. Was denn, wie denn, in Absprache
untereinander oder jeder für sich? Es
scheint, in Absprache, alle drei. Ach
so? Die sind also mit der bewußten
Absicht hierhergekommen zu lachen? Ja,
so scheint es.
Als erstes fiel so ein
großgewachsenes junges Mädchen auf, weiß
angezogen, ganz rot im Gesicht, das
blühende Leben, vielleicht ein bißchen
plump, daß sich vor Lachen kaum halten
konnte, in einer Ecke des Saals dort
drüben. Anfangs haben die Leute nicht
weiter drauf geachtet, sei es, weil sie
eine Frau war, sei es wegen des Alters.
Nur der unerwartete Klang des Lachens
wirkte störend, und einige haben sich
umgedreht, als ginge es da um eine
Unangemessenheit, sagen wir ruhig
Ungehörigkeit, ja sogar Unverfrorenheit,
wenn man es so nennen will, aber doch
wohl eine entschuldbare Unverfrorenheit:
Was denn? Das Lachen eines Kindes, das
zudem gleich abbrach, als die Kleine
sich beobachtet sah. Als sie dann aus
ihrer Ecke geflohen war,
vornübergebeugt, sich zusammenkrümmend,
beide Hände vor dem Mund, da war das
verständlich ‑ ja, das schon ‑ daß man
sie auch da drüben noch lachen hören
konnte, in einen förmlichen Lachkrampf
ausbrechend, vielleicht wegen der
Verkrampfung, mit der sie vor den Leuten
davonzulaufen suchte. Ein Kind? Nun
erfährt man eben, daß sie schon
wenigstens sechzehn Jahre alt war, und
zwei Augen besaß, die förmlich Flammen
sprühten. Es scheint, sie flieht von
einem Saal in den anderen, als würde sie
verfolgt. Aber ja, verfolgt wird sie,
tatsächlich verfolgt von einem sehr
hübschen Jungen, blond wie sie, der
lacht wie ein Verrückter, während er ihr
nachläuft; dann und wann freilich hält
er inne, erschreckt durch die
Unverfrorenheit, mit der sie überall
ihre Nase hineinsteckt; er möchte sich
gerne ein wenig Zurückhaltung
auferlegen, aber er schafft es einfach
nicht; er wendet sich hierhin und
dorthin, als höre er seinen Namen rufen,
und gewiß beißt er sich auf die Lippen,
um einen Anfall von Heiterkeit
zurückzuhalten, der in ihm drinnen
brodelt und ihm das Zwerchfell erbeben
läßt. Und jetzt haben sie auch den
dritten entdeckt, ein biegsames
Männchen, das sich tänzelnd durch die
Räume bewegt und mit den kurzen Ärmchen
wie mit zwei Trommelschlegeln in einem
fort auf die runde, massive Brust
schlägt; seine spiegelnde Glatze rahmt
ein roter, lockiger Haarkranz ein, in
seinem selig lächelnden Gesicht lacht
die Nase mehr als der Mund, die Augen
mehr als Mund und Nase zusammen, es
lacht das Kinn, es lacht die Stirn, ja
sogar die Ohren dieses Mannes lachen.
Einen Frack hat er an, wie alle anderen.
Wer hat den eingeladen? Wie sind die zu
dieser Versammlung gekommen? Niemand
kennt sie. Nicht einmal ich. Ich weiß
nur, daß er der Vater dieser beiden
jungen Leute ist, ein wohlhabender Herr,
der mit seiner Tochter auf dem Lande
lebt, während der Sohn hier in der Stadt
studiert. Sie werden zufällig auf dieses
vorgetäuschte Tanzfest geraten sein. Wer
weiß, was sie einander beim Kommen
zugeraunt haben, was für geheime
Einverständnisse und Scherze sie
untereinander seit langem verabredet
haben, Streiche, die nur ihnen bekannt
sind, Sprengstoff in der Hinterhand,
färbiges Pulver für ein Feuerwerk, das
bei dem geringsten Anlaß in die Luft
gehen kann, sei es auch bloß ein
flüchtiger Blick; jedenfalls können sie
nicht mehr beisammen sein; sie suchen
einander aber mit den Augen aus der
Ferne, und kaum erspähen sie einander,
wenden sie das Gesicht ab, und hinter
den vorgehaltenen Händen bricht so ein
gewisses Lachen hervor, das inmitten all
dieser Ernsthaftigkeit tatsächlich
skandalös ist.
Die Obsession dieser
Ernsthaftigkeit lastet so schwer und
erdrückend auf allen, daß niemand auch
nur den Gedanken zu fassen vermag, daß
diese drei außerhalb dieses Ernstes
stehen könnten, weit fort, und
stattdessen in sich drinnen einen
unschuldigen, vielleicht sogar dummen
Grund haben könnten, so einfach ohne
Anlaß zu lachen; das Mädchen zum
Beispiel, bloß weil es sechzehn Jahre
alt und gewohnt ist, wie ein Fohlen
mitten auf einer blumenbestandenen Wiese
zu leben, ein Fohlen, das bei jeder
Brise feurig in die Höhe steigt und
glücklich springt und galoppiert, ohne
daß es selbst wüßte warum. Man könnte
schwören, daß es gar nichts mitbekommt,
daß es nicht die geringste Ahnung von
dem Skandal hat, den es gemeinsam mit
dem Vater und dem Bruder
heraufbeschwört, die auch so fröhlich
und so fremd und ohne jede böse Ahnung
sind.
Und als sich am Ende
alle drei auf einem Sofa in dem Saal
dort drüben vereint wiederfinden, der
Vater in der Mitte zwischen Sohn und
Tochter, erschöpft und zufrieden, aber
mit einem großen Verlangen danach,
einander zu umarmen, vor lauter Freude
über die gelungene Unterhaltung, die aus
ihrer Freude in dieses schöne, helle
Lachen ausgebrochen ist wie in deN Lärm
einer rasch vergehenden Meeresbrandung,
da sehen sie plötzlich aus den drei
großen Glastüren wie eine schwarze Flut
unter einem plötzlich verdüsterten und
verschlossenen Himmel die ganze Masse
der Gäste auf sich zukommen, langsam,
sehr langsam, mit dem melodramatischen
Schritt einer finsteren Verschwörung,
und nun verstehen sie natürlich zunächst
gar nichts, sie glauben nicht, daß
dieses merkwürdige Manöver ihnen gelten
könnte und tauschen einen Blick, noch
immer ein wenig lächelnd; aber das
Lächeln erstirbt nach und nach in einer
immer stärkeren Beklemmung, bis sie, da
sie nicht fliehen und nicht einmal
zurückweichen können, den Rücken gegen
die Lehne des Sofas gepreßt, nun schon
nicht mehr von Beklemmung, sondern von
Schrecken erfüllt, instinktiv die Hände
heben, als wollten sie die Masse
abwehren, die weiter voranschreitend,
furchterregend über sie hereingebrochen
ist. Die drei Autoritäten, die sich
ihretwegen, aus keinem anderen Grund,
zur Beratung in den geheimen Raum
zurückgezogen hatten, eben wegen des
umlaufenden Gerüchts über ihr
unzulässiges Lachen, und die dort
beschlossen haben, dieses Verhalten in
denkwürdiger und exemplarischer Weise zu
bestrafen, sie sind eben durch die
Mitteltüre eingetreten und präsentieren
sich vor allen, die Kapuzen ihrer
Dominomäntel bis zum Kinn herabgezogen
und zum Scherz an den Händen mit drei
Servietten gefesselt, als wären sie
gefangene Verbrecher, die gekommen sind,
um Gnade zu flehen. Kaum stehen sie vor
dem Sofa, da bricht ein riesiges,
sardonisches Lachen aus der gesamten
Menge der Gäste lärmend hervor und hallt
in grauenhafter Weise mehrfach in dem
Saal wieder. Dieser arme Vater rudert
bestürzt und zitternd mit den Armen,
endlich gelingt es ihm, seine beiden
Kinder unter den Arm zu nehmen, und ganz
geduckt ergreift er die Flucht, während
ihm kalte Schauer den Rücken
hinunterlaufen, ohne daß er etwas
verstehen könnte, verfolgt von dem
gräßlichen Gedanken, sämtliche Einwohner
der Stadt könnten ganz plötzlich
irrsinnig geworden sein.
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LUIGI PIRANDELLO 1867 - 1936 -
Novellen
Das ist doch nichts ernstes -
(Non è una cosa seria – 1928) |
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Erstveröffentlichung im
Corriere della Sera vom 7.
Januar 1910. Keine wesentlichen
Varianten bekannt - die in
Beffe della morte e della vita
II (Florenz, 1903)
veröffentlichte Novelle "La
Signora Speranza" unterscheidet
sich im Inhalt doch
beträchtlich.
Ähnliches gilt für
das eher dieser Novelle
nachgebildete Theaterstück Ma
non è una cosa seria - "Aber
das ist doch nichts Ernstes" von
1918 - siehe Bd.?
aus dem Italienischen von Michael
Rössner
Perazzetti? Nein. Der war nun
wirklich eine Rasse für sich. Da sprach er manchmal
todernst, als wäre er nicht er selbst, den Blick auf
seine langen, gekrümmten Fingernägel gerichtet, die
er mit allergrößter Sorgfalt pflegte.
Und freilich: dann, auf einmal, ohne
ersichtlichen Grund... wie eine Ente, jawohl, ganz
genau so! Er brach in so gewisse Lachanfälle aus,
die hörten sich an wie das Schnattern einer Ente;
und darin erklang ein Plätschern, genauso wie eine
Ente im Wasser.
Viele wollten gerade in diesen
Lachanfällen den schlagendsten Beweis für
Perazzettis Wahnsinn sehen. Wenn er sich so mit
Tränen in den Augen wand, pflegten seine Freunde zu
fragen: "Aber warum denn?"
Und er antwortete: "Nichts. Ich kann
es euch nicht sagen."
Wenn man einen so lachen sieht, ohne
daß er den Grund dafür verraten will, dann macht
einen das schon etwas stutzig, man bleibt zurück mit
so einem gewissen dummen Gesicht und einer gereizten
Empfindung im Körper, die bei den sogenannten
"Nervenbündeln" leicht zu einer wilden Erregung und
zu dem Wunsch werden kann, dem anderen das Gesicht
zu zerkratzen.
Da sie ihm das Gesicht nicht
zerkratzen konnten, pflegten sich die sogenannten
"Nervenbündel" (die heutzutage immer häufiger
werden) wütend zu schütteln und sagten über
Perazzetti: "Der ist verrückt!"
Hätte Perazzetti ihnen jedoch den
Grund dieses entenartigen Lachanfalls verraten...
Aber er konnte ihn oft nicht nennen, nein, wirklich,
er konnte es nicht tun.
Er hatte nämlich eine äußerst
bewegliche und unerhört launenreiche Phantasie, die
sich beim Anblick anderer Leute damit vergnügte, ihm
in seinem Inneren, ohne daß er es gewollt hätte, die
ausgefallensten Bilder und das Aufblitzen überaus
komischer, unbeschreiblicher Ansichten vor Augen zu
führen; ihm mit einem Mal gewisse seltsame,
versteckte Analogien zu enthüllen, ihm ganz
unvorhergesehenermaßen so groteske und komische
Kontraste vorzuführen, daß er das Gelächter einfach
nicht mehr zurückhalten konnte.
Wie hätte er anderen das
augenblickliche Spiel dieser flüchtigen, nicht
einmal gedachten Bilder erklären sollen?
Perazzeti wußte sehr gut, aus
eigener Erfahrung, wie sehr bei jedem Menschen der
Grund seines Wesens sich von den trügerischen
Auslegungen unterscheidet, die jeder spontan oder
aufgrund einer unbewußten Täuschung davon gibt,
aufgrund des Bedürfnisses, uns für andere zu halten
oder für andere gehalten zu werden, als wir
tatsächlich sind, oder aufgrund der Nachahmung
anderer, oder auch einfach aus Not und sozialem
Zwang.
Über diesen Grund des Wesens hatte
er besondere Studien angestellt. Er nannte ihn "die
Höhle des Viehs". Und er meinte damit das
ursprüngliche Tier in jedem von uns, versteckt unter
so vielen Schichten des Bewußtseins, die nach und
nach im Lauf der Jahre darüber gewachsen sind.
Der Mensch, pflegte Perazzeti zu
sagen, wird, wenn man ihn an dieser oder jener
Schicht des Bewußtseins anrührt, kitzelt, mit
Verbeugungen antworten, mit Lächeln, er wird die
Hand ausstrecken, Guten Morgen oder Guten Abend
sagen, vielleicht auch dem anderen hundert Lire
leihen; aber wehe, man stochert da unten herum, in
der Höhle des Viehs: Da kommt dann der Dieb heraus,
der Schuft, der Mörder. Allerdings muß man zugeben,
daß nach so vielen Jahrhunderten der Zivilisiertheit
einige in ihrer Höhle nun schon ein allzu
gedemütigtes, degeneriertes Vieh mit sich
herumtragen: ein Schwein etwa, das jeden Abend einen
Rosenkranz betet.
Im Wirtshaus studierte Perazzeti die
gebremste Ungeduld der Gäste. Nach außen hin
Wohlerzogenheit; drinnen wollte der Esel seinen
Hafer, aber schnell. Und er unterhielt sich
königlich, wenn er sich all die verschiedenen
Tierarten ausmalte, die in den Höhlen seiner
Bekannten verkrochen waren: dieser hatte sicherlich
drinnen einen Ameisenhaufen, jener ein
Stachelschwein, der dritte dort einen Truthahn, und
so fort.
Häufig hatten jedoch Perazzettis
Lachanfälle einen, sagen wir, konstanteren Grund.
Und der ließ sich nun wirklich nicht so einfach vor
allen ausbreiten; wenn überhaupt, könnte man ihn
höchstens dem einen oder anderen ins Ohr flüstern.
Wenn man ihn so im Vertrauen erfuhr, dann, das
versichere ich Ihnen, dann bewirkte er unvermeidlich
den allerlärmendsten Lachanfall. Einmal vertraute er
ihn einem Freund an, bei dem ihm daran lag, nicht
als verrückt zu gelten.
Ich kann ihn euch nicht laut nennen;
ich kann ihn gerade eben andeuten; ihr werdet
versuchen, ihn solcherart zu erhaschen, denn, wenn
er laut ausgesprochen würde, bestünde die Gefahr,
daß das ganze als vulgär empfunden würde, und das
ist es nun wirklich nicht.
Perazzetti war alles andere als ein
vulgärer Mensch; im Gegenteil, er behauptete stets,
eine hohe Meinung von der Menschheit zu haben, von
all dem, was die Menschheit, trotz des
ursprünglichen Viehs in ihr, zu leisten vermocht
hatte. Aber Perazzetti vermochte andererseits auch
nicht völlig zu vergessen, daß der Mensch, der
imstande war, so viele schöne Dinge zu schaffen,
doch auch ein Vieh ist, das frißt, und das
infolgedessen gezwungen ist, tagtäglich gewissen
intimen natürlichen Bedürfnissen Genüge zu tun, die
ihm sicherlich keine besondere Ehre einlegen.
Wenn er einen armen Mann, eine arme
Frau, in einer demütigen und unterwürfigen Haltung
sah, dann dachte Perazzetti nicht im geringsten
daran; aber wenn er dagegen gewisse Frauen sah, die
sich den Anschein von Gemütstiefe gaben, gewisse
aufgeblasene Männer, die vor Stolz geradezu barsten,
dann löste das in ihm sofort das Bild dieser intimen
natürlichen Bedürfnisse aus, denen auch diese Leute
zwangsläufig Tag für Tag gehorchen mußten; er sah
sie bei dieser Verrichtung und brach in ein
unaufhaltsames Lachen aus.
Es gab keinen Adel eines Mannes und
keine Schönheit einer Frau, die sich vor dieser
Katastrophe in der Vorstellung Perazzettis zu retten
vermocht hätten; im Gegenteil, je ätherischer und
idealer eine Frau ihm erschien, je würdevoller und
ernster ein Mann, desto eher drängte sich ihm
plötzlich dieses verdammte Bild auf.
Nun denkt euch einmal, mit dieser
Schwäche, Perazzetti als Verliebten.
Und er verliebte sich tatsächlich,
der Unglückselige, er verliebte sich mit einer
erschreckenden Leichtigkeit! Er dachte an nichts
mehr, versteht sich, er hörte auf, er selbst zu
sein, kaum daß er sich verliebt hatte; er wurde
sofort ein ganz anderer, wurde der Perazzetti, den
die anderen sich wünschten, so, wie ihn sich die
Frau zu formen wünschte, der er in die Hände
gefallen war, aber nicht nur das, auch so, wie ihn
sich die zukünftigen Schwiegereltern, die
zukünftigen Schwäger, ja sogar die Hausfreunde der
Braut zu formen wünschten.
Er war wenigstens zwanzigmal verlobt
gewesen. Und man konnte bersten vor lachen, wenn er
die vielen Perazzettis beschrieb, die er solcherart
schon einmal gewesen war, einer dümmer und
idiotischer als der andere: der des Papageis der
Schwiegermutter, der der Fixsterne der kleinen
Schwägerin, der der Bohnen des Freundes von wer weiß
ich wem.
Wenn die Glut der Flamme, die ihn
sozusagen in den Zusatand der Schmelze versetzt
hatte, sich abzuschwächen begann, dann fand er sich
allmählich in seiner gewohnten Form wieder und
begann sich wieder seiner selbst bewußt zu werden;
dann gewann er auch das Bewußtsein seiner selbst
zurück, empfand zunächst Staunen und Verblüffung bei
der Betrachtung der Form, die man ihm gegeben, der
Rolle, die man ihn spielen lassen, des Zustandes der
Verblödung, in den man ihn versetzt hatte; und als
er dann die Frau, die Schwiegermutter, den
Schwiegervater ansah, dann begannen die
schrecklichen Lachanfälle von neuem, und er mußte
davonlaufen - es gab keinen Ausweg - er mußte
davonlaufen.
Das Schlimme war nur, daß man ihn
dann nicht mehr laufen lassen wollte. Er war ja ein
besonders netter junger Mann, dieser Perazzetti,
wohlhabend und außerordentlich sympathisch: mit
einem Wort, das, was man eben eine beneidenswerte
Partie nennt.
Die Dramen, die er bei
seinen zwanzig und mehr Verlöbnissen
durchlebt hatte, würden, wenn man sie in
einem von ihm erzählten Buch sammelte,
wohl eine der erheiterndsten Lektüren
unserer Tage abgeben. Aber was für die
Leser Motiv des Gelächters wäre, das
waren doch leider ursprünglich Tränen,
echte Tränen für den armen Perazzetti,
und Zorn und Beklemmung und
Verzweiflung.
Jedes Mal versprach er,
schwor er heilige Eide, er würde nicht
mehr rückfällig werden; er nahm sich
vor, sich ein heldenhaftes, unerhörtes
Mittel auszudenken, das ihn vor
amourösen Rückfällen bewahren sollte.
Ach was! Die Rückfälle kamen immer schon
kurze Zeit später, und sie waren meist
ärger als das Mal zuvor.
Eines Tages schließlich
schlug wie eine Bombe die Nachricht ein,
daß er sich verheiratet hätte. Und er
hatte niemand geringeren geheiratet
als... Aber nein, das wollte anfangs nun
wirklich keiner glauben! Verrücktheiten
hatte Perazzetti ja wirklich jede Menge
begangen; aber daß er so weit gehen
würde, sich für das ganze Leben an eine
Frau wie die da zu binden...
Sich zu binden? Wenn
dieses Wort einem der vielen Freunde,
die ihn zu Hause besuchten,
entschlüpfte, dann war es ein Wunder,
wenn Perazzetti ihn nicht gleich
auffraß.
"Sich binden? Was heißt
da sich binden? Wieso denn sich binden?
Hohlköpfe, Idioten, Volltrottel seid ihr
alle miteinander! Sich binden? Wer
spricht denn davon? Hast du das Gefühl,
ich wäre gebunden? Na komm, hier
herein... Das ist doch mein gewohntes
Bett, ja oder nein? Glaubst du
vielleicht, das wäre ein Ehebett? He,
Celestino! Celestino!"
Celestino war sein alter
treuer Diener.
"Sag einmal Celestino:
Komme ich nicht jeden Abend allein
hierher zum Schlafen?"
"Ja, gnädiger Herr,
allein."
"Jeden Abend?"
"Jeden Abend."
"Wo speise ich?"
"Dort drüben."
"Mit wem speise ich?"
"Allein."
"Kochst du mir das
Essen?"
"Jawohl, ich, gnädiger
Herr."
"Und bin ich immer noch
derselbe Perazzetti?"
"Immer noch derselbe,
freilich, gnädiger Herr."
Sobald er den Diener
nach diesem Verhör wieder fortgeschickt
hatte, schloß Perazzetti, die Arme
ausbreitend:
"Somit..."
"Somit ist es nicht
wahr?", fragte der andere.
"Aber natürlich ist es
wahr! Ganz und gar wahr!" antwortete
Perazzetti. Ich habe sie geheiratet! In
der Kirche hab ich sie geheiratet und
vor dem Standesamt auch! Aber was tut
das schon? Hast du den Eindruck, daß das
was Ernstes ist?"
"Nein, im Gegenteil, das
ist vollkommen lächerlich."
"Na eben!", schloß
Perazzetti von neuem. "Dann rück mir
doch endlich von der Pelle! Habt ihr
noch nicht genug hinter meinem Rücken
über mich zu lachen gehabt? Tot wolltet
ihr mich haben, was? Ständig die
Schlinge um den Hals gelegt? Nein,
Schluß, Schluß, meine Lieben! Jetzt hab
ich mich für immer davon befreit! Da hat
es diesen letzten Wirbelsturm gebraucht,
dem ich nur wie durch ein Wunder lebend
entkommen bin."
Der letzte Wirbelsturm,
auf den Perazzetti anspielte, war seine
Verlobung mit der Tochter eines
Sektionschefs im Finanzministerium, des
Commendatore Vico Lamanna; und er hatte
wirklich recht, Perazzetti, wenn er
davon sprach, daß er ihm nur wie durch
ein Wunder lebend entkommen war. Er
hatte sich auf Degen mit ihrem Bruder
Lino Lamanna schlagen müssen. Und da
Lino einer seiner besten Freunde war und
er das Gefühl hatte, nichts, aber auch
gar nichts gegen ihn zu haben, hatte er
sich großzügig aufspießen lassen wie ein
Huhn.
Dabei hatte es diesmal
geschienen - und jeder hätte die Hand
dafür ins Feuer gelegt - daß die
Hochzeit wirklich stattfinden würde.
Signorina Ely Lamanna, die eine
englische Erziehung genossen hatte - wie
man auch am Vornahmen sehen konnte, war
ehrlich, offen, ein solider Charakter,
mit beiden Beinen auf der Erde stehend
(sprich: sie trug amerikanische Schuhe);
und so war es ihr ohne Zweifel gelungen,
die übliche Katastrophe in Perazzettis
Phantasie zu überstehen. Freilich, das
eine oder andere Lachen war ihm
entschlüpft, wenn er ihren
Schwiegervater, den Commendatore,
betrachtete, der auch im Umgang mit ihm
stets in den Wolken schwebte und zu ihm
manchmal mit dieser süßlichen Blumigkeit
sprach... Aber damit hatte es sich auch
schon. Er hatte der Braut den Grund
seiner Lachanfälle in liebenswürdiger
Form enthüllt, sie hatte mitgelacht, und
nachdem diese Klippe umschifft war,
glaubte sogar er, Perazzetti, daran, daß
er diesmal endlich den ruhigen Hafen der
Ehe erreichen würde (wie man so schön
sagt). Die Schwiegermutter war ein
braves altes Weiblein, bescheiden und
schweigsam, und Lino, sein Schwager,
schien wie gemacht dafür, in allem und
jedem mit ihm übereinzustimmen.
Tatsächlich wurden
Perazzetti und Lino Lamanna vom ersten
Tag des Verlöbnisses an unzertrennlich.
Mehr als mit der Braut konnte man sagen,
daß Perazzetti mit seinem zukünftigen
Schwager zusammen war: Ausflüge,
Jagdpartien, gemeinsame Ausritte,
gemeinsame Bootsausflüge auf dem Tiber
mit dem Ruderklub.
Alles konnte er sich
ausmalen, der arme Perazzetti, nur das
nicht, daß dieses Mal die "Katastrophe"
gerade durch diese allzu große Intimität
im Umgang mit dem zukünftigen Schwager
zustandekommen sollte, durch einen
weiteren Streich, den ihm seine
krankhafte und spöttische Phantasie
spielen sollte.
Plötzlich begann er
nämlich an seiner Verlobten eine
beunruhigende Ähnlichkeit mit ihrem
Bruder zu bemerken.
Das war in Livorno, wo
er - natürlich mit den Lamannas - auf
Badeferien gefahren war.
Perazzetti hatte Lino so
oft im Badetrikot gesehen, im Ruderklub;
nun sah er die Braut im Badekostüm. Er
bemerkte sofort, daß Lino wirklich etwas
Feminines an sich hatte, im Bau der
Hüften.
Wie Perazzetti
reagierte, als er diese Ähnlichkeit
bemerkte? Der kalte Schweiß trat ihm auf
die Stirne, er begann einen
unüberwindlichen Abscheu vor dem
Gedanken zu empfinden, mit Ely Lamanna,
die ihrem Bruder so ähnlich war, in
eheliche Intimitäten einzutreten. Sofort
erschienen ihm diese Intimitäten als
etwas Monströses, geradezu
Widernatürliches, da er in seiner Braut
ihren Bruder sah. Und bei der geringsten
Liebkosung ihrer Hand begann er sich zu
winden, unter den Blicken dieser bald
aufstachelnden und fordernden, bald in
dem Versprechen einer seufzenden Lust
ermattenden Augen.
Konnte Perazzetti sie
denn anschreien: "Ach Gott, hör doch
auf, um Himmels willen! Lassen wir es
sein! Ich kann der beste Freund Linos
sein, weil ich ihn nicht heiraten muß,
aber ich kann dich nicht mehr heiraten,
weil ich das Gefühl hätte, deinen Bruder
zu heiraten!"?
Die Folter, die
Perazzetti diesmal auszustehen hatte,
war bei weitem schlimmer als alle
bisherigen. Es endete mit diesem
Degenstoß, der ihn nur durch ein Wunder
nicht ins Jenseits beförderte.
Und kaum war er von der
Wunde genesen, fand er endlich das
heldenhafte, unerhörte Mittel, das ihm
den Weg der Heirat auf ewig versperren
sollte.
Ja, wie denn - werdet
ihr fragen - indem er heiratete?
Freilich! Filomena: die
mit dem Hund. Indem er Filomena
heiratete, diese arme Schwachsinnige,
die jeden Abend auf der Straße zu sehen
war, aufgeputzt mit schrecklichen, mit
zerzaustem Gemüse beladenen Hüten,
gezogen von einem schwarzen Pudel, der
ihr nie die Zeit ließ, ihre schneidenden
Lachanfälle vor den Polizisten, den
Halbwüchsigen und den Soldaten zu Ende
zu führen, weil er immer so große Eile
hatte - der verdammte Hund - weiß Gott
wo anzukommen, in irgend einem dunklen
Winkel...
In der Kirche und auf
dem Standesamt heiratete er sie; er las
sie von der Straße auf, setzte ihr
zwanzig Lire täglich als Kostgeld aus
und schickte sie weit fort, aufs Land,
mit dem Hund.
Die Freunde - das könnt
ihr euch wohl denken - ließen ihm lange
Zeit hindurch keine Ruhe. Aber
Perazzetti war nun wirklich ruhig
geworden, ganz ernsthaft, er schien gar
nicht mehr er selbst zu sein.
"Ja", sagte er und
betrachtete seine Fingernägel. "Ich habe
sie geheiratet. Aber das ist ja nichts
Ernstes. Was das Schlafen betrifft, ich
schlafe allein in meinem Haus. Was das
Essen betrifft, ich esse allein in
meinem Haus. Ich sehe sie nie. Sie stört
mich nicht... Ihr sagt, es ist wegen des
Namens? Na gut: ich habe ihr meinen
Namen gegeben. Aber, Herrschaften, was
ist schon ein Name? Das ist doch nichts
Ernstes."
Ernste Dinge im strengen
Sinn gab es für Perazzetti nicht. Alles
liegt an der Bedeutung, die man den
Dingen zumißt. Eine überaus lächerliche
Angelegenheit kann ganz und gar ernst
werden, wenn man ihr Bedeutung
zubilligt, und umgekehrt kann die
ernsteste Angelegenheit sich plötzlich
als lächerlich erweisen. Was könnte
ernster sein als der Tod? Und doch, für
so viele, die dem Tod keine Bedeutung
zumessen...
Na gut; aber nach
einiger Zeit wollten ihn die Freunde
sehen! Wer weiß, wie er die Sache dann
bereuen würde!
"Schöne Prophezeihung!"
entgegnete Perazzetti. "Natürlich werde
ich es bereuen! Ich beginne es ja jetzt
schon zu bereuen..."
Als ihm dieser Satz
entschlüpfte, fielen die Freunde laut
ein: "Na! Siehst du?"
"Ach ihr Schafsköpfe!",
gab Perazzetti zurück. "Gerade dann,
wenn ich es tatsächlich bereue, dann
beginnt mein Heilmittel ja erst zu
wirken, denn das bedeutet, daß ich mich
wiederum verliebt habe, so sehr, daß ich
von neuem dabei wäre, die größte,
viehischste Dummheit zu begehen, die man
begehen kann: mir eine Frau zu nehmen.
Chor: "Aber du hast doch
schon eine genommen!"
Perazzetti: "Die? Ach
hört mir auf! Das ist doch nichts
Ernstes."
Schlußfolgerung:
Perazzetti hatte
geheiratet, um sich vor der Gefahr zu
schützen, sich eine Frau zu nehmen.
* * *
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LUIGI PIRANDELLO 1867 - 1936 -
Novellen
Das wartende zimmer -
(La camera in attesa – 1916) |
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Erstveröffentlichung Mai 1916 in
La lettura; keine
Varianten bekannt.
aus dem Italienischen von Michael
Rössner
Es erhält auch jeden Morgen ein
wenig Licht, dieses Zimmer, wenn reihum eine der
drei Schwestern kommt, um ein wenig sauber zu
machen, ohne daß sie sich dabei umsieht. Aber kaum
daß Jalousien und Fenster wieder geschlossen und die
Blenden herabgestellt sind, wird der Schatten auf
der Stelle streng und hart wie in einem
unterirdischen Gewölbe; und als wäre dieses Fenster
seit Jahren nicht geöffnet worden, wird die Strenge
und Härte dieses Schattens sofort spürbar, wird
förmlich zu dem fühlenden Atem des in der Leere
hängenden Schweigens über den Möbeln und
Gegenständen, die ihrerseits jeden Tag wie bestürzt
erscheinen über die Sorgfalt, mit der man sie
abgestaubt, gesäubert und zurechtgerückt hat.
Der Wandkalender beim Fenster, der
spürt sicher das Abreißen eines weiteren Blattes
schmerzlich, als schiene es ihm eine unnötige
Grausamkeit, daß man ihn zwingt, in diesem leeren
Schatten und in diesem Schweigen noch das Datum
anzuzeigen. Und die alte Bronzeuhr in Form einer
Amphore auf der Marmorplatte der Kommode macht den
Eindruck, als empfinde sie die Gewalt, die man ihr
antut, indem man sie zwingt, noch immer hier drinnen
ihr dumpfes Ticktack auszustoßen.
Auf dem Nachttischchen jedoch
scheint die bauchige Wasserflasche aus grünem,
goldverziertem Kristallglas, der das lange,
umgestülpte Glas wie ein Hütchen auf dem Hals sitzt,
und die durch die Fensterblenden des
gegenüberliegenden Fensters einen kleinen
Lichtstrahl einfängt, über die ganze in dem Zimmer
verbreitete Bestürzung zu lachen.
Tatsächlich gibt es da etwas
Lebendiges und Witziges auf diesem Nachttischchen.
Das Lachen der Wasserflasche kommt
sicher von diesem Lichtstrahl, aber vielleicht auch
daher, daß es der bauchigen Flasche mit diesem
Lichtstrahl gelingt, auf der blanken Marmorplatte
die Grimassen der beiden Figuren zu erblicken, die
auf einer nun schon seit vierzehn Monaten hier
liegenden Zündholzschachtel abgebildet sind; so
lange liegt die Schachtel schon da, damit sie
gegebenenfalls bereit ist, die Kerze anzuzünden, die
auch schon seit vierzehn Monaten in dem Kerzenhalter
aus emailliertem Eisen in Form eines Kleeblatts
steckt, mit dem Griff und der Röhre aus Messing
daran.
In der Erwartung der Flamme, die sie
verzehren soll, ist die Kerze auf dem Kleeblatt des
Kerzenhalters allmählich gelb geworden wie eine
überreife Jungfrau. Und man möchte wetten, daß die
beiden wie Lausbuben grimassenschneidenden Figuren
auf der Zündholzschachtel sie mit den drei ebenfalls
schon ziemlich reifen Schwestern vergleichen, von
denen jeden Tag eine hier hereinkommt, um in dem
Zimmer sauber zu machen und aufzuräumen.
Ach, auch wenn sie noch ganz intakt
ist, die arme jungfräuliche Kerze, sollten die drei
Schwestern sie austauschen, wenn schon nicht jeden
Tag, wie sie es mit dem Wasser in der Flasche tun
(die auch deshalb so lebendig ist und so bereit, bei
jedem Lichtstrahl zu lachen), dann doch wenigstens
alle vierzehn Tage, jeden Monat meinetwegen! Damit
man sie nicht ansehen muß, wie sie so gelb da
steckt, damit man nicht in dieser Gelbheit die
vierzehn Monate sehen muß, die vergangen sind, ohne
daß irgendjemand sie angezündet hätte, abends auf
diesem Nachttischchen.
Und das ist wirklich eine
beklagenswerte Unterlassung, denn nicht nur das
Wasser in der Flasche, nein, alles wechseln diese
drei Schwestern: alle vierzehn Tage die Bettücher
und die Überzüge des Bettes, das sie jeden Morgen
mit liebevoller Sorgfalt machen, als hätte wirklich
jemand darin geschlafen; zweimal in der Woche das
Nachthemd, das sie jeden Abend, nachdem sie die
Decken zurückgeschlagen haben, aus dem Sack aus
Atlasstoff holen, der an dem blauen Bändchen am
Kopfende des weißen Bettgestells aufgehängt ist, und
auf dem Bett ausbreiten, wobei sie den hinteren
Schoß aufschlagen, wie es sich gehört. Und Gott, sie
haben sogar noch die Pantoffeln vor dem Lehnstuhl am
Fußende des Bettes gewechselt. Sicherlich: Die alten
haben sie fortgeworfen, in die Kommode, und an ihre
Stelle, dort auf den Bettvorleger, ein Paar neue,
samtene gestellt, die die Jüngste der Drei bestickt
hat. Und der Kalender? Der dort beim Fenster ist
schon der zweite. Der andere, der von vorigem Jahr,
der hat erleben müssen, wie sie ihm, eines nach dem
anderen, alle Blätter aller Tage sämtlicher zwölf
Monate ausgerissen haben, Morgen für Morgen, mit
unerbittlicher Pünktlichkeit. Und es besteht keine
Gefahr, daß die älteste der drei Schwestern einmal
darauf vergäße, jeden Samstag um vier Uhr
nachmittags in das Zimmer zu gehen, um die alte
Bronzeuhr auf der Kommode aufzuziehen, die so
unwillig die Stille mit ihrem Ticken zerreißt und
die beiden Zeiger ganz langsam über das Zifferblatt
bewegt, so daß man es nicht sieht, als wollte sie
damit sagen, daß sie es nicht absichtlich macht,
nicht zu ihrem Vergnügen, sondern deshalb, weil sie
durch das Aufziehen dazu gezwungen wird.
Die beiden grimassenschneidenden
Figuren der Zündholzschachtel sehen sichtlich
nicht, was die alte Bronzeuhr mit ihrem weißen,
runden Zifferblattauge und der Kalender von der Höhe
der Wand herab mit seiner roten Zahl, die das Datum
bezeichnet, sehen können: den traurigen Effekt
dieses auf dem Bett ausgebreiteten Nachthemds und
dieser beiden neuen Pantoffel, die auf dem
Bettvorleger vor dem Lehnstuhl warten.
Was die in dem Kleeblattkerzenhalter
steckende Kerze betrifft, nun die ist so gerade und
so verloren in ihrer gelben Steifheit, daß sie sich
nicht um das Vergnügen dieser beiden
grimassenschneidenden Figuren und um das Lachen der
bauchigen Flasche kümmert, weil sie recht gut weiß,
auf was sie dort wartet, noch unberührt und schon so
gelb geworden.
Auf was denn?
Tatsache ist, daß seit vierzehn
Monaten diese drei Schwestern und ihre schwerkranke
Mutter glauben, auf diese Weise die wahrscheinliche
Rückkehr ihres Bruders beziehungsweise Sohnes
Cesarino erwarten zu können und zu müssen,
Cesarinos, der als Leutnant der Reserve im 25.
Infanterieregiment nach Tripolitanien gegangen ist
(nun ist es schon mehr als zwei Jahre her) und dort
in den Fezzan abkommandiert wurde.
Seit vierzehn Monaten, das ist schon
richtig, sind sie ohne Nachricht von ihm. Mehr noch:
Nach vielen bangen Nachforschungen, Bitten und
Vorstellungen ist endlich vom Kolonial-Oberkommando
die offizielle Mitteilung eingelangt, daß der
Leutnant Mochi Cesare nach einem Gefecht mit
Aufständischen, da er weder unter den Toten noch
unter den Verwundeten, noch auch unter den
Gefangenen aufschien, von denen man sichere
Nachricht hatte, als vermißt gelten muß, ja geradezu
als spurlos verschwunden.
Zu Beginn hat dieser Fall bei allen
Nachbarn und Bekannten dieser Mutter und dieser
drei Schwestern großes Mitleid ausgelöst. Mit der
Zeit ist das Mitleid freilich erkaltet und von einer
gewissen Gereiztheit, bei manchen sogar von einer
wahren Entrüstung über das abgelöst worden, was als
"Komödie" erscheint, nämlich dieses so peinlich
genau in Ordnung gehaltene Zimmer, bis hin zu dem
auf dem aufgeschlagenen Bett ausgebreiteten
Nachthemd; fast so, als wollten diese vier Frauen
mit ihrer "Komödie" jenem armen jungen Mann ihren
Tribut an Tränen verweigern und sich selbst den
Schmerz ersparen, seinen Tod zu beweinen.
Nur zu bald haben die Nachbarn und
Bekannten vergessen, daß sie es ja selbst waren, ja,
gerade sie, die beim Einlangen der Mitteilung des
Kolonial-Oberkommandos, als diese Mutter und die
drei Schwestern schon begonnen hatten, den Tod ihres
geliebten Bruders und Sohnes mit herzzerreißenden
Schreien zu beklagen, sie nach und nach mit vielen
Argumenten, von denen eines überzeugender war als
das andere, dazu gebracht haben, nicht so zu
verzweifeln. Weshalb denn seinen Tod beweinen -
haben sie gesagt - wenn es doch in dieser Mitteilung
ausdrücklich heißt, daß man den Offizier Mochi nicht
unter den Toten gefunden hatte. Er war vermißt; er
konnte ja jeden Augenblick zurückkehren: aber ja,
auch nach einem Jahr, wer weiß! In Afrika, verirrt,
irgendwo verborgen... Und sie waren es auch, die
davon abrieten, ja, die Mutter und die drei
Schwestern beinahe daran verhinderten, sich schwarz
zu kleiden, wie sie es auch in der Unsicherheit am
liebsten getan hätten. "Nein, kein Schwarz", haben
sie damals gesagt. "Warum denn so ein böses
Vorzeichen setzen?" Und bei dem ersten Anflug von
Hoffnung in diesen armen Frauen, der sich noch in
Form eines Zweifels ausdrückte: "Wer weiß... ja,
vielleicht mag er noch am Leben sein", da haben sie
in höchster Eile geantwortet:
"Aber natürlich wird er noch am
Leben sein! Ganz sicher ist er noch am Leben!"
Nun, ist es da nicht ganz natürlich,
daß nun, da tatsächlich jeder sichere Beweis für die
Annahme fehlt, daß ihr geliebter Sohn und Bruder tot
wäre, und sie stattdessen, wie alle es wollten, sich
die Illusion zueigen gemacht haben, er könnte noch
leben, daß nun also diese arme kranke Mutter und
diese drei Schwestern dieser Illusion, so gut sie es
vermögen, die Konsistenz einer Realität verleihen?
Aber ja, genau das tun sie, indem sie dieses Zimmer
warten lassen, es immer wieder mit allergrößter
Sorgfalt aufräumen, jeden Abend das Nachthemd aus
dem Kleidersack holen und es auf den
zurückgeschlagenen Decken ausbreiten. Denn wenn sie
sich einmal überzeugen ließen, daß sie seinen Tod
nicht beweinen müssen, daß sie nicht verzweifeln
müssen, weil er gestorben wäre, dann müssen sie ihm
doch ganz zwangsläufig zeigen, ihm, der für sie
lebte, ihm, der ja tatsächlich jeden Augenblick
zurückkehren konnte, daß sie ‑ ja freilich ‑ daß sie
sich dessen so sicher gewesen sind, daß sie ihm
sogar jeden Abend sein Nachthemd vorbereitet haben,
dort auf dem Bett, und daß sie jeden Morgen sein
Bett gemacht haben, als hätte er in der Nacht
tatsächlich darin geschlafen. Und da stehen auch die
neuen Pantoffel, die Margheritina während des
Wartens nicht bloß besticken, sondern auch noch zum
Schuster tragen wollte, damit der sie fachgemäß
zusammennäht; so wird er sie, kaum daß er zurück
ist, an der Stelle der alten zum Anziehen bereit
vorfinden.
Entschuldigen Sie mal:
"Sind denn vielleicht
Ihr Sohn, Ihre Tochter nicht gestorben,
wenn sie zum Studium in die weit
entfernte große Stadt gefahren sind?"
Ach, Sie klopfen auf
Holz? Sie fallen mir ins Wort und
schreien, die wären gar nicht tot, nicht
im geringsten? Die würden doch am Ende
des Jahres zurückkommen und einstweilen
erhalten Sie pünktlich jede Woche
zweimal Nachricht von ihnen?
Beruhigen Sie sich nur,
ist schon gut, ich glaube es ja. Aber
wie kommt es dann, daß Sie, wenn Ihr
Sohn oder Ihre Tochter nach einem Jahr
oder mehr aus der großen Stadt
zurückkommen, bei ihrem Anblick ganz
verblüfft, ganz entgeistert sind; daß
Sie, jawohl Sie, mit erhobenen Händen,
als wollten Sie einen Zweifel
zurückdrängen, der Ihnen Angst macht,
ausrufen:
"O Gott, bist du es
wirklich? O Gott, sie ist ja eine ganz
andere geworden!"
Nicht nur in der Seele
eine andere, das heißt in ihrem Denken
und Fühlen; nein, sogar im Klang der
Stimme, auch im Körper eine andere, in
der Gestik, in der Art sich zu bewegen,
zu schauen, zu lächeln...
Und ganz verdattert
fragen Sie:
"Wie ist das möglich?
Waren ihre Augen wirklich so? Ich hätte
schwören mögen, daß ihr Näschen, als sie
wegfuhr, ein bißchen mehr nach oben
stand..."
Die Wahrheit ist
einfach, daß Sie in Ihrem Sohn oder in
Ihrer Tochter, wenn die nach einem Jahr
wiederkommen, nicht mehr dieselbe
Wirklichkeit erkennen können, die Sie
ihnen gegeben haben, ehe sie abfuhren.
Es gibt sie nicht mehr, sie ist tot,
diese Wirklichkeit. Und dennoch kleiden
Sie sich nicht schwarz um dieses Todes
willen und beweinen ihn nicht... oder
ja, Sie beweinen ihn sogar, wenn es Sie
schmerzt, daß dieser andere, der da zu
Ihnen zurückgekommen ist an Stelle Ihres
Kindes, daß dieser andere einer ist, den
sie nicht wiederzuerkennen vermögen,
nicht wiedererkennen können.
Ihr Sohn, der, den Sie
gekannt haben, ehe er fortging, der ist
tot, glauben Sie es mir, er ist tot. Nur
die Anwesenheit eines Körpers (und auch
der ist so verändert!) läßt Sie das
verneinen. Aber Sie merken es sehr wohl,
daß der ein anderer war, der vor einem
Jahr wegfuhr, und er ist nicht mehr
zurückgekommen.
Nun, auf eben dieselbe
Weise kehrt auch dieser Cesarino Mochi,
der vor zwei Jahren nach Tripolitanien
gefahren ist und dort in den Fezzan
abkommandiert wurde, nicht zu seiner
Mutter und seinen drei Schwestern
zurück.
Sie wissen es nun sehr
gut, daß die Wirklichkeit nicht davon
abhängt, ob ein Körper da ist oder
nicht. Der Körper kann da sein und
dennoch für die Wirklichkeit, die Sie
ihm gegeben haben, gestorben sein. Was
das Leben ausmacht, ist also bloß die
Wirklichkeit, die Sie ihm geben. Und
daher kann der Mutter und den drei
Schwestern des Cesarino Mochi
tatsächlich das Leben genügen, das er
für sie weiterhin hat, hier in der
Wirklichkeit der Handlungen, die sie für
ihn jeden Tag vollführen, in diesem
Zimmer, das ihn wohlgeordnet erwartet
und bereit ist, ihn zu empfangen, so,
wie er vor seiner Abreise war.
Nun, für diese Mutter
und diese drei Schwestern besteht keine
Gefahr, daß er als ein anderer
zurückkommt, wie das mit Ihrem Sohn am
Ende des Studienjahres geschehen ist.
Cesarinos Wirklichkeit
ist unabänderlich hier in seinem Zimmer
und im Herzen und im Geist dieser Mutter
und dieser drei Schwestern, die für
sich, außerhalb dieser Wirklichkeit,
keine andere besitzen.
"Tittí, den wievielten
haben wir heute?" fragt die kranke
Mutter aus ihrem Lehnstuhl die jüngste
ihrer drei Töchter.
"Den fünfzehnten",
antwortet Margherita, indem sie den Kopf
von ihrem Buch aufhebt; aber sie ist
sich nicht ganz sicher und fragt
ihrerseits die beiden Schwestern weiter:
"Den fünfzehnten, nicht wahr?"
"Den fünfzehnten, ja",
bestätigt Nanda, die älteste, von ihrem
Stickrahmen aus.
"Den fünfzehnten",
wiederholt die nähende Flavia.
Auf der Stirn aller drei
erscheint dieser Frage der Mutter wegen,
auf die sie geantwortet haben, ein und
dieselbe Falte.
In der Stille des
weiten, hellen Eßzimmers, das von weißen
Musselinvorhängen ein wenig abgeschirmt
wird, ist ein Gedanke eingedrungen, der
üblicherweise, nicht mit Vorbedacht,
aber doch ganz instinktiv von den vier
Frauen ferngehalten wird: der Gedanke
der verrinnenden Zeit.
Die drei Schwestern
haben den Grund dieses angstvollen
Gedankens im Geist der kranken, an den
Lehnstuhl gefesselten Mutter erraten;
und deshalb haben sie die Stirne in
Falten gezogen.
Es ist gar nicht
Cesarinos wegen.
Es gibt da eine andere,
es gibt eine andere - nicht hier im
Haus, aber eine, die morgen vielleicht
schon, wer weiß, die Königin dieses
Hauses sein könnte - Claretta, die
Verlobte des Bruders - es gibt da sie,
ja, leider, sie, die einen an die
verrinnende Zeit denken läßt.
Als die Mutter danach
fragte, den wievielten man gerade habe,
wollte sie damit die Tage zählen, die
seit Clarettas letztem Besuch vergangen
sind..
Zunächst kam das liebe
Kind (und sie war ja wirklich ein Kind,
die Claretta, für die drei ein wenig
ältlichen Schwestern) fast jeden Tag, in
der Hoffnung, daß die Nachricht gekommen
sei; denn sie war sicher, sicherer als
alle anderen, daß die Nachricht bald
kommen würde. Und dann betrat sie
freudestrahlend das Zimmer ihres
Verlobten und ließ dort immer eine Blume
und einen Brief zurück. Ja, denn sie
schrieb weiter wie gewohnt jeden Abend
einen Brief an Cesarino. Und die Briefe
‑ nun, anstatt sie abzuschicken, brachte
sie sie nun hierher, damit er, Cesarino,
sie gleich nach seiner Ankunft finden
würde.
Die Blume verwelkte, der
Brief blieb liegen.
Dachte Claretta
vielleicht, wenn sie unter der welken
Blume den Brief vom Vortag fand, daß
auch dessen Duft verströmt war, ohne daß
sich jemand daran berauscht hätte? Sie
legte ihn in die Lade des kleinen
Schreibtisches beim Fenster und ließ an
seiner Stelle den neuen Brief zurück,
auf den sie eine neue Blume legte.
Diese liebevolle Szene
wiederholte sich lange, Monate um Monate
hindurch. Aber eines Tages kam die
Kleine mit mehr Blumen als üblich, ja,
aber ohne Brief. Sie sagte, sie habe am
Abend zuvor geschrieben, ach, sogar noch
länger als üblich, und sie würde auch
weiterhin jeden Abend schreiben, aber in
ein Tagebuch, denn ihre Mamma habe ihr
zu bedenken gegeben, es wäre doch eine
unnütze Verschwendung von Briefpapier
und Kuverts gewesen, was sie bisher
getan hatte.
Und es war ja wirklich
so: was wichtig war, war doch der
Gedanke, jeden Tag zu schreiben; ob sie
nun auf Briefpapier schrieb oder in ein
Tagebuch, das blieb sich gleich.
Nur begann mit diesem
Brief auch der tägliche Besuch Clarettas
auszubleiben. Zuerst kam sie dreimal,
dann zweimal, dann nur mehr einmal in
der Woche zu Besuch. Schließlich blieb
sie mehr als vierzehn Tage aus, mit der
Entschuldigung, sie wäre in Trauer, weil
ihre Großmutter mütterlicherseits
gestorben war. Und zu guter letzt, als
sie - nicht spontan, sondern auf Drängen
der Schwestern - das erste Mal, in
schwarzen Trauerkleidern, wieder
Cesarinos Zimmer betrat, da kam es zu
einer unerwarteten Szene, die ums Haar
den drei armen Schwestern das Herz vor
Schreck gebrochen hätte. Ganz plötzlich
warf sie sich, so in schwarzen Kleidern,
kaum daß sie das Zimmer betreten hatte,
über Cesarinos weißes Bett und brach in
ein verzweifeltes Weinen aus.
Warum? Was hatte denn
das damit zu tun? Sie war nachher ganz
verstört, wie erschlagen, angesichts der
angstvollen Verblüffung, des Zitterns
dieser drei bleichen Schwestern mit
ihren fahlen Gesichtern; sie sagte, sie
wisse selbst nicht, wie das zugegangen
sei, wie es geschehen konnte... sie
entschuldigte sich; sie schob die Schuld
auf ihr schwarzes Kleid, auf den Schmerz
um die tote Großmutter... und jedenfalls
nahm sie die wöchentlichen Besuche
wieder auf.
Aber die drei Schwestern
empfanden nun eine gewisse Zurückhaltung
bei dem Gedanken, sie in das wartende
Zimmer zu führen; sie ging auch nicht
selbst hinein oder bat die Schwestern,
sie hineinzuführen. Und von Cesarino
sprachen sie fast gar nicht mehr.
Vor drei Monaten kam sie
wieder in fröhlichen, frühlingshaften
Farben gekleidet, wieder aufgeblüht wie
eine Knospe, sprühend vor Leben, wie die
drei Schwestern und ihre arme Mutter sie
schon seit langer Zeit nicht mehr
gesehen hatten. Sie brachte viele, so
viele Blumen und wollte sie selbst, mit
eigenen Händen in Cesarinos Zimmer
tragen und dort auf die Vasen auf dem
Schreibtisch, auf dem Nachttischchen,
auf der Kommode verteilen. Sie sagte,
sie habe einen schönen Traum gehabt.
Sie blieben besorgt
zurück, bedrückt und fast erschüttert
von dieser überbordenden Lebhaftigkeit,
von dieser wiedergeborenen Fröhlichkeit
des Kindes, die drei Schwestern, die
immer fahler und bleicher aussahen. Sie
empfanden sie, kaum daß die erste
Verblüffung gewichen war, wie den
Aufprall einer grausamen
Gewalttätigkeit, den Aufprall des
Lebens, das übermächtig in diesem Kind
wieder aufblühte und nicht länger in dem
Schweigen dieses Wartens eingesperrt
werden konnte, dem sie mit den fast
sakralen Verrichtungen ihrer dünnen,
kalten Hände noch immer und mit
Hartnäckigkeit eine Maske des Lebens
überstülpen wollten, gerade so viel, wie
für sie nötig war. Und sie erhoben
keinen Einwand, als Claretta, die dabei
über und über rot anlief, sagte, es habe
sie eine große Neugierde überkommen zu
lesen, was sie Cesarino in ihren ersten
Briefen von vor über einem Jahr
geschrieben hatte, die in der Schublade
des Schreibtisches eingeschlossen waren.
Mehr als hundert mußten
es sein, diese Briefe,
hundertzweiundzwanzig oder
hundertdreiundzwanzig. Sie wollte sie
alle wieder lesen. Dann würde sie sie
selbst für Cesarino aufbewahren,
zusammen mit den Tagebüchern. Und immer
zehn auf einmal nahm sie sie alle nach
und nach mit nach Hause.
Seitdem sind ihre
Besuche seltener geworden. Die alte,
kranke Mutter, den Blick starr auf die
Armlehne ihres Lehnstuhls gerichtet,
zählt die Tage, die seit ihrem letzten
Besuch vergangen sind; und es ist
seltsam, daß für sie und für die drei
Töchter mit der gerunzelten Stirn diese
Tage immer mehr werden, viel zu viel,
während für den nicht zurückkehrenden
Cesarino die Zeit nie vergeht; es ist,
als wäre er gestern fortgefahren,
Cesarino, ja sogar, als wäre er gar
nicht fortgefahren, sondern nur aus dem
Haus gegangen und müßte von einem
Augenblick zum anderen zurückkommen, um
sich mit ihnen an den Tisch zu setzen
und dann dort in seinem bereitstehenden
Bettchen schlafen zu gehen.
Der Zusammenbruch kommt
für die arme Mutter, als sie erfährt,
daß Claretta sich wieder verlobt hat.
Sie war zu erwarten,
diese Nachricht, denn schon seit zwei
Monaten hat Claretta sich nicht mehr
blicken lassen. Aber die drei
Schwestern, die weniger alt und daher
weniger schwach sind als die Mutter,
beharren auf ihrem Nein, diesen Verrat
hätten sie nicht erwartet. Sie wollen um
jedem Preis dem Zusammenbruch
standhalten, und sie sagen, Claretta
habe sich nicht deshalb mit einem
anderen verlobt, weil Cesarino tot ist
und sie deshalb wirklich keinen Grund
haben konnte, immer noch auf seine
Rückkehr zu warten, sondern deshalb,
weil sie nach sechzehn Monaten des
Wartens müde geworden sei. Sie sagen,
daß ihre Mutter nicht deshalb stirbt,
weil die neue Verlobung Clarettas ihr
die immer schon schwache Illusion zum
Einsturz gebracht hat, ihr Sohn könnte
zurückkehren, sondern wegen des Kummers,
den ihr Cesarino bei seiner Rückkehr
über diesen grausamen Verrat Clarettas
empfinden wird.
Und die Mutter sagt vom
Bett aus: Ja, sie stürbe tatsächlich
wegen dieses Kummers; aber in den Augen
steht ihr so etwas wie ein Lachen des
Lichts.
Die drei Töchter sehen
sie an, diese Augen, mit einem traurigen
Gefühl des Neids. Sie wird binnen kurzem
nachsehen gehen, ob er dort ist; sie
wird die Bangigkeit des langen Wartens
hinter sich lassen; sie wird Sicherheit
haben; aber sie wird nicht zurückkehren
können, um ihnen davon zu berichten.
Sie würde am liebsten
sagen, die Mutter, daß es dieses
Berichts gar nicht bedarf, weil sie
jetzt schon sicher ist, daß sie ihn dort
drüben finden wird, ihren Cesarino. Aber
nein, sie sagt es nicht; sie empfindet
ein großes Mitleid für ihre drei armen
Töchter, die allein zurückbleiben, und
die so dringend des Gedankens und des
Glaubens daran bedürfen, daß Cesarino
noch lebt, für sie lebt, und daß er
eines Tages zurückkommen muß; und da, da
verschleiert sie sanft das Licht in
ihren Augen und will bis zum letzten,
bis zum letzten an der Illusion ihrer
drei Töchter anhängen, damit diese
Illusion noch aus ihrem letzten Atemzug
genährt wird und für sie lebendig
bleibt. Mit dem letzten Hauch von Stimme
flüstert sie:
"Ihr werdet ihm sagen,
daß ich so sehr auf ihn gewartet
habe..."
In der Nacht brennen die
vier Totenkerzen an den vier Ecken des
Bettes, und von Zeit zu Zeit knistern
sie ein wenig, so daß die lange gelbe
Flamme gerade ein bißchen zu flackern
beginnt.
So tief ist die Stille
des Hauses, daß das Knistern dieser
Kerzen, so leicht es auch ist, bis
hinüber in das wartende Zimmer, zu
dieser gelb gewordenen Kerze dringt, die
seit sechzehn Monaten auf dem Kleeblatt
des Leuchters festgeklemmt ist, zu
dieser von den beiden
grimassenschneidenden Figuren auf der
Zündholzschachtel verlachten Kerze, und
bei jedem Knistern scheint es, als zucke
sie zusammen, um aus diesem Zucken
heraus auch für sich eine Flamme
aufflackern zu lassen, damit auch sie
Totenwache halten kann bei einem anderen
Toten hier, auf dem unberührten Bett.
Und für diese Kerze ist
es eine Art Revanche. Tatsächlich ist an
diesem Abend das Wasser in der Flasche
nicht gewechselt und auch das Nachthemd
nicht aus dem Kleidersack geholt und auf
den zurückgeschlagenen Decken
ausgebreitet worden. Und der
Wandkalender zeigt das Datum von
gestern.
Für einen Tag ist sie
stehen geblieben, die Illusion des
Lebens in diesem Zimmer, und es scheint,
als wäre es für immer.
Nur die alte Bronzeuhr
auf der Kommode fährt fort, düsterer und
verdrossener denn je in diesem dunklen
Warten ohne Ende von der Zeit zu reden.
* * *
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LUIGI PIRANDELLO 1867 - 1936 -
Novellen
Der Freudensprung - (La rallegrata - 1922) |
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Erstveröffentlichung im
Corriere della Sera vom 26.
Oktober 1913.
Keine wesentlichen
Varianten.
aus dem Italienischen von Michael
Rössner
Kaum war der Stallmeister, noch heftiger fluchend
als gewohnt, fortgegangen, wandte sich Fofo an Nero,
seinen Nachbarn an der Futterkrippe, der neu war,
und seufzte:
"Ich habe verstanden! Schabracken, Schleifen und
Federbüsche. Na, du fängst gut an, mein Lieber!
Heute ist es erster Klasse."
Nero wandte den Kopf nach der anderen Seite. Er
schnaubte nicht, denn er war ein wohlerzogenes Pferd.
Aber er wollte keine Vertraulichkeiten mit diesem
Fofo.
Er kam schließlich aus einem fürstlichen Stall, wo
man sich in den Wänden spiegeln konnte.
Futterkrippen aus Buchenholz in jeder Box,
Messingglöckchen, lederbezogene Querstangen und
Pfeiler mit blitzenden Knöpfen darauf.
Tja!
Der junge Fürst, der nun ganz diesen lärmenden
Karossen ergeben war, die - Pardon: Gestank -
verursachen, aber auch Rauch hinten rausblasen und
ganz allein davoneilen, dem genügte es nicht, daß er
sich dreimal schon ums Haar damit den Hals gebrochen
hätte; gleich nachdem die alte Fürstin von der
Lähmung befallen worden war (die hatte ja von diesem
Teufelszeug nie etwas wissen wollen, Gott segne sie
dafür!), hatte er sich beeilt, ihn und Corbino, die
letzten, die im Stall zurückgeblieben waren, um den
gemütlichen Landauer der Mutter zu kutschieren,
loszuwerden.
Armer Corbino, wer weiß, wo er gelandet war, nach so
vielen Jahren ehrenhaften Dienstes!
Der gute Giuseppe, der alte Kutscher, hatte ihnen
versprochen, er würde ein gutes Wort für sie
einlegen, wenn er zusammen mit den anderen treuen
alten Dienstboten der Fürstin, die nun auf ewig an
den Lehnstuhl gefesselt war, seine Aufwartung machte,
um ihr die Hand zu küssen.
Ach was! Nach der Art zu schließen, mit der der gute
Alte, als er wenig später zurückgekehrt war, ihnen
den Nacken und die Flanken streichelte, hatten sie
einer wie der andere gleich begriffen, daß alle
Hoffnung verloren und ihr Schicksal besiegelt war.
Sie würden verkauft werden.
Und tatsächlich...
Nero verstand noch immer eigentlich nicht, wo er
hingeraten war. Ganz schlecht hatte er es nicht
getroffen. Natürlich war es nicht der Stall der
Fürstin. Aber ein guter Stall war das hier auch.
Mehr als zwanzig Pferde, alle dunkel und alle schon
ein bißchen alt, aber gut aussehend, würdig und voll
eindruckgebietenden Ernstes. Tja, Ernst hatten sie
vielleicht sogar zuviel!
Daß die anderen begriffen, zu welchem Behufe sie
hier Dienst taten, da hatte Nero so seine Zweifel.
Es schien ihm, als dächten sie alle im Gegenteil
ohne Unterlaß darüber nach, ohne doch je auf einen
grünen Zweig zu kommen. Dieses langsame Schaukeln
der buschigen Schweife, dieses Scharren der Hufe von
Zeit zu Zeit... das waren sicher nachdenkliche
Pferde.
Nur dieser Fofo war sicher, überaus sicher, er hätte
alles ganz und gar verstanden.
Ein vulgäres und eingebildetes Tier!
Ein Militärklepper, nach drei Dienstjahren
ausgegliedert, weil - wie er erzählte - ein Rüpel
von einem abruzzesischen Kavalleristen ihn
zuschanden geritten hatte - und jetzt redete er in
einem fort.
Nero, der in seinem Herzen noch großen Kummer über
den Verlust seines alten Freundes trug, konnte ihn
einfach nicht ertragen. Am ärgsten fand er diese
Vertraulichkeit im Umgang, und dann dieses ständige
Schimpfen über die Stallgefährten.
Mein Gott, was für eine Lästerzunge!
Von zwanzig Pferden blieb nicht ein einziges
verschont! An einem war dies, am anderen jenes
auszusetzen.
"Der Schweif... na sieh doch nur mal her, bitte, ob
das wirklich ein Schweif sein soll! Ob man so einen
Schweif bewegen darf! Welches Feuer, hm?
- Na, das ist das Pferd eines Arztes, das sag ich
dir.
- Und da, da drüben, na sieh dir mal diesen hübschen
kalabresischen Ackergaul an, mit welcher Grazie er
seine Schweinsohren umlegt. Und was für eine
herrliche Mähne! Was für eine schöne Kinngrube! Na,
der ist auch ziemlich feurig, was meinst du?
- Alle Augenblicke vergißt er, daß er ein Wallach
ist, und will es am liebsten mit der Stute da drüben
treiben, drei Boxen weiter rechts, siehst du sie?
Mit dem Kopf einer alten Mähre, vorne niedrig gebaut,
der Bauch hängt ihr fast bis zur Erde.
- Was, das soll eine Stute sein? Eine Kuh ist das,
sage ich dir! Und wenn du wüßtest, wie die mit
schulmäßigem Tritt marschiert! Sieht aus, als würde
sie sich die Hufe verbrennen, wenn sie den Boden
berührt. Und dabei heimst sie Schmeicheleien ein,
mein Freund, ich sag dir's! Naja, sie ist noch grün
ums Maul. Sie muß noch die Straßenecken abschneiden,
stell dir vor!"
Vergeblich zeigte Nero in jeder nur möglichen Weise
diesem Fofo, daß er nicht mehr zuhören wollte. Fofo
begann immer mehr gegen die anderen zu wüten.
Um ihn zu ärgern natürlich.
"Weißt du, wo wir sind? In einem
Transportunternehmen. Da gibt es viele Arten davon.
Unseres heißt Bestattungsinstitut.
- Weißt du, was Bestattungsinstitut bedeutet? Es
bedeutet, daß man einen schwarzen, seltsam geformten
Wagen zieht, sehr hoch, mit vier Säulen, die einen
über und über mit Borten, Paramenten und
Goldverzierungen geschmückten Baldachin tragen. Mit
einem Wort, einen ordentlichen Luxuswagen. Aber das
Ganze ist vergeudet, ob du's glaubst oder nicht!
Alles vergeudet, denn einsteigen tut nie einer.
- Nur der Kutscher, todernst, auf den Bock.
- Und es heißt langsam gehen, immer nur im Schritt.
Tja, da ist keine Gefahr, daß du schwitzt und sie
dich bei der Rückkehr abreiben, oder daß der
Kutscher dir je eins mit der Peitsche überzieht oder
dich sonst irgendwie antreibt!
- Langsam - langsam - langsam.
- Wo du ankommen sollst, da kommst du immer noch
früh genug an.
- Und dieser Wagen - das hab' ich sehr wohl
verstanden - der muß für die Menschen Gegenstand
einer besonderen Verehrung sein.
- Wie ich dir schon gesagt habe: niemand will auf
ihn aufsteigen. Alle ziehen, kaum daß sie ihn vor
einem Haus stehen sehen, so gewisse, angstvolle
Gesichter; einige umringen ihn mit brennenden
Kerzen; und dann, kaum, daß wir uns in Bewegung
setzen, schreitet eine ganze Menge von ihnen
mucksmäuschenstill hinterdrein.
- Oft geht vor uns auch noch eine Musikkapelle. Eine
Kapelle, mein Lieber, die spielt so eine gewisse
Musik, die reißt dir die Eingeweide aus dem Leib.
- Übrigens, hör mal gut zu, du hast die üble
Angewohnheit zu schnauben und den Kopf zu sehr hin
und her zu werfen. Also diese Mätzchen mußt du dir
wieder abgewöhnen. Wenn du schon ohne jeden Grund
schnaubst, was wird dann erst sein, wenn du diese
Musik anhörst!
- Unser Dienst ist eher ruhig, das bestreitet
keiner; aber es braucht Gefaßtheit und Feierlichkeit
dafür. Kein Schnauben, kein Scharren. Ist schon mehr
als genug, wenn sie dir zugestehen, dann und wann
kaum merklich den Schweif hin- und herzubewegen.
- Denn der Wagen, den wir ziehen, ich sag dir's noch
einmal, der ist Gegenstand einer besonderen
Verehrung. Du wirst sehen, alle nehmen den Hut ab,
wenn sie uns vorüberkommen sehen.
- Weißt du, wann ich begriffen habe, daß es sich um
ein Transportunternehmen handeln muß? Ich habe es
erschlossen, und zwar aus folgender Geschichte:
- Vor etwa zwei Jahren stand ich mit einem unserer
geschlossenen Wagen vor dem großen Eisentor, das
unser ständiges Fahrtziel ist.
- Das wirst du noch kennenlernen, dieses große
Eisentor! Dahinter sind viele schwarze, spitz
aufragende Bäume, die in zwei unendlichen Reihen
kerzengerade aufragen, und zu beiden Seiten dieser
Bäume wunderschöne grüne Wiesen mit vielen fetten
Gräsern - auch verschwendet, denn wehe, wenn du mal
im Vorübergehen die Lippen danach ausstreckst.
- Na gut. Ich stand da also still, da kommt
plötzlich mein alter Kamerad aus dem Militärdienst
neben mich zu stehen, ziemlich schlimm
heruntergekommen: er zog, stell dir nur vor, einen
eisenbeschlagenen Wagen, einen von diesen langen,
niedrigen, ohne Federung. Er sagt zu mir:
- Siehst du mich? Ach Fofo, ich kann nicht mehr!
- "Was hast du für einen Dienst?", frag' ich ihn.
Und er darauf: "Kistenführen, den ganzen Tag, von
einem Transportunternehmen zum Zoll."
- "Kisten?", frag' ich. "Was für Kisten?"
- "Schwere Kisten!", antwortet er. "Kisten voll mit
Zeug, das verschickt werden soll."
- Das war für mich eine Offenbarung. Denn du mußt
wissen, so eine ganz lange Kiste transportieren wir
auch. Sie schieben sie ganz sachte (immer alles
ganz, ganz sachte) von hinten auf unseren Wagen; und
während sie diese Operation vornehmen, entblößen die
Leute ringsum das Haupt und blicken ganz verstört.
Wer weiß, warum! Aber natürlich, wenn wir auch
Kisten führen, dann müssen wir wohl auch ein
Transportunternehmen sein, was meinst du?
- Was zum Teufel mag in dieser Kiste drinnen sein?
Ein Gewicht hat die, na, das möchte man nicht
glauben. Ein Glück, daß wir immer nur eine auf
einmal führen.
- Na, sicher ist es auch so ein Zeug, das verschickt
werden soll. Was für ein Zeug das ist, weiß ich
allerdings nicht. Es scheint aber sehr wertvoll zu
sein, denn der Transport geschieht voller Pomp und
mit großer Begleitung.
- Nach einer gewissen Zeit bleiben wir meistens
(nicht immer) vor einem prunkvollen Bau stehen; das
ist vermutlich das Zollamt, das für unsere
Transporte zuständig ist. Aus dem Tor kommen so
gewisse Leute in einer schwarzen Soutane und mit
Hemdchen darüber (das sind, glaube ich, die
Zöllner); die Kiste wird vom Wagen heruntergehoben;
alle entblößen wieder den Kopf; und die Zöllner
zeichnen ihr Laissez-passer auf die Kiste.
- Wo dann das ganze wertvolle Zeug hinkommt, das wir
transportieren, das, siehst du, das habe ich noch
nicht herausfinden können. Aber ich habe so einen
gewissen Zweifel, daß die Menschen das selbst auch
nicht so genau wissen, und damit tröste ich mich.
- Natürlich, die prächtige Ausführung der Kisten und
der festliche Pomp könnten einen glauben machen, die
Menschen müßten etwas über diese Transporte wissen.
Aber ich sehe andererseits, wie unsicher und
verstört sie sind. Und aus meinem langen Umgang mit
ihnen habe ich das gelernt, mein Lieber: die
Menschen tun so viele Dinge, ohne auch nur im
geringsten zu wissen, weshalb."
Wie es sich Fofo an jenem Morgen bei dem Fluchen des
Stallmeisters ausgemalt hatte: Schabracken,
Schleifen, Federbüsche. Im Viergespann. Na, das war
wirklich erster Klasse.
"Siehst du? Hab ich's dir nicht gesagt?"
Nero fand sich neben Fofo an die Deichsel gespannt.
Und Fofo fuhr natürlich fort, ihm mit seinen ewigen
Erklärungen auf die Nerven zu fallen.
Aber an diesem Morgen war Fofo selbst
etwas auf die Nerven gefallen: die
Unverschämtheit des Stallmeisters, der
ihn im Viergespann immer an die Deichsel
spannte und nie in den Vorspann nahm.
"Ein Hund ist das! Denn die zwei da vor
uns, das weißt du ja, die sind ja nur
Komparserie. Ziehen sollen die? Einen
Dreck ziehen sie! Wir ziehen allein. Es
geht ja so langsam dahin! Na, für die
ist das nur ein hübscher Spaziergang in
Galaaufmachung, um sich die Beine zu
vertreten. Und sieh mal, was für miese
Typen mir da vorgezogen werden! Siehst
du sie?"
Es handelte sich um die beiden
Schwarzen, die Fofo als Arztpferd und
kalabresischen Klepper abqualifiziert
hatte.
"Dieser miese Kalabreser! Na, den hast
zum Glück du vor dir! Na, du wirst's ja
riechen, mein Lieber, du wirst's schon
merken, daß er die Ohren nicht das
einzige sind, was er vom Schwein hat,
und dann wirst du dem Stallmeister
danken, daß er seinem Protektionskind
stets die doppelte Ration Hafer gibt.
Glück muß man haben in dieser Welt,
nicht schnauben! Jetzt schon fängst du
damit an? Ruhig halten, den Kopf! He,
wenn du dich so aufführst, mein Lieber,
dann wirst du dir vor lauter Zügelreißen
heute noch ein blutiges Maul holen, das
sag' ich dir. Heute gibt's auch noch
Reden. Na, du wirst sehen, wie schön das
ist. Eine Rede, zwei Reden, drei Reden...
Einmal hab'ich sogar eine
Erste-Klasse-Fahrt mit fünf Reden erlebt!
Zum Aus-der-Haut-fahren ist das. Drei
Stunden stillstehen, mit diesem ganzen
Firlefanz rundherum, der dir den Atem
raubt: die Beine gefesselt, den Schweif
eingesperrt, die Ohren in zwei Löchern
steckend. Was das ist, Reden? Tja!
Ehrlich gesagt habe ich da nicht viel
Ahnung. Diese Transporte erster Klasse
müssen wohl besonders kompliziert sein.
Und mit diesen Reden geben sie
vielleicht die notwendigen Erklärungen
dazu. Eine allein genügt nicht, also
halten sie zwei. Und zwei genügen nicht,
also müssen es drei sein. Manchmal
werden sogar fünf gehalten, wie ich dir
eben erzählt habe; ich bin da dabei
gewesen, und es überkam mich, daß ich am
liebsten nach allen Seiten ausgeschlagen
hätte, um mich dann auf dem Boden zu
wälzen wie ein Verrückter. Vielleicht
ist es heute genauso. Ja, große Gala!
Hast du den Kutscher gesehen, wie auch
der sich herausgeputzt hat? Und dann
sind auch die Diener dabei, die
Fackelträger. Sag, bist du
geruchsanfällig?"
"Ich verstehe nicht."
"Na, hör mal, ob du leicht scheu wirst.
Denn du wirst gleich sehen, die
brennenden Kerzen, die halten sie dir
direkt unter die Nase... Sachte, hee...
sachte! Was ist denn in dich gefahren?
Siehst du? Ein erster Riß am Zügel...
Hat's weh getan? Na, da wirst du heute
noch einige davon einheimsen, das sag
ich dir. Ja, was tust du denn? Bist du
verrückt geworden? Streck doch den Hals
nicht so heraus! (Na bravo, Schätzchen,
willst du schwimmen? Spielst du
Fingerzählen?). Halt doch still... Ja,
siehst du? Da hast du noch ein paar...
Hee, sag ich, paß auf, jetzt reißt er
mich auch noch am Maul deinetwegen! Ja,
der ist doch übergeschnappt! Gott, mein
Gott, der ist tatsächlich
übergeschnappt! Der prustet, wiehert,
schnaubt, bäumt sich auf, was ist denn?
Ja, sieh mal, was für ein Freudensprung.
Der ist übergeschnappt! Total
übergeschnappt! Tut doch glatt einen
Freudensprung, während er einen Wagen
erster Klasse zieht!"
Nero erschien tatsächlich wie
übergeschnappt: er schnaubte, wieherte,
stampfte, und zitterte am ganzen Leib.
In höchster Eile mußten die Diener vom
Wagen springen, um ihn vor dem Tor des
Palais, vor dem sie halten solten, zum
Stehen zu bringen, inmitten einer
prächtig herausgeputzten Menschenmenge
in langen Röcken und Zylinderhüten.
"Was ist da los?", riefen die Leute von
allen Seiten. "Oh, sieh doch, eines der
Pferde des Leichenwagens scheut!"
Und alle umringten in hellem Aufruhr den
Wagen, neugierig, verwundert, entsetzt.
Den Dienern gelang es noch immer nicht,
Nero zu beruhigen. Der Kutscher war
aufgesprungen und zerrte wütend an den
Zügeln. Vergeblich. Nero fuhr fort zu
stampfen und zu wiehern, er wimmerte,
den Kopf gegen das Portal des Palais
gewandt.
Er beruhigte sich erst, als aus diesem
Portal ein alter Diener in Livrée
herauskam, der die
Bestattungsangestellten beiseiteschob,
ihn am Zügel packte und sogleich, kaum
daß er ihn erkannt hatte, mit Tränen in
den Augen ausrief:
"Aber das ist ja Nero! Das ist Nero!
Ach, mein armer Nero, kein Wunder, daß
du dich so aufführst! Das Pferd der
Gnädigen Frau! Das Pferd der armen
Fürstin! Es hat ihr Palais
wiedererkannt, es riecht den Geruch
seines Stalles. Armer Nero, armer
Nero... brav, brav... so, siehst du? Ich
bin's ja, dein alter Giuseppe. Sei schön
brav, ja... Armer Nero, gerade du mußt
sie fahren, siehst du: deine Herrin. Du
mußt es tun, mein Armer, der du dich
noch an sie erinnerst. Aber sie wird
sich freuen, daß du sie auf ihrem
letzten Weg ziehst."
Dann wandte er sich an den Kutscher,
der, außer sich über den schlechten
Eindruck, den sein
Bestattungsunternehmen vor all diesen
Herrschaften machte, weiterhin wütend an
den Zügeln riß und mit der Peitsche
drohte, und rief ihm zu: "Schluß jetzt!
Hör auf! Ich halte ihn schon zurück. Er
ist ja sanft wie ein Lamm. Setz dich
hin. Ich werde ihn während der ganzen
Fahrt führen. Gehen wir miteinander,
was, Nero? Unsere gute Gnädige Frau
abliefern. Schön sachte, wie gewohnt,
was? Und du wirst brav sein, um ihr
nicht weh zu tun, armer alter Nero, der
du dich noch an sie erinnerst. Sie haben
sie schon in der Kiste eingeschlossen.
Jeden Moment werden sie sie
heruntertragen.
Fofo, der auf der anderen Seite der
Deichsel lauschte, warf an dieser Stelle
die verblüffte Frage ein:
"Im Sarg liegt deine Herrin?"
Nero versetzte ihm einen Huftritt von
der Seite.
Aber Fofo war zu sehr in seine neue
Erkenntnis versunken, um ihm das übel zu
nehmen.
"Ja, dann", fuhr er, zu sich selbst
gewandt, fort: "Ja, dann also tun wir...
sieh mal, sieh mal an... ich wollte es
doch gleich schon sagen... Dieser Alte
weint; so viele andere habe ich schon
weinen gesehen, bei anderen
Gelegenheiten... und so viele
erschrockene Gesichter... und diese
traurige Musik. Jetzt begreife ich
alles, alles begreife ich... Deshalb ist
also unser Dienst so langsam! Nur wenn
die Menschen weinen, können wir fröhlich
sein und uns erholen..."
Und er hatte gute Lust, nun seinerseits
einen Freudensprung zu tun.
* * *
©
Michael Rössner.
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LUIGI PIRANDELLO 1867 - 1936 -
Novellen
Der großen Verblichenen -
(L' illustre estinto – 1928)
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Erstveröffentlichung in der
Zeitschrift La lettura
vom November 1909. Keine
wesentlichen Varianten bekannt.
aus dem Italienischen von Michael
Rössner
I.
Im Bett aufgesetzt, damit das Asthma
ihn nicht ersticke, kraftlos hingesunken auf die
aufgetürmten Kissen blickte der Herr Abgeordnete
Costanzo Ramberti durch die halbgeschlossenen,
angeschwollenen Lider auf den Sonnenstrahl, der zum
Fenster hereindrang, sich auf seinen Beinen
ausbreitete und dort den Flaum eines grauen
Wollschals mit schwarzen Karos vergoldete.
Er fühlte sich sterben; er wußte,
daß es für ihn keine Rettung mehr gab, er hatte sich
bereits ganz in sich zurückgezogen, verbot sich
selbst, den Blick weiter als bis zu den Enden des
Bettes durch das Zimmer schweifen zu lassen; nicht
einmal so sehr deshalb, weil er sich ganz auf den
Gedanken des unmittelbar bevorstehenden Endes
konzentrieren wollte, als vielmehr aus Furcht, wenn
er den Blick auch nur ein bißchen weiter schweifen
ließe, könnte ihn der Anblick der Gegenstände
ringsumher ihn mit einem gewissen Bedauern zu den
Beziehungen zurückrufen, die ihn noch mit dem Leben
verbinden mochten, und die der Tod binnen kurzer
Zeit endgültig abschneiden würde.
Solcherart in sich versammelt, klein
geworden in diesen übermäßig engen Grenzen, fühlte
er sich sicherer, geschützter, beinahe geborgen. Und
wenn er so seine ganze Konzentration auf die
Betrachtung der nichtigsten Dinge aufwendete, der
feinen, zu Löckchen gekrümmten und von der Sonne
vergoldeten Wollfäden dieses Schals, dann genoß er
solcherart die Länge der Zeit, all seiner Zeit, die
nur noch Stunden betragen mochte, oder auch noch
einen oder den anderen Tag; zwei oder drei;
vielleicht auch - allerhöchstens - noch eine Woche.
Aber wenn eine Minute unter diesen Winzigkeiten so
langsam verstrich, hm, dann hätte er ja noch Zeit,
des ganzen müde zu werden - jawohl, geradezu müde zu
werden - wenn es eine Woche dauerte. Auf diese Weise
ging eine Woche ja nie zu Ende!
Die Müdigkeit jedoch, die er bereits
zu spüren begann, die hatte nichts mit diesem Dehnen
der Zeit zwischen den Härchen seines Schals bis hin
zur Ewigkeit zu tun: sie war das Resultat seiner
Anstrengungen, sich am Denken zu hindern.
Ja, woran wollte er denn noch
denken? An seinen Tod? Eher schon... ja, das war's:
Er hätte sich all das ausmalen können, was danach
passieren würde. Ja, auch das wäre ein Weg gewesen,
zu verhindern, daß - wenigstens für seine verwirrten
Gedanken, denen die Tröstung der Religion ermangelte
- das Leben mit einem Mal - und binnen kurzer Frist
- sich wie in Nichts auflöste; eine Methode, noch
ein wenig hierzubleiben, für kurze Zeit, vor den
Augen der anderen wenigstens, wenn schon nicht vor
den eigenen.
Und der Abgeordnete Costanzo
Ramberti war mutig genug, sich selbst tot vor sich
zu sehen, so wie die anderen ihn sehen würden; so
wie er so viele andere gesehen hatte: tot und steif,
hier auf diesem Bett; die Füße zusammengekrampft, in
den zu engen Lackschuhen; wachsbleich im Gesicht und
eiskalt, die Hände fast zu Stein geworden; würdevoll
und... aber ja, auch elegant, in seinem schwarzen
Anzug, unter den vielen Blumen, die rund um seinen
Körper und auf dem Kissen aufgelegt waren.
Der Frack mußte dort im Koffer
liegen, zusammen mit der neuen Uniform, dem Degen
und dem Minister-Zweispitz.
Einstweilen zog er die Füße an und
betrachtete sie, um einmal die Probe zu machen. Er
fühlte etwas wie ein Kitzeln am Bauch; er hob eine
Hand und strich sich die Haare auf dem Kopf glatt,
dann zupfte er an seinem rötlichen, über dem Kinn
geteilten Bart. Er dachte, wenn er einmal tot wäre,
würde ihm sein Privatsekretär diesen Bart kämmen und
die wenigen Haare auf dem Kopf frisieren, der
Cavaliere Spigula-Nonnis, der ihn seit so vielen
Tagen und Nächten betreute, der arme Kerl, mit
ergebener Zuneigung, ohne ihn auch nur einen
Augenblick allein zu lassen, ganz verzweifelt, am
Fußende des Bettes stehend, weil er ihm in keiner
Weise seine Leiden erleichtern konnte.
Aber er half ihm doch auch, der
Cavaliere Spigula-Nonnis, ohne es zu wissen: er half
ihm, in Würde zu sterben, wie ein Philosoph. Wäre er
allein gewesen, hätte er vielleicht begonnen zu
toben, zu weinen, in verzweifelter Wut zu schreien;
mit dem Cavaliere Spigula-Nonnis am Fußende seines
Bettes, der ihn "Exzellenz" titulierte, ließ er sich
keinen lauten Atemzug entschlüpfen: er starrte
aufmerksam, beinahe verwundert, vor sich hin, ein
leises Lächeln auf den Lippen.
Ja, die Gegenwart dieses armseligen,
spindeldürren, kurzsichtigen Menschen hielt ihn
noch an einem nun schon sehr dünn gewordenen Faden
auf der Bühne, in seiner Rolle, bis zum letzten
Atemzug. Innerlich verzweifelte er vor Angst und
Schreck angesichts dieses gar so dünnen Fadens, denn
er konnte gar nicht anders als die Nichtigkeit und
Vergeblichkeit dieser Anstrengung zu empfinden, mit
der sich seine ganze Seele daran klammerte, in
alledem sehr ähnlich der Verzweiflung, die er so oft
mit grausamer Neugier bei irgendeinem Tierchen im
Todeskampf beobachtet hatte, bei einem ins Wasser
gefallenen Insekt etwa, das sich an ein schwimmendes
Flöckchen oder Härchen zu klammern versuchte.
All diese Dinge, mit denen er die
Leere ausgefüllt hatte, in der ihm nun das Leben vor
den Augen schwirrte, waren in der Person des
Cavaliere Spigula-Nonnis verkörpert: seine
Autorität, sein Ansehen, eitle Dinge, die er zu
verlieren begann, die keinen Wert mehr besaßen, die
aber aus der Leere, die ihn binnen kurzem
verschlucken würde, hervorstachen wie Traumlarven,
Winzigkeiten des Lebens, die noch für kurze Zeit
nach seinem Tod, das konnte er voraussehen, um ihn
herumtanzen würden, um sein Bett, um seine Bahre.
Dieser Cavaliere Spigula-Nonnis
würde ihn also waschen, ankleiden und kämmen,
liebevoll, aber doch mit einem gewissen Anflug von
Ekel. Ekel empfand übrigens auch er bei dem
Gedanken, daß sein Fleisch, sein nackter Körper von
den großen, knochigen Händen dieses Mannes berührt
und von ihm angeschaut werden sollte. Aber andere
Menschen hatte er nicht: keinen einzigen Verwandten,
weder nah noch entfernt. Er starb allein, wie er
stets gelebt hatte; allein, in dieser hübschen Villa
in Castel Gandolfo, die er in der Hoffnung gemietet
hatte, nach zwei bis drei Monaten der Erholung würde
er wieder ganz zu Kräften kommen. Er war doch kaum
fünfundvierzig Jahre alt!
Aber er hatte sich eben selbst
umgebracht, wie ein Vieh, mit eigenen Händen; er
selbst hatte sich den Lebensfaden durchgeschnitten,
vor lauter Arbeitswut und starrsinnigem, erbittertem
Kampf. Und als es ihm endlich gelungen war, den Sieg
zu fassen zu kriegen, da trug er den Tod schon im
Leibe, den Tod, der sich schon seit einer ganzen
Weile in seinen Körper eingeschlichen hatte. Als er
zum König gegangen war, um den Eid zu leisten; als
er, nach außen hin in gefaßter Betroffenheit,
innerlich aber jauchzend, die Glückwünsche seiner
Kollegen und der Freunde entgegengenommen hatte,
trug er den Tod im Leib und wußte es nicht. Vor zwei
Monaten, eines Abends, hatte dieser unversehens
einmal nach seinem Herzen gegriffen und zugedrückt,
ihn röchelnd mit dem Kopf auf seinem
Ministerschreibtisch im Ministerium für öffentliche
Arbeiten zurücklassend.
Alle Zeitungen der Opposition, die
sich so böse über seine Ernennung ausgelassen hatten
und sie als unverschämte Günstlingswirtschaft des
Ministerpräsidenten abgetan hatten, würden nun bei
dem Bericht über seinen viel zu frühen Tod
vielleicht seine Verdienste berücksichtigen, seine
langen und geduldig vorangetriebenen Studien, seine
ständige, einzige, alles andere absorbierende
Leidenschaft für das Gemeinwesen, die Begeisterung,
die er stets bei der Erfüllung seiner Pflichten als
Abgeordneter und später für kurze Zeit als Minister
an den Tag gelegt hatte. Tja! Derartige Trostworte
kann man ruhig einem spenden, der uns verlassen hat,
und das umso mehr, als die Freundschaft, die
berühmte Protektion des Ministerpräsidenten nicht so
weit gegangen waren, daß er ihm auch noch die Gunst
gewährt hätte, wenigstens als Minister zu sterben.
Sofort nach diesem Schlaganfall hatte man ihm in
schön verklausulierter Form zu verstehen gegeben,
daß es wohl angebracht wäre - nun, natürlich nur aus
Rücksicht auf seine Gesundheit, nichts weiter - von
seinem Amt zurückzutreten.
So würde also nicht einmal für die
der Regierung nahestehenden Blätter sein Tod eine
"regelrechte Staatstrauer" bedeuten. Aber jedenfalls
würde er für alle ein "großer Verblichener" sein,
das wohl, ohne jeden Zweifel. Und alle würden sein
"viel zu frühes Heimgehen" bedauern, durch das er
"aus der vollen Blüte eines Lebens gerissen wurde,
in dem er dem Vaterland sicher noch viele große und
wertvolle Dienste hätte leisten können", usw. usf.
Vielleicht würden, angesichts der
örtlichen Nähe und der kurzen Zeit, die seit seinem
Ausscheiden aus dem Ministeramt verstrichen war,
Seine Exzellenz der Ministerpräsident und seine
ehemaligen Ministerkollegen sowie die
Staatssekretäre und viele befreundete Abgeordnete
aus Rom kommen und ihn tot da liegen sehen, in
diesem Zimmer, das der Bürgermeister des Ortes, um
sich Anerkennung zu sichern, gemeinsam mit dem
Cavaliere Spigula-Nonnis in eine Aufbahrungshalle
verwandeln würde, mit Lorbeerbaumkistchen und
anderen Pflanzen, Blumen und Kerzenleuchtern. Alle
würden mit entblößtem Haupt eintreten, an der Spitze
der Ministerpräsident: sie würden ihn eine Zeitlang
betrachten, stumm, beklommen, bleich, mit dieser vom
instinktiven Schauer gebremsten Neugier, die er
selbst so oft vor so vielen anderen Toten empfunden
hatte. Ein feierlicher und berührender Augenblick.
"Armer Ramberti!"
Und dann würden sich alle nach
drüben zurückziehen, um zu warten, bis man ihn in
dem bereitstehenden Sarg eingeschlossen hätte.
Valdana, seine Geburtsstadt,
Valdana, das ihn seit fünfzehn Jahren immer wieder
zum Abgeordneten des Wahlkreises bestimmte, Valdana,
die Stadt, für die er so viel getan hatte, würde
sicherlich seine sterblichen Überreste für sich
beanspruchen. Und der Bürgermeister von Valdana
würde sich mit zwei oder drei Stadträten einfinden,
um dem Leichnam das Geleit zu geben.
Die Seele... tja, die Seele wäre da
wohl schon eine geraume Zeit fort, und wer weiß wo
angekommen...
Der Abgeordnete Costanzo Ramberti
kniff die Augen zusammen. Er versuchte sich an eine
alte Definition der Seele zu erinnern, die ihm sehr
gefallen hatte, als er noch Student der Philosophie
an der Universität war: "Die Seele ist jene Essenz,
die in uns Bewußtsein von sich selbst und der außer
uns befindlichen Dinge gewinnt". Jawohl. So war
es... Es war die Definition eines deutschen
Philosophen.
"Was für eine Essenz?", dachte er
nun. "Was soll das heißen? Dieses gewisse Ding, "das
ist", unleugbar ist, und um dessentwillen ich,
solange ich am Leben bin, mich von meinem Ich nach
dem Tod unterscheide. Das ist klar! Aber ist diese
Essenz in mir für sich selbst da oder nur insoferne
es mich gibt? Zwei ganz verschiedene Fälle. Ist sie
für sich da, und wird sie nur in mir ihrer selbst
bewußt, wird sie dann außerhalb meines Ich kein
Bewußtsein mehr haben? Und was wird sie dann also
sein? Etwas, was ich nicht bin, was sie selbst nicht
ist, solange sie in mir steckt. Einmal
hinausgetreten, wird sie sein, was sie sein wird...
wenn sie noch sein wird! Denn es gibt ja noch die
andere Möglichkeit: nämlich, daß sie nur ist,
insoferne auch ich bin; so daß also, wenn ich einmal
nicht mehr da bin..."
"Cavaliere, einen Schluck Wasser,
bitte..."
Der Cavaliere Spigula-Nonnis sprang
in die Höhe und richtete sich zu seiner ganzen Länge
auf. Er schüttelte die Müdigkeit aus den Gliedern,
reichte ihm das Glas Wasser und fragte besorgt:
"Exzellenz, wie fühlen Sie sich?"
Der Abgeordnete Costanzo Ramberti
trank zwei Schluck: dann reichte er ihm das Glas
zurück, lächelte seinen Sekretär blaß an, schloß
wieder die Augen und seufzte: "Soso..."
Wo war er stehen geblieben? Er mußte
also nach Valdana fahren. Die Leiche... Ja, es war
besser, sich nur an die Leiche zu halten. Nun gut:
sie packten sie am Kopf und an den Füßen an. In dem
Sarg war bereits ein mit Sublimatwasser getränktes
Leintuch aufgelegt, in das würden sie die Leiche
einhüllen. Und dann der Spengler... Wie hieß bloß
dieses lärmende Gerät mit der bläulichen Feuerzunge?
Da war die Zinkplatte, die auf den Sarg geschweißt
werden mußte; da der Deckel, den es anzuschrauben
galt...
An diesem Punkt sah der Abgeordnete
Costanzo Ramberti sich selbst im Sarg nicht mehr. Er
blieb draußen und sah den Sarg, so wie andere ihn
sehen würden: ein schöner Sarg aus Kastanienholz, in
der geschwungenen Form einer Urne, glattpoliert, mit
vergoldeten Beschlägen. Das Begräbnis und der
Transport würden sicherlich auf Staatskosten gehen.
Und da, nun wurde der Sarg auch
schon hochgehoben: er durchquerte die Zimmer, glitt
die Treppen der Villa hinunter, bewegte sich durch
den Garten, gefolgt von allen Kollegen, wiederum mit
entblößtem Kopf und mit dem Ministerpräsidenten an
der Spitze; er wurde in den Wagen der
Gemeindeverwaltung geschoben, inmitten der
ängstlichen und ehrfürchtigen Neugier der gesamten
Bevölkerung, die zu diesem seltenen Schauspiel
zusammengeströmt war.
Und auch hier ließ der Abgeordnete
Ramberti den Sarg in den Wagen schieben und blieb
draußen, um dem Wagen zuzusehen, der sich in der
Begleitung so vieler Leuten langsam und feierlich
vom Ort zur Eisenbahnstation hinunterbewegte. Ein
Waggon wartete schon, einer von denen mit der
Aufschrift Pferde 8, Menschen 40, mit dem
Aufbau aus vernagelten Brettern, in dem sollte der
Sarg eingeschlossen werden. Der Abgeordnete Costanzo
Ramberti sah, wie sein Sarg aus dem Wagen geholt
wurde und folgte ihm auf den schmucklosen, staubigen
Waggon, der sicherlich in Rom noch herausgeputzt und
mit allen Kränzen geschmückt werden würde, die der
König und die Regierung, die Gemeinde Valdana und
alle Freunde schicken würden. Abfahrt!
Und der Abgeordnete Costanzo
Ramberti folgte dem Zug, dessen letzter Waggon
seinen Sarg transportierte, über eine sehr, sehr
weite Strecke, bis zur Station Valdana; auch hier
war der Bahnhof mit Schaulustigen überfüllt. Da
waren sie ja, einer nach dem anderen, seine
treuesten und engsten Freunde, die Provinzräte und
Stadträte, einige ein wenig plump wirkend in dem
ungewohnten schwarzen Anzug oder mit dem Zylinder
auf dem Kopf. Ach, da war ja Robertelli!... ja,
natürlich!... der gute Robertelli... er weinte, er
drängte sich durch die Leute hindurch...
"Wo ist er? Wo ist er?"
Na, wo mochte er wohl sein? Da
drinnen, im Sarg, lieber Robertelli. Na, na, immer
nur einer auf einmal...
Aber der Abgeordnete Costanzo
Ramberti sah diese Szene, als läge tatsächlich nicht
er in diesem Sarg, der doch ziemlich schwer war,
jawohl, er war schwer, und das zeigten die
Magistratsbeamten deutlich, die da in Livree und
weißen Handschuhen alle Mühe hatten, ihn auf die
Schultern zu heben.
Er sah... ach, da war ja Tonni, der
immer, der Ärmste, nur für eine abgezählte Frist
Ausgang hatte, weil ihm seine wütend eifersüchtige
Frau die Minuten vorrechnete - da stand er unruhig,
ächzte, holte jeden Augenblick die Uhr aus der
Tasche, verwünschte die einstündige Verspätung, mit
der der Zug eingetroffen war, und die ihm die Frau
sicherlich nicht glauben würde. Na, laß es gut sein,
lieber Tonni, laß es gut sein. Deine Frau wird dir
eine Szene machen; aber nachher wirst du dich wieder
versöhnen. Du bleibst ja am Leben. Ins Jenseits
dagegen geht man nicht zweimal. Hättest du lieber
für deinen Freund, der dir doch so viel Gutes getan
hat, ein Begräbnis in aller Stille? Laß es ruhig mit
Pomp und Feierlichkeit sein... Siehst du? Da ist
auch der Herr Präfekt... Platz da, Platz da! Oh,
sogar der Oberst ist gekommen... Ja natürlich! Er
hatte ja auch Anrecht auf eine militärische
Begleitung. Und auch die ganzen Schulen waren
vertreten, mit den Fahnen all der verschiedenen
Institute; und wie viele Fahnen noch von allen
möglichen Vereinen! Ja, denn wenngleich er sich
tatsächlich ganz und gar den höchsten Problemen der
Staatspolitik, den brennendsten sozioökonomischen
Problemen verschrieben hatte, so hatte er doch nie
die besonderen Sorgen seines Wahlkreises vergessen,
der ihm für die vielen erwiesenen Wohltaten viel
Dankbarkeit schuldete. Und vielleicht würde Valdana
ihm diesen Dank mit einer marmornen Erinnerung am
Rathaus abstatten, oder indem man eine Straße oder
einen Platz nach ihm benannte; und einstweilen eben
mit diesem festlichen Leichenzug... in Gedanken sah
er die Hauptstraße der überall auf Halbmast
beflaggten Stadt vor sich:
VIA COSTANZO RAMBERTI.
Und die Fenster, schwarz von all den
Menschen, die auf den von acht prächtig aufgeputzten
Pferden gezogenen, mit Kränzen bedeckten Wagen
warteten. Und viele wiesen unterwegs mit dem Finger
auf den Kranz des Königs, der der schönste von allen
war. Der Friedhof lag dort unten, hinter dem Hügel,
düster und einsam. Die Pferde gingen in langsamem
Schritt, als wollten sie ihm Zeit geben, diese
letzten Ehren zu genießen, die man ihm erwies und
die sein Leben noch um ein kleines Stückchen über
das Ende hinaus verlängerten...
II.
All das malte sich der
Abgeordnete Costanzo Ramberti am
Vorabend seines Todes aus. Ein wenig
durch seine eigene Schuld, ein wenig
durch die Schuld anderer entsprach dann
die Wirklichkeit nicht im geringsten
seiner Vorstellung.
Er starb bereits in der
Nacht, man weiß nicht, ob es im Schlaf
geschah; sicher ist nur, daß es geschah,
ohne daß er damit den Cavaliere
Spigula-Nonnis störte, der, von
Müdigkeit überwältigt, auf dem Lehnstuhl
am Fußende des Bettes in einen tiefen
Schlummer gefallen war. Da wäre weiter
nichts dabei gewesen, hätte sich der
Cavaliere Spigula-Nonnis, als er gegen
vier Uhr morgens plötzlich aus dem
Schlaf aufschreckte und ihn bereits kalt
und steif vorfand, nicht so
außergewöhnlich erschüttern lassen, erst
von einem seltsamen Brummen im Zimmer,
dann von dem Vollmond, der in seinem
allmählichen Untergehen förmlich am
Himmel stehenzubleiben schien, um diesen
Toten da auf dem Bett zu betrachten,
durch die Fensterscheiben, vor denen aus
Nachlässigkeit die Läden offengeblieben
waren. Das Brummen stammte von einer
dicken Fliege, die er mit seinem
plötzlichen Auffahren aus dem Schlaf
geweckt hatte.
Als beim Morgengrauen
Bürgermeister Agostino Migneco
herbeilief, den der Diener in höchster
Eile geweckt hatte, stammelte der
Cavaliere Spigula-Nonnis: "Da war der
Mond... da war der Mond..."
Etwas anderes brachte er
nicht heraus.
"Der Mond? Was für ein
Mond?"
"Ein Mond war das... ein
Mond!"
"Na schön, der Mond war
da... aber mein Bester, nun heißt es
sofort ein Blitztelegramm an seine
Exzellenz den Parlamentspräsidenten
schicken; ein zweites an seine Exzellenz
den Ministerpräsidenten; und an den
Bürgermeister von... für welchen
Wahlkreis war Seine Exzellenz eigentlich
Abgeordneter?"
"Valdana... (Was für ein
Mond!)"
"Lassen Sie doch endlich
den Mond zufrieden! Also: an den
Bürgermeister von Valdana. Also drei,
lauter Blitztelegramme, damit die
traurige Nachricht an die Bürger
weitergegeben werden kann, verstehen
Sie? An die Wähler... Der wird alle
Hände zu tun haben, dieser
Bürgermeister! Beeilen Sie sich, um
Himmels willen! Man muß das
Telegraphenamt aufsperren! Lassen Sie
sich von einem Wachbeamten begleiten,
sagen Sie, es sei in meinem Namen. Und
dann sofort wieder hierher! Man muß ihn
so schnell wie möglich anziehen. Sehen
Sie? Die Leiche ist schon ganz starr.
Es war geradezu ein
Wunder, daß Cavaliere Spigula-Nonnis
nicht in all diese Telegramme schrieb,
was für ein Mond dagewesen war.
Eigentlich hätte
Bürgermeister Migneco, um sich Ehre
einzulegen, ja nur zu gerne eine
Aufbahrung vorbereiten lassen, vor der
alle mit offenem Mund stehen sollten,
mit einem Katafalk und allem, was dazu
gehört. Aber... in so kleinen Nestern
ging das eben nicht; nichts bekam man;
sogar geschickte Arbeiter waren nicht zu
finden. Er war in die Kirche um ein
Parament gelaufen: da gab es nur solche
in rotem Damast mit goldenem Besatz.
Wären sie doch schwarz gewesen.
Schließlich packte er vier goldene
Leuchter zusammen, uraltes Zeug aus dem
Mittelalter... Oja, Blumen schon, Blumen
und Topfpflanzen: Blumen auf dem Boden,
Blumen auf dem Bett: das ganze Zimmer
mußte voll werden damit.
Unterdessen fand sich
der Frack nicht im Koffer, und der
Cavaliere Spigula-Nonnis war gezwungen,
nach Rom zu eilen, in die kleine Wohnung
in der via Ludovisi; aber auch dort fand
er ihn nicht; er war doch im Koffer, nur
eben ganz unten. Dieser arme Mensch
hatte ja wirklich total den Kopf
verloren. Tja, er war ihm sehr
ergeben... Tränen wie ein Springbrunnen.
Aber den Frack mußte man am Rückenteil
zerschneiden (ewig schade, er war noch
ganz neu), denn die Arme des Leichnams
ließen sich nicht mehr bewegen. Und kaum
war er endlich angezogen, Herrschaften,
da hieß es auch schon wieder ausziehen
und danach wieder von vorne anziehen,
denn die Gemeinde Valdana (das schon,
das verlief so, wie Costanzo Ramberti es
sich ausgemalt hatte) sandte ein
Blitztelegramm, in dem angekündigt
wurde, die tieftrauernde Bürgerschaft
verlange einstimmig die irdische Hülle
ihres großen Vertreters, um sie mit
einem feierlichen Begräbnis zu ehren;
ein Denkmal... auch ein Denkmal! Ja,
große Dinge waren geplant, und - jawohl,
sogar ein Platz, der Postplatz, sollte
auf seinen Namen umbenannt werden - und
ein Arzt kam aus Rom, um der Leiche ein
paar Injektionen zu geben, Formalin, wie
er sagte; Bürgermeister Migneco, bei
allem schuldigen Respekt, hätte es
lieber "Deformalin" nennen wollen, denn
nach diesen Injektionen... ach, das
wachsbleiche Gesicht, die Eleganz, mit
der sich der Abgeordnete Costanzo
Ramberti im Tod dargestellt hatte! So
ein grobes Gesicht formten sie ihm
jetzt, ohne Nase, ohne Wangen, ohne
Hals, ohne alles: eine Talgkugel, das
war's. So schlimm sah er aus, daß man
sogar daran dachte, sein Gesicht unter
einem Tuch zu verstecken.
Viel mehr
Abgeordnetenkollegen, als Costanzo
Ramberti je gemeint hätte, zu seinen
Freunden zählen zu können, strömten am
nächsten Morgen nach Castel Gandolfo,
zusammen mit dem Parlamentspräsidenten,
dem Ministerpräsidenten, den Ministern
und den Staatssekretären. Sogar einige
Senatoren waren erschienen, aus dem
Kreise der weniger hochbetagten, und
natürlich ein Rattenschwanz von
Journalisten und zwei Photographen dazu.
Es war ein herrlicher
Tag.
Für Leute, die von so
vielen schweren sozialen Problemen
bedrückt, von so vielen kleinlichen
Querelen des Alltags bekümmert waren,
mußte es wohl tatsächlich wie ein Fest
wirken, dieses Eintauchen ins Blaue, in
die eben ergrünende Campagna, in die
Welt der sonnenbeschienenen römischen
Kastelle, des Sees und der Wälder in
dieser noch ein bißchen kühlen Luft, in
der doch schon ein Hauch des Frühlings
zu spüren war. Das sagten sie freilich
nicht; im Gegenteil, sie stellten ihre
Betroffenheit zur Schau, und die war
vielleicht sogar echt; aber wohl wegen
der geheimen Gewissensbisse darüber, daß
sie es trotzdem in kleinlichen,
sinnlosen Kämpfen aufgebraucht hatten
und weiter aufbrauchten, ihr so kurzes,
so wenig sicheres Erdendasein, das ihnen
doch in diesem Augenblick so teuer war,
dort, in dieser frischen, luftigen,
bezaubernden Erscheinung.
Ein gewisser Trost war
ihnen der Gedanke, daß sie es noch
genießen konnten, wenn auch nur
flüchtig, ihr Kollege dort aber nicht
mehr.
Und solcherart
getröstet, begannen sie tatsächlich nach
und nach während der kurzen Fahrt sich
fröhlich zu unterhalten, zu lachen,
dankbar gegenüber diesen fünf oder sechs
ehrlichsten unter ihnen, die als erste
die Atmosphäre der Niedergeschlagenheit
mit der einen oder anderen launigen
Bemerkung durchbrochen hatten und nun
weiterhin den Hanswurst spielten.
Dennoch trat von Zeit zu
Zeit eine Pause ein in den fröhlichen
Unterhaltungen und dem Lachen der
Reisenden, so als tauchte in den
Fenstern der aneinanderhängenden Wagen
plötzlich der Kopf Costanzo Rambertis
mahnend auf; und alle empfanden dann
fast so etwas wie Bestürzung, ein
quälendes Unbehagen, allen voran die,
die wirklich keinen Grund hatten, dabei
zu sein, außer dem Vergnügen, einen
Ausflug in großer Gesellschaft zu
unternehmen: die bekannten Gegner
Rambertis oder die, die ihn heimlich
verleumdet hatten. Diese Leute
bemerkten, daß ihre Gegenwart einen
Verstoß gegen irgend etwas darstellte.
Wogegen? Gegen die Erwartung des Toten,
die Erwartung eines Menschen, der sich
nicht mehr wehren und sie hinauswerfen
und beschämen konnte?
Ja, war das nun der
Besuch bei einem Toten oder nicht?
Wenn es einer war, na
dann! Einen Toten besucht man wirklich
nicht so, unter fröhlichem Geplauder und
Gelächter.
Alle diese Kollegen,
Freunde oder auch nicht, hatten keine
Ahnung von der Vorstellung, die sich der
arme Ramberti am Vorabend seines Todes
von diesem ihren Besuch gemacht hatte,
natürlich dem Charakter entsprechend,
den dieser hätte haben sollen, ein
Trauer-, ein Beileidsbesuch, ein
Ausdruck des Bedauerns für ihn. Davon
hatten sie keine Ahnung; aber aufgrund
der bloßen Tatsache, daß dieser Besuch
nun stattfand, konnten sie gar nicht
anders, als von Zeit zu Zeit bemerken,
daß die Art und Weise, in der er nun
stattfand, dem Anlaß nicht angemessen
war. Und diejenigen, die keine Freunde
Rambertis waren, konnten gar nicht
anders als zu bemerken, daß sie hier
überflüssig waren und ihre Gegenwart
einen Verstoß darstellte.
Kaum waren sie am
Bahnhof Castel Gandolfo ausgestiegen,
nahmen jedoch alle wieder ihre
ursprüngliche, ernste und
schmerzerfüllte Haltung an, bekleideten
sich mit der Feierlichkeit des
traurigen Augenblicks, mit der
Bedeutung, die ihnen die ehrfurchtsvolle
Menge zumaß, die sich zu ihrem Empfang
versammelt hatte.
Unter der Führung des
Bürgermeisters Migneco und seiner
Stadträte begaben sich Minister und
Abgeordnete zu Fuß und mit glühenden
Gesichtern, alle in Schweiß geraten, mit
aus den Ärmeln herausschlüpfenden
Manschetten und verdrehten Krawatten in
einer langen Reihe zur Villa Rambertis,
an der Spitze die beiden Präsidenten, zu
beiden Seiten und im Gefolge eine
riesige Volksmenge.
Diese Ankunft, dieser
Einzug in den mit Trauerfahnen
geschmückten Ort, diese Prozession waren
tatsächlich noch viel größer, als
Ramberti sie sich vorgestellt hatte. Nur
geschah ausgerechnet im feierlichsten
Augenblick, als der Parlamentspräsident,
der Ministerpräsident und alle Minister
und Staatssekretäre, die Abgeordneten
und die Menge der Neugierigen mit
entblößtem Haupt den Aufbahrungsraum
betraten, etwas, das der Abgeordnete
Ramberti sich niemals auszumalen
vermocht hätte: etwas Entsetzliches, in
der beinahe heiligen Stille dieser
Szene: ein plötzliches, unheilvolles,
maßloses Grollen im Bauch des Toten, das
wie ein Donner klang und alle
Umstehenden erstarren ließ. Was war das
gewesen?
"Digestio post mortem",
seufzte in würdigem Latein einer von
ihnen, ein Arzt, kaum, daß er wieder ein
bißchen Luft bekam.
Und die anderen starrten
fassungslos auf den Leichnam, der sich
das Gesicht mit dem Tuch bedeckt zu
haben schien, um sich ohne Scham so
etwas vor dem höchsten Vertretern der
Nation erlauben zu können. Und mit
finsteren Gesichtern verließen sie alle
den Aufbahrungsraum.
Als der Cavaliere
Spigula-Nonnis drei Stunden später im
römischen Bahnhof mit unendlicher
Betrübnis alle, die nach Castel Gandolfo
gekommen waren, davongehen sah, ohne
auch nur noch einen letzten Blick, einen
letzten Abschiedsblick auf den Wagen zu
werfen, in dem Seine Exzellenz, der
Abgeordnete Ramberti, eingeschlossen
war, da hatte er den Eindruck eines
Verrats. So sollte also alles zu Ende
sein?
Und er blieb allein
zurück, in dem unsicheren, gedrückten
Licht des sterbenden Tages unter dem
riesigen rauchgeschwärzten Glasdach,
und verfolgte mit seinen Blicken die
Verschubbewegungen des Zuges, der
langsam zerlegt wurde. Nach vielen
Bewegungen in einem komplizierten
Zickzack sah er schließlich den Wagen am
Ende eines Gleises im Hintergrund zum
Stehen kommen, neben einem anderen, auf
dem bereits ein Schild mit der
Aufschrift Leichentransport
angebracht war.
Ein alter
Bahnhofswärter, halb lahm und
asthmatisch, schleppte sich mit dem
Leimtopf hinzu und klebte auch auf den
Wagen des Abgeordneten Ramberti ein
ebensolches Schild. Dann ging er wieder
fort. Der Cavaliere Spigula-Nonnis
näherte sich, um mit seinen
kurzsichtigen Augen die Aufschrift zu
entziffern. Und er las darüber:
Pferde: 8, Menschen: 40, schüttelte
den Kopf und seufzte. Eine ganze Weile
lang blieb er noch stehen und
betrachtete diese beiden Leichenwaggons
neben einander.
Zwei Tote, zwei, die
schon gegangen waren, und die doch noch
einmal reisen mußten!
Und so würden sie
bleiben, allein, in dieser Nacht, unter
dem Donnern der ankommenden und
abfahrenden Züge. Dort ausgestreckt,
unbeweglich, im Dunkel ihrer Kisten,
unter dem ständigen Kommen und Gehen
eines Bahnhofs. Lebt wohl! Lebt wohl!
Und nun ging auch er,
der Cavaliere Spigula-Nonnis. Er ging
beklemmt fort. Unterwegs jedoch kaufte
er die Abendblätter und tröstete sich,
als er die langen Nekrologe sah, die
alle auf der ersten Seite brachten, mit
dem Bild des großen Verblichenen in der
Mitte der Seite.
Zu Hause angekommen,
vertiefte er sich in die Lektüre und war
sehr gerührt über den in einer der
Zeitungen erscheinenden Hinweis auf die
Pflege und den liebevollen Beistand, die
selbstlose Ergebenheit, mit der er, der
Cavaliere Spigula-Nonnis, in diesen
letzten Monaten den Abgeordneten
Costanzo Ramberti betreut hatte.
Schade nur, daß in
seinem Namen das "Nonnis" nur mit einem
"n" geschrieben war.
Aber man verstand
trotzdem, daß er gemeint war.
Er las diese Bemerkung
wenigstens zwanzigmal von vorne; und als
er wieder auf die Straße hinaustrat, um
in der gewohnten Pension sein Abendessen
einzunehmen, kaufte er zuvor noch bei
einem Kiosk weitere zehn Exemplare
dieser Zeitung, um sie anderentags nach
Novara zu schicken, an seine Verwandten
und Freunde, natürlich erst nachdem er
das fehlende "n" hinzugefügt und die
betreffende Passage mit blauem Farbstift
angestrichen hätte.
Große Lobeshymnen, große
Lobeshymnen sangen sie alle auf den
Abgeordneten Costanzo Ramberti. Das
Bedauern war einstimmig und die
Verdienste, der unermüdliche Fleiß, die
absolute Ehrlichkeit des Verstorbenen
wurden ins rechte Licht gerückt. Alles,
wie es sich der Abgeordnete Costanzo
Ramberti ausgemalt hatte. Von seinem
"viel zu frühen Heimgehen" war da die
Rede, und von den "vielen großen und
wertvollen Diensten, die er dem
Vaterland sicher noch hätte leisten
können". Und die Telegramme aus Valdana
sprachen von der tiefen Betroffenheit
der Bevölkerung bei der Trauernachricht,
von den außerordentlichen,
unvergeßlichen Ehrungen, die seine
Vaterstadt ihrem Großen Sohn bereiten
würde, und sie kündigten bereits an, daß
der Bürgermeister, eine Abordnung des
Stadtrates und andere hervorragende
Bürger, ergebene Freunde des großen
Verblichenen, bereits nach Rom
aufgebrochen waren, um dem Leichnam das
Geleit zu geben. Als er gegen
Mitternacht durch die Stille der
verlassenen, von den Laternen nur
spärlich erhellten Straßen nach Hause
schritt, dachte der Cavaliere
Spigula-Nonnis noch einmal an die beiden
Leichenwaggons, die dort am Ende eines
Gleises des Bahnhofs wartend standen.
Wenn diese beiden Toten einander
Gesellschaft hätten leisten können, mit
einander Konversation machen, um die
Zeit totzuschlagen! Bei diesem Gedanken
lächelte Cavaliere Spigula-Nonnis
schmerzlich. Wer weiß, wer der andere
sein mochte, wo er schließlich enden
würde... Diese Nacht stand er dort, ohne
die geringste Ahnung von der Ehre zu
haben, die ihm widerfuhr, indem er als
Nachbarn einen hatte, von dem in diesem
Augenblick sämtliche Zeitungen Italiens
voll waren, und der tags darauf den
triumphalen Empfang einer ganzen Stadt
erleben würde, die ihn beweinte.
Konnte der Cavaliere
Spigula-Nonnis je auf die Idee kommen,
daß der Leichenwagen des Abgeordneten
Costanzo Ramberti gegen zwei Uhr morgens
von ein paar Eisenbahnern, denen vor
Müdigkeit schon die Augen zufielen, an
den Zug gehängt werden könnte, der um
diese Zeit nach den Abruzzen abfuhr, und
daß man so den großen Verblichenen dem
triumphalen Empfang entziehen würde,
der feierlichen Ehrung durch seine
Vaterstadt?
Aber der Abgeordnete
Costanzo Ramberti, selbst ein Politiker,
der bereits an der Macht gewesen war und
deshalb in die "geheimen Dinge" Einblick
gewonnen hatte, der Abgeordnete Costanzo
Ramberti, der alle Mängel des
Eisenbahnwesens kannte, der hätte eine
derartige Fehlleistung sehr wohl
voraussehen können. Wenn einmal zwei
wartende Leichenwaggons in einem so viel
befahrenen Bahnhof nebeneinander wartend
standen, dann war nichts leichter,
nichts offensichtlicher zu erraten, als
daß man den einen an den Bestimmungsort
des anderen schicken würde und
umgekehrt.
Eingesperrt, eingenagelt
in seinem Waggon, konnte er sich nun
freilich nicht gegen diese unwürdige
Verwechslung zur Wehr setzen, gegen
diesen Übergriff, mit dem sechs
bestialische Verschubarbeiter ihn in
diesem Augenblick der festlichen
Trauerkleider beraubten, die sein
Valdana in dieser Nacht für ihn anlegte,
um ihn tags darauf mit allen Ehren zu
empfangen. Und am Ende dieses Zuges, der
da, beinahe leer, nach den Abruzzen
abfuhr und mit seinen ausgeleierten
Bremsen die armen, alten, schmutzigen
Waggons, aus denen er zusammengesetzt
war, beinahe zerquetschte, mußte er nun
die ganze restliche Nacht reisen,
langsam, traurig in die Ferne, zu dem
Bestimmungsort jenes anderen Toten,
eines jungen Seminaristen aus Avezzano
mit Namen Feliciangiolo Scanalino.
Natürlich wurde der
Leichenwagen dieses anderen am Morgen
darauf unter der Aufsicht des Leiters
des Bestattungsunternehmens, das sich
den Auftrag für das Staatsbegräbnis
gesichert hatte, prächtig geschmückt.
Schwere Samtdecken mit Silberfransen als
Baldachin, und Schleier und Bänder und
Palmwedel. Auf dem Sarg, bedeckt mit
einer herrlichen Sargdecke, bloß der
Kranz des Königs; zu beiden Seiten jener
des Minister- und jener des
Parlamentspräsidenten. An die siebzig
weitere Kränze wurden in dem folgenden
Wagen untergebracht. Und um exakt acht
Uhr dreißig brach unter den bewundernden
Blicken einer wahren Menschenmenge aus
Freunden des Abgeordneten Costanzo
Ramberti Feliciangiolo Scanalino zu den
feierlichen Ehrungen Valdanas auf.
Als der Zug gegen drei
Uhr nachmittags im Bahnhof Valdana
eintraf, der von einer ergriffenen
Menschenmenge förmlich überquoll, wurde
der Bürgermeister, der mit der Abordnung
der Gemeinde dem Leichnam das Geleit
gegeben hatte, in geheimnisvoller Weise
von einem kreidebleichen, am ganzen
Leibe zitternden Stationsvorsteher
beiseite gerufen und in den
Telegraphenraum geführt. Aus dem Bahnhof
Rom war ein Telegramm eingetroffen, daß
unter dem Siegel der Verschwiegenheit
von der Verwechslung der Leichenwaggons
berichtete.
Der Bürgermeister von
Valdana war wie vom Donner gerührt.
Was sollte man nun tun,
wo draußen alle Leute warteten und die
ganze Stadt geschmückt war?
"Commendatore",
flüsterte der Stationsvorsteher, eine
Hand auf die Brust gelegt, "hier weiß
nur ich davon und der Telegraphist; auch
in Rom und in Avezzano wissen es nur der
Stationsvorsteher und der Telegraphist.
Commendatore, es ist doch in unserem
eigenen Interesse, im Interesse der
Eisenbahnverwaltung, die Sache
geheimzuhalten. Vertrauen Sie uns
ruhig!"
Was konnte man schon
anderes tun in einer so heiklen
Situation? Und also erhielt der
unschuldige Seminarist Feliciangiolo
Scanalino den triumphalen Empfang der
Stadt Valdana, auf seinem Leichenwagen,
der aussah wie ein Berg von Blumen,
gezogen von acht Pferden. Er erhielt den
Kranz des Königs, er erhielt die
Leichenrede des Bürgermeisters, und er
erhielt die Begleitung einer ganzen
Volksmenge bis zum Friedhof.
Unterdessen reiste der
Abgeordnete Costanzo Ramberti von
Avezzano in dem schmucklosen, staubigen
Waggon mit der Aufschrift Pferde: 8,
Menschen: 40 ohne eine einzige
Blume, ohne ein einziges Bändchen: ein
armer, fortgeschickter Körper, vom Weg
abgekommen und gestrandet, so weit weg
von seinem Bestimmungsort.
Mitten in der Nacht kam
er im Bahnhof Valdana an. Nur der
Bürgermeister und vier vertrauenswürdige
Totengräber erwarteten ihn am Bahnhof
und mucksmäuschenstill, mit den leisen
Schritten von Gaunern, die ein
Schmuggelgut vor den Augen der Zöllner
verbergen wollen, schleppten sie ihn auf
und ab über holprige Feldwege, von denen
ein Laternchen immer nur kleine Stücke
notdürftig aus dem Dunkel riß, zum
Friedhof und gruben ihn ein; dann
seufzten sie tief und erleichtert auf.
* * *
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LUIGI PIRANDELLO 1867 - 1936 -
Novellen
Der Hauch - (Soffio - 1934) |
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aus dem Italienischen von Michael
Rössner
I.
Manche Nachrichten treffen einen so
unvorbereitet, daß man im ersten Augenblick ganz
verstört ist, und es scheint, als gäbe es keine
andere Möglichkeit aus dieser Verstörung wieder
herauszufinden, als Zuflucht zu einem völlig
abgedroschenen Satz oder einer Feststellung zu
nehmen, die sich ohnedies von selbst versteht.
So war es zum Beispiel, als der
junge Calvetti, der Sekretär meines Freundes
Bernabò, mir von dem Tod von Massaris Vater
erzählte, bei dem Bernabò und ich eben noch zum
Mittagessen gewesen waren; da überkam es mich, und
ich rief aus: „Ach, was ist schon das Leben! Ein
Hauch genügt, und schon ist es zu Ende!“, und dabei
legte ich Daumen und Zeigefinger einer Hand
aneinander und blies darauf, als wollte ich mit
diesem Hauch eine Feder fortblasen, die ich zwischen
diesen Fingern hielt.
Als ich so blies, sah ich, wie der
junge Calvetti plötzlich grau im Gesicht wurde,
hierauf den Oberkörper krümmte und sich mit einer
Hand an die Brust griff, wie man das tut, wenn man
da drinnen, ohne genau zu wissen wo, ein vages
Unwohlsein verspürt; aber ich achtete nicht weiter
darauf, denn es schien mir absurd anzunehmen, dieses
Unwohlsein könnte mit dem stumpfsinnigen Satz
zusammenhängen, den ich gesagt hatte, und mit der
lächerlichen Geste, mit der ich diesen Satz ‑ als
wäre ich noch nicht zufrieden damit, so etwas
Abgedroschenes auszusprechen ‑ auch noch meinte
begleiten zu müssen. Ich dachte, er habe einfach
einen plötzlichen Schmerz, ein Stechen verspürt,
vielleicht in der Leber oder in der Niere oder im
Darm, jedenfalls nur einen augenblicklichen Schmerz
ohne jede Bedeutung. Noch ehe es Abend wurde, fiel
mir freilich dann ein höchst bestürzter Bernabò ins
Haus:
„Weißt du schon: Mein junger
Calvetti ist gestorben?“
„Gestorben?“
„Ja, ganz plötzlich, heute
nachmittag!“
„Aber am Nachmittag ist er doch noch
bei mir gewesen! Warte einmal, wann mag das gewesen
sein? Ich glaube, so gegen drei.“
„Und um halb vier war er tot.“
„Eine halbe Stunde später?“
„Eine halbe Stunde später.“
Ich sah ihn ein wenig schief an, als
habe er mit dieser Bestätigung eine Beziehung (aber
was denn für eine Beziehung?) zwischen dem Besuch
bei mir und dem plötzlichen Tod des armen Jungen
herstellen wollen. In mir fühlte ich so etwas wie
einen Drang, der mich zwang, jegliche Beziehung, sei
sie auch nur zufällig, zurückzuweisen, als wäre sie
der Verdacht eines Gewissensbisses, den ich hätte
empfinden können; und der mich andererseits dazu
verhielt, eine Ursache für diesen Tod zu suchen, die
mit dem Besuch bei mir nichts zu tun hatte; und so
erzählte ich Bernabò von dem plötzlichen Unwohlsein,
daß der junge Mann offensichtlich verspürt hatte,
während er bei mir gewesen war.
„Ach so? Ein Unwohlsein?“
„Was ist schon das Leben! Ein Hauch
genügt, und schon ist es zu Ende!“
Da haben wir’s: Ich wiederholte den
Satz völlig mechanisch, denn da unten hatten Daumen
und Zeigefinger meiner rechten Hand ganz von selbst
zueinandergefunden, und ganz von selbst hob sich
jetzt auch die Hand auf, bis zu meinen Lippen. Ich
schwöre, es war nicht so sehr der bewußte Wunsch, es
noch einmal zu versuchen, als vielmehr die Lust
daran, mir mit mir selbst einen Scherz zu erlauben,
was ich nur so, im verborgenen, tun konnte, wollte
ich mich nicht lächerlich machen: da ich nun einmal
diese beiden Finger genau vor meinem Mund fand,
blies ich über sie hinweg, nur einen ganz leichten
Hauch.
Bernabòs Gesicht hatte sich verfärbt
vor Bestürzung über den Tod seines jungen Sekretärs,
der ihm sehr ans Herz gewachsen war; und oft und oft
schon war er ‑ nach einem kurzen Lauf oder auch nur
ein paar schnelleren Schritten (korpulent, wie er
nun einmal war, mit einem stets geröteten Kopf, der
fast ohne Hals auf den Schultern saß) ‑ keuchend vor
mir gestanden und hatte sich auch mit der Hand an
die Brust gegriffen, um das jagende Herz zu
beruhigen und wieder zu Atem zu kommen. Als ich ihn
jetzt dieselbe Geste vollführen sah und ihn sagen
hörte, er meine zu ersticken, und seinen Geist und
sein Sehvermögen trübe plötzlich ein seltsam
düsterer Schimmer, mein Gott, was sollte ich da
schon glauben?
Auf der Stelle sprang ich, trotz
aller Bestürzung und Verwirrung, in der ich mich
befand, dem armen Freund bei, der rücklings und nach
Atem ringend in einem Lehnstuhl gesunken war; aber
da sah ich mich wütend zurückgestoßen, und nun
verstand ich wirklich gar nichts mehr; ich fühlte
mich förmlich zu Eis erstarren, in einer völlig
apathischen Verblüffung, und ich beobachtete ihn
zuckend auf diesem mit rotem Samt bezogenen
Fauteuil, der mir erschien wie eine riesige
Blutlache, zuckend nicht mehr wie ein Mensch,
sondern wie ein waidwundes Tier, ich sah zu, wie
sein Atem immer hastiger wurde und sein Gesicht sich
immer mehr verfärbte, bis es beinahe schwarz
geworden war. Einen Fuß hatte er auf den Teppich
gestemmt, vielleicht, um sich solcherart wieder
allein aufzurichten, aber in dieser Anstrengung
vergeudete er seine letzten Kräfte; wie in einem
Alptraum sah ich, wie der Teppich allmählich unter
seinem Fuß fortglitt und sich in Falten warf. An dem
anderen Fuß, der verkrümmt über der Armlehne des
Fauteuils lag, war ihm das Hosenbein nach oben
gerutscht und enthüllte nun einem seidenen
Sockenhalter in einem grünschimmernden Farbton mit
rosa Streifen. Ich bitte doch um ein wenig
Anerkennung für meine Barmherzigkeit: All meine
Beunruhigung war förmlich zerrieben und überall
verstreut worden, so daß man sie wie nichts
vergessen konnte, in einem einzigen Abwenden der
Augen, oder bei dem Gedanken an den Ärger, den mir
stets meine häßlichen Bilder an den Wänden bereitet
hatten, oder auch in der seltsamen Neugier, die
mich, jawohl, die mich auf die Farbe und die
Streifen dieses Sockenhalters starren ließ.
Plötzlich kam ich jedoch wieder zu mir, entsetzt
darüber, daß ich mich in einem solchen Augenblick so
weit hatte gehen lassen, und rief nach meinem
Diener, er solle sofort vor der Tür einen Wagen
aufhalten und dann heraufkommen, um mir zu helfen,
den Sterbenden in ein Krankenhaus oder nach Hause zu
bringen.
Lieber nach Hause, denn das war
näher. Er lebte nicht allein; er hatte eine
Schwester bei sich, eine ältere Schwester, ich weiß
nicht, war sie verwitwet oder eine alte Jungfer;
jedenfalls war sie unausstehlich in ihrer
starrköpfigen Pedanterie, mit der sie sein Leben zu
bestimmen suchte. Sie war ganz außer sich, die Arme,
sie raufte sich die Haare: „O Gott, was ist
geschehen? Wie ist das passiert?“, und sie wich uns
nicht von der Seite, wie ärgerlich! Nur, um von mir
zu erfahren, was geschehen war, wie es passiert war,
ausgerechnet von mir, und ausgerechnet in diesem
Augenblick, da ich nun wirklich nicht mehr konnte,
nach all den Stufen, die wir hinaufgestiegen waren,
immer rückwärts gehend, unter dem ungeheuren Gewicht
dieses reglosen Körpers. „Das Bett! Wo ist das
Bett?“ Es schien, als wisse sie es selbst nicht
mehr, wo dieses Bett war, das wir nicht und nicht zu
erreichen schienen. Als wir ihn endlich röchelnd -
aber auch ich röchelte nur mehr - aufs Bett gelegt
hatten, lehnte ich mich rücklings gegen eine Wand,
und wenn man mir nicht einen Stuhl untergeschoben
hätte, wäre ich wohl in voller Länge zu Boden
gestürzt. Mein Kopf baumelte kraftlos herab, und ich
vermochte gerade noch, zu dem Diener gewandt,
hervorzustoßen: „Einen Arzt! Einen Arzt!“; aber
zugleich sank mein Mut endgültig, wenn ich daran
dachte, daß ich nun allein mit der Schwester
zurückbleiben mußte, die mich sicherlich sofort mit
neuen Fragen überfallen würde. Was mich rettete, war
die Stille, die plötzlich auf dem Bett eintrat, als
das Röcheln dort aufgehört hatte. Einen Augenblick
lang schien die ganze Welt schweigend innezuhalten;
und tatsächlich schwieg von nun an die ganze Welt
auf immer für den armen Bernabò, der taub und
bewegungslos auf diesem Bett liegen geblieben war.
Sofort brach jedoch die Verzweiflung der Schwester
los. Ich war erledigt. Wie konnte man sich denn bloß
vorstellen ‑ um nicht zu sagen tatsächlich glauben
‑, daß eine solche Ungeheuerlichkeit möglich wäre?
Meine Gedanken fanden keinen Halt mehr. Und in
diesem Aufruhr der Gefühle erschien es mir so
seltsam, daß diese arme Person ihren Bruder Giulio -
wie sie ihn stets genannt hatte - nun, da er tot
dort lag, unbewegliche Korpulenz, die keine
Diminutive zuließ ‑, ausgerechnet Giulietto nennen
mußte, ihren kleinen Giulietto! Plötzlich sprang ich
entsetzt auf. Der Leichnam hatte ihr, als ginge ihm
dieses ewige „Giulietto! Kleiner Giulietto!“ auf die
Nerven, mit einem gräßlichen Gurgelgeräusch aus den
Eingeweiden geantwortet. Diesmal war es an mir, die
Schwester aufzufangen, die ansonsten zu Boden
gestürzt wäre, ohnmächtig vor Schreck; statt dessen
wurde sie in meinen Armen ohnmächtig. Und nun fühlte
ich, wie mich, als ich zwischen dieser Ohnmächtigen
im Arm und dem Toten auf dem Bett wirklich nicht
mehr wußte, was ich tun noch was ich denken sollte,
ein Wirbel des Wahnsinns ergriff, und ich begann,
die arme Person zu schütteln, damit sie endlich mit
dieser Ohnmacht aufhöre, die nun wirklich zu viel
des Guten war. Freilich, kaum war sie wieder bei
sich, wollte sie nun nicht mehr an den Tod des
Bruders glauben. „Haben Sie gehört? Er kann nicht
tot sein! Er darf nicht tot sein!“ Es mußte
tatsächlich der Arzt kommen und es ihr amtlich
bestätigen, ihr versichern, daß dieses Geräusch
nichts gewesen war, ein Wind oder was weiß ich
sonst, alle Toten pflegen so was zu machen. Da
setzte sie, die ein vornehmer Mensch war und sich
darauf etwas zugute hielt, eine peinliche Miene auf,
und hielt sich die Hand vor die Augen, als habe der
Arzt ihr damit gesagt, auch sie würde dergleichen
tun, wenn sie erst einmal tot wäre.
Der Arzt war einer jener jungen
Glatzköpfe, die ihre vorzeitige Kahlköpfigkeit mit
beinahe verächtlicher Wildheit zwischen einem Urwald
aus schwarzen Locken zur Schau tragen, die, obwohl
niemand weiß, weshalb sie von dem Scheitel
verschwunden sind, rund um den Kopf wild wuchern.
Mit lackstarren Augen hinter dicken
Brillengläsern, hochgewachsen, eher beleibt, aber
kräftig, zwei Büschelchen gestutzter Haare unter dem
kleinen Näschen und über den wulstigen, geröteten,
und so klar gezogenen Lippen, daß sie aussahen wie
gemalt, sah er die Unwissenheit dieser armen
Schwester mit so abschätzigem Erbarmen an und sprach
vom Tod mit einer so lockeren Vertrautheit, als
könnte, da er doch ständig mit ihm zu tun hatte,
keiner seiner Fälle ihm mehr ein Rätsel aufgeben
oder einen Zweifel verursachen, daß mir am Ende
unwiderstehlich ein höhnisches Lachen aus der Kehle
hervorbrach. Schon während er gesprochen hatte,
hatte ich mich zufällig in dem Spiegel der
Kastenwand entdeckt und mich dabei mit einem
schiefen und kalten Blick ertappt, der sich mir
plötzlich wie eine Schlange in die Augen geschlichen
hatte. Und Daumen und Zeigefinger der linken Hand
drückten einander, sie preßten sich so fest
gegeneinander, daß sie von dem Krampf des
gegenseitigen Drucks beinahe taub geworden waren.
Kaum wandte er sich bei diesem Hohngelächter zu mir
um, da trat ich auf ihn zu, auf Tuchfühlung, und aus
dem noch immer höhnisch verzogenen Mund in dem
totenbleich gewordenen Gesicht zischte ich ihm zu:
„Sehen Sie“, und dabei zeigte ich ihm die Finger,
„so! Sie wissen ja so gut Bescheid über Leben und
Tod; blasen Sie einmal da drauf, nur einen Hauch,
und sehen Sie zu, ob Sie mich sterben lassen
können!“. Er wich zurück, um mich zu mustern, ob er
es nicht mit einem Irren zu tun habe. Aber ich trat
erneut auf Tuchfühlung an ihn heran: „Ein Hauch
genügt, glauben Sie mir das. Nur ein Hauch!“ Ich
ließ ihn stehen und packte die Schwester am
Handgelenk. „Tun Sie es! Sehen Sie, so!“, und dabei
führte ich ihr die Hand an den Mund, „legen Sie zwei
Finger aneinander und blasen Sie darauf!“ Die Arme
stand entsetzt da, mit weitaufgerissenen Augen, und
zitterte am ganzen Körper, während der Arzt, ohne
noch daran zu denken, daß da auf dem Bett ein Toter
lag, amüsiert vor sich hinkicherte. „Ich tue es bei
Ihnen nicht mehr, denn da liegt schon einer, und mit
Calvetti sind’s heute schon zwei! Aber ich muß fort,
auf der Stelle fort, ich muß fort!“
Und damit stürzte ich hinaus, wie
von Sinnen.
Kaum war ich auf der Straße, da
brach der Wahnsinn erst richtig los. Es war schon
dunkel geworden, und die Straße war voll von
Menschen. Aus dem Schatten sprangen eins nach dem
anderen die Häuser heraus, in denen die Lichter
angingen, und all diese Leute liefen, um sich das
Gesicht vor den Lichtblitzen in den vielen Farben zu
schützen, die von allen Seiten auf sie einhackten,
Straßenlampen, Lichtschein aus Schaufenstern,
Leuchtreklamen, in innerem Aufruhr, bedrängt von
düsteren Ahnungen. Obwohl, nein: da war wiederum ein
Frauengesicht, das sich bei dem Anblick eines roten
Lichtscheins befriedigt entspannte; und dort das
eines Kindes, das lachte, auf den Schultern eines
alten Mannes, vor der Spiegeltür eines Ladens, über
den ein Wasserfall smaragdgrüner Lichttropfen
herabglitt. Ich brach durch die drängenden
Menschenmassen und blies, zwei Finger vor dem Mund,
blies auf all diese mir entgleitenden Gesichter,
wahllos, und ohne mich nach ihnen umzudrehen, ob
mein Atemhauch tatsächlich die bereits zweimal
erprobte Wirkung auf sie hervorbrachte. Und wenn er
das tat, wer hätte diese Wirkung mir zurechnen
dürfen? War ich nicht frei, zwei Finger vor den Mund
zu halten und mir das unschuldige Vergnügen zu
gestalten, über sie drüberzublasen? Wer hätte denn
ernsthaft glauben können, mir wäre tatsächlich eine
so unerhörte und schreckliche Macht in diesen beiden
Fingern und in dem leisen Hauch, den ich über sie
hinblies, zugewachsen? Es war ja lächerlich, so
etwas zuzugeben, man konnte das nur als einen
kindlichen Scherz einstufen. Ja, das war’s: ich
scherzte. Und die Zunge klebte mir schon im Mund von
diesem wütenden Blasen, ich hatte kaum noch Luft
zwischen den gespitzten Lippen, als ich am Ende der
Straße angekommen war. Wenn das, was ich zweimal
erlebt hatte, wahr sein sollte, dann ‑ ja, mein
Gott, dann mußte ich, so zwischen Scherz und Scherz,
wohl mehr als tausend Leute umgebracht haben. Es war
gar nicht möglich, daß man tags darauf nicht zum
Entsetzen der ganzen Stadt von dieser plötzlichen
und rätselhaften Häufung von Todesfällen erfahren
würde.
Und man erfuhr tatsächlich davon. Am
Morgen danach waren alle Zeitungen voll von der
Sache. Die Stadt erwachte unter dem Druck des
gräßlichen Alptraums einer Epidemie, gegen die es
keine Rettung gab, und die wie ein Blitz aus
heiterem Himmel ausgebrochen war.
Neunhundertsechzehn Tote in einer einzigen Nacht.
Auf den Friedhöfen wußte man nicht, wie man sie alle
von einem Tag auf den anderen begraben sollte; man
wußte auch nicht, wie man sie so schnell aus allen
Wohnungen abtransportieren sollte. Gemeinsame
Symptome, die die Ärzte an allen Betroffenen
festgestellt hatten: Zuerst ein undefiniertes
Unwohlsein, dann Tod durch Ersticken. Die Autopsie
der Leichen ergab keinen Hinweis auf die Krankheit,
die diesen beinahe sofortigen Tod verursacht hatte.
Als ich die Zeitungen las, verfiel
ich in eine tiefe Erschütterung, so etwas wie einen
Katerzustand nach einem gräßlichen Rausch,
verwirrtes Chaos ungeschiedener Gedankenfetzen, die
übereinander herfielen, gegeneinander stießen,
durcheinanderwirbelnd in einer Wolke, die mich einem
Wirbel gleich umfing; und eine unerklärliche
Bangigkeit, ein bohrender Drang, der gegen etwas in
mir stieß, immer wieder anrannte, gegen etwas in mir
drinnen, das für mich schwarz und unbeweglich blieb,
von dem mein Bewußtsein sich angezogen fühlte, mit
dem es jedoch, völlig widerborstig und in alle
Richtungen zerfließend, nichts zu tun haben wollte;
so berührte es dieses Etwas immer wieder und wich
sofort zurück. Ich weiß wirklich nicht, was ich
damit ausdrücken wollte, als ich eine verkrampfte
Hand gegen die Stirne preßte und stets aufs neue vor
mich hinsagte: „Es ist bloß ein Eindruck! Bloß ein
Eindruck!“. Jedenfalls half dieses doch ganz leere
Wort mir, blitzartig diese Wolke zu sprengen, und
ich fühlte mich für einen Augenblick erleichtert und
befreit. „Es war wohl alles nur eine Wahnidee“,
dachte ich, „die mir da in den Sinn gekommen ist,
weil ich gestern zufällig diese lächerliche,
kindische Geste just in dem Moment gemacht habe, ehe
die Nachricht von der schrecklichen Epidemie, die so
plötzlich über die Stadt hereingebrochen war, sich
verbreitet hatte. Oft entstehen aus solchen
zufälligen Zusammentreffen die dümmsten Aberglauben
und die unglaublichsten Obsessionen. Im übrigen
brauche ich nur ein paar Tage warten, ohne diese
scherzhafte Geste zu wiederholen. Wenn es sich um
eine Epidemie handelt - was mit Sicherheit der Fall
ist, dann muß diese erschreckende Welle von
Todesfällen weitergehen und nicht ebenso plötzlich
abbrechen wie sie begonnen hat.“
Gut: Ich wartete also drei Tage,
fünf Tage, eine Woche, zwei Wochen: Kein neuer Fall
wurde in den Zeitungen berichtet; die Epidemie war
plötzlich wieder zu Ende.
Hm, aber wahnsinnig, nein,
wahnsinnig bin ich nicht, verzeihen Sie! Unter der
Obsession eines solchen Zweifels, daß ich verrückt
sei, konnte ich es nicht aushalten; wahnsinnig,
befallen von einem Wahn, der, wenn ich ihn publik
gemacht hätte, jeden in helles Gelächter hätte
ausbrechen lassen, nein, also hören Sie mir auf
damit. Von einer solchen Obsession mußte ich mich
befreien, so schnell wie möglich. Und wie? Indem ich
wieder über meine Finger blies? Schließlich ging es
da um Menschenleben. Dafür mußte ich selbst
überzeugt sein, daß meine Handlung unschuldig war,
die eines Kindes, und daß ich nicht schuld war, wenn
andere darüber starben. Ich hätte ja immer noch an
ein Wiederaufflackern der Epidemie nach dieser Pause
von vierzehn Tagen glauben können, denn ich mußte
bis zum letzten darauf beharren, daß es völlig
unglaublich war, der Tod könnte von mir abhängen.
Unterdessen jedoch war da die diabolische
Versuchung, mir eine derartige Gewißheit zu
verschaffen, viel grauenhafter als der Zweifel, ich
könnte wahnsinnig sein: die Gewißheit, daß ich über
eine so unerhörte Macht verfügte: Wie hätte ich
einer solchen Versuchung widerstehen können?
II.
Ich mußte mir also noch
einen Versuch gestatten, aber einen
vorsichtigen, schüchternen: einen
Versuch, der so „gerecht“ sein mußte,
wie das möglich war. Der Tod ist nie
gerecht, das ist ja bekannt. Aber der
Tod, der von mir abhing (falls er
wirklich von mir abhing), mußte gerecht
sein.
Ich kannte ein liebes
kleines Mädchen, das, während es mit
seinen Puppen spielte, aus einem Traum
in den anderen sprang, und alle waren
sie verschieden, der eine trug sie in
ein Dorf in den Bergen, der andere an
den Strand des Meeres, und dann vom Meer
in ein fernes, ganz fernes Land, wo
fremde Menschen eine andere Sprache
sprachen, so verschieden von der ihren;
so war sie am Ende all dieser Träume
immer noch als kleines Mädchen von
zwanzig Jahren aufgewacht, ganz und gar
Kind, aber nun mit einem Menschen an
ihrer Seite, der, kaum war er aus dem
letzten ihrer Träume herausgetreten,
sich sofort in die Wirklichkeit eines
fremden Riesenkerls verwandelt hatte,
eine Bohnenstange von gut zwei Metern,
dumm, träge und lasterhaft; und in den
Armen fand sie plötzlich statt der Puppe
ein armseliges kleines Wesen, man hätte
sagen können, ein kleines Monsterchen,
das sogar das Gesicht eines kranken
Engels hatte, solange der Krampf, der
den ganzen armseligen Körper immer
wieder durchzuckte, nicht auch dieses
grauenhaft verzerrte. „Morbus ...“ hieß
das, ich weiß nicht mehr genau wie, es
war der Name eines ausländischen Arztes
aus England oder Amerika, Pot hieß er,
glaube ich, wenn man ihn so schreibt
(wunderbarer Ruhm, wenn man einer
Krankheit den eigenen Namen geben
darf!), „Morbus Pot“ also in einer der
schwersten und hoffnungslosesten Formen.
Dieses Kind würde nie sprechen, nie
gehen, sich nie seiner abgemagerten und
von der Gewalt der gräßlichen Krämpfe
verkrümmten Händchen bedienen können.
Aber es würde noch ein paar Jährchen so
vor sich hinvegetieren. Wie alt war es?
Drei? Nun, vielleicht noch bis zehn. Und
doch schien es nicht wahr zu sein, in
den Armen eines Menschen, der gelernt
hatte es richtig zu halten, wie diese
Bohnenstange von einem Vater, da
lächelte das arme Kind mit einem so
seligen Lächeln in seinem Engelsgesicht,
daß auf der Stelle, kaum setzte das
Entsetzen über diese krampfartigen
Zuckungen aus, das zarteste Mitgefühl
Tränen aus den Augen aller quellen ließ,
die es betrachteten. Es schien
unmöglich, daß nur die Ärzte nicht
imstande waren zu verstehen, um was das
Kind mit diesem Lächeln bat. Aber
vielleicht verstanden sie es sogar, denn
sie hatten bereits einmal erklärt, daß
das sicherlich einer jener Fälle war, in
denen man nicht gezögert hätte, hätte es
das Gesetz erlaubt und die Eltern
zugestimmt... Aber Gesetz ist nun einmal
Gesetz, denn grausam kann es wohl sein
und ist es auch oft, aber barmherzig
nie, es sei denn, es würde zugleich
aufhören, Gesetz zu sein.
Ich ging also zu dieser
Mutter.
Der Raum, in dem sie
mich empfing, war vom Schatten ganz
erfüllt und wie in weiter Ferne
erschienen zwei Fenster, verschleiert
von dem fahlen Schimmer des letzten
Dämmerlichts. Auf dem Lehnstuhl am
Bettende sitzend, wiegte die Mutter das
von Krämpfen geschüttelte Kind im Arm.
Ich beugte mich über das Kleine, ohne
ein Wort zu sagen, zwei Finger vor dem
Mund. Bei meinem Hauch lächelte das
Kind, entspannte sich und verschied. Als
die Mutter, die an die ständige
Anspannung und die Zuckungen der Krämpfe
in diesem kleinen Körper gewöhnt war,
ihn plötzlich zwischen den Armen sich
lockern und weich werden fühlte,
unterdrückte sie mit Mühe einen Schrei,
hob den Kopf und sah mich an, sah das
Kind an:
„O Gott, was haben Sie
mit ihm gemacht?“
„Nichts, hast du’s nicht
gesehen, gerade nur ein Hauch...“
„Aber es ist tot!“
„Nun ist es selig.“
Ich nahm es ihr aus den
Armen und legte es, so locker und weich,
wie es nun war, auf sein kleines
Bettchen. Auf dem blassen Mündchen ruhte
noch immer das Engelslächeln.
„Wo ist dein Mann? Dort
drüben? Von dem befreie ich dich auch.
Er hat kein Recht mehr, dich zu
unterdrücken. Aber dann bleib beim
Träumen, mein liebes kleines Mädchen.
Siehst du nicht, was man davon hat, wenn
man aus den Träumen heraussteigt?“
Ich mußte den Mann gar
nicht holen gehen. Er erschien wie ein
verwirrter Riese auf der Schwelle. Aber
in der Erregung, in die mich die
schreckliche, nun tatsächlich gewonnene
Gewißheit versetzte, fühlte ich mich
maßlos gewachsen, weit größer als er.
„Was ist das Leben schon? Sehen Sie her,
ein Hauch genügt, ein Hauch, so, und
schon ist es vorbei!“
Dabei blies ich ihm aufs
Gesicht und trat aus dem Haus, ins
Riesenhafte gewachsen in den Abend
hinein.
Ich war es, ich war es;
ich war der Tod; ich trug ihn hier, in
meinen beiden Fingern und in meinem
Atemhauch; ich konnte alle sterben
lassen. Und mußte ich nicht alle sterben
lassen, um gerecht zu sein gegenüber
denen, die ich zuerst ins Jenseits
befördert hatte? Nichts leichter als
das, solange ich genug Puste hatte. Ich
hätte es nicht aus Haß gegen irgend
jemanden getan; ich kannte niemanden.
Wie der Tod selbst. Ein Hauch, und
vorbei war’s. Wieviel Menschheit war
schon vor dieser, die schattenhaft vor
mir vorüberzog, fortgeblasen worden?
Aber konnte ich denn je - die ganze
Menschheit? Alle Häuser entvölkern? Alle
Straßen sämtlicher Städte? Und die
Landstriche, Berge und Meere? Die
gesamte Erde menschenleer machen? Nein,
das war nicht möglich. Nun, aber dann,
niemanden mehr, keinen einzigen durfte
ich mehr, keinen einzigen. Vielleicht
würde ich mir die beiden Finger
abschneiden müssen. Aber wer weiß,
vielleicht würde der Atemhauch auch
allein ausreichen. Sollte ich es einmal
versuchen? Nein, nein: genug! Ich
fühlte, wie es mir allein bei dem
Gedanken eiskalt den Rücken herablief,
vom Nacken bis zu den Fersen. Vielleicht
reichte schon der Atemhauch allein aus.
Wie sollte ich mich daran hindern? Wie
sollte ich der Versuchung widerstehen?
Eine Hand auf den Mund legen? Konnte ich
mich denn dazu verdammen, ewig eine Hand
auf den Mund zu halten?
Als ich so meinen wilden
Phantasien nachhing, fand ich mich
plötzlich vor dem Tor des Krankenhauses
vorbeigehen, das weit offenstand. In der
Einfahrt lungerten ein paar
Krankenpfleger herum; sie hatten Dienst
für die Notambulanz und unterhielten
sich mit zwei Polizisten und dem alten
Portier; und auf der Schwelle, auf die
Straße hinausblickend, stand im langen
weißen Arztmantel, die Hände in die
Hüften gestemmt, der junge Doktor, der
an das Totenbett des armen Bernabò
geeilt war. Als er mich vorübergehen
sah, erkannte er mich wieder und begann
‑ vielleicht aufgrund der wirren Gesten,
die ich in meinen wilden Phantasien
vollführte ‑ zu lachen. Hätte er das
bloß nie getan! Ich blieb stehen; ich
rief ihm zu: „Reizen Sie mich nicht mit
ihrem blöden Grinsen! Ich bin es, ich
bin es; ich habe ihn hier“, und dabei
zeigte ich ihm wiederum die
aufeinandergelegten Finger, „vielleicht
auch nur im Hauch meines Atems allein!
Wollen Sie es vor all diesen
Herrschaften ausprobieren?“ Überrascht
und neugierig waren die Krankenpfleger,
die beiden Polizisten und der alte
Portier hinzugetreten. Mit starrem
Grinsen auf den Lippen, die wie gemalt
erschienen, und ohne die Hände von den
Hüften zu nehmen, begnügte sich dieser
Unglückselige diesmal nicht damit es zu
denken, sondern er sprach es aus, indem
er mit den Achseln zuckte: „Aber Sie
sind ja wahnsinnig!“. „Ich bin
wahnsinnig?“, fragte ich drohend. „Die
Epidemie ist seit vierzehn Tagen
erloschen. Wollen Sie sehen, wie ich sie
wieder anfache und im Handumdrehen sich
ausbreiten lasse, in grauenhafter
Schnelligkeit?“ „Indem Sie auf Ihre
Finger blasen, nicht?“ Das brüllende
Gelächter, das auf diese Frage des
Doktors antwortete, ließ mich zögern.
Ich bemerkte, daß ich der Empörung nicht
hätte nachgeben dürfen, die mich ob der
beschämenden Lächerlichkeit ergriff,
welche meine Geste, sobald sie einmal
offenbar wurde, mir unausweichlich
eintragen mußte. Niemand außer mir
selbst vermochte ja ernsthaft an die
schrecklichen Wirkungen dieser Geste zu
glauben. Und dennoch gewann die Empörung
in mir die Oberhand, wie das Brennen
einer Feuerspitze auf rohem Fleisch,
denn ich fühlte diese Lächerlichkeit wie
ein Brandmal des Hohns, das der Tod mir
aufprägen hatte wollen, indem er mir
diese unglaubliche Macht übertragen
hatte. Dazu kam, wie ein
Peitschenschlag, die Frage des jungen
Arztes: „Wer hat Ihnen denn gesagt, daß
die Epidemie erloschen ist?“ Ich blieb
wie versteinert stehen. Die Epidemie war
also nicht erloschen? Ich fühlte, wie
meine Wangen vor Scham rot anliefen. „In
den Zeitungen“, sagte ich, „ist doch von
keinem einzigen Fall mehr berichtet
worden.“ „Ja, in den Zeitungen“, gab der
andere zurück. „aber nicht bei uns hier
im Krankenhaus.“ „Noch weitere Fälle?“
„Drei bis vier pro Tag.“ „Und Sie sind
sicher, daß es dieselbe Krankheit ist?“
„Aber ja, lieber Herr, absolut sicher.
Würde man nur auf diese Weise endlich
klar sehen, was die Krankheit anlangt!
Sparen Sie, lieber Herr, sparen Sie
Ihren Atem!“ Die anderen fingen wieder
an zu lachen. „Na gut“, sagte ich
hierauf. „Wenn es so ist, dann bin ich
bloß ein Verrückter, und Sie werden also
keine Angst haben, mit mir ein
Experiment zu machen. Übernehmen Sie die
Verantwortung auch für die anderen fünf
Herrschaften?“ Angesichts meiner
Herausforderung stutzte der junge Arzt
einen Augenblick; dann kehrte das Lachen
auf seine Lippen zurück, und er wandte
sich zu den anderen fünf um: „Haben Sie
verstanden? Der Herr hier behauptet, er
brauche nur leicht auf seine Finger
blasen, um uns allesamt sterben zu
lassen. Wollen wir’s versuchen? Ich
mache mit!“ Die anderen riefen höhnisch
lachend im Chor: „Aber ja, blasen Sie,
blasen Sie, wir machen auch mit, hier
sind wir!“ Und damit stellten sie sich
alle sechs in einer Reihe vor mir auf,
die Köpfe vorgestreckt. Es erschien wie
eine Theaterszene, in dieser
Krankenhauseinfahrt, unter der roten
Laterne der Erste-Hilfe-Ambulanz. Sie
waren sicher, es mit einem Verrückten zu
tun zu haben. Nun konnten sie nicht mehr
zurück. „Es ist die Epidemie, wenn
überhaupt, nicht ich, was?“ Und um ganz
sicher zu gehen, legte ich wieder die
beiden Finger vor dem Mund aufeinander.
Als ich blies, wurden alle sechs, einer
nach dem anderen, bleich im Gesicht;
alle sechs krümmten sich vornüber, alle
sechs griffen sich mit einer Hand auf
die Brust und sahen einander aus
verschleierten Augen an. Dann sprang
einer der Polizisten auf mich zu und
packte mich am Handgelenk; sogleich aber
blieb ihm die Luft weg, die Beine
knickten ihm ein, und er fiel mir zu
Füßen, als wolle er mich um Hilfe
anflehen. Von den anderen brabbelte
einer etwas vor sich hin, der andere
ruderte mit den Armen, der dritte
starrte mit weitaufgerissenen Augen und
ebensolchem Mund vor sich hin.
Instinktiv versuchte ich mit dem freien
Arm den jungen Arzt aufzufangen, der mir
entgegenfiel. Aber auch er stieß mich
wie Bernabò wütend zurück und fiel mit
lautem Krachen der Länge nach auf den
Boden. Ein Rudel Leute, der allmählich
zu einer Menschenmenge anwuchs, hatte
sich unterdessen vor dem Tor
zusammengerottet. Die neu
hinzugekommenen Neugierigen drängten von
außen nach innen, die Entsetzten wichen
von der Schwelle zurück und quetschten
so in der Mitte die in banger Erwartung
verharrenden Leute ein, die sehen
wollten, was in dieser Toreinfahrt vor
sich ging. Sie fragten mich danach, als
wäre ich einer, der das wissen müßte,
vielleicht, weil mein Gesicht weder die
Neugier, noch die bange Erwartung, noch
das Entsetzen ausdrückte, das in ihnen
war. Wie ich aussah, hätte ich nicht zu
sagen vermocht; in diesem Augenblick
fühlte ich mich wie verloren, plötzlich
überfallen von einer Meute wilder Hunde.
Ich fand keinen anderen Ausweg als meine
kindische Geste. In den Augen hatte ich
wohl einen Ausdruck der Angst und
zugleich des Mitleids für die sechs
Gefallenen und für alle, die um mich
herumstanden; vielleicht lächelte ich
sogar, während ich zu dem einen oder
anderen sagte, indem ich mir einen Weg
bahnte: „Ein Hauch genügt, so... so...“;
zugleich rief vom Boden der junge Arzt,
der bis zum Letzten starrköpfig blieb,
sich in Krämpfen windend: „Die Epidemie!
Die Epidemie!“ Eine allgemeine Flucht
war die Folge; und eine Zeitlang sah ich
mich noch inmitten all dieser Leute, die
entsetzt und wie von Sinnen nach allen
Seiten flohen, langsam vor mich hin
trotten, wie ein Betrunkener, der mit
sich selbst spricht, sanft und betrübt;
bis ich mich, ich weiß selbst nicht wie,
vor dem Spiegel eines Schaufenster
wiederfand, noch immer mit diesen beiden
Fingern vor dem Mund und mitten im Akt
des Blasens „ ...so ...so“, vielleicht,
um einen Beweis für die Unschuld dieses
Aktes zu liefern, indem ich zeigte, daß
ich dasselbe, bitte, auch mit mir selbst
machte, in der einzigen Weise, in der
ich das tun konnte. Für einen Augenblick
sah ich mich in diesem Spiegel, mit
Augen, von denen ich selbst nicht mehr
wußte, wie ich sie mir ansehen sollte,
so tief eingesunken waren sie in diesem
Totengesicht, das mich anstarrte; dann,
als hätte die Leere mich verschlungen,
oder ein Schwindel mich erfaßt, sah ich
mich selbst nicht mehr; ich berührte den
Spiegel, er war da, vor mir, ich sah
ihn, aber ich war nicht in ihm; ich
berührte mich, berührte meinen Kopf,
meine Brust, meine Arme; ich spürte
meinen Körper unter den Händen, aber ich
sah ihn nicht mehr, und auch nicht mehr
die Hände, mit denen ich ihn berührte;
und doch war ich nicht blind; ich sah
alles, die Straße, die Leute, die
Häuser, den Spiegel; da, ich berührte
ihn von neuem, ich trat näher heran, um
mich in ihm zu suchen; aber ich war
nicht da, und auch die Hand war nicht
da, die doch unter den Fingerkuppen die
Kälte der Scheibe spürte. Ein Drang
ergriff mich, ein frenetischer Drang, in
diesen Spiegel hineinzusteigen, auf der
Suche nach meinem fortgeblasenen,
verschwundenen Bild; und während ich so
gegen das Spiegelglas gelehnt stand,
lief einer, der aus dem Geschäft kam, in
mich hinein, und sofort sah ich ihn
entsetzt zurückprallen, den Mund zu dem
Schrei eines Wahnsinnigen geöffnet, der
nicht aus der Kehle dringen wollte: er
war gegen jemanden gelaufen, der da sein
mußte und doch nicht da war, denn da war
niemand; da stieg in mir übermächtig das
Bedürfnis auf, zu bekunden, daß ich doch
da war; ich sprach, als wäre ich eine
Stimme in der Luft; ich hauchte es ihm
ins Gesicht: „Die Epidemie!“ und mit
einem Stoß der Hand gegen seine Brust
warf ich ihn zu Boden. Unterdessen war
die Straße in Aufruhr geraten,
aufgewiegelt von denen, die zuvor
geflohen waren, und die nun, mit
Gesichtern von Besessenen zurückkamen,
sicherlich alle zur Suche nach mir
aufhetzend, sie füllte sich mit Leuten,
die von allen Seiten hereindrängten,
wurde immer voller, wie ein dicker Rauch
aus wechselnden Gesichtern, der mich
erstickte, der ich mich doch fast in dem
Rausch eines erschreckenden Traums
verflüchtigt hatte; aber sogar in diesem
Gedränge eingeklemmt, konnte ich gehen,
mir einen Weg bahnen mit dem Hauch
meines Atems über meine unsichtbaren
Finger. „Die Epidemie! Die Epidemie!“ -
Ich war nicht mehr ich; nun endlich
begriff ich es; ich war die Epidemie,
und es waren alles Larven, jawohl, alles
Larven, die Menschenleben, die ein Hauch
mit sich forttrug. Wie lange wohl dieser
Alptraum anhielt? Die ganze Nacht und
einen Teil des darauffolgenden Tages
versuchte ich, aus diesem Gedränge zu
entkommen, und als ich mich endlich auch
noch von der Enge der Häuserzeilen der
gräßlichen Stadt befreit hatte, fühlte
ich mich in der Luft des freien Landes
selbst Luft geworden. Alles wurde von
der Sonne in Gold getaucht; ich hatte
keinen Körper mehr, keinen Schatten
mehr; das Grün war so frisch und neu,
als wäre es eben jetzt aus meinem so
dringenden Bedürfnis nach Erfrischung
hervorgegangen, und es war so sehr mein,
daß ich mich in jedem unter der Last
eines sich darauf niederlassenden
Insekts erzitternden Grashalm selbst
angerührt fühlte; ich versuchte zu
fliegen, mit dem beinahe papiergleichen,
hingebungsvollen Liebesflug von zwei
weißen Schmetterlingen; und als ob es
nun wirklich ein Scherz wäre, da, ein
Hauch und fort ist es, schon schwebten
die abgefallenen Flügel dieser
Schmetterlinge durch die Luft herab wie
dünnes Papier; weiter drüben saß auf
einem Stuhl, den Oleander neugierig
beäugten, ein junges Mädchen in einem
Kleid aus himmelblauem Schleiertuch, auf
dem Kopf einen großen Strohhut, den
kleine Rosen zierten; sie blinzelte mit
den Augenlidern; nachdenklich saß sie
da, und lächelte mit einem Lächeln, das
sie mir in die Ferne entrückte, wie ein
Bild aus meiner Jugend; vielleicht war
sie ja wirklich nichts anderes als ein
Bild, das mir vom Leben zurückgeblieben
war, nur noch dieses einzige Bild auf
der ganzen Erde. Ein Hauch und fort
damit! Bis zur Beklemmung gerührt von so
viel Süße, blieb ich unbeweglich dort
stehen, die Hände ineinander
verschlungen und den Atem anhaltend, und
betrachtete sie aus der Ferne; und mein
Blick war die Luft selbst, die sie
liebkoste, ohne daß sie sich von ihr
angerührt fühlte.
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LUIGI PIRANDELLO 1867 - 1936 -
Novellen
Der Kater ein Distelfink und die Sterne -
(Il gatto, un cardellino e le stelle – 1925) |
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Erstveröffentlichung in
der Zeitschrift "Penombra" 1917; keine
wesentlichen Varianten bekannt.
aus dem Italienischen von Michael
Rössner
Ein Stein. Noch ein Stein. Der
Mensch geht vorüber und sieht sie nebeneinander
liegen. Aber was weiß dieser Stein schon von dem
Stein neben sich? Und was das Wasser, das im Graben
fließt, vom Graben? Der Mensch sieht das Wasser und
sieht den Graben; er hört das Wasser hindurchfließen
und versteigt sich sogar zu dem Gedanken, das Wasser
könnte im Vorüberfließen dem Graben weiß Gott was
für Geheimnisse mitteilen.
Ach, was für eine Sternennacht über
den Dächern dieses armseligen Dörfchens in den
Bergen! Wenn man den Himmel von diesen Dächern aus
betrachtete, hätte man schwören mögen, die Sterne
sähen in dieser Nacht nichts anderes an, so lebhaft
strahlten sie gerade darüber.
Und die Sterne haben auch keine
Ahnung von der Erde.
Diese Berge? Ja, ist es denn die
Möglichkeit, daß sie nicht wissen, daß sie zu diesem
Dörflein gehören, das seit fast tausend Jahren in
ihrer Mitte liegt? Alle wissen, wie sie heißen,
Monte Corno, Monte Moro; und sie wüßten nicht
einmal, daß sie Berge sind? Und dann wäre also auch
das älteste Haus dieses Dörfleins sich nicht bewußt,
daß es hier aufgerichtet worden ist, daß es diese
Straße hier einrahmt, die die älteste aller Straßen
ist? Ja, kann denn das möglich sein?
Und was wäre dann?
Dann glaubt ruhig, wenn euch das
Spaß macht, daß die Sterne nichts anderes sehen als
die Dächer eures Dörfleins zwischen den Bergen.
Ich habe zwei alte Leutchen
kennengelernt, die einen Distelfink besaßen. Die
Frage, wie die runden, lebhaften Äuglein dieses
Distelfinks ihre Gesichter, den Käfig, das Haus mit
all den alten Möbeln sähen, und was der Kopf dieses
Distelfinks über all die Liebkosungen und
Zärtlichkeiten dachte, mit denen sie ihn
überhäuften, war diesen beiden alten Leutchen mit
Sicherheit noch nie gekommen; so sicher waren sie,
daß der Distelfink, wenn er sich auf der Schulter
des Großväterchens oder des Großmütterchens
niederließ und wenn er an ihrem runzligen Hals oder
am Ohrläppchen knabberte, sehr gut wußte, daß das,
worauf er sich niedergelassen hatte, eine Schulter
war, und daß, woran er knabberte, ein Ohrläppchen
war, und daß Schulter und Ohr ihm und nicht ihr
gehörte. War es denn möglich, daß er sie nicht beide
kannte? Daß er nicht wußte, daß der eine das
Großväterchen und die andere das Großmütterchen war?
Und daß er sich nicht darüber im klaren war, daß sie
ihn beide so sehr liebten, weil er der Distelfink
ihrer verstorbenen Enkelin war, die ihn so gut
abgerichtet hatte, daß er auf die Schulter flog, am
Ohr knabberte und im Haus frei herumflog?
Im Käfig, der zwischen den Vorhängen
am Fensterkreuz hing, hielt er sich nur des Nachts
auf und tagsüber in den kurzen Augenblicken, in
denen er seine Hirsekörner aufpickte und mit vielen
koketten Verbeugungen ein Tröpfchen Wasser trank.
Mit einem Wort, der Käfig war sein Königspalast und
das Haus war sein weites Königreich. Und oft ließ er
auf dem Lampenschirm der Hängelampe im Eßzimmer oder
auf der Rückenlehne des Großvaterstuhls seine
Triller los und auch noch was anderes... naja, er
war eben ein Distelfink!
"Schmutzfink!", zankte ihn das alte
Großmütterchen aus, wenn sie ihn dabei ertappte. Und
sie lief mit dem Lappen herbei, immer bereit zu
putzen, als wäre ein Kind im Haus, von dem man noch
nicht erwarten konnte, daß es genug Verstand besäße,
gewisse Dinge ordentlich und am richtigen Ort zu
erledigen. Und unterdessen erinnerte sie sich an
sie, die alte Großmutter, an die Enkelin erinnerte
sie sich, die ihr genau diese Putzerei, armes
Schätzchen, mehr als ein Jahr hindurch aufgebürdet
hatte, bis sie endlich, als braves Kindchen...
"Erinnerst du dich, hm?"
Und der Alte - was heißt erinnern?
Er sah sie förmlich noch vor sich im Haus
herumlaufen, ganz winzigklein - so! Und er
schüttelte lange Zeit den Kopf.
Sie waren allein zurückgeblieben,
die beiden Alten, mit dem Waisenkind, das da von
Kindesbeiden bei ihnen aufgewachsen war, und das die
Freude ihres Alters hätte werden sollen; aber
stattdessen, mit fünfzehn Jahren.... Nun, aber
lebendig von ihr zurückgeblieben war doch - Triller
und Flügel - die Erinnerung, der Distelfink. Dabei
hatten sie ja zuerst nicht einmal an ihn gedacht! In
der Verzweiflung, in die sie nach dem Unglück
verfallen waren, wie hätten sie da an einen
Distelfink denken können? Aber auf ihre gebugten
Schultern, zuckend unter der Gewalt des Schluchzens,
da hatte er, der Distelfink - ja, er, er - sich ganz
von selbst sanft hingesetzt, hatte das Köpfchen
dahin und dorthin gewendet, den Hals gereckt und
dann einen kleinen Biß mit dem Schnabel liebevoll
hinters Ohr, als wollte er sagen, daß... ja
freilich, er war etwas, das von ihr lebendig
geblieben war; lebendig, immer noch am Leben, etwas,
das ihre Fürsorge brauchte, dieselbe Liebe, die sie
für das Mädchen gehabt hatten.
Wie zitterte doch die klobige Hand
des Alten, als er den Distelfink daraufsetzte, um
ihn schluchzend seiner guten Alten zu zeigen! Was
regnete es da Küsse auf dieses Köpfchen, auf dieses
Schnäbelchen. Aber er wollte sich nicht von dieser
Hand fangen, von ihr einsperren lassen, er schlug
mit den Füßchen um sich, mit dem Köpfchen; er
beantwortete die Küsse der beiden Alten mit
Schnabelhieben.
Das Großmütterchen war ganz, ganz
sicher, daß der Distelfink mit diesen Zwitschertönen
noch immer sein kleines Frauchen rufen wollte, und
daß er, wenn er hin und her durch die Zimmer
flatterte, nach ihr suchte, ohne Ruhe und Rast nach
ihr suchte, sich einfach nicht damit abfinden
konnte, daß er sie nicht mehr fand; und daß das
alles Reden war, die er an sie hielt, diese
langgezogenen Triller; Fragen, ja, richtige Fragen,
wie man sie mir Worten nicht deutlicher hätte
stellen können. Dreimal, viermal hintereinander
wiederholte er diese Fragen, die nach einer Antwort
verlangten und den Ärger darüber verrieten, daß er
keine bekam.
Aber wie denn, wenn es
doch andererseits ebenso ganz, ganz
sicher war, daß der Distelfink über den
Tod Bescheid wußte? Wenn er es wußte,
wen rief er dann? Von wem erwartete er
eine Antwort auf seine Fragen, wie man
sie mir Worten nicht deutlicher hätte
stellen können?
Nun, mein Gott, er war
eben doch ein Distelfink! Bald rief er
nach ihr, bald beweinte er sie. Konnte
man den ernsthaft daran zweifeln, daß er
- in diesem Augenblick zum Beispiel,
wenn er da ganz zusammengekauert auf dem
Stab seines Käfigs saß, das Köpfchen
eingezogen, das Schnäbelchen in die Höhe
gereckt und mit halbgeschlossenen Augen
- daß er da an das tote Mädchen dachte?
So gewisse kurze, unterdrückte Piepstöne
stieß er in solchen Augenblicken aus,
und die waren doch der schlagendste
Beweis dafür, daß er an sie dachte, sie
beweinte und sich beklagte. Es zerriß
einem förmlich das Herz, wenn man diese
Piepstöne hörte.
Nein, der alte Großvater
sagte ja gar nichts dagegen. Er war sich
der Sache ja genauso sicher wie seine
gute Alte! Und dennoch stieg er ganz
sachte auf den Stuhl, als wollte er
tatsächlich diesem armen gequälten
Seelchen ein paar Trostworte zuflüstern,
und dabei - fast, als wollte er selbst
nicht dabei zusehen, was er tat - dabei
öffnete er das Käfigtürchen, das
zugefallen war.
"Da fliegt er davon! Na,
da fliegt er, der Lausebengel!", rief
der Alte, während er sich auf dem Stuhl
umdrehte, mit lachenden Augen, die
beiden Handflächen vorstreckend, als
wollte er ihn aufhalten.
Und dann stritten
Großpapa und Großmama. Sie stritten,
weil sie es ihm schon hundertmal gesagt
hatte, er solle ihn in Ruhe lassen, wenn
er so im Käfig hockte, er solle ihn
nicht in seinem Kummer aufscheuchen. Na,
hörte er das jetzt?
"Er singt", sagte der
Alte.
"Was heißt, er singt!",
keifte sie zurück und zuckte die
Achseln. "Der erzählt dir was Schönes!
Der hat einen Affenzorn auf dich!"
Und sie lief hin, um ihn
zu beruhigen. Aber wie wollte man ihn
denn beruhigen? Er sprang hierhin und
dorthin, richtig gekränkt war er. Und
ganz zu Recht, denn er mußte ja den
Eindruck haben, daß man in diesen
Augenblicken keine Achtung vor ihm
hatte.
Das Schöne war nur, daß
der Großvater sich nicht nur all die
Beschimpfungen der Großmutter geduldig
anhörte, ohne ihr zu sagen, daß das
Käfigtürchen zugefallen war, und daß der
Distelfink vielleicht deshalb so klagend
gepiepst hatte, nein, er weinte, als er
seine gute Alte so reden hörte, während
sie dem Distelfink nachlief und gestand
es selbst ein, während er unter Tränen
den Kopf schüttelte:
"Der Ärmste, er hat ganz
recht... der Ärmste, er hat ganz
recht... er meint, wir hätten keine
Achtung vor ihm!"
Denn der Großvater wußte
sehr gut, was es heißt, wenn man spürt,
daß die anderen keine Achtung vor einem
haben. Vor ihnen beiden, den armen
Alten, hatte auch niemand mehr Achtung,
sie waren das Gespött des Dorfes, weil
sie nur noch für diesen Distelfink
lebten, und weil sie sich selbst dazu
verdammten, ständig bei geschlossenem
Fenster lebten; ja, auch er, der alte
Großvater, hatte sich dazu verdammt, die
Nase nicht mehr vor die Türe zu stecken,
denn er war zwar alt und heulte zu Hause
wie ein kleines Kind, aber, he! - also
auf der Nase herumtanzen hatte er sich
noch von keinem lassen, und hätte einer
auf der Straße auf die dumme Idee
gekommen, sich über ihn lustig zu
machen, dann hätte er sein Leben (was
für einen Wert hatte das Leben denn noch
für ihn?) wie nichts, jawohl, wie nichts
aufs Spiel gesetzt. Jawohl, meine
Herrschaften, für diesen Distelfink da,
wenn jemand auf die dumme Idee gekommen
wäre, ein falsches Wort zu sagen.
Dreimal, in seiner Jugend, da stand es
auf des Messers Schneide... da ging's um
Kopf und Kragen oder wenigstens um die
Freiheit! Ach, ihm lag nicht viel daran,
die Augen auf immer zu schließen!
Jedes Mal, wenn diese
gewalttätigen Gedanken sein Blut in
Wallung brachten, stand der alte
Großvater auf, oft mit dem Distelfink
auf der Schulter, ging zum Fenster und
sah mit grimmigem Blicken durch die
Glasscheibe auf die Fenster der Häuser
gegenüber.
Daß das dort Häuser
waren, dort gegenüber, daß das Fenster
waren, mit Rahmen und Scheiben, mit
Brüstungen, Blumentöpfen und allem, was
dazugehört; daß das Dächer waren, mit
Rauchfängen, Ziegeln, Dachrinnen, daran
konnte der alte Großvater nicht zweifeln
- er wußte ja noch dazu, wem sie
gehörten, wer dort drinnen war, und wie
man dort wohnte. Das Schlimme war nur,
daß ihm nicht im geringsten die Frage in
den Sinn kam, was dagegen für den
Distelfink, der auf seiner Schulter
hockte, dieses sein eigenes Haus und die
anderen Häuser gegenüber waren; und auch
nicht, was sie für diesen prächtigen
weißen Kater bedeuteten, der auf dem
Fensterbrett des Fensters gegenüber
hockte und sich mit geschlossenen Augen
die Sonne auf den Pelz scheinen ließ.
Fenster? Glasscheiben? Dächer? Ziegel?
Mein Haus? Dein Haus? Für diesen
riesigen weißen Kater: Mein Haus? Dein
Haus? Aber wenn er nur hineingelangen
konnte, waren doch alle Häuser sein!
Häuser? Was heißt denn Häuser! Orte, wo
man etwas mitgehen lassen konnte; Orte,
wo man mehr oder weniger bequem schlafen
konnte; oder auch, wo man sich schlafend
stellen konnte.
Glaubten denn die beiden
alten Großeltern tatsächlich, wenn sie
immer Fenster und Türe des Hauses
geschlossen hielten, könnte ein Kater,
wenn ihm wirklich daran läge, nicht
einen anderen Weg finden, ins Haus zu
gelangen und diesen Distelfink zu
verspeisen?
Und war es nicht
wirklich ein bißchen zu viel verlangt,
daß der Kater wissen sollte, daß dieser
Distelfink für die beiden alten
Großeltern alles war, was sie im Leben
noch hatten, weil er ihrer verstorbenen
Enkelin gehört hatte, die ihn so gut
abgerichtet hatte, daß er im Haus frei
herumfliegen konnte, außerhalb des
Käfigs? Und daß er wissen sollte, daß
der alte Großvater, als er ihn einmal
hinter einem der Fenster auf der Lauer
liegen und durch das Glas den sorglosen
Flug des Distelfinks durch die Zimmer
beobachten gesehen hatte, wütend zu
seinem Besitzer gelaufen war, um ihn zu
warnen, wehe, wehe, wenn er noch einmal
dieses Katzenvieh dort erwischen würde?
Dort? Wann? Wie? Das Frauchen... die
Großeltern... das Fenster... der
Distelfink?
Und so verspeiste er ihn
eines Tages - aber freilich, diesen
Distelfink, der seinetwegen auch ruhig
ein anderer Vogel hätte sein können, er
verspeiste ihn, nachdem er, Gott weiß
wie, sich in das Haus der beiden Alten
geschlichen hatte. Die Großmutter - es
war schon fast Abend - vernahm von
drüben gerade so etwas wie ein leises
Klagen, einen unterdrückten Piepser; der
Großvater eilte herbei, sah gerade noch
etwas Weißes durch die Küche
davonhuschen und ein paar kleine
Brustfedern, die allerzartesten, auf dem
Boden verstreut, wo sie sich in dem
Lufthauch seines Eintretens auf dem
Marmorboden ganz sachte bewegten. Welch
ein Schrei! Seine gute Alte versuchte
ihn vergeblich zurückzuhalten, der
Großvater packte sein Gewehr und lief
wie ein Verrückter zum Haus der
Nachbarin. Nein, nicht die Nachbarin,
den Kater, freilich, den Kater wollte er
erschießen, der Alte, dort, vor ihren
Augen. Und so schoß er in das Eßzimmer
hinein, als er ihn dort seelenruhig auf
der Kredenz sitzen sah, schoß einmal,
zweimal, dreimal, bis das Geschirr in
Brüche ging und der Sohn der Nachbarin,
seinerseits mit einem Gewehr bewaffnet,
hinzustürzte und auf den Alten anhielt.
Eine Tragödie. Unter
Schreien und Weinen trug man den
Großvater sterbend, mit einer Schußwunde
in der Brust in sein Haus zurück, zu
seiner guten Alten.
Der Sohn der Nachbarin
war in den Wald geflohen. Zwei Familien
waren ruiniert; das ganze Dorf war eine
Nacht lang in hellem Aufruhr.
Und der Kater konnte
sich einen Augenblick später schon gar
nicht mehr daran erinnern, daß er einen
Distelfink gefressen hatte - einen
beliebigen Distelfink; und er hatte
nicht einmal begriffen, daß der Alte auf
ihn geschossen hatte. Er hatte einen
riesigen Luftsprung gemacht, als es
krachte, war davongelaufen, und nun - da
war er wieder - nun lag er ganz
friedlich, so sehr weiß auf dem
schwarzen Dach, und betrachtete die
Sterne, die aus der tiefschwarzen
Neumondnacht herausguckten und dabei -
da kann man ganz sicher sein - nicht im
geringsten von den armseligen Dächern
dieses kleinen Dorfes zwischen den
Bergen Notiz nahmen. Und doch leuchteten
sie so hell gerade darüber, daß man
hätte schwören mögen, sie sähen in
dieser Nacht nichts anderes an.
* * *
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LUIGI PIRANDELLO 1867 - 1936 -
Novellen
Der Nagel - (Il chiodo - 1937) |
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Der Junge hat gestanden, daß er
diesen Nagel da gefunden hatte, als er im
Schwarzenviertel Harlem eine Straße überquerte. Es
war ein großer, rostiger Nagel, der vielleicht von
einem kurz zuvor über diese Straße gefahrenen Wagen
heruntergefallen sein mochte.
Absichtlich heruntergefallen.
„Wie denn, absichtlich?“
Es nützt nichts, die Augen
sperrangelweit aufzureißen oder im Sessel
hochzufahren. Wenn man dem nicht Rechnung tragen
wollte, und der Art, in der der Junge das sagte,
ruhig, überzeugt, aber in den gläsernen Augen noch
den Schrecken über die unverständliche und
unerklärliche Sache festhaltend, die ihm widerfahren
war, dann hatte es gar keinen Sinn, ihn weiter zu
befragen.
Dieser Nagel lag dort, mitten auf
der ausgestorbenen Straße, und er stach dort so sehr
ins Auge, daß er in unwiderstehlicher Weise nicht
bloß den Blick, sondern auch die Hand des zufällig
Vorübergehenden anzog, der sich gezwungen sah, sich
herabzubeugen, um ihn aufzuheben, ohne zu wissen,
was er damit anfangen sollte, sei es auch nur, um
ihn kurze Zeit später auf der Straße wieder
wegzuwerfen.
Tatsächlich sagt der Junge, er habe
nie daran gedacht, daß er ihn später verwenden
könnte; daß er nicht einmal daran gedacht hatte,
während er schon dabei war, ihn zu verwenden. Er
hatte ihn in der Hand, weil er nicht anders konnte
als ihn aufzuheben; aber da dachte er schon nicht
mehr daran. Der Nagel war ja schon „ruhig geworden“
in seiner Hand (ja, so hat er gesagt, und allen ist
es kalt den Rücken hinuntergelaufen, als sie ihn das
sagen hörten), der Nagel war schon „ruhig geworden“
in seiner Hand, weil er ‑ wie er es gewollt hatte ‑
aufgehoben worden war.
Und so ‑ immer noch nach der
Erzählung des Jungen ‑ hatten zwei Straßenmädchen,
während er eben dabei war, aus der Straße, auf
welcher er den Nagel aufgehoben hatte, in eine
andere einzubiegen, hatten zwei Straßenmädchen also,
die eine vielleicht vierzehn, die andere kaum acht
Jahre alt, zu raufen begonnen. In Brand geraten in
einem Feuerschein der untergehenden Sommersonne,
wurden sie zu einem Knäuel aus Armen, aus Beinen,
aus Lumpen und aus Haaren; und auf der Stelle hatte
er sich ohne nachzudenken auf sie gestürzt, die
Faust gehoben und den Nagel in den Kopf der
kleineren der beiden gebohrt; dann, sogleich danach,
in Wahrheit aber nach einer unendlich langen Zeit,
als er sie tot daliegen sah, als wäre sie es immer
schon gewesen, zu seinen Füßen ganz blutüberströmt
zusammengesunken, war er inmitten des Entsetzens der
herbeigelaufenen Leute wie betäubt zurückgeblieben.
Warum er die Kleine durchbohrt hatte
und nicht die Große, das wußte er nicht zu sagen. Er
kannte weder die eine noch die andere. Er hatte
nicht einmal Zeit gehabt, ihnen ins Gesicht zu
sehen. Er hatte bloß gesehen, daß die Große die
Kleine an den Haaren an der Schläfe gepackt hatte,
und daß diese Haare der Kleinen kupferrot waren, und
eine ihrer Hände, krallenartig gekrümmt, im Gesicht
der Großen, die ihr von unten gräßlich ein Auge nach
oben drückte, so daß das gesamte Weiße des Auges zu
sehen war, das fast aus der Höhle sprang.
Vielleicht war es wegen der Farbe
der Haare gewesen, wegen dieses so scheußlich
verschobenen Auges. Denn danach hatte man erfahren,
daß die Große an der Sache schuld gewesen war, die
der Kleinen einen Streich hatte spielen und dabei
deren Schwächlichkeit ausnützen wollte, kränklich,
wie das Mädchen nun einmal war, das sah man doch
gleich beim Anblick ihres spitzen, ausgezehrten
Gesichtchens, das dort auf dem Boden, inmitten der
Blutlache, aussah wie aus Wachs, ein Jammer, dieses
Näslein, dieses Mündchen, und all diese
Sommersprossen dazu. Kein Zweifel, daß sie bei der
Rauferei zu guter Letzt den Kürzeren gezogen hätte.
Und mit diesem Nagel hatte er sie
getötet.
Nun, nach dem Verhör, lauscht er,
gebeugt auf seinem Stuhl, mit einer düsteren
Verwunderung in den Augen, die schmalen Hände auf
den Knien, mit den Malen von Kratzern, die er sich
vielleicht selbst zugefügt hat, ohne es auch nur zu
bemerken. Er lauscht den Gründen, die die anderen
sich ausdenken, um seine Tat zu erklären.
Seine Verwunderung gilt dem Umstand,
daß es so viele sein können, so viele solche Gründe,
während er nicht einmal einen einzigen zu sehen
vermag; und alle scheinen wahr und einleuchtend,
sowohl die, die für ihn als auch die, die gegen ihn
sprechen.
Aber ja, auch ihm
erscheinen sie wahr und einleuchtend,
freilich nur wenn er sich dazu hinreißen
läßt, sie als ein Konstrukt aus
geistreichen Vermutungen und Eingebungen
zu betrachten, das nicht eigentlich auf
ihn und seine Tat bezogen werden kann;
sonst nicht; ein paar würden ihn
geradezu zum Lachen reizen, wenn ihn
nicht die allgemeine Beklemmung
zurückhalten würde, und noch etwas
anderes, was man ihm dort vor die Augen
hält, auf dem Tisch des Richters: der
Nagel, dessen Rost einen noch ein wenig
dunkleren Rotton angenommen hat; und
noch etwas hält ihn zurück, das
Schrecklichste von allem, etwas, das er
im tiefsten Grund seines Herzens vor
sich selbst verborgen hält, als müßte er
sich dafür schämen. Aber es ist keine
Scham. Es ist Schreck. Ein verzweifeltes
Mitleid, eine trostlose Liebe ist da in
ihm allmählich zu ihr entstanden, von
der er erst jetzt erfahren hat, daß sie
Betty hieß; nur so, Betty; denn nur
unter ihrem Vornamen war sie bekannt,
und tatsächlich hat sich keiner ihrer
Angehörigen gemeldet.
Mit diesem geheimen
Gefühl im Herzen, das ihn förmlich
auffrißt, ist es ihm völlig
gleichgültig, ob die Leute, die da
sprechen, gegen die Wahrheit verstoßen
und etwas gegen ihn sagen; im Gegenteil,
es ist ihm ganz recht, denn alles, was
die da an Ungerechtem sagen, beweist ihm
immer mehr, daß wahr vielmehr das andere
ist, an das niemand glauben will, daß
nämlich dieser Nagel absichtlich dort
hingefallen ist, und das von Betty und
dem anderen Mädchen, daß die nämlich,
gerade als er in die Straße einbog,
ebenfalls absichtlich zu Raufen begonnen
hatten, absichtlich, damit er, von
dieser Rauferei dazu angeregt, sich
einzumischen, ohne daß er noch daran
gedacht hätte, daß er ja mit diesem
Nagel bewaffnet war, die grauenhafte
Ungerechtigkeit begehen müßte, eine
Unschuldige zu töten. Und übrigens ist
das nicht wahr, Betty, das mit deinen
Haaren; daß deine roten Haare nicht
schön gewesen wären. Sie waren schön,
jawohl, sie waren schön und sie standen
dir wunderbar. Und was liegt schon
daran, daß du all diese vielen
Sommersprossen in deinem spitzen
Gesichtchen hattest? Wenn du nur die
Augen aufmachen würdest, die ich nicht
einmal zu Gesicht bekommen habe! Ach
wäre doch nur das Wunder geschehen, daß
du da auf der Erde, in all diesem Blut,
plötzlich, damit allen der Schreck
vergeht, den Schalk von zwei leuchtenden
Äuglein hättest aufblitzen lassen. Aber
dieses Wunder ist nicht geschehen. Deine
Äuglein habe ich nur geschlossen
gesehen, auf immer geschlossen.
Vielleicht konntest du, armes krankes
Mädchen, auch gar keine leuchtenden
Äuglein haben. Macht nichts, macht
nichts: mach sie trotzdem auf, Betty,
mach sie auf und lächle. Kann sein, es
fehlt dir der eine oder andere Zahn; du
wirst noch nicht alle zweiten Zähne
haben; macht nichts, lächle trotzdem.
aber diese weißen Lippen, diese weißen
Lippen: man muß sofort das ganze Blut
abwaschen.
Ein epileptischer
Anfall? Wer redet da von einem
epileptischen Anfall?
Sie meinen ihn damit,
und sie erklären alle Symptome dieser
Krankheit. Aber er ist ganz sicher, nie
etwas dergleichen gespürt zu haben. Kann
es sein, daß er diese Krankheit hat ohne
es zu wissen, daß sie bis zum Augenblick
des Delikts verborgen geblieben und dann
plötzlich in ihm ausgebrochen ist?
Also, wenn sie weiter
solche Dinge sagen, dann bricht ihm das
Herz oder er schnappt über.
Aber jetzt reden sie von
bösartigen Trieben.
Das ist ihm lieber, wenn
sie das sagen, denn das ist nicht wahr.
Er, bösartige Triebe? Er hat doch nie
bei all den Grausamkeiten seiner
Schulkameraden in den Pausen, gegen ein
kleines Tier oder ein Insekt, zusehen
können, ohne sich dagegen aufzulehnen.
Also, gezeigt hat er sie nie, diese
bösartigen Triebe. Und wenn die glauben,
daß dieser vom Boden aufgehobene Nagel
ein Beweis dafür sei, dann ist das ja
zum Lachen. Die kennen ihn nicht. Die
sprechen gar nicht von ihm. Kein Trieb
ist in ihm erwacht, als er diesen Nagel
aufgehoben hat. Er hat ihn aufgehoben,
ohne überhaupt an das zu denken, was er
tat; und er war so weit fort mit seinen
Gedanken, daß er während des ganzen
Stück Weges, den er zurücklegte, ehe er
in die andere Straße einbog, nur an
einen Wagen gedacht hatte, an einen
Wagen, von dem dieser Nagel
heruntergefallen sein könnte, einen
Wagen, der vielleicht jetzt aufs Land
fuhr, in die Ferne. Denn er war gerade
in diesen Tagen vom Land zurückgekommen,
wo er mit der Familie die Ferien
verbracht hatte, den Sommer, und er
hatte so viele solcher Karren über die
Wege inmitten des hohen Grases fahren
sehen. Aber im übrigen mögen sie doch
sagen, was sie wollen; mögen sie doch
die absurdesten Vermutungen anstellen,
ihm liegt an gar nichts mehr etwas: Er
ist schon weit weg, auf dem Land, in Old
Lime, wo er den Sommer verbracht hat, er
sieht wieder die Villa vor sich und die
herrliche Landschaft in der heiteren
Sommerluft; das Segelboot des Vaters,
das am Ufer des Flusses, des
Connecticut, vor Anker liegt, der so
viel blauer ist als das Meer, zwischen
all dem Grün ringsumher; er ist mit dem
Vater auf diesem Boot bis zum Ozean
gefahren; weiter hat die Mama nicht
erlaubt, daß er mitfährt. Das Boot war
ja so klein, mitsamt dem Segel; aber die
Villa war groß, mit den vielen falschen
Säulen in der Fassade, und auf allen
Seiten umgeben von lauter großen,
schönen Bäumen, von denen der Großvater
sicher war, es seien Eukalyptusbäume,
und die der Vater Platanen und Buchen
nannte; Eukalyptus, Eukalyptus;
Platanen, Buchen; Tatsache war
jedenfalls, daß sie viel Schatten
machten, denn in der Villa sah man fast
gar nichts, und es war besser, die Tage
draußen zu verbringen; außerdem, dazu
fährt man ja schließlich aufs Land; die
Mutter schrie ihm nach, er solle nicht
zu weit fortgehen; und sie erklärten den
Freunden, die sie besuchen kamen, auf
der Hausbank sitzend, daß diese Villa
das älteste Haus in Old Lime sei, und
eines der ältesten Häuser in ganz
Amerika; während er glücklich wie ein
Verrückter am Flußufer entlang lief oder
sich in der Landschaft verlor, mitten in
dem Gras, das so hoch und so dicht stand
und so sehr nach all den Säften der Erde
roch, daß es einen fast erstickte und
berauscht machte. Aber jetzt kann er
nicht mehr allein sein. Jetzt ist er da
inmitten all dieses Grases mit Betty; er
will mit ihr spielen; aber zuerst will
Betty nicht; dann gibt sie ihm ihre
kleine Hand, eine noch ganz kalte Hand,
eiskalt, so daß einen ein Schauder
überläuft, wenn man sie anfaßt; man
braucht nicht mehr daran zu denken; er
beugt sich hinab, um sie anzusehen; nun
folgt sie ihm mit gesenktem Kopf, den
Finger der anderen Hand in den
Mundwinkel gesteckt. Sie gehen und
gehen. Aber so ist’s ja sinnlos, wenn
sie nicht spielen sollen. Will sie nicht
mehr spielen? Sie kann nicht? Was dann?
Will sie sich wieder zu Boden werfen?
Nein! Nein! Betty ist jetzt geheilt, sie
muß wieder strahlen und lachen, jawohl,
lachen. Aber Betty bleibt stehen und
winkt ihm mit der Hand, er solle ein
bißchen warten. Was denn? Sie muß einen
Augenblick zur Seite gehen, nur für
einen kleinen Augenblick. Ein Bedürfnis.
Ihm ist das ein bißchen peinlich. Er mag
das gar nicht, daß Mädchen gewisse Dinge
aussprechen. Aber da kommt statt ihrer
aus der Gegend, in der sie sich
verstecken wollte, ein anderes Mädchen;
nein, es ist nicht das von der Rauferei;
es ist eine seiner Cousinen, dick und
häßlich, fast so alt wie er, sie ist aus
Harlem mit ihrer Mutter gekommen, um den
ganzen Tag auf dem Land zu verbringen;
er kann sie nicht ausstehen. Wo ist
Betty hingegangen? Da ist sie, dort
hinten, weit, weit weg, sie läuft; sie
hat diesen Vorwand gewählt, um
davonzulaufen; sie hat Angst vor ihm.
Nein, nein Betty; er wird dir nicht mehr
weh tun; er würde sein Leben dafür
geben, dich wieder lebendig zu machen,
er wird dich seinen Platz in dem Haus
einnehmen lassen. Nun bist du hier. Die
Mama wird dafür sorgen, daß du
ordentlich gewaschen wirst. Und dann
fort mit all diesen Lumpen; sie wird dir
ein neues Kleid anziehen, in einer
Farbe, die dir gut steht, die zu deinen
roten Haaren paßt, ein blauviolettes
Kleidchen; ach, wie du jetzt entzückend
aussiehst; schade, daß er nicht mehr da
sein kann, um dich zu sehen, wenn er
sein Leben für dich gegeben hat; und du
wirst immer so klein bleiben, hier auf
dem Land, ohne je für irgend jemand groß
zu werden; auf dem Land wie in einem
Paradies, Betty.
Sie haben ihn nicht
angeklagt.
Als er freigesprochen
wurde, ließ sich der Junge nichts
anmerken. Nur ein Seufzer ist ihm
entschlüpft. Es ist sicher, daß er aus
Kummer über Betty sterben wird.
Aber vielleicht wird er
auch nicht sterben. Die Jahre werden
vergehen. Und vielleicht wird er als
Großer manchmal an Betty denken. Und
dann wird er sie sehen, immer noch
klein, wie sie auf ihn wartet, auf dem
Land, in Old Lime, in ihrem immer noch
ganz neuen blauvioletten Kleid, das so
gut zu ihren roten Haaren paßt.
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LUIGI PIRANDELLO 1867 - 1936 -
Novellen
Der Tod am Leib - (La
morte addosso - 1923) |
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Aus dem Italienischen von Georg Richert, für die
Novellenfassung überarbeitet von Michael Rössner.
Erstveröffentlichung
August 1918 unter dem
Titel Caffè notturno
- "Nachtcafé" in der
Zeitschrift La
Rassegna italiana.
Die Novelle wurde ohne
größere Veränderungen (der
gesprochene Text ist im
wesentlichen
deckungsgleich) 1923 als
Einakter unter dem Titel
L'uomo dal fiore in
bocca ("Der Mann mit
der Blume im Mund")
uraufgeführt (siehe Bd.
9? unserer Ausgabe).
Keine wesentlichen
Varianten bekannt.
- Hm, was ich sagen wollte... Sie sind offenbar ein
ruhiger Mensch... Haben Sie den Zug verpaßt?
- Um eine Minute, sag ich Ihnen. Ich komme gerade am
Bahnhof an, und da fährt er mir vor der Nase weg.
- Sie hätten doch hinterherlaufen können!
- Ja, das schon. Ich weiß, es ist lächerlich. Mein
Gott, wenn ich bloß nicht diese vielen Pakete,
Päckchen und Schächtelchen gehabt hätte! Beladen wie
ein Lastesel! Aber die Damen... noch ein Auftrag,
noch eine Besorgung... die finden ja kein Ende. Als
ich aus dem Wagen sprang - glauben Sie mir, ganze
drei Minuten habe ich gebraucht, um die Schlingen
all dieser Päckchen an die Finger zu hängen; an
jeden Finger zwei.
- Das muß hübsch gewesen sein! Wissen Sie, was ich
getan hätte? Ich hätte sie im Wagen liegen lassen.
- Und meine Frau? Ich danke. Und meine Töchter? Und
alle ihre Freundinnen?
- Schreien lassen! Ich hätte mich königlich amüsiert
dabei.
- Sie haben wohl keine Ahnung, was in der
Sommerfrische aus Frauen wird!
- Und ob ich das weiß! Gerade weil ich es weiß. Alle
Frauen sagen, sie brauchten überhaupt nichts.
- Wenn es nur das wäre! Die behaupten doch glatt,
sie führen nur aufs Land, um zu sparen. Und dann,
kaum angekommen in irgendeinem Nest hier in der
Gegend... je häßlicher es ist, je armseliger und
schmutziger, desto mehr sind sie versessen darauf,
es mit ihren allerauffälligsten Plundern und
Klunkern zu verschönern! Ja, die Frauen, mein Lieber!
Aber schließlich ist es ja ihr Beruf... "Wenn du mal
kurz in die Stadt fahren könntest, Lieber! Ich
brauche dringend dies und das... und könntest du
dabei nicht auch gleich, natürlich nur, wenn es dir
nichts ausmacht... (herrlich, dieses "wenn es dir
nichts ausmacht"!) und dann, wenn du schon einmal
dort bist, du kommst sowieso da vorbei..." - aber
meine Liebe, wie soll ich denn das alles in drei
Stunden erledigen?" "Ach, red' doch nicht! Wenn du
dir einen Wagen nimmst..." - Zu allem Unglück bin
ich auch noch ohne Hausschlüssel, weil ich ja nur
drei Stunden bleiben wollte.
- So ein Pech! Und nun?
- Ich habe diesen Berg von Paketen und Päckchen in
der Gepäckaufbewahrung gelassen im Bahnhof, bin
essen gegangen und dann ins Theater, um den Ärger
auszuschwitzen. Man kam dort fast um vor Hitze. Als
ich wieder auf der Straße stehe, frage ich mich: was
mache ich jetzt? Es ist schon zwölf. Um vier nehme
ich den ersten Zug. Für drei Stunden Schlaf lohnt
sich das Geld für die Übernachtung nicht. Und so bin
ich nun hier. Dieses Café macht doch nicht zu, wie?
- Nein, es macht nicht zu. Und Sie haben also Ihre
Päckchen alle auf dem Bahnhof gelassen?
- Warum fragen Sie das? Sind Sie dort vielleicht
nicht sicher? Sie waren alle gut verschnürt.
- Nein, nein, das meine ich nicht. Gut verschnürt,
das kann ich mir denken, mit all der Kunstfertigkeit,
mit der die jungen Verkäufer beim Einpacken zu Werke
gehen... Was für Hände! Ein schöner, großer Bogen
starkes Papier, rot, glänzend... schon den anzusehen,
ist ein Vergnügen... so glatt, daß man am liebsten
sein Gesicht drauf legen möchte, um die kühle,
zärtliche Berührung zu spüren... Sie breiten ihn auf
dem Tisch aus und legen dann ganz nonchalant den
leichten, gut gefalteten Stoff in die Mitte. Zuerst
heben sie mit dem Handrücken einen Rand von unten in
die Höhe, holen dann von oben den anderen herunter
und falten dabei flink und graziös einen Umschlag,
wie eine Zugabe, l'art pour l'art. Danach legen sie
den Bogen von der einen und dann von der anderen
Seite zum Dreieck und schlagen die beiden Spitzen
unter, greifen mit einer Hand nach der
Bindfadenrolle, ziehen gerade so viel ab, wie sie
brauchen, verschnüren so rasch, daß man nicht einmal
Zeit hat, ihr Können zu bewundern, schon
präsentieren sie das Paket mit der fertigen Schlaufe,
so daß man den Finger hineinstecken kann.
- Man sieht, Sie haben die jungen Verkäufer sehr
aufmerksam beobachtet.
- Ich? Ganze Tage verbringe ich damit, mein lieber
Herr. Ich kann stundenlang stehen und durch die
Scheibe in einen Laden schauen. Ich vergesse mich
völlig. Mir ist, als ob ich selbst... Ich möchte
wirklich dieser Stoff dort sein, diese Seide...
dieses gestreifte Leinen... dieses rote oder
himmelblaue Band, das die Lehrmädchen im
Kurzwarengeschäft, nachdem sie es abgemessen haben
am Metermaß... haben Sie schon einmal gesehen, wie
sie das machen?... wenn sie es sich wie eine Acht
über Daumen und kleinen Finger der linken Hand
wickeln, ehe sie es einpacken. Ich beobachte den
Kunden oder die Kundin, die mit dem Paket am Finger
oder in der Hand oder unterm Arm aus dem Laden
herauskommen... ich folge ihnen mit den Blicken, bis
ich sie aus den Augen verliere... und dabei denke
ich mir... mein Gott, was denke ich mir nicht alles
dabei! Sie können sich das gar nicht vorstellen.
Aber mir hilft das. Es hilft mir.
- Es hilft Ihnen? Verzeihen sie... wobei denn?
- Mich so - ich meine, mit der Einbildungskraft - an
das Leben zu klammern. Wie eine Kletterpflanze an
die Stäbe eines Gitters. Ah, man darf die Phantasie
keinen Augenblick zur Ruhe kommen lassen, man muß
durch sie unaufhörlich mit dem Leben der anderen
verbunden sein... aber nicht mit dem der Leute, die
man kennt. Nein, nein. Das könnte ich nicht. Das
wäre mir unangenehm, wenn sie es wüßten, sogar
ekelhaft. Mit dem Leben der Fremden, an denen sich
meine Phantasie ungehemmt betätigen kann, aber nicht
etwa nur so, aus einer Laune heraus, nein... sie
bezieht die allerkleinsten Dinge mit ein, die ich
bei diesem oder jenem entdeckt habe. Wenn Sie wüßten,
wie sehr und wie sie arbeitet, diese Phantasie! Wie
weit ich mich einzudringen traue! Ich sehe das Haus
von diesem oder jenem: ich lebe dort, ich habe das
Gefühl, wirklich dort zu sein, so sehr, daß ich
sogar spüre... kennen Sie diesen besonderen Geruch,
der in jedem Hause hängt?... in Ihrem genau so wie
in meinem. Aber in unserem eigenen spüren wir ihn
nicht mehr, weil es der Geruch unseres Lebens ist,
verstehen Sie? Ich sehe, daß Sie meiner Meinung sind...
- Ja, weil... ich meine, es muß ein großes Vergnügen
für Sie sein, sich so viel vorzustellen...
- Vergnügen? Für mich?
- Ja... das denke ich mir so...
- Hören Sie... sind Sie je bei einem tüchtigen Arzt
gewesen?
- Ich? Nein. Warum? Ich bin doch nicht krank!
- Nein, keine Angst! Ich frage nur, um zu hören, ob
Sie je im Hause eines solchen Arztes das Zimmer
gesehen haben, in dem die Patienten warten, bis sie
dran sind zur Untersuchung.
- Oh ja. Einmal mußte ich eine von meinen Töchtern
begleiten. Sie hatte was mit den Nerven.
- Gut. Ich will gar nichts
Näheres wissen. ich meine nur,
dieses Wartezimmer... Haben Sie
darauf geachtet? Ein
altmodisches dunkles Sofa...
Polstersessel, die meist nicht
zueinander passen... Lehnstühle...
lauter Gelegenheitskäufe aus dem
Trödlerladen, hingestellt für
die Patienten, sie gehören gar
nicht zur Wohnung. Der Herr
Doktor hat für sich, für die
Freundinnen seiner Frau einen
ganz anderen Salon, einen
eleganten, schönen. Was meinen
Sie, wie sich so ein Sessel, so
ein Stuhl aus dem Salon, wenn
man ihn ins Wartezimmer brächte,
mit dieser einfachen,
billig-bescheidenen Einrichtung
beißen würde, die für die
Patienten genügt. Ich möchte
wissen, ob Sie sich, als Sie mit
Ihrer Tochter dort waren, den
Sessel oder Stuhl, auf dem Sie
saßen und warteten, genau
angesehen haben.
- Ich? Nein, eigentlich nicht.
- Das glaube ich. Weil Sie nicht
krank waren... Aber häufig
achten nicht einmal die Kranken
darauf, so erfüllt sind sie von
ihren Leiden. Und doch, wie oft
hocken da welche und starren auf
ihren Finger, der vergebliche
Signale auf die blanke Armlehne
des Sessels klopft, auf dem sie
sitzen. Sie denken nach, aber
sie sehen nicht. Und wie
merkwürdig ist es, wenn man nach
der Untersuchung durch das
Wartezimmer geht und den Stuhl
wiedersieht, auf dem man kurz
zuvor gesessen und darauf
gewartet hat, was der Arzt sagen
würde über die Krankheit, die
man noch nicht kennt. Ein
anderer Patient sitzt darauf,
auch er mit einem geheimen
Leiden, oder der Stuhl ist leer
und wartet gleichgültig auf
irgendjemanden, der sich
draufsetzt. Aber wovon sprachen
wir? Ach ja... von dem Vergnügen,
sich etwas vorzustellen. -
Merkwürdig, daß ich sofort an
einen Sessel aus diesen
Wartezimmern gedacht habe, in
denen die Patienten auf die
Untersuchung warten.
- Ja... wirklich...
- Sehen Sie da keinen
Zusammenhang? Ich auch nicht.
Aber es ist so: gewisse
Erinnerungen an Bilder, die
keine Beziehung zueinander haben,
sind für jeden von uns so
persönlich, durch so besondere
Gründe und Erfahrungen bestimmt,
daß der eine den anderen nicht
mehr verstünde, wenn wir im
Gespräch nicht vermeiden würden,
sie zu erwähnen. Es ist oft
nichts unlogischer als diese
Analogien. Aber schauen Sie,
vielleicht kann das ein
Zusammenhang sein: Hätten diese
Stühle Spaß daran, sich
vorzustellen, wer der Patient
ist, der sich auf sie setzt und
auf die Untersuchung wartet?
Welche Krankheit er hat? Wohin
er nach der Untersuchung gehen
und was er tun wird? Gar keinen
Spaß. Und mir geht es genau so.
Gar keinen! Es kommen so viele
Patienten, und sie stehen da,
die armen Stühle, nur um in
Beschlag genommen zu werden. Nun,
mir geht es auch nicht viel
anders. Ich werde auch in
Beschlag genommen, mal von
diesem, mal von jenem. Im
Augenblick sind Sie es, der mich
in Beschlag nimmt, und Sie
können mir glauben, ich habe
nicht den geringsten Spaß an dem
Zug, den Sie verpaßt haben, an
der Familie, die in Ihrem
Urlaubsquartier auf Sie wartet,
und auch nicht an all dem Ärger,
den ich bei Ihnen vermuten kann...
- Und was für welchen, hören Sie!
- Danken Sie Gott, wenn es nur
Ärger ist! Manch einem geht es
schlimmer, lieber Herr. Ich sage
Ihnen, für mich ist es notwendig,
daß ich mich mit meiner
Phantasie an das Leben der
anderen klammere, aber nur so,
ohne Spaß daran, ohne mich
überhaupt dafür zu interessieren,
im Gegenteil... im Gegenteil...
nur um die ganze Plackerei darin
zu erkennen, um zu sehen, wie
dumm und leer es ist, dieses
Leben, so daß es wirklich
niemandem etwas ausmachen sollte,
damit Schluß zu machen. Und das
kann man gut zeigen, wissen Sie?
Durch fortgesetzte Beweise und
Beispiele kann man sich das
selbst vor Augen führen,
unerbittlich. Denn, mein Lieber,
wir wissen nicht, worin sie
besteht, aber sie ist da, sie
ist da, wir alle spüren sie hier,
in der Kehle, fast wie eine
Angst, diese Lust zu leben, die
sich nie zufrieden gibt, die
sich nie zufrieden geben kann,
denn das Leben ist in dem
Moment, in dem wir es leben, so
gierig auf sich selbst, daß man
seinen Geschmack gar nicht
genießen kann. Geschmack hat
bloß die Vergangenheit, die in
uns weiterlebt. Die Lust zu
leben kommt von dorther zu uns,
von den Erinnerungen, an die wir
gefesselt sind. Aber gefesselt
woran? An jene Dummheit, an
diese Scherereien, an so viele
törichte Illusionen, läppische
Beschäftigungen... ja, ja. Das,
was hier jetzt eine Dummheit ist...
das, was uns hier jetzt lästig
ist... ich möchte sogar
behaupten, das, was jetzt für
uns ein Unglück ist, ein
wirkliches Unglück... tja, nach
einem Abstand von vier, fünf,
zehn Jahren... wer weiß, was für
einen Geschmack das dann
bekommen kann... wie diese
Tränen dann schmecken! Und das
Leben, mein Gott, bei dem bloßen
Gedanken es zu verlieren...
besonders, wenn man weiß, daß es
nur eine Frage von Tagen ist...
- Da... sehen Sie dort? Da, an
der Ecke... sehen Sie den
Schatten der Frau?... Sie hat
sich versteckt.
- Wieso? Wer... wer war das?
- Haben Sie sie nicht gesehen?
Sie hat sich versteckt.
- Eine Frau?
- Ja, meine Frau...
- Ach! Ihre Frau?
- Sie überwacht mich von weitem.
Glauben Sie mir, am liebsten
möchte ich sie mit Fußtritten
verjagen. Aber das wäre zwecklos.
Sie ist wie eine dieser
streunenden, störrischen
Hündinnen. Je mehr man sie
wegstößt, umso dichter bleiben
sie einem auf den Fersen. Was
diese Frau durch mich zu leiden
hat, das können Sie sich gar
nicht vorstellen. Sie ißt nicht
mehr, sie schläft nicht mehr,
sie folgt mir Tag und Nacht,
so... immer mit Abstand. Wenn
Sie wenigstens diese alte Dohle,
die sie auf dem Kopf trägt, und
ihre Kleider mal abbürsten würde!
Sie sieht gar nicht mehr aus wie
eine Frau, eher schon wie ein
Scheuerlappen. Auch ihre Haare
an den Schläfen sind für immer
mit grauem Staub bedeckt. Dabei
ist sie gerade erst
vierunddreißig. Sie glauben gar
nicht, wie rasend sie mich macht.
Manchmal stürze ich mich auf sie
und schreie sie an: "Du blödes
Weib!" und schüttele sie dabei.
Sie nimmt alles hin, steht da
und schaut mich an mit einem
Blick, daß es mich in den
Fingern juckt, daß mich eine
wilde Lust überkommt, sie zu
erwürgen. Aber nichts. Sie
wartet, bis ich weitergehe, und
dann läuft sie wieder hinter mit
her. - Da, sehen Sie... sie
schaut schon wieder um die Ecke.
- Die arme Frau...
- Was heißt da arme Frau! Sie
möchte, verstehen Sie, daß ich
ruhig und friedlich zu Hause
hocke und es mir bei ihrer
liebevollen, aufopfernden Pflege
wohl sein lasse. Ich soll mich
über die vollendete Ordnung in
all den Zimmern, über die
Sauberkeit all der Möbel freuen,
über die Ruhe, wie sie in meiner
Wohnung herrschte, die nur durch
das Tick-Tack der Pendeluhr im
Speisezimmer unterbrochen wurde.
Das möchte sie! Und nun frage
ich Sie, um Ihnen die Absurdität
verständlich zu machen - ach,
was heißt Absurdität! - die
makabre Grausamkeit dieser
Zumutung: ich frage Sie, würden
Sie es für möglich halten, daß
die Häuser von Avezzano, die
Häuser von Messina ruhig im
Mondschein auf ihren Straßen und
Plätzen, wo sie nach den Plänen
des Bauamtes hingehörten,
stehengeblieben wären, hätten
sie gewußt, daß in Kürze ein
Erdbeben sie zertrümmern würde?
Häuser aus Balken und Steinen,
bei Gott, die wären
davongelaufen! Stellen Sie sich
nur die Einwohner von Avezzano,
die Bürger von Messina vor, die
sich seelenruhig ausziehen, um
zu Bett zu gehen, die ihre
Kleider zusammenlegen, ihre
Schuhe vor die Tür stellen und
unter die Decke kriechen, sich
über das weiße, frische Laken
freuen, und all das in dem
Bewußtsein, daß sie in wenigen
Stunden tot sein werden. -
Halten Sie das für möglich?
- Aber vielleicht will Ihre
Frau...
- Lassen Sie mich ausreden! Ja,
wenn der Tod wie eines dieser
merkwürdigen, ekelhaften
Insekten wäre, das irgendjemand
unversehens auf unserem Rücken
entdeckt... Sie gehen auf der
Straße... ein Passant hält Sie
plötzlich auf, streckt zwei
Finger aus, vorsichtig, und sagt
zu Ihnen: "Verzeihung, gestatten
Sie? Mein Herr, Sie tragen da
den Tod auf dem Leib!" Und mit
zwei vorgestreckten Fingern
packt er ihn und wirft ihn fort...
das wäre wunderbar! Aber der Tod
ist nicht wie eines dieser
ekelhaften Insekten. Wie viele,
die unbeschwert und ahnungslos
daherspazieren, haben ihn
vielleicht am Leib. Niemand
sieht ihn; und Sie denken
sorglos und friedlich an das,
was Sie morgen oder übermorgen
vorhaben. Nun, ich, mein Lieber,
da... kommen Sie hierher...
hierher, unter diese Laterne...
kommen Sie... ich zeige Ihnen
etwas... Sehen Sie, da unter dem
Bart... hier, sehen Sie diese
schöne violette Knolle? Wissen
Sie, wie sie heißt? Sie hat
einen so süßen Namen... süßer
als eine Karamelle: Epitheliom
heißt sie. Sprechen Sie es nur
nach. Sie werden spüren, wie süß
das klingt: E-pi-the-liom... Der
Tod, verstehen Sie? Er ist
vorübergegangen, hat mir diese
Blume in den Mund gesteckt und
zu mir gesagt: "Behalte sie
einstweilen, mein Lieber, ich
komme in acht oder zehn Monaten
wieder vorbei!" Und nun sagen
Sie mir, ob ich mit dieser Blume
im Mund heiter und friedlich zu
Hause bleiben kann, wie diese
Unglückselige es möchte. Ich
schreie ihr ins Gesicht: "Ach,
du möchtest wohl, daß ich dir
einen Kuß gebe?" "Ja, küsse mich!"
Und wissen Sie, was sie getan
hat? Vorige Woche hat sie sich
mit einer Nadel die Lippe
aufgerissen, und dann hat sie
meinen Kopf gepackt und wollte
mich küssen, auf den Mund küssen...
weil sie sagt, sie wolle mit mir
sterben. Sie ist verrückt... Zu
Hause bleibe ich nicht. Ich, ich
muß vor den Schaufenstern der
Läden stehen und die Tüchtigkeit
der Verkäufer bewundern. Denn,
verstehen Sie, wenn ich auch nur
einen Augenblick in mir die
Leere spürte, dann könnte ich
wie nichts das ganze Leben
umbringen in einem, den ich
nicht kenne... ich könnte den
Revolver ziehen und jemanden
töten wie Sie, der zufällig den
Zug verpaßt hat... Nein, nein,
Sie brauchen keine Angst zu
haben, mein Lieber. Ich scherze
nur! - Ich gehe jetzt. Wenn
überhaupt, würde ich mich
umbringen... Aber in diesen
Tagen, da gibt es gerade sehr
gute Aprikosen... wie essen Sie
die? Mit der ganzen Haut, nicht
wahr? Man spaltet sie mit zwei
Fingern in gleiche Hälften,
drückt sie der Länge nach
auseinander, wie zwei saftige
Lippen... ach, eine Wollust! -
Meine Empfehlungen an die
verehrte Frau Gemahlin und auch
an Ihre Töchter in der
Sommerfrische. Ich stelle Sie
mir in weißen und himmelblauen
Kleidern vor, auf einer grünen,
schattigen Wiese... Und morgen
früh, wenn Sie ankommen, tun Sie
mir einen Gefallen. Ich vermute,
das Dorf liegt etwas abseits vom
Bahnhof. In der Morgenkühle
können Sie den Weg zu Fuß machen.
Das erste Grasbüschel am
Wiesenrand: zählen Sie seine
Halme für mich. So viele Halme
es sind,. so viele Tage habe ich
noch zu leben. Aber suchen Sie
ein recht dickes aus, ja? Gute
Nacht, mein lieber Herr.
* * *
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LUIGI PIRANDELLO 1867 - 1936 -
Novellen
Dialoge zwischen dem Großen Ich und dem
kleinen ich -
(Dialoghi tra il gran Me e il
piccolo Me – 1895) |
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aus dem Italienischen von Michael
Rössner
I. Unsere Ehefrau
(Das Große Ich und das kleine ich
kommen von einer Landpartie nach Hause; dabei haben
sie den ganzen Tag in der Gesellschaft reizender
Mädchen verbracht, in deren Herzen das berauschende
Spektakel des Frühlings gewiß, wie aus ihren Augen
und dem Lächeln und den Worten nur zu deutlich zu
erkennen war, im geheimen süße, ungreifbare
Sehnsüchte entzündet hatte. Das Große Ich ist noch
ganz gefangen in der Verzückung und in der Vision
der Phantasiebilder, die ihm der vage Zauber des
wiedergeborenen Frühlings eingepflanzt hatte. Das
kleine ich ist dagegen rechtschaffen müde, möchte
sich die Hände und das Gesicht waschen und ins Bett
gehen. Das Zimmer liegt im Dunklen. Der Stoff der
leichten Vorhänge an den Fenstern zeichnet sich im
Raum durch den schönen Mondschein deutlich ab. Von
unten dringt das unterdrückte Murmeln der
Tiberfluten herauf, dann und wann auch das dumpfe
Rollen eines Gefährts auf der hölzernen
Ripetta-Brücke.)
- Wollen wir Licht machen?
- Nein, warte... warte... verweilen
wir noch einen Augenblick so, im Dunklen. Laß mich
noch ein bißchen die Sonne des heutigen Tages bei
geschlossenen Augen genießen. Der Anblick der
vertrauten Gegenstände würde mir diese sanfte
Trunkenheit fortreißen, in der ich noch befangen
bin. Strecken wir uns doch in diesen Lehnstuhl aus.
- Im Dunklen, mit geschlossenen
Augen? Hör mal, da schlafe ich ein! Ich kann ja
schon nicht mehr...
- Also, dann zünde meinetwegen das
Licht an, aber sei still, nur einen Augenblick
still, du Nervensäge! Gähnst du?...
- Ich gähne...
(Das kleine ich zündet das Licht auf
dem Tischchen an, sofort entschlüpft ihm ein Ausruf
der Überraschung.)
- Oh, sieh doch! Ein Brief... der
ist von ihr!
- Gib ihn her. Ich will einstweilen
nichts hören!
- Was denn? Ein Brief von ihr...
- Gib ihn her, sag ich dir! Wir
werden ihn später lesen. Ich will jetzt nicht
gestört werden.
- Ach so? Na, dann darf ich dich
darauf hinweisen, daß du heute den ganzen Tag mit
diesen Mädchen eine Menge dummes Zeug gesagt und
getan hast; vielleicht hast du mich sogar
kompromittiert!
- Ich? Spinnst du? Was hab ich denn
getan?
- Frage doch die Augen und die Hand.
Ich weiß jedenfalls, daß ich mich den ganzen Tag
gefühlt habe wie auf glühenden Kohlen; und ich mußte
wieder einmal die Erfahrung machen, daß wir beide
nicht gleichzeitig froh sein können.
- Und wer ist da dran schuld? Ich
vielleicht? Ich dachte doch, ich mache dir eine
Freude, als ich gestern abend nachgegeben habe,
damit wir die Einladung zu dieser Landpartie
annehmen. Hast du dich nicht stets beklagt, ich
würde mich nicht um dich kümmern, um deine
Gesundheit; ich würde dich andauernd zwingen, dich
mit mir im Studierzimmer zwischen den Büchern und
Papieren einzuschließen, einsam, ohne Luft und ohne
Bewegung? Hast du dich nicht stets beklagt, ich
würde sogar noch dein Essen und die wenigen dir
gewidmeten Stunden mit meinen Gedanken, meinen
Reflexionen und meinem Weltüberdruß verderben? Und
jetzt beklagst du stattdessen, daß ich mich einmal
einen Tag lang in Gesellschaft reizender Mädchen und
in dem Frohsinn der neuen Jahreszeit vergessen habe?
Was willst du denn von mir, wenn du ja doch mit
nichts zufrieden bist?
- Dreh, dreh, Kreisel, dreh dich...
Wenn du mal zu reden anfängst, wer kommt da noch
mit? Du kannst einem ein X für ein U vormachen und
das Wort im Munde verdrehen. Daß du dich heute den
ganzen Tag über vergessen hast, das hätte natürlich
für mich gut sein können, hättest du dich nur nicht
zu sehr vergessen... zu sehr, verstehst du? Da liegt
das Übel, und das kommt von deiner Lebensweise, die
du auch mir aufzwingst. Viel zu unfrei ist unsere
Jugend, und wenn du dann einmal den Zügel ein
bißchen locker läßt, ja, da verlierst du ihn auch
schon ganz aus der Hand, und dann, da haben wir’s,
dann gibt es entweder Dummheiten oder
Verrücktheiten, die uns nicht mehr angemessen sind,
denn wir haben ja jetzt eine heiliges Versprechen zu
halten. Also gib mir den Brief und spar dir dein
Gepruste!
- Du gehst mir vielleicht auf die
Nerven, du Jeremias! Du hast dir in den Kopf gesetzt
dich zu verheiraten, und seit du mich mit
unerträglichen Raunzereien dazu gebracht hast wider
meine Überzeugung einzuwilligen bist du zur ärgsten
Plage für mich geworden. Wann werden wir sie denn im
Hause haben, diese Ehefrau?
- Sie wird dein und mein Glück sein,
mein Lieber!
- Was mich anbelangt, ich habe es
dir schon oft gesagt und sage es dir noch einmal,
daß ich von ihr nichts wissen will. Dein Glück kann
sie ja ruhig werden! Da will ich mich nicht
einmischen.
- Da tust du sicher gut daran, bis
zu einem gewissen Punkt natürlich. Du hast immer
noch jeden meiner Pläne durchkreuzt. Vor zwei Jahren
war ich so schön verliebt in unser Kusinchen Elisa,
erinnerst du dich?... da kam ich zu dir um ein
Sonettchen oder ein Madrigal, und du mit deinen
Versen, du undankbarer Kerl, du hast sie bloß zum
Weinen gebracht! Ich sagte zu dir: Still, laß sie
mir in Ruhe! Was soll sie denn schon begreifen von
deinen Wahnbildern und deinen verwirrten
Gedankenflügen? Wie soll denn ihr Fuß die Schwelle
zu deinem Traumland überschreiten? Wie grausam du
gewesen bist! Später hast du es ja selbst in einem
Gedicht eingestanden: ich habe in deinen Papieren
gekramt und dabei ein paar Lob- und Klagegedichte
auf die arme Elisa gefunden... Und was willst du
jetzt mit dieser anderen anstellen? Antworte!
- Gar nichts. Ich werde nie ein Wort
an sie richten; ich werde immer nur dich reden
lassen, bist du dann zufrieden? Freilich unter der
Bedingung, daß du mir versprichst, daß sie mich nie
in meinem Arbeitszimmer stören und mich nie dazu
zwingen wird, das zu sagen, was ich denke und fühle.
Mit einem Wort, du nimmst dir eine Frau, und nicht
ich...
- Was denn! Wenn du meinst, du
kannst dir deine Freiheit so ganz und gar bewahren,
wie kann ich da je mit ihr im Hause Frieden haben?
- Ich will nur Freiheit für meine
geheimsten Gedanken. Du weißt, die Liebe ist für
mich nie ein Tyrann gewesen und wird es auch nie
sein: ich habe ja tatsächlich immer dir das
Praktizieren der Liebe überlassen. Tu also in dieser
Hinsicht, was immer dir richtig erscheint. Ich habe
andere Dinge zu denken. Du nimm dir ruhig eine Frau,
wenn du es denn wirklich für notwendig hältst.
- Jawohl, notwendig, das habe ich
dir doch gesagt! Denn wenn ich auch nur kurze Zeit
noch in deiner Macht verbleibe, werde ich ganz
sicher der unglücklichste Mensch auf der weiten
Erde. Ich brauche unbedingt eine liebevolle
Gefährtin, eine Frau, die mich das Leben fühlen und
unter meinesgleichen dahinschreiten läßt, bald
traurig, bald vergnügt, auf den gewöhnlichen Pfaden
der Erde. Ach, ich bin es müde, mein Lieber, selbst
die Knöpfe an unseren Hemden anzunähen und mich mit
der Nadel in den Finger zu stechen, während du im
Geiste durch das aufgewühlte Meer deiner Schimären
segelst. Bei jedem Knoten im Garn schreist du: Reiß
ab!, aber ich Armer versuche geduldig mit den
Nägeln, ihn aufzuknüpfen. Jetzt reicht’s! Von uns
beiden bin ich der, der bald sterben muß. Dir
verschafft ja dein Stolz die schmeichelhafte
Aussicht auf Unsterblichkeit: Laß mich also in
Frieden die paar Tage genießen, die mir auf Erden
beschieden sind! Denk doch: Wir werden ein
gemütliches kleines Häuschen haben, und wir werden
diese stummen Räume von stillem Leben widerhallen
hören, ein Liedchen, das unsere Frau trällert,
während sie bei der Näharbeit sitzt, und der Topf
wird auf dem Herd dampfen, wenn es Abend wird...
Sind das nicht auch gute und schöne Dinge? Du wirst
allein für dich sein, in deinem Zimmer, und
arbeiten. Niemand wird dich stören. Nur unter der
Bedingung, daß du, wenn du aus dem Arbeitszimmer
kommst, ein freundliches Gesicht für unsere
Gefährtin übrig hast. Siehst du, wir verlangen
wirklich nicht zu viel von dir; du mußt nur ein paar
Stunden am Tag mit uns Geduld haben, und dann in der
Nacht... nicht zu spät zu Bett gehen...
- Und dann?... Karneades, der
Philosoph, pflegte zu sagen, wenn er das Zimmer
seiner Frau betrat: Gutes Gelingen! Wir wollen
Kinder zeugen! Werdet ihr sie zu mir in die Schule
schicken?
- Nein, also das nicht, hör einmal!
Laß mich die Kinder aufziehen, die da kommen werden:
du könntest aus ihnen so unglückliche Menschen
machen, wie du selbst einer bist. Aber darüber reden
wir zu seiner Zeit. Jetzt hör auf mich: Schlaf! Laß
mich den Brief unserer Braut lesen und ihr dann
antworten. Mir ist die Müdigkeit ohnedies vergangen.
- Soll ich dir eine Antwort
diktieren?
- Nein, danke vielmals! Schlaf
nur... ich bin Manns genug. Ich habe gelernt, ich
habe ja genug mit dir geübt, ich mache keine
Rechtschreibfehler. Und außerdem, was liegt der
Liebe schon an der Grammatik! Übrigens wärest du
imstande, die Nase zu rümpfen, wenn du entdeckst,
daß unsere Braut Schule mit stummem h schreibt.
II. Die Abmachung
(Das Große Ich hat sich auf der
Chaiselongue ausgestreckt und starrt auf den
Baldachin, von dem ein Stofflappen herunterhängt,
der sich im Sommer in eine Traube von Fliegen
verwandelt. Das kleine ich fühlt sich wie auf eine
Folterbank gespannt, von Zeit zu Zeit fuchtelt es
wild in der Luft herum oder prustet vor sich hin.
Das Arbeitszimmer liegt im Halbdunkel, dank eines
Schilfhalmvorhangs vor dem Fenster. Allerdings sind
zwei oder drei Schilfhalme gebrochen, und so dringt
ein fadendünner Sonnenstrahl gleißend in das Zimmer,
und richtet sich auf das Fußende der Chaiselongue,
auf den handgeknüpften Teppich, dessen bunten Flaum
er an einem Punkt aufglühen läßt. Das Große Ich
betrachtet nun aufmerksam das goldene Staubwölkchen,
das, sich langsam drehend ohne je stillzuhalten, in
diesem Sonnenstrahl schwebt, und von dem sich von
Zeit zu Zeit so etwas wie ein Atom Licht löst, das
sofort im Schatten erlischt.)
- So geht es jedem meiner Gedanken!
- Na, bravo! Und findest du es nicht
dumm, dieses Atom, das sich von dem Strahl ablöst,
in dem es so selig zu schweben war, um kopfüber ins
Dunkel zu springen und Schiffbruch zu erleiden?
- Nein. Dumm bist nur du. Was soll
das Licht für einen Blinden für einen Wert haben?
- Bravo! Aber das würde nur gelten,
wenn ich nicht immer wieder die Illusion hätte, daß
unsere Augen mir sehr gute Dienste leisten, wie im
übrigen auch die anderen Sinne, die mir viel bessere
Dienste leisten würden, wenn du mir größere Freiheit
in ihrem Gebrauch zugestehen könntest. Bin ich
vielleicht schuld, wenn du nichts zu sehen vermagst?
- Und du? Was siehst du?
- Ich sehe, was es da eben zu sehen
gibt. Es ist schon wahr, in Zeiten wie den unseren
sieht man fast nur Häßliches und Erbärmliches; aber
du, der du das Zeug zum Magier hättest und für dich
und für mich (wenn schon nicht für die anderen)
diese Erbärmlichkeit und Häßlichkeit verzaubern
könntest, weshalb, verzeih, setzt du anscheinend
alles daran, mir die einen noch trauriger, die
anderen noch niedriger erscheinen zu lassen, so daß
wir, mehr noch als Überdruß, geradezu Ekel am Leben
empfinden müssen?
- Ach, jetzt erzählst du mir von
Zauber, du, der du mich ständig auf die gewohnten
Verhaltensmuster verpflichten willst, du Sklave der
allergewöhnlichsten Bedürfnisse, der du dich treiben
läßt vom Strom der alltäglichen Wechselfälle, der du
ohne nachzudenken das Leben so akzeptierst, wie es
sich dir gerade präsentiert?
- Was denn, was denn? Ich verstehe
dich nicht? Was akzeptiere ich denn? Was verweigere
ich? Ich lebe ja bloß, oder besser, ich würde gerne
leben, so wie du und ich in unseren Umständen das
eben können, wenn du dich nicht ständig über Dinge
so maßlos ärgern würdest, die im Grunde gar keine
Bedeutung haben, zumindest nach meinem Urteil.
- Urteil? Was willst denn du für ein
Urteilsvermögen besitzen?
- Na, du bist gut! Immerhin das
Urteilsvermögen, daß ich zum Beispiel gerne nachts
schlafen würde, wenn du mir nicht den Schlaf in den
Augen vertrocknen ließest, indem du mir in der
Stille mit deinen Phantastereien den Schrecken des
unausweichlichen und beinahe unmittelbar
bevorstehenden Todes einflüsterst; das
Urteilsvermögen, mir ein wenig Appetit zu
verschaffen, mit ein bißchen fröhlichem und gesundem
Sport zur rechten Zeit; das Urteilsvermögen,
manchmal auch die Vernunft beiseitezulassen; und
schließlich jenes zu arbeiten (warum auch nicht?)
aber zu unser und anderer Nutzen, in irgendeiner Art
und Weise.
- Und weiter?
- Weiter nichts.
- Dann sage ich dir, wie es weiter
geht: Du kannst dich damit abfinden, so weiter
voranzuschreiten, einen Tag nach dem anderen, bis
ins Alter, mich zu entmündigen, in einer
verzweifelten, unaufhörlichen Schwebezustand zu
halten, indem du mit oberflächlichen Vorwänden meine
ständige Bestürzung beiseite schiebst; du darfst
dabei nie wagen, auch nur die geringste Handlung,
auch nur ein Wort über die Grenzen des Gewohnten
hinausdringen zu lassen, denn du mußt fürchten, daß
die Dornenhecke, die die Gesetze zur Verteidigung
dieser Schwelle aufgerichtet haben, dir das Kleid
ein wenig zerreißt, das so genau nach der Mode
geschneidert ist, oder daß du dir deine ehrbaren
Hände blutig schindest. So also, so möchtest du mich
weiter mit dir blind dahinschleppen, auf den
endgültigen Ruin zu, bergab, immer bergab mit den
anderen, im Rudel, gestoßen, gejagt von der Zeit,
wie eine Schafherde auf der Flucht, die das bißchen
Gras, das sie zwischen den fliehenden Beinen, unter
dem Stab und den Wurfsteinen des alten Hirten
aufblitzen sieht, hastig zu erhaschen sucht. Aber
ich gehöre nicht zu der Herde, mein Lieber! Ich sage
nicht wie du: Hier bin ich, schert mich nach
Belieben; gebt mir jene Form, die euch am besten
paßt! Ich will mein eigener Herr sein, und du sollst
mein Sklave sein!
- Ich, Sklave? Ja, was denn noch!
Hast du mich denn noch nicht genug versklavt? Sag
doch gleich, daß du mich noch lieber tot sehen
möchtest! Ich armer Kerl, was erlaube ich mir denn
schon anderes als dir schüchtern und untertänig zu
empfehlen, ein paar Bissen zu essen, wenn ich dich
so trübselig dahinsiechen sehe, oder ein bißchen
Erholung in einer klitzekleinen Zerstreuung oder
einem kleinen Nickerchen zu suchen? Ach, ist das
also ein Verbrechen, wenn ich dich vor dem Spiegel
darauf hinweise, daß unsere Stirn zum Beispiel
beginnt, allzu ausladend zu werden, daß also binnen
kurzer Zeit unsere Jugend verblüht sein wird? Und da
verlangst du, daß ich mich nicht beklage, zum
Donnerwetter, daß ich nicht darüber verzweifle, daß
ich sie nicht so sehr nutzen konnte, wie ich es
gewollt hätte? Aber ja doch! Leider kommt nichts
dabei heraus, wenn der Wille sich nicht mit der
Sehnsucht verbindet. Aber für dich hatten ja alle
Sehnsüchte stets den Mangel, daß sie zu mir
gehörten, während der Wille stets dein sein mußte,
und daher für mich nichts Gutes hervorzubringen
vermochte. Ach glückliche, glückliche Kindertage!
Denn ich will doch hoffen, daß du damals nicht auch
schon groß warst, als wir alle beide klein gewesen
sind. Übrigens, sag mir doch: wie ist es dir
eigentlich in den Sinn gekommen, so groß zu werden?
Was für ein Unglück, mein Lieber! Wenn es nicht
überhaupt eine Verrücktheit gewesen ist... Schluß
damit. Verzeih meine Kleinheit, ich sage: den Sinn,
den Zweck des Lebens, wie kannst du den finden, wenn
du ihn nicht im Leben selbst suchst?
- Ihn suchen... Na, bravo! Und wie?
Neulich am Abend, in der Kutsche, erinnerst du dich?
Als wir im Schritt über die steile Straße fuhren,
die zu dem Bahnhof führt: Du dachtest an die, die du
abholen fuhrst, und die dann nicht gekommen ist; ich
sah den Rücken des alten Kutschers an und seine
entspannten Schultern, seit so vielen Jahren saß er
da auf seinem schaukelnden Kutschbock. „Als Pferd
auf die Welt kommen ist scheußlich, auf solchen
Straßen...“ „Und ich, wenn ich es führen muß?“,
drehte sich der Kutscher zu mir um. „Frohe Ostern,
junger Herr! Eine kleine Gabe für eine arme Witwe,
die vier Kinder durchfüttern muß...“ „Streichhölzer
hab ich in der Tasche“, hast du mir geantwortet, und
ich habe der Witwe ihr Geldstück nicht gegeben. Auf
dem Gehsteig zur Rechten trottete hustend ein alter,
ärmlich gekleideter Mann, einen abgeschabten und
verfärbten Zylinderhut auf dem Kopf: „Das letzte
Osterfest, Alter! Paß nur auf, wohin du deine Füße
setzt, ein Schritt noch, und du stehst am Grabe...
hast du’s gefunden, was ich suche?“ „Dort!“, hätte
mir der Alte vielleicht geantwortet, hätte er mich
verstanden, und dabei auf ein Brautpaar gezeigt, das
hinter ihm die Bergstraße hinunterschlenderte.
„Dort, aber nur auf kurze Zeit, wie bei so vielen
anderen Dingen. Jetzt versuche ich’s in der Kirche,
aber ich habe es nicht gefunden. Leinsamen, mein
Lieber, wenn du Husten hast; ein ordentliches
Leinsamenpflaster auf die Brust, und eine Prise
Senfkorn dazu: das zieht die Feuchtigkeit heraus...“
- Danke! Aber der Alte hat gesucht,
er hat gelebt. Du hingegen siehst beim Leben nur zu,
du lebst nicht. Und so mag ich vielleicht ein Esel
sein, aber du wirst nie verstehen, wie die anderen
wenigstens relativ den Sinn und das Ziel finden
können, heute in der einen Sache, morgen in der
anderen, unter den ungeheuer vielen, die eben gerade
das Leben ausmachen. So hab doch Mitleid mit mir: Du
siehst ja, du machst sogar mich noch zum
Philosophen, und das wäre für mich wirklich das
größte Unglück. Aber dann, mein Lieber, dann greifen
wir doch gleich zum letzten Mittel, werfen wir uns
aus dem Fenster oder hängen wir uns an einen Baum,
das wäre noch besser. Nein, nein, Schluß damit:
Einigen wir uns lieber endlich, da wir nun einmal
gezwungen sind, miteinander zu leben. Du kannst mir
ruhig glaube, so sehr du Lust hast, mich
umzubringen, so groß ist auch mein Wunsch, dich zu
töten... Ich hasse dich, ich verabscheue dich, ich
würde dich am liebsten jeden Tag durchprügeln, wenn
ich nicht dann zusammen mit dir Au schreien müßte.
Also: Schließen wir eine klare Vereinbarung und
teilen wir uns einfach die Stunden auf.
- Teilen wir sie auf.
- Jeder von uns ist ganz allein Herr
über seine Stunden.
- Ganz allein.
- Also fangen wir an: Wie viele
Stunden Schlaf stehen mir zu, meinst du? Ich
verlange sieben.
- Zu viele!
- Zu viele, meinst du? Aber wenn ich
doch immer schläfrig bin, solange ich deine
Gegenwart ertragen muß! Du merkst das nicht, aber du
bist ganz schön anstrengend, weißt du das, und wenn
du mir weniger gibst, werde ich gewiß auf der Stelle
einschlafen, sobald du mit deinen Phantastereien
anfängst... Gehen wir weiter! Halt... warte einmal!
Sieben Stunden Schlaf, meine ich ‑ wirklich Schlaf,
verstanden? Ich möchte nicht, daß du, wie du es
bisher gehalten hast, kaum daß wir im Bett sind...
Gedanken, Phantasien, Spitzfindigkeiten,
Obsessionen, Bücher, Geschichten: das bleibt alles
im Arbeitszimmer! Um das Einschlafen, auf der
Stelle, da kümmere ich mich schon. Und ich will auch
nicht mehr erleben, daß du mir die Mahlzeiten mit
deinen ewigen Grübeleien verdirbst. Die Stunde der
Mahlzeit gehört mir. Abgemacht?
- Wer hat dir die je verweigert?
- Verweigern tust du sie mir nicht,
aber du machst sie mir kaputt. Wie oft bist du mit
einem aufgeschlagenen Buch zu Tisch gekommen? Ein
Bissen für mich, und eine Viertelstunde Lektüre für
dich. Und dann wird mein Essen kalt und ich kann
nicht ordentlich verdauen.
- Schluß damit, basta! Du ziehst
mich ja in einen Sumpf hinein!
- Also gut, Schluß... Kapitel Liebe:
Was gedenkst du da zu tun?
- Das überlasse ich dir; aber hör
mal, ich will damit nicht zu viel Zeit verlieren,
verstanden?
- Ach, du willst im Ernst nicht
einmal die Liebe für dich haben? Was bleibt denn
dann noch für dich im Leben? Was willst du dann mit
deiner Zeit anfangen?
- Das ist meine Sache, und du hast
dich da nicht einzumischen.
- Na, ist gut... das heißt, das ist
schlecht. Verrate mir doch eines: Du sagst immer, du
fühlst die ganze Welt in deinem Hirn. Da muß wohl
was dran sein, denn ich habe ständig Kopfschmerzen.
Aber wenn die Erde dir in dieser deiner Welt
wirklich als etwas so Kleines und Armseliges
erscheint, meinst du nicht, daß ich dann mehr Recht
habe, dort zu leben als du? Ach, in gewissen
Augenblicken, glaub mir, mein Lieber, da erbarmt
mich deine Größe geradezu; und in gewissen anderen
frage ich mich sogar, ob ich, in meinem kleinen
Dasein, nicht am Ende größer bin als du.
III. Der
Vorabend
(Das kleine ich,
das überaus glücklich erscheinen
möchte, schleppt das vor Ärger
schnaufende Große Ich nach
Hause. Jenes war den letzten
Monat hindurch damit
beschäftigt, das eheliche Heim
einzurichten; dieses mußte ihm
dabei wie ein geprügelter Hund
nachlaufen. Und nicht selten ist
es zwischen den beiden zum
Streit gekommen, wie jeder sich
leicht ausmalen kann, der sich
überlegt, wie viele Hindernisse
und Vergeßlichkeiten der
Widerwille und die Unfähigkeit
des einen in dem Streben und den
eifrigen Bemühungen des anderen
verursacht haben mag. Aber nun
ist das neue Heim fertig und
ganz in Ordnung gebracht. Das
kleine ich wollte, nachdem es
die Braut nach dem Durchsprechen
aller notwendigen Details für
morgen allein gelassen hat,
dieses Heim noch einmal
inspizieren, und es ist sehr
zufrieden damit. Nun stößt das
Große Ich, als es zum letzten
Mal sein Junggesellenzimmerchen
betritt, einen langen Seufzer
durch die Nase aus und ruft)
- Endlich!
- O nein, mein
Lieber. Noch ein klein wenig
Geduld. Nur ein kleines bißchen.
Heute ist erst der Vorabend...
- Jaja, reib dir
nur schön die Hände, so, bade
dich in deiner Zufriedenheit!
Ich dagegen... Aber hör mal,
darf man vielleicht erfahren,
wann es zu Ende sein wird,
dieses „kleine bißchen“, daß du
mir seit Monaten
herunterleierst?
- Es ist ja
schon der Vorabend, das sag ich
dir doch. Unser kleines
Nestchen, hast du gesehen?, das
ist bereit. Morgen dann, die
Hochzeit. Morgen, endlich.
Ach!... Dann, wie abgemacht, in
der Villa, und dann... dann
ist’s genug.
- Genug, jawohl:
Es sei denn, ich komme noch zu
der Ansicht, daß es für mich
angemessener wäre zu krepieren
anstatt mich bis dahin zu
gedulden.
- Aber geh doch,
was läßt du dir da für Dinge
entschlüpfen... Lach mit mir,
komm! Sei glücklich mit mir!
Verzeih, willst du mir denn
nicht einmal den Monat der
sogenannten „Flitterwochenzeit“
gönnen? Jetzt hast du die Krot
verschlungen, wie man so schön
sagt, und wegen dem letzten
Stückchen machst du Theater?
- Ich habe keine
Krot verschlungen, ich hab mich
zum Esel gemacht mit dir, und
das schon drei Monate lang.
- Wenn du einmal
nett zu mir bist, dann hältst du
dich immer gleich für einen
Esel. Das ist ein Zeichen, daß
du es bereust, und deshalb
brauche ich dir dafür nicht
dankbar zu sein.
- Ja, glaubst du
vielleicht, ich hätte mich dabei
unterhalten, dir drei Monate
hindurch beim Turteln die Mauer
zu machen, euren verliebten
Stumpfsinn anzuhören und bei
euren Zärtlichkeiten und eurem
Süßholzraspeln nach Art
verliebter Affen zuzusehen?
- Als hättest du
nicht auch aus dieser Schüssel
gegessen! Und als wären die
Dummheiten, die einander
Verliebte zuflüstern, nicht die
achtbarsten Dinge von der Welt!
Ach geh doch, geh doch... Willst
du mich wirklich ausgerechnet am
Vorabend ärgern? Und doch habe
ich dich schon einmal sagen
hören, wenn ich mich nicht irre,
es gebe nichts Befriedigenderes
auf der Welt als andere
zufrieden zu machen...
- Ja, aber ich
habe auch gesagt, wenn ich mich
nicht irre, daß uns nichts die
anderen liebenswerter erscheinen
läßt als wenn sie mit uns
zufrieden sind oder sich uns
zufrieden zeigen. Und du bist
nie zufriedenzustellen.
- Nein, das ist
nicht wahr. Vielleicht zeige ich
es nicht so, weil du ja keine
sonderliche Gegenleistung
erwartest. Aber ich sage es dir
noch einmal, in diesen drei
Monaten, die für mich voll der
Freude waren, bin ich mit dir
wirklich zufrieden gewesen. Und
sie auch, sie auch,
hochzufrieden, das wirst du ja
gemerkt haben. Mehr noch, weißt
du? Die Verwandten, als die dich
so gut und vernünftig erlebt
haben, da haben sie mir beinahe
zu verstehen gegeben, der
Leichtsinnige, das müßte ihrer
Meinung nach ich sein, denn sie
sind der Ansicht, daß ich, wenn
ich nur wollte, meinen die...
dich leicht überzeugen könnte,
ein bißchen mehr an das
Praktische im Leben zu denken,
jetzt, wo’s ans Heiraten geht,
und zum Beispiel, meinen die...
zum Beispiel, diese Kunst an den
Nagel zu hängen, mit der man
doch so wenig verdienen kann...
na, die irren sich, ja,
freilich, leider irren sie sich,
und zwar gewaltig... du weißt
das ja; aber ich, damit ich dich
nicht in ein schlechtes Licht
rücke, ich halte den Mund; ich
habe mich nicht verteidigt. Ich
habe nur versprochen... hm, daß
ich es versuchen würde.
- Du wirst es
hoffentlich nicht wagen, mir
gegenüber je eine Silbe von
diesem Vorhaben zu erwähnen.
- Ich weiß
schon! Es wäre ganz sinnlos.
Freilich ist es ein Glück, meine
ich, daß wir nicht gezwungen
sind, unsere Zeit zum Broterwerb
zu verwenden.. Obwohl,
andererseits, wer weiß, ob wir
da nicht weniger unglücklich
gewesen wären, hätte das
Schicksal dich gezwungen, aus
deinem Tisch im Arbeitszimmer
statt einer
Alchimistenwerkstatt, in der du
dich täglich damit abquälst,
Tränen aus geheimnisvollen
Ängsten herauszudestillieren,
einen Backtrog für das tägliche
Brot zu machen. Aber lassen wir
dieses Thema. Hast du gesehen,
was wir - à propos - für einen
herrlichen Schreibtisch und für
schöne Bücherregale für dich
gekauft haben? Sie hatte den
zartfühlenden Einfall, dir ein
Arbeitszimmer einzurichten,
genau wie du es in deinem
letzten Roman beschrieben hast.
Ich habe getan, als widersetzte
ich mich - auch, um mich ein
bißchen bei den Verwandten
Liebkind zu machen: ein schönes
Mobiliar, hab ich zu ihr gesagt,
das kann man mit etwas
Geschmack, Papier und Tinte
problemlos beschreiben; aber
wenn man es kaufen will, dann
braucht es klingende Münze. Am
Schluß freilich habe ich es
geschehen lassen, damit
stattdessen du sie lieb
gewinnst. Und sei mal ehrlich,
bist jetzt nicht auch du
zufrieden?
- Ja, die
Ärmste, sie ist ein guter
Mensch, oder wenigstens scheint
es einstweilen so. Aber ich
denke daran, daß wir beide
morgen zu dritt sein werden,
oder besser du zu zweit, und
sieh mal, da kann ich nicht
anders als mich beunruhigen, ich
bin schließlich mehr denn je zur
Einsamkeit geboren und gemacht.
Und auch wenn ich anerkenne, daß
ich zum Großteil schuld daran
bin, wenn du oft den anderen
leichtsinnig erscheinst, bist du
doch diesmal drauf und dran,
etwas zu tun, was schlimmer ist
als jeder Leichtsinn, und ganz
für dich allein; und wenn die
anderen das ebenso beurteilen
wie ich, dann möchte ich, daß du
selbst mir Zeuge dafür bist, daß
ich mit der Sache nichts zu tun
habe. Und deshalb will ich keine
Gewissensbisse, weder für dich,
der du meiner Meinung nach in
Zukunft noch unglücklicher sein
wirst als bisher, zerrissen
zwischen den unumgänglichen
Pflichten, die du mir gegenüber
hast, und den neuen, die du
morgen gegenüber deiner
Gefährtin eingehen wirst; und
ich will auch nicht, daß die
vielleicht binnen kurzem schon
alles andere als glücklich über
unsere Begleitung sein wird.
- Ist schon gut,
ich habe verstanden. Du willst
mir heute nacht um jeden Preis
das Herz schwer machen. Besser,
wir gehen ins Bett und schlafen.
- Da sind wir
wieder bei deiner alten
Gewohnheit: nichts liegt dir am
Herzen als Essen und Schlafen.
- Immer noch
besser als dir zuzuhören,
versteht sich.
- Um sich gegen
unangenehme und quälende
Warnungen zu schützen, mein
Lieber, da genügt es nicht, sich
die Ohren mit dem Schlaf zu
verstopfen; die Stimme kommt
nicht von draußen; sie spricht
in uns selbst.
- Also, was mich
betrifft: Mit Ausnahme der
Stimme, die mir von den
bevorstehenden Freuden spricht,
und der deinigen, die mir diese
Vorfreude verderben will, höre
ich keine anderen Stimmen.
- Wenn du deinem
Gewissen ein bißchen mehr
zuhörtest, würdest du eine
andere Stimme hören, die zu dir
sagt: „Hast du daran gedacht, an
welche Kette du deine Nachkommen
fesselst?“
- Ach du meine
Güte, meine Nachkommen, das
jetzt! Laß sie erst mal kommen!
Wenn überhaupt welche kommen!
Wenn alle vorher so darüber
nachgrübelten...
- Und doch ist
es leicht zuzugeben, daß du
Nachkommen haben mußt.
- Na gut, dann
werde ich es genauso machen wie
alle anderen.
- Sieh mal zu:
Daß du, was dich anbelangt, dir
vornimmst, ein ausgezeichneter
Familienvater zu werden, da habe
ich keinen Zweifel. Aber da sind
wir wieder bei unserem alten
Thema: Hast du auch an mich
gedacht?
- Und was willst
du werden?
- Laß mich
erklären. Du hast dir ein Leben
erträumt und erträumst es noch
immer, das aus Liebe, aus
heiterem und aufrichtigem
Frieden bestehen soll.
- Hoffentlich.
- Liebe, das mag
hingehen, solange sie anhält;
aber Friede? In deinem Haus muß
ja schließlich auch ich
wohnen...
- Ja, das weiß
ich!
- Ich werde mich
ja nicht den ganzen Tag
ausschließlich ins Arbeitszimmer
verbannen können...
- Ich weiß!
- Ich werde mit
dir zu Tisch gehen, ich werde
mit dir zu Bett gehen...
- Ich weiß,
verdammt, ich weiß das leider!
Das ist doch mein Fluch, wie
sollte ich das nicht wissen?
- Na gut, ich
meine, was ist dann mit dem
Frieden?
- Entschuldige,
aber könntest du dich nicht dazu
herbeilassen, mäuschenstill den
Anblick unseres gemeinsamen
Glücks zu genießen? Es wird doch
mit Sicherheit ein rührendes
Schauspiel werden...
- Ich sage nicht
nein. Aber wirst du es
verhindern können, daß durch
meinen natürlichen Hang zur
Melancholie ein schwerer
Schatten über dein Haus fällt,
deine Kinder traurig macht,
deine Frau in Bedrängnis bringt,
jedes Mal, wenn eine meiner
vielen Sorgen mich von den
anderen abschneidet, die sie
nicht einmal verstehen können?
- Wir
verheiraten uns ‑ oder, wenn du
das lieber hast, ich verheirate
mich ja eben deshalb, meine ich!
Das heißt, um ein Heilmittel
einzusetzen, ein Heilmittel nach
meiner Art, gegen das, was du
deine natürliche Melancholie
nennst.
- Und du wirst
eine große Enttäuschung erleben!
Es liegt nicht in deiner Hand,
die Sache zu heilen; hättest du
stattdessen mehr Achtung und
mehr Liebe für mich gehabt, dann
hättest du verstanden, daß für
uns beide das weniger Schlimme
darin bestanden hätte, allein zu
bleiben, und daß es deine
Pflicht gewesen wäre, dich um
nichts anderes zu kümmern, und
nicht an andere zu denken als an
mich.
- Meine Pflicht
wäre also gewesen mich zu
opfern?
- Es wäre dir
nicht als ein Opfer erschienen,
hättest du nur mehr Vertrauen in
mich gehabt. Aber ich mache dir
keinen Vorwurf daraus, daß es
dir daran ermangelt hat; ich
fühle mich... ich fühle mich
tatsächlich als ein Fremder auf
dieser Erde, und so allein, daß
ich begreife, wie in dir, mehr
noch als die Sehnsucht, das
Bedürfnis nach einer liebenden
Begleitung entstehen mußte.
- Na Gott sei
Dank!
- Du siehst,
wenn ich dich nicht
entschuldige, so klage ich dich
doch auch nicht an...
- Und warum dann
das ganze...?
- Ja, ja, du
hast ja recht, es ist
tatsächlich so: Diese Erde ist
wirklich für dich gemacht, für
euch andere... Du weißt aus ihr
deinen Unterhalt zu ziehen; du
baust auf ihr Häuser und findest
mit deinem Fleiß dort von Tag zu
Tag einen immer sichereren
Schutz gegen die Unbill der
Natur, eine immer größere
Bequemlichkeit. Ich müßte der
Sonnenstrahl sein, die
erquickende Brise, die durch die
Fenster hereindringt und den
Duft der Blüten mit sich trägt;
aber oft verstehe ich das nicht
zu sein, oft habe ich die
Grausamkeit eines kleinen
Jungen, der mit einem Stein den
Eingang des Ameisenhaufens
verstopft. Oft besteht meine
Größe gerade darin, daß ich mich
unendlich klein fühle; aber
klein ist für mich auch die
Erde, und jenseits der Berge,
jenseits der Meere suche ich
dann nach etwas, das da
unbedingt sein muß, sonst könnte
ich mir diese uranfängliche
Sehnsucht nicht erklären, die
mich gefangen hält, und die mich
zu den Sternen seufzen läßt...
Zu meiner
eisigen Einsamkeit
zu meiner Beklemmung, zu meinem
langsamen Sterben
spricht in den Sternennächten
der Himmel
von anderen uranfänglichen
Abenteuern, die es zu erleben
gilt,
stets inmitten des Mysteriums
und dieser Sehnsucht.
„Und wie
lange noch?“ seufzt die Seele.
Unendliche Stille in der Höhe
fängt sie auf,
ihre Frage. Und doch sieht sie
sie erzittern,
die Sterne am Himmel, als
wären’s belebte Blätter
eines Waldes, in dem der Hauch
des Uranfangs weht.
- Soll ich sie
zu Papier bringen, diese Verse?
O Gott, ich werde nicht sagen,
daß sie ihr Entstehen dem
freudigen Anlaß verdanken...
Ach, steig doch herunter vom
Himmel, ich bitte dich... Ich
stehe hier am Fenster und im
Zug. Ich möchte mir ja nicht
ausgerechnet an diesem Abend
eine Erkältung holen...
- Dann würdest
du morgen vielleicht mit einem
Niesen antworten anstatt mit dem
für das Sakrament
vorgeschriebenen Ja.
- Genug mit den
Scherzen, genug mit den
Scherzen... Hören wir auf mit
dieser Debatte. Und wenn es dir
recht ist, dann verwenden wir
den Rest dieser Nacht, solange
das Feuer im Kamin noch anhält,
damit, die kompromittierenden
Papiere und Erinnerungen aus
unserer frühen Jugend zu
vernichten, die mit dem heutigen
Abend zu Ende geht.
IV. In
Gesellschaft
(Salon im Hause
X. „Intellektueller Salon“. Die
Marchesa X ist eine
Schriftstellerin, die sich
jedoch durch eine Besonderheit
auszeichnet: daß sie außerdem
eine schöne Frau ist.
Vierzigtausend
Lire Apanage im Jahr.
Sie läßt
Novellen drucken und
„sentimentale Variationen“ ‑ so
nennt sie das ‑ in den
wichtigsten Zeitschriften. Es
ist alles andere als selten,
jeden Samstag unter den
Tischgästen der Marchesa die
Chefredakteure dieser
Zeitschriften anzutreffen.
Der Ehemann, der
Abgeordnete Marchese X.,
kahlköpfig, kurzsichtig, bärtig,
ist vier Legislaturen alt, sitzt
im Parlament auf der Rechten,
ist aber ‑ versteht sich ‑ auch
liberal und demokratisch
gesinnt. Als leidenschaftlicher
Sammler nennt er wie Seine
Majestät eine wertvolle
Medaillensammlung sein eigen,
aber er hütet sie nicht
eifersüchtig. Der beste Beweis:
Er hat mehr als eine schöne
Medaille an bekannte
Schriftsteller verschenkt, die
zu den Bewunderern seiner Frau
zählen. Den Salon frequentieren
zahlreiche Damen der
Aristokratie und die Patronessen
der Gesellschaft zur Pflege der
Frauenbildung, Senatoren,
Abgeordnete, Literaten und
ausgewählte Journalisten.
Um der Wahrheit
die Ehre zu geben, mein kleines
ich hat sich nicht im geringsten
darum bemüht, in die erlesene
Schar dieser Auserwählten
aufgenommen zu werden; aber es
wäre auch Heuchelei, wollte man
leugnen, daß die Einladung ihm
eine große Freude und tiefinnere
Befriedigung bereitet hat,
worüber das Große Ich wiederum
sich geärgert hat. Nun nimmt die
Marchesa X, blond und
wohlgerundet, strahlend und
erbebend in ihrem gewagten,
wenngleich nicht unschicklichen
Décolleté, seinen Arm und führt
ihn herum, um ihn den Damen
vorzustellen, wobei sie einige
flüchtige Hinweise auf das Große
Ich fallen läßt, das darüber
errötet, während das kleine ich
‑ Lächeln stets bereit, lebhafte
Gestik ‑ sich tief verneigt.
Als die
Vorstellung zu Ende ist, fragt
das Große Ich das kleine ich:)
grosses ich
Wo wirst du dich
jetzt hinsetzen?
kleines ich
Warte... laß
mich ein bißchen schauen. Aber
reiß dich zusammen! Du wirkst
noch immer, als hätte dich die
Würde des Dieners
eingeschüchtert, der uns im
Vorzimmer den Mantel abgenommen
hat. Hör mal, wenn du dich hier
in dich verkriechen willst, dann
machst du’s nur schlimmer!
grosses ich
Aber ich
ersticke doch mein Lieber, was
heißt da verkriechen! Du hast
mich auf einem steifen Kragen
aufgehängt, über den du kaum
drübersiehst, du hast mich
herausgeputzt wie eine
Schaufensterpuppe...
kleines ich
Na, na, nicht
schlappmachen! Los, gib dir
einen Ruck! Zum Teufel, die
werden noch alle merken, daß wir
nicht gewohnt sind, einen Frack
zu tragen...
grosses ich
Und was soll mir
das schon ausmachen? Du hast es
doch genau gewußt, du Idiot, daß
ich mich hier nicht wohlfühlen
würde, unter all diesen Leuten,
in dieser lächerlichen
Aufmachung. Du bist schuld, wenn
ich einen miserablen Eindruck
mache!
kleines ich
Aber wenn ich
doch eigens deinetwegen gekommen
bin, um dich bekannt zu machen,
damit die Leute dich sehen
können...
grosses ich
Wie einen
Tanzbären auf dem Jahrmarkt?
kleines ich
Himmel, du mußt
es eben einmal lernen! Hör nur,
hör, was die Leute dort reden,
in dieser Gruppe von
Abgeordneten und Zeitungsleuten.
Sie sprechen von der russischen
Revolution, sie bedauern Witte[1].
Schade! Ein Mann, der in wenigen
Tagen, von seinem
Verhandlungstisch aus, so viele
glorreiche japanische Siege
zunichte gemacht hatte, und
nun... „Aber nein, meine
Herrschaften!“ ruft der
brillante Journalist Kappa. „Ich
ersuche Sie, mir zu glauben, daß
in Portsmouth nicht Herr Witte
gesiegt hat!“ „Oh, oh! Und wer
ist es dann gewesen, der gesiegt
hat?“ „Nun, sein Frack, meine
Herrschaften, sein Frack! Das
gelbe Männchen, wenn es einmal
in einem Frack steckt wie ein
Pinguin, das wissen Sie doch
selbst, dann ist es erbärmlich
lächerlich...“
grosses ich
(Kappa hat uns
angesehen...)
kleines ich
(Sei still!
Hören wir lieber zu.) ‑ „Meine
Herren, die Japaner, verschlagen
wie sie nun einmal sind, hätten
doch wissen müssen, daß man die
gewohnte Kleidung nicht
ungestraft ablegen darf...“
grosses ich
(Hörst du? Hörst
du?)
kleines ich
(Halt den Mund!)
‑ „Nein, die Nationaltracht legt
man nicht ungestraft ab, meine
Herren, die Kleidung, die den
natürlichen Gegebenheiten
entspricht, der Hautfarbe und
was weiß ich noch allem. Hätten
Herr Witte und die anderen Gäste
sich einer Auswahl von
japanischen Figurinen
gegenübergesehen, wie wir sie
üblicherweise auf den Fächern,
den Vasen und den Paravents
abgebildet sehen, und dabei
denken müssen, daß von diesen
Figurinen da, die wie ein
schlechter Scherz wirkten, ein
so wilder Sturm ausgegangen war
und die heilige Mutter Rußland
durchgeschüttelt hatte, dann,
das versichere ich Ihnen, wären
sie einigermaßen durcheinander
gewesen und hätten nicht so
leicht gesiegt. Stattdessen
sahen sie den Herrn Koruma im
Frack vor sich und haben ihn
natürlich so ohne jeden Respekt
behandelt wie das die Diener
eines großen Herrn mit dem
Bürgermeister eines kleinen
Dorfes tun, der zum Galadiner
aufs Schloß gebeten worden
ist...“
grosses ich
Bravo! Ich
hoffe, das wird dir eine Lehre
sein!
kleines ich
Aber das sollte
doch eher dir eine Lehre sein,
meine ich! Schließlich hast du
im Frack Triumphe gefeiert! Und
glaube mir, heutzutage... Still!
Da kommt ein Herr auf uns zu...
grosses ich
Geh ihm aus dem
Weg! Schau woanders hin!
kleines ich
Halt still! Da
ist er schon... Er sagt, er
kennt deinen Namen... er hat
etwas von dir gelesen. Ach, zu
gütig von Ihnen... zu gütig...
Laß mich doch zuhören, zum
Donnerwetter, was er sagt. Aha,
er fragt uns, ob wir schon lange
in Rom sind. Was halten wir
davon? Na los, gib mir einen
schönen Satz über Rom ein...
grosses ich
Sag ihm, Rom
beginnt fast ein bißchen Paris
zu ähneln.
kleines ich
Bravo! Hörst du?
Der Herr stimmt zu... Na los,
benimm dich! Lächle nicht so
komisch... Da haben wir's: Der
Herr fragt uns, weshalb wir
lächeln. Er meint, Paris wäre
freilich...
grosses ich
Aber das ist
doch klar, zum Teufel! Du kannst
ihn trösten: Natürlich ist Paris
etwas ganz anderes! Paris ist
Paris! Das gibt’s nur einmal ‑
sag’s ihm auf Französisch! Rom
dagegen, da halten wir schon
beim „dritten Rom“, und ehe das
Paris wird...
kleines ich
Jetzt lächelt
der Herr! Du bist schuld, das er
weitergegangen ist... Und jetzt
hast du einen Feind mehr! Ach!
Du bist wirklich
unverbesserlich! Was ist das nur
für eine Freude daran, alle
Leute in die Flucht zu schlagen!
Und dann beklagst du dich, daß
dich niemand beachtet! Wenn du
doch nicht redest, wenn du dich
nicht rührst, wenn du doch in
keiner Weise die Aufmerksamkeit
der Leute auf dich ziehst!
Willst du denn wirklich bloß mir
allein da drinnen die Seele zum
Vertrocknen bringen? Rede doch!
Wie willst du denn sonst, daß
die Leute dich kennen lernen?
grosses ich
Willst du
wirklich, daß mich die Leute
kennen lernen, wenn ich hierher
komme, und damit deine Kleider
und Dummheit zur Schau stelle?
kleines ich
Aber mir wäre es
lieber, wenn du stattdessen
einmal die Leute kennen
lerntest, wie sie wirklich sind,
nicht wie du sie dir vorstellst.
Während ich rede und, um
niemanden zu kränken, na
meinetwegen, Blödheiten von mir
gebe, mach du dir doch die Mühe
und beobachte ‑ nur nicht zu
insistent ‑ was um dich herum
vorgeht, und glaube mir, du
wirst hier mehr und
nutzbringendere Studien
betreiben als in deinen vielen
Büchern. Hörst du, wie man
plaudert, wie man vom
Hundertsten ins Tausendste
kommt, ohne Pedanterei, ohne
Intoleranz? Nein, tiefe Ideen,
sind es nicht, und keine
Leidenschaft, das ist schon
richtig! Aber was für ein
lebhafter Geschmack, was für
eine angeregte Konversation,
welche exquisite Vollendung in
Umgangsformen und Sprache...
Sieh dir diese jungen Damen an:
das sind Intellektuelle,
natürlich, da gibt es keine
Debatte; aber trotzdem, diese
Schultern, diese Brüste! Und
dennoch, wie sie da ganz ruhig
vor sich hinblicken, als hätten
sie nicht den geringsten
Verdacht, sie könnten so
halbnackt dastehen, wie sie es
tun... Und die armen Ehemänner!
Wer weiß, wie viele in diesem
Augenblick denken: „Käme doch
nur wieder die Zeit des
Feigenblatts! Denn, was die
Nacktheit anbelangt... Heiliger
Gott, nachdem wir ein Vermögen
ausgegeben haben, um unsere
Frauen zu bekleiden, da haben
wir sie: jetzt zeigen sie erst
recht die nackte Haut...“ Los,
los, laß den Blick nicht zu tief
dringen! Man muß dieses Leben
flüchtig genießen, wie eine
Illusion, die vorüberfliegt, wie
ein glänzendes Phantasiebild,
das sich in Rauch auflöst... Oh!
Sieh dich doch einmal in diesen
Spiegel da... Du bist ja rot im
Gesicht wie Klatschmohn!...
Dieser Duft... Du läßt dich zu
sehr erregen, was?, du großer
Mann... Schluß! Schluß! Ein
bißchen Luft schöpfen am
Fenster...
grosses ich
Wäre es nicht
besser nach Hause zu gehen?
kleines ich
Nein, komm her,
komm hierher ans Fenster!
grosses ich
Hier hat man
wenigstens frische Luft...
kleines ich
Das ist ein
Unterschied, was? Wie dunkel es
ist! Und wie düster da alles
wirkt... Schau nur, diese
Lampions dort, und diese
Bäumchen auf dem Platz... der
schwankende Widerschein der
Gaslampen auf dem Pflaster...
und diese beiden Wagenlaternen,
die sich langsam vorwärts
bewegen... Was für eine
unheimliche Düsterkeit! ‑ He,
aufgepaßt! Man ruft uns...
komm... Die Marchesa fragt, ob
wir uns langweilen...
grosses ich
Aber ich
amüsiere mich doch königlich!
kleines ich
Hm, aufgepaßt,
hier: Jetzt sind wir unter den
Damen. Sie sprechen von dem
jungen Herzog von Orléans... Sie
sagen, er beginnt, den Weg für
seine Rückkehr nach Frankreich
vorzubereiten, um wieder König
zu werden. Er hat eine Reise zum
Nordpol gemacht. Sie fragen
dich, was du davon hältst...
grosses ich
Na! Das muß wohl
wirklich eine ungeheure
Befriedigung sein, wenn man
sagen kann: „Hier bin ich: Ich
habe den Pol erreicht! Kein
Mensch weiß das, aber ich stehe
nun mit der Zehenspitze bloß
eines Fußes auf nichts
geringerem als dem einen Ende
der imaginären Rotationsachse
der Erde. Hier ist nichts
aufgeschrieben; aber hier zu
stehen ist nicht dasselbe wie
ein paar Schritte weiter drüben
zu stehen. Hier ist der richtige
Punkt. Ja freilich, Eis ist da
wie dort; eine Hundekälte; und
keine Menschenseele ist zu
sehen. Aber ich stehe hier
erhöht, mehr als jeder König auf
seinem Thron!“ Vielleicht wird
der junge Herzog von Orléans,
nachdem er einmal den Pol
erreicht hat, sich ja damit
zufrieden geben, auf Dauer ein
bißchen tiefer zu sitzen,
nämlich auf dem französischen
Thron. Aber haben uns die
Zeitungen nicht erzählt, daß er
statt des Pols eine Insel
entdeckt hat und sie Terre de
France, Eiland Frankreichs
genannt hat? Also das verstehe
ich nicht! Terre de France, und
dann kehrt er zurück... Er hätte
sich doch einstweilen... na, um
einmal einen Anfang zu machen ‑
zum König dieses kleinen
Frankreich ausrufen können...
kleines ich
Vielleicht war
es dort zu kalt. Dafür gibt es
einen anderen Kaiser, der kann
nicht in seinem Reich bleiben,
weil es dort zu heiß ist. Dort
das Eis des Polarmeers; hier die
Sanddünen der Wüste.
grosses ich
Aber Lebaudy[2],
der hat sich doch wenigstens zum
Kaiser ausgerufen...
kleines ich
Bravo! Siehst
du? Jetzt hast du diese schönen
Damen zum Lachen gebracht... Ja,
wenn du nur wolltest... Still!
Was ist los? Die Leute stehen
auf...
grosses ich
Wird getanzt?
Wenn getanzt wird, gehen wir
sofort nach Hause! Hör mal, da
laß ich mit mir nicht reden...
Gehen wir nach Hause!
kleines ich
Es wird ja nicht
getanzt, du alter Brummbär!
Hörst du nicht? Fräulein B. wird
uns etwas vorspielen. Sie läßt
sich nur noch ein wenig bitten.
Sie hat eiskalte Hände, die
Arme, sie kann nicht! Sieh nur,
sieh: Ein junger Mann macht sich
erbötig, sie ihr aufzuwärmen,
indem er sie mit aller Kraft
schlägt... Um Himmels willen,
das glaubt sie ihm auch noch:
sie versteckt die Hände, zeigt
ihre blitzenden weißen Zähne,
sie windet sich... Ach, jetzt
ist es soweit: ihre Freundinnen
schleppen sie zum Klavier...
grosses ich
Moderne Musik?
kleines ich
Gar keine Musik!
Bravourstücke der Hände auf den
Tasten. Hör zu. Dann werden wir
klatschen.
grosses ich
Sag mal,
verblödest du?Allzu
durchsichtig, mein Lieber: Du
machst mir Angst!
kleines ich
Keine Angst! Es
gibt Schlimmeres als mich...
Sieh doch, wie aufmerksam jetzt
alle sind, wie hingegeben... Was
für ein Schweigen! Aber sieh
doch dort, diese
zusammengezogenen Augenbrauen,
diesen Abgeordneten mit dem
runden roten Gesicht wie ein
holländischer Käselaib... Ist
das Vaterland in Gefahr? Nein,
betrachte nur die Schultern und
den Nacken der Marchesa, sie
sieht heute abend wirklich
wunderbar aus, wie eine Göttin
von Rubens... Aber jetzt sag mir
doch einmal im Ernst, unterhält
dich das nicht, dieses
Schauspiel?
grosses ich
Aber sehr! Hör
mal: Halte mir bitte eine Hand
vor den Mund.
kleines ich
Warum? Was tust
du?
grosses ich
Halte mir sofort
eine Hand vor den Mund...
kleines ich
Gähnst du?
grosses ich
Ich gähne.
<
***
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LUIGI PIRANDELLO 1867 - 1936 -
Novellen
Die Amme - (La balia - 1923) |
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aus dem Italienischen von Michael
Rössner
Erstveröffentlichung
Juni 1903 in der
Zeitschrift Nuova
Antologia.
Zahlreiche Varianten
bekannt. Das einzig
interessante Detail in
diesen Varianten ist die
Tatsache, daß in einer
früheren Version die
Amme die bei Bauern
aufgewachsene
uneheliche Tochter
eines Arztes aus der
Stadt und somit eine
selbst der Klasse der
"signori" zuzurechnende
Figur ist.
I.
"Na endlich!", rief Frau Manfroni
und riß dem Stubenmädchen den so sehnlich erwarteten
Brief aus Rom aus der Hand, in dem ihr
Schwiegersohn, Ennio Mori, ihr alle versprochenen
Details über die Niederkunft ihrer Tochter Ersilia
berichten sollte.
Sofort setzte sie die Brille auf die
Nase und begann zu lesen.
Sie wußte bereits aus den
vorhergehenden Telegrammen, daß es eine schwierige
Geburt gewesen war, daß ihre Tochter sich aber nie
in Gefahr befunden hatte. Nun stand in dem Brief
jedoch zu lesen, daß für Ersilia eigentlich doch
eine gewisse Gefahr bestanden hatte, ja, daß man
sogar einen Spezialisten für Geburtshilfe
hinzuziehen hatte müssen. Das teilte ihr Mori
sicherlich nicht mit, um die Verwandten seiner Frau
zu beunruhigen, jetzt, wo die Sache so oder so
vorbei war; wohl aber, um sich über ihre
Starrköpfigkeit zu beklagen, weil sie entgegen
seinen weisen Ratschlägen darauf beharrt hatte, bis
zum letzten Augenblick ein zu enges Mieder und hohe
Absätze zu tragen.
"Esel! Was hat das mit den Absätzen
zu tun!"
Und mehrfach ließ sich die vor Wut
kochende Signora Manfroni ein solches "Esel!"
während der Lektüre entschlüpfen. Schließlich hielt
sie inne, ärgerlicher als je zuvor, hob die Augen
von dem Brief auf und blickte in die Runde, als
suche sie jemanden, an dem sie ihren Zorn auslassen
könnte.
"Wie denn? Ja, wie denn?"
Ach, die Amme dürfe keine Römerin
sein? Und warum denn nicht, Herr Rechtsanwalt Mori?
Die römischen Ammen haben zu viele Ansprüche? Ach
sieh einmal, jetzt auf einmal war man sparsam! Als
ob Ersilias Mitgift dem Herrn sozialistischen Anwalt
nicht wahrhaft einen solchen Luxus bequem gestatten
hätte können. Na, und ob! Was hätte Ersilia denn für
eine Figur abgegeben, wenn sie mit einem
ungeschliffenen, ungewaschenen sizilianischen
Bauernmädchen an der Seite, das als Amme aufgeputzt
war, durch die Straßen Roms spaziert wäre!
"Esel! Esel! Esel!"
"He! Gibt's heute nichts zu essen?
Wieso ist denn noch nicht aufgedeckt?"
Es war Signor Manfroni, der wie
üblich laut schimpfend das Haus betrat. Dort drüben
hatte er schon das Stubenmädchen und die Köchin
ausgezankt.
"Ruhig, Saverio, ruhig..." sagte
seine Frau. "Du weißt doch recht gut, daß es bei uns
immer eine Menge Dinge zu tun gibt."
"Zu tun? Ihr habt zu tun? Und ich?"
"Lies lieber einmal diesen schönen
Brief deines lieben Schwiegersohns."
"Geht's um Ersilia?"
"Du wirst schon sehen."
Signor Manfroni beruhigte sich auf
der Stelle; er überflog den Brief; dann sagte er,
während er ihn wieder zusammenfaltete: "Sehr gut.
Ich habe schon die richtige Amme für sie."
Er hatte diese plötzlichen
Geistesblitze, der Signor Manfroni, Geistesblitze,
von denen er sich selbst als erster blenden ließ,
und denen er - seiner Meinung nach - seinen
ansehnlichen kommerziellen Erfolg verdankte.
Mit spöttischem und herausforderndem
Ton fragte Signora Manfroni: "Und wer wäre das?"
"Die Frau von Titta Marullo."
"Die Frau dieses Galgenstricks?"
"Schweig!"
"Die Frau dieses Aufrührers?"
"Schweig!"
"Die Frau eines Sträflings!"
"Laß mich doch ausreden!", schrie
Manfroni. "Du bist eben eine Frau und hast deine
Norm, hier, Gott im Himmel, Stroh, ein Bündel Stroh,
jawohl, meine Liebe, ein Bündel Stroh hast du hier
im Kopf anstelle des Gehirns. Bei den schönen
sozialen Bedingungen, unter denen wir leben..."
"Was hat das mit den sozialen
Bedingungen zu tun?", fragte seine Frau verblüfft.
"Die haben damit zu tun! Die haben
damit zu tun!", gab Signor Saverio wütend zurück.
"Denn wir, die wir es geschafft haben, uns mit
unserer unermüdlichen und hin... wie heißt das
schnell hingabungsvollen..., nein, das heißt doch...
aber ja, hingabungsvollen Arbeit eine gewisse
Grundlage zu erwerben, gerade wir müßten heute,
deiner Norm zufolge, angesichts einer Zukunft, die
immer undurchsichtiger und bedrohlicher wird... hast
du mich verstanden?"
"Nein! Was soll man denn da
verstehen?"
"Na, sag ich dir's nicht? Stroh!"
Er packte einen Stuhl, rückte ihn an
den heran, auf dem seine Frau saß und ließ sich
schnell und fauchend darauf nieder.
"Ich mußte Titta Marullo", setzte er
fort, wobei er sich bemühte, leise zu sprechen,
damit ihn die Dienerschaft nicht hören konnte,
"deiner Normen wegen mußte ich Titta Marullo aus der
Bäckerei rauswerfen und auf die Straße setzen, weil
er revolutionäre Ideen vertritt.
"Dieselben Ideen wie die des Signor
Mori, dem du deine Tochter gegeben hast!"
"Laß mich doch aussprechen!" schrie
Manfroni. "Und warum hab' ich ihm meine Tochter
gegeben? Vor allen Dingen deshalb, weil Ennio ein
hochanständiger Junge ist; und dann auch deshalb,
jawohl, deshalb, weil er Sozialist ist! Jawohl! Und
weil das in meine Pläne paßt! Weil mir genau zupaß
das kommt! Weshalb glaubst du, bin ich so geachtet
bei der ganzen Kanaille, der ich zu Essen gebe?
Stroh! Aber damit hat Ennio nichts zu tun. Wir
sprachen von Titta Marullo. Ich habe ihn aus der
Bäckerei rausgeworfen. Da er nun auf der Straße saß,
der Unglücksrabe, hat er sich natürlich so benommen,
daß er sich als Sträfling auf die Insel schicken
ließ. Und nun werde ich, der ich reich bin, aber da
drinnen etwas schlagen habe, was man deiner Norm
zufolge Herz nennt, seine Frau nehmen, sie in einen
Waggon dritter Klasse setzen und nach Rom schicken,
als Amme meines Enkels!
Er konnte ja hunderttausend gute
Gründe haben, der Signor Manfroni, aber er hatte
auch auf einem Jochbein eine besonders lächerliche
Warze, auf die seine Frau mit einem eisigen und
besonders verächtlichen Blick zielte, wenn sie sich
gezwungen sah, sich diesen Gründen geschlagen zu
geben. Und Signor Manfroni, der jedes Mal den Blick
auf dieser Warze ruhen fühlte, gingen daraufhin
immer so sehr die Nerven durch, daß er schnell, um
sich nicht zu einer Unbesonnenheit hinreißen zu
lassen, die Diskussion abschnitt. Er läutete und
befahl dem Stubenmädchen: "Schick mir sofort Lisi
her."
Lisi, der als Kutscher und Diener
beschäftigt war, erschien auf der Schwelle ohne
Jacke, die Hemdsärmel aufgekrempelt und den Mund zu
einem stummen Lachen verzogen, wie immer, wenn die
Herrschaft ihn zu sich rief.
Signor Manfroni hatte schon bei
seiner ersten Begegnung mit ihm eine ganz
außergewöhnliche Schlauheit in diesem Burschen zu
entdecken vermeint.
"Weißt du, wo Titta Marullos Frau
ist?"
"Jawohl, Signore. Ich habe
verstanden!", antwortete Lisi, zuckte eine Achsel
und krümmte sich, während ein dümmliches Lächeln ihm
den Adamsapfel den Hals hinaufwandern ließ.
"Was hast du verstanden, du dummes
Vieh?" schrie ihn Marconi an, der in diesem
Augenblick nicht dazu aufgelegt war, ihn zu
bewundern.
Lisi krümmte sich von neuem, als
hätte der Herr ihm ein besonders schönes Kompliment
gemacht, und antwortete: "Ich gehe und sage es ihr,
Signore."
"Sag ihr, sie soll sofort herkommen.
Ich habe mit ihr zu reden."
Und kurze Zeit darauf bekam Signor
Manfroni eine beeindruckende Probe der
außergewöhnlichen Schlauheit Lisis geliefert. Man
muß sich nur vorstellen, noch während er mit seiner
Frau bei Tisch saß, sah er Annicchia, Tittas Frau,
ins Zimmer stürzen, vor Freude weinend und ein etwa
zwei Monate altes Kindchen auf dem Arm.
"Ach mein lieber Signore! Mein
Signorino! Lassen Sie sich die Hände küssen!"
Und während sie das rief, fiel sie
vor ihm auf die Knie. Das Stubenmädchen und die
Köchin standen in der Türe und ließen sich diese
Szene nicht entgehen; vor ihnen lachte Lisi selig
und triumphierend vor sich hin.
Zwischen den Augen und den Brauen
von Signor Saverio begann ein wilder Kampf, denn die
einen wollten aufgrund der plötzlichen Verwirrung
aus den Höhlen treten, die anderen sich vor Wut in
die Höhe ziehen. Er zog sofort die Hand zurück, die
die kniende junge Frau ihm küssen wollte, blickte
zur Tür und brüllte: "Hinaus! Nein, du bleibst da,
Lisi! Was hast du ihr erzählt?"
"Daß Titta kommen wird!", rief
Annicchia, ohne sich zu erheben. "Daß sie ihn für
mich freibekommen haben, Signore!"
Manfroni sprang auf und packte den
Stuhl: "Na warte, du Kanaille!"
Lisi sprang davon wie ein junger
Hirsch.
"Stimmt es denn nicht?", fragte
Annicchia mit ersterbender Stimme, zu der Signora
Manfroni gewendet.
Und sie stand langsam auf. Es
bedurfte einer gehörigen Anstrengung, ihr klar zu
machen, daß die Freilassung ihres Mannes nicht vom
Willen oder von den Freunden des Signor Manfroni
abhing und auch gar nicht abhängen konnte; er hatte
ihn zwar aus der Bäckerei hinausgeworfen, aber sie
selbst war doch Zeugin dafür, welche Langmut er
zuvor bewiesen hatte, allein ihretwegen, die doch
als kleines Mädchen in seinem Hause aufgewachsen und
viele Jahre hindurch Ersilias Spielgefährtin gewesen
war.
Während ihr Mann ihr das alles
erklärte, beobachtete Signora Manfroni die junge
Frau, putzte sie in Gedanken als Amme auf und nickte
zustimmend mit dem Kopf, als sähe sie sie jetzt
schon mit einem affigen roten Schleier auf dem Kopf,
eine Haarnadel mit herunterbaumelnden Silberblüten
daran durch die blonden Haare gesteckt.
Als Manfroni ihr die Gründe
darlegte, weshalb er Lisi nach ihr geschickt hatte,
war Annicchia ganz verstört und ratlos.
"Und mein Kindchen da?", sagte sie
und streckte es vor. "Wem soll ich denn das lassen?"
Sie drückte es an die Brust; sie
begann wiederum zu weinen.
"Tati kommt nicht zurück, Luzzì! Er
kommt nicht zurück!"
Schließlich hob sie das
tränenüberströmte Gesicht wieder auf und sagte, zu
Signora Manfroni gewandt: "Er kennt ihn noch gar
nicht; er hat ihn noch nie gesehen, diesen Engel,
den ich ihm geboren habe."
"Du könntest dein Kind ja in Pflege
geben, mit einem Teil von der Summe, die du von
Ersilia bekommst."
"Ach, für Signorina Ersilia",
erwiderte Annicchia schnell, "denken Sie nur, wie
gerne ich das für sie täte! Aber... es ist zu weit
weg! in Rom!"
Herr Saverio erklärte es ihr auf der
Stelle: Abfahrt! Fertig! Mit dem Zug und dem
Dampfboot gäbe es heutzutage keine Distanzen mehr.
"Ja, Signore", sagte Annicchia.
"Euer Gnaden haben ganz recht. Aber ich bin ein
armes, unwissendes Ding; ich ginge verloren dort.
Ich habe doch nie einen Fuß aus unserem Dorf
gesetzt. Und dann", fügte sie hinzu, "Euer Gnaden
wissen ja auch, daß ich meine Schwiegermutter bei
mir habe: wie könnte ich die arme alte Frau allein
lassen? Wir beiden sind ja allein zurückgeblieben.
Titta hat sie mir so sehr ans Herz gelegt! Und wenn
er wüßte, wie wir unser Leben fristen! Mir bindet
dieses Kindchen die Hände; sie ist über siebzig
Jahre alt! Ich wollte ja den Kleinen in Pflege geben
und selbst irgendwo in Dienst gehen. So oder so,
Titta wird nichts mehr von den schönen Sachen
finden, die wir zu unserer Hochzeit gekauft haben.
Arme-Leute-Ausstattung, jawohl, aber sauber.
Verkauft haben wir's, ein Stück da, eines dort...
Aber die Alte will mich nicht in Dienst gehen
lassen. Sie ist stolz; sie will es nicht. Aber wenn
es für die Signorina Ersilia ist, dann vielleicht...
nun, ich kann versuchen, mit ihr darüber zu reden."
"Ja, aber die Antwort brauche ich
sofort. Du müßtest spätestens morgen fahren."
Annicchia war wiederum ganz verstört.
"Ich werde hören, was Sie sagt, und
dann werde ich Ihnen ja oder nein sagen können",
sagte sie schließlich und verschwand.
Sie wohnte in einem kleinen Gäßchen
ganz in der Nähe. Schon hatten sich in dem
schmucklosen, ebenerdigen Häuschen alle Nachbarinnen
bei der ebenso frohen wie falschen Nachricht Lisis
rund um die alte Mutter des Deportierten versammelt,
die ganz zusammengekrümmt in der Stube saß, ein
schwarzes Kopftuch unter dem Kinn zusammengeknotet
und die mit Gichtknoten übersäten Hände auf ein
grobes Terracotta-Wärmebecken auf ihren Knien
gelegt. Die Nachbarinnen lobten im Chor das gute
Herz und die Großzügigkeit Manfronis, und die Alte
stieß mit gesenktem Kopf von Zeit zu Zeit eine Art
Knurren aus, von dem man nicht recht zu sagen wußte,
ob es Zustimmung oder Verachtung bedeuten sollte,
wobei sie die Umstehenden mit gewissen Blicken
durchbohrte, die Mißtrauen und Groll ausdrückten.
Als Annicchia auf der Schwelle erschien und ihre
ersten Worte den Nachbarinnen die bewundernden Sätze
über Signor Manfroni auf den Lippen erstarren
ließen, da hob die alte Schwiegermutter den Kopf und
sah die Nachbarinnen ringsumher mit Empörung an;
dann, als sie von Manfronis Vorschlag erzählte,
erhob sie sich.
"Was hast du ihm geantwortet?"
Annicchia warf einen Blick in die
Runde der Nachbarinnen, als wollte sie sagen: Macht
ihr es ihr doch klar, daß ich annehmen muß.
"Ich habe ihm geantwortet, daß ich
mit Ihnen darüber reden würde, Mamma."
"Ich will es nicht! Ich will es
nicht!", schrie die Alte auf der Stelle voller Zorn.
"Ich würde es auch am liebsten nicht
wollen; aber..."
Und wiederum wandte Annicchia sich
um Hilfe an die Nachbarinnen. Diese versuchten
daraufhin, ein wenig die eine, ein wenig die andere,
die Alte von den Gründen zu überzeugen, um
deretwillen die Schwiegertochter diese Gelegenheit
nicht ausschlagen durfte, die sich ihr bot, auf
ehrbare Weise für sich, für sie und für das Kind zu
sorgen. Eine, die mit ihrem Kind gekommen war, das
an einer riesigen Brust hing, schrie sogar: "Da! Da!
Seht her! Ich hab genug Milch für zwei! Ich nehm' es
zu mir, das Bübchen... Da, da, seht her!"
Und sie zog dem saugenden Kind die
Brustwarze aus dem Mund, hob die Brust mit einer
Hand und ließ den Nachbarinnen ihre Milch ins
Gesicht spritzen, die lachend und ihre Gesichter mit
den Händen schützend, zurückwichen und
gegeneinanderprallten.
Aber die Alte wollte nicht
nachgeben; sie wehrte sich gegen alle Bitten und
Beschwörungen und schrie die Schwiegertochter an:
"Wenn du gehst, gehst du gegen meinen Willen, und
dann verfluche ich dich! Denk daran!"
II.
Der Rechtsanwalt Ennio Mori wartete
im Bahnhof auf die Ankunft des Zuges aus Neapel.
Kleingewachsen, hager, mit hochgezogenen Schultern,
schnaufte er ungeduldig vor sich hin und kratzte
sich das knochige, gelblich gefärbte Gesicht, das
von einem allzu wild wuchernden schwarzen Bart
bedrängt und geradezu unterdrückt wurde, rückte sich
die Brille zurecht, die nicht und nicht auf der Nase
sitzen bleiben wollte, oder betastete immer wieder
die Taschen des Mantels und der Jacke, die voll mit
Zeitungen waren.
Schließlich trat er auf einen
Eisenbahner zu.
"Verzeihen Sie, was ist mit dem Zug
aus Neapel?"
"Der hat vierzig Minuten
Verspätung."
"Die italienischen Eisenbahnen! Das
ist doch zum Aus-der-Haut-Fahren!"
Und er ging weg, auf der Suche nach
irgend einem Sitzplatz; dort hinten, unter der Uhr,
auf einem Mauervorsprung, denn die Bänke waren alle
besetzt.
Jetzt mußte er auch noch den Diener
spielen für die Amme, die da ankommen sollte:
"Zum Aus-der-Haut-Fahren ist das!"
Nun waren sie zwei Jahre verheiratet
und wohnten seit zwei Jahren in Rom, aber seine Frau
schien gerade eben erst aus diesem Stamm von Wilden
aus dem hintersten Sizilien entsprungen zu sein: sie
verstand sich nicht einmal zu Hause zu rühren,
konnte nicht allein auf die Straße gehen, um die
kleinen Einkäufe für die Familie zu erledigen; sie
konnte ihm nur von früh bis spät Vorwürfe machen,
jawohl, das konnte sie, immer mürrisch und immer
stichelnd, dort, wo es am meisten schmerzte: bei der
Logik, bei der Logik; sie konnte ihn mit der
dümmsten und ärgerlichsten Eifersucht kränken, und
das nicht aus Liebe, sondern aus Starrsinn. Sie
fühlte sich nicht richtig geliebt! Na freilich! Was
hatte sie denn je dafür getan, was tat sie nun
dafür, geliebt zu werden? Es hatte doch viel eher
den Anschein, als hätte sie Freude daran, gehaßt zu
werden. Nie ein freundliches Wort, nie eine
Liebkosung, nie! Und immer war sie voll Mißtrauen,
abweisend, hart, übelnehmend, mürrisch. Na, mit
dieser Heirat hatte er ein gutes Geschäft gemacht,
das konnte man wirklich sagen!
"Zum Aus-der-Haut-Fahren!"
Er schnaufte, rückte sich wieder die
Brille auf der Nase, zog eine der vielen Zeitungen
aus der Tasche und begann zu lesen.
Aber sogar bei dieser Lektüre fand
er keinen Augenblick Ruhe, als wäre er zu Hause und
unterhielte sich mit seiner Frau; und fast bei jeder
Meldung wiederholte er seinen Lieblingssatz: "Zum
Aus-der-Haut-Fahren!" Er las jedoch trotz alledem
weiter; und jeden Tag war er erst dann zufrieden,
wenn er von der ersten bis zur letzten Seite die
wichtigsten Blätter aus Rom, Mailand, Neapel, Turin
und Florenz überflogen hatte, mit denen er sich
stets alle Taschen vollstopfte.
"Medizin", pflegte er zu sagen. "Sie
bringen meine Galle in Bewegung."
Aber wohl ein bißchen zu stark! Das
hatte ihm auch der Arzt gesagt. Zu stark, ja, das
mochte schon sein; aber hätten ihm ohne Lektüre der
Zeitungen das unmittelbare Erleben der über alle
Maßen angenehmen italienischen Gegenwart und die
Gesellschaft seiner Frau die Leber nicht noch viel
mehr ruiniert? Da war das Zeitunglesen noch besser.
"Und dieser verdammte Zug aus
Neapel, zum Teufel, kommt der nun an oder nicht?"
Er sah auf die Uhr; dann sprang er
entsetzt in die Höhe. Es war ja mehr als eine Stunde
vergangen! In aller Eile stürzte er zum Ausgang. Wo
sollte er nun diese arme Person finden, die bereits
angekommen sein mußte und seine Adresse nicht
kannte?
Aber zum Glück fand er sie, im
Zollbüro, wo die Gepäckstücke kontrolliert werden,
auf ihrem Reisesack kauernd und in Tränen. Die
Zollbeamten versuchten sie zu trösten. Sie rieten
ihr, auf die Polizei zu gehen, weil ihnen dieser
"Mohrenanwalt", von dem sie sprach, unbekannt war.
"Annicchia!"
"Signorino!", schrie die Ärmste und
sprang mit einem Satz auf, als sie seine Stimme
hörte.
Es fehlte nicht viel, so hätte sie
ihn umarmt vor Freude. Sie zitterte am ganzen Leib.
"Verloren war ich, Signorino, ganz
und gar verloren... was hätte ich nur getan, wenn
Euer Gnaden nicht gekommen wären?"
"Ja, konnte denn mein überaus
ehrenwerter Herr Schwiegervater dir die Adresse
nicht auf ein Stück Papier schreiben, zum Teufel",
schrie Mori sie an.
"Ja, ich kann doch nicht lesen...",
gab ihm Annicchia zu bedenken, die sich bemühte,
ihre letzten Schluchzer zu unterdrücken und sich die
Tränen abzuwischen.
"Zum Aus-der-Haut-Fahren ist das! Du
hättest den Zettel einem Droschkenkutscher geben
können, und ich hätte nicht selbst kommen brauchen.
Im übrigen bin ich ohnehin gekommen. Ich war ja die
ganze Zeit auf dem Bahnhof, ich habe nur die Ankunft
des Zuges nicht bemerkt. Also Schluß damit."
Während sie in den Wagen stiegen,
trug er ihr auf: "Kein Wort zu meiner Frau über
diese Geschichte. Sonst ist wieder die Hölle los."
Damit zog er eine andere Zeitung aus
der Tasche und begann wieder zu lesen.
Annicchia machte sich ganz klein, um
so wenig Platz wie nur möglich in dem Wagen
einzunehmen. Sie empfand eine große Befangenheit,
als sie so neben dem gnädigen Herrn saß, ganz allein
mit ihm im Wagen. Aber das dauerte nur kurz. Sie war
wie benommen von der langen Reise, von den vielen
neuen Eindrücken, die lärmend in ihre arme Seele
eingebrochen waren, die bisher stets zurückgezogen
gelebt hatte, gefangen in den gewohnten
Verrichtungen ihres engen Lebens. An nichts
erinnerte sie sich mehr; nichts dachte sie, nichts
sah sie mehr; sie empfand nur die Erleichterung,
endlich angekommen zu sein, den Schreck der
Überfahrt auf dem Dampfschiff von Palermo nach
Neapel, das Entsetzen über den entfesselten Lauf des
Zuges überwunden zu haben. Wo war sie hingeraten?
Sie versuchte aus dem Fenster zu sehen, aber die
Augen schmerzten sie. Sie würde ja noch so viel Zeit
haben, Rom zu sehen, die große Stadt, wo der Papst
lebte! Einstweilen hatte sie schon jemanden neben
sich, den sie kannte, und bald würde sie auch "ihr
Fräulein" wiedersehen und sich beinahe wie zu Hause
im Dorf fühlen. Sie lächelte. Für einen Augenblick
stieg der Gedanke an ihr fernes Büblein in ihr hoch,
an die alte Schwiegermutter, aber sie schüttelte das
Bild sofort ab, aus dem instinktiven Bedürfnis
heraus, sich diesen Augenblick der Erleichterung
nach den langen, bangen Qualen der Reise nicht zu
verderben.
"In Neapel", fragte sie auf einmal
Mori, "ist dich da jemand auf dem Dampfer abholen
gekommen?"
"Oh ja, Signore! Ein großer Herr! So
gut war er zu mir...", beeilte sich Annicchia zu
antworten. "Er hat mir auch befohlen, Grüße an Sie
auszurichten."
"Befohlen hat er dir?"
"Jawohl, Signore, Sie zu grüßen."
"Er wird dich darum gebeten haben."
"Jawohl, Signore; aber... ein
gnädiger Herr und ich..."
Ennio Mori fauchte vor sich hin und
begann wieder in der Zeitung zu lesen.
"Medizin, Medizin..."
"Wie sagen Sie, bitte?", wagte
Annicchia schüchtern zu fragen.
"Nichts. Ich spreche mit mir
selbst."
Annicchia verstummte eine Zeitlang
vor Verblüffung. Dann sagte sie: "Auch in Palermo
ist ein anderer großer Herr auf den Bahnhof
gekommen, der mich dann zum Dampfer begleitet hat:
auch der war so gut zu mir.
"Und hat der dir auch befohlen,
mich zu grüßen?"
"Jawohl, Signore, auch der."
Mori ließ die Zeitung auf die Knie
sinken, rückte sich die Brille auf der Nase zurecht
und fragte mit hochgezogenen Brauen:
"Was ist mit deinem Mann?"
"Immer noch dort!", seufzte
Annicchia. "Immer noch auf der Insel. Ach, wenn Euer
Gnaden, die Sie hier in Rom wohnen, wo doch der
König ist..."
"Halt den Mund!", fuhr Mori auf, als
hätte dieses arme Mädchen ihm auf den Fuß getreten,
als sie den König erwähnte.
"Ein Wörtchen würde schon
genügen...", wagte Annicchia unterwürfig
hinzuzufügen.
"Zum Aus-der-Haut-Fahren ist das!",
fauchte Mori von neuem, so wütend, daß er die
Zeitung, die er auf den Knien hielt, zusammenknüllte
und aus dem Wagen warf. "Glaubst du denn, die hätten
bloß deinen Mann dorthin geschickt, ins Straflager?
Die schicken uns genauso hin!"
"Die Herrschaft?", fragte Annicchia
verblüfft und ungläubig. "Die Herrschaft schicken
sie auch dorthin?
"Halt den Mund!", gab Mori zurück,
dem diese sklavische Unwissenheit geradezu
unerträglich wurde.
Und er begann düster über das
verzweifelte Unternehmen zu grübeln, das darin
bestehen sollte, diesen einfachen Leuten in seinem
heimatlichen Sizilien, in denen das Gefühl der
Unterwürfigkeit so tief verwurzelt war, ein neues
Bewußtsein zu geben.
Endlich kam der Wagen in der Via
Sistina an, in der Mori wohnte.
Ersilia lag noch zu Bett. Unter dem
rosafarbenen Baldachin des breiten Himmelbettes,
zwischen dem weißen Schimmer der Kissen und Spitzen
erschien ihre Haut noch dunkler als früher, fast
schwarz, so mager war sie noch von den Strapazen der
eben erst überstandenen Geburt.
Annicchia lief zu ihr, um sie
freudig zu umarmen.
"Signorina! Meine Signorina! Da bin
ich... wie ein Traum kommt es mir vor! Wie geht es
Ihnen? Sie haben viel gelitten, nicht wahr? Ach,
mein Kind, das sieht man... Sie sind kaum
wiederzuerkennen... Aber das ist eben Gottes Wille:
Wir Frauen sind zum Leiden geschaffen."
"Einen Dreck!", wehrte sich Ersilia.
"Wie blöd sie sind, die Frauen... Alle sind sie so!
Und es macht euch noch Spaß, was? Spaß macht es
euch, in einem fort zu wiederholen, daß wir Frauen
zum Leiden geschaffen sind. Und vor lauter
Wiederholen dieser Phrase, da glauben es die Herren
Männer am Ende tatsächlich, daß wir Frauen ihnen zu
Diensten sein müssen, für ihre Bequemlichkeit und
ihr Vergnügen zu sorgen haben. Wir sind die
Sklavinnen, was? Und sie sind die Herren. Einen
Dreck!"
Ennio Mori, dem diese Ohrfeige galt,
faltete wütend die dritte Zeitung zusammen, fauchte
und ging aus dem Zimmer.
Annicchia sah die gnädige Frau ein
bißchen verlegen an und sagte: "Auch sie haben ja so
viel zu erdulden, die Armen..."
"Ja, schlafen, essen und
spazierengehen. Ich möchte gerne einmal ein bißchen
tauschen. Ach, ein Mann sein, ein Mann, und wenn es
ein Auge kosten sollte!"
"Natürlich, wenn wir gerade so viel
für sie leiden mußten..."
"Nein, immer! Ich hasse sie alle
miteinander!"
An dieser Stelle hörte man im Zimmer
nebenan Ennio Mori rufen: "Die ganze weite Welt!"
Und darauf antwortete sofort ein
anderer Ruf:
"Da bin ich schon, Signore! Was
befehlen Sie?"
Ersilia brach in Gelächter aus und
erklärte Annicchia: "Ich habe ein schwerhöriges
Stubenmädchen. Immer wenn man ein bißchen die Stimme
erhebt, glaubt sie, man hätte sie gerufen.
Margherita! Margherita!"
Auf der Schwelle erschien die
schwerhörige Alte mit einem halb beleidigten, halb
verdatterten Gesichtsausdruck. Dort drüben hatte
Mori, dem die Augen aus den Höhlen traten, zu ihr
hin eine Geste gemacht... so eine gewisse,
unverschämte Geste.
"Hör einmal, Margherita", sagte
Ersilia. "Das ist die Amme, sie ist eben
angekommen... ja, jetzt eben. Gut: Nun zeigst du ihr
das Zimmer. Hast du verstanden? Du gehst dich jetzt
erst einmal waschen", setzte sie, zu Annicchia
gewandt, hinzu. "Du bist ja ganz rußig."
Annicchia reckte den Hals, um sich
in dem Spiegel der Kastentür zu betrachten und
schrie sofort mit erhobenen Händen: "Du meine Güte!"
Der Rauch der Eisenbahn und die auf
dem Bahnhof vergossenen Tränen hatten ihr das
Gesicht verschmiert. Aber ehe sie sich waschen ging,
wollte sie "ihrer Signorina" noch, die Erlebnisse
der Seereise, dann die der Bahnreise berichten,
begleitet von lebhaften Gesten und häufigen
Ausrufen, die der schwerhörigen Dienerin die Augen
aus den Höhlen treten ließen. Vor allem erzählte
sie, wie ihr auf einmal die Brust fast zu platzen
drohte vor aufgestauter Milch, und wie sie daraufhin
zu weinen begonnen hatte wie ein kleines Mädchen.
Ihre Reisegefährten hatten sie gefragt, was sie denn
habe; aber sie schämte sich, es zu sagen. Endlich
begriffen sie. Und da machte sich ein junger Mann
erbötig, ihr die Milch abzusaugen - der Lümmel! -
und streckte sogar schon lachend die Hände nach
ihrer Brust aus. Schreiend hatte sie gedroht, sich
aus dem Abteilfenster zu stürzen. Aber dann hatte
sie zum Glück bei der nächsten Station ein alter
Mann, der dort neben ihr saß, in ein anderes Abteil
geführt, in dem eine Frau mit einem armseligen
kleinen Mädchen von drei Monaten saß, dem sie
endlich ihre Milch geben konnte, wobei sie sich
allmählich förmlich wiedergeboren fühlte.
Ersilia glaubte bereits die Sitten
der Frau "vom Kontinent" angenommen zu haben und
empfand daher Ärger über diese lebhaften und naiven
Äußerungen bäuerlichen Schamgefühls.
"Genug, jetzt gehst du dich erst
einmal waschen. Dann mußt du mir von Mama und Papa
erzählen. Los, geh."
"Und das Kindchen?", fragte
Annicchia. "Wollen Sie es mir nicht zeigen? Ich sehe
es nur schnell an und gehe."
"Da drinnen", sagte Ersilia und
deutete auf die Wiege. "Aber du nicht, rühr den
Schleier nicht an mit deinen schmutzigen Händen.
Los, Margherita, zeig es ihr."
Zwischen einem solchen Reichtum an
Bändchen, Schleiern und Spitzen erblickte Annicchia
ein kleines Monsterchen mit puterrotem Gesicht, noch
viel armseliger als das Mädchen, dem sie im Zug
Milch gegeben hatte. Dennoch rief sie aus: "Schön!
Schön! Mein Herzchen! Wie ein Engel schäft er! Euer
Gnaden werden schon sehen, wie ich ihn aufpäppele.
Auch mein Luzziddu kam so auf die Welt, winzig
klein, und jetzt, jetzt sollten Sie ihn sehen!"
Bewegt brach sie ab. "Ich gehe und
komme gleich wieder." sagte sie schließlich und
folgte der alten Dienerin auf ihr Zimmer.
III.
Am liebsten
hätte sie den Kleinen gleich an
die Brust genommen; der gnädige
Herr war auch dieser Meinung;
aber Ersilia, die in allem und
jedem anderer Meinung sein mußte
als ihr Mann, nein, die wollte,
daß zuerst ein Arzt ihre Milch
untersuchen solle.
"Ist denn
wirklich ein Arzt nötig?",
fragte Annicchia lachend. "Sehen
Sie nicht, wie gut's mir geht?"
Sie strotzte vor
Gesundheit mit ihren frischen
und rosigen Wangen.
Ersilia blickte
sie haßerfüllt vom Bett aus an,
als hätte sie mit diesen Worten
die Aufmerksamkeit ihres Mannes
auf sich ziehen wollen.
"Einen Arzt! Ich
will auf der Stelle einen Arzt!"
Und Mori mußte,
seinen üblichen Satz vor sich
hinmurmelnd, einen Arzt holen
gehen.
Dieser kam erst
gegen Abend, als Annicchia sich
von neuem in Krämpfen wand mit
ihrer angeschwollenen Brust, und
das Kind, das die im übrigen
vertrocknete Brust der Mutter
nicht zu fassen bekam, vor
Hunger und Angst schrie.
Ennio wäre gerne
bei der Untersuchung dabei
gewesen, aber seine Frau jagte
ihn fort: "Was willst du da denn
sehen? Sag lieber Margherita,
sie soll uns einen Löffel und
ein Glas Wasser bringen."
"Blond, hm?...
blond... blond...", sagte
unterdessen der Arzt, der die
Angewohnheit hatte, drei und
viermal hintereinander dasselbe
Wort zu wiederholen, während er
geistesabwesend auf die Amme
blickte, als müßte er sich
jedesmal bemühen, seine Gedanken
zusammenzuhalten.
Als sie sich so
angestarrt sah, wurde Annicchia
rot wie Klatschmohn.
"Blond, hm?...
sagten wir doch, hochverehrte
gnädige Frau", setzte
unterdessen der Arzt fort.
"blond, nicht wahr?
Hochverehrte
gnädige Frau... Eine schöne
junge Frau... schön, ja, und
gesund wirkt sie auch, gesund
auch... aber braun, hm, braun,
braun wäre besser gewesen... die
Milch der Braunhaarigen,
sicherlich, die Milch der
Braunhaarigen... na gut, wollen
wir einmal sehen."
Er hob Annicchia
den Kopf auf und untersuchte die
Drüsen am Hals; nach einigen
weiteren Betrachtungen begann er
ihr zerstreut das Mieder
aufzuknöpfen. Annicchia, bebend
vor Scham, ganz verdattert und
verlegen, versuchte ihn daran zu
hindern und verdeckte ihre Brust
mit den Händen.
"Hol's raus, hm?
Hol's raus", sagte der Arzt.
Ersilia brach in
Gelächter aus.
"Warum... warum
la... warum lachen Sie,
hochverehrte gnädige Frau?"
"Ja, sehen Sie
denn nicht, wie sich diese dumme
Gans vor Ihnen schämt?", machte
Ersilia ihn aufmerksam.
"Vor mir? Ich
bin doch Arzt!"
"Daran ist sie
nicht gewöhnt", erklärte
Ersilia. "Und außerdem, wissen
Sie, unsere Frauen, also, wir
Sizilianerinnen, wir sind nun
einmal nicht so wie die Frauen
hier."
"Achso", sagte
der Arzt schnell. "Ich verstehe,
ich verstehe... ich weiß schon,
ich weiß schon... schamhafter
sind sie, hm? Schamhafter...
Aber ich bin Arzt; ein Arzt ist
wie ein Beichtvater. Laß einmal
sehen: spritz du selbst ein paar
Tröpfchen hier in den Löffel.
Wie lange hast du denn dein
Kindchen schon?"
"Gekauft hab
ich's", antwortete Annicchia,
wobei sie sich abmühte, ihm ins
Gesicht zu sehen, "wohl schon
vor zwei Monaten."
"Gekauft hast
du's? Was sagst du da?"
"Wie soll ich es
denn sagen?"
"Na, geboren,
mein Kind, geboren.... Die
Kinder werden geboren...
geboren... Was ist da Böses
dabei?"
Als der Arzt
endlich nach Untersuchung der
Milch gegangen war, ließ sich
Annicchia erledigt auf einen
Stuhl sinken, als hätte sie eben
eine unsägliche Anstrengung
hinter sich gebracht: "Ach,
Signorina, was für eine Schande!
Ich bin fast gestorben dabei."
Als sie kurz
darauf das Kind schreien hörte,
lief sie zur Wiege und gab ihm
sofort die Brust. "Da hast,
trink dich satt, mein kleines
Schätzchen, mein Herzchen,
trink!"
Ersilia
betrachtete sie abermals vom
Bett aus: sie sah ihre
goldglänzenden blonden Haare,
die, in der Mitte gescheitelt,
in zwei Strähnen über ihre Ohren
hingen und ihr zartes Gesicht
einrahmten, sie sah ihre
wunderbar weiße, schöne Brust,
und da sagte sie ärgerlich:
"Es wäre besser
gewesen, ihn zuerst nur zu
beruhigen; und ihm dann Milch zu
geben, um ihn einzuschläfern."
"Lassen Sie ihn
doch trinken, das arme
Würmchen!" rief Annicchia. "Er
hat ja wirklich Hunger! Wenn Sie
sehen könnten, wie er saugt, wie
er saugt!"
Wenig später
konnte sie sich in dem
Nebenzimmer, das für sie und den
Kleinen bestimmt war, gar nicht
beruhigen, wenn sie die Möbel
und die Vorhänge betrachtete:
"Jesus! Was es alles gibt, in
Rom! Was es alles gibt!"
Und sie fühlte
eine gewisse Verlegenheit
angesichts dieses neuen, so
schönen Bettes, das für sie
vorbereitet worden war. Sie
erinnerte sich auch noch an die
noch stärkere Verlegenheit, die
sie vor zwei Jahren bei dem
Anblick eines anderen Bettes
empfunden hatte, jenes Bettes,
in dem sie zum ersten Mal nicht
mehr allein schlafen sollte. In
Gedanken sah sie dabei ihr
fernes Häuschen vor sich, wie es
gewesen war, als Titta, ehe ihm
diese schlimmen Ideen, die ihn
ruiniert hatten, in den Kopf
geraten waren, es voller Liebe
für die Hochzeit vorbereitet
hatte; und wie es dagegen jetzt
war, armselig und nackt, gerade
mit zwei Stühlen darin und einem
einzigen Bett, für sie und die
Schwiegermutter gemeinsam.
Nun hatte die
Alte da unten es für sich
allein, dieses Doppelbett, denn
das Kind schlief wahrscheinlich
im Haus der Nachbarin. Armer
Luzziddu, so klein schon fort
von Zuhause, und so weit
entfernt von seiner Mamma!
Sicherlich hatte diese Frau für
ihn nicht die selbe liebevolle
Zuwendung wie für ihr eigenes
Kind, und Luzziddu mußte, zur
Seite geschoben, still sein und
warten, was für ihn übrig blieb;
er, der bisher seine Mamma ganz
für sich allein gehabt hatte!
Annicchia begann
zu weinen; aber dann hatte sie
Angst, jemand könnte es
bemerken, trocknete ihre Tränen
und tröstete sich mit dem
Gedanken, daß ja die Großmutter
ganz in der Nähe war, um
aufzupassen, und daß sie sich
schon Gehör zu verschaffen
gewußt hätte mit ihrem düsteren
und herrischen Ton, falls das
notwendig geworden wäre. Ja, sie
war die würdige Mutter Tittas!
Aber im Grunde war sie doch gut,
so wie Titta gut war; sicher
würde sie mit der Zeit einsehen,
daß die Schwiegertochter nur
deshalb gewagt hatte, ihr nicht
zu gehorchen, weil sie von der
Notwendigkeit und dem Gedanken
an das Wohl aller dazu gezwungen
worden war.
Nun, um sich
selbst zu beweisen, daß sie ein
Opfer gebracht und dabei nur an
das Wohl der anderen und nicht
an das eigene gedacht hatte,
hätte sie am liebsten auf dem
Boden geschlafen und nicht dort,
auf diesem herrschaftlichen
Bett, unter diesem Baldachin:
der Kleine sollte dort schlafen,
denn der ganze Reichtum galt ja
ihm, und sie auf dem Boden wie
eine Hündin. Sie konnte sich
kaum dazu entschließen, unter
diese Decken zu schlüpfen, weil
sie ständig an das Stroh denken
mußte, auf dem ihr Luzziddu
schlief und ihre Schwiegermutter
auch.
Aber einige Tage
später kränkten sie die affigen
und pompösen Kleider, die die
Schneiderin gebracht hatte, in
dieser geheimen Empfindung noch
viel mehr. War all dieser
Schnickschnack wirklich für sie,
die bestickten Schürzen, die
Samtbänder, die Silbernadeln?
Und sollte sie wirklich so auf
die Straße gehen, als ginge es
zu einem Maskenzug?
Ersilia, die das
Bett bereits verlassen hatte,
wurde ernsthaft böse: "Ach, was
für ein Gesicht! Das habe ich
mir ja gedacht. Aber hier ist es
nun einmal so üblich und das
hast du anzuziehen, ob's dir nun
paßt oder nicht!"
"Wie Euer Gnaden
befehlen", gab Annicchia rasch
zur Antwort, um sie zu
beruhigen. "Verzeihen Sie mir.
Euer Gnaden haben so viel
schönes Geld ausgegeben für
mich, die ich doch gar nichts
verdient hätte. Aber
schließlich, was hat das schon
für eine Bedeutung? Euer Gnaden
sind die Herrschaft... Ich
meine, es kommt mir seltsam
vor... denn bei uns im Dorf..."
"Hier sind wir
aber in Rom", schnitt ihr
Ersilia die Rede ab. "Im übrigen
siehst du sehr gut aus.
Das stimmte
tatsächlich. Das leuchtende Rot
des Schleiers unterstrich noch
das Blond der Haare und das Blau
ihrer fröhlichen, klaren Augen.
Ersilia war sicher, daß sie
neben ihr bei dem gemeinsamen
Spaziergang eine höchst
unvorteilhafte Figur machen
würde; aber die Eitelkeit, der
Ehrgeiz, eine schön aufgeputzte
Amme zu haben, waren in ihr
stärker als selbst die
Eifersucht.
Das erste Mal
nahm sie sie im Wagen mit.
Annicchia,
feuerrot im Gesicht vor Scham,
hatte die Augen niedergeschlagen
und starrte auf das Kind in
ihrem Schoß. Unterdessen merkte
Ersilia, wie alle Leute auf der
Straße stehen blieben und sich
nach ihr umdrehten.
"Los, los",
sagte sie. "Heb den Kopf auf!
Wir wollen doch kein Schauspiel
bieten! Du siehst ja aus, als
wärst du geohrfeigt worden!"
Annicchia
versuchte, die Augen aufzuheben
und den Kopf dazu. Nach und nach
ließ das Staunen über das
ungewohnte, beeindruckende
Schauspiel der Stadt sie ihre
Scham vergessen, und sie begann
wie betäubt aus dem Fenster zu
starren, auf all die Dinge, die
Ersilia ihr zeigte.
"Jesus, Jesus!"
murmelte Annicchia insgeheim.
"Was das für große Dinge sind!
Was das für Dinge sind..."
Als sie von
diesem ersten Ausgang nach Hause
zurückkehrte, war sie ganz
verstört, es schwindelte ihr
beinahe, und die Ohren dröhnten
ihr, als wäre sie in einen
Aufruhr geraten und wäre ihm nur
mit großer Mühe entkommen. Und
sie fühlte sich viel, sehr viel
weiter entfernt von ihrem Dorf
als zuvor, so weit, wie sie es
sich nie vorzustellen vermocht
hätte, beinahe verloren in einer
anderen Welt, die ihr noch gar
nicht wirklich erschien.
"Jesus! Jesus!"
Unterdessen gab
Mori nebenan seiner Frau einen
während ihrer Abwesenheit aus
Sizilien eingetroffenen Brief zu
lesen.
Darin schrieb
Frau Manfroni ihrer Tochter, daß
die alte Marullo ihr das Geld
zurückgeschickt hatte, das sie
ihr, der Abmachung mit Annicchia
entsprechend, auf den ersten
Monatslohn vorstrecken wollte.
Die Alte hatte das Geld nicht
einmal von weitem sehen wollen.
Lieber würde sie sterben, hatte
sie gesagt, lieber von Haus zu
Haus ziehen und um ein Stückchen
Brot betteln. Unterdessen war
die Nachbarin gekommen, der
Annicchia ihr Kindchen
anvertraut hatte, um sich über
diese alte Hexe zu beschweren,
die ihr keinen Heller geben
wollte, auch nicht für das, was
sie für das Kind aufwenden
mußte. Frau Manfroni fügte
hinzu, sie habe dieser Nachbarin
den halben Monatslohn gegeben,
jedoch unter der Bedingung, daß
sie jeden Tag der Alten, als
wäre es aus eigener
Barmherzigkeit, einen Teller
Suppe geben sollte, damit sie
nicht buchstäblich Hungers
stürbe. Sie riet ihrer Tochter,
die andere Hälfte gar nicht erst
zu schicken, denn die Marullo
hätte das nie angenommen, und
schloß mit der Bemerkung, sie
wäre zutiefst betrübt darüber,
daß sie in diese peinliche
Situation geraten wäre, weil sie
dem Rat anderer Leute hatte
folgen wollen.
"Deinem klugen
Rat!", brauste Ersilia auf,
während sie den Brief
zusammenfaltete. "Du kannst auch
nicht ein einziges Mal das
Richtige treffen!"
"Ich?", wehrte
sich Ennio. "Ja, habe ich denn
vielleicht deiner hochverehrten
Frau Mutter geschrieben, sie
solle mir die Schwiegertochter
einer gemeingefährlichen Irren
als Amme schicken?"
"Nein. Aber eine
sizilianische Amme wolltest du
haben! Hättest du nicht diese
wunderbare Idee gehabt, steckten
wir jetzt nicht in diesem
Schlamassel. Im übrigen, ach hör
mir auf, hör mir auf, sie
gefällt dir doch, und gar nicht
wenig, die kleine sizilianische
Amme! Das hab ich schon
gemerkt!"
Mori riß die
Augen weit auf:
"Die Amme meines
Sohnes?"
"Schrei nur,
schrei nur! Damit man drüben
alles hört..."
"Erst reizt du
mich, und dann willst du, daß
ich nicht schreie? Auch noch auf
die Amme meines Sohnes bist du
also jetzt eifersüchtig? Bist du
denn ganz übergeschnappt?"
"Übergeschnappt
bist du! Du könntest froh sein,
wenn du deine fünf Sinne so
beisammen hättest wie ich! Nun,
und was machen wir jetzt? Was
sollen wir damit machen, mit
diesem Geld?"
"Ich hoffe, du
willst ihr jetzt nicht ins
Gesicht schreien, daß ihre
Schwiegermutter es nicht
annimmt!"
"Aber wo denkst
du hin? Ihr solchen Verdruß
bereiten? Ich werde mich hüten!"
Mori verlor die
Geduld, zuckte wütend die
Schultern und ging.
IV.
Jetzt blieb ihm
auch das nicht erspart: er
durfte nicht einmal sein kleines
Kindchen liebkosen, es nicht
einmal betrachten, weil seine
Frau nun schon den Verdacht
hatte, die Amme könnte diese
Liebkosungen, diese Blicke, auf
sich beziehen.
"Und weshalb",
fragte sie ihn auch tatsächlich,
"weshalb bist du nicht entzückt
von deinem Sohn, wenn ich ihn im
Arm halte und schneidest ihm
stattdessen lauter zärtliche
Grimassen, wenn er bei der da
ist?"
Entrüstet und
beschämt ob dieses ungerechten
und empörenden Verdachts schrie
Ennio sie an: "Aber bei dir ist
er ja nie!"
Tatsächlich fing
das Kind jedesmal, wenn sie es
auf den Arm nahm, zu schreien an
und streckte die Händchen nach
der Amme aus. Vielleicht hielt
sie es nicht richtig, nicht so
sehr deshalb, weil sie es nicht
gewohnt war, als vielmehr aus
Angst, es könnte ihr die reich
verzierten Hausmäntel
beschmutzen, mit denen sie zu
prunken liebte.
Obwohl sie nie
Besuche empfing und nur selten
ausging, gab sie doch sehr viel
Geld für Kleider aus, mit denen
sie dann nie zufrieden war,
ebenso wenig wie mit allem
anderen und mit sich selbst. Sie
fühlte sich unglücklich, und
vielleicht war sie es
tatsächlich; aber ihr Unglück
machte sie den anderen zum
Vorwurf und nicht der eigenen
Unduldsamkeit, ihrem
widerborstigen Charakter, dem
Fehlen jeder Anmut. Sie war
überzeugt davon, wenn sie über
einen anderen Mann gestolpert
wäre, der sie zu lieben und zu
verstehen vermocht hätte, dann
hätte sie nie all diese Leere
verspürt, die sie nun in und um
sich fühlte. Jetzt war sie auch
noch des Kindes überdrüssig
geworden, weil dieses mehr
Zuneigung zur Amme zeigte als zu
ihr. Und es verging kein Tag, an
dem sie nicht, in diesem
Müßiggang versinkend, heimlich
geweint hätte. Manchmal sah ihr
Mann ihre geschwollenen,
geröteten Augen, aber er tat,
als bemerke er nichts. Er
vermied es, so gut es ging, mit
ihr zu sprechen, denn er war
längst sicher, daß es ihm, was
er auch immer sagen oder tun
würde, nie gelingen könnte, ihr
jene Liebe zum Leben
mitzuteilen, nach der sie sich
so rasend sehnte, und deren er
sie doch für nicht fähig hielt.
Sie erwartete es von den
anderen, das Leben, ohne zu
begreifen, daß jeder es sich für
sich allein schaffen muß. Im
übrigen, wenn sie schon
unglücklich war, dann war er
nicht minder unglücklich
darüber, mit ihr zusammenleben
zu müssen. Ein schönes Leben
führte er! Den ganzen Tag
eingesperrt, dort in der
Kanzlei. Ein Glück, daß ihn
wenigstens von Zeit zu Zeit
seine Parteifreunde besuchen
kamen, mit denen er zumindest
ein bißchen Dampf ablassen und
frei diskutieren konnte.
Während dieser
Diskussionen wurde der alte
Schreiber der Kanzlei hinaus ins
Wartezimmer geschickt. Dabei
verbeugte er sich jedes Mal ganz
tief, der Herr Felicissimo
Ramicelli, vor den Herren
Revolutionären, und ging sehr
würdevoll aus dem Zimmer. Kaum
war er jedoch über der Schwelle
und hatte die Tür hinter sich
ins Schloß gezogen, da kniff er
ein Auge zu, hob ein Bein und
rieb sich in höchster
Zufriedenheit die Hände. Dann
zwirbelte er sich die Spitzen
seines gefärbten Schnurrbarts
und setzte sich auf die Bank des
Wartezimmers, in der Hoffnung,
daß dort Annicchia, die hübsche
kleine sizilianische Amme
auftauchen würde.
Er hatte bereits
versucht, mit ihr ein Gespräch
anzuknüpfen: "Weißt du, wie ich
heiße? Felicissimo."
Aber Annicchia
schien das nicht zu verstehen,
sie kehrte ihm den Rücken zu.
Und also sagte Signor Ramicelli
zu sich selbst: "Felicissimo,
jawohl, der Glücklichste. Aber
worüber bloß?"
Wie gutes Omen
hatten sie ihm diesen schönen,
superlativischen Namen
angehängt. Danke vielmals!
Freilich hatte er im Leben
eigentlich nie Gelegenheit
gehabt, sich, ‑ na sagen wir
nicht glücklich, gerade nur so
ein bißchen zufrieden zu
erklären, der gute Signor
Ramicelli. Acht Lire pro Tag
verdiente er, und das wäre ihm
vielleicht auch genug gewesen,
wenn er nicht so ein kleines
Lasterchen gehabt hätte... so
ein ganz gewisses Lasterchen..."
"Tja, was will
man da schon machen? Die
hübschen kleinen
Frauenzimmer..."
Diese Annicchia
zum Beispiel, das war doch ein
Lecherbissen! Jedes Mal, wenn er
sie sah, lief ihm das Wasser im
Mund zusammen. Und sie schien
ihm auch ein braves Mädchen zu
sein. Sie schien es ihm
natürlich nur, verstehen wir uns
recht! Denn all diese Ammen, das
weiß man ja: das sind
gestrauchelte Mädchen, das
sind... na, so eine Art
Kriegsbeute sind sie!
Annicchia
bemerkte die Blicke und das
affige Getue des Herrn
Ramicelli, und sie wußte nicht
recht, ob sie darüber lachen
oder sich ärgern sollte. Er
schien ihr gar zu seltsam,
dieser Alte mit seinem noch
immer blonden Haar. Also
sicherlich, wenn der nicht
übergeschnappt war, dann fehlte
nicht mehr viel daran.
Dort im
Wartezimmer versuchte sie, ob
die Beinchen des Kleinen schon
trugen, indem sie ihn nur unter
den Achseln hielt. Nach sechs
Monaten vermochte sie noch immer
nicht den Namen, den Mori dem
Kind gegeben hatte, richtig
auszusprechen: Leonida. Sie
nannte es stattdessen Nònida.
"Was heißt da
Nónida!", stichelte Signor
Ramicelli. "LE‑O-nida."
"Das kann ich
nicht aussprechen."
"Und
Felicissimo? Kannst du
Felicissimo auch nicht
aussprechen? Aber ich heiße
wirklich so, weißt du?"
Annicchia nahm
das Kind wieder auf den Arm und
verließ das Wartezimmer mit den
Worten: "Das glaube ich nicht."
"Ich auch
nicht", schloß Signor Ramicelli
in philosophischer Manier,
während er allein im Wartezimmer
blieb, um das Ende der
Diskussion dort drinnen
abzuwarten.
"Taktik...
Verbrecher... Die
Erziehung des Proletariats...
Mindestforderungskatalog..."
- solche und ähnliche Ausdrücke
drangen von Zeit zu Zeit an
Ramicellis Ohr. Dieser
schüttelte daraufhin
melancholisch den Kopf und
blickte lieber mit einem Seufzer
zu der Türe hin, durch die die
Amme verschwunden war. Manchmal
drang von dort zu ihm ein
bäuerliches Wiegenliedchen
herüber, das Annicchia mit einer
süßen, traurigen Stimme sang.
Vielleicht dachte sie dabei an
ihren Sohn und blickte
unterdessen auf dieses Kind, das
hier mit ihrer Milch groß und
schön geworden war, größer und
dicker als das ihre gewesen war,
als sie es dort verlassen hatte.
Ach, ihr Luzziddu wäre sicher
ein Riese geworden, wenn sie ihn
hätte stillen können! Nun
aber... wer konnte das wissen!
So viele schlimme Gedanken
gingen ihr durch den Kopf! Oft
träumte sie, er wäre krank
geworden, ganz dünn, nur Haut
und Knochen, mit einem dünnen
Hälschen und einem rachitischen
Kopf, der bald auf die eine,
bald auf die andere Schulter
sank und immer mehr anschwoll,
während sie ihn entsetzt und
verzweifelt betrachtete: "Das
soll mein Luzziddu sein? So
zugrundegerichtet habt ihr ihn?"
Und in ihrem Angsttraum wollte
sie ihm sofort ihre Milch geben,
auf der Stelle; aber dann sah
sie das Kind mit den düsteren,
starrsinnigen Augen seiner
Großmutter an und wandte das
Gesicht ab, ohne die Brust zu
nehmen, die sie ihm darbot. Was
für eine Qual! Sie stand auf,
das Herz klopfte ihr bis zum
Hals, und bis zum Morgen
vermochte sie das Bild ihres
Kindes in diesem gräßlichen
Zustand nicht mehr loszuwerden.
Sie wagte
freilich nicht mehr, der
gnädigen Frau davon zu erzählen,
die ihr schon mehrfach eine böse
Antwort gegeben hatte,
vielleicht weil sie sich über
ihre hartnäckige Insistenz
ärgerte, vielleicht auch, weil
sie fürchtete, sie könnte über
den Gedanken an ihr Kleines das
ihr anvertraute Kind
vernachlässigen. Aber das
konnte man ihr wirklich nicht
vorwerfen, auf Ehre: das durfte
sie nicht sagen: da brauchte man
ja Nònida nur anzusehen:
blühend und lebhaft war er!
Annicchia
vermochte in ihrer gnädigen Frau
kaum noch die Signorina Ersilia
von damals wiederzuerkennen, so
schlecht wurde sie von ihr
behandelt: schlimmer als eine
Dienerin. Sie tat alles, um
Ersilia zufriedenzustellen,
übernahm viele Dienste, zu denen
sie nicht verpflichtet war, nun,
da die schwerhörige Margherita
nicht mehr im Hause war; und sie
bemühte sich, immer fröhlich zu
erscheinen und auch der gnädigen
Frau Mut zu machen, die ständig
Nervenkrisen hatte und wegen
jedem Nichts verzweifelte.
"Da bin ich
schon, da bin ich, ich erledige
alles, Signorina, machen Sie
sich nur keine Sorgen."
Als
Gegenleistung hätte sie gerne
ein bißchen Wertschätzung
erfahren. Zum Beispiel, wenn
Briefe aus Sizilien kamen... die
brachte sie ihr sofort, ganz
glücklich, frohlockend:
"Signorina! Signorina!"
"Was ist los?
Hast du im Lotto gewonnen?"
Jedes Mal ließ
sie sie förmlich erstarren mit
diesen Worten. Sie wartete
geduldig, bis Ersilia zu Ende
gelesen hatte und hoffte, sie
würde ihr sofort sagen, was es
Neues von ihrem Kind gab. Aber
nichts da! Keine Spur! Sie mußte
sie danach fragen, wenn dann die
gnädige Frau den Brief zurück in
den Umschlag steckte.
"Und... steht
nichts von Luzziddu drinnen?"
"Oja. Hier
steht, daß es ihm gut geht."
"Und meiner
Schwiegermutter?"
"Auch."
Mit diesen
Antworten mußte sie sich
zufriedengeben. Aber war es denn
möglich, daß von da unten keine
anderen Botschaften an sie
aufgetragen worden waren? Ach,
wie sehr sie es jetzt bereute,
nie schreiben gelernt zu haben!
Ja freilich, bei der Abreise
hatte sie schon gedacht, daß die
Entfernung ihr Kummer bereiten
würde; aber so viel auch wieder
nicht! Es war ja eine wahre
Höllenstrafe, so!
Das Kind würde
jedoch in ein paar Tagen sieben
Monate alt werden. Mit neun
Monaten sollte es auf Wunsch des
Vaters abgestillt werden; also
galt es diese Qualen noch zwei
Monate lang zu ertragen. Da
mußte man eben Geduld haben!
Wenn sie sich so
tröstete und mit ihrem traurigen
Schicksal abfand, dann erwartete
sie sicherlich nicht das, was
ihr eben an dem Tag zustoßen
sollte, an dem das Kind sieben
Monate alt wurde: ein doppelter
Festtag, denn gerade da war
Nònida auch das erste
Zähnchen gewachsen.
Als sie an jenem
Tag die Türglocke hörte und aus
dem Läuten zu entnehmen meinte,
es wäre der Briefträger, da war
sie ganz fröhlich öffnen
gegangen, wie üblich. Aber
plötzlich, ohne daß sie auch
nur Zeit gefunden hätte, darauf
zu achten, wem sie da geöffnet
hatte, klatschte eine gewaltige
Ohrfeige auf ihre Wange und sie
fand sich auf dem Boden wieder.
Titta Marullo stand vor ihr, ihr
Mann, bleich, mit wutverzerrtem
Gesicht, einen Fuß erhoben, um
ihr ins Gesicht zu treten.
"Elende Hündin!
Wo ist dein Herr?"
Auf dieses
Geschrei hin kamen Mori, seine
Frau und Signor Ramicelli
gelaufen. Titta Marullo,
totenbleich, stürzte auf Mori
zu, packte ihn am
Jackenaufschlag und schüttelte
ihn ganz langsam: "Mein Sohn ist
tot, weißt du? Tot!"
wiederholte er noch einmal,
während er sich zu Annicchia
wandte, die einen Schrei
ausgestoßen hatte. "Und du, was
willst du jetzt tun? Bezahlst du
mir ihn oder willst du mir
lieber deinen dafür geben?"
"Der ist
verrückt!" schrie Ersilia,
zitternd vor Entsetzen.
Mori stieß
Marullo zurück und wies ihm die
Tür, mit einer nervösen Geste
seiner vor Wut bebenden kleinen
Gestalt.
"Raus!" brüllte
er. "Verbrecher! Raus aus meinem
Haus, auf der Stelle!"
"Was tust du
da?" sagte Marullo und stellte
sich ihm entgegen, Brust an
Brust. "Ich habe nichts zu
verlieren, nimm dich in Acht!
Meine Mutter ist im Krankenhaus;
mein Sohn ist tot! Ich bin
gekommen, um dir ins Gesicht zu
spucken und diese Hündin da
mitzunehmen. Los, steh auf!",
setzte er hinzu, zu seiner Frau
gewandt, die noch immer auf dem
Boden lag.
Aber in diesem
Augenblick kam Ramicelli, der
heimlich davongeschlichen war,
erschreckt und keuchend mit zwei
Gendarmen zurück, an die der am
ganzen Körper vor Wut zitternde
Mori sich in höchster Erregung
wandte:
"Raus! Führt ihn
ab! Er ist hier hereingekommen,
um mich in meinem eigenen Haus
zu beschimpfen und zu bedrohen,
dieser Verbrecher!"
Die beiden
Gendarmen packten Marullo an den
Armen, der verzweifelt versuchte
sich loszureißen, wobei er
schrie: "Ich will meine Frau
haben!" So zerrten sie ihn aus
dem Haus, gefolgt von Mori, der
auf das Kommissariat gehen
wollte, um die tätliche
Beleidigung anzuzeigen, deren
Opfer er in seinem eigenen Haus
geworden war.
V.
Am Tag darauf,
ohne Eile, kam der Brief der
Signora Manfroni an, in dem der
Tod des Kindes und die Krankheit
der alten Marullo berichtet
wurde. Von Titta kein Wort.
Mori vermutete
zuerst, er wäre aus dem
Straflager entsprungen, aber
dann erfuhr er, daß er auf
Intervention des Präfekten, an
den sich die kranke Mutter vom
Spital aus gewandt hatte,
vorzeitig entlassen warden war.
Die römische Polizeiwache hatte
ihn unterdessen nach Sizilien
zurückgeschickt, mit der
Warnung, wenn er dort unten auch
nur im geringsten versucht
hätte, sich der besonderen
Überwachung, die drei Jahre lang
über ihn verhängt war, zu
entziehen, würde man ihn auf der
Stelle ins Lager zurückschicken.
Annicchia war
durch den Schrecken, den ihr
Mann ihr eingejagt hatte, und
durch den Kummer über den Tod
ihres Kindes von einem heftigen
Fieber befallen worden. Drei
Tage lang schien es, als würde
sie wahnsinnig; dann ließ das
Delirium, dann ließen die
Halluzinationen allmählich nach;
sie blieb apathisch zurück, mit
einem geistesabwesenden
Ausdruck, der noch
erschreckender war als ihr
vorangegangenes Toben. Sie
blickte, aber es schien, als
sähe sie nichts; sie hörte, was
man ihr sagte, nickte mit dem
Kopf dazu und sagte auch ja,
aber dann zeigte sie deutlich,
daß sie nichts verstanden hatte.
Die Milch war
ihr ausgeblieben, das Kind hatte
man abstillen müssen. Im Hause
ging alles drunter und drüber.
Ersilia, unerfahren und zu allem
ungeeignet, wie sie war, hatte
zwei Nächte hindurch partout bei
dem Kind wachen wollen, das nach
der Amme schrie und keinen
Augenblick still war; sie hatte
sich auch um den Haushalt
kümmern, der neuen Dienerin
erste Instruktionen geben
müssen, dazu noch ein wenig nach
der Kranken sehen: nun war sie
rasend vor Wut gegen ihren Mann,
der sich umsah, eine Zeitung in
der Hand, ohne zu wissen, was er
tun sollte. Aber was hätte er
denn auch tun können?
"Was?" schrie
ihn seine Frau an. "Na, dich
bewegen, die Sache ein bißchen
in die Hand nehmen! Siehst du
nicht, daß ich hier ganz allein
bin, ohne Hilfe, das Kind auf
dem Arm? Ich kann mich nicht
auch noch um sie kümmern, die
mir die ganze Suppe eingebrockt
hat! Los, geh, such ihr einen
Platz in irgendeinem Spital!"
Ennio blieb bei
diesem Vorschlag erstarrt stehen
und sah sie ganz verdattert an:
"Im Spital?"
"Ach, kommt
jetzt Mitleid und
Barmherzigkeit?", setzte Ersilia
giftig hinzu. "Mitleid für sie,
was? Nicht für mich, die ich
seit vielen Nächten nicht zum
Schlafen komme, die ich nicht
einmal mehr Zeit habe, mich zu
frisieren. Soll ich denn für
alle der Dienstbote sein? Na
gut, warte nur, bis sie wieder
aufstehen kann, dann werde ich
dir was zeigen! Keinen Tag mehr,
keine einzige Minute mehr bleibt
sie in meinem Haus!"
Sie hatte
freilich nicht den Mut, diese
Drohung sofort in die Tat
umzusetzen, kaum daß Annicchia
sich ein bißchen erholt hatte.
Sie versuchte, mit ihr darüber
zu reden, indem sie ihr
erzählte, sie halte für sie das
Geld bereit, das ihre
Schwiegermutter nicht hatte
nehmen wollen. Aber Annicchia
antwortete ihr: "Was soll ich
denn jetzt noch damit tun? Jetzt
habe ich ja nur noch diesen da!"
Und dabei
drückte sie Nònida ans
Herz, der zu ihr zurückgekehrt
war und die gleiche Zuneigung zu
ihr zeigte wie vorher, obwohl er
nun abgestillt war.
Als ihn ihr die
Dienerin das erste Mal ans Bett
brachte, empfand sie einen
starken Widerwillen:
seinetwegen war ihr eigenes
Kind gestorben! Aber dann,
gerührt von der liebevollen
Ungeduld, mit der der
unschuldige Kleine ihr seine
Händchen entgegenstreckte,
umarmte sie ihn ganz, ganz fest,
so wie sie ihr eigenes Kind
umarmt hätte, und die sie
erdrückende Verzweiflung löste
sich in einen nicht enden
wollenden Tränenstrom auf.
Der Kleine
suchte noch immer nach ihrer
Brust.
"Ach mein Kind!
Ach mein Kind! Was willst du
denn noch von mir? Ich habe ja
nichts mehr, ich kann dir nichts
mehr geben, weder dir noch
irgendjemandem sonst... Aus
ist's mit deiner Mamma, mein
Liebling, aus ist's!"
Ach, wenn sie
wenigstens mit Sicherheit
erfahren hätte können, woran ihr
Kind eigentlich gestorben war,
ob an Nahrungsmangel oder an
irgend einer nicht behandelten
Krankheit. Mußte sie sich denn
wirklich damit begnügen, nichts
von ihm zu wissen, gar nichts
mehr? War das denn möglich? Als
wäre ein Hündchen gestorben! Ach
du armes, unschuldiges,
verlassenes Würmlein, ohne
Mamma, ohne Vater, ohne
niemanden, dort gestorben, in
fremden Händen, ach Gott, ach
Gott!
Aber wer
kümmerte sich denn jetzt noch um
ihren Kummer? Die gnädige Frau
war im Gegenteil böse auf sie,
weil ihretwegen ihr Sohn
plötzlich keine Muttermilch mehr
bekommen hatte, schon mit sieben
Monaten. Und sie hatte recht,
natürlich, denn auch sie war ja
eine Mutter und konnte nur an
ihr eigenes Kind denken. Was lag
ihr schon daran, daß jenes
andere gestorben war. Ärger
konnte sie darüber empfinden,
aber keinen Schmerz. "Ja, aber
sie müßte doch auch verstehen",
dachte Annicchia, "daß ihr Sohn
nun auch ein bißchen mir gehört:
denn wenn sie die Qual der
Geburt auf sich genommen hat, so
habe ich meinen Sohn für ihn
geopfert; und nun habe ich
nichts mehr außer ihm."
Obwohl es
Ersilia nicht unangenehm war,
sich die Mühe mit dem Kind zu
ersparen, wollte sie
andererseits doch nicht, daß es
sich noch mehr an diese Person
anschlösse, die es schon als ihr
eigenes betrachtete. Und so
bestärkte sie sich selbst immer
mehr in dem Entschluß, sie
fortzuschicken. Im übrigen,
welche Verpflichtung hatte sie
denn ihr gegenüber, weshalb
sollte sie sie noch länger
behalten? Sie eignete sich nicht
zur Bedienten und auch nicht zur
Kinderfrau. Und außerdem wollte
sie, daß ihr Kleiner ein schönes
Italienisch lernen sollte, aber
mit dieser Person da neben sich,
die bloß ihren Dialekt
beherrschte, war das unmöglich.
Also fort mit ihr, fort! Oder
sollte sie sie vielleicht nur
deshalb behalten, damit sie das
Schauspiel ihrer Schönheit ihrem
Mann besser vor Augen führen
konnte? Nein, fort! Fort! Und
ihr Mann selbst mußte sie
entlassen.
"Ich? Warum denn
ich?" fragte Mori.
"Weil du das
Haupt der Familie bist. Und
außerdem, weil ich nicht weiß,
was sie sich in den Kopf gesetzt
hat wegen des Mitleids, wegen
der Barmherzigkeit, die du ihr
damals gezeigt hast."
"Ich?"
wiederholte Ennio. "Ich habe ihr
gar nichts gezeigt."
"Vielleicht ist
es ihr es damals bloß so
vorgekommen. Für mich kommt das
auf dasselbe heraus. Siehst du
nicht? Sie fühlt sich doch schon
ganz zu Hause. Auf diese Weise
gäbe es hier zwei Mütter und
zwei Hausfrauen. Und das mag dir
gefallen, gut, aber mir gefällt
das ganz und gar nicht!"
Obwohl er wußte,
daß er es damit nur noch
schlimmer machte, versuchte
Ennio es noch einmal mit
vernünftigen Argumenten: "Aber
verzeih: weshalb willst du dich
denn unbedingt darauf
versteifen, dort etwas Böses zu
sehen, wo es gar nichts Böses
gibt, dir selbst schlimme
Trugbilder vorzugaukeln, wo ich
dir mit meinem von Studium und
Arbeit erfüllten Leben nie auch
nur den geringsten Anlaß gegeben
habe, an mir zu zweifeln? Du
hast doch gesehen: um Ruhe zu
haben, damit du zufrieden bist,
habe ich es mir sogar versagt,
mein Kind zu liebkosen.
Mißtraust du nun wirklich diesem
armen Mädchen? Ja, meinst du
denn, sie könnte sich mit dem
Gedanken anfreunden, wieder da
hinunterzufahren, wo sie ihr
Kind nicht wiederfinden wird,
sondern bloß einen groben Kerl,
der ihr den Tod des Kindes
anlastet und vor dem sie Angst
hat? Da sie ihr eigenes Kind
verloren hat, weil sie
hierhergekommen ist, um unser
Kind zu säugen, glaubt sie, sie
habe damit ein Recht erworben,
bei uns im Haus zu bleiben, bei
diesem anderen Kind, dem sie das
ihre geopfert hat. Erscheint dir
das nicht gerecht? Erscheint dir
das nicht vernünftig?"
Unwillkürlich
wiederholte er nun das, was er
wenig zuvor niedergeschrieben
hatte, ehe seine Frau die
Kanzlei betreten hatte. Bei dem
Gedanken an die traurige
Geschichte dieses unten in
Sizilien verstorbenen Kindes war
ihm ein Passus aus Malons Werk
Le socialisme intégral
eingefallen. Und anstatt daraus
Gewissensbisse entstehen zu
lassen, hatte er beschlossen, es
zu einer Rede zu verarbeiten,
die er in ein paar Tagen im
Sozialistischen Club zu halten
hatte.
Wie es zu
erwarten gewesen war, bestritt
Ersilia auf das heftigste seine
humanitären Überlegungen und
verließ die Kanzlei mit dem
festen Entschluß, Annicchia auf
der Stelle zu entlassen.
Entnervt packte Mori die ersten,
bereits fertiggeschriebenen
Blätter seines Redetextes und
warf sie zu Boden. Wenig später
hörte er durch die geschlossene
Türe hindurch das verzweifelte
Weinen der Unglücklichen und die
herzzerreißenden Worte, mit
denen sie die gnädige Frau bat,
sie doch nicht fortzuschicken.
"Behalten Sie
mich doch als Dienerin, ohne mir
irgendetwas dafür zu geben!
Geben Sie mir nur ein Stück
Brot! Den Abfall! Ich schlafe ja
auch auf dem Boden... Aber jagen
Sie mich nicht fort, ich flehe
Sie an! Da unten, da unten kann
ich nicht mehr hin... haben Sie
doch Mitleid mit mir, tun Sie es
doch aus Liebe zu diesem
unschuldigen Kindchen! Wenn Sie
mich fortjagen, gehe ich vor die
Hunde, Signorina! Ich gehe vor
die Hunde, aber da unten gehe
ich nicht mehr hin..."
Das Weinen und
die verzweifelten Bitten
dauerten eine ganze Weile
hindurch an. Dann hörte Mori
nichts mehr; er nahm an, Ersilia
hätte sich rühren lassen und
diesem armen Mädchen doch noch
erlaubt, bei dem Kind zu
bleiben.
Kurz darauf
betrat Signor Felicissimo
Ramicelli die Kanzlei ohne die
gewohnte Würde, mit gerötetem
Gesicht und glänzenden Augen.
Welch ein Sieg!
Welch ein Sieg! Es fehlte nicht
viel, und er, Felicissimo
Ramicelli, hätte sich die Hände
gerieben, dort vor den Augen
des Rechtsanwalts. Die hübsche
kleine sizilianische Amme, die
eben von der gnädigen Frau
davongejagt worden war, würde
noch am selben Abend in seinem
Haus schlafen. Tja, die Ammen -
er wußte das sehr gut - lauter
gestrauchelte Mädchen waren das,
so eine Art... na, so eine Art
Kriegsbeute, jawohl! Die hier
spielte noch die Naive, sie tat
so, als glaube sie, er wolle sie
wirklich nur als Bediente. Hm
ja, als Bediente... warum nicht?
"Signor
Ramicelli!"
"Was befehlen
Sie, Herr Rechtsanwalt?"
"Aufgepaßt, ja?
Deutlich schreiben, und - ich
bitte Sie - ohne Schnörksel nach
oben oder unten!"
Und Mori schob
ihm die bereits fertigen Blätter
seines Redetextes zum Kopieren
hin.
Dann schrieb er
weiter:
"Die Gleichheit
zwischen den Menschen ist nach
den Worten Malons im Sinne des
Sozialismus also als in einem
doppelten Sinne relativ zu
verstehen: 1. daß für alle
Menschen als solche die
notwendigen Existenzbedingungen
gesichert werden müssen; 2. daß
deshalb alle Menschen am
Ausgangspunkt des
Daseinskampfes gleich gestellt
sein müssen, so daß ein jeder
frei seine eigene Persönlichkeit
entsprechend den sozialen
Bedingungen entfalten kann;
währens es gegenwärtig so ist,
daß ein Kind, das gesund
und widerstandsfähig,
jedoch arm geboren wird,
in der Konkurrenz mit einem
schwach, aber reich
geborenen unterliegen muß..."
"Signor
Ramicelli!"
"Herr
Rechtsanwalt!"
"Sind Sie
übergeschnappt? Weshalb lachen
Sie so?"
* * *
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LUIGI PIRANDELLO 1867 - 1936 -
Novellen
Die drei lieben Mädchen - (Le tre carissime - 1926) |
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aus dem Italienischen von Michael
Rössner
Erstveröffentlichung
August 1894 in der
Zeitschrift La
domenica italiana.
Zahlreiche Varianten
bekannt. Eine gewisse
Verwandtschaft mit der
Novelle Leonora,
addio! bzw. dem
3.Stück der
Theatertrilogie,
Heute abend wird aus dem
Stegreif gespielt
(beide in Band 7?) ist
nicht zu leugnen.
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