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LUIGI PIRANDELLO 1867 - 1936 - Novellen

ANTWORT - (Risposta - 1922)

Italienische Version

Erstveröffentlichung im Corriere della Sera vom 4. Februar 1912. Keine wesentlichen Varianten.

 

aus dem Italienischen von Michael Rössner

Na, du hast dich schön ausgetobt, mein Freund!

Es ist ja wirklich zu beklagen, daß du deine angeborene Neigung überwinden mußtest und dich nicht den Musen widmen konntest. Wieviel Wärme liegt doch in deinem Ausdruck, und mit welch durchsichtiger Klarheit stellst du einem mit wenigen Strichen lebendig Orte, Geschehnisse und Menschen vor Augen!

Du bist schmerzlich berührt, du bist gekränkt, mein armer Marino; und ich möchte nicht, daß diese meine Antwort deinen Kummer und deine Verärgerung noch steigert. Aber du willst, daß ich dir offen darlege, was ich von deinem Fall halte. Ich werde es tun, damit du zufrieden bist, obwohl ich weiß, daß du damit nicht zufrieden sein wirst.

Ich folge meiner eigenen Methode, wenn du gestattest. Ich werde zuerst kurz den Tatbestand darlegen, dann werde ich mit der von dir gewünschten Offenheit meine Meinung dazu sagen.

Also schön der Reihe nach. 

 

I - PERSONEN, UMSTÄNDE UND HINTERGRÜNDE

a) Fräulein Anita. - Sechsundzwanzig Jahre (sie sieht gerade wie zwanzig aus, na schön, aber es sind doch sechsundzwanzig und auch schon ein bißchen drüber). Braunhaarig; nachtschwarze Augen:

 

In ihren Augen fängt sich
die tiefe Nacht...

Dank Giuseppe Tizza
für die freundliche Zusammenarbeit

Giuseppe Tizza
Dolmetscher und Übersetzer
Am Gallberg 4
40629 - Dusseldorf
Telefonische Multikonferenz

 

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Si ringrazia Giuseppe Tizza
per la gentile collaborazione

Giuseppe Tizza
Interprete e Traduttore
Am Gallberg 4
40629 - Dusseldorf

Anche traduzioni in multiconferenza telefonica

 

Korallenlippen, na sei's drum.

Aber die Nase, mein Freund? Du erzählst mir nichts von der Nase. Bei den Braunhaarigen gilt's zu allererst auf die Nase zu schauen. Ganz besonders auf die Nasenflügel.

Ich bin sicher, bei Fräulein Anita steht die Nase ein bißchen auf. Nein, ich sage nicht, daß sie häßlich ist; sprechen wir ruhig von einem Näschen. Aber es steht ein bißchen auf. Und die Nasenflügel sind eher fleischig, sie blähen sich stark, wenn sie die Zähne zusammenpreßt, wenn sie mit den Augen ins Leere starrt und aus der Nase einen langen, langen, stillen Seufzer herauspreßt.

Hast du gemerkt, wie ihre Augen sich verschleiern und die Farbe wechseln, wenn sie einen dieser stillen Seufzer herauspreßt?

 

Sie hat viel gelitten, das Fräulein Anita, weil sie sehr klug ist. Sie war wohlhabend, solange ihr Vater lebte. Nun, da der Vater gestorben ist, ist sie arm. Und sechsund­zwanzig Jahre. Aufstehende Nase und nachtschwarze Augen.

Gehen wir weiter.

b) Mein Freund Marino.- Vierundzwanzig Jahre, um zwei Jahre weniger als Fräulein Anita, die freilich immerhin wie gerade zwanzig aussehen mag.

Arm ist auch er; auch er väterlicherseits ein Waisenkind. Das ist etwas recht Trauriges, aber Teures, wenn man es mit einer geliebten Person teilt. Zwei Schicksale, wie für einander bestimmt.

Aber mein Freund Marino, arm und Waisenkind, wie er nun einmal ist, hat die Mutter und eine Schwester zu erhalten. Waisenkind und arm, wie sie ist, hat Fräulein Anita ebenfalls eine Mutter, aber sie muß sie nicht erhalten.

Um die Erhaltung der Mutter kümmert sich der Commendatore Ballesi.

Mein Freund Marino haßt natürlich diesen Commendatore Ballesi.

Ein Hitzkopf ist er freilich, und das Herz geht ihm leicht über. Reden kann er wie kein zweiter, und seine Sprache ist bildreich, faszinierend, wie der Blick seiner schönen blauen Augen. Sagen wir: Mein Freund Marino ist der Tag, das Fräulein Anita ist die Nacht. Er hat die Farbe der Sonne in seinem blonden Haar und das Blau des Himmels in den Augen; in ihren Augen stehen zwei Sterne, in ihren Haaren wohnt die Nacht. Na, ich meine, da ich schon einmal mit einem Dichter spreche, kann ich mich wohl nicht besser ausdrücken als auf diese Weise.

Gehen wir weiter.

Von der Not zur Klugheit gezwungen, kann mein Freund Marino es sich einfach nicht erlauben, sich unter den gegenwärtigen Umständen (die freilich noch eine geraume Weile andauern werden), die Last einer weiteren Frau aufzuhalsen, und muß deshalb gerade die Last liegen lassen, die ihn am wenigsten beschweren würde.

Es mag sogar sein, daß diese dritte Last ihm das Gewicht der anderen beiden leichter erscheinen ließe, die er sich nicht vom Halse schaffen kann - aber daran würde er niemals wagen auch nur zu denken.

Manche Leute freilich meinen eben, zu dritt lebt sich's auf dem Rücken eines armen Menschen nicht so bequem und in gutem Einvernehmen. Und der gute Marino - von der Not zur Klugheit gezwungen - muß das anerkennen. 

c) Der Commendatore Ballesi.- Ein alter Freund des Seligen ist er; will sagen, von Anitas Vater. Sechsundsechzig Jahre. Zart und von kleinem Wuchs; spindeldürre Beinchen, aber mit mächtigen Absätzen bewehrt. Ein dicker Kopf, ein dicker, herabhängender Schnurrbart, unter dessen Vorhang nicht nur der Mund, sondern gleich auch das Kinn verschwindet, falls man sagen kann, daß der Commendatore Ballesi tatsächlich ein Kinn besitzt. Buschige, stets gerunzelte Augenbrauen, und meistens einen Finger in der Nase. Dieser Finger denkt. Auch die Haare der Augenbrauen denken. Er ist überhaupt geradezu eine geladene Kanone aus Gedanken, der gute Commendatore Ballesi. Das finanzielle Schicksal des neuen Italien liegt in seinen winzigen, eisenharten Fäusten.

Nun, kein Mensch weiß wie oder warum, plötzlich ist der Commendatore Ballesi auf die Idee verfallen, er müsse seine väterliche Liebe zu Fräulein Anita in eine Liebe anderer Art verwandeln. Und er hat um ihre Hand angehalten.

Fräulein Anita hat mehrere Taschentücher zerrissen, mit den Händen und mit den Zähnen. Nein, das war nicht Ärger, das war Scham, Abscheu, Grauen. Die Mamma hat geweint. Warum hat die Mamma denn geweint? Nun, vor Freude, sagte sie. Vor Freude - gut, geben wir einmal zu, daß man auch vor Freude weinen kann - aber vor Freude weint man ein bißchen, und dann lacht man wieder. Fräulein Anitas Mamma jedoch hat sehr viel geweint, und sie lacht gar nicht mehr. Honni soit qui mal y pense.

Und damit gehen wir zur letzten Figur. 

d) Nicolino Respi.- Dreißig Jahre, muskulös und athletisch gebaut, ein berühmt guter Schwimmer und Reiter, Ruderer und Fechter; und dazu schamlos, unwissend wie ein Perlhuhn, ständiger Besucher von Spielhöllen und ein Mädchenheld... Nur weiter, nur weiter, lieber Freund, ich gebe dir ja in allem recht. Ich kenne Nicolino Respi und teile deine Einschätzung und deine Entrüstung. Aber glaube deshalb bitte nicht, daß ich Respi Unrecht gebe.

Ach, ich gebe also dir unrecht? Aber nein. Dem Fräulein Anita? Auch nicht. Ach Gott, so laß mich doch ausreden, laß mich weiter nach meiner Methode vorgehen. Glaub mir doch, lieber Freund, dein Fall ist uralt. Neu, originell, ist daran einzig meine Methode und die Erklärung, die ich dir geben werde.

Aber immer schön der Reihe nach.

 

II - ORT UND GESCHEHENSABLAUF

Der Strand von Anzio, im Sommer, in einer Mondnacht.

Du hast mir eine so wunderbare Beschreibung davon gegeben, daß ich mich nicht darauf einlasse, sie nun meinerseits zu beschreiben. Nur ein bißchen zu viel Sterne waren es, mein lieber. Wenn der Mond fast voll ist, sieht man nur sehr wenige. Aber ein Dichter kann sich auch einmal über diese Dinge hinwegsetzen, die zum Bereich der Tatsachen gehören. Ein Dichter kann auch dann die Sterne sehen, wenn sie nicht zu sehen sind, und umgekehrt kann er viele andere Dinge nicht sehen, die alle anderen sehen können.

Der Commendatore Ballesi hat eine kleine Villa am Strand gemietet, und Fräulein Anita ist mit ihrer Mamma ans Meer gefahren.

Der Commendatore hat viel in Rom zu tun, er fährt ständig hin und her. Nicolino Respi ist ständig in Anzio, zum Baden und zur Spielen in den Casinos: Jeden Morgen im Wasser und jeden Abend am grünen Tisch stellt er seine Fähigkeiten zur Schau.

Fräulein Anita muß die Glut ihrer Entrüstung kühlen, und deshalb geht sie besonders oft ins Wasser. Sicherlich kann sie es nicht mit Nicolino Respi aufnehmen, aber dennoch ist sie eine tüchtige Schwimmerin, und so schwimmt sie eines Morgens mit ihm um die Wette immer weiter hinaus. Sie schwimmen und schwimmen. Alle Badegäste verfolgen gespannt vom Strand aus dieses Wettschwimmen, zuerst mit freiem Auge, dann mit Feldstechern.

Nach einer gewissen Zeit will die gute Mamma nicht mehr hinsehen; sie beginnt zu zittern und zu bangen. O Gott, o Gott, wie wird ihre Tochter es jetzt schaffen, von so weit draußen wieder zurückzuschwimmen? Sicher werden ihre Kräfte nicht ausreichen... O Gott, o Gott! Wo ist sie nur? Mein Gott, so weit draußen... man kann sie gar nicht mehr sehen... Man muß sofort Hilfe schicken, um Himmelswillen! Ein Boot, ein Boot! Hilfe, sofort Hilfe!

Und sie erregt sich so sehr und redet so lange, bis schließlich zwei junge Burschen heldenhaft in ein Ruderboot springen und hinausrudern.

Ein glücklicher Einfall! Denn kaum sind die beiden losgerudert, da befällt Fräulein Anita ein Krampf im Bein, sie schreit auf; Nicolino Respi schwimmt mit zwei Schwimmstößen an ihre Seite und stützt sie; aber Fräulein Anita ist der Ohnmacht nahe und klammert sich verzweifelt an seinen Hals; Nicolino sieht sich verloren; gleich wird er mit ihr untergehen; und in seinem Zorn darüber, beißt er sie wütend in den Hals, um sich zu befreien. Da läßt Fräulein Anita los und treibt unbeweglich auf den Wellen. Nun kann er sie über Wasser halten, aber auch seine Kräfte gehen zu Ende, als endlich das Boot eintrifft. Die Rettung ist gelungen.

Nur laboriert Fräulein Anita nun über eine Woche lang an den Folgen des Bisses von Nicolino Respi.

Ja, das sind eben bleibende Eindrücke, mein lieber Marino!

Mehrere Tage hindurch kann Fräulein Anita bei jeder Bewegung des Halses nicht leugnen, daß Nicolino Respi einen kräftigen Biß hat. Und gegen diesen Biß kann sie nichts haben, denn sie verdankt ihm schließlich ihre Rettung.

Nun, all das ist tatsächlich nur die Vorgeschichte.

Obwohl - vielleicht auch nicht. Es ist Vorgeschichte und auch wieder nicht. Denn alles hängt davon ab, wie man die Tatsachen voneinander trennt.

Als du, mein lieber Marino, in dieser wundervollen Mondnacht in Anzio ankamst, im Herzen tiefste Verzweiflung, um noch ein letztes Mal unter vier Augen mit dem bereits offiziell mit dem Commendatore Ballesi verlobte Fräulein Anita zu sprechen, da trug sie am Hals noch die Bißspuren von Nicolino Respi.

Deiner eigenen Aussage nach folgte sie dir willig über den ganzen Strand, war bereit, sich mit dir in den menschenleeren Sandflächen zu verlieren, die sich bis zu dem großen sandverkrusteten Felsen dort ganz unten hinziehen. Ihr beide im Mondschein, Arm in Arm, berauscht von der Meeresbrise, eingelullt von dem ständigen gedämpften Rollen der silbrigglänzenden Gischtwellen.

Was hast du ihr da erzählt? Ja, ich weiß schon, von deiner ganzen Liebe und deiner ganzen Qual; und da hast du ihr vorgeschlagen, gegen den schamlosen Antrag dieses alten Ekels zu rebellieren und lieber deine Armut anzunehmen.

Sie aber, lieber Freund, von deinen Worten entflammt, verstört, zerrissen, sie konnte deine Armut nicht annehmen; dagegen wollte sie - das sehr wohl - deine Liebe annehmen und sich dadurch im vorhinein, noch an diesem selben Abend, für den schamlosen Übergriff des Alten rächen, der sich als richtiger Wucherer an ihr für seine lange erwiesenen Wohltaten schadlos halten wollte.

Du aber warst ehrenhaft, du warst edel genug, diese Rache nicht zuzulassen.

Freilich, lieber Freund, ich glaube dir ja: Du wirst davongelaufen sein wie ein Verrückter. Aber dem Fräulein Anita, das an diesem Abend allein auf dem Strand, im Schatten des Felsens, zurückgeblieben war, dem Fräulein Anita erschienst du nicht als Verrückter, das kann ich dir versichern, als du da im Mondlicht haltlos den Strand entlang davonliefst. Anita erschienst du als Dummkopf und Feigling.

Und leider, lieber Marino, leider genoß an diesem Abend auf diesem Felsen still und leise - dank seiner leeren Taschen - diesen schönen Mondschein - und dann auch das Schauspiel deines Davonlaufens - noch einer: Nicolino Respi, der mit dem Biß und der Rettung aus dem Meer.

Und ihm genügten ein paar Worte und ein kurzes Lachen von dort oben:

"So ein Trottel, was, Signorina?"

Und damit sprang er von dem Felsen herunter.

Dir blieb wenig später die Befriedigung, zusammen mit dem Commendatore Ballesi, der spät im Auto aus Rom eingetroffen war, im Mondschein Nicolino Respi Arm in Arm mit Fräulein Anita zu erwischen.

Auf dem Hinweg du, auf dem Rückweg er. Was ist süßer, der Hinweg oder der Rückweg?

Und nun, mein Freund, kommen wir zu dem originellen Punkt der Sache.

 

III - ERKLÄRUNG

Du, mein lieber Marino, meinst, eine gräßliche Enttäuschung erlebt zu haben, weil du plötzlich Fräulein Anita als eine ganz andere erlebt hast, ganz anders als die, die du kanntest, als die, die sie für dich war. Nun bist du ganz sicher, Fräulein Anita sei doch eine ganz andere gewesen.

Na sehr gut. Eine andere war Fräulein Anita mit Sicherheit. Nicht nur; sie war viele, sehr viele andere, mein Freund, wenigstens so viele, als Leute sie kennen und als sie Leute kennt. Weißt du, worin dein Grundirrtum besteht? Darin, daß du glaubst, wenn sie auch eine andere sei - wie du meinst -, oder viele andere - wie ich meine -, dann könnte sie deshalb nicht dennoch auch weiterhin die sein, die du in ihr gekannt hast.

Fräulein Anita ist die, und eine andere, und auch viele andere, denn du wirst mir doch zugeben, daß die, die sie für mich ist, nicht dieselbe sein kann, die sie für dich ist, die sie für ihre Mutter ist, die sie für den Commendatore Ballesi ist, und für all die anderen, die sie kennen, jeder auf seine Weise.

Nun sieh einmal: Jeder, so wie er sie kennt, gibt ihr - das stimmt doch? - eine Wirklichkeit. So viele Wirklichkeiten also, mein Lieber, daß sie "wirklich" - und nicht nur sozusagen - dafür sorgen, daß Fräulein Anita eine für dich, eine für mich, eine für ihre Mutter, eine für den Commendator Ballesi, und so weiter, ist. Und dabei hat doch jeder von uns die Illusion, die wahre Anita wäre nur die, die er kennt. Und auch sie hat natürlich diese Illusion, ja sie vor allem, die Illusion, sie wäre immer und für alle dieselbe.

Weißt du, woher diese Illusion stammt, lieber Freund? Nun, einfach daher, daß wir alle guten Glaubens davon überzeugt sind, in jeder unserer Handlungen wären wir stets ganz präsent; aber leider ist dem nicht so. Das merken wir freilich nur, wenn wir durch irgend einen unglückseligen Zwischenfall plötzlich an einer unserer Handlungen hängen bleiben, festgenagelt an einer einzigen der vielen, die wir Tag für Tag setzen; dann merken wir sehr wohl, daß wir nicht zur Gänze in dieser einen Handlung stecken, und daß es eine grauenhafte Ungerechtigkeit wäre, uns nur nach dieser einen Handlung zu beurteilen, uns an ihr festzunageln, an ihr aufzuhängen, ihretwegen an den Pranger zu stellen, für unsere ganzes Erdenleben, als ließe sich dieses in dieser einzigen Handlung zusammenfassen.

Nun, genau diese Ungerechtigkeit bist du eben im Begriff, Fräulein Anita gegenüber zu begehen, mein Lieber.

Du hast sie in einer anderen Wirklichkeit überrascht, als du sie ihr zu geben gewohnt warst, und nun bist du bereit zu glauben, ihre wahre Wirklichkeit sei nicht die schöne, die du ihr früher zugedacht hattest, sondern nur diese häßliche, in der du sie zusammen mit dem Commendatore Ballesi ertappt hast, als sie mit Nicolino Respi von dem Felsen zurückspazierte.

Es ist kein Zufall, lieber Freund, daß du mir nichts von dem aufstehenden Näschen des Fräuleins Anita erzählt hast!

Dieses Näschen gehörte nicht dir. Das war nicht das Näschen deiner Anita. Dein waren die nachtschwarzen Augen, das leidenschaftliche Herz, die feinsinnige Intelligenz dieses Mädchens. Nicht aber dieses kühn aufstehende Näschen mit den eher fleischigen Nasenflügeln.

Dieses Näschen erbebte noch immer, wenn es sich an den Biß Nicolino Respis erinnerte. Dieses Näschen wollte seine Rache haben für den widerlichen Übergriff des alten Commendatore Ballesi. Du hast ihm nicht erlaubt, diese Rache mit dir zu verwirklichen, also hat das Näschen sich dafür Nicolino geholt.

Wer weiß, wie viel nun diese nachtschwarzen Augen weinen, wie stark dieses leidenschaftliche Herz blutet, wie sehr sich diese feinsinnige Intelligenz gegen ihr Schicksal auflehnt - ich meine, all das, was an ihr dir gehört.

Ach, glaube mir, lieber Marino, für sie war der Hinweg zum Felsen mit dir viel süßer als der Rückweg von dort mit Nicolino Respi.

Du wirst dich wohl bereit finden müssen, nachzugeben, und es dem Commendatore gleichzutun, der - du wirst schon sehen - Anita verzeihen und sie doch noch heiraten wird.

Aber verlange bitte nicht, daß sie nur eine einzige sein und ganz dir gehören soll. Sie wird ganz und gar ehrlich eine einzige und ganz für dich sein; und zugleich eine andere für den Commendatore Ballesi, und das nicht weniger ehrlich. Denn es gibt nicht nur ein einziges Fräulein - oder nur eine einzige Frau - Anita, lieber Freund.

Das ist vielleicht nicht schön, aber es ist nun einmal so.

Und bitte, sieh zu, daß Nicolino Respi mit seinen gefletschten Zähnen diesem aufstehenden Näschen keinen zweiten Besuch abstattet. 

* * *

© Michael Rössner.

LUIGI PIRANDELLO 1867 - 1936 - Novellen

Auswirkungen eines unterbrochenen Traums - (Effetti di un sogno interrotto – 1937)

Italienische Version

 

aus dem Italienischen von Michael Rössner

 

Ich wohne in einem alten Haus, das den Eindruck eines Trödlerladens macht. In einem Haus, das seit wer weiß wie vielen Jahren Staub geschluckt hat.

Das ständige Halbdunkel, das dieses Haus bedrückt, hat etwas von der steifen Atmosphäre der Kirchen an sich; in ihm steht unbeweglich der muffige, alte und welke Geruch der zerfallenden Möbel in allen Formen, mit denen es vollgestopft, und der vielen Stoffe, mit denen es geschmückt ist, teure, zerrissene und ausgebleichte Stoffe, überall ausgebreitet und aufgehängt, in Form von Decken, Vorhängen oder Baldachinen. Ich trage meinen Teil bei zu diesem Gestank, indem ich den ganzen Tag meine alten, verkrusteten Pfeifen rauche und damit die Luft verpeste. Nur dann, wenn ich von draußen zurückkomme, fällt es mir überhaupt auf, daß man in meinem Haus gar keine Luft kriegt. Aber für einen, der ein Leben führt wie ich... Aber genug: lassen wir das.

 

Im Schlafzimmer befindet sich eine Art Alkoven auf einer Plattform, zu dem man über zwei Stufen hinaufsteigt. Oben ist die Zimmerdecke, der Stützbalken liegt in der Mitte auf zwei gedrungenen Säulen auf. Auch hier Baldachinvorhänge, die das Bett verbergen sollen, sie laufen auf Messingstangen hinter den Säulen. Die andere Hälfte des Zimmers dient als Arbeitsraum. Unter den Säulen steht ein Sofa: ehrlich gesagt ist es sehr bequem, mit jeder Menge darauf aufgetürmter Kissen, und davor ein massiver Tisch, der als Schreibtisch verwendet wird; zur Linken  ein großer Kamin, den ich nie anzünde; in der gegenüberliegenden Wand, zwischen zwei Fensterchen, ein altes Regal mit Bücherleichen, die in vergilbtes Pergament gebunden sind. Auf dem Kaminsims aus geschwärztem Marmor ist ein halb geräuchertes Bild aus dem siebzehnten Jahrhundert aufgehängt, eine Darstellung der Büßenden Magdalena, ich weiß nicht, ob es ein Original oder eine Kopie ist, aber selbst wenn es eine Kopie sein sollte, hat es einen gewissen Wert. Die lebensgroße Figur liegt auf dem Bauch ausgestreckt in einer Höhle; ein auf den Ellbogen gestützter Arm hält den Kopf; die gesenkten Augen bemühen sich, bei dem Licht einer neben einen Totenschädel auf den Boden gestellten Öllampe in einem Buch zu lesen. Sicherlich, das Gesicht, die prächtige Fülle der offenen rötlichen Haare, die eine Schulter und die Brust frei lassen, sind in dem Schein dieser Öllampe wunderschön.

Das Haus gehört mir und gehört mir auch wieder nicht. Es gehört mit dem gesamten Mobiliar einem Freund von mir, der es mir vor drei Jahren, als er nach Amerika aufbrach, als Garantie für einen größeren Geldbetrag überließ, den er mir noch schuldete. Dieser Freund hat sich natürlich nie wieder gemeldet, und trotz aller Nachfragen und Nachforschungen, die ich angestellt habe, ist es mir nicht gelungen, irgendeine Nachricht von ihm zu erhalten. Sicher ist nur, daß ich noch nicht über das Haus und seinen Inhalt verfügen kann, um mir das Meine zurückzuholen.

Nun, ein Antiquitätenhändler aus meinem Bekanntenkreis hat sich in diese Büßende Magdalena verliebt, und neulich erst führte er mir einen fremden Herrn ins Haus, um sie ihm zu zeigen.

Der Herr, um die vierzig, groß, mager, kahlköpfig, trug strengste Trauer, wie man es in der Provinz noch zu tun pflegt. Sogar das Hemd war ein Trauerhemd. Aber auch auf seinem eingefallenen Gesicht war noch das Unglück zu lesen, das ihn vor kurzem heimgesucht hatte. Als er das Bild sah, wechselte er die Farbe und schlug plötzlich die Hände vor die Augen, während der Antiquitätenhändler ihn mit seltsamer Befriedigung fragte: „Ist es nicht wahr? Ist es nicht wahr?“

Jener, das Gesicht immer noch hinter den Händen verborgen, nickte mehrmals bejahend. Es schien, als wollten ihm die angeschwollenen Adern in dem kahlen Schädel platzen. Aus der Tasche zog er ein schwarzgerändertes Taschentuch und führte es an die Augen, um die hervorbrechenden Tränen aufzuhalten. Ich sah, wie sein Zwerchfell lange stumm erbebte, während er gleichzeitig in einem fort schluchzend durch die Nase aufzog.

Alles ‑ auf süditalienische Weise ‑ sehr übertrieben.

Aber vielleicht auch ehrlich.

Der Antiquitätenhändler wollte mir erklären, daß er seit seiner Kindheit die Frau dieses Herrn kannte, die aus demselben Dorf stammte wie er selbst: „Ich kann Ihnen versichern, sie war das genaue Abbild dieser Magdalena. Ich habe mich gestern daran erinnert, als mein Freund mir die Nachricht brachte, daß sie gestorben war, so jung noch, kaum einen Monat ist es her. Sie wissen, daß ich erst vor kurzem da gewesen bin, um dieses Bild anzusehen.“

„Ja, das schon, aber ich...“

„Ja, Sie sagten damals, Sie könnten es nicht verkaufen.“

„Und jetzt ebenso wenig.“

Ich fühlte mich von diesem Herrn am Arm gepackt, er warf sich mir beinahe weinend an die Brust und beschwor mich, es ihm abzutreten, um welchen Preis auch immer: Es wäre sie, seine Frau, genau sie, sie so ‑ ganz und gar ‑ wie nur er allein, er als Ehemann, sie in der häuslichen Intimität gesehen haben könne (und als er das sagte, spielte er sichtlich auf die nackte Brust an), und er könne sie mir nun nicht mehr vor den Augen lassen, das müsse ich doch verstehen, nun, da ich das wisse.

Ich sah ihn an, verblüfft und konsterniert, als hätte ich einen Irren vor mir, denn es schien mir nicht möglich, daß er so etwas im Ernst sagte, das heißt, daß er im Ernst meinen könnte, daß das, was für mich nichts anderes war als ein Gemälde, an das ich nie irgend einen Gedanken verschwendet hatte, nun auch für mich das Porträt seiner Frau werden konnte, so mit der entblößten Brust, wie er sie allein in der häuslichen Intimität erblickt haben konnte, somit also in einem Zustand, in dem er sie nicht mehr von einem Fremden ansehen lassen durfte.

Das Seltsame einer solchen Forderung rief bei mir ein unwillkürliches Lachen hervor.

 

„Aber nein, sehen Sie doch, lieber Herr: Ich habe Ihre Frau ja nie gekannt; ich kann daher an dieses Bild gar nicht den Gedanken knüpfen, dessen Sie mich verdächtigen. Ich sehe da bloß ein Gemälde mit einem Bild, das... ja, das zeigt...“

Hätte ich das bloß nie gesagt! Er pflanzte sich vor mir auf, als wollte er mir an die Gurgel springen, und schrie:

„Ich verbiete Ihnen, sie jetzt anzusehen, so, in meiner Gegenwart!“

Zum Glück griff da der Antiquitätenhändler ein, der mich um Entschuldigung bat, um Mitleid mit diesem armen Mann, der förmlich von Sinnen war; er sei stets bis zum Wahnsinn eifersüchtig auf seine Frau gewesen, die er bis zum letzten Atemzug mit einer beinahe krankhaften Liebe geliebt habe. Dann wandte er sich an ihn und beschwor ihn, sich zu beruhigen; es wäre dumm, zu mir so zu reden, zu behaupten, es wäre meine Pflicht, aufgrund all dieser intimen Dinge ihm das Bild abzutreten. Er wage auch noch, mir das Betrachten des Bildes zu verbieten? Ja, sei er denn wirklich ganz und gar von Sinnen? Und damit schleppte er ihn fort, wobei er mich abermals um Entschuldigung für die Szene bat, er habe nicht geahnt, daß er mich so etwas werde erleben lassen.

Ich war so beeindruckt von dieser Geschichte, daß ich in der darauf folgenden Nacht davon träumte.

Um es genauer zu sagen, muß ich diesen Traum wohl in den ersten Morgenstunden geträumt haben, genau in dem Augenblick, in dem ein plötzlicher Lärm vor der Türe des Zimmers mich weckte, ein Streit zwischen Katzen, die durch weiß Gott welche Schlupflöcher ständig in mein Haus kommen, wahrscheinlich angezogen von den vielen Mäusen, die hier Quartier aufgeschlagen haben.

Auswirkung des dergestalt plötzlich unterbrochenen Traums war es, daß die Trugbilder desselben, ich meine der Herr in Trauer und das Bild der Magdalena, die seine Frau geworden war, vielleicht nicht mehr die Zeit hatten, in mich zurückzukehren, und draußen blieben, in dem anderen Teil des Zimmers jenseits der Säulen, in dem ich sie im Traum gesehen hatte; so daß ich, als ich bei dem Lärm aus dem Bett aufschreckte und den Vorhang mit einem raschen Zug beiseiteschob, vage ein Wirrwarr aus nacktem Fleisch und roten und türkisfarbenen Stoffen auf den Kaminsims huschen und blitzartig wieder die Position im Bild einnehmen sah; und auf dem Sofa, unter all den durcheinandergeworfenen Kissen, da war er, dieser Herr, der sich eben aus der liegenden Haltung in die sitzende aufrichtete, nicht mehr schwarz gekleidet, sondern in einem Pyjama aus himmelblauer Seide mit weißen und dunkelblauen Streifen, der sich in dem allmählich stärker werdenden Licht, das durch die beiden Fensterchen drang, allmählich in der Form und in den Farben dieser Kissen auflöste und endlich verschwand.

Ich will nicht versuchen zu erklären, wofür es keine Erklärung gibt. Niemand hat je das Geheimnis der Träume ergründet. Tatsache ist: Als ich, aufs höchste verwirrt, die Augen hob, um das Bild auf dem Kaminsims zu betrachten, da sah ich mit aller Deutlichkeit, wie die Augen der Magdalena für einen Augenblick lebendig wurden, die Lider von der Lektüre abhoben und mit einen Blick zuwarfen, einen lebendigen, in zarter, diabolischer Schelmenhaftigkeit lachenden Blick. Vielleicht waren es die geträumten Augen der verstorbenen Gattin dieses Herrn, die sich für einen Augenblick in den gemalten Augen des Bildes belebten.

Ich konnte keinen Augenblick länger in dem Haus bleiben. Ich weiß nicht mehr, wie ich es geschafft habe mich anzuziehen. Von Zeit zu Zeit habe ich mich mit einem Gefühl des Horrors, das Sie sich gut ausmalen können, umgewandt, um verstohlen diese Augen zu betrachten. Ich fand sie stets gesenkt und in die Lektüre versunken vor, wie sie in dem Gemälde tatsächlich sind; aber nun war ich mir schon nicht mehr sicher, ob sie nicht, wenn ich nicht mehr hinsah, hinter meinem Rücken wieder lebendig wurden, um mich immer noch mit diesem Schimmer von zarter, diabolischer Schelmenhaftigkeit anzublicken.

Ich stürzte in das Geschäft des Antiquitätenhändlers, das ganz nahe bei meinem Hause liegt. Ich sagte ihm, wenn ich das Bild auch seinem Freund nicht verkaufen könne, könne ich diesem doch das Haus mit dem gesamten Mobiliar, das Bild eingeschlossen, versteht sich, zu einem sehr günstigen Preis vermieten.

„Schon ab dem heutigen Tag, wenn Ihr Freund das so will.“

In meinem überfallsartigen Angebot lag so viel Bangigkeit und Beklemmung, daß der Antiquitätenhändler den Grund dafür erfahren wollte. Den Grund, den schämte ich mich freilich ihm zu enthüllen. Stattdessen bat ich ihn, mich auf der Stelle zu dem Hotel zu begleiten, in dem sein Freund abgestiegen war.

Sie können sich meinen Zustand vorstellen, als ich diesen in seinem Hotelzimmer mir entgegenkommen sehe, bekleidet mit demselben Pyjama aus himmelblauer Seide mit weißen und dunkelblauen Streifen, in dem ich ihn im Traum gesehen und in meinem Zimmer beim Aufsetzen auf dem Sofa zwischen den durcheinandergeworfenen Kissen ertappt hatte.

„Sie kommen eben aus meinem Haus“, schrie ich ihn kreidebleich an. „Sie waren heute nacht in meinem Haus!“

Ich sah, wie er auf einem Sessel zusammenbrach, entsetzt, vor sich hinstammelnd: o Gott, ja, in meinem Haus, im Traum, da wäre er tatsächlich gewesen, und seine Frau...

„Eben, eben, Ihre Frau ist aus dem Bild herausgestiegen. Ich habe sie dabei ertappt, wie sie wieder zurückging. Und Sie selbst haben sich mir im Licht auf dem Sofa in Nichts aufgelöst. Aber Sie werden zugeben, als ich Sie auf dem Sofa erwischte, konnte ich nicht wissen, daß Sie einen Pyjama besitzen wie den, den sie anhaben. Dann waren es also tatsächlich Sie, der im Traum bei mir zu Hause gewesen ist; Ihre Frau ist tatsächlich aus dem Bild herausgestiegen, wie Sie es geträumt haben. Erklären Sie sich dieses Faktum, wie Sie wollen. Möglicherweise ist es einfach die Begegnung meines Traums mit dem Ihren. Ich weiß das nicht. Aber in meinem Haus kann ich nicht mehr bleiben, mit Ihnen, die Sie da im Traum zu Besuch kommen, und Ihrer Frau, die mich ansieht und dabei die Augen vom Bild aus öffnet und schließt. Den Grund, sich davor zu fürchten, der für mich gilt, den können Sie nicht haben, denn es handelt sich ja um Sie selbst und Ihre Frau; gehen Sie also und holen Sie sich das in meinem Haus zurückgebliebenes Bild Ihrer selbst ab! Was tun Sie jetzt? Sie wollen nicht mehr? Sie fallen in Ohnmacht?

„Ach, Halluzinationen, meine Herren nichts als Halluzinationen!“, wurde unterdessen der Apotheker nicht müde auszurufen.

Ach, wie reizend sind doch diese wohlgefestigten Menschen, die angesichts eines Faktums, für das es keine Erklärung gibt, sofort ein Wort finden, das nichts aussagt, und mit dem sie sich so wundersam einfach beruhigen:

„Halluzinationen“. 

 

© Michael Rössner.

LUIGI PIRANDELLO 1867 - 1936 - Novellen

Bitterwasser - (Acqua amara - 1922)

Italienische Version

 

Erstveröffentlichung Oktober 1905 in der Zeitschrift "Il Ventesimo".

Keine wesentlichen Varianten bekannt.

In der Duellgeschichte läßt sich eine erste Version der Handlung von Il giuoco delle parti ("Das Rollenspiel", in: Bd. 10) erkennen. 

 

aus dem Italienischen von Michael Rössner

 

Wenige Leute waren an diesem Morgen in dem Park rund um die Thermen. Die Kursaison ging nun schon zu Ende.

Auf zwei benachbarten Bänken an einer Wegkreuzung unter den hohen Platanen saßen ein junger Mann mit blassem, ja gelblichem Gesicht, zum Erbarmen hager unter seinem neuen, hellen Anzug, dessen frisch gebügelte Falten in einem Zickzack herunterfielen, weil er viel zu weit war, und ein häßlicher Kerl um die Fünfzig, in einem Anzug aus billigem Tuch, voller Falten, wo die enorme Fettleibigkeit ihn nicht bis zum Platzen aufblähte, und einem alten, verbeulten Panamahut auf dem kahlgeschorenen Kopf.

Beide hielten am Henkel ihre noch ganz mit dem lauen, trüben Alkaliwasser gefüllten Gläser, die sie eben an der Quelle gefüllt hatten.

Der dicke Mann erschien noch halb betäubt von dem donnernden Schnarchen, das er sicherlich in der Nacht von sich gegeben hatte; er schloß von Zeit zu Zeit halb die vom Schlaf noch verschleierten Augen in seinem feisten, zufriedenen Mönchsgesicht. Der hagere Junge dagegen spürte die Kälte der frischen Morgenluft; von Zeit zu Zeit lief ihm sogar ein Schauder über den Rücken.

 

Weder der eine noch der andere konnte sich dazu entschließen zu trinken, und es schien, als wartete jeder darauf, dem Beispiel des anderen folgen zu können. Schließlich, nach dem ersten Schluck, sahen sich beide mit von demselben Ausdruck des Ekels verzogenen Gesichtern an.

"Die Leber, was?" fragte plötzlich leise der dicke Mann den jungen und schüttelte sich. "So kleine Leberkoliken, was? Sie sind natürlich verheiratet, denke ich mir..."

"Nein, weshalb?" fragte der junge Mann zurück, während er qualvoll sein Gesicht in Falten legte, die ein Lächeln ausdrücken wollten.

"Na, es schien mir so, so ins Blaue hinein geraten", seufzte der andere. "Aber wenn Sie keine Frau haben, können Sie ganz ruhig sein. Dann werden Sie gesund!"

Der junge Mann lächelte wieder wie vorhin.

"Leiden Sie vielleicht an der Leber?" fragte er dann spitz.

"Nein, nein, keine Frau mehr, ich habe keine mehr!", beeilte sich der dicke Mann in höchstem Ernst zu antworten. "Ich war leberleidend; aber Gott sei Dank habe ich mich von meiner Frau befreit; ich bin geheilt. Ich komme nun schon seit dreizehn Jahren hierher, aus Dankbarkeit. Entschuldigen Sie, wann sind Sie angekommen?"

"Gestern abend um sechs", sagte der junge Mann.

"Ach, deshalb", rief der andere, während er die Augen halb schloß und den massigen Kopf hin und her wiegte. “Wären Sie am Morgen gekommen, würden Sie mich bereits kennen."

"Ich... ich würde Sie kennen?"

"Aber sicher, so wie mich alle hier kennen. Ich bin eine Berühmtheit! Sehen Sie, auf der Piazza dell'Arena, in allen Hotels, in allen Pensionen, im Club, im Caffè da Pedoca, in der Apotheke spricht man seit dreizehn Jahren hier Saison für Saison bloß von mir. Ich weiß es und habe meine Freude daran und komme eben deshalb immer wieder her. Wo sind Sie abgestiegen? Bei Rori? Bravo. Nun, seien Sie ganz sicher, noch heute mittag bei Tisch werden sie Ihnen bei Rori meine Geschichte erzählen. Erlauben Sie, daß ich ihnen zuvorkomme und sie Ihnen selbst erzähle, in einem Stück."

Während er das sagte, stemmte er sich mühevoll in die Höhe und ging zu der Bank des jungen Mannes hinüber, der ihm mit seinem gelben, vor Freude ganz verkniffenen Gesicht Platz machte. 

- Zu allererst, damit wir uns gleich verstehen, hier nennt man mich den Gatten der Frau Doktor. In Wirklichkeit heiße ich Cambiè. Mit Vornamen Bernardo. Bernardone, weil ich so dick bin. Trinken Sie. Ich trinke auch.

Sie tranken, zogen wieder eine Grimasse des Ekels, die sie sofort in ein Lächeln zu verwandeln suchten, als sie einander freundlich ansahen. Dann setzte Cambiè fort:

- Sie sind noch ganz jung und ernsthaft ein bißchen leidend. Was ich Ihnen hier an grauenhaften Dingen erzählen werde, kann Ihnen mehr von Nutzen sein als dieses scheuß­liche Wasser hier, das zwar bitter ist, dafür aber - glauben Sie mir das - gar nichts bewirkt. Sie geben es uns zu trinken, in jedem Sinn tun sie das, und wir trinken es, weil es scheußlich schmeckt. Würde es gut schmecken... Aber nein, genug; sie machen ja eine Kur, Sie müssen Vertrauen haben.

Sie müssen nämlich wissen, wenn ich das Wort Ehe hörte, dann kam mir - mit Verlaub gesagt - der Magen hoch, mir war geradezu... geradezu zum... jawohl, mein Herr. Ich sah einen Hochzeitszug... ich erfuhr, daß ein Freund heiraten würde... derselbe Effekt. Aber was wollen Sie schon von uns unglücklichen Sterblichen? Bildet sich ein Fleckchen in der Sonne? Zusammenbrüche und Katastrophen. Wacht ein König mit belegter Zunge auf? Kriege, Mord und Totschlag ohne Ende. Beginnt ein Vulkan kurz zu schluchzen? Erdbeben, Naturkatastrophen, Hekatomben von Blut...

In Neapel brach zu meiner Zeit die Cholera aus. Die große Choleraepidemie von vor rund zwanzig Jahren, von der Sie, wenn Sie sich auch nicht erinnern, wohl doch reden gehört haben.

Mein Vater, ein kleiner Angestellter, hielt sich - bei dem liebenswerten Schicksal, das ihn stets verfolgte - zu diesem Zeitpunkt natürlich gerade in Neapel auf. Ich war schon dreißig Jahre alt, hatte eine gute Anstellung gefunden und eine Junggesellenwohnung gemietet, nicht weit weg von zu Hause. Ich lebte bei der Familie und dort hatte ich auch eine Freundin, die mir einfach so zugewachsen war, als wäre sie vom Himmel gefallen.

Carlotta. So hieß sie. Sie war die Tochter eines... na, da ist nichts Schlimmes dabei, wissen Sie! Ein Beruf wie jeder andere - die Tochter eines Wucherers. Ein ehemaliger Priester war er.

Sie war wegen Streitereien mit ihrer Stiefmutter und mit einem jüngeren Bruder, der bereits ein ausgewachsener Gauner war, von zu Hause weggelaufen; aber diese Geschichte werde ich Ihnen ersparen. Sie schien ein braves Mädchen zu sein, und vielleicht war sie das damals auch; aber Sie werden verstehen, da ich sie liebte, dachte ich da nicht viel drüber nach.

Entschuldigen Sie, sind Sie vielleicht religiös? Soso? Wohl eher nein als ja. Wie ich. Meine Mutter hingegen, mein lieber Herr, na, die war mehr als religiös. Die arme Frau, sie litt entsetzlich unter meiner Beziehung, die sie für sündhaft hielt. Sie wußte, daß dieses Mädchen, bevor sie die Meine wurde, keine anderen Männer gehabt hatte. Als nun die Cholera ausbrach, war sie, entsetzt über das Massensterben, fest überzeugt, wir seien alle dem Tod geweiht, und ich zuallererst, da ich im Stand der Todsünde lebte. Und so verlangte sie mir das Opfer ab, dieses Mädchen zu heiraten, sei es auch nur in der Kirche, um so den göttlichen Zorn zu besänftigen.

Glauben Sie mir, ich hätte es trotzdem nicht getan, wenn Carlotta nicht von der Seuche befallen worden wäre. Ich mußte ihr doch wenigstens die Seele retten; so hatte ich es meiner Mutter versprochen. Ich lief also einen Priester holen und heiratete sie. Aber was war da im Spiel? Eine göttliche Hand? Ein Wunder? Sie schien schon halb hinüber, und plötzlich wurde sie gesund.

Meine Mutter bestand darauf, obwohl ihr das große Zittern kam, aus Nächstenliebe, ja, aus Opfergeist an der Zeremonie teilzunehmen und dann am Bett der Kranken auszuharren.

Es schien, als wäre die Cholera nur meinetwegen nach Neapel gekommen, um mich für die Todsünde zu bestrafen, und als sollte sie mit Carlottas Genesung vorübergehen, so sehr bemühte sich meine Mutter, mit solcher Inbrunst widmete sie sich der Aufgabe, sie gesundzupflegen. Und kaum hatte sie sie gerettet und sah, daß dort in diesem Zimmerchen die Genesende jede Bequemlichkeit entbehren mußte, da bestand sie darauf, sie auch noch zu sich nach Hause zu nehmen, so sehr ich mich auch dagegen wehrte.

Sie werden verstehen, sobald sie einmal in mein Haus gekommen war, konnte Carlotta es nur als meine legitime Ehefrau wieder verlassen, und das tat sie auch kurze Zeit später, kaum daß das große Sterben aufgehört hatte.

Na, dann wollen wir wieder einmal trinken, lieber Herr!

Gott sei Dank waren Carlotta während der Epidemie Vater, Mutter und Brüder gestorben. Ein Glück und ein Unglück zugleich, denn als einzige Überlebende der Familie erbte sie achtunddreißig oder vierzigtausend Lire, die Frucht des edlen Handwerks, das ihr Vater betrieben hatte.

 

Nun, als Ehefrau und mit einer Mitgift, wie sah sie da die Sache, lieber Herr? Sie war von einem Tag zum anderen wie ausgewechselt.

Nun hören Sie zu. Wissen Sie, daß ich so einen gewissen boshaften Geist im Leibe habe... wie soll ich ihn nennen? phi-... philosophenhaft ist er, das mag ihnen seltsam erscheinen; aber lassen Sie mich erzählen.

Glauben Sie, daß es nur zwei Geschlechter gibt, das männliche und das weibliche?

Nein, mein Herr.

Die Ehefrauen sind ein Geschlecht für sich. Die Ehemänner auch.

Und was die Geschlechter betrifft, da gewinnt die Frau durch die Ehe immer. Sie macht einen großen Schritt vorwärts! Sie erhält nämlich so viel Anteil am männlichen Geschlecht, wie der Mann notwendigerweise davon aufgeben muß. Und aufgeben muß er viel, glauben Sie mir das.

Wenn ich einmal auf die traurige Idee verfiele, eine vernünftige Grammatik zu erstellen, wie ich sie nenne, würde ich zur Regel erheben, daß es der Ehefrau und infolgedessen die Ehemann heißen muß.

Sie lachen? Aber für die Ehefrau, mein lieber Herr, für die Ehefrau ist der Ehemann wirklich kein Mann mehr. Sie bemüht sich ja nicht einmal mehr, ihm zu gefallen.

"Mit dir macht's keinen Spaß mehr", denkt die Ehefrau. "Du kennst mich ja schon."

Und wenn der Ehemann wirklich so einfältig ist, sich von neuem zu ereifern, etwa, wenn er sie zum Beispiel wie eine Teufelin im Bett liegen sieht, mit Lockenwicklern in den Haaren und dicht bestrichenem Gesicht, dann geht es gleich los:

"Aber das tue ich doch für dich!", ist sie imstande zu antworten.

"Für mich?"

"Sicher. Damit du keine schlechte Figur machst. Wärst du denn froh, wenn die Leute, wenn sie dich auf der Straße sehen, sagen würden: 'Ach, schau einmal, was für eine Frau sich dieser arme Kerl ausgesucht hat!'"

Und der Ehemann, der - das versichere ich Ihnen - kein Mann mehr ist, der schweigt; und dabei müßte er ihr ins Gesicht schreien:

"Aber das sage ich mir doch selbst, meine Liebe, was für eine Frau ich mir ausgesucht habe, wenn ich dich so ansehe, jetzt, wo du neben mir liegst! Ach, du zeigst dich also deshalb mir jetzt zu Hause und im Bett häßlich, damit die anderen dann auf der Straße ausrufen können: 'Ach, schau einmal, was für eine hübsche Frau dieser arme Kerl da hat!'? Und darum sollten sie mich auch noch beneiden? Na, ich danke, ich danke vielmals, meine Liebe, für diesen Neid mir gegenüber, der sich natürlich in ein Begehren dir gegenüber verwandelt. Du willst begehrt sein, damit ich beneidet werde? Was du doch für ein guter Mensch bist! Aber ich bin ein noch besserer Mensch, weil ich dich geheiratet habe."

Und der Dialog ließe sich noch fortführen. Denn es könnte ja der Fall eintreten, wissen Sie? - der Fall, daß die Ehefrau sogar die Unverfrorenheit besäße, den Ehemann ganz unschuldig zu fragen, ob sie, geschminkt und aufgeputzt zum Spaziergang, seiner Meinung nach gut aussähe.

Der Ehemann müßte ihr darauf antworten:

"Ja, weißt du, Liebe, die Geschmäcker sind doch sehr verschieden. Mir persönlich gefällt, wie ich dir schon gesagt habe, diese Frisur nicht besonders. Wem willst du nun gefallen? Das müßtest du mir sagen, damit ich dir eine Antwort geben kann. Keinem? Wirklich keinem? Ja, dann sei froh, wenn schon keinem, dann versuch doch wenigstens deinem Mann zu gefallen, das ist dann wenigstens einer und nicht keiner!"

Mein lieber Herr, bei einer solchen Antwort würde die Ehefrau ihren Mann fast mitleidig anschauen, und dann würde sie verächtlich mit den Achseln zucken, als wollte sie sagen: "Was hast denn du damit zu schaffen?"

Und sie hätte recht. Die Frauen können nicht darauf verzichten: instinktiv wollen sie gefallen. Für sie ist es einfach eine Notwendigkeit, begehrt zu werden.

Nun, das werden Sie verstehen, eine Ehemann kann seine Ehefrau, die er Tag und Nacht um sich hat, nicht mehr begehren. Ich meine: Er kann sie nicht so begehren, wie sie begehrt werden möchte.

Denn so wie die Ehefrau im Ehemann nicht mehr den Mann sieht, so sieht auch der Ehemann in der Ehefrau nach einer gewissen Zeit nicht mehr die Frau.

Der Mann, der von Natur aus eher zum Philosophieren neigt, geht darüber hinweg; die Frau hingegen ist darüber gekränkt. Und deshalb wird ihr der Ehemann bald lästig und oft geradezu unerträglich.

Sie muß für das eigene Wohlergehen Sorge tragen, der Ehemann nicht.

Aber was immer er auch täte, glauben Sie mir, nichts wäre ihr je recht, denn die Liebe, diese besondere Liebe, die sie braucht, kann ihr der Ehemann, einfach weil er ihr Ehemann ist, nicht mehr geben. Mehr als Liebe ist es eine gewisse Aura von Bewunderung, von der sie umgeben sein will. Aber jetzt versuchen Sie sie einmal zu bewundern, wenn sie im Haus mit Lockenwicklern, ohne Mieder, in Pantoffeln und, sagen wir, heute mit Bauchweh und morgen mit Zahnweh herumläuft. Diese gewisse Aura kann aus den Blicken der Männer entstehen, die nicht wissen, und deren Aufmerksamkeit sie, ohne daß es schien, mit besonders raffinierter List, auf sich zu ziehen und festzuhalten verstanden hat, um sich an ihnen in wunderbarer Weise zu berauschen. Wenn sie eine anständige Ehefrau ist, wird ihr das genügen. Ich spreche jetzt von den anständigen Ehefrauen, verstehen wir uns recht, ja geradezu von den makellosen Ehefrauen. Von den anderen zahlt sich's gar nicht mehr aus zu sprechen.

Erlauben Sie mir noch eine weitere kleine Überlegung. Wir Männer haben die Angewohnheit zu sagen, die Frau wäre ein unbegreifliches Wesen. Mein lieber Herr, die Frau ist ganz im Gegenteil genauso wie wir, aber sie kann es weder zeigen noch aussprechen, denn sie weiß vor allen Dingen, daß es ihr die Gesellschaft nicht gestattet und ihr als Schuld anrechnen würde, was sie dagegen beim Mann ganz natürlich findet. Und deshalb weiß sie, daß es den Männern keine Freude machen würde, würde sie es zeigen und aussprechen. Damit haben wir das Rätsel erklärt. Wer wie ich das Pech gehabt hat, an eine Frau zu geraten, die sich kein Blatt vor den Mund nimmt, der weiß das sehr gut.

Und jetzt wollen wir noch einen Schluck trinken. Nur Mut!

Am Beginn war sie nicht so, die Carlotta. Sie wurde erst nach der Hochzeit so, das heißt, sobald sie sich wohl etabliert fühlte und bemerkte, daß ich natürlich begann, in ihr nicht nur das Vergnügen, sondern auch dieses überaus häßliche Ding zu sehen, das wir Pflicht nennen.

Ich hatte sie zu achten, nicht wahr? Sie war schließlich meine Frau. Nun, vielleicht wollte sie nicht geachtet werden. Wer weiß weshalb, es ging ihr jedenfalls schrecklich auf die Nerven, mich von einem Tag auf den anderen zum exemplarischen Ehemann werden zu sehen.

Für uns beide begann eine wahre Hölle. Sie ständig brummend, widerborstig, ruhelos, ich dagegen geduldig, ein wenig aus Angst, ein wenig aus dem Bewußtsein heraus, die schlimmste aller Eseleien begangen zu haben und die Folgen derselben zu beklagen zu müssen. Ich lief ihr nach wie ein Schoßhündchen. Und damit machte ich es noch schlimmer! So sehr ich mir auch den Kopf zermarterte, es gelang mir nicht zu erraten, was zum Teufel meine Frau wollte. Aber ich hätte den sehen wollen, der es zu erraten vermochte! Wissen Sie, was sie wollte? Sie wäre gerne als Mann auf die Welt gekommen, meine Frau! Und sie ließ ihre Wut darüber an mir aus, daß sie stattdessen als Frau geboren war. "Als Mann", sagte sie, "und meinetwegen einäugig!"

Eines Tages fragte ich sie: "Na, laß mal hören, was wäre aus dir geworden, wenn du als Mann auf die Welt gekommen wärst?"

Und sie antwortete, während sie die Augen weit aufriß: "Ein Verbrecher!"

"Bravo!"

"Und Ehefrau, nichts da, weißt du? Ich hätte nie eine Frau genommen."

"Danke, Liebe."

"Ach, da kannst du ganz sicher sein!"

"Und du hättest dich bloß amüsiert? Glaubst du denn, daß man sich mit den Frauen einfach bloß amüsieren darf?"

Meine Frau sah mir ganz tief in die Augen: "Mich fragst du das?" sagte sie dann. "Weißt du das denn nicht? Ich hätte auch deshalb nicht geheiratet, um nicht aus einer armen Frau eine Gefangene zu machen."

"Ach", rief ich. "Fühlst du dich vielleicht als Gefangene?"

Und sie: "Ob ich mich als Gefangene fühle? Ja, was bin ich denn? Was bin ich denn immer schon gewesen, seit ich lebe? Ich kenne ja nur dich. Wann habe ich je mein Vergnügen gehabt?"

"Hättest du gerne andere gekannt?"

"Na sicher! Genauso wie du, der du so viele vorher und wer weiß wie viele nachher gekannt hast!"

Mein lieber Herr, merken Sie sich also das eine sehr gut: eine Frau empfindet genauso wie wir Begierde. Sie sehen zum Beispiel eine schöne Frau, folgen ihr mit Ihren Blicken, stellen sie sich in ihrer ganzen Schönheit vor und umarmen sie in Gedanken, natürlich ohne Ihrer Frau etwas davon zu sagen, die neben Ihnen geht? Nun, in der Zwischenzeit sieht Ihre Frau einen schönen Mann, folgt ihm mit ihren Blicken, stellt ihn sich in seiner ganzen Schönheit vor und umarmt ihn in Gedanken, natürlich ohne Ihnen etwas davon zu sagen.

Da ist gar nichts Außergewöhnliches dabei; aber glauben Sie mir, es ist gar nicht angenehm, zu bedenken, daß diese leicht einsehbare und allgemein verbreitete Tatsache auch auf die eigene Frau zutrifft, die mit ihrem Körper, nicht aber mit der Seele Ihre Gefangene ist. Und erst der Körper! Sagen Sie selbst: Haben wir Männer nicht das Gefühl, daß wir bei gegebener Gelegenheit nicht widerstehen könnten? Nun, denken Sie einmal, daß dasselbe auch auf die Frau zutrifft. Sie fallen, sie fallen um, daß es eine Freude ist, mit derselben Leichtigkeit, wenn es ihnen geschieht, wenn sich also ein entschlossener Mann findet, zu dem sie Ver­trauen haben können. Das hat mir meine Frau deutlich zu verstehen gegeben, natürlich indem sie von den anderen Frauen sprach.

Und damit komme ich zu meinem Fall. 

Natürlich wurde ich nach einem Jahr Ehe leberleidend.

Sechs Jahre hindurch sinnlose Behandlungen, die meinen armen Körper zerstörten, bis er sich in einem so erbarmungswürdigen Zustand befand, daß sogar die Leute, die an derselben Krankheit litten, ihn bemitleideten.

Das Heilmittel sollte ich hier finden.

Ich kam mit meiner Frau hierher, und in den ersten Tagen wohnte ich im Rori, so wie Sie jetzt. Ich bestellte mir gleich nach der Ankunft einen Arzt, der mich untersuchen und verordnen sollte, wie viele Gläser am Tag ich zu trinken hätte, und ob ich eher Duschen oder Bäder mit Schwefelwasser nehmen sollte.

Es erschien ein hübscher junger Mann, braunhaarig, groß und kräftig, mit zackigem Auftreten, ganz in Schwarz gekleidet. Wenig später erfuhr ich, daß er tatsächlich Militärarzt gewesen war, genauer Oberleutnant-Arzt; daß er in Rovigo ein Verhältnis mit der Tochter eines Druckers gehabt hatte; daß sie ihm eine Tochter geboren hatte, und daß er, nun zur Heirat gezwungen, den Dienst quittiert hatte und als Gemeindearzt hierher gezogen war. Acht Monate nach diesem großen Opfer waren ihm, eine nach der anderen, Frau und Tochter gestorben. Nun waren schon an die drei Jahre seit diesem doppelten Unglück verstrichen, aber er kleidete sich immer noch in Schwarz wie ein wunderschöner Rabe.

Natürlich hatte er ungeheuren Erfolg mit dieser Geschichte, daß er seine Militärkarriere aus Liebe geopfert habe und vom Schicksal so schlecht dafür belohnt worden sei; mit diesen beiden schrecklichen Unglücksfällen, deren Spuren noch immer in diesem Gesicht eingegraben waren, und mit seiner stolzen Haltung, als wäre er Karl der Große persönlich. Alle Frauen, hätte man sie gelassen, hätten es am liebsten selbst übernommen, den armen Mann zu trösten. Er wußte das und zeigte sich abweisend.

Er kam also zu mir, untersuchte mich sehr gründlich, klopfte mich überall ab, dann wiederholte er mehr oder minder das, was mir schon so viele andere Ärzte gesagt hatten, und zuletzt verschrieb er mir die Kur: drei halbe Gläser, diese halbgroßen, in den ersten Tagen, danach drei ganze, und immer einen Tag ein Bad, einen Tag eine Dusche. Er war schon im Gehen, als er so tat, als bemerke er jetzt erst die Anwesenheit meiner Frau.

 

"Die gnädige Frau auch?", fragte er und betrachtete sie kühl.

"Nein, nein", wehrte meine Frau sofort, indem die das Gesicht in die Länge und die Augenbrauen bis zum Haaransatz hinauf zog.

"Trotzdem, gestatten Sie?", erwiderte er.

Er trat zu ihr hin, hob ihr behutsam das Kinn mit einer Hand in die Höhe und strich ihr mit dem Zeigefinger der anderen über das Augenlid, fast ohne sie zu berühren.

"Ein bißchen anämisch", sagte er.

Meine Frau sah mich an, totenbleich, als hätte diese leichthin ausgesprochene Diagnose sie auf der Stelle tatsächlich anämisch gemacht. Und mit einem nervösen kleinen Lachen auf den Lippen zuckte sie die Achseln und sagte: "Aber ich spüre doch gar nichts..."

Der Arzt verbeugte sich mit großem Ernst: "Umso besser."

Und er verließ würdevoll das Zimmer. 

Ob es nun das Wasser war, oder das Bad, oder die Dusche, oder vielmehr, wie ich glaube, die gute Luft hier und der herrliche Blick auf die toskanische Landschaft, jedenfalls fühlte ich mich sofort besser, und zwar so sehr, daß ich beschloß, einen Monat oder auch zwei zu bleiben. Um mehr Freiheit zu genießen, mietete ich eine kleine Wohnung in der Nähe der Pension, ein bißchen weiter unten, bei Coli, mit einem kleinen Balkon, von dem aus man das ganze Tal mit den zwei Seen von Chiusi und von Montepulciano überblickt.

Aber - ich weiß nicht, ob Sie das schon geahnt haben - nun begann meine Frau sich krank zu fühlen.

Sie sprach nicht von Anämie, weil der Doktor davon gesprochen hatte; sie sagte, sie fühle eine gewisse Müdigkeit am Herzen und so etwas wie ein Gewicht auf der Brust, das sie am Atmen hinderte.

Und daraufhin sagte ich, mit dem unschuldigsten Ausdruck, dessen ich fähig war: "Willst du dich nicht auch untersuchen lassen, Liebe?"

Sie wehrte sich wütend dagegen, wie ich es erwartet hatte, und lehnte meinen Vorschlag ab.

Natürlich verschlimmerte sich ihre Krankheit von Tag zu Tag, je mehr sie sich in ihrer Ablehnung versteifte. Ich blieb hart und sprach zu ihr nicht mehr davon. Bis sie selbst eines Tages nicht mehr konnte und mir sagte, sie wolle sich untersuchen lassen, aber nicht von diesem Arzt, nein, ganz entschieden nein; von dem anderen Gemeindearzt wollte sie untersucht werden (damals gab es hier zwei), von Doktor Berri, einem mürrischen, asthmatischen alten Mann, fast blind, schon halb im Ruhestand - nun ist er ganz im Ruhestand -, nicht mehr von dieser Welt.

"Ach hör doch auf!", rief ich. "Wer ruft denn noch den Doktor Berri? Und dann wäre es eine unverdiente Taktlosigkeit gegenüber dem Doktor Loero, der sich immer so um uns bemüht hat und immer so höflich gewesen ist!"

Tatsächlich kam Doktor Loero jeden Tag, wenn er mich mit meiner Frau hier bei den Thermen aus dem Wagen steigen sah, herbei, in dieser stolzen und kummervollen Haltung; er gratulierte mir zu der raschen Besserung, begleitete mich zu dem Brunnen und dann auf und ab über diese Parkwege,wobei er es nicht an den pflichtschuldigen Aufmerksamkeiten meiner Frau gegenüber fehlen ließ, wenngleich er sich in den ersten Tagen wenig um sie kümmerte, die natürlich im Stillen darüber vor Wut platzte.

Seit einer Woche hatten sie jedoch begonnen, miteinander über die ewige Frage der Männer und der Frauen zu streiten, über den anmaßenden Mann und die Frau, die stets das Opfer ist, über die ungerechte Gesellschaft und so weiter und so fort.

Glauben Sie mir, mein Herr, ich kann dieses Geschwätz schon nicht mehr hören. In sieben Jahren Ehe ist zwischen meiner Frau und mir über nichts anderes gesprochen worden.

Ich muß Ihnen jedoch gestehen, daß ich in dieser Woche innerlich frohlockte, als ich Doktor Loero genau dieselben Argumente vortragen hörte wie ich es zu tun pflegte, und das mit dem Salz und Pfeffer der wissenschaftlichen Autorität. Mich pflegte meine Frau mit Beschimpfungen zu überschütten. Bei dem Doktor Loero mußte sie dagegen die Bremse des Anstands betätigen; aber die Galle, die sie nicht ausspucken konnte, die schmierte sie doch fein säuberlich auf ihre Worte.

Ich hoffte, daß ihr so ihre Herzkrankheit vergehen würde. Aber woher denn! Wie ich Ihnen sagte: sie wurde von Tag zu Tag schlimmer. Und jetzt sehen Sie einmal, was für eine miese Rolle man bisweilen als Ehemann zu spielen hat. Ich wußte sehr gut, daß sie von Doktor Loero untersucht werden wollte, und daß die Abneigung die dieser ihr einflößte, ganz und gar Komödie war, und auch das Verlangen, von dem senilen, asthmatischen Alten untersucht zu werden, eine Komödie wie die ganze Herzkrankheit. Und doch mußte ich so tun, als würde ich ganz ernsthaft an alle drei Dinge glauben und ein ganzes Hemd durchschwitzen, um sie zu dem zu überreden, was sie sich im Grunde ihres Herzens wünschte.

Mein lieber Herr, als meine Frau sich - natürlich ohne Korsett - auf dem Bett ausstreckte und er, der Doktor, ihr in die Augen sah, als er sich herunterbeugte, um das Ohr auf ihre Brust zu legen, da sah ich, wie sie beinahe ohnmächtig wurde, beinahe zusammenbrach; ich sah in ihren Augen und auf ihrem Gesicht eine solche Erregung... ein solches Zittern, daß... Sie verstehen mich: ich wußte, woran ich war und konnte nicht fehlgehen.

Das mochte reichen, nicht wahr? Eine Ehefrau bleibt ganz und gar ehrbar, untadelig, rein, nach einer Visite wie dieser; eine ärztliche Untersuchung, da kann man gar nichts sagen, im Beisein ihres Mannes noch dazu. Na also! Wozu, frage ich, hätte ich mir dann ins Gesicht sagen sollen, was ich im Grunde meines Herzens längst wußte, was ich mit eigenen Augen gesehen und fast mit den Händen gegriffen hatte?

Los, los. Nur Mut. Trinken wir wieder. Trinken wir.

Eines Abends stand ich auf dem Balkon und betrachtete das wunderbare Schauspiel des breiten Tales im Mondlicht.

Meine Frau war schon zu Bett gegangen.

Sie sehen mich jetzt so wohlbeleibt und glauben vielleicht, mich könnte ein Naturschauspiel nicht rühren. Aber glauben Sie mir, ich habe eine zerbrechliche, kleine und zarte Seele. Ein Seelchen mit blonden Haaren habe ich, mit einem ganz süßen Gesichtlein, durchscheinend und zugespitzt, mit himmelblauen Augen dazu. Mit einem Wort, ein Seelchen, das wie eine kleine Engländerin aussieht, wenn es sich in der Stille, in der Einsamkeit, aus den Fenstern dieser häßlichen Ochsenaugen in meinem Gesicht lehnt, und das sich vom Anblick des Mondes und dem Zirpen der unzähligen Grillen ringsumher unsäglich rühren läßt.

Wie die Menschen untertags in den Städten, so geben die Grillen des Nachts auf dem Lande keine Ruhe. Ein schöner Beruf muß das sein, der einer Grille!

"Was tust du?"

"Ich singe."

"Und weshalb singst du?"

Das weiß ja nicht einmal die Grille selbst. Und alle Sterne beben auf dem Firmament. Sie schauen sie an. Muß auch ein schöner Beruf sein, der eines Sterns! Was machen die schon da oben? Nichts. Auch sie schauen ins Leere und es sieht so aus, als würde ihnen darob ununterbrochen ein Schauder über die Haut laufen. Wenn Sie wüßten, wie mir da die Eule gefällt, die inmitten all dieser Süße plötzlich in der Ferne ängstlich zu schluchzen beginnt. Sie weint vor so viel Süße.

Genug. Ich betrachtete also voller Bewegung, wie ich Ihnen eben sagte, dieses Schauspiel, aber ich fühlte auch schon ein wenig die abendliche Kühle (es war elf Uhr vorbei) und war eben im Begriff, mich zurückzuziehen, als ich es laut und insistent am Eingangstor klopfen hörte. Wer konnte das sein, um diese Zeit?

Es war Doktor Loero.

In einem Zustand, mein Herr, daß sogar ein Stein mit ihm Mitleid hätte haben müssen.

Stockbesoffen.

Es waren nämlich aus Florenz, aus Perugia und aus Rom fünf oder sechs Ärzte der Wasserkur wegen in den Ort gekommen, und er hatte es für angezeigt gehalten, gemeinsam mit dem Apotheker ein Abendessen für die Kollegen zu geben, im Grünen-Kreuz-Krankenhaus hinter der Kollegienkirche, ganz in der Nähe von Rori.

Na, da ging's lustig zu, wie Sie sich vorstellen können, ein Abendessen im Spital! Und von Wasserkur war natürlich nicht die Rede! Sie hatten sich allesamt besoffen wie... na, sagen wir nicht wie die Schweine, weil die armen Schweine gerade diese Gewohnheit nun tatsächlich nicht haben.

Was war ihm da in seiner Weinseligkeit nur für eine Idee gekommen, mich aufzusuchen und zu stören, der ich in dieser Nacht, wie ich Ihnen eben sagte, ganz Mondschein war?

Er schwankte und ich mußte ihn bis zum Balkon stützen. Dort umarmte er mich ganz fest und sagte, daß er mich sehr gern habe, wie einen Bruder, und daß er den ganzen Abend hindurch mit seinen Kollegen von mir gesprochen habe, von meiner kaputten Leber und meinem kaputten Magen, die ihm am Herzen lägen, so sehr am Herzen, daß er, als er an meiner Türe vorüberkam, es nicht habe verabsäumen wollen, mir einen kleinen Besuch abzustatten, weil er fürchte, am Tag darauf nicht bei den Thermen erscheinen zu können, weil - das hätte man nicht geglaubt, hm? - weil er nämlich tatsächlich ein bißchen was getrunken hatte. Natürlich dankte ich ihm von Herzen, was meinen Sie denn, und mahnte ihn, er solle doch nach Hause gehen, es wäre schon spät... Nichts! Er wollte einen Stuhl, um sich auf den Balkon zu setzen und begann mir von meiner Frau zu sprechen, die ihm gar so gut gefiele, ich solle sie doch aufwecken gehen, damit sie ihm ein wenig Gesellschaft leiste, die Signora Carlottina, ach, die würde schon mitmachen! Und wie! Und wie! Eine hübsche, scheue Stute, die ausschlug, aber aus Liebe, um sich Liebkosungen zu holen... Und in dieser Tonart ging es weiter, während er immer wieder grinste und mit den Augen, die ihm von selbst zufielen, versuchte, so ein gewisses überlegenes Zwinkern zustandezubringen.

Sagen Sie mir selbst: Was sollte ich mit ihm tun, in diesem Zustand? Einen Betrunkenen, der nicht mehr stehen konnte, ohrfeigen? Meine Frau, die aufgewacht war, schrie mir drei oder viermal aus dem Schlafzimmer heraus wütend zu, ich solle das tun. Auch mir zuckte es geradezu in den Händen, ihn zu ohrfeigen. Aber wer weiß, wie dieser arme junge Mann, der in seiner Weinseligkeit jeden Sinn für soziale Umgangsformen und Erziehung verloren hatte und mir fröhlich die Wahrheit ins Gesicht schrie, auf eine Ohrfeige reagiert hätte. Ich packte ihn und zog ihn aus dem Stuhl hoch: ein wenig schütteln mußte ich ihn schon, aber er war drauf und dran, hinzufallen, und ich mußte mich bis zur Türe seines Zustandes erbarmen. Dort... ja, dort gab ich ihm dann einen kleinen Stoß, der ihn die Straße hinunterkollern ließ.

Als ich ins Schlafzimmer kam, fand ich meine Frau mit zu Berge stehenden Haaren, geradezu wie von Sinnen, vor. Sie war aufgestanden. Sie fiel mit den gräßlichsten Verwünschungen über mich her. Sie sagte, wäre ich ein anderer Mann gewesen, dann hätte ich auf diesem Verbrecher herumtrampeln und ihn vom Balkon hinunterstürzen müssen; ich aber sei nur ein papierener Wicht, der kein Blut in den Adern habe, der nicht einmal rot würde dabei, wenn er die Ehre seiner Frau nicht zu verteidigen vermochte, im Gegenteil, durchaus fähig zu katzbuckeln vor dem ersten, besten Dahergelaufenen, der...

Ich ließ sie nicht aussprechen. Ich hob eine Hand auf; ich schrie sie an, sie solle lieber achtgeben, die Ohrfeige, die ich dem Mann hätte geben müssen, wäre er nicht betrunken gewesen, die bekäme sie, wenn sie nicht gleich den Mund hielte. Natürlich hielt sie nicht den Mund, was glauben Sie! Von der Wut ging sie zum Hohn über. Ja, freilich sei es leicht für mich, bei ihr den starken Mann zu spielen, eine Frau zu ohrfeigen, nachdem ich einen, der mich in meinem eigenen Haus beleidigen gekommen war, freundlich empfangen und mit den gebührenden Ehrbezeugungen bis zur Türe begleitet hatte. Aber warum hatte ich sie denn eigentlich nicht gleich geweckt? Mehr noch, warum hatte ich den Mann denn nicht zu ihr ins Schlafzimmer geführt und ihn freundlich gebeten, sich zu ihr zu legen?

"Du wirst ihn fordern!" schrie sie schließlich außer sich. "Morgen wirst du ihn fordern, und wehe dir, wenn du es nicht tust!"

Wenn man sich gewisse Dinge von einer Frau sagen lassen muß, dann bäumt sich jeder Mann auf. Ich hatte mich bereits ausgekleidet und zu Bett gelegt. Ich sagte ihr, sie sollte endlich aufhören und mich in Ruhe schlafen lassen. Ich würde niemanden fordern, schon deshalb nicht, um ihr nicht diese Freude zu machen.

Aber in der Nacht dachte ich im Stillen lange darüber nach. Ich verstand und ich verstehe bis heute nichts von Ehrensachen: ob zum Beispiel ein Ehrenmann die Beleidigung und Provokation von einem Betrunkenen, der nicht weiß, was er redet, tatsächlich aufgreifen muß. Am nächsten Morgen wollte ich schon darüber den Rat eines Majors im Ruhestand einholen, den ich bei den Thermen kennengelernt hatte, als derselbe Major in Begleitung eines anderen Herren aus dem Ort im Namen Doktor Loeros von mir Satisfaktion verlangte. Tatsächlich! Wegen der Form, in der ich ihn gestern abend vor die Tür gesetzt hatte. Es schien, als habe er sich bei meinem kleinen Stoß und dem darauffolgenden Fall die Nase aufgeschürft.

"Aber er war doch betrunken!", schrie ich diesen Herren ins Gesicht.

Na, umso ärger. Dann hätte ich doch besonders vorsichtig sein müssen. Ich, verstehen Sie? Und dabei war es geradezu ein Wunder, daß meine Frau mich nicht dafür aufgefressen hat, daß ich ihn nicht vom Balkon geworfen hatte!

Genug. Ich will sehen, daß ich rasch zu einem Ende komme. Ich nahm die Forderung an. Aber meine Frau lachte mir höhnisch ins Gesicht und begann auf der Stelle ihre Sachen zu packen. Sie wollte sofort abreisen; abreisen, ohne den Ausgang des Duells abzuwarten, obwohl sie wußte, daß dafür die allerschwersten Bedingungen vereinbart worden waren.

Da ich mich nun schon einmal aufs Eis gewagt hatte, wollte ich tanzen. Er diktierte mir die Bedingungen: auf Pistolen. Sehr gut! Aber dann verlangte ich dafür, daß auf fünfzehn Schritt Entfernung geschossen würde. Und ich schrieb einen Brief, am Vorabend des Duells: jedesmal, wenn ich den heute wieder lese, sterbe ich vor Lachen . Sie können sich nicht vorstellen, was für Blödheiten einem armen Menschen in einer solchen Lage durch den Kopf gehen.

Ich hatte nie mit Waffen zu tun gehabt. Ich schwöre Ihnen, ich schloß instinktiv die Augen, als ich schoß. Das Duell fand oben in dem Buchenwäldchen statt. Die ersten beiden Schüsse gingen ins Leere; es war beim dritten... nein, der dritte ging auch daneben, es war beim vierten. Beim vierten Schuß also - sehen Sie mal, was der für einen harten Schädel hatte, der Doktor! - da sah die Kugel für mich hin und traf ihn genau in die Stirn, aber sie verletzte den Knochen nicht, sie fuhr unter der Kopfhaut hindurch und beim Nacken wieder heraus.

Im ersten Augenblick schien er tot zu sein. Wir liefen alle hinzu, auch ich, aber einer der Sekundanten riet mir, mich zu entfernen, den Wagen zu nehmen und über die Straße nach Chiusi zu fliehen.

Ich floh.

Am Tag danach erfuhr ich, wie es wirklich um ihn stand; und noch etwas anderes erfuhr ich, was mich zugleich mit ungeheurer Freude und mit Kummer erfüllte: Freude um meinetwillen, Kummer um meines Gegners willen, der sich nach einer Kugel im Kopf, wirklich nicht auch noch das verdient hatte, der arme Kerl.

Als er nämlich im Grünen-Kreuz-Krankenhaus wieder die Augen aufschlug, sah Doktor Loero ein wunderschönes Schauspiel vor sich: meine Frau, die an sein Bett geeilt war, um ihn zu pflegen!

Von der Verwundung war er in zwei Wochen wieder geheilt; von meiner Frau, lieber Herr, ist er bis heute nicht geheilt.

Gehen wir uns jetzt unser zweites Glas holen?

 

 * * *

© Michael Rössner.

LUIGI PIRANDELLO 1867 - 1936 - Novellen

Cinci - (Cinci - 1934)

Italienische Version

 

aus dem Italienischen von Michael Rössner

 

Ein Hund vor einer geschlossenen Tür, der kauert sich geduldig auf den Boden und wartet, daß man ihm aufmacht; allerhöchstens hebt er dann und wann die Pfote und kratzt ein bißchen daran, wobei er ein unterdrücktes Winseln hören läßt.

Als Hund, das weiß er, kann er nicht mehr tun.

Als Cinci vom Nachmittagsunterricht nach Hause kommt, das Bündel aus Büchern und Heften mit dem Lederriemen darum unter den Arm geklemmt, findet er den Hund dort vor der Tür, und versetzt ihm, weil ihm dieses geduldige Warten auf die Nerven geht, einen ordentlichen Fußtritt; und Fußtritte bekommt auch die Türe ab, obwohl er doch weiß, daß sie versperrt ist und daß niemand zu Hause ist; am Schluß nimmt er das, was ihn am meisten beschwert, dieses Bücherbündel, und schleudert es wütend, um sich davon zu befreien, gegen die Tür, als ob es durch das Holz dringen und im Haus landen könnte. Die Tür hingegen schleudert ihm das ganze mit derselben Kraft wieder gegen die Brust zurück. Cinci ist überrascht, als wäre das ein schönes Spiel, zu dem die Tür ihn aufgefordert hat, und er wirft das Bündel noch einmal. Und dann, weil sie nun schon zu dritt sind bei diesem Spiel, Cinci, das Bündel, und die Tür, will der Hund auch mitmachen, und fährt bei jedem Wurf und jedem Zurückprallen bellend in die Höhe. Der eine oder andere Vorübergehende bleibt stehen und schaut hinüber; der eine lächelt, fast ein wenig beschämt über die Blödheit dieses Spiels und des Hundes, der sich darüber freut; der andere entrüstet sich wegen der armen Bücher; die kosten schließlich Geld; es sollte nicht erlaubt sein, sie so verächtlich zu behandeln. Schließlich macht Cinci dem Schauspiel ein Ende. Das Bücherbündel auf die Erde, und Cinci, mit dem Rücken die Mauer entlangfahrend, will sich darauf niederlassen; das Bündel freilich rutscht ihm unter dem Gesäß weg und er kommt unsanft auf die Erde zu sitzen; er grinst verlegen und schaut sich um, während der Hund zurückfährt und ihn ansieht.

 

Fast könnte man alle Teufeleien, die Cinci durch den Kopf gehen, schon an diesen zerrauften Haarbüscheln seiner strohigen Haare und an den blitzenden grünen Augen ablesen, in denen sie förmlich zu brodeln scheinen. Er ist in dem unglückseligen Alter des Wachstums, kratzbürstig und bleich. Als er an diesem Nachmittag wieder in die Schule ging, hat er das Taschentuch zu Hause vergessen, deshalb bläst er nun von Zeit zu Zeit durch die Nase aus, während er dort auf der Erde sitzt. Die riesigen Knie der langen, nackten Beine ‑ denn obwohl er das eigentlich nicht mehr tun sollte, trägt er immer noch kurze Hosen ‑ stoßen ihm fast gegen das Kinn. Wenn er geht, setzt er die Füße schief auf, und seine Schuhe halten nie lange; die, die er jetzt anhat, sind schon ganz zerschlissen. Nun hat er’s satt, er umklammert seine Beine, prustet und zieht sich mit dem Rücken an der Mauer hoch. Auch den Hund nimmt er mit, es sieht so aus, als frage er ihn, wohin sie jetzt gehen sollen? Wohin? Aufs Land hinaus, um eine Jause zu essen, indem sie da oder dort eine Feige oder einen Apfel stibitzen. Das ist nur so eine Idee; er ist sich noch nicht ganz sicher, ob er es wirklich tun soll.

Das Straßenpflaster hört hier auf, unmittelbar nach dem Haus; dann beginnt die Sandstraße des Vororts, die bis weit in das offene Land hineinführt. Wer weiß wie angenehm das sein muß, wenn man in der Kutsche fährt und die Hufeisen der Pferde und die Wagenräder von dem harten, lärmenden Pflaster auf die weiche, leise Sandstraße gelangen. Das muß wohl ganz ähnlich sein, wie wenn der Professor, nachdem er ihn so heftig ausgezankt hat, weil er ihn geärgert hat, plötzlich mit sanfter Güte, gemischt mit resignierender Melancholie, zu ihm spricht, und ihm das um so mehr wohl tut, als es ihn von der befürchteten Strafe entfernt. Ja, aufs Land hinauslaufen; hinaus aus der Enge der letzten Häuser dieses muffigen Vororts, bis dort unten hin, wo sich die Straße am Ausgang des Ortes zu einem Platz verbreitert. Nun steht dort das neue Spital, und dessen frisch gekalkte Wände sind noch so weiß, daß man in der Sonne die Augen schließen muß, so sehr blenden sie. Neulich erst haben sie dort alle Kranken hintransportiert, die vorher im alten Spital gelegen hatten, mit Ambulanzwagen und auf Bahren; es sah aus wie ein Fest, als die alle so in einer langen Reihe dahinzogen, die Amblanzen voran, mit den wehenden Vorhängen an den Fenstern; und für die schwerer Kranken, diese schönen auf Federlagern wie Spinnen auf ihrem Netz schwingenden Bahren. Aber jetzt ist es schon spät; die Sonne wird bald untergehen, und die Rekonvaleszenten werden nicht mehr da und dort an den Fenstern lehnen, in ihren grauen Hemden und den weißen Käppchen, um traurig das alte Kirchlein gegenüber anzusehen, das zwischen den paar Häusern dort, die auch schon alt sind, hervorragt, zusammen mit dem einen oder anderen Baum. Hinter dem kleinen Platz schließlich wird aus der Straße eine reine Landstraße, die den Hügel hinaufklettert.

Cinci bleibt stehen; er bläst wieder hörbar die Luft aus. Soll er denn wirklich dorthin gehen? Er macht sich wieder auf den Weg, die Lust ist ihm vergangen, denn er fühlt, wie in seinen Eingeweiden all das Böse brodelt, das ihm aus vielen Dingen zuwächst, die er sich nicht erklären kann: seine Mutter, wie sie lebt, wovon sie lebt, nie zu Hause, und dabei versteft sie sich darauf, ihn immer noch n die Schule zu schicken; verdammte Schule, so weit weg; jeden Tag, selbst wenn er nur so dahinfliegt, braucht er wenigstens drei Viertelstunden von da unten, wo er wohnt, um dorthin zu gelangen; und dann zu Mittag wieder nach Hause; und dann wieder in die Schule, kaum daß er zwei Bissen heruntergewürgt hat; wie soll er nur rechtzeitig kommen? Und seine Mutter sagt, er verliere seine Zeit beim Spielen mit dem Hund, und er sei ein Taugenichts, und kurz und gut, sie wirft ihm immer dieselben Dinge vor: er lernt nicht, er ist schmutzig, wenn sie ihn Einkaufen schickt, hängen ihm die Händler die schlechteste Ware an...

Wo ist denn Fox?

Ach da: er trottet ihm hinterdrein, das arme Vieh. Na, der weiß wenigstens, was er tun muß: seinem Herrn folgen. Etwas tun: genau das ist der Grund seiner Unruge: daß er nicht weiß was. Sie könnte ihn ihm ja wirklich auch geben, seine Mutter, den Hausschlüssel, wenn sie tagsüber zum Nähen, wie sie ihm zu verstehen gibt, in die Häuser der Herrschaften geht. Aber nein, sie sagt, sie habe kein Vertrauen, und wenn sie noch nicht da ist, wenn er von der Schule kommt, dann könne es nicht mehr lange dauern und er solle ruhig warten. Wo? Dort, still vor der Tür? Manchmal hat er sogar zwei Stunden dort gewartet, in der Kälte, und auch im Regen; und dann ist er, anstatt ich unterzustellen, justament zu der Ecke gelaufen, um die ganze Dusche aus der Regenrinne auf den Kopf zu bekommen, damit sie ihn zum Auswringen naß vorfinden sollte. Endlich sieht er sie kommen, keuchend mit einen geliehenen Schirm, glühendem Gesicht, die glänzenden Augen wichen ihm aus, und sie war so nervös, daß sie nicht einmal den Schlüssel in der Tasche fand.

„Bist du naß geworden? Nimm’s nicht tragisch, ich bin aufgehalten worden.“

 

Cinci runzelt die Brauen. An gewisse Dinge will er nicht denken. Aber seinen Vater, den hat er nie gekannt. Man hat ihm gesagt, er wäre gestorben, noch ehe er zur Welt kam; aber wer er gewesen ist, das hat man ihm nicht gesagt; und jetzt will er nicht mehr danach fragen, und er will es auch gar nicht mehr wissen. Es kann ja auch dieser Invalide sein, der sich auf einer Seite hinkend dahinschleppt ‑ ja, bravo, natürlich in die nächste Schenke. Fox baut sich vor ihm auf und verbellt ihn. Wahrscheinlich ist es die Krücke, die ihm solchen Eindruck macht. Und da sind all diese Frauen, die in einem Haufen beeinanderstehen, mit ihren großen Bäuchen, ohne daß sie doch schwanger wären; na, eine vielleicht schon; die, deren Kleidersaum sich vorne eine Handbreit über den Boden hebt und hinten die Straße fegt; und diese andere, die mit dem Kind im Arm, das sie eben von der Brust abnimmt... ach, pffff, was für eine schlaffe Haut! Seine Mamma ist schön, und noch immer so jung, ihm hat sie als Kind auch Milch gegeben, so aus der Brust, vielleicht in einem Haus auf dem Land, in einer Scheune, im Sonnenschein. Er hat eine vage Erinnerung an ein Haus auf dem Land, Cinci; in dem hat er vielleicht, wenn er es nicht geträumt hat, in seiner Kindheit gewohnt, oder vielleicht hat er es damals gesehen, wer weiß wo. Jetzt freilich, wenn er sie so aus der Ferne betrachtet, die Häuser auf dem Land, dann fühlt er die Traurigkeit, die sich dort ausbreiten muß, wenn es Abend wird, mit den Petroleumlampen, die man dann anzündet, solche Lampen, wie man sie von einem Zimmer ins andere trägt, und wie man sie von draußen durch ein Fenster verschwinden und im anderen wieder auftauchen sieht.

Jetzt ist er auf dem Platz angekommen. Nun sieht man die ganze Ausdehnung des Himmels vor sich, auf dem das Rot des Sonnenuntergangs nun schon einem gedämpften Farbton gewichen ist, und über dem schwarz erscheinenden Hügel das zarte Hellblau. Auf der Erde liegt schon der Schatten des Abends, und der die große weiße Mauer des Spitals hat sich ein wenig bläulich verfärbt. Irgendein altes Weiblein läuft verspätet zum Vespergebet in die Kirche. Plötzlich bekommt Cinci auch Lust hineinzugehen, und Fox bleibt stehen und seht ihn an, denn er weiß sehr gut, daß er da nicht hineindarf. Vor dem Eingang keucht die verspätete Alte und müht sich mit dem ledernen Türvorhang ab, der für sie viel zu schwer ist. Cinci hilft ihr ihn aufzuheben, aber sie sieht ihn nur böse an, statt ihm zu danken, denn sie errät, daß er nicht aus Frömmigkeit in die Kirche geht. Das Kirchlein hat die Steifheit einer Grotte; auf dem Hauptaltar die zuckenden Lichtblitze zweier flackernder Kerzen nd da und dort irgendein verlorenes Lämpchen. Sie hat so viel Staub angesammelt, die arme Kirche, durch ihr hohes Alter; und der Staub riecht abgestanden in dieser feuchten Roheit; die düstere Stille scheint mit allen Echos nur auf den geringsten Lärm zu warten. Cinci überkommt die Versuchung, einen Gebrüll loszulassen, um sie alle aufzuschrecken. Die Betschwestern haben sich in den Bänken aufgereiht, eine jede auf ihrem Platz. Nein, kein Gebrüll, aber dieses Bücherbündel, das so schwer an ihm hängt, mit Krach auf den Boden werfen, als wäre es ihm zufällig aus der Hand gefallen, warum nicht? Er wirft es, und sofort springen die Echos dem dröhnenden Aufprallen entgegen und ersticken es in fast verächtlicher Weise. Das mit dem Echo, das ein Geräusch anspringt wie ein im Schlaf gestörter Hund und es erstickt, das ist eine Erfahrung, die Cinci schon mehrfach mit Vergnügen gemacht hat. Man darf die Geduld der armen entsetzten Beginen nicht mißbrauchen. Cinci verläßt die Kirche; er findet Fox, der auf ihn wartet und geht weiter die Straße, die den Hügel hinaufführt. Irgendein Obst, um etwas zu naschen, das muß sich doch finden lassen, wenn er weiter hinten über eine Mauer klettert und sich zwischen die Bäume schlägt. Er hat ein Gefühl der Leere; aber er weiß nicht, ob es eigentlich das Bedürfnis nach Essen ist oder diese Unruhe, daß er etwas tun muß, die sich ihm auf den Magen geschlagen hat.

Eine Landstraße, ergauf, einsam; Kieselsteine, die den Eseln manchmal zwischen den Hufen stecken bleiben, dann ein Stück herunterkullern und dann dort liegen bleiben, wo sie zum Stillstand kommen; da ist schon einer: ein Tritt mit der Schuhspitze: Genieß, flieg! Gras, das am Straßenrand oder am Fuß der Mauern hervorsprießt, lange Haferhalme mit ihren Büscheln drauf, das macht Spaß, die abzustreifen: all die kleinen Haferbüschel bleiben dann zwischen den Fingern zurück; dann wirft man sie jemandem nach und so viele auf ihm hängen bleiben, so viele Ehemänner wird sie haben, wenn es eine Frau ist, und so viele Ehefrauen wenn es ein Mann ist. Cinci will das mit Fox ausprobieren. Sieben Ehefrauen, keine einzige weniger. Aber eigentlich gilt das nicht, denn auf dem schwarzen Fell von Fox sind alle auf einmal hängengeblieben. Und Fox, der alte Dummkopf, hat die Augen geschlossen und ist ruhig stehen geblieben, ohne den Scherz zu verstehen, mit diesen sieben Ehefrauen am Leib.

Jetzt mag er nicht mehr weitergehen, Cinci ist müde und hat es satt. Er läßt sich auf der Mauer links neben der Straße nieder und betrachtet von dort aus die Larve des Mondes, die sich eben beginnt, mit einem blassen Gold zu beleben, inmitten des Grün, das sich in der zu Ende gehenden Abenddämmerung auflöst. Er sieht ihn und sieht ihn auch wieder nicht; so wie die Dinge ihm im Kopf umherfliegen und eines sich in das andere verwandelt, und alle zusammen ihn immer weiter von diesem seinen Körper, der da unbeweglich sitzen bleibt, entfernen, so sehr, daß er ihn gar nicht mehr spürt; seine eigene Hand, wenn er die erblickte, so wie sie da auf dem Knie liegt, erschiene ihm als die Hand eines Fremden, und ebenso sein Fuß, der da herunterbaumelt, mit dem zerschlissenen, schmutzigen Schuh daran. Es ist nicht mehr sein Körper: er ist in den Dingen drinnen, die er sieht und auch nicht sieht, in dem sterbenden Himmel, in dem sich entzündenden Mond, und dort in diesen düsteren Baummassen, die in die dünn gewordene Luft hineinragen, und hier in der lockeren, schwarzen, vor kurzem erst umgestochenen Erde, aus der noch diese faulige Feuchtigkeit der Schwüle dieser letzten Oktobertage, in denen die Sonne noch warm scheint, aufsteigt.

Plötzlich, so gedankenverloren er auch ist, zuckt er zusammen, und instinktiv greift er sich mit einer Hand ans Ohr. Unter der Mauer dringt ein Lachen hervor. Ein Junge in seinem Alter, ein Bauernlümmel, hat sich dort unten versteckt, auf der Seite der Äcker. Auch er hat einen langen Haferhalm abgerissen und die Samen abgestreift, hat am Ende eine Schlinge gemacht und ganz leise, den Arm ausstreckend, versucht, Cinci am Ohr zu erwischen. Kaum wendet Cinci sich ärgerlich um, macht er ihm ein Zeichen, still zu sein und streckt den Halm an der Mauer entlang aus, wo zwischen zwei Steinen die Schnauze einer Eidechse sichtbar wird, die er mit dieser Schlinge schon seit einer Stunde zu erhaschen sucht. Cinci reckt den Hals und sieht zu, in banger Erregung. Das Tierchen hat, ohne es zu merken, von selbst den Hals in die dort hingehaltene Schlinge gesteckt; aber das ist noch zu wenig; es gilt zu warten, daß es den Kopf noch weiter vorstreckt, aber vielleicht zieht es ihn ja auch zurück, wenn die Hand, die den Haferhalm hält, zittert und es dadurch die Falle bemerkt. Vielleicht ist es gerade dabei, sich aus dieser Zufluchtsstätte herauszustürzen, die ihm zu einem Gefängnis geworden ist. Ja! Ja! Aber nun aufgepaßt, im richtigen Augenblick zugezogen, damit man es erwischt. Es ist ein einziger Augenblick. Da haben wir es! Nun zappelt die Eidechse wie ein Fischlein an der Spitze dieses Haferhalms. Unwiderstehlich angezogen springt Cinci von der Mauer herab; der andere jedoch, vielleicht aus Angst,e r wollte ihm das Tierchen abnehmen, läßt den Arm ein paarmal im Kreis durch die Luft schwingen und schlägt es dann mit aller Kraft gegen eine Steinplatte, die dort zwischen dem Gestrüpp liegt. „Nein!“ schreit Cinci; aber es ist schon zu spät. Die Eidechse liegt unbeweglich auf der Steinplatte, ihr weißer Bauch glänzt im Mondlicht. Cinci wird wütend. Ja, auch er wollte, daß dieses arme Tier gefangen wird, weil auch ihn einen Augenblick lang die Jagdlust ergriffen hat, die in allen Menschen verborgen lauert. Aber es so einfach umzubringen, ohne es auch nur aus der Nähe zu betrachten, die fast qualvoll scharfen Äuglein, das Beben der Flanken, das Zittern dieses ganzen grünen Körperchens; nein, das war wirklich dumm und gemein. Und Cinci schlägt mit aller Kraft seine Faust gegen die Brust dieses Jungen, und der fällt rücklings auf den Boden und rutscht noch ein Stück weiter, um so weiter als er so plötzlich das Gleichgewicht verlierend, versucht hat, nicht zu fallen und wieder Tritt zu fassen. Aber kaum liegt er, da springt er auch schon wieder wütend in die Höhe, packt einen Erdklumpen und wirft ihn Cinci ins Gesicht; der sieht nichts mehr und verspürt im Mund diesen feuchten Geschmack, der nach Schmach riecht und ihn nun jede Beherrschung verlieren läßt. Auch er nimmt einen Erdbrocken und wirft ihn auf den Gegner. Das Duell der beiden wird auf der Stelle zum heftigen, schonungslosen Kampf. Der andere ist freilich geschickter und schneller. Er trifft immer, und er kommt ihm immer näher, mit diesen Erdklumpen, die, wenn sie auch keine Wunden verursachen, doch dumpf und hart aufprallen und, während sie auseinanderbrechen, wie ein hagelschauer auf ihn niedergehen, auf die Brust, ins Gesicht, in die Hare, in die Ohren, sogar in die Schuhe. Halb erstickt, dreht Cinci, als er schon nicht mehr weiß, wie er sich verteidigen soll, sich wütend um, tut einen Satz und reißt mit erhobenemr Hand einen Stein aus der Mauer. Irgendwer läuft dort weg: das wird wohl Fox  sein. Kaum hat er den Stein geworfen, da ist plötzlich ‑ wie ist das möglich? ‑ in all dem, was vorher vor seinen Augen tanzte und sich ineinanderschob, diese Massen von Bäumen, im Himmel der Mond wie ein Strich aus Licht, Ruhe eingetreten: da, nun bewegt sich nichts mehr, als hätte die Zeit und mit ihr alle Dinge in einem in einem verblüfften Staunen innegehalten, rund um diesen Jungen, der bäuchlings auf der Erde liegt. Cinci, noch keuchend, schlägt das Herz bis zum Hals. Er schaut entsetzt, an die Mauer gelehnt, auf diese unglaubliche schweigende Unbeweglichkeit des Ackers unter dem Mond, auf diesen Jungen, der da liegt, das Gesicht halb in der Erde verborgen, und fühlt in sich das Gefühl einer ewigen Einsamkeit wachsen, heftig wachsen, vor der er auf der Stelle fortlaufen muß. Nein, das ist er nicht gewesen; er hat nichts davon gewollt; er weiß nichts darüber. Und dann, ja, geradeso, als ob er es nicht gewesen wäre, macht er einen Schritt und dann noch einen, und beugt sich hinunter, um zu schauen. Der Junge hat den Schädel eingeschlagen, der Mund ist voll schwarzem, mit der Erde verkrusteten Blut, ein Bein ragtt ein bißchen nackt hervor, zwischen dem Hosenbein, das hinaufgerutscht ist, und der Baumwollsocke. Tot, als ob er es immer schon gewesen wäre. Das ist alles, als wäre es ein Traum. Er muß aus diesem Traum erwachen, um rechtzeitig fortzugehen. Dort, wie in einem Traum, liegt diese Eidechse zerschmettert auf dem flachen Stein, den Bauch in den Mondschein gereckt und den Haferhalm noch immer am Hald hängend. Er geht fort, sein Bücherbündel wieder unter den Arm geklemmt und Fox hinter ihm drein, der auch von nichts weiß.

Als er nach und nach sich immer weiter entfernt, von dem Hügel herabsteigt, wird er immer mehr von einem so seltsamen Sicherheitsgefühl erfüllt, daß er sich nicht einmal beeilt. Er kommt zu dem menschenleeren Platz; auch hier ist der Mond, aber ein anderer Mond, den nun, hier, beleuchtet er, ohne von irgend etwas zu wissen, die weiße Fassade des Spitals. Da ist nun die Vorortstraße, so wie zuvor. Er langt zu Hause an: Seine Mutter ist noch nicht gekommen. Er muß also nicht einmal erzählen, wo er gewesen ist. Er ist hier gewesen und hat auf sie gewartet. Und dies wird, so wie es nun für seine Mutter die Wahrheit wird, auf der Stelle auch für ihn die Wahrheit; da ist er ja tatsächlich, den Rücken an die Wand gelehnt, wartend neben der Tür.

Es genügt, wenn man ihn so findet. 

 

© Michael Rössner.

LUIGI PIRANDELLO 1867 - 1936 - Novellen

Da lacht doch jemand - (C'è qualcuno che ride – 1937)

Italienische Version

 

aus dem Italienischen von Michael Rössner

 

Ein Raunen schlängelt sich mitten durch die vielen Menschen, die hier beisammen stehen:

„Da lacht doch jemand.“

Da oder dort, wo immer dieses Raunen hingelangt, ist es, als richte sich plötzlich eine Viper auf, oder als springe eine Grille in die Höhe, oder als blitze unerwartet ein Spiegel auf und blende die Augen mit gleißendem Licht.

Wer wagt es zu lachen?

Alle fahren herum und sehen sich mit zornblitzenden Augen um.

(Der riesige Salon, den über der Schar der Gäste der Lichtschein vier großer Kristallüster erleuchtet, verharrt da oben in seiner düsteren, staubigen Altertümlichkeit, als wäre er erloschen und verlassen; beunruhigt erscheint nur, von einem Ende des Gewölbes bis zum anderen, die Kruste des gewaltigen Barockfreskos, das sich doch so bemüht hat, die wilden Ausschweifungen seiner Farben in einem ewigen Nachtdunkel zu ersticken und verschwimmen zu lasen; man würde meinen, er könne es kaum erwarten, daß auch dort unten endlich all die Unruhe aufhöre und der Salon geräumt werde.)

Das eine oder andere längliche, mühsam durch ein mitleidvolles Dehnen zu einem betroffenen, verständnisvollen Lächeln verzogene Gesicht mag sich ja finden lassen, wenn man genau hinsieht; aber eines, das lachen würde, richtig lachen, das nicht. Nun, verständnisvoll lächeln, das mag wohl hingehen, ja, es könnte geradezu geboten sein, wenn man bedenkt, daß diese ‑ überaus ernste ‑ Zusammenkunft sich auch den Anstrich einer der in Faschingszeiten üblichen städtischen Zerstreuungen geben möchte. Tatsächlich hat da ja auf einer mit einem schwarzen Teppich abgedeckten Fläche ein kleines Orchester totenschädelartiger Glatzköpfe Aufstellung genommen und spielt endlos tanzmusikartige Stücke, und da sind auch tatsächlich Paare, die tanzen, auf Aufforderung, ja fast auf Befehl der eigens herbeigerufenen Photographen hin, um dieser Zusammenkunft den Anstrich eines Tanzfestes zu verleihen.

So schreiend ist freilich das Rot, das Himmelblau gewisser Abendroben, und so ekelerregend die Zerbrechlichkeit gewisser nackter Schultern und Arme, daß man beinahe meinen möchte, diese Tänzer wären nur für diesen Anlaß von unter der Erde heraufgeholt worden, Spielzeug aus anderen Zeiten, wohlkonserviert und nun künstlich wieder aufgezogen, um dieses Schauspiel zu gestalten. Man hat richtig das Bedürfnis, nachdem man sie angesehen hat, sich an etwas Solides, Grobschlächtiges zu klammern. Ja, hier zum Beispiel, an den Nacken dieses speckfaltigen Nachbarn, über dessen gerötetes Gesicht der Schweiß läuft und der sich mit einem überaus weißen Taschentuch Luft zufächelt; oder an die idiotengleiche Stirn dieser alten Dame. Seltsam: Dort, die Blumen auf dem schäbigen Tischchen mit Erfrischungen, die sind nicht künstlich, und deshalb stimmt es einen so traurig, wenn man an die Gärten  denkt, in denen sie heute morgen unter einem hellen, feinen Sprühregen, der in den Gesichtern brannte, gepflückt wurden; wie schade um diese bleiche Rose, die in ihren abgefallenen Blättern einen ersterbenden Geruch nach gepudertem Fleisch bewahrt.

Da und dort, verloren unter der Masse von Leuten, steht wohl auch der eine oder andere Gast im Domino und sieht aus wie ein Laienbruder auf der Suche nach dem Begräbniszug. 

Die Wahrheit ist: Alle diese Gäste haben keine Ahnung vom Grund dieser Einladung. Die lief einfach in der Stadt um wie der Appell zu einer Versammlung. Nun sind sie unschlüssig, ob es eher angebracht wäre, sich ein wenig abzusondern oder sich möglichst allen zu zeigen (was bei so vielen Menschen alles andere als leicht wäre), und so beobachtet einer den anderen, und wer sich dabei beobachtet sieht, sich zurückzuziehen oder sich bemerkbar zu machen, der verwelkt auf der Stelle und hält inne; denn hier hat auch einer den anderen im Verdacht, und das allgemeine Mißtrauen in dem Gedränge führt zu Obsessionen, die sich nur sehr schwer beherrschen lassen; schräge Blicke werden über die Schulter geworfen und fahren sofort zurück wie ertappte Schlangen, wenn sie entdeckt werden.

„Ach, sieh mal, du bist auch hier?“

„Na, wir sind doch alle hier, scheint’s.“

Unterdessen wagt niemand nach dem Warum zu fragen, weil jeder fürchtet, er wäre der einzige, der es nicht weiß, was ihn wiederum zweifelsohne schuldig machen würde, falls diese Versammlung einberufen wurde, um eine schwerwiegende Entscheidung zu treffen. Ohne sich dabei erwischen zu lassen, suchen einige mit den Blicken jene zwei oder drei, von denen man doch annehmen würde, daß sie imstande sein müßten, es zu wissen; aber sie finden sie nicht. Sie werden sich wohl in einem geheimen Raum zu einer Beratung versammelt haben, einen Raum, in den von Zeit zu Zeit jemand hineingerufen wird, erbleichend diesem Ruf folgt und die anderen in banger Verwirrung zurückläßt. Man versucht, aus dem Charakter des Gerufenen, aus seiner Stellung und seinen Verbindungen darauf zu schließen, um was es wohl bei diesen Beratungen gehen kann, und man kommt dabei zu keinem Schluß, weil eben zuvor ein anderer mit ganz gegensätzlichem Charakter und ganz entgegengesetzten Verbindungen gerufen worden war.

 

In der allgemeinen Betroffenheit ob dieses Rätsels wächst die Erregung immer mehr. Man weiß ja, wie schnell sich Unruhe mitzuteilen pflegt, und wie schnell aus einer Botschaft, wenn sie von Mund zu Mund weitergegeben wird, eine ganz andere wird. So kommen von einem Ende des Salons zum anderen solche Ungeheuerlichkeiten heraus, daß man ganz niedergeschmettert zurückbleibt. Und aus den brodelnden Gemütern steigt etwas auf und breitet sich aus, wie ein Alptraum, in dem, zu dem beklemmenden, schmerzlichen Klang dieses Orchesters, zwischen dem Stimmengewirr, das einen ganz taub macht, und vor dem Widerschein der Lichter in den Spiegeln vor eines jeden Augen, die seltsamsten Erscheinungen aufblitzen; und wie ein Rauch, der in dichten Ringen herausquillt, dringen aus den Gewissen, die im geheimen das Feuer uneingestandener Gewissensbisse nähren, Besorgnisse und Ängste und Befürchtungen jeder Art; bei vielen löst der instinktive Drang, die Sache sofort wieder in Ordnung zu bringen, die unerwartetsten Wirkungen aus: der eine klappert unaufhörlich mit den Augenlidern, der andere starrt seinen Nachbarn an, ohne ihn zu sehen, und lächelt ihm zärtlich zu, der dritte knöpft ohne Unterlaß einen Westenknopf auf und wieder zu. Besser, man tut, als ginge einen das alles nichts an. An etwas anderes denken. An Ostern, das fällt heuer sehr spät. An einen Menschen, der doch ausgerechnet Buongiorno heißt. Ach, aber das ist wirklich unerträglich, diese Komödie, die wir mit uns selbst aufführen.

Die Tatsache (wenn sie überhaupt zutrifft), daß einer lacht, sollte doch nicht solchen Eindruck machen, will mir scheinen, wenn alle in dieser Stimmung sind. Was heißt da Eindruck! Eine gewaltige Empörung, und eben deshalb, weil alle in dieser Stimmung sind; eine Empörung, als wäre das eine persönliche Beleidigung, daß da wirklich einer den Mut haben kann, ganz offen zu lachen. Der Alpdruck lastet ja eben deshalb so unerträglich auf allen, weil es keinem zulässig erscheint zu lachen. Wenn da einer zu lachen anfängt und die anderen es ihm nachtun, wenn dieser ganze Alpdruck sich plötzlich in einen Schwall des allgemeinen Lachens löst, na dann gute Nacht! In einer solchen Ungewißheit und Spannung der Seele muß man wenigstens glauben und fühlen, daß die Versammlung heute abend eine sehr, sehr ernste Angelegenheit ist.

Aber ist denn da nun wirklich dieser jemand, der immer noch weiterlacht, trotz des Raunens, das sich nun schon eine ganze Weile durch die Versammlung schlängelt? Wer ist es? Wo ist er? Den muß man doch aufspüren, ihn an der Brust packen, ihn gegen die Wand schleudern, und, alle mit vorgestreckten Fäusten, fragen, weshalb er lacht und über wen er lacht. Es scheint, es ist nicht nur einer allein. Ach so, mehr als einer? Man sagt, es wären wenigstens drei. Was denn, wie denn, in Absprache untereinander oder jeder für sich? Es scheint, in Absprache, alle drei. Ach so? Die sind also mit der bewußten Absicht hierhergekommen zu lachen? Ja, so scheint es.

Als erstes fiel so ein großgewachsenes junges Mädchen auf, weiß angezogen, ganz rot im Gesicht, das blühende Leben, vielleicht ein bißchen plump, daß sich vor Lachen kaum halten konnte, in einer Ecke des Saals dort drüben. Anfangs haben die Leute nicht weiter drauf geachtet, sei es, weil sie eine Frau war, sei es wegen des Alters. Nur der unerwartete Klang des Lachens wirkte störend, und einige haben sich umgedreht, als ginge es da um eine Unangemessenheit, sagen wir ruhig Ungehörigkeit, ja sogar Unverfrorenheit, wenn man es so nennen will, aber doch wohl eine entschuldbare Unverfrorenheit: Was denn? Das Lachen eines Kindes, das zudem gleich abbrach, als die Kleine sich beobachtet sah. Als sie dann aus ihrer Ecke geflohen war, vornübergebeugt, sich zusammenkrümmend, beide Hände vor dem Mund, da war das verständlich ‑ ja, das schon ‑ daß man sie auch da drüben noch lachen hören konnte, in einen förmlichen Lachkrampf ausbrechend, vielleicht wegen der Verkrampfung, mit der sie vor den Leuten davonzulaufen suchte. Ein Kind? Nun erfährt man eben, daß sie schon wenigstens sechzehn Jahre alt war, und zwei Augen besaß, die förmlich Flammen sprühten. Es scheint, sie flieht von einem Saal in den anderen, als würde sie verfolgt. Aber ja, verfolgt wird sie, tatsächlich verfolgt von einem sehr hübschen Jungen, blond wie sie, der lacht wie ein Verrückter, während er ihr nachläuft; dann und wann freilich hält er inne, erschreckt durch die Unverfrorenheit, mit der sie überall ihre Nase hineinsteckt; er möchte sich gerne ein wenig Zurückhaltung auferlegen, aber er schafft es einfach nicht; er wendet sich hierhin und dorthin, als höre er seinen Namen rufen, und gewiß beißt er sich auf die Lippen, um einen Anfall von Heiterkeit zurückzuhalten, der in ihm drinnen brodelt und ihm das Zwerchfell erbeben läßt. Und jetzt haben sie auch den dritten entdeckt, ein biegsames Männchen, das sich tänzelnd durch die Räume bewegt und mit den kurzen Ärmchen wie mit zwei Trommelschlegeln in einem fort auf die runde, massive Brust schlägt; seine spiegelnde Glatze rahmt ein roter, lockiger Haarkranz ein, in seinem selig lächelnden Gesicht lacht die Nase mehr als der Mund, die Augen mehr als Mund und Nase zusammen, es lacht das Kinn, es lacht die Stirn, ja sogar die Ohren dieses Mannes lachen. Einen Frack hat er an, wie alle anderen. Wer hat den eingeladen? Wie sind die zu dieser Versammlung gekommen? Niemand kennt sie. Nicht einmal ich. Ich weiß nur, daß er der Vater dieser beiden jungen Leute ist, ein wohlhabender Herr, der mit seiner Tochter auf dem Lande lebt, während der Sohn hier in der Stadt studiert. Sie werden zufällig auf dieses vorgetäuschte Tanzfest geraten sein. Wer weiß, was sie einander beim Kommen zugeraunt haben, was für geheime Einverständnisse und Scherze sie untereinander seit langem verabredet haben, Streiche, die nur ihnen bekannt sind, Sprengstoff in der Hinterhand, färbiges Pulver für ein Feuerwerk, das bei dem geringsten Anlaß in die Luft gehen kann, sei es auch bloß ein flüchtiger Blick; jedenfalls können sie nicht mehr beisammen sein; sie suchen einander aber mit den Augen aus der Ferne, und kaum erspähen sie einander, wenden sie das Gesicht ab, und hinter den vorgehaltenen Händen bricht so ein gewisses Lachen hervor, das inmitten all dieser Ernsthaftigkeit tatsächlich skandalös ist.

Die Obsession dieser Ernsthaftigkeit lastet so schwer und erdrückend auf allen, daß niemand auch nur den Gedanken zu fassen vermag, daß diese drei außerhalb dieses Ernstes stehen könnten, weit fort, und stattdessen in sich drinnen einen unschuldigen, vielleicht sogar dummen Grund haben könnten, so einfach ohne Anlaß zu lachen; das Mädchen zum Beispiel, bloß weil es sechzehn Jahre alt und gewohnt ist, wie ein Fohlen mitten auf einer blumenbestandenen Wiese zu leben, ein Fohlen, das bei jeder Brise feurig in die Höhe steigt und glücklich springt und galoppiert, ohne daß es selbst wüßte warum. Man könnte schwören, daß es gar nichts mitbekommt, daß es nicht die geringste Ahnung von dem Skandal hat, den es gemeinsam mit dem Vater und dem Bruder heraufbeschwört, die auch so fröhlich und so fremd und ohne jede böse Ahnung sind.

Und als sich am Ende alle drei auf einem Sofa in dem Saal dort drüben vereint wiederfinden, der Vater in der Mitte zwischen Sohn und Tochter, erschöpft und zufrieden, aber mit einem großen Verlangen danach, einander zu umarmen, vor lauter Freude über die gelungene Unterhaltung, die aus ihrer Freude in dieses schöne, helle Lachen ausgebrochen ist wie in deN Lärm einer rasch vergehenden Meeresbrandung, da sehen sie plötzlich aus den drei großen Glastüren wie eine schwarze Flut unter einem plötzlich verdüsterten und verschlossenen Himmel die ganze Masse der Gäste auf sich zukommen, langsam, sehr langsam, mit dem melodramatischen Schritt einer finsteren Verschwörung, und nun verstehen sie natürlich zunächst gar nichts, sie glauben nicht, daß dieses merkwürdige Manöver ihnen gelten könnte und tauschen einen Blick, noch immer ein wenig lächelnd; aber das Lächeln erstirbt nach und nach in einer immer stärkeren Beklemmung, bis sie, da sie nicht fliehen und nicht einmal zurückweichen können, den Rücken gegen die Lehne des Sofas gepreßt, nun schon nicht mehr von Beklemmung, sondern von Schrecken erfüllt, instinktiv die Hände heben, als wollten sie die Masse abwehren, die weiter voranschreitend, furchterregend über sie hereingebrochen ist. Die drei Autoritäten, die sich ihretwegen, aus keinem anderen Grund, zur Beratung in den geheimen Raum zurückgezogen hatten, eben wegen des umlaufenden Gerüchts über ihr unzulässiges Lachen, und die dort beschlossen haben, dieses Verhalten in denkwürdiger und exemplarischer Weise zu bestrafen, sie sind eben durch die Mitteltüre eingetreten und präsentieren sich vor allen, die Kapuzen ihrer Dominomäntel bis zum Kinn herabgezogen und zum Scherz an den Händen mit drei Servietten gefesselt, als wären sie gefangene Verbrecher, die gekommen sind, um Gnade zu flehen. Kaum stehen sie vor dem Sofa, da bricht ein riesiges, sardonisches Lachen aus der gesamten Menge der Gäste lärmend hervor und hallt in grauenhafter Weise mehrfach in dem Saal wieder. Dieser arme Vater rudert bestürzt und zitternd mit den Armen, endlich gelingt es ihm, seine beiden Kinder unter den Arm zu nehmen, und ganz geduckt ergreift er die Flucht, während ihm kalte Schauer den Rücken hinunterlaufen, ohne daß er etwas verstehen könnte, verfolgt von dem gräßlichen Gedanken, sämtliche Einwohner der Stadt könnten ganz plötzlich irrsinnig geworden sein. 

 

© Michael Rössner.

LUIGI PIRANDELLO 1867 - 1936 - Novellen

Das ist doch nichts ernstes - (Non è una cosa seria – 1928)

Italienische Version

 

Erstveröffentlichung im Corriere della Sera vom 7. Januar 1910. Keine wesentlichen Varianten bekannt - die in Beffe della morte e della vita II (Florenz, 1903) veröffentlichte Novelle "La Signora Speranza" unterscheidet sich im Inhalt doch beträchtlich.

Ähnliches gilt für das eher dieser Novelle nachgebildete Theaterstück Ma non è una cosa seria - "Aber das ist doch nichts Ernstes" von 1918 - siehe Bd.?

 

aus dem Italienischen von Michael Rössner

 

Perazzetti? Nein. Der war nun wirklich eine Rasse für sich. Da sprach er manchmal todernst, als wäre er nicht er selbst, den Blick auf seine langen, gekrümmten Fingernägel gerichtet, die er mit allergrößter Sorgfalt pflegte.

Und freilich: dann, auf einmal, ohne ersichtlichen Grund... wie eine Ente, jawohl, ganz genau so! Er brach in so gewisse Lachanfälle aus, die hörten sich an wie das Schnattern einer Ente; und darin erklang ein Plätschern, genauso wie eine Ente im Wasser.

Viele wollten gerade in diesen Lachanfällen den schla­gendsten Beweis für Perazzettis Wahnsinn sehen. Wenn er sich so mit Tränen in den Augen wand, pflegten seine Freunde zu fragen: "Aber warum denn?"

Und er antwortete: "Nichts. Ich kann es euch nicht sagen."

Wenn man einen so lachen sieht, ohne daß er den Grund dafür verraten will, dann macht einen das schon etwas stutzig, man bleibt zurück mit so einem gewissen dummen Gesicht und einer gereizten Empfindung im Körper, die bei den sogenannten "Nervenbündeln" leicht zu einer wilden Erregung und zu dem Wunsch werden kann, dem anderen das Gesicht zu zerkratzen.

Da sie ihm das Gesicht nicht zerkratzen konnten, pflegten sich die sogenannten "Nervenbündel" (die heutzutage immer häufiger werden) wütend zu schütteln und sagten über Perazzetti: "Der ist verrückt!"

Hätte Perazzetti ihnen jedoch den Grund dieses entenartigen Lachanfalls verraten... Aber er konnte ihn oft nicht nennen, nein, wirklich, er konnte es nicht tun.

 

Er hatte nämlich eine äußerst bewegliche und unerhört launenreiche Phantasie, die sich beim Anblick anderer Leute damit vergnügte, ihm in seinem Inneren, ohne daß er es gewollt hätte, die ausgefallensten Bilder und das Aufblitzen überaus komischer, unbeschreiblicher Ansichten vor Augen zu führen; ihm mit einem Mal gewisse seltsame, versteckte Analogien zu enthüllen, ihm ganz unvorhergesehenermaßen so groteske und komische Kontraste vorzuführen, daß er das Gelächter einfach nicht mehr zurückhalten konnte.

Wie hätte er anderen das augenblickliche Spiel dieser flüchtigen, nicht einmal gedachten Bilder erklären sollen?

Perazzeti wußte sehr gut, aus eigener Erfahrung, wie sehr bei jedem Menschen der Grund seines Wesens sich von den trügerischen Auslegungen unterscheidet, die jeder spontan oder aufgrund einer unbewußten Täuschung davon gibt, aufgrund des Bedürfnisses, uns für andere zu halten oder für andere gehalten zu werden, als wir tatsächlich sind, oder aufgrund der Nachahmung anderer, oder auch einfach aus Not und sozialem Zwang.

Über diesen Grund des Wesens hatte er besondere Studien angestellt. Er nannte ihn "die Höhle des Viehs". Und er meinte damit das ursprüngliche Tier in jedem von uns, versteckt unter so vielen Schichten des Bewußtseins, die nach und nach im Lauf der Jahre darüber gewachsen sind.

Der Mensch, pflegte Perazzeti zu sagen, wird, wenn man ihn an dieser oder jener Schicht des Bewußtseins anrührt, kitzelt, mit Verbeugungen antworten, mit Lächeln, er wird die Hand ausstrecken, Guten Morgen oder Guten Abend sagen, vielleicht auch dem anderen hundert Lire leihen; aber wehe, man stochert da unten herum, in der Höhle des Viehs: Da kommt dann der Dieb heraus, der Schuft, der Mörder. Allerdings muß man zugeben, daß nach so vielen Jahrhunderten der Zivilisiertheit einige in ihrer Höhle nun schon ein allzu gedemütigtes, degeneriertes Vieh mit sich herumtragen: ein Schwein etwa, das jeden Abend einen Rosenkranz betet.

Im Wirtshaus studierte Perazzeti die gebremste Ungeduld der Gäste. Nach außen hin Wohlerzogenheit; drinnen wollte der Esel seinen Hafer, aber schnell. Und er unterhielt sich königlich, wenn er sich all die verschiedenen Tierarten ausmalte, die in den Höhlen seiner Bekannten verkrochen waren: dieser hatte sicherlich drinnen einen Ameisenhaufen, jener ein Stachelschwein, der dritte dort einen Truthahn, und so fort.

Häufig hatten jedoch Perazzettis Lachanfälle einen, sagen wir, konstanteren Grund. Und der ließ sich nun wirklich nicht so einfach vor allen ausbreiten; wenn überhaupt, könnte man ihn höchstens dem einen oder anderen ins Ohr flüstern. Wenn man ihn so im Vertrauen erfuhr, dann, das versichere ich Ihnen, dann bewirkte er unvermeidlich den allerlärmendsten Lachanfall. Einmal vertraute er ihn einem Freund an, bei dem ihm daran lag, nicht als verrückt zu gelten.

Ich kann ihn euch nicht laut nennen; ich kann ihn gerade eben andeuten; ihr werdet versuchen, ihn solcherart zu erhaschen, denn, wenn er laut ausgesprochen würde, bestünde die Gefahr, daß das ganze als vulgär empfunden würde, und das ist es nun wirklich nicht.

Perazzetti war alles andere als ein vulgärer Mensch; im Gegenteil, er behauptete stets, eine hohe Meinung von der Menschheit zu haben, von all dem, was die Menschheit, trotz des ursprünglichen Viehs in ihr, zu leisten vermocht hatte. Aber Perazzetti vermochte andererseits auch nicht völlig zu vergessen, daß der Mensch, der imstande war, so viele schöne Dinge zu schaffen, doch auch ein Vieh ist, das frißt, und das infolgedessen gezwungen ist, tagtäglich gewissen intimen natürlichen Bedürfnissen Genüge zu tun, die ihm sicherlich keine besondere Ehre einlegen.

Wenn er einen armen Mann, eine arme Frau, in einer demütigen und unterwürfigen Haltung sah, dann dachte Perazzetti nicht im geringsten daran; aber wenn er dagegen gewisse Frauen sah, die sich den Anschein von Gemütstiefe gaben, gewisse aufgeblasene Männer, die vor Stolz geradezu barsten, dann löste das in ihm sofort das Bild dieser intimen natürlichen Bedürfnisse aus, denen auch diese Leute zwangsläufig Tag für Tag gehorchen mußten; er sah sie bei dieser Verrichtung und brach in ein unaufhaltsames Lachen aus.

Es gab keinen Adel eines Mannes und keine Schönheit einer Frau, die sich vor dieser Katastrophe in der Vorstellung Perazzettis zu retten vermocht hätten; im Gegenteil, je ätherischer und idealer eine Frau ihm erschien, je würdevoller und ernster ein Mann, desto eher drängte sich ihm plötzlich dieses verdammte Bild auf.

Nun denkt euch einmal, mit dieser Schwäche, Perazzetti als Verliebten.

Und er verliebte sich tatsächlich, der Unglückselige, er verliebte sich mit einer erschreckenden Leichtigkeit! Er dachte an nichts mehr, versteht sich, er hörte auf, er selbst zu sein, kaum daß er sich verliebt hatte; er wurde sofort ein ganz anderer, wurde der Perazzetti, den die anderen sich wünschten, so, wie ihn sich die Frau zu formen wünschte, der er in die Hände gefallen war, aber nicht nur das, auch so, wie ihn sich die zukünftigen Schwiegereltern, die zukünftigen Schwäger, ja sogar die Hausfreunde der Braut zu formen wünschten.

Er war wenigstens zwanzigmal verlobt gewesen. Und man konnte bersten vor lachen, wenn er die vielen Perazzettis beschrieb, die er solcherart schon einmal gewesen war, einer dümmer und idiotischer als der andere: der des Papageis der Schwiegermutter, der der Fixsterne der kleinen Schwägerin, der der Bohnen des Freundes von wer weiß ich wem.

Wenn die Glut der Flamme, die ihn sozusagen in den Zusatand der Schmelze versetzt hatte, sich abzuschwächen begann, dann fand er sich allmählich in seiner gewohnten Form wieder und begann sich wieder seiner selbst bewußt zu werden; dann gewann er auch das Bewußtsein seiner selbst zurück, empfand zunächst Staunen und Verblüffung bei der Betrachtung der Form, die man ihm gegeben, der Rolle, die man ihn spielen lassen, des Zustandes der Verblödung, in den man ihn versetzt hatte; und als er dann die Frau, die Schwiegermutter, den Schwiegervater ansah, dann begannen die schrecklichen Lachanfälle von neuem, und er mußte davonlaufen - es gab keinen Ausweg - er mußte davonlaufen.

Das Schlimme war nur, daß man ihn dann nicht mehr laufen lassen wollte. Er war ja ein besonders netter junger Mann, dieser Perazzetti, wohlhabend und außerordentlich sympathisch: mit einem Wort, das, was man eben eine beneidenswerte Partie nennt.

 

Die Dramen, die er bei seinen zwanzig und mehr Verlöbnissen durchlebt hatte, würden, wenn man sie in einem von ihm erzählten Buch sammelte, wohl eine der erheiterndsten Lektüren unserer Tage abgeben. Aber was für die Leser Motiv des Gelächters wäre, das waren doch leider ursprünglich Tränen, echte Tränen für den armen Perazzetti, und Zorn und Beklemmung und Verzweiflung.

Jedes Mal versprach er, schwor er heilige Eide, er würde nicht mehr rückfällig werden; er nahm sich vor, sich ein heldenhaftes, unerhörtes Mittel auszudenken, das ihn vor amourösen Rückfällen bewahren sollte. Ach was! Die Rückfälle kamen immer schon kurze Zeit später, und sie waren meist ärger als das Mal zuvor.

Eines Tages schließlich schlug wie eine Bombe die Nachricht ein, daß er sich verheiratet hätte. Und er hatte niemand geringeren geheiratet als... Aber nein, das wollte anfangs nun wirklich keiner glauben! Verrücktheiten hatte Perazzetti ja wirklich jede Menge begangen; aber daß er so weit gehen würde, sich für das ganze Leben an eine Frau wie die da zu binden...

Sich zu binden? Wenn dieses Wort einem der vielen Freunde, die ihn zu Hause besuchten, entschlüpfte, dann war es ein Wunder, wenn Perazzetti ihn nicht gleich auffraß.

"Sich binden? Was heißt da sich binden? Wieso denn sich binden? Hohlköpfe, Idioten, Volltrottel seid ihr alle miteinander! Sich binden? Wer spricht denn davon? Hast du das Gefühl, ich wäre gebunden? Na komm, hier herein... Das ist doch mein gewohntes Bett, ja oder nein? Glaubst du vielleicht, das wäre ein Ehebett? He, Celestino! Celestino!"

Celestino war sein alter treuer Diener.

"Sag einmal Celestino: Komme ich nicht jeden Abend allein hierher zum Schlafen?"

"Ja, gnädiger Herr, allein."

"Jeden Abend?"

"Jeden Abend."

"Wo speise ich?"

"Dort drüben."

"Mit wem speise ich?"

"Allein."

"Kochst du mir das Essen?"

"Jawohl, ich, gnädiger Herr."

"Und bin ich immer noch derselbe Perazzetti?"

"Immer noch derselbe, freilich, gnädiger Herr."

Sobald er den Diener nach diesem Verhör wieder fortgeschickt hatte, schloß Perazzetti, die Arme ausbreitend:

"Somit..."

"Somit ist es nicht wahr?", fragte der andere.

"Aber natürlich ist es wahr! Ganz und gar wahr!" antwortete Perazzetti. Ich habe sie geheiratet! In der Kirche hab ich sie geheiratet und vor dem Standesamt auch! Aber was tut das schon? Hast du den Eindruck, daß das was Ernstes ist?"

"Nein, im Gegenteil, das ist vollkommen lächerlich."

"Na eben!", schloß Perazzetti von neuem. "Dann rück mir doch endlich von der Pelle! Habt ihr noch nicht genug hinter meinem Rücken über mich zu lachen gehabt? Tot wolltet ihr mich haben, was? Ständig die Schlinge um den Hals gelegt? Nein, Schluß, Schluß, meine Lieben! Jetzt hab ich mich für immer davon befreit! Da hat es diesen letzten Wirbelsturm gebraucht, dem ich nur wie durch ein Wunder lebend entkommen bin."

Der letzte Wirbelsturm, auf den Perazzetti anspielte, war seine Verlobung mit der Tochter eines Sektionschefs im Finanzministerium, des Commendatore Vico Lamanna; und er hatte wirklich recht, Perazzetti, wenn er davon sprach, daß er ihm nur wie durch ein Wunder lebend entkommen war. Er hatte sich auf Degen mit ihrem Bruder Lino Lamanna schlagen müssen. Und da Lino einer seiner besten Freunde war und er das Gefühl hatte, nichts, aber auch gar nichts gegen ihn zu haben, hatte er sich großzügig aufspießen lassen wie ein Huhn.

Dabei hatte es diesmal geschienen - und jeder hätte die Hand dafür ins Feuer gelegt - daß die Hochzeit wirklich stattfinden würde. Signorina Ely Lamanna, die eine englische Erziehung genossen hatte - wie man auch am Vornahmen sehen konnte, war ehrlich, offen, ein solider Charakter, mit beiden Beinen auf der Erde stehend (sprich: sie trug amerikanische Schuhe); und so war es ihr ohne Zweifel gelungen, die übliche Katastrophe in Perazzettis Phantasie zu überstehen. Freilich, das eine oder andere Lachen war ihm entschlüpft, wenn er ihren Schwiegervater, den Commendatore, betrachtete, der auch im Umgang mit ihm stets in den Wolken schwebte und zu ihm manchmal mit dieser süßlichen Blumigkeit sprach... Aber damit hatte es sich auch schon. Er hatte der Braut den Grund seiner Lachanfälle in liebenswürdiger Form enthüllt, sie hatte mitgelacht, und nachdem diese Klippe umschifft war, glaubte sogar er, Perazzetti, daran, daß er diesmal endlich den ruhigen Hafen der Ehe erreichen würde (wie man so schön sagt). Die Schwiegermutter war ein braves altes Weiblein, bescheiden und schweigsam, und Lino, sein Schwager, schien wie gemacht dafür, in allem und jedem mit ihm übereinzustimmen.

Tatsächlich wurden Perazzetti und Lino Lamanna vom ersten Tag des Verlöbnisses an unzertrennlich. Mehr als mit der Braut konnte man sagen, daß Perazzetti mit seinem zukünftigen Schwager zusammen war: Ausflüge, Jagdpartien, gemeinsame Ausritte, gemeinsame Bootsausflüge auf dem Tiber mit dem Ruderklub.

Alles konnte er sich ausmalen, der arme Perazzetti, nur das nicht, daß dieses Mal die "Katastrophe" gerade durch diese allzu große Intimität im Umgang mit dem zukünftigen Schwager zustandekommen sollte, durch einen weiteren Streich, den ihm seine krankhafte und spöttische Phantasie spielen sollte.

Plötzlich begann er nämlich an seiner Verlobten eine beunruhigende Ähnlichkeit mit ihrem Bruder zu bemerken.

Das war in Livorno, wo er - natürlich mit den Lamannas - auf Badeferien gefahren war.

Perazzetti hatte Lino so oft im Badetrikot gesehen, im Ruderklub; nun sah er die Braut im Badekostüm. Er bemerkte sofort, daß Lino wirklich etwas Feminines an sich hatte, im Bau der Hüften.

Wie Perazzetti reagierte, als er diese Ähnlichkeit bemerkte? Der kalte Schweiß trat ihm auf die Stirne, er begann einen unüberwindlichen Abscheu vor dem Gedanken zu empfinden, mit Ely Lamanna, die ihrem Bruder so ähnlich war, in eheliche Intimitäten einzutreten. Sofort erschienen ihm diese Intimitäten als etwas Monströses, geradezu Widernatürliches, da er in seiner Braut ihren Bruder sah. Und bei der geringsten Liebkosung ihrer Hand begann er sich zu winden, unter den Blicken dieser bald aufstachelnden und fordernden, bald in dem Versprechen einer seufzenden Lust ermattenden Augen.

Konnte Perazzetti sie denn anschreien: "Ach Gott, hör doch auf, um Himmels willen! Lassen wir es sein! Ich kann der beste Freund Linos sein, weil ich ihn nicht heiraten muß, aber ich kann dich nicht mehr heiraten, weil ich das Gefühl hätte, deinen Bruder zu heiraten!"?

Die Folter, die Perazzetti diesmal auszustehen hatte, war bei weitem schlimmer als alle bisherigen. Es endete mit diesem Degenstoß, der ihn nur durch ein Wunder nicht ins Jenseits beförderte.

Und kaum war er von der Wunde genesen, fand er endlich das heldenhafte, unerhörte Mittel, das ihm den Weg der Heirat auf ewig versperren sollte.

Ja, wie denn - werdet ihr fragen - indem er heiratete?

Freilich! Filomena: die mit dem Hund. Indem er Filomena heiratete, diese arme Schwachsinnige, die jeden Abend auf der Straße zu sehen war, aufgeputzt mit schrecklichen, mit zerzaustem Gemüse beladenen Hüten, gezogen von einem schwarzen Pudel, der ihr nie die Zeit ließ, ihre schneidenden Lachanfälle vor den Polizisten, den Halbwüchsigen und den Soldaten zu Ende zu führen, weil er immer so große Eile hatte - der verdammte Hund - weiß Gott wo anzukommen, in irgend einem dunklen Winkel...

In der Kirche und auf dem Standesamt heiratete er sie; er las sie von der Straße auf, setzte ihr zwanzig Lire täglich als Kostgeld aus und schickte sie weit fort, aufs Land, mit dem Hund.

Die Freunde - das könnt ihr euch wohl denken - ließen ihm lange Zeit hindurch keine Ruhe. Aber Perazzetti war nun wirklich ruhig geworden, ganz ernsthaft, er schien gar nicht mehr er selbst zu sein.

"Ja", sagte er und betrachtete seine Fingernägel. "Ich habe sie geheiratet. Aber das ist ja nichts Ernstes. Was das Schlafen betrifft, ich schlafe allein in meinem Haus. Was das Essen betrifft, ich esse allein in meinem Haus. Ich sehe sie nie. Sie stört mich nicht... Ihr sagt, es ist wegen des Namens? Na gut: ich habe ihr meinen Namen gegeben. Aber, Herrschaften, was ist schon ein Name? Das ist doch nichts Ernstes."

Ernste Dinge im strengen Sinn gab es für Perazzetti nicht. Alles liegt an der Bedeutung, die man den Dingen zumißt. Eine überaus lächerliche Angelegenheit kann ganz und gar ernst werden, wenn man ihr Bedeutung zubilligt, und umgekehrt kann die ernsteste Angelegenheit sich plötzlich als lächerlich erweisen. Was könnte ernster sein als der Tod? Und doch, für so viele, die dem Tod keine Bedeutung zumessen...

Na gut; aber nach einiger Zeit wollten ihn die Freunde sehen! Wer weiß, wie er die Sache dann bereuen würde!

"Schöne Prophezeihung!" entgegnete Perazzetti. "Natürlich werde ich es bereuen! Ich beginne es ja jetzt schon zu bereuen..."

Als ihm dieser Satz entschlüpfte, fielen die Freunde laut ein: "Na! Siehst du?"

"Ach ihr Schafsköpfe!", gab Perazzetti zurück. "Gerade dann, wenn ich es tatsächlich bereue, dann beginnt mein Heilmittel ja erst zu wirken, denn das bedeutet, daß ich mich wiederum verliebt habe, so sehr, daß ich von neuem dabei wäre, die größte, viehischste Dummheit zu begehen, die man begehen kann: mir eine Frau zu nehmen.

Chor: "Aber du hast doch schon eine genommen!"

Perazzetti: "Die? Ach hört mir auf! Das ist doch nichts Ernstes."

Schlußfolgerung:

Perazzetti hatte geheiratet, um sich vor der Gefahr zu schützen, sich eine Frau zu nehmen. 

 

* * *

 

© Michael Rössner.

LUIGI PIRANDELLO 1867 - 1936 - Novellen

Das wartende zimmer - (La camera in attesa – 1916)

Italienische Version

 

Erstveröffentlichung Mai 1916 in La lettura; keine Varianten bekannt.

 

aus dem Italienischen von Michael Rössner

 

Es erhält auch jeden Morgen ein wenig Licht, dieses Zimmer, wenn reihum eine der drei Schwestern kommt, um ein wenig sauber zu machen, ohne daß sie sich dabei umsieht. Aber kaum daß Jalousien und Fenster wieder geschlossen und die Blenden herabgestellt sind, wird der Schatten auf der Stelle streng und hart wie in einem unterirdischen Gewölbe; und als wäre dieses Fenster seit Jahren nicht geöffnet worden, wird die Strenge und Härte dieses Schattens sofort spürbar, wird förmlich zu dem fühlenden Atem des in der Leere hängenden Schweigens über den Möbeln und Gegenständen, die ihrerseits jeden Tag wie bestürzt erscheinen über die Sorgfalt, mit der man sie abgestaubt, gesäubert und zurechtgerückt hat.

Der Wandkalender beim Fenster, der spürt sicher das Abreißen eines weiteren Blattes schmerzlich, als schiene es ihm eine unnötige Grausamkeit, daß man ihn zwingt, in diesem leeren Schatten und in diesem Schweigen noch das Datum anzuzeigen. Und die alte Bronzeuhr in Form einer Amphore auf der Marmorplatte der Kommode macht den Eindruck, als empfinde sie die Gewalt, die man ihr antut, indem man sie zwingt, noch immer hier drinnen ihr dumpfes Ticktack auszustoßen.

 

Auf dem Nachttischchen jedoch scheint die bauchige Wasserflasche aus grünem, goldverziertem Kristallglas, der das lange, umgestülpte Glas wie ein Hütchen auf dem Hals sitzt, und die durch die Fensterblenden des gegenüberlie­genden Fensters einen kleinen Lichtstrahl einfängt, über die ganze in dem Zimmer verbreitete Bestürzung zu lachen.

Tatsächlich gibt es da etwas Lebendiges und Witziges auf diesem Nachttischchen.

Das Lachen der Wasserflasche kommt sicher von diesem Lichtstrahl, aber vielleicht auch daher, daß es der bauchi­gen Flasche mit diesem Lichtstrahl gelingt, auf der blanken Marmorplatte die Grimassen der beiden Figuren zu erblicken, die auf einer nun schon seit vierzehn Monaten hier liegenden Zündholzschachtel abgebildet sind; so lange liegt die Schach­­tel schon da, damit sie gegebenenfalls bereit ist, die Kerze anzuzünden, die auch schon seit vierzehn Monaten in dem Kerzenhalter aus emailliertem Eisen in Form eines Klee­blatts steckt, mit dem Griff und der Röhre aus Messing daran.

In der Erwartung der Flamme, die sie verzehren soll, ist die Kerze auf dem Kleeblatt des Kerzenhalters allmählich gelb geworden wie eine überreife Jungfrau. Und man möchte wetten, daß die beiden wie Lausbuben grimassenschneidenden Figuren auf der Zündholzschachtel sie mit den drei ebenfalls schon ziemlich reifen Schwestern vergleichen, von denen jeden Tag eine hier hereinkommt, um in dem Zimmer sauber zu machen und aufzuräumen.

Ach, auch wenn sie noch ganz intakt ist, die arme jungfräuliche Kerze, sollten die drei Schwestern sie austauschen, wenn schon nicht jeden Tag, wie sie es mit dem Wasser in der Flasche tun (die auch deshalb so lebendig ist und so bereit, bei jedem Lichtstrahl zu lachen), dann doch wenigstens alle vierzehn Tage, jeden Monat meinetwegen! Damit man sie nicht ansehen muß, wie sie so gelb da steckt, damit man nicht in dieser Gelbheit die vierzehn Monate sehen muß, die vergangen sind, ohne daß irgendjemand sie angezündet hätte, abends auf diesem Nachttischchen.

Und das ist wirklich eine beklagenswerte Unterlassung, denn nicht nur das Wasser in der Flasche, nein, alles wechseln diese drei Schwestern: alle vierzehn Tage die Bettücher und die Überzüge des Bettes, das sie jeden Morgen mit liebevoller Sorgfalt machen, als hätte wirklich jemand darin geschlafen; zweimal in der Woche das Nachthemd, das sie jeden Abend, nachdem sie die Decken zurückgeschlagen haben, aus dem Sack aus Atlasstoff holen, der an dem blauen Bändchen am Kopfende des weißen Bettgestells aufgehängt ist, und auf dem Bett ausbreiten, wobei sie den hinteren Schoß aufschlagen, wie es sich gehört. Und Gott, sie haben sogar noch die Pantoffeln vor dem Lehnstuhl am Fußende des Bettes gewechselt. Sicherlich: Die alten haben sie fortgeworfen, in die Kommode, und an ihre Stelle, dort auf den Bettvorleger, ein Paar neue, samtene gestellt, die die Jüngste der Drei bestickt hat. Und der Kalender? Der dort beim Fenster ist schon der zweite. Der andere, der von vorigem Jahr, der hat erleben müssen, wie sie ihm, eines nach dem anderen, alle Blätter aller Tage sämtlicher zwölf Monate ausgerissen haben, Morgen für Morgen, mit unerbittlicher Pünktlichkeit. Und es besteht keine Gefahr, daß die älteste der drei Schwestern einmal darauf vergäße, jeden Samstag um vier Uhr nachmittags in das Zimmer zu gehen, um die alte Bronzeuhr auf der Kommode aufzuziehen, die so unwillig die Stille mit ihrem Ticken zerreißt und die beiden Zeiger ganz langsam über das Zifferblatt bewegt, so daß man es nicht sieht, als wollte sie damit sagen, daß sie es nicht absichtlich macht, nicht zu ihrem Vergnügen, sondern deshalb, weil sie durch das Aufziehen dazu gezwungen wird.

Die beiden grimassenschneidenden Figuren der Zündholz­schachtel sehen sichtlich nicht, was die alte Bronzeuhr mit ihrem weißen, runden Zifferblattauge und der Kalender von der Höhe der Wand herab mit seiner roten Zahl, die das Datum bezeichnet, sehen können: den traurigen Effekt dieses auf dem Bett ausgebreiteten Nachthemds und dieser beiden neuen Pantoffel, die auf dem Bettvorleger vor dem Lehnstuhl warten.

Was die in dem Kleeblattkerzenhalter steckende Kerze betrifft, nun die ist so gerade und so verloren in ihrer gelben Steifheit, daß sie sich nicht um das Vergnügen dieser beiden grimassenschneidenden Figuren und um das Lachen der bauchigen Flasche kümmert, weil sie recht gut weiß, auf was sie dort wartet, noch unberührt und schon so gelb geworden.

Auf was denn?

 Tatsache ist, daß seit vierzehn Monaten diese drei Schwestern und ihre schwerkranke Mutter glauben, auf diese Weise die wahrscheinliche Rückkehr ihres Bruders beziehungs­weise Sohnes Cesarino erwarten zu können und zu müssen, Cesarinos, der als Leutnant der Reserve im 25. Infanterieregiment nach Tripolitanien gegangen ist (nun ist es schon mehr als zwei Jahre her) und dort in den Fezzan abkomman­diert wurde.

Seit vierzehn Monaten, das ist schon richtig, sind sie ohne Nachricht von ihm. Mehr noch: Nach vielen bangen Nachforschungen, Bitten und Vorstellungen ist endlich vom Kolonial-Oberkommando die offizielle Mitteilung eingelangt, daß der Leutnant Mochi Cesare nach einem Gefecht mit Aufständischen, da er weder unter den Toten noch unter den Verwundeten, noch auch unter den Gefangenen aufschien, von denen man sichere Nachricht hatte, als vermißt gelten muß, ja geradezu als spurlos verschwunden.

Zu Beginn hat dieser Fall bei allen Nachbarn und Bekann­ten dieser Mutter und dieser drei Schwestern großes Mitleid ausgelöst. Mit der Zeit ist das Mitleid freilich erkaltet und von einer gewissen Gereiztheit, bei manchen sogar von einer wahren Entrüstung über das abgelöst worden, was als "Komödie" erscheint, nämlich dieses so peinlich genau in Ordnung gehaltene Zimmer, bis hin zu dem auf dem aufgeschlagenen Bett ausgebreiteten Nachthemd; fast so, als wollten diese vier Frauen mit ihrer "Komödie" jenem armen jungen Mann ihren Tribut an Tränen verweigern und sich selbst den Schmerz ersparen, seinen Tod zu beweinen.

Nur zu bald haben die Nachbarn und Bekannten vergessen, daß sie es ja selbst waren, ja, gerade sie, die beim Ein­langen der Mitteilung des Kolonial-Oberkommandos, als diese Mutter und die drei Schwestern schon begonnen hatten, den Tod ihres geliebten Bruders und Sohnes mit herzzerreißenden Schreien zu beklagen, sie nach und nach mit vielen Argumenten, von denen eines überzeugender war als das andere, dazu gebracht haben, nicht so zu verzweifeln. Weshalb denn seinen Tod be­weinen - haben sie gesagt - wenn es doch in dieser Mitteilung ausdrücklich heißt, daß man den Offizier Mochi nicht unter den Toten gefunden hatte. Er war vermißt; er konnte ja jeden Augenblick zurückkehren: aber ja, auch nach einem Jahr, wer weiß! In Afrika, verirrt, irgendwo verborgen... Und sie waren es auch, die davon abrieten, ja, die Mutter und die drei Schwestern beinahe daran verhinderten, sich schwarz zu kleiden, wie sie es auch in der Unsicherheit am liebsten getan hätten. "Nein, kein Schwarz", haben sie damals gesagt. "Warum denn so ein böses Vorzeichen setzen?" Und bei dem ersten Anflug von Hoffnung in diesen armen Frauen, der sich noch in Form eines Zweifels ausdrückte: "Wer weiß... ja, vielleicht mag er noch am Leben sein", da haben sie in höchster Eile geantwortet:

"Aber natürlich wird er noch am Leben sein! Ganz sicher ist er noch am Leben!"

Nun, ist es da nicht ganz natürlich, daß nun, da tatsächlich jeder sichere Beweis für die Annahme fehlt, daß ihr geliebter Sohn und Bruder tot wäre, und sie stattdessen, wie alle es wollten, sich die Illusion zueigen gemacht haben, er könnte noch leben, daß nun also diese arme kranke Mutter und diese drei Schwestern dieser Illusion, so gut sie es vermögen, die Konsistenz einer Realität verleihen? Aber ja, genau das tun sie, indem sie dieses Zimmer warten lassen, es immer wieder mit allergrößter Sorgfalt aufräumen, jeden Abend das Nachthemd aus dem Kleidersack holen und es auf den zurückgeschlagenen Decken ausbreiten. Denn wenn sie sich einmal überzeugen ließen, daß sie seinen Tod nicht beweinen müssen, daß sie nicht verzweifeln müssen, weil er gestorben wäre, dann müssen sie ihm doch ganz zwangsläufig zeigen, ihm, der für sie lebte, ihm, der ja tatsächlich jeden Augenblick zurückkehren konnte, daß sie ‑ ja freilich ‑ daß sie sich dessen so sicher gewesen sind, daß sie ihm sogar jeden Abend sein Nachthemd vorbereitet haben, dort auf dem Bett, und daß sie jeden Morgen sein Bett gemacht haben, als hätte er in der Nacht tatsächlich darin geschlafen. Und da stehen auch die neuen Pantoffel, die Margheritina während des Wartens nicht bloß besticken, sondern auch noch zum Schuster tragen wollte, damit der sie fachgemäß zusammennäht; so wird er sie, kaum daß er zurück ist, an der Stelle der alten zum Anziehen bereit vorfinden.

 

Entschuldigen Sie mal:

"Sind denn vielleicht Ihr Sohn, Ihre Tochter nicht gestorben, wenn sie zum Studium in die weit entfernte große Stadt gefahren sind?"

Ach, Sie klopfen auf Holz? Sie fallen mir ins Wort und schreien, die wären gar nicht tot, nicht im geringsten? Die würden doch am Ende des Jahres zurückkommen und einstweilen erhalten Sie pünktlich jede Woche zweimal Nachricht von ihnen?

Beruhigen Sie sich nur, ist schon gut, ich glaube es ja. Aber wie kommt es dann, daß Sie, wenn Ihr Sohn oder Ihre Tochter nach einem Jahr oder mehr aus der großen Stadt zurückkommen, bei ihrem Anblick ganz verblüfft, ganz entgeistert sind; daß Sie, jawohl Sie, mit erhobenen Händen, als wollten Sie einen Zweifel zurückdrängen, der Ihnen Angst macht, ausrufen:

"O Gott, bist du es wirklich? O Gott, sie ist ja eine ganz andere geworden!"

Nicht nur in der Seele eine andere, das heißt in ihrem Denken und Fühlen; nein, sogar im Klang der Stimme, auch im Körper eine andere, in der Gestik, in der Art sich zu bewegen, zu schauen, zu lächeln...

Und ganz verdattert fragen Sie:

"Wie ist das möglich? Waren ihre Augen wirklich so? Ich hätte schwören mögen, daß ihr Näschen, als sie wegfuhr, ein bißchen mehr nach oben stand..."

Die Wahrheit ist einfach, daß Sie in Ihrem Sohn oder in Ihrer Tochter, wenn die nach einem Jahr wiederkommen, nicht mehr dieselbe Wirklichkeit erkennen können, die Sie ihnen gegeben haben, ehe sie abfuhren. Es gibt sie nicht mehr, sie ist tot, diese Wirklichkeit. Und dennoch kleiden Sie sich nicht schwarz um dieses Todes willen und beweinen ihn nicht... oder ja, Sie beweinen ihn sogar, wenn es Sie schmerzt, daß dieser andere, der da zu Ihnen zurückgekommen ist an Stelle Ihres Kindes, daß dieser andere einer ist, den sie nicht wiederzuerkennen vermögen, nicht wiedererkennen können.

Ihr Sohn, der, den Sie gekannt haben, ehe er fortging, der ist tot, glauben Sie es mir, er ist tot. Nur die An­wesenheit eines Körpers (und auch der ist so verändert!) läßt Sie das verneinen. Aber Sie merken es sehr wohl, daß der ein anderer war, der vor einem Jahr wegfuhr, und er ist nicht mehr zurückgekommen.

Nun, auf eben dieselbe Weise kehrt auch dieser Cesarino Mochi, der vor zwei Jahren nach Tripolitanien gefahren ist und dort in den Fezzan abkommandiert wurde, nicht zu seiner Mutter und seinen drei Schwestern zu­rück.

Sie wissen es nun sehr gut, daß die Wirklichkeit nicht davon abhängt, ob ein Körper da ist oder nicht. Der Körper kann da sein und dennoch für die Wirklichkeit, die Sie ihm gegeben haben, gestorben sein. Was das Leben ausmacht, ist also bloß die Wirklichkeit, die Sie ihm geben. Und daher kann der Mutter und den drei Schwestern des Cesarino Mochi tatsächlich das Leben genügen, das er für sie weiterhin hat, hier in der Wirklichkeit der Handlungen, die sie für ihn jeden Tag voll­führen, in diesem Zimmer, das ihn wohlgeordnet erwartet und bereit ist, ihn zu empfangen, so, wie er vor seiner Abreise war.

Nun, für diese Mutter und diese drei Schwestern besteht keine Gefahr, daß er als ein anderer zurückkommt, wie das mit Ihrem Sohn am Ende des Studienjahres geschehen ist.

Cesarinos Wirklichkeit ist unabänderlich hier in seinem Zimmer und im Herzen und im Geist dieser Mutter und dieser drei Schwestern, die für sich, außerhalb dieser Wirklich­keit, keine andere besitzen. 

"Tittí, den wievielten haben wir heute?" fragt die kranke Mutter aus ihrem Lehnstuhl die jüngste ihrer drei Töchter.

"Den fünfzehnten", antwortet Margherita, indem sie den Kopf von ihrem Buch aufhebt; aber sie ist sich nicht ganz sicher und fragt ihrerseits die beiden Schwestern weiter: "Den fünfzehnten, nicht wahr?"

"Den fünfzehnten, ja", bestätigt Nanda, die älteste, von ihrem Stickrahmen aus.

"Den fünfzehnten", wiederholt die nähende Flavia.

Auf der Stirn aller drei erscheint dieser Frage der Mutter wegen, auf die sie geantwortet haben, ein und dieselbe Falte.

In der Stille des weiten, hellen Eßzimmers, das von weißen Musselinvorhängen ein wenig abgeschirmt wird, ist ein Gedanke eingedrungen, der üblicherweise, nicht mit Vorbedacht, aber doch ganz instinktiv von den vier Frauen ferngehalten wird: der Gedanke der verrinnenden Zeit.

Die drei Schwestern haben den Grund dieses angstvollen Gedankens im Geist der kranken, an den Lehnstuhl gefessel­ten Mutter erraten; und deshalb haben sie die Stirne in Falten gezogen.

Es ist gar nicht Cesarinos wegen.

Es gibt da eine andere, es gibt eine andere - nicht hier im Haus, aber eine, die morgen vielleicht schon, wer weiß, die Königin dieses Hauses sein könnte - Claretta, die Verlobte des Bruders - es gibt da sie, ja, leider, sie, die einen an die verrinnende Zeit denken läßt.

Als die Mutter danach fragte, den wievielten man gerade habe, wollte sie damit die Tage zählen, die seit Clarettas letztem Besuch vergangen sind..

Zunächst kam das liebe Kind (und sie war ja wirklich ein Kind, die Claretta, für die drei ein wenig ältlichen Schwestern) fast jeden Tag, in der Hoffnung, daß die Nachricht gekommen sei; denn sie war sicher, sicherer als alle anderen, daß die Nachricht bald kommen würde. Und dann betrat sie freudestrahlend das Zimmer ihres Verlobten und ließ dort immer eine Blume und einen Brief zurück. Ja, denn sie schrieb weiter wie gewohnt jeden Abend einen Brief an Cesarino. Und die Briefe ‑ nun, anstatt sie abzuschicken, brachte sie sie nun hierher, damit er, Cesarino, sie gleich nach seiner Ankunft finden würde.

Die Blume verwelkte, der Brief blieb liegen.

Dachte Claretta vielleicht, wenn sie unter der welken Blume den Brief vom Vortag fand, daß auch dessen Duft verströmt war, ohne daß sich jemand daran berauscht hätte? Sie legte ihn in die Lade des kleinen Schreibtisches beim Fenster und ließ an seiner Stelle den neuen Brief zurück, auf den sie eine neue Blume legte.

Diese liebevolle Szene wiederholte sich lange, Monate um Monate hindurch. Aber eines Tages kam die Kleine mit mehr Blumen als üblich, ja, aber ohne Brief. Sie sagte, sie habe am Abend zuvor geschrieben, ach, sogar noch länger als üblich, und sie würde auch weiterhin jeden Abend schreiben, aber in ein Tagebuch, denn ihre Mamma habe ihr zu bedenken gegeben, es wäre doch eine unnütze Verschwendung von Briefpapier und Kuverts gewesen, was sie bisher getan hatte.

Und es war ja wirklich so: was wichtig war, war doch der Gedanke, jeden Tag zu schreiben; ob sie nun auf Brief­papier schrieb oder in ein Tagebuch, das blieb sich gleich.

Nur begann mit diesem Brief auch der tägliche Besuch Clarettas auszubleiben. Zuerst kam sie dreimal, dann zweimal, dann nur mehr einmal in der Woche zu Besuch. Schließlich blieb sie mehr als vierzehn Tage aus, mit der Entschuldigung, sie wäre in Trauer, weil ihre Großmutter mütterlicherseits gestorben war. Und zu guter letzt, als sie - nicht spontan, sondern auf Drängen der Schwestern - das erste Mal, in schwarzen Trauerkleidern, wieder Cesarinos Zimmer betrat, da kam es zu einer unerwarteten Szene, die ums Haar den drei armen Schwestern das Herz vor Schreck gebrochen hätte. Ganz plötzlich warf sie sich, so in schwarzen Kleidern, kaum daß sie das Zimmer betreten hatte, über Cesarinos weißes Bett und brach in ein verzweifeltes Weinen aus.

Warum? Was hatte denn das damit zu tun? Sie war nachher ganz verstört, wie erschlagen, angesichts der angstvollen Verblüffung, des Zitterns dieser drei bleichen Schwestern mit ihren fahlen Gesichtern; sie sagte, sie wisse selbst nicht, wie das zugegangen sei, wie es geschehen konnte... sie entschuldigte sich; sie schob die Schuld auf ihr schwarzes Kleid, auf den Schmerz um die tote Großmutter... und jedenfalls nahm sie die wöchentlichen Besuche wieder auf.

Aber die drei Schwestern empfanden nun eine gewisse Zurückhaltung bei dem Gedanken, sie in das wartende Zimmer zu führen; sie ging auch nicht selbst hinein oder bat die Schwestern, sie hineinzuführen. Und von Cesarino sprachen sie fast gar nicht mehr.

Vor drei Monaten kam sie wieder in fröhlichen, frühlingshaften Farben gekleidet, wieder aufgeblüht wie eine Knospe, sprühend vor Leben, wie die drei Schwestern und ihre arme Mutter sie schon seit langer Zeit nicht mehr gesehen hatten. Sie brachte viele, so viele Blumen und wollte sie selbst, mit eigenen Händen in Cesarinos Zimmer tragen und dort auf die Vasen auf dem Schreibtisch, auf dem Nachttischchen, auf der Kommode verteilen. Sie sagte, sie habe einen schönen Traum gehabt.

Sie blieben besorgt zurück, bedrückt und fast erschüttert von dieser überbordenden Lebhaftigkeit, von dieser wiedergeborenen Fröhlichkeit des Kindes, die drei Schwestern, die immer fahler und bleicher aussahen. Sie empfanden sie, kaum daß die erste Verblüffung gewichen war, wie den Aufprall einer grausamen Gewalttätigkeit, den Aufprall des Lebens, das übermächtig in diesem Kind wieder aufblühte und nicht länger in dem Schweigen dieses Wartens eingesperrt werden konnte, dem sie mit den fast sakralen Verrichtungen ihrer dünnen, kalten Hände noch immer und mit Hartnäckigkeit eine Maske des Lebens überstülpen wollten, gerade so viel, wie für sie nötig war. Und sie erhoben keinen Einwand, als Claretta, die dabei über und über rot anlief, sagte, es habe sie eine große Neugierde überkommen zu lesen, was sie Cesarino in ihren ersten Briefen von vor über einem Jahr geschrieben hatte, die in der Schublade des Schreibtisches eingeschlossen waren.

Mehr als hundert mußten es sein, diese Briefe, hundertzweiundzwanzig oder hundertdreiundzwanzig. Sie wollte sie alle wieder lesen. Dann würde sie sie selbst für Cesarino aufbewahren, zusammen mit den Tagebüchern. Und immer zehn auf einmal nahm sie sie alle nach und nach mit nach Hause.

Seitdem sind ihre Besuche seltener geworden. Die alte, kranke Mutter, den Blick starr auf die Armlehne ihres Lehnstuhls gerichtet, zählt die Tage, die seit ihrem letzten Besuch vergangen sind; und es ist seltsam, daß für sie und für die drei Töchter mit der gerunzelten Stirn diese Tage immer mehr werden, viel zu viel, während für den nicht zurückkehrenden Cesarino die Zeit nie vergeht; es ist, als wäre er gestern fortgefahren, Cesarino, ja sogar, als wäre er gar nicht fortgefahren, sondern nur aus dem Haus gegangen und müßte von einem Augenblick zum anderen zurückkommen, um sich mit ihnen an den Tisch zu setzen und dann dort in seinem bereitstehenden Bettchen schlafen zu gehen. 

Der Zusammenbruch kommt für die arme Mutter, als sie erfährt, daß Claretta sich wieder verlobt hat.

Sie war zu erwarten, diese Nachricht, denn schon seit zwei Monaten hat Claretta sich nicht mehr blicken lassen. Aber die drei Schwestern, die weniger alt und daher weniger schwach sind als die Mutter, beharren auf ihrem Nein, diesen Verrat hätten sie nicht erwartet. Sie wollen um jedem Preis dem Zusammenbruch standhalten, und sie sagen, Claretta habe sich nicht deshalb mit einem anderen verlobt, weil Cesarino tot ist und sie deshalb wirklich keinen Grund haben konnte, immer noch auf seine Rückkehr zu warten, sondern deshalb, weil sie nach sechzehn Monaten des Wartens müde geworden sei. Sie sagen, daß ihre Mutter nicht deshalb stirbt, weil die neue Verlobung Clarettas ihr die immer schon schwache Illusion zum Einsturz gebracht hat, ihr Sohn könnte zurückkehren, sondern wegen des Kummers, den ihr Cesarino bei seiner Rückkehr über diesen grausamen Verrat Clarettas empfinden wird.

Und die Mutter sagt vom Bett aus: Ja, sie stürbe tatsächlich wegen dieses Kummers; aber in den Augen steht ihr so etwas wie ein Lachen des Lichts.

Die drei Töchter sehen sie an, diese Augen, mit einem traurigen Gefühl des Neids. Sie wird binnen kurzem nachsehen gehen, ob er dort ist; sie wird die Bangigkeit des langen Wartens hinter sich lassen; sie wird Sicherheit haben; aber sie wird nicht zurückkehren können, um ihnen davon zu berichten.

Sie würde am liebsten sagen, die Mutter, daß es dieses Berichts gar nicht bedarf, weil sie jetzt schon sicher ist, daß sie ihn dort drüben finden wird, ihren Cesarino. Aber nein, sie sagt es nicht; sie empfindet ein großes Mitleid für ihre drei armen Töchter, die allein zurück­bleiben, und die so dringend des Gedankens und des Glaubens daran bedürfen, daß Cesarino noch lebt, für sie lebt, und daß er eines Tages zurückkommen muß; und da, da verschleiert sie sanft das Licht in ihren Augen und will bis zum letzten, bis zum letzten an der Illusion ihrer drei Töchter anhängen, damit diese Illusion noch aus ihrem letzten Atemzug genährt wird und für sie lebendig bleibt. Mit dem letzten Hauch von Stimme flüstert sie:

"Ihr werdet ihm sagen, daß ich so sehr auf ihn gewartet habe..." 

In der Nacht brennen die vier Totenkerzen an den vier Ecken des Bettes, und von Zeit zu Zeit knistern sie ein wenig, so daß die lange gelbe Flamme gerade ein bißchen zu flackern beginnt.

So tief ist die Stille des Hauses, daß das Knistern dieser Kerzen, so leicht es auch ist, bis hinüber in das wartende Zimmer, zu dieser gelb gewordenen Kerze dringt, die seit sechzehn Monaten auf dem Kleeblatt des Leuchters festgeklemmt ist, zu dieser von den beiden grimassenschneidenden Figuren auf der Zündholzschachtel verlachten Kerze, und bei jedem Knistern scheint es, als zucke sie zusammen, um aus diesem Zucken heraus auch für sich eine Flamme aufflackern zu lassen, damit auch sie Totenwache halten kann bei einem anderen Toten hier, auf dem unberührten Bett.

Und für diese Kerze ist es eine Art Revanche. Tatsächlich ist an diesem Abend das Wasser in der Flasche nicht gewechselt und auch das Nachthemd nicht aus dem Kleidersack geholt und auf den zurückgeschlagenen Decken ausgebreitet worden. Und der Wandkalender zeigt das Datum von gestern.

Für einen Tag ist sie stehen geblieben, die Illusion des Lebens in diesem Zimmer, und es scheint, als wäre es für immer.

Nur die alte Bronzeuhr auf der Kommode fährt fort, düsterer und verdrossener denn je in diesem dunklen Warten ohne Ende von der Zeit zu reden. 

 

* * *

 

© Michael Rössner.

LUIGI PIRANDELLO 1867 - 1936 - Novellen

Der Freudensprung - (La rallegrata - 1922)

Italienische Version

 

Erstveröffentlichung im Corriere della Sera vom 26. Oktober 1913.

Keine wesentlichen Varianten. 

 

aus dem Italienischen von Michael Rössner

 

Kaum war der Stallmeister, noch heftiger fluchend als gewohnt, fortgegangen, wandte sich Fofo an Nero, seinen Nachbarn an der Futterkrippe, der neu war, und seufzte:

"Ich habe verstanden! Schabracken, Schleifen und Federbüsche. Na, du fängst gut an, mein Lieber! Heute ist es erster Klasse."

Nero wandte den Kopf nach der anderen Seite. Er schnaubte nicht, denn er war ein wohlerzogenes Pferd. Aber er wollte keine Vertraulichkeiten mit diesem Fofo.

Er kam schließlich aus einem fürstlichen Stall, wo man sich in den Wänden spiegeln konnte. Futterkrippen aus Buchenholz in jeder Box, Messingglöckchen, lederbezogene Querstangen und Pfeiler mit blitzenden Knöpfen darauf.

Tja!

Der junge Fürst, der nun ganz diesen lärmenden Karossen ergeben war, die - Pardon: Gestank - verursachen, aber auch Rauch hinten rausblasen und ganz allein davoneilen, dem genügte es nicht, daß er sich dreimal schon ums Haar damit den Hals gebrochen hätte; gleich nachdem die alte Fürstin von der Lähmung befallen worden war (die hatte ja von diesem Teufelszeug nie etwas wissen wollen, Gott segne sie dafür!), hatte er sich beeilt, ihn und Corbino, die letzten, die im Stall zurückgeblieben waren, um den gemütlichen Landauer der Mutter zu kutschieren, loszuwerden.

Armer Corbino, wer weiß, wo er gelandet war, nach so vielen Jahren ehrenhaften Dienstes!

Der gute Giuseppe, der alte Kutscher, hatte ihnen versprochen, er würde ein gutes Wort für sie einlegen, wenn er zusammen mit den anderen treuen alten Dienstboten der Fürstin, die nun auf ewig an den Lehnstuhl gefesselt war, seine Aufwartung machte, um ihr die Hand zu küssen.

 

Ach was! Nach der Art zu schließen, mit der der gute Alte, als er wenig später zurückgekehrt war, ihnen den Nacken und die Flanken streichelte, hatten sie einer wie der andere gleich begriffen, daß alle Hoffnung verloren und ihr Schicksal besiegelt war. Sie würden verkauft werden.

Und tatsächlich...

Nero verstand noch immer eigentlich nicht, wo er hingeraten war. Ganz schlecht hatte er es nicht getroffen. Natürlich war es nicht der Stall der Fürstin. Aber ein guter Stall war das hier auch. Mehr als zwanzig Pferde, alle dunkel und alle schon ein bißchen alt, aber gut aussehend, würdig und voll eindruckgebietenden Ernstes. Tja, Ernst hatten sie vielleicht sogar zuviel!

Daß die anderen begriffen, zu welchem Behufe sie hier Dienst taten, da hatte Nero so seine Zweifel. Es schien ihm, als dächten sie alle im Gegenteil ohne Unterlaß darüber nach, ohne doch je auf einen grünen Zweig zu kommen. Dieses langsame Schaukeln der buschigen Schweife, dieses Scharren der Hufe von Zeit zu Zeit... das waren sicher nachdenkliche Pferde.

Nur dieser Fofo war sicher, überaus sicher, er hätte alles ganz und gar verstanden.

Ein vulgäres und eingebildetes Tier!

Ein Militärklepper, nach drei Dienstjahren ausgegliedert, weil - wie er erzählte - ein Rüpel von einem abruzzesischen Kavalleristen ihn zuschanden geritten hatte - und jetzt redete er in einem fort.

Nero, der in seinem Herzen noch großen Kummer über den Verlust seines alten Freundes trug, konnte ihn einfach nicht ertragen. Am ärgsten fand er diese Vertraulichkeit im Umgang, und dann dieses ständige Schimpfen über die Stallgefährten.

Mein Gott, was für eine Lästerzunge!

Von zwanzig Pferden blieb nicht ein einziges verschont! An einem war dies, am anderen jenes auszusetzen.

"Der Schweif... na sieh doch nur mal her, bitte, ob das wirklich ein Schweif sein soll! Ob man so einen Schweif bewegen darf! Welches Feuer, hm?

- Na, das ist das Pferd eines Arztes, das sag ich dir.

- Und da, da drüben, na sieh dir mal diesen hübschen kalabresischen Ackergaul an, mit welcher Grazie er seine Schweinsohren umlegt. Und was für eine herrliche Mähne! Was für eine schöne Kinngrube! Na, der ist auch ziemlich feurig, was meinst du?

- Alle Augenblicke vergißt er, daß er ein Wallach ist, und will es am liebsten mit der Stute da drüben treiben, drei Boxen weiter rechts, siehst du sie? Mit dem Kopf einer alten Mähre, vorne niedrig gebaut, der Bauch hängt ihr fast bis zur Erde.

- Was, das soll eine Stute sein? Eine Kuh ist das, sage ich dir! Und wenn du wüßtest, wie die mit schulmäßigem Tritt marschiert! Sieht aus, als würde sie sich die Hufe verbrennen, wenn sie den Boden berührt. Und dabei heimst sie Schmeicheleien ein, mein Freund, ich sag dir's! Naja, sie ist noch grün ums Maul. Sie muß noch die Straßenecken abschneiden, stell dir vor!" 

Vergeblich zeigte Nero in jeder nur möglichen Weise diesem Fofo, daß er nicht mehr zuhören wollte. Fofo begann immer mehr gegen die anderen zu wüten.

Um ihn zu ärgern natürlich.

"Weißt du, wo wir sind? In einem Transportunternehmen. Da gibt es viele Arten davon. Unseres heißt Bestattungsinstitut.

- Weißt du, was Bestattungsinstitut bedeutet? Es bedeutet, daß man einen schwarzen, seltsam geformten Wagen zieht, sehr hoch, mit vier Säulen, die einen über und über mit Borten, Paramenten und Goldverzierungen geschmückten Baldachin tragen. Mit einem Wort, einen ordentlichen Luxuswagen. Aber das Ganze ist vergeudet, ob du's glaubst oder nicht! Alles vergeudet, denn einsteigen tut nie einer.

- Nur der Kutscher, todernst, auf den Bock.

- Und es heißt langsam gehen, immer nur im Schritt. Tja, da ist keine Gefahr, daß du schwitzt und sie dich bei der Rückkehr abreiben, oder daß der Kutscher dir je eins mit der Peitsche überzieht oder dich sonst irgendwie antreibt!

- Langsam - langsam - langsam.

- Wo du ankommen sollst, da kommst du immer noch früh genug an.

- Und dieser Wagen - das hab' ich sehr wohl verstanden - der muß für die Menschen Gegenstand einer besonderen Verehrung sein.

- Wie ich dir schon gesagt habe: niemand will auf ihn aufsteigen. Alle ziehen, kaum daß sie ihn vor einem Haus stehen sehen, so gewisse, angstvolle Gesichter; einige umringen ihn mit brennenden Kerzen; und dann, kaum, daß wir uns in Bewegung setzen, schreitet eine ganze Menge von ihnen mucksmäuschenstill hinterdrein.

- Oft geht vor uns auch noch eine Musikkapelle. Eine Kapelle, mein Lieber, die spielt so eine gewisse Musik, die reißt dir die Eingeweide aus dem Leib.

- Übrigens, hör mal gut zu, du hast die üble Angewohnheit zu schnauben und den Kopf zu sehr hin und her zu werfen. Also diese Mätzchen mußt du dir wieder abgewöhnen. Wenn du schon ohne jeden Grund schnaubst, was wird dann erst sein, wenn du diese Musik anhörst!

- Unser Dienst ist eher ruhig, das bestreitet keiner; aber es braucht Gefaßtheit und Feierlichkeit dafür. Kein Schnauben, kein Scharren. Ist schon mehr als genug, wenn sie dir zugestehen, dann und wann kaum merklich den Schweif hin- und herzubewegen.

- Denn der Wagen, den wir ziehen, ich sag dir's noch einmal, der ist Gegenstand einer besonderen Verehrung. Du wirst sehen, alle nehmen den Hut ab, wenn sie uns vorüberkommen sehen.

- Weißt du, wann ich begriffen habe, daß es sich um ein Transportunternehmen handeln muß? Ich habe es erschlossen, und zwar aus folgender Geschichte:

- Vor etwa zwei Jahren stand ich mit einem unserer geschlossenen Wagen vor dem großen Eisentor, das unser ständiges Fahrtziel ist.

- Das wirst du noch kennenlernen, dieses große Eisentor! Dahinter sind viele schwarze, spitz aufragende Bäume, die in zwei unendlichen Reihen kerzengerade aufragen, und zu beiden Seiten dieser Bäume wunderschöne grüne Wiesen mit vielen fetten Gräsern - auch verschwendet, denn wehe, wenn du mal im Vorübergehen die Lippen danach ausstreckst.

- Na gut. Ich stand da also still, da kommt plötzlich mein alter Kamerad aus dem Militärdienst neben mich zu stehen, ziemlich schlimm heruntergekommen: er zog, stell dir nur vor, einen eisenbeschlagenen Wagen, einen von diesen langen, niedrigen, ohne Federung. Er sagt zu mir:

- Siehst du mich? Ach Fofo, ich kann nicht mehr!

- "Was hast du für einen Dienst?", frag' ich ihn. Und er darauf: "Kistenführen, den ganzen Tag, von einem Transportunternehmen zum Zoll."

- "Kisten?", frag' ich. "Was für Kisten?"

- "Schwere Kisten!", antwortet er. "Kisten voll mit Zeug, das verschickt werden soll."

- Das war für mich eine Offenbarung. Denn du mußt wissen, so eine ganz lange Kiste transportieren wir auch. Sie schieben sie ganz sachte (immer alles ganz, ganz sachte) von hinten auf unseren Wagen; und während sie diese Operation vornehmen, entblößen die Leute ringsum das Haupt und blicken ganz verstört. Wer weiß, warum! Aber natürlich, wenn wir auch Kisten führen, dann müssen wir wohl auch ein Transportunternehmen sein, was meinst du?

- Was zum Teufel mag in dieser Kiste drinnen sein? Ein Gewicht hat die, na, das möchte man nicht glauben. Ein Glück, daß wir immer nur eine auf einmal führen.

- Na, sicher ist es auch so ein Zeug, das verschickt werden soll. Was für ein Zeug das ist, weiß ich allerdings nicht. Es scheint aber sehr wertvoll zu sein, denn der Transport geschieht voller Pomp und mit großer Begleitung.

- Nach einer gewissen Zeit bleiben wir meistens (nicht immer) vor einem prunkvollen Bau stehen; das ist vermutlich das Zollamt, das für unsere Transporte zuständig ist. Aus dem Tor kommen so gewisse Leute in einer schwarzen Soutane und mit Hemdchen darüber (das sind, glaube ich, die Zöllner); die Kiste wird vom Wagen heruntergehoben; alle entblößen wieder den Kopf; und die Zöllner zeichnen ihr Laissez-passer auf die Kiste.

- Wo dann das ganze wertvolle Zeug hinkommt, das wir transportieren, das, siehst du, das habe ich noch nicht herausfinden können. Aber ich habe so einen gewissen Zweifel, daß die Menschen das selbst auch nicht so genau wissen, und damit tröste ich mich.

- Natürlich, die prächtige Ausführung der Kisten und der festliche Pomp könnten einen glauben machen, die Menschen müßten etwas über diese Transporte wissen. Aber ich sehe andererseits, wie unsicher und verstört sie sind. Und aus meinem langen Umgang mit ihnen habe ich das gelernt, mein Lieber: die Menschen tun so viele Dinge, ohne auch nur im geringsten zu wissen, weshalb." 

Wie es sich Fofo an jenem Morgen bei dem Fluchen des Stallmeisters ausgemalt hatte: Schabracken, Schleifen, Federbüsche. Im Viergespann. Na, das war wirklich erster Klasse.

"Siehst du? Hab ich's dir nicht gesagt?"

Nero fand sich neben Fofo an die Deichsel gespannt. Und Fofo fuhr natürlich fort, ihm mit seinen ewigen Erklärungen auf die Nerven zu fallen.

 

Aber an diesem Morgen war Fofo selbst etwas auf die Nerven gefallen: die Unverschämtheit des Stallmeisters, der ihn im Viergespann immer an die Deichsel spannte und nie in den Vorspann nahm.

"Ein Hund ist das! Denn die zwei da vor uns, das weißt du ja, die sind ja nur Komparserie. Ziehen sollen die? Einen Dreck ziehen sie! Wir ziehen allein. Es geht ja so langsam dahin! Na, für die ist das nur ein hübscher Spaziergang in Galaaufmachung, um sich die Beine zu vertreten. Und sieh mal, was für miese Typen mir da vorgezogen werden! Siehst du sie?"

Es handelte sich um die beiden Schwarzen, die Fofo als Arztpferd und kalabresischen Klepper abqualifiziert hatte.

"Dieser miese Kalabreser! Na, den hast zum Glück du vor dir! Na, du wirst's ja riechen, mein Lieber, du wirst's schon merken, daß er die Ohren nicht das einzige sind, was er vom Schwein hat, und dann wirst du dem Stallmeister danken, daß er seinem Protektionskind stets die doppelte Ration Hafer gibt. Glück muß man haben in dieser Welt, nicht schnauben! Jetzt schon fängst du damit an? Ruhig halten, den Kopf! He, wenn du dich so aufführst, mein Lieber, dann wirst du dir vor lauter Zügelreißen heute noch ein blutiges Maul holen, das sag' ich dir. Heute gibt's auch noch Reden. Na, du wirst sehen, wie schön das ist. Eine Rede, zwei Reden, drei Reden... Einmal hab'ich sogar eine Erste-Klasse-Fahrt mit fünf Reden erlebt! Zum Aus-der-Haut-fahren ist das. Drei Stunden stillstehen, mit diesem ganzen Firlefanz rundherum, der dir den Atem raubt: die Beine gefesselt, den Schweif eingesperrt, die Ohren in zwei Löchern steckend. Was das ist, Reden? Tja! Ehrlich gesagt habe ich da nicht viel Ahnung. Diese Transporte erster Klasse müssen wohl besonders kompliziert sein. Und mit diesen Reden geben sie vielleicht die notwendigen Erklä­rungen dazu. Eine allein genügt nicht, also halten sie zwei. Und zwei genügen nicht, also müssen es drei sein. Manchmal werden sogar fünf gehalten, wie ich dir eben erzählt habe; ich bin da dabei gewesen, und es überkam mich, daß ich am liebsten nach allen Seiten ausgeschlagen hätte, um mich dann auf dem Boden zu wälzen wie ein Verrückter. Vielleicht ist es heute genauso. Ja, große Gala! Hast du den Kutscher gesehen, wie auch der sich herausgeputzt hat? Und dann sind auch die Diener dabei, die Fackelträger. Sag, bist du geruchsanfällig?"

"Ich verstehe nicht."

"Na, hör mal, ob du leicht scheu wirst. Denn du wirst gleich sehen, die brennenden Kerzen, die halten sie dir direkt unter die Nase... Sachte, hee... sachte! Was ist denn in dich gefahren? Siehst du? Ein erster Riß am Zügel... Hat's weh getan? Na, da wirst du heute noch einige davon einheimsen, das sag ich dir. Ja, was tust du denn? Bist du verrückt geworden? Streck doch den Hals nicht so heraus! (Na bravo, Schätzchen, willst du schwimmen? Spielst du Fingerzählen?). Halt doch still... Ja, siehst du? Da hast du noch ein paar... Hee, sag ich, paß auf, jetzt reißt er mich auch noch am Maul deinetwegen! Ja, der ist doch übergeschnappt! Gott, mein Gott, der ist tatsächlich übergeschnappt! Der prustet, wiehert, schnaubt, bäumt sich auf, was ist denn? Ja, sieh mal, was für ein Freudensprung. Der ist übergeschnappt! Total übergeschnappt! Tut doch glatt einen Freudensprung, während er einen Wagen erster Klasse zieht!"

Nero erschien tatsächlich wie übergeschnappt: er schnaubte, wieherte, stampfte, und zitterte am ganzen Leib. In höchster Eile mußten die Diener vom Wagen springen, um ihn vor dem Tor des Palais, vor dem sie halten solten, zum Stehen zu bringen, inmitten einer prächtig herausgeputzten Menschenmenge in langen Röcken und Zylinderhüten.

"Was ist da los?", riefen die Leute von allen Seiten. "Oh, sieh doch, eines der Pferde des Leichenwagens scheut!"

Und alle umringten in hellem Aufruhr den Wagen, neugierig, verwundert, entsetzt. Den Dienern gelang es noch immer nicht, Nero zu beruhigen. Der Kutscher war aufgesprungen und zerrte wütend an den Zügeln. Vergeblich. Nero fuhr fort zu stampfen und zu wiehern, er wimmerte, den Kopf gegen das Portal des Palais gewandt.

Er beruhigte sich erst, als aus diesem Portal ein alter Diener in Livrée herauskam, der die Bestattungsangestellten beiseiteschob, ihn am Zügel packte und sogleich, kaum daß er ihn erkannt hatte, mit Tränen in den Augen ausrief:

"Aber das ist ja Nero! Das ist Nero! Ach, mein armer Nero, kein Wunder, daß du dich so aufführst! Das Pferd der Gnädigen Frau! Das Pferd der armen Fürstin! Es hat ihr Palais wiedererkannt, es riecht den Geruch seines Stalles. Armer Nero, armer Nero... brav, brav... so, siehst du? Ich bin's ja, dein alter Giuseppe. Sei schön brav, ja... Armer Nero, gerade du mußt sie fahren, siehst du: deine Herrin. Du mußt es tun, mein Armer, der du dich noch an sie erinnerst. Aber sie wird sich freuen, daß du sie auf ihrem letzten Weg ziehst."

Dann wandte er sich an den Kutscher, der, außer sich über den schlechten Eindruck, den sein Bestattungsunternehmen vor all diesen Herrschaften machte, weiterhin wütend an den Zügeln riß und mit der Peitsche drohte, und rief ihm zu: "Schluß jetzt! Hör auf! Ich halte ihn schon zurück. Er ist ja sanft wie ein Lamm. Setz dich hin. Ich werde ihn während der ganzen Fahrt führen. Gehen wir miteinander, was, Nero? Unsere gute Gnädige Frau abliefern. Schön sachte, wie gewohnt, was? Und du wirst brav sein, um ihr nicht weh zu tun, armer alter Nero, der du dich noch an sie erinnerst. Sie haben sie schon in der Kiste eingeschlossen. Jeden Moment werden sie sie heruntertragen.

Fofo, der auf der anderen Seite der Deichsel lauschte, warf an dieser Stelle die verblüffte Frage ein:

"Im Sarg liegt deine Herrin?"

Nero versetzte ihm einen Huftritt von der Seite.

Aber Fofo war zu sehr in seine neue Erkenntnis versunken, um ihm das übel zu nehmen.

"Ja, dann", fuhr er, zu sich selbst gewandt, fort: "Ja, dann also tun wir... sieh mal, sieh mal an... ich wollte es doch gleich schon sagen... Dieser Alte weint; so viele andere habe ich schon weinen gesehen, bei anderen Gelegenheiten... und so viele erschrockene Gesichter... und diese traurige Musik. Jetzt begreife ich alles, alles begreife ich... Deshalb ist also unser Dienst so langsam! Nur wenn die Menschen weinen, können wir fröhlich sein und uns erholen..."

Und er hatte gute Lust, nun seinerseits einen Freudensprung zu tun. 

 

* * *

 

© Michael Rössner.

LUIGI PIRANDELLO 1867 - 1936 - Novellen

Der großen Verblichenen - (L' illustre estinto – 1928)

Italienische Version

 

 

Erstveröffentlichung in der Zeitschrift La lettura vom November 1909. Keine wesentlichen Varianten bekannt.

 

aus dem Italienischen von Michael Rössner 

I.

Im Bett aufgesetzt, damit das Asthma ihn nicht ersticke, kraftlos hingesunken auf die aufgetürmten Kissen blickte der Herr Abgeordnete Costanzo Ramberti durch die halbgeschlossenen, angeschwollenen Lider auf den Sonnenstrahl, der zum Fenster hereindrang, sich auf seinen Beinen ausbreitete und dort den Flaum eines grauen Wollschals mit schwarzen Karos vergoldete.

Er fühlte sich sterben; er wußte, daß es für ihn keine Rettung mehr gab, er hatte sich bereits ganz in sich zurückgezogen, verbot sich selbst, den Blick weiter als bis zu den Enden des Bettes durch das Zimmer schweifen zu lassen; nicht einmal so sehr deshalb, weil er sich ganz auf den Gedanken des unmittelbar bevorstehenden Endes konzentrieren wollte, als vielmehr aus Furcht, wenn er den Blick auch nur ein bißchen weiter schweifen ließe, könnte ihn der Anblick der Gegenstände ringsumher ihn mit einem gewissen Bedauern zu den Beziehungen zurückrufen, die ihn noch mit dem Leben verbinden mochten, und die der Tod binnen kurzer Zeit endgültig abschneiden würde.

Solcherart in sich versammelt, klein geworden in diesen übermäßig engen Grenzen, fühlte er sich sicherer, geschützter, beinahe geborgen. Und wenn er so seine ganze Konzentration auf die Betrachtung der nichtigsten Dinge aufwendete, der feinen, zu Löckchen gekrümmten und von der Sonne vergoldeten Wollfäden dieses Schals, dann genoß er solcherart die Länge der Zeit, all seiner Zeit, die nur noch Stunden betragen mochte, oder auch noch einen oder den anderen Tag; zwei oder drei; vielleicht auch - allerhöchstens - noch eine Woche. Aber wenn eine Minute unter diesen Winzigkeiten so langsam verstrich, hm, dann hätte er ja noch Zeit, des ganzen müde zu werden - jawohl, geradezu müde zu werden - wenn es eine Woche dauerte. Auf diese Weise ging eine Woche ja nie zu Ende!

 

Die Müdigkeit jedoch, die er bereits zu spüren begann, die hatte nichts mit diesem Dehnen der Zeit zwischen den Härchen seines Schals bis hin zur Ewigkeit zu tun: sie war das Resultat seiner Anstrengungen, sich am Denken zu hindern.

Ja, woran wollte er denn noch denken? An seinen Tod? Eher schon... ja, das war's: Er hätte sich all das ausmalen können, was danach passieren würde. Ja, auch das wäre ein Weg gewesen, zu verhindern, daß - wenigstens für seine verwirrten Gedanken, denen die Tröstung der Religion ermangelte - das Leben mit einem Mal - und binnen kurzer Frist - sich wie in Nichts auflöste; eine Methode, noch ein wenig hierzubleiben, für kurze Zeit, vor den Augen der anderen wenigstens, wenn schon nicht vor den eigenen.

Und der Abgeordnete Costanzo Ramberti war mutig genug, sich selbst tot vor sich zu sehen, so wie die anderen ihn sehen würden; so wie er so viele andere gesehen hatte: tot und steif, hier auf diesem Bett; die Füße zusammengekrampft, in den zu engen Lackschuhen; wachsbleich im Gesicht und eiskalt, die Hände fast zu Stein geworden; würdevoll und... aber ja, auch elegant, in seinem schwarzen Anzug, unter den vielen Blumen, die rund um seinen Körper und auf dem Kissen aufgelegt waren.

Der Frack mußte dort im Koffer liegen, zusammen mit der neuen Uniform, dem Degen und dem Minister-Zweispitz.

Einstweilen zog er die Füße an und betrachtete sie, um einmal die Probe zu machen. Er fühlte etwas wie ein Kitzeln am Bauch; er hob eine Hand und strich sich die Haare auf dem Kopf glatt, dann zupfte er an seinem rötlichen, über dem Kinn geteilten Bart. Er dachte, wenn er einmal tot wäre, würde ihm sein Privatsekretär diesen Bart kämmen und die wenigen Haare auf dem Kopf frisieren, der Cavaliere Spigula-Nonnis, der ihn seit so vielen Tagen und Nächten betreute, der arme Kerl, mit ergebener Zuneigung, ohne ihn auch nur einen Augenblick allein zu lassen, ganz verzweifelt, am Fußende des Bettes stehend, weil er ihm in keiner Weise seine Leiden erleichtern konnte.

Aber er half ihm doch auch, der Cavaliere Spigula-Nonnis, ohne es zu wissen: er half ihm, in Würde zu sterben, wie ein Philosoph. Wäre er allein gewesen, hätte er vielleicht begonnen zu toben, zu weinen, in verzweifelter Wut zu schreien; mit dem Cavaliere Spigula-Nonnis am Fußende seines Bettes, der ihn "Exzellenz" titulierte, ließ er sich keinen lauten Atemzug entschlüpfen: er starrte aufmerksam, beinahe verwundert, vor sich hin, ein leises Lächeln auf den Lippen.

Ja, die Gegenwart dieses armseligen, spindeldürren, kurz­sichtigen Menschen hielt ihn noch an einem nun schon sehr dünn gewordenen Faden auf der Bühne, in seiner Rolle, bis zum letzten Atemzug. Innerlich verzweifelte er vor Angst und Schreck angesichts dieses gar so dünnen Fadens, denn er konnte gar nicht anders als die Nichtigkeit und Vergeblich­keit dieser Anstrengung zu empfinden, mit der sich seine ganze Seele daran klammerte, in alledem sehr ähnlich der Verzweiflung, die er so oft mit grausamer Neugier bei irgendeinem Tierchen im Todeskampf beobachtet hatte, bei einem ins Wasser gefallenen Insekt etwa, das sich an ein schwimmendes Flöckchen oder Härchen zu klammern versuchte.

All diese Dinge, mit denen er die Leere ausgefüllt hatte, in der ihm nun das Leben vor den Augen schwirrte, waren in der Person des Cavaliere Spigula-Nonnis verkörpert: seine Autorität, sein Ansehen, eitle Dinge, die er zu verlieren begann, die keinen Wert mehr besaßen, die aber aus der Leere, die ihn binnen kurzem verschlucken würde, hervor­stachen wie Traumlarven, Winzigkeiten des Lebens, die noch für kurze Zeit nach seinem Tod, das konnte er voraussehen, um ihn herumtanzen würden, um sein Bett, um seine Bahre.

Dieser Cavaliere Spigula-Nonnis würde ihn also waschen, ankleiden und kämmen, liebevoll, aber doch mit einem gewissen Anflug von Ekel. Ekel empfand übrigens auch er bei dem Gedanken, daß sein Fleisch, sein nackter Körper von den großen, knochigen Händen dieses Mannes berührt und von ihm angeschaut werden sollte. Aber andere Menschen hatte er nicht: keinen einzigen Verwandten, weder nah noch entfernt. Er starb allein, wie er stets gelebt hatte; allein, in dieser hübschen Villa in Castel Gandolfo, die er in der Hoffnung gemietet hatte, nach zwei bis drei Monaten der Erholung würde er wieder ganz zu Kräften kommen. Er war doch kaum fünfundvierzig Jahre alt!

Aber er hatte sich eben selbst umgebracht, wie ein Vieh, mit eigenen Händen; er selbst hatte sich den Lebens­faden durchgeschnitten, vor lauter Arbeitswut und starrsinnigem, erbittertem Kampf. Und als es ihm endlich gelungen war, den Sieg zu fassen zu kriegen, da trug er den Tod schon im Leibe, den Tod, der sich schon seit einer ganzen Weile in seinen Körper eingeschlichen hatte. Als er zum König gegangen war, um den Eid zu leisten; als er, nach außen hin in gefaßter Betroffenheit, innerlich aber jauchzend, die Glückwünsche seiner Kollegen und der Freunde entgegengenommen hatte, trug er den Tod im Leib und wußte es nicht. Vor zwei Monaten, eines Abends, hatte dieser unversehens einmal nach seinem Herzen gegriffen und zugedrückt, ihn röchelnd mit dem Kopf auf seinem Ministerschreibtisch im Ministerium für öffentliche Arbeiten zurücklassend.

Alle Zeitungen der Opposition, die sich so böse über seine Ernennung ausgelassen hatten und sie als unver­schämte Günstlingswirtschaft des Ministerpräsidenten abgetan hatten, würden nun bei dem Bericht über seinen viel zu frühen Tod vielleicht seine Verdienste berücksichtigen, seine langen und geduldig vorangetriebenen Studien, seine ständige, einzige, alles andere absorbierende Leidenschaft für das Gemeinwesen, die Begeisterung, die er stets bei der Erfüllung seiner Pflichten als Abgeordneter und später für kurze Zeit als Minister an den Tag gelegt hatte. Tja! Derartige Trostworte kann man ruhig einem spenden, der uns verlassen hat, und das umso mehr, als die Freundschaft, die berühmte Protektion des Ministerpräsidenten nicht so weit gegangen waren, daß er ihm auch noch die Gunst gewährt hätte, wenigstens als Minister zu sterben. Sofort nach diesem Schlaganfall hatte man ihm in schön verklausulierter Form zu verstehen gegeben, daß es wohl angebracht wäre - nun, natürlich nur aus Rücksicht auf seine Gesundheit, nichts weiter - von seinem Amt zurückzutreten.

So würde also nicht einmal für die der Regierung nahe­stehenden Blätter sein Tod eine "regelrechte Staatstrauer" bedeuten. Aber jedenfalls würde er für alle ein "großer Verblichener" sein, das wohl, ohne jeden Zweifel. Und alle würden sein "viel zu frühes Heimgehen" bedauern, durch das er "aus der vollen Blüte eines Lebens gerissen wurde, in dem er dem Vaterland sicher noch viele große und wertvolle Dienste hätte leisten können", usw. usf.

Vielleicht würden, angesichts der örtlichen Nähe und der kurzen Zeit, die seit seinem Ausscheiden aus dem Ministeramt verstrichen war, Seine Exzellenz der Minister­präsident und seine ehemaligen Ministerkollegen sowie die Staatssekretäre und viele befreundete Abgeordnete aus Rom kommen und ihn tot da liegen sehen, in diesem Zimmer, das der Bürgermeister des Ortes, um sich Anerkennung zu sichern, gemeinsam mit dem Cavaliere Spigula-Nonnis in eine Aufbahrungshalle verwandeln würde, mit Lorbeerbaumkistchen und anderen Pflanzen, Blumen und Kerzenleuchtern. Alle würden mit entblößtem Haupt eintreten, an der Spitze der Ministerpräsident: sie würden ihn eine Zeitlang betrachten, stumm, beklommen, bleich, mit dieser vom instinktiven Schauer gebremsten Neugier, die er selbst so oft vor so vielen anderen Toten empfunden hatte. Ein feierlicher und berührender Augenblick.

"Armer Ramberti!"

Und dann würden sich alle nach drüben zurückziehen, um zu warten, bis man ihn in dem bereitstehenden Sarg einge­schlossen hätte.

Valdana, seine Geburtsstadt, Valdana, das ihn seit fünfzehn Jahren immer wieder zum Abgeordneten des Wahlkreises bestimmte, Valdana, die Stadt, für die er so viel getan hatte, würde sicherlich seine sterblichen Überreste für sich beanspruchen. Und der Bürgermeister von Valdana würde sich mit zwei oder drei Stadträten einfinden, um dem Leichnam das Geleit zu geben.

Die Seele... tja, die Seele wäre da wohl schon eine geraume Zeit fort, und wer weiß wo angekommen...

Der Abgeordnete Costanzo Ramberti kniff die Augen zusammen. Er versuchte sich an eine alte Definition der Seele zu erinnern, die ihm sehr gefallen hatte, als er noch Student der Philosophie an der Universität war: "Die Seele ist jene Essenz, die in uns Bewußtsein von sich selbst und der außer uns befindlichen Dinge gewinnt". Jawohl. So war es... Es war die Definition eines deutschen Philosophen.

"Was für eine Essenz?", dachte er nun. "Was soll das heißen? Dieses gewisse Ding, "das ist", unleugbar ist, und um dessentwillen ich, solange ich am Leben bin, mich von meinem Ich nach dem Tod unterscheide. Das ist klar! Aber ist diese Essenz in mir für sich selbst da oder nur insoferne es mich gibt? Zwei ganz verschiedene Fälle. Ist sie für sich da, und wird sie nur in mir ihrer selbst bewußt, wird sie dann außerhalb meines Ich kein Bewußtsein mehr haben? Und was wird sie dann also sein? Etwas, was ich nicht bin, was sie selbst nicht ist, solange sie in mir steckt. Einmal hinausgetreten, wird sie sein, was sie sein wird... wenn sie noch sein wird! Denn es gibt ja noch die andere Möglichkeit: nämlich, daß sie nur ist, insoferne auch ich bin; so daß also, wenn ich einmal nicht mehr da bin..."

"Cavaliere, einen Schluck Wasser, bitte..."

Der Cavaliere Spigula-Nonnis sprang in die Höhe und richtete sich zu seiner ganzen Länge auf. Er schüttelte die Müdigkeit aus den Gliedern, reichte ihm das Glas Wasser und fragte besorgt: "Exzellenz, wie fühlen Sie sich?"

Der Abgeordnete Costanzo Ramberti trank zwei Schluck: dann reichte er ihm das Glas zurück, lächelte seinen Sekretär blaß an, schloß wieder die Augen und seufzte: "Soso..."

Wo war er stehen geblieben? Er mußte also nach Valdana fahren. Die Leiche... Ja, es war besser, sich nur an die Leiche zu halten. Nun gut: sie packten sie am Kopf und an den Füßen an. In dem Sarg war bereits ein mit Sublimatwasser getränktes Leintuch aufgelegt, in das würden sie die Leiche einhüllen. Und dann der Spengler... Wie hieß bloß dieses lärmende Gerät mit der bläulichen Feuerzunge? Da war die Zinkplatte, die auf den Sarg geschweißt werden mußte; da der Deckel, den es anzuschrauben galt...

An diesem Punkt sah der Abgeordnete Costanzo Ramberti sich selbst im Sarg nicht mehr. Er blieb draußen und sah den Sarg, so wie andere ihn sehen würden: ein schöner Sarg aus Kastanienholz, in der geschwungenen Form einer Urne, glattpoliert, mit vergoldeten Beschlägen. Das Begräbnis und der Transport würden sicherlich auf Staatskosten gehen.

Und da, nun wurde der Sarg auch schon hochgehoben: er durchquerte die Zimmer, glitt die Treppen der Villa hinunter, bewegte sich durch den Garten, gefolgt von allen Kollegen, wiederum mit entblößtem Kopf und mit dem Ministerpräsidenten an der Spitze; er wurde in den Wagen der Gemeindeverwaltung geschoben, inmitten der ängstlichen und ehrfürchtigen Neugier der gesamten Bevölkerung, die zu diesem seltenen Schauspiel zusammengeströmt war.

Und auch hier ließ der Abgeordnete Ramberti den Sarg in den Wagen schieben und blieb draußen, um dem Wagen zuzu­sehen, der sich in der Begleitung so vieler Leuten langsam und feier­lich vom Ort zur Eisenbahnstation hinunterbewegte. Ein Waggon wartete schon, einer von denen mit der Aufschrift Pferde 8, Menschen 40, mit dem Aufbau aus vernagelten Brettern, in dem sollte der Sarg eingeschlossen werden. Der Abgeordnete Costanzo Ramberti sah, wie sein Sarg aus dem Wagen geholt wurde und folgte ihm auf den schmucklosen, staubigen Waggon, der sicherlich in Rom noch herausgeputzt und mit allen Kränzen geschmückt werden würde, die der König und die Regierung, die Gemeinde Valdana und alle Freunde schicken würden. Abfahrt!

Und der Abgeordnete Costanzo Ramberti folgte dem Zug, dessen letzter Waggon seinen Sarg transportierte, über eine sehr, sehr weite Strecke, bis zur Station Valdana; auch hier war der Bahnhof mit Schaulustigen überfüllt. Da waren sie ja, einer nach dem anderen, seine treuesten und engsten Freunde, die Provinzräte und Stadträte, einige ein wenig plump wirkend in dem ungewohnten schwarzen Anzug oder mit dem Zylinder auf dem Kopf. Ach, da war ja Robertelli!... ja, natürlich!... der gute Robertelli... er weinte, er drängte sich durch die Leute hindurch...

"Wo ist er? Wo ist er?"

Na, wo mochte er wohl sein? Da drinnen, im Sarg, lieber Robertelli. Na, na, immer nur einer auf einmal...

Aber der Abgeordnete Costanzo Ramberti sah diese Szene, als läge tatsächlich nicht er in diesem Sarg, der doch ziemlich schwer war, jawohl, er war schwer, und das zeigten die Magistratsbeamten deutlich, die da in Livree und weißen Handschuhen alle Mühe hatten, ihn auf die Schultern zu heben.

Er sah... ach, da war ja Tonni, der immer, der Ärmste, nur für eine abgezählte Frist Ausgang hatte, weil ihm seine wütend eifersüchtige Frau die Minuten vorrechnete - da stand er unruhig, ächzte, holte jeden Augenblick die Uhr aus der Tasche, verwünschte die einstündige Verspätung, mit der der Zug eingetroffen war, und die ihm die Frau sicherlich nicht glauben würde. Na, laß es gut sein, lieber Tonni, laß es gut sein. Deine Frau wird dir eine Szene machen; aber nachher wirst du dich wieder versöhnen. Du bleibst ja am Leben. Ins Jenseits dagegen geht man nicht zweimal. Hättest du lieber für deinen Freund, der dir doch so viel Gutes getan hat, ein Begräbnis in aller Stille? Laß es ruhig mit Pomp und Feier­lichkeit sein... Siehst du? Da ist auch der Herr Präfekt... Platz da, Platz da! Oh, sogar der Oberst ist gekommen... Ja natürlich! Er hatte ja auch Anrecht auf eine militärische Begleitung. Und auch die ganzen Schulen waren vertreten, mit den Fahnen all der verschiedenen Institute; und wie viele Fahnen noch von allen möglichen Vereinen! Ja, denn wenngleich er sich tatsächlich ganz und gar den höchsten Problemen der Staatspolitik, den brennendsten sozioökono­mischen Problemen verschrieben hatte, so hatte er doch nie die besonderen Sorgen seines Wahlkreises vergessen, der ihm für die vielen erwiesenen Wohltaten viel Dankbarkeit schuldete. Und vielleicht würde Valdana ihm diesen Dank mit einer marmornen Erinnerung am Rathaus abstatten, oder indem man eine Straße oder einen Platz nach ihm benannte; und einstweilen eben mit diesem festlichen Leichenzug... in Gedanken sah er die Hauptstraße der überall auf Halbmast beflaggten Stadt vor sich:

VIA COSTANZO RAMBERTI.

Und die Fenster, schwarz von all den Menschen, die auf den von acht prächtig aufgeputzten Pferden gezogenen, mit Kränzen bedeckten Wagen warteten. Und viele wiesen unterwegs mit dem Finger auf den Kranz des Königs, der der schönste von allen war. Der Friedhof lag dort unten, hinter dem Hügel, düster und einsam. Die Pferde gingen in langsamem Schritt, als wollten sie ihm Zeit geben, diese letzten Ehren zu genießen, die man ihm erwies und die sein Leben noch um ein kleines Stückchen über das Ende hinaus verlängerten... 

 

II.

All das malte sich der Abgeordnete Costanzo Ramberti am Vorabend seines Todes aus. Ein wenig durch seine eigene Schuld, ein wenig durch die Schuld anderer entsprach dann die Wirklichkeit nicht im geringsten seiner Vorstellung.

Er starb bereits in der Nacht, man weiß nicht, ob es im Schlaf geschah; sicher ist nur, daß es geschah, ohne daß er damit den Cavaliere Spigula-Nonnis störte, der, von Müdigkeit überwältigt, auf dem Lehnstuhl am Fußende des Bettes in einen tiefen Schlummer gefallen war. Da wäre weiter nichts dabei gewesen, hätte sich der Cavaliere Spigula-Nonnis, als er gegen vier Uhr morgens plötzlich aus dem Schlaf aufschreckte und ihn bereits kalt und steif vorfand, nicht so außergewöhnlich erschüttern lassen, erst von einem seltsamen Brummen im Zimmer, dann von dem Vollmond, der in seinem allmählichen Untergehen förmlich am Himmel stehenzubleiben schien, um diesen Toten da auf dem Bett zu betrachten, durch die Fensterscheiben, vor denen aus Nachlässigkeit die Läden offengeblieben waren. Das Brummen stammte von einer dicken Fliege, die er mit seinem plötzlichen Auffahren aus dem Schlaf geweckt hatte.

Als beim Morgengrauen Bürgermeister Agostino Migneco herbeilief, den der Diener in höchster Eile geweckt hatte, stammelte der Cavaliere Spigula-Nonnis: "Da war der Mond... da war der Mond..."

Etwas anderes brachte er nicht heraus.

"Der Mond? Was für ein Mond?"

"Ein Mond war das... ein Mond!"

"Na schön, der Mond war da... aber mein Bester, nun heißt es sofort ein Blitztelegramm an seine Exzellenz den Parlamentspräsidenten schicken; ein zweites an seine Exzellenz den Ministerpräsidenten; und an den Bürgermeister von... für welchen Wahlkreis war Seine Exzellenz eigentlich Abgeordneter?"

"Valdana... (Was für ein Mond!)"

"Lassen Sie doch endlich den Mond zufrieden! Also: an den Bürgermeister von Valdana. Also drei, lauter Blitztelegramme, damit die traurige Nachricht an die Bürger weitergegeben werden kann, verstehen Sie? An die Wähler... Der wird alle Hände zu tun haben, dieser Bürgermeister! Beeilen Sie sich, um Himmels willen! Man muß das Telegraphenamt aufsperren! Lassen Sie sich von einem Wachbeamten begleiten, sagen Sie, es sei in meinem Namen. Und dann sofort wieder hierher! Man muß ihn so schnell wie möglich anziehen. Sehen Sie? Die Leiche ist schon ganz starr.

Es war geradezu ein Wunder, daß Cavaliere Spigula-Nonnis nicht in all diese Telegramme schrieb, was für ein Mond dagewesen war.

Eigentlich hätte Bürgermeister Migneco, um sich Ehre einzulegen, ja nur zu gerne eine Aufbahrung vorbereiten lassen, vor der alle mit offenem Mund stehen sollten, mit einem Katafalk und allem, was dazu gehört. Aber... in so kleinen Nestern ging das eben nicht; nichts bekam man; sogar geschickte Arbeiter waren nicht zu finden. Er war in die Kirche um ein Parament gelaufen: da gab es nur solche in rotem Damast mit goldenem Besatz. Wären sie doch schwarz gewesen. Schließlich packte er vier goldene Leuchter zusammen, uraltes Zeug aus dem Mittelalter... Oja, Blumen schon, Blumen und Topfpflanzen: Blumen auf dem Boden, Blumen auf dem Bett: das ganze Zimmer mußte voll werden damit.

Unterdessen fand sich der Frack nicht im Koffer, und der Cavaliere Spigula-Nonnis war gezwungen, nach Rom zu eilen, in die kleine Wohnung in der via Ludovisi; aber auch dort fand er ihn nicht; er war doch im Koffer, nur eben ganz unten. Dieser arme Mensch hatte ja wirklich total den Kopf verloren. Tja, er war ihm sehr ergeben... Tränen wie ein Springbrunnen. Aber den Frack mußte man am Rückenteil zerschneiden (ewig schade, er war noch ganz neu), denn die Arme des Leichnams ließen sich nicht mehr bewegen. Und kaum war er endlich angezogen, Herrschaften, da hieß es auch schon wieder ausziehen und danach wieder von vorne anziehen, denn die Gemeinde Valdana (das schon, das verlief so, wie Costanzo Ramberti es sich ausgemalt hatte) sandte ein Blitztelegramm, in dem angekündigt wurde, die tieftrauernde Bürgerschaft verlange einstimmig die irdische Hülle ihres großen Vertreters, um sie mit einem feierlichen Begräbnis zu ehren; ein Denkmal... auch ein Denkmal! Ja, große Dinge waren geplant, und - jawohl, sogar ein Platz, der Postplatz, sollte auf seinen Namen umbenannt werden - und ein Arzt kam aus Rom, um der Leiche ein paar Injektionen zu geben, Formalin, wie er sagte; Bürgermeister Migneco, bei allem schuldigen Respekt, hätte es lieber "Deformalin" nennen wollen, denn nach diesen Injektionen... ach, das wachs­bleiche Gesicht, die Eleganz, mit der sich der Abgeordnete Costanzo Ramberti im Tod dargestellt hatte! So ein grobes Gesicht formten sie ihm jetzt, ohne Nase, ohne Wangen, ohne Hals, ohne alles: eine Talgkugel, das war's. So schlimm sah er aus, daß man sogar daran dachte, sein Gesicht unter einem Tuch zu verstecken.

Viel mehr Abgeordnetenkollegen, als Costanzo Ramberti je gemeint hätte, zu seinen Freunden zählen zu können, strömten am nächsten Morgen nach Castel Gandolfo, zusammen mit dem Parlamentspräsidenten, dem Ministerpräsidenten, den Ministern und den Staatssekretären. Sogar einige Senatoren waren erschienen, aus dem Kreise der weniger hochbetagten, und natürlich ein Rattenschwanz von Journalisten und zwei Photographen dazu.

Es war ein herrlicher Tag.

Für Leute, die von so vielen schweren sozialen Problemen bedrückt, von so vielen kleinlichen Querelen des Alltags bekümmert waren, mußte es wohl tatsächlich wie ein Fest wirken, dieses Eintauchen ins Blaue, in die eben ergrünende Campagna, in die Welt der sonnenbeschienenen römischen Kastelle, des Sees und der Wälder in dieser noch ein bißchen kühlen Luft, in der doch schon ein Hauch des Frühlings zu spüren war. Das sagten sie freilich nicht; im Gegenteil, sie stellten ihre Betroffenheit zur Schau, und die war vielleicht sogar echt; aber wohl wegen der geheimen Gewissensbisse darüber, daß sie es trotzdem in kleinlichen, sinnlosen Kämpfen aufgebraucht hatten und weiter aufbrauchten, ihr so kurzes, so wenig sicheres Erdendasein, das ihnen doch in diesem Augen­blick so teuer war, dort, in dieser frischen, luftigen, bezaubernden Erscheinung.

Ein gewisser Trost war ihnen der Gedanke, daß sie es noch genießen konnten, wenn auch nur flüchtig, ihr Kollege dort aber nicht mehr.

Und solcherart getröstet, begannen sie tatsächlich nach und nach während der kurzen Fahrt sich fröhlich zu unterhalten, zu lachen, dankbar gegenüber diesen fünf oder sechs ehrlichsten unter ihnen, die als erste die Atmosphäre der Niedergeschlagenheit mit der einen oder anderen launigen Bemerkung durchbrochen hatten und nun weiterhin den Hanswurst spielten.

Dennoch trat von Zeit zu Zeit eine Pause ein in den fröhlichen Unterhaltungen und dem Lachen der Reisenden, so als tauchte in den Fenstern der aneinanderhängenden Wagen plötzlich der Kopf Costanzo Rambertis mahnend auf; und alle empfanden dann fast so etwas wie Bestürzung, ein quälendes Unbehagen, allen voran die, die wirklich keinen Grund hatten, dabei zu sein, außer dem Vergnügen, einen Ausflug in großer Gesellschaft zu unternehmen: die bekannten Gegner Rambertis oder die, die ihn heimlich verleumdet hatten. Diese Leute bemerkten, daß ihre Gegenwart einen Verstoß gegen irgend etwas darstellte. Wogegen? Gegen die Erwartung des Toten, die Erwartung eines Menschen, der sich nicht mehr wehren und sie hinauswerfen und beschämen konnte?

Ja, war das nun der Besuch bei einem Toten oder nicht?

Wenn es einer war, na dann! Einen Toten besucht man wirklich nicht so, unter fröhlichem Geplauder und Gelächter.

Alle diese Kollegen, Freunde oder auch nicht, hatten keine Ahnung von der Vorstellung, die sich der arme Ramberti am Vorabend seines Todes von diesem ihren Besuch gemacht hatte, natürlich dem Charakter entsprechend, den dieser hätte haben sollen, ein Trauer-, ein Beileidsbesuch, ein Ausdruck des Bedauerns für ihn. Davon hatten sie keine Ahnung; aber aufgrund der bloßen Tatsache, daß dieser Besuch nun stattfand, konnten sie gar nicht anders, als von Zeit zu Zeit bemerken, daß die Art und Weise, in der er nun stattfand, dem Anlaß nicht angemessen war. Und diejenigen, die keine Freunde Rambertis waren, konnten gar nicht anders als zu bemerken, daß sie hier überflüssig waren und ihre Gegenwart einen Verstoß darstellte.

Kaum waren sie am Bahnhof Castel Gandolfo ausgestiegen, nahmen jedoch alle wieder ihre ursprüngliche, ernste und schmerzerfüllte Haltung an, bekleideten sich mit der Feier­lichkeit des traurigen Augenblicks, mit der Bedeutung, die ihnen die ehrfurchtsvolle Menge zumaß, die sich zu ihrem Empfang versammelt hatte.

Unter der Führung des Bürgermeisters Migneco und seiner Stadträte begaben sich Minister und Abgeordnete zu Fuß und mit glühenden Gesichtern, alle in Schweiß geraten, mit aus den Ärmeln herausschlüpfenden Manschetten und verdrehten Krawatten in einer langen Reihe zur Villa Rambertis, an der Spitze die beiden Präsidenten, zu beiden Seiten und im Gefolge eine riesige Volksmenge.

Diese Ankunft, dieser Einzug in den mit Trauerfahnen geschmückten Ort, diese Prozession waren tatsächlich noch viel größer, als Ramberti sie sich vorgestellt hatte. Nur geschah ausgerechnet im feierlichsten Augenblick, als der Parlamentspräsident, der Ministerpräsident und alle Minister und Staatssekretäre, die Abgeordneten und die Menge der Neugierigen mit entblößtem Haupt den Aufbahrungsraum betraten, etwas, das der Abgeordnete Ramberti sich niemals auszumalen vermocht hätte: etwas Entsetzliches, in der beinahe heiligen Stille dieser Szene: ein plötzliches, unheilvolles, maßloses Grollen im Bauch des Toten, das wie ein Donner klang und alle Umstehenden erstarren ließ. Was war das gewesen?

"Digestio post mortem", seufzte in würdigem Latein einer von ihnen, ein Arzt, kaum, daß er wieder ein bißchen Luft bekam.

Und die anderen starrten fassungslos auf den Leichnam, der sich das Gesicht mit dem Tuch bedeckt zu haben schien, um sich ohne Scham so etwas vor dem höchsten Vertretern der Nation erlauben zu können. Und mit finsteren Gesichtern verließen sie alle den Aufbahrungsraum.

Als der Cavaliere Spigula-Nonnis drei Stunden später im römischen Bahnhof mit unendlicher Betrübnis alle, die nach Castel Gandolfo gekommen waren, davongehen sah, ohne auch nur noch einen letzten Blick, einen letzten Abschiedsblick auf den Wagen zu werfen, in dem Seine Exzellenz, der Abgeordnete Ramberti, eingeschlossen war, da hatte er den Eindruck eines Verrats. So sollte also alles zu Ende sein?

Und er blieb allein zurück, in dem unsicheren, gedrück­ten Licht des sterbenden Tages unter dem riesigen rauch­geschwärzten Glasdach, und verfolgte mit seinen Blicken die Verschubbewegungen des Zuges, der langsam zerlegt wurde. Nach vielen Bewegungen in einem komplizierten Zickzack sah er schließlich den Wagen am Ende eines Gleises im Hinter­grund zum Stehen kommen, neben einem anderen, auf dem bereits ein Schild mit der Aufschrift Leichentransport angebracht war.

Ein alter Bahnhofswärter, halb lahm und asthmatisch, schleppte sich mit dem Leimtopf hinzu und klebte auch auf den Wagen des Abgeordneten Ramberti ein ebensolches Schild. Dann ging er wieder fort. Der Cavaliere Spigula-Nonnis näherte sich, um mit seinen kurzsichtigen Augen die Aufschrift zu entziffern. Und er las darüber: Pferde: 8, Menschen: 40, schüttelte den Kopf und seufzte. Eine ganze Weile lang blieb er noch stehen und betrachtete diese beiden Leichenwaggons neben einander.

Zwei Tote, zwei, die schon gegangen waren, und die doch noch einmal reisen mußten!

Und so würden sie bleiben, allein, in dieser Nacht, unter dem Donnern der ankommenden und abfahrenden Züge. Dort ausgestreckt, unbeweglich, im Dunkel ihrer Kisten, unter dem ständigen Kommen und Gehen eines Bahnhofs. Lebt wohl! Lebt wohl!

Und nun ging auch er, der Cavaliere Spigula-Nonnis. Er ging beklemmt fort. Unterwegs jedoch kaufte er die Abend­blätter und tröstete sich, als er die langen Nekrologe sah, die alle auf der ersten Seite brachten, mit dem Bild des großen Verblichenen in der Mitte der Seite.

Zu Hause angekommen, vertiefte er sich in die Lektüre und war sehr gerührt über den in einer der Zeitungen erscheinenden Hinweis auf die Pflege und den liebevollen Beistand, die selbstlose Ergebenheit, mit der er, der Cavaliere Spigula-Nonnis, in diesen letzten Monaten den Abgeordneten Costanzo Ramberti betreut hatte.

Schade nur, daß in seinem Namen das "Nonnis" nur mit einem "n" geschrieben war.

Aber man verstand trotzdem, daß er gemeint war.

Er las diese Bemerkung wenigstens zwanzigmal von vorne; und als er wieder auf die Straße hinaustrat, um in der gewohnten Pension sein Abendessen einzunehmen, kaufte er zuvor noch bei einem Kiosk weitere zehn Exemplare dieser Zeitung, um sie anderentags nach Novara zu schicken, an seine Verwandten und Freunde, natürlich erst nachdem er das fehlende "n" hinzugefügt und die betreffende Passage mit blauem Farbstift angestrichen hätte.

Große Lobeshymnen, große Lobeshymnen sangen sie alle auf den Abgeordneten Costanzo Ramberti. Das Bedauern war einstimmig und die Verdienste, der unermüdliche Fleiß, die absolute Ehrlichkeit des Verstorbenen wurden ins rechte Licht gerückt. Alles, wie es sich der Abgeordnete Costanzo Ramberti ausgemalt hatte. Von seinem "viel zu frühen Heimgehen" war da die Rede, und von den "vielen großen und wertvollen Diensten, die er dem Vaterland sicher noch hätte leisten können". Und die Telegramme aus Valdana sprachen von der tiefen Betroffenheit der Bevölkerung bei der Trauernachricht, von den außerordentlichen, unvergeßlichen Ehrungen, die seine Vaterstadt ihrem Großen Sohn bereiten würde, und sie kündigten bereits an, daß der Bürgermeister, eine Abordnung des Stadtrates und andere hervorragende Bürger, ergebene Freunde des großen Verblichenen, bereits nach Rom aufgebrochen waren, um dem Leichnam das Geleit zu geben. Als er gegen Mitternacht durch die Stille der verlassenen, von den Laternen nur spärlich erhellten Straßen nach Hause schritt, dachte der Cavaliere Spigula-Nonnis noch einmal an die beiden Leichenwaggons, die dort am Ende eines Gleises des Bahnhofs wartend standen. Wenn diese beiden Toten einander Gesellschaft hätten leisten können, mit einander Konversation machen, um die Zeit totzuschlagen! Bei diesem Gedanken lächelte Cavaliere Spigula-Nonnis schmerzlich. Wer weiß, wer der andere sein mochte, wo er schließlich enden würde... Diese Nacht stand er dort, ohne die geringste Ahnung von der Ehre zu haben, die ihm widerfuhr, indem er als Nachbarn einen hatte, von dem in diesem Augenblick sämtliche Zeitungen Italiens voll waren, und der tags darauf den triumphalen Empfang einer ganzen Stadt erleben würde, die ihn beweinte.

Konnte der Cavaliere Spigula-Nonnis je auf die Idee kommen, daß der Leichenwagen des Abgeordneten Costanzo Ramberti gegen zwei Uhr morgens von ein paar Eisenbahnern, denen vor Müdigkeit schon die Augen zufielen, an den Zug gehängt werden könnte, der um diese Zeit nach den Abruzzen abfuhr, und daß man so den großen Verblichenen dem trium­phalen Empfang entziehen würde, der feierlichen Ehrung durch seine Vaterstadt?

Aber der Abgeordnete Costanzo Ramberti, selbst ein Politiker, der bereits an der Macht gewesen war und deshalb in die "geheimen Dinge" Einblick gewonnen hatte, der Abgeordnete Costanzo Ramberti, der alle Mängel des Eisenbahnwesens kannte, der hätte eine derartige Fehlleistung sehr wohl voraussehen können. Wenn einmal zwei wartende Leichenwaggons in einem so viel befahrenen Bahnhof nebeneinander wartend standen, dann war nichts leichter, nichts offensichtlicher zu erraten, als daß man den einen an den Bestimmungsort des anderen schicken würde und umgekehrt.

Eingesperrt, eingenagelt in seinem Waggon, konnte er sich nun freilich nicht gegen diese unwürdige Verwechslung zur Wehr setzen, gegen diesen Übergriff, mit dem sechs bestialische Verschubarbeiter ihn in diesem Augenblick der festlichen Trauerkleider beraubten, die sein Valdana in dieser Nacht für ihn anlegte, um ihn tags darauf mit allen Ehren zu empfangen. Und am Ende dieses Zuges, der da, beinahe leer, nach den Abruzzen abfuhr und mit seinen ausgeleierten Bremsen die armen, alten, schmutzigen Waggons, aus denen er zusammengesetzt war, beinahe zerquetschte, mußte er nun die ganze restliche Nacht reisen, langsam, traurig in die Ferne, zu dem Bestimmungsort jenes anderen Toten, eines jungen Seminaristen aus Avezzano mit Namen Feliciangiolo Scanalino.

Natürlich wurde der Leichenwagen dieses anderen am Morgen darauf unter der Aufsicht des Leiters des Bestattungsunternehmens, das sich den Auftrag für das Staatsbegräbnis gesichert hatte, prächtig geschmückt. Schwere Samtdecken mit Silberfransen als Baldachin, und Schleier und Bänder und Palmwedel. Auf dem Sarg, bedeckt mit einer herrlichen Sargdecke, bloß der Kranz des Königs; zu beiden Seiten jener des Minister- und jener des Parla­mentspräsidenten. An die siebzig weitere Kränze wurden in dem folgenden Wagen untergebracht. Und um exakt acht Uhr dreißig brach unter den bewundernden Blicken einer wahren Menschenmenge aus Freunden des Abgeordneten Costanzo Ramberti Feliciangiolo Scanalino zu den feierlichen Ehrungen Valdanas auf.

Als der Zug gegen drei Uhr nachmittags im Bahnhof Valdana eintraf, der von einer ergriffenen Menschenmenge förmlich überquoll, wurde der Bürgermeister, der mit der Abordnung der Gemeinde dem Leichnam das Geleit gegeben hatte, in geheimnisvoller Weise von einem kreidebleichen, am ganzen Leibe zitternden Stationsvorsteher beiseite gerufen und in den Telegraphenraum geführt. Aus dem Bahnhof Rom war ein Telegramm eingetroffen, daß unter dem Siegel der Verschwiegenheit von der Verwechslung der Leichenwaggons berichtete.

Der Bürgermeister von Valdana war wie vom Donner gerührt.

Was sollte man nun tun, wo draußen alle Leute warteten und die ganze Stadt geschmückt war?

"Commendatore", flüsterte der Stationsvorsteher, eine Hand auf die Brust gelegt, "hier weiß nur ich davon und der Telegraphist; auch in Rom und in Avezzano wissen es nur der Stationsvorsteher und der Telegraphist. Commendatore, es ist doch in unserem eigenen Interesse, im Interesse der Eisenbahnverwaltung, die Sache geheimzuhalten. Vertrauen Sie uns ruhig!"

Was konnte man schon anderes tun in einer so heiklen Situation? Und also erhielt der unschuldige Seminarist Feliciangiolo Scanalino den triumphalen Empfang der Stadt Valdana, auf seinem Leichenwagen, der aussah wie ein Berg von Blumen, gezogen von acht Pferden. Er erhielt den Kranz des Königs, er erhielt die Leichenrede des Bürgermeisters, und er erhielt die Begleitung einer ganzen Volksmenge bis zum Friedhof.

Unterdessen reiste der Abgeordnete Costanzo Ramberti von Avezzano in dem schmucklosen, staubigen Waggon mit der Aufschrift Pferde: 8, Menschen: 40 ohne eine einzige Blume, ohne ein einziges Bändchen: ein armer, fortgeschickter Körper, vom Weg abgekommen und gestrandet, so weit weg von seinem Bestimmungsort.

Mitten in der Nacht kam er im Bahnhof Valdana an. Nur der Bürgermeister und vier vertrauenswürdige Totengräber erwarteten ihn am Bahnhof und mucksmäuschenstill, mit den leisen Schritten von Gaunern, die ein Schmuggelgut vor den Augen der Zöllner verbergen wollen, schleppten sie ihn auf und ab über holprige Feldwege, von denen ein Laternchen immer nur kleine Stücke notdürftig aus dem Dunkel riß, zum Friedhof und gruben ihn ein; dann seufzten sie tief und erleichtert auf. 

 

* * *

 

© Michael Rössner.

LUIGI PIRANDELLO 1867 - 1936 - Novellen

Der Hauch - (Soffio - 1934)

Italienische Version

 

aus dem Italienischen von Michael Rössner 

I.

Manche Nachrichten treffen einen so unvorbereitet, daß man im ersten Augenblick ganz verstört ist, und es scheint, als gäbe es keine andere Möglichkeit aus dieser Verstörung wieder herauszufinden, als Zuflucht zu einem völlig abgedroschenen Satz oder einer Feststellung zu nehmen, die sich ohnedies von selbst versteht.

So war es zum Beispiel, als der junge Calvetti, der Sekretär meines Freundes Bernabò, mir von dem Tod von Massaris Vater erzählte, bei dem Bernabò und ich eben noch zum Mittagessen gewesen waren; da überkam es mich, und ich rief aus: „Ach, was ist schon das Leben! Ein Hauch genügt, und schon ist es zu Ende!“, und dabei legte ich Daumen und Zeigefinger einer Hand aneinander und blies darauf, als wollte ich mit diesem Hauch eine Feder fortblasen, die ich zwischen diesen Fingern hielt.

Als ich so blies, sah ich, wie der junge Calvetti plötzlich grau im Gesicht wurde, hierauf den Oberkörper krümmte und sich mit einer Hand an die Brust griff, wie man das tut, wenn man da drinnen, ohne genau zu wissen wo, ein vages Unwohlsein verspürt; aber ich achtete nicht weiter darauf, denn es schien mir absurd anzunehmen, dieses Unwohlsein könnte mit dem stumpfsinnigen Satz zusammenhängen, den ich gesagt hatte, und mit der lächerlichen Geste, mit der ich diesen Satz ‑ als wäre ich noch nicht zufrieden damit, so etwas Abgedroschenes auszusprechen ‑ auch noch meinte begleiten zu müssen. Ich dachte, er habe einfach einen plötzlichen Schmerz, ein Stechen verspürt, vielleicht in der Leber oder in der Niere oder im Darm, jedenfalls nur einen augenblicklichen Schmerz ohne jede Bedeutung. Noch ehe es Abend wurde, fiel mir freilich dann ein höchst bestürzter Bernabò ins Haus:

„Weißt du schon: Mein junger Calvetti ist gestorben?“

„Gestorben?“

„Ja, ganz plötzlich, heute nachmittag!“

„Aber am Nachmittag ist er doch noch bei mir gewesen! Warte einmal, wann mag das gewesen sein? Ich glaube, so gegen drei.“

„Und um halb vier war er tot.“

„Eine halbe Stunde später?“

„Eine halbe Stunde später.“

 

Ich sah ihn ein wenig schief an, als habe er mit dieser Bestätigung eine Beziehung (aber was denn für eine Beziehung?) zwischen dem Besuch bei mir und dem plötzlichen Tod des armen Jungen herstellen wollen. In mir fühlte ich so etwas wie einen Drang, der mich zwang, jegliche Beziehung, sei sie auch nur zufällig, zurückzuweisen, als wäre sie der Verdacht eines Gewissensbisses, den ich hätte empfinden können; und der mich andererseits dazu verhielt, eine Ursache für diesen Tod zu suchen, die mit dem Besuch bei mir nichts zu tun hatte; und so erzählte ich Bernabò von dem plötzlichen Unwohlsein, daß der junge Mann offensichtlich verspürt hatte, während er bei mir gewesen war.

„Ach so? Ein Unwohlsein?“

„Was ist schon das Leben! Ein Hauch genügt, und schon ist es zu Ende!“

Da haben wir’s: Ich wiederholte den Satz völlig mechanisch, denn da unten hatten Daumen und Zeigefinger meiner rechten Hand ganz von selbst zueinandergefunden, und ganz von selbst hob sich jetzt auch die Hand auf, bis zu meinen Lippen. Ich schwöre, es war nicht so sehr der bewußte Wunsch, es noch einmal zu versuchen, als vielmehr die Lust daran, mir mit mir selbst einen Scherz zu erlauben, was ich nur so, im verborgenen, tun konnte, wollte ich mich nicht lächerlich machen: da ich nun einmal diese beiden Finger genau vor meinem Mund fand, blies ich über sie hinweg, nur einen ganz leichten Hauch.

Bernabòs Gesicht hatte sich verfärbt vor Bestürzung über den Tod seines jungen Sekretärs, der ihm sehr ans Herz gewachsen war; und oft und oft schon war er ‑ nach einem kurzen Lauf oder auch nur ein paar schnelleren Schritten (korpulent, wie er nun einmal war, mit einem stets geröteten Kopf, der fast ohne Hals auf den Schultern saß) ‑ keuchend vor mir gestanden und hatte sich auch mit der Hand an die Brust gegriffen, um das jagende Herz zu beruhigen und wieder zu Atem zu kommen. Als ich ihn jetzt dieselbe Geste vollführen sah und ihn sagen hörte, er meine zu ersticken, und seinen Geist und sein Sehvermögen trübe plötzlich ein seltsam düsterer Schimmer, mein Gott, was sollte ich da schon glauben?

Auf der Stelle sprang ich, trotz aller Bestürzung und Verwirrung, in der ich mich befand, dem armen Freund bei, der rücklings und nach Atem ringend in einem Lehnstuhl gesunken war; aber da sah ich mich wütend zurückgestoßen, und nun verstand ich wirklich gar nichts mehr; ich fühlte mich förmlich zu Eis erstarren, in einer völlig apathischen Verblüffung, und ich beobachtete ihn zuckend auf diesem mit rotem Samt bezogenen Fauteuil, der mir erschien wie eine riesige Blutlache, zuckend nicht mehr wie ein Mensch, sondern wie ein waidwundes Tier, ich sah zu, wie sein Atem immer hastiger wurde und sein Gesicht sich immer mehr verfärbte, bis es beinahe schwarz geworden war. Einen Fuß hatte er auf den Teppich gestemmt, vielleicht, um sich solcherart wieder allein aufzurichten, aber in dieser Anstrengung vergeudete er seine letzten Kräfte; wie in einem Alptraum sah ich, wie der Teppich allmählich unter seinem Fuß fortglitt und sich in Falten warf. An dem anderen Fuß, der verkrümmt über der Armlehne des Fauteuils lag, war ihm das Hosenbein nach oben gerutscht und enthüllte nun einem seidenen Sockenhalter in einem grünschimmernden Farbton mit rosa Streifen. Ich bitte doch um ein wenig Anerkennung für meine Barmherzigkeit: All meine Beunruhigung war förmlich zerrieben und überall verstreut worden, so daß man sie wie nichts vergessen konnte, in einem einzigen Abwenden der Augen, oder bei dem Gedanken an den Ärger, den mir stets meine häßlichen Bilder an den Wänden bereitet hatten, oder auch in der seltsamen Neugier, die mich, jawohl, die mich auf die Farbe und die Streifen dieses Sockenhalters starren ließ. Plötzlich kam ich jedoch wieder zu mir, entsetzt darüber, daß ich mich in einem solchen Augenblick so weit hatte gehen lassen, und rief nach meinem Diener, er solle sofort vor der Tür einen Wagen aufhalten und dann heraufkommen, um mir zu helfen, den Sterbenden in ein Krankenhaus oder nach Hause zu bringen.

Lieber nach Hause, denn das war näher. Er lebte nicht allein; er hatte eine Schwester bei sich, eine ältere Schwester, ich weiß nicht, war sie verwitwet oder eine alte Jungfer; jedenfalls war sie unausstehlich in ihrer starrköpfigen Pedanterie, mit der sie sein Leben zu bestimmen suchte. Sie war ganz außer sich, die Arme, sie raufte sich die Haare: „O Gott, was ist geschehen? Wie ist das passiert?“, und sie wich uns nicht von der Seite, wie ärgerlich! Nur, um von mir zu erfahren, was geschehen war, wie es passiert war, ausgerechnet von mir, und ausgerechnet in diesem Augenblick, da ich nun wirklich nicht mehr konnte, nach all den Stufen, die wir hinaufgestiegen waren, immer rückwärts gehend, unter dem ungeheuren Gewicht dieses reglosen Körpers. „Das Bett! Wo ist das Bett?“ Es schien, als wisse sie es selbst nicht mehr, wo dieses Bett war, das wir nicht und nicht zu erreichen schienen. Als wir ihn endlich röchelnd - aber auch ich röchelte nur mehr - aufs Bett gelegt hatten, lehnte ich mich rücklings gegen eine Wand, und wenn man mir nicht einen Stuhl untergeschoben hätte, wäre ich wohl in voller Länge zu Boden gestürzt. Mein Kopf baumelte kraftlos herab, und ich vermochte gerade noch, zu dem Diener gewandt, hervorzustoßen: „Einen Arzt! Einen Arzt!“; aber zugleich sank mein Mut endgültig, wenn ich daran dachte, daß ich nun allein mit der Schwester zurückbleiben mußte, die mich sicherlich sofort mit neuen Fragen überfallen würde. Was mich rettete, war die Stille, die plötzlich auf dem Bett eintrat, als das Röcheln dort aufgehört hatte. Einen Augenblick lang schien die ganze Welt schweigend innezuhalten; und tatsächlich schwieg von nun an die ganze Welt auf immer für den armen Bernabò, der taub und bewegungslos auf diesem Bett liegen geblieben war. Sofort brach jedoch die Verzweiflung der Schwester los. Ich war erledigt. Wie konnte man sich denn bloß vorstellen ‑ um nicht zu sagen tatsächlich glauben ‑, daß eine solche Ungeheuerlichkeit möglich wäre? Meine Gedanken fanden keinen Halt mehr. Und in diesem Aufruhr der Gefühle erschien es mir so seltsam, daß diese arme Person ihren Bruder Giulio - wie sie ihn stets genannt hatte - nun, da er tot dort lag, unbewegliche Korpulenz, die keine Diminutive zuließ ‑, ausgerechnet Giulietto nennen mußte, ihren kleinen Giulietto! Plötzlich sprang ich entsetzt auf. Der Leichnam hatte ihr, als ginge ihm dieses ewige „Giulietto! Kleiner Giulietto!“ auf die Nerven, mit einem gräßlichen Gurgelgeräusch aus den Eingeweiden geantwortet. Diesmal war es an mir, die Schwester aufzufangen, die ansonsten zu Boden gestürzt wäre, ohnmächtig vor Schreck; statt dessen wurde sie in meinen Armen ohnmächtig. Und nun fühlte ich, wie mich, als ich zwischen dieser Ohnmächtigen im Arm und dem Toten auf dem Bett wirklich nicht mehr wußte, was ich tun noch was ich denken sollte, ein Wirbel des Wahnsinns ergriff, und ich begann, die arme Person zu schütteln, damit sie endlich mit dieser Ohnmacht aufhöre, die nun wirklich zu viel des Guten war. Freilich, kaum war sie wieder bei sich, wollte sie nun nicht mehr an den Tod des Bruders glauben. „Haben Sie gehört? Er kann nicht tot sein! Er darf nicht tot sein!“ Es mußte tatsächlich der Arzt kommen und es ihr amtlich bestätigen, ihr versichern, daß dieses Geräusch nichts gewesen war, ein Wind oder was weiß ich sonst, alle Toten pflegen so was zu machen. Da setzte sie, die ein vornehmer Mensch war und sich darauf etwas zugute hielt, eine peinliche Miene auf, und hielt sich die Hand vor die Augen, als habe der Arzt ihr damit gesagt, auch sie würde dergleichen tun, wenn sie erst einmal tot wäre.

Der Arzt war einer jener jungen Glatzköpfe, die ihre vorzeitige Kahlköpfigkeit mit beinahe verächtlicher Wildheit zwischen einem Urwald aus schwarzen Locken zur Schau tragen, die, obwohl niemand weiß, weshalb sie von dem Scheitel verschwunden sind, rund um den Kopf wild wuchern.

Mit lackstarren Augen hinter dicken Brillengläsern, hochgewachsen, eher beleibt, aber kräftig, zwei Büschelchen gestutzter Haare unter dem kleinen Näschen und über den wulstigen, geröteten, und so klar gezogenen Lippen, daß sie aussahen wie gemalt, sah er die Unwissenheit dieser armen Schwester mit so abschätzigem Erbarmen an und sprach vom Tod mit einer so lockeren Vertrautheit, als könnte, da er doch ständig mit ihm zu tun hatte, keiner seiner Fälle ihm mehr ein Rätsel aufgeben oder einen Zweifel verursachen, daß mir am Ende unwiderstehlich ein höhnisches Lachen aus der Kehle hervorbrach. Schon während er gesprochen hatte, hatte ich mich zufällig in dem Spiegel der Kastenwand entdeckt und mich dabei mit einem schiefen und kalten Blick ertappt, der sich mir plötzlich wie eine Schlange in die Augen geschlichen hatte. Und Daumen und Zeigefinger der linken Hand drückten einander, sie preßten sich so fest gegeneinander, daß sie von dem Krampf des gegenseitigen Drucks beinahe taub geworden waren. Kaum wandte er sich bei diesem Hohngelächter zu mir um, da trat ich auf ihn zu, auf Tuchfühlung, und aus dem noch immer höhnisch verzogenen Mund in dem totenbleich gewordenen Gesicht zischte ich ihm zu: „Sehen Sie“, und dabei zeigte ich ihm die Finger, „so! Sie wissen ja so gut Bescheid über Leben und Tod; blasen Sie einmal da drauf, nur einen Hauch, und sehen Sie zu, ob Sie mich sterben lassen können!“. Er wich zurück, um mich zu mustern, ob er es nicht mit einem Irren zu tun habe. Aber ich trat erneut auf Tuchfühlung an ihn heran: „Ein Hauch genügt, glauben Sie mir das. Nur ein Hauch!“ Ich ließ ihn stehen und packte die Schwester am Handgelenk. „Tun Sie es! Sehen Sie, so!“, und dabei führte ich ihr die Hand an den Mund, „legen Sie zwei Finger aneinander und blasen Sie darauf!“ Die Arme stand entsetzt da, mit weitaufgerissenen Augen, und zitterte am ganzen Körper, während der Arzt, ohne noch daran zu denken, daß da auf dem Bett ein Toter lag, amüsiert vor sich hinkicherte. „Ich tue es bei Ihnen nicht mehr, denn da liegt schon einer, und mit Calvetti sind’s heute schon zwei! Aber ich muß fort, auf der Stelle fort, ich muß fort!“

Und damit stürzte ich hinaus, wie von Sinnen.

Kaum war ich auf der Straße, da brach der Wahnsinn erst richtig los. Es war schon dunkel geworden, und die Straße war voll von Menschen. Aus dem Schatten sprangen eins nach dem anderen die Häuser heraus, in denen die Lichter angingen, und all diese Leute liefen, um sich das Gesicht vor den Lichtblitzen in den vielen Farben zu schützen, die von allen Seiten auf sie einhackten, Straßenlampen, Lichtschein aus Schaufenstern, Leuchtreklamen, in innerem Aufruhr, bedrängt von düsteren Ahnungen. Obwohl, nein: da war wiederum ein Frauengesicht, das sich bei dem Anblick eines roten Lichtscheins befriedigt entspannte; und dort das eines Kindes, das lachte, auf den Schultern eines alten Mannes, vor der Spiegeltür eines Ladens, über den ein Wasserfall smaragdgrüner Lichttropfen herabglitt. Ich brach durch die drängenden Menschenmassen und blies, zwei Finger vor dem Mund, blies auf all diese mir entgleitenden Gesichter, wahllos, und ohne mich nach ihnen umzudrehen, ob mein Atemhauch tatsächlich die bereits zweimal erprobte Wirkung auf sie hervorbrachte. Und wenn er das tat, wer hätte diese Wirkung mir zurechnen dürfen? War ich nicht frei, zwei Finger vor den Mund zu halten und mir das unschuldige Vergnügen zu gestalten, über sie drüberzublasen? Wer hätte denn ernsthaft glauben können, mir wäre tatsächlich eine so unerhörte und schreckliche Macht in diesen beiden Fingern und in dem leisen Hauch, den ich über sie hinblies, zugewachsen? Es war ja lächerlich, so etwas zuzugeben, man konnte das nur als einen kindlichen Scherz einstufen. Ja, das war’s: ich scherzte. Und die Zunge klebte mir schon im Mund von diesem wütenden Blasen, ich hatte kaum noch Luft zwischen den gespitzten Lippen, als ich am Ende der Straße angekommen war. Wenn das, was ich zweimal erlebt hatte, wahr sein sollte, dann ‑ ja, mein Gott, dann mußte ich, so zwischen Scherz und Scherz, wohl mehr als tausend Leute umgebracht haben. Es war gar nicht möglich, daß man tags darauf nicht zum Entsetzen der ganzen Stadt von dieser plötzlichen und rätselhaften Häufung von Todesfällen erfahren würde.

Und man erfuhr tatsächlich davon. Am Morgen danach waren alle Zeitungen voll von der Sache. Die Stadt erwachte unter dem Druck des gräßlichen Alptraums einer Epidemie, gegen die es keine Rettung gab, und die wie ein Blitz aus heiterem Himmel ausgebrochen war. Neunhundertsechzehn Tote in einer einzigen Nacht. Auf den Friedhöfen wußte man nicht, wie man sie alle von einem Tag auf den anderen begraben sollte; man wußte auch nicht, wie man sie so schnell aus allen Wohnungen abtransportieren sollte. Gemeinsame Symptome, die die Ärzte an allen Betroffenen festgestellt hatten: Zuerst ein undefiniertes Unwohlsein, dann Tod durch Ersticken. Die Autopsie der Leichen ergab keinen Hinweis auf die Krankheit, die diesen beinahe sofortigen Tod verursacht hatte.

Als ich die Zeitungen las, verfiel ich in eine tiefe Erschütterung, so etwas wie einen Katerzustand nach einem gräßlichen Rausch, verwirrtes Chaos ungeschiedener Gedankenfetzen, die übereinander herfielen, gegeneinander stießen, durcheinanderwirbelnd in einer Wolke, die mich einem Wirbel gleich umfing; und eine unerklärliche Bangigkeit, ein bohrender Drang, der gegen etwas in mir stieß, immer wieder anrannte, gegen etwas in mir drinnen, das für mich schwarz und unbeweglich blieb, von dem mein Bewußtsein sich angezogen fühlte, mit dem es jedoch, völlig widerborstig und in alle Richtungen zerfließend, nichts zu tun haben wollte; so berührte es dieses Etwas immer wieder und wich sofort zurück. Ich weiß wirklich nicht, was ich damit ausdrücken wollte, als ich eine verkrampfte Hand gegen die Stirne preßte und stets aufs neue vor mich hinsagte: „Es ist bloß ein Eindruck! Bloß ein Eindruck!“. Jedenfalls half dieses doch ganz leere Wort mir, blitzartig diese Wolke zu sprengen, und ich fühlte mich für einen Augenblick erleichtert und befreit. „Es war wohl alles nur eine Wahnidee“, dachte ich, „die mir da in den Sinn gekommen ist, weil ich gestern zufällig diese lächerliche, kindische Geste just in dem Moment gemacht habe, ehe die Nachricht von der schrecklichen Epidemie, die so plötzlich über die Stadt hereingebrochen war, sich verbreitet hatte. Oft entstehen aus solchen zufälligen Zusammentreffen die dümmsten Aberglauben und die unglaublichsten Obsessionen. Im übrigen brauche ich nur ein paar Tage warten, ohne diese scherzhafte Geste zu wiederholen. Wenn es sich um eine Epidemie handelt - was mit Sicherheit der Fall ist, dann muß diese erschreckende Welle von Todesfällen weitergehen und nicht ebenso plötzlich abbrechen wie sie begonnen hat.“

Gut: Ich wartete also drei Tage, fünf Tage, eine Woche, zwei Wochen: Kein neuer Fall wurde in den Zeitungen berichtet; die Epidemie war plötzlich wieder zu Ende.

Hm, aber wahnsinnig, nein, wahnsinnig bin ich nicht, verzeihen Sie! Unter der Obsession eines solchen Zweifels, daß ich verrückt sei, konnte ich es nicht aushalten; wahnsinnig, befallen von einem Wahn, der, wenn ich ihn publik gemacht hätte, jeden in helles Gelächter hätte ausbrechen lassen, nein, also hören Sie mir auf damit. Von einer solchen Obsession mußte ich mich befreien, so schnell wie möglich. Und wie? Indem ich wieder über meine Finger blies? Schließlich ging es da um Menschenleben. Dafür mußte ich selbst überzeugt sein, daß meine Handlung unschuldig war, die eines Kindes, und daß ich nicht schuld war, wenn andere darüber starben. Ich hätte ja immer noch an ein Wiederaufflackern der Epidemie nach dieser Pause von vierzehn Tagen glauben können, denn ich mußte bis zum letzten darauf beharren, daß es völlig unglaublich war, der Tod könnte von mir abhängen. Unterdessen jedoch war da die diabolische Versuchung, mir eine derartige Gewißheit zu verschaffen, viel grauenhafter als der Zweifel, ich könnte wahnsinnig sein: die Gewißheit, daß ich über eine so unerhörte Macht verfügte: Wie hätte ich einer solchen Versuchung widerstehen können?

 

II.

Ich mußte mir also noch einen Versuch gestatten, aber einen vorsichtigen, schüchternen: einen Versuch, der so „gerecht“ sein mußte, wie das möglich war. Der Tod ist nie gerecht, das ist ja bekannt. Aber der Tod, der von mir abhing (falls er wirklich von mir abhing), mußte gerecht sein.

Ich kannte ein liebes kleines Mädchen, das, während es mit seinen Puppen spielte, aus einem Traum in den anderen sprang, und alle waren sie verschieden, der eine trug sie in ein Dorf in den Bergen, der andere an den Strand des Meeres, und dann vom Meer in ein fernes, ganz fernes Land, wo fremde Menschen eine andere Sprache sprachen, so verschieden von der ihren; so war sie am Ende all dieser Träume immer noch als kleines Mädchen von zwanzig Jahren aufgewacht, ganz und gar Kind, aber nun mit einem Menschen an ihrer Seite, der, kaum war er aus dem letzten ihrer Träume herausgetreten, sich sofort in die Wirklichkeit eines fremden Riesenkerls verwandelt hatte, eine Bohnenstange von gut zwei Metern, dumm, träge und lasterhaft; und in den Armen fand sie plötzlich statt der Puppe ein armseliges kleines Wesen, man hätte sagen können, ein kleines Monsterchen, das sogar das Gesicht eines kranken Engels hatte, solange der Krampf, der den ganzen armseligen Körper immer wieder durchzuckte, nicht auch dieses grauenhaft verzerrte. „Morbus ...“ hieß das, ich weiß nicht mehr genau wie, es war der Name eines ausländischen Arztes aus England oder Amerika, Pot hieß er, glaube ich, wenn man ihn so schreibt (wunderbarer Ruhm, wenn man einer Krankheit den eigenen Namen geben darf!), „Morbus Pot“ also in einer der schwersten und hoffnungslosesten Formen. Dieses Kind würde nie sprechen, nie gehen, sich nie seiner abgemagerten und von der Gewalt der gräßlichen Krämpfe verkrümmten Händchen bedienen können. Aber es würde noch ein paar Jährchen so vor sich hinvegetieren. Wie alt war es? Drei? Nun, vielleicht noch bis zehn. Und doch schien es nicht wahr zu sein, in den Armen eines Menschen, der gelernt hatte es richtig zu halten, wie diese Bohnenstange von einem Vater, da lächelte das arme Kind mit einem so seligen Lächeln in seinem Engelsgesicht, daß auf der Stelle, kaum setzte das Entsetzen über diese krampfartigen Zuckungen aus, das zarteste Mitgefühl Tränen aus den Augen aller quellen ließ, die es betrachteten. Es schien unmöglich, daß nur die Ärzte nicht imstande waren zu verstehen, um was das Kind mit diesem Lächeln bat. Aber vielleicht verstanden sie es sogar, denn sie hatten bereits einmal erklärt, daß das sicherlich einer jener Fälle war, in denen man nicht gezögert hätte, hätte es das Gesetz erlaubt und die Eltern zugestimmt... Aber Gesetz ist nun einmal Gesetz, denn grausam kann es wohl sein und ist es auch oft, aber barmherzig nie, es sei denn, es würde zugleich aufhören, Gesetz zu sein.

Ich ging also zu dieser Mutter.

Der Raum, in dem sie mich empfing, war vom Schatten ganz erfüllt und wie in weiter Ferne erschienen zwei Fenster, verschleiert von dem fahlen Schimmer des letzten Dämmerlichts. Auf dem Lehnstuhl am Bettende sitzend, wiegte die Mutter das von Krämpfen geschüttelte Kind im Arm. Ich beugte mich über das Kleine, ohne ein Wort zu sagen, zwei Finger vor dem Mund. Bei meinem Hauch lächelte das Kind, entspannte sich und verschied. Als die Mutter, die an die ständige Anspannung und die Zuckungen der Krämpfe in diesem kleinen Körper gewöhnt war, ihn plötzlich zwischen den Armen sich lockern und weich werden fühlte, unterdrückte sie mit Mühe einen Schrei, hob den Kopf und sah mich an, sah das Kind an:

„O Gott, was haben Sie mit ihm gemacht?“

„Nichts, hast du’s nicht gesehen, gerade nur ein Hauch...“

„Aber es ist tot!“

„Nun ist es selig.“

Ich nahm es ihr aus den Armen und legte es, so locker und weich, wie es nun war, auf sein kleines Bettchen. Auf dem blassen Mündchen ruhte noch immer das Engelslächeln.

„Wo ist dein Mann? Dort drüben? Von dem befreie ich dich auch. Er hat kein Recht mehr, dich zu unterdrücken. Aber dann bleib beim Träumen, mein liebes kleines Mädchen. Siehst du nicht, was man davon hat, wenn man aus den Träumen heraussteigt?“

Ich mußte den Mann gar nicht holen gehen. Er erschien wie ein verwirrter Riese auf der Schwelle. Aber in der Erregung, in die mich die schreckliche, nun tatsächlich gewonnene Gewißheit versetzte, fühlte ich mich maßlos gewachsen, weit größer als er. „Was ist das Leben schon? Sehen Sie her, ein Hauch genügt, ein Hauch, so, und schon ist es vorbei!“

Dabei blies ich ihm aufs Gesicht und trat aus dem Haus, ins Riesenhafte gewachsen in den Abend hinein.

Ich war es, ich war es; ich war der Tod; ich trug ihn hier, in meinen beiden Fingern und in meinem Atemhauch; ich konnte alle sterben lassen. Und mußte ich nicht alle sterben lassen, um gerecht zu sein gegenüber denen, die ich zuerst ins Jenseits befördert hatte? Nichts leichter als das, solange ich genug Puste hatte. Ich hätte es nicht aus Haß gegen irgend jemanden getan; ich kannte niemanden. Wie der Tod selbst. Ein Hauch, und vorbei war’s. Wieviel Menschheit war schon vor dieser, die schattenhaft vor mir vorüberzog, fortgeblasen worden? Aber konnte ich denn je - die ganze Menschheit? Alle Häuser entvölkern? Alle Straßen sämtlicher Städte? Und die Landstriche, Berge und Meere? Die gesamte Erde menschenleer machen? Nein, das war nicht möglich. Nun, aber dann, niemanden mehr, keinen einzigen durfte ich mehr, keinen einzigen. Vielleicht würde ich mir die beiden Finger abschneiden müssen. Aber wer weiß, vielleicht würde der Atemhauch auch allein ausreichen. Sollte ich es einmal versuchen? Nein, nein: genug! Ich fühlte, wie es mir allein bei dem Gedanken eiskalt den Rücken herablief, vom Nacken bis zu den Fersen. Vielleicht reichte schon der Atemhauch allein aus. Wie sollte ich mich daran hindern? Wie sollte ich der Versuchung widerstehen? Eine Hand auf den Mund legen? Konnte ich mich denn dazu verdammen, ewig eine Hand auf den Mund zu halten?

Als ich so meinen wilden Phantasien nachhing, fand ich mich plötzlich vor dem Tor des Krankenhauses vorbeigehen, das weit offenstand. In der Einfahrt lungerten ein paar Krankenpfleger herum; sie hatten Dienst für die Notambulanz und unterhielten sich mit zwei Polizisten und dem alten Portier; und auf der Schwelle, auf die Straße hinausblickend, stand im langen weißen Arztmantel, die Hände in die Hüften gestemmt, der junge Doktor, der an das Totenbett des armen Bernabò geeilt war. Als er mich vorübergehen sah, erkannte er mich wieder und begann ‑ vielleicht aufgrund der wirren Gesten, die ich in meinen wilden Phantasien vollführte ‑ zu lachen. Hätte er das bloß nie getan! Ich blieb stehen; ich rief ihm zu: „Reizen Sie mich nicht mit ihrem blöden Grinsen! Ich bin es, ich bin es; ich habe ihn hier“, und dabei zeigte ich ihm wiederum die aufeinandergelegten Finger, „vielleicht auch nur im Hauch meines Atems allein! Wollen Sie es vor all diesen Herrschaften ausprobieren?“ Überrascht und neugierig waren die Krankenpfleger, die beiden Polizisten und der alte Portier hinzugetreten. Mit starrem Grinsen auf den Lippen, die wie gemalt erschienen, und ohne die Hände von den Hüften zu nehmen, begnügte sich dieser Unglückselige diesmal nicht damit es zu denken, sondern er sprach es aus, indem er mit den Achseln zuckte: „Aber Sie sind ja wahnsinnig!“. „Ich bin wahnsinnig?“, fragte ich drohend. „Die Epidemie ist seit vierzehn Tagen erloschen. Wollen Sie sehen, wie ich sie wieder anfache und im Handumdrehen sich ausbreiten lasse, in grauenhafter Schnelligkeit?“ „Indem Sie auf Ihre Finger blasen, nicht?“ Das brüllende Gelächter, das auf diese Frage des Doktors antwortete, ließ mich zögern. Ich bemerkte, daß ich der Empörung nicht hätte nachgeben dürfen, die mich ob der beschämenden Lächerlichkeit ergriff, welche meine Geste, sobald sie einmal offenbar wurde, mir unausweichlich eintragen mußte. Niemand außer mir selbst vermochte ja ernsthaft an die schrecklichen Wirkungen dieser Geste zu glauben. Und dennoch gewann die Empörung in mir die Oberhand, wie das Brennen einer Feuerspitze auf rohem Fleisch, denn ich fühlte diese Lächerlichkeit wie ein Brandmal des Hohns, das der Tod mir aufprägen hatte wollen, indem er mir diese unglaubliche Macht übertragen hatte. Dazu kam, wie ein Peitschenschlag, die Frage des jungen Arztes: „Wer hat Ihnen denn gesagt, daß die Epidemie erloschen ist?“ Ich blieb wie versteinert stehen. Die Epidemie war also nicht erloschen? Ich fühlte, wie meine Wangen vor Scham rot anliefen. „In den Zeitungen“, sagte ich, „ist doch von keinem einzigen Fall mehr berichtet worden.“ „Ja, in den Zeitungen“, gab der andere zurück. „aber nicht bei uns hier im Krankenhaus.“ „Noch weitere Fälle?“ „Drei bis vier pro Tag.“ „Und Sie sind sicher, daß es dieselbe Krankheit ist?“ „Aber ja, lieber Herr, absolut sicher. Würde man nur auf diese Weise endlich klar sehen, was die Krankheit anlangt! Sparen Sie, lieber Herr, sparen Sie Ihren Atem!“ Die anderen fingen wieder an zu lachen. „Na gut“, sagte ich hierauf. „Wenn es so ist, dann bin  ich bloß ein Verrückter, und Sie werden also keine Angst haben, mit mir ein Experiment zu machen. Übernehmen Sie die Verantwortung auch für die anderen fünf Herrschaften?“ Angesichts meiner Herausforderung stutzte der junge Arzt einen Augenblick; dann kehrte das Lachen auf seine Lippen zurück, und er wandte sich zu den anderen fünf um: „Haben Sie verstanden? Der Herr hier behauptet, er brauche nur leicht auf seine Finger blasen, um uns allesamt sterben zu lassen. Wollen wir’s versuchen? Ich mache mit!“ Die anderen riefen höhnisch lachend im Chor: „Aber ja, blasen Sie, blasen Sie, wir machen auch mit, hier sind wir!“ Und damit stellten sie sich alle sechs in einer Reihe vor mir auf, die Köpfe vorgestreckt. Es erschien wie eine Theaterszene, in dieser Krankenhauseinfahrt, unter der roten Laterne der Erste-Hilfe-Ambulanz. Sie waren sicher, es mit einem Verrückten zu tun zu haben. Nun konnten sie nicht mehr zurück. „Es ist die Epidemie, wenn überhaupt, nicht ich, was?“ Und um ganz sicher zu gehen, legte ich wieder die beiden Finger vor dem Mund aufeinander. Als ich blies, wurden alle sechs, einer nach dem anderen, bleich im Gesicht; alle sechs krümmten sich vornüber, alle sechs griffen sich mit einer Hand auf die Brust und sahen einander aus verschleierten Augen an. Dann sprang einer der Polizisten auf mich zu und packte mich am Handgelenk; sogleich aber blieb ihm die Luft weg, die Beine knickten ihm ein, und er fiel mir zu Füßen, als wolle er mich um Hilfe anflehen. Von den anderen brabbelte einer etwas vor sich hin, der andere ruderte mit den Armen, der dritte starrte mit weitaufgerissenen Augen und ebensolchem Mund vor sich hin. Instinktiv versuchte ich mit dem freien Arm den jungen Arzt aufzufangen, der mir entgegenfiel. Aber auch er stieß mich wie Bernabò wütend zurück und fiel mit lautem Krachen der Länge nach auf den Boden. Ein Rudel Leute, der allmählich zu einer Menschenmenge anwuchs, hatte sich unterdessen vor dem Tor zusammengerottet. Die neu hinzugekommenen Neugierigen drängten von außen nach innen, die Entsetzten wichen von der Schwelle zurück und quetschten so in der Mitte die in banger Erwartung verharrenden Leute ein, die sehen wollten, was in dieser Toreinfahrt vor sich ging. Sie fragten mich danach, als wäre ich einer, der das wissen müßte, vielleicht, weil mein Gesicht weder die Neugier, noch die bange Erwartung, noch das Entsetzen ausdrückte, das in ihnen war. Wie ich aussah, hätte ich nicht zu sagen vermocht; in diesem Augenblick fühlte ich mich wie verloren, plötzlich überfallen von einer Meute wilder Hunde. Ich fand keinen anderen Ausweg als meine kindische Geste. In den Augen hatte ich wohl einen Ausdruck der Angst und zugleich des Mitleids für die sechs Gefallenen und für alle, die um mich herumstanden; vielleicht lächelte ich sogar, während ich zu dem einen oder anderen sagte, indem ich mir einen Weg bahnte: „Ein Hauch genügt, so... so...“; zugleich rief vom Boden der junge Arzt, der bis zum Letzten starrköpfig blieb, sich in Krämpfen windend: „Die Epidemie! Die Epidemie!“ Eine allgemeine Flucht war die Folge; und eine Zeitlang sah ich mich noch inmitten all dieser Leute, die entsetzt und wie von Sinnen nach allen Seiten flohen, langsam vor mich hin trotten, wie ein Betrunkener, der mit sich selbst spricht, sanft und betrübt; bis ich mich, ich weiß selbst nicht wie, vor dem Spiegel eines Schaufenster wiederfand, noch immer mit diesen beiden Fingern vor dem Mund und mitten im Akt des Blasens „ ...so ...so“, vielleicht, um einen Beweis für die Unschuld dieses Aktes zu liefern, indem ich zeigte, daß ich dasselbe, bitte, auch mit mir selbst machte, in der einzigen Weise, in der ich das tun konnte. Für einen Augenblick sah ich mich in diesem Spiegel, mit Augen, von denen ich selbst nicht mehr wußte, wie ich sie mir ansehen sollte, so tief eingesunken waren sie in diesem Totengesicht, das mich anstarrte; dann, als hätte die Leere mich verschlungen, oder ein Schwindel mich erfaßt, sah ich mich selbst nicht mehr; ich berührte den Spiegel, er war da, vor mir, ich sah ihn, aber ich war nicht in ihm; ich berührte mich, berührte meinen Kopf, meine Brust, meine Arme; ich spürte meinen Körper unter den Händen, aber ich sah ihn nicht mehr, und auch nicht mehr die Hände, mit denen ich ihn berührte; und doch war ich nicht blind; ich sah alles, die Straße, die Leute, die Häuser, den Spiegel; da, ich berührte ihn von neuem, ich trat näher heran, um mich in ihm zu suchen; aber ich war nicht da, und auch die Hand war nicht da, die doch unter den Fingerkuppen die Kälte der Scheibe spürte. Ein Drang ergriff mich, ein frenetischer Drang, in diesen Spiegel hineinzusteigen, auf der Suche nach meinem fortgeblasenen, verschwundenen Bild; und während ich so gegen das Spiegelglas gelehnt stand, lief einer, der aus dem Geschäft kam, in mich hinein, und sofort sah ich ihn entsetzt zurückprallen, den Mund zu dem Schrei eines Wahnsinnigen geöffnet, der nicht aus der Kehle dringen wollte: er war gegen jemanden gelaufen, der da sein mußte und doch nicht da war, denn da war niemand; da stieg in mir übermächtig das Bedürfnis auf, zu bekunden, daß ich doch da war; ich sprach, als wäre ich eine Stimme in der Luft; ich hauchte es ihm ins Gesicht: „Die Epidemie!“ und mit einem Stoß der Hand gegen seine Brust warf ich ihn zu Boden. Unterdessen war die Straße in Aufruhr geraten, aufgewiegelt von denen, die zuvor geflohen waren, und die nun, mit Gesichtern von Besessenen zurückkamen, sicherlich alle zur Suche nach mir aufhetzend, sie füllte sich mit Leuten, die von allen Seiten hereindrängten, wurde immer voller, wie ein dicker Rauch aus wechselnden Gesichtern, der mich erstickte, der ich mich doch fast in dem Rausch eines erschreckenden Traums verflüchtigt hatte; aber sogar in diesem Gedränge eingeklemmt, konnte ich gehen, mir einen Weg bahnen mit dem Hauch meines Atems über meine unsichtbaren Finger. „Die Epidemie! Die Epidemie!“ - Ich war nicht mehr ich; nun endlich begriff ich es; ich war die Epidemie, und es waren alles Larven, jawohl, alles Larven, die Menschenleben, die ein Hauch mit sich forttrug. Wie lange wohl dieser Alptraum anhielt? Die ganze Nacht und einen Teil des darauffolgenden Tages versuchte ich, aus diesem Gedränge zu entkommen, und als ich mich endlich auch noch von der Enge der Häuserzeilen der gräßlichen Stadt befreit hatte, fühlte ich mich in der Luft des freien Landes selbst Luft geworden. Alles wurde von der Sonne in Gold getaucht; ich hatte keinen Körper mehr, keinen Schatten mehr; das Grün war so frisch und neu, als wäre es eben jetzt aus meinem so dringenden Bedürfnis nach Erfrischung hervorgegangen, und es war so sehr mein, daß ich mich in jedem unter der Last eines sich darauf niederlassenden Insekts erzitternden Grashalm selbst angerührt fühlte; ich versuchte zu fliegen, mit dem beinahe papiergleichen, hingebungsvollen Liebesflug von zwei weißen Schmetterlingen; und als ob es nun wirklich ein Scherz wäre, da, ein Hauch und fort ist es, schon schwebten die abgefallenen Flügel dieser Schmetterlinge durch die Luft herab wie dünnes Papier; weiter drüben saß auf einem Stuhl, den Oleander neugierig beäugten, ein junges Mädchen in einem Kleid aus himmelblauem Schleiertuch, auf dem Kopf einen großen Strohhut, den kleine Rosen zierten; sie blinzelte mit den Augenlidern; nachdenklich saß sie da, und lächelte mit einem Lächeln, das sie mir in die Ferne entrückte, wie ein Bild aus meiner Jugend; vielleicht war sie ja wirklich nichts anderes als ein Bild, das mir vom Leben zurückgeblieben war, nur noch dieses einzige Bild auf der ganzen Erde. Ein Hauch und fort damit! Bis zur Beklemmung gerührt von so viel Süße, blieb ich unbeweglich dort stehen, die Hände ineinander verschlungen und den Atem anhaltend, und betrachtete sie aus der Ferne; und mein Blick war die Luft selbst, die sie liebkoste, ohne daß sie sich von ihr angerührt fühlte. 

 

© Michael Rössner.

Italienische Version LUIGI PIRANDELLO 1867 - 1936 - Novellen

Der Kater ein Distelfink und die Sterne - (Il gatto, un cardellino e le stelle – 1925)

 

Erstveröffentlichung in der Zeitschrift "Penombra" 1917; keine wesentlichen Varianten bekannt.

 

aus dem Italienischen von Michael Rössner 

 

Ein Stein. Noch ein Stein. Der Mensch geht vorüber und sieht sie nebeneinander liegen. Aber was weiß dieser Stein schon von dem Stein neben sich? Und was das Wasser, das im Graben fließt, vom Graben? Der Mensch sieht das Wasser und sieht den Graben; er hört das Wasser hindurchfließen und versteigt sich sogar zu dem Gedanken, das Wasser könnte im Vorüberfließen dem Graben weiß Gott was für Geheimnisse mitteilen.

Ach, was für eine Sternennacht über den Dächern dieses armseligen Dörfchens in den Bergen! Wenn man den Himmel von diesen Dächern aus betrachtete, hätte man schwören mögen, die Sterne sähen in dieser Nacht nichts anderes an, so lebhaft strahlten sie gerade darüber.

Und die Sterne haben auch keine Ahnung von der Erde.

Diese Berge? Ja, ist es denn die Möglichkeit, daß sie nicht wissen, daß sie zu diesem Dörflein gehören, das seit fast tausend Jahren in ihrer Mitte liegt? Alle wissen, wie sie heißen, Monte Corno, Monte Moro; und sie wüßten nicht einmal, daß sie Berge sind? Und dann wäre also auch das älteste Haus dieses Dörfleins sich nicht bewußt, daß es hier aufgerichtet worden ist, daß es diese Straße hier einrahmt, die die älteste aller Straßen ist? Ja, kann denn das möglich sein?

Und was wäre dann? 

Dann glaubt ruhig, wenn euch das Spaß macht, daß die Sterne nichts anderes sehen als die Dächer eures Dörfleins zwischen den Bergen.

 

Ich habe zwei alte Leutchen kennengelernt, die einen Distelfink besaßen. Die Frage, wie die runden, lebhaften Äuglein dieses Distelfinks ihre Gesichter, den Käfig, das Haus mit all den alten Möbeln sähen, und was der Kopf dieses Distelfinks über all die Liebkosungen und Zärtlichkeiten dachte, mit denen sie ihn überhäuften, war diesen beiden alten Leutchen mit Sicherheit noch nie gekommen; so sicher waren sie, daß der Distelfink, wenn er sich auf der Schulter des Großväterchens oder des Großmütterchens niederließ und wenn er an ihrem runzligen Hals oder am Ohrläppchen knabberte, sehr gut wußte, daß das, worauf er sich niedergelassen hatte, eine Schulter war, und daß, woran er knabberte, ein Ohrläppchen war, und daß Schulter und Ohr ihm und nicht ihr gehörte. War es denn möglich, daß er sie nicht beide kannte? Daß er nicht wußte, daß der eine das Großväterchen und die andere das Großmütterchen war? Und daß er sich nicht darüber im klaren war, daß sie ihn beide so sehr liebten, weil er der Distelfink ihrer verstorbenen Enkelin war, die ihn so gut abgerichtet hatte, daß er auf die Schulter flog, am Ohr knabberte und im Haus frei herumflog?

Im Käfig, der zwischen den Vorhängen am Fensterkreuz hing, hielt er sich nur des Nachts auf und tagsüber in den kurzen Augenblicken, in denen er seine Hirsekörner aufpickte und mit vielen koketten Verbeugungen ein Tröpfchen Wasser trank. Mit einem Wort, der Käfig war sein Königspalast und das Haus war sein weites Königreich. Und oft ließ er auf dem Lampenschirm der Hängelampe im Eßzimmer oder auf der Rückenlehne des Großvaterstuhls seine Triller los und auch noch was anderes... naja, er war eben ein Distelfink!

"Schmutzfink!", zankte ihn das alte Großmütterchen aus, wenn sie ihn dabei ertappte. Und sie lief mit dem Lappen herbei, immer bereit zu putzen, als wäre ein Kind im Haus, von dem man noch nicht erwarten konnte, daß es genug Verstand besäße, gewisse Dinge ordentlich und am richtigen Ort zu erledigen. Und unterdessen erinnerte sie sich an sie, die alte Großmutter, an die Enkelin erinnerte sie sich, die ihr genau diese Putzerei, armes Schätzchen, mehr als ein Jahr hindurch aufgebürdet hatte, bis sie endlich, als braves Kindchen...

"Erinnerst du dich, hm?"

Und der Alte - was heißt erinnern? Er sah sie förmlich noch vor sich im Haus herumlaufen, ganz winzigklein - so! Und er schüttelte lange Zeit den Kopf.

Sie waren allein zurückgeblieben, die beiden Alten, mit dem Waisenkind, das da von Kindesbeiden bei ihnen aufgewachsen war, und das die Freude ihres Alters hätte werden sollen; aber stattdessen, mit fünfzehn Jahren.... Nun, aber lebendig von ihr zurückgeblieben war doch - Triller und Flügel - die Erinnerung, der Distelfink. Dabei hatten sie ja zuerst nicht einmal an ihn gedacht! In der Verzweiflung, in die sie nach dem Unglück verfallen waren, wie hätten sie da an einen Distelfink denken können? Aber auf ihre gebugten Schultern, zuckend unter der Gewalt des Schluchzens, da hatte er, der Distelfink - ja, er, er - sich ganz von selbst sanft hingesetzt, hatte das Köpfchen dahin und dorthin gewendet, den Hals gereckt und dann einen kleinen Biß mit dem Schnabel liebevoll hinters Ohr, als wollte er sagen, daß... ja freilich, er war etwas, das von ihr lebendig geblieben war; lebendig, immer noch am Leben, etwas, das ihre Fürsorge brauchte, dieselbe Liebe, die sie für das Mädchen gehabt hatten.

Wie zitterte doch die klobige Hand des Alten, als er den Distelfink daraufsetzte, um ihn schluchzend seiner guten Alten zu zeigen! Was regnete es da Küsse auf dieses Köpfchen, auf dieses Schnäbelchen. Aber er wollte sich nicht von dieser Hand fangen, von ihr einsperren lassen, er schlug mit den Füßchen um sich, mit dem Köpfchen; er beantwortete die Küsse der beiden Alten mit Schnabelhieben.

Das Großmütterchen war ganz, ganz sicher, daß der Distelfink mit diesen Zwitschertönen noch immer sein kleines Frauchen rufen wollte, und daß er, wenn er hin und her durch die Zimmer flatterte, nach ihr suchte, ohne Ruhe und Rast nach ihr suchte, sich einfach nicht damit abfinden konnte, daß er sie nicht mehr fand; und daß das alles Reden war, die er an sie hielt, diese langgezogenen Triller; Fragen, ja, richtige Fragen, wie man sie mir Worten nicht deutlicher hätte stellen können. Dreimal, viermal hintereinander wiederholte er diese Fragen, die nach einer Antwort verlangten und den Ärger darüber verrieten, daß er keine bekam.

 

Aber wie denn, wenn es doch andererseits ebenso ganz, ganz sicher war, daß der Distelfink über den Tod Bescheid wußte? Wenn er es wußte, wen rief er dann? Von wem erwartete er eine Antwort auf seine Fragen, wie man sie mir Worten nicht deutlicher hätte stellen können?

Nun, mein Gott, er war eben doch ein Distelfink! Bald rief er nach ihr, bald beweinte er sie. Konnte man den ernsthaft daran zweifeln, daß er - in diesem Augenblick zum Beispiel, wenn er da ganz zusammengekauert auf dem Stab seines Käfigs saß, das Köpfchen eingezogen, das Schnäbelchen in die Höhe gereckt und mit halbgeschlossenen Augen - daß er da an das tote Mädchen dachte? So gewisse kurze, unterdrückte Piepstöne stieß er in solchen Augenblicken aus, und die waren doch der schlagendste Beweis dafür, daß er an sie dachte, sie beweinte und sich beklagte. Es zerriß einem förmlich das Herz, wenn man diese Piepstöne hörte.

Nein, der alte Großvater sagte ja gar nichts dagegen. Er war sich der Sache ja genauso sicher wie seine gute Alte! Und dennoch stieg er ganz sachte auf den Stuhl, als wollte er tatsächlich diesem armen gequälten Seelchen ein paar Trostworte zuflüstern, und dabei - fast, als wollte er selbst nicht dabei zusehen, was er tat - dabei öffnete er das Käfigtürchen, das zugefallen war.

"Da fliegt er davon! Na, da fliegt er, der Lausebengel!", rief der Alte, während er sich auf dem Stuhl umdrehte, mit lachenden Augen, die beiden Handflächen vorstreckend, als wollte er ihn aufhalten.

Und dann stritten Großpapa und Großmama. Sie stritten, weil sie es ihm schon hundertmal gesagt hatte, er solle ihn in Ruhe lassen, wenn er so im Käfig hockte, er solle ihn nicht in seinem Kummer aufscheuchen. Na, hörte er das jetzt?

"Er singt", sagte der Alte.

"Was heißt, er singt!", keifte sie zurück und zuckte die Achseln. "Der erzählt dir was Schönes! Der hat einen Affenzorn auf dich!"

Und sie lief hin, um ihn zu beruhigen. Aber wie wollte man ihn denn beruhigen? Er sprang hierhin und dorthin, richtig gekränkt war er. Und ganz zu Recht, denn er mußte ja den Eindruck haben, daß man in diesen Augenblicken keine Achtung vor ihm hatte.

Das Schöne war nur, daß der Großvater sich nicht nur all die Beschimpfungen der Großmutter geduldig anhörte, ohne ihr zu sagen, daß das Käfigtürchen zugefallen war, und daß der Distelfink vielleicht deshalb so klagend gepiepst hatte, nein, er weinte, als er seine gute Alte so reden hörte, während sie dem Distelfink nachlief und gestand es selbst ein, während er unter Tränen den Kopf schüttelte:

"Der Ärmste, er hat ganz recht... der Ärmste, er hat ganz recht... er meint, wir hätten keine Achtung vor ihm!"

Denn der Großvater wußte sehr gut, was es heißt, wenn man spürt, daß die anderen keine Achtung vor einem haben. Vor ihnen beiden, den armen Alten, hatte auch niemand mehr Achtung, sie waren das Gespött des Dorfes, weil sie nur noch für diesen Distelfink lebten, und weil sie sich selbst dazu verdammten, ständig bei geschlossenem Fenster lebten; ja, auch er, der alte Großvater, hatte sich dazu verdammt, die Nase nicht mehr vor die Türe zu stecken, denn er war zwar alt und heulte zu Hause wie ein kleines Kind, aber, he! - also auf der Nase herumtanzen hatte er sich noch von keinem lassen, und hätte einer auf der Straße auf die dumme Idee gekommen, sich über ihn lustig zu machen, dann hätte er sein Leben (was für einen Wert hatte das Leben denn noch für ihn?) wie nichts, jawohl, wie nichts aufs Spiel gesetzt. Jawohl, meine Herrschaften, für diesen Distelfink da, wenn jemand auf die dumme Idee gekommen wäre, ein falsches Wort zu sagen. Dreimal, in seiner Jugend, da stand es auf des Messers Schneide... da ging's um Kopf und Kragen oder wenigstens um die Freiheit! Ach, ihm lag nicht viel daran, die Augen auf immer zu schließen!

Jedes Mal, wenn diese gewalttätigen Gedanken sein Blut in Wallung brachten, stand der alte Großvater auf, oft mit dem Distelfink auf der Schulter, ging zum Fenster und sah mit grimmigem Blicken durch die Glasscheibe auf die Fenster der Häuser gegenüber.

Daß das dort Häuser waren, dort gegenüber, daß das Fenster waren, mit Rahmen und Scheiben, mit Brüstungen, Blumentöpfen und allem, was dazugehört; daß das Dächer waren, mit Rauchfängen, Ziegeln, Dachrinnen, daran konnte der alte Großvater nicht zweifeln - er wußte ja noch dazu, wem sie gehörten, wer dort drinnen war, und wie man dort wohnte. Das Schlimme war nur, daß ihm nicht im geringsten die Frage in den Sinn kam, was dagegen für den Distelfink, der auf seiner Schulter hockte, dieses sein eigenes Haus und die anderen Häuser gegenüber waren; und auch nicht, was sie für diesen prächtigen weißen Kater bedeuteten, der auf dem Fensterbrett des Fensters gegenüber hockte und sich mit geschlossenen Augen die Sonne auf den Pelz scheinen ließ. Fenster? Glasscheiben? Dächer? Ziegel? Mein Haus? Dein Haus? Für diesen riesigen weißen Kater: Mein Haus? Dein Haus? Aber wenn er nur hineingelangen konnte, waren doch alle Häuser sein! Häuser? Was heißt denn Häuser! Orte, wo man etwas mitgehen lassen konnte; Orte, wo man mehr oder weniger bequem schlafen konnte; oder auch, wo man sich schlafend stellen konnte.

Glaubten denn die beiden alten Großeltern tatsächlich, wenn sie immer Fenster und Türe des Hauses geschlossen hielten, könnte ein Kater, wenn ihm wirklich daran läge, nicht einen anderen Weg finden, ins Haus zu gelangen und diesen Distelfink zu verspeisen?

Und war es nicht wirklich ein bißchen zu viel verlangt, daß der Kater wissen sollte, daß dieser Distelfink für die beiden alten Großeltern alles war, was sie im Leben noch hatten, weil er ihrer verstorbenen Enkelin gehört hatte, die ihn so gut abgerichtet hatte, daß er im Haus frei herumfliegen konnte, außerhalb des Käfigs? Und daß er wissen sollte, daß der alte Großvater, als er ihn einmal hinter einem der Fenster auf der Lauer liegen und durch das Glas den sorglosen Flug des Distelfinks durch die Zimmer beobachten gesehen hatte, wütend zu seinem Besitzer gelaufen war, um ihn zu warnen, wehe, wehe, wenn er noch einmal dieses Katzenvieh dort erwischen würde? Dort? Wann? Wie? Das Frauchen... die Großeltern... das Fenster... der Distelfink?

Und so verspeiste er ihn eines Tages - aber freilich, diesen Distelfink, der seinetwegen auch ruhig ein anderer Vogel hätte sein können, er verspeiste ihn, nachdem er, Gott weiß wie, sich in das Haus der beiden Alten geschlichen hatte. Die Großmutter - es war schon fast Abend - vernahm von drüben gerade so etwas wie ein leises Klagen, einen unterdrückten Piepser; der Großvater eilte herbei, sah gerade noch etwas Weißes durch die Küche davonhuschen und ein paar kleine Brustfedern, die allerzartesten, auf dem Boden verstreut, wo sie sich in dem Lufthauch seines Eintretens auf dem Marmorboden ganz sachte bewegten. Welch ein Schrei! Seine gute Alte versuchte ihn vergeblich zurückzuhalten, der Großvater packte sein Gewehr und lief wie ein Verrückter zum Haus der Nachbarin. Nein, nicht die Nachbarin, den Kater, freilich, den Kater wollte er erschießen, der Alte, dort, vor ihren Augen. Und so schoß er in das Eßzimmer hinein, als er ihn dort seelenruhig auf der Kredenz sitzen sah, schoß einmal, zweimal, dreimal, bis das Geschirr in Brüche ging und der Sohn der Nachbarin, seinerseits mit einem Gewehr bewaffnet, hinzustürzte und auf den Alten anhielt.

Eine Tragödie. Unter Schreien und Weinen trug man den Großvater sterbend, mit einer Schußwunde in der Brust in sein Haus zurück, zu seiner guten Alten.

Der Sohn der Nachbarin war in den Wald geflohen. Zwei Familien waren ruiniert; das ganze Dorf war eine Nacht lang in hellem Aufruhr.

Und der Kater konnte sich einen Augenblick später schon gar nicht mehr daran erinnern, daß er einen Distelfink gefressen hatte - einen beliebigen Distelfink; und er hatte nicht einmal begriffen, daß der Alte auf ihn geschossen hatte. Er hatte einen riesigen Luftsprung gemacht, als es krachte, war davongelaufen, und nun - da war er wieder - nun lag er ganz friedlich, so sehr weiß auf dem schwarzen Dach, und betrachtete die Sterne, die aus der tiefschwarzen Neumondnacht herausguckten und dabei - da kann man ganz sicher sein - nicht im geringsten von den armseligen Dächern dieses kleinen Dorfes zwischen den Bergen Notiz nahmen. Und doch leuchteten sie so hell gerade darüber, daß man hätte schwören mögen, sie sähen in dieser Nacht nichts anderes an.

 

* * *

 

© Michael Rössner.

LUIGI PIRANDELLO 1867 - 1936 - Novellen

Der Nagel - (Il chiodo - 1937)

Italienische Version

 

Der Junge hat gestanden, daß er diesen Nagel da gefunden hatte, als er im Schwarzenviertel Harlem eine Straße überquerte. Es war ein großer, rostiger Nagel, der vielleicht von einem kurz zuvor über diese Straße gefahrenen Wagen heruntergefallen sein mochte.

Absichtlich heruntergefallen.

„Wie denn, absichtlich?“

Es nützt nichts, die Augen sperrangelweit aufzureißen oder im Sessel hochzufahren. Wenn man dem nicht Rechnung tragen wollte, und der Art, in der der Junge das sagte, ruhig, überzeugt, aber in den gläsernen Augen noch den Schrecken über die unverständliche und unerklärliche Sache festhaltend, die ihm widerfahren war, dann hatte es gar keinen Sinn, ihn weiter zu befragen.

Dieser Nagel lag dort, mitten auf der ausgestorbenen Straße, und er stach dort so sehr ins Auge, daß er in unwiderstehlicher Weise nicht bloß den Blick, sondern auch die Hand des zufällig Vorübergehenden anzog, der sich gezwungen sah, sich herabzubeugen, um ihn aufzuheben, ohne zu wissen, was er damit anfangen sollte, sei es auch nur, um ihn kurze Zeit später auf der Straße wieder wegzuwerfen.

Tatsächlich sagt der Junge, er habe nie daran gedacht, daß er ihn später verwenden könnte; daß er nicht einmal daran gedacht hatte, während er schon dabei war, ihn zu verwenden. Er hatte ihn in der Hand, weil er nicht anders konnte als ihn aufzuheben; aber da dachte er schon nicht mehr daran. Der Nagel war ja schon „ruhig geworden“ in seiner Hand (ja, so hat er gesagt, und allen ist es kalt den Rücken hinuntergelaufen, als sie ihn das sagen hörten), der Nagel war schon „ruhig geworden“ in seiner Hand, weil er ‑ wie er es gewollt hatte ‑ aufgehoben worden war.

 

Und so ‑ immer noch nach der Erzählung des Jungen ‑ hatten zwei Straßenmädchen, während er eben dabei war, aus der Straße, auf welcher er den Nagel aufgehoben hatte, in eine andere einzubiegen, hatten zwei Straßenmädchen also, die eine vielleicht vierzehn, die andere kaum acht Jahre alt, zu raufen begonnen. In Brand geraten in einem Feuerschein der untergehenden Sommersonne, wurden sie zu einem Knäuel aus Armen, aus Beinen, aus Lumpen und aus Haaren; und auf der Stelle hatte er sich ohne nachzudenken auf sie gestürzt, die Faust gehoben und den Nagel in den Kopf der kleineren der beiden gebohrt; dann, sogleich danach, in Wahrheit aber nach einer unendlich langen Zeit, als er sie tot daliegen sah, als wäre sie es immer schon gewesen, zu seinen Füßen ganz blutüberströmt zusammengesunken, war er inmitten des Entsetzens der herbeigelaufenen Leute wie betäubt zurückgeblieben.

Warum er die Kleine durchbohrt hatte und nicht die Große, das wußte er nicht zu sagen. Er kannte weder die eine noch die andere. Er hatte nicht einmal Zeit gehabt, ihnen ins Gesicht zu sehen. Er hatte bloß gesehen, daß die Große die Kleine an den Haaren an der Schläfe gepackt hatte, und daß diese Haare der Kleinen kupferrot waren, und eine ihrer Hände, krallenartig gekrümmt, im Gesicht der Großen, die ihr von unten gräßlich ein Auge nach oben drückte, so daß das gesamte Weiße des Auges zu sehen war, das fast aus der Höhle sprang.

Vielleicht war es wegen der Farbe der Haare gewesen, wegen dieses so scheußlich verschobenen Auges. Denn danach hatte man erfahren, daß die Große an der Sache schuld gewesen war, die der Kleinen einen Streich hatte spielen und dabei deren Schwächlichkeit ausnützen wollte, kränklich, wie das Mädchen nun einmal war, das sah man doch gleich beim Anblick ihres spitzen, ausgezehrten Gesichtchens, das dort auf dem Boden, inmitten der Blutlache, aussah wie aus Wachs, ein Jammer, dieses Näslein, dieses Mündchen, und all diese Sommersprossen dazu. Kein Zweifel, daß sie bei der Rauferei zu guter Letzt den Kürzeren gezogen hätte.

Und mit diesem Nagel hatte er sie getötet. 

Nun, nach dem Verhör, lauscht er, gebeugt auf seinem Stuhl, mit einer düsteren Verwunderung in den Augen, die schmalen Hände auf den Knien, mit den Malen von Kratzern, die er sich vielleicht selbst zugefügt hat, ohne es auch nur zu bemerken. Er lauscht den Gründen, die die anderen sich ausdenken, um seine Tat zu erklären.

Seine Verwunderung gilt dem Umstand, daß es so viele sein können, so viele solche Gründe, während er nicht einmal einen einzigen zu sehen vermag; und alle scheinen wahr und einleuchtend, sowohl die, die für ihn als auch die, die gegen ihn sprechen.

Aber ja, auch ihm erscheinen sie wahr und einleuchtend, freilich nur wenn er sich dazu hinreißen läßt, sie als ein Konstrukt aus geistreichen Vermutungen und Eingebungen zu betrachten, das nicht eigentlich auf ihn und seine Tat bezogen werden kann; sonst nicht; ein paar würden ihn geradezu zum Lachen reizen, wenn ihn nicht die allgemeine Beklemmung zurückhalten würde, und noch etwas anderes, was man ihm dort vor die Augen hält, auf dem Tisch des Richters: der Nagel, dessen Rost einen noch ein wenig dunkleren Rotton angenommen hat; und noch etwas hält ihn zurück, das Schrecklichste von allem, etwas, das er im tiefsten Grund seines Herzens vor sich selbst verborgen hält, als müßte er sich dafür schämen. Aber es ist  keine Scham. Es ist Schreck. Ein verzweifeltes Mitleid, eine trostlose Liebe ist da in ihm allmählich zu ihr entstanden, von der er erst jetzt erfahren hat, daß sie Betty hieß; nur so, Betty; denn nur unter ihrem Vornamen war sie bekannt, und tatsächlich hat sich keiner ihrer Angehörigen gemeldet.

Mit diesem geheimen Gefühl im Herzen, das ihn förmlich auffrißt, ist es ihm völlig gleichgültig, ob die Leute, die da sprechen, gegen die Wahrheit verstoßen und etwas gegen ihn sagen; im Gegenteil, es ist ihm ganz recht, denn alles, was die da an Ungerechtem sagen, beweist ihm immer mehr, daß wahr vielmehr das andere ist, an das niemand glauben will, daß nämlich dieser Nagel absichtlich dort hingefallen ist, und das von Betty und dem anderen Mädchen, daß die nämlich, gerade als er in die Straße einbog, ebenfalls absichtlich zu Raufen begonnen hatten, absichtlich, damit er, von dieser Rauferei dazu angeregt, sich einzumischen, ohne daß er noch daran gedacht hätte, daß er ja mit diesem Nagel bewaffnet war, die grauenhafte Ungerechtigkeit begehen müßte, eine Unschuldige zu töten. Und übrigens ist das nicht wahr, Betty, das mit deinen Haaren; daß deine roten Haare nicht schön gewesen wären. Sie waren schön, jawohl, sie waren schön und sie standen dir wunderbar. Und was liegt schon daran, daß du all diese vielen Sommersprossen in deinem spitzen Gesichtchen hattest? Wenn du nur die Augen aufmachen würdest, die ich nicht einmal zu Gesicht bekommen habe! Ach wäre doch nur das Wunder geschehen, daß du da auf der Erde, in all diesem Blut, plötzlich, damit allen der Schreck vergeht, den Schalk von zwei leuchtenden Äuglein hättest aufblitzen lassen. Aber dieses Wunder ist nicht geschehen. Deine Äuglein habe ich nur geschlossen gesehen, auf immer geschlossen. Vielleicht konntest du, armes krankes Mädchen, auch gar keine leuchtenden Äuglein haben. Macht nichts, macht nichts: mach sie trotzdem auf, Betty, mach sie auf und lächle. Kann sein, es fehlt dir der eine oder andere Zahn; du wirst noch nicht alle zweiten Zähne haben; macht nichts, lächle trotzdem. aber diese weißen Lippen, diese weißen Lippen: man muß sofort das ganze Blut abwaschen.

Ein epileptischer Anfall? Wer redet da von einem epileptischen Anfall?

Sie meinen ihn damit, und sie erklären alle Symptome dieser Krankheit. Aber er ist ganz sicher, nie etwas dergleichen gespürt zu haben. Kann es sein, daß er diese Krankheit hat ohne es zu wissen, daß sie bis zum Augenblick des Delikts verborgen geblieben und dann plötzlich in ihm ausgebrochen ist?

Also, wenn sie weiter solche Dinge sagen, dann bricht ihm das Herz oder er schnappt über.

Aber jetzt reden sie von bösartigen Trieben.

Das ist ihm lieber, wenn sie das sagen, denn das ist nicht wahr. Er, bösartige Triebe? Er hat doch nie bei all den Grausamkeiten seiner Schulkameraden in den Pausen, gegen ein kleines Tier oder ein Insekt, zusehen können, ohne sich dagegen aufzulehnen. Also, gezeigt hat er sie nie, diese bösartigen Triebe. Und wenn die glauben, daß dieser vom Boden aufgehobene Nagel ein Beweis dafür sei, dann ist das ja zum Lachen. Die kennen ihn nicht. Die sprechen gar nicht von ihm. Kein Trieb ist in ihm erwacht, als er diesen Nagel aufgehoben hat. Er hat ihn aufgehoben, ohne überhaupt an das zu denken, was er tat; und er war so weit fort mit seinen Gedanken, daß er während des ganzen Stück Weges, den er zurücklegte, ehe er in die andere Straße einbog, nur an einen Wagen gedacht hatte, an einen Wagen, von dem dieser Nagel heruntergefallen sein könnte, einen Wagen, der vielleicht jetzt aufs Land fuhr, in die Ferne. Denn er war gerade in diesen Tagen vom Land zurückgekommen, wo er mit der Familie die Ferien verbracht hatte, den Sommer, und er hatte so viele solcher Karren über die Wege inmitten des hohen Grases fahren sehen. Aber im übrigen mögen sie doch sagen, was sie wollen; mögen sie doch die absurdesten Vermutungen anstellen, ihm liegt an gar nichts mehr etwas: Er ist schon weit weg, auf dem Land, in Old Lime, wo er den Sommer verbracht hat, er sieht wieder die Villa vor sich und die herrliche Landschaft in der heiteren Sommerluft; das Segelboot des Vaters, das am Ufer des Flusses, des Connecticut, vor Anker liegt, der so viel blauer ist als das Meer, zwischen all dem Grün ringsumher; er ist mit dem Vater auf diesem Boot bis zum Ozean gefahren; weiter hat die Mama nicht erlaubt, daß er mitfährt. Das Boot war ja so klein, mitsamt dem Segel; aber die Villa war groß, mit den vielen falschen Säulen in der Fassade, und auf allen Seiten umgeben von lauter großen, schönen Bäumen, von denen der Großvater sicher war, es seien Eukalyptusbäume, und die der Vater Platanen und Buchen nannte; Eukalyptus, Eukalyptus; Platanen, Buchen; Tatsache war jedenfalls, daß sie viel Schatten machten, denn in der Villa sah man fast gar nichts, und es war besser, die Tage draußen zu verbringen; außerdem, dazu fährt man ja schließlich aufs Land; die Mutter schrie ihm nach, er solle nicht zu weit fortgehen; und sie erklärten den Freunden, die sie besuchen kamen, auf der Hausbank sitzend, daß diese Villa das älteste Haus in Old Lime sei, und eines der ältesten Häuser in ganz Amerika; während er glücklich wie ein Verrückter am Flußufer entlang lief oder sich in der Landschaft verlor, mitten in dem Gras, das so hoch und so dicht stand und so sehr nach all den Säften der Erde roch, daß es einen fast erstickte und berauscht machte. Aber jetzt kann er nicht mehr allein sein. Jetzt ist er da inmitten all dieses Grases mit Betty; er will mit ihr spielen; aber zuerst will Betty nicht; dann gibt sie ihm ihre kleine Hand, eine noch ganz kalte Hand, eiskalt, so daß einen ein Schauder überläuft, wenn man sie anfaßt; man braucht nicht mehr daran zu denken; er beugt sich hinab, um sie anzusehen; nun folgt sie ihm mit gesenktem Kopf, den Finger der anderen Hand in den Mundwinkel gesteckt. Sie gehen und gehen. Aber so ist’s ja sinnlos, wenn sie nicht spielen sollen. Will sie nicht mehr spielen? Sie kann nicht? Was dann? Will sie sich wieder zu Boden werfen? Nein! Nein! Betty ist jetzt geheilt, sie muß wieder strahlen und lachen, jawohl, lachen. Aber Betty bleibt stehen und winkt ihm mit der Hand, er solle ein bißchen warten. Was denn? Sie muß einen Augenblick zur Seite gehen, nur für einen kleinen Augenblick. Ein Bedürfnis. Ihm ist das ein bißchen peinlich. Er mag das gar nicht, daß Mädchen gewisse Dinge aussprechen. Aber da kommt statt ihrer aus der Gegend, in der sie sich verstecken wollte, ein anderes Mädchen; nein, es ist nicht das von der Rauferei; es ist eine seiner Cousinen, dick und häßlich, fast so alt wie er, sie ist aus Harlem mit ihrer Mutter gekommen, um den ganzen Tag auf dem Land zu verbringen; er kann sie nicht ausstehen. Wo ist Betty hingegangen? Da ist sie, dort hinten, weit, weit weg, sie läuft; sie hat diesen Vorwand gewählt, um davonzulaufen; sie hat Angst vor ihm. Nein, nein Betty; er wird dir nicht mehr weh tun; er würde sein Leben dafür geben, dich wieder lebendig zu machen, er wird dich seinen Platz in dem Haus einnehmen lassen. Nun bist du hier. Die Mama wird dafür sorgen, daß du ordentlich gewaschen wirst. Und dann fort mit all diesen Lumpen; sie wird dir ein neues Kleid anziehen, in einer Farbe, die dir gut steht, die zu deinen roten Haaren paßt, ein blauviolettes Kleidchen; ach, wie du jetzt entzückend aussiehst; schade, daß er nicht mehr da sein kann, um dich zu sehen, wenn er sein Leben für dich gegeben hat; und du wirst immer so klein bleiben, hier auf dem Land, ohne je für irgend jemand groß zu werden; auf dem Land wie in einem Paradies, Betty. 

Sie haben ihn nicht angeklagt.

Als er freigesprochen wurde, ließ sich der Junge nichts anmerken. Nur ein Seufzer ist ihm entschlüpft. Es ist sicher, daß er aus Kummer über Betty sterben wird.

Aber vielleicht wird er auch nicht sterben. Die Jahre werden vergehen. Und vielleicht wird er als Großer manchmal an Betty denken. Und dann wird er sie sehen, immer noch klein, wie sie auf ihn wartet, auf dem Land, in Old Lime, in ihrem immer noch ganz neuen blauvioletten Kleid, das so gut zu ihren roten Haaren paßt.

 

© Michael Rössner.

LUIGI PIRANDELLO 1867 - 1936 - Novellen

Der Tod am Leib - (La morte addosso - 1923)

Italienische Version

 

Aus dem Italienischen von Georg Richert, für die Novellenfassung überarbeitet von Michael Rössner.

 

Erstveröffentlichung August 1918 unter dem Titel Caffè notturno - "Nachtcafé" in der Zeitschrift La Rassegna italiana. Die Novelle wurde ohne größere Veränderungen (der gesprochene Text ist im wesentlichen deckungsgleich) 1923 als Einakter unter dem Titel L'uomo dal fiore in bocca ("Der Mann mit der Blume im Mund") uraufgeführt (siehe Bd. 9? unserer Ausgabe). Keine wesentlichen Varianten bekannt.

 

- Hm, was ich sagen wollte... Sie sind offenbar ein ruhiger Mensch... Haben Sie den Zug verpaßt?

- Um eine Minute, sag ich Ihnen. Ich komme gerade am Bahnhof an, und da fährt er mir vor der Nase weg.

- Sie hätten doch hinterherlaufen können!

- Ja, das schon. Ich weiß, es ist lächerlich. Mein Gott, wenn ich bloß nicht diese vielen Pakete, Päckchen und Schächtelchen gehabt hätte! Beladen wie ein Lastesel! Aber die Damen... noch ein Auftrag, noch eine Besorgung... die finden ja kein Ende. Als ich aus dem Wagen sprang - glauben Sie mir, ganze drei Minuten habe ich gebraucht, um die Schlingen all dieser Päckchen an die Finger zu hängen; an jeden Finger zwei.

- Das muß hübsch gewesen sein! Wissen Sie, was ich getan hätte? Ich hätte sie im Wagen liegen lassen.

- Und meine Frau? Ich danke. Und meine Töchter? Und alle ihre Freundinnen?

- Schreien lassen! Ich hätte mich königlich amüsiert dabei.

- Sie haben wohl keine Ahnung, was in der Sommerfrische aus Frauen wird!

- Und ob ich das weiß! Gerade weil ich es weiß. Alle Frauen sagen, sie brauchten überhaupt nichts.

- Wenn es nur das wäre! Die behaupten doch glatt, sie führen nur aufs Land, um zu sparen. Und dann, kaum angekommen in irgendeinem Nest hier in der Gegend... je häßlicher es ist, je armseliger und schmutziger, desto mehr sind sie versessen darauf, es mit ihren allerauffälligsten Plundern und Klunkern zu verschönern! Ja, die Frauen, mein Lieber! Aber schließlich ist es ja ihr Beruf... "Wenn du mal kurz in die Stadt fahren könntest, Lieber! Ich brauche dringend dies und das... und könntest du dabei nicht auch gleich, natürlich nur, wenn es dir nichts ausmacht... (herrlich, dieses "wenn es dir nichts ausmacht"!) und dann, wenn du schon einmal dort bist, du kommst sowieso da vorbei..." - aber meine Liebe, wie soll ich denn das alles in drei Stunden erledigen?" "Ach, red' doch nicht! Wenn du dir einen Wagen nimmst..." - Zu allem Unglück bin ich auch noch ohne Hausschlüssel, weil ich ja nur drei Stunden bleiben wollte.

 

- So ein Pech! Und nun?

- Ich habe diesen Berg von Paketen und Päckchen in der Gepäckaufbewahrung gelassen im Bahnhof, bin essen gegangen und dann ins Theater, um den Ärger auszuschwitzen. Man kam dort fast um vor Hitze. Als ich wieder auf der Straße stehe, frage ich mich: was mache ich jetzt? Es ist schon zwölf. Um vier nehme ich den ersten Zug. Für drei Stunden Schlaf lohnt sich das Geld für die Übernachtung nicht. Und so bin ich nun hier. Dieses Café macht doch nicht zu, wie?

- Nein, es macht nicht zu. Und Sie haben also Ihre Päckchen alle auf dem Bahnhof gelassen?

- Warum fragen Sie das? Sind Sie dort vielleicht nicht sicher? Sie waren alle gut verschnürt.

- Nein, nein, das meine ich nicht. Gut verschnürt, das kann ich mir denken, mit all der Kunstfertigkeit, mit der die jungen Verkäufer beim Einpacken zu Werke gehen... Was für Hände! Ein schöner, großer Bogen starkes Papier, rot, glänzend... schon den anzusehen, ist ein Vergnügen... so glatt, daß man am liebsten sein Gesicht drauf legen möchte, um die kühle, zärtliche Berührung zu spüren... Sie breiten ihn auf dem Tisch aus und legen dann ganz nonchalant den leichten, gut gefalteten Stoff in die Mitte. Zuerst heben sie mit dem Handrücken einen Rand von unten in die Höhe, holen dann von oben den anderen herunter und falten dabei flink und graziös einen Umschlag, wie eine Zugabe, l'art pour l'art. Danach legen sie den Bogen von der einen und dann von der anderen Seite zum Dreieck und schlagen die beiden Spitzen unter, greifen mit einer Hand nach der Bindfadenrolle, ziehen gerade so viel ab, wie sie brauchen, verschnüren so rasch, daß man nicht einmal Zeit hat, ihr Können zu bewundern, schon präsentieren sie das Paket mit der fertigen Schlaufe, so daß man den Finger hineinstecken kann.

- Man sieht, Sie haben die jungen Verkäufer sehr aufmerksam beobachtet.

- Ich? Ganze Tage verbringe ich damit, mein lieber Herr. Ich kann stundenlang stehen und durch die Scheibe in einen Laden schauen. Ich vergesse mich völlig. Mir ist, als ob ich selbst... Ich möchte wirklich dieser Stoff dort sein, diese Seide... dieses gestreifte Leinen... dieses rote oder himmelblaue Band, das die Lehrmädchen im Kurzwarengeschäft, nachdem sie es abgemessen haben am Metermaß... haben Sie schon einmal gesehen, wie sie das machen?... wenn sie es sich wie eine Acht über Daumen und kleinen Finger der linken Hand wickeln, ehe sie es einpacken. Ich beobachte den Kunden oder die Kundin, die mit dem Paket am Finger oder in der Hand oder unterm Arm aus dem Laden herauskommen... ich folge ihnen mit den Blicken, bis ich sie aus den Augen verliere... und dabei denke ich mir... mein Gott, was denke ich mir nicht alles dabei! Sie können sich das gar nicht vorstellen. Aber mir hilft das. Es hilft mir.

- Es hilft Ihnen? Verzeihen sie... wobei denn?

- Mich so - ich meine, mit der Einbildungskraft - an das Leben zu klammern. Wie eine Kletterpflanze an die Stäbe eines Gitters. Ah, man darf die Phantasie keinen Augenblick zur Ruhe kommen lassen, man muß durch sie unaufhörlich mit dem Leben der anderen verbunden sein... aber nicht mit dem der Leute, die man kennt. Nein, nein. Das könnte ich nicht. Das wäre mir unangenehm, wenn sie es wüßten, sogar ekelhaft. Mit dem Leben der Fremden, an denen sich meine Phantasie ungehemmt betätigen kann, aber nicht etwa nur so, aus einer Laune heraus, nein... sie bezieht die allerkleinsten Dinge mit ein, die ich bei diesem oder jenem entdeckt habe. Wenn Sie wüßten, wie sehr und wie sie arbeitet, diese Phantasie! Wie weit ich mich einzudringen traue! Ich sehe das Haus von diesem oder jenem: ich lebe dort, ich habe das Gefühl, wirklich dort zu sein, so sehr, daß ich sogar spüre... kennen Sie diesen besonderen Geruch, der in jedem Hause hängt?... in Ihrem genau so wie in meinem. Aber in unserem eigenen spüren wir ihn nicht mehr, weil es der Geruch unseres Lebens ist, verstehen Sie? Ich sehe, daß Sie meiner Meinung sind...

- Ja, weil... ich meine, es muß ein großes Vergnügen für Sie sein, sich so viel vorzustellen...

- Vergnügen? Für mich?

- Ja... das denke ich mir so...

- Hören Sie... sind Sie je bei einem tüchtigen Arzt gewesen?

- Ich? Nein. Warum? Ich bin doch nicht krank!

- Nein, keine Angst! Ich frage nur, um zu hören, ob Sie je im Hause eines solchen Arztes das Zimmer gesehen haben, in dem die Patienten warten, bis sie dran sind zur Untersuchung.

- Oh ja. Einmal mußte ich eine von meinen Töchtern begleiten. Sie hatte was mit den Nerven.

 

- Gut. Ich will gar nichts Näheres wissen. ich meine nur, dieses Wartezimmer... Haben Sie darauf geachtet? Ein altmodisches dunkles Sofa... Polstersessel, die meist nicht zueinander passen... Lehnstühle... lauter Gelegenheitskäufe aus dem Trödlerladen, hingestellt für die Patienten, sie gehören gar nicht zur Wohnung. Der Herr Doktor hat für sich, für die Freundinnen seiner Frau einen ganz anderen Salon, einen eleganten, schönen. Was meinen Sie, wie sich so ein Sessel, so ein Stuhl aus dem Salon, wenn man ihn ins Wartezimmer brächte, mit dieser einfachen, billig-bescheidenen Einrichtung beißen würde, die für die Patienten genügt. Ich möchte wissen, ob Sie sich, als Sie mit Ihrer Tochter dort waren, den Sessel oder Stuhl, auf dem Sie saßen und warteten, genau angesehen haben.

- Ich? Nein, eigentlich nicht.

- Das glaube ich. Weil Sie nicht krank waren... Aber häufig achten nicht einmal die Kranken darauf, so erfüllt sind sie von ihren Leiden. Und doch, wie oft hocken da welche und starren auf ihren Finger, der vergebliche Signale auf die blanke Armlehne des Sessels klopft, auf dem sie sitzen. Sie denken nach, aber sie sehen nicht. Und wie merkwürdig ist es, wenn man nach der Untersuchung durch das Wartezimmer geht und den Stuhl wiedersieht, auf dem man kurz zuvor gesessen und darauf gewartet hat, was der Arzt sagen würde über die Krankheit, die man noch nicht kennt. Ein anderer Patient sitzt darauf, auch er mit einem geheimen Leiden, oder der Stuhl ist leer und wartet gleichgültig auf irgendjemanden, der sich draufsetzt. Aber wovon sprachen wir? Ach ja... von dem Vergnügen, sich etwas vorzustellen. - Merkwürdig, daß ich sofort an einen Sessel aus diesen Wartezimmern gedacht habe, in denen die Patienten auf die Untersuchung warten.

- Ja... wirklich...

- Sehen Sie da keinen Zusammenhang? Ich auch nicht. Aber es ist so: gewisse Erinnerungen an Bilder, die keine Beziehung zueinander haben, sind für jeden von uns so persönlich, durch so besondere Gründe und Erfahrungen bestimmt, daß der eine den anderen nicht mehr verstünde, wenn wir im Gespräch nicht vermeiden würden, sie zu erwähnen. Es ist oft nichts unlogischer als diese Analogien. Aber schauen Sie, vielleicht kann das ein Zusammenhang sein: Hätten diese Stühle Spaß daran, sich vorzustellen, wer der Patient ist, der sich auf sie setzt und auf die Untersuchung wartet? Welche Krankheit er hat? Wohin er nach der Untersuchung gehen und was er tun wird? Gar keinen Spaß. Und mir geht es genau so. Gar keinen! Es kommen so viele Patienten, und sie stehen da, die armen Stühle, nur um in Beschlag genommen zu werden. Nun, mir geht es auch nicht viel anders. Ich werde auch in Beschlag genommen, mal von diesem, mal von jenem. Im Augenblick sind Sie es, der mich in Beschlag nimmt, und Sie können mir glauben, ich habe nicht den geringsten Spaß an dem Zug, den Sie verpaßt haben, an der Familie, die in Ihrem Urlaubsquartier auf Sie wartet, und auch nicht an all dem Ärger, den ich bei Ihnen vermuten kann...

- Und was für welchen, hören Sie!

- Danken Sie Gott, wenn es nur Ärger ist! Manch einem geht es schlimmer, lieber Herr. Ich sage Ihnen, für mich ist es notwendig, daß ich mich mit meiner Phantasie an das Leben der anderen klammere, aber nur so, ohne Spaß daran, ohne mich überhaupt dafür zu interessieren, im Gegenteil... im Gegenteil... nur um die ganze Plackerei darin zu erkennen, um zu sehen, wie dumm und leer es ist, dieses Leben, so daß es wirklich niemandem etwas ausmachen sollte, damit Schluß zu machen. Und das kann man gut zeigen, wissen Sie? Durch fortgesetzte Beweise und Beispiele kann man sich das selbst vor Augen führen, unerbittlich. Denn, mein Lieber, wir wissen nicht, worin sie besteht, aber sie ist da, sie ist da, wir alle spüren sie hier, in der Kehle, fast wie eine Angst, diese Lust zu leben, die sich nie zufrieden gibt, die sich nie zufrieden geben kann, denn das Leben ist in dem Moment, in dem wir es leben, so gierig auf sich selbst, daß man seinen Geschmack gar nicht genießen kann. Geschmack hat bloß die Vergangenheit, die in uns weiterlebt. Die Lust zu leben kommt von dorther zu uns, von den Erinnerungen, an die wir gefesselt sind. Aber gefesselt woran? An jene Dummheit, an diese Scherereien, an so viele törichte Illusionen, läppische Beschäftigungen... ja, ja. Das, was hier jetzt eine Dummheit ist... das, was uns hier jetzt lästig ist... ich möchte sogar behaupten, das, was jetzt für uns ein Unglück ist, ein wirkliches Unglück... tja, nach einem Abstand von vier, fünf, zehn Jahren... wer weiß, was für einen Geschmack das dann bekommen kann... wie diese Tränen dann schmecken! Und das Leben, mein Gott, bei dem bloßen Gedanken es zu verlieren... besonders, wenn man weiß, daß es nur eine Frage von Tagen ist... - Da... sehen Sie dort? Da, an der Ecke... sehen Sie den Schatten der Frau?... Sie hat sich versteckt.

- Wieso? Wer... wer war das?

- Haben Sie sie nicht gesehen? Sie hat sich versteckt.

- Eine Frau?

- Ja, meine Frau...

- Ach! Ihre Frau?

- Sie überwacht mich von weitem. Glauben Sie mir, am liebsten möchte ich sie mit Fußtritten verjagen. Aber das wäre zwecklos. Sie ist wie eine dieser streunenden, störrischen Hündinnen. Je mehr man sie wegstößt, umso dichter bleiben sie einem auf den Fersen. Was diese Frau durch mich zu leiden hat, das können Sie sich gar nicht vorstellen. Sie ißt nicht mehr, sie schläft nicht mehr, sie folgt mir Tag und Nacht, so... immer mit Abstand. Wenn Sie wenigstens diese alte Dohle, die sie auf dem Kopf trägt, und ihre Kleider mal abbürsten würde! Sie sieht gar nicht mehr aus wie eine Frau, eher schon wie ein Scheuerlappen. Auch ihre Haare an den Schläfen sind für immer mit grauem Staub bedeckt. Dabei ist sie gerade erst vierunddreißig. Sie glauben gar nicht, wie rasend sie mich macht. Manchmal stürze ich mich auf sie und schreie sie an: "Du blödes Weib!" und schüttele sie dabei. Sie nimmt alles hin, steht da und schaut mich an mit einem Blick, daß es mich in den Fingern juckt, daß mich eine wilde Lust überkommt, sie zu erwürgen. Aber nichts. Sie wartet, bis ich weitergehe, und dann läuft sie wieder hinter mit her. - Da, sehen Sie... sie schaut schon wieder um die Ecke.

- Die arme Frau...

- Was heißt da arme Frau! Sie möchte, verstehen Sie, daß ich ruhig und friedlich zu Hause hocke und es mir bei ihrer liebevollen, aufopfernden Pflege wohl sein lasse. Ich soll mich über die vollendete Ordnung in all den Zimmern, über die Sauberkeit all der Möbel freuen, über die Ruhe, wie sie in meiner Wohnung herrschte, die nur durch das Tick-Tack der Pendeluhr im Speisezimmer unterbrochen wurde. Das möchte sie! Und nun frage ich Sie, um Ihnen die Absurdität verständlich zu machen - ach, was heißt Absurdität! - die makabre Grausamkeit dieser Zumutung: ich frage Sie, würden Sie es für möglich halten, daß die Häuser von Avezzano, die Häuser von Messina ruhig im Mondschein auf ihren Straßen und Plätzen, wo sie nach den Plänen des Bauamtes hingehörten, stehengeblieben wären, hätten sie gewußt, daß in Kürze ein Erdbeben sie zertrümmern würde? Häuser aus Balken und Steinen, bei Gott, die wären davongelaufen! Stellen Sie sich nur die Einwohner von Avezzano, die Bürger von Messina vor, die sich seelenruhig ausziehen, um zu Bett zu gehen, die ihre Kleider zusammenlegen, ihre Schuhe vor die Tür stellen und unter die Decke kriechen, sich über das weiße, frische Laken freuen, und all das in dem Bewußtsein, daß sie in wenigen Stunden tot sein werden. - Halten Sie das für möglich?

- Aber vielleicht will Ihre Frau...

- Lassen Sie mich ausreden! Ja, wenn der Tod wie eines dieser merkwürdigen, ekelhaften Insekten wäre, das irgendjemand unversehens auf unserem Rücken entdeckt... Sie gehen auf der Straße... ein Passant hält Sie plötzlich auf, streckt zwei Finger aus, vorsichtig, und sagt zu Ihnen: "Verzeihung, gestatten Sie? Mein Herr, Sie tragen da den Tod auf dem Leib!" Und mit zwei vorgestreckten Fingern packt er ihn und wirft ihn fort... das wäre wunderbar! Aber der Tod ist nicht wie eines dieser ekelhaften Insekten. Wie viele, die unbeschwert und ahnungslos daherspazieren, haben ihn vielleicht am Leib. Niemand sieht ihn; und Sie denken sorglos und friedlich an das, was Sie morgen oder übermorgen vorhaben. Nun, ich, mein Lieber, da... kommen Sie hierher... hierher, unter diese Laterne... kommen Sie... ich zeige Ihnen etwas... Sehen Sie, da unter dem Bart... hier, sehen Sie diese schöne violette Knolle? Wissen Sie, wie sie heißt? Sie hat einen so süßen Namen... süßer als eine Karamelle: Epitheliom heißt sie. Sprechen Sie es nur nach. Sie werden spüren, wie süß das klingt: E-pi-the-liom... Der Tod, verstehen Sie? Er ist vorübergegangen, hat mir diese Blume in den Mund gesteckt und zu mir gesagt: "Behalte sie einstweilen, mein Lieber, ich komme in acht oder zehn Monaten wieder vorbei!" Und nun sagen Sie mir, ob ich mit dieser Blume im Mund heiter und friedlich zu Hause bleiben kann, wie diese Unglückselige es möchte. Ich schreie ihr ins Gesicht: "Ach, du möchtest wohl, daß ich dir einen Kuß gebe?" "Ja, küsse mich!" Und wissen Sie, was sie getan hat? Vorige Woche hat sie sich mit einer Nadel die Lippe aufgerissen, und dann hat sie meinen Kopf gepackt und wollte mich küssen, auf den Mund küssen... weil sie sagt, sie wolle mit mir sterben. Sie ist verrückt... Zu Hause bleibe ich nicht. Ich, ich muß vor den Schaufenstern der Läden stehen und die Tüchtigkeit der Verkäufer bewundern. Denn, verstehen Sie, wenn ich auch nur einen Augenblick in mir die Leere spürte, dann könnte ich wie nichts das ganze Leben umbringen in einem, den ich nicht kenne... ich könnte den Revolver ziehen und jemanden töten wie Sie, der zufällig den Zug verpaßt hat... Nein, nein, Sie brauchen keine Angst zu haben, mein Lieber. Ich scherze nur! - Ich gehe jetzt. Wenn überhaupt, würde ich mich umbringen... Aber in diesen Tagen, da gibt es gerade sehr gute Aprikosen... wie essen Sie die? Mit der ganzen Haut, nicht wahr? Man spaltet sie mit zwei Fingern in gleiche Hälften, drückt sie der Länge nach auseinander, wie zwei saftige Lippen... ach, eine Wollust! - Meine Empfehlungen an die verehrte Frau Gemahlin und auch an Ihre Töchter in der Sommerfrische. Ich stelle Sie mir in weißen und himmelblauen Kleidern vor, auf einer grünen, schattigen Wiese... Und morgen früh, wenn Sie ankommen, tun Sie mir einen Gefallen. Ich vermute, das Dorf liegt etwas abseits vom Bahnhof. In der Morgenkühle können Sie den Weg zu Fuß machen. Das erste Grasbüschel am Wiesenrand: zählen Sie seine Halme für mich. So viele Halme es sind,. so viele Tage habe ich noch zu leben. Aber suchen Sie ein recht dickes aus, ja? Gute Nacht, mein lieber Herr. 

 

* * *

 

© Michael Rössner.

LUIGI PIRANDELLO 1867 - 1936 - Novellen

Dialoge zwischen dem Großen Ich und dem kleinen ich - (Dialoghi tra il gran Me e il piccolo Me – 1895)

Italienische Version

 

aus dem Italienischen von Michael Rössner 

I. Unsere Ehefrau

(Das Große Ich und das kleine ich kommen von einer Landpartie nach Hause; dabei haben sie den ganzen Tag in der Gesellschaft reizender Mädchen verbracht, in deren Herzen das berauschende Spektakel des Frühlings gewiß, wie aus ihren Augen und dem Lächeln und den Worten nur zu deutlich zu erkennen war, im geheimen süße, ungreifbare Sehnsüchte entzündet hatte. Das Große Ich ist noch ganz gefangen in der Verzückung und in der Vision der Phantasiebilder, die ihm der vage Zauber des wiedergeborenen Frühlings eingepflanzt hatte. Das kleine ich ist dagegen rechtschaffen müde, möchte sich die Hände und das Gesicht waschen und ins Bett gehen. Das Zimmer liegt im Dunklen. Der Stoff der leichten Vorhänge an den Fenstern zeichnet sich im Raum durch den schönen Mondschein deutlich ab. Von unten dringt das unterdrückte Murmeln der Tiberfluten herauf, dann und wann auch das dumpfe Rollen eines Gefährts auf der hölzernen Ripetta-Brücke.)

- Wollen wir Licht machen?

- Nein, warte... warte... verweilen wir noch einen Augenblick so, im Dunklen. Laß mich noch ein bißchen die Sonne des heutigen Tages bei geschlossenen Augen genießen. Der Anblick der vertrauten Gegenstände würde mir diese sanfte Trunkenheit fortreißen, in der ich noch befangen bin. Strecken wir uns doch in diesen Lehnstuhl aus.

- Im Dunklen, mit geschlossenen Augen? Hör mal, da schlafe ich ein! Ich kann ja schon nicht mehr...

- Also, dann zünde meinetwegen das Licht an, aber sei still, nur einen Augenblick still, du Nervensäge! Gähnst du?...

- Ich gähne...

(Das kleine ich zündet das Licht auf dem Tischchen an, sofort entschlüpft ihm ein Ausruf der Überraschung.)

- Oh, sieh doch! Ein Brief... der ist von ihr!

- Gib ihn her. Ich will einstweilen nichts hören!

- Was denn? Ein Brief von ihr...

- Gib ihn her, sag ich dir! Wir werden ihn später lesen. Ich will jetzt nicht gestört werden.

 

- Ach so? Na, dann darf ich dich darauf hinweisen, daß du heute den ganzen Tag mit diesen Mädchen eine Menge dummes Zeug gesagt und getan hast; vielleicht hast du mich sogar kompromittiert!

- Ich? Spinnst du? Was hab ich denn getan?

- Frage doch die Augen und die Hand. Ich weiß jedenfalls, daß ich mich den ganzen Tag gefühlt habe wie auf glühenden Kohlen; und ich mußte wieder einmal die Erfahrung machen, daß wir beide nicht gleichzeitig froh sein können.

- Und wer ist da dran schuld? Ich vielleicht? Ich dachte doch, ich mache dir eine Freude, als ich gestern abend nachgegeben habe, damit wir die Einladung zu dieser Landpartie annehmen. Hast du dich nicht stets beklagt, ich würde mich nicht um dich kümmern, um deine Gesundheit; ich würde dich andauernd zwingen, dich mit mir im Studierzimmer zwischen den Büchern und Papieren einzuschließen, einsam, ohne Luft und ohne Bewegung? Hast du dich nicht stets beklagt, ich würde sogar noch dein Essen und die wenigen dir gewidmeten Stunden mit meinen Gedanken, meinen Reflexionen und meinem Weltüberdruß verderben? Und jetzt beklagst du stattdessen, daß ich mich einmal einen Tag lang in Gesellschaft reizender Mädchen und in dem Frohsinn der neuen Jahreszeit vergessen habe? Was willst du denn von mir, wenn du ja doch mit nichts zufrieden bist?

- Dreh, dreh, Kreisel, dreh dich... Wenn du mal zu reden anfängst, wer kommt da noch mit? Du kannst einem ein X für ein U vormachen und das Wort im Munde verdrehen. Daß du dich heute den ganzen Tag über vergessen hast, das hätte natürlich für mich gut sein können, hättest du dich nur nicht zu sehr vergessen... zu sehr, verstehst du? Da liegt das Übel, und das kommt von deiner Lebensweise, die du auch mir aufzwingst. Viel zu unfrei ist unsere Jugend, und wenn du dann einmal den Zügel ein bißchen locker läßt, ja, da verlierst du ihn auch schon ganz aus der Hand, und dann, da haben wir’s, dann gibt es entweder Dummheiten oder Verrücktheiten, die uns nicht mehr angemessen sind, denn wir haben ja jetzt eine heiliges Versprechen zu halten. Also gib mir den Brief und spar dir dein Gepruste!

- Du gehst mir vielleicht auf die Nerven, du Jeremias! Du hast dir in den Kopf gesetzt dich zu verheiraten, und seit du mich mit unerträglichen Raunzereien dazu gebracht hast wider meine Überzeugung einzuwilligen bist du zur ärgsten Plage für mich geworden. Wann werden wir sie denn im Hause haben, diese Ehefrau?

- Sie wird dein und mein Glück sein, mein Lieber!

- Was mich anbelangt, ich habe es dir schon oft gesagt und sage es dir noch einmal, daß ich von ihr nichts wissen will. Dein Glück kann sie ja ruhig werden! Da will ich mich nicht einmischen.

- Da tust du sicher gut daran, bis zu einem gewissen Punkt natürlich. Du hast immer noch jeden meiner Pläne durchkreuzt. Vor zwei Jahren war ich so schön verliebt in unser Kusinchen Elisa, erinnerst du dich?... da kam ich zu dir um ein Sonettchen oder ein Madrigal, und du mit deinen Versen, du undankbarer Kerl, du hast sie bloß zum Weinen gebracht! Ich sagte zu dir: Still, laß sie mir in Ruhe! Was soll sie denn schon begreifen von deinen Wahnbildern und deinen verwirrten Gedankenflügen? Wie soll denn ihr Fuß die Schwelle zu deinem Traumland überschreiten? Wie grausam du gewesen bist! Später hast du es ja selbst in einem Gedicht eingestanden: ich habe in deinen Papieren gekramt und dabei ein paar Lob- und Klagegedichte auf die arme Elisa gefunden... Und was willst du jetzt mit dieser anderen anstellen? Antworte!

- Gar nichts. Ich werde nie ein Wort an sie richten; ich werde immer nur dich reden lassen, bist du dann zufrieden? Freilich unter der Bedingung, daß du mir versprichst, daß sie mich nie in meinem Arbeitszimmer stören und mich nie dazu zwingen wird, das zu sagen, was ich denke und fühle. Mit einem Wort, du nimmst dir eine Frau, und nicht ich...

- Was denn! Wenn du meinst, du kannst dir deine Freiheit so ganz und gar bewahren, wie kann ich da je mit ihr im Hause Frieden haben?

- Ich will nur Freiheit für meine geheimsten Gedanken. Du weißt, die Liebe ist für mich nie ein Tyrann gewesen und wird es auch nie sein: ich habe ja tatsächlich immer dir das Praktizieren der Liebe überlassen. Tu also in dieser Hinsicht, was immer dir richtig erscheint. Ich habe andere Dinge zu denken. Du nimm dir ruhig eine Frau, wenn du es denn wirklich für notwendig hältst.

- Jawohl, notwendig, das habe ich dir doch gesagt! Denn wenn ich auch nur kurze Zeit noch in deiner Macht verbleibe, werde ich ganz sicher der unglücklichste Mensch auf der weiten Erde. Ich brauche unbedingt eine liebevolle Gefährtin, eine Frau, die mich das Leben fühlen und unter meinesgleichen dahinschreiten läßt, bald traurig, bald vergnügt, auf den gewöhnlichen Pfaden der Erde. Ach, ich bin es müde, mein Lieber, selbst die Knöpfe an unseren Hemden anzunähen und mich mit der Nadel in den Finger zu stechen, während du im Geiste durch das aufgewühlte Meer deiner Schimären segelst. Bei jedem Knoten im Garn schreist du: Reiß ab!, aber ich Armer versuche geduldig mit den Nägeln, ihn aufzuknüpfen. Jetzt reicht’s! Von uns beiden bin ich der, der bald sterben muß. Dir verschafft ja dein Stolz die schmeichelhafte Aussicht auf Unsterblichkeit: Laß mich also in Frieden die paar Tage genießen, die mir auf Erden beschieden sind! Denk doch: Wir werden ein gemütliches kleines Häuschen haben, und wir werden diese stummen Räume von stillem Leben widerhallen hören, ein Liedchen, das unsere Frau trällert, während sie bei der Näharbeit sitzt, und der Topf wird auf dem Herd dampfen, wenn es Abend wird... Sind das nicht auch gute und schöne Dinge? Du wirst allein für dich sein, in deinem Zimmer, und arbeiten. Niemand wird dich stören. Nur unter der Bedingung, daß du, wenn du aus dem Arbeitszimmer kommst, ein freundliches Gesicht für unsere Gefährtin übrig hast. Siehst du, wir verlangen wirklich nicht zu viel von dir; du mußt nur ein paar Stunden am Tag mit uns Geduld haben, und dann in der Nacht... nicht zu spät zu Bett gehen...

- Und dann?... Karneades, der Philosoph, pflegte zu sagen, wenn er das Zimmer seiner Frau betrat: Gutes Gelingen! Wir wollen Kinder zeugen! Werdet ihr sie zu mir in die Schule schicken?

- Nein, also das nicht, hör einmal! Laß mich die Kinder aufziehen, die da kommen werden: du könntest aus ihnen so unglückliche Menschen machen, wie du selbst einer bist. Aber darüber reden wir zu seiner Zeit. Jetzt hör auf mich: Schlaf! Laß mich den Brief unserer Braut lesen und ihr dann antworten. Mir ist die Müdigkeit ohnedies vergangen.

- Soll ich dir eine Antwort diktieren?

- Nein, danke vielmals! Schlaf nur... ich bin Manns genug. Ich habe gelernt, ich habe ja genug mit dir geübt, ich mache keine Rechtschreibfehler. Und außerdem, was liegt der Liebe schon an der Grammatik! Übrigens wärest du imstande, die Nase zu rümpfen, wenn du entdeckst, daß unsere Braut Schule mit stummem h schreibt. 

 

II. Die Abmachung

(Das Große Ich hat sich auf der Chaiselongue ausgestreckt und starrt auf den Baldachin, von dem ein Stofflappen herunterhängt, der sich im Sommer in eine Traube von Fliegen verwandelt. Das kleine ich fühlt sich wie auf eine Folterbank gespannt, von Zeit zu Zeit fuchtelt es wild in der Luft herum oder prustet vor sich hin. Das Arbeitszimmer liegt im Halbdunkel, dank eines Schilfhalmvorhangs vor dem Fenster. Allerdings sind zwei oder drei Schilfhalme gebrochen, und so dringt ein fadendünner Sonnenstrahl gleißend in das Zimmer, und richtet sich auf das Fußende der Chaiselongue, auf den handgeknüpften Teppich, dessen bunten Flaum er an einem Punkt aufglühen läßt. Das Große Ich betrachtet nun aufmerksam das goldene Staubwölkchen, das, sich langsam drehend ohne je stillzuhalten, in diesem Sonnenstrahl schwebt, und von dem sich von Zeit zu Zeit so etwas wie ein Atom Licht löst, das sofort im Schatten erlischt.)

- So geht es jedem meiner Gedanken!

- Na, bravo! Und findest du es nicht dumm, dieses Atom, das sich von dem Strahl ablöst, in dem es so selig zu schweben war, um kopfüber ins Dunkel zu springen und Schiffbruch zu erleiden?

- Nein. Dumm bist nur du. Was soll das Licht für einen Blinden für einen Wert haben?

- Bravo! Aber das würde nur gelten, wenn ich nicht immer wieder die Illusion hätte, daß unsere Augen mir sehr gute Dienste leisten, wie im übrigen auch die anderen Sinne, die mir viel bessere Dienste leisten würden, wenn du mir größere Freiheit in ihrem Gebrauch zugestehen könntest. Bin ich vielleicht schuld, wenn du nichts zu sehen vermagst?

- Und du? Was siehst du?

- Ich sehe, was es da eben zu sehen gibt. Es ist schon wahr, in Zeiten wie den unseren sieht man fast nur Häßliches und Erbärmliches; aber du, der du das Zeug zum Magier hättest und für dich und für mich (wenn schon nicht für die anderen) diese Erbärmlichkeit und Häßlichkeit verzaubern könntest, weshalb, verzeih, setzt du anscheinend alles daran, mir die einen noch trauriger, die anderen noch niedriger erscheinen zu lassen, so daß wir, mehr noch als Überdruß, geradezu Ekel am Leben empfinden müssen?

- Ach, jetzt erzählst du mir von Zauber, du, der du mich ständig auf die gewohnten Verhaltensmuster verpflichten willst, du Sklave der allergewöhnlichsten Bedürfnisse, der du dich treiben läßt vom Strom der alltäglichen Wechselfälle, der du ohne nachzudenken das Leben so akzeptierst, wie es sich dir gerade präsentiert?

- Was denn, was denn? Ich verstehe dich nicht? Was akzeptiere ich denn? Was verweigere ich? Ich lebe ja bloß, oder besser, ich würde gerne leben, so wie du und ich in unseren Umständen das eben können, wenn du dich nicht ständig über Dinge so maßlos ärgern würdest, die im Grunde gar keine Bedeutung haben, zumindest nach meinem Urteil.

- Urteil? Was willst denn du für ein Urteilsvermögen besitzen?

- Na, du bist gut! Immerhin das Urteilsvermögen, daß ich zum Beispiel gerne nachts schlafen würde, wenn du mir nicht den Schlaf in den Augen vertrocknen ließest, indem du mir in der Stille mit deinen Phantastereien den Schrecken des unausweichlichen und beinahe unmittelbar bevorstehenden Todes einflüsterst; das Urteilsvermögen, mir ein wenig Appetit zu verschaffen, mit ein bißchen fröhlichem und gesundem Sport zur rechten Zeit; das Urteilsvermögen, manchmal auch die Vernunft beiseitezulassen; und schließlich jenes zu arbeiten (warum auch nicht?) aber zu unser und anderer Nutzen, in irgendeiner Art und Weise.

- Und weiter?

- Weiter nichts.

- Dann sage ich dir, wie es weiter geht: Du kannst dich damit abfinden, so weiter voranzuschreiten, einen Tag nach dem anderen, bis ins Alter, mich zu entmündigen, in einer verzweifelten, unaufhörlichen Schwebezustand zu halten, indem du mit oberflächlichen Vorwänden meine ständige Bestürzung beiseite schiebst; du darfst dabei nie wagen, auch nur die geringste Handlung, auch nur ein Wort über die Grenzen des Gewohnten hinausdringen zu lassen, denn du mußt fürchten, daß die Dornenhecke, die die Gesetze zur Verteidigung dieser Schwelle aufgerichtet haben,  dir das Kleid ein wenig zerreißt, das so genau nach der Mode geschneidert ist, oder daß du dir deine ehrbaren Hände blutig schindest. So also, so möchtest du mich weiter mit dir blind dahinschleppen, auf den endgültigen Ruin zu, bergab, immer bergab mit den anderen, im Rudel, gestoßen, gejagt von der Zeit, wie eine Schafherde auf der Flucht, die das bißchen Gras, das sie zwischen den fliehenden Beinen, unter dem Stab und den Wurfsteinen des alten Hirten aufblitzen sieht, hastig zu erhaschen sucht. Aber ich gehöre nicht zu der Herde, mein Lieber! Ich sage nicht wie du: Hier bin ich, schert mich nach Belieben; gebt mir jene Form, die euch am besten paßt! Ich will mein eigener Herr sein, und du sollst mein Sklave sein!

- Ich, Sklave? Ja, was denn noch! Hast du mich denn noch nicht genug versklavt? Sag doch gleich, daß du mich noch lieber tot sehen möchtest! Ich armer Kerl, was erlaube ich mir denn schon anderes als dir schüchtern und untertänig zu empfehlen, ein paar Bissen zu essen, wenn ich dich so trübselig dahinsiechen sehe, oder ein bißchen Erholung in einer klitzekleinen Zerstreuung oder einem kleinen Nickerchen zu suchen? Ach, ist das also ein Verbrechen, wenn ich dich vor dem Spiegel darauf hinweise, daß unsere Stirn zum Beispiel beginnt, allzu ausladend zu werden, daß also binnen kurzer Zeit unsere Jugend verblüht sein wird? Und da verlangst du, daß ich mich nicht beklage, zum Donnerwetter, daß ich nicht darüber verzweifle, daß ich sie nicht so sehr nutzen konnte, wie ich es gewollt hätte? Aber ja doch! Leider kommt nichts dabei heraus, wenn der Wille sich nicht mit der Sehnsucht verbindet. Aber für dich hatten ja alle Sehnsüchte stets den Mangel, daß sie zu mir gehörten, während der Wille stets dein sein mußte, und daher für mich nichts Gutes hervorzubringen vermochte. Ach glückliche, glückliche Kindertage! Denn ich will doch hoffen, daß du damals nicht auch schon groß warst, als wir alle beide klein gewesen sind. Übrigens, sag mir doch: wie ist es dir eigentlich in den Sinn gekommen, so groß zu werden? Was für ein Unglück, mein Lieber! Wenn es nicht überhaupt eine Verrücktheit gewesen ist... Schluß damit. Verzeih meine Kleinheit, ich sage: den Sinn, den Zweck des Lebens, wie kannst du den finden, wenn du ihn nicht im Leben selbst suchst?

- Ihn suchen... Na, bravo! Und wie? Neulich am Abend, in der Kutsche, erinnerst du dich? Als wir im Schritt über die steile Straße fuhren, die zu dem Bahnhof führt: Du dachtest an die, die du abholen fuhrst, und die dann nicht gekommen ist; ich sah den Rücken des alten Kutschers an und seine entspannten Schultern, seit so vielen Jahren saß er da auf seinem schaukelnden Kutschbock. „Als Pferd auf die Welt kommen ist scheußlich, auf solchen Straßen...“ „Und ich, wenn ich es führen muß?“, drehte sich der Kutscher zu mir um. „Frohe Ostern, junger Herr! Eine kleine Gabe für eine arme Witwe, die vier Kinder durchfüttern muß...“ „Streichhölzer hab ich in der Tasche“, hast du mir geantwortet, und ich habe der Witwe ihr Geldstück nicht gegeben. Auf dem Gehsteig zur Rechten trottete hustend ein alter, ärmlich gekleideter Mann, einen abgeschabten und verfärbten Zylinderhut auf dem Kopf: „Das letzte Osterfest, Alter! Paß nur auf, wohin du deine Füße setzt, ein Schritt noch, und du stehst am Grabe... hast du’s gefunden, was ich suche?“ „Dort!“, hätte mir der Alte vielleicht geantwortet, hätte er mich verstanden, und dabei auf ein Brautpaar gezeigt, das hinter ihm die Bergstraße hinunterschlenderte. „Dort, aber nur auf kurze Zeit, wie bei so vielen anderen Dingen. Jetzt versuche ich’s in der Kirche, aber ich habe es nicht gefunden. Leinsamen, mein Lieber, wenn du Husten hast; ein ordentliches Leinsamenpflaster auf die Brust, und eine Prise Senfkorn dazu: das zieht die Feuchtigkeit heraus...“

- Danke! Aber der Alte hat gesucht, er hat gelebt. Du hingegen siehst beim Leben nur zu, du lebst nicht. Und so mag ich vielleicht ein Esel sein, aber du wirst nie verstehen, wie die anderen wenigstens relativ den Sinn und das Ziel finden können, heute in der einen Sache, morgen in der anderen, unter den ungeheuer vielen, die eben gerade das Leben ausmachen. So hab doch Mitleid mit mir: Du siehst ja, du machst sogar mich noch zum Philosophen, und das wäre für mich wirklich das größte Unglück. Aber dann, mein Lieber, dann greifen wir doch gleich zum letzten Mittel, werfen wir uns aus dem Fenster oder hängen wir uns an einen Baum, das wäre noch besser. Nein, nein, Schluß damit: Einigen wir uns lieber endlich, da wir nun einmal gezwungen sind, miteinander zu leben. Du kannst mir ruhig glaube, so sehr du Lust hast, mich umzubringen, so groß ist auch mein Wunsch, dich zu töten... Ich hasse dich, ich verabscheue dich, ich würde dich am liebsten jeden Tag durchprügeln, wenn ich nicht dann zusammen mit dir Au schreien müßte. Also: Schließen wir eine klare Vereinbarung und teilen wir uns einfach die Stunden auf.

- Teilen wir sie auf.

- Jeder von uns ist ganz allein Herr über seine Stunden.

- Ganz allein.

- Also fangen wir an: Wie viele Stunden Schlaf stehen mir zu, meinst du? Ich verlange sieben.

- Zu viele!

- Zu viele, meinst du? Aber wenn ich doch immer schläfrig bin, solange ich deine Gegenwart ertragen muß! Du merkst das nicht, aber du bist ganz schön anstrengend, weißt du das, und wenn du mir weniger gibst, werde ich gewiß auf der Stelle einschlafen, sobald du mit deinen Phantastereien anfängst... Gehen wir weiter! Halt... warte einmal! Sieben Stunden Schlaf, meine ich ‑ wirklich Schlaf, verstanden? Ich möchte nicht, daß du, wie du es bisher gehalten hast, kaum daß wir im Bett sind... Gedanken, Phantasien, Spitzfindigkeiten, Obsessionen, Bücher, Geschichten: das bleibt alles im Arbeitszimmer! Um das Einschlafen, auf der Stelle, da kümmere ich mich schon. Und ich will auch nicht mehr erleben, daß du mir die Mahlzeiten mit deinen ewigen Grübeleien verdirbst. Die Stunde der Mahlzeit gehört mir. Abgemacht?

- Wer hat dir die je verweigert?

- Verweigern tust du sie mir nicht, aber du machst sie mir kaputt. Wie oft bist du mit einem aufgeschlagenen Buch zu Tisch gekommen? Ein Bissen für mich, und eine Viertelstunde Lektüre für dich. Und dann wird mein Essen kalt und ich kann nicht ordentlich verdauen.

- Schluß damit, basta! Du ziehst mich ja in einen Sumpf hinein!

- Also gut, Schluß... Kapitel Liebe: Was gedenkst du da zu tun?

- Das überlasse ich dir; aber hör mal, ich will damit nicht zu viel Zeit verlieren, verstanden?

- Ach, du willst im Ernst nicht einmal die Liebe für dich haben? Was bleibt denn dann noch für dich im Leben? Was willst du dann mit deiner Zeit anfangen?

- Das ist meine Sache, und du hast dich da nicht einzumischen.

- Na, ist gut... das heißt, das ist schlecht. Verrate mir doch eines: Du sagst immer, du fühlst die ganze Welt in deinem Hirn. Da muß wohl was dran sein, denn ich habe ständig Kopfschmerzen. Aber wenn die Erde dir in dieser deiner Welt wirklich als etwas so Kleines und Armseliges erscheint, meinst du nicht, daß ich dann mehr Recht habe, dort zu leben als du? Ach, in gewissen Augenblicken, glaub mir, mein Lieber, da erbarmt mich deine Größe geradezu; und in gewissen anderen frage ich mich sogar, ob ich, in meinem kleinen Dasein, nicht am Ende größer bin als du.

 

III. Der Vorabend

(Das kleine ich, das überaus glücklich erscheinen möchte, schleppt das vor Ärger schnaufende Große Ich nach Hause. Jenes war den letzten Monat hindurch damit beschäftigt, das eheliche Heim einzurichten; dieses mußte ihm dabei wie ein geprügelter Hund nachlaufen. Und nicht selten ist es zwischen den beiden zum Streit gekommen, wie jeder sich leicht ausmalen kann, der sich überlegt, wie viele Hindernisse und Vergeßlichkeiten der Widerwille und die Unfähigkeit des einen in dem Streben und den eifrigen Bemühungen des anderen verursacht haben mag. Aber nun ist das neue Heim fertig und ganz in Ordnung gebracht. Das kleine ich wollte, nachdem es die Braut nach dem Durchsprechen aller notwendigen Details für morgen allein gelassen hat, dieses Heim noch einmal inspizieren, und es ist sehr zufrieden damit. Nun stößt das Große Ich, als es zum letzten Mal sein Junggesellenzimmerchen betritt, einen langen Seufzer durch die Nase aus und ruft)

- Endlich!

- O nein, mein Lieber. Noch ein klein wenig Geduld. Nur ein kleines bißchen. Heute ist erst der Vorabend...

- Jaja, reib dir nur schön die Hände, so, bade dich in deiner Zufriedenheit! Ich dagegen... Aber hör mal, darf man  vielleicht erfahren, wann es zu Ende sein wird, dieses „kleine bißchen“, daß du mir seit Monaten herunterleierst?

- Es ist ja schon der Vorabend, das sag ich dir doch. Unser kleines Nestchen, hast du gesehen?, das ist bereit. Morgen dann, die Hochzeit. Morgen, endlich. Ach!... Dann, wie abgemacht, in der Villa, und dann... dann ist’s genug.

- Genug, jawohl: Es sei denn, ich komme noch zu der Ansicht, daß es für mich angemessener wäre zu krepieren anstatt mich bis dahin zu gedulden.

- Aber geh doch, was läßt du dir da für Dinge entschlüpfen... Lach mit mir, komm! Sei glücklich mit mir! Verzeih, willst du mir denn nicht einmal den Monat der sogenannten „Flitterwochenzeit“ gönnen? Jetzt hast du die Krot verschlungen, wie man so schön sagt, und wegen dem letzten Stückchen machst du Theater?

- Ich habe keine Krot verschlungen, ich hab mich zum Esel gemacht mit dir, und das schon drei Monate lang.

- Wenn du einmal nett zu mir bist, dann hältst du dich immer gleich für einen Esel. Das ist ein Zeichen, daß du es bereust, und deshalb brauche ich dir dafür nicht dankbar zu sein.

- Ja, glaubst du vielleicht, ich hätte mich dabei unterhalten, dir drei Monate hindurch beim Turteln die Mauer zu machen, euren verliebten Stumpfsinn anzuhören und bei euren Zärtlichkeiten und eurem Süßholzraspeln nach Art verliebter Affen zuzusehen?

- Als hättest du nicht auch aus dieser Schüssel gegessen! Und als wären die Dummheiten, die einander Verliebte zuflüstern, nicht die achtbarsten Dinge von der Welt! Ach geh doch, geh doch... Willst du mich wirklich ausgerechnet am Vorabend ärgern? Und doch habe ich dich schon einmal sagen hören, wenn ich mich nicht irre, es gebe nichts Befriedigenderes auf der Welt als andere zufrieden zu machen...

- Ja, aber ich habe auch gesagt, wenn ich mich nicht irre, daß uns nichts die anderen liebenswerter erscheinen läßt als wenn sie mit uns zufrieden sind oder sich uns zufrieden zeigen. Und du bist nie zufriedenzustellen.

- Nein, das ist nicht wahr. Vielleicht zeige ich es nicht so, weil du ja keine sonderliche Gegenleistung erwartest. Aber ich sage es dir noch einmal, in diesen drei Monaten, die für mich voll der Freude waren, bin ich mit dir wirklich zufrieden gewesen. Und sie auch, sie auch, hochzufrieden, das wirst du ja gemerkt haben. Mehr noch, weißt du? Die Verwandten, als die dich so gut und vernünftig erlebt haben, da haben sie mir beinahe zu verstehen gegeben, der Leichtsinnige, das müßte ihrer Meinung nach ich sein, denn sie sind der Ansicht, daß ich, wenn ich nur wollte, meinen die... dich leicht überzeugen könnte, ein bißchen mehr an das Praktische im Leben zu denken, jetzt, wo’s ans Heiraten geht, und zum Beispiel, meinen die... zum Beispiel, diese Kunst an den Nagel zu hängen, mit der man doch so wenig verdienen kann... na, die irren sich, ja, freilich, leider irren sie sich, und zwar gewaltig... du weißt das ja; aber ich, damit ich dich nicht in ein schlechtes Licht rücke, ich halte den Mund; ich habe mich nicht verteidigt. Ich habe nur versprochen... hm, daß ich es versuchen würde.

- Du wirst es hoffentlich nicht wagen, mir gegenüber je eine Silbe von diesem Vorhaben zu erwähnen.

- Ich weiß schon! Es wäre ganz sinnlos. Freilich ist es ein Glück, meine ich, daß wir nicht gezwungen sind, unsere Zeit zum Broterwerb zu verwenden.. Obwohl, andererseits, wer weiß, ob wir da nicht weniger unglücklich gewesen wären, hätte das Schicksal dich gezwungen, aus deinem Tisch im Arbeitszimmer statt einer Alchimistenwerkstatt, in der du dich täglich damit abquälst, Tränen aus geheimnisvollen Ängsten herauszudestillieren, einen Backtrog für das tägliche Brot zu machen. Aber lassen wir dieses Thema. Hast du gesehen, was wir - à propos - für einen herrlichen Schreibtisch und für schöne Bücherregale für dich gekauft haben? Sie hatte den zartfühlenden Einfall, dir ein Arbeitszimmer einzurichten, genau wie du es in deinem letzten Roman beschrieben hast. Ich habe getan, als widersetzte ich mich - auch, um mich ein bißchen bei den Verwandten Liebkind zu machen: ein schönes Mobiliar, hab ich zu ihr gesagt, das kann man mit etwas Geschmack, Papier und Tinte problemlos beschreiben; aber wenn man es kaufen will, dann braucht es klingende Münze. Am Schluß freilich habe ich es geschehen lassen, damit stattdessen du sie lieb gewinnst. Und sei mal ehrlich, bist jetzt nicht auch du zufrieden?

- Ja, die Ärmste, sie ist ein guter Mensch, oder wenigstens scheint es einstweilen so. Aber ich denke daran, daß wir beide morgen zu dritt sein werden, oder besser du zu zweit, und sieh mal, da kann ich nicht anders als mich beunruhigen, ich bin schließlich mehr denn je zur Einsamkeit geboren und gemacht. Und auch wenn ich anerkenne, daß ich zum Großteil schuld daran bin, wenn du oft den anderen leichtsinnig erscheinst, bist du doch diesmal drauf und dran, etwas zu tun, was schlimmer ist als jeder Leichtsinn, und ganz für dich allein; und wenn die anderen das ebenso beurteilen wie ich, dann möchte ich, daß du selbst mir Zeuge dafür bist, daß ich mit der Sache nichts zu tun habe. Und deshalb will ich keine Gewissensbisse, weder für dich, der du meiner Meinung nach in Zukunft noch unglücklicher sein wirst als bisher, zerrissen zwischen den unumgänglichen Pflichten, die du mir gegenüber hast, und den neuen, die du morgen gegenüber deiner Gefährtin eingehen wirst; und ich will auch nicht, daß die vielleicht binnen kurzem schon alles andere als glücklich über unsere Begleitung sein wird.

- Ist schon gut, ich habe verstanden. Du willst mir heute nacht um jeden Preis das Herz schwer machen. Besser, wir gehen ins Bett und schlafen.

- Da sind wir wieder bei deiner alten Gewohnheit: nichts liegt dir am Herzen als Essen und Schlafen.

- Immer noch besser als dir zuzuhören, versteht sich.

- Um sich gegen unangenehme und quälende Warnungen zu schützen, mein Lieber, da genügt es nicht, sich die Ohren mit dem Schlaf zu verstopfen; die Stimme kommt nicht von draußen; sie spricht in uns selbst.

- Also, was mich betrifft: Mit Ausnahme der Stimme, die mir von den bevorstehenden Freuden spricht, und der deinigen, die mir diese Vorfreude verderben will, höre ich keine anderen Stimmen.

- Wenn du deinem Gewissen ein bißchen mehr zuhörtest, würdest du eine andere Stimme hören, die zu dir sagt: „Hast du daran gedacht, an welche Kette du deine Nachkommen fesselst?“

- Ach du meine Güte, meine Nachkommen, das jetzt! Laß sie erst mal kommen! Wenn überhaupt welche kommen! Wenn alle vorher so darüber nachgrübelten...

- Und doch ist es leicht zuzugeben, daß du Nachkommen haben mußt.

- Na gut, dann werde ich es genauso machen wie alle anderen.

- Sieh mal zu: Daß du, was dich anbelangt, dir vornimmst, ein ausgezeichneter Familienvater zu werden, da habe ich keinen Zweifel. Aber da sind wir wieder bei unserem alten Thema: Hast du auch an mich gedacht?

- Und was willst du werden?

- Laß mich erklären. Du hast dir ein Leben erträumt und erträumst es noch immer, das aus Liebe, aus heiterem und aufrichtigem Frieden bestehen soll.

- Hoffentlich.

- Liebe, das mag hingehen, solange sie anhält; aber Friede? In deinem Haus muß ja schließlich auch ich wohnen...

- Ja, das weiß ich!

- Ich werde mich ja nicht den ganzen Tag ausschließlich ins Arbeitszimmer verbannen können...

- Ich weiß!

- Ich werde mit dir zu Tisch gehen, ich werde mit dir zu Bett gehen...

- Ich weiß, verdammt, ich weiß das leider! Das ist doch mein Fluch, wie sollte ich das nicht wissen?

- Na gut, ich meine, was ist dann mit dem Frieden?

- Entschuldige, aber könntest du dich nicht dazu herbeilassen, mäuschenstill den Anblick unseres gemeinsamen Glücks zu genießen? Es wird doch mit Sicherheit ein rührendes Schauspiel werden...

- Ich sage nicht nein. Aber wirst du es verhindern können, daß durch meinen natürlichen Hang zur Melancholie ein schwerer Schatten über dein Haus fällt, deine Kinder traurig macht, deine Frau in Bedrängnis bringt, jedes Mal, wenn eine meiner vielen Sorgen mich von den anderen abschneidet, die sie nicht einmal verstehen können?

- Wir verheiraten uns ‑ oder, wenn du das lieber hast, ich verheirate mich ja eben deshalb, meine ich! Das heißt, um ein Heilmittel einzusetzen, ein Heilmittel nach meiner Art, gegen das, was du deine natürliche Melancholie nennst.

- Und du wirst eine große Enttäuschung erleben! Es liegt nicht in deiner Hand, die Sache zu heilen; hättest du stattdessen mehr Achtung und mehr Liebe für mich gehabt, dann hättest du verstanden, daß für uns beide das weniger Schlimme darin bestanden hätte, allein zu bleiben, und daß es deine Pflicht gewesen wäre, dich um nichts anderes zu kümmern, und nicht an andere zu denken als an mich.

- Meine Pflicht wäre also gewesen mich zu opfern?

- Es wäre dir nicht als ein Opfer erschienen, hättest du nur mehr Vertrauen in mich gehabt. Aber ich mache dir keinen Vorwurf daraus, daß es dir daran ermangelt hat; ich fühle mich... ich fühle mich tatsächlich als ein Fremder auf dieser Erde, und so allein, daß ich begreife, wie in dir, mehr noch als die Sehnsucht, das Bedürfnis nach einer liebenden Begleitung entstehen mußte.

- Na Gott sei Dank!

- Du siehst, wenn ich dich nicht entschuldige, so klage ich dich doch auch nicht an...

- Und warum dann das ganze...?

- Ja, ja, du hast ja recht, es ist tatsächlich so: Diese Erde ist wirklich für dich gemacht, für euch andere... Du weißt aus ihr deinen Unterhalt zu ziehen; du baust auf ihr Häuser und findest mit deinem Fleiß dort von Tag zu Tag einen immer sichereren Schutz gegen die Unbill der Natur, eine immer größere Bequemlichkeit. Ich müßte der Sonnenstrahl sein, die erquickende Brise, die durch die Fenster hereindringt und den Duft der Blüten mit sich trägt; aber oft verstehe ich das nicht zu sein, oft habe ich die Grausamkeit eines kleinen Jungen, der mit einem Stein den Eingang des Ameisenhaufens verstopft. Oft besteht meine Größe gerade darin, daß ich mich unendlich klein fühle; aber klein ist für mich auch die Erde, und jenseits der Berge, jenseits der Meere suche ich dann nach etwas, das da unbedingt sein muß, sonst könnte ich mir diese uranfängliche Sehnsucht nicht erklären, die mich gefangen hält, und die mich zu den Sternen seufzen läßt...

   Zu meiner eisigen Einsamkeit
zu meiner Beklemmung, zu meinem langsamen Sterben
spricht in den Sternennächten der Himmel
von anderen uranfänglichen Abenteuern, die es zu erleben gilt,
stets inmitten des Mysteriums und dieser Sehnsucht.

   „Und wie lange noch?“ seufzt die Seele.
Unendliche Stille in der Höhe fängt sie auf,
ihre Frage. Und doch sieht sie sie erzittern,
die Sterne am Himmel, als wären’s belebte Blätter
eines Waldes, in dem der Hauch des Uranfangs weht.

- Soll ich sie zu Papier bringen, diese Verse? O Gott, ich werde nicht sagen, daß sie ihr Entstehen dem freudigen Anlaß verdanken... Ach, steig doch herunter vom Himmel, ich bitte dich... Ich stehe hier am Fenster und im Zug. Ich möchte mir ja nicht ausgerechnet an diesem Abend eine Erkältung holen...

- Dann würdest du morgen vielleicht mit einem Niesen antworten anstatt mit dem für das Sakrament vorgeschriebenen Ja.

- Genug mit den Scherzen, genug mit den Scherzen... Hören wir auf mit dieser Debatte. Und wenn es dir recht ist, dann verwenden wir den Rest dieser Nacht, solange das Feuer im Kamin noch anhält, damit, die kompromittierenden Papiere und Erinnerungen aus unserer frühen Jugend zu vernichten, die mit dem heutigen Abend zu Ende geht.

 

IV. In Gesellschaft

(Salon im Hause X. „Intellektueller Salon“. Die Marchesa X  ist eine Schriftstellerin, die sich jedoch durch eine Besonderheit auszeichnet: daß sie außerdem eine schöne Frau ist.

Vierzigtausend Lire Apanage im Jahr.

Sie läßt Novellen drucken und „sentimentale Variationen“ ‑ so nennt sie das ‑ in den wichtigsten Zeitschriften. Es ist alles andere als selten, jeden Samstag unter den Tischgästen der Marchesa die Chefredakteure dieser Zeitschriften anzutreffen.

Der Ehemann, der Abgeordnete Marchese X., kahlköpfig, kurzsichtig, bärtig, ist vier Legislaturen alt, sitzt im Parlament auf der Rechten, ist aber ‑ versteht sich ‑ auch liberal und demokratisch gesinnt. Als leidenschaftlicher Sammler nennt er wie Seine Majestät eine wertvolle Medaillensammlung sein eigen, aber er hütet sie nicht eifersüchtig. Der beste Beweis: Er hat mehr als eine schöne Medaille an bekannte Schriftsteller verschenkt, die zu den Bewunderern seiner Frau zählen. Den Salon frequentieren zahlreiche Damen der Aristokratie und die Patronessen der Gesellschaft zur Pflege der Frauenbildung, Senatoren, Abgeordnete, Literaten und ausgewählte Journalisten.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben, mein kleines ich hat sich nicht im geringsten darum bemüht, in die erlesene Schar dieser Auserwählten aufgenommen zu werden; aber es wäre auch Heuchelei, wollte man leugnen, daß die Einladung ihm eine große Freude und tiefinnere Befriedigung bereitet hat, worüber das Große Ich wiederum sich geärgert hat. Nun nimmt die Marchesa X, blond und wohlgerundet, strahlend und erbebend in ihrem gewagten, wenngleich nicht unschicklichen Décolleté, seinen Arm und führt ihn herum, um ihn den Damen vorzustellen, wobei sie einige flüchtige Hinweise auf das Große Ich fallen läßt, das darüber errötet, während das kleine ich ‑ Lächeln stets bereit, lebhafte Gestik ‑ sich tief verneigt.

Als die Vorstellung zu Ende ist, fragt das Große Ich das kleine ich:)

grosses ich

Wo wirst du dich jetzt hinsetzen?

kleines ich

Warte... laß mich ein bißchen schauen. Aber reiß dich zusammen! Du wirkst noch immer, als hätte dich die Würde des Dieners eingeschüchtert, der uns im Vorzimmer den Mantel abgenommen hat. Hör mal, wenn du dich hier in dich verkriechen willst, dann machst du’s nur schlimmer!

grosses ich

Aber ich ersticke doch mein Lieber, was heißt da verkriechen! Du hast mich auf einem steifen Kragen aufgehängt, über den du kaum drübersiehst, du hast mich herausgeputzt wie eine Schaufensterpuppe...

kleines ich

Na, na, nicht schlappmachen! Los, gib dir einen Ruck! Zum Teufel, die werden noch alle merken, daß wir nicht gewohnt sind, einen Frack zu tragen...

grosses ich

Und was soll mir das schon ausmachen? Du hast es doch genau gewußt, du Idiot, daß ich mich hier nicht wohlfühlen würde, unter all diesen Leuten, in dieser lächerlichen Aufmachung. Du bist schuld, wenn ich einen miserablen Eindruck mache!

kleines ich

Aber wenn ich doch eigens deinetwegen gekommen bin, um dich bekannt zu machen, damit die Leute dich sehen können...

grosses ich

Wie einen Tanzbären auf dem Jahrmarkt?

kleines ich

Himmel, du mußt es eben einmal lernen! Hör nur, hör, was die Leute dort reden, in dieser Gruppe von Abgeordneten und Zeitungsleuten. Sie sprechen von der russischen Revolution, sie bedauern Witte[1]. Schade! Ein Mann, der in wenigen Tagen, von seinem Verhandlungstisch aus, so viele glorreiche japanische Siege zunichte gemacht hatte, und nun... „Aber nein, meine Herrschaften!“ ruft der brillante Journalist Kappa. „Ich ersuche Sie, mir zu glauben, daß in Portsmouth nicht Herr Witte gesiegt hat!“ „Oh, oh! Und wer ist es dann gewesen, der gesiegt hat?“ „Nun, sein Frack, meine Herrschaften, sein Frack! Das gelbe Männchen, wenn es einmal in einem Frack steckt wie ein Pinguin, das wissen Sie doch selbst, dann ist es erbärmlich lächerlich...“

grosses ich

(Kappa hat uns angesehen...)

kleines ich

(Sei still! Hören wir lieber zu.) ‑ „Meine Herren, die Japaner, verschlagen wie sie nun einmal sind, hätten doch wissen müssen, daß man die gewohnte Kleidung nicht ungestraft ablegen darf...“

grosses ich

(Hörst du? Hörst du?)

kleines ich

(Halt den Mund!) ‑ „Nein, die Nationaltracht legt man nicht ungestraft ab, meine Herren, die Kleidung, die den natürlichen Gegebenheiten entspricht, der Hautfarbe und was weiß ich noch allem. Hätten Herr Witte und die anderen Gäste sich einer Auswahl von japanischen Figurinen gegenübergesehen, wie wir sie üblicherweise auf den Fächern, den Vasen und den Paravents abgebildet sehen, und dabei denken müssen, daß von diesen Figurinen da, die wie ein schlechter Scherz wirkten, ein so wilder Sturm ausgegangen war und die heilige Mutter Rußland durchgeschüttelt hatte, dann, das versichere ich Ihnen, wären sie einigermaßen durcheinander gewesen und hätten nicht so leicht gesiegt. Stattdessen sahen sie den Herrn Koruma im Frack vor sich und haben ihn natürlich so ohne jeden Respekt behandelt wie das die Diener eines großen Herrn mit dem Bürgermeister eines kleinen Dorfes tun, der zum Galadiner aufs Schloß gebeten worden ist...“

grosses ich

Bravo! Ich hoffe, das wird dir eine Lehre sein!

kleines ich

Aber das sollte doch eher dir eine Lehre sein, meine ich! Schließlich hast du im Frack Triumphe gefeiert! Und glaube mir, heutzutage... Still! Da kommt ein Herr auf uns zu...

grosses ich

Geh ihm aus dem Weg! Schau woanders hin!

kleines ich

Halt still! Da ist er schon... Er sagt, er kennt deinen Namen... er hat etwas von dir gelesen. Ach, zu gütig von Ihnen... zu gütig... Laß mich doch zuhören, zum Donnerwetter, was er sagt. Aha, er fragt uns, ob wir schon lange in Rom sind. Was halten wir davon? Na los, gib mir einen schönen Satz über Rom ein...

grosses ich

Sag ihm, Rom beginnt fast ein bißchen Paris zu ähneln.

kleines ich

Bravo! Hörst du? Der Herr stimmt zu... Na los, benimm dich! Lächle nicht so komisch... Da haben wir's: Der Herr fragt uns, weshalb wir lächeln. Er meint, Paris wäre freilich...

grosses ich

Aber das ist doch klar, zum Teufel! Du kannst ihn trösten: Natürlich ist Paris etwas ganz anderes! Paris ist Paris! Das gibt’s nur einmal ‑ sag’s ihm auf Französisch! Rom dagegen, da halten wir schon beim „dritten Rom“, und ehe das Paris wird...

kleines ich

Jetzt lächelt der Herr! Du bist schuld, das er weitergegangen ist... Und jetzt hast du einen Feind mehr! Ach! Du bist wirklich unverbesserlich! Was ist das nur für eine Freude daran, alle Leute in die Flucht zu schlagen! Und dann beklagst du dich, daß dich niemand beachtet! Wenn du doch nicht redest, wenn du dich nicht rührst, wenn du doch in keiner Weise die Aufmerksamkeit der Leute auf dich ziehst! Willst du denn wirklich bloß mir allein da drinnen die Seele zum Vertrocknen bringen? Rede doch! Wie willst du denn sonst, daß die Leute dich kennen lernen?

grosses ich

Willst du wirklich, daß mich die Leute kennen lernen, wenn ich hierher komme, und damit deine Kleider und Dummheit zur Schau stelle?

kleines ich

Aber mir wäre es lieber, wenn du stattdessen einmal die Leute kennen lerntest, wie sie wirklich sind, nicht wie du sie dir vorstellst. Während ich rede und, um niemanden zu kränken, na meinetwegen, Blödheiten von mir gebe, mach du dir doch die Mühe und beobachte ‑ nur nicht zu insistent ‑ was um dich herum vorgeht, und glaube mir, du wirst hier mehr und nutzbringendere Studien betreiben als in deinen vielen Büchern. Hörst du, wie man plaudert, wie man vom Hundertsten ins Tausendste kommt, ohne Pedanterei, ohne Intoleranz? Nein, tiefe Ideen, sind es nicht, und keine Leidenschaft, das ist schon richtig! Aber was für ein lebhafter Geschmack, was für eine angeregte Konversation, welche exquisite Vollendung in Umgangsformen und Sprache... Sieh dir diese jungen Damen an: das sind Intellektuelle, natürlich, da gibt es keine Debatte; aber trotzdem, diese Schultern, diese Brüste! Und dennoch, wie sie da ganz ruhig vor sich hinblicken, als hätten sie nicht den geringsten Verdacht, sie könnten so halbnackt dastehen, wie sie es tun... Und die armen Ehemänner! Wer weiß, wie viele in diesem Augenblick denken: „Käme doch nur wieder die Zeit des Feigenblatts! Denn, was die Nacktheit anbelangt... Heiliger Gott, nachdem wir ein Vermögen ausgegeben haben, um unsere Frauen zu bekleiden, da haben wir sie: jetzt zeigen sie erst recht die nackte Haut...“ Los, los, laß den Blick nicht zu tief dringen! Man muß dieses Leben flüchtig genießen, wie eine Illusion, die vorüberfliegt, wie ein glänzendes Phantasiebild, das sich in Rauch auflöst... Oh! Sieh dich doch einmal in diesen Spiegel da... Du bist ja rot im Gesicht wie Klatschmohn!... Dieser Duft... Du läßt dich zu sehr erregen, was?, du großer Mann... Schluß! Schluß! Ein bißchen Luft schöpfen am Fenster...

grosses ich

Wäre es nicht besser nach Hause zu gehen?

kleines ich

Nein, komm her, komm hierher ans Fenster!

grosses ich

Hier hat man wenigstens frische Luft...

kleines ich

Das ist ein Unterschied, was? Wie dunkel es ist! Und wie düster da alles wirkt... Schau nur, diese Lampions dort, und diese Bäumchen auf dem Platz... der schwankende Widerschein der Gaslampen auf dem Pflaster... und diese beiden Wagenlaternen, die sich langsam vorwärts bewegen... Was für eine unheimliche Düsterkeit! ‑ He, aufgepaßt! Man ruft uns... komm... Die Marchesa fragt, ob wir uns langweilen...

grosses ich

Aber ich amüsiere mich doch königlich!

kleines ich

Hm, aufgepaßt, hier: Jetzt sind wir unter den Damen. Sie sprechen von dem jungen Herzog von Orléans... Sie sagen, er beginnt, den Weg für seine Rückkehr nach Frankreich vorzubereiten, um wieder König zu werden. Er hat eine Reise zum Nordpol gemacht. Sie fragen dich, was du davon hältst...

grosses ich

Na! Das muß wohl wirklich eine ungeheure Befriedigung sein, wenn man sagen kann: „Hier bin ich: Ich habe den Pol erreicht! Kein Mensch weiß das, aber ich stehe nun mit der Zehenspitze bloß eines Fußes auf nichts geringerem als dem einen Ende der imaginären Rotationsachse der Erde. Hier ist nichts aufgeschrieben; aber hier zu stehen ist nicht dasselbe wie ein paar Schritte weiter drüben zu stehen. Hier ist der richtige Punkt. Ja freilich, Eis ist da wie dort; eine Hundekälte; und keine Menschenseele ist zu sehen. Aber ich stehe hier erhöht, mehr als jeder König auf seinem Thron!“ Vielleicht wird der junge Herzog von Orléans, nachdem er einmal den Pol erreicht hat, sich ja damit zufrieden geben, auf Dauer ein bißchen tiefer zu sitzen, nämlich auf dem französischen Thron. Aber haben uns die Zeitungen nicht erzählt, daß er statt des Pols eine Insel entdeckt hat und sie Terre de France, Eiland Frankreichs genannt hat? Also das verstehe ich nicht! Terre de France, und dann kehrt er zurück... Er hätte sich doch einstweilen... na, um einmal einen Anfang zu machen ‑ zum König dieses kleinen Frankreich ausrufen können...

kleines ich

Vielleicht war es dort zu kalt. Dafür gibt es einen anderen Kaiser, der kann nicht in seinem Reich bleiben, weil es dort zu heiß ist. Dort das Eis des Polarmeers; hier die Sanddünen der Wüste.

grosses ich

Aber Lebaudy[2], der hat sich doch wenigstens zum Kaiser ausgerufen...

kleines ich

Bravo! Siehst du? Jetzt hast du diese schönen Damen zum Lachen gebracht... Ja, wenn du nur wolltest... Still! Was ist los? Die Leute stehen auf...

grosses ich

Wird getanzt? Wenn getanzt wird, gehen wir sofort nach Hause! Hör mal, da laß ich mit mir nicht reden... Gehen wir nach Hause!

kleines ich

Es wird ja nicht getanzt, du alter Brummbär! Hörst du nicht? Fräulein B. wird uns etwas vorspielen. Sie läßt sich nur noch ein wenig bitten. Sie hat eiskalte Hände, die Arme, sie kann nicht! Sieh nur, sieh: Ein junger Mann macht sich erbötig, sie ihr aufzuwärmen, indem er sie mit aller Kraft schlägt... Um Himmels willen, das glaubt sie ihm auch noch: sie versteckt die Hände, zeigt ihre blitzenden weißen Zähne, sie windet sich... Ach, jetzt ist es soweit: ihre Freundinnen schleppen sie zum Klavier...

grosses ich

Moderne Musik?

kleines ich

Gar keine Musik! Bravourstücke der Hände auf den Tasten. Hör zu. Dann werden wir klatschen.

grosses ich

Sag mal, verblödest du?Allzu durchsichtig, mein Lieber: Du machst mir Angst!

kleines ich

Keine Angst! Es gibt Schlimmeres als mich... Sieh doch, wie aufmerksam jetzt alle sind, wie hingegeben... Was für ein Schweigen! Aber sieh doch dort, diese zusammengezogenen Augenbrauen, diesen Abgeordneten mit dem runden roten Gesicht wie ein holländischer Käselaib... Ist das Vaterland in Gefahr? Nein, betrachte nur die Schultern und den Nacken der Marchesa, sie sieht heute abend wirklich wunderbar aus, wie eine Göttin von Rubens... Aber jetzt sag mir doch einmal im Ernst, unterhält dich das nicht, dieses Schauspiel?

grosses ich

Aber sehr! Hör mal: Halte mir bitte eine Hand vor den Mund.

kleines ich

Warum? Was tust du?

grosses ich

Halte mir sofort eine Hand vor den Mund...

kleines ich

Gähnst du?

grosses ich

Ich gähne.

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***


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[1] Die Rede ist von dem russischen Grafen Sergej Juljewitsch Witte (1849-1915), der nach einer „kleinen“ Revolution und einer in deren Gefolge erlassenen neuen Verfassung Nikolaus II. erster Ministerpräsident war, im Mai 1906 jedoch von der Duma entlassen wurde, nachdem er 1905 einen günstigen Frieden mit Japan zustandegebracht hatte, der den Russisch-Japanischen Krieg beendete. Diese Aktualitätsanspielung erlaubt es, das letzte Fragment in etwa auf das Jahr 1906 zu datieren (also nach dem Mattia Pascal, dem finanziellen Zusammenbruch der Familie und den ersten Krankheitszeichen bei Pirandellos Frau), während die ersten Fragmente aus der Zeit der Verlobung (1893/94) stammen - siehe auch die Erstveröffentlichungsdaten.

 

[2] Paul Lebaudy (1858-1937) war ein französischer Industrieller, der die ersten Luftschiffe baute („Le Jaune“ 1902). 1906 riß sich „La Patrie“, eines seiner Luftschiffe los und mußte aufgegeben werden. Der Zusammenhang mit dem „zum Kaiser ausrufen“ und der Wüste ist nicht ganz klar zu eruieren ‑ möglicherweise Anspielungen auf ein Interview.

 

© Michael Rössner.

LUIGI PIRANDELLO 1867 - 1936 - Novellen

Die Amme - (La balia - 1923)

Italienische Version

 

aus dem Italienischen von Michael Rössner 

 

Erstveröffentlichung Juni 1903 in der Zeitschrift Nuova Antologia. Zahlreiche Varianten bekannt. Das einzig interes­sante Detail in diesen Varianten ist die Tatsache, daß in einer früheren Version die Amme die bei Bauern auf­gewachsene unehe­liche Tochter eines Arztes aus der Stadt und somit eine selbst der Klasse der "signori" zuzu­rechnende Figur ist.

 

I.

"Na endlich!", rief Frau Manfroni und riß dem Stubenmädchen den so sehnlich erwarteten Brief aus Rom aus der Hand, in dem ihr Schwiegersohn, Ennio Mori, ihr alle versprochenen Details über die Niederkunft ihrer Tochter Ersilia berichten sollte.

Sofort setzte sie die Brille auf die Nase und begann zu lesen.

Sie wußte bereits aus den vorhergehenden Telegrammen, daß es eine schwierige Geburt gewesen war, daß ihre Tochter sich aber nie in Gefahr befunden hatte. Nun stand in dem Brief jedoch zu lesen, daß für Ersilia eigentlich doch eine gewisse Gefahr bestanden hatte, ja, daß man sogar einen Spezialisten für Geburtshilfe hinzuziehen hatte müssen. Das teilte ihr Mori sicherlich nicht mit, um die Verwandten seiner Frau zu beunruhigen, jetzt, wo die Sache so oder so vorbei war; wohl aber, um sich über ihre Starrköpfigkeit zu beklagen, weil sie entgegen seinen weisen Ratschlägen darauf beharrt hatte, bis zum letzten Augenblick ein zu enges Mieder und hohe Absätze zu tragen.

"Esel! Was hat das mit den Absätzen zu tun!"

Und mehrfach ließ sich die vor Wut kochende Signora Manfroni ein solches "Esel!" während der Lektüre entschlüpfen. Schließlich hielt sie inne, ärgerlicher als je zuvor, hob die Augen von dem Brief auf und blickte in die Runde, als suche sie jemanden, an dem sie ihren Zorn auslassen könnte.

"Wie denn? Ja, wie denn?"

Ach, die Amme dürfe keine Römerin sein? Und warum denn nicht, Herr Rechtsanwalt Mori? Die römischen Ammen haben zu viele Ansprüche? Ach sieh einmal, jetzt auf einmal war man sparsam! Als ob Ersilias Mitgift dem Herrn sozialistischen Anwalt nicht wahrhaft einen solchen Luxus bequem gestatten hätte können. Na, und ob! Was hätte Ersilia denn für eine Figur abgegeben, wenn sie mit einem ungeschliffenen, ungewaschenen sizilianischen Bauernmädchen an der Seite, das als Amme aufgeputzt war, durch die Straßen Roms spaziert wäre!

"Esel! Esel! Esel!"

"He! Gibt's heute nichts zu essen? Wieso ist denn noch nicht aufgedeckt?"

Es war Signor Manfroni, der wie üblich laut schimpfend das Haus betrat. Dort drüben hatte er schon das Stubenmädchen und die Köchin ausgezankt.

 

"Ruhig, Saverio, ruhig..." sagte seine Frau. "Du weißt doch recht gut, daß es bei uns immer eine Menge Dinge zu tun gibt."

"Zu tun? Ihr habt zu tun? Und ich?"

"Lies lieber einmal diesen schönen Brief deines lieben Schwiegersohns."

"Geht's um Ersilia?"

"Du wirst schon sehen."

Signor Manfroni beruhigte sich auf der Stelle; er überflog den Brief; dann sagte er, während er ihn wieder zusammenfaltete: "Sehr gut. Ich habe schon die richtige Amme für sie."

Er hatte diese plötzlichen Geistesblitze, der Signor Manfroni, Geistesblitze, von denen er sich selbst als erster blenden ließ, und denen er - seiner Meinung nach - seinen ansehnlichen kommerziellen Erfolg verdankte.

Mit spöttischem und herausforderndem Ton fragte Signora Manfroni: "Und wer wäre das?"

"Die Frau von Titta Marullo."

"Die Frau dieses Galgenstricks?"

"Schweig!"

"Die Frau dieses Aufrührers?"

"Schweig!"

"Die Frau eines Sträflings!"

"Laß mich doch ausreden!", schrie Manfroni. "Du bist eben eine Frau und hast deine Norm, hier, Gott im Himmel, Stroh, ein Bündel Stroh, jawohl, meine Liebe, ein Bündel Stroh hast du hier im Kopf anstelle des Gehirns. Bei den schönen sozialen Bedingungen, unter denen wir leben..."

"Was hat das mit den sozialen Bedingungen zu tun?", fragte seine Frau verblüfft.

"Die haben damit zu tun! Die haben damit zu tun!", gab Signor Saverio wütend zurück. "Denn wir, die wir es geschafft haben, uns mit unserer unermüdlichen und hin... wie heißt das schnell hingabungsvollen..., nein, das heißt doch... aber ja, hingabungsvollen Arbeit eine gewisse Grundlage zu erwerben, gerade wir müßten heute, deiner Norm zufolge, angesichts einer Zukunft, die immer undurchsichtiger und bedrohlicher wird... hast du mich verstanden?"

"Nein! Was soll man denn da verstehen?"

"Na, sag ich dir's nicht? Stroh!"

Er packte einen Stuhl, rückte ihn an den heran, auf dem seine Frau saß und ließ sich schnell und fauchend darauf nieder.

"Ich mußte Titta Marullo", setzte er fort, wobei er sich bemühte, leise zu sprechen, damit ihn die Dienerschaft nicht hören konnte, "deiner Normen wegen mußte ich Titta Marullo aus der Bäckerei rauswerfen und auf die Straße setzen, weil er revolutionäre Ideen vertritt.

"Dieselben Ideen wie die des Signor Mori, dem du deine Tochter gegeben hast!"

"Laß mich doch aussprechen!" schrie Manfroni. "Und warum hab' ich ihm meine Tochter gegeben? Vor allen Dingen deshalb, weil Ennio ein hochanständiger Junge ist; und dann auch deshalb, jawohl, deshalb, weil er Sozialist ist! Jawohl! Und weil das in meine Pläne paßt! Weil mir genau zupaß das kommt! Weshalb glaubst du, bin ich so geachtet bei der ganzen Kanaille, der ich zu Essen gebe? Stroh! Aber damit hat Ennio nichts zu tun. Wir sprachen von Titta Marullo. Ich habe ihn aus der Bäckerei rausgeworfen. Da er nun auf der Straße saß, der Unglücksrabe, hat er sich natürlich so benommen, daß er sich als Sträfling auf die Insel schicken ließ. Und nun werde ich, der ich reich bin, aber da drinnen etwas schlagen habe, was man deiner Norm zufolge Herz nennt, seine Frau nehmen, sie in einen Waggon dritter Klasse setzen und nach Rom schicken, als Amme meines Enkels!

Er konnte ja hunderttausend gute Gründe haben, der Signor Manfroni, aber er hatte auch auf einem Jochbein eine besonders lächerliche Warze, auf die seine Frau mit einem eisigen und besonders verächtlichen Blick zielte, wenn sie sich gezwungen sah, sich diesen Gründen geschlagen zu geben. Und Signor Manfroni, der jedes Mal den Blick auf dieser Warze ruhen fühlte, gingen daraufhin immer so sehr die Nerven durch, daß er schnell, um sich nicht zu einer Unbesonnenheit hinreißen zu lassen, die Diskussion abschnitt. Er läutete und befahl dem Stubenmädchen: "Schick mir sofort Lisi her."

Lisi, der als Kutscher und Diener beschäftigt war, erschien auf der Schwelle ohne Jacke, die Hemdsärmel aufgekrempelt und den Mund zu einem stummen Lachen verzogen, wie immer, wenn die Herrschaft ihn zu sich rief.

Signor Manfroni hatte schon bei seiner ersten Begegnung mit ihm eine ganz außergewöhnliche Schlauheit in diesem Burschen zu entdecken vermeint.

"Weißt du, wo Titta Marullos Frau ist?"

"Jawohl, Signore. Ich habe verstanden!", antwortete Lisi, zuckte eine Achsel und krümmte sich, während ein dümmliches Lächeln ihm den Adamsapfel den Hals hinaufwandern ließ.

"Was hast du verstanden, du dummes Vieh?" schrie ihn Marconi an, der in diesem Augenblick nicht dazu aufgelegt war, ihn zu bewundern.

Lisi krümmte sich von neuem, als hätte der Herr ihm ein besonders schönes Kompliment gemacht, und antwortete: "Ich gehe und sage es ihr, Signore."

"Sag ihr, sie soll sofort herkommen. Ich habe mit ihr zu reden."

Und kurze Zeit darauf bekam Signor Manfroni eine beeindruckende Probe der außergewöhnlichen Schlauheit Lisis geliefert. Man muß sich nur vorstellen, noch während er mit seiner Frau bei Tisch saß, sah er Annicchia, Tittas Frau, ins Zimmer stürzen, vor Freude weinend und ein etwa zwei Monate altes Kindchen auf dem Arm.

"Ach mein lieber Signore! Mein Signorino! Lassen Sie sich die Hände küssen!"

Und während sie das rief, fiel sie vor ihm auf die Knie. Das Stubenmädchen und die Köchin standen in der Türe und ließen sich diese Szene nicht entgehen; vor ihnen lachte Lisi selig und triumphierend vor sich hin.

Zwischen den Augen und den Brauen von Signor Saverio begann ein wilder Kampf, denn die einen wollten aufgrund der plötzlichen Verwirrung aus den Höhlen treten, die anderen sich vor Wut in die Höhe ziehen. Er zog sofort die Hand zurück, die die kniende junge Frau ihm küssen wollte, blickte zur Tür und brüllte: "Hinaus! Nein, du bleibst da, Lisi! Was hast du ihr erzählt?"

"Daß Titta kommen wird!", rief Annicchia, ohne sich zu erheben. "Daß sie ihn für mich freibekommen haben, Signore!"

Manfroni sprang auf und packte den Stuhl: "Na warte, du Kanaille!"

Lisi sprang davon wie ein junger Hirsch.

"Stimmt es denn nicht?", fragte Annicchia mit ersterbender Stimme, zu der Signora Manfroni gewendet.

Und sie stand langsam auf. Es bedurfte einer gehörigen Anstrengung, ihr klar zu machen, daß die Freilassung ihres Mannes nicht vom Willen oder von den Freunden des Signor Manfroni abhing und auch gar nicht abhängen konnte; er hatte ihn zwar aus der Bäckerei hinausgeworfen, aber sie selbst war doch Zeugin dafür, welche Langmut er zuvor bewiesen hatte, allein ihretwegen, die doch als kleines Mädchen in seinem Hause aufgewachsen und viele Jahre hindurch Ersilias Spielgefährtin gewesen war.

Während ihr Mann ihr das alles erklärte, beobachtete Signora Manfroni die junge Frau, putzte sie in Gedanken als Amme auf und nickte zustimmend mit dem Kopf, als sähe sie sie jetzt schon mit einem affigen roten Schleier auf dem Kopf, eine Haarnadel mit herunterbaumelnden Silberblüten daran durch die blonden Haare gesteckt.

Als Manfroni ihr die Gründe darlegte, weshalb er Lisi nach ihr geschickt hatte, war Annicchia ganz verstört und ratlos.

"Und mein Kindchen da?", sagte sie und streckte es vor. "Wem soll ich denn das lassen?"

Sie drückte es an die Brust; sie begann wiederum zu weinen.

"Tati kommt nicht zurück, Luzzì! Er kommt nicht zurück!"

Schließlich hob sie das tränenüberströmte Gesicht wieder auf und sagte, zu Signora Manfroni gewandt: "Er kennt ihn noch gar nicht; er hat ihn noch nie gesehen, diesen Engel, den ich ihm geboren habe."

"Du könntest dein Kind ja in Pflege geben, mit einem Teil von der Summe, die du von Ersilia bekommst."

"Ach, für Signorina Ersilia", erwiderte Annicchia schnell, "denken Sie nur, wie gerne ich das für sie täte! Aber... es ist zu weit weg! in Rom!"

Herr Saverio erklärte es ihr auf der Stelle: Abfahrt! Fertig! Mit dem Zug und dem Dampfboot gäbe es heutzutage keine Distanzen mehr.

"Ja, Signore", sagte Annicchia. "Euer Gnaden haben ganz recht. Aber ich bin ein armes, unwissendes Ding; ich ginge verloren dort. Ich habe doch nie einen Fuß aus unserem Dorf gesetzt. Und dann", fügte sie hinzu, "Euer Gnaden wissen ja auch, daß ich meine Schwiegermutter bei mir habe: wie könnte ich die arme alte Frau allein lassen? Wir beiden sind ja allein zurückgeblieben. Titta hat sie mir so sehr ans Herz gelegt! Und wenn er wüßte, wie wir unser Leben fristen! Mir bindet dieses Kindchen die Hände; sie ist über siebzig Jahre alt! Ich wollte ja den Kleinen in Pflege geben und selbst irgendwo in Dienst gehen. So oder so, Titta wird nichts mehr von den schönen Sachen finden, die wir zu unserer Hochzeit gekauft haben. Arme-Leute-Ausstattung, jawohl, aber sauber. Verkauft haben wir's, ein Stück da, eines dort... Aber die Alte will mich nicht in Dienst gehen lassen. Sie ist stolz; sie will es nicht. Aber wenn es für die Signorina Ersilia ist, dann vielleicht... nun, ich kann versuchen, mit ihr darüber zu reden."

"Ja, aber die Antwort brauche ich sofort. Du müßtest spätestens morgen fahren."
Annicchia war wiederum ganz verstört.

"Ich werde hören, was Sie sagt, und dann werde ich Ihnen ja oder nein sagen können", sagte sie schließlich und verschwand.

Sie wohnte in einem kleinen Gäßchen ganz in der Nähe. Schon hatten sich in dem schmucklosen, ebenerdigen Häuschen alle Nachbarinnen bei der ebenso frohen wie falschen Nachricht Lisis rund um die alte Mutter des Deportierten versammelt, die ganz zusammengekrümmt in der Stube saß, ein schwarzes Kopftuch unter dem Kinn zusammengeknotet und die mit Gichtknoten übersäten Hände auf ein grobes Terracotta-Wärmebecken auf ihren Knien gelegt. Die Nachbarinnen lobten im Chor das gute Herz und die Großzügigkeit Manfronis, und die Alte stieß mit gesenktem Kopf von Zeit zu Zeit eine Art Knurren aus, von dem man nicht recht zu sagen wußte, ob es Zustimmung oder Verachtung bedeuten sollte, wobei sie die Umstehenden mit gewissen Blicken durchbohrte, die Mißtrauen und Groll ausdrückten. Als Annicchia auf der Schwelle erschien und ihre ersten Worte den Nachbarinnen die bewundernden Sätze über Signor Manfroni auf den Lippen erstarren ließen, da hob die alte Schwiegermutter den Kopf und sah die Nachbarinnen ringsumher mit Empörung an; dann, als sie von Manfronis Vorschlag erzählte, erhob sie sich.

"Was hast du ihm geantwortet?"

Annicchia warf einen Blick in die Runde der Nachbarinnen, als wollte sie sagen: Macht ihr es ihr doch klar, daß ich annehmen muß.

"Ich habe ihm geantwortet, daß ich mit Ihnen darüber reden würde, Mamma."

"Ich will es nicht! Ich will es nicht!", schrie die Alte auf der Stelle voller Zorn.

"Ich würde es auch am liebsten nicht wollen; aber..."

Und wiederum wandte Annicchia sich um Hilfe an die Nachbarinnen. Diese versuchten daraufhin, ein wenig die eine, ein wenig die andere, die Alte von den Gründen zu überzeugen, um deretwillen die Schwiegertochter diese Gelegenheit nicht ausschlagen durfte, die sich ihr bot, auf ehrbare Weise für sich, für sie und für das Kind zu sorgen. Eine, die mit ihrem Kind gekommen war, das an einer riesigen Brust hing, schrie sogar: "Da! Da! Seht her! Ich hab genug Milch für zwei! Ich nehm' es zu mir, das Bübchen... Da, da, seht her!"

Und sie zog dem saugenden Kind die Brustwarze aus dem Mund, hob die Brust mit einer Hand und ließ den Nachbarinnen ihre Milch ins Gesicht spritzen, die lachend und ihre Gesichter mit den Händen schützend, zurückwichen und gegeneinanderprallten.

Aber die Alte wollte nicht nachgeben; sie wehrte sich gegen alle Bitten und Beschwörungen und schrie die Schwiegertochter an: "Wenn du gehst, gehst du gegen meinen Willen, und dann verfluche ich dich! Denk daran!"

 

II. 

Der Rechtsanwalt Ennio Mori wartete im Bahnhof auf die Ankunft des Zuges aus Neapel. Kleingewachsen, hager, mit hochgezogenen Schultern, schnaufte er ungeduldig vor sich hin und kratzte sich das knochige, gelblich gefärbte Gesicht, das von einem allzu wild wuchernden schwarzen Bart bedrängt und geradezu unterdrückt wurde, rückte sich die Brille zurecht, die nicht und nicht auf der Nase sitzen bleiben wollte, oder betastete immer wieder die Taschen des Mantels und der Jacke, die voll mit Zeitungen waren.

Schließlich trat er auf einen Eisenbahner zu.

"Verzeihen Sie, was ist mit dem Zug aus Neapel?"

"Der hat vierzig Minuten Verspätung."

"Die italienischen Eisenbahnen! Das ist doch zum Aus-der-Haut-Fahren!"

Und er ging weg, auf der Suche nach irgend einem Sitzplatz; dort hinten, unter der Uhr, auf einem Mauervorsprung, denn die Bänke waren alle besetzt.

Jetzt mußte er auch noch den Diener spielen für die Amme, die da ankommen sollte:

"Zum Aus-der-Haut-Fahren ist das!"

Nun waren sie zwei Jahre verheiratet und wohnten seit zwei Jahren in Rom, aber seine Frau schien gerade eben erst aus diesem Stamm von Wilden aus dem hintersten Sizilien entsprungen zu sein: sie verstand sich nicht einmal zu Hause zu rühren, konnte nicht allein auf die Straße gehen, um die kleinen Einkäufe für die Familie zu erledigen; sie konnte ihm nur von früh bis spät Vorwürfe machen, jawohl, das konnte sie, immer mürrisch und immer stichelnd, dort, wo es am meisten schmerzte: bei der Logik, bei der Logik; sie konnte ihn mit der dümmsten und ärgerlichsten Eifersucht kränken, und das nicht aus Liebe, sondern aus Starrsinn. Sie fühlte sich nicht richtig geliebt! Na freilich! Was hatte sie denn je dafür getan, was tat sie nun dafür, geliebt zu werden? Es hatte doch viel eher den Anschein, als hätte sie Freude daran, gehaßt zu werden. Nie ein freundliches Wort, nie eine Liebkosung, nie! Und immer war sie voll Mißtrauen, abweisend, hart, übelnehmend, mürrisch. Na, mit dieser Heirat hatte er ein gutes Geschäft gemacht, das konnte man wirklich sagen!

"Zum Aus-der-Haut-Fahren!"

Er schnaufte, rückte sich wieder die Brille auf der Nase, zog eine der vielen Zeitungen aus der Tasche und begann zu lesen.

Aber sogar bei dieser Lektüre fand er keinen Augenblick Ruhe, als wäre er zu Hause und unterhielte sich mit seiner Frau; und fast bei jeder Meldung wiederholte er seinen Lieblingssatz: "Zum Aus-der-Haut-Fahren!" Er las jedoch trotz alledem weiter; und jeden Tag war er erst dann zufrieden, wenn er von der ersten bis zur letzten Seite die wichtigsten Blätter aus Rom, Mailand, Neapel, Turin und Florenz überflogen hatte, mit denen er sich stets alle Taschen vollstopfte.

"Medizin", pflegte er zu sagen. "Sie bringen meine Galle in Bewegung."

Aber wohl ein bißchen zu stark! Das hatte ihm auch der Arzt gesagt. Zu stark, ja, das mochte schon sein; aber hätten ihm ohne Lektüre der Zeitungen das unmittelbare Erleben der über alle Maßen angenehmen italienischen Gegenwart und die Gesellschaft seiner Frau die Leber nicht noch viel mehr ruiniert? Da war das Zeitunglesen noch besser.

"Und dieser verdammte Zug aus Neapel, zum Teufel, kommt der nun an oder nicht?"

Er sah auf die Uhr; dann sprang er entsetzt in die Höhe. Es war ja mehr als eine Stunde vergangen! In aller Eile stürzte er zum Ausgang. Wo sollte er nun diese arme Person finden, die bereits angekommen sein mußte und seine Adresse nicht kannte?

Aber zum Glück fand er sie, im Zollbüro, wo die Gepäckstücke kontrolliert werden, auf ihrem Reisesack kauernd und in Tränen. Die Zollbeamten versuchten sie zu trösten. Sie rieten ihr, auf die Polizei zu gehen, weil ihnen dieser "Mohrenanwalt", von dem sie sprach, unbekannt war.

"Annicchia!"

"Signorino!", schrie die Ärmste und sprang mit einem Satz auf, als sie seine Stimme hörte.

Es fehlte nicht viel, so hätte sie ihn umarmt vor Freude. Sie zitterte am ganzen Leib.

"Verloren war ich, Signorino, ganz und gar verloren... was hätte ich nur getan, wenn Euer Gnaden nicht gekommen wären?"

"Ja, konnte denn mein überaus ehrenwerter Herr Schwiegervater dir die Adresse nicht auf ein Stück Papier schreiben, zum Teufel", schrie Mori sie an.

"Ja, ich kann doch nicht lesen...", gab ihm Annicchia zu bedenken, die sich bemühte, ihre letzten Schluchzer zu unterdrücken und sich die Tränen abzuwischen.

"Zum Aus-der-Haut-Fahren ist das! Du hättest den Zettel einem Droschkenkutscher geben können, und ich hätte nicht selbst kommen brauchen. Im übrigen bin ich ohnehin gekommen. Ich war ja die ganze Zeit auf dem Bahnhof, ich habe nur die Ankunft des Zuges nicht bemerkt. Also Schluß damit."

Während sie in den Wagen stiegen, trug er ihr auf: "Kein Wort zu meiner Frau über diese Geschichte. Sonst ist wieder die Hölle los."

Damit zog er eine andere Zeitung aus der Tasche und begann wieder zu lesen.

Annicchia machte sich ganz klein, um so wenig Platz wie nur möglich in dem Wagen einzunehmen. Sie empfand eine große Befangenheit, als sie so neben dem gnädigen Herrn saß, ganz allein mit ihm im Wagen. Aber das dauerte nur kurz. Sie war wie benommen von der langen Reise, von den vielen neuen Eindrücken, die lärmend in ihre arme Seele eingebrochen waren, die bisher stets zurückgezogen gelebt hatte, gefangen in den gewohnten Verrichtungen ihres engen Lebens. An nichts erinnerte sie sich mehr; nichts dachte sie, nichts sah sie mehr; sie empfand nur die Erleichterung, endlich an­gekommen zu sein, den Schreck der Überfahrt auf dem Dampfschiff von Palermo nach Neapel, das Entsetzen über den entfesselten Lauf des Zuges überwunden zu haben. Wo war sie hingeraten? Sie versuchte aus dem Fenster zu sehen, aber die Augen schmerzten sie. Sie würde ja noch so viel Zeit haben, Rom zu sehen, die große Stadt, wo der Papst lebte! Einstweilen hatte sie schon jemanden neben sich, den sie kannte, und bald würde sie auch "ihr Fräulein" wiedersehen und sich beinahe wie zu Hause im Dorf fühlen. Sie lächelte. Für einen Augenblick stieg der Gedanke an ihr fernes Büblein in ihr hoch, an die alte Schwiegermutter, aber sie schüttelte das Bild sofort ab, aus dem instinktiven Bedürfnis heraus, sich diesen Augenblick der Erleichterung nach den langen, bangen Qualen der Reise nicht zu verderben.

"In Neapel", fragte sie auf einmal Mori, "ist dich da jemand auf dem Dampfer abholen gekommen?"

"Oh ja, Signore! Ein großer Herr! So gut war er zu mir...", beeilte sich Annicchia zu antworten. "Er hat mir auch befohlen, Grüße an Sie auszurichten."

"Befohlen hat er dir?"

"Jawohl, Signore, Sie zu grüßen."

"Er wird dich darum gebeten haben."

"Jawohl, Signore; aber... ein gnädiger Herr und ich..."

Ennio Mori fauchte vor sich hin und begann wieder in der Zeitung zu lesen.

"Medizin, Medizin..."

"Wie sagen Sie, bitte?", wagte Annicchia schüchtern zu fragen.

"Nichts. Ich spreche mit mir selbst."

Annicchia verstummte eine Zeitlang vor Verblüffung. Dann sagte sie: "Auch in Palermo ist ein anderer großer Herr auf den Bahnhof gekommen, der mich dann zum Dampfer begleitet hat: auch der war so gut zu mir.

"Und hat der dir auch befohlen, mich zu grüßen?"

"Jawohl, Signore, auch der."

Mori ließ die Zeitung auf die Knie sinken, rückte sich die Brille auf der Nase zurecht und fragte mit hochgezogenen Brauen:

"Was ist mit deinem Mann?"

"Immer noch dort!", seufzte Annicchia. "Immer noch auf der Insel. Ach, wenn Euer Gnaden, die Sie hier in Rom wohnen, wo doch der König ist..."

"Halt den Mund!", fuhr Mori auf, als hätte dieses arme Mädchen ihm auf den Fuß getreten, als sie den König erwähnte.

"Ein Wörtchen würde schon genügen...", wagte Annicchia unterwürfig hinzuzufügen.

"Zum Aus-der-Haut-Fahren ist das!", fauchte Mori von neuem, so wütend, daß er die Zeitung, die er auf den Knien hielt, zusammenknüllte und aus dem Wagen warf. "Glaubst du denn, die hätten bloß deinen Mann dorthin geschickt, ins Straflager? Die schicken uns genauso hin!"

"Die Herrschaft?", fragte Annicchia verblüfft und ungläubig. "Die Herrschaft schicken sie auch dorthin?

"Halt den Mund!", gab Mori zurück, dem diese sklavische Unwissenheit geradezu unerträglich wurde.

Und er begann düster über das verzweifelte Unternehmen zu grübeln, das darin bestehen sollte, diesen einfachen Leuten in seinem heimatlichen Sizilien, in denen das Gefühl der Unterwürfigkeit so tief verwurzelt war, ein neues Bewußtsein zu geben.

Endlich kam der Wagen in der Via Sistina an, in der Mori wohnte.

Ersilia lag noch zu Bett. Unter dem rosafarbenen Baldachin des breiten Himmelbettes, zwischen dem weißen Schimmer der Kissen und Spitzen erschien ihre Haut noch dunkler als früher, fast schwarz, so mager war sie noch von den Strapazen der eben erst überstandenen Geburt.

Annicchia lief zu ihr, um sie freudig zu umarmen.

"Signorina! Meine Signorina! Da bin ich... wie ein Traum kommt es mir vor! Wie geht es Ihnen? Sie haben viel gelitten, nicht wahr? Ach, mein Kind, das sieht man... Sie sind kaum wiederzuerkennen... Aber das ist eben Gottes Wille: Wir Frauen sind zum Leiden geschaffen."

"Einen Dreck!", wehrte sich Ersilia. "Wie blöd sie sind, die Frauen... Alle sind sie so! Und es macht euch noch Spaß, was? Spaß macht es euch, in einem fort zu wiederholen, daß wir Frauen zum Leiden geschaffen sind. Und vor lauter Wiederholen dieser Phrase, da glauben es die Herren Männer am Ende tatsächlich, daß wir Frauen ihnen zu Diensten sein müssen, für ihre Bequemlichkeit und ihr Vergnügen zu sorgen haben. Wir sind die Sklavinnen, was? Und sie sind die Herren. Einen Dreck!"

Ennio Mori, dem diese Ohrfeige galt, faltete wütend die dritte Zeitung zusammen, fauchte und ging aus dem Zimmer.

Annicchia sah die gnädige Frau ein bißchen verlegen an und sagte: "Auch sie haben ja so viel zu erdulden, die Armen..."

"Ja, schlafen, essen und spazierengehen. Ich möchte gerne einmal ein bißchen tauschen. Ach, ein Mann sein, ein Mann, und wenn es ein Auge kosten sollte!"

"Natürlich, wenn wir gerade so viel für sie leiden mußten..."

"Nein, immer! Ich hasse sie alle miteinander!"

An dieser Stelle hörte man im Zimmer nebenan Ennio Mori rufen: "Die ganze weite Welt!"

Und darauf antwortete sofort ein anderer Ruf:

"Da bin ich schon, Signore! Was befehlen Sie?"

Ersilia brach in Gelächter aus und erklärte Annicchia: "Ich habe ein schwerhöriges Stubenmädchen. Immer wenn man ein bißchen die Stimme erhebt, glaubt sie, man hätte sie gerufen. Margherita! Margherita!"

Auf der Schwelle erschien die schwerhörige Alte mit einem halb beleidigten, halb verdatterten Gesichtsausdruck. Dort drüben hatte Mori, dem die Augen aus den Höhlen traten, zu ihr hin eine Geste gemacht... so eine gewisse, unverschämte Geste.

"Hör einmal, Margherita", sagte Ersilia. "Das ist die Amme, sie ist eben angekommen... ja, jetzt eben. Gut: Nun zeigst du ihr das Zimmer. Hast du verstanden? Du gehst dich jetzt erst einmal waschen", setzte sie, zu Annicchia gewandt, hinzu. "Du bist ja ganz rußig."

Annicchia reckte den Hals, um sich in dem Spiegel der Kastentür zu betrachten und schrie sofort mit erhobenen Händen: "Du meine Güte!"

Der Rauch der Eisenbahn und die auf dem Bahnhof vergos­senen Tränen hatten ihr das Gesicht verschmiert. Aber ehe sie sich waschen ging, wollte sie "ihrer Signorina" noch, die Erlebnisse der Seereise, dann die der Bahnreise be­richten, begleitet von lebhaften Gesten und häufigen Aus­rufen, die der schwerhörigen Dienerin die Augen aus den Höhlen treten ließen. Vor allem erzählte sie, wie ihr auf einmal die Brust fast zu platzen drohte vor aufgestauter Milch, und wie sie daraufhin zu weinen begonnen hatte wie ein kleines Mädchen. Ihre Reisegefährten hatten sie gefragt, was sie denn habe; aber sie schämte sich, es zu sagen. Endlich begriffen sie. Und da machte sich ein junger Mann erbötig, ihr die Milch abzusaugen - der Lümmel! - und streckte sogar schon lachend die Hände nach ihrer Brust aus. Schreiend hatte sie gedroht, sich aus dem Abteilfenster zu stürzen. Aber dann hatte sie zum Glück bei der nächsten Station ein alter Mann, der dort neben ihr saß, in ein anderes Abteil geführt, in dem eine Frau mit einem armseligen kleinen Mädchen von drei Monaten saß, dem sie endlich ihre Milch geben konnte, wobei sie sich allmählich förmlich wiedergeboren fühlte.

Ersilia glaubte bereits die Sitten der Frau "vom Kontinent" angenommen zu haben und empfand daher Ärger über diese lebhaften und naiven Äußerungen bäuerlichen Schamgefühls.

"Genug, jetzt gehst du dich erst einmal waschen. Dann mußt du mir von Mama und Papa erzählen. Los, geh."

"Und das Kindchen?", fragte Annicchia. "Wollen Sie es mir nicht zeigen? Ich sehe es nur schnell an und gehe."

"Da drinnen", sagte Ersilia und deutete auf die Wiege. "Aber du nicht, rühr den Schleier nicht an mit deinen schmutzigen Händen. Los, Margherita, zeig es ihr."

Zwischen einem solchen Reichtum an Bändchen, Schleiern und Spitzen erblickte Annicchia ein kleines Monsterchen mit puterrotem Gesicht, noch viel armseliger als das Mädchen, dem sie im Zug Milch gegeben hatte. Dennoch rief sie aus: "Schön! Schön! Mein Herzchen! Wie ein Engel schäft er! Euer Gnaden werden schon sehen, wie ich ihn aufpäppele. Auch mein Luzziddu kam so auf die Welt, winzig klein, und jetzt, jetzt sollten Sie ihn sehen!"

Bewegt brach sie ab. "Ich gehe und komme gleich wie­der." sagte sie schließlich und folgte der alten Dienerin auf ihr Zimmer.

 

III. 

Am liebsten hätte sie den Kleinen gleich an die Brust genommen; der gnädige Herr war auch dieser Meinung; aber Ersilia, die in allem und jedem anderer Meinung sein mußte als ihr Mann, nein, die wollte, daß zuerst ein Arzt ihre Milch untersuchen solle.

"Ist denn wirklich ein Arzt nötig?", fragte Annicchia lachend. "Sehen Sie nicht, wie gut's mir geht?"

Sie strotzte vor Gesundheit mit ihren frischen und rosigen Wangen.

Ersilia blickte sie haßerfüllt vom Bett aus an, als hätte sie mit diesen Worten die Aufmerksamkeit ihres Mannes auf sich ziehen wollen.

"Einen Arzt! Ich will auf der Stelle einen Arzt!"

Und Mori mußte, seinen üblichen Satz vor sich hinmurmelnd, einen Arzt holen gehen.

Dieser kam erst gegen Abend, als Annicchia sich von neuem in Krämpfen wand mit ihrer angeschwollenen Brust, und das Kind, das die im übrigen vertrocknete Brust der Mutter nicht zu fassen bekam, vor Hunger und Angst schrie.

Ennio wäre gerne bei der Untersuchung dabei gewesen, aber seine Frau jagte ihn fort: "Was willst du da denn sehen? Sag lieber Margherita, sie soll uns einen Löffel und ein Glas Wasser bringen."

"Blond, hm?... blond... blond...", sagte unterdessen der Arzt, der die Angewohnheit hatte, drei und viermal hintereinander dasselbe Wort zu wiederholen, während er geistesabwesend auf die Amme blickte, als müßte er sich jedesmal bemühen, seine Gedanken zusammenzuhalten.

Als sie sich so angestarrt sah, wurde Annicchia rot wie Klatschmohn.

"Blond, hm?... sagten wir doch, hochverehrte gnädige Frau", setzte unterdessen der Arzt fort. "blond, nicht wahr?

Hochverehrte gnädige Frau... Eine schöne junge Frau... schön, ja, und gesund wirkt sie auch, gesund auch... aber braun, hm, braun, braun wäre besser gewesen... die Milch der Braunhaarigen, sicherlich, die Milch der Braunhaarigen... na gut, wollen wir einmal sehen."

Er hob Annicchia den Kopf auf und untersuchte die Drüsen am Hals; nach einigen weiteren Betrachtungen begann er ihr zerstreut das Mieder aufzuknöpfen. Annicchia, bebend vor Scham, ganz verdattert und verlegen, versuchte ihn daran zu hindern und verdeckte ihre Brust mit den Händen.

"Hol's raus, hm? Hol's raus", sagte der Arzt.

Ersilia brach in Gelächter aus.

"Warum... warum la... warum lachen Sie, hochverehrte gnädige Frau?"

"Ja, sehen Sie denn nicht, wie sich diese dumme Gans vor Ihnen schämt?", machte Ersilia ihn aufmerksam.

"Vor mir? Ich bin doch Arzt!"

"Daran ist sie nicht gewöhnt", erklärte Ersilia. "Und außerdem, wissen Sie, unsere Frauen, also, wir Sizilianerinnen, wir sind nun einmal nicht so wie die Frauen hier."

"Achso", sagte der Arzt schnell. "Ich verstehe, ich verstehe... ich weiß schon, ich weiß schon... schamhafter sind sie, hm? Schamhafter... Aber ich bin Arzt; ein Arzt ist wie ein Beichtvater. Laß einmal sehen: spritz du selbst ein paar Tröpfchen hier in den Löffel. Wie lange hast du denn dein Kindchen schon?"

"Gekauft hab ich's", antwortete Annicchia, wobei sie sich abmühte, ihm ins Gesicht zu sehen, "wohl schon vor zwei Monaten."

"Gekauft hast du's? Was sagst du da?"

"Wie soll ich es denn sagen?"

"Na, geboren, mein Kind, geboren.... Die Kinder werden geboren... geboren... Was ist da Böses dabei?"

Als der Arzt endlich nach Untersuchung der Milch gegangen war, ließ sich Annicchia erledigt auf einen Stuhl sinken, als hätte sie eben eine unsägliche Anstrengung hinter sich gebracht: "Ach, Signorina, was für eine Schande! Ich bin fast gestorben dabei."

Als sie kurz darauf das Kind schreien hörte, lief sie zur Wiege und gab ihm sofort die Brust. "Da hast, trink dich satt, mein kleines Schätzchen, mein Herzchen, trink!"

Ersilia betrachtete sie abermals vom Bett aus: sie sah ihre goldglänzenden blonden Haare, die, in der Mitte gescheitelt, in zwei Strähnen über ihre Ohren hingen und ihr zartes Gesicht einrahmten, sie sah ihre wunderbar weiße, schöne Brust, und da sagte sie ärgerlich:

"Es wäre besser gewesen, ihn zuerst nur zu beruhigen; und ihm dann Milch zu geben, um ihn einzuschläfern."

"Lassen Sie ihn doch trinken, das arme Würmchen!" rief Annicchia. "Er hat ja wirklich Hunger! Wenn Sie sehen könnten, wie er saugt, wie er saugt!"

Wenig später konnte sie sich in dem Nebenzimmer, das für sie und den Kleinen bestimmt war, gar nicht beruhigen, wenn sie die Möbel und die Vorhänge betrachtete: "Jesus! Was es alles gibt, in Rom! Was es alles gibt!"

Und sie fühlte eine gewisse Verlegenheit angesichts dieses neuen, so schönen Bettes, das für sie vorbereitet worden war. Sie erinnerte sich auch noch an die noch stär­kere Verlegenheit, die sie vor zwei Jahren bei dem Anblick eines anderen Bettes empfunden hatte, jenes Bettes, in dem sie zum ersten Mal nicht mehr allein schlafen sollte. In Gedanken sah sie dabei ihr fernes Häuschen vor sich, wie es gewesen war, als Titta, ehe ihm diese schlimmen Ideen, die ihn ruiniert hatten, in den Kopf geraten waren, es voller Liebe für die Hochzeit vorbereitet hatte; und wie es dagegen jetzt war, armselig und nackt, gerade mit zwei Stühlen darin und einem einzigen Bett, für sie und die Schwiegermutter gemeinsam.

Nun hatte die Alte da unten es für sich allein, dieses Doppelbett, denn das Kind schlief wahrscheinlich im Haus der Nachbarin. Armer Luzziddu, so klein schon fort von Zuhause, und so weit entfernt von seiner Mamma! Sicherlich hatte diese Frau für ihn nicht die selbe liebevolle Zuwendung wie für ihr eigenes Kind, und Luzziddu mußte, zur Seite ge­schoben, still sein und warten, was für ihn übrig blieb; er, der bisher seine Mamma ganz für sich allein gehabt hatte!

Annicchia begann zu weinen; aber dann hatte sie Angst, jemand könnte es bemerken, trocknete ihre Tränen und tröstete sich mit dem Gedanken, daß ja die Großmutter ganz in der Nähe war, um aufzupassen, und daß sie sich schon Gehör zu verschaffen gewußt hätte mit ihrem düsteren und herrischen Ton, falls das notwendig geworden wäre. Ja, sie war die würdige Mutter Tittas! Aber im Grunde war sie doch gut, so wie Titta gut war; sicher würde sie mit der Zeit einsehen, daß die Schwiegertochter nur deshalb gewagt hatte, ihr nicht zu gehorchen, weil sie von der Notwendigkeit und dem Gedanken an das Wohl aller dazu gezwungen worden war.

Nun, um sich selbst zu beweisen, daß sie ein Opfer gebracht und dabei nur an das Wohl der anderen und nicht an das eigene gedacht hatte, hätte sie am liebsten auf dem Boden geschlafen und nicht dort, auf diesem herrschaftlichen Bett, unter diesem Baldachin: der Kleine sollte dort schlafen, denn der ganze Reichtum galt ja ihm, und sie auf dem Boden wie eine Hündin. Sie konnte sich kaum dazu entschließen, unter diese Decken zu schlüpfen, weil sie ständig an das Stroh denken mußte, auf dem ihr Luzziddu schlief und ihre Schwiegermutter auch.

Aber einige Tage später kränkten sie die affigen und pompösen Kleider, die die Schneiderin gebracht hatte, in dieser geheimen Empfindung noch viel mehr. War all dieser Schnickschnack wirklich für sie, die bestickten Schürzen, die Samtbänder, die Silbernadeln? Und sollte sie wirklich so auf die Straße gehen, als ginge es zu einem Maskenzug?

Ersilia, die das Bett bereits verlassen hatte, wurde ernsthaft böse: "Ach, was für ein Gesicht! Das habe ich mir ja gedacht. Aber hier ist es nun einmal so üblich und das hast du anzuziehen, ob's dir nun paßt oder nicht!"

"Wie Euer Gnaden befehlen", gab Annicchia rasch zur Ant­wort, um sie zu beruhigen. "Verzeihen Sie mir. Euer Gnaden haben so viel schönes Geld ausgegeben für mich, die ich doch gar nichts verdient hätte. Aber schließlich, was hat das schon für eine Bedeutung? Euer Gnaden sind die Herr­schaft... Ich meine, es kommt mir seltsam vor... denn bei uns im Dorf..."

"Hier sind wir aber in Rom", schnitt ihr Ersilia die Rede ab. "Im übrigen siehst du sehr gut aus.

Das stimmte tatsächlich. Das leuchtende Rot des Schleiers unterstrich noch das Blond der Haare und das Blau ihrer fröhlichen, klaren Augen. Ersilia war sicher, daß sie neben ihr bei dem gemeinsamen Spaziergang eine höchst unvor­teilhafte Figur machen würde; aber die Eitelkeit, der Ehr­geiz, eine schön aufgeputzte Amme zu haben, waren in ihr stärker als selbst die Eifersucht.

Das erste Mal nahm sie sie im Wagen mit.

Annicchia, feuerrot im Gesicht vor Scham, hatte die Augen niedergeschlagen und starrte auf das Kind in ihrem Schoß. Unterdessen merkte Ersilia, wie alle Leute auf der Straße stehen blieben und sich nach ihr umdrehten.

"Los, los", sagte sie. "Heb den Kopf auf! Wir wollen doch kein Schauspiel bieten! Du siehst ja aus, als wärst du geohrfeigt worden!"

Annicchia versuchte, die Augen aufzuheben und den Kopf dazu. Nach und nach ließ das Staunen über das ungewohnte, beeindruckende Schauspiel der Stadt sie ihre Scham vergessen, und sie begann wie betäubt aus dem Fenster zu starren, auf all die Dinge, die Ersilia ihr zeigte.

"Jesus, Jesus!" murmelte Annicchia insgeheim. "Was das für große Dinge sind! Was das für Dinge sind..."

Als sie von diesem ersten Ausgang nach Hause zu­rück­kehrte, war sie ganz verstört, es schwindelte ihr beinahe, und die Ohren dröhnten ihr, als wäre sie in einen Aufruhr geraten und wäre ihm nur mit großer Mühe entkommen. Und sie fühlte sich viel, sehr viel weiter entfernt von ihrem Dorf als zuvor, so weit, wie sie es sich nie vorzustellen ver­mocht hätte, beinahe verloren in einer anderen Welt, die ihr noch gar nicht wirklich erschien.

"Jesus! Jesus!"

Unterdessen gab Mori nebenan seiner Frau einen während ihrer Abwesenheit aus Sizilien eingetroffenen Brief zu lesen.

Darin schrieb Frau Manfroni ihrer Tochter, daß die alte Marullo ihr das Geld zurückgeschickt hatte, das sie ihr, der Abmachung mit Annicchia entsprechend, auf den ersten Monatslohn vorstrecken wollte. Die Alte hatte das Geld nicht einmal von weitem sehen wollen. Lieber würde sie sterben, hatte sie gesagt, lieber von Haus zu Haus ziehen und um ein Stückchen Brot betteln. Unterdessen war die Nachbarin gekommen, der Annicchia ihr Kindchen anvertraut hatte, um sich über diese alte Hexe zu beschweren, die ihr keinen Heller geben wollte, auch nicht für das, was sie für das Kind aufwenden mußte. Frau Manfroni fügte hinzu, sie habe dieser Nachbarin den halben Monatslohn gegeben, jedoch unter der Bedingung, daß sie jeden Tag der Alten, als wäre es aus eigener Barmherzigkeit, einen Teller Suppe geben sollte, damit sie nicht buchstäblich Hungers stürbe. Sie riet ihrer Tochter, die andere Hälfte gar nicht erst zu schicken, denn die Marullo hätte das nie angenommen, und schloß mit der Bemerkung, sie wäre zutiefst betrübt darüber, daß sie in diese peinliche Situation geraten wäre, weil sie dem Rat anderer Leute hatte folgen wollen.

"Deinem klugen Rat!", brauste Ersilia auf, während sie den Brief zusammenfaltete. "Du kannst auch nicht ein ein­ziges Mal das Richtige treffen!"

"Ich?", wehrte sich Ennio. "Ja, habe ich denn viel­leicht deiner hochverehrten Frau Mutter geschrieben, sie solle mir die Schwiegertochter einer gemeingefährlichen Irren als Amme schicken?"

"Nein. Aber eine sizilianische Amme wolltest du haben! Hättest du nicht diese wunderbare Idee gehabt, steckten wir jetzt nicht in diesem Schlamassel. Im übrigen, ach hör mir auf, hör mir auf, sie gefällt dir doch, und gar nicht wenig, die kleine sizilianische Amme! Das hab ich schon gemerkt!"

Mori riß die Augen weit auf:

"Die Amme meines Sohnes?"

"Schrei nur, schrei nur! Damit man drüben alles hört..."

"Erst reizt du mich, und dann willst du, daß ich nicht schreie? Auch noch auf die Amme meines Sohnes bist du also jetzt eifersüchtig? Bist du denn ganz übergeschnappt?"

"Übergeschnappt bist du! Du könntest froh sein, wenn du deine fünf Sinne so beisammen hättest wie ich! Nun, und was machen wir jetzt? Was sollen wir damit machen, mit diesem Geld?"

"Ich hoffe, du willst ihr jetzt nicht ins Gesicht schreien, daß ihre Schwiegermutter es nicht annimmt!"

"Aber wo denkst du hin? Ihr solchen Verdruß bereiten? Ich werde mich hüten!"

Mori verlor die Geduld, zuckte wütend die Schultern und ging. 

 

IV. 

Jetzt blieb ihm auch das nicht erspart: er durfte nicht einmal sein kleines Kindchen liebkosen, es nicht einmal betrachten, weil seine Frau nun schon den Verdacht hatte, die Amme könnte diese Liebkosungen, diese Blicke, auf sich beziehen.

"Und weshalb", fragte sie ihn auch tatsächlich, "weshalb bist du nicht entzückt von deinem Sohn, wenn ich ihn im Arm halte und schneidest ihm stattdessen lauter zärtliche Grimassen, wenn er bei der da ist?"

Entrüstet und beschämt ob dieses ungerechten und em­pörenden Verdachts schrie Ennio sie an: "Aber bei dir ist er ja nie!"

Tatsächlich fing das Kind jedesmal, wenn sie es auf den Arm nahm, zu schreien an und streckte die Händchen nach der Amme aus. Vielleicht hielt sie es nicht richtig, nicht so sehr deshalb, weil sie es nicht gewohnt war, als vielmehr aus Angst, es könnte ihr die reich verzierten Hausmäntel beschmutzen, mit denen sie zu prunken liebte.

Obwohl sie nie Besuche empfing und nur selten ausging, gab sie doch sehr viel Geld für Kleider aus, mit denen sie dann nie zufrieden war, ebenso wenig wie mit allem anderen und mit sich selbst. Sie fühlte sich unglücklich, und viel­leicht war sie es tatsächlich; aber ihr Unglück machte sie den anderen zum Vorwurf und nicht der eigenen Unduldsamkeit, ihrem widerborstigen Charakter, dem Fehlen jeder Anmut. Sie war überzeugt davon, wenn sie über einen anderen Mann ge­stolpert wäre, der sie zu lieben und zu verstehen vermocht hätte, dann hätte sie nie all diese Leere verspürt, die sie nun in und um sich fühlte. Jetzt war sie auch noch des Kindes überdrüssig geworden, weil dieses mehr Zuneigung zur Amme zeigte als zu ihr. Und es verging kein Tag, an dem sie nicht, in diesem Müßiggang versinkend, heimlich geweint hätte. Manchmal sah ihr Mann ihre geschwollenen, geröteten Augen, aber er tat, als bemerke er nichts. Er vermied es, so gut es ging, mit ihr zu sprechen, denn er war längst sicher, daß es ihm, was er auch immer sagen oder tun würde, nie gelingen könnte, ihr jene Liebe zum Leben mitzuteilen, nach der sie sich so rasend sehnte, und deren er sie doch für nicht fähig hielt. Sie erwartete es von den anderen, das Leben, ohne zu begreifen, daß jeder es sich für sich allein schaffen muß. Im übrigen, wenn sie schon unglücklich war, dann war er nicht minder unglücklich darüber, mit ihr zusammenleben zu müssen. Ein schönes Leben führte er! Den ganzen Tag eingesperrt, dort in der Kanzlei. Ein Glück, daß ihn wenigstens von Zeit zu Zeit seine Partei­freunde besuchen kamen, mit denen er zumindest ein bißchen Dampf ablassen und frei diskutieren konnte.

Während dieser Diskussionen wurde der alte Schreiber der Kanzlei hinaus ins Wartezimmer geschickt. Dabei verbeugte er sich jedes Mal ganz tief, der Herr Felicissimo Ramicelli, vor den Herren Revolutionären, und ging sehr würdevoll aus dem Zimmer. Kaum war er jedoch über der Schwelle und hatte die Tür hinter sich ins Schloß gezogen, da kniff er ein Auge zu, hob ein Bein und rieb sich in höchster Zufriedenheit die Hände. Dann zwirbelte er sich die Spitzen seines gefärbten Schnurrbarts und setzte sich auf die Bank des Wartezimmers, in der Hoffnung, daß dort Annicchia, die hübsche kleine sizilianische Amme auftauchen würde.

Er hatte bereits versucht, mit ihr ein Gespräch anzuknüpfen: "Weißt du, wie ich heiße? Felicissimo."

Aber Annicchia schien das nicht zu verstehen, sie kehrte ihm den Rücken zu. Und also sagte Signor Ramicelli zu sich selbst: "Felicissimo, jawohl, der Glücklichste. Aber worüber bloß?"

Wie gutes Omen hatten sie ihm diesen schönen, superlativischen Namen angehängt. Danke vielmals! Freilich hatte er im Leben eigentlich nie Gelegenheit gehabt, sich, ‑ na sagen wir nicht glücklich, gerade nur so ein bißchen zufrieden zu erklären, der gute Signor Ramicelli. Acht Lire pro Tag verdiente er, und das wäre ihm vielleicht auch genug gewesen, wenn er nicht so ein kleines Lasterchen gehabt hätte... so ein ganz gewisses Lasterchen..."

"Tja, was will man da schon machen? Die hübschen kleinen Frauenzimmer..."

Diese Annicchia zum Beispiel, das war doch ein Lecherbissen! Jedes Mal, wenn er sie sah, lief ihm das Wasser im Mund zusammen. Und sie schien ihm auch ein braves Mädchen zu sein. Sie schien es ihm natürlich nur, verstehen wir uns recht! Denn all diese Ammen, das weiß man ja: das sind gestrauchelte Mädchen, das sind... na, so eine Art Kriegsbeute sind sie!

Annicchia bemerkte die Blicke und das affige Getue des Herrn Ramicelli, und sie wußte nicht recht, ob sie darüber lachen oder sich ärgern sollte. Er schien ihr gar zu selt­sam, dieser Alte mit seinem noch immer blonden Haar. Also sicherlich, wenn der nicht übergeschnappt war, dann fehlte nicht mehr viel daran.

Dort im Wartezimmer versuchte sie, ob die Beinchen des Kleinen schon trugen, indem sie ihn nur unter den Achseln hielt. Nach sechs Monaten vermochte sie noch immer nicht den Namen, den Mori dem Kind gegeben hatte, richtig auszuspre­chen: Leonida. Sie nannte es stattdessen Nònida.

"Was heißt da Nónida!", stichelte Signor Ramicelli. "LE‑O-nida."

"Das kann ich nicht aussprechen."

"Und Felicissimo? Kannst du Felicissimo auch nicht aussprechen? Aber ich heiße wirklich so, weißt du?"

Annicchia nahm das Kind wieder auf den Arm und verließ das Wartezimmer mit den Worten: "Das glaube ich nicht."

"Ich auch nicht", schloß Signor Ramicelli in philosophischer Manier, während er allein im Wartezimmer blieb, um das Ende der Diskussion dort drinnen abzuwarten.

"Taktik... Verbrecher... Die Erziehung des Proletariats... Mindestforderungskatalog..." - solche und ähnliche Ausdrücke drangen von Zeit zu Zeit an Ramicellis Ohr. Dieser schüttelte daraufhin melancholisch den Kopf und blickte lieber mit einem Seufzer zu der Türe hin, durch die die Amme verschwunden war. Manchmal drang von dort zu ihm ein bäuer­liches Wiegenliedchen herüber, das Annicchia mit einer süßen, traurigen Stimme sang. Vielleicht dachte sie dabei an ihren Sohn und blickte unterdessen auf dieses Kind, das hier mit ihrer Milch groß und schön geworden war, größer und dicker als das ihre gewesen war, als sie es dort verlassen hatte. Ach, ihr Luzziddu wäre sicher ein Riese geworden, wenn sie ihn hätte stillen können! Nun aber... wer konnte das wissen! So viele schlimme Gedanken gingen ihr durch den Kopf! Oft träumte sie, er wäre krank geworden, ganz dünn, nur Haut und Knochen, mit einem dünnen Hälschen und einem rachitischen Kopf, der bald auf die eine, bald auf die andere Schulter sank und immer mehr anschwoll, während sie ihn entsetzt und verzweifelt betrachtete: "Das soll mein Luzziddu sein? So zugrundegerichtet habt ihr ihn?" Und in ihrem Angsttraum wollte sie ihm sofort ihre Milch geben, auf der Stelle; aber dann sah sie das Kind mit den düsteren, starrsinnigen Augen seiner Großmutter an und wandte das Gesicht ab, ohne die Brust zu nehmen, die sie ihm darbot. Was für eine Qual! Sie stand auf, das Herz klopfte ihr bis zum Hals, und bis zum Morgen vermochte sie das Bild ihres Kindes in diesem gräßlichen Zustand nicht mehr loszuwerden.

Sie wagte freilich nicht mehr, der gnädigen Frau davon zu erzählen, die ihr schon mehrfach eine böse Antwort ge­geben hatte, vielleicht weil sie sich über ihre hartnäckige Insistenz ärgerte, vielleicht auch, weil sie fürchtete, sie könnte über den Gedanken an ihr Kleines das ihr anvertraute Kind vernachläs­sigen. Aber das konnte man ihr wirklich nicht vorwerfen, auf Ehre: das durfte sie nicht sagen: da brauchte man ja Nònida nur anzusehen: blühend und lebhaft war er!

Annicchia vermochte in ihrer gnädigen Frau kaum noch die Signorina Ersilia von damals wiederzuerkennen, so schlecht wurde sie von ihr behandelt: schlimmer als eine Dienerin. Sie tat alles, um Ersilia zufriedenzustellen, übernahm viele Dienste, zu denen sie nicht verpflichtet war, nun, da die schwerhörige Margherita nicht mehr im Hause war; und sie bemühte sich, immer fröhlich zu erscheinen und auch der gnädigen Frau Mut zu machen, die ständig Nervenkrisen hatte und wegen jedem Nichts verzweifelte.

"Da bin ich schon, da bin ich, ich erledige alles, Signorina, machen Sie sich nur keine Sorgen."

Als Gegenleistung hätte sie gerne ein bißchen Wertschätzung erfahren. Zum Beispiel, wenn Briefe aus Sizilien kamen... die brachte sie ihr sofort, ganz glücklich, frohlockend: "Signorina! Signorina!"

"Was ist los? Hast du im Lotto gewonnen?"

Jedes Mal ließ sie sie förmlich erstarren mit diesen Worten. Sie wartete geduldig, bis Ersilia zu Ende gelesen hatte und hoffte, sie würde ihr sofort sagen, was es Neues von ihrem Kind gab. Aber nichts da! Keine Spur! Sie mußte sie danach fragen, wenn dann die gnädige Frau den Brief zurück in den Umschlag steckte.

"Und... steht nichts von Luzziddu drinnen?"

"Oja. Hier steht, daß es ihm gut geht."

"Und meiner Schwiegermutter?"

"Auch."

Mit diesen Antworten mußte sie sich zufriedengeben. Aber war es denn möglich, daß von da unten keine anderen Botschaften an sie aufgetragen worden waren? Ach, wie sehr sie es jetzt bereute, nie schreiben gelernt zu haben! Ja freilich, bei der Abreise hatte sie schon gedacht, daß die Entfernung ihr Kummer bereiten würde; aber so viel auch wieder nicht! Es war ja eine wahre Höllenstrafe, so!

Das Kind würde jedoch in ein paar Tagen sieben Monate alt werden. Mit neun Monaten sollte es auf Wunsch des Vaters abgestillt werden; also galt es diese Qualen noch zwei Monate lang zu ertragen. Da mußte man eben Geduld haben!

Wenn sie sich so tröstete und mit ihrem traurigen Schicksal abfand, dann erwartete sie sicherlich nicht das, was ihr eben an dem Tag zustoßen sollte, an dem das Kind sieben Monate alt wurde: ein doppelter Festtag, denn gerade da war Nònida auch das erste Zähnchen gewachsen.

Als sie an jenem Tag die Türglocke hörte und aus dem Läuten zu entnehmen meinte, es wäre der Briefträger, da war sie ganz fröhlich öffnen gegangen, wie üblich. Aber plötz­lich, ohne daß sie auch nur Zeit gefunden hätte, darauf zu achten, wem sie da geöffnet hatte, klatschte eine gewaltige Ohrfeige auf ihre Wange und sie fand sich auf dem Boden wieder. Titta Marullo stand vor ihr, ihr Mann, bleich, mit wutverzerrtem Gesicht, einen Fuß erhoben, um ihr ins Gesicht zu treten.

"Elende Hündin! Wo ist dein Herr?"

Auf dieses Geschrei hin kamen Mori, seine Frau und Signor Ramicelli gelaufen. Titta Marullo, totenbleich, stürzte auf Mori zu, packte ihn am Jackenaufschlag und schüttelte ihn ganz langsam: "Mein Sohn ist tot, weißt du? Tot!" wieder­holte er noch einmal, während er sich zu Annicchia wandte, die einen Schrei ausgestoßen hatte. "Und du, was willst du jetzt tun? Bezahlst du mir ihn oder willst du mir lieber deinen dafür geben?"

"Der ist verrückt!" schrie Ersilia, zitternd vor Entsetzen.

Mori stieß Marullo zurück und wies ihm die Tür, mit einer nervösen Geste seiner vor Wut bebenden kleinen Gestalt.

"Raus!" brüllte er. "Verbrecher! Raus aus meinem Haus, auf der Stelle!"

"Was tust du da?" sagte Marullo und stellte sich ihm entgegen, Brust an Brust. "Ich habe nichts zu verlieren, nimm dich in Acht! Meine Mutter ist im Krankenhaus; mein Sohn ist tot! Ich bin gekommen, um dir ins Gesicht zu spucken und diese Hündin da mitzunehmen. Los, steh auf!", setzte er hinzu, zu seiner Frau gewandt, die noch immer auf dem Boden lag.

Aber in diesem Augenblick kam Ramicelli, der heimlich davongeschlichen war, erschreckt und keuchend mit zwei Gendarmen zurück, an die der am ganzen Körper vor Wut zitternde Mori sich in höchster Erregung wandte:

"Raus! Führt ihn ab! Er ist hier hereingekommen, um mich in meinem eigenen Haus zu beschimpfen und zu bedrohen, dieser Verbrecher!"

Die beiden Gendarmen packten Marullo an den Armen, der verzweifelt versuchte sich loszureißen, wobei er schrie: "Ich will meine Frau haben!" So zerrten sie ihn aus dem Haus, gefolgt von Mori, der auf das Kommissariat gehen wollte, um die tätliche Beleidigung anzuzeigen, deren Opfer er in seinem eigenen Haus geworden war.

 

V.

Am Tag darauf, ohne Eile, kam der Brief der Signora Manfroni an, in dem der Tod des Kindes und die Krankheit der alten Marullo berichtet wurde. Von Titta kein Wort.

Mori vermutete zuerst, er wäre aus dem Straflager entsprungen, aber dann erfuhr er, daß er auf Intervention des Präfekten, an den sich die kranke Mutter vom Spital aus gewandt hatte, vorzeitig entlassen warden war. Die römische Polizeiwache hatte ihn unterdessen nach Sizilien zurückgeschickt, mit der Warnung, wenn er dort unten auch nur im geringsten versucht hätte, sich der besonderen Überwachung, die drei Jahre lang über ihn verhängt war, zu entziehen, würde man ihn auf der Stelle ins Lager zurückschicken.

Annicchia war durch den Schrecken, den ihr Mann ihr eingejagt hatte, und durch den Kummer über den Tod ihres Kindes von einem heftigen Fieber befallen worden. Drei Tage lang schien es, als würde sie wahnsinnig; dann ließ das Delirium, dann ließen die Halluzinationen allmählich nach; sie blieb apathisch zurück, mit einem geistesabwesenden Ausdruck, der noch erschreckender war als ihr vorangegangenes Toben. Sie blickte, aber es schien, als sähe sie nichts; sie hörte, was man ihr sagte, nickte mit dem Kopf dazu und sagte auch ja, aber dann zeigte sie deutlich, daß sie nichts verstanden hatte.

Die Milch war ihr ausgeblieben, das Kind hatte man abstillen müssen. Im Hause ging alles drunter und drüber. Ersilia, unerfahren und zu allem ungeeignet, wie sie war, hatte zwei Nächte hindurch partout bei dem Kind wachen wollen, das nach der Amme schrie und keinen Augenblick still war; sie hatte sich auch um den Haushalt kümmern, der neuen Dienerin erste Instruktionen geben müssen, dazu noch ein wenig nach der Kranken sehen: nun war sie rasend vor Wut gegen ihren Mann, der sich umsah, eine Zeitung in der Hand, ohne zu wissen, was er tun sollte. Aber was hätte er denn auch tun können?

"Was?" schrie ihn seine Frau an. "Na, dich bewegen, die Sache ein bißchen in die Hand nehmen! Siehst du nicht, daß ich hier ganz allein bin, ohne Hilfe, das Kind auf dem Arm? Ich kann mich nicht auch noch um sie kümmern, die mir die ganze Suppe eingebrockt hat! Los, geh, such ihr einen Platz in irgendeinem Spital!"

Ennio blieb bei diesem Vorschlag erstarrt stehen und sah sie ganz verdattert an: "Im Spital?"

"Ach, kommt jetzt Mitleid und Barmherzigkeit?", setzte Ersilia giftig hinzu. "Mitleid für sie, was? Nicht für mich, die ich seit vielen Nächten nicht zum Schlafen komme, die ich nicht einmal mehr Zeit habe, mich zu frisieren. Soll ich denn für alle der Dienstbote sein? Na gut, warte nur, bis sie wieder aufstehen kann, dann werde ich dir was zeigen! Keinen Tag mehr, keine einzige Minute mehr bleibt sie in meinem Haus!"

Sie hatte freilich nicht den Mut, diese Drohung sofort in die Tat umzusetzen, kaum daß Annicchia sich ein bißchen erholt hatte. Sie versuchte, mit ihr darüber zu reden, indem sie ihr erzählte, sie halte für sie das Geld bereit, das ih­re Schwiegermutter nicht hatte nehmen wollen. Aber Annicchia antwortete ihr: "Was soll ich denn jetzt noch damit tun? Jetzt habe ich ja nur noch diesen da!"

Und dabei drückte sie Nònida ans Herz, der zu ihr zurück­gekehrt war und die gleiche Zuneigung zu ihr zeigte wie vorher, obwohl er nun abgestillt war.

Als ihn ihr die Dienerin das erste Mal ans Bett brachte, empfand sie einen starken Widerwillen: seinet­wegen war ihr eigenes Kind gestorben! Aber dann, gerührt von der liebevollen Ungeduld, mit der der unschuldige Kleine ihr seine Händchen entgegenstreckte, umarmte sie ihn ganz, ganz fest, so wie sie ihr eigenes Kind umarmt hätte, und die sie erdrückende Verzweiflung löste sich in einen nicht enden wollenden Tränenstrom auf.

Der Kleine suchte noch immer nach ihrer Brust.

"Ach mein Kind! Ach mein Kind! Was willst du denn noch von mir? Ich habe ja nichts mehr, ich kann dir nichts mehr geben, weder dir noch irgendjemandem sonst... Aus ist's mit deiner Mamma, mein Liebling, aus ist's!"

Ach, wenn sie wenigstens mit Sicherheit erfahren hätte können, woran ihr Kind eigentlich gestorben war, ob an Nahrungsmangel oder an irgend einer nicht behandelten Krankheit. Mußte sie sich denn wirklich damit begnügen, nichts von ihm zu wissen, gar nichts mehr? War das denn möglich? Als wäre ein Hündchen gestorben! Ach du armes, unschuldiges, verlassenes Würmlein, ohne Mamma, ohne Vater, ohne niemanden, dort gestorben, in fremden Händen, ach Gott, ach Gott!

Aber wer kümmerte sich denn jetzt noch um ihren Kummer? Die gnädige Frau war im Gegenteil böse auf sie, weil ihret­wegen ihr Sohn plötzlich keine Muttermilch mehr bekommen hatte, schon mit sieben Monaten. Und sie hatte recht, natür­lich, denn auch sie war ja eine Mutter und konnte nur an ihr eigenes Kind denken. Was lag ihr schon daran, daß jenes andere gestorben war. Ärger konnte sie darüber empfinden, aber keinen Schmerz. "Ja, aber sie müßte doch auch verstehen", dachte Annicchia, "daß ihr Sohn nun auch ein bißchen mir gehört: denn wenn sie die Qual der Geburt auf sich genommen hat, so habe ich meinen Sohn für ihn geopfert; und nun habe ich nichts mehr außer ihm."

Obwohl es Ersilia nicht unangenehm war, sich die Mühe mit dem Kind zu ersparen, wollte sie andererseits doch nicht, daß es sich noch mehr an diese Person anschlösse, die es schon als ihr eigenes betrachtete. Und so bestärkte sie sich selbst immer mehr in dem Entschluß, sie fortzuschicken. Im übrigen, welche Verpflichtung hatte sie denn ihr gegenüber, weshalb sollte sie sie noch länger behalten? Sie eignete sich nicht zur Bedienten und auch nicht zur Kinderfrau. Und außerdem wollte sie, daß ihr Kleiner ein schönes Italienisch lernen sollte, aber mit dieser Person da neben sich, die bloß ihren Dialekt beherrschte, war das unmöglich. Also fort mit ihr, fort! Oder sollte sie sie vielleicht nur deshalb behalten, damit sie das Schauspiel ihrer Schönheit ihrem Mann besser vor Augen führen konnte? Nein, fort! Fort! Und ihr Mann selbst mußte sie entlassen.

"Ich? Warum denn ich?" fragte Mori.

"Weil du das Haupt der Familie bist. Und außerdem, weil ich nicht weiß, was sie sich in den Kopf gesetzt hat wegen des Mitleids, wegen der Barmherzigkeit, die du ihr damals gezeigt hast."

"Ich?" wiederholte Ennio. "Ich habe ihr gar nichts gezeigt."

"Vielleicht ist es ihr es damals bloß so vorgekommen. Für mich kommt das auf dasselbe heraus. Siehst du nicht? Sie fühlt sich doch schon ganz zu Hause. Auf diese Weise gäbe es hier zwei Mütter und zwei Hausfrauen. Und das mag dir gefallen, gut, aber mir gefällt das ganz und gar nicht!"

Obwohl er wußte, daß er es damit nur noch schlimmer machte, versuchte Ennio es noch einmal mit vernünftigen Argumenten: "Aber verzeih: weshalb willst du dich denn unbedingt darauf versteifen, dort etwas Böses zu sehen, wo es gar nichts Böses gibt, dir selbst schlimme Trugbilder vorzugaukeln, wo ich dir mit meinem von Studium und Arbeit erfüllten Leben nie auch nur den geringsten Anlaß gegeben habe, an mir zu zweifeln? Du hast doch gesehen: um Ruhe zu haben, damit du zufrieden bist, habe ich es mir sogar versagt, mein Kind zu liebkosen. Mißtraust du nun wirklich diesem armen Mädchen? Ja, meinst du denn, sie könnte sich mit dem Gedanken anfreunden, wieder da hinunterzufahren, wo sie ihr Kind nicht wiederfinden wird, sondern bloß einen groben Kerl, der ihr den Tod des Kindes anlastet und vor dem sie Angst hat? Da sie ihr eigenes Kind verloren hat, weil sie hierhergekommen ist, um unser Kind zu säugen, glaubt sie, sie habe damit ein Recht erworben, bei uns im Haus zu bleiben, bei diesem anderen Kind, dem sie das ihre geopfert hat. Erscheint dir das nicht gerecht? Erscheint dir das nicht vernünftig?"

Unwillkürlich wiederholte er nun das, was er wenig zuvor niedergeschrieben hatte, ehe seine Frau die Kanzlei betreten hatte. Bei dem Gedanken an die traurige Geschichte dieses unten in Sizilien verstorbenen Kindes war ihm ein Passus aus Malons Werk Le socialisme intégral eingefallen. Und anstatt daraus Gewissensbisse entstehen zu lassen, hatte er beschlossen, es zu einer Rede zu verarbeiten, die er in ein paar Tagen im Sozialistischen Club zu halten hatte.

Wie es zu erwarten gewesen war, bestritt Ersilia auf das heftigste seine humanitären Überlegungen und verließ die Kanzlei mit dem festen Entschluß, Annicchia auf der Stelle zu entlassen. Entnervt packte Mori die ersten, bereits fertiggeschriebenen Blätter seines Redetextes und warf sie zu Boden. Wenig später hörte er durch die geschlossene Türe hindurch das verzweifelte Weinen der Unglücklichen und die herzzerreißenden Worte, mit denen sie die gnädige Frau bat, sie doch nicht fortzuschicken.

"Behalten Sie mich doch als Dienerin, ohne mir irgendetwas dafür zu geben! Geben Sie mir nur ein Stück Brot! Den Abfall! Ich schlafe ja auch auf dem Boden... Aber jagen Sie mich nicht fort, ich flehe Sie an! Da unten, da unten kann ich nicht mehr hin... haben Sie doch Mitleid mit mir, tun Sie es doch aus Liebe zu diesem unschuldigen Kind­chen! Wenn Sie mich fortjagen, gehe ich vor die Hunde, Signorina! Ich gehe vor die Hunde, aber da unten gehe ich nicht mehr hin..."

Das Weinen und die verzweifelten Bitten dauerten eine ganze Weile hindurch an. Dann hörte Mori nichts mehr; er nahm an, Ersilia hätte sich rühren lassen und diesem armen Mädchen doch noch erlaubt, bei dem Kind zu bleiben.

Kurz darauf betrat Signor Felicissimo Ramicelli die Kanzlei ohne die gewohnte Würde, mit gerötetem Gesicht und glänzenden Augen.

Welch ein Sieg! Welch ein Sieg! Es fehlte nicht viel, und er, Felicissimo Ramicelli, hätte sich die Hände ge­rieben, dort vor den Augen des Rechtsanwalts. Die hübsche kleine sizilianische Amme, die eben von der gnädigen Frau davongejagt worden war, würde noch am selben Abend in seinem Haus schlafen. Tja, die Ammen - er wußte das sehr gut - lauter gestrauchelte Mädchen waren das, so eine Art... na, so eine Art Kriegsbeute, jawohl! Die hier spielte noch die Naive, sie tat so, als glaube sie, er wolle sie wirklich nur als Bediente. Hm ja, als Bediente... warum nicht?

"Signor Ramicelli!"

"Was befehlen Sie, Herr Rechtsanwalt?"

"Aufgepaßt, ja? Deutlich schreiben, und - ich bitte Sie - ohne Schnörksel nach oben oder unten!"

Und Mori schob ihm die bereits fertigen Blätter seines Redetextes zum Kopieren hin.

Dann schrieb er weiter:

"Die Gleichheit zwischen den Menschen ist nach den Worten Malons im Sinne des Sozialismus also als in einem doppelten Sinne relativ zu verstehen: 1. daß für alle Menschen als solche die notwendigen Existenzbedingungen gesichert werden müssen; 2. daß deshalb alle Menschen am Ausgangspunkt des Daseinskampfes gleich gestellt sein müssen, so daß ein jeder frei seine eigene Persönlichkeit entsprechend den sozialen Bedingungen entfalten kann; währens es gegenwärtig so ist, daß ein Kind, das gesund und widerstandsfähig, jedoch arm geboren wird, in der Konkurrenz mit einem schwach, aber reich geborenen unterliegen muß..."

"Signor Ramicelli!"

"Herr Rechtsanwalt!"

"Sind Sie übergeschnappt? Weshalb lachen Sie so?" 

 

* * *

 

© Michael Rössner.

 

LUIGI PIRANDELLO 1867 - 1936 - Novellen

Die drei lieben Mädchen - (Le tre carissime - 1926)

Italienische Version

 

aus dem Italienischen von Michael Rössner 

 

Erstveröffentlichung August 1894 in der Zeitschrift La domenica italiana. Zahlreiche Varianten bekannt. Eine gewisse Verwandtschaft mit der Novelle Leonora, addio! bzw. dem 3.Stück der Theatertrilogie, Heute abend wird aus dem Stegreif gespielt (beide in Band 7?) ist nicht zu leugnen.