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Liste der
Novellen (in alphabetische Ordnung)
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ANTWORT -
(Risposta - 1922) |
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Erstveröffentlichung im Corriere della Sera vom 4. Februar 1912. Keine wesentlichen
Varianten.
aus dem Italienischen von Michael
Rössner |
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Na, du hast dich schön ausgetobt, mein Freund!
Es ist ja wirklich zu beklagen, daß du deine angeborene Neigung überwinden
mußtest und dich nicht den Musen widmen konntest. Wieviel Wärme liegt doch in
deinem Ausdruck, und mit welch durchsichtiger Klarheit stellst du einem mit
wenigen Strichen lebendig Orte, Geschehnisse und Menschen vor Augen!
Du bist schmerzlich berührt, du bist gekränkt, mein armer Marino; und ich möchte
nicht, daß diese meine Antwort deinen Kummer und deine Verärgerung noch steigert.
Aber du willst, daß ich dir offen darlege, was ich von deinem Fall halte. Ich
werde es tun, damit du zufrieden bist, obwohl ich weiß, daß du damit nicht
zufrieden sein wirst.
Ich folge meiner eigenen Methode, wenn du gestattest. Ich werde zuerst kurz den
Tatbestand darlegen, dann werde ich mit der von dir gewünschten Offenheit meine
Meinung dazu sagen.
Also schön der Reihe nach.
I - PERSONEN, UMSTÄNDE UND HINTERGRÜNDE
a) Fräulein Anita. - Sechsundzwanzig Jahre (sie sieht gerade wie zwanzig
aus, na schön, aber es sind doch sechsundzwanzig und auch schon ein bißchen
drüber). Braunhaarig; nachtschwarze Augen:
In ihren Augen fängt sich
die tiefe Nacht...
Korallenlippen, na sei's drum.
Aber die Nase, mein Freund? Du
erzählst mir nichts von der Nase. Bei den
Braunhaarigen gilt's zu allererst auf die Nase zu
schauen. Ganz besonders auf die Nasenflügel.
Ich bin sicher, bei Fräulein Anita
steht die Nase ein bißchen auf. Nein, ich sage
nicht, daß sie häßlich ist; sprechen wir ruhig von
einem Näschen. Aber es steht ein bißchen auf. Und
die Nasenflügel sind eher fleischig, sie blähen sich
stark, wenn sie die Zähne zusammenpreßt, wenn sie
mit den Augen ins Leere starrt und aus der Nase
einen langen, langen, stillen Seufzer herauspreßt.
Hast du gemerkt, wie ihre Augen sich
verschleiern und die Farbe wechseln, wenn sie einen
dieser stillen Seufzer herauspreßt?
Sie hat viel gelitten, das Fräulein
Anita, weil sie sehr klug ist. Sie war wohlhabend,
solange ihr Vater lebte. Nun, da der Vater gestorben
ist, ist sie arm. Und sechsundzwanzig Jahre.
Aufstehende Nase und nachtschwarze Augen.
Gehen wir weiter.
b) Mein Freund Marino.-
Vierundzwanzig Jahre, um zwei Jahre weniger als
Fräulein Anita, die freilich immerhin wie gerade
zwanzig aussehen mag.
Arm ist auch er; auch er
väterlicherseits ein Waisenkind. Das ist etwas recht
Trauriges, aber Teures, wenn man es mit einer
geliebten Person teilt. Zwei Schicksale, wie für
einander bestimmt.
Aber mein Freund Marino, arm und
Waisenkind, wie er nun einmal ist, hat die Mutter
und eine Schwester zu erhalten. Waisenkind und arm,
wie sie ist, hat Fräulein Anita ebenfalls eine
Mutter, aber sie muß sie nicht erhalten.
Um die Erhaltung der Mutter kümmert
sich der Commendatore Ballesi.
Mein Freund Marino haßt natürlich
diesen Commendatore Ballesi.
Ein Hitzkopf ist er freilich, und
das Herz geht ihm leicht über. Reden kann er wie
kein zweiter, und seine Sprache ist bildreich,
faszinierend, wie der Blick seiner schönen blauen
Augen. Sagen wir: Mein Freund Marino ist der Tag,
das Fräulein Anita ist die Nacht. Er hat die Farbe
der Sonne in seinem blonden Haar und das Blau des
Himmels in den Augen; in ihren Augen stehen zwei
Sterne, in ihren Haaren wohnt die Nacht. Na, ich
meine, da ich schon einmal mit einem Dichter
spreche, kann ich mich wohl nicht besser ausdrücken
als auf diese Weise.
Gehen wir weiter.
Von der Not zur Klugheit gezwungen,
kann mein Freund Marino es sich einfach nicht
erlauben, sich unter den gegenwärtigen Umständen
(die freilich noch eine geraume Weile andauern
werden), die Last einer weiteren Frau aufzuhalsen,
und muß deshalb gerade die Last liegen lassen, die
ihn am wenigsten beschweren würde.
Es mag sogar sein, daß diese dritte
Last ihm das Gewicht der anderen beiden leichter
erscheinen ließe, die er sich nicht vom Halse
schaffen kann - aber daran würde er niemals wagen
auch nur zu denken.
Manche Leute freilich meinen eben,
zu dritt lebt sich's auf dem Rücken eines armen
Menschen nicht so bequem und in gutem Einvernehmen.
Und der gute Marino - von der Not zur Klugheit
gezwungen - muß das anerkennen.
c) Der Commendatore Ballesi.-
Ein alter Freund des Seligen ist er; will sagen, von
Anitas Vater. Sechsundsechzig Jahre. Zart und von
kleinem Wuchs; spindeldürre Beinchen, aber mit
mächtigen Absätzen bewehrt. Ein dicker Kopf, ein
dicker, herabhängender Schnurrbart, unter dessen
Vorhang nicht nur der Mund, sondern gleich auch das
Kinn verschwindet, falls man sagen kann, daß der
Commendatore Ballesi tatsächlich ein Kinn besitzt.
Buschige, stets gerunzelte Augenbrauen, und meistens
einen Finger in der Nase. Dieser Finger denkt. Auch
die Haare der Augenbrauen denken. Er ist überhaupt
geradezu eine geladene Kanone aus Gedanken, der gute
Commendatore Ballesi. Das finanzielle Schicksal des
neuen Italien liegt in seinen winzigen, eisenharten
Fäusten.
Nun, kein Mensch weiß wie oder
warum, plötzlich ist der Commendatore Ballesi auf
die Idee verfallen, er müsse seine väterliche Liebe
zu Fräulein Anita in eine Liebe anderer Art
verwandeln. Und er hat um ihre Hand angehalten.
Fräulein Anita hat mehrere
Taschentücher zerrissen, mit den Händen und mit den
Zähnen. Nein, das war nicht Ärger, das war Scham,
Abscheu, Grauen. Die Mamma hat geweint. Warum hat
die Mamma denn geweint? Nun, vor Freude, sagte sie.
Vor Freude - gut, geben wir einmal zu, daß man auch
vor Freude weinen kann - aber vor Freude weint man
ein bißchen, und dann lacht man wieder. Fräulein
Anitas Mamma jedoch hat sehr viel geweint, und sie
lacht gar nicht mehr. Honni soit qui mal y pense.
Und damit gehen wir zur letzten
Figur.
d) Nicolino Respi.- Dreißig
Jahre, muskulös und athletisch gebaut, ein berühmt
guter Schwimmer und Reiter, Ruderer und Fechter; und
dazu schamlos, unwissend wie ein Perlhuhn, ständiger
Besucher von Spielhöllen und ein Mädchenheld... Nur
weiter, nur weiter, lieber Freund, ich gebe dir ja
in allem recht. Ich kenne Nicolino Respi und teile
deine Einschätzung und deine Entrüstung. Aber glaube
deshalb bitte nicht, daß ich Respi Unrecht gebe.
Ach, ich gebe also dir unrecht? Aber
nein. Dem Fräulein Anita? Auch nicht. Ach Gott, so
laß mich doch ausreden, laß mich weiter nach meiner
Methode vorgehen. Glaub mir doch, lieber Freund,
dein Fall ist uralt. Neu, originell, ist daran
einzig meine Methode und die Erklärung, die ich dir
geben werde.
Aber immer schön der Reihe nach.
II - ORT UND GESCHEHENSABLAUF
Der Strand von Anzio, im Sommer, in
einer Mondnacht.
Du hast mir eine so wunderbare
Beschreibung davon gegeben, daß ich mich nicht darauf
einlasse, sie nun meinerseits zu beschreiben. Nur ein
bißchen zu viel Sterne waren es, mein lieber. Wenn der
Mond fast voll ist, sieht man nur sehr wenige. Aber ein
Dichter kann sich auch einmal über diese Dinge
hinwegsetzen, die zum Bereich der Tatsachen gehören. Ein
Dichter kann auch dann die Sterne sehen, wenn sie nicht
zu sehen sind, und umgekehrt kann er viele andere Dinge
nicht sehen, die alle anderen sehen können.
Der Commendatore Ballesi hat eine kleine
Villa am Strand gemietet, und Fräulein Anita ist mit
ihrer Mamma ans Meer gefahren.
Der Commendatore hat viel in Rom zu tun,
er fährt ständig hin und her. Nicolino Respi ist ständig
in Anzio, zum Baden und zur Spielen in den Casinos:
Jeden Morgen im Wasser und jeden Abend am grünen Tisch
stellt er seine Fähigkeiten zur Schau.
Fräulein Anita muß die Glut ihrer
Entrüstung kühlen, und deshalb geht sie besonders oft
ins Wasser. Sicherlich kann sie es nicht mit Nicolino
Respi aufnehmen, aber dennoch ist sie eine tüchtige
Schwimmerin, und so schwimmt sie eines Morgens mit ihm
um die Wette immer weiter hinaus. Sie schwimmen und
schwimmen. Alle Badegäste verfolgen gespannt vom Strand
aus dieses Wettschwimmen, zuerst mit freiem Auge, dann
mit Feldstechern.
Nach einer gewissen Zeit will die gute
Mamma nicht mehr hinsehen; sie beginnt zu zittern und zu
bangen. O Gott, o Gott, wie wird ihre Tochter es jetzt
schaffen, von so weit draußen wieder zurückzuschwimmen?
Sicher werden ihre Kräfte nicht ausreichen... O Gott, o
Gott! Wo ist sie nur? Mein Gott, so weit draußen... man
kann sie gar nicht mehr sehen... Man muß sofort Hilfe
schicken, um Himmelswillen! Ein Boot, ein Boot! Hilfe,
sofort Hilfe!
Und sie erregt sich so sehr und redet so
lange, bis schließlich zwei junge Burschen heldenhaft in
ein Ruderboot springen und hinausrudern.
Ein glücklicher Einfall! Denn kaum sind
die beiden losgerudert, da befällt Fräulein Anita ein
Krampf im Bein, sie schreit auf; Nicolino Respi schwimmt
mit zwei Schwimmstößen an ihre Seite und stützt sie;
aber Fräulein Anita ist der Ohnmacht nahe und klammert
sich verzweifelt an seinen Hals; Nicolino sieht sich
verloren; gleich wird er mit ihr untergehen; und in
seinem Zorn darüber, beißt er sie wütend in den Hals, um
sich zu befreien. Da läßt Fräulein Anita los und treibt
unbeweglich auf den Wellen. Nun kann er sie über Wasser
halten, aber auch seine Kräfte gehen zu Ende, als
endlich das Boot eintrifft. Die Rettung ist gelungen.
Nur laboriert Fräulein Anita nun über
eine Woche lang an den Folgen des Bisses von Nicolino
Respi.
Ja, das sind eben bleibende Eindrücke,
mein lieber Marino!
Mehrere Tage hindurch kann Fräulein
Anita bei jeder Bewegung des Halses nicht leugnen, daß
Nicolino Respi einen kräftigen Biß hat. Und gegen diesen
Biß kann sie nichts haben, denn sie verdankt ihm
schließlich ihre Rettung.
Nun, all das ist tatsächlich nur die
Vorgeschichte.
Obwohl - vielleicht auch nicht. Es ist
Vorgeschichte und auch wieder nicht. Denn alles hängt
davon ab, wie man die Tatsachen voneinander trennt.
Als du, mein lieber Marino, in dieser
wundervollen Mondnacht in Anzio ankamst, im Herzen
tiefste Verzweiflung, um noch ein letztes Mal unter vier
Augen mit dem bereits offiziell mit dem Commendatore
Ballesi verlobte Fräulein Anita zu sprechen, da trug sie
am Hals noch die Bißspuren von Nicolino Respi.
Deiner eigenen Aussage nach folgte sie
dir willig über den ganzen Strand, war bereit, sich mit
dir in den menschenleeren Sandflächen zu verlieren, die
sich bis zu dem großen sandverkrusteten Felsen dort ganz
unten hinziehen. Ihr beide im Mondschein, Arm in Arm,
berauscht von der Meeresbrise, eingelullt von dem
ständigen gedämpften Rollen der silbrigglänzenden
Gischtwellen.
Was hast du ihr da erzählt? Ja, ich weiß
schon, von deiner ganzen Liebe und deiner ganzen Qual;
und da hast du ihr vorgeschlagen, gegen den schamlosen
Antrag dieses alten Ekels zu rebellieren und lieber
deine Armut anzunehmen.
Sie aber, lieber Freund, von deinen
Worten entflammt, verstört, zerrissen, sie konnte deine
Armut nicht annehmen; dagegen wollte sie - das sehr wohl
- deine Liebe annehmen und sich dadurch im vorhinein,
noch an diesem selben Abend, für den schamlosen
Übergriff des Alten rächen, der sich als richtiger
Wucherer an ihr für seine lange erwiesenen Wohltaten
schadlos halten wollte.
Du aber warst ehrenhaft, du warst edel
genug, diese Rache nicht zuzulassen.
Freilich, lieber Freund, ich glaube dir
ja: Du wirst davongelaufen sein wie ein Verrückter. Aber
dem Fräulein Anita, das an diesem Abend allein auf dem
Strand, im Schatten des Felsens, zurückgeblieben war,
dem Fräulein Anita erschienst du nicht als Verrückter,
das kann ich dir versichern, als du da im Mondlicht
haltlos den Strand entlang davonliefst. Anita erschienst
du als Dummkopf und Feigling.
Und leider, lieber Marino, leider genoß
an diesem Abend auf diesem Felsen still und leise - dank
seiner leeren Taschen - diesen schönen Mondschein - und
dann auch das Schauspiel deines Davonlaufens - noch
einer: Nicolino Respi, der mit dem Biß und der Rettung
aus dem Meer.
Und ihm genügten ein paar Worte und ein
kurzes Lachen von dort oben:
"So ein Trottel, was, Signorina?"
Und damit sprang er von dem Felsen
herunter.
Dir blieb wenig später die Befriedigung,
zusammen mit dem Commendatore Ballesi, der spät im Auto
aus Rom eingetroffen war, im Mondschein Nicolino Respi
Arm in Arm mit Fräulein Anita zu erwischen.
Auf dem Hinweg du, auf dem Rückweg er.
Was ist süßer, der Hinweg oder der Rückweg?
Und nun, mein Freund, kommen wir zu dem
originellen Punkt der Sache.
III - ERKLÄRUNG
Du, mein lieber Marino, meinst, eine
gräßliche Enttäuschung erlebt zu haben, weil du
plötzlich Fräulein Anita als eine ganz andere erlebt
hast, ganz anders als die, die du kanntest, als die, die
sie für dich war. Nun bist du ganz sicher, Fräulein
Anita sei doch eine ganz andere gewesen.
Na sehr gut. Eine andere war Fräulein
Anita mit Sicherheit. Nicht nur; sie war viele, sehr
viele andere, mein Freund, wenigstens so viele, als
Leute sie kennen und als sie Leute kennt. Weißt du,
worin dein Grundirrtum besteht? Darin, daß du glaubst,
wenn sie auch eine andere sei - wie du meinst -, oder
viele andere - wie ich meine -, dann könnte sie deshalb
nicht dennoch auch weiterhin die sein, die du in ihr
gekannt hast.
Fräulein Anita ist die, und eine andere,
und auch viele andere, denn du wirst mir doch zugeben,
daß die, die sie für mich ist, nicht dieselbe sein kann,
die sie für dich ist, die sie für ihre Mutter ist, die
sie für den Commendatore Ballesi ist, und für all die
anderen, die sie kennen, jeder auf seine Weise.
Nun sieh einmal: Jeder, so wie er sie
kennt, gibt ihr - das stimmt doch? - eine Wirklichkeit.
So viele Wirklichkeiten also, mein Lieber, daß sie
"wirklich" - und nicht nur sozusagen - dafür sorgen, daß
Fräulein Anita eine für dich, eine für mich, eine für
ihre Mutter, eine für den Commendator Ballesi, und so
weiter, ist. Und dabei hat doch jeder von uns die
Illusion, die wahre Anita wäre nur die, die er kennt.
Und auch sie hat natürlich diese Illusion, ja sie vor
allem, die Illusion, sie wäre immer und für alle
dieselbe.
Weißt du, woher diese Illusion stammt,
lieber Freund? Nun, einfach daher, daß wir alle guten
Glaubens davon überzeugt sind, in jeder unserer
Handlungen wären wir stets ganz präsent; aber leider ist
dem nicht so. Das merken wir freilich nur, wenn wir
durch irgend einen unglückseligen Zwischenfall plötzlich
an einer unserer Handlungen hängen bleiben, festgenagelt
an einer einzigen der vielen, die wir Tag für Tag
setzen; dann merken wir sehr wohl, daß wir nicht zur
Gänze in dieser einen Handlung stecken, und daß es eine
grauenhafte Ungerechtigkeit wäre, uns nur nach dieser
einen Handlung zu beurteilen, uns an ihr festzunageln,
an ihr aufzuhängen, ihretwegen an den Pranger zu
stellen, für unsere ganzes Erdenleben, als ließe sich
dieses in dieser einzigen Handlung zusammenfassen.
Nun, genau diese Ungerechtigkeit bist du
eben im Begriff, Fräulein Anita gegenüber zu begehen,
mein Lieber.
Du hast sie in einer anderen
Wirklichkeit überrascht, als du sie ihr zu geben gewohnt
warst, und nun bist du bereit zu glauben, ihre wahre
Wirklichkeit sei nicht die schöne, die du ihr früher
zugedacht hattest, sondern nur diese häßliche, in der du
sie zusammen mit dem Commendatore Ballesi ertappt hast,
als sie mit Nicolino Respi von dem Felsen
zurückspazierte.
Es ist kein Zufall, lieber Freund, daß
du mir nichts von dem aufstehenden Näschen des Fräuleins
Anita erzählt hast!
Dieses Näschen gehörte nicht dir. Das
war nicht das Näschen deiner Anita. Dein waren
die nachtschwarzen Augen, das leidenschaftliche Herz,
die feinsinnige Intelligenz dieses Mädchens. Nicht aber
dieses kühn aufstehende Näschen mit den eher fleischigen
Nasenflügeln.
Dieses Näschen erbebte noch immer, wenn
es sich an den Biß Nicolino Respis erinnerte. Dieses
Näschen wollte seine Rache haben für den widerlichen
Übergriff des alten Commendatore Ballesi. Du hast ihm
nicht erlaubt, diese Rache mit dir zu verwirklichen,
also hat das Näschen sich dafür Nicolino geholt.
Wer weiß, wie viel nun diese
nachtschwarzen Augen weinen, wie stark dieses
leidenschaftliche Herz blutet, wie sehr sich diese
feinsinnige Intelligenz gegen ihr Schicksal auflehnt -
ich meine, all das, was an ihr dir gehört.
Ach, glaube mir, lieber Marino, für sie
war der Hinweg zum Felsen mit dir viel süßer als der
Rückweg von dort mit Nicolino Respi.
Du wirst dich wohl bereit finden müssen,
nachzugeben, und es dem Commendatore gleichzutun, der -
du wirst schon sehen - Anita verzeihen und sie doch noch
heiraten wird.
Aber verlange bitte nicht, daß sie nur
eine einzige sein und ganz dir gehören soll. Sie wird
ganz und gar ehrlich eine einzige und ganz für dich
sein; und zugleich eine andere für den Commendatore
Ballesi, und das nicht weniger ehrlich. Denn es gibt
nicht nur ein einziges Fräulein - oder nur eine einzige
Frau - Anita, lieber Freund.
Das ist vielleicht nicht schön, aber es
ist nun einmal so.
Und bitte, sieh zu, daß Nicolino Respi
mit seinen gefletschten Zähnen diesem aufstehenden
Näschen keinen zweiten Besuch abstattet.
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Auswirkungen eines unterbrochenen
Traums - (Effetti di un sogno interrotto –
1937)
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aus dem Italienischen von Michael
Rössner |
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Ich wohne in einem alten Haus, das
den Eindruck eines Trödlerladens macht. In einem
Haus, das seit wer weiß wie vielen Jahren Staub
geschluckt hat.
Das ständige Halbdunkel, das dieses
Haus bedrückt, hat etwas von der steifen Atmosphäre
der Kirchen an sich; in ihm steht unbeweglich der
muffige, alte und welke Geruch der zerfallenden
Möbel in allen Formen, mit denen es vollgestopft,
und der vielen Stoffe, mit denen es geschmückt ist,
teure, zerrissene und ausgebleichte Stoffe, überall
ausgebreitet und aufgehängt, in Form von Decken,
Vorhängen oder Baldachinen. Ich trage meinen Teil
bei zu diesem Gestank, indem ich den ganzen Tag
meine alten, verkrusteten Pfeifen rauche und damit
die Luft verpeste. Nur dann, wenn ich von draußen
zurückkomme, fällt es mir überhaupt auf, daß man in
meinem Haus gar keine Luft kriegt. Aber für einen,
der ein Leben führt wie ich... Aber genug: lassen
wir das.
Im Schlafzimmer befindet sich eine
Art Alkoven auf einer Plattform, zu dem man über
zwei Stufen hinaufsteigt. Oben ist die Zimmerdecke,
der Stützbalken liegt in der Mitte auf zwei
gedrungenen Säulen auf. Auch hier Baldachinvorhänge,
die das Bett verbergen sollen, sie laufen auf
Messingstangen hinter den Säulen. Die andere Hälfte
des Zimmers dient als Arbeitsraum. Unter den Säulen
steht ein Sofa: ehrlich gesagt ist es sehr bequem,
mit jeder Menge darauf aufgetürmter Kissen, und
davor ein massiver Tisch, der als Schreibtisch
verwendet wird; zur Linken ein großer Kamin, den
ich nie anzünde; in der gegenüberliegenden Wand,
zwischen zwei Fensterchen, ein altes Regal mit
Bücherleichen, die in vergilbtes Pergament gebunden
sind. Auf dem Kaminsims aus geschwärztem Marmor ist
ein halb geräuchertes Bild aus dem siebzehnten
Jahrhundert aufgehängt, eine Darstellung der
Büßenden Magdalena, ich weiß nicht, ob es ein
Original oder eine Kopie ist, aber selbst wenn es
eine Kopie sein sollte, hat es einen gewissen Wert.
Die lebensgroße Figur liegt auf dem Bauch
ausgestreckt in einer Höhle; ein auf den Ellbogen
gestützter Arm hält den Kopf; die gesenkten Augen
bemühen sich, bei dem Licht einer neben einen
Totenschädel auf den Boden gestellten Öllampe in
einem Buch zu lesen. Sicherlich, das Gesicht, die
prächtige Fülle der offenen rötlichen Haare, die
eine Schulter und die Brust frei lassen, sind in dem
Schein dieser Öllampe wunderschön.
Das Haus gehört mir und gehört mir
auch wieder nicht. Es gehört mit dem gesamten
Mobiliar einem Freund von mir, der es mir vor drei
Jahren, als er nach Amerika aufbrach, als Garantie
für einen größeren Geldbetrag überließ, den er mir
noch schuldete. Dieser Freund hat sich natürlich nie
wieder gemeldet, und trotz aller Nachfragen und
Nachforschungen, die ich angestellt habe, ist es mir
nicht gelungen, irgendeine Nachricht von ihm zu
erhalten. Sicher ist nur, daß ich noch nicht über
das Haus und seinen Inhalt verfügen kann, um mir das
Meine zurückzuholen.
Nun, ein Antiquitätenhändler aus
meinem Bekanntenkreis hat sich in diese Büßende
Magdalena verliebt, und neulich erst führte er mir
einen fremden Herrn ins Haus, um sie ihm zu zeigen.
Der Herr, um die vierzig, groß,
mager, kahlköpfig, trug strengste Trauer, wie man es
in der Provinz noch zu tun pflegt. Sogar das Hemd
war ein Trauerhemd. Aber auch auf seinem
eingefallenen Gesicht war noch das Unglück zu lesen,
das ihn vor kurzem heimgesucht hatte. Als er das
Bild sah, wechselte er die Farbe und schlug
plötzlich die Hände vor die Augen, während der
Antiquitätenhändler ihn mit seltsamer Befriedigung
fragte: „Ist es nicht wahr? Ist es nicht wahr?“
Jener, das Gesicht immer noch hinter
den Händen verborgen, nickte mehrmals bejahend. Es
schien, als wollten ihm die angeschwollenen Adern in
dem kahlen Schädel platzen. Aus der Tasche zog er
ein schwarzgerändertes Taschentuch und führte es an
die Augen, um die hervorbrechenden Tränen
aufzuhalten. Ich sah, wie sein Zwerchfell lange
stumm erbebte, während er gleichzeitig in einem fort
schluchzend durch die Nase aufzog.
Alles ‑ auf süditalienische Weise ‑
sehr übertrieben.
Aber vielleicht auch ehrlich.
Der Antiquitätenhändler wollte mir
erklären, daß er seit seiner Kindheit die Frau
dieses Herrn kannte, die aus demselben Dorf stammte
wie er selbst: „Ich kann Ihnen versichern, sie war
das genaue Abbild dieser Magdalena. Ich habe mich
gestern daran erinnert, als mein Freund mir die
Nachricht brachte, daß sie gestorben war, so jung
noch, kaum einen Monat ist es her. Sie wissen, daß
ich erst vor kurzem da gewesen bin, um dieses Bild
anzusehen.“
„Ja, das schon, aber ich...“
„Ja, Sie sagten damals, Sie könnten
es nicht verkaufen.“
„Und jetzt ebenso wenig.“
Ich fühlte mich von diesem Herrn am
Arm gepackt, er warf sich mir beinahe weinend an die
Brust und beschwor mich, es ihm abzutreten, um
welchen Preis auch immer: Es wäre sie, seine Frau,
genau sie, sie so ‑ ganz und gar ‑ wie nur er
allein, er als Ehemann, sie in der häuslichen
Intimität gesehen haben könne (und als er das sagte,
spielte er sichtlich auf die nackte Brust an), und
er könne sie mir nun nicht mehr vor den Augen
lassen, das müsse ich doch verstehen, nun, da ich
das wisse.
Ich sah ihn an, verblüfft und
konsterniert, als hätte ich einen Irren vor mir,
denn es schien mir nicht möglich, daß er so etwas im
Ernst sagte, das heißt, daß er im Ernst meinen
könnte, daß das, was für mich nichts anderes war als
ein Gemälde, an das ich nie irgend einen Gedanken
verschwendet hatte, nun auch für mich das Porträt
seiner Frau werden konnte, so mit der entblößten
Brust, wie er sie allein in der häuslichen Intimität
erblickt haben konnte, somit also in einem Zustand,
in dem er sie nicht mehr von einem Fremden ansehen
lassen durfte.
Das Seltsame einer solchen Forderung
rief bei mir ein unwillkürliches Lachen hervor.
„Aber nein, sehen Sie doch,
lieber Herr: Ich habe Ihre Frau ja nie gekannt;
ich kann daher an dieses Bild gar nicht den
Gedanken knüpfen, dessen Sie mich verdächtigen.
Ich sehe da bloß ein Gemälde mit einem Bild,
das... ja, das zeigt...“
Hätte ich das bloß nie gesagt!
Er pflanzte sich vor mir auf, als wollte er mir
an die Gurgel springen, und schrie:
„Ich verbiete Ihnen, sie jetzt
anzusehen, so, in meiner Gegenwart!“
Zum Glück griff da der
Antiquitätenhändler ein, der mich um
Entschuldigung bat, um Mitleid mit diesem armen
Mann, der förmlich von Sinnen war; er sei stets
bis zum Wahnsinn eifersüchtig auf seine Frau
gewesen, die er bis zum letzten Atemzug mit
einer beinahe krankhaften Liebe geliebt habe.
Dann wandte er sich an ihn und beschwor ihn,
sich zu beruhigen; es wäre dumm, zu mir so zu
reden, zu behaupten, es wäre meine Pflicht,
aufgrund all dieser intimen Dinge ihm das Bild
abzutreten. Er wage auch noch, mir das
Betrachten des Bildes zu verbieten? Ja, sei er
denn wirklich ganz und gar von Sinnen? Und damit
schleppte er ihn fort, wobei er mich abermals um
Entschuldigung für die Szene bat, er habe nicht
geahnt, daß er mich so etwas werde erleben
lassen.
Ich war so beeindruckt von
dieser Geschichte, daß ich in der darauf
folgenden Nacht davon träumte.
Um es genauer zu sagen, muß ich
diesen Traum wohl in den ersten Morgenstunden
geträumt haben, genau in dem Augenblick, in dem
ein plötzlicher Lärm vor der Türe des Zimmers
mich weckte, ein Streit zwischen Katzen, die
durch weiß Gott welche Schlupflöcher ständig in
mein Haus kommen, wahrscheinlich angezogen von
den vielen Mäusen, die hier Quartier
aufgeschlagen haben.
Auswirkung des dergestalt
plötzlich unterbrochenen Traums war es, daß die
Trugbilder desselben, ich meine der Herr in
Trauer und das Bild der Magdalena, die seine
Frau geworden war, vielleicht nicht mehr die
Zeit hatten, in mich zurückzukehren, und draußen
blieben, in dem anderen Teil des Zimmers
jenseits der Säulen, in dem ich sie im Traum
gesehen hatte; so daß ich, als ich bei dem Lärm
aus dem Bett aufschreckte und den Vorhang mit
einem raschen Zug beiseiteschob, vage ein
Wirrwarr aus nacktem Fleisch und roten und
türkisfarbenen Stoffen auf den Kaminsims huschen
und blitzartig wieder die Position im Bild
einnehmen sah; und auf dem Sofa, unter all den
durcheinandergeworfenen Kissen, da war er,
dieser Herr, der sich eben aus der liegenden
Haltung in die sitzende aufrichtete, nicht mehr
schwarz gekleidet, sondern in einem Pyjama aus
himmelblauer Seide mit weißen und dunkelblauen
Streifen, der sich in dem allmählich stärker
werdenden Licht, das durch die beiden
Fensterchen drang, allmählich in der Form und in
den Farben dieser Kissen auflöste und endlich
verschwand.
Ich will nicht versuchen zu
erklären, wofür es keine Erklärung gibt. Niemand
hat je das Geheimnis der Träume ergründet.
Tatsache ist: Als ich, aufs höchste verwirrt,
die Augen hob, um das Bild auf dem Kaminsims zu
betrachten, da sah ich mit aller Deutlichkeit,
wie die Augen der Magdalena für einen Augenblick
lebendig wurden, die Lider von der Lektüre
abhoben und mit einen Blick zuwarfen, einen
lebendigen, in zarter, diabolischer
Schelmenhaftigkeit lachenden Blick. Vielleicht
waren es die geträumten Augen der verstorbenen
Gattin dieses Herrn, die sich für einen
Augenblick in den gemalten Augen des Bildes
belebten.
Ich konnte keinen Augenblick
länger in dem Haus bleiben. Ich weiß nicht mehr,
wie ich es geschafft habe mich anzuziehen. Von
Zeit zu Zeit habe ich mich mit einem Gefühl des
Horrors, das Sie sich gut ausmalen können,
umgewandt, um verstohlen diese Augen zu
betrachten. Ich fand sie stets gesenkt und in
die Lektüre versunken vor, wie sie in dem
Gemälde tatsächlich sind; aber nun war ich mir
schon nicht mehr sicher, ob sie nicht, wenn ich
nicht mehr hinsah, hinter meinem Rücken wieder
lebendig wurden, um mich immer noch mit diesem
Schimmer von zarter, diabolischer
Schelmenhaftigkeit anzublicken.
Ich stürzte in das Geschäft des
Antiquitätenhändlers, das ganz nahe bei meinem
Hause liegt. Ich sagte ihm, wenn ich das Bild
auch seinem Freund nicht verkaufen könne, könne
ich diesem doch das Haus mit dem gesamten
Mobiliar, das Bild eingeschlossen, versteht
sich, zu einem sehr günstigen Preis vermieten.
„Schon ab dem heutigen Tag, wenn
Ihr Freund das so will.“
In meinem überfallsartigen
Angebot lag so viel Bangigkeit und Beklemmung,
daß der Antiquitätenhändler den Grund dafür
erfahren wollte. Den Grund, den schämte ich mich
freilich ihm zu enthüllen. Stattdessen bat ich
ihn, mich auf der Stelle zu dem Hotel zu
begleiten, in dem sein Freund abgestiegen war.
Sie können sich meinen Zustand
vorstellen, als ich diesen in seinem Hotelzimmer
mir entgegenkommen sehe, bekleidet mit demselben
Pyjama aus himmelblauer Seide mit weißen und
dunkelblauen Streifen, in dem ich ihn im Traum
gesehen und in meinem Zimmer beim Aufsetzen auf
dem Sofa zwischen den durcheinandergeworfenen
Kissen ertappt hatte.
„Sie kommen eben aus meinem
Haus“, schrie ich ihn kreidebleich an. „Sie
waren heute nacht in meinem Haus!“
Ich sah, wie er auf einem Sessel
zusammenbrach, entsetzt, vor sich hinstammelnd:
o Gott, ja, in meinem Haus, im Traum, da wäre er
tatsächlich gewesen, und seine Frau...
„Eben, eben, Ihre Frau ist aus
dem Bild herausgestiegen. Ich habe sie dabei
ertappt, wie sie wieder zurückging. Und Sie
selbst haben sich mir im Licht auf dem Sofa in
Nichts aufgelöst. Aber Sie werden zugeben, als
ich Sie auf dem Sofa erwischte, konnte ich nicht
wissen, daß Sie einen Pyjama besitzen wie den,
den sie anhaben. Dann waren es also tatsächlich
Sie, der im Traum bei mir zu Hause gewesen ist;
Ihre Frau ist tatsächlich aus dem Bild
herausgestiegen, wie Sie es geträumt haben.
Erklären Sie sich dieses Faktum, wie Sie wollen.
Möglicherweise ist es einfach die Begegnung
meines Traums mit dem Ihren. Ich weiß das nicht.
Aber in meinem Haus kann ich nicht mehr bleiben,
mit Ihnen, die Sie da im Traum zu Besuch kommen,
und Ihrer Frau, die mich ansieht und dabei die
Augen vom Bild aus öffnet und schließt. Den
Grund, sich davor zu fürchten, der für mich
gilt, den können Sie nicht haben, denn es
handelt sich ja um Sie selbst und Ihre Frau;
gehen Sie also und holen Sie sich das in meinem
Haus zurückgebliebenes Bild Ihrer selbst ab! Was
tun Sie jetzt? Sie wollen nicht mehr? Sie fallen
in Ohnmacht?
„Ach, Halluzinationen, meine
Herren nichts als Halluzinationen!“, wurde
unterdessen der Apotheker nicht müde auszurufen.
Ach, wie reizend sind doch diese
wohlgefestigten Menschen, die angesichts eines
Faktums, für das es keine Erklärung gibt, sofort
ein Wort finden, das nichts aussagt, und mit dem
sie sich so wundersam einfach beruhigen:
„Halluzinationen“.
©
Michael Rössner.
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Bitterwasser
-
(Acqua amara - 1922) |
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Erstveröffentlichung Oktober 1905 in der
Zeitschrift "Il Ventesimo". Keine
wesentlichen Varianten bekannt. In der
Duellgeschichte läßt sich eine erste
Version der Handlung von Il giuoco
delle parti ("Das Rollenspiel", in:
Bd. 10) erkennen. |
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aus dem Italienischen von Michael
Rössner
Wenige Leute waren an diesem Morgen in dem Park rund
um die Thermen. Die Kursaison ging nun schon zu Ende.
Auf zwei benachbarten Bänken an einer Wegkreuzung
unter den hohen Platanen saßen ein junger Mann mit
blassem, ja gelblichem Gesicht, zum Erbarmen hager
unter seinem neuen, hellen Anzug, dessen frisch
gebügelte Falten in einem Zickzack herunterfielen,
weil er viel zu weit war, und ein häßlicher Kerl um
die Fünfzig, in einem Anzug aus billigem Tuch,
voller Falten, wo die enorme Fettleibigkeit ihn
nicht bis zum Platzen aufblähte, und einem alten,
verbeulten Panamahut auf dem kahlgeschorenen Kopf.
Beide hielten am Henkel ihre noch ganz mit dem lauen,
trüben Alkaliwasser gefüllten Gläser, die sie eben
an der Quelle gefüllt hatten.
Der dicke Mann erschien noch halb betäubt von dem
donnernden Schnarchen, das er sicherlich in der
Nacht von sich gegeben hatte; er schloß von Zeit zu
Zeit halb die vom Schlaf noch verschleierten Augen
in seinem feisten, zufriedenen Mönchsgesicht. Der
hagere Junge dagegen spürte die Kälte der frischen
Morgenluft; von Zeit zu Zeit lief ihm sogar ein
Schauder über den Rücken.
Weder der eine noch der andere konnte sich dazu
entschließen zu trinken, und es schien, als wartete
jeder darauf, dem Beispiel des anderen folgen zu
können. Schließlich, nach dem ersten Schluck, sahen
sich beide mit von demselben Ausdruck des Ekels
verzogenen Gesichtern an.
"Die Leber, was?" fragte plötzlich leise der dicke
Mann den jungen und schüttelte sich. "So kleine
Leberkoliken, was? Sie sind natürlich verheiratet,
denke ich mir..."
"Nein, weshalb?" fragte der junge Mann zurück,
während er qualvoll sein Gesicht in Falten legte,
die ein Lächeln ausdrücken wollten.
"Na, es schien mir so, so ins Blaue hinein geraten",
seufzte der andere. "Aber wenn Sie keine Frau haben,
können Sie ganz ruhig sein. Dann werden Sie gesund!"
Der junge Mann lächelte wieder wie vorhin.
"Leiden Sie vielleicht an der Leber?" fragte er dann
spitz.
"Nein, nein, keine Frau mehr, ich habe keine mehr!",
beeilte sich der dicke Mann in höchstem Ernst zu
antworten. "Ich war leberleidend; aber Gott sei Dank
habe ich mich von meiner Frau befreit; ich bin
geheilt. Ich komme nun schon seit dreizehn Jahren
hierher, aus Dankbarkeit. Entschuldigen Sie, wann
sind Sie angekommen?"
"Gestern abend um sechs", sagte der junge Mann.
"Ach, deshalb", rief der andere, während er die
Augen halb schloß und den massigen Kopf hin und her
wiegte. “Wären Sie am Morgen gekommen, würden Sie
mich bereits kennen."
"Ich... ich würde Sie kennen?"
"Aber sicher, so wie mich alle hier kennen. Ich bin
eine Berühmtheit! Sehen Sie, auf der Piazza
dell'Arena, in allen Hotels, in allen Pensionen, im
Club, im Caffè da Pedoca, in der Apotheke spricht
man seit dreizehn Jahren hier Saison für Saison bloß
von mir. Ich weiß es und habe meine Freude daran und
komme eben deshalb immer wieder her. Wo sind Sie
abgestiegen? Bei Rori? Bravo. Nun, seien Sie ganz
sicher, noch heute mittag bei Tisch werden sie Ihnen
bei Rori meine Geschichte erzählen. Erlauben Sie,
daß ich ihnen zuvorkomme und sie Ihnen selbst
erzähle, in einem Stück."
Während er das sagte, stemmte er sich mühevoll in
die Höhe und ging zu der Bank des jungen Mannes
hinüber, der ihm mit seinem gelben, vor Freude ganz
verkniffenen Gesicht Platz machte.
- Zu allererst, damit wir uns gleich verstehen, hier
nennt man mich den Gatten der Frau Doktor. In
Wirklichkeit heiße ich Cambiè. Mit Vornamen
Bernardo. Bernardone, weil ich so dick bin. Trinken
Sie. Ich trinke auch.
Sie tranken, zogen wieder eine Grimasse des Ekels,
die sie sofort in ein Lächeln zu verwandeln suchten,
als sie einander freundlich ansahen. Dann setzte
Cambiè fort:
- Sie sind noch ganz jung und ernsthaft ein bißchen
leidend. Was ich Ihnen hier an grauenhaften Dingen
erzählen werde, kann Ihnen mehr von Nutzen sein als
dieses scheußliche Wasser hier, das zwar bitter ist,
dafür aber - glauben Sie mir das - gar nichts
bewirkt. Sie geben es uns zu trinken, in jedem Sinn
tun sie das, und wir trinken es, weil es scheußlich
schmeckt. Würde es gut schmecken... Aber nein, genug;
sie machen ja eine Kur, Sie müssen Vertrauen haben.
Sie müssen nämlich wissen, wenn ich das Wort Ehe
hörte, dann kam mir - mit Verlaub gesagt - der Magen
hoch, mir war geradezu... geradezu zum... jawohl,
mein Herr. Ich sah einen Hochzeitszug... ich erfuhr,
daß ein Freund heiraten würde... derselbe Effekt.
Aber was wollen Sie schon von uns unglücklichen
Sterblichen? Bildet sich ein Fleckchen in der Sonne?
Zusammenbrüche und Katastrophen. Wacht ein König mit
belegter Zunge auf? Kriege, Mord und Totschlag ohne
Ende. Beginnt ein Vulkan kurz zu schluchzen?
Erdbeben, Naturkatastrophen, Hekatomben von Blut...
In Neapel brach zu meiner Zeit die Cholera aus. Die
große Choleraepidemie von vor rund zwanzig Jahren,
von der Sie, wenn Sie sich auch nicht erinnern, wohl
doch reden gehört haben.
Mein Vater, ein kleiner Angestellter, hielt sich -
bei dem liebenswerten Schicksal, das ihn stets
verfolgte - zu diesem Zeitpunkt natürlich gerade in
Neapel auf. Ich war schon dreißig Jahre alt, hatte
eine gute Anstellung gefunden und eine
Junggesellenwohnung gemietet, nicht weit weg von zu
Hause. Ich lebte bei der Familie und dort hatte ich
auch eine Freundin, die mir einfach so zugewachsen
war, als wäre sie vom Himmel gefallen.
Carlotta. So hieß sie. Sie war die Tochter eines...
na, da ist nichts Schlimmes dabei, wissen Sie! Ein
Beruf wie jeder andere - die Tochter eines Wucherers.
Ein ehemaliger Priester war er.
Sie war wegen Streitereien mit ihrer Stiefmutter und
mit einem jüngeren Bruder, der bereits ein
ausgewachsener Gauner war, von zu Hause weggelaufen;
aber diese Geschichte werde ich Ihnen ersparen. Sie
schien ein braves Mädchen zu sein, und vielleicht
war sie das damals auch; aber Sie werden verstehen,
da ich sie liebte, dachte ich da nicht viel drüber
nach.
Entschuldigen Sie, sind Sie vielleicht religiös?
Soso? Wohl eher nein als ja. Wie ich. Meine Mutter
hingegen, mein lieber Herr, na, die war mehr als
religiös. Die arme Frau, sie litt entsetzlich unter
meiner Beziehung, die sie für sündhaft hielt. Sie
wußte, daß dieses Mädchen, bevor sie die Meine wurde,
keine anderen Männer gehabt hatte. Als nun die
Cholera ausbrach, war sie, entsetzt über das
Massensterben, fest überzeugt, wir seien alle dem
Tod geweiht, und ich zuallererst, da ich im Stand
der Todsünde lebte. Und so verlangte sie mir das
Opfer ab, dieses Mädchen zu heiraten, sei es auch
nur in der Kirche, um so den göttlichen Zorn zu
besänftigen.
Glauben Sie mir, ich hätte es trotzdem nicht getan,
wenn Carlotta nicht von der Seuche befallen worden
wäre. Ich mußte ihr doch wenigstens die Seele retten;
so hatte ich es meiner Mutter versprochen. Ich lief
also einen Priester holen und heiratete sie. Aber
was war da im Spiel? Eine göttliche Hand? Ein Wunder?
Sie schien schon halb hinüber, und plötzlich wurde
sie gesund.
Meine Mutter bestand darauf, obwohl ihr das große
Zittern kam, aus Nächstenliebe, ja, aus Opfergeist
an der Zeremonie teilzunehmen und dann am Bett der
Kranken auszuharren.
Es schien, als wäre die Cholera nur meinetwegen nach
Neapel gekommen, um mich für die Todsünde zu
bestrafen, und als sollte sie mit Carlottas Genesung
vorübergehen, so sehr bemühte sich meine Mutter, mit
solcher Inbrunst widmete sie sich der Aufgabe, sie
gesundzupflegen. Und kaum hatte sie sie gerettet und
sah, daß dort in diesem Zimmerchen die Genesende
jede Bequemlichkeit entbehren mußte, da bestand sie
darauf, sie auch noch zu sich nach Hause zu nehmen,
so sehr ich mich auch dagegen wehrte.
Sie werden verstehen, sobald sie einmal in mein Haus
gekommen war, konnte Carlotta es nur als meine
legitime Ehefrau wieder verlassen, und das tat sie
auch kurze Zeit später, kaum daß das große Sterben
aufgehört hatte.
Na, dann wollen wir wieder einmal trinken, lieber
Herr!
Gott sei Dank waren Carlotta während der Epidemie
Vater, Mutter und Brüder gestorben. Ein Glück und
ein Unglück zugleich, denn als einzige Überlebende
der Familie erbte sie achtunddreißig oder
vierzigtausend Lire, die Frucht des edlen Handwerks,
das ihr Vater betrieben hatte.
Nun, als Ehefrau und mit einer Mitgift, wie sah sie
da die Sache, lieber Herr? Sie war von einem Tag zum
anderen wie ausgewechselt.
Nun hören Sie zu. Wissen Sie, daß ich so einen
gewissen boshaften Geist im Leibe habe... wie soll
ich ihn nennen? phi-... philosophenhaft ist er, das
mag ihnen seltsam erscheinen; aber lassen Sie mich
erzählen.
Glauben Sie, daß es nur zwei Geschlechter gibt, das
männliche und das weibliche?
Nein, mein Herr.
Die Ehefrauen sind ein Geschlecht für sich. Die
Ehemänner auch.
Und was die Geschlechter betrifft, da gewinnt die
Frau durch die Ehe immer. Sie macht einen großen
Schritt vorwärts! Sie erhält nämlich so viel Anteil
am männlichen Geschlecht, wie der Mann
notwendigerweise davon aufgeben muß. Und aufgeben
muß er viel, glauben Sie mir das.
Wenn ich einmal auf die traurige Idee verfiele, eine
vernünftige Grammatik zu erstellen, wie ich sie
nenne, würde ich zur Regel erheben, daß es der
Ehefrau und infolgedessen die Ehemann heißen
muß.
Sie lachen? Aber für die Ehefrau, mein lieber Herr,
für die Ehefrau ist der Ehemann wirklich kein Mann
mehr. Sie bemüht sich ja nicht einmal mehr, ihm zu
gefallen.
"Mit dir macht's keinen Spaß mehr", denkt die
Ehefrau. "Du kennst mich ja schon."
Und wenn der Ehemann wirklich so einfältig ist, sich
von neuem zu ereifern, etwa, wenn er sie zum
Beispiel wie eine Teufelin im Bett liegen sieht, mit
Lockenwicklern in den Haaren und dicht bestrichenem
Gesicht, dann geht es gleich los:
"Aber das tue ich doch für dich!", ist sie imstande
zu antworten.
"Für mich?"
"Sicher. Damit du keine schlechte Figur machst.
Wärst du denn froh, wenn die Leute, wenn sie dich
auf der Straße sehen, sagen würden: 'Ach, schau
einmal, was für eine Frau sich dieser arme Kerl
ausgesucht hat!'"
Und der Ehemann, der - das versichere ich Ihnen -
kein Mann mehr ist, der schweigt; und dabei müßte er
ihr ins Gesicht schreien:
"Aber das sage ich mir doch selbst, meine Liebe, was
für eine Frau ich mir ausgesucht habe, wenn ich dich
so ansehe, jetzt, wo du neben mir liegst! Ach, du
zeigst dich also deshalb mir jetzt zu Hause und im
Bett häßlich, damit die anderen dann auf der Straße
ausrufen können: 'Ach, schau einmal, was für eine
hübsche Frau dieser arme Kerl da hat!'? Und darum
sollten sie mich auch noch beneiden? Na, ich danke,
ich danke vielmals, meine Liebe, für diesen Neid mir
gegenüber, der sich natürlich in ein Begehren dir
gegenüber verwandelt. Du willst begehrt sein, damit
ich beneidet werde? Was du doch für ein guter Mensch
bist! Aber ich bin ein noch besserer Mensch, weil
ich dich geheiratet habe."
Und der Dialog ließe sich noch fortführen. Denn es
könnte ja der Fall eintreten, wissen Sie? - der
Fall, daß die Ehefrau sogar die Unverfrorenheit
besäße, den Ehemann ganz unschuldig zu fragen, ob
sie, geschminkt und aufgeputzt zum Spaziergang,
seiner Meinung nach gut aussähe.
Der Ehemann müßte ihr darauf antworten:
"Ja, weißt du, Liebe, die Geschmäcker sind doch sehr
verschieden. Mir persönlich gefällt, wie ich dir
schon gesagt habe, diese Frisur nicht besonders. Wem
willst du nun gefallen? Das müßtest du mir sagen,
damit ich dir eine Antwort geben kann. Keinem?
Wirklich keinem? Ja, dann sei froh, wenn schon
keinem, dann versuch doch wenigstens deinem Mann zu
gefallen, das ist dann wenigstens einer und nicht
keiner!"
Mein lieber Herr, bei einer solchen Antwort würde
die Ehefrau ihren Mann fast mitleidig anschauen, und
dann würde sie verächtlich mit den Achseln zucken,
als wollte sie sagen: "Was hast denn du damit zu
schaffen?"
Und sie hätte recht. Die Frauen können nicht darauf
verzichten: instinktiv wollen sie gefallen. Für sie
ist es einfach eine Notwendigkeit, begehrt zu
werden.
Nun, das werden Sie verstehen, eine Ehemann kann
seine Ehefrau, die er Tag und Nacht um sich hat,
nicht mehr begehren. Ich meine: Er kann sie nicht so
begehren, wie sie begehrt werden möchte.
Denn so wie die Ehefrau im Ehemann nicht mehr den
Mann sieht, so sieht auch der Ehemann in der Ehefrau
nach einer gewissen Zeit nicht mehr die Frau.
Der Mann, der von Natur aus eher zum Philosophieren
neigt, geht darüber hinweg; die Frau hingegen ist
darüber gekränkt. Und deshalb wird ihr der Ehemann
bald lästig und oft geradezu unerträglich.
Sie muß für das eigene Wohlergehen Sorge tragen, der
Ehemann nicht.
Aber was immer er auch täte, glauben Sie mir, nichts
wäre ihr je recht, denn die Liebe, diese besondere
Liebe, die sie braucht, kann ihr der Ehemann,
einfach weil er ihr Ehemann ist, nicht mehr geben.
Mehr als Liebe ist es eine gewisse Aura von
Bewunderung, von der sie umgeben sein will. Aber
jetzt versuchen Sie sie einmal zu bewundern, wenn
sie im Haus mit Lockenwicklern, ohne Mieder, in
Pantoffeln und, sagen wir, heute mit Bauchweh und
morgen mit Zahnweh herumläuft. Diese gewisse Aura
kann aus den Blicken der Männer entstehen, die nicht
wissen, und deren Aufmerksamkeit sie, ohne daß es
schien, mit besonders raffinierter List, auf sich zu
ziehen und festzuhalten verstanden hat, um sich an
ihnen in wunderbarer Weise zu berauschen. Wenn sie
eine anständige Ehefrau ist, wird ihr das genügen.
Ich spreche jetzt von den anständigen Ehefrauen,
verstehen wir uns recht, ja geradezu von den
makellosen Ehefrauen. Von den anderen zahlt sich's
gar nicht mehr aus zu sprechen.
Erlauben Sie mir noch eine weitere kleine Überlegung.
Wir Männer haben die Angewohnheit zu sagen, die Frau
wäre ein unbegreifliches Wesen. Mein lieber Herr,
die Frau ist ganz im Gegenteil genauso wie wir, aber
sie kann es weder zeigen noch aussprechen, denn sie
weiß vor allen Dingen, daß es ihr die Gesellschaft
nicht gestattet und ihr als Schuld anrechnen würde,
was sie dagegen beim Mann ganz natürlich findet. Und
deshalb weiß sie, daß es den Männern keine Freude
machen würde, würde sie es zeigen und aussprechen.
Damit haben wir das Rätsel erklärt. Wer wie ich das
Pech gehabt hat, an eine Frau zu geraten, die sich
kein Blatt vor den Mund nimmt, der weiß das sehr gut.
Und jetzt wollen wir noch einen Schluck trinken. Nur
Mut!
Am Beginn war sie nicht so, die Carlotta. Sie wurde
erst nach der Hochzeit so, das heißt, sobald sie
sich wohl etabliert fühlte und bemerkte, daß ich
natürlich begann, in ihr nicht nur das Vergnügen,
sondern auch dieses überaus häßliche Ding zu sehen,
das wir Pflicht nennen.
Ich hatte sie zu achten, nicht wahr? Sie war
schließlich meine Frau. Nun, vielleicht wollte sie
nicht geachtet werden. Wer weiß weshalb, es ging ihr
jedenfalls schrecklich auf die Nerven, mich von
einem Tag auf den anderen zum exemplarischen Ehemann
werden zu sehen.
Für uns beide begann eine wahre Hölle. Sie ständig
brummend, widerborstig, ruhelos, ich dagegen
geduldig, ein wenig aus Angst, ein wenig aus dem
Bewußtsein heraus, die schlimmste aller Eseleien
begangen zu haben und die Folgen derselben zu
beklagen zu müssen. Ich lief ihr nach wie ein
Schoßhündchen. Und damit machte ich es noch
schlimmer! So sehr ich mir auch den Kopf
zermarterte, es gelang mir nicht zu erraten, was zum
Teufel meine Frau wollte. Aber ich hätte den sehen
wollen, der es zu erraten vermochte! Wissen Sie, was
sie wollte? Sie wäre gerne als Mann auf die Welt
gekommen, meine Frau! Und sie ließ ihre Wut darüber
an mir aus, daß sie stattdessen als Frau geboren
war. "Als Mann", sagte sie, "und meinetwegen
einäugig!"
Eines Tages fragte ich sie: "Na, laß mal hören, was
wäre aus dir geworden, wenn du als Mann auf die Welt
gekommen wärst?"
Und sie antwortete, während sie die Augen weit
aufriß: "Ein Verbrecher!"
"Bravo!"
"Und Ehefrau, nichts da, weißt du? Ich hätte nie
eine Frau genommen."
"Danke, Liebe."
"Ach, da kannst du ganz sicher sein!"
"Und du hättest dich bloß amüsiert? Glaubst du denn,
daß man sich mit den Frauen einfach bloß amüsieren
darf?"
Meine Frau sah mir ganz tief in die Augen: "Mich
fragst du das?" sagte sie dann. "Weißt du das denn
nicht? Ich hätte auch deshalb nicht geheiratet, um
nicht aus einer armen Frau eine Gefangene zu
machen."
"Ach", rief ich. "Fühlst du dich vielleicht als
Gefangene?"
Und sie: "Ob ich mich als Gefangene fühle? Ja, was
bin ich denn? Was bin ich denn immer schon gewesen,
seit ich lebe? Ich kenne ja nur dich. Wann habe ich
je mein Vergnügen gehabt?"
"Hättest du gerne andere gekannt?"
"Na sicher! Genauso wie du, der du so viele vorher
und wer weiß wie viele nachher gekannt hast!"
Mein lieber Herr, merken Sie sich also das eine sehr
gut: eine Frau empfindet genauso wie wir Begierde.
Sie sehen zum Beispiel eine schöne Frau, folgen ihr
mit Ihren Blicken, stellen sie sich in ihrer ganzen
Schönheit vor und umarmen sie in Gedanken, natürlich
ohne Ihrer Frau etwas davon zu sagen, die neben
Ihnen geht? Nun, in der Zwischenzeit sieht Ihre Frau
einen schönen Mann, folgt ihm mit ihren Blicken,
stellt ihn sich in seiner ganzen Schönheit vor und
umarmt ihn in Gedanken, natürlich ohne Ihnen etwas
davon zu sagen.
Da ist gar nichts Außergewöhnliches dabei; aber
glauben Sie mir, es ist gar nicht angenehm, zu
bedenken, daß diese leicht einsehbare und allgemein
verbreitete Tatsache auch auf die eigene Frau
zutrifft, die mit ihrem Körper, nicht aber mit der
Seele Ihre Gefangene ist. Und erst der Körper! Sagen
Sie selbst: Haben wir Männer nicht das Gefühl, daß
wir bei gegebener Gelegenheit nicht widerstehen
könnten? Nun, denken Sie einmal, daß dasselbe auch
auf die Frau zutrifft. Sie fallen, sie fallen um,
daß es eine Freude ist, mit derselben Leichtigkeit,
wenn es ihnen geschieht, wenn sich also ein
entschlossener Mann findet, zu dem sie Vertrauen
haben können. Das hat mir meine Frau deutlich zu
verstehen gegeben, natürlich indem sie von den
anderen Frauen sprach.
Und damit komme ich zu meinem Fall.
Natürlich wurde ich nach einem Jahr Ehe
leberleidend.
Sechs Jahre hindurch sinnlose Behandlungen, die
meinen armen Körper zerstörten, bis er sich in einem
so erbarmungswürdigen Zustand befand, daß sogar die
Leute, die an derselben Krankheit litten, ihn
bemitleideten.
Das Heilmittel sollte ich hier finden.
Ich kam mit meiner Frau hierher, und in den ersten
Tagen wohnte ich im Rori, so wie Sie jetzt. Ich
bestellte mir gleich nach der Ankunft einen Arzt,
der mich untersuchen und verordnen sollte, wie viele
Gläser am Tag ich zu trinken hätte, und ob ich eher
Duschen oder Bäder mit Schwefelwasser nehmen sollte.
Es erschien ein hübscher junger Mann, braunhaarig,
groß und kräftig, mit zackigem Auftreten, ganz in
Schwarz gekleidet. Wenig später erfuhr ich, daß er
tatsächlich Militärarzt gewesen war, genauer
Oberleutnant-Arzt; daß er in Rovigo ein Verhältnis
mit der Tochter eines Druckers gehabt hatte; daß sie
ihm eine Tochter geboren hatte, und daß er, nun zur
Heirat gezwungen, den Dienst quittiert hatte und als
Gemeindearzt hierher gezogen war. Acht Monate nach
diesem großen Opfer waren ihm, eine nach der anderen,
Frau und Tochter gestorben. Nun waren schon an die
drei Jahre seit diesem doppelten Unglück verstrichen,
aber er kleidete sich immer noch in Schwarz wie ein
wunderschöner Rabe.
Natürlich hatte er ungeheuren Erfolg mit dieser
Geschichte, daß er seine Militärkarriere aus Liebe
geopfert habe und vom Schicksal so schlecht dafür
belohnt worden sei; mit diesen beiden schrecklichen
Unglücksfällen, deren Spuren noch immer in diesem
Gesicht eingegraben waren, und mit seiner stolzen
Haltung, als wäre er Karl der Große persönlich. Alle
Frauen, hätte man sie gelassen, hätten es am
liebsten selbst übernommen, den armen Mann zu
trösten. Er wußte das und zeigte sich abweisend.
Er kam also zu mir, untersuchte mich sehr gründlich,
klopfte mich überall ab, dann wiederholte er mehr
oder minder das, was mir schon so viele andere Ärzte
gesagt hatten, und zuletzt verschrieb er mir die Kur:
drei halbe Gläser, diese halbgroßen, in den ersten
Tagen, danach drei ganze, und immer einen Tag ein
Bad, einen Tag eine Dusche. Er war schon im Gehen,
als er so tat, als bemerke er jetzt erst die
Anwesenheit meiner Frau.
"Die gnädige Frau auch?", fragte er und
betrachtete sie kühl.
"Nein, nein", wehrte meine Frau sofort, indem
die das Gesicht in die Länge und die Augenbrauen
bis zum Haaransatz hinauf zog.
"Trotzdem, gestatten Sie?", erwiderte er.
Er trat zu ihr hin, hob ihr behutsam das Kinn
mit einer Hand in die Höhe und strich ihr mit
dem Zeigefinger der anderen über das Augenlid,
fast ohne sie zu berühren.
"Ein bißchen anämisch", sagte er.
Meine Frau sah mich an, totenbleich, als hätte
diese leichthin ausgesprochene Diagnose sie auf
der Stelle tatsächlich anämisch gemacht. Und mit
einem nervösen kleinen Lachen auf den Lippen
zuckte sie die Achseln und sagte: "Aber ich
spüre doch gar nichts..."
Der Arzt verbeugte sich mit großem Ernst: "Umso
besser."
Und er verließ würdevoll das Zimmer.
Ob es nun das Wasser war, oder das Bad, oder die
Dusche, oder vielmehr, wie ich glaube, die gute
Luft hier und der herrliche Blick auf die
toskanische Landschaft, jedenfalls fühlte ich
mich sofort besser, und zwar so sehr, daß ich
beschloß, einen Monat oder auch zwei zu bleiben.
Um mehr Freiheit zu genießen, mietete ich eine
kleine Wohnung in der Nähe der Pension, ein
bißchen weiter unten, bei Coli, mit einem
kleinen Balkon, von dem aus man das ganze Tal
mit den zwei Seen von Chiusi und von
Montepulciano überblickt.
Aber - ich weiß nicht, ob Sie das schon geahnt
haben - nun begann meine Frau sich krank zu
fühlen.
Sie sprach nicht von Anämie, weil der Doktor
davon gesprochen hatte; sie sagte, sie fühle
eine gewisse Müdigkeit am Herzen und so etwas
wie ein Gewicht auf der Brust, das sie am Atmen
hinderte.
Und daraufhin sagte ich, mit dem unschuldigsten
Ausdruck, dessen ich fähig war: "Willst du dich
nicht auch untersuchen lassen, Liebe?"
Sie wehrte sich wütend dagegen, wie ich es
erwartet hatte, und lehnte meinen Vorschlag ab.
Natürlich verschlimmerte sich ihre Krankheit von
Tag zu Tag, je mehr sie sich in ihrer Ablehnung
versteifte. Ich blieb hart und sprach zu ihr
nicht mehr davon. Bis sie selbst eines Tages
nicht mehr konnte und mir sagte, sie wolle sich
untersuchen lassen, aber nicht von diesem Arzt,
nein, ganz entschieden nein; von dem anderen
Gemeindearzt wollte sie untersucht werden
(damals gab es hier zwei), von Doktor Berri,
einem mürrischen, asthmatischen alten Mann, fast
blind, schon halb im Ruhestand - nun ist er ganz
im Ruhestand -, nicht mehr von dieser Welt.
"Ach hör doch auf!", rief ich. "Wer ruft denn
noch den Doktor Berri? Und dann wäre es eine
unverdiente Taktlosigkeit gegenüber dem Doktor
Loero, der sich immer so um uns bemüht hat und
immer so höflich gewesen ist!"
Tatsächlich kam Doktor Loero jeden Tag, wenn er
mich mit meiner Frau hier bei den Thermen aus
dem Wagen steigen sah, herbei, in dieser stolzen
und kummervollen Haltung; er gratulierte mir zu
der raschen Besserung, begleitete mich zu dem
Brunnen und dann auf und ab über diese
Parkwege,wobei er es nicht an den
pflichtschuldigen Aufmerksamkeiten meiner Frau
gegenüber fehlen ließ, wenngleich er sich in den
ersten Tagen wenig um sie kümmerte, die
natürlich im Stillen darüber vor Wut platzte.
Seit einer Woche hatten sie jedoch begonnen,
miteinander über die ewige Frage der Männer und
der Frauen zu streiten, über den anmaßenden Mann
und die Frau, die stets das Opfer ist, über die
ungerechte Gesellschaft und so weiter und so
fort.
Glauben Sie mir, mein Herr, ich kann dieses
Geschwätz schon nicht mehr hören. In sieben
Jahren Ehe ist zwischen meiner Frau und mir über
nichts anderes gesprochen worden.
Ich muß Ihnen jedoch gestehen, daß ich in dieser
Woche innerlich frohlockte, als ich Doktor Loero
genau dieselben Argumente vortragen hörte wie
ich es zu tun pflegte, und das mit dem Salz und
Pfeffer der wissenschaftlichen Autorität. Mich
pflegte meine Frau mit Beschimpfungen zu
überschütten. Bei dem Doktor Loero mußte sie
dagegen die Bremse des Anstands betätigen; aber
die Galle, die sie nicht ausspucken konnte, die
schmierte sie doch fein säuberlich auf ihre
Worte.
Ich hoffte, daß ihr so ihre Herzkrankheit
vergehen würde. Aber woher denn! Wie ich Ihnen
sagte: sie wurde von Tag zu Tag schlimmer. Und
jetzt sehen Sie einmal, was für eine miese Rolle
man bisweilen als Ehemann zu spielen hat. Ich
wußte sehr gut, daß sie von Doktor Loero
untersucht werden wollte, und daß die Abneigung
die dieser ihr einflößte, ganz und gar Komödie
war, und auch das Verlangen, von dem senilen,
asthmatischen Alten untersucht zu werden, eine
Komödie wie die ganze Herzkrankheit. Und doch
mußte ich so tun, als würde ich ganz ernsthaft
an alle drei Dinge glauben und ein ganzes Hemd
durchschwitzen, um sie zu dem zu überreden, was
sie sich im Grunde ihres Herzens wünschte.
Mein lieber Herr, als meine Frau sich -
natürlich ohne Korsett - auf dem Bett
ausstreckte und er, der Doktor, ihr in die Augen
sah, als er sich herunterbeugte, um das Ohr auf
ihre Brust zu legen, da sah ich, wie sie beinahe
ohnmächtig wurde, beinahe zusammenbrach; ich sah
in ihren Augen und auf ihrem Gesicht eine solche
Erregung... ein solches Zittern, daß... Sie
verstehen mich: ich wußte, woran ich war und
konnte nicht fehlgehen.
Das mochte reichen, nicht wahr? Eine Ehefrau
bleibt ganz und gar ehrbar, untadelig, rein,
nach einer Visite wie dieser; eine ärztliche
Untersuchung, da kann man gar nichts sagen, im
Beisein ihres Mannes noch dazu. Na also! Wozu,
frage ich, hätte ich mir dann ins Gesicht sagen
sollen, was ich im Grunde meines Herzens längst
wußte, was ich mit eigenen Augen gesehen und
fast mit den Händen gegriffen hatte?
Los, los. Nur Mut. Trinken wir wieder. Trinken
wir.
Eines Abends stand ich auf dem Balkon und
betrachtete das wunderbare Schauspiel des
breiten Tales im Mondlicht.
Meine Frau war schon zu Bett gegangen.
Sie sehen mich jetzt so wohlbeleibt und glauben
vielleicht, mich könnte ein Naturschauspiel
nicht rühren. Aber glauben Sie mir, ich habe
eine zerbrechliche, kleine und zarte Seele. Ein
Seelchen mit blonden Haaren habe ich, mit einem
ganz süßen Gesichtlein, durchscheinend und
zugespitzt, mit himmelblauen Augen dazu. Mit
einem Wort, ein Seelchen, das wie eine kleine
Engländerin aussieht, wenn es sich in der
Stille, in der Einsamkeit, aus den Fenstern
dieser häßlichen Ochsenaugen in meinem Gesicht
lehnt, und das sich vom Anblick des Mondes und
dem Zirpen der unzähligen Grillen ringsumher
unsäglich rühren läßt.
Wie die Menschen untertags in den Städten, so
geben die Grillen des Nachts auf dem Lande keine
Ruhe. Ein schöner Beruf muß das sein, der einer
Grille!
"Was tust du?"
"Ich singe."
"Und weshalb singst du?"
Das weiß ja nicht einmal die Grille selbst. Und
alle Sterne beben auf dem Firmament. Sie schauen
sie an. Muß auch ein schöner Beruf sein, der
eines Sterns! Was machen die schon da oben?
Nichts. Auch sie schauen ins Leere und es sieht
so aus, als würde ihnen darob ununterbrochen ein
Schauder über die Haut laufen. Wenn Sie wüßten,
wie mir da die Eule gefällt, die inmitten all
dieser Süße plötzlich in der Ferne ängstlich zu
schluchzen beginnt. Sie weint vor so viel Süße.
Genug. Ich betrachtete also voller Bewegung, wie
ich Ihnen eben sagte, dieses Schauspiel, aber
ich fühlte auch schon ein wenig die abendliche
Kühle (es war elf Uhr vorbei) und war eben im
Begriff, mich zurückzuziehen, als ich es laut
und insistent am Eingangstor klopfen hörte. Wer
konnte das sein, um diese Zeit?
Es war Doktor Loero.
In einem Zustand, mein Herr, daß sogar ein Stein
mit ihm Mitleid hätte haben müssen.
Stockbesoffen.
Es waren nämlich aus Florenz, aus Perugia und
aus Rom fünf oder sechs Ärzte der Wasserkur
wegen in den Ort gekommen, und er hatte es für
angezeigt gehalten, gemeinsam mit dem Apotheker
ein Abendessen für die Kollegen zu geben, im
Grünen-Kreuz-Krankenhaus hinter der
Kollegienkirche, ganz in der Nähe von Rori.
Na, da ging's lustig zu, wie Sie sich vorstellen
können, ein Abendessen im Spital! Und von
Wasserkur war natürlich nicht die Rede! Sie
hatten sich allesamt besoffen wie... na, sagen
wir nicht wie die Schweine, weil die armen
Schweine gerade diese Gewohnheit nun tatsächlich
nicht haben.
Was war ihm da in seiner Weinseligkeit nur für
eine Idee gekommen, mich aufzusuchen und zu
stören, der ich in dieser Nacht, wie ich Ihnen
eben sagte, ganz Mondschein war?
Er schwankte und ich mußte ihn bis zum Balkon
stützen. Dort umarmte er mich ganz fest und
sagte, daß er mich sehr gern habe, wie einen
Bruder, und daß er den ganzen Abend hindurch mit
seinen Kollegen von mir gesprochen habe, von
meiner kaputten Leber und meinem kaputten Magen,
die ihm am Herzen lägen, so sehr am Herzen, daß
er, als er an meiner Türe vorüberkam, es nicht
habe verabsäumen wollen, mir einen kleinen
Besuch abzustatten, weil er fürchte, am Tag
darauf nicht bei den Thermen erscheinen zu
können, weil - das hätte man nicht geglaubt, hm?
- weil er nämlich tatsächlich ein bißchen was
getrunken hatte. Natürlich dankte ich ihm von
Herzen, was meinen Sie denn, und mahnte ihn, er
solle doch nach Hause gehen, es wäre schon
spät... Nichts! Er wollte einen Stuhl, um sich
auf den Balkon zu setzen und begann mir von
meiner Frau zu sprechen, die ihm gar so gut
gefiele, ich solle sie doch aufwecken gehen,
damit sie ihm ein wenig Gesellschaft leiste, die
Signora Carlottina, ach, die würde schon
mitmachen! Und wie! Und wie! Eine hübsche,
scheue Stute, die ausschlug, aber aus Liebe, um
sich Liebkosungen zu holen... Und in dieser
Tonart ging es weiter, während er immer wieder
grinste und mit den Augen, die ihm von selbst
zufielen, versuchte, so ein gewisses überlegenes
Zwinkern zustandezubringen.
Sagen Sie mir selbst: Was sollte ich mit ihm tun,
in diesem Zustand? Einen Betrunkenen, der nicht
mehr stehen konnte, ohrfeigen? Meine Frau, die
aufgewacht war, schrie mir drei oder viermal aus
dem Schlafzimmer heraus wütend zu, ich solle das
tun. Auch mir zuckte es geradezu in den Händen,
ihn zu ohrfeigen. Aber wer weiß, wie dieser arme
junge Mann, der in seiner Weinseligkeit jeden
Sinn für soziale Umgangsformen und Erziehung
verloren hatte und mir fröhlich die Wahrheit ins
Gesicht schrie, auf eine Ohrfeige reagiert hätte.
Ich packte ihn und zog ihn aus dem Stuhl hoch:
ein wenig schütteln mußte ich ihn schon, aber er
war drauf und dran, hinzufallen, und ich mußte
mich bis zur Türe seines Zustandes erbarmen.
Dort... ja, dort gab ich ihm dann einen kleinen
Stoß, der ihn die Straße hinunterkollern ließ.
Als ich ins Schlafzimmer kam, fand ich meine
Frau mit zu Berge stehenden Haaren, geradezu wie
von Sinnen, vor. Sie war aufgestanden. Sie fiel
mit den gräßlichsten Verwünschungen über mich
her. Sie sagte, wäre ich ein anderer Mann
gewesen, dann hätte ich auf diesem Verbrecher
herumtrampeln und ihn vom Balkon hinunterstürzen
müssen; ich aber sei nur ein papierener Wicht,
der kein Blut in den Adern habe, der nicht
einmal rot würde dabei, wenn er die Ehre seiner
Frau nicht zu verteidigen vermochte, im
Gegenteil, durchaus fähig zu katzbuckeln vor dem
ersten, besten Dahergelaufenen, der...
Ich ließ sie nicht aussprechen. Ich hob eine
Hand auf; ich schrie sie an, sie solle lieber
achtgeben, die Ohrfeige, die ich dem Mann hätte
geben müssen, wäre er nicht betrunken gewesen,
die bekäme sie, wenn sie nicht gleich den Mund
hielte. Natürlich hielt sie nicht den Mund, was
glauben Sie! Von der Wut ging sie zum Hohn über.
Ja, freilich sei es leicht für mich, bei ihr den
starken Mann zu spielen, eine Frau zu ohrfeigen,
nachdem ich einen, der mich in meinem eigenen
Haus beleidigen gekommen war, freundlich
empfangen und mit den gebührenden Ehrbezeugungen
bis zur Türe begleitet hatte. Aber warum hatte
ich sie denn eigentlich nicht gleich geweckt?
Mehr noch, warum hatte ich den Mann denn nicht
zu ihr ins Schlafzimmer geführt und ihn
freundlich gebeten, sich zu ihr zu legen?
"Du wirst ihn fordern!" schrie sie schließlich
außer sich. "Morgen wirst du ihn fordern, und
wehe dir, wenn du es nicht tust!"
Wenn man sich gewisse Dinge von einer Frau sagen
lassen muß, dann bäumt sich jeder Mann auf. Ich
hatte mich bereits ausgekleidet und zu Bett
gelegt. Ich sagte ihr, sie sollte endlich
aufhören und mich in Ruhe schlafen lassen. Ich
würde niemanden fordern, schon deshalb nicht, um
ihr nicht diese Freude zu machen.
Aber in der Nacht dachte ich im Stillen lange
darüber nach. Ich verstand und ich verstehe bis
heute nichts von Ehrensachen: ob zum Beispiel
ein Ehrenmann die Beleidigung und Provokation
von einem Betrunkenen, der nicht weiß, was er
redet, tatsächlich aufgreifen muß. Am nächsten
Morgen wollte ich schon darüber den Rat eines
Majors im Ruhestand einholen, den ich bei den
Thermen kennengelernt hatte, als derselbe Major
in Begleitung eines anderen Herren aus dem Ort
im Namen Doktor Loeros von mir Satisfaktion
verlangte. Tatsächlich! Wegen der Form, in der
ich ihn gestern abend vor die Tür gesetzt hatte.
Es schien, als habe er sich bei meinem kleinen
Stoß und dem darauffolgenden Fall die Nase
aufgeschürft.
"Aber er war doch betrunken!", schrie ich diesen
Herren ins Gesicht.
Na, umso ärger. Dann hätte ich doch besonders
vorsichtig sein müssen. Ich, verstehen Sie? Und
dabei war es geradezu ein Wunder, daß meine Frau
mich nicht dafür aufgefressen hat, daß ich ihn
nicht vom Balkon geworfen hatte!
Genug. Ich will sehen, daß ich rasch zu einem
Ende komme. Ich nahm die Forderung an. Aber
meine Frau lachte mir höhnisch ins Gesicht und
begann auf der Stelle ihre Sachen zu packen. Sie
wollte sofort abreisen; abreisen, ohne den
Ausgang des Duells abzuwarten, obwohl sie wußte,
daß dafür die allerschwersten Bedingungen
vereinbart worden waren.
Da ich mich nun schon einmal aufs Eis gewagt
hatte, wollte ich tanzen. Er diktierte mir die
Bedingungen: auf Pistolen. Sehr gut! Aber dann
verlangte ich dafür, daß auf fünfzehn Schritt
Entfernung geschossen würde. Und ich schrieb
einen Brief, am Vorabend des Duells: jedesmal,
wenn ich den heute wieder lese, sterbe ich vor
Lachen . Sie können sich nicht vorstellen, was
für Blödheiten einem armen Menschen in einer
solchen Lage durch den Kopf gehen.
Ich hatte nie mit Waffen zu tun gehabt. Ich
schwöre Ihnen, ich schloß instinktiv die Augen,
als ich schoß. Das Duell fand oben in dem
Buchenwäldchen statt. Die ersten beiden Schüsse
gingen ins Leere; es war beim dritten... nein,
der dritte ging auch daneben, es war beim
vierten. Beim vierten Schuß also - sehen Sie
mal, was der für einen harten Schädel hatte, der
Doktor! - da sah die Kugel für mich hin und traf
ihn genau in die Stirn, aber sie verletzte den
Knochen nicht, sie fuhr unter der Kopfhaut
hindurch und beim Nacken wieder heraus.
Im ersten Augenblick schien er tot zu sein. Wir
liefen alle hinzu, auch ich, aber einer der
Sekundanten riet mir, mich zu entfernen, den
Wagen zu nehmen und über die Straße nach Chiusi
zu fliehen.
Ich floh.
Am Tag danach erfuhr ich, wie es wirklich um ihn
stand; und noch etwas anderes erfuhr ich, was
mich zugleich mit ungeheurer Freude und mit
Kummer erfüllte: Freude um meinetwillen, Kummer
um meines Gegners willen, der sich nach einer
Kugel im Kopf, wirklich nicht auch noch das
verdient hatte, der arme Kerl.
Als er nämlich im Grünen-Kreuz-Krankenhaus
wieder die Augen aufschlug, sah Doktor Loero ein
wunderschönes Schauspiel vor sich: meine Frau,
die an sein Bett geeilt war, um ihn zu pflegen!
Von der Verwundung war er in zwei Wochen wieder
geheilt; von meiner Frau, lieber Herr, ist er
bis heute nicht geheilt.
Gehen wir uns jetzt unser zweites Glas holen?
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aus dem Italienischen von Michael
Rössner |
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Ein Hund vor einer geschlossenen
Tür, der kauert sich geduldig auf den Boden und
wartet, daß man ihm aufmacht; allerhöchstens hebt er
dann und wann die Pfote und kratzt ein bißchen
daran, wobei er ein unterdrücktes Winseln hören
läßt.
Als Hund, das weiß er, kann er nicht
mehr tun.
Als Cinci vom Nachmittagsunterricht
nach Hause kommt, das Bündel aus Büchern und Heften
mit dem Lederriemen darum unter den Arm geklemmt,
findet er den Hund dort vor der Tür, und versetzt
ihm, weil ihm dieses geduldige Warten auf die Nerven
geht, einen ordentlichen Fußtritt; und Fußtritte
bekommt auch die Türe ab, obwohl er doch weiß, daß
sie versperrt ist und daß niemand zu Hause ist; am
Schluß nimmt er das, was ihn am meisten beschwert,
dieses Bücherbündel, und schleudert es wütend, um
sich davon zu befreien, gegen die Tür, als ob es
durch das Holz dringen und im Haus landen könnte.
Die Tür hingegen schleudert ihm das ganze mit
derselben Kraft wieder gegen die Brust zurück. Cinci
ist überrascht, als wäre das ein schönes Spiel, zu
dem die Tür ihn aufgefordert hat, und er wirft das
Bündel noch einmal. Und dann, weil sie nun schon zu
dritt sind bei diesem Spiel, Cinci, das Bündel, und
die Tür, will der Hund auch mitmachen, und fährt bei
jedem Wurf und jedem Zurückprallen bellend in die
Höhe. Der eine oder andere Vorübergehende bleibt
stehen und schaut hinüber; der eine lächelt, fast
ein wenig beschämt über die Blödheit dieses Spiels
und des Hundes, der sich darüber freut; der andere
entrüstet sich wegen der armen Bücher; die kosten
schließlich Geld; es sollte nicht erlaubt sein, sie
so verächtlich zu behandeln. Schließlich macht Cinci
dem Schauspiel ein Ende. Das Bücherbündel auf die
Erde, und Cinci, mit dem Rücken die Mauer
entlangfahrend, will sich darauf niederlassen; das
Bündel freilich rutscht ihm unter dem Gesäß weg und
er kommt unsanft auf die Erde zu sitzen; er grinst
verlegen und schaut sich um, während der Hund
zurückfährt und ihn ansieht.
Fast könnte man alle Teufeleien, die
Cinci durch den Kopf gehen, schon an diesen
zerrauften Haarbüscheln seiner strohigen Haare und
an den blitzenden grünen Augen ablesen, in denen sie
förmlich zu brodeln scheinen. Er ist in dem
unglückseligen Alter des Wachstums, kratzbürstig und
bleich. Als er an diesem Nachmittag wieder in die
Schule ging, hat er das Taschentuch zu Hause
vergessen, deshalb bläst er nun von Zeit zu Zeit
durch die Nase aus, während er dort auf der Erde
sitzt. Die riesigen Knie der langen, nackten Beine ‑
denn obwohl er das eigentlich nicht mehr tun sollte,
trägt er immer noch kurze Hosen ‑ stoßen ihm fast
gegen das Kinn. Wenn er geht, setzt er die Füße
schief auf, und seine Schuhe halten nie lange; die,
die er jetzt anhat, sind schon ganz zerschlissen.
Nun hat er’s satt, er umklammert seine Beine,
prustet und zieht sich mit dem Rücken an der Mauer
hoch. Auch den Hund nimmt er mit, es sieht so aus,
als frage er ihn, wohin sie jetzt gehen sollen?
Wohin? Aufs Land hinaus, um eine Jause zu essen,
indem sie da oder dort eine Feige oder einen Apfel
stibitzen. Das ist nur so eine Idee; er ist sich
noch nicht ganz sicher, ob er es wirklich tun soll.
Das Straßenpflaster hört hier auf,
unmittelbar nach dem Haus; dann beginnt die
Sandstraße des Vororts, die bis weit in das offene
Land hineinführt. Wer weiß wie angenehm das sein
muß, wenn man in der Kutsche fährt und die Hufeisen
der Pferde und die Wagenräder von dem harten,
lärmenden Pflaster auf die weiche, leise Sandstraße
gelangen. Das muß wohl ganz ähnlich sein, wie wenn
der Professor, nachdem er ihn so heftig ausgezankt
hat, weil er ihn geärgert hat, plötzlich mit sanfter
Güte, gemischt mit resignierender Melancholie, zu
ihm spricht, und ihm das um so mehr wohl tut, als es
ihn von der befürchteten Strafe entfernt. Ja, aufs
Land hinauslaufen; hinaus aus der Enge der letzten
Häuser dieses muffigen Vororts, bis dort unten hin,
wo sich die Straße am Ausgang des Ortes zu einem
Platz verbreitert. Nun steht dort das neue Spital,
und dessen frisch gekalkte Wände sind noch so weiß,
daß man in der Sonne die Augen schließen muß, so
sehr blenden sie. Neulich erst haben sie dort alle
Kranken hintransportiert, die vorher im alten Spital
gelegen hatten, mit Ambulanzwagen und auf Bahren; es
sah aus wie ein Fest, als die alle so in einer
langen Reihe dahinzogen, die Amblanzen voran, mit
den wehenden Vorhängen an den Fenstern; und für die
schwerer Kranken, diese schönen auf Federlagern wie
Spinnen auf ihrem Netz schwingenden Bahren. Aber
jetzt ist es schon spät; die Sonne wird bald
untergehen, und die Rekonvaleszenten werden nicht
mehr da und dort an den Fenstern lehnen, in ihren
grauen Hemden und den weißen Käppchen, um traurig
das alte Kirchlein gegenüber anzusehen, das zwischen
den paar Häusern dort, die auch schon alt sind,
hervorragt, zusammen mit dem einen oder anderen
Baum. Hinter dem kleinen Platz schließlich wird aus
der Straße eine reine Landstraße, die den Hügel
hinaufklettert.
Cinci bleibt stehen; er bläst wieder
hörbar die Luft aus. Soll er denn wirklich dorthin
gehen? Er macht sich wieder auf den Weg, die Lust
ist ihm vergangen, denn er fühlt, wie in seinen
Eingeweiden all das Böse brodelt, das ihm aus vielen
Dingen zuwächst, die er sich nicht erklären kann:
seine Mutter, wie sie lebt, wovon sie lebt, nie zu
Hause, und dabei versteft sie sich darauf, ihn immer
noch n die Schule zu schicken; verdammte Schule, so
weit weg; jeden Tag, selbst wenn er nur so
dahinfliegt, braucht er wenigstens drei
Viertelstunden von da unten, wo er wohnt, um dorthin
zu gelangen; und dann zu Mittag wieder nach Hause;
und dann wieder in die Schule, kaum daß er zwei
Bissen heruntergewürgt hat; wie soll er nur
rechtzeitig kommen? Und seine Mutter sagt, er
verliere seine Zeit beim Spielen mit dem Hund, und
er sei ein Taugenichts, und kurz und gut, sie wirft
ihm immer dieselben Dinge vor: er lernt nicht, er
ist schmutzig, wenn sie ihn Einkaufen schickt,
hängen ihm die Händler die schlechteste Ware an...
Wo ist denn Fox?
Ach da: er trottet ihm hinterdrein,
das arme Vieh. Na, der weiß wenigstens, was er tun
muß: seinem Herrn folgen. Etwas tun: genau das ist
der Grund seiner Unruge: daß er nicht weiß was. Sie
könnte ihn ihm ja wirklich auch geben, seine Mutter,
den Hausschlüssel, wenn sie tagsüber zum Nähen, wie
sie ihm zu verstehen gibt, in die Häuser der
Herrschaften geht. Aber nein, sie sagt, sie habe
kein Vertrauen, und wenn sie noch nicht da ist, wenn
er von der Schule kommt, dann könne es nicht mehr
lange dauern und er solle ruhig warten. Wo? Dort,
still vor der Tür? Manchmal hat er sogar zwei
Stunden dort gewartet, in der Kälte, und auch im
Regen; und dann ist er, anstatt ich unterzustellen,
justament zu der Ecke gelaufen, um die ganze Dusche
aus der Regenrinne auf den Kopf zu bekommen, damit
sie ihn zum Auswringen naß vorfinden sollte. Endlich
sieht er sie kommen, keuchend mit einen geliehenen
Schirm, glühendem Gesicht, die glänzenden Augen
wichen ihm aus, und sie war so nervös, daß sie nicht
einmal den Schlüssel in der Tasche fand.
„Bist du naß geworden? Nimm’s nicht
tragisch, ich bin aufgehalten worden.“
Cinci runzelt die
Brauen. An gewisse Dinge will er nicht
denken. Aber seinen Vater, den hat er
nie gekannt. Man hat ihm gesagt, er wäre
gestorben, noch ehe er zur Welt kam;
aber wer er gewesen ist, das hat man ihm
nicht gesagt; und jetzt will er nicht
mehr danach fragen, und er will es auch
gar nicht mehr wissen. Es kann ja auch
dieser Invalide sein, der sich auf einer
Seite hinkend dahinschleppt ‑ ja, bravo,
natürlich in die nächste Schenke. Fox
baut sich vor ihm auf und verbellt ihn.
Wahrscheinlich ist es die Krücke, die
ihm solchen Eindruck macht. Und da sind
all diese Frauen, die in einem Haufen
beeinanderstehen, mit ihren großen
Bäuchen, ohne daß sie doch schwanger
wären; na, eine vielleicht schon; die,
deren Kleidersaum sich vorne eine
Handbreit über den Boden hebt und hinten
die Straße fegt; und diese andere, die
mit dem Kind im Arm, das sie eben von
der Brust abnimmt... ach, pffff, was für
eine schlaffe Haut! Seine Mamma ist
schön, und noch immer so jung, ihm hat
sie als Kind auch Milch gegeben, so aus
der Brust, vielleicht in einem Haus auf
dem Land, in einer Scheune, im
Sonnenschein. Er hat eine vage
Erinnerung an ein Haus auf dem Land,
Cinci; in dem hat er vielleicht, wenn er
es nicht geträumt hat, in seiner
Kindheit gewohnt, oder vielleicht hat er
es damals gesehen, wer weiß wo. Jetzt
freilich, wenn er sie so aus der Ferne
betrachtet, die Häuser auf dem Land,
dann fühlt er die Traurigkeit, die sich
dort ausbreiten muß, wenn es Abend wird,
mit den Petroleumlampen, die man dann
anzündet, solche Lampen, wie man sie von
einem Zimmer ins andere trägt, und wie
man sie von draußen durch ein Fenster
verschwinden und im anderen wieder
auftauchen sieht.
Jetzt ist er auf dem
Platz angekommen. Nun sieht man die
ganze Ausdehnung des Himmels vor sich,
auf dem das Rot des Sonnenuntergangs nun
schon einem gedämpften Farbton gewichen
ist, und über dem schwarz erscheinenden
Hügel das zarte Hellblau. Auf der Erde
liegt schon der Schatten des Abends, und
der die große weiße Mauer des Spitals
hat sich ein wenig bläulich verfärbt.
Irgendein altes Weiblein läuft verspätet
zum Vespergebet in die Kirche. Plötzlich
bekommt Cinci auch Lust hineinzugehen,
und Fox bleibt stehen und seht ihn an,
denn er weiß sehr gut, daß er da nicht
hineindarf. Vor dem Eingang keucht die
verspätete Alte und müht sich mit dem
ledernen Türvorhang ab, der für sie viel
zu schwer ist. Cinci hilft ihr ihn
aufzuheben, aber sie sieht ihn nur böse
an, statt ihm zu danken, denn sie errät,
daß er nicht aus Frömmigkeit in die
Kirche geht. Das Kirchlein hat die
Steifheit einer Grotte; auf dem
Hauptaltar die zuckenden Lichtblitze
zweier flackernder Kerzen nd da und dort
irgendein verlorenes Lämpchen. Sie hat
so viel Staub angesammelt, die arme
Kirche, durch ihr hohes Alter; und der
Staub riecht abgestanden in dieser
feuchten Roheit; die düstere Stille
scheint mit allen Echos nur auf den
geringsten Lärm zu warten. Cinci
überkommt die Versuchung, einen Gebrüll
loszulassen, um sie alle aufzuschrecken.
Die Betschwestern haben sich in den
Bänken aufgereiht, eine jede auf ihrem
Platz. Nein, kein Gebrüll, aber dieses
Bücherbündel, das so schwer an ihm
hängt, mit Krach auf den Boden werfen,
als wäre es ihm zufällig aus der Hand
gefallen, warum nicht? Er wirft es, und
sofort springen die Echos dem dröhnenden
Aufprallen entgegen und ersticken es in
fast verächtlicher Weise. Das mit dem
Echo, das ein Geräusch anspringt wie ein
im Schlaf gestörter Hund und es
erstickt, das ist eine Erfahrung, die
Cinci schon mehrfach mit Vergnügen
gemacht hat. Man darf die Geduld der
armen entsetzten Beginen nicht
mißbrauchen. Cinci verläßt die Kirche;
er findet Fox, der auf ihn wartet und
geht weiter die Straße, die den Hügel
hinaufführt. Irgendein Obst, um etwas zu
naschen, das muß sich doch finden
lassen, wenn er weiter hinten über eine
Mauer klettert und sich zwischen die
Bäume schlägt. Er hat ein Gefühl der
Leere; aber er weiß nicht, ob es
eigentlich das Bedürfnis nach Essen ist
oder diese Unruhe, daß er etwas tun muß,
die sich ihm auf den Magen geschlagen
hat.
Eine Landstraße, ergauf,
einsam; Kieselsteine, die den Eseln
manchmal zwischen den Hufen stecken
bleiben, dann ein Stück herunterkullern
und dann dort liegen bleiben, wo sie zum
Stillstand kommen; da ist schon einer:
ein Tritt mit der Schuhspitze: Genieß,
flieg! Gras, das am Straßenrand oder am
Fuß der Mauern hervorsprießt, lange
Haferhalme mit ihren Büscheln drauf, das
macht Spaß, die abzustreifen: all die
kleinen Haferbüschel bleiben dann
zwischen den Fingern zurück; dann wirft
man sie jemandem nach und so viele auf
ihm hängen bleiben, so viele Ehemänner
wird sie haben, wenn es eine Frau ist,
und so viele Ehefrauen wenn es ein Mann
ist. Cinci will das mit Fox
ausprobieren. Sieben Ehefrauen, keine
einzige weniger. Aber eigentlich gilt
das nicht, denn auf dem schwarzen Fell
von Fox sind alle auf einmal
hängengeblieben. Und Fox, der alte
Dummkopf, hat die Augen geschlossen und
ist ruhig stehen geblieben, ohne den
Scherz zu verstehen, mit diesen sieben
Ehefrauen am Leib.
Jetzt mag er nicht mehr
weitergehen, Cinci ist müde und hat es
satt. Er läßt sich auf der Mauer links
neben der Straße nieder und betrachtet
von dort aus die Larve des Mondes, die
sich eben beginnt, mit einem blassen
Gold zu beleben, inmitten des Grün, das
sich in der zu Ende gehenden
Abenddämmerung auflöst. Er sieht ihn und
sieht ihn auch wieder nicht; so wie die
Dinge ihm im Kopf umherfliegen und eines
sich in das andere verwandelt, und alle
zusammen ihn immer weiter von diesem
seinen Körper, der da unbeweglich sitzen
bleibt, entfernen, so sehr, daß er ihn
gar nicht mehr spürt; seine eigene Hand,
wenn er die erblickte, so wie sie da auf
dem Knie liegt, erschiene ihm als die
Hand eines Fremden, und ebenso sein Fuß,
der da herunterbaumelt, mit dem
zerschlissenen, schmutzigen Schuh daran.
Es ist nicht mehr sein Körper: er ist in
den Dingen drinnen, die er sieht und
auch nicht sieht, in dem sterbenden
Himmel, in dem sich entzündenden Mond,
und dort in diesen düsteren Baummassen,
die in die dünn gewordene Luft
hineinragen, und hier in der lockeren,
schwarzen, vor kurzem erst umgestochenen
Erde, aus der noch diese faulige
Feuchtigkeit der Schwüle dieser letzten
Oktobertage, in denen die Sonne noch
warm scheint, aufsteigt.
Plötzlich, so
gedankenverloren er auch ist, zuckt er
zusammen, und instinktiv greift er sich
mit einer Hand ans Ohr. Unter der Mauer
dringt ein Lachen hervor. Ein Junge in
seinem Alter, ein Bauernlümmel, hat sich
dort unten versteckt, auf der Seite der
Äcker. Auch er hat einen langen
Haferhalm abgerissen und die Samen
abgestreift, hat am Ende eine Schlinge
gemacht und ganz leise, den Arm
ausstreckend, versucht, Cinci am Ohr zu
erwischen. Kaum wendet Cinci sich
ärgerlich um, macht er ihm ein Zeichen,
still zu sein und streckt den Halm an
der Mauer entlang aus, wo zwischen zwei
Steinen die Schnauze einer Eidechse
sichtbar wird, die er mit dieser
Schlinge schon seit einer Stunde zu
erhaschen sucht. Cinci reckt den Hals
und sieht zu, in banger Erregung. Das
Tierchen hat, ohne es zu merken, von
selbst den Hals in die dort hingehaltene
Schlinge gesteckt; aber das ist noch zu
wenig; es gilt zu warten, daß es den
Kopf noch weiter vorstreckt, aber
vielleicht zieht es ihn ja auch zurück,
wenn die Hand, die den Haferhalm hält,
zittert und es dadurch die Falle
bemerkt. Vielleicht ist es gerade dabei,
sich aus dieser Zufluchtsstätte
herauszustürzen, die ihm zu einem
Gefängnis geworden ist. Ja! Ja! Aber nun
aufgepaßt, im richtigen Augenblick
zugezogen, damit man es erwischt. Es ist
ein einziger Augenblick. Da haben wir
es! Nun zappelt die Eidechse wie ein
Fischlein an der Spitze dieses
Haferhalms. Unwiderstehlich angezogen
springt Cinci von der Mauer herab; der
andere jedoch, vielleicht aus Angst,e r
wollte ihm das Tierchen abnehmen, läßt
den Arm ein paarmal im Kreis durch die
Luft schwingen und schlägt es dann mit
aller Kraft gegen eine Steinplatte, die
dort zwischen dem Gestrüpp liegt.
„Nein!“ schreit Cinci; aber es ist schon
zu spät. Die Eidechse liegt unbeweglich
auf der Steinplatte, ihr weißer Bauch
glänzt im Mondlicht. Cinci wird wütend.
Ja, auch er wollte, daß dieses arme Tier
gefangen wird, weil auch ihn einen
Augenblick lang die Jagdlust ergriffen
hat, die in allen Menschen verborgen
lauert. Aber es so einfach umzubringen,
ohne es auch nur aus der Nähe zu
betrachten, die fast qualvoll scharfen
Äuglein, das Beben der Flanken, das
Zittern dieses ganzen grünen
Körperchens; nein, das war wirklich dumm
und gemein. Und Cinci schlägt mit aller
Kraft seine Faust gegen die Brust dieses
Jungen, und der fällt rücklings auf den
Boden und rutscht noch ein Stück weiter,
um so weiter als er so plötzlich das
Gleichgewicht verlierend, versucht hat,
nicht zu fallen und wieder Tritt zu
fassen. Aber kaum liegt er, da springt
er auch schon wieder wütend in die Höhe,
packt einen Erdklumpen und wirft ihn
Cinci ins Gesicht; der sieht nichts mehr
und verspürt im Mund diesen feuchten
Geschmack, der nach Schmach riecht und
ihn nun jede Beherrschung verlieren
läßt. Auch er nimmt einen Erdbrocken und
wirft ihn auf den Gegner. Das Duell der
beiden wird auf der Stelle zum heftigen,
schonungslosen Kampf. Der andere ist
freilich geschickter und schneller. Er
trifft immer, und er kommt ihm immer
näher, mit diesen Erdklumpen, die, wenn
sie auch keine Wunden verursachen, doch
dumpf und hart aufprallen und, während
sie auseinanderbrechen, wie ein
hagelschauer auf ihn niedergehen, auf
die Brust, ins Gesicht, in die Hare, in
die Ohren, sogar in die Schuhe. Halb
erstickt, dreht Cinci, als er schon
nicht mehr weiß, wie er sich verteidigen
soll, sich wütend um, tut einen Satz und
reißt mit erhobenemr Hand einen Stein
aus der Mauer. Irgendwer läuft dort weg:
das wird wohl Fox sein. Kaum hat er den
Stein geworfen, da ist plötzlich ‑ wie
ist das möglich? ‑ in all dem, was
vorher vor seinen Augen tanzte und sich
ineinanderschob, diese Massen von
Bäumen, im Himmel der Mond wie ein
Strich aus Licht, Ruhe eingetreten: da,
nun bewegt sich nichts mehr, als hätte
die Zeit und mit ihr alle Dinge in einem
in einem verblüfften Staunen
innegehalten, rund um diesen Jungen, der
bäuchlings auf der Erde liegt. Cinci,
noch keuchend, schlägt das Herz bis zum
Hals. Er schaut entsetzt, an die Mauer
gelehnt, auf diese unglaubliche
schweigende Unbeweglichkeit des Ackers
unter dem Mond, auf diesen Jungen, der
da liegt, das Gesicht halb in der Erde
verborgen, und fühlt in sich das Gefühl
einer ewigen Einsamkeit wachsen, heftig
wachsen, vor der er auf der Stelle
fortlaufen muß. Nein, das ist er nicht
gewesen; er hat nichts davon gewollt; er
weiß nichts darüber. Und dann, ja,
geradeso, als ob er es nicht gewesen
wäre, macht er einen Schritt und dann
noch einen, und beugt sich hinunter, um
zu schauen. Der Junge hat den Schädel
eingeschlagen, der Mund ist voll
schwarzem, mit der Erde verkrusteten
Blut, ein Bein ragtt ein bißchen nackt
hervor, zwischen dem Hosenbein, das
hinaufgerutscht ist, und der
Baumwollsocke. Tot, als ob er es immer
schon gewesen wäre. Das ist alles, als
wäre es ein Traum. Er muß aus diesem
Traum erwachen, um rechtzeitig
fortzugehen. Dort, wie in einem Traum,
liegt diese Eidechse zerschmettert auf
dem flachen Stein, den Bauch in den
Mondschein gereckt und den Haferhalm
noch immer am Hald hängend. Er geht
fort, sein Bücherbündel wieder unter den
Arm geklemmt und Fox hinter ihm drein,
der auch von nichts weiß.
Als er nach und nach
sich immer weiter entfernt, von dem
Hügel herabsteigt, wird er immer mehr
von einem so seltsamen Sicherheitsgefühl
erfüllt, daß er sich nicht einmal
beeilt. Er kommt zu dem menschenleeren
Platz; auch hier ist der Mond, aber ein
anderer Mond, den nun, hier, beleuchtet
er, ohne von irgend etwas zu wissen, die
weiße Fassade des Spitals. Da ist nun
die Vorortstraße, so wie zuvor. Er langt
zu Hause an: Seine Mutter ist noch nicht
gekommen. Er muß also nicht einmal
erzählen, wo er gewesen ist. Er ist hier
gewesen und hat auf sie gewartet. Und
dies wird, so wie es nun für seine
Mutter die Wahrheit wird, auf der Stelle
auch für ihn die Wahrheit; da ist er ja
tatsächlich, den Rücken an die Wand
gelehnt, wartend neben der Tür.
Es genügt, wenn man ihn
so findet.
|
Da lacht doch jemand - (C'è qualcuno che
ride – 1937) |
|
aus dem Italienischen von Michael
Rössner |
 |
Ein Raunen schlängelt sich mitten
durch die vielen Menschen, die hier beisammen
stehen:
„Da lacht doch jemand.“
Da oder dort, wo immer dieses Raunen
hingelangt, ist es, als richte sich plötzlich eine
Viper auf, oder als springe eine Grille in die Höhe,
oder als blitze unerwartet ein Spiegel auf und
blende die Augen mit gleißendem Licht.
Wer wagt es zu lachen?
Alle fahren herum und sehen sich mit
zornblitzenden Augen um.
(Der riesige Salon, den über der
Schar der Gäste der Lichtschein vier großer
Kristallüster erleuchtet, verharrt da oben in seiner
düsteren, staubigen Altertümlichkeit, als wäre er
erloschen und verlassen; beunruhigt erscheint nur,
von einem Ende des Gewölbes bis zum anderen, die
Kruste des gewaltigen Barockfreskos, das sich doch
so bemüht hat, die wilden Ausschweifungen seiner
Farben in einem ewigen Nachtdunkel zu ersticken und
verschwimmen zu lasen; man würde meinen, er könne es
kaum erwarten, daß auch dort unten endlich all die
Unruhe aufhöre und der Salon geräumt werde.)
Das eine oder andere längliche,
mühsam durch ein mitleidvolles Dehnen zu einem
betroffenen, verständnisvollen Lächeln verzogene
Gesicht mag sich ja finden lassen, wenn man genau
hinsieht; aber eines, das lachen würde, richtig
lachen, das nicht. Nun, verständnisvoll lächeln, das
mag wohl hingehen, ja, es könnte geradezu geboten
sein, wenn man bedenkt, daß diese ‑ überaus ernste ‑
Zusammenkunft sich auch den Anstrich einer der in
Faschingszeiten üblichen städtischen Zerstreuungen
geben möchte. Tatsächlich hat da ja auf einer mit
einem schwarzen Teppich abgedeckten Fläche ein
kleines Orchester totenschädelartiger Glatzköpfe
Aufstellung genommen und spielt endlos
tanzmusikartige Stücke, und da sind auch tatsächlich
Paare, die tanzen, auf Aufforderung, ja fast auf
Befehl der eigens herbeigerufenen Photographen hin,
um dieser Zusammenkunft den Anstrich eines
Tanzfestes zu verleihen.
So schreiend ist freilich das Rot,
das Himmelblau gewisser Abendroben, und so
ekelerregend die Zerbrechlichkeit gewisser nackter
Schultern und Arme, daß man beinahe meinen möchte,
diese Tänzer wären nur für diesen Anlaß von unter
der Erde heraufgeholt worden, Spielzeug aus anderen
Zeiten, wohlkonserviert und nun künstlich wieder
aufgezogen, um dieses Schauspiel zu gestalten. Man
hat richtig das Bedürfnis, nachdem man sie angesehen
hat, sich an etwas Solides, Grobschlächtiges zu
klammern. Ja, hier zum Beispiel, an den Nacken
dieses speckfaltigen Nachbarn, über dessen gerötetes
Gesicht der Schweiß läuft und der sich mit einem
überaus weißen Taschentuch Luft zufächelt; oder an
die idiotengleiche Stirn dieser alten Dame. Seltsam:
Dort, die Blumen auf dem schäbigen Tischchen mit
Erfrischungen, die sind nicht künstlich, und deshalb
stimmt es einen so traurig, wenn man an die Gärten
denkt, in denen sie heute morgen unter einem hellen,
feinen Sprühregen, der in den Gesichtern brannte,
gepflückt wurden; wie schade um diese bleiche Rose,
die in ihren abgefallenen Blättern einen
ersterbenden Geruch nach gepudertem Fleisch bewahrt.
Da und dort, verloren unter der
Masse von Leuten, steht wohl auch der eine oder
andere Gast im Domino und sieht aus wie ein
Laienbruder auf der Suche nach dem Begräbniszug.
Die Wahrheit ist: Alle diese Gäste
haben keine Ahnung vom Grund dieser Einladung. Die
lief einfach in der Stadt um wie der Appell zu einer
Versammlung. Nun sind sie unschlüssig, ob es eher
angebracht wäre, sich ein wenig abzusondern oder
sich möglichst allen zu zeigen (was bei so vielen
Menschen alles andere als leicht wäre), und so
beobachtet einer den anderen, und wer sich dabei
beobachtet sieht, sich zurückzuziehen oder sich
bemerkbar zu machen, der verwelkt auf der Stelle und
hält inne; denn hier hat auch einer den anderen im
Verdacht, und das allgemeine Mißtrauen in dem
Gedränge führt zu Obsessionen, die sich nur sehr
schwer beherrschen lassen; schräge Blicke werden
über die Schulter geworfen und fahren sofort zurück
wie ertappte Schlangen, wenn sie entdeckt werden.
„Ach, sieh mal, du bist auch hier?“
„Na, wir sind doch alle hier,
scheint’s.“
Unterdessen wagt niemand nach dem
Warum zu fragen, weil jeder fürchtet, er wäre der
einzige, der es nicht weiß, was ihn wiederum
zweifelsohne schuldig machen würde, falls diese
Versammlung einberufen wurde, um eine schwerwiegende
Entscheidung zu treffen. Ohne sich dabei erwischen
zu lassen, suchen einige mit den Blicken jene zwei
oder drei, von denen man doch annehmen würde, daß
sie imstande sein müßten, es zu wissen; aber sie
finden sie nicht. Sie werden sich wohl in einem
geheimen Raum zu einer Beratung versammelt haben,
einen Raum, in den von Zeit zu Zeit jemand
hineingerufen wird, erbleichend diesem Ruf folgt und
die anderen in banger Verwirrung zurückläßt. Man
versucht, aus dem Charakter des Gerufenen, aus
seiner Stellung und seinen Verbindungen darauf zu
schließen, um was es wohl bei diesen Beratungen
gehen kann, und man kommt dabei zu keinem Schluß,
weil eben zuvor ein anderer mit ganz gegensätzlichem
Charakter und ganz entgegengesetzten Verbindungen
gerufen worden war.
In der allgemeinen
Betroffenheit ob dieses Rätsels wächst
die Erregung immer mehr. Man weiß ja,
wie schnell sich Unruhe mitzuteilen
pflegt, und wie schnell aus einer
Botschaft, wenn sie von Mund zu Mund
weitergegeben wird, eine ganz andere
wird. So kommen von einem Ende des
Salons zum anderen solche
Ungeheuerlichkeiten heraus, daß man ganz
niedergeschmettert zurückbleibt. Und aus
den brodelnden Gemütern steigt etwas auf
und breitet sich aus, wie ein Alptraum,
in dem, zu dem beklemmenden,
schmerzlichen Klang dieses Orchesters,
zwischen dem Stimmengewirr, das einen
ganz taub macht, und vor dem Widerschein
der Lichter in den Spiegeln vor eines
jeden Augen, die seltsamsten
Erscheinungen aufblitzen; und wie ein
Rauch, der in dichten Ringen
herausquillt, dringen aus den Gewissen,
die im geheimen das Feuer
uneingestandener Gewissensbisse nähren,
Besorgnisse und Ängste und Befürchtungen
jeder Art; bei vielen löst der
instinktive Drang, die Sache sofort
wieder in Ordnung zu bringen, die
unerwartetsten Wirkungen aus: der eine
klappert unaufhörlich mit den
Augenlidern, der andere starrt seinen
Nachbarn an, ohne ihn zu sehen, und
lächelt ihm zärtlich zu, der dritte
knöpft ohne Unterlaß einen Westenknopf
auf und wieder zu. Besser, man tut, als
ginge einen das alles nichts an. An
etwas anderes denken. An Ostern, das
fällt heuer sehr spät. An einen
Menschen, der doch ausgerechnet
Buongiorno heißt. Ach, aber das ist
wirklich unerträglich, diese Komödie,
die wir mit uns selbst aufführen.
Die Tatsache (wenn sie
überhaupt zutrifft), daß einer lacht,
sollte doch nicht solchen Eindruck
machen, will mir scheinen, wenn alle in
dieser Stimmung sind. Was heißt da
Eindruck! Eine gewaltige Empörung, und
eben deshalb, weil alle in dieser
Stimmung sind; eine Empörung, als wäre
das eine persönliche Beleidigung, daß da
wirklich einer den Mut haben kann, ganz
offen zu lachen. Der Alpdruck lastet ja
eben deshalb so unerträglich auf allen,
weil es keinem zulässig erscheint zu
lachen. Wenn da einer zu lachen anfängt
und die anderen es ihm nachtun, wenn
dieser ganze Alpdruck sich plötzlich in
einen Schwall des allgemeinen Lachens
löst, na dann gute Nacht! In einer
solchen Ungewißheit und Spannung der
Seele muß man wenigstens glauben und
fühlen, daß die Versammlung heute abend
eine sehr, sehr ernste Angelegenheit
ist.
Aber ist denn da nun
wirklich dieser jemand, der immer noch
weiterlacht, trotz des Raunens, das sich
nun schon eine ganze Weile durch die
Versammlung schlängelt? Wer ist es? Wo
ist er? Den muß man doch aufspüren, ihn
an der Brust packen, ihn gegen die Wand
schleudern, und, alle mit vorgestreckten
Fäusten, fragen, weshalb er lacht und
über wen er lacht. Es scheint, es ist
nicht nur einer allein. Ach so, mehr als
einer? Man sagt, es wären wenigstens
drei. Was denn, wie denn, in Absprache
untereinander oder jeder für sich? Es
scheint, in Absprache, alle drei. Ach
so? Die sind also mit der bewußten
Absicht hierhergekommen zu lachen? Ja,
so scheint es.
Als erstes fiel so ein
großgewachsenes junges Mädchen auf, weiß
angezogen, ganz rot im Gesicht, das
blühende Leben, vielleicht ein bißchen
plump, daß sich vor Lachen kaum halten
konnte, in einer Ecke des Saals dort
drüben. Anfangs haben die Leute nicht
weiter drauf geachtet, sei es, weil sie
eine Frau war, sei es wegen des Alters.
Nur der unerwartete Klang des Lachens
wirkte störend, und einige haben sich
umgedreht, als ginge es da um eine
Unangemessenheit, sagen wir ruhig
Ungehörigkeit, ja sogar Unverfrorenheit,
wenn man es so nennen will, aber doch
wohl eine entschuldbare Unverfrorenheit:
Was denn? Das Lachen eines Kindes, das
zudem gleich abbrach, als die Kleine
sich beobachtet sah. Als sie dann aus
ihrer Ecke geflohen war,
vornübergebeugt, sich zusammenkrümmend,
beide Hände vor dem Mund, da war das
verständlich ‑ ja, das schon ‑ daß man
sie auch da drüben noch lachen hören
konnte, in einen förmlichen Lachkrampf
ausbrechend, vielleicht wegen der
Verkrampfung, mit der sie vor den Leuten
davonzulaufen suchte. Ein Kind? Nun
erfährt man eben, daß sie schon
wenigstens sechzehn Jahre alt war, und
zwei Augen besaß, die förmlich Flammen
sprühten. Es scheint, sie flieht von
einem Saal in den anderen, als würde sie
verfolgt. Aber ja, verfolgt wird sie,
tatsächlich verfolgt von einem sehr
hübschen Jungen, blond wie sie, der
lacht wie ein Verrückter, während er ihr
nachläuft; dann und wann freilich hält
er inne, erschreckt durch die
Unverfrorenheit, mit der sie überall
ihre Nase hineinsteckt; er möchte sich
gerne ein wenig Zurückhaltung
auferlegen, aber er schafft es einfach
nicht; er wendet sich hierhin und
dorthin, als höre er seinen Namen rufen,
und gewiß beißt er sich auf die Lippen,
um einen Anfall von Heiterkeit
zurückzuhalten, der in ihm drinnen
brodelt und ihm das Zwerchfell erbeben
läßt. Und jetzt haben sie auch den
dritten entdeckt, ein biegsames
Männchen, das sich tänzelnd durch die
Räume bewegt und mit den kurzen Ärmchen
wie mit zwei Trommelschlegeln in einem
fort auf die runde, massive Brust
schlägt; seine spiegelnde Glatze rahmt
ein roter, lockiger Haarkranz ein, in
seinem selig lächelnden Gesicht lacht
die Nase mehr als der Mund, die Augen
mehr als Mund und Nase zusammen, es
lacht das Kinn, es lacht die Stirn, ja
sogar die Ohren dieses Mannes lachen.
Einen Frack hat er an, wie alle anderen.
Wer hat den eingeladen? Wie sind die zu
dieser Versammlung gekommen? Niemand
kennt sie. Nicht einmal ich. Ich weiß
nur, daß er der Vater dieser beiden
jungen Leute ist, ein wohlhabender Herr,
der mit seiner Tochter auf dem Lande
lebt, während der Sohn hier in der Stadt
studiert. Sie werden zufällig auf dieses
vorgetäuschte Tanzfest geraten sein. Wer
weiß, was sie einander beim Kommen
zugeraunt haben, was für geheime
Einverständnisse und Scherze sie
untereinander seit langem verabredet
haben, Streiche, die nur ihnen bekannt
sind, Sprengstoff in der Hinterhand,
färbiges Pulver für ein Feuerwerk, das
bei dem geringsten Anlaß in die Luft
gehen kann, sei es auch bloß ein
flüchtiger Blick; jedenfalls können sie
nicht mehr beisammen sein; sie suchen
einander aber mit den Augen aus der
Ferne, und kaum erspähen sie einander,
wenden sie das Gesicht ab, und hinter
den vorgehaltenen Händen bricht so ein
gewisses Lachen hervor, das inmitten all
dieser Ernsthaftigkeit tatsächlich
skandalös ist.
Die Obsession dieser
Ernsthaftigkeit lastet so schwer und
erdrückend auf allen, daß niemand auch
nur den Gedanken zu fassen vermag, daß
diese drei außerhalb dieses Ernstes
stehen könnten, weit fort, und
stattdessen in sich drinnen einen
unschuldigen, vielleicht sogar dummen
Grund haben könnten, so einfach ohne
Anlaß zu lachen; das Mädchen zum
Beispiel, bloß weil es sechzehn Jahre
alt und gewohnt ist, wie ein Fohlen
mitten auf einer blumenbestandenen Wiese
zu leben, ein Fohlen, das bei jeder
Brise feurig in die Höhe steigt und
glücklich springt und galoppiert, ohne
daß es selbst wüßte warum. Man könnte
schwören, daß es gar nichts mitbekommt,
daß es nicht die geringste Ahnung von
dem Skandal hat, den es gemeinsam mit
dem Vater und dem Bruder
heraufbeschwört, die auch so fröhlich
und so fremd und ohne jede böse Ahnung
sind.
Und als sich am Ende
alle drei auf einem Sofa in dem Saal
dort drüben vereint wiederfinden, der
Vater in der Mitte zwischen Sohn und
Tochter, erschöpft und zufrieden, aber
mit einem großen Verlangen danach,
einander zu umarmen, vor lauter Freude
über die gelungene Unterhaltung, die aus
ihrer Freude in dieses schöne, helle
Lachen ausgebrochen ist wie in deN Lärm
einer rasch vergehenden Meeresbrandung,
da sehen sie plötzlich aus den drei
großen Glastüren wie eine schwarze Flut
unter einem plötzlich verdüsterten und
verschlossenen Himmel die ganze Masse
der Gäste auf sich zukommen, langsam,
sehr langsam, mit dem melodramatischen
Schritt einer finsteren Verschwörung,
und nun verstehen sie natürlich zunächst
gar nichts, sie glauben nicht, daß
dieses merkwürdige Manöver ihnen gelten
könnte und tauschen einen Blick, noch
immer ein wenig lächelnd; aber das
Lächeln erstirbt nach und nach in einer
immer stärkeren Beklemmung, bis sie, da
sie nicht fliehen und nicht einmal
zurückweichen können, den Rücken gegen
die Lehne des Sofas gepreßt, nun schon
nicht mehr von Beklemmung, sondern von
Schrecken erfüllt, instinktiv die Hände
heben, als wollten sie die Masse
abwehren, die weiter voranschreitend,
furchterregend über sie hereingebrochen
ist. Die drei Autoritäten, die sich
ihretwegen, aus keinem anderen Grund,
zur Beratung in den geheimen Raum
zurückgezogen hatten, eben wegen des
umlaufenden Gerüchts über ihr
unzulässiges Lachen, und die dort
beschlossen haben, dieses Verhalten in
denkwürdiger und exemplarischer Weise zu
bestrafen, sie sind eben durch die
Mitteltüre eingetreten und präsentieren
sich vor allen, die Kapuzen ihrer
Dominomäntel bis zum Kinn herabgezogen
und zum Scherz an den Händen mit drei
Servietten gefesselt, als wären sie
gefangene Verbrecher, die gekommen sind,
um Gnade zu flehen. Kaum stehen sie vor
dem Sofa, da bricht ein riesiges,
sardonisches Lachen aus der gesamten
Menge der Gäste lärmend hervor und hallt
in grauenhafter Weise mehrfach in dem
Saal wieder. Dieser arme Vater rudert
bestürzt und zitternd mit den Armen,
endlich gelingt es ihm, seine beiden
Kinder unter den Arm zu nehmen, und ganz
geduckt ergreift er die Flucht, während
ihm kalte Schauer den Rücken
hinunterlaufen, ohne daß er etwas
verstehen könnte, verfolgt von dem
gräßlichen Gedanken, sämtliche Einwohner
der Stadt könnten ganz plötzlich
irrsinnig geworden sein.
|
Das ist doch nichts ernstes -
(Non è una cosa seria – 1928) |
|
Erstveröffentlichung im
Corriere della Sera vom 7. Januar 1910. Keine wesentlichen Varianten bekannt
- die in
Beffe della morte e della vita
II (Florenz, 1903) veröffentlichte Novelle "La Signora Speranza"
unterscheidet sich im Inhalt doch beträchtlich. Ähnliches gilt für das eher
dieser Novelle nachgebildete Theaterstück Ma non è una cosa seria - "Aber
das ist doch nichts Ernstes" von 1918 - siehe Bd.?
aus dem Italienischen von Michael Rössner |
 |
Perazzetti? Nein. Der war nun wirklich eine Rasse für sich. Da sprach er
manchmal todernst, als wäre er nicht er selbst, den Blick auf seine langen,
gekrümmten Fingernägel gerichtet, die er mit allergrößter Sorgfalt pflegte.
Und freilich: dann, auf einmal, ohne ersichtlichen Grund... wie eine Ente,
jawohl, ganz genau so! Er brach in so gewisse Lachanfälle aus, die hörten sich
an wie das Schnattern einer Ente; und darin erklang ein Plätschern, genauso wie
eine Ente im Wasser.
Viele wollten gerade in diesen Lachanfällen den schlagendsten Beweis für
Perazzettis Wahnsinn sehen. Wenn er sich so mit Tränen in den Augen wand,
pflegten seine Freunde zu fragen: "Aber warum denn?"
Und er antwortete: "Nichts. Ich kann es euch nicht sagen."
Wenn man einen so lachen sieht, ohne daß er den Grund dafür verraten will, dann
macht einen das schon etwas stutzig, man bleibt zurück mit so einem gewissen
dummen Gesicht und einer gereizten Empfindung im Körper, die bei den sogenannten
"Nervenbündeln" leicht zu einer wilden Erregung und zu dem Wunsch werden kann,
dem anderen das Gesicht zu zerkratzen.
Da sie ihm das Gesicht nicht zerkratzen konnten, pflegten sich die sogenannten
"Nervenbündel" (die heutzutage immer häufiger werden) wütend zu schütteln und
sagten über Perazzetti: "Der ist verrückt!"
Hätte Perazzetti ihnen jedoch den Grund dieses entenartigen Lachanfalls
verraten... Aber er konnte ihn oft nicht nennen, nein, wirklich, er konnte es
nicht tun.
Er hatte nämlich eine äußerst bewegliche und unerhört launenreiche Phantasie,
die sich beim Anblick anderer Leute damit vergnügte, ihm in seinem Inneren, ohne
daß er es gewollt hätte, die ausgefallensten Bilder und das Aufblitzen überaus
komischer, unbeschreiblicher Ansichten vor Augen zu führen; ihm mit einem Mal
gewisse seltsame, versteckte Analogien zu enthüllen, ihm ganz
unvorhergesehenermaßen so groteske und komische Kontraste vorzuführen, daß er
das Gelächter einfach nicht mehr zurückhalten konnte.
Wie hätte er anderen das augenblickliche Spiel dieser flüchtigen, nicht einmal
gedachten Bilder erklären sollen?
Perazzeti wußte sehr gut, aus eigener Erfahrung, wie sehr bei jedem Menschen der
Grund seines Wesens sich von den trügerischen Auslegungen unterscheidet, die
jeder spontan oder aufgrund einer unbewußten Täuschung davon gibt, aufgrund des
Bedürfnisses, uns für andere zu halten oder für andere gehalten zu werden, als
wir tatsächlich sind, oder aufgrund der Nachahmung anderer, oder auch einfach
aus Not und sozialem Zwang.
Über diesen Grund des Wesens hatte er besondere Studien angestellt. Er nannte
ihn "die Höhle des Viehs". Und er meinte damit das ursprüngliche Tier in jedem
von uns, versteckt unter so vielen Schichten des Bewußtseins, die nach und nach
im Lauf der Jahre darüber gewachsen sind.
Der Mensch, pflegte Perazzeti zu sagen, wird, wenn man ihn an dieser oder jener
Schicht des Bewußtseins anrührt, kitzelt, mit Verbeugungen antworten, mit
Lächeln, er wird die Hand ausstrecken, Guten Morgen oder Guten Abend sagen,
vielleicht auch dem anderen hundert Lire leihen; aber wehe, man stochert da
unten herum, in der Höhle des Viehs: Da kommt dann der Dieb heraus, der Schuft,
der Mörder. Allerdings muß man zugeben, daß nach so vielen Jahrhunderten der
Zivilisiertheit einige in ihrer Höhle nun schon ein allzu gedemütigtes,
degeneriertes Vieh mit sich herumtragen: ein Schwein etwa, das jeden Abend einen
Rosenkranz betet.
Im Wirtshaus studierte Perazzeti die gebremste Ungeduld der Gäste. Nach außen
hin Wohlerzogenheit; drinnen wollte der Esel seinen Hafer, aber schnell. Und er
unterhielt sich königlich, wenn er sich all die verschiedenen Tierarten ausmalte,
die in den Höhlen seiner Bekannten verkrochen waren: dieser hatte sicherlich
drinnen einen Ameisenhaufen, jener ein Stachelschwein, der dritte dort einen
Truthahn, und so fort.
Häufig hatten jedoch Perazzettis Lachanfälle einen, sagen wir, konstanteren
Grund. Und der ließ sich nun wirklich nicht so einfach vor allen ausbreiten;
wenn überhaupt, könnte man ihn höchstens dem einen oder anderen ins Ohr flüstern.
Wenn man ihn so im Vertrauen erfuhr, dann, das versichere ich Ihnen, dann
bewirkte er unvermeidlich den allerlärmendsten Lachanfall. Einmal vertraute er
ihn einem Freund an, bei dem ihm daran lag, nicht als verrückt zu gelten.
Ich kann ihn euch nicht laut nennen; ich kann ihn gerade eben andeuten; ihr
werdet versuchen, ihn solcherart zu erhaschen, denn, wenn er laut ausgesprochen
würde, bestünde die Gefahr, daß das ganze als vulgär empfunden würde, und das
ist es nun wirklich nicht.
Perazzetti war alles andere als ein vulgärer Mensch; im Gegenteil, er behauptete
stets, eine hohe Meinung von der Menschheit zu haben, von all dem, was die
Menschheit, trotz des ursprünglichen Viehs in ihr, zu leisten vermocht hatte.
Aber Perazzetti vermochte andererseits auch nicht völlig zu vergessen, daß der
Mensch, der imstande war, so viele schöne Dinge zu schaffen, doch auch ein Vieh
ist, das frißt, und das infolgedessen gezwungen ist, tagtäglich gewissen intimen
natürlichen Bedürfnissen Genüge zu tun, die ihm sicherlich keine besondere Ehre
einlegen.
Wenn er einen armen Mann, eine arme Frau, in einer demütigen und unterwürfigen
Haltung sah, dann dachte Perazzetti nicht im geringsten daran; aber wenn er
dagegen gewisse Frauen sah, die sich den Anschein von Gemütstiefe gaben, gewisse
aufgeblasene Männer, die vor Stolz geradezu barsten, dann löste das in ihm
sofort das Bild dieser intimen natürlichen Bedürfnisse aus, denen auch diese
Leute zwangsläufig Tag für Tag gehorchen mußten; er sah sie bei dieser
Verrichtung und brach in ein unaufhaltsames Lachen aus.
Es gab keinen Adel eines Mannes und keine Schönheit einer Frau, die sich vor
dieser Katastrophe in der Vorstellung Perazzettis zu retten vermocht hätten; im
Gegenteil, je ätherischer und idealer eine Frau ihm erschien, je würdevoller und
ernster ein Mann, desto eher drängte sich ihm plötzlich dieses verdammte Bild
auf.
Nun denkt euch einmal, mit dieser Schwäche, Perazzetti als Verliebten.
Und er verliebte sich tatsächlich, der Unglückselige, er verliebte sich mit
einer erschreckenden Leichtigkeit! Er dachte an nichts mehr, versteht sich, er
hörte auf, er selbst zu sein, kaum daß er sich verliebt hatte; er wurde sofort
ein ganz anderer, wurde der Perazzetti, den die anderen sich wünschten, so, wie
ihn sich die Frau zu formen wünschte, der er in die Hände gefallen war, aber
nicht nur das, auch so, wie ihn sich die zukünftigen Schwiegereltern, die
zukünftigen Schwäger, ja sogar die Hausfreunde der Braut zu formen wünschten.
Er war wenigstens zwanzigmal verlobt gewesen. Und man konnte bersten vor lachen,
wenn er die vielen Perazzettis beschrieb, die er solcherart schon einmal gewesen
war, einer dümmer und idiotischer als der andere: der des Papageis der
Schwiegermutter, der der Fixsterne der kleinen Schwägerin, der der Bohnen des
Freundes von wer weiß ich wem.
Wenn die Glut der Flamme, die ihn sozusagen in den Zusatand der Schmelze
versetzt hatte, sich abzuschwächen begann, dann fand er sich allmählich in
seiner gewohnten Form wieder und begann sich wieder seiner selbst bewußt zu
werden; dann gewann er auch das Bewußtsein seiner selbst zurück, empfand
zunächst Staunen und Verblüffung bei der Betrachtung der Form, die man ihm
gegeben, der Rolle, die man ihn spielen lassen, des Zustandes der Verblödung, in
den man ihn versetzt hatte; und als er dann die Frau, die Schwiegermutter, den
Schwiegervater ansah, dann begannen die schrecklichen Lachanfälle von neuem, und
er mußte davonlaufen - es gab keinen Ausweg - er mußte davonlaufen.
Das Schlimme war nur, daß man ihn dann nicht mehr laufen lassen wollte. Er war
ja ein besonders netter junger Mann, dieser Perazzetti, wohlhabend und
außerordentlich sympathisch: mit einem Wort, das, was man eben eine
beneidenswerte Partie nennt.
Die Dramen, die er bei seinen zwanzig und mehr Verlöbnissen durchlebt hatte,
würden, wenn man sie in einem von ihm erzählten Buch sammelte, wohl eine der
erheiterndsten Lektüren unserer Tage abgeben. Aber was für die Leser Motiv des
Gelächters wäre, das waren doch leider ursprünglich Tränen, echte Tränen für den
armen Perazzetti, und Zorn und Beklemmung und Verzweiflung.
Jedes Mal versprach er, schwor er heilige Eide, er würde nicht mehr rückfällig
werden; er nahm sich vor, sich ein heldenhaftes, unerhörtes Mittel auszudenken,
das ihn vor amourösen Rückfällen bewahren sollte. Ach was! Die Rückfälle kamen
immer schon kurze Zeit später, und sie waren meist ärger als das Mal zuvor.
Eines Tages schließlich schlug wie eine Bombe die Nachricht ein, daß er sich
verheiratet hätte. Und er hatte niemand geringeren geheiratet als... Aber nein,
das wollte anfangs nun wirklich keiner glauben! Verrücktheiten hatte Perazzetti
ja wirklich jede Menge begangen; aber daß er so weit gehen würde, sich für das
ganze Leben an eine Frau wie die da zu binden...
Sich zu binden? Wenn dieses Wort einem der vielen Freunde, die ihn zu Hause
besuchten, entschlüpfte, dann war es ein Wunder, wenn Perazzetti ihn nicht
gleich auffraß.
"Sich binden? Was heißt da sich binden? Wieso denn sich binden? Hohlköpfe,
Idioten, Volltrottel seid ihr alle miteinander! Sich binden? Wer spricht denn
davon? Hast du das Gefühl, ich wäre gebunden? Na komm, hier herein... Das ist
doch mein gewohntes Bett, ja oder nein? Glaubst du vielleicht, das wäre ein
Ehebett? He, Celestino! Celestino!"
Celestino war sein alter treuer Diener.
"Sag einmal Celestino: Komme ich nicht jeden Abend allein hierher zum Schlafen?"
"Ja, gnädiger Herr, allein."
"Jeden Abend?"
"Jeden Abend."
"Wo speise ich?"
"Dort drüben."
"Mit wem speise ich?"
"Allein."
"Kochst du mir das Essen?"
"Jawohl, ich, gnädiger Herr."
"Und bin ich immer noch derselbe Perazzetti?"
"Immer noch derselbe, freilich, gnädiger Herr."
Sobald er den Diener nach diesem Verhör wieder fortgeschickt hatte, schloß
Perazzetti, die Arme ausbreitend:
"Somit..."
"Somit ist es nicht wahr?", fragte der andere.
"Aber natürlich ist es wahr! Ganz und gar wahr!" antwortete Perazzetti. Ich habe
sie geheiratet! In der Kirche hab ich sie geheiratet und vor dem Standesamt
auch! Aber was tut das schon? Hast du den Eindruck, daß das was Ernstes ist?"
"Nein, im Gegenteil, das ist vollkommen lächerlich."
"Na eben!", schloß Perazzetti von neuem. "Dann rück mir doch endlich von der
Pelle! Habt ihr noch nicht genug hinter meinem Rücken über mich zu lachen
gehabt? Tot wolltet ihr mich haben, was? Ständig die Schlinge um den Hals
gelegt? Nein, Schluß, Schluß, meine Lieben! Jetzt hab ich mich für immer davon
befreit! Da hat es diesen letzten Wirbelsturm gebraucht, dem ich nur wie durch
ein Wunder lebend entkommen bin."
Der letzte Wirbelsturm, auf den Perazzetti anspielte, war seine Verlobung mit
der Tochter eines Sektionschefs im Finanzministerium, des Commendatore Vico
Lamanna; und er hatte wirklich recht, Perazzetti, wenn er davon sprach, daß er
ihm nur wie durch ein Wunder lebend entkommen war. Er hatte sich auf Degen mit
ihrem Bruder Lino Lamanna schlagen müssen. Und da Lino einer seiner besten
Freunde war und er das Gefühl hatte, nichts, aber auch gar nichts gegen ihn zu
haben, hatte er sich großzügig aufspießen lassen wie ein Huhn.
Dabei hatte es diesmal geschienen - und jeder hätte die Hand dafür ins Feuer
gelegt - daß die Hochzeit wirklich stattfinden würde. Signorina Ely Lamanna, die
eine englische Erziehung genossen hatte - wie man auch am Vornahmen sehen konnte,
war ehrlich, offen, ein solider Charakter, mit beiden Beinen auf der Erde
stehend (sprich: sie trug amerikanische Schuhe); und so war es ihr ohne Zweifel
gelungen, die übliche Katastrophe in Perazzettis Phantasie zu überstehen.
Freilich, das eine oder andere Lachen war ihm entschlüpft, wenn er ihren
Schwiegervater, den Commendatore, betrachtete, der auch im Umgang mit ihm stets
in den Wolken schwebte und zu ihm manchmal mit dieser süßlichen Blumigkeit
sprach... Aber damit hatte es sich auch schon. Er hatte der Braut den Grund
seiner Lachanfälle in liebenswürdiger Form enthüllt, sie hatte mitgelacht, und
nachdem diese Klippe umschifft war, glaubte sogar er, Perazzetti, daran, daß er
diesmal endlich den ruhigen Hafen der Ehe erreichen würde (wie man so schön sagt).
Die Schwiegermutter war ein braves altes Weiblein, bescheiden und schweigsam,
und Lino, sein Schwager, schien wie gemacht dafür, in allem und jedem mit ihm
übereinzustimmen.
Tatsächlich wurden Perazzetti und Lino Lamanna vom ersten Tag des Verlöbnisses
an unzertrennlich. Mehr als mit der Braut konnte man sagen, daß Perazzetti mit
seinem zukünftigen Schwager zusammen war: Ausflüge, Jagdpartien, gemeinsame
Ausritte, gemeinsame Bootsausflüge auf dem Tiber mit dem Ruderklub.
Alles konnte er sich ausmalen, der arme Perazzetti, nur das nicht, daß dieses
Mal die "Katastrophe" gerade durch diese allzu große Intimität im Umgang mit dem
zukünftigen Schwager zustandekommen sollte, durch einen weiteren Streich, den
ihm seine krankhafte und spöttische Phantasie spielen sollte.
Plötzlich begann er nämlich an seiner Verlobten eine beunruhigende Ähnlichkeit
mit ihrem Bruder zu bemerken.
Das war in Livorno, wo er - natürlich mit den Lamannas - auf Badeferien gefahren
war.
Perazzetti hatte Lino so oft im Badetrikot gesehen, im Ruderklub; nun sah er die
Braut im Badekostüm. Er bemerkte sofort, daß Lino wirklich etwas Feminines an
sich hatte, im Bau der Hüften.
Wie Perazzetti reagierte, als er diese Ähnlichkeit bemerkte? Der kalte Schweiß
trat ihm auf die Stirne, er begann einen unüberwindlichen Abscheu vor dem
Gedanken zu empfinden, mit Ely Lamanna, die ihrem Bruder so ähnlich war, in
eheliche Intimitäten einzutreten. Sofort erschienen ihm diese Intimitäten als
etwas Monströses, geradezu Widernatürliches, da er in seiner Braut ihren Bruder
sah. Und bei der geringsten Liebkosung ihrer Hand begann er sich zu winden,
unter den Blicken dieser bald aufstachelnden und fordernden, bald in dem
Versprechen einer seufzenden Lust ermattenden Augen.
Konnte Perazzetti sie denn anschreien: "Ach Gott, hör doch auf, um Himmels
willen! Lassen wir es sein! Ich kann der beste Freund Linos sein, weil ich ihn
nicht heiraten muß, aber ich kann dich nicht mehr heiraten, weil ich das Gefühl
hätte, deinen Bruder zu heiraten!"?
Die Folter, die Perazzetti diesmal auszustehen hatte, war bei weitem schlimmer
als alle bisherigen. Es endete mit diesem Degenstoß, der ihn nur durch ein
Wunder nicht ins Jenseits beförderte.
Und kaum war er von der Wunde genesen, fand er endlich das heldenhafte,
unerhörte Mittel, das ihm den Weg der Heirat auf ewig versperren sollte.
Ja, wie denn - werdet ihr fragen - indem er heiratete?
Freilich! Filomena: die mit dem Hund. Indem er Filomena heiratete, diese arme
Schwachsinnige, die jeden Abend auf der Straße zu sehen war, aufgeputzt mit
schrecklichen, mit zerzaustem Gemüse beladenen Hüten, gezogen von einem
schwarzen Pudel, der ihr nie die Zeit ließ, ihre schneidenden Lachanfälle vor
den Polizisten, den Halbwüchsigen und den Soldaten zu Ende zu führen, weil er
immer so große Eile hatte - der verdammte Hund - weiß Gott wo anzukommen, in
irgend einem dunklen Winkel...
In der Kirche und auf dem Standesamt heiratete er sie; er las sie von der Straße
auf, setzte ihr zwanzig Lire täglich als Kostgeld aus und schickte sie weit fort,
aufs Land, mit dem Hund.
Die Freunde - das könnt ihr euch wohl denken - ließen ihm lange Zeit hindurch
keine Ruhe. Aber Perazzetti war nun wirklich ruhig geworden, ganz ernsthaft, er
schien gar nicht mehr er selbst zu sein.
"Ja", sagte er und betrachtete seine Fingernägel. "Ich habe sie geheiratet. Aber
das ist ja nichts Ernstes. Was das Schlafen betrifft, ich schlafe allein in
meinem Haus. Was das Essen betrifft, ich esse allein in meinem Haus. Ich sehe
sie nie. Sie stört mich nicht... Ihr sagt, es ist wegen des Namens? Na gut: ich
habe ihr meinen Namen gegeben. Aber, Herrschaften, was ist schon ein Name? Das
ist doch nichts Ernstes."
Ernste Dinge im strengen Sinn gab es für Perazzetti nicht. Alles liegt an der
Bedeutung, die man den Dingen zumißt. Eine überaus lächerliche Angelegenheit
kann ganz und gar ernst werden, wenn man ihr Bedeutung zubilligt, und umgekehrt
kann die ernsteste Angelegenheit sich plötzlich als lächerlich erweisen. Was
könnte ernster sein als der Tod? Und doch, für so viele, die dem Tod keine
Bedeutung zumessen...
Na gut; aber nach einiger Zeit wollten ihn die Freunde sehen! Wer weiß, wie er
die Sache dann bereuen würde!
"Schöne Prophezeihung!" entgegnete Perazzetti. "Natürlich werde ich es bereuen!
Ich beginne es ja jetzt schon zu bereuen..."
Als ihm dieser Satz entschlüpfte, fielen die Freunde laut ein: "Na! Siehst du?"
"Ach ihr Schafsköpfe!", gab Perazzetti zurück. "Gerade dann, wenn ich es
tatsächlich bereue, dann beginnt mein Heilmittel ja erst zu wirken, denn das
bedeutet, daß ich mich wiederum verliebt habe, so sehr, daß ich von neuem dabei
wäre, die größte, viehischste Dummheit zu begehen, die man begehen kann: mir
eine Frau zu nehmen.
Chor: "Aber du hast doch schon eine genommen!"
Perazzetti: "Die? Ach hört mir auf! Das ist doch nichts Ernstes."
Schlußfolgerung:
Perazzetti hatte geheiratet, um sich vor der Gefahr zu schützen, sich eine Frau
zu nehmen.
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Das wartende zimmer - (La camera in attesa – 1916) |
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Erstveröffentlichung Mai 1916 in
La lettura; keine
Varianten bekannt.
aus dem Italienischen von Michael
Rössner
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Es erhält auch jeden Morgen ein
wenig Licht, dieses Zimmer, wenn reihum eine der
drei Schwestern kommt, um ein wenig sauber zu
machen, ohne daß sie sich dabei umsieht. Aber kaum
daß Jalousien und Fenster wieder geschlossen und die
Blenden herabgestellt sind, wird der Schatten auf
der Stelle streng und hart wie in einem
unterirdischen Gewölbe; und als wäre dieses Fenster
seit Jahren nicht geöffnet worden, wird die Strenge
und Härte dieses Schattens sofort spürbar, wird
förmlich zu dem fühlenden Atem des in der Leere
hängenden Schweigens über den Möbeln und
Gegenständen, die ihrerseits jeden Tag wie bestürzt
erscheinen über die Sorgfalt, mit der man sie
abgestaubt, gesäubert und zurechtgerückt hat.
Der Wandkalender beim Fenster, der
spürt sicher das Abreißen eines weiteren Blattes
schmerzlich, als schiene es ihm eine unnötige
Grausamkeit, daß man ihn zwingt, in diesem leeren
Schatten und in diesem Schweigen noch das Datum
anzuzeigen. Und die alte Bronzeuhr in Form einer
Amphore auf der Marmorplatte der Kommode macht den
Eindruck, als empfinde sie die Gewalt, die man ihr
antut, indem man sie zwingt, noch immer hier drinnen
ihr dumpfes Ticktack auszustoßen.
Auf dem Nachttischchen jedoch
scheint die bauchige Wasserflasche aus grünem,
goldverziertem Kristallglas, der das lange,
umgestülpte Glas wie ein Hütchen auf dem Hals sitzt,
und die durch die Fensterblenden des
gegenüberliegenden Fensters einen kleinen
Lichtstrahl einfängt, über die ganze in dem Zimmer
verbreitete Bestürzung zu lachen.
Tatsächlich gibt es da etwas
Lebendiges und Witziges auf diesem Nachttischchen.
Das Lachen der Wasserflasche kommt
sicher von diesem Lichtstrahl, aber vielleicht auch
daher, daß es der bauchigen Flasche mit diesem
Lichtstrahl gelingt, auf der blanken Marmorplatte
die Grimassen der beiden Figuren zu erblicken, die
auf einer nun schon seit vierzehn Monaten hier
liegenden Zündholzschachtel abgebildet sind; so
lange liegt die Schachtel schon da, damit sie
gegebenenfalls bereit ist, die Kerze anzuzünden, die
auch schon seit vierzehn Monaten in dem Kerzenhalter
aus emailliertem Eisen in Form eines Kleeblatts
steckt, mit dem Griff und der Röhre aus Messing
daran.
In der Erwartung der Flamme, die sie
verzehren soll, ist die Kerze auf dem Kleeblatt des
Kerzenhalters allmählich gelb geworden wie eine
überreife Jungfrau. Und man möchte wetten, daß die
beiden wie Lausbuben grimassenschneidenden Figuren
auf der Zündholzschachtel sie mit den drei ebenfalls
schon ziemlich reifen Schwestern vergleichen, von
denen jeden Tag eine hier hereinkommt, um in dem
Zimmer sauber zu machen und aufzuräumen.
Ach, auch wenn sie noch ganz intakt
ist, die arme jungfräuliche Kerze, sollten die drei
Schwestern sie austauschen, wenn schon nicht jeden
Tag, wie sie es mit dem Wasser in der Flasche tun
(die auch deshalb so lebendig ist und so bereit, bei
jedem Lichtstrahl zu lachen), dann doch wenigstens
alle vierzehn Tage, jeden Monat meinetwegen! Damit
man sie nicht ansehen muß, wie sie so gelb da
steckt, damit man nicht in dieser Gelbheit die
vierzehn Monate sehen muß, die vergangen sind, ohne
daß irgendjemand sie angezündet hätte, abends auf
diesem Nachttischchen.
Und das ist wirklich eine
beklagenswerte Unterlassung, denn nicht nur das
Wasser in der Flasche, nein, alles wechseln diese
drei Schwestern: alle vierzehn Tage die Bettücher
und die Überzüge des Bettes, das sie jeden Morgen
mit liebevoller Sorgfalt machen, als hätte wirklich
jemand darin geschlafen; zweimal in der Woche das
Nachthemd, das sie jeden Abend, nachdem sie die
Decken zurückgeschlagen haben, aus dem Sack aus
Atlasstoff holen, der an dem blauen Bändchen am
Kopfende des weißen Bettgestells aufgehängt ist, und
auf dem Bett ausbreiten, wobei sie den hinteren
Schoß aufschlagen, wie es sich gehört. Und Gott, sie
haben sogar noch die Pantoffeln vor dem Lehnstuhl am
Fußende des Bettes gewechselt. Sicherlich: Die alten
haben sie fortgeworfen, in die Kommode, und an ihre
Stelle, dort auf den Bettvorleger, ein Paar neue,
samtene gestellt, die die Jüngste der Drei bestickt
hat. Und der Kalender? Der dort beim Fenster ist
schon der zweite. Der andere, der von vorigem Jahr,
der hat erleben müssen, wie sie ihm, eines nach dem
anderen, alle Blätter aller Tage sämtlicher zwölf
Monate ausgerissen haben, Morgen für Morgen, mit
unerbittlicher Pünktlichkeit. Und es besteht keine
Gefahr, daß die älteste der drei Schwestern einmal
darauf vergäße, jeden Samstag um vier Uhr
nachmittags in das Zimmer zu gehen, um die alte
Bronzeuhr auf der Kommode aufzuziehen, die so
unwillig die Stille mit ihrem Ticken zerreißt und
die beiden Zeiger ganz langsam über das Zifferblatt
bewegt, so daß man es nicht sieht, als wollte sie
damit sagen, daß sie es nicht absichtlich macht,
nicht zu ihrem Vergnügen, sondern deshalb, weil sie
durch das Aufziehen dazu gezwungen wird.
Die beiden grimassenschneidenden
Figuren der Zündholzschachtel sehen sichtlich
nicht, was die alte Bronzeuhr mit ihrem weißen,
runden Zifferblattauge und der Kalender von der Höhe
der Wand herab mit seiner roten Zahl, die das Datum
bezeichnet, sehen können: den traurigen Effekt
dieses auf dem Bett ausgebreiteten Nachthemds und
dieser beiden neuen Pantoffel, die auf dem
Bettvorleger vor dem Lehnstuhl warten.
Was die in dem Kleeblattkerzenhalter
steckende Kerze betrifft, nun die ist so gerade und
so verloren in ihrer gelben Steifheit, daß sie sich
nicht um das Vergnügen dieser beiden
grimassenschneidenden Figuren und um das Lachen der
bauchigen Flasche kümmert, weil sie recht gut weiß,
auf was sie dort wartet, noch unberührt und schon so
gelb geworden.
Auf was denn?
Tatsache ist, daß seit vierzehn
Monaten diese drei Schwestern und ihre schwerkranke
Mutter glauben, auf diese Weise die wahrscheinliche
Rückkehr ihres Bruders beziehungsweise Sohnes
Cesarino erwarten zu können und zu müssen,
Cesarinos, der als Leutnant der Reserve im 25.
Infanterieregiment nach Tripolitanien gegangen ist
(nun ist es schon mehr als zwei Jahre her) und dort
in den Fezzan abkommandiert wurde.
Seit vierzehn Monaten, das ist schon
richtig, sind sie ohne Nachricht von ihm. Mehr noch:
Nach vielen bangen Nachforschungen, Bitten und
Vorstellungen ist endlich vom Kolonial-Oberkommando
die offizielle Mitteilung eingelangt, daß der
Leutnant Mochi Cesare nach einem Gefecht mit
Aufständischen, da er weder unter den Toten noch
unter den Verwundeten, noch auch unter den
Gefangenen aufschien, von denen man sichere
Nachricht hatte, als vermißt gelten muß, ja geradezu
als spurlos verschwunden.
Zu Beginn hat dieser Fall bei allen
Nachbarn und Bekannten dieser Mutter und dieser
drei Schwestern großes Mitleid ausgelöst. Mit der
Zeit ist das Mitleid freilich erkaltet und von einer
gewissen Gereiztheit, bei manchen sogar von einer
wahren Entrüstung über das abgelöst worden, was als
"Komödie" erscheint, nämlich dieses so peinlich
genau in Ordnung gehaltene Zimmer, bis hin zu dem
auf dem aufgeschlagenen Bett ausgebreiteten
Nachthemd; fast so, als wollten diese vier Frauen
mit ihrer "Komödie" jenem armen jungen Mann ihren
Tribut an Tränen verweigern und sich selbst den
Schmerz ersparen, seinen Tod zu beweinen.
Nur zu bald haben die Nachbarn und
Bekannten vergessen, daß sie es ja selbst waren, ja,
gerade sie, die beim Einlangen der Mitteilung des
Kolonial-Oberkommandos, als diese Mutter und die
drei Schwestern schon begonnen hatten, den Tod ihres
geliebten Bruders und Sohnes mit herzzerreißenden
Schreien zu beklagen, sie nach und nach mit vielen
Argumenten, von denen eines überzeugender war als
das andere, dazu gebracht haben, nicht so zu
verzweifeln. Weshalb denn seinen Tod beweinen -
haben sie gesagt - wenn es doch in dieser Mitteilung
ausdrücklich heißt, daß man den Offizier Mochi nicht
unter den Toten gefunden hatte. Er war vermißt; er
konnte ja jeden Augenblick zurückkehren: aber ja,
auch nach einem Jahr, wer weiß! In Afrika, verirrt,
irgendwo verborgen... Und sie waren es auch, die
davon abrieten, ja, die Mutter und die drei
Schwestern beinahe daran verhinderten, sich schwarz
zu kleiden, wie sie es auch in der Unsicherheit am
liebsten getan hätten. "Nein, kein Schwarz", haben
sie damals gesagt. "Warum denn so ein böses
Vorzeichen setzen?" Und bei dem ersten Anflug von
Hoffnung in diesen armen Frauen, der sich noch in
Form eines Zweifels ausdrückte: "Wer weiß... ja,
vielleicht mag er noch am Leben sein", da haben sie
in höchster Eile geantwortet:
"Aber natürlich wird er noch am
Leben sein! Ganz sicher ist er noch am Leben!"
Nun, ist es da nicht ganz natürlich,
daß nun, da tatsächlich jeder sichere Beweis für die
Annahme fehlt, daß ihr geliebter Sohn und Bruder tot
wäre, und sie stattdessen, wie alle es wollten, sich
die Illusion zueigen gemacht haben, er könnte noch
leben, daß nun also diese arme kranke Mutter und
diese drei Schwestern dieser Illusion, so gut sie es
vermögen, die Konsistenz einer Realität verleihen?
Aber ja, genau das tun sie, indem sie dieses Zimmer
warten lassen, es immer wieder mit allergrößter
Sorgfalt aufräumen, jeden Abend das Nachthemd aus
dem Kleidersack holen und es auf den
zurückgeschlagenen Decken ausbreiten. Denn wenn sie
sich einmal überzeugen ließen, daß sie seinen Tod
nicht beweinen müssen, daß sie nicht verzweifeln
müssen, weil er gestorben wäre, dann müssen sie ihm
doch ganz zwangsläufig zeigen, ihm, der für sie
lebte, ihm, der ja tatsächlich jeden Augenblick
zurückkehren konnte, daß sie ‑ ja freilich ‑ daß sie
sich dessen so sicher gewesen sind, daß sie ihm
sogar jeden Abend sein Nachthemd vorbereitet haben,
dort auf dem Bett, und daß sie jeden Morgen sein
Bett gemacht haben, als hätte er in der Nacht
tatsächlich darin geschlafen. Und da stehen auch die
neuen Pantoffel, die Margheritina während des
Wartens nicht bloß besticken, sondern auch noch zum
Schuster tragen wollte, damit der sie fachgemäß
zusammennäht; so wird er sie, kaum daß er zurück
ist, an der Stelle der alten zum Anziehen bereit
vorfinden.
Entschuldigen Sie mal:
"Sind denn vielleicht
Ihr Sohn, Ihre Tochter nicht gestorben,
wenn sie zum Studium in die weit
entfernte große Stadt gefahren sind?"
Ach, Sie klopfen auf
Holz? Sie fallen mir ins Wort und
schreien, die wären gar nicht tot, nicht
im geringsten? Die würden doch am Ende
des Jahres zurückkommen und einstweilen
erhalten Sie pünktlich jede Woche
zweimal Nachricht von ihnen?
Beruhigen Sie sich nur,
ist schon gut, ich glaube es ja. Aber
wie kommt es dann, daß Sie, wenn Ihr
Sohn oder Ihre Tochter nach einem Jahr
oder mehr aus der großen Stadt
zurückkommen, bei ihrem Anblick ganz
verblüfft, ganz entgeistert sind; daß
Sie, jawohl Sie, mit erhobenen Händen,
als wollten Sie einen Zweifel
zurückdrängen, der Ihnen Angst macht,
ausrufen:
"O Gott, bist du es
wirklich? O Gott, sie ist ja eine ganz
andere geworden!"
Nicht nur in der Seele
eine andere, das heißt in ihrem Denken
und Fühlen; nein, sogar im Klang der
Stimme, auch im Körper eine andere, in
der Gestik, in der Art sich zu bewegen,
zu schauen, zu lächeln...
Und ganz verdattert
fragen Sie:
"Wie ist das möglich?
Waren ihre Augen wirklich so? Ich hätte
schwören mögen, daß ihr Näschen, als sie
wegfuhr, ein bißchen mehr nach oben
stand..."
Die Wahrheit ist
einfach, daß Sie in Ihrem Sohn oder in
Ihrer Tochter, wenn die nach einem Jahr
wiederkommen, nicht mehr dieselbe
Wirklichkeit erkennen können, die Sie
ihnen gegeben haben, ehe sie abfuhren.
Es gibt sie nicht mehr, sie ist tot,
diese Wirklichkeit. Und dennoch kleiden
Sie sich nicht schwarz um dieses Todes
willen und beweinen ihn nicht... oder
ja, Sie beweinen ihn sogar, wenn es Sie
schmerzt, daß dieser andere, der da zu
Ihnen zurückgekommen ist an Stelle Ihres
Kindes, daß dieser andere einer ist, den
sie nicht wiederzuerkennen vermögen,
nicht wiedererkennen können.
Ihr Sohn, der, den Sie
gekannt haben, ehe er fortging, der ist
tot, glauben Sie es mir, er ist tot. Nur
die Anwesenheit eines Körpers (und auch
der ist so verändert!) läßt Sie das
verneinen. Aber Sie merken es sehr wohl,
daß der ein anderer war, der vor einem
Jahr wegfuhr, und er ist nicht mehr
zurückgekommen.
Nun, auf eben dieselbe
Weise kehrt auch dieser Cesarino Mochi,
der vor zwei Jahren nach Tripolitanien
gefahren ist und dort in den Fezzan
abkommandiert wurde, nicht zu seiner
Mutter und seinen drei Schwestern
zurück.
Sie wissen es nun sehr
gut, daß die Wirklichkeit nicht davon
abhängt, ob ein Körper da ist oder
nicht. Der Körper kann da sein und
dennoch für die Wirklichkeit, die Sie
ihm gegeben haben, gestorben sein. Was
das Leben ausmacht, ist also bloß die
Wirklichkeit, die Sie ihm geben. Und
daher kann der Mutter und den drei
Schwestern des Cesarino Mochi
tatsächlich das Leben genügen, das er
für sie weiterhin hat, hier in der
Wirklichkeit der Handlungen, die sie für
ihn jeden Tag vollführen, in diesem
Zimmer, das ihn wohlgeordnet erwartet
und bereit ist, ihn zu empfangen, so,
wie er vor seiner Abreise war.
Nun, für diese Mutter
und diese drei Schwestern besteht keine
Gefahr, daß er als ein anderer
zurückkommt, wie das mit Ihrem Sohn am
Ende des Studienjahres geschehen ist.
Cesarinos Wirklichkeit
ist unabänderlich hier in seinem Zimmer
und im Herzen und im Geist dieser Mutter
und dieser drei Schwestern, die für
sich, außerhalb dieser Wirklichkeit,
keine andere besitzen.
"Tittí, den wievielten
haben wir heute?" fragt die kranke
Mutter aus ihrem Lehnstuhl die jüngste
ihrer drei Töchter.
"Den fünfzehnten",
antwortet Margherita, indem sie den Kopf
von ihrem Buch aufhebt; aber sie ist
sich nicht ganz sicher und fragt
ihrerseits die beiden Schwestern weiter:
"Den fünfzehnten, nicht wahr?"
"Den fünfzehnten, ja",
bestätigt Nanda, die älteste, von ihrem
Stickrahmen aus.
"Den fünfzehnten",
wiederholt die nähende Flavia.
Auf der Stirn aller drei
erscheint dieser Frage der Mutter wegen,
auf die sie geantwortet haben, ein und
dieselbe Falte.
In der Stille des
weiten, hellen Eßzimmers, das von weißen
Musselinvorhängen ein wenig abgeschirmt
wird, ist ein Gedanke eingedrungen, der
üblicherweise, nicht mit Vorbedacht,
aber doch ganz instinktiv von den vier
Frauen ferngehalten wird: der Gedanke
der verrinnenden Zeit.
Die drei Schwestern
haben den Grund dieses angstvollen
Gedankens im Geist der kranken, an den
Lehnstuhl gefesselten Mutter erraten;
und deshalb haben sie die Stirne in
Falten gezogen.
Es ist gar nicht
Cesarinos wegen.
Es gibt da eine andere,
es gibt eine andere - nicht hier im
Haus, aber eine, die morgen vielleicht
schon, wer weiß, die Königin dieses
Hauses sein könnte - Claretta, die
Verlobte des Bruders - es gibt da sie,
ja, leider, sie, die einen an die
verrinnende Zeit denken läßt.
Als die Mutter danach
fragte, den wievielten man gerade habe,
wollte sie damit die Tage zählen, die
seit Clarettas letztem Besuch vergangen
sind..
Zunächst kam das liebe
Kind (und sie war ja wirklich ein Kind,
die Claretta, für die drei ein wenig
ältlichen Schwestern) fast jeden Tag, in
der Hoffnung, daß die Nachricht gekommen
sei; denn sie war sicher, sicherer als
alle anderen, daß die Nachricht bald
kommen würde. Und dann betrat sie
freudestrahlend das Zimmer ihres
Verlobten und ließ dort immer eine Blume
und einen Brief zurück. Ja, denn sie
schrieb weiter wie gewohnt jeden Abend
einen Brief an Cesarino. Und die Briefe
‑ nun, anstatt sie abzuschicken, brachte
sie sie nun hierher, damit er, Cesarino,
sie gleich nach seiner Ankunft finden
würde.
Die Blume verwelkte, der
Brief blieb liegen.
Dachte Claretta
vielleicht, wenn sie unter der welken
Blume den Brief vom Vortag fand, daß
auch dessen Duft verströmt war, ohne daß
sich jemand daran berauscht hätte? Sie
legte ihn in die Lade des kleinen
Schreibtisches beim Fenster und ließ an
seiner Stelle den neuen Brief zurück,
auf den sie eine neue Blume legte.
Diese liebevolle Szene
wiederholte sich lange, Monate um Monate
hindurch. Aber eines Tages kam die
Kleine mit mehr Blumen als üblich, ja,
aber ohne Brief. Sie sagte, sie habe am
Abend zuvor geschrieben, ach, sogar noch
länger als üblich, und sie würde auch
weiterhin jeden Abend schreiben, aber in
ein Tagebuch, denn ihre Mamma habe ihr
zu bedenken gegeben, es wäre doch eine
unnütze Verschwendung von Briefpapier
und Kuverts gewesen, was sie bisher
getan hatte.
Und es war ja wirklich
so: was wichtig war, war doch der
Gedanke, jeden Tag zu schreiben; ob sie
nun auf Briefpapier schrieb oder in ein
Tagebuch, das blieb sich gleich.
Nur begann mit diesem
Brief auch der tägliche Besuch Clarettas
auszubleiben. Zuerst kam sie dreimal,
dann zweimal, dann nur mehr einmal in
der Woche zu Besuch. Schließlich blieb
sie mehr als vierzehn Tage aus, mit der
Entschuldigung, sie wäre in Trauer, weil
ihre Großmutter mütterlicherseits
gestorben war. Und zu guter letzt, als
sie - nicht spontan, sondern auf Drängen
der Schwestern - das erste Mal, in
schwarzen Trauerkleidern, wieder
Cesarinos Zimmer betrat, da kam es zu
einer unerwarteten Szene, die ums Haar
den drei armen Schwestern das Herz vor
Schreck gebrochen hätte. Ganz plötzlich
warf sie sich, so in schwarzen Kleidern,
kaum daß sie das Zimmer betreten hatte,
über Cesarinos weißes Bett und brach in
ein verzweifeltes Weinen aus.
Warum? Was hatte denn
das damit zu tun? Sie war nachher ganz
verstört, wie erschlagen, angesichts der
angstvollen Verblüffung, des Zitterns
dieser drei bleichen Schwestern mit
ihren fahlen Gesichtern; sie sagte, sie
wisse selbst nicht, wie das zugegangen
sei, wie es geschehen konnte... sie
entschuldigte sich; sie schob die Schuld
auf ihr schwarzes Kleid, auf den Schmerz
um die tote Großmutter... und jedenfalls
nahm sie die wöchentlichen Besuche
wieder auf.
Aber die drei Schwestern
empfanden nun eine gewisse Zurückhaltung
bei dem Gedanken, sie in das wartende
Zimmer zu führen; sie ging auch nicht
selbst hinein oder bat die Schwestern,
sie hineinzuführen. Und von Cesarino
sprachen sie fast gar nicht mehr.
Vor drei Monaten kam sie
wieder in fröhlichen, frühlingshaften
Farben gekleidet, wieder aufgeblüht wie
eine Knospe, sprühend vor Leben, wie die
drei Schwestern und ihre arme Mutter sie
schon seit langer Zeit nicht mehr
gesehen hatten. Sie brachte viele, so
viele Blumen und wollte sie selbst, mit
eigenen Händen in Cesarinos Zimmer
tragen und dort auf die Vasen auf dem
Schreibtisch, auf dem Nachttischchen,
auf der Kommode verteilen. Sie sagte,
sie habe einen schönen Traum gehabt.
Sie blieben besorgt
zurück, bedrückt und fast erschüttert
von dieser überbordenden Lebhaftigkeit,
von dieser wiedergeborenen Fröhlichkeit
des Kindes, die drei Schwestern, die
immer fahler und bleicher aussahen. Sie
empfanden sie, kaum daß die erste
Verblüffung gewichen war, wie den
Aufprall einer grausamen
Gewalttätigkeit, den Aufprall des
Lebens, das übermächtig in diesem Kind
wieder aufblühte und nicht länger in dem
Schweigen dieses Wartens eingesperrt
werden konnte, dem sie mit den fast
sakralen Verrichtungen ihrer dünnen,
kalten Hände noch immer und mit
Hartnäckigkeit eine Maske des Lebens
überstülpen wollten, gerade so viel, wie
für sie nötig war. Und sie erhoben
keinen Einwand, als Claretta, die dabei
über und über rot anlief, sagte, es habe
sie eine große Neugierde überkommen zu
lesen, was sie Cesarino in ihren ersten
Briefen von vor über einem Jahr
geschrieben hatte, die in der Schublade
des Schreibtisches eingeschlossen waren.
Mehr als hundert mußten
es sein, diese Briefe,
hundertzweiundzwanzig oder
hundertdreiundzwanzig. Sie wollte sie
alle wieder lesen. Dann würde sie sie
selbst für Cesarino aufbewahren,
zusammen mit den Tagebüchern. Und immer
zehn auf einmal nahm sie sie alle nach
und nach mit nach Hause.
Seitdem sind ihre
Besuche seltener geworden. Die alte,
kranke Mutter, den Blick starr auf die
Armlehne ihres Lehnstuhls gerichtet,
zählt die Tage, die seit ihrem letzten
Besuch vergangen sind; und es ist
seltsam, daß für sie und für die drei
Töchter mit der gerunzelten Stirn diese
Tage immer mehr werden, viel zu viel,
während für den nicht zurückkehrenden
Cesarino die Zeit nie vergeht; es ist,
als wäre er gestern fortgefahren,
Cesarino, ja sogar, als wäre er gar
nicht fortgefahren, sondern nur aus dem
Haus gegangen und müßte von einem
Augenblick zum anderen zurückkommen, um
sich mit ihnen an den Tisch zu setzen
und dann dort in seinem bereitstehenden
Bettchen schlafen zu gehen.
Der Zusammenbruch kommt
für die arme Mutter, als sie erfährt,
daß Claretta sich wieder verlobt hat.
Sie war zu erwarten,
diese Nachricht, denn schon seit zwei
Monaten hat Claretta sich nicht mehr
blicken lassen. Aber die drei
Schwestern, die weniger alt und daher
weniger schwach sind als die Mutter,
beharren auf ihrem Nein, diesen Verrat
hätten sie nicht erwartet. Sie wollen um
jedem Preis dem Zusammenbruch
standhalten, und sie sagen, Claretta
habe sich nicht deshalb mit einem
anderen verlobt, weil Cesarino tot ist
und sie deshalb wirklich keinen Grund
haben konnte, immer noch auf seine
Rückkehr zu warten, sondern deshalb,
weil sie nach sechzehn Monaten des
Wartens müde geworden sei. Sie sagen,
daß ihre Mutter nicht deshalb stirbt,
weil die neue Verlobung Clarettas ihr
die immer schon schwache Illusion zum
Einsturz gebracht hat, ihr Sohn könnte
zurückkehren, sondern wegen des Kummers,
den ihr Cesarino bei seiner Rückkehr
über diesen grausamen Verrat Clarettas
empfinden wird.
Und die Mutter sagt vom
Bett aus: Ja, sie stürbe tatsächlich
wegen dieses Kummers; aber in den Augen
steht ihr so etwas wie ein Lachen des
Lichts.
Die drei Töchter sehen
sie an, diese Augen, mit einem traurigen
Gefühl des Neids. Sie wird binnen kurzem
nachsehen gehen, ob er dort ist; sie
wird die Bangigkeit des langen Wartens
hinter sich lassen; sie wird Sicherheit
haben; aber sie wird nicht zurückkehren
können, um ihnen davon zu berichten.
Sie würde am liebsten
sagen, die Mutter, daß es dieses
Berichts gar nicht bedarf, weil sie
jetzt schon sicher ist, daß sie ihn dort
drüben finden wird, ihren Cesarino. Aber
nein, sie sagt es nicht; sie empfindet
ein großes Mitleid für ihre drei armen
Töchter, die allein zurückbleiben, und
die so dringend des Gedankens und des
Glaubens daran bedürfen, daß Cesarino
noch lebt, für sie lebt, und daß er
eines Tages zurückkommen muß; und da, da
verschleiert sie sanft das Licht in
ihren Augen und will bis zum letzten,
bis zum letzten an der Illusion ihrer
drei Töchter anhängen, damit diese
Illusion noch aus ihrem letzten Atemzug
genährt wird und für sie lebendig
bleibt. Mit dem letzten Hauch von Stimme
flüstert sie:
"Ihr werdet ihm sagen,
daß ich so sehr auf ihn gewartet
habe..."
In der Nacht brennen die
vier Totenkerzen an den vier Ecken des
Bettes, und von Zeit zu Zeit knistern
sie ein wenig, so daß die lange gelbe
Flamme gerade ein bißchen zu flackern
beginnt.
So tief ist die Stille
des Hauses, daß das Knistern dieser
Kerzen, so leicht es auch ist, bis
hinüber in das wartende Zimmer, zu
dieser gelb gewordenen Kerze dringt, die
seit sechzehn Monaten auf dem Kleeblatt
des Leuchters festgeklemmt ist, zu
dieser von den beiden
grimassenschneidenden Figuren auf der
Zündholzschachtel verlachten Kerze, und
bei jedem Knistern scheint es, als zucke
sie zusammen, um aus diesem Zucken
heraus auch für sich eine Flamme
aufflackern zu lassen, damit auch sie
Totenwache halten kann bei einem anderen
Toten hier, auf dem unberührten Bett.
Und für diese Kerze ist
es eine Art Revanche. Tatsächlich ist an
diesem Abend das Wasser in der Flasche
nicht gewechselt und auch das Nachthemd
nicht aus dem Kleidersack geholt und auf
den zurückgeschlagenen Decken
ausgebreitet worden. Und der
Wandkalender zeigt das Datum von
gestern.
Für einen Tag ist sie
stehen geblieben, die Illusion des
Lebens in diesem Zimmer, und es scheint,
als wäre es für immer.
Nur die alte Bronzeuhr
auf der Kommode fährt fort, düsterer und
verdrossener denn je in diesem dunklen
Warten ohne Ende von der Zeit zu reden.
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Der Freudensprung - (La rallegrata - 1922) |
|
Erstveröffentlichung im
Corriere della Sera vom 26.
Oktober 1913. Keine wesentlichen
Varianten.
aus dem Italienischen von Michael
Rössner
|
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Kaum war der Stallmeister, noch heftiger fluchend
als gewohnt, fortgegangen, wandte sich Fofo an Nero,
seinen Nachbarn an der Futterkrippe, der neu war,
und seufzte:
"Ich habe verstanden! Schabracken, Schleifen und
Federbüsche. Na, du fängst gut an, mein Lieber!
Heute ist es erster Klasse."
Nero wandte den Kopf nach der anderen Seite. Er
schnaubte nicht, denn er war ein wohlerzogenes Pferd.
Aber er wollte keine Vertraulichkeiten mit diesem
Fofo.
Er kam schließlich aus einem fürstlichen Stall, wo
man sich in den Wänden spiegeln konnte.
Futterkrippen aus Buchenholz in jeder Box,
Messingglöckchen, lederbezogene Querstangen und
Pfeiler mit blitzenden Knöpfen darauf.
Tja!
Der junge Fürst, der nun ganz diesen lärmenden
Karossen ergeben war, die - Pardon: Gestank -
verursachen, aber auch Rauch hinten rausblasen und
ganz allein davoneilen, dem genügte es nicht, daß er
sich dreimal schon ums Haar damit den Hals gebrochen
hätte; gleich nachdem die alte Fürstin von der
Lähmung befallen worden war (die hatte ja von diesem
Teufelszeug nie etwas wissen wollen, Gott segne sie
dafür!), hatte er sich beeilt, ihn und Corbino, die
letzten, die im Stall zurückgeblieben waren, um den
gemütlichen Landauer der Mutter zu kutschieren,
loszuwerden.
Armer Corbino, wer weiß, wo er gelandet war, nach so
vielen Jahren ehrenhaften Dienstes!
Der gute Giuseppe, der alte Kutscher, hatte ihnen
versprochen, er würde ein gutes Wort für sie
einlegen, wenn er zusammen mit den anderen treuen
alten Dienstboten der Fürstin, die nun auf ewig an
den Lehnstuhl gefesselt war, seine Aufwartung machte,
um ihr die Hand zu küssen.
Ach was! Nach der Art zu schließen, mit der der gute
Alte, als er wenig später zurückgekehrt war, ihnen
den Nacken und die Flanken streichelte, hatten sie
einer wie der andere gleich begriffen, daß alle
Hoffnung verloren und ihr Schicksal besiegelt war.
Sie würden verkauft werden.
Und tatsächlich...
Nero verstand noch immer eigentlich nicht, wo er
hingeraten war. Ganz schlecht hatte er es nicht
getroffen. Natürlich war es nicht der Stall der
Fürstin. Aber ein guter Stall war das hier auch.
Mehr als zwanzig Pferde, alle dunkel und alle schon
ein bißchen alt, aber gut aussehend, würdig und voll
eindruckgebietenden Ernstes. Tja, Ernst hatten sie
vielleicht sogar zuviel!
Daß die anderen begriffen, zu welchem Behufe sie
hier Dienst taten, da hatte Nero so seine Zweifel.
Es schien ihm, als dächten sie alle im Gegenteil
ohne Unterlaß darüber nach, ohne doch je auf einen
grünen Zweig zu kommen. Dieses langsame Schaukeln
der buschigen Schweife, dieses Scharren der Hufe von
Zeit zu Zeit... das waren sicher nachdenkliche
Pferde.
Nur dieser Fofo war sicher, überaus sicher, er hätte
alles ganz und gar verstanden.
Ein vulgäres und eingebildetes Tier!
Ein Militärklepper, nach drei Dienstjahren
ausgegliedert, weil - wie er erzählte - ein Rüpel
von einem abruzzesischen Kavalleristen ihn
zuschanden geritten hatte - und jetzt redete er in
einem fort.
Nero, der in seinem Herzen noch großen Kummer über
den Verlust seines alten Freundes trug, konnte ihn
einfach nicht ertragen. Am ärgsten fand er diese
Vertraulichkeit im Umgang, und dann dieses ständige
Schimpfen über die Stallgefährten.
Mein Gott, was für eine Lästerzunge!
Von zwanzig Pferden blieb nicht ein einziges
verschont! An einem war dies, am anderen jenes
auszusetzen.
"Der Schweif... na sieh doch nur mal her, bitte, ob
das wirklich ein Schweif sein soll! Ob man so einen
Schweif bewegen darf! Welches Feuer, hm?
- Na, das ist das Pferd eines Arztes, das sag ich
dir.
- Und da, da drüben, na sieh dir mal diesen hübschen
kalabresischen Ackergaul an, mit welcher Grazie er
seine Schweinsohren umlegt. Und was für eine
herrliche Mähne! Was für eine schöne Kinngrube! Na,
der ist auch ziemlich feurig, was meinst du?
- Alle Augenblicke vergißt er, daß er ein Wallach
ist, und will es am liebsten mit der Stute da drüben
treiben, drei Boxen weiter rechts, siehst du sie?
Mit dem Kopf einer alten Mähre, vorne niedrig gebaut,
der Bauch hängt ihr fast bis zur Erde.
- Was, das soll eine Stute sein? Eine Kuh ist das,
sage ich dir! Und wenn du wüßtest, wie die mit
schulmäßigem Tritt marschiert! Sieht aus, als würde
sie sich die Hufe verbrennen, wenn sie den Boden
berührt. Und dabei heimst sie Schmeicheleien ein,
mein Freund, ich sag dir's! Naja, sie ist noch grün
ums Maul. Sie muß noch die Straßenecken abschneiden,
stell dir vor!"
Vergeblich zeigte Nero in jeder nur möglichen Weise
diesem Fofo, daß er nicht mehr zuhören wollte. Fofo
begann immer mehr gegen die anderen zu wüten.
Um ihn zu ärgern natürlich.
"Weißt du, wo wir sind? In einem
Transportunternehmen. Da gibt es viele Arten davon.
Unseres heißt Bestattungsinstitut.
- Weißt du, was Bestattungsinstitut bedeutet? Es
bedeutet, daß man einen schwarzen, seltsam geformten
Wagen zieht, sehr hoch, mit vier Säulen, die einen
über und über mit Borten, Paramenten und
Goldverzierungen geschmückten Baldachin tragen. Mit
einem Wort, einen ordentlichen Luxuswagen. Aber das
Ganze ist vergeudet, ob du's glaubst oder nicht!
Alles vergeudet, denn einsteigen tut nie einer.
- Nur der Kutscher, todernst, auf den Bock.
- Und es heißt langsam gehen, immer nur im Schritt.
Tja, da ist keine Gefahr, daß du schwitzt und sie
dich bei der Rückkehr abreiben, oder daß der
Kutscher dir je eins mit der Peitsche überzieht oder
dich sonst irgendwie antreibt!
- Langsam - langsam - langsam.
- Wo du ankommen sollst, da kommst du immer noch
früh genug an.
- Und dieser Wagen - das hab' ich sehr wohl
verstanden - der muß für die Menschen Gegenstand
einer besonderen Verehrung sein.
- Wie ich dir schon gesagt habe: niemand will auf
ihn aufsteigen. Alle ziehen, kaum daß sie ihn vor
einem Haus stehen sehen, so gewisse, angstvolle
Gesichter; einige umringen ihn mit brennenden
Kerzen; und dann, kaum, daß wir uns in Bewegung
setzen, schreitet eine ganze Menge von ihnen
mucksmäuschenstill hinterdrein.
- Oft geht vor uns auch noch eine Musikkapelle. Eine
Kapelle, mein Lieber, die spielt so eine gewisse
Musik, die reißt dir die Eingeweide aus dem Leib.
- Übrigens, hör mal gut zu, du hast die üble
Angewohnheit zu schnauben und den Kopf zu sehr hin
und her zu werfen. Also diese Mätzchen mußt du dir
wieder abgewöhnen. Wenn du schon ohne jeden Grund
schnaubst, was wird dann erst sein, wenn du diese
Musik anhörst!
- Unser Dienst ist eher ruhig, das bestreitet
keiner; aber es braucht Gefaßtheit und Feierlichkeit
dafür. Kein Schnauben, kein Scharren. Ist schon mehr
als genug, wenn sie dir zugestehen, dann und wann
kaum merklich den Schweif hin- und herzubewegen.
- Denn der Wagen, den wir ziehen, ich sag dir's noch
einmal, der ist Gegenstand einer besonderen
Verehrung. Du wirst sehen, alle nehmen den Hut ab,
wenn sie uns vorüberkommen sehen.
- Weißt du, wann ich begriffen habe, daß es sich um
ein Transportunternehmen handeln muß? Ich habe es
erschlossen, und zwar aus folgender Geschichte:
- Vor etwa zwei Jahren stand ich mit einem unserer
geschlossenen Wagen vor dem großen Eisentor, das
unser ständiges Fahrtziel ist.
- Das wirst du noch kennenlernen, dieses große
Eisentor! Dahinter sind viele schwarze, spitz
aufragende Bäume, die in zwei unendlichen Reihen
kerzengerade aufragen, und zu beiden Seiten dieser
Bäume wunderschöne grüne Wiesen mit vielen fetten
Gräsern - auch verschwendet, denn wehe, wenn du mal
im Vorübergehen die Lippen danach ausstreckst.
- Na gut. Ich stand da also still, da kommt
plötzlich mein alter Kamerad aus dem Militärdienst
neben mich zu stehen, ziemlich schlimm
heruntergekommen: er zog, stell dir nur vor, einen
eisenbeschlagenen Wagen, einen von diesen langen,
niedrigen, ohne Federung. Er sagt zu mir:
- Siehst du mich? Ach Fofo, ich kann nicht mehr!
- "Was hast du für einen Dienst?", frag' ich ihn.
Und er darauf: "Kistenführen, den ganzen Tag, von
einem Transportunternehmen zum Zoll."
- "Kisten?", frag' ich. "Was für Kisten?"
- "Schwere Kisten!", antwortet er. "Kisten voll mit
Zeug, das verschickt werden soll."
- Das war für mich eine Offenbarung. Denn du mußt
wissen, so eine ganz lange Kiste transportieren wir
auch. Sie schieben sie ganz sachte (immer alles
ganz, ganz sachte) von hinten auf unseren Wagen; und
während sie diese Operation vornehmen, entblößen die
Leute ringsum das Haupt und blicken ganz verstört.
Wer weiß, warum! Aber natürlich, wenn wir auch
Kisten führen, dann müssen wir wohl auch ein
Transportunternehmen sein, was meinst du?
- Was zum Teufel mag in dieser Kiste drinnen sein?
Ein Gewicht hat die, na, das möchte man nicht
glauben. Ein Glück, daß wir immer nur eine auf
einmal führen.
- Na, sicher ist es auch so ein Zeug, das verschickt
werden soll. Was für ein Zeug das ist, weiß ich
allerdings nicht. Es scheint aber sehr wertvoll zu
sein, denn der Transport geschieht voller Pomp und
mit großer Begleitung.
- Nach einer gewissen Zeit bleiben wir meistens
(nicht immer) vor einem prunkvollen Bau stehen; das
ist vermutlich das Zollamt, das für unsere
Transporte zuständig ist. Aus dem Tor kommen so
gewisse Leute in einer schwarzen Soutane und mit
Hemdchen darüber (das sind, glaube ich, die
Zöllner); die Kiste wird vom Wagen heruntergehoben;
alle entblößen wieder den Kopf; und die Zöllner
zeichnen ihr Laissez-passer auf die Kiste.
- Wo dann das ganze wertvolle Zeug hinkommt, das wir
transportieren, das, siehst du, das habe ich noch
nicht herausfinden können. Aber ich habe so einen
gewissen Zweifel, daß die Menschen das selbst auch
nicht so genau wissen, und damit tröste ich mich.
- Natürlich, die prächtige Ausführung der Kisten und
der festliche Pomp könnten einen glauben machen, die
Menschen müßten etwas über diese Transporte wissen.
Aber ich sehe andererseits, wie unsicher und
verstört sie sind. Und aus meinem langen Umgang mit
ihnen habe ich das gelernt, mein Lieber: die
Menschen tun so viele Dinge, ohne auch nur im
geringsten zu wissen, weshalb."
Wie es sich Fofo an jenem Morgen bei dem Fluchen des
Stallmeisters ausgemalt hatte: Schabracken,
Schleifen, Federbüsche. Im Viergespann. Na, das war
wirklich erster Klasse.
"Siehst du? Hab ich's dir nicht gesagt?"
Nero fand sich neben Fofo an die Deichsel gespannt.
Und Fofo fuhr natürlich fort, ihm mit seinen ewigen
Erklärungen auf die Nerven zu fallen.
Aber an diesem Morgen war Fofo selbst
etwas auf die Nerven gefallen: die
Unverschämtheit des Stallmeisters, der
ihn im Viergespann immer an die Deichsel
spannte und nie in den Vorspann nahm.
"Ein Hund ist das! Denn die zwei da vor
uns, das weißt du ja, die sind ja nur
Komparserie. Ziehen sollen die? Einen
Dreck ziehen sie! Wir ziehen allein. Es
geht ja so langsam dahin! Na, für die
ist das nur ein hübscher Spaziergang in
Galaaufmachung, um sich die Beine zu
vertreten. Und sieh mal, was für miese
Typen mir da vorgezogen werden! Siehst
du sie?"
Es handelte sich um die beiden
Schwarzen, die Fofo als Arztpferd und
kalabresischen Klepper abqualifiziert
hatte.
"Dieser miese Kalabreser! Na, den hast
zum Glück du vor dir! Na, du wirst's ja
riechen, mein Lieber, du wirst's schon
merken, daß er die Ohren nicht das
einzige sind, was er vom Schwein hat,
und dann wirst du dem Stallmeister
danken, daß er seinem Protektionskind
stets die doppelte Ration Hafer gibt.
Glück muß man haben in dieser Welt,
nicht schnauben! Jetzt schon fängst du
damit an? Ruhig halten, den Kopf! He,
wenn du dich so aufführst, mein Lieber,
dann wirst du dir vor lauter Zügelreißen
heute noch ein blutiges Maul holen, das
sag' ich dir. Heute gibt's auch noch
Reden. Na, du wirst sehen, wie schön das
ist. Eine Rede, zwei Reden, drei Reden...
Einmal hab'ich sogar eine
Erste-Klasse-Fahrt mit fünf Reden erlebt!
Zum Aus-der-Haut-fahren ist das. Drei
Stunden stillstehen, mit diesem ganzen
Firlefanz rundherum, der dir den Atem
raubt: die Beine gefesselt, den Schweif
eingesperrt, die Ohren in zwei Löchern
steckend. Was das ist, Reden? Tja!
Ehrlich gesagt habe ich da nicht viel
Ahnung. Diese Transporte erster Klasse
müssen wohl besonders kompliziert sein.
Und mit diesen Reden geben sie
vielleicht die notwendigen Erklärungen
dazu. Eine allein genügt nicht, also
halten sie zwei. Und zwei genügen nicht,
also müssen es drei sein. Manchmal
werden sogar fünf gehalten, wie ich dir
eben erzählt habe; ich bin da dabei
gewesen, und es überkam mich, daß ich am
liebsten nach allen Seiten ausgeschlagen
hätte, um mich dann auf dem Boden zu
wälzen wie ein Verrückter. Vielleicht
ist es heute genauso. Ja, große Gala!
Hast du den Kutscher gesehen, wie auch
der sich herausgeputzt hat? Und dann
sind auch die Diener dabei, die
Fackelträger. Sag, bist du
geruchsanfällig?"
"Ich verstehe nicht."
"Na, hör mal, ob du leicht scheu wirst.
Denn du wirst gleich sehen, die
brennenden Kerzen, die halten sie dir
direkt unter die Nase... Sachte, hee...
sachte! Was ist denn in dich gefahren?
Siehst du? Ein erster Riß am Zügel...
Hat's weh getan? Na, da wirst du heute
noch einige davon einheimsen, das sag
ich dir. Ja, was tust du denn? Bist du
verrückt geworden? Streck doch den Hals
nicht so heraus! (Na bravo, Schätzchen,
willst du schwimmen? Spielst du
Fingerzählen?). Halt doch still... Ja,
siehst du? Da hast du noch ein paar...
Hee, sag ich, paß auf, jetzt reißt er
mich auch noch am Maul deinetwegen! Ja,
der ist doch übergeschnappt! Gott, mein
Gott, der ist tatsächlich
übergeschnappt! Der prustet, wiehert,
schnaubt, bäumt sich auf, was ist denn?
Ja, sieh mal, was für ein Freudensprung.
Der ist übergeschnappt! Total
übergeschnappt! Tut doch glatt einen
Freudensprung, während er einen Wagen
erster Klasse zieht!"
Nero erschien tatsächlich wie
übergeschnappt: er schnaubte, wieherte,
stampfte, und zitterte am ganzen Leib.
In höchster Eile mußten die Diener vom
Wagen springen, um ihn vor dem Tor des
Palais, vor dem sie halten solten, zum
Stehen zu bringen, inmitten einer
prächtig herausgeputzten Menschenmenge
in langen Röcken und Zylinderhüten.
"Was ist da los?", riefen die Leute von
allen Seiten. "Oh, sieh doch, eines der
Pferde des Leichenwagens scheut!"
Und alle umringten in hellem Aufruhr den
Wagen, neugierig, verwundert, entsetzt.
Den Dienern gelang es noch immer nicht,
Nero zu beruhigen. Der Kutscher war
aufgesprungen und zerrte wütend an den
Zügeln. Vergeblich. Nero fuhr fort zu
stampfen und zu wiehern, er wimmerte,
den Kopf gegen das Portal des Palais
gewandt.
Er beruhigte sich erst, als aus diesem
Portal ein alter Diener in Livrée
herauskam, der die
Bestattungsangestellten beiseiteschob,
ihn am Zügel packte und sogleich, kaum
daß er ihn erkannt hatte, mit Tränen in
den Augen ausrief:
"Aber das ist ja Nero! Das ist Nero!
Ach, mein armer Nero, kein Wunder, daß
du dich so aufführst! Das Pferd der
Gnädigen Frau! Das Pferd der armen
Fürstin! Es hat ihr Palais
wiedererkannt, es riecht den Geruch
seines Stalles. Armer Nero, armer
Nero... brav, brav... so, siehst du? Ich
bin's ja, dein alter Giuseppe. Sei schön
brav, ja... Armer Nero, gerade du mußt
sie fahren, siehst du: deine Herrin. Du
mußt es tun, mein Armer, der du dich
noch an sie erinnerst. Aber sie wird
sich freuen, daß du sie auf ihrem
letzten Weg ziehst."
Dann wandte er sich an den Kutscher,
der, außer sich über den schlechten
Eindruck, den sein
Bestattungsunternehmen vor all diesen
Herrschaften machte, weiterhin wütend an
den Zügeln riß und mit der Peitsche
drohte, und rief ihm zu: "Schluß jetzt!
Hör auf! Ich halte ihn schon zurück. Er
ist ja sanft wie ein Lamm. Setz dich
hin. Ich werde ihn während der ganzen
Fahrt führen. Gehen wir miteinander,
was, Nero? Unsere gute Gnädige Frau
abliefern. Schön sachte, wie gewohnt,
was? Und du wirst brav sein, um ihr
nicht weh zu tun, armer alter Nero, der
du dich noch an sie erinnerst. Sie haben
sie schon in der Kiste eingeschlossen.
Jeden Moment werden sie sie
heruntertragen.
Fofo, der auf der anderen Seite der
Deichsel lauschte, warf an dieser Stelle
die verblüffte Frage ein:
"Im Sarg liegt deine Herrin?"
Nero versetzte ihm einen Huftritt von
der Seite.
Aber Fofo war zu sehr in seine neue
Erkenntnis versunken, um ihm das übel zu
nehmen.
"Ja, dann", fuhr er, zu sich selbst
gewandt, fort: "Ja, dann also tun wir...
sieh mal, sieh mal an... ich wollte es
doch gleich schon sagen... Dieser Alte
weint; so viele andere habe ich schon
weinen gesehen, bei anderen
Gelegenheiten... und so viele
erschrockene Gesichter... und diese
traurige Musik. Jetzt begreife ich
alles, alles begreife ich... Deshalb ist
also unser Dienst so langsam! Nur wenn
die Menschen weinen, können wir fröhlich
sein und uns erholen..."
Und er hatte gute Lust, nun seinerseits
einen Freudensprung zu tun.
©
Michael Rössner.
|
Der großen Verblichenen -
(L' illustre estinto – 1928)
|
|
Erstveröffentlichung in der
Zeitschrift La lettura
vom November 1909. Keine
wesentlichen Varianten bekannt.
aus dem Italienischen von Michael
Rössner |

|
I.
Im Bett aufgesetzt, damit das Asthma
ihn nicht ersticke, kraftlos hingesunken auf die
aufgetürmten Kissen blickte der Herr Abgeordnete
Costanzo Ramberti durch die halbgeschlossenen,
angeschwollenen Lider auf den Sonnenstrahl, der zum
Fenster hereindrang, sich auf seinen Beinen
ausbreitete und dort den Flaum eines grauen
Wollschals mit schwarzen Karos vergoldete.
Er fühlte sich sterben; er wußte,
daß es für ihn keine Rettung mehr gab, er hatte sich
bereits ganz in sich zurückgezogen, verbot sich
selbst, den Blick weiter als bis zu den Enden des
Bettes durch das Zimmer schweifen zu lassen; nicht
einmal so sehr deshalb, weil er sich ganz auf den
Gedanken des unmittelbar bevorstehenden Endes
konzentrieren wollte, als vielmehr aus Furcht, wenn
er den Blick auch nur ein bißchen weiter schweifen
ließe, könnte ihn der Anblick der Gegenstände
ringsumher ihn mit einem gewissen Bedauern zu den
Beziehungen zurückrufen, die ihn noch mit dem Leben
verbinden mochten, und die der Tod binnen kurzer
Zeit endgültig abschneiden würde.
Solcherart in sich versammelt, klein
geworden in diesen übermäßig engen Grenzen, fühlte
er sich sicherer, geschützter, beinahe geborgen. Und
wenn er so seine ganze Konzentration auf die
Betrachtung der nichtigsten Dinge aufwendete, der
feinen, zu Löckchen gekrümmten und von der Sonne
vergoldeten Wollfäden dieses Schals, dann genoß er
solcherart die Länge der Zeit, all seiner Zeit, die
nur noch Stunden betragen mochte, oder auch noch
einen oder den anderen Tag; zwei oder drei;
vielleicht auch - allerhöchstens - noch eine Woche.
Aber wenn eine Minute unter diesen Winzigkeiten so
langsam verstrich, hm, dann hätte er ja noch Zeit,
des ganzen müde zu werden - jawohl, geradezu müde zu
werden - wenn es eine Woche dauerte. Auf diese Weise
ging eine Woche ja nie zu Ende!
Die Müdigkeit jedoch, die er bereits
zu spüren begann, die hatte nichts mit diesem Dehnen
der Zeit zwischen den Härchen seines Schals bis hin
zur Ewigkeit zu tun: sie war das Resultat seiner
Anstrengungen, sich am Denken zu hindern.
Ja, woran wollte er denn noch
denken? An seinen Tod? Eher schon... ja, das war's:
Er hätte sich all das ausmalen können, was danach
passieren würde. Ja, auch das wäre ein Weg gewesen,
zu verhindern, daß - wenigstens für seine verwirrten
Gedanken, denen die Tröstung der Religion ermangelte
- das Leben mit einem Mal - und binnen kurzer Frist
- sich wie in Nichts auflöste; eine Methode, noch
ein wenig hierzubleiben, für kurze Zeit, vor den
Augen der anderen wenigstens, wenn schon nicht vor
den eigenen.
Und der Abgeordnete Costanzo
Ramberti war mutig genug, sich selbst tot vor sich
zu sehen, so wie die anderen ihn sehen würden; so
wie er so viele andere gesehen hatte: tot und steif,
hier auf diesem Bett; die Füße zusammengekrampft, in
den zu engen Lackschuhen; wachsbleich im Gesicht und
eiskalt, die Hände fast zu Stein geworden; würdevoll
und... aber ja, auch elegant, in seinem schwarzen
Anzug, unter den vielen Blumen, die rund um seinen
Körper und auf dem Kissen aufgelegt waren.
Der Frack mußte dort im Koffer
liegen, zusammen mit der neuen Uniform, dem Degen
und dem Minister-Zweispitz.
Einstweilen zog er die Füße an und
betrachtete sie, um einmal die Probe zu machen. Er
fühlte etwas wie ein Kitzeln am Bauch; er hob eine
Hand und strich sich die Haare auf dem Kopf glatt,
dann zupfte er an seinem rötlichen, über dem Kinn
geteilten Bart. Er dachte, wenn er einmal tot wäre,
würde ihm sein Privatsekretär diesen Bart kämmen und
die wenigen Haare auf dem Kopf frisieren, der
Cavaliere Spigula-Nonnis, der ihn seit so vielen
Tagen und Nächten betreute, der arme Kerl, mit
ergebener Zuneigung, ohne ihn auch nur einen
Augenblick allein zu lassen, ganz verzweifelt, am
Fußende des Bettes stehend, weil er ihm in keiner
Weise seine Leiden erleichtern konnte.
Aber er half ihm doch auch, der
Cavaliere Spigula-Nonnis, ohne es zu wissen: er half
ihm, in Würde zu sterben, wie ein Philosoph. Wäre er
allein gewesen, hätte er vielleicht begonnen zu
toben, zu weinen, in verzweifelter Wut zu schreien;
mit dem Cavaliere Spigula-Nonnis am Fußende seines
Bettes, der ihn "Exzellenz" titulierte, ließ er sich
keinen lauten Atemzug entschlüpfen: er starrte
aufmerksam, beinahe verwundert, vor sich hin, ein
leises Lächeln auf den Lippen.
Ja, die Gegenwart dieses armseligen,
spindeldürren, kurzsichtigen Menschen hielt ihn
noch an einem nun schon sehr dünn gewordenen Faden
auf der Bühne, in seiner Rolle, bis zum letzten
Atemzug. Innerlich verzweifelte er vor Angst und
Schreck angesichts dieses gar so dünnen Fadens, denn
er konnte gar nicht anders als die Nichtigkeit und
Vergeblichkeit dieser Anstrengung zu empfinden, mit
der sich seine ganze Seele daran klammerte, in
alledem sehr ähnlich der Verzweiflung, die er so oft
mit grausamer Neugier bei irgendeinem Tierchen im
Todeskampf beobachtet hatte, bei einem ins Wasser
gefallenen Insekt etwa, das sich an ein schwimmendes
Flöckchen oder Härchen zu klammern versuchte.
All diese Dinge, mit denen er die
Leere ausgefüllt hatte, in der ihm nun das Leben vor
den Augen schwirrte, waren in der Person des
Cavaliere Spigula-Nonnis verkörpert: seine
Autorität, sein Ansehen, eitle Dinge, die er zu
verlieren begann, die keinen Wert mehr besaßen, die
aber aus der Leere, die ihn binnen kurzem
verschlucken würde, hervorstachen wie Traumlarven,
Winzigkeiten des Lebens, die noch für kurze Zeit
nach seinem Tod, das konnte er voraussehen, um ihn
herumtanzen würden, um sein Bett, um seine Bahre.
Dieser Cavaliere Spigula-Nonnis
würde ihn also waschen, ankleiden und kämmen,
liebevoll, aber doch mit einem gewissen Anflug von
Ekel. Ekel empfand übrigens auch er bei dem
Gedanken, daß sein Fleisch, sein nackter Körper von
den großen, knochigen Händen dieses Mannes berührt
und von ihm angeschaut werden sollte. Aber andere
Menschen hatte er nicht: keinen einzigen Verwandten,
weder nah noch entfernt. Er starb allein, wie er
stets gelebt hatte; allein, in dieser hübschen Villa
in Castel Gandolfo, die er in der Hoffnung gemietet
hatte, nach zwei bis drei Monaten der Erholung würde
er wieder ganz zu Kräften kommen. Er war doch kaum
fünfundvierzig Jahre alt!
Aber er hatte sich eben selbst
umgebracht, wie ein Vieh, mit eigenen Händen; er
selbst hatte sich den Lebensfaden durchgeschnitten,
vor lauter Arbeitswut und starrsinnigem, erbittertem
Kampf. Und als es ihm endlich gelungen war, den Sieg
zu fassen zu kriegen, da trug er den Tod schon im
Leibe, den Tod, der sich schon seit einer ganzen
Weile in seinen Körper eingeschlichen hatte. Als er
zum König gegangen war, um den Eid zu leisten; als
er, nach außen hin in gefaßter Betroffenheit,
innerlich aber jauchzend, die Glückwünsche seiner
Kollegen und der Freunde entgegengenommen hatte,
trug er den Tod im Leib und wußte es nicht. Vor zwei
Monaten, eines Abends, hatte dieser unversehens
einmal nach seinem Herzen gegriffen und zugedrückt,
ihn röchelnd mit dem Kopf auf seinem
Ministerschreibtisch im Ministerium für öffentliche
Arbeiten zurücklassend.
Alle Zeitungen der Opposition, die
sich so böse über seine Ernennung ausgelassen hatten
und sie als unverschämte Günstlingswirtschaft des
Ministerpräsidenten abgetan hatten, würden nun bei
dem Bericht über seinen viel zu frühen Tod
vielleicht seine Verdienste berücksichtigen, seine
langen und geduldig vorangetriebenen Studien, seine
ständige, einzige, alles andere absorbierende
Leidenschaft für das Gemeinwesen, die Begeisterung,
die er stets bei der Erfüllung seiner Pflichten als
Abgeordneter und später für kurze Zeit als Minister
an den Tag gelegt hatte. Tja! Derartige Trostworte
kann man ruhig einem spenden, der uns verlassen hat,
und das umso mehr, als die Freundschaft, die
berühmte Protektion des Ministerpräsidenten nicht so
weit gegangen waren, daß er ihm auch noch die Gunst
gewährt hätte, wenigstens als Minister zu sterben.
Sofort nach diesem Schlaganfall hatte man ihm in
schön verklausulierter Form zu verstehen gegeben,
daß es wohl angebracht wäre - nun, natürlich nur aus
Rücksicht auf seine Gesundheit, nichts weiter - von
seinem Amt zurückzutreten.
So würde also nicht einmal für die
der Regierung nahestehenden Blätter sein Tod eine
"regelrechte Staatstrauer" bedeuten. Aber jedenfalls
würde er für alle ein "großer Verblichener" sein,
das wohl, ohne jeden Zweifel. Und alle würden sein
"viel zu frühes Heimgehen" bedauern, durch das er
"aus der vollen Blüte eines Lebens gerissen wurde,
in dem er dem Vaterland sicher noch viele große und
wertvolle Dienste hätte leisten können", usw. usf.
Vielleicht würden, angesichts der
örtlichen Nähe und der kurzen Zeit, die seit seinem
Ausscheiden aus dem Ministeramt verstrichen war,
Seine Exzellenz der Ministerpräsident und seine
ehemaligen Ministerkollegen sowie die
Staatssekretäre und viele befreundete Abgeordnete
aus Rom kommen und ihn tot da liegen sehen, in
diesem Zimmer, das der Bürgermeister des Ortes, um
sich Anerkennung zu sichern, gemeinsam mit dem
Cavaliere Spigula-Nonnis in eine Aufbahrungshalle
verwandeln würde, mit Lorbeerbaumkistchen und
anderen Pflanzen, Blumen und Kerzenleuchtern. Alle
würden mit entblößtem Haupt eintreten, an der Spitze
der Ministerpräsident: sie würden ihn eine Zeitlang
betrachten, stumm, beklommen, bleich, mit dieser vom
instinktiven Schauer gebremsten Neugier, die er
selbst so oft vor so vielen anderen Toten empfunden
hatte. Ein feierlicher und berührender Augenblick.
"Armer Ramberti!"
Und dann würden sich alle nach
drüben zurückziehen, um zu warten, bis man ihn in
dem bereitstehenden Sarg eingeschlossen hätte.
Valdana, seine Geburtsstadt,
Valdana, das ihn seit fünfzehn Jahren immer wieder
zum Abgeordneten des Wahlkreises bestimmte, Valdana,
die Stadt, für die er so viel getan hatte, würde
sicherlich seine sterblichen Überreste für sich
beanspruchen. Und der Bürgermeister von Valdana
würde sich mit zwei oder drei Stadträten einfinden,
um dem Leichnam das Geleit zu geben.
Die Seele... tja, die Seele wäre da
wohl schon eine geraume Zeit fort, und wer weiß wo
angekommen...
Der Abgeordnete Costanzo Ramberti
kniff die Augen zusammen. Er versuchte sich an eine
alte Definition der Seele zu erinnern, die ihm sehr
gefallen hatte, als er noch Student der Philosophie
an der Universität war: "Die Seele ist jene Essenz,
die in uns Bewußtsein von sich selbst und der außer
uns befindlichen Dinge gewinnt". Jawohl. So war
es... Es war die Definition eines deutschen
Philosophen.
"Was für eine Essenz?", dachte er
nun. "Was soll das heißen? Dieses gewisse Ding, "das
ist", unleugbar ist, und um dessentwillen ich,
solange ich am Leben bin, mich von meinem Ich nach
dem Tod unterscheide. Das ist klar! Aber ist diese
Essenz in mir für sich selbst da oder nur insoferne
es mich gibt? Zwei ganz verschiedene Fälle. Ist sie
für sich da, und wird sie nur in mir ihrer selbst
bewußt, wird sie dann außerhalb meines Ich kein
Bewußtsein mehr haben? Und was wird sie dann also
sein? Etwas, was ich nicht bin, was sie selbst nicht
ist, solange sie in mir steckt. Einmal
hinausgetreten, wird sie sein, was sie sein wird...
wenn sie noch sein wird! Denn es gibt ja noch die
andere Möglichkeit: nämlich, daß sie nur ist,
insoferne auch ich bin; so daß also, wenn ich einmal
nicht mehr da bin..."
"Cavaliere, einen Schluck Wasser,
bitte..."
Der Cavaliere Spigula-Nonnis sprang
in die Höhe und richtete sich zu seiner ganzen Länge
auf. Er schüttelte die Müdigkeit aus den Gliedern,
reichte ihm das Glas Wasser und fragte besorgt:
"Exzellenz, wie fühlen Sie sich?"
Der Abgeordnete Costanzo Ramberti
trank zwei Schluck: dann reichte er ihm das Glas
zurück, lächelte seinen Sekretär blaß an, schloß
wieder die Augen und seufzte: "Soso..."
Wo war er stehen geblieben? Er mußte
also nach Valdana fahren. Die Leiche... Ja, es war
besser, sich nur an die Leiche zu halten. Nun gut:
sie packten sie am Kopf und an den Füßen an. In dem
Sarg war bereits ein mit Sublimatwasser getränktes
Leintuch aufgelegt, in das würden sie die Leiche
einhüllen. Und dann der Spengler... Wie hieß bloß
dieses lärmende Gerät mit der bläulichen Feuerzunge?
Da war die Zinkplatte, die auf den Sarg geschweißt
werden mußte; da der Deckel, den es anzuschrauben
galt...
An diesem Punkt sah der Abgeordnete
Costanzo Ramberti sich selbst im Sarg nicht mehr. Er
blieb draußen und sah den Sarg, so wie andere ihn
sehen würden: ein schöner Sarg aus Kastanienholz, in
der geschwungenen Form einer Urne, glattpoliert, mit
vergoldeten Beschlägen. Das Begräbnis und der
Transport würden sicherlich auf Staatskosten gehen.
Und da, nun wurde der Sarg auch
schon hochgehoben: er durchquerte die Zimmer, glitt
die Treppen der Villa hinunter, bewegte sich durch
den Garten, gefolgt von allen Kollegen, wiederum mit
entblößtem Kopf und mit dem Ministerpräsidenten an
der Spitze; er wurde in den Wagen der
Gemeindeverwaltung geschoben, inmitten der
ängstlichen und ehrfürchtigen Neugier der gesamten
Bevölkerung, die zu diesem seltenen Schauspiel
zusammengeströmt war.
Und auch hier ließ der Abgeordnete
Ramberti den Sarg in den Wagen schieben und blieb
draußen, um dem Wagen zuzusehen, der sich in der
Begleitung so vieler Leuten langsam und feierlich
vom Ort zur Eisenbahnstation hinunterbewegte. Ein
Waggon wartete schon, einer von denen mit der
Aufschrift Pferde 8, Menschen 40, mit dem
Aufbau aus vernagelten Brettern, in dem sollte der
Sarg eingeschlossen werden. Der Abgeordnete Costanzo
Ramberti sah, wie sein Sarg aus dem Wagen geholt
wurde und folgte ihm auf den schmucklosen, staubigen
Waggon, der sicherlich in Rom noch herausgeputzt und
mit allen Kränzen geschmückt werden würde, die der
König und die Regierung, die Gemeinde Valdana und
alle Freunde schicken würden. Abfahrt!
Und der Abgeordnete Costanzo
Ramberti folgte dem Zug, dessen letzter Waggon
seinen Sarg transportierte, über eine sehr, sehr
weite Strecke, bis zur Station Valdana; auch hier
war der Bahnhof mit Schaulustigen überfüllt. Da
waren sie ja, einer nach dem anderen, seine
treuesten und engsten Freunde, die Provinzräte und
Stadträte, einige ein wenig plump wirkend in dem
ungewohnten schwarzen Anzug oder mit dem Zylinder
auf dem Kopf. Ach, da war ja Robertelli!... ja,
natürlich!... der gute Robertelli... er weinte, er
drängte sich durch die Leute hindurch...
"Wo ist er? Wo ist er?"
Na, wo mochte er wohl sein? Da
drinnen, im Sarg, lieber Robertelli. Na, na, immer
nur einer auf einmal...
Aber der Abgeordnete Costanzo
Ramberti sah diese Szene, als läge tatsächlich nicht
er in diesem Sarg, der doch ziemlich schwer war,
jawohl, er war schwer, und das zeigten die
Magistratsbeamten deutlich, die da in Livree und
weißen Handschuhen alle Mühe hatten, ihn auf die
Schultern zu heben.
Er sah... ach, da war ja Tonni, der
immer, der Ärmste, nur für eine abgezählte Frist
Ausgang hatte, weil ihm seine wütend eifersüchtige
Frau die Minuten vorrechnete - da stand er unruhig,
ächzte, holte jeden Augenblick die Uhr aus der
Tasche, verwünschte die einstündige Verspätung, mit
der der Zug eingetroffen war, und die ihm die Frau
sicherlich nicht glauben würde. Na, laß es gut sein,
lieber Tonni, laß es gut sein. Deine Frau wird dir
eine Szene machen; aber nachher wirst du dich wieder
versöhnen. Du bleibst ja am Leben. Ins Jenseits
dagegen geht man nicht zweimal. Hättest du lieber
für deinen Freund, der dir doch so viel Gutes getan
hat, ein Begräbnis in aller Stille? Laß es ruhig mit
Pomp und Feierlichkeit sein... Siehst du? Da ist
auch der Herr Präfekt... Platz da, Platz da! Oh,
sogar der Oberst ist gekommen... Ja natürlich! Er
hatte ja auch Anrecht auf eine militärische
Begleitung. Und auch die ganzen Schulen waren
vertreten, mit den Fahnen all der verschiedenen
Institute; und wie viele Fahnen noch von allen
möglichen Vereinen! Ja, denn wenngleich er sich
tatsächlich ganz und gar den höchsten Problemen der
Staatspolitik, den brennendsten sozioökonomischen
Problemen verschrieben hatte, so hatte er doch nie
die besonderen Sorgen seines Wahlkreises vergessen,
der ihm für die vielen erwiesenen Wohltaten viel
Dankbarkeit schuldete. Und vielleicht würde Valdana
ihm diesen Dank mit einer marmornen Erinnerung am
Rathaus abstatten, oder indem man eine Straße oder
einen Platz nach ihm benannte; und einstweilen eben
mit diesem festlichen Leichenzug... in Gedanken sah
er die Hauptstraße der überall auf Halbmast
beflaggten Stadt vor sich:
VIA COSTANZO RAMBERTI.
Und die Fenster, schwarz von all den
Menschen, die auf den von acht prächtig aufgeputzten
Pferden gezogenen, mit Kränzen bedeckten Wagen
warteten. Und viele wiesen unterwegs mit dem Finger
auf den Kranz des Königs, der der schönste von allen
war. Der Friedhof lag dort unten, hinter dem Hügel,
düster und einsam. Die Pferde gingen in langsamem
Schritt, als wollten sie ihm Zeit geben, diese
letzten Ehren zu genießen, die man ihm erwies und
die sein Leben noch um ein kleines Stückchen über
das Ende hinaus verlängerten...
II.
All das malte sich der
Abgeordnete Costanzo Ramberti am
Vorabend seines Todes aus. Ein wenig
durch seine eigene Schuld, ein wenig
durch die Schuld anderer entsprach dann
die Wirklichkeit nicht im geringsten
seiner Vorstellung.
Er starb bereits in der
Nacht, man weiß nicht, ob es im Schlaf
geschah; sicher ist nur, daß es geschah,
ohne daß er damit den Cavaliere
Spigula-Nonnis störte, der, von
Müdigkeit überwältigt, auf dem Lehnstuhl
am Fußende des Bettes in einen tiefen
Schlummer gefallen war. Da wäre weiter
nichts dabei gewesen, hätte sich der
Cavaliere Spigula-Nonnis, als er gegen
vier Uhr morgens plötzlich aus dem
Schlaf aufschreckte und ihn bereits kalt
und steif vorfand, nicht so
außergewöhnlich erschüttern lassen, erst
von einem seltsamen Brummen im Zimmer,
dann von dem Vollmond, der in seinem
allmählichen Untergehen förmlich am
Himmel stehenzubleiben schien, um diesen
Toten da auf dem Bett zu betrachten,
durch die Fensterscheiben, vor denen aus
Nachlässigkeit die Läden offengeblieben
waren. Das Brummen stammte von einer
dicken Fliege, die er mit seinem
plötzlichen Auffahren aus dem Schlaf
geweckt hatte.
Als beim Morgengrauen
Bürgermeister Agostino Migneco
herbeilief, den der Diener in höchster
Eile geweckt hatte, stammelte der
Cavaliere Spigula-Nonnis: "Da war der
Mond... da war der Mond..."
Etwas anderes brachte er
nicht heraus.
"Der Mond? Was für ein
Mond?"
"Ein Mond war das... ein
Mond!"
"Na schön, der Mond war
da... aber mein Bester, nun heißt es
sofort ein Blitztelegramm an seine
Exzellenz den Parlamentspräsidenten
schicken; ein zweites an seine Exzellenz
den Ministerpräsidenten; und an den
Bürgermeister von... für welchen
Wahlkreis war Seine Exzellenz eigentlich
Abgeordneter?"
"Valdana... (Was für ein
Mond!)"
"Lassen Sie doch endlich
den Mond zufrieden! Also: an den
Bürgermeister von Valdana. Also drei,
lauter Blitztelegramme, damit die
traurige Nachricht an die Bürger
weitergegeben werden kann, verstehen
Sie? An die Wähler... Der wird alle
Hände zu tun haben, dieser
Bürgermeister! Beeilen Sie sich, um
Himmels willen! Man muß das
Telegraphenamt aufsperren! Lassen Sie
sich von einem Wachbeamten begleiten,
sagen Sie, es sei in meinem Namen. Und
dann sofort wieder hierher! Man muß ihn
so schnell wie möglich anziehen. Sehen
Sie? Die Leiche ist schon ganz starr.
Es war geradezu ein
Wunder, daß Cavaliere Spigula-Nonnis
nicht in all diese Telegramme schrieb,
was für ein Mond dagewesen war.
Eigentlich hätte
Bürgermeister Migneco, um sich Ehre
einzulegen, ja nur zu gerne eine
Aufbahrung vorbereiten lassen, vor der
alle mit offenem Mund stehen sollten,
mit einem Katafalk und allem, was dazu
gehört. Aber... in so kleinen Nestern
ging das eben nicht; nichts bekam man;
sogar geschickte Arbeiter waren nicht zu
finden. Er war in die Kirche um ein
Parament gelaufen: da gab es nur solche
in rotem Damast mit goldenem Besatz.
Wären sie doch schwarz gewesen.
Schließlich packte er vier goldene
Leuchter zusammen, uraltes Zeug aus dem
Mittelalter... Oja, Blumen schon, Blumen
und Topfpflanzen: Blumen auf dem Boden,
Blumen auf dem Bett: das ganze Zimmer
mußte voll werden damit.
Unterdessen fand sich
der Frack nicht im Koffer, und der
Cavaliere Spigula-Nonnis war gezwungen,
nach Rom zu eilen, in die kleine Wohnung
in der via Ludovisi; aber auch dort fand
er ihn nicht; er war doch im Koffer, nur
eben ganz unten. Dieser arme Mensch
hatte ja wirklich total den Kopf
verloren. Tja, er war ihm sehr
ergeben... Tränen wie ein Springbrunnen.
Aber den Frack mußte man am Rückenteil
zerschneiden (ewig schade, er war noch
ganz neu), denn die Arme des Leichnams
ließen sich nicht mehr bewegen. Und kaum
war er endlich angezogen, Herrschaften,
da hieß es auch schon wieder ausziehen
und danach wieder von vorne anziehen,
denn die Gemeinde Valdana (das schon,
das verlief so, wie Costanzo Ramberti es
sich ausgemalt hatte) sandte ein
Blitztelegramm, in dem angekündigt
wurde, die tieftrauernde Bürgerschaft
verlange einstimmig die irdische Hülle
ihres großen Vertreters, um sie mit
einem feierlichen Begräbnis zu ehren;
ein Denkmal... auch ein Denkmal! Ja,
große Dinge waren geplant, und - jawohl,
sogar ein Platz, der Postplatz, sollte
auf seinen Namen umbenannt werden - und
ein Arzt kam aus Rom, um der Leiche ein
paar Injektionen zu geben, Formalin, wie
er sagte; Bürgermeister Migneco, bei
allem schuldigen Respekt, hätte es
lieber "Deformalin" nennen wollen, denn
nach diesen Injektionen... ach, das
wachsbleiche Gesicht, die Eleganz, mit
der sich der Abgeordnete Costanzo
Ramberti im Tod dargestellt hatte! So
ein grobes Gesicht formten sie ihm
jetzt, ohne Nase, ohne Wangen, ohne
Hals, ohne alles: eine Talgkugel, das
war's. So schlimm sah er aus, daß man
sogar daran dachte, sein Gesicht unter
einem Tuch zu verstecken.
Viel mehr
Abgeordnetenkollegen, als Costanzo
Ramberti je gemeint hätte, zu seinen
Freunden zählen zu können, strömten am
nächsten Morgen nach Castel Gandolfo,
zusammen mit dem Parlamentspräsidenten,
dem Ministerpräsidenten, den Ministern
und den Staatssekretären. Sogar einige
Senatoren waren erschienen, aus dem
Kreise der weniger hochbetagten, und
natürlich ein Rattenschwanz von
Journalisten und zwei Photographen dazu.
Es war ein herrlicher
Tag.
Für Leute, die von so
vielen schweren sozialen Problemen
bedrückt, von so vielen kleinlichen
Querelen des Alltags bekümmert waren,
mußte es wohl tatsächlich wie ein Fest
wirken, dieses Eintauchen ins Blaue, in
die eben ergrünende Campagna, in die
Welt der sonnenbeschienenen römischen
Kastelle, des Sees und der Wälder in
dieser noch ein bißchen kühlen Luft, in
der doch schon ein Hauch des Frühlings
zu spüren war. Das sagten sie freilich
nicht; im Gegenteil, sie stellten ihre
Betroffenheit zur Schau, und die war
vielleicht sogar echt; aber wohl wegen
der geheimen Gewissensbisse darüber, daß
sie es trotzdem in kleinlichen,
sinnlosen Kämpfen aufgebraucht hatten
und weiter aufbrauchten, ihr so kurzes,
so wenig sicheres Erdendasein, das ihnen
doch in diesem Augenblick so teuer war,
dort, in dieser frischen, luftigen,
bezaubernden Erscheinung.
Ein gewisser Trost war
ihnen der Gedanke, daß sie es noch
genießen konnten, wenn auch nur
flüchtig, ihr Kollege dort aber nicht
mehr.
Und solcherart
getröstet, begannen sie tatsächlich nach
und nach während der kurzen Fahrt sich
fröhlich zu unterhalten, zu lachen,
dankbar gegenüber diesen fünf oder sechs
ehrlichsten unter ihnen, die als erste
die Atmosphäre der Niedergeschlagenheit
mit der einen oder anderen launigen
Bemerkung durchbrochen hatten und nun
weiterhin den Hanswurst spielten.
Dennoch trat von Zeit zu
Zeit eine Pause ein in den fröhlichen
Unterhaltungen und dem Lachen der
Reisenden, so als tauchte in den
Fenstern der aneinanderhängenden Wagen
plötzlich der Kopf Costanzo Rambertis
mahnend auf; und alle empfanden dann
fast so etwas wie Bestürzung, ein
quälendes Unbehagen, allen voran die,
die wirklich keinen Grund hatten, dabei
zu sein, außer dem Vergnügen, einen
Ausflug in großer Gesellschaft zu
unternehmen: die bekannten Gegner
Rambertis oder die, die ihn heimlich
verleumdet hatten. Diese Leute
bemerkten, daß ihre Gegenwart einen
Verstoß gegen irgend etwas darstellte.
Wogegen? Gegen die Erwartung des Toten,
die Erwartung eines Menschen, der sich
nicht mehr wehren und sie hinauswerfen
und beschämen konnte?
Ja, war das nun der
Besuch bei einem Toten oder nicht?
Wenn es einer war, na
dann! Einen Toten besucht man wirklich
nicht so, unter fröhlichem Geplauder und
Gelächter.
Alle diese Kollegen,
Freunde oder auch nicht, hatten keine
Ahnung von der Vorstellung, die sich der
arme Ramberti am Vorabend seines Todes
von diesem ihren Besuch gemacht hatte,
natürlich dem Charakter entsprechend,
den dieser hätte haben sollen, ein
Trauer-, ein Beileidsbesuch, ein
Ausdruck des Bedauerns für ihn. Davon
hatten sie keine Ahnung; aber aufgrund
der bloßen Tatsache, daß dieser Besuch
nun stattfand, konnten sie gar nicht
anders, als von Zeit zu Zeit bemerken,
daß die Art und Weise, in der er nun
stattfand, dem Anlaß nicht angemessen
war. Und diejenigen, die keine Freunde
Rambertis waren, konnten gar nicht
anders als zu bemerken, daß sie hier
überflüssig waren und ihre Gegenwart
einen Verstoß darstellte.
Kaum waren sie am
Bahnhof Castel Gandolfo ausgestiegen,
nahmen jedoch alle wieder ihre
ursprüngliche, ernste und
schmerzerfüllte Haltung an, bekleideten
sich mit der Feierlichkeit des
traurigen Augenblicks, mit der
Bedeutung, die ihnen die ehrfurchtsvolle
Menge zumaß, die sich zu ihrem Empfang
versammelt hatte.
Unter der Führung des
Bürgermeisters Migneco und seiner
Stadträte begaben sich Minister und
Abgeordnete zu Fuß und mit glühenden
Gesichtern, alle in Schweiß geraten, mit
aus den Ärmeln herausschlüpfenden
Manschetten und verdrehten Krawatten in
einer langen Reihe zur Villa Rambertis,
an der Spitze die beiden Präsidenten, zu
beiden Seiten und im Gefolge eine
riesige Volksmenge.
Diese Ankunft, dieser
Einzug in den mit Trauerfahnen
geschmückten Ort, diese Prozession waren
tatsächlich noch viel größer, als
Ramberti sie sich vorgestellt hatte. Nur
geschah ausgerechnet im feierlichsten
Augenblick, als der Parlamentspräsident,
der Ministerpräsident und alle Minister
und Staatssekretäre, die Abgeordneten
und die Menge der Neugierigen mit
entblößtem Haupt den Aufbahrungsraum
betraten, etwas, das der Abgeordnete
Ramberti sich niemals auszumalen
vermocht hätte: etwas Entsetzliches, in
der beinahe heiligen Stille dieser
Szene: ein plötzliches, unheilvolles,
maßloses Grollen im Bauch des Toten, das
wie ein Donner klang und alle
Umstehenden erstarren ließ. Was war das
gewesen?
"Digestio post mortem",
seufzte in würdigem Latein einer von
ihnen, ein Arzt, kaum, daß er wieder ein
bißchen Luft bekam.
Und die anderen starrten
fassungslos auf den Leichnam, der sich
das Gesicht mit dem Tuch bedeckt zu
haben schien, um sich ohne Scham so
etwas vor dem höchsten Vertretern der
Nation erlauben zu können. Und mit
finsteren Gesichtern verließen sie alle
den Aufbahrungsraum.
Als der Cavaliere
Spigula-Nonnis drei Stunden später im
römischen Bahnhof mit unendlicher
Betrübnis alle, die nach Castel Gandolfo
gekommen waren, davongehen sah, ohne
auch nur noch einen letzten Blick, einen
letzten Abschiedsblick auf den Wagen zu
werfen, in dem Seine Exzellenz, der
Abgeordnete Ramberti, eingeschlossen
war, da hatte er den Eindruck eines
Verrats. So sollte also alles zu Ende
sein?
Und er blieb allein
zurück, in dem unsicheren, gedrückten
Licht des sterbenden Tages unter dem
riesigen rauchgeschwärzten Glasdach,
und verfolgte mit seinen Blicken die
Verschubbewegungen des Zuges, der
langsam zerlegt wurde. Nach vielen
Bewegungen in einem komplizierten
Zickzack sah er schließlich den Wagen am
Ende eines Gleises im Hintergrund zum
Stehen kommen, neben einem anderen, auf
dem bereits ein Schild mit der
Aufschrift Leichentransport
angebracht war.
Ein alter
Bahnhofswärter, halb lahm und
asthmatisch, schleppte sich mit dem
Leimtopf hinzu und klebte auch auf den
Wagen des Abgeordneten Ramberti ein
ebensolches Schild. Dann ging er wieder
fort. Der Cavaliere Spigula-Nonnis
näherte sich, um mit seinen
kurzsichtigen Augen die Aufschrift zu
entziffern. Und er las darüber:
Pferde: 8, Menschen: 40, schüttelte
den Kopf und seufzte. Eine ganze Weile
lang blieb er noch stehen und
betrachtete diese beiden Leichenwaggons
neben einander.
Zwei Tote, zwei, die
schon gegangen waren, und die doch noch
einmal reisen mußten!
Und so würden sie
bleiben, allein, in dieser Nacht, unter
dem Donnern der ankommenden und
abfahrenden Züge. Dort ausgestreckt,
unbeweglich, im Dunkel ihrer Kisten,
unter dem ständigen Kommen und Gehen
eines Bahnhofs. Lebt wohl! Lebt wohl!
Und nun ging auch er,
der Cavaliere Spigula-Nonnis. Er ging
beklemmt fort. Unterwegs jedoch kaufte
er die Abendblätter und tröstete sich,
als er die langen Nekrologe sah, die
alle auf der ersten Seite brachten, mit
dem Bild des großen Verblichenen in der
Mitte der Seite.
Zu Hause angekommen,
vertiefte er sich in die Lektüre und war
sehr gerührt über den in einer der
Zeitungen erscheinenden Hinweis auf die
Pflege und den liebevollen Beistand, die
selbstlose Ergebenheit, mit der er, der
Cavaliere Spigula-Nonnis, in diesen
letzten Monaten den Abgeordneten
Costanzo Ramberti betreut hatte.
Schade nur, daß in
seinem Namen das "Nonnis" nur mit einem
"n" geschrieben war.
Aber man verstand
trotzdem, daß er gemeint war.
Er las diese Bemerkung
wenigstens zwanzigmal von vorne; und als
er wieder auf die Straße hinaustrat, um
in der gewohnten Pension sein Abendessen
einzunehmen, kaufte er zuvor noch bei
einem Kiosk weitere zehn Exemplare
dieser Zeitung, um sie anderentags nach
Novara zu schicken, an seine Verwandten
und Freunde, natürlich erst nachdem er
das fehlende "n" hinzugefügt und die
betreffende Passage mit blauem Farbstift
angestrichen hätte.
Große Lobeshymnen, große
Lobeshymnen sangen sie alle auf den
Abgeordneten Costanzo Ramberti. Das
Bedauern war einstimmig und die
Verdienste, der unermüdliche Fleiß, die
absolute Ehrlichkeit des Verstorbenen
wurden ins rechte Licht gerückt. Alles,
wie es sich der Abgeordnete Costanzo
Ramberti ausgemalt hatte. Von seinem
"viel zu frühen Heimgehen" war da die
Rede, und von den "vielen großen und
wertvollen Diensten, die er dem
Vaterland sicher noch hätte leisten
können". Und die Telegramme aus Valdana
sprachen von der tiefen Betroffenheit
der Bevölkerung bei der Trauernachricht,
von den außerordentlichen,
unvergeßlichen Ehrungen, die seine
Vaterstadt ihrem Großen Sohn bereiten
würde, und sie kündigten bereits an, daß
der Bürgermeister, eine Abordnung des
Stadtrates und andere hervorragende
Bürger, ergebene Freunde des großen
Verblichenen, bereits nach Rom
aufgebrochen waren, um dem Leichnam das
Geleit zu geben. Als er gegen
Mitternacht durch die Stille der
verlassenen, von den Laternen nur
spärlich erhellten Straßen nach Hause
schritt, dachte der Cavaliere
Spigula-Nonnis noch einmal an die beiden
Leichenwaggons, die dort am Ende eines
Gleises des Bahnhofs wartend standen.
Wenn diese beiden Toten einander
Gesellschaft hätten leisten können, mit
einander Konversation machen, um die
Zeit totzuschlagen! Bei diesem Gedanken
lächelte Cavaliere Spigula-Nonnis
schmerzlich. Wer weiß, wer der andere
sein mochte, wo er schließlich enden
würde... Diese Nacht stand er dort, ohne
die geringste Ahnung von der Ehre zu
haben, die ihm widerfuhr, indem er als
Nachbarn einen hatte, von dem in diesem
Augenblick sämtliche Zeitungen Italiens
voll waren, und der tags darauf den
triumphalen Empfang einer ganzen Stadt
erleben würde, die ihn beweinte.
Konnte der Cavaliere
Spigula-Nonnis je auf die Idee kommen,
daß der Leichenwagen des Abgeordneten
Costanzo Ramberti gegen zwei Uhr morgens
von ein paar Eisenbahnern, denen vor
Müdigkeit schon die Augen zufielen, an
den Zug gehängt werden könnte, der um
diese Zeit nach den Abruzzen abfuhr, und
daß man so den großen Verblichenen dem
triumphalen Empfang entziehen würde,
der feierlichen Ehrung durch seine
Vaterstadt?
Aber der Abgeordnete
Costanzo Ramberti, selbst ein Politiker,
der bereits an der Macht gewesen war und
deshalb in die "geheimen Dinge" Einblick
gewonnen hatte, der Abgeordnete Costanzo
Ramberti, der alle Mängel des
Eisenbahnwesens kannte, der hätte eine
derartige Fehlleistung sehr wohl
voraussehen können. Wenn einmal zwei
wartende Leichenwaggons in einem so viel
befahrenen Bahnhof nebeneinander wartend
standen, dann war nichts leichter,
nichts offensichtlicher zu erraten, als
daß man den einen an den Bestimmungsort
des anderen schicken würde und
umgekehrt.
Eingesperrt, eingenagelt
in seinem Waggon, konnte er sich nun
freilich nicht gegen diese unwürdige
Verwechslung zur Wehr setzen, gegen
diesen Übergriff, mit dem sechs
bestialische Verschubarbeiter ihn in
diesem Augenblick der festlichen
Trauerkleider beraubten, die sein
Valdana in dieser Nacht für ihn anlegte,
um ihn tags darauf mit allen Ehren zu
empfangen. Und am Ende dieses Zuges, der
da, beinahe leer, nach den Abruzzen
abfuhr und mit seinen ausgeleierten
Bremsen die armen, alten, schmutzigen
Waggons, aus denen er zusammengesetzt
war, beinahe zerquetschte, mußte er nun
die ganze restliche Nacht reisen,
langsam, traurig in die Ferne, zu dem
Bestimmungsort jenes anderen Toten,
eines jungen Seminaristen aus Avezzano
mit Namen Feliciangiolo Scanalino.
Natürlich wurde der
Leichenwagen dieses anderen am Morgen
darauf unter der Aufsicht des Leiters
des Bestattungsunternehmens, das sich
den Auftrag für das Staatsbegräbnis
gesichert hatte, prächtig geschmückt.
Schwere Samtdecken mit Silberfransen als
Baldachin, und Schleier und Bänder und
Palmwedel. Auf dem Sarg, bedeckt mit
einer herrlichen Sargdecke, bloß der
Kranz des Königs; zu beiden Seiten jener
des Minister- und jener des
Parlamentspräsidenten. An die siebzig
weitere Kränze wurden in dem folgenden
Wagen untergebracht. Und um exakt acht
Uhr dreißig brach unter den bewundernden
Blicken einer wahren Menschenmenge aus
Freunden des Abgeordneten Costanzo
Ramberti Feliciangiolo Scanalino zu den
feierlichen Ehrungen Valdanas auf.
Als der Zug gegen drei
Uhr nachmittags im Bahnhof Valdana
eintraf, der von einer ergriffenen
Menschenmenge förmlich überquoll, wurde
der Bürgermeister, der mit der Abordnung
der Gemeinde dem Leichnam das Geleit
gegeben hatte, in geheimnisvoller Weise
von einem kreidebleichen, am ganzen
Leibe zitternden Stationsvorsteher
beiseite gerufen und in den
Telegraphenraum geführt. Aus dem Bahnhof
Rom war ein Telegramm eingetroffen, daß
unter dem Siegel der Verschwiegenheit
von der Verwechslung der Leichenwaggons
berichtete.
Der Bürgermeister von
Valdana war wie vom Donner gerührt.
Was sollte man nun tun,
wo draußen alle Leute warteten und die
ganze Stadt geschmückt war?
"Commendatore",
flüsterte der Stationsvorsteher, eine
Hand auf die Brust gelegt, "hier weiß
nur ich davon und der Telegraphist; auch
in Rom und in Avezzano wissen es nur der
Stationsvorsteher und der Telegraphist.
Commendatore, es ist doch in unserem
eigenen Interesse, im Interesse der
Eisenbahnverwaltung, die Sache
geheimzuhalten. Vertrauen Sie uns
ruhig!"
Was konnte man schon
anderes tun in einer so heiklen
Situation? Und also erhielt der
unschuldige Seminarist Feliciangiolo
Scanalino den triumphalen Empfang der
Stadt Valdana, auf seinem Leichenwagen,
der aussah wie ein Berg von Blumen,
gezogen von acht Pferden. Er erhielt den
Kranz des Königs, er erhielt die
Leichenrede des Bürgermeisters, und er
erhielt die Begleitung einer ganzen
Volksmenge bis zum Friedhof.
Unterdessen reiste der
Abgeordnete Costanzo Ramberti von
Avezzano in dem schmucklosen, staubigen
Waggon mit der Aufschrift Pferde: 8,
Menschen: 40 ohne eine einzige
Blume, ohne ein einziges Bändchen: ein
armer, fortgeschickter Körper, vom Weg
abgekommen und gestrandet, so weit weg
von seinem Bestimmungsort.
Mitten in der Nacht kam
er im Bahnhof Valdana an. Nur der
Bürgermeister und vier vertrauenswürdige
Totengräber erwarteten ihn am Bahnhof
und mucksmäuschenstill, mit den leisen
Schritten von Gaunern, die ein
Schmuggelgut vor den Augen der Zöllner
verbergen wollen, schleppten sie ihn auf
und ab über holprige Feldwege, von denen
ein Laternchen immer nur kleine Stücke
notdürftig aus dem Dunkel riß, zum
Friedhof und gruben ihn ein; dann
seufzten sie tief und erleichtert auf.
|
Der Hauch - (Soffio - 1934) |
|
aus dem Italienischen von Michael
Rössner |
 |
I.
Manche Nachrichten treffen einen so
unvorbereitet, daß man im ersten Augenblick ganz
verstört ist, und es scheint, als gäbe es keine
andere Möglichkeit aus dieser Verstörung wieder
herauszufinden, als Zuflucht zu einem völlig
abgedroschenen Satz oder einer Feststellung zu
nehmen, die sich ohnedies von selbst versteht.
So war es zum Beispiel, als der
junge Calvetti, der Sekretär meines Freundes
Bernabò, mir von dem Tod von Massaris Vater
erzählte, bei dem Bernabò und ich eben noch zum
Mittagessen gewesen waren; da überkam es mich, und
ich rief aus: „Ach, was ist schon das Leben! Ein
Hauch genügt, und schon ist es zu Ende!“, und dabei
legte ich Daumen und Zeigefinger einer Hand
aneinander und blies darauf, als wollte ich mit
diesem Hauch eine Feder fortblasen, die ich zwischen
diesen Fingern hielt.
Als ich so blies, sah ich, wie der
junge Calvetti plötzlich grau im Gesicht wurde,
hierauf den Oberkörper krümmte und sich mit einer
Hand an die Brust griff, wie man das tut, wenn man
da drinnen, ohne genau zu wissen wo, ein vages
Unwohlsein verspürt; aber ich achtete nicht weiter
darauf, denn es schien mir absurd anzunehmen, dieses
Unwohlsein könnte mit dem stumpfsinnigen Satz
zusammenhängen, den ich gesagt hatte, und mit der
lächerlichen Geste, mit der ich diesen Satz ‑ als
wäre ich noch nicht zufrieden damit, so etwas
Abgedroschenes auszusprechen ‑ auch noch meinte
begleiten zu müssen. Ich dachte, er habe einfach
einen plötzlichen Schmerz, ein Stechen verspürt,
vielleicht in der Leber oder in der Niere oder im
Darm, jedenfalls nur einen augenblicklichen Schmerz
ohne jede Bedeutung. Noch ehe es Abend wurde, fiel
mir freilich dann ein höchst bestürzter Bernabò ins
Haus:
„Weißt du schon: Mein junger
Calvetti ist gestorben?“
„Gestorben?“
„Ja, ganz plötzlich, heute
nachmittag!“
„Aber am Nachmittag ist er doch noch
bei mir gewesen! Warte einmal, wann mag das gewesen
sein? Ich glaube, so gegen drei.“
„Und um halb vier war er tot.“
„Eine halbe Stunde später?“
„Eine halbe Stunde später.“
Ich sah ihn ein wenig schief an, als
habe er mit dieser Bestätigung eine Beziehung (aber
was denn für eine Beziehung?) zwischen dem Besuch
bei mir und dem plötzlichen Tod des armen Jungen
herstellen wollen. In mir fühlte ich so etwas wie
einen Drang, der mich zwang, jegliche Beziehung, sei
sie auch nur zufällig, zurückzuweisen, als wäre sie
der Verdacht eines Gewissensbisses, den ich hätte
empfinden können; und der mich andererseits dazu
verhielt, eine Ursache für diesen Tod zu suchen, die
mit dem Besuch bei mir nichts zu tun hatte; und so
erzählte ich Bernabò von dem plötzlichen Unwohlsein,
daß der junge Mann offensichtlich verspürt hatte,
während er bei mir gewesen war.
„Ach so? Ein Unwohlsein?“
„Was ist schon das Leben! Ein Hauch
genügt, und schon ist es zu Ende!“
Da haben wir’s: Ich wiederholte den
Satz völlig mechanisch, denn da unten hatten Daumen
und Zeigefinger meiner rechten Hand ganz von selbst
zueinandergefunden, und ganz von selbst hob sich
jetzt auch die Hand auf, bis zu meinen Lippen. Ich
schwöre, es war nicht so sehr der bewußte Wunsch, es
noch einmal zu versuchen, als vielmehr die Lust
daran, mir mit mir selbst einen Scherz zu erlauben,
was ich nur so, im verborgenen, tun konnte, wollte
ich mich nicht lächerlich machen: da ich nun einmal
diese beiden Finger genau vor meinem Mund fand,
blies ich über sie hinweg, nur einen ganz leichten
Hauch.
Bernabòs Gesicht hatte sich verfärbt
vor Bestürzung über den Tod seines jungen Sekretärs,
der ihm sehr ans Herz gewachsen war; und oft und oft
schon war er ‑ nach einem kurzen Lauf oder auch nur
ein paar schnelleren Schritten (korpulent, wie er
nun einmal war, mit einem stets geröteten Kopf, der
fast ohne Hals auf den Schultern saß) ‑ keuchend vor
mir gestanden und hatte sich auch mit der Hand an
die Brust gegriffen, um das jagende Herz zu
beruhigen und wieder zu Atem zu kommen. Als ich ihn
jetzt dieselbe Geste vollführen sah und ihn sagen
hörte, er meine zu ersticken, und seinen Geist und
sein Sehvermögen trübe plötzlich ein seltsam
düsterer Schimmer, mein Gott, was sollte ich da
schon glauben?
Auf der Stelle sprang ich, trotz
aller Bestürzung und Verwirrung, in der ich mich
befand, dem armen Freund bei, der rücklings und nach
Atem ringend in einem Lehnstuhl gesunken war; aber
da sah ich mich wütend zurückgestoßen, und nun
verstand ich wirklich gar nichts mehr; ich fühlte
mich förmlich zu Eis erstarren, in einer völlig
apathischen Verblüffung, und ich beobachtete ihn
zuckend auf diesem mit rotem Samt bezogenen
Fauteuil, der mir erschien wie eine riesige
Blutlache, zuckend nicht mehr wie ein Mensch,
sondern wie ein waidwundes Tier, ich sah zu, wie
sein Atem immer hastiger wurde und sein Gesicht sich
immer mehr verfärbte, bis es beinahe schwarz
geworden war. Einen Fuß hatte er auf den Teppich
gestemmt, vielleicht, um sich solcherart wieder
allein aufzurichten, aber in dieser Anstrengung
vergeudete er seine letzten Kräfte; wie in einem
Alptraum sah ich, wie der Teppich allmählich unter
seinem Fuß fortglitt und sich in Falten warf. An dem
anderen Fuß, der verkrümmt über der Armlehne des
Fauteuils lag, war ihm das Hosenbein nach oben
gerutscht und enthüllte nun einem seidenen
Sockenhalter in einem grünschimmernden Farbton mit
rosa Streifen. Ich bitte doch um ein wenig
Anerkennung für meine Barmherzigkeit: All meine
Beunruhigung war förmlich zerrieben und überall
verstreut worden, so daß man sie wie nichts
vergessen konnte, in einem einzigen Abwenden der
Augen, oder bei dem Gedanken an den Ärger, den mir
stets meine häßlichen Bilder an den Wänden bereitet
hatten, oder auch in der seltsamen Neugier, die
mich, jawohl, die mich auf die Farbe und die
Streifen dieses Sockenhalters starren ließ.
Plötzlich kam ich jedoch wieder zu mir, entsetzt
darüber, daß ich mich in einem solchen Augenblick so
weit hatte gehen lassen, und rief nach meinem
Diener, er solle sofort vor der Tür einen Wagen
aufhalten und dann heraufkommen, um mir zu helfen,
den Sterbenden in ein Krankenhaus oder nach Hause zu
bringen.
Lieber nach Hause, denn das war
näher. Er lebte nicht allein; er hatte eine
Schwester bei sich, eine ältere Schwester, ich weiß
nicht, war sie verwitwet oder eine alte Jungfer;
jedenfalls war sie unausstehlich in ihrer
starrköpfigen Pedanterie, mit der sie sein Leben zu
bestimmen suchte. Sie war ganz außer sich, die Arme,
sie raufte sich die Haare: „O Gott, was ist
geschehen? Wie ist das passiert?“, und sie wich uns
nicht von der Seite, wie ärgerlich! Nur, um von mir
zu erfahren, was geschehen war, wie es passiert war,
ausgerechnet von mir, und ausgerechnet in diesem
Augenblick, da ich nun wirklich nicht mehr konnte,
nach all den Stufen, die wir hinaufgestiegen waren,
immer rückwärts gehend, unter dem ungeheuren Gewicht
dieses reglosen Körpers. „Das Bett! Wo ist das
Bett?“ Es schien, als wisse sie es selbst nicht
mehr, wo dieses Bett war, das wir nicht und nicht zu
erreichen schienen. Als wir ihn endlich röchelnd -
aber auch ich röchelte nur mehr - aufs Bett gelegt
hatten, lehnte ich mich rücklings gegen eine Wand,
und wenn man mir nicht einen Stuhl untergeschoben
hätte, wäre ich wohl in voller Länge zu Boden
gestürzt. Mein Kopf baumelte kraftlos herab, und ich
vermochte gerade noch, zu dem Diener gewandt,
hervorzustoßen: „Einen Arzt! Einen Arzt!“; aber
zugleich sank mein Mut endgültig, wenn ich daran
dachte, daß ich nun allein mit der Schwester
zurückbleiben mußte, die mich sicherlich sofort mit
neuen Fragen überfallen würde. Was mich rettete, war
die Stille, die plötzlich auf dem Bett eintrat, als
das Röcheln dort aufgehört hatte. Einen Augenblick
lang schien die ganze Welt schweigend innezuhalten;
und tatsächlich schwieg von nun an die ganze Welt
auf immer für den armen Bernabò, der taub und
bewegungslos auf diesem Bett liegen geblieben war.
Sofort brach jedoch die Verzweiflung der Schwester
los. Ich war erledigt. Wie konnte man sich denn bloß
vorstellen ‑ um nicht zu sagen tatsächlich glauben
‑, daß eine solche Ungeheuerlichkeit möglich wäre?
Meine Gedanken fanden keinen Halt mehr. Und in
diesem Aufruhr der Gefühle erschien es mir so
seltsam, daß diese arme Person ihren Bruder Giulio -
wie sie ihn stets genannt hatte - nun, da er tot
dort lag, unbewegliche Korpulenz, die keine
Diminutive zuließ ‑, ausgerechnet Giulietto nennen
mußte, ihren kleinen Giulietto! Plötzlich sprang ich
entsetzt auf. Der Leichnam hatte ihr, als ginge ihm
dieses ewige „Giulietto! Kleiner Giulietto!“ auf die
Nerven, mit einem gräßlichen Gurgelgeräusch aus den
Eingeweiden geantwortet. Diesmal war es an mir, die
Schwester aufzufangen, die ansonsten zu Boden
gestürzt wäre, ohnmächtig vor Schreck; statt dessen
wurde sie in meinen Armen ohnmächtig. Und nun fühlte
ich, wie mich, als ich zwischen dieser Ohnmächtigen
im Arm und dem Toten auf dem Bett wirklich nicht
mehr wußte, was ich tun noch was ich denken sollte,
ein Wirbel des Wahnsinns ergriff, und ich begann,
die arme Person zu schütteln, damit sie endlich mit
dieser Ohnmacht aufhöre, die nun wirklich zu viel
des Guten war. Freilich, kaum war sie wieder bei
sich, wollte sie nun nicht mehr an den Tod des
Bruders glauben. „Haben Sie gehört? Er kann nicht
tot sein! Er darf nicht tot sein!“ Es mußte
tatsächlich der Arzt kommen und es ihr amtlich
bestätigen, ihr versichern, daß dieses Geräusch
nichts gewesen war, ein Wind oder was weiß ich
sonst, alle Toten pflegen so was zu machen. Da
setzte sie, die ein vornehmer Mensch war und sich
darauf etwas zugute hielt, eine peinliche Miene auf,
und hielt sich die Hand vor die Augen, als habe der
Arzt ihr damit gesagt, auch sie würde dergleichen
tun, wenn sie erst einmal tot wäre.
Der Arzt war einer jener jungen
Glatzköpfe, die ihre vorzeitige Kahlköpfigkeit mit
beinahe verächtlicher Wildheit zwischen einem Urwald
aus schwarzen Locken zur Schau tragen, die, obwohl
niemand weiß, weshalb sie von dem Scheitel
verschwunden sind, rund um den Kopf wild wuchern.
Mit lackstarren Augen hinter dicken
Brillengläsern, hochgewachsen, eher beleibt, aber
kräftig, zwei Büschelchen gestutzter Haare unter dem
kleinen Näschen und über den wulstigen, geröteten,
und so klar gezogenen Lippen, daß sie aussahen wie
gemalt, sah er die Unwissenheit dieser armen
Schwester mit so abschätzigem Erbarmen an und sprach
vom Tod mit einer so lockeren Vertrautheit, als
könnte, da er doch ständig mit ihm zu tun hatte,
keiner seiner Fälle ihm mehr ein Rätsel aufgeben
oder einen Zweifel verursachen, daß mir am Ende
unwiderstehlich ein höhnisches Lachen aus der Kehle
hervorbrach. Schon während er gesprochen hatte,
hatte ich mich zufällig in dem Spiegel der
Kastenwand entdeckt und mich dabei mit einem
schiefen und kalten Blick ertappt, der sich mir
plötzlich wie eine Schlange in die Augen geschlichen
hatte. Und Daumen und Zeigefinger der linken Hand
drückten einander, sie preßten sich so fest
gegeneinander, daß sie von dem Krampf des
gegenseitigen Drucks beinahe taub geworden waren.
Kaum wandte er sich bei diesem Hohngelächter zu mir
um, da trat ich auf ihn zu, auf Tuchfühlung, und aus
dem noch immer höhnisch verzogenen Mund in dem
totenbleich gewordenen Gesicht zischte ich ihm zu:
„Sehen Sie“, und dabei zeigte ich ihm die Finger,
„so! Sie wissen ja so gut Bescheid über Leben und
Tod; blasen Sie einmal da drauf, nur einen Hauch,
und sehen Sie zu, ob Sie mich sterben lassen
können!“. Er wich zurück, um mich zu mustern, ob er
es nicht mit einem Irren zu tun habe. Aber ich trat
erneut auf Tuchfühlung an ihn heran: „Ein Hauch
genügt, glauben Sie mir das. Nur ein Hauch!“ Ich
ließ ihn stehen und packte die Schwester am
Handgelenk. „Tun Sie es! Sehen Sie, so!“, und dabei
führte ich ihr die Hand an den Mund, „legen Sie zwei
Finger aneinander und blasen Sie darauf!“ Die Arme
stand entsetzt da, mit weitaufgerissenen Augen, und
zitterte am ganzen Körper, während der Arzt, ohne
noch daran zu denken, daß da auf dem Bett ein Toter
lag, amüsiert vor sich hinkicherte. „Ich tue es bei
Ihnen nicht mehr, denn da liegt schon einer, und mit
Calvetti sind’s heute schon zwei! Aber ich muß fort,
auf der Stelle fort, ich muß fort!“
Und damit stürzte ich hinaus, wie
von Sinnen.
Kaum war ich auf der Straße, da
brach der Wahnsinn erst richtig los. Es war schon
dunkel geworden, und die Straße war voll von
Menschen. Aus dem Schatten sprangen eins nach dem
anderen die Häuser heraus, in denen die Lichter
angingen, und all diese Leute liefen, um sich das
Gesicht vor den Lichtblitzen in den vielen Farben zu
schützen, die von allen Seiten auf sie einhackten,
Straßenlampen, Lichtschein aus Schaufenstern,
Leuchtreklamen, in innerem Aufruhr, bedrängt von
düsteren Ahnungen. Obwohl, nein: da war wiederum ein
Frauengesicht, das sich bei dem Anblick eines roten
Lichtscheins befriedigt entspannte; und dort das
eines Kindes, das lachte, auf den Schultern eines
alten Mannes, vor der Spiegeltür eines Ladens, über
den ein Wasserfall smaragdgrüner Lichttropfen
herabglitt. Ich brach durch die drängenden
Menschenmassen und blies, zwei Finger vor dem Mund,
blies auf all diese mir entgleitenden Gesichter,
wahllos, und ohne mich nach ihnen umzudrehen, ob
mein Atemhauch tatsächlich die bereits zweimal
erprobte Wirkung auf sie hervorbrachte. Und wenn er
das tat, wer hätte diese Wirkung mir zurechnen
dürfen? War ich nicht frei, zwei Finger vor den Mund
zu halten und mir das unschuldige Vergnügen zu
gestalten, über sie drüberzublasen? Wer hätte denn
ernsthaft glauben können, mir wäre tatsächlich eine
so unerhörte und schreckliche Macht in diesen beiden
Fingern und in dem leisen Hauch, den ich über sie
hinblies, zugewachsen? Es war ja lächerlich, so
etwas zuzugeben, man konnte das nur als einen
kindlichen Scherz einstufen. Ja, das war’s: ich
scherzte. Und die Zunge klebte mir schon im Mund von
diesem wütenden Blasen, ich hatte kaum noch Luft
zwischen den gespitzten Lippen, als ich am Ende der
Straße angekommen war. Wenn das, was ich zweimal
erlebt hatte, wahr sein sollte, dann ‑ ja, mein
Gott, dann mußte ich, so zwischen Scherz und Scherz,
wohl mehr als tausend Leute umgebracht haben. Es war
gar nicht möglich, daß man tags darauf nicht zum
Entsetzen der ganzen Stadt von dieser plötzlichen
und rätselhaften Häufung von Todesfällen erfahren
würde.
Und man erfuhr tatsächlich davon. Am
Morgen danach waren alle Zeitungen voll von der
Sache. Die Stadt erwachte unter dem Druck des
gräßlichen Alptraums einer Epidemie, gegen die es
keine Rettung gab, und die wie ein Blitz aus
heiterem Himmel ausgebrochen war.
Neunhundertsechzehn Tote in einer einzigen Nacht.
Auf den Friedhöfen wußte man nicht, wie man sie alle
von einem Tag auf den anderen begraben sollte; man
wußte auch nicht, wie man sie so schnell aus allen
Wohnungen abtransportieren sollte. Gemeinsame
Symptome, die die Ärzte an allen Betroffenen
festgestellt hatten: Zuerst ein undefiniertes
Unwohlsein, dann Tod durch Ersticken. Die Autopsie
der Leichen ergab keinen Hinweis auf die Krankheit,
die diesen beinahe sofortigen Tod verursacht hatte.
Als ich die Zeitungen las, verfiel
ich in eine tiefe Erschütterung, so etwas wie einen
Katerzustand nach einem gräßlichen Rausch,
verwirrtes Chaos ungeschiedener Gedankenfetzen, die
übereinander herfielen, gegeneinander stießen,
durcheinanderwirbelnd in einer Wolke, die mich einem
Wirbel gleich umfing; und eine unerklärliche
Bangigkeit, ein bohrender Drang, der gegen etwas in
mir stieß, immer wieder anrannte, gegen etwas in mir
drinnen, das für mich schwarz und unbeweglich blieb,
von dem mein Bewußtsein sich angezogen fühlte, mit
dem es jedoch, völlig widerborstig und in alle
Richtungen zerfließend, nichts zu tun haben wollte;
so berührte es dieses Etwas immer wieder und wich
sofort zurück. Ich weiß wirklich nicht, was ich
damit ausdrücken wollte, als ich eine verkrampfte
Hand gegen die Stirne preßte und stets aufs neue vor
mich hinsagte: „Es ist bloß ein Eindruck! Bloß ein
Eindruck!“. Jedenfalls half dieses doch ganz leere
Wort mir, blitzartig diese Wolke zu sprengen, und
ich fühlte mich für einen Augenblick erleichtert und
befreit. „Es war wohl alles nur eine Wahnidee“,
dachte ich, „die mir da in den Sinn gekommen ist,
weil ich gestern zufällig diese lächerliche,
kindische Geste just in dem Moment gemacht habe, ehe
die Nachricht von der schrecklichen Epidemie, die so
plötzlich über die Stadt hereingebrochen war, sich
verbreitet hatte. Oft entstehen aus solchen
zufälligen Zusammentreffen die dümmsten Aberglauben
und die unglaublichsten Obsessionen. Im übrigen
brauche ich nur ein paar Tage warten, ohne diese
scherzhafte Geste zu wiederholen. Wenn es sich um
eine Epidemie handelt - was mit Sicherheit der Fall
ist, dann muß diese erschreckende Welle von
Todesfällen weitergehen und nicht ebenso plötzlich
abbrechen wie sie begonnen hat.“
Gut: Ich wartete also drei Tage,
fünf Tage, eine Woche, zwei Wochen: Kein neuer Fall
wurde in den Zeitungen berichtet; die Epidemie war
plötzlich wieder zu Ende.
Hm, aber wahnsinnig, nein,
wahnsinnig bin ich nicht, verzeihen Sie! Unter der
Obsession eines solchen Zweifels, daß ich verrückt
sei, konnte ich es nicht aushalten; wahnsinnig,
befallen von einem Wahn, der, wenn ich ihn publik
gemacht hätte, jeden in helles Gelächter hätte
ausbrechen lassen, nein, also hören Sie mir auf
damit. Von einer solchen Obsession mußte ich mich
befreien, so schnell wie möglich. Und wie? Indem ich
wieder über meine Finger blies? Schließlich ging es
da um Menschenleben. Dafür mußte ich selbst
überzeugt sein, daß meine Handlung unschuldig war,
die eines Kindes, und daß ich nicht schuld war, wenn
andere darüber starben. Ich hätte ja immer noch an
ein Wiederaufflackern der Epidemie nach dieser Pause
von vierzehn Tagen glauben können, denn ich mußte
bis zum letzten darauf beharren, daß es völlig
unglaublich war, der Tod könnte von mir abhängen.
Unterdessen jedoch war da die diabolische
Versuchung, mir eine derartige Gewißheit zu
verschaffen, viel grauenhafter als der Zweifel, ich
könnte wahnsinnig sein: die Gewißheit, daß ich über
eine so unerhörte Macht verfügte: Wie hätte ich
einer solchen Versuchung widerstehen können?
II.
Ich mußte mir also noch
einen Versuch gestatten, aber einen
vorsichtigen, schüchternen: einen
Versuch, der so „gerecht“ sein mußte,
wie das möglich war. Der Tod ist nie
gerecht, das ist ja bekannt. Aber der
Tod, der von mir abhing (falls er
wirklich von mir abhing), mußte gerecht
sein.
Ich kannte ein liebes
kleines Mädchen, das, während es mit
seinen Puppen spielte, aus einem Traum
in den anderen sprang, und alle waren
sie verschieden, der eine trug sie in
ein Dorf in den Bergen, der andere an
den Strand des Meeres, und dann vom Meer
in ein fernes, ganz fernes Land, wo
fremde Menschen eine andere Sprache
sprachen, so verschieden von der ihren;
so war sie am Ende all dieser Träume
immer noch als kleines Mädchen von
zwanzig Jahren aufgewacht, ganz und gar
Kind, aber nun mit einem Menschen an
ihrer Seite, der, kaum war er aus dem
letzten ihrer Träume herausgetreten,
sich sofort in die Wirklichkeit eines
fremden Riesenkerls verwandelt hatte,
eine Bohnenstange von gut zwei Metern,
dumm, träge und lasterhaft; und in den
Armen fand sie plötzlich statt der Puppe
ein armseliges kleines Wesen, man hätte
sagen können, ein kleines Monsterchen,
das sogar das Gesicht eines kranken
Engels hatte, solange der Krampf, der
den ganzen armseligen Körper immer
wieder durchzuckte, nicht auch dieses
grauenhaft verzerrte. „Morbus ...“ hieß
das, ich weiß nicht mehr genau wie, es
war der Name eines ausländischen Arztes
aus England oder Amerika, Pot hieß er,
glaube ich, wenn man ihn so schreibt
(wunderbarer Ruhm, wenn man einer
Krankheit den eigenen Namen geben
darf!), „Morbus Pot“ also in einer der
schwersten und hoffnungslosesten Formen.
Dieses Kind würde nie sprechen, nie
gehen, sich nie seiner abgemagerten und
von der Gewalt der gräßlichen Krämpfe
verkrümmten Händchen bedienen können.
Aber es würde noch ein paar Jährchen so
vor sich hinvegetieren. Wie alt war es?
Drei? Nun, vielleicht noch bis zehn. Und
doch schien es nicht wahr zu sein, in
den Armen eines Menschen, der gelernt
hatte es richtig zu halten, wie diese
Bohnenstange von einem Vater, da
lächelte das arme Kind mit einem so
seligen Lächeln in seinem Engelsgesicht,
daß auf der Stelle, kaum setzte das
Entsetzen über diese krampfartigen
Zuckungen aus, das zarteste Mitgefühl
Tränen aus den Augen aller quellen ließ,
die es betrachteten. Es schien
unmöglich, daß nur die Ärzte nicht
imstande waren zu verstehen, um was das
Kind mit diesem Lächeln bat. Aber
vielleicht verstanden sie es sogar, denn
sie hatten bereits einmal erklärt, daß
das sicherlich einer jener Fälle war, in
denen man nicht gezögert hätte, hätte es
das Gesetz erlaubt und die Eltern
zugestimmt... Aber Gesetz ist nun einmal
Gesetz, denn grausam kann es wohl sein
und ist es auch oft, aber barmherzig
nie, es sei denn, es würde zugleich
aufhören, Gesetz zu sein.
Ich ging also zu dieser
Mutter.
Der Raum, in dem sie
mich empfing, war vom Schatten ganz
erfüllt und wie in weiter Ferne
erschienen zwei Fenster, verschleiert
von dem fahlen Schimmer des letzten
Dämmerlichts. Auf dem Lehnstuhl am
Bettende sitzend, wiegte die Mutter das
von Krämpfen geschüttelte Kind im Arm.
Ich beugte mich über das Kleine, ohne
ein Wort zu sagen, zwei Finger vor dem
Mund. Bei meinem Hauch lächelte das
Kind, entspannte sich und verschied. Als
die Mutter, die an die ständige
Anspannung und die Zuckungen der Krämpfe
in diesem kleinen Körper gewöhnt war,
ihn plötzlich zwischen den Armen sich
lockern und weich werden fühlte,
unterdrückte sie mit Mühe einen Schrei,
hob den Kopf und sah mich an, sah das
Kind an:
„O Gott, was haben Sie
mit ihm gemacht?“
„Nichts, hast du’s nicht
gesehen, gerade nur ein Hauch...“
„Aber es ist tot!“
„Nun ist es selig.“
Ich nahm es ihr aus den
Armen und legte es, so locker und weich,
wie es nun war, auf sein kleines
Bettchen. Auf dem blassen Mündchen ruhte
noch immer das Engelslächeln.
„Wo ist dein Mann? Dort
drüben? Von dem befreie ich dich auch.
Er hat kein Recht mehr, dich zu
unterdrücken. Aber dann bleib beim
Träumen, mein liebes kleines Mädchen.
Siehst du nicht, was man davon hat, wenn
man aus den Träumen heraussteigt?“
Ich mußte den Mann gar
nicht holen gehen. Er erschien wie ein
verwirrter Riese auf der Schwelle. Aber
in der Erregung, in die mich die
schreckliche, nun tatsächlich gewonnene
Gewißheit versetzte, fühlte ich mich
maßlos gewachsen, weit größer als er.
„Was ist das Leben schon? Sehen Sie her,
ein Hauch genügt, ein Hauch, so, und
schon ist es vorbei!“
Dabei blies ich ihm aufs
Gesicht und trat aus dem Haus, ins
Riesenhafte gewachsen in den Abend
hinein.
Ich war es, ich war es;
ich war der Tod; ich trug ihn hier, in
meinen beiden Fingern und in meinem
Atemhauch; ich konnte alle sterben
lassen. Und mußte ich nicht alle sterben
lassen, um gerecht zu sein gegenüber
denen, die ich zuerst ins Jenseits
befördert hatte? Nichts leichter als
das, solange ich genug Puste hatte. Ich
hätte es nicht aus Haß gegen irgend
jemanden getan; ich kannte niemanden.
Wie der Tod selbst. Ein Hauch, und
vorbei war’s. Wieviel Menschheit war
schon vor dieser, die schattenhaft vor
mir vorüberzog, fortgeblasen worden?
Aber konnte ich denn je - die ganze
Menschheit? Alle Häuser entvölkern? Alle
Straßen sämtlicher Städte? Und die
Landstriche, Berge und Meere? Die
gesamte Erde menschenleer machen? Nein,
das war nicht möglich. Nun, aber dann,
niemanden mehr, keinen einzigen durfte
ich mehr, keinen einzigen. Vielleicht
würde ich mir die beiden Finger
abschneiden müssen. Aber wer weiß,
vielleicht würde der Atemhauch auch
allein ausreichen. Sollte ich es einmal
versuchen? Nein, nein: genug! Ich
fühlte, wie es mir allein bei dem
Gedanken eiskalt den Rücken herablief,
vom Nacken bis zu den Fersen. Vielleicht
reichte schon der Atemhauch allein aus.
Wie sollte ich mich daran hindern? Wie
sollte ich der Versuchung widerstehen?
Eine Hand auf den Mund legen? Konnte ich
mich denn dazu verdammen, ewig eine Hand
auf den Mund zu halten?
Als ich so meinen wilden
Phantasien nachhing, fand ich mich
plötzlich vor dem Tor des Krankenhauses
vorbeigehen, das weit offenstand. In der
Einfahrt lungerten ein paar
Krankenpfleger herum; sie hatten Dienst
für die Notambulanz und unterhielten
sich mit zwei Polizisten und dem alten
Portier; und auf der Schwelle, auf die
Straße hinausblickend, stand im langen
weißen Arztmantel, die Hände in die
Hüften gestemmt, der junge Doktor, der
an das Totenbett des armen Bernabò
geeilt war. Als er mich vorübergehen
sah, erkannte er mich wieder und begann
‑ vielleicht aufgrund der wirren Gesten,
die ich in meinen wilden Phantasien
vollführte ‑ zu lachen. Hätte er das
bloß nie getan! Ich blieb stehen; ich
rief ihm zu: „Reizen Sie mich nicht mit
ihrem blöden Grinsen! Ich bin es, ich
bin es; ich habe ihn hier“, und dabei
zeigte ich ihm wiederum die
aufeinandergelegten Finger, „vielleicht
auch nur im Hauch meines Atems allein!
Wollen Sie es vor all diesen
Herrschaften ausprobieren?“ Überrascht
und neugierig waren die Krankenpfleger,
die beiden Polizisten und der alte
Portier hinzugetreten. Mit starrem
Grinsen auf den Lippen, die wie gemalt
erschienen, und ohne die Hände von den
Hüften zu nehmen, begnügte sich dieser
Unglückselige diesmal nicht damit es zu
denken, sondern er sprach es aus, indem
er mit den Achseln zuckte: „Aber Sie
sind ja wahnsinnig!“. „Ich bin
wahnsinnig?“, fragte ich drohend. „Die
Epidemie ist seit vierzehn Tagen
erloschen. Wollen Sie sehen, wie ich sie
wieder anfache und im Handumdrehen sich
ausbreiten lasse, in grauenhafter
Schnelligkeit?“ „Indem Sie auf Ihre
Finger blasen, nicht?“ Das brüllende
Gelächter, das auf diese Frage des
Doktors antwortete, ließ mich zögern.
Ich bemerkte, daß ich der Empörung nicht
hätte nachgeben dürfen, die mich ob der
beschämenden Lächerlichkeit ergriff,
welche meine Geste, sobald sie einmal
offenbar wurde, mir unausweichlich
eintragen mußte. Niemand außer mir
selbst vermochte ja ernsthaft an die
schrecklichen Wirkungen dieser Geste zu
glauben. Und dennoch gewann die Empörung
in mir die Oberhand, wie das Brennen
einer Feuerspitze auf rohem Fleisch,
denn ich fühlte diese Lächerlichkeit wie
ein Brandmal des Hohns, das der Tod mir
aufprägen hatte wollen, indem er mir
diese unglaubliche Macht übertragen
hatte. Dazu kam, wie ein
Peitschenschlag, die Frage des jungen
Arztes: „Wer hat Ihnen denn gesagt, daß
die Epidemie erloschen ist?“ Ich blieb
wie versteinert stehen. Die Epidemie war
also nicht erloschen? Ich fühlte, wie
meine Wangen vor Scham rot anliefen. „In
den Zeitungen“, sagte ich, „ist doch von
keinem einzigen Fall mehr berichtet
worden.“ „Ja, in den Zeitungen“, gab der
andere zurück. „aber nicht bei uns hier
im Krankenhaus.“ „Noch weitere Fälle?“
„Drei bis vier pro Tag.“ „Und Sie sind
sicher, daß es dieselbe Krankheit ist?“
„Aber ja, lieber Herr, absolut sicher.
Würde man nur auf diese Weise endlich
klar sehen, was die Krankheit anlangt!
Sparen Sie, lieber Herr, sparen Sie
Ihren Atem!“ Die anderen fingen wieder
an zu lachen. „Na gut“, sagte ich
hierauf. „Wenn es so ist, dann bin ich
bloß ein Verrückter, und Sie werden also
keine Angst haben, mit mir ein
Experiment zu machen. Übernehmen Sie die
Verantwortung auch für die anderen fünf
Herrschaften?“ Angesichts meiner
Herausforderung stutzte der junge Arzt
einen Augenblick; dann kehrte das Lachen
auf seine Lippen zurück, und er wandte
sich zu den anderen fünf um: „Haben Sie
verstanden? Der Herr hier behauptet, er
brauche nur leicht auf seine Finger
blasen, um uns allesamt sterben zu
lassen. Wollen wir’s versuchen? Ich
mache mit!“ Die anderen riefen höhnisch
lachend im Chor: „Aber ja, blasen Sie,
blasen Sie, wir machen auch mit, hier
sind wir!“ Und damit stellten sie sich
alle sechs in einer Reihe vor mir auf,
die Köpfe vorgestreckt. Es erschien wie
eine Theaterszene, in dieser
Krankenhauseinfahrt, unter der roten
Laterne der Erste-Hilfe-Ambulanz. Sie
waren sicher, es mit einem Verrückten zu
tun zu haben. Nun konnten sie nicht mehr
zurück. „Es ist die Epidemie, wenn
überhaupt, nicht ich, was?“ Und um ganz
sicher zu gehen, legte ich wieder die
beiden Finger vor dem Mund aufeinander.
Als ich blies, wurden alle sechs, einer
nach dem anderen, bleich im Gesicht;
alle sechs krümmten sich vornüber, alle
sechs griffen sich mit einer Hand auf
die Brust und sahen einander aus
verschleierten Augen an. Dann sprang
einer der Polizisten auf mich zu und
packte mich am Handgelenk; sogleich aber
blieb ihm die Luft weg, die Beine
knickten ihm ein, und er fiel mir zu
Füßen, als wolle er mich um Hilfe
anflehen. Von den anderen brabbelte
einer etwas vor sich hin, der andere
ruderte mit den Armen, der dritte
starrte mit weitaufgerissenen Augen und
ebensolchem Mund vor sich hin.
Instinktiv versuchte ich mit dem freien
Arm den jungen Arzt aufzufangen, der mir
entgegenfiel. Aber auch er stieß mich
wie Bernabò wütend zurück und fiel mit
lautem Krachen der Länge nach auf den
Boden. Ein Rudel Leute, der allmählich
zu einer Menschenmenge anwuchs, hatte
sich unterdessen vor dem Tor
zusammengerottet. Die neu
hinzugekommenen Neugierigen drängten von
außen nach innen, die Entsetzten wichen
von der Schwelle zurück und quetschten
so in der Mitte die in banger Erwartung
verharrenden Leute ein, die sehen
wollten, was in dieser Toreinfahrt vor
sich ging. Sie fragten mich danach, als
wäre ich einer, der das wissen müßte,
vielleicht, weil mein Gesicht weder die
Neugier, noch die bange Erwartung, noch
das Entsetzen ausdrückte, das in ihnen
war. Wie ich aussah, hätte ich nicht zu
sagen vermocht; in diesem Augenblick
fühlte ich mich wie verloren, plötzlich
überfallen von einer Meute wilder Hunde.
Ich fand keinen anderen Ausweg als meine
kindische Geste. In den Augen hatte ich
wohl einen Ausdruck der Angst und
zugleich des Mitleids für die sechs
Gefallenen und für alle, die um mich
herumstanden; vielleicht lächelte ich
sogar, während ich zu dem einen oder
anderen sagte, indem ich mir einen Weg
bahnte: „Ein Hauch genügt, so... so...“;
zugleich rief vom Boden der junge Arzt,
der bis zum Letzten starrköpfig blieb,
sich in Krämpfen windend: „Die Epidemie!
Die Epidemie!“ Eine allgemeine Flucht
war die Folge; und eine Zeitlang sah ich
mich noch inmitten all dieser Leute, die
entsetzt und wie von Sinnen nach allen
Seiten flohen, langsam vor mich hin
trotten, wie ein Betrunkener, der mit
sich selbst spricht, sanft und betrübt;
bis ich mich, ich weiß selbst nicht wie,
vor dem Spiegel eines Schaufenster
wiederfand, noch immer mit diesen beiden
Fingern vor dem Mund und mitten im Akt
des Blasens „ ...so ...so“, vielleicht,
um einen Beweis für die Unschuld dieses
Aktes zu liefern, indem ich zeigte, daß
ich dasselbe, bitte, auch mit mir selbst
machte, in der einzigen Weise, in der
ich das tun konnte. Für einen Augenblick
sah ich mich in diesem Spiegel, mit
Augen, von denen ich selbst nicht mehr
wußte, wie ich sie mir ansehen sollte,
so tief eingesunken waren sie in diesem
Totengesicht, das mich anstarrte; dann,
als hätte die Leere mich verschlungen,
oder ein Schwindel mich erfaßt, sah ich
mich selbst nicht mehr; ich berührte den
Spiegel, er war da, vor mir, ich sah
ihn, aber ich war nicht in ihm; ich
berührte mich, berührte meinen Kopf,
meine Brust, meine Arme; ich spürte
meinen Körper unter den Händen, aber ich
sah ihn nicht mehr, und auch nicht mehr
die Hände, mit denen ich ihn berührte;
und doch war ich nicht blind; ich sah
alles, die Straße, die Leute, die
Häuser, den Spiegel; da, ich berührte
ihn von neuem, ich trat näher heran, um
mich in ihm zu suchen; aber ich war
nicht da, und auch die Hand war nicht
da, die doch unter den Fingerkuppen die
Kälte der Scheibe spürte. Ein Drang
ergriff mich, ein frenetischer Drang, in
diesen Spiegel hineinzusteigen, auf der
Suche nach meinem fortgeblasenen,
verschwundenen Bild; und während ich so
gegen das Spiegelglas gelehnt stand,
lief einer, der aus dem Geschäft kam, in
mich hinein, und sofort sah ich ihn
entsetzt zurückprallen, den Mund zu dem
Schrei eines Wahnsinnigen geöffnet, der
nicht aus der Kehle dringen wollte: er
war gegen jemanden gelaufen, der da sein
mußte und doch nicht da war, denn da war
niemand; da stieg in mir übermächtig das
Bedürfnis auf, zu bekunden, daß ich doch
da war; ich sprach, als wäre ich eine
Stimme in der Luft; ich hauchte es ihm
ins Gesicht: „Die Epidemie!“ und mit
einem Stoß der Hand gegen seine Brust
warf ich ihn zu Boden. Unterdessen war
die Straße in Aufruhr geraten,
aufgewiegelt von denen, die zuvor
geflohen waren, und die nun, mit
Gesichtern von Besessenen zurückkamen,
sicherlich alle zur Suche nach mir
aufhetzend, sie füllte sich mit Leuten,
die von allen Seiten hereindrängten,
wurde immer voller, wie ein dicker Rauch
aus wechselnden Gesichtern, der mich
erstickte, der ich mich doch fast in dem
Rausch eines erschreckenden Traums
verflüchtigt hatte; aber sogar in diesem
Gedränge eingeklemmt, konnte ich gehen,
mir einen Weg bahnen mit dem Hauch
meines Atems über meine unsichtbaren
Finger. „Die Epidemie! Die Epidemie!“ -
Ich war nicht mehr ich; nun endlich
begriff ich es; ich war die Epidemie,
und es waren alles Larven, jawohl, alles
Larven, die Menschenleben, die ein Hauch
mit sich forttrug. Wie lange wohl dieser
Alptraum anhielt? Die ganze Nacht und
einen Teil des darauffolgenden Tages
versuchte ich, aus diesem Gedränge zu
entkommen, und als ich mich endlich auch
noch von der Enge der Häuserzeilen der
gräßlichen Stadt befreit hatte, fühlte
ich mich in der Luft des freien Landes
selbst Luft geworden. Alles wurde von
der Sonne in Gold getaucht; ich hatte
keinen Körper mehr, keinen Schatten
mehr; das Grün war so frisch und neu,
als wäre es eben jetzt aus meinem so
dringenden Bedürfnis nach Erfrischung
hervorgegangen, und es war so sehr mein,
daß ich mich in jedem unter der Last
eines sich darauf niederlassenden
Insekts erzitternden Grashalm selbst
angerührt fühlte; ich versuchte zu
fliegen, mit dem beinahe papiergleichen,
hingebungsvollen Liebesflug von zwei
weißen Schmetterlingen; und als ob es
nun wirklich ein Scherz wäre, da, ein
Hauch und fort ist es, schon schwebten
die abgefallenen Flügel dieser
Schmetterlinge durch die Luft herab wie
dünnes Papier; weiter drüben saß auf
einem Stuhl, den Oleander neugierig
beäugten, ein junges Mädchen in einem
Kleid aus himmelblauem Schleiertuch, auf
dem Kopf einen großen Strohhut, den
kleine Rosen zierten; sie blinzelte mit
den Augenlidern; nachdenklich saß sie
da, und lächelte mit einem Lächeln, das
sie mir in die Ferne entrückte, wie ein
Bild aus meiner Jugend; vielleicht war
sie ja wirklich nichts anderes als ein
Bild, das mir vom Leben zurückgeblieben
war, nur noch dieses einzige Bild auf
der ganzen Erde. Ein Hauch und fort
damit! Bis zur Beklemmung gerührt von so
viel Süße, blieb ich unbeweglich dort
stehen, die Hände ineinander
verschlungen und den Atem anhaltend, und
betrachtete sie aus der Ferne; und mein
Blick war die Luft selbst, die sie
liebkoste, ohne daß sie sich von ihr
angerührt fühlte.
|
Der Kater ein Distelfink und die Sterne -
(Il gatto, un cardellino e le stelle – 1925) |
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Erstveröffentlichung in
der Zeitschrift "Penombra" 1917; keine
wesentlichen Varianten bekannt.
aus dem Italienischen von Michael
Rössner |
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Ein Stein. Noch ein Stein. Der
Mensch geht vorüber und sieht sie nebeneinander
liegen. Aber was weiß dieser Stein schon von dem
Stein neben sich? Und was das Wasser, das im Graben
fließt, vom Graben? Der Mensch sieht das Wasser und
sieht den Graben; er hört das Wasser hindurchfließen
und versteigt sich sogar zu dem Gedanken, das Wasser
könnte im Vorüberfließen dem Graben weiß Gott was
für Geheimnisse mitteilen.
Ach, was für eine Sternennacht über
den Dächern dieses armseligen Dörfchens in den
Bergen! Wenn man den Himmel von diesen Dächern aus
betrachtete, hätte man schwören mögen, die Sterne
sähen in dieser Nacht nichts anderes an, so lebhaft
strahlten sie gerade darüber.
Und die Sterne haben auch keine
Ahnung von der Erde.
Diese Berge? Ja, ist es denn die
Möglichkeit, daß sie nicht wissen, daß sie zu diesem
Dörflein gehören, das seit fast tausend Jahren in
ihrer Mitte liegt? Alle wissen, wie sie heißen,
Monte Corno, Monte Moro; und sie wüßten nicht
einmal, daß sie Berge sind? Und dann wäre also auch
das älteste Haus dieses Dörfleins sich nicht bewußt,
daß es hier aufgerichtet worden ist, daß es diese
Straße hier einrahmt, die die älteste aller Straßen
ist? Ja, kann denn das möglich sein?
Und was wäre dann?
Dann glaubt ruhig, wenn euch das
Spaß macht, daß die Sterne nichts anderes sehen als
die Dächer eures Dörfleins zwischen den Bergen.
Ich habe zwei alte Leutchen
kennengelernt, die einen Distelfink besaßen. Die
Frage, wie die runden, lebhaften Äuglein dieses
Distelfinks ihre Gesichter, den Käfig, das Haus mit
all den alten Möbeln sähen, und was der Kopf dieses
Distelfinks über all die Liebkosungen und
Zärtlichkeiten dachte, mit denen sie ihn
überhäuften, war diesen beiden alten Leutchen mit
Sicherheit noch nie gekommen; so sicher waren sie,
daß der Distelfink, wenn er sich auf der Schulter
des Großväterchens oder des Großmütterchens
niederließ und wenn er an ihrem runzligen Hals oder
am Ohrläppchen knabberte, sehr gut wußte, daß das,
worauf er sich niedergelassen hatte, eine Schulter
war, und daß, woran er knabberte, ein Ohrläppchen
war, und daß Schulter und Ohr ihm und nicht ihr
gehörte. War es denn möglich, daß er sie nicht beide
kannte? Daß er nicht wußte, daß der eine das
Großväterchen und die andere das Großmütterchen war?
Und daß er sich nicht darüber im klaren war, daß sie
ihn beide so sehr liebten, weil er der Distelfink
ihrer verstorbenen Enkelin war, die ihn so gut
abgerichtet hatte, daß er auf die Schulter flog, am
Ohr knabberte und im Haus frei herumflog?
Im Käfig, der zwischen den Vorhängen
am Fensterkreuz hing, hielt er sich nur des Nachts
auf und tagsüber in den kurzen Augenblicken, in
denen er seine Hirsekörner aufpickte und mit vielen
koketten Verbeugungen ein Tröpfchen Wasser trank.
Mit einem Wort, der Käfig war sein Königspalast und
das Haus war sein weites Königreich. Und oft ließ er
auf dem Lampenschirm der Hängelampe im Eßzimmer oder
auf der Rückenlehne des Großvaterstuhls seine
Triller los und auch noch was anderes... naja, er
war eben ein Distelfink!
"Schmutzfink!", zankte ihn das alte
Großmütterchen aus, wenn sie ihn dabei ertappte. Und
sie lief mit dem Lappen herbei, immer bereit zu
putzen, als wäre ein Kind im Haus, von dem man noch
nicht erwarten konnte, daß es genug Verstand besäße,
gewisse Dinge ordentlich und am richtigen Ort zu
erledigen. Und unterdessen erinnerte sie sich an
sie, die alte Großmutter, an die Enkelin erinnerte
sie sich, die ihr genau diese Putzerei, armes
Schätzchen, mehr als ein Jahr hindurch aufgebürdet
hatte, bis sie endlich, als braves Kindchen...
"Erinnerst du dich, hm?"
Und der Alte - was heißt erinnern?
Er sah sie förmlich noch vor sich im Haus
herumlaufen, ganz winzigklein - so! Und er
schüttelte lange Zeit den Kopf.
Sie waren allein zurückgeblieben,
die beiden Alten, mit dem Waisenkind, das da von
Kindesbeiden bei ihnen aufgewachsen war, und das die
Freude ihres Alters hätte werden sollen; aber
stattdessen, mit fünfzehn Jahren.... Nun, aber
lebendig von ihr zurückgeblieben war doch - Triller
und Flügel - die Erinnerung, der Distelfink. Dabei
hatten sie ja zuerst nicht einmal an ihn gedacht! In
der Verzweiflung, in die sie nach dem Unglück
verfallen waren, wie hätten sie da an einen
Distelfink denken können? Aber auf ihre gebugten
Schultern, zuckend unter der Gewalt des Schluchzens,
da hatte er, der Distelfink - ja, er, er - sich ganz
von selbst sanft hingesetzt, hatte das Köpfchen
dahin und dorthin gewendet, den Hals gereckt und
dann einen kleinen Biß mit dem Schnabel liebevoll
hinters Ohr, als wollte er sagen, daß... ja
freilich, er war etwas, das von ihr lebendig
geblieben war; lebendig, immer noch am Leben, etwas,
das ihre Fürsorge brauchte, dieselbe Liebe, die sie
für das Mädchen gehabt hatten.
Wie zitterte doch die klobige Hand
des Alten, als er den Distelfink daraufsetzte, um
ihn schluchzend seiner guten Alten zu zeigen! Was
regnete es da Küsse auf dieses Köpfchen, auf dieses
Schnäbelchen. Aber er wollte sich nicht von dieser
Hand fangen, von ihr einsperren lassen, er schlug
mit den Füßchen um sich, mit dem Köpfchen; er
beantwortete die Küsse der beiden Alten mit
Schnabelhieben.
Das Großmütterchen war ganz, ganz
sicher, daß der Distelfink mit diesen Zwitschertönen
noch immer sein kleines Frauchen rufen wollte, und
daß er, wenn er hin und her durch die Zimmer
flatterte, nach ihr suchte, ohne Ruhe und Rast nach
ihr suchte, sich einfach nicht damit abfinden
konnte, daß er sie nicht mehr fand; und daß das
alles Reden war, die er an sie hielt, diese
langgezogenen Triller; Fragen, ja, richtige Fragen,
wie man sie mir Worten nicht deutlicher hätte
stellen können. Dreimal, viermal hintereinander
wiederholte er diese Fragen, die nach einer Antwort
verlangten und den Ärger darüber verrieten, daß er
keine bekam.
Aber wie denn, wenn es
doch andererseits ebenso ganz, ganz
sicher war, daß der Distelfink über den
Tod Bescheid wußte? Wenn er es wußte,
wen rief er dann? Von wem erwartete er
eine Antwort auf seine Fragen, wie man
sie mir Worten nicht deutlicher hätte
stellen können?
Nun, mein Gott, er war
eben doch ein Distelfink! Bald rief er
nach ihr, bald beweinte er sie. Konnte
man den ernsthaft daran zweifeln, daß er
- in diesem Augenblick zum Beispiel,
wenn er da ganz zusammengekauert auf dem
Stab seines Käfigs saß, das Köpfchen
eingezogen, das Schnäbelchen in die Höhe
gereckt und mit halbgeschlossenen Augen
- daß er da an das tote Mädchen dachte?
So gewisse kurze, unterdrückte Piepstöne
stieß er in solchen Augenblicken aus,
und die waren doch der schlagendste
Beweis dafür, daß er an sie dachte, sie
beweinte und sich beklagte. Es zerriß
einem förmlich das Herz, wenn man diese
Piepstöne hörte.
Nein, der alte Großvater
sagte ja gar nichts dagegen. Er war sich
der Sache ja genauso sicher wie seine
gute Alte! Und dennoch stieg er ganz
sachte auf den Stuhl, als wollte er
tatsächlich diesem armen gequälten
Seelchen ein paar Trostworte zuflüstern,
und dabei - fast, als wollte er selbst
nicht dabei zusehen, was er tat - dabei
öffnete er das Käfigtürchen, das
zugefallen war.
"Da fliegt er davon! Na,
da fliegt er, der Lausebengel!", rief
der Alte, während er sich auf dem Stuhl
umdrehte, mit lachenden Augen, die
beiden Handflächen vorstreckend, als
wollte er ihn aufhalten.
Und dann stritten
Großpapa und Großmama. Sie stritten,
weil sie es ihm schon hundertmal gesagt
hatte, er solle ihn in Ruhe lassen, wenn
er so im Käfig hockte, er solle ihn
nicht in seinem Kummer aufscheuchen. Na,
hörte er das jetzt?
"Er singt", sagte der
Alte.
"Was heißt, er singt!",
keifte sie zurück und zuckte die
Achseln. "Der erzählt dir was Schönes!
Der hat einen Affenzorn auf dich!"
Und sie lief hin, um ihn
zu beruhigen. Aber wie wollte man ihn
denn beruhigen? Er sprang hierhin und
dorthin, richtig gekränkt war er. Und
ganz zu Recht, denn er mußte ja den
Eindruck haben, daß man in diesen
Augenblicken keine Achtung vor ihm
hatte.
Das Schöne war nur, daß
der Großvater sich nicht nur all die
Beschimpfungen der Großmutter geduldig
anhörte, ohne ihr zu sagen, daß das
Käfigtürchen zugefallen war, und daß der
Distelfink vielleicht deshalb so klagend
gepiepst hatte, nein, er weinte, als er
seine gute Alte so reden hörte, während
sie dem Distelfink nachlief und gestand
es selbst ein, während er unter Tränen
den Kopf schüttelte:
"Der Ärmste, er hat ganz
recht... der Ärmste, er hat ganz
recht... er meint, wir hätten keine
Achtung vor ihm!"
Denn der Großvater wußte
sehr gut, was es heißt, wenn man spürt,
daß die anderen keine Achtung vor einem
haben. Vor ihnen beiden, den armen
Alten, hatte auch niemand mehr Achtung,
sie waren das Gespött des Dorfes, weil
sie nur noch für diesen Distelfink
lebten, und weil sie sich selbst dazu
verdammten, ständig bei geschlossenem
Fenster lebten; ja, auch er, der alte
Großvater, hatte sich dazu verdammt, die
Nase nicht mehr vor die Türe zu stecken,
denn er war zwar alt und heulte zu Hause
wie ein kleines Kind, aber, he! - also
auf der Nase herumtanzen hatte er sich
noch von keinem lassen, und hätte einer
auf der Straße auf die dumme Idee
gekommen, sich über ihn lustig zu
machen, dann hätte er sein Leben (was
für einen Wert hatte das Leben denn noch
für ihn?) wie nichts, jawohl, wie nichts
aufs Spiel gesetzt. Jawohl, meine
Herrschaften, für diesen Distelfink da,
wenn jemand auf die dumme Idee gekommen
wäre, ein falsches Wort zu sagen.
Dreimal, in seiner Jugend, da stand es
auf des Messers Schneide... da ging's um
Kopf und Kragen oder wenigstens um die
Freiheit! Ach, ihm lag nicht viel daran,
die Augen auf immer zu schließen!
Jedes Mal, wenn diese
gewalttätigen Gedanken sein Blut in
Wallung brachten, stand der alte
Großvater auf, oft mit dem Distelfink
auf der Schulter, ging zum Fenster und
sah mit grimmigem Blicken durch die
Glasscheibe auf die Fenster der Häuser
gegenüber.
Daß das dort Häuser
waren, dort gegenüber, daß das Fenster
waren, mit Rahmen und Scheiben, mit
Brüstungen, Blumentöpfen und allem, was
dazugehört; daß das Dächer waren, mit
Rauchfängen, Ziegeln, Dachrinnen, daran
konnte der alte Großvater nicht zweifeln
- er wußte ja noch dazu, wem sie
gehörten, wer dort drinnen war, und wie
man dort wohnte. Das Schlimme war nur,
daß ihm nicht im geringsten die Frage in
den Sinn kam, was dagegen für den
Distelfink, der auf seiner Schulter
hockte, dieses sein eigenes Haus und die
anderen Häuser gegenüber waren; und auch
nicht, was sie für diesen prächtigen
weißen Kater bedeuteten, der auf dem
Fensterbrett des Fensters gegenüber
hockte und sich mit geschlossenen Augen
die Sonne auf den Pelz scheinen ließ.
Fenster? Glasscheiben? Dächer? Ziegel?
Mein Haus? Dein Haus? Für diesen
riesigen weißen Kater: Mein Haus? Dein
Haus? Aber wenn er nur hineingelangen
konnte, waren doch alle Häuser sein!
Häuser? Was heißt denn Häuser! Orte, wo
man etwas mitgehen lassen konnte; Orte,
wo man mehr oder weniger bequem schlafen
konnte; oder auch, wo man sich schlafend
stellen konnte.
Glaubten denn die beiden
alten Großeltern tatsächlich, wenn sie
immer Fenster und Türe des Hauses
geschlossen hielten, könnte ein Kater,
wenn ihm wirklich daran läge, nicht
einen anderen Weg finden, ins Haus zu
gelangen und diesen Distelfink zu
verspeisen?
Und war es nicht
wirklich ein bißchen zu viel verlangt,
daß der Kater wissen sollte, daß dieser
Distelfink für die beiden alten
Großeltern alles war, was sie im Leben
noch hatten, weil er ihrer verstorbenen
Enkelin gehört hatte, die ihn so gut
abgerichtet hatte, daß er im Haus frei
herumfliegen konnte, außerhalb des
Käfigs? Und daß er wissen sollte, daß
der alte Großvater, als er ihn einmal
hinter einem der Fenster auf der Lauer
liegen und durch das Glas den sorglosen
Flug des Distelfinks durch die Zimmer
beobachten gesehen hatte, wütend zu
seinem Besitzer gelaufen war, um ihn zu
warnen, wehe, wehe, wenn er noch einmal
dieses Katzenvieh dort erwischen würde?
Dort? Wann? Wie? Das Frauchen... die
Großeltern... das Fenster... der
Distelfink?
Und so verspeiste er ihn
eines Tages - aber freilich, diesen
Distelfink, der seinetwegen auch ruhig
ein anderer Vogel hätte sein können, er
verspeiste ihn, nachdem er, Gott weiß
wie, sich in das Haus der beiden Alten
geschlichen hatte. Die Großmutter - es
war schon fast Abend - vernahm von
drüben gerade so etwas wie ein leises
Klagen, einen unterdrückten Piepser; der
Großvater eilte herbei, sah gerade noch
etwas Weißes durch die Küche
davonhuschen und ein paar kleine
Brustfedern, die allerzartesten, auf dem
Boden verstreut, wo sie sich in dem
Lufthauch seines Eintretens auf dem
Marmorboden ganz sachte bewegten. Welch
ein Schrei! Seine gute Alte versuchte
ihn vergeblich zurückzuhalten, der
Großvater packte sein Gewehr und lief
wie ein Verrückter zum Haus der
Nachbarin. Nein, nicht die Nachbarin,
den Kater, freilich, den Kater wollte er
erschießen, der Alte, dort, vor ihren
Augen. Und so schoß er in das Eßzimmer
hinein, als er ihn dort seelenruhig auf
der Kredenz sitzen sah, schoß einmal,
zweimal, dreimal, bis das Geschirr in
Brüche ging und der Sohn der Nachbarin,
seinerseits mit einem Gewehr bewaffnet,
hinzustürzte und auf den Alten anhielt.
Eine Tragödie. Unter
Schreien und Weinen trug man den
Großvater sterbend, mit einer Schußwunde
in der Brust in sein Haus zurück, zu
seiner guten Alten.
Der Sohn der Nachbarin
war in den Wald geflohen. Zwei Familien
waren ruiniert; das ganze Dorf war eine
Nacht lang in hellem Aufruhr.
Und der Kater konnte
sich einen Augenblick später schon gar
nicht mehr daran erinnern, daß er einen
Distelfink gefressen hatte - einen
beliebigen Distelfink; und er hatte
nicht einmal begriffen, daß der Alte auf
ihn geschossen hatte. Er hatte einen
riesigen Luftsprung gemacht, als es
krachte, war davongelaufen, und nun - da
war er wieder - nun lag er ganz
friedlich, so sehr weiß auf dem
schwarzen Dach, und betrachtete die
Sterne, die aus der tiefschwarzen
Neumondnacht herausguckten und dabei -
da kann man ganz sicher sein - nicht im
geringsten von den armseligen Dächern
dieses kleinen Dorfes zwischen den
Bergen Notiz nahmen. Und doch leuchteten
sie so hell gerade darüber, daß man
hätte schwören mögen, sie sähen in
dieser Nacht nichts anderes an.
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Der Nagel - (Il chiodo - 1937) |
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aus dem Italienischen von Michael
Rössner |
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Der Junge hat gestanden, daß er
diesen Nagel da gefunden hatte, als er im
Schwarzenviertel Harlem eine Straße überquerte. Es
war ein großer, rostiger Nagel, der vielleicht von
einem kurz zuvor über diese Straße gefahrenen Wagen
heruntergefallen sein mochte.
Absichtlich heruntergefallen.
„Wie denn, absichtlich?“
Es nützt nichts, die Augen
sperrangelweit aufzureißen oder im Sessel
hochzufahren. Wenn man dem nicht Rechnung tragen
wollte, und der Art, in der der Junge das sagte,
ruhig, überzeugt, aber in den gläsernen Augen noch
den Schrecken über die unverständliche und
unerklärliche Sache festhaltend, die ihm widerfahren
war, dann hatte es gar keinen Sinn, ihn weiter zu
befragen.
Dieser Nagel lag dort, mitten auf
der ausgestorbenen Straße, und er stach dort so sehr
ins Auge, daß er in unwiderstehlicher Weise nicht
bloß den Blick, sondern auch die Hand des zufällig
Vorübergehenden anzog, der sich gezwungen sah, sich
herabzubeugen, um ihn aufzuheben, ohne zu wissen,
was er damit anfangen sollte, sei es auch nur, um
ihn kurze Zeit später auf der Straße wieder
wegzuwerfen.
Tatsächlich sagt der Junge, er habe
nie daran gedacht, daß er ihn später verwenden
könnte; daß er nicht einmal daran gedacht hatte,
während er schon dabei war, ihn zu verwenden. Er
hatte ihn in der Hand, weil er nicht anders konnte
als ihn aufzuheben; aber da dachte er schon nicht
mehr daran. Der Nagel war ja schon „ruhig geworden“
in seiner Hand (ja, so hat er gesagt, und allen ist
es kalt den Rücken hinuntergelaufen, als sie ihn das
sagen hörten), der Nagel war schon „ruhig geworden“
in seiner Hand, weil er ‑ wie er es gewollt hatte ‑
aufgehoben worden war.
Und so ‑ immer noch nach der
Erzählung des Jungen ‑ hatten zwei Straßenmädchen,
während er eben dabei war, aus der Straße, auf
welcher er den Nagel aufgehoben hatte, in eine
andere einzubiegen, hatten zwei Straßenmädchen also,
die eine vielleicht vierzehn, die andere kaum acht
Jahre alt, zu raufen begonnen. In Brand geraten in
einem Feuerschein der untergehenden Sommersonne,
wurden sie zu einem Knäuel aus Armen, aus Beinen,
aus Lumpen und aus Haaren; und auf der Stelle hatte
er sich ohne nachzudenken auf sie gestürzt, die
Faust gehoben und den Nagel in den Kopf der
kleineren der beiden gebohrt; dann, sogleich danach,
in Wahrheit aber nach einer unendlich langen Zeit,
als er sie tot daliegen sah, als wäre sie es immer
schon gewesen, zu seinen Füßen ganz blutüberströmt
zusammengesunken, war er inmitten des Entsetzens der
herbeigelaufenen Leute wie betäubt zurückgeblieben.
Warum er die Kleine durchbohrt hatte
und nicht die Große, das wußte er nicht zu sagen. Er
kannte weder die eine noch die andere. Er hatte
nicht einmal Zeit gehabt, ihnen ins Gesicht zu
sehen. Er hatte bloß gesehen, daß die Große die
Kleine an den Haaren an der Schläfe gepackt hatte,
und daß diese Haare der Kleinen kupferrot waren, und
eine ihrer Hände, krallenartig gekrümmt, im Gesicht
der Großen, die ihr von unten gräßlich ein Auge nach
oben drückte, so daß das gesamte Weiße des Auges zu
sehen war, das fast aus der Höhle sprang.
Vielleicht war es wegen der Farbe
der Haare gewesen, wegen dieses so scheußlich
verschobenen Auges. Denn danach hatte man erfahren,
daß die Große an der Sache schuld gewesen war, die
der Kleinen einen Streich hatte spielen und dabei
deren Schwächlichkeit ausnützen wollte, kränklich,
wie das Mädchen nun einmal war, das sah man doch
gleich beim Anblick ihres spitzen, ausgezehrten
Gesichtchens, das dort auf dem Boden, inmitten der
Blutlache, aussah wie aus Wachs, ein Jammer, dieses
Näslein, dieses Mündchen, und all diese
Sommersprossen dazu. Kein Zweifel, daß sie bei der
Rauferei zu guter Letzt den Kürzeren gezogen hätte.
Und mit diesem Nagel hatte er sie
getötet.
Nun, nach dem Verhör, lauscht er,
gebeugt auf seinem Stuhl, mit einer düsteren
Verwunderung in den Augen, die schmalen Hände auf
den Knien, mit den Malen von Kratzern, die er sich
vielleicht selbst zugefügt hat, ohne es auch nur zu
bemerken. Er lauscht den Gründen, die die anderen
sich ausdenken, um seine Tat zu erklären.
Seine Verwunderung gilt dem Umstand,
daß es so viele sein können, so viele solche Gründe,
während er nicht einmal einen einzigen zu sehen
vermag; und alle scheinen wahr und einleuchtend,
sowohl die, die für ihn als auch die, die gegen ihn
sprechen.
Aber ja, auch ihm
erscheinen sie wahr und einleuchtend,
freilich nur wenn er sich dazu hinreißen
läßt, sie als ein Konstrukt aus
geistreichen Vermutungen und Eingebungen
zu betrachten, das nicht eigentlich auf
ihn und seine Tat bezogen werden kann;
sonst nicht; ein paar würden ihn
geradezu zum Lachen reizen, wenn ihn
nicht die allgemeine Beklemmung
zurückhalten würde, und noch etwas
anderes, was man ihm dort vor die Augen
hält, auf dem Tisch des Richters: der
Nagel, dessen Rost einen noch ein wenig
dunkleren Rotton angenommen hat; und
noch etwas hält ihn zurück, das
Schrecklichste von allem, etwas, das er
im tiefsten Grund seines Herzens vor
sich selbst verborgen hält, als müßte er
sich dafür schämen. Aber es ist keine
Scham. Es ist Schreck. Ein verzweifeltes
Mitleid, eine trostlose Liebe ist da in
ihm allmählich zu ihr entstanden, von
der er erst jetzt erfahren hat, daß sie
Betty hieß; nur so, Betty; denn nur
unter ihrem Vornamen war sie bekannt,
und tatsächlich hat sich keiner ihrer
Angehörigen gemeldet.
Mit diesem geheimen
Gefühl im Herzen, das ihn förmlich
auffrißt, ist es ihm völlig
gleichgültig, ob die Leute, die da
sprechen, gegen die Wahrheit verstoßen
und etwas gegen ihn sagen; im Gegenteil,
es ist ihm ganz recht, denn alles, was
die da an Ungerechtem sagen, beweist ihm
immer mehr, daß wahr vielmehr das andere
ist, an das niemand glauben will, daß
nämlich dieser Nagel absichtlich dort
hingefallen ist, und das von Betty und
dem anderen Mädchen, daß die nämlich,
gerade als er in die Straße einbog,
ebenfalls absichtlich zu Raufen begonnen
hatten, absichtlich, damit er, von
dieser Rauferei dazu angeregt, sich
einzumischen, ohne daß er noch daran
gedacht hätte, daß er ja mit diesem
Nagel bewaffnet war, die grauenhafte
Ungerechtigkeit begehen müßte, eine
Unschuldige zu töten. Und übrigens ist
das nicht wahr, Betty, das mit deinen
Haaren; daß deine roten Haare nicht
schön gewesen wären. Sie waren schön,
jawohl, sie waren schön und sie standen
dir wunderbar. Und was liegt schon
daran, daß du all diese vielen
Sommersprossen in deinem spitzen
Gesichtchen hattest? Wenn du nur die
Augen aufmachen würdest, die ich nicht
einmal zu Gesicht bekommen habe! Ach
wäre doch nur das Wunder geschehen, daß
du da auf der Erde, in all diesem Blut,
plötzlich, damit allen der Schreck
vergeht, den Schalk von zwei leuchtenden
Äuglein hättest aufblitzen lassen. Aber
dieses Wunder ist nicht geschehen. Deine
Äuglein habe ich nur geschlossen
gesehen, auf immer geschlossen.
Vielleicht konntest du, armes krankes
Mädchen, auch gar keine leuchtenden
Äuglein haben. Macht nichts, macht
nichts: mach sie trotzdem auf, Betty,
mach sie auf und lächle. Kann sein, es
fehlt dir der eine oder andere Zahn; du
wirst noch nicht alle zweiten Zähne
haben; macht nichts, lächle trotzdem.
aber diese weißen Lippen, diese weißen
Lippen: man muß sofort das ganze Blut
abwaschen.
Ein epileptischer
Anfall? Wer redet da von einem
epileptischen Anfall?
Sie meinen ihn damit,
und sie erklären alle Symptome dieser
Krankheit. Aber er ist ganz sicher, nie
etwas dergleichen gespürt zu haben. Kann
es sein, daß er diese Krankheit hat ohne
es zu wissen, daß sie bis zum Augenblick
des Delikts verborgen geblieben und dann
plötzlich in ihm ausgebrochen ist?
Also, wenn sie weiter
solche Dinge sagen, dann bricht ihm das
Herz oder er schnappt über.
Aber jetzt reden sie von
bösartigen Trieben.
Das ist ihm lieber, wenn
sie das sagen, denn das ist nicht wahr.
Er, bösartige Triebe? Er hat doch nie
bei all den Grausamkeiten seiner
Schulkameraden in den Pausen, gegen ein
kleines Tier oder ein Insekt, zusehen
können, ohne sich dagegen aufzulehnen.
Also, gezeigt hat er sie nie, diese
bösartigen Triebe. Und wenn die glauben,
daß dieser vom Boden aufgehobene Nagel
ein Beweis dafür sei, dann ist das ja
zum Lachen. Die kennen ihn nicht. Die
sprechen gar nicht von ihm. Kein Trieb
ist in ihm erwacht, als er diesen Nagel
aufgehoben hat. Er hat ihn aufgehoben,
ohne überhaupt an das zu denken, was er
tat; und er war so weit fort mit seinen
Gedanken, daß er während des ganzen
Stück Weges, den er zurücklegte, ehe er
in die andere Straße einbog, nur an
einen Wagen gedacht hatte, an einen
Wagen, von dem dieser Nagel
heruntergefallen sein könnte, einen
Wagen, der vielleicht jetzt aufs Land
fuhr, in die Ferne. Denn er war gerade
in diesen Tagen vom Land zurückgekommen,
wo er mit der Familie die Ferien
verbracht hatte, den Sommer, und er
hatte so viele solcher Karren über die
Wege inmitten des hohen Grases fahren
sehen. Aber im übrigen mögen sie doch
sagen, was sie wollen; mögen sie doch
die absurdesten Vermutungen anstellen,
ihm liegt an gar nichts mehr etwas: Er
ist schon weit weg, auf dem Land, in Old
Lime, wo er den Sommer verbracht hat, er
sieht wieder die Villa vor sich und die
herrliche Landschaft in der heiteren
Sommerluft; das Segelboot des Vaters,
das am Ufer des Flusses, des
Connecticut, vor Anker liegt, der so
viel blauer ist als das Meer, zwischen
all dem Grün ringsumher; er ist mit dem
Vater auf diesem Boot bis zum Ozean
gefahren; weiter hat die Mama nicht
erlaubt, daß er mitfährt. Das Boot war
ja so klein, mitsamt dem Segel; aber die
Villa war groß, mit den vielen falschen
Säulen in der Fassade, und auf allen
Seiten umgeben von lauter großen,
schönen Bäumen, von denen der Großvater
sicher war, es seien Eukalyptusbäume,
und die der Vater Platanen und Buchen
nannte; Eukalyptus, Eukalyptus;
Platanen, Buchen; Tatsache war
jedenfalls, daß sie viel Schatten
machten, denn in der Villa sah man fast
gar nichts, und es war besser, die Tage
draußen zu verbringen; außerdem, dazu
fährt man ja schließlich aufs Land; die
Mutter schrie ihm nach, er solle nicht
zu weit fortgehen; und sie erklärten den
Freunden, die sie besuchen kamen, auf
der Hausbank sitzend, daß diese Villa
das älteste Haus in Old Lime sei, und
eines der ältesten Häuser in ganz
Amerika; während er glücklich wie ein
Verrückter am Flußufer entlang lief oder
sich in der Landschaft verlor, mitten in
dem Gras, das so hoch und so dicht stand
und so sehr nach all den Säften der Erde
roch, daß es einen fast erstickte und
berauscht machte. Aber jetzt kann er
nicht mehr allein sein. Jetzt ist er da
inmitten all dieses Grases mit Betty; er
will mit ihr spielen; aber zuerst will
Betty nicht; dann gibt sie ihm ihre
kleine Hand, eine noch ganz kalte Hand,
eiskalt, so daß einen ein Schauder
überläuft, wenn man sie anfaßt; man
braucht nicht mehr daran zu denken; er
beugt sich hinab, um sie anzusehen; nun
folgt sie ihm mit gesenktem Kopf, den
Finger der anderen Hand in den
Mundwinkel gesteckt. Sie gehen und
gehen. Aber so ist’s ja sinnlos, wenn
sie nicht spielen sollen. Will sie nicht
mehr spielen? Sie kann nicht? Was dann?
Will sie sich wieder zu Boden werfen?
Nein! Nein! Betty ist jetzt geheilt, sie
muß wieder strahlen und lachen, jawohl,
lachen. Aber Betty bleibt stehen und
winkt ihm mit der Hand, er solle ein
bißchen warten. Was denn? Sie muß einen
Augenblick zur Seite gehen, nur für
einen kleinen Augenblick. Ein Bedürfnis.
Ihm ist das ein bißchen peinlich. Er mag
das gar nicht, daß Mädchen gewisse Dinge
aussprechen. Aber da kommt statt ihrer
aus der Gegend, in der sie sich
verstecken wollte, ein anderes Mädchen;
nein, es ist nicht das von der Rauferei;
es ist eine seiner Cousinen, dick und
häßlich, fast so alt wie er, sie ist aus
Harlem mit ihrer Mutter gekommen, um den
ganzen Tag auf dem Land zu verbringen;
er kann sie nicht ausstehen. Wo ist
Betty hingegangen? Da ist sie, dort
hinten, weit, weit weg, sie läuft; sie
hat diesen Vorwand gewählt, um
davonzulaufen; sie hat Angst vor ihm.
Nein, nein Betty; er wird dir nicht mehr
weh tun; er würde sein Leben dafür
geben, dich wieder lebendig zu machen,
er wird dich seinen Platz in dem Haus
einnehmen lassen. Nun bist du hier. Die
Mama wird dafür sorgen, daß du
ordentlich gewaschen wirst. Und dann
fort mit all diesen Lumpen; sie wird dir
ein neues Kleid anziehen, in einer
Farbe, die dir gut steht, die zu deinen
roten Haaren paßt, ein blauviolettes
Kleidchen; ach, wie du jetzt entzückend
aussiehst; schade, daß er nicht mehr da
sein kann, um dich zu sehen, wenn er
sein Leben für dich gegeben hat; und du
wirst immer so klein bleiben, hier auf
dem Land, ohne je für irgend jemand groß
zu werden; auf dem Land wie in einem
Paradies, Betty.
Sie haben ihn nicht
angeklagt.
Als er freigesprochen
wurde, ließ sich der Junge nichts
anmerken. Nur ein Seufzer ist ihm
entschlüpft. Es ist sicher, daß er aus
Kummer über Betty sterben wird.
Aber vielleicht wird er
auch nicht sterben. Die Jahre werden
vergehen. Und vielleicht wird er als
Großer manchmal an Betty denken. Und
dann wird er sie sehen, immer noch
klein, wie sie auf ihn wartet, auf dem
Land, in Old Lime, in ihrem immer noch
ganz neuen blauvioletten Kleid, das so
gut zu ihren roten Haaren paßt.
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Der Tod am Leib - (La
morte addosso - 1923) |
|
Erstveröffentlichung
August 1918 unter dem
Titel Caffè notturno
- "Nachtcafé" in der
Zeitschrift La
Rassegna italiana.
Die Novelle wurde ohne
größere Veränderungen (der
gesprochene Text ist im
wesentlichen
deckungsgleich) 1923 als
Einakter unter dem Titel
L'uomo dal fiore in
bocca ("Der Mann mit
der Blume im Mund")
uraufgeführt (siehe Bd.
9? unserer Ausgabe).
Keine wesentlichen
Varianten bekannt.
Aus dem Italienischen von Georg Richert, für die
Novellenfassung überarbeitet von Michael Rössner. |
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- Hm, was ich sagen wollte... Sie sind offenbar ein
ruhiger Mensch... Haben Sie den Zug verpaßt?
- Um eine Minute, sag ich Ihnen. Ich komme gerade am
Bahnhof an, und da fährt er mir vor der Nase weg.
- Sie hätten doch hinterherlaufen können!
- Ja, das schon. Ich weiß, es ist lächerlich. Mein
Gott, wenn ich bloß nicht diese vielen Pakete,
Päckchen und Schächtelchen gehabt hätte! Beladen wie
ein Lastesel! Aber die Damen... noch ein Auftrag,
noch eine Besorgung... die finden ja kein Ende. Als
ich aus dem Wagen sprang - glauben Sie mir, ganze
drei Minuten habe ich gebraucht, um die Schlingen
all dieser Päckchen an die Finger zu hängen; an
jeden Finger zwei.
- Das muß hübsch gewesen sein! Wissen Sie, was ich
getan hätte? Ich hätte sie im Wagen liegen lassen.
- Und meine Frau? Ich danke. Und meine Töchter? Und
alle ihre Freundinnen?
- Schreien lassen! Ich hätte mich königlich amüsiert
dabei.
- Sie haben wohl keine Ahnung, was in der
Sommerfrische aus Frauen wird!
- Und ob ich das weiß! Gerade weil ich es weiß. Alle
Frauen sagen, sie brauchten überhaupt nichts.
- Wenn es nur das wäre! Die behaupten doch glatt,
sie führen nur aufs Land, um zu sparen. Und dann,
kaum angekommen in irgendeinem Nest hier in der
Gegend... je häßlicher es ist, je armseliger und
schmutziger, desto mehr sind sie versessen darauf,
es mit ihren allerauffälligsten Plundern und
Klunkern zu verschönern! Ja, die Frauen, mein Lieber!
Aber schließlich ist es ja ihr Beruf... "Wenn du mal
kurz in die Stadt fahren könntest, Lieber! Ich
brauche dringend dies und das... und könntest du
dabei nicht auch gleich, natürlich nur, wenn es dir
nichts ausmacht... (herrlich, dieses "wenn es dir
nichts ausmacht"!) und dann, wenn du schon einmal
dort bist, du kommst sowieso da vorbei..." - aber
meine Liebe, wie soll ich denn das alles in drei
Stunden erledigen?" "Ach, red' doch nicht! Wenn du
dir einen Wagen nimmst..." - Zu allem Unglück bin
ich auch noch ohne Hausschlüssel, weil ich ja nur
drei Stunden bleiben wollte.
- So ein Pech! Und nun?
- Ich habe diesen Berg von Paketen und Päckchen in
der Gepäckaufbewahrung gelassen im Bahnhof, bin
essen gegangen und dann ins Theater, um den Ärger
auszuschwitzen. Man kam dort fast um vor Hitze. Als
ich wieder auf der Straße stehe, frage ich mich: was
mache ich jetzt? Es ist schon zwölf. Um vier nehme
ich den ersten Zug. Für drei Stunden Schlaf lohnt
sich das Geld für die Übernachtung nicht. Und so bin
ich nun hier. Dieses Café macht doch nicht zu, wie?
- Nein, es macht nicht zu. Und Sie haben also Ihre
Päckchen alle auf dem Bahnhof gelassen?
- Warum fragen Sie das? Sind Sie dort vielleicht
nicht sicher? Sie waren alle gut verschnürt.
- Nein, nein, das meine ich nicht. Gut verschnürt,
das kann ich mir denken, mit all der Kunstfertigkeit,
mit der die jungen Verkäufer beim Einpacken zu Werke
gehen... Was für Hände! Ein schöner, großer Bogen
starkes Papier, rot, glänzend... schon den anzusehen,
ist ein Vergnügen... so glatt, daß man am liebsten
sein Gesicht drauf legen möchte, um die kühle,
zärtliche Berührung zu spüren... Sie breiten ihn auf
dem Tisch aus und legen dann ganz nonchalant den
leichten, gut gefalteten Stoff in die Mitte. Zuerst
heben sie mit dem Handrücken einen Rand von unten in
die Höhe, holen dann von oben den anderen herunter
und falten dabei flink und graziös einen Umschlag,
wie eine Zugabe, l'art pour l'art. Danach legen sie
den Bogen von der einen und dann von der anderen
Seite zum Dreieck und schlagen die beiden Spitzen
unter, greifen mit einer Hand nach der
Bindfadenrolle, ziehen gerade so viel ab, wie sie
brauchen, verschnüren so rasch, daß man nicht einmal
Zeit hat, ihr Können zu bewundern, schon
präsentieren sie das Paket mit der fertigen Schlaufe,
so daß man den Finger hineinstecken kann.
- Man sieht, Sie haben die jungen Verkäufer sehr
aufmerksam beobachtet.
- Ich? Ganze Tage verbringe ich damit, mein lieber
Herr. Ich kann stundenlang stehen und durch die
Scheibe in einen Laden schauen. Ich vergesse mich
völlig. Mir ist, als ob ich selbst... Ich möchte
wirklich dieser Stoff dort sein, diese Seide...
dieses gestreifte Leinen... dieses rote oder
himmelblaue Band, das die Lehrmädchen im
Kurzwarengeschäft, nachdem sie es abgemessen haben
am Metermaß... haben Sie schon einmal gesehen, wie
sie das machen?... wenn sie es sich wie eine Acht
über Daumen und kleinen Finger der linken Hand
wickeln, ehe sie es einpacken. Ich beobachte den
Kunden oder die Kundin, die mit dem Paket am Finger
oder in der Hand oder unterm Arm aus dem Laden
herauskommen... ich folge ihnen mit den Blicken, bis
ich sie aus den Augen verliere... und dabei denke
ich mir... mein Gott, was denke ich mir nicht alles
dabei! Sie können sich das gar nicht vorstellen.
Aber mir hilft das. Es hilft mir.
- Es hilft Ihnen? Verzeihen sie... wobei denn?
- Mich so - ich meine, mit der Einbildungskraft - an
das Leben zu klammern. Wie eine Kletterpflanze an
die Stäbe eines Gitters. Ah, man darf die Phantasie
keinen Augenblick zur Ruhe kommen lassen, man muß
durch sie unaufhörlich mit dem Leben der anderen
verbunden sein... aber nicht mit dem der Leute, die
man kennt. Nein, nein. Das könnte ich nicht. Das
wäre mir unangenehm, wenn sie es wüßten, sogar
ekelhaft. Mit dem Leben der Fremden, an denen sich
meine Phantasie ungehemmt betätigen kann, aber nicht
etwa nur so, aus einer Laune heraus, nein... sie
bezieht die allerkleinsten Dinge mit ein, die ich
bei diesem oder jenem entdeckt habe. Wenn Sie wüßten,
wie sehr und wie sie arbeitet, diese Phantasie! Wie
weit ich mich einzudringen traue! Ich sehe das Haus
von diesem oder jenem: ich lebe dort, ich habe das
Gefühl, wirklich dort zu sein, so sehr, daß ich
sogar spüre... kennen Sie diesen besonderen Geruch,
der in jedem Hause hängt?... in Ihrem genau so wie
in meinem. Aber in unserem eigenen spüren wir ihn
nicht mehr, weil es der Geruch unseres Lebens ist,
verstehen Sie? Ich sehe, daß Sie meiner Meinung sind...
- Ja, weil... ich meine, es muß ein großes Vergnügen
für Sie sein, sich so viel vorzustellen...
- Vergnügen? Für mich?
- Ja... das denke ich mir so...
- Hören Sie... sind Sie je bei einem tüchtigen Arzt
gewesen?
- Ich? Nein. Warum? Ich bin doch nicht krank!
- Nein, keine Angst! Ich frage nur, um zu hören, ob
Sie je im Hause eines solchen Arztes das Zimmer
gesehen haben, in dem die Patienten warten, bis sie
dran sind zur Untersuchung.
- Oh ja. Einmal mußte ich eine von meinen Töchtern
begleiten. Sie hatte was mit den Nerven.
- Gut. Ich will gar nichts
Näheres wissen. ich meine nur,
dieses Wartezimmer... Haben Sie
darauf geachtet? Ein
altmodisches dunkles Sofa...
Polstersessel, die meist nicht
zueinander passen... Lehnstühle...
lauter Gelegenheitskäufe aus dem
Trödlerladen, hingestellt für
die Patienten, sie gehören gar
nicht zur Wohnung. Der Herr
Doktor hat für sich, für die
Freundinnen seiner Frau einen
ganz anderen Salon, einen
eleganten, schönen. Was meinen
Sie, wie sich so ein Sessel, so
ein Stuhl aus dem Salon, wenn
man ihn ins Wartezimmer brächte,
mit dieser einfachen,
billig-bescheidenen Einrichtung
beißen würde, die für die
Patienten genügt. Ich möchte
wissen, ob Sie sich, als Sie mit
Ihrer Tochter dort waren, den
Sessel oder Stuhl, auf dem Sie
saßen und warteten, genau
angesehen haben.
- Ich? Nein, eigentlich nicht.
- Das glaube ich. Weil Sie nicht
krank waren... Aber häufig
achten nicht einmal die Kranken
darauf, so erfüllt sind sie von
ihren Leiden. Und doch, wie oft
hocken da welche und starren auf
ihren Finger, der vergebliche
Signale auf die blanke Armlehne
des Sessels klopft, auf dem sie
sitzen. Sie denken nach, aber
sie sehen nicht. Und wie
merkwürdig ist es, wenn man nach
der Untersuchung durch das
Wartezimmer geht und den Stuhl
wiedersieht, auf dem man kurz
zuvor gesessen und darauf
gewartet hat, was der Arzt sagen
würde über die Krankheit, die
man noch nicht kennt. Ein
anderer Patient sitzt darauf,
auch er mit einem geheimen
Leiden, oder der Stuhl ist leer
und wartet gleichgültig auf
irgendjemanden, der sich
draufsetzt. Aber wovon sprachen
wir? Ach ja... von dem Vergnügen,
sich etwas vorzustellen. -
Merkwürdig, daß ich sofort an
einen Sessel aus diesen
Wartezimmern gedacht habe, in
denen die Patienten auf die
Untersuchung warten.
- Ja... wirklich...
- Sehen Sie da keinen
Zusammenhang? Ich auch nicht.
Aber es ist so: gewisse
Erinnerungen an Bilder, die
keine Beziehung zueinander haben,
sind für jeden von uns so
persönlich, durch so besondere
Gründe und Erfahrungen bestimmt,
daß der eine den anderen nicht
mehr verstünde, wenn wir im
Gespräch nicht vermeiden würden,
sie zu erwähnen. Es ist oft
nichts unlogischer als diese
Analogien. Aber schauen Sie,
vielleicht kann das ein
Zusammenhang sein: Hätten diese
Stühle Spaß daran, sich
vorzustellen, wer der Patient
ist, der sich auf sie setzt und
auf die Untersuchung wartet?
Welche Krankheit er hat? Wohin
er nach der Untersuchung gehen
und was er tun wird? Gar keinen
Spaß. Und mir geht es genau so.
Gar keinen! Es kommen so viele
Patienten, und sie stehen da,
die armen Stühle, nur um in
Beschlag genommen zu werden. Nun,
mir geht es auch nicht viel
anders. Ich werde auch in
Beschlag genommen, mal von
diesem, mal von jenem. Im
Augenblick sind Sie es, der mich
in Beschlag nimmt, und Sie
können mir glauben, ich habe
nicht den geringsten Spaß an dem
Zug, den Sie verpaßt haben, an
der Familie, die in Ihrem
Urlaubsquartier auf Sie wartet,
und auch nicht an all dem Ärger,
den ich bei Ihnen vermuten kann...
- Und was für welchen, hören Sie!
- Danken Sie Gott, wenn es nur
Ärger ist! Manch einem geht es
schlimmer, lieber Herr. Ich sage
Ihnen, für mich ist es notwendig,
daß ich mich mit meiner
Phantasie an das Leben der
anderen klammere, aber nur so,
ohne Spaß daran, ohne mich
überhaupt dafür zu interessieren,
im Gegenteil... im Gegenteil...
nur um die ganze Plackerei darin
zu erkennen, um zu sehen, wie
dumm und leer es ist, dieses
Leben, so daß es wirklich
niemandem etwas ausmachen sollte,
damit Schluß zu machen. Und das
kann man gut zeigen, wissen Sie?
Durch fortgesetzte Beweise und
Beispiele kann man sich das
selbst vor Augen führen,
unerbittlich. Denn, mein Lieber,
wir wissen nicht, worin sie
besteht, aber sie ist da, sie
ist da, wir alle spüren sie hier,
in der Kehle, fast wie eine
Angst, diese Lust zu leben, die
sich nie zufrieden gibt, die
sich nie zufrieden geben kann,
denn das Leben ist in dem
Moment, in dem wir es leben, so
gierig auf sich selbst, daß man
seinen Geschmack gar nicht
genießen kann. Geschmack hat
bloß die Vergangenheit, die in
uns weiterlebt. Die Lust zu
leben kommt von dorther zu uns,
von den Erinnerungen, an die wir
gefesselt sind. Aber gefesselt
woran? An jene Dummheit, an
diese Scherereien, an so viele
törichte Illusionen, läppische
Beschäftigungen... ja, ja. Das,
was hier jetzt eine Dummheit ist...
das, was uns hier jetzt lästig
ist... ich möchte sogar
behaupten, das, was jetzt für
uns ein Unglück ist, ein
wirkliches Unglück... tja, nach
einem Abstand von vier, fünf,
zehn Jahren... wer weiß, was für
einen Geschmack das dann
bekommen kann... wie diese
Tränen dann schmecken! Und das
Leben, mein Gott, bei dem bloßen
Gedanken es zu verlieren...
besonders, wenn man weiß, daß es
nur eine Frage von Tagen ist...
- Da... sehen Sie dort? Da, an
der Ecke... sehen Sie den
Schatten der Frau?... Sie hat
sich versteckt.
- Wieso? Wer... wer war das?
- Haben Sie sie nicht gesehen?
Sie hat sich versteckt.
- Eine Frau?
- Ja, meine Frau...
- Ach! Ihre Frau?
- Sie überwacht mich von weitem.
Glauben Sie mir, am liebsten
möchte ich sie mit Fußtritten
verjagen. Aber das wäre zwecklos.
Sie ist wie eine dieser
streunenden, störrischen
Hündinnen. Je mehr man sie
wegstößt, umso dichter bleiben
sie einem auf den Fersen. Was
diese Frau durch mich zu leiden
hat, das können Sie sich gar
nicht vorstellen. Sie ißt nicht
mehr, sie schläft nicht mehr,
sie folgt mir Tag und Nacht,
so... immer mit Abstand. Wenn
Sie wenigstens diese alte Dohle,
die sie auf dem Kopf trägt, und
ihre Kleider mal abbürsten würde!
Sie sieht gar nicht mehr aus wie
eine Frau, eher schon wie ein
Scheuerlappen. Auch ihre Haare
an den Schläfen sind für immer
mit grauem Staub bedeckt. Dabei
ist sie gerade erst
vierunddreißig. Sie glauben gar
nicht, wie rasend sie mich macht.
Manchmal stürze ich mich auf sie
und schreie sie an: "Du blödes
Weib!" und schüttele sie dabei.
Sie nimmt alles hin, steht da
und schaut mich an mit einem
Blick, daß es mich in den
Fingern juckt, daß mich eine
wilde Lust überkommt, sie zu
erwürgen. Aber nichts. Sie
wartet, bis ich weitergehe, und
dann läuft sie wieder hinter mit
her. - Da, sehen Sie... sie
schaut schon wieder um die Ecke.
- Die arme Frau...
- Was heißt da arme Frau! Sie
möchte, verstehen Sie, daß ich
ruhig und friedlich zu Hause
hocke und es mir bei ihrer
liebevollen, aufopfernden Pflege
wohl sein lasse. Ich soll mich
über die vollendete Ordnung in
all den Zimmern, über die
Sauberkeit all der Möbel freuen,
über die Ruhe, wie sie in meiner
Wohnung herrschte, die nur durch
das Tick-Tack der Pendeluhr im
Speisezimmer unterbrochen wurde.
Das möchte sie! Und nun frage
ich Sie, um Ihnen die Absurdität
verständlich zu machen - ach,
was heißt Absurdität! - die
makabre Grausamkeit dieser
Zumutung: ich frage Sie, würden
Sie es für möglich halten, daß
die Häuser von Avezzano, die
Häuser von Messina ruhig im
Mondschein auf ihren Straßen und
Plätzen, wo sie nach den Plänen
des Bauamtes hingehörten,
stehengeblieben wären, hätten
sie gewußt, daß in Kürze ein
Erdbeben sie zertrümmern würde?
Häuser aus Balken und Steinen,
bei Gott, die wären
davongelaufen! Stellen Sie sich
nur die Einwohner von Avezzano,
die Bürger von Messina vor, die
sich seelenruhig ausziehen, um
zu Bett zu gehen, die ihre
Kleider zusammenlegen, ihre
Schuhe vor die Tür stellen und
unter die Decke kriechen, sich
über das weiße, frische Laken
freuen, und all das in dem
Bewußtsein, daß sie in wenigen
Stunden tot sein werden. -
Halten Sie das für möglich?
- Aber vielleicht will Ihre
Frau...
- Lassen Sie mich ausreden! Ja,
wenn der Tod wie eines dieser
merkwürdigen, ekelhaften
Insekten wäre, das irgendjemand
unversehens auf unserem Rücken
entdeckt... Sie gehen auf der
Straße... ein Passant hält Sie
plötzlich auf, streckt zwei
Finger aus, vorsichtig, und sagt
zu Ihnen: "Verzeihung, gestatten
Sie? Mein Herr, Sie tragen da
den Tod auf dem Leib!" Und mit
zwei vorgestreckten Fingern
packt er ihn und wirft ihn fort...
das wäre wunderbar! Aber der Tod
ist nicht wie eines dieser
ekelhaften Insekten. Wie viele,
die unbeschwert und ahnungslos
daherspazieren, haben ihn
vielleicht am Leib. Niemand
sieht ihn; und Sie denken
sorglos und friedlich an das,
was Sie morgen oder übermorgen
vorhaben. Nun, ich, mein Lieber,
da... kommen Sie hierher...
hierher, unter diese Laterne...
kommen Sie... ich zeige Ihnen
etwas... Sehen Sie, da unter dem
Bart... hier, sehen Sie diese
schöne violette Knolle? Wissen
Sie, wie sie heißt? Sie hat
einen so süßen Namen... süßer
als eine Karamelle: Epitheliom
heißt sie. Sprechen Sie es nur
nach. Sie werden spüren, wie süß
das klingt: E-pi-the-liom... Der
Tod, verstehen Sie? Er ist
vorübergegangen, hat mir diese
Blume in den Mund gesteckt und
zu mir gesagt: "Behalte sie
einstweilen, mein Lieber, ich
komme in acht oder zehn Monaten
wieder vorbei!" Und nun sagen
Sie mir, ob ich mit dieser Blume
im Mund heiter und friedlich zu
Hause bleiben kann, wie diese
Unglückselige es möchte. Ich
schreie ihr ins Gesicht: "Ach,
du möchtest wohl, daß ich dir
einen Kuß gebe?" "Ja, küsse mich!"
Und wissen Sie, was sie getan
hat? Vorige Woche hat sie sich
mit einer Nadel die Lippe
aufgerissen, und dann hat sie
meinen Kopf gepackt und wollte
mich küssen, auf den Mund küssen...
weil sie sagt, sie wolle mit mir
sterben. Sie ist verrückt... Zu
Hause bleibe ich nicht. Ich, ich
muß vor den Schaufenstern der
Läden stehen und die Tüchtigkeit
der Verkäufer bewundern. Denn,
verstehen Sie, wenn ich auch nur
einen Augenblick in mir die
Leere spürte, dann könnte ich
wie nichts das ganze Leben
umbringen in einem, den ich
nicht kenne... ich könnte den
Revolver ziehen und jemanden
töten wie Sie, der zufällig den
Zug verpaßt hat... Nein, nein,
Sie brauchen keine Angst zu
haben, mein Lieber. Ich scherze
nur! - Ich gehe jetzt. Wenn
überhaupt, würde ich mich
umbringen... Aber in diesen
Tagen, da gibt es gerade sehr
gute Aprikosen... wie essen Sie
die? Mit der ganzen Haut, nicht
wahr? Man spaltet sie mit zwei
Fingern in gleiche Hälften,
drückt sie der Länge nach
auseinander, wie zwei saftige
Lippen... ach, eine Wollust! -
Meine Empfehlungen an die
verehrte Frau Gemahlin und auch
an Ihre Töchter in der
Sommerfrische. Ich stelle Sie
mir in weißen und himmelblauen
Kleidern vor, auf einer grünen,
schattigen Wiese... Und morgen
früh, wenn Sie ankommen, tun Sie
mir einen Gefallen. Ich vermute,
das Dorf liegt etwas abseits vom
Bahnhof. In der Morgenkühle
können Sie den Weg zu Fuß machen.
Das erste Grasbüschel am
Wiesenrand: zählen Sie seine
Halme für mich. So viele Halme
es sind,. so viele Tage habe ich
noch zu leben. Aber suchen Sie
ein recht dickes aus, ja? Gute
Nacht, mein lieber Herr.
|
Dialoge zwischen dem Großen Ich und dem
kleinen ich -
(Dialoghi tra il gran Me e il
piccolo Me – 1895) |
|
aus dem Italienischen von Michael
Rössner |
 |
I. Unsere Ehefrau
(Das Große Ich und das kleine ich
kommen von einer Landpartie nach Hause; dabei haben
sie den ganzen Tag in der Gesellschaft reizender
Mädchen verbracht, in deren Herzen das berauschende
Spektakel des Frühlings gewiß, wie aus ihren Augen
und dem Lächeln und den Worten nur zu deutlich zu
erkennen war, im geheimen süße, ungreifbare
Sehnsüchte entzündet hatte. Das Große Ich ist noch
ganz gefangen in der Verzückung und in der Vision
der Phantasiebilder, die ihm der vage Zauber des
wiedergeborenen Frühlings eingepflanzt hatte. Das
kleine ich ist dagegen rechtschaffen müde, möchte
sich die Hände und das Gesicht waschen und ins Bett
gehen. Das Zimmer liegt im Dunklen. Der Stoff der
leichten Vorhänge an den Fenstern zeichnet sich im
Raum durch den schönen Mondschein deutlich ab. Von
unten dringt das unterdrückte Murmeln der
Tiberfluten herauf, dann und wann auch das dumpfe
Rollen eines Gefährts auf der hölzernen
Ripetta-Brücke.)
- Wollen wir Licht machen?
- Nein, warte... warte... verweilen
wir noch einen Augenblick so, im Dunklen. Laß mich
noch ein bißchen die Sonne des heutigen Tages bei
geschlossenen Augen genießen. Der Anblick der
vertrauten Gegenstände würde mir diese sanfte
Trunkenheit fortreißen, in der ich noch befangen
bin. Strecken wir uns doch in diesen Lehnstuhl aus.
- Im Dunklen, mit geschlossenen
Augen? Hör mal, da schlafe ich ein! Ich kann ja
schon nicht mehr...
- Also, dann zünde meinetwegen das
Licht an, aber sei still, nur einen Augenblick
still, du Nervensäge! Gähnst du?...
- Ich gähne...
(Das kleine ich zündet das Licht auf
dem Tischchen an, sofort entschlüpft ihm ein Ausruf
der Überraschung.)
- Oh, sieh doch! Ein Brief... der
ist von ihr!
- Gib ihn her. Ich will einstweilen
nichts hören!
- Was denn? Ein Brief von ihr...
- Gib ihn her, sag ich dir! Wir
werden ihn später lesen. Ich will jetzt nicht
gestört werden.
- Ach so? Na, dann darf ich dich
darauf hinweisen, daß du heute den ganzen Tag mit
diesen Mädchen eine Menge dummes Zeug gesagt und
getan hast; vielleicht hast du mich sogar
kompromittiert!
- Ich? Spinnst du? Was hab ich denn
getan?
- Frage doch die Augen und die Hand.
Ich weiß jedenfalls, daß ich mich den ganzen Tag
gefühlt habe wie auf glühenden Kohlen; und ich mußte
wieder einmal die Erfahrung machen, daß wir beide
nicht gleichzeitig froh sein können.
- Und wer ist da dran schuld? Ich
vielleicht? Ich dachte doch, ich mache dir eine
Freude, als ich gestern abend nachgegeben habe,
damit wir die Einladung zu dieser Landpartie
annehmen. Hast du dich nicht stets beklagt, ich
würde mich nicht um dich kümmern, um deine
Gesundheit; ich würde dich andauernd zwingen, dich
mit mir im Studierzimmer zwischen den Büchern und
Papieren einzuschließen, einsam, ohne Luft und ohne
Bewegung? Hast du dich nicht stets beklagt, ich
würde sogar noch dein Essen und die wenigen dir
gewidmeten Stunden mit meinen Gedanken, meinen
Reflexionen und meinem Weltüberdruß verderben? Und
jetzt beklagst du stattdessen, daß ich mich einmal
einen Tag lang in Gesellschaft reizender Mädchen und
in dem Frohsinn der neuen Jahreszeit vergessen habe?
Was willst du denn von mir, wenn du ja doch mit
nichts zufrieden bist?
- Dreh, dreh, Kreisel, dreh dich...
Wenn du mal zu reden anfängst, wer kommt da noch
mit? Du kannst einem ein X für ein U vormachen und
das Wort im Munde verdrehen. Daß du dich heute den
ganzen Tag über vergessen hast, das hätte natürlich
für mich gut sein können, hättest du dich nur nicht
zu sehr vergessen... zu sehr, verstehst du? Da liegt
das Übel, und das kommt von deiner Lebensweise, die
du auch mir aufzwingst. Viel zu unfrei ist unsere
Jugend, und wenn du dann einmal den Zügel ein
bißchen locker läßt, ja, da verlierst du ihn auch
schon ganz aus der Hand, und dann, da haben wir’s,
dann gibt es entweder Dummheiten oder
Verrücktheiten, die uns nicht mehr angemessen sind,
denn wir haben ja jetzt eine heiliges Versprechen zu
halten. Also gib mir den Brief und spar dir dein
Gepruste!
- Du gehst mir vielleicht auf die
Nerven, du Jeremias! Du hast dir in den Kopf gesetzt
dich zu verheiraten, und seit du mich mit
unerträglichen Raunzereien dazu gebracht hast wider
meine Überzeugung einzuwilligen bist du zur ärgsten
Plage für mich geworden. Wann werden wir sie denn im
Hause haben, diese Ehefrau?
- Sie wird dein und mein Glück sein,
mein Lieber!
- Was mich anbelangt, ich habe es
dir schon oft gesagt und sage es dir noch einmal,
daß ich von ihr nichts wissen will. Dein Glück kann
sie ja ruhig werden! Da will ich mich nicht
einmischen.
- Da tust du sicher gut daran, bis
zu einem gewissen Punkt natürlich. Du hast immer
noch jeden meiner Pläne durchkreuzt. Vor zwei Jahren
war ich so schön verliebt in unser Kusinchen Elisa,
erinnerst du dich?... da kam ich zu dir um ein
Sonettchen oder ein Madrigal, und du mit deinen
Versen, du undankbarer Kerl, du hast sie bloß zum
Weinen gebracht! Ich sagte zu dir: Still, laß sie
mir in Ruhe! Was soll sie denn schon begreifen von
deinen Wahnbildern und deinen verwirrten
Gedankenflügen? Wie soll denn ihr Fuß die Schwelle
zu deinem Traumland überschreiten? Wie grausam du
gewesen bist! Später hast du es ja selbst in einem
Gedicht eingestanden: ich habe in deinen Papieren
gekramt und dabei ein paar Lob- und Klagegedichte
auf die arme Elisa gefunden... Und was willst du
jetzt mit dieser anderen anstellen? Antworte!
- Gar nichts. Ich werde nie ein Wort
an sie richten; ich werde immer nur dich reden
lassen, bist du dann zufrieden? Freilich unter der
Bedingung, daß du mir versprichst, daß sie mich nie
in meinem Arbeitszimmer stören und mich nie dazu
zwingen wird, das zu sagen, was ich denke und fühle.
Mit einem Wort, du nimmst dir eine Frau, und nicht
ich...
- Was denn! Wenn du meinst, du
kannst dir deine Freiheit so ganz und gar bewahren,
wie kann ich da je mit ihr im Hause Frieden haben?
- Ich will nur Freiheit für meine
geheimsten Gedanken. Du weißt, die Liebe ist für
mich nie ein Tyrann gewesen und wird es auch nie
sein: ich habe ja tatsächlich immer dir das
Praktizieren der Liebe überlassen. Tu also in dieser
Hinsicht, was immer dir richtig erscheint. Ich habe
andere Dinge zu denken. Du nimm dir ruhig eine Frau,
wenn du es denn wirklich für notwendig hältst.
- Jawohl, notwendig, das habe ich
dir doch gesagt! Denn wenn ich auch nur kurze Zeit
noch in deiner Macht verbleibe, werde ich ganz
sicher der unglücklichste Mensch auf der weiten
Erde. Ich brauche unbedingt eine liebevolle
Gefährtin, eine Frau, die mich das Leben fühlen und
unter meinesgleichen dahinschreiten läßt, bald
traurig, bald vergnügt, auf den gewöhnlichen Pfaden
der Erde. Ach, ich bin es müde, mein Lieber, selbst
die Knöpfe an unseren Hemden anzunähen und mich mit
der Nadel in den Finger zu stechen, während du im
Geiste durch das aufgewühlte Meer deiner Schimären
segelst. Bei jedem Knoten im Garn schreist du: Reiß
ab!, aber ich Armer versuche geduldig mit den
Nägeln, ihn aufzuknüpfen. Jetzt reicht’s! Von uns
beiden bin ich der, der bald sterben muß. Dir
verschafft ja dein Stolz die schmeichelhafte
Aussicht auf Unsterblichkeit: Laß mich also in
Frieden die paar Tage genießen, die mir auf Erden
beschieden sind! Denk doch: Wir werden ein
gemütliches kleines Häuschen haben, und wir werden
diese stummen Räume von stillem Leben widerhallen
hören, ein Liedchen, das unsere Frau trällert,
während sie bei der Näharbeit sitzt, und der Topf
wird auf dem Herd dampfen, wenn es Abend wird...
Sind das nicht auch gute und schöne Dinge? Du wirst
allein für dich sein, in deinem Zimmer, und
arbeiten. Niemand wird dich stören. Nur unter der
Bedingung, daß du, wenn du aus dem Arbeitszimmer
kommst, ein freundliches Gesicht für unsere
Gefährtin übrig hast. Siehst du, wir verlangen
wirklich nicht zu viel von dir; du mußt nur ein paar
Stunden am Tag mit uns Geduld haben, und dann in der
Nacht... nicht zu spät zu Bett gehen...
- Und dann?... Karneades, der
Philosoph, pflegte zu sagen, wenn er das Zimmer
seiner Frau betrat: Gutes Gelingen! Wir wollen
Kinder zeugen! Werdet ihr sie zu mir in die Schule
schicken?
- Nein, also das nicht, hör einmal!
Laß mich die Kinder aufziehen, die da kommen werden:
du könntest aus ihnen so unglückliche Menschen
machen, wie du selbst einer bist. Aber darüber reden
wir zu seiner Zeit. Jetzt hör auf mich: Schlaf! Laß
mich den Brief unserer Braut lesen und ihr dann
antworten. Mir ist die Müdigkeit ohnedies vergangen.
- Soll ich dir eine Antwort
diktieren?
- Nein, danke vielmals! Schlaf
nur... ich bin Manns genug. Ich habe gelernt, ich
habe ja genug mit dir geübt, ich mache keine
Rechtschreibfehler. Und außerdem, was liegt der
Liebe schon an der Grammatik! Übrigens wärest du
imstande, die Nase zu rümpfen, wenn du entdeckst,
daß unsere Braut Schule mit stummem h schreibt.
II. Die Abmachung
(Das Große Ich hat sich auf der
Chaiselongue ausgestreckt und starrt auf den
Baldachin, von dem ein Stofflappen herunterhängt,
der sich im Sommer in eine Traube von Fliegen
verwandelt. Das kleine ich fühlt sich wie auf eine
Folterbank gespannt, von Zeit zu Zeit fuchtelt es
wild in der Luft herum oder prustet vor sich hin.
Das Arbeitszimmer liegt im Halbdunkel, dank eines
Schilfhalmvorhangs vor dem Fenster. Allerdings sind
zwei oder drei Schilfhalme gebrochen, und so dringt
ein fadendünner Sonnenstrahl gleißend in das Zimmer,
und richtet sich auf das Fußende der Chaiselongue,
auf den handgeknüpften Teppich, dessen bunten Flaum
er an einem Punkt aufglühen läßt. Das Große Ich
betrachtet nun aufmerksam das goldene Staubwölkchen,
das, sich langsam drehend ohne je stillzuhalten, in
diesem Sonnenstrahl schwebt, und von dem sich von
Zeit zu Zeit so etwas wie ein Atom Licht löst, das
sofort im Schatten erlischt.)
- So geht es jedem meiner Gedanken!
- Na, bravo! Und findest du es nicht
dumm, dieses Atom, das sich von dem Strahl ablöst,
in dem es so selig zu schweben war, um kopfüber ins
Dunkel zu springen und Schiffbruch zu erleiden?
- Nein. Dumm bist nur du. Was soll
das Licht für einen Blinden für einen Wert haben?
- Bravo! Aber das würde nur gelten,
wenn ich nicht immer wieder die Illusion hätte, daß
unsere Augen mir sehr gute Dienste leisten, wie im
übrigen auch die anderen Sinne, die mir viel bessere
Dienste leisten würden, wenn du mir größere Freiheit
in ihrem Gebrauch zugestehen könntest. Bin ich
vielleicht schuld, wenn du nichts zu sehen vermagst?
- Und du? Was siehst du?
- Ich sehe, was es da eben zu sehen
gibt. Es ist schon wahr, in Zeiten wie den unseren
sieht man fast nur Häßliches und Erbärmliches; aber
du, der du das Zeug zum Magier hättest und für dich
und für mich (wenn schon nicht für die anderen)
diese Erbärmlichkeit und Häßlichkeit verzaubern
könntest, weshalb, verzeih, setzt du anscheinend
alles daran, mir die einen noch trauriger, die
anderen noch niedriger erscheinen zu lassen, so daß
wir, mehr noch als Überdruß, geradezu Ekel am Leben
empfinden müssen?
- Ach, jetzt erzählst du mir von
Zauber, du, der du mich ständig auf die gewohnten
Verhaltensmuster verpflichten willst, du Sklave der
allergewöhnlichsten Bedürfnisse, der du dich treiben
läßt vom Strom der alltäglichen Wechselfälle, der du
ohne nachzudenken das Leben so akzeptierst, wie es
sich dir gerade präsentiert?
- Was denn, was denn? Ich verstehe
dich nicht? Was akzeptiere ich denn? Was verweigere
ich? Ich lebe ja bloß, oder besser, ich würde gerne
leben, so wie du und ich in unseren Umständen das
eben können, wenn du dich nicht ständig über Dinge
so maßlos ärgern würdest, die im Grunde gar keine
Bedeutung haben, zumindest nach meinem Urteil.
- Urteil? Was willst denn du für ein
Urteilsvermögen besitzen?
- Na, du bist gut! Immerhin das
Urteilsvermögen, daß ich zum Beispiel gerne nachts
schlafen würde, wenn du mir nicht den Schlaf in den
Augen vertrocknen ließest, indem du mir in der
Stille mit deinen Phantastereien den Schrecken des
unausweichlichen und beinahe unmittelbar
bevorstehenden Todes einflüsterst; das
Urteilsvermögen, mir ein wenig Appetit zu
verschaffen, mit ein bißchen fröhlichem und gesundem
Sport zur rechten Zeit; das Urteilsvermögen,
manchmal auch die Vernunft beiseitezulassen; und
schließlich jenes zu arbeiten (warum auch nicht?)
aber zu unser und anderer Nutzen, in irgendeiner Art
und Weise.
- Und weiter?
- Weiter nichts.
- Dann sage ich dir, wie es weiter
geht: Du kannst dich damit abfinden, so weiter
voranzuschreiten, einen Tag nach dem anderen, bis
ins Alter, mich zu entmündigen, in einer
verzweifelten, unaufhörlichen Schwebezustand zu
halten, indem du mit oberflächlichen Vorwänden meine
ständige Bestürzung beiseite schiebst; du darfst
dabei nie wagen, auch nur die geringste Handlung,
auch nur ein Wort über die Grenzen des Gewohnten
hinausdringen zu lassen, denn du mußt fürchten, daß
die Dornenhecke, die die Gesetze zur Verteidigung
dieser Schwelle aufgerichtet haben, dir das Kleid
ein wenig zerreißt, das so genau nach der Mode
geschneidert ist, oder daß du dir deine ehrbaren
Hände blutig schindest. So also, so möchtest du mich
weiter mit dir blind dahinschleppen, auf den
endgültigen Ruin zu, bergab, immer bergab mit den
anderen, im Rudel, gestoßen, gejagt von der Zeit,
wie eine Schafherde auf der Flucht, die das bißchen
Gras, das sie zwischen den fliehenden Beinen, unter
dem Stab und den Wurfsteinen des alten Hirten
aufblitzen sieht, hastig zu erhaschen sucht. Aber
ich gehöre nicht zu der Herde, mein Lieber! Ich sage
nicht wie du: Hier bin ich, schert mich nach
Belieben; gebt mir jene Form, die euch am besten
paßt! Ich will mein eigener Herr sein, und du sollst
mein Sklave sein!
- Ich, Sklave? Ja, was denn noch!
Hast du mich denn noch nicht genug versklavt? Sag
doch gleich, daß du mich noch lieber tot sehen
möchtest! Ich armer Kerl, was erlaube ich mir denn
schon anderes als dir schüchtern und untertänig zu
empfehlen, ein paar Bissen zu essen, wenn ich dich
so trübselig dahinsiechen sehe, oder ein bißchen
Erholung in einer klitzekleinen Zerstreuung oder
einem kleinen Nickerchen zu suchen? Ach, ist das
also ein Verbrechen, wenn ich dich vor dem Spiegel
darauf hinweise, daß unsere Stirn zum Beispiel
beginnt, allzu ausladend zu werden, daß also binnen
kurzer Zeit unsere Jugend verblüht sein wird? Und da
verlangst du, daß ich mich nicht beklage, zum
Donnerwetter, daß ich nicht darüber verzweifle, daß
ich sie nicht so sehr nutzen konnte, wie ich es
gewollt hätte? Aber ja doch! Leider kommt nichts
dabei heraus, wenn der Wille sich nicht mit der
Sehnsucht verbindet. Aber für dich hatten ja alle
Sehnsüchte stets den Mangel, daß sie zu mir
gehörten, während der Wille stets dein sein mußte,
und daher für mich nichts Gutes hervorzubringen
vermochte. Ach glückliche, glückliche Kindertage!
Denn ich will doch hoffen, daß du damals nicht auch
schon groß warst, als wir alle beide klein gewesen
sind. Übrigens, sag mir doch: wie ist es dir
eigentlich in den Sinn gekommen, so groß zu werden?
Was für ein Unglück, mein Lieber! Wenn es nicht
überhaupt eine Verrücktheit gewesen ist... Schluß
damit. Verzeih meine Kleinheit, ich sage: den Sinn,
den Zweck des Lebens, wie kannst du den finden, wenn
du ihn nicht im Leben selbst suchst?
- Ihn suchen... Na, bravo! Und wie?
Neulich am Abend, in der Kutsche, erinnerst du dich?
Als wir im Schritt über die steile Straße fuhren,
die zu dem Bahnhof führt: Du dachtest an die, die du
abholen fuhrst, und die dann nicht gekommen ist; ich
sah den Rücken des alten Kutschers an und seine
entspannten Schultern, seit so vielen Jahren saß er
da auf seinem schaukelnden Kutschbock. „Als Pferd
auf die Welt kommen ist scheußlich, auf solchen
Straßen...“ „Und ich, wenn ich es führen muß?“,
drehte sich der Kutscher zu mir um. „Frohe Ostern,
junger Herr! Eine kleine Gabe für eine arme Witwe,
die vier Kinder durchfüttern muß...“ „Streichhölzer
hab ich in der Tasche“, hast du mir geantwortet, und
ich habe der Witwe ihr Geldstück nicht gegeben. Auf
dem Gehsteig zur Rechten trottete hustend ein alter,
ärmlich gekleideter Mann, einen abgeschabten und
verfärbten Zylinderhut auf dem Kopf: „Das letzte
Osterfest, Alter! Paß nur auf, wohin du deine Füße
setzt, ein Schritt noch, und du stehst am Grabe...
hast du’s gefunden, was ich suche?“ „Dort!“, hätte
mir der Alte vielleicht geantwortet, hätte er mich
verstanden, und dabei auf ein Brautpaar gezeigt, das
hinter ihm die Bergstraße hinunterschlenderte.
„Dort, aber nur auf kurze Zeit, wie bei so vielen
anderen Dingen. Jetzt versuche ich’s in der Kirche,
aber ich habe es nicht gefunden. Leinsamen, mein
Lieber, wenn du Husten hast; ein ordentliches
Leinsamenpflaster auf die Brust, und eine Prise
Senfkorn dazu: das zieht die Feuchtigkeit heraus...“
- Danke! Aber der Alte hat gesucht,
er hat gelebt. Du hingegen siehst beim Leben nur zu,
du lebst nicht. Und so mag ich vielleicht ein Esel
sein, aber du wirst nie verstehen, wie die anderen
wenigstens relativ den Sinn und das Ziel finden
können, heute in der einen Sache, morgen in der
anderen, unter den ungeheuer vielen, die eben gerade
das Leben ausmachen. So hab doch Mitleid mit mir: Du
siehst ja, du machst sogar mich noch zum
Philosophen, und das wäre für mich wirklich das
größte Unglück. Aber dann, mein Lieber, dann greifen
wir doch gleich zum letzten Mittel, werfen wir uns
aus dem Fenster oder hängen wir uns an einen Baum,
das wäre noch besser. Nein, nein, Schluß damit:
Einigen wir uns lieber endlich, da wir nun einmal
gezwungen sind, miteinander zu leben. Du kannst mir
ruhig glaube, so sehr du Lust hast, mich
umzubringen, so groß ist auch mein Wunsch, dich zu
töten... Ich hasse dich, ich verabscheue dich, ich
würde dich am liebsten jeden Tag durchprügeln, wenn
ich nicht dann zusammen mit dir Au schreien müßte.
Also: Schließen wir eine klare Vereinbarung und
teilen wir uns einfach die Stunden auf.
- Teilen wir sie auf.
- Jeder von uns ist ganz allein Herr
über seine Stunden.
- Ganz allein.
- Also fangen wir an: Wie viele
Stunden Schlaf stehen mir zu, meinst du? Ich
verlange sieben.
- Zu viele!
- Zu viele, meinst du? Aber wenn ich
doch immer schläfrig bin, solange ich deine
Gegenwart ertragen muß! Du merkst das nicht, aber du
bist ganz schön anstrengend, weißt du das, und wenn
du mir weniger gibst, werde ich gewiß auf der Stelle
einschlafen, sobald du mit deinen Phantastereien
anfängst... Gehen wir weiter! Halt... warte einmal!
Sieben Stunden Schlaf, meine ich ‑ wirklich Schlaf,
verstanden? Ich möchte nicht, daß du, wie du es
bisher gehalten hast, kaum daß wir im Bett sind...
Gedanken, Phantasien, Spitzfindigkeiten,
Obsessionen, Bücher, Geschichten: das bleibt alles
im Arbeitszimmer! Um das Einschlafen, auf der
Stelle, da kümmere ich mich schon. Und ich will auch
nicht mehr erleben, daß du mir die Mahlzeiten mit
deinen ewigen Grübeleien verdirbst. Die Stunde der
Mahlzeit gehört mir. Abgemacht?
- Wer hat dir die je verweigert?
- Verweigern tust du sie mir nicht,
aber du machst sie mir kaputt. Wie oft bist du mit
einem aufgeschlagenen Buch zu Tisch gekommen? Ein
Bissen für mich, und eine Viertelstunde Lektüre für
dich. Und dann wird mein Essen kalt und ich kann
nicht ordentlich verdauen.
- Schluß damit, basta! Du ziehst
mich ja in einen Sumpf hinein!
- Also gut, Schluß... Kapitel Liebe:
Was gedenkst du da zu tun?
- Das überlasse ich dir; aber hör
mal, ich will damit nicht zu viel Zeit verlieren,
verstanden?
- Ach, du willst im Ernst nicht
einmal die Liebe für dich haben? Was bleibt denn
dann noch für dich im Leben? Was willst du dann mit
deiner Zeit anfangen?
- Das ist meine Sache, und du hast
dich da nicht einzumischen.
- Na, ist gut... das heißt, das ist
schlecht. Verrate mir doch eines: Du sagst immer, du
fühlst die ganze Welt in deinem Hirn. Da muß wohl
was dran sein, denn ich habe ständig Kopfschmerzen.
Aber wenn die Erde dir in dieser deiner Welt
wirklich als etwas so Kleines und Armseliges
erscheint, meinst du nicht, daß ich dann mehr Recht
habe, dort zu leben als du? Ach, in gewissen
Augenblicken, glaub mir, mein Lieber, da erbarmt
mich deine Größe geradezu; und in gewissen anderen
frage ich mich sogar, ob ich, in meinem kleinen
Dasein, nicht am Ende größer bin als du.
III. Der
Vorabend
(Das kleine ich,
das überaus glücklich erscheinen
möchte, schleppt das vor Ärger
schnaufende Große Ich nach
Hause. Jenes war den letzten
Monat hindurch damit
beschäftigt, das eheliche Heim
einzurichten; dieses mußte ihm
dabei wie ein geprügelter Hund
nachlaufen. Und nicht selten ist
es zwischen den beiden zum
Streit gekommen, wie jeder sich
leicht ausmalen kann, der sich
überlegt, wie viele Hindernisse
und Vergeßlichkeiten der
Widerwille und die Unfähigkeit
des einen in dem Streben und den
eifrigen Bemühungen des anderen
verursacht haben mag. Aber nun
ist das neue Heim fertig und
ganz in Ordnung gebracht. Das
kleine ich wollte, nachdem es
die Braut nach dem Durchsprechen
aller notwendigen Details für
morgen allein gelassen hat,
dieses Heim noch einmal
inspizieren, und es ist sehr
zufrieden damit. Nun stößt das
Große Ich, als es zum letzten
Mal sein Junggesellenzimmerchen
betritt, einen langen Seufzer
durch die Nase aus und ruft)
- Endlich!
- O nein, mein
Lieber. Noch ein klein wenig
Geduld. Nur ein kleines bißchen.
Heute ist erst der Vorabend...
- Jaja, reib dir
nur schön die Hände, so, bade
dich in deiner Zufriedenheit!
Ich dagegen... Aber hör mal,
darf man vielleicht erfahren,
wann es zu Ende sein wird,
dieses „kleine bißchen“, daß du
mir seit Monaten
herunterleierst?
- Es ist ja
schon der Vorabend, das sag ich
dir doch. Unser kleines
Nestchen, hast du gesehen?, das
ist bereit. Morgen dann, die
Hochzeit. Morgen, endlich.
Ach!... Dann, wie abgemacht, in
der Villa, und dann... dann
ist’s genug.
- Genug, jawohl:
Es sei denn, ich komme noch zu
der Ansicht, daß es für mich
angemessener wäre zu krepieren
anstatt mich bis dahin zu
gedulden.
- Aber geh doch,
was läßt du dir da für Dinge
entschlüpfen... Lach mit mir,
komm! Sei glücklich mit mir!
Verzeih, willst du mir denn
nicht einmal den Monat der
sogenannten „Flitterwochenzeit“
gönnen? Jetzt hast du die Krot
verschlungen, wie man so schön
sagt, und wegen dem letzten
Stückchen machst du Theater?
- Ich habe keine
Krot verschlungen, ich hab mich
zum Esel gemacht mit dir, und
das schon drei Monate lang.
- Wenn du einmal
nett zu mir bist, dann hältst du
dich immer gleich für einen
Esel. Das ist ein Zeichen, daß
du es bereust, und deshalb
brauche ich dir dafür nicht
dankbar zu sein.
- Ja, glaubst du
vielleicht, ich hätte mich dabei
unterhalten, dir drei Monate
hindurch beim Turteln die Mauer
zu machen, euren verliebten
Stumpfsinn anzuhören und bei
euren Zärtlichkeiten und eurem
Süßholzraspeln nach Art
verliebter Affen zuzusehen?
- Als hättest du
nicht auch aus dieser Schüssel
gegessen! Und als wären die
Dummheiten, die einander
Verliebte zuflüstern, nicht die
achtbarsten Dinge von der Welt!
Ach geh doch, geh doch... Willst
du mich wirklich ausgerechnet am
Vorabend ärgern? Und doch habe
ich dich schon einmal sagen
hören, wenn ich mich nicht irre,
es gebe nichts Befriedigenderes
auf der Welt als andere
zufrieden zu machen...
- Ja, aber ich
habe auch gesagt, wenn ich mich
nicht irre, daß uns nichts die
anderen liebenswerter erscheinen
läßt als wenn sie mit uns
zufrieden sind oder sich uns
zufrieden zeigen. Und du bist
nie zufriedenzustellen.
- Nein, das ist
nicht wahr. Vielleicht zeige ich
es nicht so, weil du ja keine
sonderliche Gegenleistung
erwartest. Aber ich sage es dir
noch einmal, in diesen drei
Monaten, die für mich voll der
Freude waren, bin ich mit dir
wirklich zufrieden gewesen. Und
sie auch, sie auch,
hochzufrieden, das wirst du ja
gemerkt haben. Mehr noch, weißt
du? Die Verwandten, als die dich
so gut und vernünftig erlebt
haben, da haben sie mir beinahe
zu verstehen gegeben, der
Leichtsinnige, das müßte ihrer
Meinung nach ich sein, denn sie
sind der Ansicht, daß ich, wenn
ich nur wollte, meinen die...
dich leicht überzeugen könnte,
ein bißchen mehr an das
Praktische im Leben zu denken,
jetzt, wo’s ans Heiraten geht,
und zum Beispiel, meinen die...
zum Beispiel, diese Kunst an den
Nagel zu hängen, mit der man
doch so wenig verdienen kann...
na, die irren sich, ja,
freilich, leider irren sie sich,
und zwar gewaltig... du weißt
das ja; aber ich, damit ich dich
nicht in ein schlechtes Licht
rücke, ich halte den Mund; ich
habe mich nicht verteidigt. Ich
habe nur versprochen... hm, daß
ich es versuchen würde.
- Du wirst es
hoffentlich nicht wagen, mir
gegenüber je eine Silbe von
diesem Vorhaben zu erwähnen.
- Ich weiß
schon! Es wäre ganz sinnlos.
Freilich ist es ein Glück, meine
ich, daß wir nicht gezwungen
sind, unsere Zeit zum Broterwerb
zu verwenden.. Obwohl,
andererseits, wer weiß, ob wir
da nicht weniger unglücklich
gewesen wären, hätte das
Schicksal dich gezwungen, aus
deinem Tisch im Arbeitszimmer
statt einer
Alchimistenwerkstatt, in der du
dich täglich damit abquälst,
Tränen aus geheimnisvollen
Ängsten herauszudestillieren,
einen Backtrog für das tägliche
Brot zu machen. Aber lassen wir
dieses Thema. Hast du gesehen,
was wir - à propos - für einen
herrlichen Schreibtisch und für
schöne Bücherregale für dich
gekauft haben? Sie hatte den
zartfühlenden Einfall, dir ein
Arbeitszimmer einzurichten,
genau wie du es in deinem
letzten Roman beschrieben hast.
Ich habe getan, als widersetzte
ich mich - auch, um mich ein
bißchen bei den Verwandten
Liebkind zu machen: ein schönes
Mobiliar, hab ich zu ihr gesagt,
das kann man mit etwas
Geschmack, Papier und Tinte
problemlos beschreiben; aber
wenn man es kaufen will, dann
braucht es klingende Münze. Am
Schluß freilich habe ich es
geschehen lassen, damit
stattdessen du sie lieb
gewinnst. Und sei mal ehrlich,
bist jetzt nicht auch du
zufrieden?
- Ja, die
Ärmste, sie ist ein guter
Mensch, oder wenigstens scheint
es einstweilen so. Aber ich
denke daran, daß wir beide
morgen zu dritt sein werden,
oder besser du zu zweit, und
sieh mal, da kann ich nicht
anders als mich beunruhigen, ich
bin schließlich mehr denn je zur
Einsamkeit geboren und gemacht.
Und auch wenn ich anerkenne, daß
ich zum Großteil schuld daran
bin, wenn du oft den anderen
leichtsinnig erscheinst, bist du
doch diesmal drauf und dran,
etwas zu tun, was schlimmer ist
als jeder Leichtsinn, und ganz
für dich allein; und wenn die
anderen das ebenso beurteilen
wie ich, dann möchte ich, daß du
selbst mir Zeuge dafür bist, daß
ich mit der Sache nichts zu tun
habe. Und deshalb will ich keine
Gewissensbisse, weder für dich,
der du meiner Meinung nach in
Zukunft noch unglücklicher sein
wirst als bisher, zerrissen
zwischen den unumgänglichen
Pflichten, die du mir gegenüber
hast, und den neuen, die du
morgen gegenüber deiner
Gefährtin eingehen wirst; und
ich will auch nicht, daß die
vielleicht binnen kurzem schon
alles andere als glücklich über
unsere Begleitung sein wird.
- Ist schon gut,
ich habe verstanden. Du willst
mir heute nacht um jeden Preis
das Herz schwer machen. Besser,
wir gehen ins Bett und schlafen.
- Da sind wir
wieder bei deiner alten
Gewohnheit: nichts liegt dir am
Herzen als Essen und Schlafen.
- Immer noch
besser als dir zuzuhören,
versteht sich.
- Um sich gegen
unangenehme und quälende
Warnungen zu schützen, mein
Lieber, da genügt es nicht, sich
die Ohren mit dem Schlaf zu
verstopfen; die Stimme kommt
nicht von draußen; sie spricht
in uns selbst.
- Also, was mich
betrifft: Mit Ausnahme der
Stimme, die mir von den
bevorstehenden Freuden spricht,
und der deinigen, die mir diese
Vorfreude verderben will, höre
ich keine anderen Stimmen.
- Wenn du deinem
Gewissen ein bißchen mehr
zuhörtest, würdest du eine
andere Stimme hören, die zu dir
sagt: „Hast du daran gedacht, an
welche Kette du deine Nachkommen
fesselst?“
- Ach du meine
Güte, meine Nachkommen, das
jetzt! Laß sie erst mal kommen!
Wenn überhaupt welche kommen!
Wenn alle vorher so darüber
nachgrübelten...
- Und doch ist
es leicht zuzugeben, daß du
Nachkommen haben mußt.
- Na gut, dann
werde ich es genauso machen wie
alle anderen.
- Sieh mal zu:
Daß du, was dich anbelangt, dir
vornimmst, ein ausgezeichneter
Familienvater zu werden, da habe
ich keinen Zweifel. Aber da sind
wir wieder bei unserem alten
Thema: Hast du auch an mich
gedacht?
- Und was willst
du werden?
- Laß mich
erklären. Du hast dir ein Leben
erträumt und erträumst es noch
immer, das aus Liebe, aus
heiterem und aufrichtigem
Frieden bestehen soll.
- Hoffentlich.
- Liebe, das mag
hingehen, solange sie anhält;
aber Friede? In deinem Haus muß
ja schließlich auch ich
wohnen...
- Ja, das weiß
ich!
- Ich werde mich
ja nicht den ganzen Tag
ausschließlich ins Arbeitszimmer
verbannen können...
- Ich weiß!
- Ich werde mit
dir zu Tisch gehen, ich werde
mit dir zu Bett gehen...
- Ich weiß,
verdammt, ich weiß das leider!
Das ist doch mein Fluch, wie
sollte ich das nicht wissen?
- Na gut, ich
meine, was ist dann mit dem
Frieden?
- Entschuldige,
aber könntest du dich nicht dazu
herbeilassen, mäuschenstill den
Anblick unseres gemeinsamen
Glücks zu genießen? Es wird doch
mit Sicherheit ein rührendes
Schauspiel werden...
- Ich sage nicht
nein. Aber wirst du es
verhindern können, daß durch
meinen natürlichen Hang zur
Melancholie ein schwerer
Schatten über dein Haus fällt,
deine Kinder traurig macht,
deine Frau in Bedrängnis bringt,
jedes Mal, wenn eine meiner
vielen Sorgen mich von den
anderen abschneidet, die sie
nicht einmal verstehen können?
- Wir
verheiraten uns ‑ oder, wenn du
das lieber hast, ich verheirate
mich ja eben deshalb, meine ich!
Das heißt, um ein Heilmittel
einzusetzen, ein Heilmittel nach
meiner Art, gegen das, was du
deine natürliche Melancholie
nennst.
- Und du wirst
eine große Enttäuschung erleben!
Es liegt nicht in deiner Hand,
die Sache zu heilen; hättest du
stattdessen mehr Achtung und
mehr Liebe für mich gehabt, dann
hättest du verstanden, daß für
uns beide das weniger Schlimme
darin bestanden hätte, allein zu
bleiben, und daß es deine
Pflicht gewesen wäre, dich um
nichts anderes zu kümmern, und
nicht an andere zu denken als an
mich.
- Meine Pflicht
wäre also gewesen mich zu
opfern?
- Es wäre dir
nicht als ein Opfer erschienen,
hättest du nur mehr Vertrauen in
mich gehabt. Aber ich mache dir
keinen Vorwurf daraus, daß es
dir daran ermangelt hat; ich
fühle mich... ich fühle mich
tatsächlich als ein Fremder auf
dieser Erde, und so allein, daß
ich begreife, wie in dir, mehr
noch als die Sehnsucht, das
Bedürfnis nach einer liebenden
Begleitung entstehen mußte.
- Na Gott sei
Dank!
- Du siehst,
wenn ich dich nicht
entschuldige, so klage ich dich
doch auch nicht an...
- Und warum dann
das ganze...?
- Ja, ja, du
hast ja recht, es ist
tatsächlich so: Diese Erde ist
wirklich für dich gemacht, für
euch andere... Du weißt aus ihr
deinen Unterhalt zu ziehen; du
baust auf ihr Häuser und findest
mit deinem Fleiß dort von Tag zu
Tag einen immer sichereren
Schutz gegen die Unbill der
Natur, eine immer größere
Bequemlichkeit. Ich müßte der
Sonnenstrahl sein, die
erquickende Brise, die durch die
Fenster hereindringt und den
Duft der Blüten mit sich trägt;
aber oft verstehe ich das nicht
zu sein, oft habe ich die
Grausamkeit eines kleinen
Jungen, der mit einem Stein den
Eingang des Ameisenhaufens
verstopft. Oft besteht meine
Größe gerade darin, daß ich mich
unendlich klein fühle; aber
klein ist für mich auch die
Erde, und jenseits der Berge,
jenseits der Meere suche ich
dann nach etwas, das da
unbedingt sein muß, sonst könnte
ich mir diese uranfängliche
Sehnsucht nicht erklären, die
mich gefangen hält, und die mich
zu den Sternen seufzen läßt...
Zu meiner
eisigen Einsamkeit
zu meiner Beklemmung, zu meinem
langsamen Sterben
spricht in den Sternennächten
der Himmel
von anderen uranfänglichen
Abenteuern, die es zu erleben
gilt,
stets inmitten des Mysteriums
und dieser Sehnsucht.
„Und wie
lange noch?“ seufzt die Seele.
Unendliche Stille in der Höhe
fängt sie auf,
ihre Frage. Und doch sieht sie
sie erzittern,
die Sterne am Himmel, als
wären’s belebte Blätter
eines Waldes, in dem der Hauch
des Uranfangs weht.
- Soll ich sie
zu Papier bringen, diese Verse?
O Gott, ich werde nicht sagen,
daß sie ihr Entstehen dem
freudigen Anlaß verdanken...
Ach, steig doch herunter vom
Himmel, ich bitte dich... Ich
stehe hier am Fenster und im
Zug. Ich möchte mir ja nicht
ausgerechnet an diesem Abend
eine Erkältung holen...
- Dann würdest
du morgen vielleicht mit einem
Niesen antworten anstatt mit dem
für das Sakrament
vorgeschriebenen Ja.
- Genug mit den
Scherzen, genug mit den
Scherzen... Hören wir auf mit
dieser Debatte. Und wenn es dir
recht ist, dann verwenden wir
den Rest dieser Nacht, solange
das Feuer im Kamin noch anhält,
damit, die kompromittierenden
Papiere und Erinnerungen aus
unserer frühen Jugend zu
vernichten, die mit dem heutigen
Abend zu Ende geht.
IV. In Gesellschaft
(Salon im Hause
X. „Intellektueller Salon“. Die
Marchesa X ist eine
Schriftstellerin, die sich
jedoch durch eine Besonderheit
auszeichnet: daß sie außerdem
eine schöne Frau ist.
Vierzigtausend
Lire Apanage im Jahr.
Sie läßt
Novellen drucken und
„sentimentale Variationen“ ‑ so
nennt sie das ‑ in den
wichtigsten Zeitschriften. Es
ist alles andere als selten,
jeden Samstag unter den
Tischgästen der Marchesa die
Chefredakteure dieser
Zeitschriften anzutreffen.
Der Ehemann, der
Abgeordnete Marchese X.,
kahlköpfig, kurzsichtig, bärtig,
ist vier Legislaturen alt, sitzt
im Parlament auf der Rechten,
ist aber ‑ versteht sich ‑ auch
liberal und demokratisch
gesinnt. Als leidenschaftlicher
Sammler nennt er wie Seine
Majestät eine wertvolle
Medaillensammlung sein eigen,
aber er hütet sie nicht
eifersüchtig. Der beste Beweis:
Er hat mehr als eine schöne
Medaille an bekannte
Schriftsteller verschenkt, die
zu den Bewunderern seiner Frau
zählen. Den Salon frequentieren
zahlreiche Damen der
Aristokratie und die Patronessen
der Gesellschaft zur Pflege der
Frauenbildung, Senatoren,
Abgeordnete, Literaten und
ausgewählte Journalisten.
Um der Wahrheit
die Ehre zu geben, mein kleines
ich hat sich nicht im geringsten
darum bemüht, in die erlesene
Schar dieser Auserwählten
aufgenommen zu werden; aber es
wäre auch Heuchelei, wollte man
leugnen, daß die Einladung ihm
eine große Freude und tiefinnere
Befriedigung bereitet hat,
worüber das Große Ich wiederum
sich geärgert hat. Nun nimmt die
Marchesa X, blond und
wohlgerundet, strahlend und
erbebend in ihrem gewagten,
wenngleich nicht unschicklichen
Décolleté, seinen Arm und führt
ihn herum, um ihn den Damen
vorzustellen, wobei sie einige
flüchtige Hinweise auf das Große
Ich fallen läßt, das darüber
errötet, während das kleine ich
‑ Lächeln stets bereit, lebhafte
Gestik ‑ sich tief verneigt.
Als die
Vorstellung zu Ende ist, fragt
das Große Ich das kleine ich:)
grosses ich
Wo wirst du dich
jetzt hinsetzen?
kleines ich
Warte... laß
mich ein bißchen schauen. Aber
reiß dich zusammen! Du wirkst
noch immer, als hätte dich die
Würde des Dieners
eingeschüchtert, der uns im
Vorzimmer den Mantel abgenommen
hat. Hör mal, wenn du dich hier
in dich verkriechen willst, dann
machst du’s nur schlimmer!
grosses ich
Aber ich
ersticke doch mein Lieber, was
heißt da verkriechen! Du hast
mich auf einem steifen Kragen
aufgehängt, über den du kaum
drübersiehst, du hast mich
herausgeputzt wie eine
Schaufensterpuppe...
kleines ich
Na, na, nicht
schlappmachen! Los, gib dir
einen Ruck! Zum Teufel, die
werden noch alle merken, daß wir
nicht gewohnt sind, einen Frack
zu tragen...
grosses ich
Und was soll mir
das schon ausmachen? Du hast es
doch genau gewußt, du Idiot, daß
ich mich hier nicht wohlfühlen
würde, unter all diesen Leuten,
in dieser lächerlichen
Aufmachung. Du bist schuld, wenn
ich einen miserablen Eindruck
mache!
kleines ich
Aber wenn ich
doch eigens deinetwegen gekommen
bin, um dich bekannt zu machen,
damit die Leute dich sehen
können...
grosses ich
Wie einen
Tanzbären auf dem Jahrmarkt?
kleines ich
Himmel, du mußt
es eben einmal lernen! Hör nur,
hör, was die Leute dort reden,
in dieser Gruppe von
Abgeordneten und Zeitungsleuten.
Sie sprechen von der russischen
Revolution, sie bedauern Witte[1].
Schade! Ein Mann, der in wenigen
Tagen, von seinem
Verhandlungstisch aus, so viele
glorreiche japanische Siege
zunichte gemacht hatte, und
nun... „Aber nein, meine
Herrschaften!“ ruft der
brillante Journalist Kappa. „Ich
ersuche Sie, mir zu glauben, daß
in Portsmouth nicht Herr Witte
gesiegt hat!“ „Oh, oh! Und wer
ist es dann gewesen, der gesiegt
hat?“ „Nun, sein Frack, meine
Herrschaften, sein Frack! Das
gelbe Männchen, wenn es einmal
in einem Frack steckt wie ein
Pinguin, das wissen Sie doch
selbst, dann ist es erbärmlich
lächerlich...“
grosses ich
(Kappa hat uns
angesehen...)
kleines ich
(Sei still!
Hören wir lieber zu.) ‑ „Meine
Herren, die Japaner, verschlagen
wie sie nun einmal sind, hätten
doch wissen müssen, daß man die
gewohnte Kleidung nicht
ungestraft ablegen darf...“
grosses ich
(Hörst du? Hörst
du?)
kleines ich
(Halt den Mund!)
‑ „Nein, die Nationaltracht legt
man nicht ungestraft ab, meine
Herren, die Kleidung, die den
natürlichen Gegebenheiten
entspricht, der Hautfarbe und
was weiß ich noch allem. Hätten
Herr Witte und die anderen Gäste
sich einer Auswahl von
japanischen Figurinen
gegenübergesehen, wie wir sie
üblicherweise auf den Fächern,
den Vasen und den Paravents
abgebildet sehen, und dabei
denken müssen, daß von diesen
Figurinen da, die wie ein
schlechter Scherz wirkten, ein
so wilder Sturm ausgegangen war
und die heilige Mutter Rußland
durchgeschüttelt hatte, dann,
das versichere ich Ihnen, wären
sie einigermaßen durcheinander
gewesen und hätten nicht so
leicht gesiegt. Stattdessen
sahen sie den Herrn Koruma im
Frack vor sich und haben ihn
natürlich so ohne jeden Respekt
behandelt wie das die Diener
eines großen Herrn mit dem
Bürgermeister eines kleinen
Dorfes tun, der zum Galadiner
aufs Schloß gebeten worden
ist...“
grosses ich
Bravo! Ich
hoffe, das wird dir eine Lehre
sein!
kleines ich
Aber das sollte
doch eher dir eine Lehre sein,
meine ich! Schließlich hast du
im Frack Triumphe gefeiert! Und
glaube mir, heutzutage... Still!
Da kommt ein Herr auf uns zu...
grosses ich
Geh ihm aus dem
Weg! Schau woanders hin!
kleines ich
Halt still! Da
ist er schon... Er sagt, er
kennt deinen Namen... er hat
etwas von dir gelesen. Ach, zu
gütig von Ihnen... zu gütig...
Laß mich doch zuhören, zum
Donnerwetter, was er sagt. Aha,
er fragt uns, ob wir schon lange
in Rom sind. Was halten wir
davon? Na los, gib mir einen
schönen Satz über Rom ein...
grosses ich
Sag ihm, Rom
beginnt fast ein bißchen Paris
zu ähneln.
kleines ich
Bravo! Hörst du?
Der Herr stimmt zu... Na los,
benimm dich! Lächle nicht so
komisch... Da haben wir's: Der
Herr fragt uns, weshalb wir
lächeln. Er meint, Paris wäre
freilich...
grosses ich
Aber das ist
doch klar, zum Teufel! Du kannst
ihn trösten: Natürlich ist Paris
etwas ganz anderes! Paris ist
Paris! Das gibt’s nur einmal ‑
sag’s ihm auf Französisch! Rom
dagegen, da halten wir schon
beim „dritten Rom“, und ehe das
Paris wird...
kleines ich
Jetzt lächelt
der Herr! Du bist schuld, das er
weitergegangen ist... Und jetzt
hast du einen Feind mehr! Ach!
Du bist wirklich
unverbesserlich! Was ist das nur
für eine Freude daran, alle
Leute in die Flucht zu schlagen!
Und dann beklagst du dich, daß
dich niemand beachtet! Wenn du
doch nicht redest, wenn du dich
nicht rührst, wenn du doch in
keiner Weise die Aufmerksamkeit
der Leute auf dich ziehst!
Willst du denn wirklich bloß mir
allein da drinnen die Seele zum
Vertrocknen bringen? Rede doch!
Wie willst du denn sonst, daß
die Leute dich kennen lernen?
grosses ich
Willst du
wirklich, daß mich die Leute
kennen lernen, wenn ich hierher
komme, und damit deine Kleider
und Dummheit zur Schau stelle?
kleines ich
Aber mir wäre es
lieber, wenn du stattdessen
einmal die Leute kennen
lerntest, wie sie wirklich sind,
nicht wie du sie dir vorstellst.
Während ich rede und, um
niemanden zu kränken, na
meinetwegen, Blödheiten von mir
gebe, mach du dir doch die Mühe
und beobachte ‑ nur nicht zu
insistent ‑ was um dich herum
vorgeht, und glaube mir, du
wirst hier mehr und
nutzbringendere Studien
betreiben als in deinen vielen
Büchern. Hörst du, wie man
plaudert, wie man vom
Hundertsten ins Tausendste
kommt, ohne Pedanterei, ohne
Intoleranz? Nein, tiefe Ideen,
sind es nicht, und keine
Leidenschaft, das ist schon
richtig! Aber was für ein
lebhafter Geschmack, was für
eine angeregte Konversation,
welche exquisite Vollendung in
Umgangsformen und Sprache...
Sieh dir diese jungen Damen an:
das sind Intellektuelle,
natürlich, da gibt es keine
Debatte; aber trotzdem, diese
Schultern, diese Brüste! Und
dennoch, wie sie da ganz ruhig
vor sich hinblicken, als hätten
sie nicht den geringsten
Verdacht, sie könnten so
halbnackt dastehen, wie sie es
tun... Und die armen Ehemänner!
Wer weiß, wie viele in diesem
Augenblick denken: „Käme doch
nur wieder die Zeit des
Feigenblatts! Denn, was die
Nacktheit anbelangt... Heiliger
Gott, nachdem wir ein Vermögen
ausgegeben haben, um unsere
Frauen zu bekleiden, da haben
wir sie: jetzt zeigen sie erst
recht die nackte Haut...“ Los,
los, laß den Blick nicht zu tief
dringen! Man muß dieses Leben
flüchtig genießen, wie eine
Illusion, die vorüberfliegt, wie
ein glänzendes Phantasiebild,
das sich in Rauch auflöst... Oh!
Sieh dich doch einmal in diesen
Spiegel da... Du bist ja rot im
Gesicht wie Klatschmohn!...
Dieser Duft... Du läßt dich zu
sehr erregen, was?, du großer
Mann... Schluß! Schluß! Ein
bißchen Luft schöpfen am
Fenster...
grosses ich
Wäre es nicht
besser nach Hause zu gehen?
kleines ich
Nein, komm her,
komm hierher ans Fenster!
grosses ich
Hier hat man
wenigstens frische Luft...
kleines ich
Das ist ein
Unterschied, was? Wie dunkel es
ist! Und wie düster da alles
wirkt... Schau nur, diese
Lampions dort, und diese
Bäumchen auf dem Platz... der
schwankende Widerschein der
Gaslampen auf dem Pflaster...
und diese beiden Wagenlaternen,
die sich langsam vorwärts
bewegen... Was für eine
unheimliche Düsterkeit! ‑ He,
aufgepaßt! Man ruft uns...
komm... Die Marchesa fragt, ob
wir uns langweilen...
grosses ich
Aber ich
amüsiere mich doch königlich!
kleines ich
Hm, aufgepaßt,
hier: Jetzt sind wir unter den
Damen. Sie sprechen von dem
jungen Herzog von Orléans... Sie
sagen, er beginnt, den Weg für
seine Rückkehr nach Frankreich
vorzubereiten, um wieder König
zu werden. Er hat eine Reise zum
Nordpol gemacht. Sie fragen
dich, was du davon hältst...
grosses ich
Na! Das muß wohl
wirklich eine ungeheure
Befriedigung sein, wenn man
sagen kann: „Hier bin ich: Ich
habe den Pol erreicht! Kein
Mensch weiß das, aber ich stehe
nun mit der Zehenspitze bloß
eines Fußes auf nichts
geringerem als dem einen Ende
der imaginären Rotationsachse
der Erde. Hier ist nichts
aufgeschrieben; aber hier zu
stehen ist nicht dasselbe wie
ein paar Schritte weiter drüben
zu stehen. Hier ist der richtige
Punkt. Ja freilich, Eis ist da
wie dort; eine Hundekälte; und
keine Menschenseele ist zu
sehen. Aber ich stehe hier
erhöht, mehr als jeder König auf
seinem Thron!“ Vielleicht wird
der junge Herzog von Orléans,
nachdem er einmal den Pol
erreicht hat, sich ja damit
zufrieden geben, auf Dauer ein
bißchen tiefer zu sitzen,
nämlich auf dem französischen
Thron. Aber haben uns die
Zeitungen nicht erzählt, daß er
statt des Pols eine Insel
entdeckt hat und sie Terre de
France, Eiland Frankreichs
genannt hat? Also das verstehe
ich nicht! Terre de France, und
dann kehrt er zurück... Er hätte
sich doch einstweilen... na, um
einmal einen Anfang zu machen ‑
zum König dieses kleinen
Frankreich ausrufen können...
kleines ich
Vielleicht war
es dort zu kalt. Dafür gibt es
einen anderen Kaiser, der kann
nicht in seinem Reich bleiben,
weil es dort zu heiß ist. Dort
das Eis des Polarmeers; hier die
Sanddünen der Wüste.
grosses ich
Aber Lebaudy[2],
der hat sich doch wenigstens zum
Kaiser ausgerufen...
kleines ich
Bravo! Siehst
du? Jetzt hast du diese schönen
Damen zum Lachen gebracht... Ja,
wenn du nur wolltest... Still!
Was ist los? Die Leute stehen
auf...
grosses ich
Wird getanzt?
Wenn getanzt wird, gehen wir
sofort nach Hause! Hör mal, da
laß ich mit mir nicht reden...
Gehen wir nach Hause!
kleines ich
Es wird ja nicht
getanzt, du alter Brummbär!
Hörst du nicht? Fräulein B. wird
uns etwas vorspielen. Sie läßt
sich nur noch ein wenig bitten.
Sie hat eiskalte Hände, die
Arme, sie kann nicht! Sieh nur,
sieh: Ein junger Mann macht sich
erbötig, sie ihr aufzuwärmen,
indem er sie mit aller Kraft
schlägt... Um Himmels willen,
das glaubt sie ihm auch noch:
sie versteckt die Hände, zeigt
ihre blitzenden weißen Zähne,
sie windet sich... Ach, jetzt
ist es soweit: ihre Freundinnen
schleppen sie zum Klavier...
grosses ich
Moderne Musik?
kleines ich
Gar keine Musik!
Bravourstücke der Hände auf den
Tasten. Hör zu. Dann werden wir
klatschen.
grosses ich
Sag mal,
verblödest du?Allzu
durchsichtig, mein Lieber: Du
machst mir Angst!
kleines ich
Keine Angst! Es
gibt Schlimmeres als mich...
Sieh doch, wie aufmerksam jetzt
alle sind, wie hingegeben... Was
für ein Schweigen! Aber sieh
doch dort, diese
zusammengezogenen Augenbrauen,
diesen Abgeordneten mit dem
runden roten Gesicht wie ein
holländischer Käselaib... Ist
das Vaterland in Gefahr? Nein,
betrachte nur die Schultern und
den Nacken der Marchesa, sie
sieht heute abend wirklich
wunderbar aus, wie eine Göttin
von Rubens... Aber jetzt sag mir
doch einmal im Ernst, unterhält
dich das nicht, dieses
Schauspiel?
grosses ich
Aber sehr! Hör
mal: Halte mir bitte eine Hand
vor den Mund.
kleines ich
Warum? Was tust
du?
grosses ich
Halte mir sofort
eine Hand vor den Mund...
kleines ich
Gähnst du?
grosses ich
Ich gähne.
|
Die Amme - (La balia - 1923) |
|
Erstveröffentlichung
Juni 1903 in der
Zeitschrift Nuova
Antologia.
Zahlreiche Varianten
bekannt. Das einzig
interessante Detail in
diesen Varianten ist die
Tatsache, daß in einer
früheren Version die
Amme die bei Bauern
aufgewachsene
uneheliche Tochter
eines Arztes aus der
Stadt und somit eine
selbst der Klasse der
"signori" zuzurechnende
Figur ist.
aus dem Italienischen von Michael
Rössner |
 |
I.
"Na endlich!", rief Frau Manfroni
und riß dem Stubenmädchen den so sehnlich erwarteten
Brief aus Rom aus der Hand, in dem ihr
Schwiegersohn, Ennio Mori, ihr alle versprochenen
Details über die Niederkunft ihrer Tochter Ersilia
berichten sollte.
Sofort setzte sie die Brille auf die
Nase und begann zu lesen.
Sie wußte bereits aus den
vorhergehenden Telegrammen, daß es eine schwierige
Geburt gewesen war, daß ihre Tochter sich aber nie
in Gefahr befunden hatte. Nun stand in dem Brief
jedoch zu lesen, daß für Ersilia eigentlich doch
eine gewisse Gefahr bestanden hatte, ja, daß man
sogar einen Spezialisten für Geburtshilfe
hinzuziehen hatte müssen. Das teilte ihr Mori
sicherlich nicht mit, um die Verwandten seiner Frau
zu beunruhigen, jetzt, wo die Sache so oder so
vorbei war; wohl aber, um sich über ihre
Starrköpfigkeit zu beklagen, weil sie entgegen
seinen weisen Ratschlägen darauf beharrt hatte, bis
zum letzten Augenblick ein zu enges Mieder und hohe
Absätze zu tragen.
"Esel! Was hat das mit den Absätzen
zu tun!"
Und mehrfach ließ sich die vor Wut
kochende Signora Manfroni ein solches "Esel!"
während der Lektüre entschlüpfen. Schließlich hielt
sie inne, ärgerlicher als je zuvor, hob die Augen
von dem Brief auf und blickte in die Runde, als
suche sie jemanden, an dem sie ihren Zorn auslassen
könnte.
"Wie denn? Ja, wie denn?"
Ach, die Amme dürfe keine Römerin
sein? Und warum denn nicht, Herr Rechtsanwalt Mori?
Die römischen Ammen haben zu viele Ansprüche? Ach
sieh einmal, jetzt auf einmal war man sparsam! Als
ob Ersilias Mitgift dem Herrn sozialistischen Anwalt
nicht wahrhaft einen solchen Luxus bequem gestatten
hätte können. Na, und ob! Was hätte Ersilia denn für
eine Figur abgegeben, wenn sie mit einem
ungeschliffenen, ungewaschenen sizilianischen
Bauernmädchen an der Seite, das als Amme aufgeputzt
war, durch die Straßen Roms spaziert wäre!
"Esel! Esel! Esel!"
"He! Gibt's heute nichts zu essen?
Wieso ist denn noch nicht aufgedeckt?"
Es war Signor Manfroni, der wie
üblich laut schimpfend das Haus betrat. Dort drüben
hatte er schon das Stubenmädchen und die Köchin
ausgezankt.
"Ruhig, Saverio, ruhig..." sagte
seine Frau. "Du weißt doch recht gut, daß es bei uns
immer eine Menge Dinge zu tun gibt."
"Zu tun? Ihr habt zu tun? Und ich?"
"Lies lieber einmal diesen schönen
Brief deines lieben Schwiegersohns."
"Geht's um Ersilia?"
"Du wirst schon sehen."
Signor Manfroni beruhigte sich auf
der Stelle; er überflog den Brief; dann sagte er,
während er ihn wieder zusammenfaltete: "Sehr gut.
Ich habe schon die richtige Amme für sie."
Er hatte diese plötzlichen
Geistesblitze, der Signor Manfroni, Geistesblitze,
von denen er sich selbst als erster blenden ließ,
und denen er - seiner Meinung nach - seinen
ansehnlichen kommerziellen Erfolg verdankte.
Mit spöttischem und herausforderndem
Ton fragte Signora Manfroni: "Und wer wäre das?"
"Die Frau von Titta Marullo."
"Die Frau dieses Galgenstricks?"
"Schweig!"
"Die Frau dieses Aufrührers?"
"Schweig!"
"Die Frau eines Sträflings!"
"Laß mich doch ausreden!", schrie
Manfroni. "Du bist eben eine Frau und hast deine
Norm, hier, Gott im Himmel, Stroh, ein Bündel Stroh,
jawohl, meine Liebe, ein Bündel Stroh hast du hier
im Kopf anstelle des Gehirns. Bei den schönen
sozialen Bedingungen, unter denen wir leben..."
"Was hat das mit den sozialen
Bedingungen zu tun?", fragte seine Frau verblüfft.
"Die haben damit zu tun! Die haben
damit zu tun!", gab Signor Saverio wütend zurück.
"Denn wir, die wir es geschafft haben, uns mit
unserer unermüdlichen und hin... wie heißt das
schnell hingabungsvollen..., nein, das heißt doch...
aber ja, hingabungsvollen Arbeit eine gewisse
Grundlage zu erwerben, gerade wir müßten heute,
deiner Norm zufolge, angesichts einer Zukunft, die
immer undurchsichtiger und bedrohlicher wird... hast
du mich verstanden?"
"Nein! Was soll man denn da
verstehen?"
"Na, sag ich dir's nicht? Stroh!"
Er packte einen Stuhl, rückte ihn an
den heran, auf dem seine Frau saß und ließ sich
schnell und fauchend darauf nieder.
"Ich mußte Titta Marullo", setzte er
fort, wobei er sich bemühte, leise zu sprechen,
damit ihn die Dienerschaft nicht hören konnte,
"deiner Normen wegen mußte ich Titta Marullo aus der
Bäckerei rauswerfen und auf die Straße setzen, weil
er revolutionäre Ideen vertritt.
"Dieselben Ideen wie die des Signor
Mori, dem du deine Tochter gegeben hast!"
"Laß mich doch aussprechen!" schrie
Manfroni. "Und warum hab' ich ihm meine Tochter
gegeben? Vor allen Dingen deshalb, weil Ennio ein
hochanständiger Junge ist; und dann auch deshalb,
jawohl, deshalb, weil er Sozialist ist! Jawohl! Und
weil das in meine Pläne paßt! Weil mir genau zupaß
das kommt! Weshalb glaubst du, bin ich so geachtet
bei der ganzen Kanaille, der ich zu Essen gebe?
Stroh! Aber damit hat Ennio nichts zu tun. Wir
sprachen von Titta Marullo. Ich habe ihn aus der
Bäckerei rausgeworfen. Da er nun auf der Straße saß,
der Unglücksrabe, hat er sich natürlich so benommen,
daß er sich als Sträfling auf die Insel schicken
ließ. Und nun werde ich, der ich reich bin, aber da
drinnen etwas schlagen habe, was man deiner Norm
zufolge Herz nennt, seine Frau nehmen, sie in einen
Waggon dritter Klasse setzen und nach Rom schicken,
als Amme meines Enkels!
Er konnte ja hunderttausend gute
Gründe haben, der Signor Manfroni, aber er hatte
auch auf einem Jochbein eine besonders lächerliche
Warze, auf die seine Frau mit einem eisigen und
besonders verächtlichen Blick zielte, wenn sie sich
gezwungen sah, sich diesen Gründen geschlagen zu
geben. Und Signor Manfroni, der jedes Mal den Blick
auf dieser Warze ruhen fühlte, gingen daraufhin
immer so sehr die Nerven durch, daß er schnell, um
sich nicht zu einer Unbesonnenheit hinreißen zu
lassen, die Diskussion abschnitt. Er läutete und
befahl dem Stubenmädchen: "Schick mir sofort Lisi
her."
Lisi, der als Kutscher und Diener
beschäftigt war, erschien auf der Schwelle ohne
Jacke, die Hemdsärmel aufgekrempelt und den Mund zu
einem stummen Lachen verzogen, wie immer, wenn die
Herrschaft ihn zu sich rief.
Signor Manfroni hatte schon bei
seiner ersten Begegnung mit ihm eine ganz
außergewöhnliche Schlauheit in diesem Burschen zu
entdecken vermeint.
"Weißt du, wo Titta Marullos Frau
ist?"
"Jawohl, Signore. Ich habe
verstanden!", antwortete Lisi, zuckte eine Achsel
und krümmte sich, während ein dümmliches Lächeln ihm
den Adamsapfel den Hals hinaufwandern ließ.
"Was hast du verstanden, du dummes
Vieh?" schrie ihn Marconi an, der in diesem
Augenblick nicht dazu aufgelegt war, ihn zu
bewundern.
Lisi krümmte sich von neuem, als
hätte der Herr ihm ein besonders schönes Kompliment
gemacht, und antwortete: "Ich gehe und sage es ihr,
Signore."
"Sag ihr, sie soll sofort herkommen.
Ich habe mit ihr zu reden."
Und kurze Zeit darauf bekam Signor
Manfroni eine beeindruckende Probe der
außergewöhnlichen Schlauheit Lisis geliefert. Man
muß sich nur vorstellen, noch während er mit seiner
Frau bei Tisch saß, sah er Annicchia, Tittas Frau,
ins Zimmer stürzen, vor Freude weinend und ein etwa
zwei Monate altes Kindchen auf dem Arm.
"Ach mein lieber Signore! Mein
Signorino! Lassen Sie sich die Hände küssen!"
Und während sie das rief, fiel sie
vor ihm auf die Knie. Das Stubenmädchen und die
Köchin standen in der Türe und ließen sich diese
Szene nicht entgehen; vor ihnen lachte Lisi selig
und triumphierend vor sich hin.
Zwischen den Augen und den Brauen
von Signor Saverio begann ein wilder Kampf, denn die
einen wollten aufgrund der plötzlichen Verwirrung
aus den Höhlen treten, die anderen sich vor Wut in
die Höhe ziehen. Er zog sofort die Hand zurück, die
die kniende junge Frau ihm küssen wollte, blickte
zur Tür und brüllte: "Hinaus! Nein, du bleibst da,
Lisi! Was hast du ihr erzählt?"
"Daß Titta kommen wird!", rief
Annicchia, ohne sich zu erheben. "Daß sie ihn für
mich freibekommen haben, Signore!"
Manfroni sprang auf und packte den
Stuhl: "Na warte, du Kanaille!"
Lisi sprang davon wie ein junger
Hirsch.
"Stimmt es denn nicht?", fragte
Annicchia mit ersterbender Stimme, zu der Signora
Manfroni gewendet.
Und sie stand langsam auf. Es
bedurfte einer gehörigen Anstrengung, ihr klar zu
machen, daß die Freilassung ihres Mannes nicht vom
Willen oder von den Freunden des Signor Manfroni
abhing und auch gar nicht abhängen konnte; er hatte
ihn zwar aus der Bäckerei hinausgeworfen, aber sie
selbst war doch Zeugin dafür, welche Langmut er
zuvor bewiesen hatte, allein ihretwegen, die doch
als kleines Mädchen in seinem Hause aufgewachsen und
viele Jahre hindurch Ersilias Spielgefährtin gewesen
war.
Während ihr Mann ihr das alles
erklärte, beobachtete Signora Manfroni die junge
Frau, putzte sie in Gedanken als Amme auf und nickte
zustimmend mit dem Kopf, als sähe sie sie jetzt
schon mit einem affigen roten Schleier auf dem Kopf,
eine Haarnadel mit herunterbaumelnden Silberblüten
daran durch die blonden Haare gesteckt.
Als Manfroni ihr die Gründe
darlegte, weshalb er Lisi nach ihr geschickt hatte,
war Annicchia ganz verstört und ratlos.
"Und mein Kindchen da?", sagte sie
und streckte es vor. "Wem soll ich denn das lassen?"
Sie drückte es an die Brust; sie
begann wiederum zu weinen.
"Tati kommt nicht zurück, Luzzì! Er
kommt nicht zurück!"
Schließlich hob sie das
tränenüberströmte Gesicht wieder auf und sagte, zu
Signora Manfroni gewandt: "Er kennt ihn noch gar
nicht; er hat ihn noch nie gesehen, diesen Engel,
den ich ihm geboren habe."
"Du könntest dein Kind ja in Pflege
geben, mit einem Teil von der Summe, die du von
Ersilia bekommst."
"Ach, für Signorina Ersilia",
erwiderte Annicchia schnell, "denken Sie nur, wie
gerne ich das für sie täte! Aber... es ist zu weit
weg! in Rom!"
Herr Saverio erklärte es ihr auf der
Stelle: Abfahrt! Fertig! Mit dem Zug und dem
Dampfboot gäbe es heutzutage keine Distanzen mehr.
"Ja, Signore", sagte Annicchia.
"Euer Gnaden haben ganz recht. Aber ich bin ein
armes, unwissendes Ding; ich ginge verloren dort.
Ich habe doch nie einen Fuß aus unserem Dorf
gesetzt. Und dann", fügte sie hinzu, "Euer Gnaden
wissen ja auch, daß ich meine Schwiegermutter bei
mir habe: wie könnte ich die arme alte Frau allein
lassen? Wir beiden sind ja allein zurückgeblieben.
Titta hat sie mir so sehr ans Herz gelegt! Und wenn
er wüßte, wie wir unser Leben fristen! Mir bindet
dieses Kindchen die Hände; sie ist über siebzig
Jahre alt! Ich wollte ja den Kleinen in Pflege geben
und selbst irgendwo in Dienst gehen. So oder so,
Titta wird nichts mehr von den schönen Sachen
finden, die wir zu unserer Hochzeit gekauft haben.
Arme-Leute-Ausstattung, jawohl, aber sauber.
Verkauft haben wir's, ein Stück da, eines dort...
Aber die Alte will mich nicht in Dienst gehen
lassen. Sie ist stolz; sie will es nicht. Aber wenn
es für die Signorina Ersilia ist, dann vielleicht...
nun, ich kann versuchen, mit ihr darüber zu reden."
"Ja, aber die Antwort brauche ich
sofort. Du müßtest spätestens morgen fahren."
Annicchia war wiederum ganz verstört.
"Ich werde hören, was Sie sagt, und
dann werde ich Ihnen ja oder nein sagen können",
sagte sie schließlich und verschwand.
Sie wohnte in einem kleinen Gäßchen
ganz in der Nähe. Schon hatten sich in dem
schmucklosen, ebenerdigen Häuschen alle Nachbarinnen
bei der ebenso frohen wie falschen Nachricht Lisis
rund um die alte Mutter des Deportierten versammelt,
die ganz zusammengekrümmt in der Stube saß, ein
schwarzes Kopftuch unter dem Kinn zusammengeknotet
und die mit Gichtknoten übersäten Hände auf ein
grobes Terracotta-Wärmebecken auf ihren Knien
gelegt. Die Nachbarinnen lobten im Chor das gute
Herz und die Großzügigkeit Manfronis, und die Alte
stieß mit gesenktem Kopf von Zeit zu Zeit eine Art
Knurren aus, von dem man nicht recht zu sagen wußte,
ob es Zustimmung oder Verachtung bedeuten sollte,
wobei sie die Umstehenden mit gewissen Blicken
durchbohrte, die Mißtrauen und Groll ausdrückten.
Als Annicchia auf der Schwelle erschien und ihre
ersten Worte den Nachbarinnen die bewundernden Sätze
über Signor Manfroni auf den Lippen erstarren
ließen, da hob die alte Schwiegermutter den Kopf und
sah die Nachbarinnen ringsumher mit Empörung an;
dann, als sie von Manfronis Vorschlag erzählte,
erhob sie sich.
"Was hast du ihm geantwortet?"
Annicchia warf einen Blick in die
Runde der Nachbarinnen, als wollte sie sagen: Macht
ihr es ihr doch klar, daß ich annehmen muß.
"Ich habe ihm geantwortet, daß ich
mit Ihnen darüber reden würde, Mamma."
"Ich will es nicht! Ich will es
nicht!", schrie die Alte auf der Stelle voller Zorn.
"Ich würde es auch am liebsten nicht
wollen; aber..."
Und wiederum wandte Annicchia sich
um Hilfe an die Nachbarinnen. Diese versuchten
daraufhin, ein wenig die eine, ein wenig die andere,
die Alte von den Gründen zu überzeugen, um
deretwillen die Schwiegertochter diese Gelegenheit
nicht ausschlagen durfte, die sich ihr bot, auf
ehrbare Weise für sich, für sie und für das Kind zu
sorgen. Eine, die mit ihrem Kind gekommen war, das
an einer riesigen Brust hing, schrie sogar: "Da! Da!
Seht her! Ich hab genug Milch für zwei! Ich nehm' es
zu mir, das Bübchen... Da, da, seht her!"
Und sie zog dem saugenden Kind die
Brustwarze aus dem Mund, hob die Brust mit einer
Hand und ließ den Nachbarinnen ihre Milch ins
Gesicht spritzen, die lachend und ihre Gesichter mit
den Händen schützend, zurückwichen und
gegeneinanderprallten.
Aber die Alte wollte nicht
nachgeben; sie wehrte sich gegen alle Bitten und
Beschwörungen und schrie die Schwiegertochter an:
"Wenn du gehst, gehst du gegen meinen Willen, und
dann verfluche ich dich! Denk daran!"
II.
Der Rechtsanwalt Ennio Mori wartete
im Bahnhof auf die Ankunft des Zuges aus Neapel.
Kleingewachsen, hager, mit hochgezogenen Schultern,
schnaufte er ungeduldig vor sich hin und kratzte
sich das knochige, gelblich gefärbte Gesicht, das
von einem allzu wild wuchernden schwarzen Bart
bedrängt und geradezu unterdrückt wurde, rückte sich
die Brille zurecht, die nicht und nicht auf der Nase
sitzen bleiben wollte, oder betastete immer wieder
die Taschen des Mantels und der Jacke, die voll mit
Zeitungen waren.
Schließlich trat er auf einen
Eisenbahner zu.
"Verzeihen Sie, was ist mit dem Zug
aus Neapel?"
"Der hat vierzig Minuten
Verspätung."
"Die italienischen Eisenbahnen! Das
ist doch zum Aus-der-Haut-Fahren!"
Und er ging weg, auf der Suche nach
irgend einem Sitzplatz; dort hinten, unter der Uhr,
auf einem Mauervorsprung, denn die Bänke waren alle
besetzt.
Jetzt mußte er auch noch den Diener
spielen für die Amme, die da ankommen sollte:
"Zum Aus-der-Haut-Fahren ist das!"
Nun waren sie zwei Jahre verheiratet
und wohnten seit zwei Jahren in Rom, aber seine Frau
schien gerade eben erst aus diesem Stamm von Wilden
aus dem hintersten Sizilien entsprungen zu sein: sie
verstand sich nicht einmal zu Hause zu rühren,
konnte nicht allein auf die Straße gehen, um die
kleinen Einkäufe für die Familie zu erledigen; sie
konnte ihm nur von früh bis spät Vorwürfe machen,
jawohl, das konnte sie, immer mürrisch und immer
stichelnd, dort, wo es am meisten schmerzte: bei der
Logik, bei der Logik; sie konnte ihn mit der
dümmsten und ärgerlichsten Eifersucht kränken, und
das nicht aus Liebe, sondern aus Starrsinn. Sie
fühlte sich nicht richtig geliebt! Na freilich! Was
hatte sie denn je dafür getan, was tat sie nun
dafür, geliebt zu werden? Es hatte doch viel eher
den Anschein, als hätte sie Freude daran, gehaßt zu
werden. Nie ein freundliches Wort, nie eine
Liebkosung, nie! Und immer war sie voll Mißtrauen,
abweisend, hart, übelnehmend, mürrisch. Na, mit
dieser Heirat hatte er ein gutes Geschäft gemacht,
das konnte man wirklich sagen!
"Zum Aus-der-Haut-Fahren!"
Er schnaufte, rückte sich wieder die
Brille auf der Nase, zog eine der vielen Zeitungen
aus der Tasche und begann zu lesen.
Aber sogar bei dieser Lektüre fand
er keinen Augenblick Ruhe, als wäre er zu Hause und
unterhielte sich mit seiner Frau; und fast bei jeder
Meldung wiederholte er seinen Lieblingssatz: "Zum
Aus-der-Haut-Fahren!" Er las jedoch trotz alledem
weiter; und jeden Tag war er erst dann zufrieden,
wenn er von der ersten bis zur letzten Seite die
wichtigsten Blätter aus Rom, Mailand, Neapel, Turin
und Florenz überflogen hatte, mit denen er sich
stets alle Taschen vollstopfte.
"Medizin", pflegte er zu sagen. "Sie
bringen meine Galle in Bewegung."
Aber wohl ein bißchen zu stark! Das
hatte ihm auch der Arzt gesagt. Zu stark, ja, das
mochte schon sein; aber hätten ihm ohne Lektüre der
Zeitungen das unmittelbare Erleben der über alle
Maßen angenehmen italienischen Gegenwart und die
Gesellschaft seiner Frau die Leber nicht noch viel
mehr ruiniert? Da war das Zeitunglesen noch besser.
"Und dieser verdammte Zug aus
Neapel, zum Teufel, kommt der nun an oder nicht?"
Er sah auf die Uhr; dann sprang er
entsetzt in die Höhe. Es war ja mehr als eine Stunde
vergangen! In aller Eile stürzte er zum Ausgang. Wo
sollte er nun diese arme Person finden, die bereits
angekommen sein mußte und seine Adresse nicht
kannte?
Aber zum Glück fand er sie, im
Zollbüro, wo die Gepäckstücke kontrolliert werden,
auf ihrem Reisesack kauernd und in Tränen. Die
Zollbeamten versuchten sie zu trösten. Sie rieten
ihr, auf die Polizei zu gehen, weil ihnen dieser
"Mohrenanwalt", von dem sie sprach, unbekannt war.
"Annicchia!"
"Signorino!", schrie die Ärmste und
sprang mit einem Satz auf, als sie seine Stimme
hörte.
Es fehlte nicht viel, so hätte sie
ihn umarmt vor Freude. Sie zitterte am ganzen Leib.
"Verloren war ich, Signorino, ganz
und gar verloren... was hätte ich nur getan, wenn
Euer Gnaden nicht gekommen wären?"
"Ja, konnte denn mein überaus
ehrenwerter Herr Schwiegervater dir die Adresse
nicht auf ein Stück Papier schreiben, zum Teufel",
schrie Mori sie an.
"Ja, ich kann doch nicht lesen...",
gab ihm Annicchia zu bedenken, die sich bemühte,
ihre letzten Schluchzer zu unterdrücken und sich die
Tränen abzuwischen.
"Zum Aus-der-Haut-Fahren ist das! Du
hättest den Zettel einem Droschkenkutscher geben
können, und ich hätte nicht selbst kommen brauchen.
Im übrigen bin ich ohnehin gekommen. Ich war ja die
ganze Zeit auf dem Bahnhof, ich habe nur die Ankunft
des Zuges nicht bemerkt. Also Schluß damit."
Während sie in den Wagen stiegen,
trug er ihr auf: "Kein Wort zu meiner Frau über
diese Geschichte. Sonst ist wieder die Hölle los."
Damit zog er eine andere Zeitung aus
der Tasche und begann wieder zu lesen.
Annicchia machte sich ganz klein, um
so wenig Platz wie nur möglich in dem Wagen
einzunehmen. Sie empfand eine große Befangenheit,
als sie so neben dem gnädigen Herrn saß, ganz allein
mit ihm im Wagen. Aber das dauerte nur kurz. Sie war
wie benommen von der langen Reise, von den vielen
neuen Eindrücken, die lärmend in ihre arme Seele
eingebrochen waren, die bisher stets zurückgezogen
gelebt hatte, gefangen in den gewohnten
Verrichtungen ihres engen Lebens. An nichts
erinnerte sie sich mehr; nichts dachte sie, nichts
sah sie mehr; sie empfand nur die Erleichterung,
endlich angekommen zu sein, den Schreck der
Überfahrt auf dem Dampfschiff von Palermo nach
Neapel, das Entsetzen über den entfesselten Lauf des
Zuges überwunden zu haben. Wo war sie hingeraten?
Sie versuchte aus dem Fenster zu sehen, aber die
Augen schmerzten sie. Sie würde ja noch so viel Zeit
haben, Rom zu sehen, die große Stadt, wo der Papst
lebte! Einstweilen hatte sie schon jemanden neben
sich, den sie kannte, und bald würde sie auch "ihr
Fräulein" wiedersehen und sich beinahe wie zu Hause
im Dorf fühlen. Sie lächelte. Für einen Augenblick
stieg der Gedanke an ihr fernes Büblein in ihr hoch,
an die alte Schwiegermutter, aber sie schüttelte das
Bild sofort ab, aus dem instinktiven Bedürfnis
heraus, sich diesen Augenblick der Erleichterung
nach den langen, bangen Qualen der Reise nicht zu
verderben.
"In Neapel", fragte sie auf einmal
Mori, "ist dich da jemand auf dem Dampfer abholen
gekommen?"
"Oh ja, Signore! Ein großer Herr! So
gut war er zu mir...", beeilte sich Annicchia zu
antworten. "Er hat mir auch befohlen, Grüße an Sie
auszurichten."
"Befohlen hat er dir?"
"Jawohl, Signore, Sie zu grüßen."
"Er wird dich darum gebeten haben."
"Jawohl, Signore; aber... ein
gnädiger Herr und ich..."
Ennio Mori fauchte vor sich hin und
begann wieder in der Zeitung zu lesen.
"Medizin, Medizin..."
"Wie sagen Sie, bitte?", wagte
Annicchia schüchtern zu fragen.
"Nichts. Ich spreche mit mir
selbst."
Annicchia verstummte eine Zeitlang
vor Verblüffung. Dann sagte sie: "Auch in Palermo
ist ein anderer großer Herr auf den Bahnhof
gekommen, der mich dann zum Dampfer begleitet hat:
auch der war so gut zu mir.
"Und hat der dir auch befohlen,
mich zu grüßen?"
"Jawohl, Signore, auch der."
Mori ließ die Zeitung auf die Knie
sinken, rückte sich die Brille auf der Nase zurecht
und fragte mit hochgezogenen Brauen:
"Was ist mit deinem Mann?"
"Immer noch dort!", seufzte
Annicchia. "Immer noch auf der Insel. Ach, wenn Euer
Gnaden, die Sie hier in Rom wohnen, wo doch der
König ist..."
"Halt den Mund!", fuhr Mori auf, als
hätte dieses arme Mädchen ihm auf den Fuß getreten,
als sie den König erwähnte.
"Ein Wörtchen würde schon
genügen...", wagte Annicchia unterwürfig
hinzuzufügen.
"Zum Aus-der-Haut-Fahren ist das!",
fauchte Mori von neuem, so wütend, daß er die
Zeitung, die er auf den Knien hielt, zusammenknüllte
und aus dem Wagen warf. "Glaubst du denn, die hätten
bloß deinen Mann dorthin geschickt, ins Straflager?
Die schicken uns genauso hin!"
"Die Herrschaft?", fragte Annicchia
verblüfft und ungläubig. "Die Herrschaft schicken
sie auch dorthin?
"Halt den Mund!", gab Mori zurück,
dem diese sklavische Unwissenheit geradezu
unerträglich wurde.
Und er begann düster über das
verzweifelte Unternehmen zu grübeln, das darin
bestehen sollte, diesen einfachen Leuten in seinem
heimatlichen Sizilien, in denen das Gefühl der
Unterwürfigkeit so tief verwurzelt war, ein neues
Bewußtsein zu geben.
Endlich kam der Wagen in der Via
Sistina an, in der Mori wohnte.
Ersilia lag noch zu Bett. Unter dem
rosafarbenen Baldachin des breiten Himmelbettes,
zwischen dem weißen Schimmer der Kissen und Spitzen
erschien ihre Haut noch dunkler als früher, fast
schwarz, so mager war sie noch von den Strapazen der
eben erst überstandenen Geburt.
Annicchia lief zu ihr, um sie
freudig zu umarmen.
"Signorina! Meine Signorina! Da bin
ich... wie ein Traum kommt es mir vor! Wie geht es
Ihnen? Sie haben viel gelitten, nicht wahr? Ach,
mein Kind, das sieht man... Sie sind kaum
wiederzuerkennen... Aber das ist eben Gottes Wille:
Wir Frauen sind zum Leiden geschaffen."
"Einen Dreck!", wehrte sich Ersilia.
"Wie blöd sie sind, die Frauen... Alle sind sie so!
Und es macht euch noch Spaß, was? Spaß macht es
euch, in einem fort zu wiederholen, daß wir Frauen
zum Leiden geschaffen sind. Und vor lauter
Wiederholen dieser Phrase, da glauben es die Herren
Männer am Ende tatsächlich, daß wir Frauen ihnen zu
Diensten sein müssen, für ihre Bequemlichkeit und
ihr Vergnügen zu sorgen haben. Wir sind die
Sklavinnen, was? Und sie sind die Herren. Einen
Dreck!"
Ennio Mori, dem diese Ohrfeige galt,
faltete wütend die dritte Zeitung zusammen, fauchte
und ging aus dem Zimmer.
Annicchia sah die gnädige Frau ein
bißchen verlegen an und sagte: "Auch sie haben ja so
viel zu erdulden, die Armen..."
"Ja, schlafen, essen und
spazierengehen. Ich möchte gerne einmal ein bißchen
tauschen. Ach, ein Mann sein, ein Mann, und wenn es
ein Auge kosten sollte!"
"Natürlich, wenn wir gerade so viel
für sie leiden mußten..."
"Nein, immer! Ich hasse sie alle
miteinander!"
An dieser Stelle hörte man im Zimmer
nebenan Ennio Mori rufen: "Die ganze weite Welt!"
Und darauf antwortete sofort ein
anderer Ruf:
"Da bin ich schon, Signore! Was
befehlen Sie?"
Ersilia brach in Gelächter aus und
erklärte Annicchia: "Ich habe ein schwerhöriges
Stubenmädchen. Immer wenn man ein bißchen die Stimme
erhebt, glaubt sie, man hätte sie gerufen.
Margherita! Margherita!"
Auf der Schwelle erschien die
schwerhörige Alte mit einem halb beleidigten, halb
verdatterten Gesichtsausdruck. Dort drüben hatte
Mori, dem die Augen aus den Höhlen traten, zu ihr
hin eine Geste gemacht... so eine gewisse,
unverschämte Geste.
"Hör einmal, Margherita", sagte
Ersilia. "Das ist die Amme, sie ist eben
angekommen... ja, jetzt eben. Gut: Nun zeigst du ihr
das Zimmer. Hast du verstanden? Du gehst dich jetzt
erst einmal waschen", setzte sie, zu Annicchia
gewandt, hinzu. "Du bist ja ganz rußig."
Annicchia reckte den Hals, um sich
in dem Spiegel der Kastentür zu betrachten und
schrie sofort mit erhobenen Händen: "Du meine Güte!"
Der Rauch der Eisenbahn und die auf
dem Bahnhof vergossenen Tränen hatten ihr das
Gesicht verschmiert. Aber ehe sie sich waschen ging,
wollte sie "ihrer Signorina" noch, die Erlebnisse
der Seereise, dann die der Bahnreise berichten,
begleitet von lebhaften Gesten und häufigen
Ausrufen, die der schwerhörigen Dienerin die Augen
aus den Höhlen treten ließen. Vor allem erzählte
sie, wie ihr auf einmal die Brust fast zu platzen
drohte vor aufgestauter Milch, und wie sie daraufhin
zu weinen begonnen hatte wie ein kleines Mädchen.
Ihre Reisegefährten hatten sie gefragt, was sie denn
habe; aber sie schämte sich, es zu sagen. Endlich
begriffen sie. Und da machte sich ein junger Mann
erbötig, ihr die Milch abzusaugen - der Lümmel! -
und streckte sogar schon lachend die Hände nach
ihrer Brust aus. Schreiend hatte sie gedroht, sich
aus dem Abteilfenster zu stürzen. Aber dann hatte
sie zum Glück bei der nächsten Station ein alter
Mann, der dort neben ihr saß, in ein anderes Abteil
geführt, in dem eine Frau mit einem armseligen
kleinen Mädchen von drei Monaten saß, dem sie
endlich ihre Milch geben konnte, wobei sie sich
allmählich förmlich wiedergeboren fühlte.
Ersilia glaubte bereits die Sitten
der Frau "vom Kontinent" angenommen zu haben und
empfand daher Ärger über diese lebhaften und naiven
Äußerungen bäuerlichen Schamgefühls.
"Genug, jetzt gehst du dich erst
einmal waschen. Dann mußt du mir von Mama und Papa
erzählen. Los, geh."
"Und das Kindchen?", fragte
Annicchia. "Wollen Sie es mir nicht zeigen? Ich sehe
es nur schnell an und gehe."
"Da drinnen", sagte Ersilia und
deutete auf die Wiege. "Aber du nicht, rühr den
Schleier nicht an mit deinen schmutzigen Händen.
Los, Margherita, zeig es ihr."
Zwischen einem solchen Reichtum an
Bändchen, Schleiern und Spitzen erblickte Annicchia
ein kleines Monsterchen mit puterrotem Gesicht, noch
viel armseliger als das Mädchen, dem sie im Zug
Milch gegeben hatte. Dennoch rief sie aus: "Schön!
Schön! Mein Herzchen! Wie ein Engel schäft er! Euer
Gnaden werden schon sehen, wie ich ihn aufpäppele.
Auch mein Luzziddu kam so auf die Welt, winzig
klein, und jetzt, jetzt sollten Sie ihn sehen!"
Bewegt brach sie ab. "Ich gehe und
komme gleich wieder." sagte sie schließlich und
folgte der alten Dienerin auf ihr Zimmer.
III.
Am liebsten
hätte sie den Kleinen gleich an
die Brust genommen; der gnädige
Herr war auch dieser Meinung;
aber Ersilia, die in allem und
jedem anderer Meinung sein mußte
als ihr Mann, nein, die wollte,
daß zuerst ein Arzt ihre Milch
untersuchen solle.
"Ist denn
wirklich ein Arzt nötig?",
fragte Annicchia lachend. "Sehen
Sie nicht, wie gut's mir geht?"
Sie strotzte vor
Gesundheit mit ihren frischen
und rosigen Wangen.
Ersilia blickte
sie haßerfüllt vom Bett aus an,
als hätte sie mit diesen Worten
die Aufmerksamkeit ihres Mannes
auf sich ziehen wollen.
"Einen Arzt! Ich
will auf der Stelle einen Arzt!"
Und Mori mußte,
seinen üblichen Satz vor sich
hinmurmelnd, einen Arzt holen
gehen.
Dieser kam erst
gegen Abend, als Annicchia sich
von neuem in Krämpfen wand mit
ihrer angeschwollenen Brust, und
das Kind, das die im übrigen
vertrocknete Brust der Mutter
nicht zu fassen bekam, vor
Hunger und Angst schrie.
Ennio wäre gerne
bei der Untersuchung dabei
gewesen, aber seine Frau jagte
ihn fort: "Was willst du da denn
sehen? Sag lieber Margherita,
sie soll uns einen Löffel und
ein Glas Wasser bringen."
"Blond, hm?...
blond... blond...", sagte
unterdessen der Arzt, der die
Angewohnheit hatte, drei und
viermal hintereinander dasselbe
Wort zu wiederholen, während er
geistesabwesend auf die Amme
blickte, als müßte er sich
jedesmal bemühen, seine Gedanken
zusammenzuhalten.
Als sie sich so
angestarrt sah, wurde Annicchia
rot wie Klatschmohn.
"Blond, hm?...
sagten wir doch, hochverehrte
gnädige Frau", setzte
unterdessen der Arzt fort.
"blond, nicht wahr?
Hochverehrte
gnädige Frau... Eine schöne
junge Frau... schön, ja, und
gesund wirkt sie auch, gesund
auch... aber braun, hm, braun,
braun wäre besser gewesen... die
Milch der Braunhaarigen,
sicherlich, die Milch der
Braunhaarigen... na gut, wollen
wir einmal sehen."
Er hob Annicchia
den Kopf auf und untersuchte die
Drüsen am Hals; nach einigen
weiteren Betrachtungen begann er
ihr zerstreut das Mieder
aufzuknöpfen. Annicchia, bebend
vor Scham, ganz verdattert und
verlegen, versuchte ihn daran zu
hindern und verdeckte ihre Brust
mit den Händen.
"Hol's raus, hm?
Hol's raus", sagte der Arzt.
Ersilia brach in
Gelächter aus.
"Warum... warum
la... warum lachen Sie,
hochverehrte gnädige Frau?"
"Ja, sehen Sie
denn nicht, wie sich diese dumme
Gans vor Ihnen schämt?", machte
Ersilia ihn aufmerksam.
"Vor mir? Ich
bin doch Arzt!"
"Daran ist sie
nicht gewöhnt", erklärte
Ersilia. "Und außerdem, wissen
Sie, unsere Frauen, also, wir
Sizilianerinnen, wir sind nun
einmal nicht so wie die Frauen
hier."
"Achso", sagte
der Arzt schnell. "Ich verstehe,
ich verstehe... ich weiß schon,
ich weiß schon... schamhafter
sind sie, hm? Schamhafter...
Aber ich bin Arzt; ein Arzt ist
wie ein Beichtvater. Laß einmal
sehen: spritz du selbst ein paar
Tröpfchen hier in den Löffel.
Wie lange hast du denn dein
Kindchen schon?"
"Gekauft hab
ich's", antwortete Annicchia,
wobei sie sich abmühte, ihm ins
Gesicht zu sehen, "wohl schon
vor zwei Monaten."
"Gekauft hast
du's? Was sagst du da?"
"Wie soll ich es
denn sagen?"
"Na, geboren,
mein Kind, geboren.... Die
Kinder werden geboren...
geboren... Was ist da Böses
dabei?"
Als der Arzt
endlich nach Untersuchung der
Milch gegangen war, ließ sich
Annicchia erledigt auf einen
Stuhl sinken, als hätte sie eben
eine unsägliche Anstrengung
hinter sich gebracht: "Ach,
Signorina, was für eine Schande!
Ich bin fast gestorben dabei."
Als sie kurz
darauf das Kind schreien hörte,
lief sie zur Wiege und gab ihm
sofort die Brust. "Da hast,
trink dich satt, mein kleines
Schätzchen, mein Herzchen,
trink!"
Ersilia
betrachtete sie abermals vom
Bett aus: sie sah ihre
goldglänzenden blonden Haare,
die, in der Mitte gescheitelt,
in zwei Strähnen über ihre Ohren
hingen und ihr zartes Gesicht
einrahmten, sie sah ihre
wunderbar weiße, schöne Brust,
und da sagte sie ärgerlich:
"Es wäre besser
gewesen, ihn zuerst nur zu
beruhigen; und ihm dann Milch zu
geben, um ihn einzuschläfern."
"Lassen Sie ihn
doch trinken, das arme
Würmchen!" rief Annicchia. "Er
hat ja wirklich Hunger! Wenn Sie
sehen könnten, wie er saugt, wie
er saugt!"
Wenig später
konnte sie sich in dem
Nebenzimmer, das für sie und den
Kleinen bestimmt war, gar nicht
beruhigen, wenn sie die Möbel
und die Vorhänge betrachtete:
"Jesus! Was es alles gibt, in
Rom! Was es alles gibt!"
Und sie fühlte
eine gewisse Verlegenheit
angesichts dieses neuen, so
schönen Bettes, das für sie
vorbereitet worden war. Sie
erinnerte sich auch noch an die
noch stärkere Verlegenheit, die
sie vor zwei Jahren bei dem
Anblick eines anderen Bettes
empfunden hatte, jenes Bettes,
in dem sie zum ersten Mal nicht
mehr allein schlafen sollte. In
Gedanken sah sie dabei ihr
fernes Häuschen vor sich, wie es
gewesen war, als Titta, ehe ihm
diese schlimmen Ideen, die ihn
ruiniert hatten, in den Kopf
geraten waren, es voller Liebe
für die Hochzeit vorbereitet
hatte; und wie es dagegen jetzt
war, armselig und nackt, gerade
mit zwei Stühlen darin und einem
einzigen Bett, für sie und die
Schwiegermutter gemeinsam.
Nun hatte die
Alte da unten es für sich
allein, dieses Doppelbett, denn
das Kind schlief wahrscheinlich
im Haus der Nachbarin. Armer
Luzziddu, so klein schon fort
von Zuhause, und so weit
entfernt von seiner Mamma!
Sicherlich hatte diese Frau für
ihn nicht die selbe liebevolle
Zuwendung wie für ihr eigenes
Kind, und Luzziddu mußte, zur
Seite geschoben, still sein und
warten, was für ihn übrig blieb;
er, der bisher seine Mamma ganz
für sich allein gehabt hatte!
Annicchia begann
zu weinen; aber dann hatte sie
Angst, jemand könnte es
bemerken, trocknete ihre Tränen
und tröstete sich mit dem
Gedanken, daß ja die Großmutter
ganz in der Nähe war, um
aufzupassen, und daß sie sich
schon Gehör zu verschaffen
gewußt hätte mit ihrem düsteren
und herrischen Ton, falls das
notwendig geworden wäre. Ja, sie
war die würdige Mutter Tittas!
Aber im Grunde war sie doch gut,
so wie Titta gut war; sicher
würde sie mit der Zeit einsehen,
daß die Schwiegertochter nur
deshalb gewagt hatte, ihr nicht
zu gehorchen, weil sie von der
Notwendigkeit und dem Gedanken
an das Wohl aller dazu gezwungen
worden war.
Nun, um sich
selbst zu beweisen, daß sie ein
Opfer gebracht und dabei nur an
das Wohl der anderen und nicht
an das eigene gedacht hatte,
hätte sie am liebsten auf dem
Boden geschlafen und nicht dort,
auf diesem herrschaftlichen
Bett, unter diesem Baldachin:
der Kleine sollte dort schlafen,
denn der ganze Reichtum galt ja
ihm, und sie auf dem Boden wie
eine Hündin. Sie konnte sich
kaum dazu entschließen, unter
diese Decken zu schlüpfen, weil
sie ständig an das Stroh denken
mußte, auf dem ihr Luzziddu
schlief und ihre Schwiegermutter
auch.
Aber einige Tage
später kränkten sie die affigen
und pompösen Kleider, die die
Schneiderin gebracht hatte, in
dieser geheimen Empfindung noch
viel mehr. War all dieser
Schnickschnack wirklich für sie,
die bestickten Schürzen, die
Samtbänder, die Silbernadeln?
Und sollte sie wirklich so auf
die Straße gehen, als ginge es
zu einem Maskenzug?
Ersilia, die das
Bett bereits verlassen hatte,
wurde ernsthaft böse: "Ach, was
für ein Gesicht! Das habe ich
mir ja gedacht. Aber hier ist es
nun einmal so üblich und das
hast du anzuziehen, ob's dir nun
paßt oder nicht!"
"Wie Euer Gnaden
befehlen", gab Annicchia rasch
zur Antwort, um sie zu
beruhigen. "Verzeihen Sie mir.
Euer Gnaden haben so viel
schönes Geld ausgegeben für
mich, die ich doch gar nichts
verdient hätte. Aber
schließlich, was hat das schon
für eine Bedeutung? Euer Gnaden
sind die Herrschaft... Ich
meine, es kommt mir seltsam
vor... denn bei uns im Dorf..."
"Hier sind wir
aber in Rom", schnitt ihr
Ersilia die Rede ab. "Im übrigen
siehst du sehr gut aus.
Das stimmte
tatsächlich. Das leuchtende Rot
des Schleiers unterstrich noch
das Blond der Haare und das Blau
ihrer fröhlichen, klaren Augen.
Ersilia war sicher, daß sie
neben ihr bei dem gemeinsamen
Spaziergang eine höchst
unvorteilhafte Figur machen
würde; aber die Eitelkeit, der
Ehrgeiz, eine schön aufgeputzte
Amme zu haben, waren in ihr
stärker als selbst die
Eifersucht.
Das erste Mal
nahm sie sie im Wagen mit.
Annicchia,
feuerrot im Gesicht vor Scham,
hatte die Augen niedergeschlagen
und starrte auf das Kind in
ihrem Schoß. Unterdessen merkte
Ersilia, wie alle Leute auf der
Straße stehen blieben und sich
nach ihr umdrehten.
"Los, los",
sagte sie. "Heb den Kopf auf!
Wir wollen doch kein Schauspiel
bieten! Du siehst ja aus, als
wärst du geohrfeigt worden!"
Annicchia
versuchte, die Augen aufzuheben
und den Kopf dazu. Nach und nach
ließ das Staunen über das
ungewohnte, beeindruckende
Schauspiel der Stadt sie ihre
Scham vergessen, und sie begann
wie betäubt aus dem Fenster zu
starren, auf all die Dinge, die
Ersilia ihr zeigte.
"Jesus, Jesus!"
murmelte Annicchia insgeheim.
"Was das für große Dinge sind!
Was das für Dinge sind..."
Als sie von
diesem ersten Ausgang nach Hause
zurückkehrte, war sie ganz
verstört, es schwindelte ihr
beinahe, und die Ohren dröhnten
ihr, als wäre sie in einen
Aufruhr geraten und wäre ihm nur
mit großer Mühe entkommen. Und
sie fühlte sich viel, sehr viel
weiter entfernt von ihrem Dorf
als zuvor, so weit, wie sie es
sich nie vorzustellen vermocht
hätte, beinahe verloren in einer
anderen Welt, die ihr noch gar
nicht wirklich erschien.
"Jesus! Jesus!"
Unterdessen gab
Mori nebenan seiner Frau einen
während ihrer Abwesenheit aus
Sizilien eingetroffenen Brief zu
lesen.
Darin schrieb
Frau Manfroni ihrer Tochter, daß
die alte Marullo ihr das Geld
zurückgeschickt hatte, das sie
ihr, der Abmachung mit Annicchia
entsprechend, auf den ersten
Monatslohn vorstrecken wollte.
Die Alte hatte das Geld nicht
einmal von weitem sehen wollen.
Lieber würde sie sterben, hatte
sie gesagt, lieber von Haus zu
Haus ziehen und um ein Stückchen
Brot betteln. Unterdessen war
die Nachbarin gekommen, der
Annicchia ihr Kindchen
anvertraut hatte, um sich über
diese alte Hexe zu beschweren,
die ihr keinen Heller geben
wollte, auch nicht für das, was
sie für das Kind aufwenden
mußte. Frau Manfroni fügte
hinzu, sie habe dieser Nachbarin
den halben Monatslohn gegeben,
jedoch unter der Bedingung, daß
sie jeden Tag der Alten, als
wäre es aus eigener
Barmherzigkeit, einen Teller
Suppe geben sollte, damit sie
nicht buchstäblich Hungers
stürbe. Sie riet ihrer Tochter,
die andere Hälfte gar nicht erst
zu schicken, denn die Marullo
hätte das nie angenommen, und
schloß mit der Bemerkung, sie
wäre zutiefst betrübt darüber,
daß sie in diese peinliche
Situation geraten wäre, weil sie
dem Rat anderer Leute hatte
folgen wollen.
"Deinem klugen
Rat!", brauste Ersilia auf,
während sie den Brief
zusammenfaltete. "Du kannst auch
nicht ein einziges Mal das
Richtige treffen!"
"Ich?", wehrte
sich Ennio. "Ja, habe ich denn
vielleicht deiner hochverehrten
Frau Mutter geschrieben, sie
solle mir die Schwiegertochter
einer gemeingefährlichen Irren
als Amme schicken?"
"Nein. Aber eine
sizilianische Amme wolltest du
haben! Hättest du nicht diese
wunderbare Idee gehabt, steckten
wir jetzt nicht in diesem
Schlamassel. Im übrigen, ach hör
mir auf, hör mir auf, sie
gefällt dir doch, und gar nicht
wenig, die kleine sizilianische
Amme! Das hab ich schon
gemerkt!"
Mori riß die
Augen weit auf:
"Die Amme meines
Sohnes?"
"Schrei nur,
schrei nur! Damit man drüben
alles hört..."
"Erst reizt du
mich, und dann willst du, daß
ich nicht schreie? Auch noch auf
die Amme meines Sohnes bist du
also jetzt eifersüchtig? Bist du
denn ganz übergeschnappt?"
"Übergeschnappt
bist du! Du könntest froh sein,
wenn du deine fünf Sinne so
beisammen hättest wie ich! Nun,
und was machen wir jetzt? Was
sollen wir damit machen, mit
diesem Geld?"
"Ich hoffe, du
willst ihr jetzt nicht ins
Gesicht schreien, daß ihre
Schwiegermutter es nicht
annimmt!"
"Aber wo denkst
du hin? Ihr solchen Verdruß
bereiten? Ich werde mich hüten!"
Mori verlor die
Geduld, zuckte wütend die
Schultern und ging.
IV.
Jetzt blieb ihm
auch das nicht erspart: er
durfte nicht einmal sein kleines
Kindchen liebkosen, es nicht
einmal betrachten, weil seine
Frau nun schon den Verdacht
hatte, die Amme könnte diese
Liebkosungen, diese Blicke, auf
sich beziehen.
"Und weshalb",
fragte sie ihn auch tatsächlich,
"weshalb bist du nicht entzückt
von deinem Sohn, wenn ich ihn im
Arm halte und schneidest ihm
stattdessen lauter zärtliche
Grimassen, wenn er bei der da
ist?"
Entrüstet und
beschämt ob dieses ungerechten
und empörenden Verdachts schrie
Ennio sie an: "Aber bei dir ist
er ja nie!"
Tatsächlich fing
das Kind jedesmal, wenn sie es
auf den Arm nahm, zu schreien an
und streckte die Händchen nach
der Amme aus. Vielleicht hielt
sie es nicht richtig, nicht so
sehr deshalb, weil sie es nicht
gewohnt war, als vielmehr aus
Angst, es könnte ihr die reich
verzierten Hausmäntel
beschmutzen, mit denen sie zu
prunken liebte.
Obwohl sie nie
Besuche empfing und nur selten
ausging, gab sie doch sehr viel
Geld für Kleider aus, mit denen
sie dann nie zufrieden war,
ebenso wenig wie mit allem
anderen und mit sich selbst. Sie
fühlte sich unglücklich, und
vielleicht war sie es
tatsächlich; aber ihr Unglück
machte sie den anderen zum
Vorwurf und nicht der eigenen
Unduldsamkeit, ihrem
widerborstigen Charakter, dem
Fehlen jeder Anmut. Sie war
überzeugt davon, wenn sie über
einen anderen Mann gestolpert
wäre, der sie zu lieben und zu
verstehen vermocht hätte, dann
hätte sie nie all diese Leere
verspürt, die sie nun in und um
sich fühlte. Jetzt war sie auch
noch des Kindes überdrüssig
geworden, weil dieses mehr
Zuneigung zur Amme zeigte als zu
ihr. Und es verging kein Tag, an
dem sie nicht, in diesem
Müßiggang versinkend, heimlich
geweint hätte. Manchmal sah ihr
Mann ihre geschwollenen,
geröteten Augen, aber er tat,
als bemerke er nichts. Er
vermied es, so gut es ging, mit
ihr zu sprechen, denn er war
längst sicher, daß es ihm, was
er auch immer sagen oder tun
würde, nie gelingen könnte, ihr
jene Liebe zum Leben
mitzuteilen, nach der sie sich
so rasend sehnte, und deren er
sie doch für nicht fähig hielt.
Sie erwartete es von den
anderen, das Leben, ohne zu
begreifen, daß jeder es sich für
sich allein schaffen muß. Im
übrigen, wenn sie schon
unglücklich war, dann war er
nicht minder unglücklich
darüber, mit ihr zusammenleben
zu müssen. Ein schönes Leben
führte er! Den ganzen Tag
eingesperrt, dort in der
Kanzlei. Ein Glück, daß ihn
wenigstens von Zeit zu Zeit
seine Parteifreunde besuchen
kamen, mit denen er zumindest
ein bißchen Dampf ablassen und
frei diskutieren konnte.
Während dieser
Diskussionen wurde der alte
Schreiber der Kanzlei hinaus ins
Wartezimmer geschickt. Dabei
verbeugte er sich jedes Mal ganz
tief, der Herr Felicissimo
Ramicelli, vor den Herren
Revolutionären, und ging sehr
würdevoll aus dem Zimmer. Kaum
war er jedoch über der Schwelle
und hatte die Tür hinter sich
ins Schloß gezogen, da kniff er
ein Auge zu, hob ein Bein und
rieb sich in höchster
Zufriedenheit die Hände. Dann
zwirbelte er sich die Spitzen
seines gefärbten Schnurrbarts
und setzte sich auf die Bank des
Wartezimmers, in der Hoffnung,
daß dort Annicchia, die hübsche
kleine sizilianische Amme
auftauchen würde.
Er hatte bereits
versucht, mit ihr ein Gespräch
anzuknüpfen: "Weißt du, wie ich
heiße? Felicissimo."
Aber Annicchia
schien das nicht zu verstehen,
sie kehrte ihm den Rücken zu.
Und also sagte Signor Ramicelli
zu sich selbst: "Felicissimo,
jawohl, der Glücklichste. Aber
worüber bloß?"
Wie gutes Omen
hatten sie ihm diesen schönen,
superlativischen Namen
angehängt. Danke vielmals!
Freilich hatte er im Leben
eigentlich nie Gelegenheit
gehabt, sich, ‑ na sagen wir
nicht glücklich, gerade nur so
ein bißchen zufrieden zu
erklären, der gute Signor
Ramicelli. Acht Lire pro Tag
verdiente er, und das wäre ihm
vielleicht auch genug gewesen,
wenn er nicht so ein kleines
Lasterchen gehabt hätte... so
ein ganz gewisses Lasterchen..."
"Tja, was will
man da schon machen? Die
hübschen kleinen
Frauenzimmer..."
Diese Annicchia
zum Beispiel, das war doch ein
Lecherbissen! Jedes Mal, wenn er
sie sah, lief ihm das Wasser im
Mund zusammen. Und sie schien
ihm auch ein braves Mädchen zu
sein. Sie schien es ihm
natürlich nur, verstehen wir uns
recht! Denn all diese Ammen, das
weiß man ja: das sind
gestrauchelte Mädchen, das
sind... na, so eine Art
Kriegsbeute sind sie!
Annicchia
bemerkte die Blicke und das
affige Getue des Herrn
Ramicelli, und sie wußte nicht
recht, ob sie darüber lachen
oder sich ärgern sollte. Er
schien ihr gar zu seltsam,
dieser Alte mit seinem noch
immer blonden Haar. Also
sicherlich, wenn der nicht
übergeschnappt war, dann fehlte
nicht mehr viel daran.
Dort im
Wartezimmer versuchte sie, ob
die Beinchen des Kleinen schon
trugen, indem sie ihn nur unter
den Achseln hielt. Nach sechs
Monaten vermochte sie noch immer
nicht den Namen, den Mori dem
Kind gegeben hatte, richtig
auszusprechen: Leonida. Sie
nannte es stattdessen Nònida.
"Was heißt da
Nónida!", stichelte Signor
Ramicelli. "LE‑O-nida."
"Das kann ich
nicht aussprechen."
"Und
Felicissimo? Kannst du
Felicissimo auch nicht
aussprechen? Aber ich heiße
wirklich so, weißt du?"
Annicchia nahm
das Kind wieder auf den Arm und
verließ das Wartezimmer mit den
Worten: "Das glaube ich nicht."
"Ich auch
nicht", schloß Signor Ramicelli
in philosophischer Manier,
während er allein im Wartezimmer
blieb, um das Ende der
Diskussion dort drinnen
abzuwarten.
"Taktik...
Verbrecher... Die
Erziehung des Proletariats...
Mindestforderungskatalog..."
- solche und ähnliche Ausdrücke
drangen von Zeit zu Zeit an
Ramicellis Ohr. Dieser
schüttelte daraufhin
melancholisch den Kopf und
blickte lieber mit einem Seufzer
zu der Türe hin, durch die die
Amme verschwunden war. Manchmal
drang von dort zu ihm ein
bäuerliches Wiegenliedchen
herüber, das Annicchia mit einer
süßen, traurigen Stimme sang.
Vielleicht dachte sie dabei an
ihren Sohn und blickte
unterdessen auf dieses Kind, das
hier mit ihrer Milch groß und
schön geworden war, größer und
dicker als das ihre gewesen war,
als sie es dort verlassen hatte.
Ach, ihr Luzziddu wäre sicher
ein Riese geworden, wenn sie ihn
hätte stillen können! Nun
aber... wer konnte das wissen!
So viele schlimme Gedanken
gingen ihr durch den Kopf! Oft
träumte sie, er wäre krank
geworden, ganz dünn, nur Haut
und Knochen, mit einem dünnen
Hälschen und einem rachitischen
Kopf, der bald auf die eine,
bald auf die andere Schulter
sank und immer mehr anschwoll,
während sie ihn entsetzt und
verzweifelt betrachtete: "Das
soll mein Luzziddu sein? So
zugrundegerichtet habt ihr ihn?"
Und in ihrem Angsttraum wollte
sie ihm sofort ihre Milch geben,
auf der Stelle; aber dann sah
sie das Kind mit den düsteren,
starrsinnigen Augen seiner
Großmutter an und wandte das
Gesicht ab, ohne die Brust zu
nehmen, die sie ihm darbot. Was
für eine Qual! Sie stand auf,
das Herz klopfte ihr bis zum
Hals, und bis zum Morgen
vermochte sie das Bild ihres
Kindes in diesem gräßlichen
Zustand nicht mehr loszuwerden.
Sie wagte
freilich nicht mehr, der
gnädigen Frau davon zu erzählen,
die ihr schon mehrfach eine böse
Antwort gegeben hatte,
vielleicht weil sie sich über
ihre hartnäckige Insistenz
ärgerte, vielleicht auch, weil
sie fürchtete, sie könnte über
den Gedanken an ihr Kleines das
ihr anvertraute Kind
vernachlässigen. Aber das
konnte man ihr wirklich nicht
vorwerfen, auf Ehre: das durfte
sie nicht sagen: da brauchte man
ja Nònida nur anzusehen:
blühend und lebhaft war er!
Annicchia
vermochte in ihrer gnädigen Frau
kaum noch die Signorina Ersilia
von damals wiederzuerkennen, so
schlecht wurde sie von ihr
behandelt: schlimmer als eine
Dienerin. Sie tat alles, um
Ersilia zufriedenzustellen,
übernahm viele Dienste, zu denen
sie nicht verpflichtet war, nun,
da die schwerhörige Margherita
nicht mehr im Hause war; und sie
bemühte sich, immer fröhlich zu
erscheinen und auch der gnädigen
Frau Mut zu machen, die ständig
Nervenkrisen hatte und wegen
jedem Nichts verzweifelte.
"Da bin ich
schon, da bin ich, ich erledige
alles, Signorina, machen Sie
sich nur keine Sorgen."
Als
Gegenleistung hätte sie gerne
ein bißchen Wertschätzung
erfahren. Zum Beispiel, wenn
Briefe aus Sizilien kamen... die
brachte sie ihr sofort, ganz
glücklich, frohlockend:
"Signorina! Signorina!"
"Was ist los?
Hast du im Lotto gewonnen?"
Jedes Mal ließ
sie sie förmlich erstarren mit
diesen Worten. Sie wartete
geduldig, bis Ersilia zu Ende
gelesen hatte und hoffte, sie
würde ihr sofort sagen, was es
Neues von ihrem Kind gab. Aber
nichts da! Keine Spur! Sie mußte
sie danach fragen, wenn dann die
gnädige Frau den Brief zurück in
den Umschlag steckte.
"Und... steht
nichts von Luzziddu drinnen?"
"Oja. Hier
steht, daß es ihm gut geht."
"Und meiner
Schwiegermutter?"
"Auch."
Mit diesen
Antworten mußte sie sich
zufriedengeben. Aber war es denn
möglich, daß von da unten keine
anderen Botschaften an sie
aufgetragen worden waren? Ach,
wie sehr sie es jetzt bereute,
nie schreiben gelernt zu haben!
Ja freilich, bei der Abreise
hatte sie schon gedacht, daß die
Entfernung ihr Kummer bereiten
würde; aber so viel auch wieder
nicht! Es war ja eine wahre
Höllenstrafe, so!
Das Kind würde
jedoch in ein paar Tagen sieben
Monate alt werden. Mit neun
Monaten sollte es auf Wunsch des
Vaters abgestillt werden; also
galt es diese Qualen noch zwei
Monate lang zu ertragen. Da
mußte man eben Geduld haben!
Wenn sie sich so
tröstete und mit ihrem traurigen
Schicksal abfand, dann erwartete
sie sicherlich nicht das, was
ihr eben an dem Tag zustoßen
sollte, an dem das Kind sieben
Monate alt wurde: ein doppelter
Festtag, denn gerade da war
Nònida auch das erste
Zähnchen gewachsen.
Als sie an jenem
Tag die Türglocke hörte und aus
dem Läuten zu entnehmen meinte,
es wäre der Briefträger, da war
sie ganz fröhlich öffnen
gegangen, wie üblich. Aber
plötzlich, ohne daß sie auch
nur Zeit gefunden hätte, darauf
zu achten, wem sie da geöffnet
hatte, klatschte eine gewaltige
Ohrfeige auf ihre Wange und sie
fand sich auf dem Boden wieder.
Titta Marullo stand vor ihr, ihr
Mann, bleich, mit wutverzerrtem
Gesicht, einen Fuß erhoben, um
ihr ins Gesicht zu treten.
"Elende Hündin!
Wo ist dein Herr?"
Auf dieses
Geschrei hin kamen Mori, seine
Frau und Signor Ramicelli
gelaufen. Titta Marullo,
totenbleich, stürzte auf Mori
zu, packte ihn am
Jackenaufschlag und schüttelte
ihn ganz langsam: "Mein Sohn ist
tot, weißt du? Tot!"
wiederholte er noch einmal,
während er sich zu Annicchia
wandte, die einen Schrei
ausgestoßen hatte. "Und du, was
willst du jetzt tun? Bezahlst du
mir ihn oder willst du mir
lieber deinen dafür geben?"
"Der ist
verrückt!" schrie Ersilia,
zitternd vor Entsetzen.
Mori stieß
Marullo zurück und wies ihm die
Tür, mit einer nervösen Geste
seiner vor Wut bebenden kleinen
Gestalt.
"Raus!" brüllte
er. "Verbrecher! Raus aus meinem
Haus, auf der Stelle!"
"Was tust du
da?" sagte Marullo und stellte
sich ihm entgegen, Brust an
Brust. "Ich habe nichts zu
verlieren, nimm dich in Acht!
Meine Mutter ist im Krankenhaus;
mein Sohn ist tot! Ich bin
gekommen, um dir ins Gesicht zu
spucken und diese Hündin da
mitzunehmen. Los, steh auf!",
setzte er hinzu, zu seiner Frau
gewandt, die noch immer auf dem
Boden lag.
Aber in diesem
Augenblick kam Ramicelli, der
heimlich davongeschlichen war,
erschreckt und keuchend mit zwei
Gendarmen zurück, an die der am
ganzen Körper vor Wut zitternde
Mori sich in höchster Erregung
wandte:
"Raus! Führt ihn
ab! Er ist hier hereingekommen,
um mich in meinem eigenen Haus
zu beschimpfen und zu bedrohen,
dieser Verbrecher!"
Die beiden
Gendarmen packten Marullo an den
Armen, der verzweifelt versuchte
sich loszureißen, wobei er
schrie: "Ich will meine Frau
haben!" So zerrten sie ihn aus
dem Haus, gefolgt von Mori, der
auf das Kommissariat gehen
wollte, um die tätliche
Beleidigung anzuzeigen, deren
Opfer er in seinem eigenen Haus
geworden war.
V.
Am Tag darauf,
ohne Eile, kam der Brief der
Signora Manfroni an, in dem der
Tod des Kindes und die Krankheit
der alten Marullo berichtet
wurde. Von Titta kein Wort.
Mori vermutete
zuerst, er wäre aus dem
Straflager entsprungen, aber
dann erfuhr er, daß er auf
Intervention des Präfekten, an
den sich die kranke Mutter vom
Spital aus gewandt hatte,
vorzeitig entlassen warden war.
Die römische Polizeiwache hatte
ihn unterdessen nach Sizilien
zurückgeschickt, mit der
Warnung, wenn er dort unten auch
nur im geringsten versucht
hätte, sich der besonderen
Überwachung, die drei Jahre lang
über ihn verhängt war, zu
entziehen, würde man ihn auf der
Stelle ins Lager zurückschicken.
Annicchia war
durch den Schrecken, den ihr
Mann ihr eingejagt hatte, und
durch den Kummer über den Tod
ihres Kindes von einem heftigen
Fieber befallen worden. Drei
Tage lang schien es, als würde
sie wahnsinnig; dann ließ das
Delirium, dann ließen die
Halluzinationen allmählich nach;
sie blieb apathisch zurück, mit
einem geistesabwesenden
Ausdruck, der noch
erschreckender war als ihr
vorangegangenes Toben. Sie
blickte, aber es schien, als
sähe sie nichts; sie hörte, was
man ihr sagte, nickte mit dem
Kopf dazu und sagte auch ja,
aber dann zeigte sie deutlich,
daß sie nichts verstanden hatte.
Die Milch war
ihr ausgeblieben, das Kind hatte
man abstillen müssen. Im Hause
ging alles drunter und drüber.
Ersilia, unerfahren und zu allem
ungeeignet, wie sie war, hatte
zwei Nächte hindurch partout bei
dem Kind wachen wollen, das nach
der Amme schrie und keinen
Augenblick still war; sie hatte
sich auch um den Haushalt
kümmern, der neuen Dienerin
erste Instruktionen geben
müssen, dazu noch ein wenig nach
der Kranken sehen: nun war sie
rasend vor Wut gegen ihren Mann,
der sich umsah, eine Zeitung in
der Hand, ohne zu wissen, was er
tun sollte. Aber was hätte er
denn auch tun können?
"Was?" schrie
ihn seine Frau an. "Na, dich
bewegen, die Sache ein bißchen
in die Hand nehmen! Siehst du
nicht, daß ich hier ganz allein
bin, ohne Hilfe, das Kind auf
dem Arm? Ich kann mich nicht
auch noch um sie kümmern, die
mir die ganze Suppe eingebrockt
hat! Los, geh, such ihr einen
Platz in irgendeinem Spital!"
Ennio blieb bei
diesem Vorschlag erstarrt stehen
und sah sie ganz verdattert an:
"Im Spital?"
"Ach, kommt
jetzt Mitleid und
Barmherzigkeit?", setzte Ersilia
giftig hinzu. "Mitleid für sie,
was? Nicht für mich, die ich
seit vielen Nächten nicht zum
Schlafen komme, die ich nicht
einmal mehr Zeit habe, mich zu
frisieren. Soll ich denn für
alle der Dienstbote sein? Na
gut, warte nur, bis sie wieder
aufstehen kann, dann werde ich
dir was zeigen! Keinen Tag mehr,
keine einzige Minute mehr bleibt
sie in meinem Haus!"
Sie hatte
freilich nicht den Mut, diese
Drohung sofort in die Tat
umzusetzen, kaum daß Annicchia
sich ein bißchen erholt hatte.
Sie versuchte, mit ihr darüber
zu reden, indem sie ihr
erzählte, sie halte für sie das
Geld bereit, das ihre
Schwiegermutter nicht hatte
nehmen wollen. Aber Annicchia
antwortete ihr: "Was soll ich
denn jetzt noch damit tun? Jetzt
habe ich ja nur noch diesen da!"
Und dabei
drückte sie Nònida ans
Herz, der zu ihr zurückgekehrt
war und die gleiche Zuneigung zu
ihr zeigte wie vorher, obwohl er
nun abgestillt war.
Als ihn ihr die
Dienerin das erste Mal ans Bett
brachte, empfand sie einen
starken Widerwillen:
seinetwegen war ihr eigenes
Kind gestorben! Aber dann,
gerührt von der liebevollen
Ungeduld, mit der der
unschuldige Kleine ihr seine
Händchen entgegenstreckte,
umarmte sie ihn ganz, ganz fest,
so wie sie ihr eigenes Kind
umarmt hätte, und die sie
erdrückende Verzweiflung löste
sich in einen nicht enden
wollenden Tränenstrom auf.
Der Kleine
suchte noch immer nach ihrer
Brust.
"Ach mein Kind!
Ach mein Kind! Was willst du
denn noch von mir? Ich habe ja
nichts mehr, ich kann dir nichts
mehr geben, weder dir noch
irgendjemandem sonst... Aus
ist's mit deiner Mamma, mein
Liebling, aus ist's!"
Ach, wenn sie
wenigstens mit Sicherheit
erfahren hätte können, woran ihr
Kind eigentlich gestorben war,
ob an Nahrungsmangel oder an
irgend einer nicht behandelten
Krankheit. Mußte sie sich denn
wirklich damit begnügen, nichts
von ihm zu wissen, gar nichts
mehr? War das denn möglich? Als
wäre ein Hündchen gestorben! Ach
du armes, unschuldiges,
verlassenes Würmlein, ohne
Mamma, ohne Vater, ohne
niemanden, dort gestorben, in
fremden Händen, ach Gott, ach
Gott!
Aber wer
kümmerte sich denn jetzt noch um
ihren Kummer? Die gnädige Frau
war im Gegenteil böse auf sie,
weil ihretwegen ihr Sohn
plötzlich keine Muttermilch mehr
bekommen hatte, schon mit sieben
Monaten. Und sie hatte recht,
natürlich, denn auch sie war ja
eine Mutter und konnte nur an
ihr eigenes Kind denken. Was lag
ihr schon daran, daß jenes
andere gestorben war. Ärger
konnte sie darüber empfinden,
aber keinen Schmerz. "Ja, aber
sie müßte doch auch verstehen",
dachte Annicchia, "daß ihr Sohn
nun auch ein bißchen mir gehört:
denn wenn sie die Qual der
Geburt auf sich genommen hat, so
habe ich meinen Sohn für ihn
geopfert; und nun habe ich
nichts mehr außer ihm."
Obwohl es
Ersilia nicht unangenehm war,
sich die Mühe mit dem Kind zu
ersparen, wollte sie
andererseits doch nicht, daß es
sich noch mehr an diese Person
anschlösse, die es schon als ihr
eigenes betrachtete. Und so
bestärkte sie sich selbst immer
mehr in dem Entschluß, sie
fortzuschicken. Im übrigen,
welche Verpflichtung hatte sie
denn ihr gegenüber, weshalb
sollte sie sie noch länger
behalten? Sie eignete sich nicht
zur Bedienten und auch nicht zur
Kinderfrau. Und außerdem wollte
sie, daß ihr Kleiner ein schönes
Italienisch lernen sollte, aber
mit dieser Person da neben sich,
die bloß ihren Dialekt
beherrschte, war das unmöglich.
Also fort mit ihr, fort! Oder
sollte sie sie vielleicht nur
deshalb behalten, damit sie das
Schauspiel ihrer Schönheit ihrem
Mann besser vor Augen führen
konnte? Nein, fort! Fort! Und
ihr Mann selbst mußte sie
entlassen.
"Ich? Warum denn
ich?" fragte Mori.
"Weil du das
Haupt der Familie bist. Und
außerdem, weil ich nicht weiß,
was sie sich in den Kopf gesetzt
hat wegen des Mitleids, wegen
der Barmherzigkeit, die du ihr
damals gezeigt hast."
"Ich?"
wiederholte Ennio. "Ich habe ihr
gar nichts gezeigt."
"Vielleicht ist
es ihr es damals bloß so
vorgekommen. Für mich kommt das
auf dasselbe heraus. Siehst du
nicht? Sie fühlt sich doch schon
ganz zu Hause. Auf diese Weise
gäbe es hier zwei Mütter und
zwei Hausfrauen. Und das mag dir
gefallen, gut, aber mir gefällt
das ganz und gar nicht!"
Obwohl er wußte,
daß er es damit nur noch
schlimmer machte, versuchte
Ennio es noch einmal mit
vernünftigen Argumenten: "Aber
verzeih: weshalb willst du dich
denn unbedingt darauf
versteifen, dort etwas Böses zu
sehen, wo es gar nichts Böses
gibt, dir selbst schlimme
Trugbilder vorzugaukeln, wo ich
dir mit meinem von Studium und
Arbeit erfüllten Leben nie auch
nur den geringsten Anlaß gegeben
habe, an mir zu zweifeln? Du
hast doch gesehen: um Ruhe zu
haben, damit du zufrieden bist,
habe ich es mir sogar versagt,
mein Kind zu liebkosen.
Mißtraust du nun wirklich diesem
armen Mädchen? Ja, meinst du
denn, sie könnte sich mit dem
Gedanken anfreunden, wieder da
hinunterzufahren, wo sie ihr
Kind nicht wiederfinden wird,
sondern bloß einen groben Kerl,
der ihr den Tod des Kindes
anlastet und vor dem sie Angst
hat? Da sie ihr eigenes Kind
verloren hat, weil sie
hierhergekommen ist, um unser
Kind zu säugen, glaubt sie, sie
habe damit ein Recht erworben,
bei uns im Haus zu bleiben, bei
diesem anderen Kind, dem sie das
ihre geopfert hat. Erscheint dir
das nicht gerecht? Erscheint dir
das nicht vernünftig?"
Unwillkürlich
wiederholte er nun das, was er
wenig zuvor niedergeschrieben
hatte, ehe seine Frau die
Kanzlei betreten hatte. Bei dem
Gedanken an die traurige
Geschichte dieses unten in
Sizilien verstorbenen Kindes war
ihm ein Passus aus Malons Werk
Le socialisme intégral
eingefallen. Und anstatt daraus
Gewissensbisse entstehen zu
lassen, hatte er beschlossen, es
zu einer Rede zu verarbeiten,
die er in ein paar Tagen im
Sozialistischen Club zu halten
hatte.
Wie es zu
erwarten gewesen war, bestritt
Ersilia auf das heftigste seine
humanitären Überlegungen und
verließ die Kanzlei mit dem
festen Entschluß, Annicchia auf
der Stelle zu entlassen.
Entnervt packte Mori die ersten,
bereits fertiggeschriebenen
Blätter seines Redetextes und
warf sie zu Boden. Wenig später
hörte er durch die geschlossene
Türe hindurch das verzweifelte
Weinen der Unglücklichen und die
herzzerreißenden Worte, mit
denen sie die gnädige Frau bat,
sie doch nicht fortzuschicken.
"Behalten Sie
mich doch als Dienerin, ohne mir
irgendetwas dafür zu geben!
Geben Sie mir nur ein Stück
Brot! Den Abfall! Ich schlafe ja
auch auf dem Boden... Aber jagen
Sie mich nicht fort, ich flehe
Sie an! Da unten, da unten kann
ich nicht mehr hin... haben Sie
doch Mitleid mit mir, tun Sie es
doch aus Liebe zu diesem
unschuldigen Kindchen! Wenn Sie
mich fortjagen, gehe ich vor die
Hunde, Signorina! Ich gehe vor
die Hunde, aber da unten gehe
ich nicht mehr hin..."
Das Weinen und
die verzweifelten Bitten
dauerten eine ganze Weile
hindurch an. Dann hörte Mori
nichts mehr; er nahm an, Ersilia
hätte sich rühren lassen und
diesem armen Mädchen doch noch
erlaubt, bei dem Kind zu
bleiben.
Kurz darauf
betrat Signor Felicissimo
Ramicelli die Kanzlei ohne die
gewohnte Würde, mit gerötetem
Gesicht und glänzenden Augen.
Welch ein Sieg!
Welch ein Sieg! Es fehlte nicht
viel, und er, Felicissimo
Ramicelli, hätte sich die Hände
gerieben, dort vor den Augen
des Rechtsanwalts. Die hübsche
kleine sizilianische Amme, die
eben von der gnädigen Frau
davongejagt worden war, würde
noch am selben Abend in seinem
Haus schlafen. Tja, die Ammen -
er wußte das sehr gut - lauter
gestrauchelte Mädchen waren das,
so eine Art... na, so eine Art
Kriegsbeute, jawohl! Die hier
spielte noch die Naive, sie tat
so, als glaube sie, er wolle sie
wirklich nur als Bediente. Hm
ja, als Bediente... warum nicht?
"Signor
Ramicelli!"
"Was befehlen
Sie, Herr Rechtsanwalt?"
"Aufgepaßt, ja?
Deutlich schreiben, und - ich
bitte Sie - ohne Schnörksel nach
oben oder unten!"
Und Mori schob
ihm die bereits fertigen Blätter
seines Redetextes zum Kopieren
hin.
Dann schrieb er
weiter:
"Die Gleichheit
zwischen den Menschen ist nach
den Worten Malons im Sinne des
Sozialismus also als in einem
doppelten Sinne relativ zu
verstehen: 1. daß für alle
Menschen als solche die
notwendigen Existenzbedingungen
gesichert werden müssen; 2. daß
deshalb alle Menschen am
Ausgangspunkt des
Daseinskampfes gleich gestellt
sein müssen, so daß ein jeder
frei seine eigene Persönlichkeit
entsprechend den sozialen
Bedingungen entfalten kann;
währens es gegenwärtig so ist,
daß ein Kind, das gesund
und widerstandsfähig,
jedoch arm geboren wird,
in der Konkurrenz mit einem
schwach, aber reich
geborenen unterliegen muß..."
"Signor
Ramicelli!"
"Herr
Rechtsanwalt!"
"Sind Sie
übergeschnappt? Weshalb lachen
Sie so?"
|
Die drei lieben Mädchen - (Le tre carissime - 1926) |
|
Erstveröffentlichung
August 1894 in der
Zeitschrift La
domenica italiana.
Zahlreiche Varianten
bekannt. Eine gewisse
Verwandtschaft mit der
Novelle Leonora,
addio! bzw. dem
3.Stück der
Theatertrilogie,
Heute abend wird aus dem
Stegreif gespielt
(beide in Band 7?) ist
nicht zu leugnen.
aus dem Italienischen von Michael
Rössner |
 |
Diese drei Mädchen traf man wirklich
überall: in den Konzerten, bei jeder Première, immer
in einer Parterreloge, oder auch beim Spazierengehen
auf dem Pincio oder auf dem Corso in der
Abenddämmerung, die eine bei der weißhaarigen und
müde gewordenen Mutter untergehakt, die anderen
beiden davor, immer ein wenig ausgefallen gekleidet.
Ja, genau die: die Marùccolis.
Arme Mädchen: nach so vielen Opfern
verloren sie eines Tages die Geduld und zugleich die
Achtung vieler, die an ihrer Stelle nicht den Mut
gehabt hätten, so zu handeln (und ich sage den Mut,
nicht den Wunsch!). Ich erinnere mich noch, wie da
die allgemeine Entrüstung losbrach! Vor allem waren
es die Mamas, die sich ihren Tochtern gegenüber gar
nicht beruhigen konnten, entsetzt die Hände über dem
Kopf zusammenschlugen und riefen: "Was ist das für
eine Welt!"
Und ich mußte heimlich schmunzeln,
wenn ich sie so reden hörte und dabei die
niedergeschlagene und verstörte Erscheinung ihrer
eingeschüchterten Töchter beobachtete.
Tatsächlich bedenkt uns die
Gesellschaft ja mit einer schönen Zahl von Normen
und Regeln, die dieses böse Vieh, das sich Mensch
nennt, in Zaum halten sollen. Seit Jahrhunderten
bemüht sich die Gesellschaft, ihm eine Erziehung zu
geben, es beispielsweise guten Tag oder guten Abend
sagen, anständig angezogen auf der Straße gehen,
sich gerade auf nur zwei Beinen halten zu lassen,
usw. usw. Aber dann und wann kommt doch das böse
Vieh zum Vorschein und spielt ihr einen Streich. Wie
immer es auch sein mag, wir geben dann der
Gesellschaft die Schuld, als hätte sie uns Schaden
zugefügt, nur deshalb, weil wir sie gezwungen haben,
der Natur gewisse Pflichten aufzuerlegen, die diese
nun einmal weder anerkennen noch erfüllen mag. Als
ob eine Frau nicht einmal, sei es auch nur
irrtümlich, einen Mann lieben könnte, der genau
genommen nicht ihr Ehemann ist, bloß deshalb, weil
ihr die Gesellschaft ausrichten ließ, daß das eine
Ehefrau nicht darf. Die Gesellschaft, die Arme, sagt
es und verlangt es so; aber was kann sie schon
dafür, wenn die Natur darüber nur lacht?
Wie man da gleich sieht, sagt ihr,
daß ich nicht verheiratet bin!
Also kommen wir zu dem Fall der
Marùccolis.
Ehe wir sie verurteilen, möchte ich
doch bitten, daß wir versuchen, einmal, so gut es
uns gelingt, das Für und Wider abzuwägen, ohne uns
jener Worte zu bedienen, die wie die Augustfliegen
sofort bereit sind, sich auf jede Träne und auf jede
Speilache (ich bitte um Verzeihung) zu stürzen.
Ihr wißt so viele Dinge nicht, die
man auf den ersten Blick tatsächlich nicht
berücksichtigen zu müssen meint, die aber auf der
berühmten Waage der Gerechtigkeit größeres Gewicht
haben oder wenigstens haben sollten.
Wundert euch also nicht, wenn ihr
mich auf eine dieser Waagschalen, unter anderem, mit
vollen Armen eine Menge von Dingen legen seht, die
mich noch immer ganz trunken machen. Hier zum
Beispiel: all die abgelegten Kleider der drei armen
Mädchen. Ihr wißt nicht, daß diese wegen ihrer
extravaganten Freizügigkeit so sehr bewunderten
Kleider aus ihren eigenen Händen stammten: die
kunstfertige Mutter schnitt sie zu, und die drei
Töchter hefteten sie und nähten sie zusammen, mit
der Hand und mit der Maschine, wie drei fröhliche
Schneiderinnen. Und ihr wißt nicht, daß sie mit den
Spitzen und den Bändern an jedes Kleid auch die
Hoffnung hefteten, mit diesem könnten sie endlich
einem Mann auffallen, der sie dann zur Frau nehmen
würde.
Die Mutter hatte eine äußerst
bescheidene Pension, die ihr verstorbener Mann
(dieser brave Herr Carlo Marùccoli, den alle dann
als einen lupenreinen Ehrenmann anerkannten: ja, ihn
schon! - denn er war ja tot, als es zu dem Skandal
kam), ihr hinterlassen hatte; und sie hatten auch
eine kleine Vigna - wie man das in Rom nennt - eine
hübsches Häuschen mit ein paar Weingärten jenseits
des Ponte Molle; aber weder die eine noch das andere
konnten ausreichen, um die Ausgaben der Familie zu
decken.
Das Leben, das sie führten, ging
also immer nur durch Wunder verborgener Einsparungen
und mit höchster Kunstfertigkeit verborgener Opfer
weiter. Sie waren immer fröhlich, die drei lieben
Mädchen, und ihr brennender und ganz und gar
ehrbarer Wunsch, einen Mann zu finden, machte sie
nie unangenehm, wenigstens nicht im Umgang mit uns
(ich meine mich und den armen Tranzi), von denen sie
im übrigen sehr gut wußten, daß wir sie nur zu gerne
glücklich gemacht hätten, wenn... Das Wenn, das
könnt ihr euch leicht ausmalen: ich war ein armer
Maler, Tranzi ein Musiklehrer. Schöne Künste, ja
freilich, das leugne ich nicht. Aber ob sie
ausreichen, um eine Frau zu erhalten, das will ich
doch bezweifeln.
Niemand hatte sie je vor der
Geschichte für kokett gehalten. Nun dagegen - das
ist ja bekannt - waren sie immer schon voll von
Lastern, voll von Fehlern. Ich will sie wirklich
nicht verteidigen: Fragt doch ruhig einmal die
anderen, die mit mir in ihrem Haus verkehrten. Wer
könnte denn behaupten, je auch nur im geringsten von
ihnen ermutigt worden zu sein? Ja, wir waren lustig,
wir lachten, wir scherzten und waren ausgelassen an
diesen Abenden, aber stets in der korrektesten und
anständigsten Weise, wie es sich drei Mädchen
gegenüber geziemte, die gegebenenfalls jeden sofort
zurechtzuweisen verstanden hätten, der sich, von der
guten Stimmung angeregt, dazu verstiegen hätte, mit
Worten oder Gesten ein bißchen über die Stränge zu
schlagen.
Also, dafür, daß sie nicht kokett
waren, kann ich euch sogar einen Beweis liefern, der
auf meine Kosten und auf die des armen Tranzi ging.
Warum sollte ich es nicht erzählen? Ich war in die
zweite verliebt, Tranzi in Giorgina, die Älteste.
Eines Abends, als wir ihr Haus verlassen hatten und
uns auf dem Heimweg unterhielten, wurden wir
ernstlich betrübt darüber, daß es diesen drei
anständigen, schönen und lieben Mädchen nicht
gelingen wollte, einen Mann zu finden. Da wir sie
schon nicht heiraten konnten, hätten wir gewollt,
daß andere, denen es möglich gewesen wäre, es an
unserer Stelle tun sollten, und wir schimpften über
sie, weil sie, da sie sich nicht irgendwie besonders
dazu ermutigt sahen, sich nicht und nicht zu
entscheiden vermochten. Nun, ich und Tranzi, wir
gaben mehr als nur einmal einem dieser Leute, wenn
er über die Eintönigkeit des eigenen
müßiggängerischen Lebens klagte und behauptete,
seines Lebens müde zu sein, den Rat, als unfehlbares
Rezept eine der Marùccolis zu heiraten. Nur empfahl
- da Irene nicht so viele Sympathien auf sich zu
ziehen vermochte wie die anderen beiden - ich die
Giorgina und Tranzi die Carlotta; mit einem Wort,
ich die seine und er die meine.
Aber mit der einen oder der anderen
der Drei wären diese dummen Kerle ohne jeden Zweifel
von der Eintönigkeit und allen anderen Übeln kuriert
worden, denn jede von ihnen hätte ihrem Ehemann das
Leben froh gemacht. Und stattdessen suchten sich
diese dummen Kerle einer nach dem anderen, nachdem
sie eine Weile hindurch die angenehme Gesellschaft
der drei Mädchen genossen und sie vielleicht mit
Blicken oder zarten Aufmerksamkeiten ein wenig
umschwärmt hatten, sich anderswo eine Frau; und sie
bereuten das wenig später.
Ich gab Giorgina Malunterricht,
gelegentlich, in der Freizeit. Tranzi unterrichtete
Carlotta mit größerer Regelmäßigkeit in Musik und
Gesang. Beide erwiesen sich als überaus dankbar für
das wenige, was wir für sie taten. Ich sage sogar
noch mehr. Ich sage das, was ein anderer vielleicht
aus Angst, sich lächerlich zu machen, verschweigen
würde. Wenn sie so an manchen Abenden im Salon vor
uns beiden allein erschienen, in neuen Kleidern
prächtig herausgeputzt, um nun zu einer befreundeten
Familie oder ins Theater zu gehen, bemerkten alle
drei die Begierde, die sie in uns erregten; und sie
antworteten auf unsere geheime, aber aus den Augen
leuchtende Begierde mit einem undefinierbaren Blick
und einem ebensolchen Lächeln, in dem Genugtuung für
sie selbst und zugleich Mitgefühl für uns lag. Irene
verstand das am besten von allen, errötete und
fragte uns, um ihre Verwirrung zu überspielen, mit
unsagbarer Anmut, während sie ihr Kleid betrachtete:
"Sehen wir hübsch aus damit?"
Ach, über diesesThema könnte ich
einen langen Vortrag halten, über die Sprache der
Augen, wenn die Lippen nicht sprechen dürfen. Etwa,
wenn Carlotta, beinahe, als täte sie es nur, um ihr
Gewissen zu beruhigen, sich mit irgendeinem Dummkopf
unterhielt, der mit übertriebener Insistenz um sie
herumschwänzelte, oft, wenn sie gerade etwas zu ihm
sagte oder ihn anlachte, ihren Blick zu mir wendete:
da lag in diesem Blick ein liebevolles Mitgefühl,
und er sagte mir: "Du müßtest das sein!"
Denn Carlottas Augen - das kann ich
euch versichern - Carlottas Augen duzten mich.
Von den dreien war Carlotta die
schönste, wenigstens für mich, Irene die klügste,
Giorgina die unterhaltsamste.
Das Gruppenbild, das ich von ihnen
malte, ist sicherlich das am wenigsten schlechte
meiner Produkte. Ich habe es vor vielen Jahren in
München ausgestellt, unter dem Titel Die drei lieben
Mädchen. Es wurde verkauft und ich weiß nicht mehr,
wem es jetzt gehört und wo es hingeraten ist.
Mir und Tranzi
gegenüber gab es nie eine
Heuchelei, nie! Wenn wir einmal
im Theater eine von ihnen noch
strahlender als sonst sahen,
genügte ein leichtes Kopfnicken,
damit sie verstand. Und das
Nicken bedeutete: "Gefunden?"
"Nein!",
antwortete das Köpfchen des
Mädchens, indem es sich lebhaft
schüttelte, mit geschlossenen
Augen und einem schelmischen
Lächeln auf den Lippen.
Sie fanden
nicht, sie fanden noch immer
nicht, sie fanden nie, diese
drei lieben Mädchen!
Nun, eines
schönen Tages wurden sie es
müde; zuletzt verloren sie die
Geduld.
Wer weiß, wie
lange sie schon drinnen das
Toben ihrer ständig frustrierten
Hoffnung zurückhielten und die
Zeichen ihrer Enttäuschung
unterdrückten! Das erste
Zeichen, das ich bemerkte, und
das mir als ewiger Eindruck
geblieben ist, wie ein Satz in
einem Drama, in dem man schon
die Katastrophe spürt, war jener
Morgen, an dem wir zu der Vigna
am Ponte Molle fahren sollten,
und Giorgina Tranzi mit
gesenktem Kopf entgegentrat: Sie
hielt mit zwei Fingern einen
Silberfaden in die Höhe, der aus
ihrer Stirn herauswuchs, wobei
sich ihre Augen in dem Bemühen
verdrehten, ihn zu betrachten:
"Tranzi, ein weißes Haar!"
Denn sie hatte
die Dreißig bereits
überschritten. In der letzten
Zeit hatte ich bemerkt, daß sie
sich mit ungewöhnlicher
Hartnäckigkeit um Arnaldo Ruffi
kümmerte, einen der treuesten
Gäste des Hauses; dann, daß sie
plötzlich, über ihn mit einer
nicht weniger ungewöhnlichen
Bitterkeit sprach, und
schließlich, daß sie Tranzi
wegen seiner Faulheit zu quälen
begann: er habe kein Recht, sich
über die Ungerechtigkeit des
Schicksals zu beklagen, denn er
wolle ja nichts tun und nichts
versuchen, um seine
künstlerischen Talente besser
zur Geltung zu bringen; hatte er
da nicht die Skizze einer Oper,
eines Jugendweks? Na eben: warum
überarbeitete er die nicht?
Warum beschäftigte er sich nicht
mit einem anderen Werk?
Beinahe mit
Tränen in den Augen entdeckte
ihr der arme Tranzi daraufhin
das geheime Elend, von dem sein
Leben voll war: er verriet ihr
unter anderem, daß er seit
ungefähr einem Jahr sich sogar
von dem Klavier hatte trennen
müssen, daß er gemietet hatte.
Ohne viele Umschweife schlug ihm
Giorgina daraufhin vor, dort zu
arbeiten, in ihrem Haus; sie
würden ihm das Klavier zur
Verfügung stellen, er könnte es
mit der größtmöglichen Freiheit
benützen; sie würden ihn im
Salon allein lassen; die Familie
würde sich in den entlegensten
Winkel des Hauses zurückziehen.
Sie redete und bemühte sich so
lange, daß sie ihn endlich
zwang, den Vorschlag anzunehmen.
Ich weiß, daß sie schließlich
sogar so weit ging, ihn im Salon
einzuschließen; und den
Schlüssel hatte sie in der
Tasche.
Wer weiß, ob es
nicht wirklich die Entdeckung
dieses weißen Haars war, die,
zusammen mit so vielen anderen
traurigen Kleinigkeiten, vor
denen sie die Augen bislang
kummervoll geschlossen hatte,
sie, und in der Folge auch ihre
Schwestern, zur Rebellion
aufstachelte! Und diese
Rebellion war umso wilder, als
zuvor die hoffnungsvolle
Erwartung lang und geduldig
gewesen war, diese Hoffnung, die
ihnen plötzlich sinnlos und
beinahe lächerlich erscheinen
mußte.
Ich habe mehr
als einmal gehört, daß man die
älteste Marùccoli für den
Selbstmord Angiolo Tranzis
verantwortlich machte. Das ist
eine Infamie. Welche Schuld
hatte denn die Marùccoli daran,
daß Tranzi Gewissensbisse über
die Freude empfand, die sie, in
ihrer Rebellion gegen die in dem
vergeblichen Warten verlorene
Zeit und gegen das Schicksal,
das sie zum Verblühen ohne Liebe
verdammte, ihm schenken wollte,
ganz bewußt und geradezu als
Preis für sein langes,
schweigend zurückgehaltenes
Begehren?
Nein, nein:
Tranzi habe ich gut gekannt, der
war innerlich viel zu sehr
zerfressen, der konnte nicht
dieser über ihn
hereinbrechenden, brennenden
Freude standhalten, die sich
über jedes Vorurteil
hinwegsetzte. Zu sehr hatten die
vielen Enttäuschungen an ihm
genagt und ihn innerlich ganz
ausgehöhlt; als diese Freude ihn
packte, brach er unter ihr
zusammen.
Ich sah ihn an
diesem Tag nach Hause kommen,
mit roten, geschwollenen Augen.
Er hatte geweint, versteht ihr
das? - nachher. Und er mußte
lange geweint haben, sicherlich
in der Überzeugung, ein
Verbrechen begangen zu haben;
und die Frau, das Mädchen, mußte
ihn trösten, ihn wieder
aufrichten, den Schatten der
Reue verjagen, mit dem er ihr in
diesem Augenblick die Sonne der
eben empfundenen Freude zu
verdüstern suchte. Und wer weiß!
Vielleicht hat gerade die Scham
über diese Szene in seinem
inneren Aufruhr, in dem
plötzlich so viele Gefühle und
Gedanken in ihm entfesselt
wurden, auch dazu beigetragen,
ihn zu dieser Gewalttat gegen
sich selbst schreiten zu lassen.
Und die
Marùccoli beweinte ihn nicht:
sie fühlte sich im Gegenteil
durch seinen Tod verletzt wie
durch eine Beleidigung.
Alle drei
Schwestern zogen sich damals in
das hübsche Häuschen in der
Vigna zurück. Aufgrund einer
leichter zu verstehenden als zu
erklärenden Scheu nahm ich davon
Abstand, sie nach Tranzis Tod
dort zu besuchen. Ich könnte
daher keine genauen Angaben über
diese Zeit machen. Ich weiß, daß
das Häuschen immer sehr viel
Besuch empfing, aber daß die
häufigsten Besucher sich nach
einer gewissen Zeit zurückzogen,
um anderen Platz zu machen.
Die drei
Schwestern schienen, nun ohne
jede Hemmung und in der Freiheit
des Landlebens, geradezu
übergeschnappt zu sein; sie
schmiedeten die seltsamsten
Pläne für die Zukunft: Giorgina
wollte sich der Malerei widmen,
und jeden Morgen zog sie aus,
einen schäbigen Strohhut auf dem
Kopf, mit blühendem Gesicht,
strotzend vor Kraft und
Gesundheit, um sich mit den
kleinen Zypressen auf dem Monte
Mario im Duell zu messen. Die
Waffen waren der Pinsel, der
Schauplatz ein Stückchen
Leinwand, bis die Sonnenstrahlen
genug sagten. Carlotta - so
erzählte man mir - war mehr denn
je davon überzeugt, in der Kehle
den Goldschatz einer
wunderschönen Altstimme zu
haben, mit der sie nach jeder
Mahlzeit die geduldigen Ohren
eines alten, hinfälligen
Gesangslehrers aus der Provinz
in Erstaunen versetzte. Irene
hatte sich den Floh ins Ohr
gesetzt, Schauspielerin werden
zu wollen und deklamierte mit
lauter Stimme und großen Gesten
ihre Rollen, wobei sie die alte
Mutter zur Rolle des jeweiligen
Partners verdammte. Die arme,
geduldige Alte spielte also die
Stichwortbringerin, indem sie
sitzend, die Brille auf der
Nasenspitze, gehorsam den Text
ablas:
Odetta: Ihr
wollt mich also zum Gehen
zwingen?
Der Graf: (las
die Mutter): Aus meinem Haus...
jawohl, und zwar augenblicklich.
Odetta: Und
meine Tochter?
Der Graf: Meine
Tochter... Die behalte ich bei
mir.
Odetta: Hier?
Ohne mich?
Der Graf: Ohne
Sie.
Odetta: Ach was!
Ihr seid verrückt, mein Herr...
Meine Tochter gehört mir, und
niemals dürft ihr hoffen, mich
von ihr zu trennen.
So ging es, bis
nach einigen Monaten der
Abwesenheit einer der treuesten
Gäste, die als erste
verschwunden waren, in das
Häuschen zurückkehrte: ich meine
Ruffo.
Arnaldo Ruffo,
das habe ich euch ja bereits
angedeutet, hatte vor der
Geschichte mit dem armen Tranzi
Giorgina ernste Hoffnungen
gemacht. Er war einer
derjenigen, denen es möglich
gewesen wäre, wenngleich zwei
kurze Besuche in Monte Carlo
sein Vermögen beträchtlich
hatten zusammenschmelzen lassen.
Ein gut aussehender junger Mann,
groß, dunkel, solid: genau der
richtige Ehemann für Giorgina.
Die erste Liebe loderte in ihm
neu auf, als er sie nun besitzen
konnte, sie wurde zur wilden
Leidenschaft. Es scheint, daß
seine Familie versucht hat, ihn
ein zweites Mal von dem Mädchen
loszureißen, indem sie ihm die
blöde Medizin einer
Vergnügungsreise zu kosten
gaben. Als er in das Häuschen
der Marùccolis zurückgekehrt war
wie ein Schmetterling zum Licht,
scheint er Giorgina bereits in
einen anderen ständigen Gast
dieser Zeit verliebt vorgefunden
zu haben, und es heißt, daß es
in dem Haus zu wilden
Eifersuchtsszenen kam. Einige
Freunde erzählten mir, sie
hätten eines Abends in der
Dunkelheit der Straße diesen
Fetzen eines Gesprächs
aufgeschnappt:
"Na gut, dann
heirate mich eben!"
Und darauf
Ruffos Stimme, gereizt, dumpf:
"Nein! Nein!
Nein!"
Schließlich ein
großes, spöttisches Gelächter
Giorginas: "Dann laß mich doch
in Frieden!"
Den Rest wißt
ihr.
Seit nunmehr
zwei Jahren ist Giorgina
Marùccoli die legitime Ehefrau
Arnaldo Ruffos. Gleich nach
Giorgina heiratete Carlotta.
Irene ist noch verlobt. Erst
vorgestern bin ich zufällig
ihrem Bräutigam begegnet, der
alle Hände voll zu tun hat, um
das gemeinsame Nestchen
vorzubereiten: er ist
überglücklich! Und er hat mir
gesagt, er würde so schnell wie
möglich heiraten.
Versteht ihr
das? Erst hieß es nein; nun
heißt es ja. Das freut mich für
die Herren Männer! Ja, seht nur,
beinahe wäre ich sogar versucht,
nun - nach so langer Zeit -
Giorgina, der Mutigen, einen
Besuch abzustatten, um sie zu
beglückwünschen. Sie ist nicht
sehr glücklich, die Arme: ihr
Mann ist eifersüchtig auf ihre
Vergangenheit - (der Dummkopf!
Als ob das nicht seine eigene
Schuld wäre). Aber schließlich
und endlich, wer ist denn in
dieser Welt schon glücklich?
Jetzt werden
sich immerhin binnen kurzer Zeit
alle drei eine soziale Stellung
geschaffen haben, endlich einen
Hausstand besitzen, ein Ziel im
Leben: das, was sie sich in
ehrbarer Weise stets gewünscht
haben. Und auf den Knien der
lieben alten Großmutter, die
mittlerweile wohl bleicher als
Wachs sein wird, schläft schon
rosig das erste Enkelkindchen.
Ich stelle mir die gute Alte
vor, wie sie es selig
betrachtet, während sie mit der
zittrigen Hand eine Fliege
verscheucht, die sich gerade
dort niederlassen will, mitten
auf dem lieben, runden
Gesichtchen.
|
Die Falle - (La trappola - 1922) |
|
Erstveröffentlichung
dieser Novelle im
Corriere della sera
vom 23. Mai 1912.
aus dem Italienischen von Michael
Rössner |
 |
Nein, nein, wie soll ich mich denn damit abfinden?
Und warum? Ja, wenn ich anderen gegenüber
irgendwelche Verpflichtungen hätte, dann vielleicht.
Aber ich habe keine! Warum dann also?
Hör mir zu. Du kannst mir nicht unrecht geben.
Niemand kann mir unrecht geben, wenn er so in
abstracto darüber nachdenkt. Was ich fühle, fühlst
auch du, das fühlen alle.
Warum habt ihr so Angst davor, nachts aufzuwachen?
Weil für euch die Kraft für die Gründe des Lebens
aus dem Tageslicht kommt. Aus den Illusionen des
Lichts.
Dunkel und Stille jagen euch Schrecken ein. Und dann
zündet ihr die Kerze an. Aber es erscheint euch
traurig, was? Traurig, so ein Kerzenlicht. Denn das
ist nicht das Licht, das ihr braucht. Die Sonne! Die
Sonne! Gierig verlangt ihr nach der Sonne. Denn mit
einem künstlichen Licht, das ihr selbst mit
zitternder Hand vor euch hertragt, entstehen die
Illusionen nicht mehr so spontan aus sich heraus.
Wie die Hand zittert, so zittert eure ganze
Wirklichkeit und sie erweist sich euch als fiktiv
und unbeständig. Als künstlich wie dieses
Kerzenlicht. Und alle eure Sinne wachen angespannt,
krampfhaft, in der Angst, unter dieser Wirklichkeit,
deren leere Unbeständigkeit ihr entdeckt, könnte
sich euch eine andere, dunkle, schreckliche
Wirklichkeit auftun: die wahre. Ein Lufthauch... was
ist das? Was ist dieses Knarren?
Und in dem Augenblick des Innehaltens, in dem
Schauder dieser Erwartung des Unbekannten, unter
Zittern und Schweißausbrüchen, da seht ihr vor euch
in diesem Zimmer eure Illusionen des Tages sich
bewegen, in geisterhafter Erscheinung und mit
ebensolchem Gang. Seht gut hin, sie haben dieselben
geschwollenen, wässrigen Augenhöhlen wie ihr, die
gelbe Farbe eurer Schlaflosigkeit, und auch eure
arthritischen Schmerzen. Ja, das dumpfe Nagen der
Knoten an den Gelenken eurer Finger.
Und wie sie aussehen, wie sie mit einem Mal aussehen,
die Gegenstände des Zimmers; auch sie halten
förmlich inne in einer entsetzten Reglosigkeit, die
euch beunruhigt.
Sie waren um euch, als ihr schlieft.
Aber sie schlafen nicht. Sie sind da, untertags
ebenso wie in der Nacht.
Eure Hand öffnet sie und schließt sie einstweilen.
Morgen wird sie eine andere Hand öffnen und
schließen. Wer weiß, welche andere Hand... aber für
sie ist das einerlei. Sie bewahren einstweilen in
sich eure Kleider, leere, aufgehängte Gewänder, die
ganz zerknittert sind, die die Falten eurer müden
Knie, eurer spitzen Ellbogen angenommen haben.
Morgen werden da drinnen die zerknitterten Gewänder
eines anderen hängen. Der Spiegel dieses Kastens
reflektiert jetzt euer Bild und bewahrt keine Spur
davon; morgen wird er keine Spur von dem Gesicht
eines anderen bewahren.
Der Spiegel sieht für sich gar nichts. Der Spiegel
ist wie die Wahrheit.
Du meinst, ich rede irre? Ich rede so vor mich hin?
Ach geh' doch, ich weiß ja, daß du mich verstehst.
Du verstehst sogar mehr, als ich sage, denn es ist
sehr schwer, dieses dunkle Gefühl auszudrücken, das
mich beherrscht und erschüttert.
Du weißt, wie ich bis jetzt gelebt habe. Du weißt,
daß ich immer Ekel, Abscheu davor empfunden habe,
mir doch noch eine Form zu geben, mich in einer
solchen einfangen zu lassen, mich auch nur für einen
Augenblick an sie zu binden.
Stets habe ich meinen Freunden Stoff zum Lachen
geboten, wegen der... wie nennt ihr das? - ach ja,
der Veränderungen in meinen persönlichen Kennzeichen.
Aber ihr konntet nur deshalb darüber lachen, weil
ihr nie so tief darüber nachgedacht habt, was
eigentlich dieses wahnhafte Bedürfnis ausmachte,
mich mir selbst vor dem Spiegel in einer ständig
neuen Erscheinungsform zu präsentieren, mich der
Illusion hinzugeben, ich wäre nicht immer dieser
eine, mich als einen anderen zu sehen!
Aber natürlich! Was habe ich denn schon verändern
können? Freilich, ich habe mir am Schluß sogar den
Kopf rasiert, um mich frühzeitig als Glatzkopf
ansehen zu können; bald habe ich mir den Schnurrbart
abrasiert und den Kinnbart stehen lassen; bald habe
ich Schnurr- und Kinnbart abrasiert, oder ich habe
mir letzteren bald so, bald so wachsen lassen, als
Spitzbart, über dem Kinn geteilt, als Rauschebart.
Ich habe mit den Haaren gespielt.
Die Augen, die Nase, den Mund, die Ohren, den Rumpf,
die Beine, die Arme, die Hände, die habe ich nicht
verändern können. Oder hätte ich mich schminken
sollen, wie ein Schauspieler? Manchmal war ich
versucht, es zu tun. Aber dann habe ich daran
gedacht, daß mein Körper unter der Maske doch
derselbe bleiben.. und altern würde!
Ich habe versucht, mich im Bereich des Geistes dafür
zu entschädigen. Ja, mit dem Geist konnte ich besser
spielen!
Ihr schätzt über alles die Beständigkeit der Gefühle
und die Kohärenz eines Charakters und könnt gar
nicht aufhören, sie zu loben. Und warum? Nun, doch
immer aus demselben Grund! Weil ihr feig seid, weil
ihr Angst vor euch selbst habt, das heißt davor,
durch eine Veränderung der Wirklichkeit, die ihr
euch selbst gegeben habt, diese Wirklichkeit zu
verlieren, und somit anzuerkennen, daß sie nichts
anderes war als eure Illusion; daß es somit
überhaupt keine Wirklichkeit gibt, außer der, die
wir selbst uns geben.
Aber was soll das denn heißen, frage ich, sich
selbst eine Wirklichkeit geben, wenn nicht, daß man
sich in einem Gefühl festschreibt, darin gerinnt und
erstarrt, sich darin einschließt? Und daß wir somit
die unaufhörliche Bewegung des Lebens anhalten, aus
uns lauter kleine, armselige Pfützen machen, die auf
das Verfaulen warten, während das Leben ein
ständiger, glühender und ununterschiedener Fluß ist.
Siehst du, das ist der Gedanke, der mich beschäftigt
und mich rasend macht!
Das Leben ist der Wind, das Leben ist das Meer, das
Leben ist das Feuer; nicht die Erde, die erstarrt
und Form annimmt.
Jede Form ist der Tod.
Alles das, was sich selbst aus dem Zustand der
Schmelze herausbewegt und erstarrt in diesem
ständigen, glühenden und ununterschiedenen Fluß, das
ist der Tod.
Wir sind alle Wesen, die in der Falle gefangen sind,
abgetrennt von dem nie anhaltenden Fluß,
festgebunden für den Tod.
Für eine kurze Zeitspanne dauert die Bewegung dieses
Flusses in uns noch fort, in unserer abgetrennten,
losgelösten, erstarrten Form; aber da, nach und nach,
wird sie langsamer; das Feuer kühlt aus; die Form
trocknet; bis endlich die Bewegung in der ganz steif
gewordenen Form endgültig zum Erliegen kommt.
Wir sind mit dem Sterben zu Ende gekommen. Und das
haben wir Leben genannt!
Ich fühle mich in dieser Falle des Todes gefangen,
die mich von dem Lebensstrom abgetrennt hat, in dem
ich ohne Form dahingeflossen bin, und mich in der
Zeit erstarren hat lassen, in dieser Zeit!
Warum in dieser Zeit?
Ich hätte noch weiter fließen können und wenigstens
weiter hinten, in einer anderen Form, weiter hinten
erstarren können... das wäre dasselbe gewesen,
meinst du? Ja freilich, früher oder später... Aber
ich wäre ein anderer geworden, dort hinten, wer weiß
wer und wer weiß wie; in einem anderen Schicksal
gefangen; ich hätte andere Dinge gesehen, oder
vielleicht auch dieselben, aber aus einem anderen
Blickwinkel, in einer anderen Ordnung.
Du kannst dir nicht vorstellen, welchen Haß mir die
Dinge einflößen, die ich sehe, und die mit mir in
der Falle dieser meiner Zeit gefangen sind; all die
Dinge, die mit mir nach und nach zu Ende sterben!
Haß und Mitleid zugleich! Aber mehr Haß vielleicht
als Mitleid.
Ja, natürlich hätte ich, wenn ich weiter hinten in
die Falle geraten wäre, auch jene andere Form gehaßt,
so wie ich jetzt diese hasse; ich hätte jene andere
Zeit gehaßt, wie ich jetzt diese hasse, und all die
Illusionen des Lebens, die wir Toten aller Zeiten
uns aus dem bißchen Rest an Bewegung und Wärme
bauen, der, in uns eingeschlossen, von jenem
ständigen Fluß zurückgeblieben ist, der das wahre
Leben ist und niemals innehält.
Wir sind lauter geschäftige Tote,
die sich einbilden, sich selbst
das Leben zu bauen.
Wir vereinigen uns miteinander,
ein Toter mit einer Toten, und
glauben, so das Leben zu geben,
und dabei geben wir den Tod...
noch ein Wesen in der Falle!
"Hier, mein Lieber, hier; fang
nur schön an mit dem Sterben,
Lieber, fang nur schön an... Du
weinst, gelt? Du weinst und
zappelst... wärest du gerne noch
weitergeflossen? Sei schön ruhig,
Lieber! Was willst du schon
machen? Gefangen, ko-a-gu-liert,
erstarrt... es dauert nur ein
Weilchen! Sei schön ruhig..."
Ja, solange wir noch klein sind,
solange unser Körper zart ist,
wächst und uns nicht beschwert,
da merken wir gar nicht so recht,
daß wir in der Falle gefangen
sind! Aber dann schnürt uns der
Körper plötzlich ein; wir fangen
an, sein Gewicht zu bemerken;
wir fangen an zu fühlen, daß wir
uns nicht mehr so bewegen können
wie früher.
Ich sehe mit Ekel meinen Geist
sich in dieser Falle winden,
damit nicht auch er noch in dem
schon seit Jahren beschädigten
und schwer gewordenen Körper
festgeschrieben wird. Ich
verscheuche sofort jede Idee,
die sich in mir festzusetzen
trachtet; ich unterbreche sofort
jede Handlung, die bei mir zur
Gewohnheit zu werden droht; ich
will keine Pflichten, keine
Gefühlsbindungen, ich will
nicht, daß auch noch mein Geist
sich in einer Kruste aus
Begriffen verhärtet; aber ich
spüre, daß der Körper von einem
Tag zum anderen immer mehr Mühe
hat, dem unruhigen Geist zu
folgen; er strauchelt, er
stürzt, er hat müde Knie und
schwere Hände... er will seine
Ruhe! Ich werde sie ihm geben.
Nein, nein, ich kann nicht, ich
will mich nicht damit abfinden,
daß auch ich das
mitleiderregende Schauspiel
aller Alten abgeben soll, die
langsam zu Ende sterben. Nein.
Aber vorher... ich weiß nicht,
vorher würde ich gerne etwas
Außergewöhnliches, etwas
Unerhörtes tun, um die Wut, die
mich verzehrt, ein wenig
abzureagieren.
Zumindest würde ich gerne... -
siehst du diese Nägel? In das
Gesicht jeder schönen Frau würde
ich sie gerne eingraben, die auf
der Straße mit aufreizenden
Blicken vorübergeht, um die
Männer zu erregen.
Was für dumme, elende und
gedankenlose Kreaturen sind doch
alle Frauen! Sie putzen sich
heraus, sie behängen sich mit
Schmuck, sie zeigen ihre
herausfordernden Formen, so gut
sie es vermögen; und dabei
denken sie keinen Augenblick
daran, daß sie ja selbst auch in
der Falle stecken, selbst auch
für den Tod festgebunden sind,
und daß sie auch noch in sich
selbst die Falle für die tragen,
die nach ihnen kommen werden.
Für uns Männer liegt die Falle
in ihnen, in den Frauen. Sie
versetzen uns für einen
Augenblick zurück in den Zustand
der glühenden Schmelze, um aus
uns ein weiteres zum Tod
verurteiltes Lebewesen
herauszuholen. Sie tun und reden
so lange, bis sie uns endlich
dort in ihrer Falle fangen,
blind gemacht, entflammt und
gewalttätig geworden.
Auch mich! Auch mich! Auch mich
haben sie dort eingefangen. Eben
jetzt, vor kurzem. Deshalb bin
ich ja so voller Wut.
Eine gemeine Falle! Wenn du sie
gesehen hättest... Eine wahre
Madonnengestalt. Schüchtern und
demütig. Kaum, daß sie mich sah,
schlug sie die Augen nieder und
errötete. Denn sie wußte, daß
ich sonst nie in die Falle
gegangen wäre.
Sie kam hierher, um einen der
sieben körperlichen Beweise der
Barmherzigkeit zu erbringen: den
Krankenbesuch. Um meines Vaters
willen kam sie, nicht
meinetwegen. Sie kam, um meinem
alten Kinderfräulein bei der
Pflege und beim Waschen meines
armen Vaters da drinnen zu
helfen...
Sie pflegte sich hier
aufzuhalten, in dem Zimmerchen
nebenan, und sie hatte sich mit
meiner Kinderfrau angefreundet,
vor der sie sich über ihren
Dummkopf von einem Mann
beklagte, der sie in einem fort
beschimpfte, weil sie nicht
einmal dazu tauge, ihm einen
Sohn zu schenken.
Verstehst du, wie das ist? Wenn
man beginnt, steif zu werden,
sich nicht mehr so bewegen zu
können wie früher, dann will man
um sich andere kleine Tote
sehen, noch ganz zarte, die sich
noch bewegen, wie man selbst
sich bewegt hat, als man noch
ganz zart war; andere kleine
Tote, die einem ähneln und all
die unschuldigen kleinen Dinge
tun, die man selbst nicht mehr
tun kann.
Es ist ein Vergnügen, den
kleinen Toten das Gesicht zu
waschen, die noch nicht wissen,
daß sie in der Falle gefangen
sind, sie zu kämmen und sie
spazieren zu führen.
Also, sie pflegte hierher zu
kommen.
"Ich kann mir vorstellen", sagte
sie, errötend, mit
niedergeschlagenen Augen, "ich
kann mir vorstellen, welche Qual
das für Sie sein muß, Herr
Fabrizio, Ihren Vater seit so
vielen Jahren in diesem Zustand
zu sehen!"
"Ja, Signora", antwortete ich
brüsk, kehrte ihr den Rücken zu
und ging.
Jetzt bin ich sicher, daß sie
jedes Mal, kaum daß ich ihr den
Rücken zukehrte, um zu gehen,
lachte, heimlich lachte und sich
auf die Lippen biß, um das
Lachen zurückzuhalten.
Ich ging fort, weil ich gegen
meinen Willen spürte, wie ich
diese Frau bewunderte, nicht so
sehr wegen ihrer Schönheit (sie
war schön, und umso
verführerischer, je mehr sie aus
Bescheidenheit zu erkennen gab,
daß ihr ihre Schönheit überhaupt
nichts bedeutete); ich
bewunderte sie, weil sie ihrem
Mann nicht die Befriedigung gab,
einen weiteren Unglücklichen in
der Falle zu fangen.
Ich dachte, es läge an ihr. Aber
nein: es lag nicht an ihr; es
lag an diesem Dummkopf. Und sie
wußte es, oder wenigstens - wenn
sie dessen nicht sicher war,
mußte sie es doch wohl vermuten.
Deshalb lachte sie; über mich,
über mich lachte sie, über mich,
der ich sie wegen dieser
scheinbaren Unfähigkeit
bewunderte. Sie lachte im
Stillen, in ihrem heimtückischen
Herzen, und wartete. Bis eines
Abends...
Es geschah hier, in diesem
Zimmer.
Ich stand im Dunklen. Weißt du,
daß es mir Spaß macht, den Tag
durch die Scheiben eines
Fensters sterben zu sehen, mich
von der Dunkelheit ergreifen und
nach und nach einhüllen zu
lassen, und dabei zu denken: "Ich
bin nicht mehr da!", zu denken:
"Wenn da einer in diesem Zimmer
wäre, stünde er auf und würde
ein Licht anzünden. Ich zünde
kein Licht an, denn ich bin
nicht mehr da. Ich bin wie die
Stühle in diesem Zimmer, wie der
Tisch, die Vorhänge, der Kasten,
das Sofa, die kein Licht
brauchen und nicht wissen und
nicht sehen, daß ich hier bin.
Ich möchte sein wie sie und mich
nicht sehen und vergessen, daß
ich da bin".
Also stand ich im Dunklen. Sie
kam dort drüben herein, auf
Zehenspitzen, aus dem Zimmer
meines Vaters, wo nur ein
kleines Nachtlämpchen brannte,
dessen Schimmer durch den Spalt
der Türe hereindrang und sich
ein klein wenig im Dunkel
ausbreitete, beinahe ohne es zu
zerreißen.
Ich sah sie nicht; ich sah
nicht, daß sie auf mich zukam.
Vielleicht sah sie mich auch
nicht. Bei dem Zusammenprall
stieß sie einen Schrei aus. Sie
tat, als fiele sie in Ohnmacht,
in meinen Armen, an meiner
Brust. Ich beugte das Gesicht
hinunter; meine Wange berührte
ihre Wange; ich fühlte die Nähe
der Glut ihres sehnsuchtsvollen
Mundes, und ...
Am Schluß riß mich ihr Lachen
aus dem Taumel. Ein teuflisches
Lachen. Ich habe es jetzt noch
hier in den Ohren! Sie lachte
und lachte, während sie
fortlief, diese hinterlistige
Person! Sie lachte über die
Falle, die sie mir mit ihrer
Bescheidenheit gestellt hatte;
sie lachte über meine Wut; und
über etwas anderes lachte sie
auch noch - das habe ich erst
später erfahren.
Sie ist fortgezogen, seit drei
Monaten, mit ihrem Mann, der zum
ordentlichen Gymnasialprofessor
in Sardinien befördert worden
ist.
Manche Beförderungen kommen
wahrlich zur rechten Zeit.
Ich werde meinen Gewissensbiß
nicht sehen. Ich werde ihn nicht
sehen. Aber in manchen
Augenblicken überkommt mich die
Versuchung, dieser
hinterlistigen Person
nachzulaufen und sie zu
erwürgen, ehe sie auch noch den
Unglücklichen, den sie so
heimtückisch aus mir
herausgepreßt hat, in die Falle
steckt.
Mein Freund, ich bin froh, daß
ich meine Mutter nie gekannt
habe. Wenn ich sie gekannt
hätte, wäre vielleicht dieses
Gefühl der Wut nie in mir
entstanden. Aber seit es in mir
entstanden ist, bin ich froh,
meine Mutter nie gekannt zu
haben.
Komm, komm; komm hier mit mir
herein, in dieses Zimmer. Sieh
her!
Das ist mein Vater.
Seit sieben Jahren ist er dort.
Er ist gar nichts mehr. Zwei
Augen, die weinen; ein Mund, der
ißt. Er spricht nicht mehr, hört
nicht mehr, rührt sich nicht
mehr. Er ißt und weint. Er ißt,
wenn man ihn füttert; weinen tut
er allein; ohne Grund; oder
vielleicht deshalb, weil noch
etwas in ihm ist, ein letzter
Rest, der, obwohl er vor
sechsundsiebzig Jahren mit dem
Sterben begonnen hat, noch immer
nicht damit aufhören will.
Erscheint dir das nicht
entsetzlich, so zu verharren, an
einem einzigen Punkt noch
hängend, noch in der Falle
gefangen, ohne sich freimachen
zu können?
Er kann nicht an seinen Vater
denken, der ihn vor
sechsundsiebzig Jahren für
diesen Tod festgeschrieben hat,
der mit seinem Vollzug so
grauenhaft lange wartet. Aber
ich, ich kann schon an ihn
denken; und ich denke, daß ich
ein Same dieses Mannes bin, der
sich nicht mehr bewegt; daß ich
es ihm zu verdanken habe, wenn
ich in dieser Zeit gefangen bin
und nicht in einer anderen!
Er weint, siehst du? Er weint
immer so... und er macht mich
auch weinen! Vielleicht will er
befreit werden. Eines Abends
werde ich ihn befreien, und mich
dazu. Jetzt beginnt es schon
kühl zu werden; an einem dieser
Abende werden wir ein kleines
Feuerchen anzünden... Wenn du
auch etwas davon haben willst...
Nein, hm? Du dankst mir bestens?
Aber ja, ja, gehen wir raus,
gehen wir nur raus, mein Freund.
Ich sehe schon, du mußt dringend
wieder die Sonne sehen, draußen
auf der Straße.
[1]-
In der erwähnten
Erstveröffentlichung
dieser Novelle findet
sich an dieser Stelle
folgender Einschub, den
wir auszugsweise
wiedergeben:
"Was ich fühle, fühlst
auch du, fühlen alle.
Aber ihr anderen, ihr
strickt euch dann
hundertundein Gründe
zurecht, die das Gefühl
wie in einer Zwangsjacke
einschließen, damit es
in euch nicht die
einfache, rasche Tat
auslöst, die euch
befreien würde.
Aber wenn es auch so von
euren Gründen
eingesperrt ist, so ist
dieses Gefühl doch in
euch und es schreit:
"Wenn ihr nicht selbst
anerkennen würdet, daß
ich stärker bin als
alles andere, dann
würdet ihr mich nicht so
fest binden!"
|
Die Pensionäre der Erinnerung - (I pensionati della memoria - 1925) |
|
Erstveröffentlichung
Januar 1914 in der
Zeitschrift "Aprutium".
Keine wesentlichen
Varianten bekannt.
aus dem Italienischen von Michael
Rössner |
 |
Na, ihr habt es gut getroffen! Die
Toten zum Friedhof begleiten und dann nach Hause
zurückkehren, vielleicht mit einer großen Trauer im
Herzen und einem Gefühl der inneren Leere, wenn euch
der Tote sehr teuer war; und wenn nicht, dann
wenigstens mit der Befriedigung, eine unangenehme
Pflicht erledigt zu haben, und dem Wunsch, durch das
erneute Eintauchen in die kleinen Sorgen und den
Trott des Lebens die Betroffenheit und Beklemmung zu
vertreiben, die der Gedanke und das Schauspiel des
Todes den Menschen stets einflößen. Alle jedenfalls
mit einem gewissen Gefühl der Erleichterung, denn
auch für die nächsten Anverwandten ist der Tote -
seien wir doch ehrlich - mit seiner eisigen
unbeweglichen Starrheit, die sich ungerührt allen
Sorgen entgegenstellt, die wir uns um ihn machen,
all dem Weinen, das wir um ihn herum veranstalten,
eine schreckliche Last, von der sich selbst die
Totenklage - so sehr sie auch Miene macht und
Anstrengungen unternimmt, sich mit ihm in
verzweifelter Weise noch einmal zu beschweren - im
tiefsten Grunde eigentlich zu befreien sucht.
Und auch ihr befreit euch von ihm,
wenigstens von dieser schrecklichen physischen Last,
indem ihr auf den Friedhof wandert, um eure Toten
dortzulassen. Es mag eine Qual sein, ein großer
Kummer; aber dann seht ihr den Begräbniszug
auseinanderlaufen, den Sarg in das Grab
hineinsinken; das wär's, Adieu. Erledigt.
Na, habt ihr's so schlecht
getroffen?
Zu mir kommen nämlich alle Toten,
die ich auf den Friedhof begleite, zurück.
Dort im Sarg, da spielen sie noch
schön die Toten. Vielleicht sind sie ja auch
wirklich tot, für sich selbst, versteht sich. Aber
für mich nicht, bitte glaubt mir das! Wenn für euch
alles erledigt ist, dann ist für mich gar nichts
erledigt. Denn mit mir gehen sie alle wieder zurück,
zu mir nach Hause. Ich habe das ganze Haus voll von
ihnen. Von Toten, meint ihr? Was heißt da Tote!
Lebendig sind sie, alle miteinander lebendig, so wie
ich, so wie ihr; lebendiger als zuvor.
Allerdings - das muß man zugeben -
allerdings haben sie ihre Illusionen verloren.
Denn - denkt einmal nach: Was kann
denn von ihnen gestorben sein? Die Wirklichkeit, die
sie - und nicht immer in derselben Weise - sich
selbst und dem Leben gegeben haben. Na, eine sehr
relative Wirklichkeit, das könnt ihr mir glauben.
Eure war sie nicht. Meine auch nicht. Ihr und ich,
wir sehen, fühlen und denken uns selbst und das
Leben tatsächlich ja jeder auf unsere Weise. Das
heißt, wir geben uns selbst und dem Leben jeder auf
unsere Weise eine Wirklichkeit: Wir projizieren sie
nach außen und glauben, so wie sie die unsere ist,
müßte sie auch die aller anderen sein. Und so leben
wir dann fröhlich in ihrer Mitte und gehen in ihr
mit der größten Sicherheit spazieren, den Stock in
der Hand, die Zigarre im Mund.
Ach, meine Herrschaften, verlaßt
euch bloß nicht zu sehr darauf! Ein leiser Hauch
schon genügt, um sie fortzublasen, diese eure
Wirklichkeit. Sehr ihr denn nicht, daß sie sich im
Inneren ständig wandelt? Sie wandelt sich, kaum, daß
ihr auch nur ein kleines bißchen anders zu sehen, zu
fühlen, zu denken beginnt als eben vorhin noch; so
daß ihr jetzt zu der Erkenntnis gelangt, daß das,
was ihr eben vorhin noch für die Wirklichkeit
angesehen habt, doch nur eine Illusion war. Aber zum
Teufel, gibt es denn überhaupt eine andere
Wirklichkeit als diese Illusion? Und was anderes ist
denn dann der Tod wenn nicht der Verlust jeglicher
Illusion?
Aber das ist es eben. Mögen die
Toten immerhin lauter arme Kerle sein und alle
Illusionen verloren haben, die sie sich von sich
selbst und vom Leben machten; was die Illusion
anbelangt, die ich mir noch immer von ihnen mache,
da können sie sich damit trösten, daß sie
weiterleben, solange ich lebe. Und das nützen die
aus! Ich schwöre euch, die nützen das schamlos aus.
Sehr einmal her: Ich habe da vor
mehr als zwanzig Jahren in Bonn am Rhein einen
gewissen Herrn Herbst kennengelernt. Mit dem Herbst
hatte er außer seinem Namen nichts gemeinsam; er war
auch im Winter, im Frühjahr und im Sommer Hutmacher
und besaß einen kleinen Laden an einer Ecke des
Marktplatzes in der Nähe der Beethovenhalle.
Ich sehe diese Ecke vor mir, als
wäre ich jetzt noch dort, es ist Abend; ich atme die
vermischten Gerüche ein, die aus den
hellerleuchteten Läden strömen, fettige Gerüche; und
ich sehe die erleuchteten Lampen auch vor dem
Schaufenster des Herrn Herbst, der mit gespreizten
Beinen, die Hände in den Hosentaschen, auf der
Schwelle seines Ladens steht. Er sieht mich
vorübergehen, nickt mir zu und wünscht mir in dem
eigentümlichen Singsang des rheinischen Dialekts
eine "Gute Nacht, Herr Doktor".
Nun sind mehr als zwanzig Jahre
vergangen. Zumindest achtundfünfzig war er damals
wohl, der Herr Herbst. Nun, jetzt wird er vielleicht
schon tot sein. Aber tot für sich selbst, nicht für
mich, glaubt mir das bitte. Und es ist vergeblich,
ganz und gar vergeblich, wenn Sie mir erzählen, Sie
wären neulich in Bonn am Rhein gewesen und hätten an
der Ecke des Marktplatzes in der Nähe der
Beethovenhalle keine Spur gefunden, weder von Herrn
Herbst noch von seinem Hutladen. Was haben Sie
stattdessen gefunden? Eine andere Wirklichkeit,
nicht wahr? Und die halten Sie für wahrer als die,
die ich dort vor zwanzig Jahren verlassen habe? Aber
lieber Herr, fahren Sie doch in zwanzig Jahren noch
einmal hin, und Sie werden sehen, was aus der
Wirklichkeit geworden ist, die Sie jetzt dort
zurückgelassen haben.
Was für eine Wirklichkeit denn? Ja,
glaubt ihr denn im Ernst, meine von vor zwanzig
Jahren, mit dem Herrn Herbst auf der Schwelle seines
Ladens, mit gespreizten Beinen und den Händen in der
Hosentasche, wäre dieselbe gewesen, die sich der
Betroffene von sich selbst, seinem Laden und dem
Marktplatz machte, der Herr Herbst in Person? Wer
weiß denn, wie der Herr Herbst sich selbst, seinen
Laden und diesen Platz gesehen haben mag!
Nein, nein,
meine Herrschaften: Das war
meine Wirklichkeit, ganz allein
meine, und die kann sich nicht
verändern und nicht untergehen,
solange ich lebe, ja sie kann
sogar ewig leben, wenn ich genug
Kraft habe, sie auf einer Seite
zu verewigen - naja, ewig, oder
wenigstens noch hundert
Millionen Jahre länger, wenn man
die Berechnungen zugrundelegt,
die eben jetzt in Amerika über
die voraussichtliche Dauer des
menschlichen Lebens auf der Erde
angestellt werden.
Nun, so wie es
mir mit dem so weit entfernten
Herr Herbst geht, falls er jetzt
tot ist, so geht es mir auch mit
den vielen Toten, die ich auf
den Friedhof begleite, und die
ihrerseits noch viel weiter
fortgehen, wer weiß wohin. Ihre
Wirklichkeit ist vergangen; aber
welche? Die, die sich selbst
gegeben haben. Aber was konnte
ich denn je davon wissen, von
diesen ihren Wirklichkeiten? Was
wißt denn ihr davon? Ich kenne
nur die Wirklichkeit, die ich
ihnen meinerseits gegeben habe.
Illusion ist die meine ebenso
wie die ihre.
Aber wenn sie,
die armen Toten, sich so
vollständig von jeder Illusion
ihrer Wirklichkeit befreit
haben, so lebt doch meine
Illusion noch weiter, und sie
ist so stark, daß ich sie - ich
sage es noch einmal - nachdem
ich sie eben erst zum Friedhof
begleitet habe, wieder
zurückgehen sehe: einen wie den
anderen, genauso wie sie waren:
sachte, sachte, heraus aus dem
Sarg, und an meine Seite.
"Aber warum",
fragt ihr, "warum kehren sie
nicht in ihre eigenen Häuser
zurück, anstatt in Ihr Haus zu
gehen?
Schöne Frage!
Na, weil sie ja keine
Wirklichkeit mehr für sich
haben, so daß sie dorthin gehen
könnten, wo es ihnen paßt. Die
Wirklichkeit ist nie aus sich
selbst heraus da. Sie haben sie
nun nur mehr durch mich, ihre
Wirklichkeit, und deshalb müssen
sie zwangsläufig auch mit mir
gehen.
Arme Pensionäre
der Erinnerung, ihr
Illusionsverlust rührt mich ganz
unsäglich.
Ganz zu Beginn,
das heißt nach dem Ende des
letzten Schauspiels (ich meine
nach dem Trauerzug), wenn sie da
aus dem Sarg steigen, um mit mir
zu Fuß vom Friedhof
zurückzugehen, da haben sie so
eine gewisse ausgelassene,
leicht verächtliche
Lebhaftigkeit an sich wie einer,
der - auf wenig ehrenhafte Weise
freilich und um den Preis, dafür
alles zu verlieren - eine
zentnerschwere Bürde losgeworden
ist. Und wenn sie jetzt auch so
armselig wie nur möglich
dastehen, wollen sie erst einmal
aufatmen. Na freilich!
Wenigstens einen tiefen Atemzug
der Erleichterung, das muß doch
erlaubt sein! So viele Stunden
waren sie dort, steif,
unbeweglich, auf ein Bett
gefesselt, und haben Tote
gespielt. Jetzt würden sie am
liebsten ihre Glieder strecken,
sie drehen den Hals hierhin und
dorthin, ziehen bald diese, bald
jene Schulter hoch, recken,
verdrehen, schlenkern die Arme,
wollen die Beine kräftig
ausschreiten lassen und sind mir
bald ein paar Schritte voraus.
Aber allzu weit entfernen können
sie sich nicht. Sie wissen ja
nur zu gut, daß sie an mich
gebunden sind, daß sie nun ihre
einzige Wirklichkeit - oder
Illusion des Lebens, was auf
dasselbe herauskommt - in mir
haben.
Andere -
Verwandte, der eine oder andere
Freund - beweinen sie, vermissen
sie, erinnern sich an den einen
oder anderen Charakterzug von
ihnen, leiden unter ihrem
Verlust; aber dieses Weinen,
dieses Vermissen, diese
Erinnerung, dieses Leiden,
richten sich an eine vergangene
Wirklichkeit, die diese Leute
für mit dem Toten verflogen
halten, weil sie nie über den
Wert dieser Wirklcihkeit
nachgedacht haben.
Für sie liegt
alles daran, ob ein Körper da
ist oder nicht.
Es würde
ausreichen, sie zu trösten, wenn
sie glauben könnten, daß dieser
Körper nicht mehr da ist, nicht
deshalb, weil er schon unter der
Erde liegt, sondern weil er
verreist ist, und irgendwann,
weiß Gott wann, zurückkehren
wird.
Jaja, laßt nur
ruhig alles, wie es ist: Das
Zimmer für seine Rückkehr
bereit, das Bett frisch gemacht,
die Decke ein wenig
zurückgeschlagen, das Nachthemd
ausgebreitet. Auf der
Nachttischkommode die Kerze und
die Schachtel Streichhölzer; die
Pantoffeln vor dem Lehnstuhl am
Fußende des Bettes.
"Fortgefahren
ist er. Er kommt zurück."
Das würde
genügen. Ihr wäret getröstet.
Warum? Weil ihr diesem Körper
eine Wirklichkeit für sich gebt,
während er für sich nun einmal
keine hat. Deshalb löst er sich
ja auch auf, verschwindet, wenn
er einmal tot ist.
"Da haben
wir's", ruft ihr nun aus. "Tot!
Du sagst, wenn er tot ist, löst
er sich auf; aber als er am
Leben war? Da hatte er doch eine
Wirklichkeit!"
Aber meine
Lieben, wollen wir wirklich von
vorne anfangen? Natürlich hatte
er eine - die Wirklichkeit, die
er selbst sich gab und die ihr
ihm gegeben habt. Aber haben wir
nicht eben bewiesen, daß das nur
eine Illusion war? Die
Wirklichkeit, die er sich gab,
die kennt ihr nicht, und könnt
sie nie kennen, denn sie lag in
ihm drinnen und außerhalb von
euch; ihr kennt nur die, die ihr
ihm gegeben habt. Ja, und die,
könnt ihr ihm die vielleicht
jetzt nicht mehr geben, auch
ohne seinen Körper vor Augen zu
haben? Aber natürlich könnt ihr
das! Ihr würdet euch doch auf
der Stelle trösten, wenn ihr
glauben könntet, er sei nur
verreist. Ihr sagt nein? Aber
habt ihr sie ihm denn nicht
früher so oft gegeben, als ihr
ihn wirklich auf Reisen wußtet?
Und ist es nicht vielleicht
dieselbe Wirklichkeit, die ich
hier aus der Ferne dem Herrn
Herbst gebe, von dem ich nicht
weiß, ob er gestorben oder noch
am Leben ist?
Ach, hört doch
auf! Wißt ihr, um was ihr
eigentlich weint? Ihr weint aus
einem ganz anderen Grund, meine
Lieben, den ihr nicht einmal im
entferntesten ahnt. Ihr weint,
weil er, derTote, euch keine
Wirklichkeit mehr geben kann.
Euch ängstigen seine
geschlossenen Augen, die euch
nicht mehr erblicken können;
seine harten, eiskalten Hände,
die euch nicht mehr berühren
können. Ihr könnt euch nicht
beruhigen über seine absolute
Gefühllosigkeit. Also gerade
darüber, daß er, der Tote, euch
nicht mehr fühlen kann. Und das
heißt, daß ihr mit ihm eine
Stütze, einen Trost eurer
eigenen Illusion verloren habt:
die Wechselseitigkeit der
Illusion.
Wenn er verreist
war, dann haben Sie, seine brave
Ehefrau, zu sich selbst gesagt:
"Wenn er aus der
Ferne an mich denkt, dann bin
ich für ihn lebendig."
Und das hat Sie
gestützt und getröstet. Nun
aber, da er tot ist, sagen Sie
nicht mehr:
"Ich bin für ihn
nicht mehr lebendig!"
Sie sagen
stattdessen:
"Er ist für mich
nicht mehr lebendig!"
Aber natürlich
ist er für Sie lebendig! So
lebendig wie er es in diesem
Rahmen sein kann, nämlich im
Rahmen des bißchen Wirklichkeit,
die Sie ihm gegeben haben. Die
Wahrheit ist freilich, daß Sie
ihm stets eine sehr labile
Wirklichkeit gegeben haben, eine
Wirklichkeit, die ganz auf Sie,
auf die Illusion Ihres Lebens
zugeschneidert war, und gar
nicht oder nur sehr wenig auf
seine.
Und das ist der
Grund dafür, daß die Toten jetzt
zu mir kommen. Mit mir sitzen
sie dann, die armen Pensionäre
der Erinnerung, und stellen
bittere Betrachtungen an über
die eitlen Illusionen des
Lebens, die sie alle verloren
haben, die ich aber noch nicht
ganz aufgeben kann, obwohl sie
auch mir so wie ihnen eitel
erscheinen.
|
Die Vernichtung der Menschen - (La distruzione dell'uomo - 1923) |
|
aus dem Italienischen von Michael
Rössner |
 |
Ich möchte bloß gerne wissen, ob der Herr
Untersuchungsrichter**
guten Glaubens der Meinung ist, er habe auch nur ein
einziges Motiv gefunden, mit dem sich tatsächlich
irgendwie das erklären ließe, was er vorsätzlichen
Mord nennt (und was, wenn überhaupt, ein Doppelmord
gewesen wäre, denn das Opfer war gesegneten Leibes,
am Ende des letzten Schwangerschaftsmonats).
Es ist bekannt, daß Nicola Petix sich hinter einem
undurchdringlichen Schweigen verschanzt hat, erst
gegenüber dem Polizeikommissar gleich nach seiner
Verhaftung, später gegenüber ihm, das heißt dem
Herrn Untersuchungsrichter, der sich vergeblich so
oft und auf jede nur denkbare Weise bemüht hat, ihn
zu verhören, und zuletzt gegenüber dem jungen Anwalt,
den sie ihm als Pflichtverteidiger zugeteilt haben,
da er bis zum Schluß keinen Verteidiger seiner Wahl
hatte benennen wollen.
Dieses so hartnäckige Schweigen müßte man, so will
mir scheinen, doch auf irgendeine Art und Weise
auszulegen versuchen.
Man sagt, Petix lege in der Zelle die
erinnerungslose Gleichgültigkeit einer Katze an den
Tag, die, nachdem sie einer Maus oder einem Vogel
den Garaus gemacht hat, sich behaglich in einem
Sonnenstrahl räkelt.
Aber es ist klar, daß dieses Gerede, das darauf
hinausläuft, daß Petix seine Tat mit der glücklichen
Unschuld eines Tieres begangen hat, bei den Ohren
des Herrn Untersuchungsrichters keine Gnade gefunden
hat, wenn er vorsätzlichen Mord annehmen und
behaupten konnte. Den Tieren ist jeder Vorsatz fremd.
Wenn sie ihrer Beute auflauern, ist ihr Überfall
instinktiver und natürlicher Bestandteil ihres
ebenso natürlichen Jagdverhaltens, das sie weder zu
Dieben noch zu Mördern macht. Der Fuchs mag für den
Besitzer des Huhns immerhin ein Dieb sein; für sich
selbst ist er kein Dieb, er hat bloß Hunger. Und
wenn er Hunger hat, schnappt er sich ein Huhn und
frißt es. Und wenn er es einmal gefressen hat, dann
war's das, und er denkt nicht mehr daran.
Nun, Petix ist natürlich kein Tier. Und nun muß man
erst einmal sehen, ob diese Gleichgültigkeit echt
ist. Denn wenn sie echt ist, dann müßte man auch
diese Gleichgültigkeit in Betracht ziehen, ebenso
wie dieses hartnäckige Schweigen, dessen - so will
mir scheinen - natürlichste Konsequenz sie ist; noch
dazu, wo beide durch die ausdrückliche Ablehnung
eines Verteidigers noch unterstützt werden.
Aber ich will kein Urteil vorwegnehmen und
einstweilen mit meiner Meinung noch zurückhalten.
Ich setze also die Diskussion mit dem Herrn
Untersuchungsrichter fort.
Wenn der Herr Untersuchungsrichter glaubt, Petix
wäre mit aller Strenge des Gesetzes zu bestrafen,
weil er für ihn weder ein einem wilden Tier
vergleichbarer gewalttätiger Schwachsinniger ist
noch ein rasender Irrer, der ohne Grund eine Frau
wenige Wochen vor der Geburt umgebracht hat, was
kann dann das Motiv des Verbrechens, dieses
vorsätzlichen Mordes gewesen sein?
Eine geheime Leidenschaft für diese Frau? Nein. Da
würde es genügen, wenn der junge Pflichtverteidiger
den Herren Geschworenen einen Augenblick lang ein
Bild der armen Toten vorlegte. Frau Porrella war
siebenundvierzig Jahre alt und ähnelte leider
bereits allem anderen mehr als einer Frau.
Ich erinnere mich, sie wenige Tage vor dem
Verbrechen, gegen Ende Oktober, gesehen zu haben.
Sie spazierte am Arm ihres fünfzigjährigen Mannes,
der noch ein bißchen kleiner war als sie, aber auch
einen schönen Bauch vor sich herschleppte, der Herr
Porrella, in der Abenddämmerung durch die Viale
Nomentano, ohne sich um den Wind zu bekümmern, der
mit seinen warmen Böen lärmend die welken Blätter
aufwirbelte.
Ich kann es auf mein Ehrenwort bestätigen, daß der
Anblick dieser beiden eine Provokation war, wie sie
an einem solchen Tag spazieren gingen, mit all
diesem Wind, zwischen den Wirbeln all dieser welken
Blätter, so klein unter den hohen, nackten Platanen,
die ihr spitzes Zweiggeflecht abwehrend in den
stürmischen Himmel reckten.
Sie schritten genau auf dieselbe Weise und zur
selben Zeit aus, ernst und schwer, als erfüllten sie
einen Auftrag.
Vielleicht glaubten sie, daß dieser Spaziergang
unbedingt notwendig wäre, nun, da die letzten Tage
der Schwangerschaft angebrochen waren. Verschreibung
des Arztes; und von allen Freundinnen aus der
Umgebung wärmstens empfohlen.
Ja, es mag ärgerlich gewesen sein für sie, aber doch
nur zu natürlich, daß diese Windböen alle
Augenblicke da und dort aufkamen und wütend alle
diese staubtrockenen Blätter aufwirbelten, ohne sie
doch je forttragen zu können; und daß diese Platanen
dort, da sie doch zur rechten Zeit Blätter
ausgetrieben hatten, sich nun auch zur rechten Zeit
ihrer entledigten, um wie Tote den kommenden
Frühling zu erwarten; und daß dieser räudige Hund
dort drüben von jedem neuen Geruch in der Nase dazu
verdammt wurde, bei fast allen Stämmen dieser
Platanen stehen zu bleiben, verzweifelt eine Hüfte
in die Höhe zu recken, um gerade noch ein paar
Tröpfchen herauszupressen, nachdem er sich immer und
immer wieder wie verrückt im Kreis gedreht hatte, um
die richtige Position dafür zu finden.
Ich schwöre, daß nicht nur mir allein, sondern jedem,
der an diesem Tag durch die Viale Nomentano ging,
unglaublich erschien, daß dieses Männchen da mit so
befriedigtem Gesicht seine Frau in diesem Zustand
durch die Straßen führen konnte; und noch viel
unglaublicher, daß diese Frau sich durch die Straßen
führen ließ, mit einer Hartnäckigkeit, die ihr
selbst gegenüber umso grausamer erschien, je mehr
sie sich in die Notwendigkeit der unerträglichen
Anstrengung zu ergeben schien, die das für sie
bedeuten mußte. Sie taumelte, keuchte und bekam ganz
starre, verkrampfte Augen, nicht einmal so sehr von
der unmenschlichen Anstrengung, als von der Angst,
sie könnte vielleicht diesen obszönen Ballast im
herunterhängenden Bauch nicht bis zum Ende austragen.
Tatsächlich ließ sie alle Augenblicke die bläulichen
Lider über diesen Augen sinken. Aber sie tat das
nicht so sehr aus Scham, als aus Wut darüber, daß
sie sich gezwungen sah, diese Scham zu empfinden,
vor den Augen derer, die sie betrachteten und sie in
diesem Zustand sahen, in ihrem Alter, eine alte
Schachtel, die noch einmal verwendet wurde,
ausgerechnet für eine so auffälligen Zweck. Sie
hätte ja auch wirklich den Mann, den sie beim Arm
hielt, mit einem ganz kleinen Druck heimlich aus der
tiefinneren Befriedigung herausholen können, der er
sich allzu oft und allzu augenfällig hingab, darüber
nämlich, daß er es gewesen war, er, wenn auch so
winzig klein und kahlköpfig und um die fünfzig Jahre
alt, der diesen dicken Schaden da angerichtet hatte.
Sie holte ihn nicht aus seiner Befriedigung heraus,
denn sie war ja im Gegenteil froh darüber, daß er
den Mut hatte, sie zu zeigen, diese Befriedigung,
während sie Scham zeigen mußte.
Mir ist, als sähe ich sie noch immer vor mir, wie
sie bei einem noch stärkeren Windstoß von hinten auf
ihren plumpen, dicken Beinen stehenblieb, an denen
das Kleid, sie in obszöner Weise nachzeichnend,
klebte, während es sich vorne zu einer Kugel
aufblähte. Dann wußte sie nicht, wo sie zuerst mit
dem freien Arm hineilen sollte, das heißt, ob sie
zuerst diese Kugel von einem Kleid herunterziehen
sollte, die ihre ganze Vorderseite zu entblößen
drohte, oder ob sie zuerst den alten violetten
Samthut an der Krempe festhalten sollte, dessen
melancholische schwarze Federn bei diesem Wind eine
verzweifelte Sehnsucht nach dem Fliegen befiel.
Aber kommen wir zu den Tatsachen.
Ich bitte Sie (wenn Sie ein wenig Zeit haben), sich
diese alte Zinskaserne in der Via Alessandria
anzusehen, in der das Ehepaar Porrella wohnte und
auch, in zwei Zimmerchen im Erdgeschoß, Nicola Petix.
Es ist eine dieser vielen Zinskasernen, alle auf
dieselbe Weise häßlich, wie abgestempelt mit der
Marke der gemeinsamen Gewöhnlichkeit der Zeit, in
der sie in großer Eile aufgerichtet wurden, in der
Erwartung - die sich später als irrig herausstellte
- daß es einen überstürzten und übermäßigen Zustrom
von Bürgern des Königreichs nach Rom geben würde,
sobald diese Stadt zur dritten Hauptstadt des
Königreichs proklamiert wurde.
So viele privaten Vermögen, nicht nur von neureichen
Spekulanten, auch von uralten Patrizierfamilien, und
alle Kreditmittel, die die Banken diesen Bauherrn
geliehen hatten, die sich einige Jahre hindurch in
einer beinahe fanatischen Baumanie zu befinden
schienen, gingen damals in einem riesigen Bankrott
verloren, an den sich die Leute heute noch erinnern.
Und man sah dort, wo die alten Patrizierparks und
herrliche Villen waren, und auch jenseits des
Flusses, an Stelle von Wiesen und Gärten, Häuser,
Häuser und wiederum Häuser in die Höhe schießen,
ganze Häuserblocks in kaum trassierten Straßen
abgelegener Viertel; und so viele davon sah man
plötzlich stecken bleiben - moderne Ruinen -, als
sie gerade bis zum vierten Stockwerk gekommen waren,
durchnäßt, da ihnen das Dach fehlte, mit all diesen
nackten Fensterhöhlen und, in den Löchern an der
Spitze rohen Mauer, da und dort noch dem Rest eines
verlassenen Gerüstes, vom Regen geschwärzt und
vermodert; andere Häuserblocks, schon fertiggebaut,
blieben leer stehen an ganzen Straßenzügen in den
neuen Vierteln, durch die nie jemand kam; und man
sah das Gras in der monatelangen Stille an den
Rändern der Gehsteige wieder herausgucken, ganz
dicht an den Mauern, und schließlich, zart und in
jedem Windhauch erschauernd, die ganze Straßenfläche
zurückerobern.
Viele dieser Häuser, die ursprünglich für
wohlhabende Mieter erbaut worden waren, wurden dann,
um wenigstens irgend einen Nutzen aus ihnen zu
ziehen, der Invasion des einfachen Volkes geöffnet.
Diese Invasion richtete die Häuser ziemlich zugrunde,
wie man sich leicht vorstellen kann. Als dann
schließlich im Laufe der Jahre in Rom wirklich die
Wohnungsnot ausbrach, die man zunächst zu früh
befürchtet und dann zu spät bekämpft hatte, weil
alle aufgrund dieses riesigen Schadens Angst davor
hatten, Neubauten in Angriff zu nehmen, da begannen
die neuen Eigentümer, die diese Häuser um einen
Pappenstiel von den Kreditgebern der insolventen
Bauherrn erworben hatte, schnell nachzurechnen,
wieviel sie nun hätten ausgeben müssen, um diese
Häuser in einen Zustand zu versetzen, der es
ermöglicht hätte, Mieter aufzunehmen, die eine
höhere Miete zu zahlen bereit wären. Und das
Ergebnis war, daß sie es für klüger befanden, nichts
zu tun, und die Stiegen und Treppenstufen weiter
zerfallen zu lassen, die Mauern voll obszöner
Schmierereien, die Fenster mit herunterhängenden
Jalousien und die zerbrochenen Scheiben beflaggt mit
den schmutzigen, geflickten Fetzen, die dort zum
Trocknen aufgehängt waren.
Nur daß jetzt in einigen dieser großen, elenden
Häuser unter vielen Mietern, die zurückgeblieben
sind, um das Zerstörungswerk ihrer Vorgänger auf
Wänden, Türen und Fußböden fortzusetzen, nun auch
die eine oder andere verarmte Familie aus dem Adel
oder dem Mittelstand, von Angestellten oder Lehrern,
Unterschlupf zu suchen begonnen hat, sei es, daß sie
anderswo keine Wohnung finden konnte, oder aus Not,
oder aus Sparsamkeit. Nun muß sie den Ekel vor
diesem ganzen Schmutz überwinden und noch mehr vor
der Vermischung mit dem, was, ja, mein Gott,
natürlich auch mein Nächster ist, das würde ja
sicher niemand leugnen, aber das man doch sicherlich
gerne nicht allzu nahe hat, wenn man auch nur ein
bißchen Freund der Sauberkeit und der
Wohlerzogenheit ist. Im übrigen kann man nicht sagen,
daß diese Abneigung nicht erwidert würde; jedenfalls
wurden die Neuankömmlinge zu Beginn sehr scheel
angesehen und dann mußten sie sich nach und nach,
wenn sie zu einem besseren Verhältnis mit den Leuten
im Haus gelangen wollten, mit gewissen
Vertraulichkeiten abfinden, die sie nicht so sehr
gewährten, als sie sich vielmehr die anderen
herausnahmen.
Nun, in dieser Zinskaserne dort in der Via
Alessandria wohnten die Eheleute Porrella zum
Zeitpunkt des Verbrechens seit ungefähr fünfzehn
Jahren, Nicola Petix, seit etwa zehn. Aber während
die Porrellas seit einer guten Weile das Wohlwollen
aller alteingesessenen Mieter für sich erobert
hatten, hatte Petix vielmehr stets die allgemeine
Antipathie auf sich gezogen, weil er alle,
angefangen von dem verdreckten Hausmeister, mit
Verachtung ansah, ohne jemals irgendjemanden eines
Grußes, ja nicht einmal eines leichten Kopfnickens
zu würdigen.
Ja, ich habe gesagt, kommen wir zu den Tatsachen.
Aber mit den Tatsachen ist das wie mit einem Sack:
wenn er leer ist, fällt er um.
Das wird der Herr Untersuchungsrichter noch merken,
wenn er - wie es den Anschein hat - versuchen will,
ihn so einfach aufrecht stehen zu lassen, ohne erst
alle die Motive hineinzupacken, von denen er mit
Sicherheit bestimmt worden ist, und von denen der
Untersuchungsrichter nicht einmal die leiseste
Ahnung hat.[1]
Petix' Vater war ein vor vielen
Jahren nach Amerika
ausgewanderter und dort
verstorbener Ingenieur gewesen,
der das ganze Vermögen, daß er
dort im Lauf der Jahre in seinem
Beruf erworben hatte, als Erbe
einem anderen Sohn hinterließ,
der gleichfalls Ingenieur und
zwei Jahre älter war als Petix,
und zwar mit der Bedingung, dem
jüngeren Bruder auf Lebenszeit
einen Scheck über ein paar
armselige Hundert Lire zukommen
zu lassen, sozusagen als Almosen,
und nicht, weil es ihm
zugestanden hätte, denn er hatte,
wie es im Testament hieß, "den
ganzen ihm zustehenden
Pflichtteil bereits in einem
schandbaren Müßiggang aufgezehrt".
Diesen Müßiggang Petix' gilt es
freilich nicht nur von der Seite
des Vaters zu betrachten,
sondern ein wenig auch von der
seinen, denn Petix frequentierte
tatsächlich Jahre hindurch die
Hörsäle der Universitäten,
wechselte von einer
Studienrichtung zur anderen, von
der Medizin zu den
Rechtswissenschaften, von den
Rechtswissenschaften zur
Mathematik, von dieser zur
Literatur und zur Philosophie.
Dabei legte er, das ist schon
wahr, niemals eine Prüfung ab,
weil er sich nie vorstellen
konnte, Arzt zu werden oder
Anwalt, Mathematiker oder
Literat oder Philosoph. In
Wahrheit wollte Petix nie
irgendetwas werden oder tun,
aber das heißt nicht, daß er
Müßiggang getrieben hätte und
daß dieser Müßiggang schandbar
gewesen wäre. Er hat stets über
die Wechselfälle des Lebens und
die Gebräuche der Menschen
nachgedacht und so auf seine
eigene Weise Studien betrieben.
Die Frucht dieses ständigen
Nachdenkens war ein unendlicher
Überdruß, ein unerträglicher
Überdruß gegenüber dem Leben und
gegenüber den Menschen.
Etwas tun, nur um es zu tun? Man
müßte in diesem etwas drinnen
sein, was getan werden soll, wie
ein Blinder, ohne es von außen
zu sehen; oder, wenn schon das
nicht, dann ihm ein Ziel
zuschreiben. Nur das Ziel, es zu
tun, als Selbstzweck? Aber ja,
mein Gott, wie das eben so geht.
Heute dieses, morgen etwas
anderes. Oder auch jeden Tag
dasselbe. Je nach den Neigungen,
den Fähigkeiten, den Absichten,
den Gefühlen oder den Trieben.
Wie das eben so geht.
Das Schlimme kommt nur dann,
wenn man diesen Neigungen,
Fähigkeiten und Absichten,
diesen Gefühlen und Trieben, die
man von innen verfolgt, weil man
sie hat und empfindet, einen
außerhalb ihrer selbst liegenden
Zweck zuschreiben will, den man
eben deshalb, weil man ihn
draußen sucht, nicht mehr findet,
so wie man dann überhaupt nichts
mehr findet.
Nicola Petix war bald bei diesem
Nichts angelangt, das wohl die
Quintessenz jeder Philosophie
sein muß.
Der tägliche Anblick der hundert
und mehr Mieter dieser düsteren
und schmutzigen Mietskaserne,
Leute, die lebten, um zu leben,
ohne zu wissen, daß sie lebten,
es sei denn um dieses bißchen
willen, das sie jeden Tag
verdammt schienen zu tun, immer
dieselben Dinge; dieses Anblicks
wurde er bald überdrüssig, er
wurde ihm geradezu wahnhaft
unerträglich, und er steigerte
sich darüber von Tag zu Tag in
eine immer größere Verzweiflung
hinein.
Vor allem waren ihm der Anblick
und der Lärm der vielen kleinen
Kinder unerträglich, die im Hof
und auf den Stiegen rumorten. Er
brauchte sich nur ans Fenster
stellen, das auf den Hof
hinausging: sofort sah er vier
oder fünf in einer Reihe ihr
Geschäft verrichten, während sie
an einem faulen Apfel oder an
einem Stück Brot kauten; oder
auf dem löchrigen Pflaster, auf
dem Tümpel fauligen Wassers
standen (wenn es Wasser war),
drei Jungen auf allen Vieren,
die heimlich zusahen, wie ein
dreijähriges Mädchen Pipi machte,
das davon nichts bemerkte,
während es ernst, unschuldig und
mit einem verbundenen Auge sein
Geschäftchen verrichtete. Und
wie sie einander anspuckten, die
Fußtritte und Kratzer, die sie
austeilten, wie sie einander an
den Haaren zogen, und die
Schreie, die darauf folgten, und
an denen sich auch alle Mammas
aus sämtlichen Fenstern der fünf
Stockwerke beteiligten; während..
bitte, da geht eben das Fräulein
Lehrerin mit dem käsigen Gesicht
und den herabhängenden Haaren
mit einem dicken Blumenstrauß
über den Hof, den ihr der an
ihrer Seite lächelnde Verlobte
geschenkt hat. Petix überkam die
Versuchung, zur Schublade der
Kommode zu laufen, um dieser
Lehrerin eine Kugel aus dem
Revolver nachzuschicken, so
groß war seine Wut und seine
Entrüstung über diese Blumen und
dieses Lächeln des Verlobten,
über das schmeichlerische
Getändel der Liebe inmitten
dieser Übelkeit erregenden
Obszönität all dieser
schmutzigen Brut, die binnen
kurzem von der Lehrerin
herangezogen werden würde.
Nun müssen Sie nur einmal
bedenken, daß Nicola Petix seit
zehn Jahren jeden Tag in diesem
Mietshaus die periodischen, nie
ausbleibenden Schwangerschaften
der Frau Porrella miterlebte,
die, wenn sie unter
Übelkeitsanfällen, Zittern und
Leiden das siebente oder achte
Monat erreicht hatte, jedesmal
unter Todesgefahr eine
Fehlgeburt hatte. In neunzehn
Jahren Ehe hatte es dieser
Kasten von einer Frau bereits
auf fünfzehn Fehlgeburten
gebracht.
Und das erschreckendste für
Nicola Petix war dies: daß er
bei diesen beiden keinen Grund
dafür erkennen konnte, daß sie
in so blindem Starrsinn
unbedingt ein Kind wollten.2)
Vielleicht deshalb, weil vor
achtzehn Jahren, in der Zeit der
ersten Schwangerschaft, die Frau
die ganze Babyausstattung
vorbereitet hatte: Windeln,
Häubchen, Hemdchen, Lätzchen,
mit Schleifen geschmückte lange
Kleidchen, Wollsöckchen, die
noch immer auf ihre Verwendung
warteten und nun schon vergilbt
und vor Wäschestärke steif
geworden waren wie kleine
Leichen.
Seit zehn Jahren nun schon hatte
sich zwischen all diesen Frauen
des Mietshauses, die auf Kinder
in die Welt setzten, so viel sie
nur konnten, und Nicola Petix,
der ihre schmutzige Brut haßte,
so sehr er nur konnte, so etwas
wie eine Wette herausgebildet:
die Frauen behaupteten, dieses
Mal würde die Frau Porrella ihr
Kind bekommen, und er sagte nein,
auch dieses Mal nicht. Und je
besorgter sie den von Monat zu
Monat wachsenden Bauch der Frau
mit unzähligen Aufmerksamkeiten,
Ratschlägen und Hilfen behüteten,
umso mehr fühlte er, während er
diesem Wachstum von Monat zu
Monat zusah, in sich Ärger,
Erregung, ja Wut wachsen. In den
letzten Tagen jeder
Schwangerschaft stellte sich
seiner überreizten Phantasie das
ganze Mietshaus wie ein riesiger
Bauch dar, der verzweifelt von
Schwangerschaft des Menschen,
der da geboren werden sollte,
erschüttert wurde. Es handelte
sich längst nicht mehr um die
bevorstehende Geburt des Kindes
der Frau Porrella, die für ihn
eine Niederlage darstellen
sollte; es handelte sich um den
Menschen, den Menschen
schlechthin, der nach dem Wunsch
all dieser Frauen aus dem Bauch
dieser Frau geboren werden
sollte; des Menschen, wie er
aus dem dumpfen Trieb der beiden
Geschlechter entstehen kann, die
miteinander kopulieren.
Nun, der Mensch war es, den
Petix vernichten wollte, als er
sicher war, daß diese sechzehnte
Schwangerschaft endlich zum Ziel
führen würde. Den Menschen.
Nicht einen von vielen, sondern
alle in diesem einen; um an
diesem einen sich für die vielen
zu rächen, die er dort sah,
kleine Tiere, die lebten, um zu
leben, ohne zu wissen, daß sie
lebten, es sei denn um dieses
bißchen willen, das sie jeden
Tag verdammt schienen zu tun,
immer dieselben Dinge.
Und es geschah wenige Tage,
nachdem ich das Ehepaar Porrella
in der Viale Nomentano zwischen
den Spiralen welker Blätter die
Füße im selben Rhythmus, ernst
und gemessen einen vor den
anderen setzen gesehen hatte,
als erfüllten sie eine Aufgabe.
Das Ziel des täglichen
Spaziergangs war ein
Steinmäuerchen hinter der
Zollbarriere, wo die Straße,
nachdem sie nach Sant'Agnese
noch einmal eine Kehre gemacht
und sich ein wenig verengt hat,
zum Tal des Aniene abfällt.
Jeden Tag ruhten sie sich auf
diesem Steinmäuerchen sitzend
ein halbes Stündchen von dem
langen, langsamen Spaziergang
aus. Herr Porrella sah dabei die
düstere Brücke an und dachte
sicher daran, daß über sie schon
die alten Römer geschritten
waren. Frau Porrella verfolgte
mit den Augen die alte
Salatsammlerin zwischen den
Gräsern der Böschung entlang des
Flusses, dessen Lauf noch ein
Stück nach der Brücke da unten
eingesehen werden kann; oder
sie blickte auf ihre Hände und
drehte ganz langsam an den
Ringen, die an ihren plumpen
Wurstfingern steckten.
Auch an jenem Tag wollten sie
ans Ziel gelangen, wenngleich
der Fluß durch die ausgiebigen
Regenfälle der letzten Zeit
Hochwasser führte und drohend
auf die Böschung hinaufschlug,
fast bis zu ihrem Steinmäuerchen
hinauf; und obwohl sie auf
diesem sitzend, als hätte er auf
sie gewartet, ihren Nachbarn
Nicola Petix vorfanden: ganz in
sich zusammengesunken auf dem
Stein kauernd wie eine riesige
Eule.
Sie blieben stehen, als sie ihn
sahen, für einen Augenblick
ärgerlich und unschlüssig, ob
sie sich anderswo hinsetzen oder
lieber umkehren sollten. Aber
gerade diese Erkenntnis des
eigenen Ärgers und Mißtrauens
trieb sie schließlich dazu, sich
zu ihm zu setzen, denn es
erschien ihnen unvernünftig zu
glauben, das die unangenehme
Gegenwart dieses Mannes und
seine offenkundige Absicht, um
ihretwillen hierhergekommen zu
sein, irgendetwas so Ernstes
darstellen konnten, daß man
deshalb auf die gewohnte Rast
hätte verzichten müssen, derer
vor allem die Schwangere so sehr
bedurfte.
Petix sagte nichts. Alles
geschah in einem Augenblick,
fast lautlos. Als die Frau zu
der Mauer trat, um sich
hinzusetzen, packte er sie bei
einem Arm und zog sie mit einem
Ruck bis zum Rand des
hochwasserführenden Flusses;
dort gab er ihr einen Stoß und
warf sie in die Fluten.
** - Die Rede
ist vom Delikt des Herrn
Petix. (Anm. des Autors)
[1]- In der
erwähnten
Erstveröffentlichung von
1921 folgt an dieser
Stelle ein später
gestrichener, jedoch
interessanter Absatz:
"Im übrigen ist das
leicht vorherzusehen. So
wie er nur die Tatsache
sehen wird, nichts als
eine Tatsache, leer und
aufgeblasen von ein
bißchen rhetorischem
Wind, damit sie
irgendwie und um jeden
Preis aufrecht steht, so
werden die Herren
Geschworenen bloß den
Körper sehen, den Körper
eines Menschen dort im
Käfig, so wie Petix sich
ihren Blicken darbieten
wird, diesen langen,
hageren, schief
gewachsenen Körper und
diesen Kopf eines
ausgestopften Vogels mit
den fliehenden,
stechenden Augen.
Und niemand wird es in
den Sinn kommen, daß
Petix diesen seinen
Körper, als er die Tat
beging, gar nicht sehen,
daß er gar nicht an ihn
denken konnte; und daß
diese Tatsache, die er
schuf, während er in dem
Motivzusammenhang stand,
der ihn die Tat begehen
ließ, für ihn nicht die
war, die sie nun für
alle und vielleicht auch
für ihn selbst ist,
etwas draußen, weit weg,
irgendeine von außen
betrachtete Geschichte,
sondern vielmehr das
Motiv selbst, das in ihm
arbeitete, und das man
ergründen müßte, damit
die Tatsache ihren
wahren Sinn und ihren
wahren Wert bekäme.
Einen metaphysischen
Sinn, meine Herrschaften,
und einen universellen
Wert."
2) In der
angegebenen
Erstveröffentlichung
folgt ein interessanter
Einschub:
"ob der Grund dafür
nicht darin lag, daß
unter der stets prallen
Kugel der Röcke der
einen ein anderes
Geschlecht verborgen war
als das, das um viel
geringerer Ursache
willen die Hosen des
anderen ausbeulte. Petix
dachte, daß diese Frau,
die doch breitschultrig
und viel größer als der
Mann war, ein gewisses
Ressentiment für ihren
eigenen Körper haben
mußte, der ihr dieses
Geschlecht zugeteilt
hatte, daß sie zwang,
sich diesem Männlein zu
unterwerfen, der nichts
getan hatte, um sich die
Dreistigkeit zu
verdienen, mit der er
seine Beinchen in den
von ihr genähten
Röhrenhosen durch die
Welt trug. Und wer weiß,
vielleicht hatte ihr
Frauenkörper einmal
dieses Ressentiment
gegen sich selbst
empfunden. Aber nun, da
sie einmal als Frau
geboren war, mußte sich
ihr neben den eines
Mannes gelegter Körper
einmal allen
Notwendigkeiten fügen,
so grausam sie auch sein
mochten, und sie, so
schwer und durch die
lange Gewohnheit grau
und erinnerungslos
geworden, zeigte die
apathischeste
Gleichgültigkeit dafür.
Er war durch Zufall als
Mann geboren und sie
als Frau, obwohl sie von
einer Frau nichts mehr
an sich hatte als dieses
eine; die Natur wollte
es so, und so mußte es
geschehen. Auf dem
Hintergrund dieser
apathischen
Gleichgültigkeit für
ihre sexuelle
Unterwerfung erschienen
schamlos und wild die
Zeichen von Erbitterung
und Herausforderung,
wenn sie dem Höhepunkt
der Schwangerschaft nahe
war, vielleicht deshalb,
weil der frühere Stolz,
den ihr größerer und
festerer Körper
gegenüber dem des
kleinen Mannes empfunden
haben mochte, zu viele
Niederlagen erlitten
hatte. Nun wollte sie,
solange ihre Kräfte
reichten, und sei es
auch um den Preis ihres
Lebens, beweisen, daß,
wenn dieses Männchen es
noch schaffte, sie zu
schwängern, auch sie,
dieser unförmige,
verfallende Körper, es
wenigstens einmal
schaffen würde, eine
Schwangerschaft
auszutragen.
|
Die Wirklichkeit des Traums - (La realtà del sogno - 1914) |
|
Erstveröffentlichung in der Zeitschrift
Noi e il mondo vom
November 1914;
umfangreiche
Veränderungen in der
Version letzter Hand.
aus dem Italienischen von Michael
Rössner |
 |
Alles, was er sagte, schien
denselben unbestreitbaren Wert zu haben wie seine
Schönheit; beinahe so, als könnte er - da man nicht
daran zweifeln konnte, daß er ein überaus schöner
Mann war, aber auch wirklich wunderschön - ihm nie
und in nichts widersprechen.
Und er verstand nichts, er verstand
aber auch wirklich nichts von dem, was in ihr
vorging!
Wenn man sich anhören mußte, mit
welcher Sicherheit er seine Interpretationen ihrer
instinktiven Regungen, ihrer vielleicht auch
ungerechten Abneigungen und mancher ihrer Gefühle
vortrug, dann überkam sie die Versuchung, ihm das
Gesicht zu zerkratzen, ihn zu ohrfeigen, ihn zu
beißen.
Auch deshalb, weil er sie dann bei
aller Kälte und Sicherheit und diesem Stolz eines
gutaussehenden jungen Mannes in anderen Momenten
wiederum enttäuschte, wenn er sich ihr näherte, weil
er sie brauchte. Dann war er schüchtern, demütig,
flehend, mit einem Wort so, wie sie ihn in diesen
Augenblicken nicht haben wollte; so daß sie sich
auch dann gereizt fühlte, wenn auch aus einem
anderen Grund, und so sehr, daß sie - obwohl sie
dazu neigte nachzugeben - sich störrisch verhärtete;
und die Erinnerung an jeden Augenblick der Hingabe,
der im schönsten Moment von diesem Gefühl der
Gereiztheit vergiftet wurde, wandelte sich ihr zu
einem Groll.
Er behauptete, die Verlegenheit und
Peinlichkeit, die sie angeblich allen Männern
gegenüber empfand, wären bei ihr eine fixe Idee.
"Du empfindest das, Liebe, weil du
daran denkst", wiederholte er hartnäckig.
"Ich denke daran, Lieber, weil ich
es empfinde", gab sie zurück. "Was heißt da fixe
Idee! Ich empfinde es. So ist es nun einmal. Und ich
habe meinem Vater dafür zu danken, für die
wunderbare Erziehung, die er mir angedeihen hat
lassen! Willst du vielleicht auch das noch in
Zweifel ziehen?"
Na, das wenigstens nicht, darauf
konnte man hoffen. Er hatte diese Erziehung ja
selbst während der Verlobungszeit zu spüren
bekommen. In den vier Monaten vor der Hochzeit war
ihm dort in der Kleinstadt, aus der sie stammte,
nicht einmal gestattet worden, wenn schon nicht ihre
Hand zu berühren, wenigstens zwei Wörtchen mit ihr
im Flüsterton zu wechseln.
Eifersüchtiger als ein Tiger, hatte
der Vater ihr von Kindesbeinen an einen heillosen
Schrecken vor den Männern eingejagt; nie hatte er
einen Mann ins Haus gelassen; alle Fenster wurden
hermetisch geschlossen; und die seltenen Male, die
er sie ausgeführt hatte, hatte er sie gezwungen, mit
gesenktem Kopf zu gehen wie eine Nonne und auf den
Boden zu starren, als müßte sie die Pflastersteine
zählen.
Nun, was Wunder, wenn sie nun in
Gegenwart eines Mannes diese Verlegenheit empfand,
es nicht vermochte, irgend einem in die Augen zu
sehen und nicht mehr wußte, wie sie sprechen und wie
sich bewegen sollte?
Ja, natürlich, sie hatte sich schon
seit sechs Jahren von dem Alptraum dieser wilden
väterlichen Eifersucht befreit; sie sah Leute, zu
Hause, auf der Straße; und dennoch... Sicherlich war
es nicht mehr dieser kindliche Schreck von einst;
aber eben diese Peinlichkeit. Ihre Augen, so sehr
sie sich auch bemühten, konnten niemandes Blick
aushalten; die Zunge verhedderte sich ihr im Mund,
wenn sie sprach; und plötzlich, ohne daß sie gewußt
hätte warum, stand ihr Gesicht in Flammen, so daß
alle denken konnten, ihr ginge weiß Gott was durch
den Kopf, während sie doch tatsächlich an gar nichts
dachte; kurz gesagt, sie sah sich dazu verdammt,
ständig einen schlechten Eindruck zu machen, als
dumm zu gelten, als gehemmt, und sie wollte das
nicht. Es war sinnlos, sich dagegen zu wehren. Ihrem
Vater verdankte sie es, daß sie sich einschließen
mußte, niemanden sehen durfte, um sich wenigstens
nicht über diese dumme und lächerliche Peinlichkeit
ärgern zu müssen, die stärker war als sie.
Die Freunde, die besten, die, an
denen ihm am meisten gelegen war, und die er gerne
als Zierde seines Hauses betrachtet hätte, jener
kleinen Welt, die er vor sechs Jahren bei seiner
Hochzeit gehofft hatte, um sich herum aufbauen zu
können, die hatten sich einer nach dem anderen von
ihm entfernt. Kein Wunder! Sie kamen ihn besuchen.
Sie fragten:
"Ist deine Frau nicht da?"
Seine Frau war wie von der Tarantel
gestochen aufgesprungen und fortgelaufen, als die
Glocke das erste Mal schellte. Er tat, als ginge er
sie rufen; er ging wirklich zu ihr; er trat mit
einem betrübten Gesicht vor sie hin, die Arme
ausgebreitet, obwohl er wußte, daß es vergeblich
sein würde; seine Frau würde ihn mit zornblitzenden
Augen ansehen und ihm zwischen den Zähnen zuzischen:
"Dummkopf!". So kehrte er ihr den Rücken und ging
zurück, innerlich weißgottwie, äußerlich lächelnd,
und beschied seinem Freund: "Tut mir leid, mein
Lieber, sie fühlt sich nicht gut, sie hat sich
hingelegt."
Und so ging's einmal, zweimal,
dreimal; zum Schluß hatten alle genug bekommen.
Konnte er ihnen das vorwerfen?
Zwei oder drei waren ihm noch
geblieben, die allertreuesten oder allermutigsten.
Und die wenigstens wollte er verteidigen, einen vor
allen anderen, den klügsten von allen, der wirklich
gebildet war und die Pedanterie haßte, vielleicht
auch ein bißchen viel Aufhebens davon machte, ein
äußerst scharfsinniger Journalist; kurz gesagt, ein
Freund von unschätzbarem Wert.
Manchmal hatte sich seine Frau vor
diesen wenigen übrig gebliebenen Freunden doch sehen
lassen, sei es, daß sie überraschend gekommen waren,
sei es, daß sie in einem guten Augenblick seinem
Bitten trotz allem nachgegeben hatte. Und siehst du,
kein Wort stimmte, daß sie etwa eine schlechte Figur
gemacht hätte - ganz im Gegenteil!
"Denn wenn du nicht daran denkst,
siehst du... wenn du dich einfach deinem Naturell
überläßt... du bist lebhaft..."
"Dankeschön!"
"Du bist klug..."
"Dankeschön!"
"Und du bist alles andere als
verlegen, ich versichere es dir! Entschuldige mal,
welches Interesse sollte denn ich daran haben, daß
du eine schlechte Figur machst? Du sprichst so frei
und offen, aber ja, manchmal sogar allzu frei... und
mit großer Anmut, ich schwöre es dir! Du wirst
richtig entflammt, und deine Augen... was heißt da,
du weißt nicht, wie du schauen sollst! Die sprühen
geradezu, meine Liebe... Und dann sagst du, dann
sagst du durchaus auch gewagte Dinge, jawohl... Du
wunderst dich? Nein, ich sage ja nicht, daß sie
unpassend wären... aber doch ein bißchen gewagt für
eine Frau; und all das gelöst, frei, kurz, mit
Esprit, ich schwöre es dir!
Er lobte sich in einen wahren Taumel
hinein, denn er merkte, daß sie, obwohl sie
behauptete, nichts davon zu glauben, im Grunde
Vergnügen daran hatte, errötete und nicht wußte, ob
sie lächeln oder die Brauen runzeln sollte.
"Es ist so, ganz genau so. Glaub
mir, das ist eine fixe Idee von dir, deine..."
Die Tatsache, daß sie nicht gegen
seine hundertmal behauptete "fixe Idee" protestierte
und sein Lob über ihr freies, gelöstes, ja sogar
gewagtes Sprechen mit sichtlichem Vergnügen
entgegennahm, hätte ihm wenigstens ein bißchen Angst
machen müssen.
Wann und mit wem hatte sie denn so
gesprochen?
Vor wenigen Tagen erst, mit dem
Freund "von unschätzbarem Wert", mit dem also, der
ihr natürlich der unsympathischste von allen war.
Ja, sie gab die Ungerechtigkeit mancher ihrer
Antipathien zu, und auch, daß sie vor allen Dingen
jene Männer als unsympathisch bezeichnete, die sie
am meisten verlegen machten.
Aber nun war sie deshalb so
befriedigt über die Tatsache, daß sie vor diesem
Mann sogar mit einer gewissen Dreistigkeit zu
sprechen vermocht hatte, weil dieser (sicherlich,
um sie insgeheim zu reizen) es in einer langen
Diskussion über das ewige Thema der Anständigkeit
der Frau gewagt hatte zu behaupten, das übermäßige
Schamgefühl wäre ein untrügliches Zeichen eines
besonders sinnlichen Charakters, so daß man sich
vor einer Frau hüten müsse, die ohne Grund errötet,
die es nicht wagt, die Augen zu heben, weil sie
Angst davor hat, in allem ringsumher einen Angriff
auf das eigene Schamgefühl zu entdecken, und in
jedem Blick, in jedem Wort, einen Hinterhalt sieht,
der ihre Anständigkeit bedroht. Das bedeutet, daß
diese Frau besessen ist von Bildern der Versuchung;
sie fürchtet, sie überall zu erblicken; der bloße
Gedanke daran verwirrt sie. Wie denn auch nicht?
Während eine andere, mit weniger lebhafter
Sinnlichkeit, dieses Schamgefühl gar nicht kennt und
sogar von gewissen intimen Dingen aus dem Bereich
der Liebe sprechen kann, ohne verlegen zu werden,
weil sie gar nicht auf die Idee käme, daß etwas
Böses dabei sein könnte bei... was weiß ich, bei
einer etwas weiter ausgeschnittenen Bluse, bei einem
Strumpf mit Lochstickerei, bei einem Rock, der
gerade ein kleines, kleines bißchen vom Bein
oberhalb des Knies erspähen läßt.
Damit sagte er
wohlgemerkt nicht, daß eine
Frau, damit man sie nicht für
sinnlich hielte, sich nun
schamlos und ungehörig geben
oder das sehen lassen müßte, was
man nicht sehen lassen darf. Das
wäre ja ein Paradox gewesen. Er
sprach nur vom Schamgefühl. Und
das Schamgefühl war für ihn die
Rache der Unaufrichtigkeit.
Nicht, daß dieses Gefühl nicht
an und für sich aufrichtig
gewesen wäre. Nein, es war ganz
und gar aufrichtig, aber eben
als Ausdruck der Sinnlichkeit.
Unaufrichtig ist die Frau, die
ihre Sinnlichkeit verleugnen
will, indem sie als Beweis die
Schamröte ihrer Wangen zur Schau
stellt. Und eine solche Frau
kann auch unaufrichtig sein,
ohne es zu wollen, ja, ohne es
zu wissen. Denn nichts ist
komplizierter als die
Aufrichtigkeit. Wir alle spielen
ganz spontan eine Rolle, nicht
so sehr vor den anderen als
vielmehr vor uns selbst; wir
glauben immer das von uns, was
uns gefällt, und wir sehen uns
nicht so, wie wir in
Wirklichkeit sind, sondern so,
wie wir meinen, daß wir
entsprechend dem idealen Bild,
das wir uns von uns selbst
zurechtgezimmert haben, sein
müßten. So kann es geschehen,
daß eine Frau in hohem Maße
sinnlich ist, ohne es zu wissen
und dabei ganz ehrlich glaubt,
besonders keusch zu sein, Ekel
und Abscheu vor der Sinnlichkeit
zu empfinden, einfach deshalb,
weil sie wegen einer Nichtigkeit
errötet. Dieses Erröten um einer
Nichtigkeit willen, das an und
für sich der ganz aufrichtige
Ausdruck der tatsächlichen
Sinnlichkeit dieser Frau ist,
wird nun vielmehr als Beweis der
Keuschheit genommen, an die sie
glaubt; und wenn es so gedeutet
wird, wird es ganz natürlich zu
etwas Unaufrichtigem. "Aber
Signora", hatte einige Abende
zuvor der Freund von
unschätzbarem Wert seine
Ausführungen geschlossen, "die
Frau (Ausnahmen natürlich
vorbehalten) ist von Natur aus
ein Wesen, das ganz dem Bereich
der Sinne angehört. Man muß sie
zu nehmen, zu entflammen und zu
beherrschen wissen. Die allzu
Schamhaften müssen nicht einmal
entflammt werden; sie stehen von
selbst in Flammen,
augenblicklich, wenn man sie
anrührt.
Sie hatte nicht
einen Augenblick daran
gezweifelt, daß diese ganze Rede
ihr galt. Und kaum war der
Freund gegangen, war sie wütend
über ihren Mann hergefallen, der
während der ganzen langen
Diskussion nichts anderes getan
hatte als zu lächeln wie ein
Schwachsinniger und seinem
Freund beizupflichten.
"Er hat mich in
jeder nur denkbaren Weise zwei
Stunden lang beleidigt und du,
anstatt mich zu verteidigen,
hast gelächelt, hast ihm
beigepflichtet und ihm so zu
verstehen gegeben, daß es
stimmte, was er sagte, denn du
als mein Ehemann, tja, du
müßtest es ja wissen..."
"Aber was denn?"
hatte er ganz verdattert
ausgerufen. "Du redest ja
irre... Ich? Daß du sinnlich
wärest? Aber was sagst du denn
da? Er hat doch von der Frau im
allgemeinen gesprochen, was hat
das mit dir zu tun? Wenn er nur
im geringsten hätte ahnen
können, daß du seine Rede auf
dich beziehen würdest, hätte er
doch den Mund nicht aufgemacht!
Und dann, entschuldige, wie
hätte er es denn annehmen
können, wo du dich doch ihm
gegenüber nicht im geringsten
als die schamhafte Frau gezeigt
hast, von der er sprach? Du bist
ja überhaupt nicht errötet; du
hast deine Meinung mit
Nachdruck, mit Begeisterung
vertreten. Und ich habe
gelächelt, weil ich mich darüber
freute, weil ich darin den
Beweis für das gesehen habe, was
ich immer sage und gesagt habe,
daß du nämlich, wenn du nicht
daran denkst, überhaupt nicht
verlegen, überhaupt nicht
gehemmt bist; daß deine ganze
angebliche Verlegenheit also
nichts anderes ist als eine fixe
Idee. Was hat das nun mit dem
Schamgefühl zu tun, von dem er
gesprochen hat?"
Auf diese
Rechtfertigung ihres Mannes
hatte sie nichts zu entgegnen
gewußt. Sie hatte sich in sich
selbst zurückgezogen, war
verschlossen geworden, brütend
über die Frage, warum sie sich
so zuinnerst von den Worten
dieses Mannes verletzt gefühlt
hatte. Es war kein Schamgefühl,
nein und noch einmal nein, was
sie empfand, es war kein
Schamgefühl, kein solch
ekelhaftes Schamgefühl wie das,
von dem er gesprochen hatte; es
war Verlegenheit, Verlegenheit,
Verlegenheit! Aber natürlich
konnte es ein böswilliger Mensch
wie dieser für Schamgefühl
ansehen und sie deshalb für eine
solche Frau halten, für eine...
na, eben für so eine!
Mochte sie sich
auch tatsächlich nicht verlegen
gezeigt haben, wie ihr Mann
behauptete, empfunden hatte sie
die Verlegenheit trotzdem; sie
konnte sich manchmal überwinden,
sich Gewalt antun, um sie nicht
zu zeigen; aber sie empfand sie
dennoch. Wenn nun ihr Mann ihr
diese Verlegenheit absprechen
wollte, dann hieß das, daß er
nichts bemerkte. Er hätte also
auch nicht bemerkt, wenn diese
Verlegenheit in ihr etwas
anderes gewesen wäre, das heißt,
dieses Schamgefühl, von dem der
Freund gesprochen hatte.
Was das möglich?
O Gott, nein! Der bloße Gedanke
jagte ihr Ekel und Grauen ein.
Und dennoch...
Im Traum kam ihr
die Erleuchtung.
Er begann wie
eine Herausforderung, dieser
Traum, wie eine Prüfung, zu der
dieser widerliche Mann sie
herausforderte, in der Folge der
Diskussion, die sie vor drei
Abenden miteinander geführt
hatten.
Sie mußte ihm
beweisen, daß sie nicht über
eine Nichtigkeit errötete; daß
er mit ihr tun konnte, was er
wollte, ohne daß sie sich
verwirren lassen oder gar ihre
Fassung verlieren würde.
Und tatsächlich,
da begann er mit eiskalter
Kühnheit diese Prüfung. Zunächst
fuhr er ihr leicht mit der Hand
über das Gesicht. Bei der
Berührung dieser Hand mußte sie
sich mit allen Kräften Gewalt
antun, um den Schauder zu
unterdrücken, der ihr über den
ganzen Körper lief, um die Augen
fest und ungerührt,
unverschleiert blicken zu lassen
und dem Mund ein leises Lächeln
abzuringen. Und da, jetzt
berührte er mit den Fingern
ihren Mund; er rieb zart über
ihre Unterlippe und versenkte
dort, in der Feuchte des
Inneren, einen langen, heißen
Kuß von unendlicher Süße. Sie
preßte die Zähne zusammen; sie
versteifte sich, um das Zittern,
das Beben ihres Körpers zu
beherrschen; und da begann er
ganz ruhig, ihre Brust zu
entblößen, und... was war denn
da Böses dabei? Nein, nein,
nichts, gar nichts Böses.
Aber... o Gott, nein... er
verweilte in perfider Weise bei
dieser Liebkosung... nein,
nein... das war zuviel... und...
Besiegt, verloren, zuerst ohne
einzuwilligen, begann sie
nachzugeben, nicht von seiner
Kraft überwältigt, nein, sondern
von dem sehnsüchtigen Verlangen
ihres eigenen Körpers... und
zuletzt...
Ha! Sie fuhr aus
dem Schlaf auf, verkrampft,
zerstört, am ganzen Leibe
zitternd, voll Ekel und Abscheu.
Sie blickte zu
ihrem Mann hinüber, der
ahnungslos neben ihr schlief.
Und das Gefühl der Schande, das
sie in sich hatte, verwandelte
sich sofort in Verachtung gegen
ihn, als wäre er der Grund
dieser Schande, von der sie noch
die Lust und den Schauder in
sich hatte: er, er mit seiner
blöden Hartnäckigkeit, diese
Freunde immer bei sich zu Hause
empfangen zu wollen.
Das war's: sie
hatte ihn im Traum betrogen.
Betrogen hatte sie ihn, und sie
empfand keine Reue darüber,
nein, bloß einen ungeheueren
Zorn über sich, daß sie besiegt
worden war, und eine Wut, Wut
gegen ihn, auch deshalb, weil es
ihm in sechs Jahren Ehe nie
gelungen war, sie das erleben zu
lassen, was sie nun im Traum mit
einem anderen erlebt hatte.
Ein Wesen, das
ganz dem Bereich der Sinne
angehört... war das also wahr?
Nein, nein.
Schuld hatte nur er, der
Ehemann, der nicht an ihre
Verlegenheit glauben wollte und
sie zwang, sich zu überwinden,
ihrer Natur Gewalt anzutun, der
sie diesen Prüfungen, diesen
Duellen aussetzte, aus denen der
Traum erwachsen war. Wie konnte
man einer solchen Prüfung
standhalten? Er hatte es
gewollt, er, ihr Mann. Und das
war jetzt die Strafe. Sie hätte
noch Genuß daran finden können,
wenn sie aus der böswilligen
Freude, die sie bei dem Gedanken
an die Strafe empfand, die das
für ihn bedeutete, die Schande
hätte entfernen können, die sie
für sich dabei empfand.
Und was jetzt?
Zu dem Eklat kam
es am nächsten Nachmittag nach
dem harten Stillschweigen, das
sie den ganzen Tag über gegen
die bohrenden Fragen ihres
Mannes bewahrt hatte, der wissen
wollte, weshalb sie so seltsam
sei und was denn geschehen wäre.
Es kam dazu bei
der Ankündigung des gewohnten
Besuches dieses Freundes von
unschätzbarem Wert.
Als sie aus dem
Vorzimmer dessen Stimme hörte,
fuhr sie auf, plötzlich wie von
Sinnen. Eine rasende Wut blitzte
aus ihren Augen. Sie stürzte
sich auf ihren Mann und beschwor
ihn, von Kopf bis Füßen
zitternd, diesen Mann nicht zu
empfangen: "Ich will nicht! Ich
will nicht! Schick ihn fort!"
Er war zuerst
mehr als verblüfft, geradezu
erschüttert über diesen
Wutausbruch. Er konnte den Grund
für eine solche Ablehnung nicht
verstehen, wo er doch eben noch
der Meinung gewesen war, daß der
Freund aufgrund all dessen, was
er nach der Diskussion gesagt
hatte, ihr nun ein wenig
sympathischer geworden sein
müßte; und angesichts eines so
absurden, haltlosen Verlangens
geriet nun er in Zorn.
"Aber du bist ja
verrückt oder willst, daß ich
verrückt werde! Soll ich denn
wirklich wegen deines blöden
Wahns noch alle meine Freunde
verlieren?
Und er machte
sich von ihr los, die sich an
ihn geklammert hatte und befahl
dem Dienstmädchen, den Herrn
hereinzuführen.
Sie sprang auf,
um sich ins Nebenzimmer zu
flüchten, wobei sie ihm, ehe sie
hinter der Tür verschwand, noch
einen Blick voll Haß und
Verachtung zuwarf.
Sie fiel in
einen Lehnstuhl, als wären ihr
plötzlich die Beine unter dem
Körper weggerissen worden. Das
Blut brauste ihr in den Adern,
und ihr ganzes Wesen lehnte sich
im Inneren auf, in dieser
verzweifelten Verlassenheit, als
sie durch die geschlossene Türe
hörte, wie ihr Mann den, mit dem
sie ihn in der Nacht zuvor im
Traum betrogen hatte, mit
freudigen Worten empfing. Und
die Stimme dieses Mannes...
o Gott... und die Hände, die
Hände dieses Mannes...
Plötzlich,
während sie sich auf dem
Lehnsessel hin- und herwand und
die gekrümmten Finger in die
Arme und die Brust grub, stieß
sie einen Schrei aus und fiel zu
Boden, geschüttelt von einer
entsetzlichen Nervenkrise, einem
regelrechten Anfall von
Wahnsinn.
Die beiden
Männer stürzten in das Zimmer;
sie blieben einen Augenblick
entsetzt bei ihrem Anblick
stehen, während sie sich wie
eine Schlange auf dem Boden
wand, brüllte und heulte; ihr
Mann versuchte sie aufzuheben,
der Freund eilte herbei, um ihm
zu helfen. Hätte er das bloß
nicht getan. Als sie sich von
diesen Händen berührt fühlte,
begann ihr Körper unbewußt,
unter der absoluten Herrschaft
der noch in der Erinnerung
befangenen Sinne überall zu
zittern, in einem lustvollen
Beben; und vor den Augen ihres
Ehemannes klammerte sie sich an
diesen Mann und verlangte mit
erschreckender, wütender
Begierde die Liebkosungen von
ihm, die sie im Traum erfahren
hatte.
Entsetzt riß er
sie dem Freund von der Brust;
sie schrie und wehrte sich, dann
brach sie wie leblos in seinen
Armen zusammen und wurde zu Bett
gebracht.
Die beiden
Männer sahen einander
entgeistert an und wußten nicht
was sie denken, was sie sagen
sollten.
In der
schmerzlichen Verblüffung des
Freundes war die Unschuld so
offensichtlich, daß bei dem
Ehemann unmöglich ein Verdacht
aufkommen konnte. Er bat ihn,
mit ihm aus dem Zimmer zu gehen;
er erzählte ihm, daß seine Frau
seit dem Morgen verwirrt gewesen
war, in einem Zustand seltsamer
Nervenreizung; er begleitete ihn
zur Tür und bat ihn um
Verzeihung für diesen
bedauerlichen, unvorhersehbaren
Zwischenfall; dann lief er so
schnell wie möglich wieder zu
ihrem Bett.
Er fand sie auf
dem Bett liegend und wieder bei
Sinnen, zusammengekrümmt wie ein
Tier, mit glasstarren Augen: sie
zitterte an allen Gliedern wie
vor Kälte, wurde von gewaltsamen
Zuckungen geschüttelt und fuhr
von Zeit zu Zeit in die Höhe.
Als er sich mit
düsterem Gesicht über sie
beugte, um von ihr Rechenschaft
über das zu verlangen, was
vorgefallen war, stieß sie ihn
mit beiden Armen und mit
zusammengebissenen Zähnen zurück
und schleuderte ihm mit
zerstörerischer Wollust die
Beichte ihres Fehltritts ins
Gesicht. Mit einem verzerrten,
bösartigen Lächeln, sagte sie,
während sie sich
zusammenkrampfte und die Arme
öffnete:
"Im Traum
war's!... Im Traum!..."
Und sie erließ
ihm kein einziges Detail. Der
Kuß auf die Innenseite der
Lippe... die Liebkosung ihrer
Brust... mit der perfiden
Sicherheit, daß er zwar ebenso
wie sie fühlen mußte, daß dieser
Fehltritt eine Wirklichkeit und
als solche unwiderruflich und
nicht wieder gutzumachen war,
weil er bis zum letzten
vollzogen und genossen worden
war, daß er ihr aber dennoch
keinen Vorwurf daraus machen
konnte. Ihr Körper - er konnte
ihn schlagen, ihn quälen, ihn in
Stücke reißen - aber da war er,
er hatte einem anderen gehört,
in dem unbewußten Reich des
Traums. In dem Bereich der
Tatsachen existierte für den
anderen dieser Fehltritt nicht;
aber er war eine Wirklichkeit
gewesen und blieb sie hier, hier
für sie, in ihrem Körper, der
die Lust erlebt hatte.
Wer hatte
Schuld? Und was konnte er ihr
schon tun?
|
Eine Stimme - (Una voce - 1923) |
|
Erstveröffentlichung
1904 in "Regina". Keine
wesentlichen Varianten.
aus dem Italienischen von Michael
Rössner |
 |
Wenige Tage vor ihrem Tod hatte die
Marchesa, mehr um ihr Gewissen zu beruhigen als aus
einem sonstigen Grund, auch den Doktor Giunio Falci
wegen ihres seit einem Jahr erblindeten Sohnes
Silvio konsultieren wollen. Sie hatte ihn von den
bedeutendsten Augenärzten Italiens und des Auslands
untersuchen lassen, und alle hatten diagnostiziert,
er leide an unheilbarem grünen Star.
Doktor Giunio Falci war vor kurzem
zum Vorstand der Augenklinik berufen worden; aber
sei es wegen seiner müden, immer ein wenig
geistesabwesenden Erscheinung, sei es wegen seines
unvorteilhaften Äußeren oder wegen dieses stets
lässigen und schlaksigen Ganges: es gelang ihm
einfach nicht, bei irgend jemandem Sympathien oder
gar Vertrauen zu erwerben. Er wußte das, ja, es
schien, als freue er sich sogar darüber. An die
Schüler, an die Patienten, richtete er neugierige,
scharfe Fragen, die den Gesprächspartner erstarren
ließen und aus der Fassung brachten; und allzu
deutlich ließ er erkennen, was für ein Bild er sich
vom Leben gemacht hatte: nackt und entblößt von all
den geheimen und beinahe notwendigen Heucheleien,
von diesen spontanen, unumgänglichen Illusionen, die
jeder sich unwillkürlich schafft und aufbaut, aus
einem instinktiven Bedürfnis heraus, fast aus einer
Art sozialen Schamgefühls. Auf diese Weise wurde
seine Gesellschaft auf die Dauer unerträglich.
Auf Bitten der Marchesa hatte er die
Augen des jungen Mannes bedächtig und sorgfältig
untersucht, ohne - wenigstens nach außen hin - auf
all das zu achten, was ihm die Marchesa unterdessen
über seine Krankheit, das Urteil der anderen Ärzte
und die verschiedenen versuchten Behandlungsmethoden
erzählte. Grüner Star? Nein. Es schien ihm nicht so,
als wären in diesen Augen die charakteristischen
Zeichen dieser Krankheit, der bläuliche oder
grünliche Schimmer der undurchsichtigen Stelle, usw.
usf., zu erkennen; es schien ihm vielmehr, als hätte
er es mit einer seltenen und seltsamen Abart jener
Krankheit zu tun, die man üblicherweise Katarakta##
oder grauer Star nennt. Aber so im ersten Augenblick
hatte er der Mutter nichts von seinem Zweifel
erzählen wollen, um nicht in ihr plötzlich eine auch
noch so zarte Hoffnung aufkeimen zu lassen. So hatte
er das lebhafte Interesse unterdrückt, daß dieser
seltsame Fall in ihm ausgelöst hatte, und hatte ihr
stattdessen bloß seinen Wunsch mitgeteilt, den
Kranken in ein paar Monaten noch einmal zu
untersuchen.
Und er war tatsächlich
wiedergekommen; aber merkwürdigerweise fand er dabei
in dieser neuen, stets ausgestorbenen Straße am Ende
der Prati di Castello, in der die Villa der Marchesa
Borghi stand, vor dem offenstehenden Gartentor eine
Traube von Neugierigen vor: Die Marchesa Borghi war
plötzlich in dieser Nacht verstorben.
Was sollte er tun? Umdrehen? Für
einen Augenblick dachte er daran, hätte er dieser
armen Mutter bei seiner ersten Visite von seinem
Zweifel erzählt, daß es sich bei der Krankheit des
jungen Mannes tatsächlich um grünen Star handle,
dann wäre sie nicht mit dem verzweifelten Gedanken
gestorben, ihren Sohn als unheilbar Blinden
zurückzulassen. Nun, wenn es ihm schon nicht mehr
gegeben war, die Mutter mit dieser Hoffnung zu
trösten, konnte er dann nicht wenigstens versuchen,
damit dem armen Hinterbliebenen, der so plötzlich
einen neuen, schweren Schicksalsschlag erlitten
hatte, Trost zu bringen?
Und er hatte die Villa betreten.
Nach einer langen Wartezeit trat in
dem dort herrschenden Gewühl eine junge Dame vor ihn
hin, schwarz gekleidet, blond, mit steifem, ja
strengem Ausdruck: die Gesellschaftsdame der
verblichenen Marchesa. Doktor Falci legte ihr den
besonderen Grund seines Besuches dar, der ansonsten
ja höchst zur Unzeit erfolgt wäre. An einer
bestimmten Stelle fragte die junge Dame ihn mit
einem Ausdruck leichter Verwunderung, der ihr
Mißtrauen verriet: "Ja, tritt denn der graue Star
auch bei jungen Menschen auf?"
Falci hatte ihr eine Zeit lang in
die Augen gesehen, dann hatte er ihr mit einem
ironischen Lächeln, das mehr im Blick als auf den
Lippen zu erkennen war, geantwortet: "Und warum
nicht? Moralisch immer, Signorina: Dann, wenn sie
sich verlieben. Aber auch physisch, leider Gottes."
Die Signorina hatte sich daraufhin
noch mehr versteift und das Gespräch abgebrochen,
indem sie sagte, der augenblickliche Zustand des
Marchese ließe es nicht zu, ihm von irgend etwas zu
sprechen; aber sie würde ihm, sobald er sich ein
wenig beruhigt habe, von diesem Besuch erzählen, und
er würde ihn dann sicherlich bald zu holen lassen.
Mehr als drei Monate waren
vergangen; Doktor Giunio Falci war nicht wieder
geholt worden.
Um ehrlich zu sein, bei seinem
ersten Besuch hatte der Doktor bei der verstorbenen
Marchesa einen sehr schlechten Eindruck
hinterlassen. Signorina Lydia Venturi, die nun als
Gesellschafterin und Vorleserin des jungen Marchese
im Hause geblieben war, erinnerte sich noch sehr gut
daran. Aufgrund einer instinktiven Abneigung gegen
diesen überaus unsympathischen Doktor kam ihr
unterdessen die Frage gar nicht in den Sinn, ob der
Eindruck der Marchesa nicht am Ende ein ganz anderer
gewesen wäre, wenn Falci ihr Hoffnungen darauf
gemacht hätte, die Genesung ihres Sohnes wäre nicht
völlig unwahrscheinlich. In ihrer Perspektive
erschien der zweite Besuch noch schlimmer und erst
recht als der eines Scharlatans: dieses Kommen
ausgerechnet an dem Tag, an dem die Marchesa
gestorben war, um einen Zweifel zu äußern, eine
Hoffnung dieser Art zu entzünden. Umso mehr, als der
junge Marchese sich allmählich mit seinem Schicksal
abzufinden schien. Als ihm so plötzlich die Mutter
gestorben war, da hatte er neben dem Dunkel seiner
Blindheit noch ein anderes Dunkel sich auftun
gefühlt, mehr in sich drinnen als draußen, ein
schreckliches Dunkel, dem gegenüber freilich alle
Menschen blind sind. Aber wer gesunde Augen hat, der
kann sich von diesem Dunkel mit dem Anblick der
Dinge ringsumher ablenken, er jedoch konnte das
nicht: blind für das Leben, war er nun auch blind
für den Tod. Und in diesem anderen Dunkel, das noch
kälter und finsterer war, war nun seine Mutter
verschwunden, schweigend, und hatte ihn allein
zurückgelassen, in einer entsetzlichen Leere.
Ganz plötzlich - er wußte nicht so
recht, von wem - war eine Stimme von unendlicher
Sanftheit zu ihm gedrungen, wie ein zarter
Lichtschimmer. Und an diese Stimme hatte sich seine
ganze in dieser entsetzlichen Leere verlorene Seele
geklammert.
Nichts anderes als eine Stimme war
für ihn Signorina Lydia. Aber dennoch war sie es,
die mehr als alle anderen in den letzten Monaten
seiner Mutter nahegestanden hatte. Und seine Mutter
- er erinnerte sich daran - hatte, wenn sie ihm von
ihr erzählte, immer gesagt, daß sie brav sei und
aufmerksam, von ausgezeichneten Manieren, gebildet,
klug; und genauso empfand er sie nun in den
Aufmerksamkeiten, die sie ihm angedeihen ließ, in
dem Trost, den sie ihm spendete.
Lydia hatte seit den ersten Tagen
den Verdacht gehabt, daß die Marchesa Borghi, als
sie sie einstellte, es nicht ungern gesehen hätte,
wenn der unglückiche Sohn sich in irgendeiner Form
mit ihr getröstet hätte; sie war darüber bitter
gekränkt und hatte ihren natürlichen Stolz
gezwungen, sich zu einer geradezu strengen
Unnahbarkeit zu versteifen. Aber nach dem Unglück,
als er da unter verzweifeltem Schluchzen eine ihrer
Hände ergriffen hatte, um sein schönes, bleiches
Gesicht an sie zu lehnen, wobei er stöhnte:
"Verlassen Sie mich nicht!... verlassen Sie mich
nicht!", da fühlte sie, wie sie das Mitleid, die
Rührung überwältigten, und sie hatte sich ihm
gewidmet, ohne weiter Verdacht zu nähren.
Bald hatte er begonnen, sie mit der
schüchternen, aber hartnäckigen und zermürbenden
Neugier der Blinden zu quälen. Er wollte sie in
seinem Dunkel "sehen"; er wollte, daß ihre Stimme in
ihm zum Bild würde.
Zuerst waren es vage, kurze Fragen.
Er wollte ihr erzählen, wie er sie sich vorstellte,
wenn er sie vorlesen oder sprechen hörte.
"Sie sind blond, nicht wahr?"
"Ja."
Blond war sie freilich; aber die ein
wenig groben, eher schütteren Haare kontrastierten
in seltsamer Weise mit der ein bißchen trüben Farbe
der Haut. Wie sollte sie ihm das sagen? Und warum?
"Und ihre Augen sind blau?"
"Ja."
Blau, jawohl; aber düster, traurig,
zu tief eingegraben unter der ernsten, traurigen,
vorspringenden Stirn. Wie sollte sie ihm das sagen?
Und warum?
Schön war sie nicht, was das Gesicht
betraf; aber sie hatte eine sehr elegante Figur.
Schön, wahrhaft schön, waren ihre Hände und ihre
Stimme. Ihre Stimme ganz besonders. Von einer
unfaßbaren Sanftheit, die im Gegensatz zu dem
düsteren, stolzen und traurigen Ausdruck des
Gesichtes stand.
Sie wußte, wie er, durch den Zauber
dieser Stimme und aufgrund der schüchternen
Antworten, die er auf seine insistenten Fragen
erhielt, sie sah; und sie mühte sich vor dem Spiegel
ab, diesem fiktiven Bild ihrer selbst ähnlich zu
sehen, sie bemühte sich, sich selbst so zu sehen,
wie er in seinem Dunkel sie sah. Und längst kam ihre
Stimme für sie selbst nicht mehr aus ihren eigenen
Lippen, sondern aus denen, die er sich für sie
vorstellte; und wenn sie lachte, hatte sie sofort
den Eindruck, nicht selbst gelacht zu haben, sondern
viel eher ein Lächeln nachgeahmt zu haben, das nicht
ihr gehörte, das Lächeln dieser anderen, die in ihm
lebte.
All das verursachte ihr so etwas wie
eine taube Qual, es bedrückte sie. Es schien ihr,
sie wäre nicht mehr sie, sie würde sich nach und
nach selbst aufgeben, durch das Mitleid, das dieser
junge Mann in ihr hervorrief. War es nur Mitleid?
Nein; es war jetzt auch Liebe. Sie verstand ihre
Hand nicht mehr von der seinen zurückzuziehen, ihr
Gesicht von seinem abzuheben, wenn er sie zu nahe an
sich heranzog.
"Nein! So nicht... so nicht..."
Es galt nun schnell zu einer
Entscheidung zu kommen, zu einer Entscheidung, die
Signorina Lydia einen langen und harten Kampf mit
sich selbst bescherte. Der junge Marchese hatte
keine Verwandten, er war sein eigener Herr und
konnte also tun und lassen, was ihm gefiel. Aber
würden nicht die Leute sagen, sie nütze sein Unglück
aus, um geheiratet zu werden, um sich zur reichen
Marchesa aufzuschwingen? Na freilich, das und noch
vieles andere mehr würden sie sagen. Aber
andererseits: wie sollte sie länger in diesem Haus
bleiben, wenn nicht um diesen Preis? Und wäre es
nicht eine Grausamkeit gewesen, diesen Blinden zu
verlassen, ihm nur aus Angst vor der Böswilligkeit
der anderen ihre liebevolle Pflege zu entziehen?
Sicherlich, es war für sie ein großes Glück; aber
sie fühlte ehrlichen Herzens auch, daß sie es sich
verdiente, denn sie liebte ihn wirklich; ja, das
größte Glück war für sie sogar dieses: ihn offen
lieben zu dürfen, sich die Seine nennen zu dürfen,
ganz und für immer die Seine, sich ganz und für
immer, mit Seele und Körper ihm widmen zu können. Er
konnte sich nicht sehen: er sah nichts anderes in
sich als sein Unglück; aber dabei war er doch so
schön! Und zart war er, wie ein Mädchen; und sie
konnte, wenn sie ihn ansah, sich an ihm erfreute,
ohne daß er es merkte, denken: "Nun bist du ganz
mein, weil du dich nicht siehst und kein Bewußtsein
von dir hast; denn deine Seele ist wie gefangen in
deinem Unglück und bedarf meiner, um sehen und
fühlen zu können." Aber galt es nicht zuerst, ihm
seinen Willen zu tun und ihm zu gestehen, daß sie
nicht so war, wie er sie sich vorstellte? Wäre ihr
Schweigen nicht Betrug? Jawohl, ein Betrug. Aber er
war ja doch blind, und für ihn mochte daher ein Herz
wie das ihre, ergeben und glühend, und die Illusion
ihrer Schönheit genug sein. Häßlich war sie ja im
übrigen auch nicht. Und dann eine Schöne, eine
wirklich Schöne, na, wer weiß! Die hätte ihn
vielleicht noch ganz anders getäuscht, sein Unglück
ausnützend, während er doch eigentlich statt eines
schönen Gesichtes, das er doch nie sehen würde
können, ein liebendes Herz nötig hatte.
Nach einigen Tagen bangen Ringens
wurde die Hochzeit festgesetzt. Sie sollte ohne
jeden Pomp stattfinden, und bald, sofort nach Ende
der Trauerzeit von einem halben Jahr.
Sie hatte also noch ungefähr
anderthalb Monate Zeit, um das Notwendige, so gut es
ging, vorzubereiten. Es waren Tage intensiven
Glücks: die Stunden flogen nur so dahin zwischen den
fröhlichen, hastigen Besorgungen für das Nestchen,
das sie sich bauen wollten, und den Liebkosungen,
denen sie sich ein wenig trunken entwand, mit zarter
Gewalt, um aus dieser Freiheit, die das
Zusammenleben ihrer Liebe gewährte, ein Stückchen
Seligkeit, das allerstärkste, für den Hochzeitstag
aufzubewahren.
Es fehlte noch wenig mehr als eine
Woche zum Hochzeitstag, als Lydia plötzlich ein
Besuch von Doktor Giunio Falci gemeldet wurde.
In der ersten Regung wollte sie
schon sagen: "Ich bin nicht zu Hause!"
Aber der Blinde, der das Flüstern
gehört hatte, fragte: "Wer ist da?"
"Doktor Falci", antwortete der
Diener.
"Weißt du", ergänzte Lydia, "dieser
Arzt, den deine arme Mama wenige Tage vor dem
Unglück rufen ließ."
"Ach ja!", rief Borghi, sich
erinnernd. "Er hat mich ja lange untersucht... sehr
lange, ich erinnere mich gut, und er sagte, er wolle
wiederkommen, um..."
"Warte", unterbrach ihn Lydia eilig,
in höchster Erregung. "Ich werde mit ihm sprechen."
Doktor Giunio Falci stand mitten im
Salon, den dicken, kahlen Kopf zurückgeworfen, die
Augen halb geschlossen, und zupfte zerstreut mit
einer Hand an seinem stacheligen Kinnbart.
"Nehmen Sie doch Platz, Herr
Doktor", sagte Signorina Lydia, die eingetreten war,
ohne daß er es bemerkt hatte.
Falchi zuckte zusammen, verneigte
sich und hob an: "Sie werden verzeihen, wenn..."
Aber sie wollte ihm in ihrer
Verwirrung und Erregung zuvorkommen: "Wir haben Sie
bislang nicht rufen lassen, weil..."
"Auch jener andere Besuch von mir
erfolgte vielleicht nicht gerade im richtigen
Moment", sagte Falci, ein leichtes, sarkastisches
Lächeln auf den Lippen. "Aber Sie werden mir
vergeben, Signorina."
"Nein... warum denn? Im
Gegenteil..." erwiderte Lydia errötend.
"Sie wissen ja nicht", setzte Falci
fort, "was für ein unbändiges Interesse in einem
armen Menschen, der sich der Wissenschaft
verschrieben hat, gewisse Krankheitsfälle
hervorrufen können... Aber ich will Ihnen die
Wahrheit gestehen, Signorina: ich hatte diesen Fall,
wenn er auch meiner Meinung nach sehr selten und
merkwürdig sein mag, einfach vergessen. Gestern
jedoch, als ich mit ein paar Freunden über dies und
das plauderte, habe ich von der bevorstehenden
Hochzeit des Marchese Borghi mit Ihnen erfahren,
Signorina: ist es wahr?"
Lydia erbleichte und bejahte mit
einem abweisenden Kopfnicken.
"Erlauben Sie,
daß ich meine Glückwünsche zum
Ausdruck bringe", fuhr Falci
fort. "Aber sehen Sie, da habe
ich mich mit einem Schlag
erinnert. Ich habe mich an die
Diagnose grüner Star erinnert,
die von so vielen meiner
hochgeschätzten Herren Kollegen
vertreten wurde, wenn ich mich
nicht täusche. Eine im Prinzip
überaus verständliche Diagnose,
glauben Sie mir. Ich bin jedoch
sicher, hätte die Frau Marchesa
ihren Sohn von diesen Kollegen
zu dem Zeitpunkt untersuchen
lassen, zu dem ich ihn sah, so
hätten auch die leicht erkannt,
daß man von einem grünen Star im
eigentlichen Sinn hier nicht
sprechen kann. Na gut. Ich habe
mich auch an meinen zweiten,
überaus mißglückten Besuch
erinnert, und habe gedacht, daß
Sie, Signorina, zuerst in der
Aufregung über den plötzlichen
Tod der Marchesa, dann in der
Freude über dieses neue Ereignis
sicherlich vergessen hatten,
nicht wahr?, vergessen
hatten..."
"Nein!",
schleuderte ihm Lydia an dieser
Stelle entgegen, als wollte sie
sich gegen die Qualen wehren,
die ihr die lange, giftige Rede
des Doktors bereitet hatte.
"Ach, nein?"
fragte Falci.
"Nein",
wiederholte sie hartnäckig und
fest. "Ich habe mich vielmehr
daran erinnert, wie wenig
Vertrauen, um nicht zu sagen gar
keines, die Marchesa - Sie
entschuldigen schon - auch nach
Ihrem Besuch in die
Heilungsmöglichkeiten für ihren
Sohn setzte."
"Aber ich habe
ja nicht zur Marchesa davon
gesprochen", gab Falci sofort
zurück, "daß die Krankheit ihres
Sohnes meiner Ansicht nach..."
"Das stimmt, Sie
haben zu mir davon gesprochen",
schnitt ihm Lydia erneut das
Wort ab. "Aber auch ich, wie die
Marchesa, ..."
"Auch Sie haben
wenig Vertrauen, um nicht zu
sagen gar keines?", unterbrach
sie nun Falci seinerseits. "Das
macht nichts. Aber haben Sie dem
Herrn Marchese demnach also
nichts von meinem Besuch und
seinem Grund erzählt?"
"Im Augenblick
nicht."
"Und nachher?"
"Auch nicht.
Denn..."
Doktor Falci hob
eine Hand auf: "Ich verstehe.
Wenn einmal die Liebe erwacht
ist... Aber Sie, Signorina,
entschuldigen Sie bitte: ja, ich
weiß, man sagt, die Liebe ist
blind; aber wollen Sie sie nun
wirklich so blind haben, die
Liebe des Herrn Marchese? Auch
physisch blind?"
Lydia fühlte,
daß gegen die sichere, bissige
Kälte dieses Mannes die stolze
und abweisende Haltung nicht
ausreichte, in der sie sich nach
und nach immer mehr versteifte,
um ihre Würde gegen einen
gemeinen Verdacht zu
verteidigen. Sie bemühte sich
jedoch, noch ihre Beherrschung
zu wahren und fragte mit
scheinbarer Ruhe: "Sie beharren
also darauf, daß der Marchese
mit Ihrer Hilfe das Augenlicht
zurückbekommen könnte?"
"Langsam,
langsam, Signorina", antwortete
Falci, indem er wiederum die
Hand aufhob. "Ich bin nicht
allmächtig wie der liebe
Herrgott. Ich habe die Augen des
Herrn Marchese ein einziges Mal
untersucht, und es schien mir,
als könnte man mit völliger
Sicherheit einen Fall von grünem
Star ausschließen. Nun, das, was
wie ein Zweifel erscheinen mag
oder auch wie eine Hoffnung, das
sollte Ihnen doch genügen, meine
ich, wenn Ihnen, wie ich
annehmen will, tatsächlich das
Wohl Ihres Verlobten am Herzen
liegt."
"Und wenn der
Zweifel", erwiderte Lydia
schnell in herausforderndem Ton,
"nach Ihrer Visite nicht mehr
bestehen bliebe, und die
Hoffnung enttäuscht würde?
Hätten Sie dann nicht grundlos,
ja grausam, eine Seele
aufgestört, die sich bereits mit
ihrem Schicksal abgefunden
hatte?
"Nein,
Signorina", entgegnete Falci mit
ruhiger und ernster Härte.
"Immerhin habe ich es als meine
ärztliche Pflicht erachtet, auch
ohne Aufforderung zu Ihnen zu
kommen. Denn, das sollen Sie
wissen, hier glaube ich, es
nicht nur mit einem
Krankheitsfall, sondern auch mit
einem - viel schwerer wiegenden
- Gewissensproblem zu tun zu
haben."
"Sie
verdächtigen mich also...",
versuchte Lydia ihn zu
unterbrechen, aber Falci gab ihr
keine Gelegenheit
weiterzusprechen.
"Sie selbst",
fuhr er fort, "haben mir eben
gesagt, Sie hätten dem Marchese
meinen Besuch verschwiegen, und
zwar mit einer Entschuldigung,
die ich nicht akzeptieren kann,
nicht, weil sie mich beleidigen
könnte, sondern weil Vertrauen
oder Mißtrauen in meine Kunst
nicht Ihnen obliegt, sondern dem
Marchese. Sehen Sie, Signorina:
es mag auch so etwas wie
Eigensinn von meiner Seite sein,
ich leugne das gar nicht; ja,
ich verspreche Ihnen sogar, daß
ich von dem Herrn Marchese keine
Bezahlung annehmen werde, wenn
er zu mir in die Klinik kommt,
wo er jede Behandlung und jede
Hilfe erhalten wird, die die
Wissenschaft zu geben vermag,
ohne jegliches materielle
Interesse. Ist es nach dieser
Erklärung zu viel verlangt, wenn
ich Sie bitte, dem Herrn
Marchese meinen Besuch
anzukündigen?"
Lydia stand auf.
"Warten Sie",
sagte Falci daraufhin, indem er
gleichfalls aufstand und seine
gewohnte Haltung wieder einnahm.
"Ich sage Ihnen, ich werde dem
Marchese gegenüber nicht
erwähnen, daß ich damals
gekommen bin. Ich werde ihm
vielmehr sagen, wenn Sie das
wollen, daß Sie mich aus Sorge
vor der Hochzeit rufen ließen."
Lydia sah ihm
stolz in die Augen.
"Sie werden die
Wahrheit sagen. Vielmehr, ich
werde sie sagen."
"Daß Sie mir
nicht geglaubt haben?"
"Genau das."
Falci zuckte die
Achseln und lächelte.
"Das könnte
Ihnen schaden. Und das möchte
ich nicht. Wenn Sie lieber
meinen Besuch bis nach der
Hochzeit aufschieben wollen,
sehen Sie, ich wäre auch
durchaus bereit, später
wiederzukommen."
"Nein", sagte
Lydia, mehr mit einer Geste als
mit der Stimme, erstickt von dem
inneren Aufruhr, mit glühendem
Gesicht vor Scham angesichts der
scheinbaren Großzügigkeit des
Arztes; mit der Hand bedeutete
sie ihm einzutreten.
Silvio Borghi
wartete schon ungeduldig in
seinem Zimmer.
"Hier ist Doktor
Falci", sagte Lydia, als sie
steif und verkrampft ins Zimmer
trat. "Wir haben da drüben ein
Mißverständnis ausgeräumt. Du
erinnerst dich doch daran, daß
der Doktor bei seinem ersten
Besuch gesagt hatte, er wollte
wiederkommen, nicht wahr?"
"Ja", antwortete
Borghi. "Ich erinnere mich sehr
gut, Herr Doktor!"
"Du weißt noch
nicht", setzte Lydia fort, "daß
er tatsächlich wiederkam, und
zwar an demselben Morgen, an dem
das Unglück mit deiner Mutter
geschehen war. Und damals hat er
mit mir gesprochen. Er sagte, er
sei der Ansicht, deine Krankheit
wäre nicht genau diejenige, die
von den vielen anderen Ärzten
festgestellt worden war; daher
wäre deine Heilung seiner
Meinung nach nicht ganz
unmöglich. Ich habe dir nichts
davon gesagt."
"Weil die
Signorina, verstehen Sie",
beeilte sich Doktor Falci
anzufügen, "da es sich ja nur um
einen Zweifel handelte, den ich
in diesem Augenblick und in sehr
vager Form ausgesprochen hatte,
der Meinung war, es handle sich
um eine Art Trost, den ich in
dieser Stunde hätte bringen
wollen, und der Sache daher
keine große Bedeutung beimaß."
"Das ist es, was
ich gesagt habe, nicht das, was
Sie denken", entgegnete Lydia
rasch und stolz. "Doktor Falci
hat vermutet, was im übrigen
wahr ist, nämlich, daß ich dir
nichts von seinem zweiten Besuch
gesagt hätte; und so ist er von
sich aus noch vor der Hochzeit
zu uns gekommen, um dir
unentgeltlich seine Behandlung
anzubieten. Und nun kannst du
mit ihm glauben, Silvio, ich
wollte dich lieber blind lassen,
damit du mich heiratest."
"Was sagst du
da, Lydia?", fuhr der Blinde
auf.
"Aber freilich",
setzte sie schnell hinzu, mit
einem seltsamen Lachen. "Und das
kann sogar stimmen, denn
tatsächlich könnte ich nur
unter dieser Bedingung die Deine
werden..."
"Was sagst du
da?", wiederholte Borghi, ihr
ins Wort fallend.
"Du wirst es
noch merken, Silvio, wenn es dem
Doktor Falci gelingt, dir das
Augenlicht zurückzugeben. Ich
lasse euch allein."
"Lydia! Lydia!",
schrie Borghi.
Aber sie war
bereits hinausgegangen und hatte
die Türe ins Schloß geworfen.
Sie warf sich
aufs Bett, biß voller Wut in ein
Kissen und brach zunächst in ein
unstillbares Schluchzen aus. Als
die erste Wut des Weinens
vorüber war, überkam sie eine
große Bestürzung und so etwas
wie Abscheu vor ihrem Gewissen.
Es schien ihr, als hätte sie all
das, was der Arzt ihr in seiner
kalten, beißenden Art an den
Kopf geworfen hätte, sich längst
schon selbst gesagt, oder
besser, als hätte jemand in ihr
es gesagt; und sie hatte getan,
als höre sie es nicht. Ja,
freilich, ständig, in einem fort
hatte sie an Doktor Falci
gedacht, und immer, wenn sein
Bild in ihr aufgestiegen war,
wie das Gespenst eines
Gewissensbisses, hatte sie es
mit einem Schimpfwort
verscheucht: "Scharlatan!" Denn
- wie hätte sie das jetzt noch
leugnen können? - sie wollte,
sie wollte wirklich, daß ihr
Silvio blind bleiben sollte.
Seine Blindheit war die
unverzichtbare Voraussetzung
seiner Liebe. Denn wenn er
morgen das Sehvermögen
wiedererlangt hätte, schön wie
er war, jung, reich, ein
adeliger Herr, weshalb hätte er
dann noch sie heiraten sollen?
Aus Dankbarkeit? Aus Mitleid?
Ach, nur aus diesem Grund! Und
also nicht, nein! Selbst wenn er
es gewollt hätte: sie nicht! wie
hätte sie das annehmen können,
sie, die sie ihn liebte und ihn
nur um dieser Liebe willen
wollte? Sie, die sie in seinem
Unglück den Grund seiner Liebe,
ja, beinahe die Entschuldigung
dafür sah gegenüber der
Böswilligkeit der anderen? Kann
man also so nachgeben, ohne es
zu merken, mit dem eigenen
Gewissen Kompromisse schließen,
bis man ein Verbrechen begeht?
Bis man das eigene Glück auf dem
Unglück eines anderen aufbaut?
Nein, sie hatte ja wirklich nie
daran geglaubt, daß dieser da,
ihr Feind, das Wunder
vollbringen und ihrem Silvio das
Augenlicht zurückgeben könnte;
sie glaubte es nicht einmal
jetzt; aber warum hatte sie
geschwiegen? Wirklich deshalb,
weil sie nicht geglaubt hatte,
daß man diesem Arzt Vertrauen
schenken dürfe? Oder nicht
vielleicht doch deshalb, weil
der Zweifel, den der Arzt
ausgesprochen hatte, und der für
Silvio wie ein Hoffnungsschimmer
sein würde, für sie dagegen den
Tod bedeutet hätte, den Tod
seiner Liebe, wenn er zur
Gewißheit geworden wäre? Auch
jetzt noch konnte sie glauben,
daß ihre Liebe genügen würde, um
den Blinden für das verlorene
Augenlicht zu entschädigen, ja,
daß ihm, wenn er nun durch ein
Wunder sein Sehvermögen
zurückgewänne, weder dieses
höchste Glück, noch alle
Vergnügungen, die er sich mit
seinem Reichtum kaufen könnte,
noch die Liebe einer anderen
Frau Ersatz für den Verlust
ihrer Liebe bieten könnte. Aber
das waren Gründe, die für sie
selbst zählten, nicht für ihn.
Wenn sie nun vor ihn hingetreten
wäre, um ihm zu sagen: "Silvio,
du mußt wählen zwischen dem
Augenlicht und meiner Liebe?" -
"Und warum willst du mich denn
blind lassen?", hätte er ihr
sicher geantwortet. Ja, weil
eben nur so, um den Preis seines
Unglücks, ihr Glück möglich war.
Plötzlich sprang
sie auf, als hätte sie jemand
gerufen. War die Untersuchung
dort drüben denn noch immer
nicht zu Ende? Was mochte der
Arzt wohl sagen? Was würde er
denken? Sie verspürte die
Versuchung, auf Zehenspitzen zu
dieser Tür zu schleichen, die
sie selbst geschlossen hatte,
und zu lauschen; aber sie hielt
sich zurück. Ja, das war's: sie
war draußen vor der Tür
geblieben. Sie selbst hatte sie
sich zugeschlagen, mit ihren
eigenen Händen, auf immer. Aber
hätte sie vielleicht die
giftigen Angebote dieses
Menschen annehmen sollen? Er
hatte sich ja sogar dazu
verstiegen, ihr vorzuschlagen,
man könnte seinen Besuch bis
nach der Hochzeit aufschieben. -
Wenn sie das angenommen hätte...
Nein! Nein! Sie krampfte sich
zusammen, vor Abscheu und Ekel.
Was für ein infamer Tauschhandel
wäre das gewesen! Der häßlichste
Betrug, den man sich denken
konnte! Und danach? Verachtung,
aber keine Liebe mehr...
Sie hörte, wie
die Türe aufging; sie zuckte
zusammen. Instinktiv lief sie in
den Korridor hinaus, durch den
Falci kommen mußte.
"Ich habe
versucht, das wiedergutzumachen,
was Ihre übermäßige Offenheit
bewirkt hat, Signorina", sagte
er kalt. "Meine Diagnose hat
sich erhärtet. Der Marchese
kommt morgen früh zu mir auf die
Klinik. Gehen Sie, gehen Sie
einstweilen zu ihm, er erwartet
Sie. Auf Wiedersehen."
Wie vernichtet,
leer, blieb sie stehen und
folgte ihm mit den Augen bis an
das Ende des Korridors. Dann
hörte sie Silvios Stimme, der
nach ihr rief, von dort drinnen.
Sie fühlte, wie ein Aufruhr in
ihr zu toben begann; sie empfand
etwas wie Schwindel; sie fiel
beinahe zu Boden; sie schlug die
Hände vors Gesicht, um die
Tränen zurückzuhalten; dann lief
sie zu ihm.
Er erwartete sie
sitzend, mit ausgebreiteten
Armen; dann drückte er sie an
sich, fest, ganz fest, und
schrie sein Glück hinaus, daß er
für sie allein sein Augenlicht
zurückhaben wollte, um sie zu
sehen, seine liebe, schöne, süße
Braut.
"Du weinst?
Warum? Ach, ich weine ja auch,
siehst du? Ach, welche Freude!
Ich werde dich sehen... ich
werde dich sehen! Ich werde
sehen!"
Jedes Wort war
für sie ein Tod; so sehr, daß er
mitten in seiner Freude begriff,
daß ihr Weinen nicht so war wie
das seine. Da begann er ihr zu
sagen, daß er freilich, ach! na
freilich, auch er, an einem Tag
wie damals den Worten des Arztes
nicht geglaubt hätte, und also
Schluß damit, kein Wort mehr!
Was dachte sie denn noch darüber
nach? Heute war ein Festtag!
Fort mit all der Betrübnis! Fort
mit allen Gedanken, mit einer
Ausnahme, dieser: daß sein Glück
nun endlich vollständig sein
würde, denn er würde seine Braut
sehen. Nun hätte sie ein bißchen
mehr Muße, mehr Zeit, um das
gemeinsame Nestchen zu bauen;
und schön sollte es sein, wie
ein Traum, dieses Nestchen, das
er als erstes Ding auf der Welt
sehen würde. Ja, er verspreche
es, er würde mit verbundenen
Augen aus der Klinik kommen und
sie hier zum ersten Mal
aufschlagen, in seinem Nestchen.
"Sag doch was!
Sprich zu mir! Laß mich doch
nicht allein reden!"
"Strengt es dich
an?"
"Nein... Frag
mich noch einmal: "Strengt es
dich an?", mit dieser deiner
Stimme. Laß sie mich küssen,
hier, auf deinen Lippen, diese
deine Stimme..."
"Ja..."
"Und jetzt
sprich; erzähl mir, wie du es
mir bauen wirst, unser
Nestchen."
"Wie?"
"Ja, bis jetzt
habe ich dich nichts darüber
gefragt. Aber nein, ich will
nichts darüber wissen, auch
jetzt noch nicht. Du sollst
alles allein machen. Es wird für
mich ein Wunder sein, ein
Zauber... aber zuerst werde ich
gar nichts sehen: nur dich
allein!"
Sie unterdrückte
entschlossen das verzweifelte
Weinen, ihr Gesicht begann zu
strahlen, und dort, vor ihm
kniend, er über sie gebeugt, sie
umarmend, begann sie, ihm von
ihrer Liebe zu sprechen, beinahe
ins Ohr flüsternd, mit ihrer
Stimme, die mehr denn je süß und
zauberhaft klang. Aber als er
sie dann trunken an sich zog und
drohte, sie nicht mehr loslassen
zu wollen, in diesem Augenblick
entwand sie sich ihm, richtete
sich auf, stolz, wie auf einen
Sieg über sich selbst. Ja, sie
hätte es in der Hand gehabt,
auch jetzt noch, ihn
unauflöslich an sich zu binden.
Aber nein! Denn sie liebte ihn.
Diesen ganzen
Tag lang, bis spät in die Nacht
hinein, machte sie ihn mit ihrer
Stimme trunken; sie war sicher,
denn er war ja noch im Dunkel,
dort, und gehörte ihr; im
Dunkel, in dem bereits die
Hoffnung aufflackerte, schön wie
das Bild, das er sich von ihr
ausgemalt hatte.
Am nächsten
Morgen bestand sie darauf, ihn
im Wagen bis zur Klinik zu
begleiten, und beim Abschied
sagte sie ihm, sie würde nun
gleich ans Werk gehen, wie eine
eilige Schwalbe.
"Du wirst
sehen!"
Sie wartete zwei
Tage in schrecklichem Bangen auf
den Ausgang der Operation. Als
sie erfuhr, daß sie gelungen
war, wartete sie noch ein
bißchen in dem leeren Haus; sie
richtete es liebevoll für ihn
her und ließ ihm, der sie
überglücklich an seiner Seite
haben wollte, sei es auch nur
für eine Minute, bestellen, er
solle noch ein paar Tage warten;
sie käme ihn nicht besuchen, um
ihn nicht aufzuregen; der Arzt
erlaube es nicht...
"Doch?" Nun gut,
dann würde sie kommen...
Sie packte ihre
Sachen zusammen, und am Vortag
des Tages, an dem er das
Krankenhaus verlassen sollte,
reiste sie heimlich ab, um
wenigstens in seiner Erinnerung
eine Stimme zu bleiben, die er
nun vielleicht, da er jetzt aus
seinem Dunkel herausgetreten
war, auf vielen Lippen suchen
würde, aber vergebens.
|
Erledigen wir das, damit wir den
Gedanken aus dem Kopf haben -
(Leviamoci
questo pensiero - 1928) |
|
Erstveröffentlichung im Corriere della
sera vom 19. Juli
1910. Keine wesentlichen
Varianten bekannt.
aus dem Italienischen von Michael
Rössner |
 |
Im Sterbezimmer waren alle
Verwandten versammelt: der steinalte Vater, die
Schwestern mit ihren Ehemännern, die Brüder mit
ihren Ehefrauen und ihren ältesten Kindern. Manch
einer weinte still vor sich hin, das Taschentuch auf
die Augen gepreßt; manch einer schüttelte bitter den
Kopf, kaum merklich, und zog die Mundwinkel nach
unten, während er die arme Tote auf dem Bett
zwischen den vier Kerzen betrachtete, mit dem
kleinen silbernen Kruzifix und dem Rosenkranz aus
roten Perlen in den harten, bläulich angelaufenen
und mit Gewalt auf der Brust verschränkten Händen.
Bernardo Sopo, ihr Mann, ging im
Nebenzimmer auf und ab. Breitschultrig, wenngleich
mit armseligen, müden Beinchen ausgestattet, ging er
dort auf und ab, kahlköpfig und vollbärtig wie ein
Kapuzinerpater, mit halbgeschlossenen Augen, die
Brille auf der Nasenspitze vergessen, die Hände auf
dem Rücken verschränkt; von Zeit zu Zeit blieb er
kurz stehen und sagte:
"Ersilia... die Ärmste..."
Dann begann er wieder auf und
abzugehen, und kurz darauf blieb er wieder stehen,
um nochmals zu wiederholen:
"Die Ärmste."
Der Klang seiner Schritte, der Klang
seiner Stimme bei dem, was da nicht einmal wie ein
Ausruf des Bedauerns klang, sondern eher wie eine
logische Schlußfolgerung, störten die stumm und in
tiefer Trauer in dem Sterbezimmer verharrenden
Verwandten. Noch mehr aber störte seine Gegenwart,
jedes Mal, wenn er einen Augenblick auf der Schwelle
stehen blieb, und mit rückwärts geneigtem Kopf, die
Augen hinter den Wimpern verborgen, alle reihum
ansah, als betrachte er mitleidig dieses Schauspiel
des Todes, das sie dort aus ehrlichem Herzen
aufführten, als müßten sie eine Pflicht erfüllen,
eine überaus traurige, sicher, aber doch auch eine
ganz und gar unnötige.
Und kaum wandte er ihnen den Rücken,
um wieder im Nebenzimmer auf und abzugehen, hatten
alle den Eindruck, daß dieser Mann, indem er so auf
und abging, mit erzwungener Geduld den Augenblick
erwartete, in dem da drinnen endlich das Weinen zu
Ende sein würde.
In einem bestimmten Augenblick sahen
sie ihn mit einem Ausdruck das Zimmer betreten, den
sie an ihm gut kannten, einen Ausdruck der
Resignation, aber zugleich der Starrköpfigkeit, mit
dem er den Protesten aller begegnete und alle
Beschimpfungen entgegennahm wie ein Esel die
Peitschenhiebe, ohne sich doch einen Schritt von
dem Abgrund vor ihm fortzubewegen.
Es fehlte nicht viel, und sie hätten
gefürchtet, er könnte diese vier Kerzen ausblasen,
als wollte er sagen, das Schauspiel habe nun genug
gedauert und könnte gut zu Ende gehen.
Sogar dessen hielten diese
Verwandten Bernardo Sopo für fähig. Und wirklich,
wenn es auf ihn angekommen wäre - nein, ausgelöscht
hätte er sie nicht, ausgelöscht niemals - aber sie
wären gar nie angezündet worden, diese Kerzen, und
auch diese Blumen wären nicht aufs Bett gestreut
worden, der Toten wäre nicht dieses Kruzifix und
dieser Rosenkranz aus roten Perlen in die Hand
gedrückt worden. Aber nicht aus dem Grund, den die
Verwandten böswilligerweise anzunehmen geneigt
waren.
Bernardo Sopo trat zu seinem
Schwiegervater hin und bat ihn, einen Augenblick mit
ihm in sein Arbeitszimmer zu kommen.
Dort entlockte ihm der Anblick der
stillen Möbel im Halbdunkel, die nichts von dem
wußten, was dort drüben vorgefallen war, ein
hörbares Schnauben, besonders der Anblick der von
dicken Büchern über Philosophie überquellenden
Regale. Er öffnete eine Lade des Schreibtisches, zog
ein auf seine verstorbene Frau lautendes Zertifikat
heraus und reichte es dem Schwiegervater hin.
Dieser, von dem Unglück ganz
verstört, starrte mit wimpernlosen, durch das Weinen
blutunterlaufenen Augen erst dieses Zertifikat, dann
seinen Schwiegersohn an, ohne etwas zu begreifen.
"Ersilias Mitgift", sagte Sopo zu
ihm.
Der Alte warf entrüstet das
Zertifikat auf den Schreibtisch, und nachdem er
dortselbst auf den ersten besten Stuhl gesunken
war, weil er sich nicht mehr auf den Beinen halten
konnte, sprang er gleich wieder wie von der Tarantel
gestochen auf, um ins Sterbezimmer zurückzulaufen.
Aber Bernardo Sopo, der schmerzlich die Augen
zusammenkniff und die Hände vorstreckte, versuchte
ihn zurückzuhalten.
"Um Himmels willen", bat er. "Was zu
tun ist, muß getan werden..."
"Weinen!" schrie der Alte zurück.
"Weinen! Sie beweinen, das ist einstweilen das
einzige, was zu tun ist!"
Bernardo Sopo kniff wieder
schmerzlich die Augen zusammen, aus tiefem Mitleid
mit diesem armen Alten, mit diesen armen Vater; aber
dann blickte er auf, hob die Brust, sog so viel Luft
wie möglich durch die Nasenlöcher ein und sagte,
während er sie mit einer Geste verzweifelter
Müdigkeit wieder ausblies:
"Was hilft das schon?"
Da er keine Kinder mit seiner Frau
gehabt hatte, mußte er die Mitgift zurückerstatten.
Das galt es zu erledigen, damit er
den Gedanken aus dem Kopf hatte.
Ein anderer Gedanke, bei dem er es
kaum erwarten konnte, ihn aus dem Kopf zu haben,
war der an das Haus. Nachdem die Frau verstorben war
und er die Mitgift zurückerstatten mußte, konnte er
sich bei all den Belastungen, die er auf sich hatte,
die Miete nicht länger leisten. Zudem wäre dieses
Haus für ihn, der nun allein zurückblieb, ohnedies
viel zu groß gewesen. Glücklicherweise lautete der
Mietvertrag auf seine Frau, so daß er sich mit
ihrem Tod ganz von selbst auflöste.
Aber da waren noch die Möbel, all
die Möbel, mit denen die arme Verstorbene, die eine
besondere Liebe für das Dekorative gehabt hatte,
sämtliche Zimmer bis in die entlegensten Winkel
vollgeräumt hatte. Und Bernardo Sopo empfand sie als
ebenso viele Felsblöcke, die auf seiner Brust
lasteten.
Bis zum Monatsende waren es nur noch
sechs Tage. Die Miete für diesen Monat war bezahlt;
er wollte nicht wegen all dieser Möbel da, mit denen
er nichts anzufangen wußte, auch noch die für den
nächsten Monat zahlen. Er hatte bereits vereinbart,
in ein möbliertes Zimmer zu ziehen. Aber wie sollte
er die Sache beschleunigen? Damit er diesen anderen
Gedanken mit den Möbeln aus dem Kopf bekam, mußte
zuerst seine Frau auf den Friedhof getragen worden
sein; und nach dem ausdrücklichen Willen der
Verwandten mußten dafür wenigstens achtundvierzig
Stunden vergehen, da sie so plötzlich an einem
Herzstillstand gestorben war.
"Achtundvierzig Stunden", murmelte
Bernardo Sopo, während er weiter spazierenging, mit
halbgeschlossenen Augen und sich mit der unruhigen
Hand das Kinn unter den Haaren des dichten
Kapuzinerpater-Bartes kratzend. "Achtundvierzig
Stunden! Als ob die arme Ersilia nicht wirklich tot
sein könnte! Leider ist sie wirklich tot! Leider für
mich, nicht für sie. Ach, sie, die arme Ersilia, sie
hat diesen Gedanken des Todes jetzt aus dem Kopf.
Während wir hier jetzt... Alle diese Dummheiten, die
zu erledigen sind; und die man erledigen muß! Die
Totenwache, sicherlich, und die Kerzen und die
Blumen und der Begräbnisritus in der Kirche und die
Überführung und das Begraben. Achtundvierzig
Stunden!"
Und ohne auf die schrägen Blicke zu
achten, die ihm alle zuwarfen, weil sein
Schwiegervater gerade eben die Geschichte von dem
Zertifikat über die Mitgift erzählen gekommen war,
gab er weiterhin auf jede nur denkbare Weise die
Beklemmung, ja die Raserei zu erkennen, die dieses
erzwungene Warten in ihm auslöste.
Unter dem Ansturm der drängenden
Sorgen fand er einfach keine Ruhe; er trat bald zu
diesem, bald zu jenem der engsten Verwandten der
Verblichenen hin, unwiderstehlich getrieben von der
Idee, ihm ein paar von den vielen Dingen
vorzuschlagen, die zu tun waren; aber sogleich
spürte er bei dem Gesprächspartner das Entsetzen und
die Ablehnung. Er nahm das nicht übel. Er war schon
darauf gefaßt. Im übrigen erkannte er ja an, daß
dieses Entsetzen, diese Ablehnung nur natürlich
waren gegenüber einem, der wie er die harten
Notwendigkeiten des Lebens verkörperte. Er verstand
und bemitleidete den anderen, blieb eine Weile neben
ihm stehen und beobachtete ihn unter den
halbgeschlossenen Lidern, unbeweglich, störend,
erdrückend, bis er endlich bei dem anderen ein
Aufseufzen und die Frage auslöste: "Brauchst du
etwas von mir?"
Er nickte mit dem Kopf, traurig, und
mit müdem, zerstörten Ausdruck schleppte er den
anderen in das Eßzimmer, um dort auf und abzugehen.
Nachdem er dort zwei oder dreimal
hin- und hergelaufen war, wobei er stoßweise
ausrief: "Ach, das Leben, mein Lieber, was für ein
Jammer!" - "Das Leben, was für ein Elend!" - oder
wiederum: "Ersilia... die Ärmste...", blieb er
stehen und seufzte in demütiger, ergebener Haltung,
oder indem er sich plötzlich zerstreut gab:
"Du, mein Lieber, wenn du willst,
könntest du dir einstweilen diese beiden Vitrinen
mit dem Porzellan und den Gläsern nehmen. Auch die
Anrichte, wenn du willst."
Das Angebot in
diesem Augenblick, da dort
drüben noch der Leichnam lag,
erschien dem Gesprächspartner
wie eine Beleidigung, ja
schlimmer, wie ein Schlag ins
Gesicht. Und ohne andere Antwort
als einen angewiderten,
verächtlichen Blick sah Bernardo
Sopo sich plötzlich stehen
gelassen.
Das nahm ihm
freilich nicht den Mut, kurz
darauf zu einem anderen der
nächsten Verwandten hinzutreten
und ihn zu einem Spaziergang in
den Salon zu führen, um ihm in
einem bestimmten Augenblick, so
wie dem vorhergehenden
Gesprächspartner, ein Angebot
zu machen:
"Wenn dir dieses
Kanapee und diese kleinen
Lehnsessel gefallen, kannst du
sie gerne haben, weißt du,
Lieber!
Zu guter Letzt,
als er sah, wie die nächsten
Verwandten sich alle entrüstet
weigerten, begann er die Möbel
und den Hausrat den weniger
nahen Verwandten und auch dem
einen oder anderen Fremden unter
den Freunden des Hauses
anzubieten, wobei die
Beschenkten ihm mit weniger
Skrupeln, aber doch verdattert
und schüchtern für das Angebot
dankten. Bernardo Sopo schnitt
die Danksagungen sogleich mit
einer Handbewegung ab, zuckte
die Achseln, als wollte er
sagen, er messe diesem Geschenk
keinerlei Bedeutung bei, und
fügte hinzu:
"Du mußt dich
freilich ziemlich beeilen, sie
fortzuschaffen; es liegt mir am
Herzen, dieses Haus so bald wie
möglich zu räumen."
Jene anderen
verfolgten ihn einstweilen aus
dem Sterbezimmer heraus wie
rasend mit bösen Blicken und
gaben ihre Wut, ihre Verachtung
und ihren Abscheu zu erkennen.
Nein, sie hatten
kein Recht, kein Recht an diesen
Möbeln, die ihm, Bernardo Sopo,
ganz allein gehörten; aber zum
Teufel, es war doch eine
Ungehörigkeit!
Und einer nach
dem anderen hielten sie es nicht
mehr aus, sprangen von ihren
Stühlen auf und beschimpften
ihn, knurrten ihm zwischen den
Zähnen zu, er solle sich schämen
über das, was er tat, sich
schämen, so wie sogar die Leute
sich für ihn schämten, die in
der Peinlichkeit der Situation
es nicht verstanden hatten,
seine Angebote von sich zu
weisen. Sie riefen sie als
Zeugen an:
"Ist's nicht
wahr? Ist's nicht wahr?"
Und jene zuckten
die Achseln, ein betrübtes
Lächeln auf den Lippen.
"Aber freilich!
Ein jeder von ihnen!" riefen da
die Verwandten aus. "Das sind
doch Beleidigungen!"
Und Bernardo
Sopo erwiderte, immer noch mit
geschlossenen Augen, während er
die Arme ausbreitete:
"Aber
entschuldigt, meine Lieben,
warum das alles? Ich gebe alles
her, was ich habe... Für mich
ist's vorbei, meine Lieben! Ich
darf nicht mehr daran denken,
ich muß das aus dem Kopf haben!
Ich weiß, was ich für eine Bürde
mit mir herumschleppe. Laßt mich
doch machen. Das sind Dinge, die
getan werden müssen."
Und die anderen
schrien: "Na gut, sie müssen
getan werden: aber zur rechten
Zeit und am rechten Ort, zum
Donnerwetter!"
Und darauf sagte
er, um die Suada abzuschneiden,
indem er wieder zu sich fand:
"Ich verstehe... ich
verstehe..."
Aber er verstand
nicht im geringsten; oder
besser, er verstand nur das
eine: daß diese verlangte
Verzögerung eine Schwäche war;
eine Schwäche wie dieses ganze
Weinen dort.
Sie glaubten, er
hätte kein Herz, weil er nicht
weinte. Aber zeigt denn das
Weinen die Intensität eines
Schmerzes? Es zeigt doch nur die
Schwäche dessen, der leidet. Wer
weint, will den anderen zeigen,
daß er weint, will sie rühren
oder bittet um Trost und
Anteilnahme. Er weinte nicht,
denn er wußte, daß niemand ihn
zu trösten vermocht hätte, und
daß jede Anteilnahme sinnlos
gewesen wäre. Und mit jenen, die
aus dieser Welt gingen, mußte
man schon gar kein Mitleid
haben. Die Glücklichen waren
vielmehr zu beneiden!
Das Leben
stellte sich Bernardo Sopo durch
und durch düster dar; der Tod
ein Hauch von noch dichterem
Dunkel in dieser Düsternis. Es
gelang ihm nicht zu glauben,
weder an das Licht der
Wissenschaft für das Leben, noch
an das Licht des Glaubens für
den Tod; und in all dieser
Dunkelheit sah er sich nichts
anderes abzeichnen als auf
Schritt und Tritt die
unangenehmen, harten und
schwierigen Notwendigkeiten der
Existenz, bei denen jeder
Versuch sinnlos war, ihnen zu
entgehen, denen man sich also
unverzüglich zu stellen hatte,
um sie zu überwinden, um den
Gedanken an sie so schnell wie
möglich aus dem Kopf zu haben.
Ja, das war es:
es galt sie zu erledigen, um den
Gedanken daran aus dem Kopf zu
haben! Das ganze Leben war
nichts anderes als das: ein
Gedanke, eine Kette von
Gedanken, die es zu erledigen
galt, um sie aus dem Kopf zu
haben. Jede Verzögerung war eine
Schwäche.
Alle diese
Verwandten die sich entrüsteten,
wußten freilich sehr gut, daß er
immer so gewesen war. Wie oft
hatte sie nicht ihre Ersilia zum
Lachen gebracht, wenn sie mit
fröhlicher Übertreibung die
wilden Abenteuer ihres Ehelebens
mit diesem Mann erzählt hatte,
der - der Arme, was konnte man
schon tun? - der die Manie, den
Wahn im Leibe hatte, alle
Gedanken so schnell wie möglich
aus dem Kopf zu bekommen, kaum
daß sie ihm im Geist als
unausweichliche Notwendigkeiten
aufgestiegen waren. Auch im
Bett, jawohl, auch dort, alle
Gedanken! Und sie, die Ärmste,
sie stellte sich als eine müde
gelaufene Hündin dar, die
ständig mit heraushängender
Zunge hinter ihm dreinhetzte.
Hieß es ins
Theater gehen? Dieser Mann hatte
keine Ruhe mehr. Nicht, weil ihm
das Theater so sehr am Herzen
gelegen wäre; ganz im Gegenteil!
Der Gedanke, dorthin zu gehen,
wurde ihm zu einem solchen
Alptraum, daß er es kaum
erwarten konnte, ihn aus dem
Kopf zu bekommen; und jawohl,
meine Herrschaften, da war er
jedes Mal eine Stunde zu früh in
der Loge, und wartete im
Dunklen!
Hieß es
verreisen? Um Gottes willen! Ein
Abgrund tat sich auf. Koffer,
Taschen, Bündel; los, jage,
Kutscher! Los, lauf,
Gepäckträger! Und der Schweiß!
Und der Schweiß! Und wie viele
Dinge waren nicht aufzufinden,
wie viele wurden vergessen, nur
damit man zwei Stunden vor
Abfahrt des Zuges am Bahnhof
ankam! Nicht, weil er Angst
hatte, den Zug zu versäumen,
aber weil er einfach nicht mehr
zu Hause warten konnte, nicht
einmal eine Minute lang, mit
diesem Gedanken an die Abfahrt,
der ihn nicht in Ruhe ließ.
Und wie oft war
er nicht zu Hause mit einem
Bündel von fünf oder sechs
Schuhen angekommen, damit er für
eine lange Zeit den Gedanken an
den Schuhkauf aus dem Kopf
hatte! Er war vielleicht der
einzige Steuerpflichtige, der
seine ganze Jahressteuerrate auf
einmal einbezahlte, und immer
als erster an den Schaltern des
Steueramtes. Es war geradezu ein
Wunder, daß er im Morgengrauen
des Tages, an dem die erste Rate
zu bezahlen war, den
Steuereinnehmer nicht auch noch
aus dem Bett holte.
Die arme Ersilia
hatte immer versucht, ihn zu
bremsen, wenn sie ihn so
bedrängt von all den Geschäften
vor sich sah; und dann, wenn er
müde und unruhig nicht wußte,
wie er die viele Zeit, die er
vor sich hatte, ausfüllen
sollte, fragte sie ihn: "Siehst
du? Jetzt hast du den Gedanken
aus dem Kopf, mein lieber Bebi;
und nun? Und nun?"
Bei dieser Frage
schüttelte Bernardo Sopo den
Kopf, immer noch mit
geschlossenen Augen.
Er wollte nicht
zugeben, nicht nur den anderen
gegenüber, sondern nicht einmal
vor sich selbst, daß im tiefsten
Grund dieser Dunkelheit, die er
in sich spürte, und die weder
das Licht der Wissenschaft noch
das Licht des Glaubens je auch
nur mit einem ersten kalten
Schimmer des Morgengrauens zu
erhellen vermochten, in ihm so
etwas wie eine unbenennbare
Sehnsucht pochte, die Sehnsucht
einer unbekannten Erwartung,
eine vage Vorahnung, daß es im
Leben etwas zu tun galt, das
nichts mit den vielen Dingen zu
tun hatte, denen er
hinterherlief, um sie sofort zu
erledigen und den Gedanken an
sie aus dem Kopf zu haben. Aber
leider blieb ihm immer, wenn er
den Gedanken an diese Dinge aus
dem Kopf hatte, so etwas wie
Spannung und Sehnsucht in einer
entsetzlichen Leere zurück.
Diese Sehnsucht blieb tief
drinnen in ihm; aber die
Erwartung, ach ja, die Erwartung
war stets vergebens.
Und die Jahre
waren vergangen und vergingen
weiter und Bernardo Sopo, immer
müder und angewiderter, aber
darob nicht weniger gehorsam
gegenüber all den härtesten
Notwendigkeiten der Existenz,
ja umso gehorsamer, je müder und
angewiderter er wurde, konnte
nicht mehr begreifen, daß man
eben deshalb, eben um diesen
Notwendigkeiten zu gehorchen, im
Leben stand.
War es denn
möglich, daß es sonst nichts zu
tun gab? Daß man deshalb auf die
Welt gekommen war und in der
Welt blieb?
Oja, es gab da
die Träume der Dichter, die
geistigen Gebäude der
Philosophen, die Entdeckungen
der Wissenschaft. Aber Bernardo
Sopo erschienen sie alle als
Scherze, ja, witzige oder kluge
Scherze, Illusionen. Zu welchen
Schlüssen führten sie denn
schon?
Er war immer
mehr zu der Überzeugung gelangt,
daß der Mensch auf dieser Erde
zu gar keinen Schlüssen gelangen
konnte, daß alle Schlüsse, die
der Mensch meinte erreicht zu
haben, notwendigerweise
illusorisch und arbiträr waren.
Der Mensch ist
ein Teil der Natur, er ist die
Natur selbst, die denkt, die in
ihm die Früchte ihres Denkens
hervorbringt, auch sie Früchte
je nach Jahreszeit, wie die der
Bäume, vielleicht ein bißchen
weniger kurzlebig, aber doch
zwangsläufig kurzlebig auch sie.
Die Natur kann nicht zu einem
Schluß kommen, weil sie ewig
ist. Die Natur in ihrer Ewigkeit
zieht nie einen Schluß. Und also
kann auch der Mensch keinen
Schluß ziehen!
Bernardo Sopo
erinnerte sich sehr gut daran,
daß er, in der freien Zeit, von
der er immer mehr als genug
hatte, sich den gewöhnlichen
Verstrickungen, den alltäglichen
Sorgen, den Pflichten, die er
sich selbst auferlegt hatte, den
Gewohnheiten, die er angenommen
hatte, entzog, die Grenzen der
gewohnten Sicht des Lebens
erweiterte, und sich
leidenschaftslos darüber erhob,
um aus dieser tragischen und
feierlichen Höhe die Natur zu
betrachten. Er bemerkte, daß der
Mensch Scheuklappen aufsetzte,
um zu einem Schluß zu kommen, so
daß er für eine gewisse Zeit nur
ein Ding auf einmal sah; aber
wenn er dann glaubte, dieses
Ding eingeholt zu haben, fand er
es nicht mehr, denn wenn er
diese Scheuklappen abnahm und
dann all die Dinge ringsherum zu
Gesicht bekam, dann hieß es ade,
Schlußfolgerung!
Was blieb dann
also, wenn man sich nicht bewußt
selbst täuschen wollte, wie in
einem Scherz? Ach je, nichts
anderes als die harten
Notwendigkeiten der Existenz,
denen man sich sofort stellen,
und die man überwinden mußte, um
so schnell wie möglich den
Gedanken an sie loszuwerden. Ja,
dann konnte man sich aber auch
gleich umbringen, um den
Gedanken an alles und jedes
loszuwerden. Ja, bravo! Sich
umbringen... Wer das tun konnte!
Bernardo Sopo konnte es nicht;
sein Leben war leider eine
Notwendigkeit, und den Gedanken
an diese konnte er nicht aus dem
Kopf bekommen. Er hatte so viele
arme Verwandte; für sie mußte er
leben.
Nach der
Überführung und dem Begräbnis
der Frau zog er sich in ein
armseliges Untermietzimmer
zurück, um hinfort allein zu
leben, nachdem es ihm gelungen
war, alle Habe in den wenigen
Tagen, die ihm noch bis zum
Monatsende blieben, loszuwerden.
Keiner der
Verwandten seiner Frau wollte
mehr etwas von ihm wissen. Und
ihm tat das auch gar nicht leid.
Er befreite sich
sofort von vielen
Notwendigkeiten, die ihm auch zu
Lebzeiten seiner Frau stets
überflüssig erschienen waren,
die er aber um ihretwillen
angenommen und denen er sich mit
seinem üblichen Mut oder der
üblichen Ergebenheit gestellt
hatte, um sie zu überwinden. Er
schränkte sich in allen
Lebenshaltungskosten ein, bei
der Wäsche, bei der Garderobe,
die die Frau ihm aufgezwungen
hatte, um nun, da sie nicht mehr
lebte, die Schecks für die armen
Verwandten nicht allzu sehr zu
schmälern, die ihm dafür gar
keinen Dank wußten. Und auch das
tat ihm nicht weh. Er hielt sein
Opfer für eine ebenfalls
unumgängliche Notwendigkeit; und
er ließ das auch deutlich in
seinen Briefen an diese
Verwandten erkennen, die ihm
eben deshalb nicht dankbar
waren. Sie stellten somit für
ihn so wie alles übrige einen
Gedanken dar, den es zu
erledigen galt, um ihn aus dem
Kopf zu haben, so schnell es
ging, jeden Monat. Auch, wenn er
deshalb so essen mußte, wie er
es tat, nur einmal täglich, und
auch das nicht zu üppig.
Schnell, schnell, auch diese
kleine Mahlzeit hinter sich
gebracht, damit man den ganzen
Tag nicht mehr daran denken
mußte.
Nachdem er so
die wenigen Geschäfte erledigt
hatte, die ihm noch geblieben
waren, wuchs vor ihm die Zeit
mehr denn je ins Unermeßliche,
wuchs die schreckliche Leere,
die er nicht mehr zu füllen
wußte.
Er begann, sie
zum Nutzen der anderen zu
verwenden, zum Nutzen von
Leuten, die er kaum kannte, von
deren Bedürftigkeit er durch
Zufall erfahren hatte. Aber
gewöhnlich bekam er von diesen
Nutznießern seiner Mühe nichts
anderes zurück als
Unhöflichkeiten und Undank. Es
fehlte ihm ganz und gar der Sinn
für die Angemessenheit, denn er
konnte nun einmal nicht
verstehen, daß man Freude daran
haben konnte, sich mit
Illusionen aufzuhalten, da er
doch überzeugt war, daß jede
Verzögerung angesichts der
drängenden und unvermeidlichen
Notwendigkeiten der Existenz
eine Schwäche wäre. Und er hatte
weder Mitleid noch Achtung für
all diese Schwachen, die
Aufschub suchten; er stellte
sich vor sie hin, wenn es
gerade nicht der Augenblick
war, sie an diese
Notwendigkeiten zu erinnern,
mit einem immer müderen und
bedrückteren Ausdruck, der nur
zu deutlich sagte: "Seht her,
wenn es auch so ist, wenn es
mich auch so viel Mühe kostet,
hier bin ich und stehe bereit;
los, los, meine Lieben,
erledigen wir das, damit wir den
Gedanken aus dem Kopf haben!"
Und längst schon
gerieten alle außer sich, wenn
sie ihn nur aus der Ferne
erblickten. Er war für alle zum
Alptraum geworden. Alle dachten,
er empfinde eine wilde Freude
dabei, andere zu quälen und zu
bedrücken.
Im Lauf der
Jahre wurden ihm die Beine immer
schwerer. Nichts war
schmerzlicher als ihm zuzusehen,
wie er nun zu Werk ging, bei
seinem ständigen Lauf hinter den
eigenen und fremden
Notwendigkeiten her, wie er nach
einer Weise suchte, mit diesen
armen Beinen, die ihn scheinbar
nicht vom Fleck kommen ließen,
so schnell wie möglich
vorwärtszukommen.
Eingehüllt in
den schrecklichen Schatten der
überschüssigen Zeit, in dem
Geschwirr, in dem Sturm der
vielen nicht nur von ihm selbst
zu erledigenden Dinge, passierte
es ihm oft, daß er plötzlich
mitten auf der Straße innehielt
und nicht mehr wußte, wohin er
ging und was er zu tun hatte.
Den Stock unter
der Achsel, den Hut in der Hand,
die andere Hand am Kinn unruhig
an den Haaren des dichten Bartes
zupfend, blieb er eine Weile
stehen, dachte mit
geschlossenen Augen nach und
sagte immer wieder leise zu sich
selbst:
"Ich hatte da
doch etwas zu erledigen..."
Und so erfaßte
ihn eines Tages, mitten auf
einem menschenleeren Platz,
gerade um die Mittagszeit, ein
mit Höchstgeschwindigkeit
daherrasendes Automobil.
Blitzschnell
umgeworfen, zwischen den Rädern
hin- und hergeschleudert, wurde
Bernardo Sopo kurz darauf mit
gebrochenen Rippen und
zersplitterten Armen und Beinen
sterbend von einigen
Rettungsleuten aufgelesen und
bewußtlos ins Krankenhaus
gebracht.
Kurz vor seinem
Tod kam er noch einmal zu sich.
Er schlug die verschleierten
Augen auf, blickte eine Weile
mit hochgezogenen Augenbrauen
den Arzt und die Krankenpfleger
rund um sein Bett an; dann ließ
er den Kopf auf die Kissen
zurücksinken und wiederholte mit
seinem letzten Seufzer:
"Ich hatte da
doch etwas zu erledigen..."
|
Im Wirbel - (Nel gorgo - 1925) |
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Erstveröffentlichung
1913 in Aprutium
(Darunter vom Autor
vermerkt: Juni 1913).
Die No in unserer
Ausgabe in Band 11,
Heinrich IV. und andere
Stücke). Keine
wesentlichen Varianten
bekannt.
aus dem Italienischen von Michael
Rössner |
 |
Im Circolo della racchetta wurde den
ganzen Abend hindurch von nichts anderem gesprochen.
Der erste, der die Botschaft
brachte, war Respi, Nicolino Respi, dem die Sache
sehr naheging. Wie üblich vermochte er jedoch nicht
zu vermeiden, daß die innere Bewegung sich ihm auf
den Lippen zu diesem nervösen Lächeln kräuselte, das
in den ernstesten Diskussionen wie in den
riskantesten Augenblicken des Spiels sein bleiches,
gelbliches Gesicht mit den scharfen Zügen so
unverwechselbar auszeichnete.
Die Freunde umringten ihn aufgeregt
und bestürzt:
"Wirklich verrückt geworden?"
"Nein, nur zum Spaß."
Traldi, der mit dem ganzen Gewicht
seines unförmigen, nilpferdartigen Körpers in dem
Diwan versunken war, versuchte mehrfach mit den
Händen die Hebelwirkung zu benutzen, um mehr auf dem
Rand des Möbels zu sitzen zu kommen, wobei er vor
Anstrengung die rotgeäderten Ochsenaugen weit
aufriß, die ihm aus den Höhlen zu springen drohten.
Er fragte: "Aber entschuldige, du sagst das doch...
(aach! aach...) du sagst das, weil er auch dich
angesehen hat?"
"Auch mich? Angesehen? Was willst du
damit sagen?" fragte Nicolino Respi nun seinerseits
verdutzt, indem er sich zu den Freunden wandte. "Ich
bin doch heute morgen erst aus Mailand angekommen,
und ich finde hier diese schöne Neuigkeit vor. Ich
weiß gar nichts, und ich kann es noch immer nicht
begreifen, wie Romeo Daddi, zum Teufel, der
Ruhigste, der Heiterste, der Weiseste von uns
allen..."
"Ist er schon in der Klapsmühle?"
"Aber ja, das sag ich euch doch!
Seit heute um drei. Im Sanatorium auf dem Monte
Mario."
"Armer Daddi!"
"Und Donna Bicetta? Ja, wie denn...
Es wird ja wohl sie gewesen sein, Donna Bicetta?
"Nein! Sie nicht! Im Gegenteil, sie
war um jeden Preis dagegen! Aber vorgestern ist der
Vater aus Florenz gekommen."
"Ach deshalb..."
"Jawohl, und er hat sie zu dieser
Entscheidung gezwungen, auch um ihres Mannes
willen... Aber erzählt mir doch, worum es dabei
eigentlich geht! Du, Traldi, weshalb hast du mich
gefragt, ob Daddi auch mich angesehen hatte?"
Carlo Traldi hatte sich wieder
behaglich in den Diwan zurückfallen lassen, den Kopf
nach hinten gelegt, das gerötete, schweißbedeckte
Doppelkinn nach vorne gereckt. Während er mit den
dünnen Froschbeinchen schlenkerte, die der riesige
Wanst ihn stets in obszöner Weise zu verbergen zwang
und er sich in nicht weniger obszöner Weise ständig
die Lippen mit der Zunge befeuchtete, antwortete er
geistesabwesend:
"Ja so... ich dachte nämlich, du
meintest deshalb, daß er verrückt geworden ist."
"Wieso deshalb?"
"Aber ja. So hat sich ja bei ihm der
Wahnsinn geäußert. Er blickte alle in einer so
seltsamen Weise an, mein Lieber... Kinder, laßt doch
nicht immer mich reden: sagt ihr, wie der arme Daddi
zu schauen pflegte."
Die Freunde erzählten Nicolino Respi
daraufhin, daß Daddi, als er von der Sommerfrische
zurückgekommen war, allen wie vom Donner gerührt
erschien, als wäre er gar nicht bei sich, mit einem
vagen Lächeln auf den Lippen und stumpfen,
blicklosen Augen, sobald irgend jemand ihn rief.
Dann war diese Benommenheit geschwunden, hatte einer
seltsamen, auffälligen Starre Platz gemacht. Er
starrte die anderen zunächst aus der Ferne, von der
Seite her an. Dann, nach und nach, als zögen ihn
gewisse Zeichen an, die er an diesem oder jenem
seiner engsten Freunde zu erkennen glaubte,
insbesondere bei denen, die sein Haus am häufigsten
frequentierten (ganz und gar natürliche Zeichen im
übrigen, denn tatsächlich waren alle verblüfft über
seine plötzliche und sonderbare Veränderung, die
sich so gar nicht mit der heiteren Ruhe seines
Charakters vertragen wollte), hatte er sie immer
mehr aus der Nähe zu belauern begonnen, und in den
letzten Tagen war er geradezu unerträglich geworden.
Er stellte sich bald dem einen, bald dem anderen
gegenüber auf, legte ihm die Hände auf die Schultern
und blickte ihm ganz steif und fest in die Augen.
"Der Körper, was für ein Grauen!"
rief an dieser Stelle Traldi, wobei er sich von
neuem in die Höhe zu ziehen versuchte, um auf den
Rand des Diwans zu sitzen zu kommen.
"Aber weshalb?" fragte Respi nervös.
"Hör einmal, jetzt will der auch
noch wissen, weshalb", rief Traldi neuerlich. "Ach,
du meinst, weshalb das Grauen? Mein Lieber, dich
hätte ich sehen mögen, unter diesem Blick! Du
wechselst jeden Tag das Hemd, nehme ich an. Du bist
sicher, saubere Füße zu haben und keine Löcher in
den Socken. Aber bist du auch sicher, daß du keinen
Schmutz in deinem Inneren hast, keinen Fleck auf
deinem Gewissen?"
"Ach Gott, ich meine..."
"Hör mal, du bist doch nicht
ehrlich!"
"Und du vielleicht?"
"Ich schon, ich bin ganz sicher, daß
es so ist. Und glaub mir, so geht es allen, mehr
oder weniger, daß wir uns in einem luziden Intervall
plötzlich als Schweine sehen! Schon seit einer
geraumen Weile, fast jeden Abend, wenn ich meine
Kerze ausblase, bevor ich einschlafe..."
"Du wirst alt, mein Lieber! Du wirst
alt!" riefen die Freunde im Chor.
"Mag schon sein, daß es daran liegt,
daß ich alt werde", räumte Traldi ein. "Umso
schlimmer! Es ist ja nicht eben ein Vergnügen
festzustellen, daß ich zu guter letzt nicht umhin
kann, mich in diesem Bild meiner selbst
wiederzufinden, als ein altes Schwein. Übrigens,
warte einmal. Nun, da ich dir das gesagt habe,
wollen wir einen Versuch wagen? Ruhe, ihr anderen!"
Und Carlo Traldi stemmte sich
ächzend in die Höhe. Er legte die Hände auf Nicolino
Respis Schultern und schrie ihn an: "Sieh mir fest
in die Augen. Nein, nicht lachen, mein Lieber! Sieh
mir fest in die Augen... Warte! Wartet... Ruhe..."
Alle ringsumher schwiegen, gespannt
den Ausgang dieses seltsamen Experimentes erwartend.
Traldi fixierte mit seinen großen,
eiförmigen und rotgeäderten Augen, die aus den
Höhlen traten, auf das schärfste die Augen Nicolino
Respis und schien, als wühle er mit dem boshaften
Schimmer seines Blicks, der immer schärfer und immer
intensiver wurde, in dessen Gewissen und fördere
dort in den geheimsten Verstecken die
schrecklichsten und abscheulichsten Dinge zutage.
Nach und nach begannen die Augen Nicolino Respis -
wenngleich darunter die Lippen mit dem üblichen
kleinen Lachen sagten: "Ach was, ich will bloß kein
Spaßverderber sein" - zu erlöschen, sich zu trüben,
auszuweichen, während Traldi unter dem Schweigen der
Freunde mit einer seltsamen Stimme, und ohne den
Blick abzuwenden oder auch nur ein wenig in der
Intensität abzuschwächen, triumphierend sagte:
"Das hast du's... siehst du?...
siehst du?"
"Ach hör doch auf!", brach es aus
Respi heraus, der nicht mehr an sich halten konnte
und ganz die Beherrschung verlor.
"Hör du doch auf, wir haben uns
schon verstanden", rief Traldi. "Du bist ein noch
größeres Schwein als ich!"
Und er brach in ein Gelächter aus.
Auch die anderen lachten, mit dem Gefühl einer
unerwarteten Erleichterung. Und Traldi setzte fort:
"Nun, das ist bloß ein Scherz gewesen. Nur im Scherz
kann einer von uns einen anderen auf diese Weise
ansehen. Denn du genauso wie ich, wir haben bislang
in uns ein funktionstüchtiges Maschinchen des
gesellschaftlichen Umgangs, und wir lassen den
Abschaum all unserer Taten, all unserer Gedanken,
all unserer Gefühle still und heimlich sich
versteckt am tiefsten Grund unseres Gewissens
absetzen. Aber warte, wenn dann einer, bei dem das
Maschinchen kaputtgegangen ist, dich so ansieht, wie
ich dich eben angesehen habe, aber nicht mehr zum
Scherz, sondern im Ernst, und wenn er dir auf diese
Weise, ohne daß du darauf gefaßt bist, den ganzen
Bodensatz an Abschaum deiner Taten, Gedanken und
Gefühle, den du in dir trägst, vom tiefsten Grund
deines Gewissens aufrührt; dann möchte ich doch
sehen, ob du nicht einen schönen Schrecken
bekommst!"
Während er das sagte, wandte Carlo
Traldi sich erregt zum Gehen. Er kam jedoch noch
einmal zurück und setzte hinzu: "Und weißt du, was
er vor sich hinmurmelte, ganz leise, der arme Daddi,
während er dir in die Augen sah? Sagt ihr es, was er
murmelte! Ich muß laufen."
"Welch ein Abgrund... welch ein
Abgrund..."
"So?"
"Ja... welch ein Abgrund... welch
ein Abgrund..."
Als Traldi gegangen war, löste sich
die Menschentraube auf, und Nicolino Respi blieb
höchst durcheinander in der Gesellschaft der beiden
einzigen Freunde zurück, die noch eine Weile
hindurch weiter von dem Unglück des armen Daddi
sprachen.
Ungefähr zwei Monate war es her, daß
er ihn in seiner Villa bei Perugia besucht hatte. Er
hatte ihn ruhig und heiter wie immer vorgefunden, in
Gesellschaft seiner Frau und einer Freundin
derselben namens Gabriella Vanzi, einer ehemaligen
Schulkameradin, die vor kurzem einen Marineoffizier
geheiratet hatte, der sich gerade auf hoher See
aufhielt. Er war drei Tage in der Villa geblieben,
und in diesen drei Tagen, nein, da hatte Romeo Daddi
ihn kein einziges Mal in der Weise angesehen, von
der Traldi gesprochen hatte.
Hätte er ihn angesehen...
Nicolino Respi befiel ein Unwohlsein
wie von einem plötzlichen Schwindel, und um sich zu
stützen - unter einem Lächeln, leichenblaß - tat er,
als wollte er sich vertraulich bei einem der beiden
Freunde einhängen.
Was war geschehen? Was erzählten sie
da? Folter? Was für eine Folter? Ach so, die Folter,
der Daddi seine Frau unterzogen hatte...
"Nachher, was?" - entschlüpfte es
ihm.
Und die beiden wandten sich zu ihm
um.
"Was heißt nachher?"
"Ach... nein, ich meinte... nachher,
also, nachdem bei ihm... bei ihm das Maschinchen
kaputt gegangen war."
"Na klar! Vorher wohl sicher nicht!"
"Zum Donnerwetter, sie waren doch
ein Wunder an ehelicher Eintracht, an häuslichem
Frieden! Sicherlich muß irgendetwas mit ihm während
der Sommerfrische geschehen sein."
"Aber ja, wenigstens irgendein
Verdacht muß ihm gekommen sein."
"Na seid so gut! Seiner Frau
gegenüber?", platzte Nicolino Respi heraus. "Das
kann, wenn überhaupt, nur ein Effekt des Wahnsinns
gewesen sein, nicht seine Ursache! Nur ein
Wahnsinniger..."
"Einverstanden! Einverstanden!",
riefen die Freunde dazwischen. "Bei einer Frau wie
Donna Bicetta!"
"Über jeden Verdacht erhaben! Aber
andererseits..."
Nicolino Respi konnte diese beiden
nicht mehr anhören. Er erstickte. Er brauchte Luft,
mußte ein wenig im Freien spazieren gehen, allein.
Er ergriff den ersten besten Vorwand und ging.
Ein banger Zweifel hatte sich in ihm
festgesetzt und brachte ihn ganz durcheinander.
Niemand konnte besser wissen als er,
daß Bicetta Daddi tatsächlich über jeden Zweifel
erhaben war. Seit über einem Jahr hatte er ihr seine
Liebe erklärt, hatte er ihr den Hof gemacht und sie
förmlich belagert, ohne je mehr zu ernten als ein
sanftes Lächeln des Bedauerns über seine
vergeblichen Mühen und Qualen. Mit jener heiteren
Ruhe, die aus der festesten Selbstsicherheit kommt,
hatte sie ihm bewiesen, daß jedes Beharren
seinerseits vergeblich sein mußte, denn sie war
ebenso verliebt wie er, vielleicht sogar noch mehr
als er, aber in ihren Mann. Da das so war, mußte er,
wenn er sie wirklich liebte, doch verstehen, daß sie
in keiner Weise ihre Liebe verraten konnte. Wenn er
das nicht verstand, war das ein Zeichen, daß er sie
nicht wirklich liebte. Und dann?
Bisweilen ist das Meerwasser an
gewissen einsamen Stränden von einer so klaren und
durchsichtigen Reinheit, daß man, so sehr es einen
auch drängt, hineinzuspringen, um sich in ihm zu
erfrischen, doch von einer fast sakralen Scheu
zurückgehalten wird, es aufzuwühlen und zu trüben.
Diesen Eindruck
der Reinheit und diese Scheu
hatte Nicolino Respi stets
empfunden, wenn er sich der
Seele Bicetta Daddis näherte.
Sie liebte das Leben, diese
Frau, mit einer so stillen,
aufmerksamen und sanften Liebe!
Bloß in den drei Tagen, die er
in ihrer Villa bei Perugia
verbrachte, hatte er,
überwältigt von der glühenden
Begierde, seine Scheu doch
überwunden, diese Reinheit doch
aufgewühlt und getrübt; aber
nur, um schroff abgewiesen zu
werden.
Nun war sein
banger Zweifel, daß die
Verwirrung, die er in diesen
drei Tagen bewirkt hatte, sich
nach seiner Abreise nicht gleich
wieder gelegt haben mochte;
vielleicht war sie so sehr
angewachsen, daß der Ehemann sie
bemerkt hatte. Sicher war nur
eines: Bei seiner Ankunft in der
Villa war Romeo Daddi heiter und
ruhig; wenige Tage nach seiner
Abreise war er verrückt
geworden.
War es also
seinetwegen? War sie also von
seiner aggressiven
Liebeserklärung so tief
erschüttert und niedergeworfen
worden?
Aber freilich,
ganz sicher, was gab es da noch
zu zweifeln?
Die ganze Nacht
wälzte sich Nicolino Respi auf
diese Weise hin und her, wand
sich in wütenden Anfällen, bald
den Gewissensbissen durch ein
boshaftes, unbändiges
Freudengefühl entrissen, bald
aus diesem Freudengefühl wieder
in die Gewissensbisse
zurückfallend.
Am Morgen darauf
lief er, kaum daß die Uhrzeit
für einen Besuch geeignet
erschien, zum Haus von Donna
Bicetta Daddi. Er mußte sie
sehen; er mußte sofort, so oder
so, Klarheit über seinen Zweifel
erlangen. Vielleicht würde sie
ihn nicht empfangen; aber so
oder so wollte er in ihrem Haus
vorsprechen, bereit, alle
Konsequenzen dieser Situation
auf sich zu nehmen oder ihnen
die Stirn zu bieten.
Donna Bicetta
Daddi war nicht zu Hause.
Seit einer
Stunde war sie damit
beschäftigt, ohne es zu wollen,
ohne es zu wissen, ihre Freundin
Gabriella Vanzi, die drei Monate
lang ihr Gast in der Villa
gewesen war, den grausamsten
Foltern zu unterziehen.
Sie hatte sie
aufgesucht, um gemeinsam zu
suchen, nicht den Grund, ach,
bloß den Vorwand, wenigstens den
auslösenden Faktor für ihr
Unglück, dort, wo es sich zuerst
gezeigt hatte, während dieser
Sommerfrische, in den letzten
Tagen derselben. Sie allein, so
sehr sie sich auch den Kopf
zerbrach, hatte nichts gefunden.
Seit einer
Stunde beharrte sie darauf,
Minute um Minute diese letzten
Tage zu evozieren, zu
rekonstruieren.
"Erinnerst du
dich daran? Erinnerst du dich,
daß er am Morgen in den Garten
hinunterging, ohne seinen alten
Leinenhut aufzusetzen, und daß
er hinaufrief, damit wir ihn zum
Fenster hinunterwerfen sollten,
und daß er dann wieder
hinaufstieg, lachend, mit diesem
Rosenstrauß? Erinnerst du dich,
wie er darauf bestand, daß ich
zwei davon mitnehmen sollte; wie
er mich danach bis zum Gartentor
begleitete, mir beim Einsteigen
in das Automobil half und mich
bat, ihm aus Perugia diese
Bücher mitzubringen... warte...
eines war... ich weiß nicht...
es ging um Saatgut... erinnerst
du dich? Erinnerst du dich?”
Ganz versunken
in der Mühe, so viele wertlose
Einzelheiten ins Gedächtnis
zurückzurufen, bemerkte sie
nicht einmal die Beklemmung, die
Erregung ihrer Freundin, die von
einem Augenblick zum anderen
zunahm.
Nun hatte sie
bereits ohne das geringste
Zeichen von Verwirrung die drei
Tage Revue passieren lassen, die
Nicolino Respi in der Villa
verbracht hatte, und sie hatte
sich keinen Augenblick mit dem
Gedanken aufgehalten, ihr Mann
hätte in dem harmlosen Werben
Respis um sie, einen Grund für
seinen plötzlichen Wahnsinn
finden können. Das war nicht
denkbar. Sie hatten doch zu
dritt darüber gelacht, über
dieses Werben, nachdem Respi
nach Mailand zurückgefahren war.
Wie konnte man es da annehmen?
Und außerdem war ihr Mann nicht
nach dieser Abreise noch
vierzehn Tage lang ganz ruhig
und heiter gewesen wie zuvor?
Nein, nie, nie
auch nur das geringste Zeichen
des entferntesten Verdachtes! In
sieben Jahren Ehe, nie! Wie, wo
hätte er denn einen Vorwand
dafür finden können? Und dann,
sieh einmal her, ganz plötzlich,
dort, im ländlichen Frieden,
ohne daß irgendetwas geschehen
wäre...
"Ach Gabriella,
meine liebe Gabriella, glaub
mir, ich werde noch wahnsinnig,
auch ich werde wahnsinnig."
Plötzlich, kaum
hatte sie sich von dieser Krise
der Verzweiflung erholt,
bemerkte Donna Bicetta Daddi,
als sie die tränenerfüllten
Augen zu dem Gesicht der
Freundin aufhob, darin eine
bläuliche Starre wie die eines
Leichnams, um sich gegen einen
unerträglichen Krampf zu wehren,
und Gabriella schnaufte mit
geblähten Nasenflügeln und
starrte sie mit einem bösen
Blick an. O Gott! Das waren ja
beinahe dieselben Augen, mit
denen sie in den letzten Tagen
auch ihr Mann angesehen hatte.
Sie fühlte, wie
sie erstarrte und empfand fast
so etwas wie einen tödlichen
Schrecken.
"Warum... du
auch... warum...", stammelte sie
zitternd, "warum siehst auch
du... auch du mich so an?"
Gabriella Vanzi
unternahm eine entsetzliche
Anstrengung, um diesen Ausdruck,
den ihr Gesicht ohne ihr Wissen
angenommen hatte, in ein
wohlwollendes, mitleidiges
Lächeln aufzulösen: "Ich... ich
sehe dich an?... Nein... ich war
nur so in Gedanken... Ja, ich
wollte dir sagen... ja, ich
weiß, du bist deiner sicher...
hast du wirklich nichts... hast
du dir wirklich gar nichts...
gar nichts vorzuwerfen?"
Donna Bicetta
Daddi erstarrte; mit weit
aufgerissenen Augen, die Hände
auf die Wangen gelegt, schrie
sie: "Wieso denn?... Aber du
sprichst ja jetzt... du sprichst
jetzt auch noch mit seinen
Worten zu mir?... Wieso denn?...
Wie kannst du das tun?..."
Das Gesicht
Gabriella Vanzis verzog sich,
ihre Augen wurden glasstarr:
"Ich?"
"Du, jawohl. O
Gott! Jetzt wirst du auch
genauso abwesend wie er... was
hat das zu bedeuten?... Was hat
das zu bedeuten?"
Sie hatte diesen
Satz noch nicht zu Ende
gehaucht, wobei sie fühlte wie,
ihr allmählich die Beine
nachgaben, da lag ihr plötzlich
ihre Freundin in den Armen und
preßte den Kopf an ihre Brust.
"Bice... Bice...
du hast einen Verdacht gegen
mich?... Du bist hierher
gekommen, weil du einen Verdacht
gegen mich hast, stimmt's?"
"Nein... nein...
ich schwöre dir, Gabriella...
nein... erst jetzt..."
"Jetzt, nicht
wahr? Ja... Aber du hast
unrecht, du hast unrecht,
Bice... Denn du kannst nicht
verstehen..."
"Was ist denn
gewesen?... Gabriella, komm, sag
es mir, was ist gewesen?"
"Du kannst es
nicht verstehen... du kannst es
nicht verstehen... ich kenne den
Grund dafür, daß dein Mann
wahnsinnig geworden ist... ich
kenne ihn!"
"Den Grund?
Welchen Grund?"
"Ich kenne ihn,
weil er in mir ist, auch in mir,
dieser Grund, wahnsinnig zu
werden... um dessentwillen, was
uns beiden geschehen ist!"
"Euch beiden?"
"Ja... ja... mir
und deinem Mann."
"Ach, also so?"
"Nein, nein!
Nicht, wie du es dir vorstellst!
Du kannst es nicht verstehen...
ohne zu betrügen, ohne es zu
denken oder zu wollen... in
einem Augenblick... etwas
Entsetzliches, an dem niemand
schuld hat. Siehst du, wie ich
dir das erzähle? Wie ich zu dir
davon sprechen kann? Weil ich
keine Schuld habe! Und er auch
nicht! Aber eben deshalb... Hör
mir zu, hör mir zu; und wenn du
erst alles weißt, wirst du
vielleicht auch wahnsinnig
werden, so wie ich nahe daran
bin, wahnsinnig zu werden, so
wie er wahnsinnig geworden
ist... Hör zu! Du hast dich doch
eben an den Tag erinnert, an dem
du im Automobil von der Villa
nach Perugia gefahren bist,
nicht wahr? An dem er dir zwei
Rosen gab und von den Büchern
sprach..."
"Ja."
"Gut: An diesem
Morgen ist es geschehen!"
"Was?"
"Alles, was
vorgefallen ist. Alles und
nichts... Laß es mich erzählen,
um Himmels willen! Es war sehr
heiß, erinnerst du dich?
Nachdem wir deiner Abfahrt
zugesehen hatten, gingen wir
beide, er und ich, durch den
Garten zurück. Die Sonne brannte
und der Lärm der Zikaden war
ohrenbetäubend... Wir gingen
wieder ins Haus und setzten uns
in den kleinen Salon neben dem
Eßzimmer. Die Jalousien waren
geschlossen, die Läden
zugezogen; es war fast dunkel da
drinnen; und die unbewegliche
Kühle... (ich erzähle dir jetzt
meine Eindrücke, die einzigen,
die ich haben konnte, an die ich
mich erinnere und erinnern
werde, solange ich lebe; aber
vielleicht hatte er sie auch,
ganz dieselben Eindrücke... er
mußte sie wohl haben, sonst
könnte ich mir gar nichts mehr
erklären); es war diese
unbewegliche Kühle, nach all
dieser Sonne und dem betäubenden
Lärm der Zikaden... in einem
Augenblick, ohne es auch nur zu
denken, ich schwöre es dir! Nie,
nie, weder ich noch er, das ist
ganz sicher... wie durch eine
unwiderstehliche Anziehung
dieser schrecklichen Leere, der
angenehmen Frische in diesem
Halbdunkel... Bice, Bice... so,
ich schwöre es dir, in einem
Augenblick..."
Donna Bicetta
Daddi sprang auf, getrieben von
einer Woge des Hasses und der
Verachtung: "Ach, deshalb also?"
zischte sie zwischen den Zähnen,
wobei sie mit einer katzenhaften
Bewegung zurückwich.
"Nein! Nicht
deshalb!" schrie Gabriella
Vanzi, während sie ihr die Arme
in einer flehenden und
verzweifelten Geste
entgegenstreckte. "Nicht
deshalb, nicht deshalb, Bice!
Dein Mann ist deinetwegen
verrückt geworden, deinetwegen,
nicht meinetwegen!"
"Meinetwegen ist
er verrückt geworden? Was willst
du damit sagen? Wegen der
Gewissensbisse?"
"Nein! Was denn
für Gewissensbisse? Man braucht
doch keine Gewissensbisse zu
haben, wenn man den Fehltritt
nicht gewollt hat... Das kannst
du nicht verstehen! So wie auch
ich es nicht verstehen könnte,
wenn ich nicht bei der
Überlegung, was mit deinem Mann
geschehen ist, an meinen Mann
gedacht hätte! Ja, ja, ich
verstehe jetzt den Wahnsinn
deines Mannes, weil ich an
meinen denke, der auf dieselbe
Weise wahnsinnig würde, wenn ihm
das geschähe, was deinem Mann
mit mir geschehen ist! Ohne
Gewissensbisse! Ohne
Gewissensbisse! Und eben
deshalb, weil es ohne
Gewissensbisse geschehen ist...
Verstehst du? Das ist ja das
Ensetzliche daran. Ich weiß
nicht, wie ich dir das
begreiflich machen soll! Ich
begreife es ja auch nur, ich
sage es noch einmal, wenn ich an
meinen Mann denke und mich vor
mir sehe, so ohne irgendwelche
Gewissensbisse um eines
Fehltritts willen, den ich nicht
begehen wollte. Siehst du, wie
ich dir davon erzählen kann,
ohne zu erröten? Weil ich nicht
weiß, Bice, weil ich wirklich
nicht weiß, wie dein Mann ist;
so wie er sicherlich nicht weiß,
nicht wissen kann, wie ich
bin... Es war wie ein Wirbel,
verstehst du? Wie ein Wirbel,
der sich plötzlich zwischen uns
aufgetan hat, ohne daß jemand es
geahnt hätte, um uns in einem
Augenblick zu packen und
hinabzuziehen, und er hat sich
sofort wieder geschlossen, ohne
auch nur die geringste Spur zu
hinterlassen! Sofort danach war
unser Gewissen wieder rein und
gleichmäßig. Wir haben nicht
mehr an das gedacht, was
zwischen uns vorgefallen war,
nicht einmal für einen
Augenblick; unsere Verwirrung
dauerte nur einen Moment; wir
sind davongelaufen, der eine
hierhin, der andere dorthin;
aber kaum waren wir allein:
Nichts, als ob nichts gewesen
wäre, nicht nur vor dir, als du
kurz danach zurückkamst, sondern
auch vor uns selbst. Wir konnten
einander in die Augen sehen und
wieder wie vorher miteinander
reden, ganz genauso wie vorher,
als ob nichts geschehen wäre,
denn es war, das schwöre ich
dir, keine Spur mehr von dem
Vorgefallenen in uns. Nichts,
nichts, nicht einmal ein
Schatten der Begierde, gar
nichts. Alles zu Ende.
Verschwunden. Das Geheimnis
eines Augenblicks, begraben für
immer. Nun, das war es, was
deinen Mann in den Wahnsinn
getrieben hat. Nicht der
Fehltritt, den keiner von uns zu
begehen gedacht hat! Sondern
das: die Möglichkeit zu denken,
daß das geschehen kann; daß eine
ehrbare Frau, die ihren Mann
liebt, in einem Augenblick, ohne
es zu wollen, durch einen
hinterhältigen Überfall der
Sinne, durch die rätselhafte
Komplizenschaft des
Augenblicks, des Ortes, in die
Arme eines anderen Mannes sinkt;
und eine Minute danach alles
wieder vorbei ist, auf immer;
der Wirbel hat sich wieder
geschlossen; das Geheimnis ist
begraben; keine Gewissensbisse;
keine Verwirrung; keine
Anstrengung, um den anderen, um
uns selbst ins Gesicht zu lügen.
Er hat einen Tag gewartet, zwei,
drei; er hat keine Bewegung in
seinem Inneren gespürt, weder in
deiner Gegenwart, noch in der
meinen; er hat mich gesehen,
ganz so, wie ich vorher war, mit
ihm wie mit dir; er hat wenig
später - erinnerst du dich? -
meinen Mann in die Villa kommen
sehen, er hat gesehen, wie ich
ihn begrüßt habe, mit welcher
Sehnsucht, mit welcher Liebe...
und da hat der Abgrund, in dem
unser Geheimnis auf immer
versunken war, ohne die
geringste Spur zu hinterlassen,
ihn allmählich eingesogen und
ihm den Verstand verwirrt. Er
hat an dich gedacht; er hat
gedacht, daß vielleicht auch
du..."
"Auch ich?"
"Ach, Bice, es
wird dir sicherlich nie so etwas
passiert sein, ich glaube es
schon, meine liebe Bice! Aber
wir, er und ich, wir wissen aus
Erfahrung, daß es geschehen
kann, und daß es, wie es bei uns
möglich war, ohne daß wir es
wollten, auch bei jeden anderen
möglich ist! Er wird gedacht
haben, daß er dich manchmal,
wenn er nach Hause kam, im Salon
vorgefunden hat, mit einem
seiner Freunde, und daß es in
einem Augenblick auch dir
geschehen hätte können, und
diesem Freund, das, was mir und
ihm geschehen konnte, in
derselben Weise; daß du in dir,
ohne jede Spur, dasselbe
Geheimnis verschließen, es ohne
jede Lüge verbergen könntest,
das ich in mir verschloß und vor
meinem Mann verbarg, ohne ihn zu
belügen. Und kaum war ihm dieser
Gedanke in den Kopf geraten, da
hat ein dünnes, scharfes Brennen
begonnen, an seinem Gehirn zu
nagen, wenn er dich fremdartig,
fröhlich und liebevoll im Umgang
mit ihm sah, wie ich es mit
meinem Mann war; mit meinem
Mann, den ich, das schwöre ich
dir, mehr als mich selbst liebe,
mehr als alles auf der Welt! Er
begann zu denken: "Nun, und
diese Frau, die sich ihrem Mann
gegenüber so benimmt, ist einen
Augenblick lang in meinen Armen
gelegen! Und deshalb könnte doch
auch meine Frau, in einem
Augenblick... wer weiß?... wer
kann das je wissen?...". Und so
ist er wahnsinnig geworden.
Ach! Sag nichts, Bice, ich bitte
dich, sag nichts!"
Gabriella Vanzi
stand auf, totenbleich und
zitternd.
Sie hatte
gehört, wie draußen, im
Vorzimmer die Türe aufgegangen
war. Ihr Mann kam nach Hause.
Als Donna
Bicetta Daddi sah, wie ihre
Freundin mit einem Schlag ihr
früheres Gesicht wieder
zurückbekam, rosig, mit klaren
Augen, und einem Lächeln auf den
Lippen, als sie ihrem Mann
entgegenging, da blieb sie fast
zerstört zurück.
Gar nichts, ja,
das stimmte: keine Verwirrung
mehr, keine Gewissensbisse,
keine Spur...
Und Donna
Bicetta begriff ganz und gar,
weshalb ihr Mann, Romeo Daddi,
wahnsinnig geworden war.
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LUCILLA (nun, da sie sich’s
mit den Nonnen verdorben hat) -
(Lucilla (Ora che s'è
guastata con le monache) – 1934) |
|
aus dem Italienischen von Michael Rössner |
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Eine Wiese in der Sonne, frisches Gras, Klangfäden inmitten der Stille, die
erscheint wie eine einzige Verzückung. Verzückung darüber, wie hier sich die
goldenen Blüten entzünden und dort die roten lichterloh brennen.
Aber schon beginnt er herabzusinken, schräg und bedrohlich, der blaue Schatten
des Klosters mit dem plumpen Kreuz auf der Spitze des Giebels, das sich so sehr
in die Länge zieht, daß es gegen das weiße Mäuerchen prallt, das die
Klostergärten schützt, und sich zerbrochen an ihm aufrichtet.
Lucilla, die schon eine ganze Weile gegen die Mauer des Klosters gelehnt hatte,
hörte zu Weinen auf, als ihr plötzlich der Schatten dieses Kreuzes ins Auge
stach.
Ist denn das die Möglichkeit, so lang?
Immer schon hat sie gedacht, wenn sie ihre Blicke bis da hinaufschickte, daß sie
es doch ein bißchen weniger plump hätten machen können, dieses kleine Kreuz; im
Grunde jedoch, ohne daß sie es sich vorgesagt hätte, fand sie es durchaus in
Ordnung, daß es so da droben auf dem spitzen Giebel kauerte, ohne je die
Sehnsucht zu zeigen, sich ein bißchen zu strecken, um zu einem schlanken und
hohen Kreuz zu werden, das in den Himmel ragte.
Und nun, jetzt, da die Sonne darauf scheint, vergönnt es sich plötzlich dieses
Vergnügen, und gleich in so unwahrscheinlich übertriebener Form: Bumm! Gleich
bis zur Mauer hin... Und wenn dann sie, Lucilla, sich in die Sonne legt, bis
wohin würde sie wohl reichen?
Sie tritt aus dem Schatten heraus und läßt sich auf der Wiese von der Sonne
bescheinen.
Na, wie sieht sie aus?
Eine Mißgeburt, dazu noch schief.
Der Ärger, den sie darüber empfindet, steigert sich zusammen mit der
Überraschung und dem Unverständnis für diese Erscheinung zu einer wilden Wut,
eine Wut, die ihr die Eingeweide tief drinnen zusammenschnürt wie ein Seil, kaum,
daß dort auf der Wiese der Schatten von jemand anderem hinzutritt, sich neben
den ihren legt und ihn sofort übertrifft, bis er den ihren im Handumdrehen
winzig erscheinen läßt, kleiner als den Schatten eines Kindes.
Sie fährt herum (denn sie hat den Schatten der Laienschwester erkannt, die sie
holen kommt) und schreit ihr entgegen, die Fäuste vorgestreckt, mit einem
zornverzerrten Gesichtchen und den Augen einer geprügelten Katze:
„Nein! Nein! Nein! Und wenn sie noch so sehr auf mich warten, ich gehe nicht
mehr zurück! Ich gehe nicht mehr dahin zurück!
Und sie läuft in den Schatten und setzt sich wieder ins Gras, den Rücken an das
Klostermäuerchen gelehnt.
Bei diesem Wutausbruch ist die Laienschwester stehen geblieben; sie folgt ihr
mit den Blicken; dann will sie erneut auf sie zugehen, aber da springt die
Kleine wieder in die Höhe, zur Flucht bereit, und die Schwester bleibt erneut
stehen:
„Ach hör doch auf, sei nicht so dumm“, sagt sie. „Du bist doch kein kleines
Mädchen mehr!“
Ein einziges Beben, das Gesicht blutrot angelaufen, das ihr bei diesen Worten in
den Kopf gestiegen ist, ballt sie erneut die Fäuste und tritt ihr entgegen:
„Ach so? Das sagst du mir? Na, eben deshalb, weil ich kein kleines Mädchen mehr
bin!“
Und die Worte selbst, während sie sie ausspricht, verursachen nach und nach
dieses gräßliche Schauspiel in Lucillas Augen und Mund: die Augen,
blutunterlaufen vom Weinen und funkelnd vor Wut, sprühen Tränen, und sofort
werden sie mit diesen Tränen in dem kleinen Mädchengesicht Augen einer
Erwachsenen; und die Stimme, die Stimme zwischen den gefletschten Zähnen, die
wird zu der Stimme einer Frau, der nichts mehr fremd ist.
Bei diesem Schauspiel scheint die Laienschwester sich betrübt in sich selbst zu
verschließen; sie wirkt noch gelber und noch magerer als zuvor; sie weiß nichts
mehr zu sagen, holt schließlich aus dem schwarzen Umhangtuch, das sie um die
Schultern gelegt hat, zwei vertrocknete Hände hervor, die aussehen, als wären
sie aus abgewetztem Stein, und legt sie ineinander, um sie mitleidsvoll zu
ringen.
„Aber was willst du bloß anfangen?“, fragt sie schließlich. „Wo willst du hin?“
Lucilla schüttelt sich: „Das lassen Sie nur meine Sorge sein! Kümmern Sie sich
nicht darum!“
Die andere setzt sich in Bewegung, um ins Kloster zurückzugehen. Nach zwei
Schritten, sich kaum umwendend, um ihr Weinen zu verbergen, seufzt sie, mit
einer dieser Hände vor sich hin weisend:
„Da, dein Kloster...“
Damit geht sie.
In der Leere der Luft bleibt von ihrer Stimme so etwas wie der Schatten von dem
zurück, was da war: das Bedauern und der Vorwurf. Und Lucilla sieht das Kloster
an.
Dort ist sie geboren. Und tatsächlich, auch wenn sie es sich selber nicht mehr
zugeben will, fühlt sie, wie sie an ihm hängt. Sie hängt an ihm, weil sie es
statt als großes, sehr großes Kloster, wie sie es ja ruhig hätten machen können,
als kleines, ganz kleines gebaut haben, als wäre es gerade für sie gemacht. So
wie ihr Vater, der dort so viele Jahre Sakristan gewesen ist, gerade für sie die
Möbelchen ihres Zimmerchens da drinnen gebastelt hat, ehe er starb: geradezu
Puppenmöbelchen, damit sie sich nicht gekränkt fühlen sollte: das Bettchen, die
Stühlchen, das Tischlein, alles in der richtigen Proportion für ihre Größe. Denn
für diesen Vater und für diese Mutter, die sicherlich nicht zum Kinderkriegen
gemacht war (immerhin starb sie ja, kaum daß sie sie so winzig klein auf die
Welt gebracht hatte), ist sie stets wie eine aus weiter Ferne betrachtete
Tochter gewesen, von dort aus, von ihrer Geburt, vor zwanzig Jahren. Und da
diese Augen der Mutter, die sich von Jahr zu Jahr mehr entfernten, sie so
ansahen, war das bißchen, was sie zu wachsen vermocht hat, bitte, hier, wenig,
ganz wenig, eigentlich gar nichts: nur an Jahren ist sie gewachsen, aber wenn
man sie ansieht, ist sie ein kleines Mädchen geblieben: das ist alles. Nein,
keine Zwergin! Von einer Zwergin hat sie gar nichts! Im Gegenteil, wenn sie
vorübergeht, drehen sich alle verwundert nach ihr um, so hübsch ist sie mit
ihrem Lockenköpfchen auf dem schlanken Hals, das sie hierhin und dorthin drehen
kann, wie sie will, und lauter Locken fliegen um sie herum wie viele kleine
Schlangen; ihr Körper ist perfekt, eine Miniatur. Und sie weiß es, sie weiß es
besser als alle anderen, wie ihr Körper ist, seit sie ihn kennen gelernt hat,
aus den Blicken, mit denen gewisse Mannsbilder ihn verfolgen, diese Idioten!
Darin liegt der Hohn, die Wut, die Folter für sie: daß sie in ihrem Inneren,
wenn sie denkt, ohne sich zu sehen, nunmehr ganz wie eine Große denkt, wie eine
Frau, eine fertige Frau wie alle anderen. Wenn sie sich dann von diesen blöden
bandagierten Schwesternköpfen als kleines Kind behandelt sieht, von ihnen, die,
ja, sie schon, so alt sie auch sein mögen mit ihren Saure-Milch-Gesichtern,
stets schauen, reden, kichern und sich benehmen wie dumme kleine Kinder; wenn
sie sich von ihnen wie eine Puppe behandelt sieht, wie ein Spielzeug, das man
aufnimmt und dann von den Armen der einen zu denen der anderen weitergibt, wobei
sie alle herzen und damit ausnützen, keine will es wahrhaben, daß sie schon ganz
Frau geworden ist; nein, da kann man nicht mehr aushalten, das darf man nicht
mehr aushalten, das muß aufhören; es ist schon zu Ende. Sie hat heute drei oder
vier von ihnen das Gesicht zerkratzt, als sie die Finger sich von selbst krümmen
fühlte, und sie weiß gar nicht mehr, welche Unflätigkeiten und Beleidigungen sie
ihnen ins Gesicht geworfen hat, mit Schaum vor dem Mund.
Sie haben ihr die Barmherzigkeit erwiesen, sie bei sich zu behalten, in diesem
Zimmerchen, auch nachdem ihr Vater gestorben war? Na, danke vielmals, damit sie
sich dieses Vergnügen verschaffen konnten, eine lebendige Puppe zu haben, mit
der sie in der Freizeit zwischen den Gebeten ordentlich spielen konnten! Sie
haben ihr, der Puppe, eigenhändig eine Aussteuer genäht, Kleider und Wäsche? Das
wird sie ihnen alles zurücklassen, alles; sie wird nichts mitnehmen; so, wie sie
ist wird sie noch heute abend zu Nino gehen.
Zu Nino, jawohl, zu Nino. Sehr bald schon. Um sieben. Nino hat es ihr selbst
gesagt.
Sie wird zu ihm ziehen. Sie versteht sich auf alles: sie kann das Haus in
Ordnung halten, ihm das Essen zubereiten, die Kleider in Ordnung halten, nähen
und bügeln. Mit ihrem kleinen Bügeleisen hat sie Tröge voll von Wäsche gebügelt,
dort im Kloster!
Und Nino weiß es sehr gut, daß sie schon eine Frau ist. Vom ersten Augenblick an,
in dem auch er sie zum Scherz auf den Arm nahm, als er auf seinem gewohnten Gang
am Abend auf der Wiese vorbeikam, auf dem Rückweg von der Koppel, wo er seine
Pferde züchtet, mit seinem alten Hirtenhut, aber doch ganz als Herr, mit den
schönen leuchtenden Gamaschen und den Sporen daran; schon damals, als er sie
unter den Achseln faßte, hat er plötzlich, während er ihr mit beiden Daumen an
die Brust griff, so eine schlitzohrige Geste mit dem Kopf gemacht, jawohl, und
sie in so bestimmter Weise angegrinst, wobei er ein „Ahhh...“ der Überraschung
und Bewunderung hervorstieß und sie mit ganz verzückten Augen ansah. Und sie
stieß die Hände nach vorne, auf seine Wangen zielend, um den Mund abzuhalten,
der sie zu küssen versuchte, dort, direkt an seiner Brust, dieser Nino. Was für
Augen er hatte! Schwarz und lachend! Die gingen einem durch und durch, diese
Augen! Und was für Zähne, wenn er lachte!
Schon sieben Uhr?
Seit sie dort auf der Wiese vor sich hingegrübelt hat, nachdem sie sich
entschlossen hatte, mit den Nonnen Schluß zu machen, ist Lucilla wie trunken;
sie sieht nichts mehr, sie läuft, fliegt wie ein von der Sonne geblendeter
Schmetterling; und als sie sich endlich im Toreingang des Hauses wiederfindet,
in dem Nino wohnt, scheint es ihr, als wäre sie nach der Art eines Kreisels
hierhergeschwebt, in einem schwindelerregenden wilden Reigentanz. Sie kriegt gar
keine Luft mehr; und jetzt, o Gott, jetzt muß sie all diese Stufen da hinauf,
und was für Stufen! Bis in das oberste Stockwerk des alten verfallenen
Bauernhauses.
Endlich kommt sie oben an, sich ein bißchen an der Mauer, ein bißchen am
Geländer abstützend hat sie’s geschafft; aber als sie endlich oben ist, vor der
Türe, da gelingt es ihr nicht, so sehr sie sich auch auf die Zehenspitzen stellt
und das Ärmchen in die Höhe reckt, die viel zu hoch angebrachte Türglocke zu
erreichen; und da beginnt sie mit ihren kleinen Fäusten auf die Türe
einzuhämmern:
„Mach auf, Nino, mach auf! Ich bin es! Ich bin zu dir gekommen!“
In dem Dunkel des Raumes kann sie nicht deutlich ausmachen, wer ihr geöffnet hat.
Neben sich spürt sie so etwas wie Stallgestank, während eine schwielige Hand
unbeholfen nach der ihren tastet, um sie zu fassen, so wie man Kinder an der
Hand nimmt, die man zu einem Erwachsenen hinführen will. Die Verwirrung,
schlimmer noch, der Schrecken, die von ihr Besitz ergreifen, haben freilich
nichts mit diesem Gestank zu tun, und auch nicht mit diesem unbeholfenen Akt,
dem sie sich instinktiv entzieht; es ist vielmehr wegen dieses ungeheuren
Durcheinanders von brüllendem Gelächter und lauten Stimmen, das aus dem
anliegenden Raum dringt, zu dem die Türe nur angelehnt ist, wobei das aus dem
Türspalt dringende Licht Lucilla den Eindruck vermittelt, da drinnen loderten
und prasselten die Flammen wie in einem Backofen.
Lucilla beginnt zu zittern; sie möchte am liebsten davonlaufen; aber da springt
die Türe auf; rohe, betrunkene Landmänner, in groben Samt gekleidet, mit
Gamaschen und Sporen an den Beinen; tierische, rot angelaufene Gesichter,
brüllend, schwankend, die Pranken nach ihr ausstreckend; sie ziehen sie hinein,
mitten in eine Wolke aus Rauch; als wäre die Stimmung auf den Höhepunkt gelangt,
dringt ein höhnisches Lachen aus allen Mündern; der eine legt die Pfeife zur
Seite, der andere stellt Glas und Flasche weg, und dann stürzen sich alle auf
sie; sie wollen auch mit ihr spielen, aber auf welch andere Weise! Sie quetschen
sie, sie zerdrücken sie, sie wollen sie entblößen; und sie schreit, kreischt,
schlägt um sich, bis endlich Nino, der auch grinst und sich förmlich in einem
Lachkrampf windet, der ihm die Tränen in die Augen getrieben hat, sie mit einem
kräftigen Ruck von den anderen befreit, worauf er sich wieder hinsetzt und sie
schützend zwischen seine Beine nimmt, wobei er den anderen zuruft:
„Schluß! Basta! Ich fühle, wie ihr Herz klopft, o Gott, ja, ja freilich, ich
fühle es hier am Knie, wie ihr Herz klopft!“
Er bemerkt nicht, daß Lucilla auf diesem Knie zusammengebrochen ist, und daß sie,
würde er die Beine öffnen, wie ein feuchter Lappen ohnmächtig zu Boden fallen
würde.
Dann packt er mit einer Hand einen schmuddeligen Bauernjungen von etwa vierzehn
Jahren, einen Trottel, der, ganz zerzaust und gerührt (er war es, der die Türe
öffnen gegangen war) neben ihm hockt, und schüttelt Lucilla, um ihn ihr
vorzustellen:
„Da habe ich einen kleinen Bräutigam für dich! Nebenan ist schon alles für euch
vorbereitet!“
Lucilla weiß nicht mehr, wie viel Zeit verstrichen ist; nicht, was dort wirklich
geschehen ist; sie hat sich gewehrt, gewunden, befreit, gebissen, gekratzt, und
jetzt geht sie durch die Nacht, sie weiß nicht wohin, eine kleine, ganz kleine
Gestalt, über große, verlassene, unbekannte Straßen; sie ist wie von einem Wahn
ergriffen, wie in Trance; und sie betrachtet, so klein wie sie ist, die
riesenhaften Stämme der Bäume, deren Wipfel sie kaum zu erspähen vermag, und
noch höher, viel höher, leere, erleuchtete Fenster, als wären sie im Himmel, in
dem sie verschwinden möchte, verschwinden, wenn Gott, wie sie so sehr hofft, ihr
endlich die Flügel dafür schenken wird.
|
Erstveröffentlichung im
Corriere della sera
vom 1.8.1912. Keine
wesentlichen Varianten.
us dem Italienischen von Michael
Rössner |
 |
Als die Station Sulmona vorüber war, blieb Silvestro
Noli allein in dem schmutzigen Waggon zweiter Klasse
zurück.
Er wendete einen letzten Blick dem rauchigen
Flämmchen zu, das flackerte und bei den Stößen des
Zuges beinahe auszugehen drohte, weil das Petroleum
herausgespritzt war und in dem bauchigen Glas der
Lampe hin und herschwappte; dann schloß er die Augen,
in der Hoffnung, durch die Müdigkeit der langen
Reise (er war seit einem Tag und einer Nacht
unterwegs) würde der Schlaf ihn aus der Beklemmung
reißen, in der er sich mehr und mehr versinken
fühlte, je näher ihn der Zug an den Ort seiner
Verbannung brachte.
Nie mehr! Nie mehr! Nie mehr! Wie lange schon
wiederholte das rhythmische Rattern des Räder auf
den Schienen in der Nacht immer wieder diese beiden
Worte?
Nie mehr, jawohl, nie mehr würde er das unbeschwerte
Leben seiner Jugend führen, nie mehr dort unter den
sorglos heiteren Freunden, unter den bevölkerten
Laubengängen seines Turin; nie mehr den Trost spüren,
den warmen, heimeligen Atem seines alten Vaterhauses;
nie mehr die liebevolle Zuwendung der Mutter, nie
mehr das zärtliche Lächeln im beschützenden Blick
des Vaters.
Vielleicht würde er sie überhaupt nie mehr
wiedersehen, seine lieben alten Eltern! Die Mamma,
vor allem die Mamma, nie mehr! Ach, wie er sie jetzt
wiedergefunden hatte, nach sieben Jahren Abwesenheit!
Gebeugt, eingeschrumpft, in so wenigen Jahren,
wachsbleich und ohne Zähne. Nur die Augen lebten
noch. Arme, liebe, heilige, schöne Augen!
Während er der Mutter, während er dem Vater so zusah,
ihren Reden lauschte, wenn sie durch die Zimmer
gingen und suchend um sich blickten, da hatte er
sehr wohl empfunden, daß nicht bloß für ihn allein
das Leben des Vaterhauses zu Ende gegangen war. Bei
seiner letzten Abreise vor sieben Jahren hatte das
Leben auch für die anderen aufgehört.
Hatte er es also mit sich fortgenommen? Und was
hatte er damit angefangen? Wo war denn das Leben
noch in ihm? Die anderen mochten geglaubt haben, daß
er es mit sich fortgenommen hatte, aber er wußte,
daß er hingegen seines dort zurückgelassen hatte,
als er fortfuhr; und daß er nun, als er es nicht
wiederfand, als er hörte, wie man ihm sagte, daß er
dort nichts mehr finden könne, weil er alles mit
sich fortgenommen hatte, in dieser Leere eine
Eiseskälte gespürt hatte.
Mit dieser Eiseskälte im Herzen fuhr er nun zurück
in die Abruzzen, da der vierzehntägige Urlaub zu
Ende ging, den ihm der Direktor der
Knabenrealgymnasien von Città Sant'Angelo gewährt
hatte, wo er seit fünf Jahren Zeichnen unterrichtete.
Vor den Abruzzen war er ein Jahr Professor in
Kalabrien gewesen; dann ein weiteres Jahr in der
Basilicata. In Città Sant'Angelo hatte er, besiegt
und blind gemacht von dem glühenden,
unwiderstehlichen Wunsch, eine Gefühlsbindung zu
finden, die in ihm die Leere ausfüllen sollte, in
der er sich verloren fühlte, die Verrücktheit
begangen, sich zu verheiraten. Und so hatte er sich
selbst dort für immer festgenagelt.
Die Ehefrau war in diesem hochgelegenen, feuchten
Dörfchen, das nicht einmal Trinkwasser hatte, mit
den bangen Vorurteilen, der engherzigen
Kleinlichkeit, der Störrigkeit und der Trägheit des
dummen, faulen Lebens in der Provinz aufgewachsen:
Anstatt ihm eine Gefährtin zu sein, hatte sie die
Einsamkeit rund um ihn noch gesteigert und ließ ihn
jeden Augenblick spüren, wie weit entfernt er war
von der Wärme einer Familie, die seine Familie hätte
sein sollen, in die aber nie auch nur einer seiner
Gedanken, eines seiner Gefühle einzudringen
vermochte.
Ein Kind war ihm geboren worden, und - entsetzlich!
- auch dieses Kind, sein Kind, hatte er vom ersten
Tag an als etwas ihm Fremdes empfunden, als ob es
ganz der Mutter gehört hätte und ihm gar nicht.
Vielleicht wäre der Bub sein Kind geworden, hätte er
ihn von dort losreißen können, von diesem Haus, von
diesem Dorf; und auch die Frau wäre vielleicht
tatsächlich zu seiner Gefährtin geworden, und er
hätte die Freude empfunden, ein eigenes Haus, eine
eigene Familie zu besitzen, wenn er die Versetzung
an einen anderen Ort beantragen und erreichen hätte
können. Aber es war ihm versagt, diese Rettung auch
bloß für eine ferne Zukunft zu erhoffen, denn seine
Frau, die sich nicht einmal für eine kurze
Hochzeitsreise aus ihrem Heimatort wegbewegen hatte
wollen, nicht einmal dafür, seine Mutter und seinen
Vater und die anderen Turiner Verwandten
kennenzulernen, seine Frau drohte, sie würde sich im
Fall einer Versetzung lieber noch von ihm als von
den Ihren trennen.
Also: dort. Dort verschimmeln, dort warten, in
dieser entsetzlichen Einsamkeit, daß seinem Geist
nach und nach ein Panzer aus Dummheit zuwächst. Er
liebte so sehr das Theater, die Musik, alle Künste,
und er verstand es kaum, von etwas anderem zu
sprechen; er würde auf ewig den Durst danach
verspüren, jawohl, auch danach, wie nach einem Glas
reinen Wassers! Ach, er konnte es einfach nicht
trinken, dieses lehmige, rohe, sandige Wasser der
Zisternen. Es hieß, es wäre nicht schädlich; aber er
verspürte doch seit einer ganzen Weile
Magenschmerzen. Einbildung? Ja, freilich! Zu allem
Überdruß auch noch ausgelacht werden!
Seine geschlossenen Lider vermochten die Tränen
nicht mehr zurückzuhalten, mit denen sie sich
gefüllt hatten. Während er sich um die Lippe biß,
als wollte er verhindern, daß ihm auch noch das eine
oder andere Schluchzen aus der Kehle drang, zog
Silvestro Noli ein Taschentuch aus der Hosentasche.
Er dachte nicht daran, daß sein Gesicht von der
langen Reise ganz rauchgeschwärzt war; als er das
Taschentuch betrachtete, war er verärgert und
gekränkt über den schmutzigen Abdruck seines Weinens.
Er sah in diesem schmutzigen Abdruck ein Bild seines
Lebens, und er schob das Taschentuch zwischen die
Zähne, als wollte er es in Fetzen reißen.
Endlich fuhr der Zug in die Station Castellamare
Adriatico ein.
Wegen einer Fahrt von zwanzig Minuten mußte er in
diesem Bahnhof nun mehr als fünf Stunden auf den
Anschluß warten. Das war das Schicksal der Reisenden,
die mit dem Nachtzug aus Rom kamen und auf der
Strecke nach Ancona oder nach Foggia weiterreisen
wollten.
Gott sei Dank gab es auf dem Bahnhof ein Kaffeehaus,
das die ganze Nacht offen war, weiträumig, hell
erleuchtet, mit gedeckten Tischen, in dessen Licht
und Bewegung man sich irgendwie über die Untätigkeit
und Traurigkeit des langen Wartens hinwegtäuschen
konnte. Aber auf den aufgedunsenen, bleichen,
schmutzigen und abgespannten Gesichtern der
Reisenden war eine düstere Beklemmung, ein
drückender Ärger, ein bitterer Ekel gegenüber dem
Leben zu lesen, das sich, fern der gewohnten
Gefühlsbeziehungen, außerhalb der ausgetretenen Spur
der Gewohnheiten, für alle als leer, blöde und
unerträglich erwies.
Vielleicht fühlten viele von ihnen, wie sich ihnen
das Herz zusammenkrampfte bei dem klagenden Pfeifen
des Zuges, der durch die Nacht brauste. Vielleicht
dachte jeder von ihnen daran, daß Zank und Verdruß
der Menschen nicht einmal in der Nacht ruhen; und da
sie in der Nacht mehr als sonst nichtig erscheinen,
weil ihnen die Trugbilder des Lichtes fehlen, und
auch aufgrund dieses Gefühls einer bangen
Vorläufigkeit, das von jedem Besitz ergreift, der
unterwegs ist und uns die Empfindung vermittelt, wir
wären verloren auf dieser Erde, dachte vielleicht
jeder von ihnen dort daran, daß der Wahnsinn die
Feuer in den schwarzen Maschinen entzündet und daß
die Züge, die durch die dunklen Ebenen rasen,
lärmend über die Brücken rattern und sich in lange
Tunnels stürzen, in der Nacht, unter den Sternen,
von Zeit zu Zeit einen verzweifelten Klagelaut
ausstoßen, weil sie gezwungen sind, so in der Nacht
den menschlichen Wahnsinn die Eisenwege entlang zu
schleifen, die der Mensch verlegt hat, um seinen
unstillbaren, wilden Ausbrüchen Gelegenheit zu geben,
sich abzureagieren.
Nachdem Silvestro Noli mit langsamen Schlucken eine
Tasse Milch ausgetrunken hatte, stand er auf, um den
Bahnhof durch die andere Türe des Kaffeehauses am
Ende des Saales zu verlassen. Er wollte zum Strand,
die nächtliche Meeresbrise atmen, die lange Straße
durch die schlafende Stadt entlanggehen.
Aber als er sich an einem der Tische vorbeidrängte,
hörte er, wie ihn eine sehr klein gewachsene Dame,
schlank, blaß, hager, in dem strengen Trauerkleid
einer Witwe, ansprach.
"Professor Noli..."
Er blieb überrascht, ja verblüfft stehen:
"Signora... ach, Sie sind es, Signora Nina? Ja, wie
ist denn das möglich?"
Es war die Frau eines Kollegen, Professor Ronchi,
den er vor sechs Jahren in Matera in den technischen
Fachschulen kennengelernt hatte. Verstorben war er,
ja, ja, verstorben - er wußte es - vor wenigen
Wochen in Lanciano verstorben, in noch sehr jungen
Jahren. Er hatte im Mitteilungsblatt mit
schmerzlichem Erstaunen davon gelesen. Der arme
Ronchi, gerade, als er endlich ans Gymnasium
gekommen war, nach so vielen unglücklich
ausgegangenen Bewerbungsversuchen, plötzlich
verstorben, an einem Herzschlag, durch ein Übermaß
an Liebe, sagten die Leute, an Liebe zu seiner
winzigkleinen Ehefrau, die er wie ein riesiger,
gewalttätiger, starrköpfiger Bär ständig und
überallhin hinter sich herschleppte.
Da war sie nun, die kleine Witwe,
und drückte das
schwarzgeränderte Taschentuch
gegen den Mund, sah ihn an mit
ihren schwarzen, wunderschönen
Augen, die ganz versunken waren
in die bläulichen,
angeschwollenen Augenhöhlen, und
berichtete ihm mit einem
leichten Kopfschütteln von dem
Entsetzlichen der Tragödie, die
sie vor kurzem durchlebt hatte.
Als er aus diesen schönen
schwarzen Augen zwei dicke
Tränen quellen sah, lud Noli die
Signora ein, aufzustehen und mit
ihm aus dem Kaffeehaus
hinauszugehen, um frei sprechen
zu können, auf einem Spaziergang
die verlassene Straße entlang
bis zu dem Meer dort hinten.
Ihr ganzes armseliges nervöses
Körperchen zitterte, bewegte
sich ruckhaft und vollführte
zuckende Gesten, mit den
Schultern, mit den Armen, mit
den überaus langen Händen, an
denen fast kein Fleisch zu sein
schien. Sie begann, sich
überstürzend, zu reden, und
sofort erschienen da und dort,
auf den Schläfen und den
Jochbeinen, flammendrote Flecken.
Durch einen kleinen
Aussprachefehler pflegte sie
jedes F am Beginn eines Wortes
doppelt auszusprechen, als würde
sie schnauben, und
ununterbrochen fuhr sie sich mit
dem Taschentuch über die
Nasenspitze und die Oberlippe,
die sich ihr auf seltsame Weise
ständig mit Schweißperlen
bedeckten, während sie sprach.
Dazu wurde ihre
Speichelproduktion so übermäßig,
daß die Stimme bisweilen
förmlich darin zu ertrinken
schien.
"Ach, Noli, sehen Sie? Lieber
Noli, da, da hat er mich
zurückgelassen, mit drei Kindern,
in einem Dorf, in dem ich
niemanden kenne, wo ich fffor
kaum zwei Monaten erst
angekommen war. Allein, ganz
allein... Ach, was fffür ein
schrecklicher Mann, Noli! Er hat
sich selbst zerstört und mich
dazu, meine Gesundheit, mein
Leben... alles... Auf mir, Noli,
wissen Sie das? Auf mir ist er
gestorben... auf mir..."
Sie wurde von einem langen
Schauder geschüttelt, der
beinahe in ein Wiehern mündete.
Dann fuhr sie fort:
"Er hat mich aus meiner Heimat
fffortgeholt, wo ich nun
niemanden mehr habe außer einer
Schwester, die auch geheiratet
hat... Was sollte ich dort noch
machen? ich will doch kein
Schauspiel meines Elends bieten
fffür die, die mich fffrüher
einmal beneidet haben... Aber
hier, allein mit drei Kindern,
ohne einen Menschen zu kennen...
was soll ich da tun? Ich bin
ffferzweifelt... ich fffühle
mich ffferloren... ich bin in
Rom gewesen, um um einen Scheck
zu bitten... Ich habe ja auf
nichts Anspruch: nur elf
Dienstjahre , elf Monatsgehälter:
ein paar Tausend Lire... Aber
sie haben sie mir noch immer
nicht ausbezahlt. Am Ministerium
habe ich so herumgeschrien, daß
sie mich für ffferrückt gehalten
haben... Liebe Signora, sagt er,
kalt duschen, kalt duschen!...
Aber ja, fffielleicht werde ich
tatsächlich ffferrückt... Hier,
hier spüre ich ständig einen
Schmerz, einen nagenden, einen
ziehenden Schmerz, hier im
Gehirn, Noli... und ich bin wie
rasend... ja, ja... ich bin
jetzt wie rasend vor Wut... als
würde mich fffon innen ein
Fffeuer auffressen, ein Fffeuer
im ganzen Körper... Ach, wie
kühl, sie sich anfühlen, Noli,
wie kühl!
Und während sie das sagte,
mitten auf der feuchten,
menschenleeren Straße, unter dem
blassen Schein der elektrischen
Straßenlampen, die viel zu weit
von einander entfernt waren und
so gerade einen schwachen,
opalfarbenen Schimmer
verbreiteten, hängte sie sich an
seinen Arm und legte den Kopf,
der in einem Häubchen aus
schwarzem Krepp steckte, an
seine Brust, rieb ihn hin und
her, als wollte sie in seine
Haut eindringen und brach in ein
wildes Schluchzen aus.
Professor Noli, verblüfft,
entsetzt und bewegt zugleich,
wich instinktiv zurück, um der
Berührung auszuweichen. Er
begriff, daß diese arme Frau in
dem Zustand der Verzweiflung, in
dem sie sich befand, sich wie
von Sinnen einfach an den ersten
besten Mann ihrer Bekanntschaft
geklammert hätte, der ihr über
den Weg gelaufen wäre.
"Nur Mut, nur Mut, Signora",
sagte er zu ihr. "Kühl? Jaja,
kühl! Ich bin schon verheiratet,
meine liebe Signora."
"So", sagte die kleine Frau und
wich sofort zurück. "Verheiratet?
Sie haben sich verheiratet?"
"Schon vor vier Jahren, Signora.
ich habe auch schon einen Sohn."
"Hier?"
"Hier in der Nähe. In Città
Sant'Angelo."
Die kleine Witwe ließ nun auch
seinen Arm los.
"Aber sind Sie denn nicht aus
Piemont?"
"Ja, direkt aus Turin."
"Und Ihre Gattin?"
"Nein, meine Gattin stammt von
hier."
Die beiden blieben unter einer
der elektrischen Straßenlampen
stehen, sahen einander an und
verstanden einander.
Sie stammte vom äußersten Zipfel
Italiens, aus Bagnara Calabra.
Sie sahen sich beide in der
Nacht verloren in dieser langen,
breiten, verlassenen und
melancholischen Straße stehen,
die zum Meer führte, zwischen
den schlafenden Häusern und
Villen dieser Stadt hindurch,
die so weit entfernt war von
ihren wahren und ursprünglichen
Gefühlen und doch so nahe von
den Orten, an die ein grausames
Schicksal ihren Wohnsitz verlegt
hatte. Und sie empfanden für
einander ein tiefes Mitgefühl,
das sie in bitterer Weise davon
überzeugte, daß sie nicht
zueinander kommen durften,
sondern sich von einander
getrennt halten sollten, damit
jeder für sich in seinem eigenen
trostlosen Elend eingeschlossen
bliebe.
Stumm gingen sie bis zu dem
Sandstrand und näherten sich dem
Meer.
Die Nacht war überaus friedlich,
die Meeresbrise herrlich frisch.
Das endlose Meer war nicht zu
sehen, aber man fühlte und hörte
es, lebendig und pulsierend in
dem schwarzen, unendlichen,
stillen Schlund der Nacht.
Nur auf der einen Seite sah man
ganz hinten zwischen den am
Horizont lagernden Nebelschwaden
etwas Blutrotes, Trübes, das auf
den Wassern schaukelte.
Vielleicht war es das letzte
Viertel des abnehmenden Mondes,
eingehüllt in den Dunst.
Auf dem Strand breiteten die
Wellen sich nach allen
Richtungen aus, ohne Schaum zu
hinterlassen, wie stille Zungen,
und da und dort ließen sie auf
dem glatten, glitzernden Sand,
der vom Wasser ganz durchtränkt
war, die eine oder andere
Muschel zurück, die dann sofort,
wenn die Welle sich zurückzog,
im Sand versank.
In der Höhe war diese ganze
faszinierende Stille
durchbrochen von dem wilden,
unaufhörlichen Funkeln
unzähliger Sterne, die so
lebendig wirkten, als wollten
sie der Erde in dem tiefen
Mysterium der Nacht etwas
erzählen.
Die beiden gingen weiter stumm
eine lange Strecke über den
feuchten, nachgiebigen Sand
dahin. Die Spur ihrer Schritte
dauerte gerade einen Augenblick;
die eine begann zu verlöschen,
während die nächste sich
eindrückte. Zu hören war nur das
leise Rascheln ihrer Kleider.
Ein weißschimmerndes Boot im
Schatten, das man ans Ufer
gezogen und auf dem Sand
umgelegt hatte, zog sie an. Sie
setzten sich darauf, sie auf der
einen, er auf der anderen Seite,
und verharrten noch eine Weile
in Schweigen und betrachteten
die Wellen, die sich gemächlich
und gläsern auf dem grauen,
weichen Sand ausbreiteten. Dann
hob die Frau ihre schönen
schwarzen Augen zum Himmel und
zeigte ihm im Sternenlicht die
Blässe ihrer gemarterten Stirn,
ihrer Kehle, die sicher die
Angst zuschnürte.
"Noli, singen Sie nicht mehr?"
"Ich... singen?"
"Aber ja, Sie haben doch
gesungen, damals, in den schönen
Nächten... Erinnern Sie sich
nicht mehr, in Matera? Sie haben
gesungen... Ich habe ihn noch in
den Ohren, den Klang ihrer
hübschen Stimme... Im Fffalsett
haben Sie gesungen... so sanft...
so fffoll leidenschaftlicher
Anmut... Erinnern Sie sich nicht
mehr?"
Er fühlte, wie ihm dieses
plötzliche Heraufrufen der
Erinnerung den tiefsten Grund
seiner Seele aufwühlte, und in
den Haarspitzen und auf dem
Rücken verspürte er die Schauder
einer unbegreiflichen Rührung.
Ja, ja... das stimmte: er hatte
damals gesungen... sogar dort
unten noch, in Matera, auch dort
hatte er noch die lieben,
leidenschaftlichen Lieder seiner
Jugend gesungen, und an den
schönen Abenden, wenn er mit
irgendeinem Freund unter den
Sternen spazieren ging, waren
ihm diese Lieber wie von selbst
auf die Lippen gekommen.
Es stimmte also, daß er es mit
sich fortgetragen hatte, das
Leben, aus seinem Turiner
Elternhaus; dort unten hatte er
es noch bei sich gehabt,
freilich, wenn er doch gesungen
hatte... vor dieser armen
kleinen Freundin, der er
vielleicht damals ein bißchen
den Hof gemacht hatte, in diesen
fernen Tagen, ach, nur so, aus
Sympathie, ohne Hintergedanken...
aus dem Bedürfnis heraus, um
sich die Wärme von ein wenig
Zuneigung zu spüren, die weiche
Zärtlichkeit einer Frau, die ihm
eine Freundin war.
"Erinnern Sie sich, Noli?"
Und er, die Augen starr in die
Leere der Nacht gerichtet,
stammelte: "Ja... ja, Signora,
ich erinnere mich..."
"Weinen Sie?"
"Ich erinnere mich..."
Sie schwiegen von neuem.Während
sie beide in die Nacht
hinaussahen, fühlten sie nun,
daß ihr Unglück förmlich als
Dampf aufstieg, und längst nicht
mehr bloß ihres allein war,
sondern das Unglück der ganzen
Welt, aller Wesen und aller
Dinge, dieses dunklen und
schlaflosen Meeres, dieser
glitzernden Sterne am Himmel,
des ganzen Lebens, das nie
wissen kann, weshalb man geboren
werden, weshalb man lieben,
weshalb man sterben muß.
Die frische, angenehme, von so
vielen Sternen durchlöcherte
Dunkelheit am Meer hüllte ihre
Trauer ein, ließ sie sich in der
Nacht auflösen und mit diesen
Sternen pulsieren, und langsam,
leicht, in monotonem Rhythmus
mit diesen Wellen auf den
stillen Strand schlagen. Die
Sterne, fragten nach dem Warum,
auch sie, wenn sie diese
Lichtfunken in die Abgründe des
Raumes schickten; und das Meer
fragte nach dem Warum dieser
müden Wellen, und auch die
kleinen Muscheln, die da und
dort auf dem Sand zurückblieben.
Aber nach und nach wurde die
Dunkelheit weniger dicht, zeigte
sich allmählich über dem Meer
ein erster kühler Schimmer des
Morgengrauens. Da begann dann
alles, was wie Dunst gewesen
war, alles Uralte, fast Samtene
in dem Schmerz dieser beiden
Menschen, die noch immer auf den
Seitenwänden des umgedrehten
Bootes auf dem Sand saßen, sich
zusammenzuziehen, sich mit
nackter Härte abzuzeichnen wie
die Umrisse ihrer Gesichter in
dem ersten, noch unsicheren und
verwischten Licht des neuen
Tages.
Er fühlte sich wieder ganz von
dem gewohnten Elend seines
nahegelegenen Hauses umfaßt, in
dem er bald ankommen würde; er
sah es wieder vor sich, als wäre
er schon dort, mit all seinen
Farben, mit all seinen Details,
mit seiner Frau und seinem
Kleinen darin, die ihn voller
Freude begrüßen würden. Und auch
sie, die kleine Witwe, sah ihr
Schicksal nicht mehr so schwarz
und verzweifelt vor sich: sie
hatte doch einige Tausend Lire
mit, das heißt, das Leben war
für einige Zeit gesichert: sie
würde schon einen Weg finden,
für die eigene Zukunft und die
ihrer drei Kleinen zu sorgen.
Mit den Händen richtete sie sich
ein wenig die Haare auf der
Stirne und sagte lächelnd zu
Noli:
"Mein Gott, ich muß ja
werweißwie aussehen, lieber
Freund, nicht wahr?"
Und beide standen auf, um zum
Bahnhof zurückzugehen.
Im tiefsten Kämmerchen ihrer
Seele hatte sich die Erinnerung
an diese Nacht eingegraben;
vielleicht, wer weiß, um ihnen
später einmal in der Ferne des
Gedächtnisses wieder zu
erscheinen, mit all dem
friedlichen schwarzen Meer, mit
all den leuchtenden Sternen, wie
ein Funken uralter Poesie und
uralter Bitterkeit.
|
Erstveröffentlichung
in Il Mondo vom
16. April 1922.
Zahlreiche Änderungen im
Text letzter Hand.
aus dem Italienischen von Michael
Rössner |
 |
Die Droschke, die eilig und lärmend durch die Nacht
über den großen leeren Platz fährt, hält vor dem
kalten Lichtschein der Milchglasscheibe einer
Apotheke an der Ecke der Via San Lorenzo. Ein Herr
im Pelz springt heraus und stürzt sich auf die
Klinke dieser Glastüre, um zu öffnen. Er drückt
hierhin, er drückt dorthin - was, zum Teufel? - die
Türe geht nicht auf.
"Versuchen Sie doch zu klingeln", rät ihm der
Kutscher.
"Wo, wie klingelt man hier?"
"Sehen Sie doch, da ist der Knopf. Anziehen müssen
Sie."
Der Herr zieht mit wütender Gewalt an.
"Schöne Nachtdienstbereitschaft ist das!"
Und seine Worte dampfen im Nachtfrost, im roten
Lichtschein der Laterne, als lösten sie sich in
weiße Wölkchen auf.
Klagend dringt vom nahegelegenen Bahnhof der Pfiff
eines abfahrenden Zuges herüber. Der Kutscher holt
die Uhr aus der Tasche, beugt sich zu einer der
Laternen hinüber und sagt:
"Hm, bald drei..."
Endlich kommt der junge Apothekergehilfe ganz steif
noch vom Schlaf, den Kragen der Jacke bis über die
Ohren hochgezogen, um aufzuschließen.
Und sofort fragt der Herr: "Ist ein Arzt da?"
Aber der Junge springt zurück, als er auf dem
Gesicht und auf den Händen den Frost von draußen
spürt, wirft die Arme in die Höhe, streckt die
Fäuste aus und beginnt sich die Augen zu reiben und
zu gähnen: "Um diese Zeit?"
Dann, um die wütenden Proteste des Kunden zu
unterbrechen, der - aber ja, mein Gott, natürlich -
all diese wütende Erregung hat natürlich ihre
Berechtigung, wer will denn das leugnen - aber er
müßte auch ein bißchen Verständnis für jemanden
aufbringen, der um diese Zeit wirklich allen Grund
hat, schläfrig zu sein - na bitte, da nimmt er schon
die Hände von den Augen und bedeutet ihm erst einmal
zu warten; dann, ihm zu folgen, hinter die Theke, in
das Laboratorium der Apotheke.
Der Kutscher unterdessen, der draußen geblieben ist,
steigt von seinem Kutschbock und möchte sich die
Befriedigung gönnen, sich die Hose aufzuknöpfen, um
dort ganz offen, im Angesicht des riesigen, leeren
Platzes, der von den schimmernden Straßenbahngleisen
durchschnitten wird, das zu tun, was untertags nicht
ohne die entsprechenden Folgen getan werden könnte.
Denn es ist auch ein Vergnügen, während da einer
unter der Last einer Sorge stöhnt, die ihn zwingt,
andere um Hilfe und Beistand zu bitten, in aller
Ruhe so ein kleines, natürliches Bedürfnis zu
befriedigen und dabei zu sehen, wie alles an seinem
Platz bleibt: dort die schwarzen Eichen, die in Reih
und Glied den Platz einsäumen, die hohen gußeisernen
Rohre, die das Netz der Straßenbahndrähte tragen,
all diese leeren Monde auf den Laternenpfählen, und
hier die Gebäude des Zollamts neben dem Bahnhof.
Das Laboratorium der Apotheke hat eine niedrige
Decke und ist ganz von Regalen eingefaßt. Die Luft
ist verpestet vom Geruch der Medizinen. Ein
schmutziges Öllämpchen, das vor einem Heiligenbild
auf dem Regal gegenüber der Türe angezündet ist,
scheint nicht einmal sich selbst Licht geben zu
wollen. Der Tisch in der Mitte, vollgeräumt mit
Röhren, Gläsern, Waagen, Mörsern und Trichtern,
erlaubt es zunächst gar nicht zu erkennen, ob auf
dem schäbigen Lederkanapee, dort unter dem Regal
gegenüber der Türe, tatsächlich der Notarzt schläft.
"Da ist er, er ist schon da", sagt der
Apothekergehilfe und zeigt auf eine riesige
Männergestalt, die da schmerzlich verkrümmt und
zusammengekauert schlummert, das Gesicht gegen die
Rückenlehne gequetscht.
"Na, dann wecken Sie ihn doch, zum Donnerwetter!"
"Tja, das sagt sich so leicht! Der ist imstande und
versetzt mir einen Tritt, wissen Sie?"
"Aber er ist doch der Arzt?"
"Der Arzt, jawohl. Doktor Mangoni."
"Und der teilt Tritte aus?"
"Na, verstehen Sie, wenn man ihn um diese Zeit
weckt..."
"Dann werde eben ich ihn wecken!"
Und der Herr beugt sich entschlossen über das
Kanapee und schüttelt den Schlafenden: "Doktor!
Doktor!"
Doktor Mangoni stößt einen brüllenden Laut aus unter
dem zerzausten Bart, der ihm die Wangen bis fast
unter die Augen bedeckt; dann stemmt er die Fäuste
gegen die Brust und hebt die Ellbogen, um sich zu
strecken. Endlich setzt er sich verkrümmt auf, die
Augen noch immer geschlossen unter den buschigen
Augenbrauen. Eines seiner Hosenbeine ist über dem
dicken Wulst der Waden hochgerutscht und gibt den
Blick auf die Unterhosen aus Tuch frei, die auf
altmodische Weise mit einer Schnur über dem groben
schwarzen Baumwollstrumpf festgebunden sind.
"Doktor, ich bitte Sie, rasch..." - sagt der Herr
ungeduldig. "Ein Fall von Erstickungsgefahr..."
"Mit einem Kohlebecken?" fragt der Doktor, sich
umwendend, aber ohne die Augen zu öffnen. Er hebt
die Hand in einer melodramatischen Geste und bemüht
sich, die Stimme aus der noch schlafenden Kehle zu
holen, während er die Arie aus der Oper Gioconda
anstimmt: "Suicidio? In questi fieeeriii momenti..."[1]
Der Herr macht eine Geste der Verwunderung und der
Empörung. Aber Doktor Mangoni wirft sofort den Kopf
zurück und sagt, während er beginnt, erst einmal ein
Auge zu öffnen: "Entschuldigen Sie, handelt es sich
um einen Verwandten von Ihnen?"
"Nein! Aber ich bitte Sie, beeilen Sie sich. Ich
werde Ihnen alles unterwegs erklären. Mein Wagen
wartet draußen. Wenn Sie etwas mitzunehmen haben..."
"Ja, gib mir... gib mir..." beginnt Doktor Mangoni,
während er versucht, sich zu erheben, zu dem
Apothekergehilfen gewandt.
"Das mach ich schon, das mach ich schon, Herr
Doktor", antwortet dieser, knipst das elektrische
Licht an und macht sich plötzlich mit einer
fröhlichen Eile zu schaffen, die den nächtlichen
Kunden beeindruckt.
Doktor Mangoni verdreht den Kopf wie ein Ochse, der
mit den Hörnern zum Stoß ansetzt, um die Augen vor
dem plötzlichen Lichtschein zu schützen.
"Jaja, braves Kind", sagt er. Aber du hast mich
blind gemacht. He, und mein Helm? Wo ist der?"
Der Helm ist sein Hut. Er hat ihn, jawohl. Er hat
ihn ganz sicher, da gibt's gar nichts. Er erinnert
sich, ihn, ehe er eingeschlafen ist, auf den Hocker
neben das Kanapee gelegt zu haben. Wo ist er bloß
hin?
Er beginnt ihn zu suchen. Der Kunde sucht mit;
schließlich sucht auch noch der Kutscher, der
hereingekommen ist, um sich in der Apotheke ein
bißchen aufzuwärmen. Und unterdessen hat der
Apothekergehilfe bequem Zeit, ein Paket mit Geräten
und Medizinen für die Erste Hilfe zusammenzustellen.
"Die Injektionsspritze, Herr Doktor, haben Sie die?"
"Ich?" wendet sich Doktor Mangoni so verwundert um,
daß er bei dem Jungen einen Lachanfall auslöst.
Gut, gut. Sagen wir also, Senfpapier. Acht Stück,
wird das genug sein? Koffein, Strychnin. Eine
Pravaz. Und Sauerstoff, Herr Doktor? Sie werden doch
auch einen Sauerstoffballon brauchen?
"Den Hut brauch ich! Den Hut! Zuerst einmal den
Hut!" brüllt Doktor Mangoni schwer atmend. Und er
erklärt den Zuhörern, er hänge unter anderem deshalb
so sehr an diesem Hut, weil es sozusagen ein
historischer Hut wäre: vor elf Jahren habe er ihn
gekauft, anläßlich des feierlichen Begräbnisses von
Schwester Maria dell'Udienza, der Oberin des
Nachtasyls im Vicolo del Falco in Trastevere[2],
wo er sich häufig einfindet, um ganz ausgezeichnete
Teller billiger Klostersuppe zu essen, und manchmal
auch, um zu schlafen, wenn er gerade nicht Dienst in
den Apotheken hat.
Endlich findet sich der Hut, nicht im Laboratorium,
sondern dort drüben unter der Theke der Apotheke.
Das Kätzchen hat mit ihm gespielt.
Der Kunde bebt vor Ungeduld. Aber nun folgt eine
weitere lange Diskussion, denn Doktor Mangoni, den
verdrückten Hut in der Hand, will nun um jeden Preis
beweisen, daß das Kätzchen ganz sicher, auch das
Kätzchen damit gespielt hat, vor allen Dingen aber
er, der Apothekergehilfe, dem Hut auch noch einen
Fußtritt versetzt haben muß, so daß er unter der
Theke so stark verbeult worden ist. Na gut. Ein
Faustschlag in die Zylinderröhre, so daß die Faust
wie durch ein Wunder nicht auf der anderen Seite
wieder zum Vorschein kommt, und Doktor Mangoni
stülpt sich den Zylinder ein wenig schief auf den
Kopf.
" Ganz zu Ihren Diensten, hochgeschätzter Herr!"
"Ein armer Junge", beginnt der Herr sofort, als er
wieder in die Droschke einsteigt und die Decke über
den Beinen des Doktors und den eigenen ausbreitet.
"Ach, das ist eine gute Idee! Dankeschön."
"Ein armer Junge, der mir von einem meiner Brüder so
sehr ans Herz gelegt worden war. Ich sollte ihm eine
Anstellung besorgen. Jaja, verstehen Sie, als ob das
die einfachste Sache der Welt wäre: Hopphopp, da ist
sie schon. Die übliche Geschichte. Die Leute in der
Provinz leben wirklich wie in einer anderen Welt.
Sie glauben, es genüge schon, nach Rom zu kommen,
und gleich findet sich eine Anstellung da: Hopphopp,
da ist sie schon. Eine der üblichen verkrachten
Existenzen, Sie wissen schon: der Sohn eines
Landarbeiters, der vor zwei Jahren im Dienst meines
Bruders verstorben war. Er kommt nach Rom, und was
will er da tun? Nichts, Journalist werden, sagt er.
Er legt mir seine Zeugnisse vor: das Abgangszeugnis
des Gymnasiums und eine Gedichtsammlung; und dazu
sagt er: "Sie müssen mir eine Anstellung bei einer
Zeitung besorgen." Ich! Na, der spinnt ja! Ich
kümmere mich sofort darum, ihm auf der Polizei die
Heimreiseerlaubnis zu besorgen. Und einstweilen -
konnte ich ihn da nachts auf der Straße stehen
lassen? Er war ja fast nackt, halbtot vor Kälte, mit
einem schäbigen Tuchanzug, der ihm um den Leib
flatterte, dazu zwei oder drei Lire in der Tasche;
mehr waren es bestimmt nicht. Ich habe ihm also ein
Obdach verschafft, in einem Häuschen, das mir gehört,
hier im San Lorenzo-Viertel. Vermietet ist es, an
Leute, ich sage Ihnen... na, lassen wir das. Kerle,
die zwei möblierte Zimmerchen noch untervermieten.
Seit vier Monaten bezahlen sie die Miete nicht. Das
nütze ich aus und stecke ihnen den Jungen zum
Schlafen ins Haus. Na gut! Es vergehen fünf Tage;
noch immer keine Möglichkeit, den Heimfahrtschein
von der Polizei zu bekommen. Die Umständlichkeit
dieser Beamten! Die sind wie die Vögel, wissen Sie -
überall müssen sie ihre Häufchen hinmachen,
verzeihen Sie den Ausdruck! Um diesen Schein
auszustellen, müssen sie zuerst wasweißich für
Aktenauskünfte aus seinem Heimatort einholen, dann
noch die ganzen Formalitäten auf der Polizei hier.
Na gut: heute abend war ich im Theater, im Teatro
Nazionale. Da kommt ganz entsetzt der Sohn meiner
Mieterin um Viertel nach Zwölf zu mir ins Haus, weil
dieser unglückselige Kerl sich, wie er sagt, mit
angezündetem Kohlebecken in seinem Zimmer
eingeschlossen hat. Und das seit sieben Uhr abends,
verstehen Sie?"
An dieser Stelle beugt sich der Herr ein bißchen vor,
um den Doktor im Fond der Kutsche zu betrachten, der
während seiner Erzählung kein Lebenszeichen mehr von
sich gegeben hat. Da er Angst hat, er könnte wieder
eingeschlafen sein, wiederholt er, ein wenig lauter:
"Seit sieben Uhr abends!"
"Wie angenehm dieses Pferdchen trabt", sagt
daraufhin Doktor Mangoni, der sich genüßlich in der
Kutsche ausgestreckt hat.
Dem Herrn ist es, als habe er in der Dunkelheit
einen Faustschlag auf die Nase erhalten.
"Aber entschuldigen Sie, Herr Doktor, haben Sie
gehört, was ich gesagt habe?"
"Ja, natürlich."
"Seit sieben Uhr abends. Von sieben bis Mitternacht,
fünf Stunden also."
"Ganz genau."
"Er atmet aber noch, wissen Sie! Ganz schwach. Seine
Muskeln sind ganz verkrampft, und..."
"Ach, wie herrlich! Das muß... ja, warten Sie, drei...
oder nein, was sag' ich denn?... mindestens fünf
Jahre muß das her sein, daß ich nicht mehr mit einer
Kutsche gefahren bin. Wie angenehm man hier drinnen
fährt!"
"Aber entschuldigen Sie, ich erzähle Ihnen..."
"Ja natürlich. Aber beruhigen Sie sich doch, was
soll mir denn die Geschichte dieses unglückseligen
Kerls schon bedeuten?"
"Ich will Ihnen ja nur sagen, daß es fünf Stunden
waren..."
"Na gut! Gleich werden wir sehen! Glauben Sie
eigentlich, Sie würden ihm einen großen Dienst
erweisen?"
"Wie bitte?"
"Aber ja, verzeihen Sie! Eine Verwundung im Duell,
ein Dachziegel auf den Kopf, irgendein Unfall... na
gut, Hilfe leisten, einen Arzt holen, das versteh'
ich noch. Aber wenn so ein armer Kerl, Sie
verzeihen, sich da in aller Stille zusammenkauert,
um zu sterben?"
"Wie bitte?", wiederholte der Herr, mehr denn je
entgeistert.
Und Doktor Mangoni setzte völlig ruhig und ungerührt
fort: "Haben Sie ein bißchen Geduld. Das meiste
hatte er ja schon getan, der Ärmste. Statt Brot
hatte er sich Kohlen gekauft. Ich stelle mir vor, er
wird die Türe verrammelt haben, nicht wahr? Alle
Löcher verstopft... vielleicht hat er sich zuvor mit
Opium betäubt; fünf Stunden waren schon vergangen;
und da stören Sie ihn gerade dann, wenn es darauf
ankommt!"
"Sie machen Witze!", schreit der Herr.
"Nein, nein. Ich spreche ganz im Ernst."
"Ach zum Teufel!", bricht da der Herr heraus. "Aber
ich bin es ja, der gestört worden ist, will mir
scheinen! Man ist ja mich holen gekommen."
"Ich verstehe, ja, aus dem Theater."
"Hätte ich ihn sterben lassen sollen? Und dann? Jede
Menge neuer Scherereien, nicht wahr? Als ob die
nicht schon genug gewesen wären, die er mir bislang
bereitet hat. Solche Sachen macht man nicht in
fremden Häusern, entschuldigen Sie!"
"Ah ja, das schon; was das anbelangt, haben Sie ganz
recht", räumt Doktor Mangoni mit einem Seufzer ein.
"Er hätte rausgehen können, um draußen im Stehen zu
sterben, sagen Sie. Da haben Sie recht. Aber das
Bett ist eine Versuchung, wissen Sie? Eine große
Versuchung. Wie ein Hund auf dem Boden zu sterben...
Lassen Sie sich das von einem sagen, der keines hat!"
"Kein was?"
"Kein Bett."
"Sie?"
Doktor Mangoni zögert mit der Antwort. Dann sagt er
langsam, mit dem Tonfall eines Menschen, der schon
so oft Gesagtes wiederholt:
"Ich schlafe, wo ich kann. Ich esse, wenn ich kann.
Ich kleide mich, wie ich kann."
Und sofort fügt er hinzu: "Aber
glauben Sie nicht, daß es mir
etwas ausmacht. Ganz im
Gegenteil. Ich bin ein großer
Mann, wissen Sie das? Aber ich
habe verzichtet."
Der Herr beginnt sich für diesen
seltsamen Arzt zu interessieren,
auf den er da durch Zufall
gestoßen ist; und er fragt
lachend: "Verzichtet? Was heißt
verzichtet?"
"Daß ich rechtzeitig begriffen
habe, lieber Herr, daß sich
nichts dafürsteht. Und daß man
im Gegenteil, je mehr man sich
abmüht, groß zu werden, immer
kleiner wird. Zwangsläufig.
Entschuldigen Sie, haben Sie
eine Frau?"
"Ich? Jawohl."
"Mir scheint, Sie haben
geseufzt, als Sie Jawohl
sagten."
"Aber nein, ich habe nicht im
geringsten geseufzt."
"Na dann genug davon. Wenn Sie
nicht geseufzt haben, reden wir
nicht mehr davon."
Und Doktor Mangoni kauert sich
wieder im Fond der Kutsche
zusammen und gibt so deutlich zu
verstehen, daß er es nicht mehr
für angebracht hält, die
Konversation fortzusetzen. Der
Herr ist verstimmt.
"Aber entschuldigen Sie mal, was
hat meine Frau damit zu tun?"
In diesem Augenblick wendet sich
der Kutscher auf seinem
Kutschbock um und fragt: "Na
hören Sie mal, wo ist das jetzt?
Wir sind schon gleich in
Campoverano!"
"Ach ja!" ruft der Herr aus. "Drehen
Sie um! Umdrehen! Wir sind ja
schon lange an dem Haus vorbei!"
"Es ist schade, umzudrehen",
sagt Doktor Mangoni, "wenn man
schon fast am Ziel ist."
Der Kutscher dreht um und flucht
dazu.
Eine dunkle Treppe, die wie eine
eingestürzte Höhle wirkt,
düster, feucht und übelriechend.
"Au! Verflucht. Gottogott!"
"Was ist? Haben Sie sich weh
getan?"
"Am Fuß. Auauau! Aber sagen Sie,
hätten Sie nicht vielleicht ein
Streichholz?"
"Verdammt! Ich suche die
Schachtel. Nicht zu finden!"
Endlich ein Lichtschimmer, der
aus einer offenstehenden Türe
auf dem Treppenabsatz im dritten
Stock dringt.
Wenn das Unglück in ein Haus
kommt, zeichnet es sich immer
dadurch aus, daß es die Türe
offenläßt, damit jeder Fremde
hereinkommen und seine Neugier
befriedigen kann.
Doktor Mangoni folgt dem Herrn
hinkend durch ein schäbiges
Zimmer mit einem weißen
Petroleumlämpchen auf dem Boden
bei der Türe; dann geht der
Herr, ohne irgendjemanden um
Erlaubnis zu fragen, durch einen
dunklen Gang mit drei Türen;
zwei davon sind verschlossen,
die dritte am Ende steht offen
und ist schwach erleuchtet. Im
Krampf des Schmerzes von der
Verstauchung am Fuß, den
Sauerstoffballon in der Hand,
überkommt ihn die Versuchung,
ihn diesem Herrn auf den Rücken
zu werfen, damit er zerplatzt;
aber dann legt er ihn auf den
Boden, bleibt stehen, stützt
sich mit einer Hand gegen die
Mauer, zieht den Fuß in die Höhe
und umfaßt ihn mit der anderen
Hand fest am Knöchel, wobei er
mit verzerrtem Gesicht versucht,
ihn nach beiden Seiten zu
drehen.
Unterdessen ist in dem Zimmer am
Ende des Ganges, wer weiß warum,
ein Streit zwischen diesem Herrn
und den Mietern ausgebrochen.
Doktor Mangoni läßt seinen Fuß
aus und versucht, sich in
Bewegung zu setzen, um zu
erfahren, was da los ist, da
kommt ihm wie ein Wirbelwind
dieser Herr entgegengestürzt,
der brüllt:
"Wie die Idioten, jawohl! Wie
die Idioten!"
Er kann ihm gerade noch
ausweichen. Als er sich umdreht,
sieht er ihn in den
Sauerstoffballon hineinlaufen.
"Langsam! Langsam, um Himmels
willen!"
Was heißt da langsam! Der Herr
versetzt dem Ballon einen
Fußtritt; da hat er ihn schon
wieder zwischen den Füßen;
wieder fällt er beinahe hin und
läuft schließlich fluchend
davon, während auf der Schwelle
der Türe am Ende des Ganges ein
plumper, lächerlicher Alter in
Pantoffeln und Nachtmütze
erscheint, einen dicken grünen
Wollschal um den Hals
geschlungen, aus dem ein
aufgedunsenes rotes Gesicht
hervorschaut, das die
Stearinkerze in der Hand
beleuchtet.
"Aber entschuldigen Sie... ich
meine, wäre es denn vielleicht
besser gewesen, wir hätten ihn
hier sterben lassen, während wir
auf den Arzt warten?"
Doktor Mangoni glaubt, er
spreche zu ihm und antwortet:
"Hier bin ich. Das bin ich."
Aber der Mann hebt die Hand mit
der Kerze, betrachtet ihn und
fragt ihn wie betäubt: "Sie?
Wer?"
"Sagten Sie nicht eben, der
Arzt?"
"Was heißt da Arzt! Was heißt da
Arzt!" erhebt sich da eine
schrille Frauenstimme aus dem
Zimmer dahinter.
Und damit stürzt die Frau dieses
würdigen Alten in Pantoffeln und
Nachtmütze auf den Gang, ganz
aufgelöst, in eine Wolke grauer
Haare und Locken gehüllt, die
schwarz umrandeten Augen
geschwollen und verweint, der
obszön geschminkte Mund, der ihr
quer ins Gesicht schneidet,
zittert vor Erregung. Sie reckt
den Kopf nach der Seite, um
auszuspähen, und setzt in
herrschaftlichem Ton hinzu:
"Sie können gehen! Sie können
gehen! Wir brauchen Sie nicht
mehr. Wir haben ihn ins Spital
bringen lassen, weil er beinahe
gestorben wäre!"
Und dann stößt sie ihrem Mann
kräftig gegen den Arm und
fordert: "Schick ihn fort!"
Aber der Mann stößt einen Schrei
aus und springt in die Höhe,
weil der Stoß gegen den Arm ihm
die heißen Wachstropfen der
Kerze auf die Haut hat spritzen
lassen.
"Na, na, immer sachte, zum
Teufel!"
Doktor Mangoni wehrt sich,
allerdings ohne allzu viel
Nachdruck, er sei doch kein Dieb
und auch kein Mörder, daß man
ihn so wegschicken könne; wenn
er gekommen ist, dann deshalb,
weil man ihn aus der Apotheke
geholt hat, vom
Bereitschaftsdienst; und bis
jetzt hat er sich damit bloß
einen verstauchten Fuß
eingehandelt, weshalb er auch
bitten würde, daß man ihn sich
wenigstens ein bißchen hinsetzen
läßt.
"Aber ich bitte Sie, natürlich,
hier, kommen Sie, nehmen Sie
Platz, nehmen Sie Platz, Herr
Doktor", sagt der Alte schnell
und führt ihn in das Zimmer am
Ende des Ganges, während die
Frau, den Kopf noch immer nach
einer Seite gereckt, um
auszuspähen wie ein verärgertes
Huhn, mustert ihn sorgfältig,
ganz beeindruckt von diesem
wilden Bart, der bis zu den
Augen reicht.
"Ach, weiß Gott", sagt sie nun
besänftigt, als eine Art
Entschuldigung, "wenn man Gutes
tut und sich dafür auch noch
Vorwürfe anhören muß!"
"Jawohl, Vorwürfe", hakt der
Alte ein, während er die
brennende Kerze in das Loch des
Kerzenhalters auf dem Nachttisch
neben dem leeren,
aufgeschlagenen Bett steckt,
dessen Kopfkissen noch den
Eindruck des Kopfes dieses
jungen Selbstmörders zeigen. In
aller Ruhe streift er sich dann
die Wachstropfen von den Fingern
und fährt fort: "Denn er sagt:
Nichts da, meine Herrschaften,
man hätte ihn nicht ins Spital
bringen dürfen, auf keinen
Fall."
"Ganz schwarz angelaufen war er!"
schreit die Frau dazwischen. "Ach,
dieses Gesicht. Wie ausgesaugt
sah es aus. Und was der für
Augen hatte! Und diese Lippen,
ganz schwarz, die hier, hier,
gerade so ein bißchen von den
Zähnen sehen ließen. Atem hatte
er auch keinen mehr..."
Und sie bedeckte ihr Gesicht mit
den Händen.
"Hätten wir ihn denn ohne Hilfe
sterben lassen sollen?" fragt
der Alte wiederum in aller Ruhe.
"Aber warum hat er sich nur so
darüber geärgert? Weil er
vermutet - sagt er - daß dieser
arme Bursche ein unehelicher
Sohn seines Bruders sein
könnte."
"Und da hatte er ihn uns hier
hereingeworfen", springt die
Frau wieder in die Höhe, man
weiß nicht recht ob aus Ärger
oder aus Rührung. "Hierher,
damit in meinem Haus diese
Tragödie ausbrechen mußte, die
noch lange nicht zu Ende ist,
denn meine Tochter, die ältere,
die hat sich in ihn verliebt,
verstehen Sie? Wie eine
Verrückte, als sie ihn sterben
sah, da hat sie - Gott, was für
ein gräßliches Schauspiel - da
hat sie ihn auf die Schultern
gehoben - also ich weiß nicht,
wie sie das angestellt hat! -
und hat ihn fortgetragen, mit
der Hilfe ihres Bruders, da über
die Stiegen runter, in der
Hoffnung, auf der Straße eine
Droschke zu finden. Vielleicht
haben sie eine gefunden. Und
sehen Sie mir nur einmal diese
andere Tochter an, wie die
heult.
Doktor Mangoni hat beim
Eintreten schon für einen kurzen
Augenblick in dem Eßzimmer
daneben ein Mädchen mit blondem,
zerzaustem Haar gesehen, das,
die Ellbogen auf den Tisch und
den Kopf in die Hände gestützt,
zu lesen schien. Sie liest und
weint, ja; aber mit
aufgeknöpftem Korsett, die
rosigen, ausladenden Rundungen
der Brust beinahe zur Gänze
unter dem gelben Licht der von
der Decke hängenden Lampe zur
Schau stellend.
Der alte Vater, zu dem sich
Doktor Mangoni nun ganz
verdattert umwendet, vollführt
mit den Händen Gesten der
höchsten Bewunderung. Über die
Brust der Tochter? Nein. Über
das, was die Tochter dort unter
so vielen Tränen liest. Die
Gedichte des jungen Mannes.
"Ein Dichter!" ruft er aus. "Ein
Dichter, der, wenn sie ihn hören
würden... Ach, das sind Sachen!
Sachen sind das! Ich verstehe
was davon, ich bin nämlich
Literaturprofessor im Ruhestand.
Ganz große Kunst ist das, ganz
große Kunst."
Und er geht hinüber, um einige
dieser Gedichte an sich zu
nehmen; die Tochter wehrt sich
jedoch wütend dagegen, weil sie
fürchtet, die ältere Schwester
würde ihr nicht mehr erlauben,
sie zu lesen, wenn sie erst mit
dem Bruder vom Spital nach Hause
kommt. Dann wird sie sie
eifersüchtig für sich allein
haben wollen, wie einen Schatz,
dessen einzige Erbin sie sein
soll.
"Wenigstens ein paar, die du
schon gelesen hast", versucht es
der Vater schüchtern noch einmal.
Aber das Mädchen das sich über
den Tisch gebeugt hat und mit
ihrer ganzen Brust die Blätter
abschirmt, stampft mit dem Fuß
auf und schreit: "Nein!" Dann
rafft sie alle Blätter zusammen,
preßt sie mit der Hand gegen die
entblößte Brust und schleppt sie
mit sich in ein anderes Zimmer.
Doktor Mangoni wendet sich noch
einmal um, um dieses traurige,
leere Bettchen zu betrachten,
das seinen Besuch sinnlos macht;
dann blickt er auf das Fenster,
das in diesem düsteren Zimmer
trotz des Nachtfrostes offen
geblieben ist, um den
Kohlegestank hinauszulassen.
Der Mond erleuchtet die Öffnung
dieses Fensters. Mitten in der
Nacht, der Mond. Doktor Mangoni
stellt ihn sich so vor, wie er
ihn so viele Male auf seinen
Irrwegen durch ferne Straßen
gesehen hat, wie er versunken
und gleichsam entrückt auf dem
Himmelsgewölbe steht, während
die Menschen schlafen und ihn
nicht mehr sehen.
Die schäbige Enge dieses Zimmers,
dieses ganzen Hauses, eines der
vielen Häuser der Menschen, in
denen, um das nie abschließende
Elend des Lebens zu perpetuieren,
verführerisch zwei Frauenbrüste
herumtanzen, solche wie die, die
er eben für einen Augenblick
unter dem Licht der Hängelampe
in dem Zimmer dort drüben
gesehen hat; all das flößt ihm
in diesem Augenblick eine so
eisige Mutlosigkeit und zugleich
eine so bittere Wut ein, daß er
beim besten Willen nicht mehr
sitzen bleiben kann.
Fauchend erhebt er sich, um
fortzugehen. Na schön, letzten
Endes ist es einer der vielen
Fälle, mit denen er immer zu tun
hat, wenn er in den
Nachtapotheken
Bereitschaftsdienst versieht.
Vielleicht ist er ein bißchen
trauriger als die anderen, wenn
man bedenkt, daß dieser arme
Junge - wer weiß! -
wahrscheinlich wirklich ein
Dichter war. Aber in dem Fall
ist es besser so: nämlich, daß
er tot ist.
"Hören sie", sagt er zu dem
Alten, der ebenfalls
aufgestanden ist, um wieder die
Kerze zur Hand zu nehmen. "Dieser
Herr, der Ihnen Vorwürfe gemacht
hat, und der mich aus der
Apotheke geholt hat, muß
wirklich ein Dummkopf sein.
Warten Sie: lassen Sie mich
ausreden. Nicht deswegen, weil
er Ihnen Vorwürfe gemacht hat,
sondern deshalb, weil ich ihn
gefragt habe, ob er eine Frau
hätte, und er hat mit Ja
geantwortet; aber ohne dazu zu
seufzen. Haben Sie mich
verstanden?"
Der Alte starrt ihn mit offenem
Mund an. Sichtlich versteht er
ihn nicht. Dafür versteht ihn
die Frau, die in die Höhe
springt und ihn fragt: "Warum
sollte denn jemand Ihrer Ansicht
nach seufzen, wenn er sagt, daß
er eine Frau hat?"
Und Doktor Mangoni gibt sofort
zurück: "Na, so wie ich meine,
daß Sie seufzen werden, liebe
Signora, wenn Sie jemand fragt,
ob Sie einen Mann haben."
Und dabei zeigt er mit dem
Finger auf denselben. Dann setzt
er fort: "Entschuldigen Sie,
hätten Sie diesem jungen Mann,
wenn er sich nicht umgebracht
hätte, Ihre Tochter zur Frau
gegeben?"
Die andere blickt ihn eine Weile
von der Seite her an, dann
antwortet sie herausfordernd:
"Und warum nicht?"
"Und Sie hätten ihn dann zu sich
in dieses Haus genommen?" fragt
Doktor Mangoni weiter.
Und Sie antwortet wiederum: "Und
warum nicht?"
"Und Sie", fragt Doktor Mangoni
noch immer weiter, diesmal zu
dem alten Ehemann gewandt, "Sie,
die Sie sich da auskennen, als
Literaturprofessor im Ruhestand,
hätten Sie ihm vielleicht
geraten, seine Gedichte zu
veröffentlichen?"
Um nicht hinter seiner Frau
zurückzustehen, antwortet der
Alte ebenfalls: "Und warum nicht?"
"Na dann", schließt Doktor
Mangoni trocken, "dann tut's mir
leid, aber ich muß Ihnen sagen,
daß Sie wenigstens doppelt so
große Dummköpfe sind wie jener
Herr."
Und er wendet sich zum Gehen.
"Darf man vielleicht erfahren,
weshalb?" brüllt ihm die Frau in
höchster Wut nach.
Doktor Mangoni bleibt stehen und
antwortet ganz ruhig: "Haben Sie
ein bißchen Geduld. Sie werden
mir zugeben, daß dieser arme
Junge wahrscheinlich von Ruhm
und Ehre träumte, wenn er
Gedichte schrieb. Nun denken Sie
einmal ein bißchen nach: Was
wäre für ihn aus diesem Ruhm
geworden, hätte er diese
Gedichte drucken lassen? Ein
armseliges, unnützes
Gedichtbändchen. Und aus der
Liebe? Aus der Liebe, die das
lebendigste, heiligste ist, was
wir auf Erden erleben dürfen?
Was wäre für ihn daraus
geworden? Aus der Liebe - eine
Frau. Ja, schlimmer noch: eine
Ehefrau: Ihre Tochter."
"He! He!" unterbricht ihn da die
Frau drohend und fährt ihm
beinahe mit den Krallen ins
Gesicht: "Geben Sie acht, wie
Sie von meiner Tochter
sprechen!"
"Ich sage gar nichts", wehrt
Doktor Mangoni eilig ab. "Im
Gegenteil: Ich stelle sie mir
wunderschön vor und als ein
Muster an Tugend dazu. Aber doch
immer noch als eine Frau, liebe
Signora, die nach kurzer Zeit,
mein Gott, das wissen wir doch
alle, mit dem Elend und den
Kindern, erbärmlich
heruntergekommen wäre. Und was
wäre für ihn aus der Welt
geworden, sagen Sie mir das? Aus
der Welt, in die ich nun mit
diesem Fuß, der mir so höllisch
weh tut, hinauslaufen werde;
sehen Sie doch, liebe Signora,
was für ihn aus der großen
weiten Welt geworden wäre: ein
Haus. Dieses Haus. Haben Sie
mich verstanden?"
Und während seine Hände in
seltsamen Gesten des Ekels und
des Abscheus zucken, läuft er
fort, hinkend und vor sich
hinbrabbelnd:
"Was heißt da Bücher! Was heißt
da Frauen! Was heißt da Haus!
Nichts... nichts... nichts...
Verzichten! Verzichten!
Nichts."
[1]
- dt.: "Selbstmord? In
dieser heeeeehren
Zeit..."
[2]-
Dieses Obdachlosenasyl
ist auch der Schauplatz
der ersten Kapitel des
Romans "Serafino Gubbio"
- siehe Bd.1.
|
Schubkarrenfahren - (La carriola - 1917) |
|
Erstveröffentlichung
1917 in dem Novellenband
E domani, lunedì
("Und morgen ist
Montag"); keine
wesentlichen Varianten.
aus dem Italienischen von Michael
Rössner |
 |
Wenn ich jemanden bei mir habe, sehe
ich sie nie an; aber ich spüre, daß sie mich
ansieht, sie sieht mich an, sieht mich an, ohne mich
auch nur einen Augenblick mit ihren Augen
loszulassen.
Unter vier Augen möchte ich ihr zu
verstehen geben, daß es nichts zu bedeuten hat; daß
sie ganz ruhig sein soll; daß ich mir mit anderen
diese kurze Handlung nicht erlauben könnte, die für
sie keine Bedeutung hat und für mich alles ist. Ich
vollziehe sie jeden Tag, wenn ein günstiger
Augenblick da ist, unter strengster Geheimhaltung,
mit erschreckender Freude, denn ich koste darin
zitternd die Lust eines göttlichen, bewußten
Irrsinns, der mich für einen Augenblick befreit und
für alles entschädigt.
Ich mußte sicher sein (und sicher
meinte ich nur bei ihr sein zu können) daß diese
Handlung nicht entdeckt werden konnte. Denn wenn sie
einmal entdeckt würde, wäre der Schaden unermeßlich,
und nicht nur für mich. Ich wäre erledigt.
Wahrscheinlich würden sie mich packen, fesseln und
entsetzt in ein Irrenhaus schleppen.
Der Schrecken, der alle ergriffe,
wenn meine Handlung entdeckt würde, den lese ich nun
hier in den Augen meines Opfers.
Mir sind das Leben, die Ehre, die
Freiheit, die Besitztümer unzähliger Menschen
anvertraut, die mich von morgens bis abends
belagern, damit ich für sie tätig werde, ihnen rate,
ihnen beistehe. Und noch viele andere, allerhöchste
Pflichten lasten auf mir, im öffentlichen wie im
privaten Bereich: ich habe eine Frau und Kinder, die
oft zu schwach sind, sich so zu verhalten, wie sie
es tun sollten, und die deshalb ständig durch meine
strenge Autorität im Zaum gehalten werden müssen,
durch das beständige Beispiel meines unbeugsamen und
tadellosen Gehorsams gegenüber allen meinen
Verpflichtungen, von denen eine ernster ist als die
andere, als Ehemann, als Vater, als Bürger, als
Professor der Rechtswissenschaften, als Anwalt. Wehe
also, wenn mein Geheimnis entdeckt würde!
Mein Opfer kann nicht sprechen, das
ist wahr. Und dennoch fühle ich mich seit einigen
Tagen nicht mehr sicher. Ich bin nervös und unruhig.
Denn wenn sie schon nicht sprechen kann, so sieht
sie mich doch an, sieht mich mit so seltsamen Augen
an, und in diesen Augen steht der Schreck so
deutlich zu lesen, daß ich fürchte, jemand könnte
das von einem Augenblick zum anderen bemerken und
sich bemüßigt fühlen, den Grund dieses Schrecks
herauszufinden.
Ich wäre, ich wiederhole es,
erledigt. Die wahre Bedeutung der Handlung, die ich
ausführe, kann nur von den ganz wenigen eingeschätzt
und beurteilt werden, denen sich das Leben plötzlich
offenbart hat, so wie das bei mir geschehen ist.
Es auszusprechen und verständlich zu
machen, ist nicht einfach. Ich will es versuchen.
Vor ungefähr vierzehn Tagen fuhr ich
von Perugia, wo ich beruflich zu tun gehabt hatte,
wieder nach Hause.
Eine meiner schwierigsten Pflichten
besteht darin, die Müdigkeit, die mich erdrückt,
nicht zu bemerken, das enorme Gewicht all der
Verpflichtungen, die ich mir selbst und die mir die
anderen aufgeladen haben, und nicht im geringsten
dem Bedürfnis nach ein wenig Zerstreuung
nachzugeben, das mein erschöpfter Geist von Zeit zu
Zeit verspürt. Die einzige Zerstreuung, die ich mir
erlauben kann, ist die: wenn mich die Müdigkeit bei
einer lästigen Aufgabe, der ich mich schon lange
Zeit gewidmet habe, allzu sehr quält, dann kann ich
mich einer neuen zuwenden.
Ich hatte deshalb in meiner ledernen
Aktentasche einige neue Akten in den Zug
mitgenommen, um sie zu studieren. Als ich beim Lesen
auf ein erstes Problem gestoßen war, hatte ich die
Augen vom Papier gehoben und sie auf das Fenster des
Waggons gerichtet. Ich blickte hinaus, aber ich sah
nichts, weil ich wegen dieses Problems ganz in
Gedanken verloren war.
Nun, also eigentlich kann ich nicht
sagen, daß ich nichts sah. Die Augen sahen; sie
sahen und genossen vielleicht ganz für sich die
Anmut und die sanften Linien der umbrischen
Landschaft. Aber ich schenkte sicherlich dem, was
die Augen sahen, keine Aufmerksamkeit.
Nur begann in mir auch die
Aufmerksamkeit, die ich diesem mich beschäftigenden
Problem schenkte, nachzulassen, ohne daß mir
deswegen das Schauspiel der Landschaft, die mir doch
so rein, leicht, erquickend vor den Augen dahinzog,
deutlicher bewußt geworden wäre.
Ich dachte nicht an das, was ich
sah, und dachte überhaupt an nichts mehr; für eine
Zeitspanne, deren Länge ich nicht angeben könnte,
verharrte ich so in einer Art seltsamer, vager
Abwesenheit, die doch sehr klar und angenehm war.
Geradezu luftig leicht. Mein Geist war den Sinnen
beinahe entflohen, in eine unendliche Ferne, wo er
mit einem Glücksgefühl, das nicht das seine schien,
wer weiß wie schwache Bilder des Treibens eines
anderen Lebens wahrnahm, das nicht das seine war,
aber doch seines hätte sein können, nicht hier,
nicht jetzt, wohl aber dort, in dieser unendlichen
Ferne; eines weit zurückliegenden Lebens, das
vielleicht das seine gewesen war, er wußte nicht
wie noch wann; das die ununterscheidbare Erinnerung
atmete, nicht von Taten, nicht von Ansichten,
sondern beinahe von Wünschen, die schon vergangen
waren, ehe sie noch entstehen konnten; mit einer
bangen, eitlen und doch harten Qual des Nicht-Seins,
derselben, die vielleicht die Blumen fühlen, die
nicht aufzublühen vermocht haben; mit einem Wort,
das Treiben eines Lebens, das zu leben war, dort,
weit, sehr weit weg, von wo aus es Zeichen gab mit
Klopfen und Lichtblitzen. Und es war nicht geboren
worden; aber in ihm hätte sich der Geist, ja, dann
schon, oh ja, ganz und gar wiedergefunden, auch zum
Leiden wiedergefunden, nicht nur zum Genuß des
Glücks, auch zum Ertragen von Leiden, die wirklich
seine Leiden waren.
Nach und nach fielen mir die Augen
zu, ohne daß ich es bemerkte, und vielleicht
verfolgte ich im Schlaf weiter dieses Leben, das
nicht geboren worden war. Ich sage vielleicht, denn
als ich erwachte, mit schmerzenden Gliedern und
einem bitteren Geschmack im ausgedörrten Mund, schon
kurz vor der Ankunft, da fand ich meine Seele auf
einmal ganz und gar verändert, voll eines
entsetzlichen Überdrusses gegenüber dem Leben, in
einer düsteren, bleiernen Bestürzung, in der der
Anblick der allergewohntesten Dinge mir plötzlich
völlig sinnentleert, wohl aber für meine Augen mit
einer grausamen, unerträglichen Schwere behaftet
erschien.
In dieser Stimmung verließ ich am
Zielbahnhof den Zug, bestieg mein am Ausgang
wartendes Automobil und machte mich auf den Weg nach
Hause.
Gut, also es geschah im Stiegenhaus,
auf dem Treppenabsatz vor meiner Wohnungstür.
Plötzlich sah
ich vor dieser dunklen,
bronzefarbenen Tür mit dem
ovalen Messingschild, auf dem
mein Name eingraviert ist,
eingeleitet von meinen Titeln
und gefolgt von meinen
wissenschaftlichen und
beruflichen Attributen,
plötzlich sah ich da wie von
außen mich selbst und mein
Leben, aber nicht, um mich
wiederzuerkennen und um dieses
Leben als das meine zu erkennen.
In
erschreckender Weise überkam
mich vielmehr auf einmal die
Gewißheit, daß dieser Mensch,
der da vor dieser Tür stand, mit
der ledernen Aktentasche unter
dem Arm, daß dieser Mensch, der
in diesem Hause wohnte, nicht
ich war, niemals ich gewesen
war. Plötzlich erkannte ich, daß
ich immer wie von diesem Hause,
von dem Leben dieses Menschen
abwesend gewesen war, und nicht
nur von diesem, sondern
tatsächlich und eigentlich von
jedem Leben. Ich hatte nie
gelebt; ich war nie wirklich im
Leben gewesen; in einem Leben,
meine ich, daß ich als das
meine, als das von mir gewollte
hätte empfinden und anerkennen
können. Auch mein eigener
Körper, meine Gestalt, wie sie
mir nun unversehens erschien,
mit diesen Kleidern, dieser
Aufmachung, erschien mir als
etwas Fremdes: als ob sie mir
jemand anderer aufgedrängt und
zusammengestellt hätte, diese
Gestalt, um mich in einem Leben
auftreten zu lassen, das nicht
das meine war, um mich in diesem
Leben, aus dem ich immer
abwesend gewesen war, Akte der
Präsenz setzen zu lassen, in
denen, wie mein Geist nun auf
einmal bemerkte, ich mich nie
befunden hatte, nie, nie! Wer
hatte ihn so gemacht, den
Menschen, der mich verkörperte?
Wer hatte ihn so gewollt? Wer
kleidete ihn so, wer zog ihm
diese Schuhe an? Wer ließ ihn
sich so bewegen und so sprechen?
Wer hatte ihm diese ganzen
Verpflichtungen auferlegt, von
denen eine belastender und
ärgerlicher war als die andere?
Commendatore, Professor,
Rechtsanwalt, der Mann, den alle
suchten, den alle respektierten
und bewunderten, von dem alle
Taten, Ratschläge, Beistand
wollten, um den alle stritten,
ohne ihm je einen Augenblick
Ruhe, einen Augenblick zum
Atemholen zu gönnen - das war
ich? Ich? Wirklich ich? Ja, wie
denn das? Was gingen denn mich
die ganzen lästigen Aufgaben an,
in die dieser Mann von morgens
bis abends verstrickt war; was
der ganze Respekt, die ganze
Achtung, die er genoß,
Commendatore, Professor,
Rechtsanwalt, und was der
Reichtum und die Ehren, die ihm
durch die eifrige und
gewissenhafte Erfüllung all
dieser Verpflichtungen, durch
die Ausübung seines Berufes
zugewachsen waren?
Und dort, hinter
dieser Tür, die auf dem ovalen
Messingschild meinen Namen trug,
waren eine Frau und vier Kinder,
die jeden Tag mit demselben
Widerwillen, der auch der meine
war, den ich aber in ihnen nicht
dulden konnte, diesen
unerträglichen Menschen vor sich
sahen, der ich sein mußte, und
in dem ich nun einen mir
Fremden, einen Feind erkannte.
Meine Frau? Meine Kinder? Aber
wenn ich doch nie ich gewesen
war in Wirklichkeit, wenn doch
in Wirklichkeit (und ich fühlte
es mit erschreckender
Sicherheit) dieser unerträgliche
Mensch, der da vor der Türe
stand, gar nicht ich war; wessen
Frau war dann diese Frau, wessen
Kinder waren dann diese vier
Kinder? Meine waren sie sicher
nicht! Sie gehörten diesem Mann,
diesem Mann, den mein Geist in
diesem Augenblick, hätte er
einen Körper besessen, seinen
wahren Körper, seine wahre
Gestalt, mit Fußtritten
davongejagt oder aber gepackt,
zerrissen, zerstört hätte, mit
all diesen lästigen Aufgaben,
mit all diesen Pflichten und
Ehren und dem Respekt und dem
Reichtum, und auch mit der Frau,
ja, vielleicht auch die Frau...
Aber die Kinder?
Ich griff mir an
die Schläfen und drückte fest
zu.
Nein. Ich
empfand sie nicht als die
meinen. Aber über ein seltsames,
qualvolles, banges Gefühl von
ihnen, wie sie außerhalb meiner
selbst waren, wie ich sie jeden
Tag vor mir sah, wie sie mich
brauchten, meine Betreuung,
meinen Rat, meine Arbeit; über
dieses Gefühl und mit der
Empfindung des entsetzlichen
Überdrusses, mit der ich im Zug
aufgewacht war, fühlte ich, wie
ich wieder in diesen
unerträglichen Menschen
hineinschlüpfte, der vor der Tür
stand.
Ich holte den
Schlüssel aus der Tasche; ich
öffnete diese Tür und trat
wieder in dieses Haus und in das
Leben von zuvor ein.
Nun ist das
meine Tragödie. Ich sage die
meine, aber wer weiß, für wie
viele Leute es ihre Tragödie
ist.
Wer lebt, sieht
sich nicht, wenn er lebt; er
lebt einfach... Wenn jemand das
eigene Leben sehen kann, ist das
ein Zeichen, daß er es nicht
mehr lebt: es widerfährt ihm, er
schleppt es mit. Wie ein totes
Ding schleppt er es mit. Denn
jede Form ist ein Tod.
Ganz wenige
wissen das; die meisten, beinahe
alle, kämpfen, bemühen sich, wie
sie sagen, sich eine Position zu
schaffen, eine Form zu
erreichen; haben sie die
erreicht, glauben sie, ihr Leben
erkämpft zu haben, und
stattdessen beginnen sie zu
sterben. Sie wissen es nicht,
weil sie sich nicht sehen; weil
sie es nicht vermögen, sich von
dieser sterbenden Form zu lösen,
die sie erreicht haben; sie
erkennen sich nicht als Tote und
glauben zu leben. Nur der
erkennt sich, dem es gelingt,
die Form zu sehen, die er selbst
oder andere, das Schicksal, der
Zufall, die Bedingungen, unter
denen jeder auf die Welt kommt,
ihm gegeben haben. Aber wenn wir
sie einmal sehen können, diese
Form, dann ist das ein Zeichen,
daß unser Leben nicht mehr in
ihr ist; denn wenn es noch darin
wäre, würden wir sie nicht
sehen: wir würden sie leben,
diese Form, ohne sie zu sehen,
und wir würden jeden Tag mehr in
ihr sterben, die schon an und
für sich ein Tod ist, ohne sie
dabei kennenzulernen. Wir können
daher nur das an uns sehen und
kennenlernen, was von uns
gestorben ist. Sich erkennen
heißt sterben.
Mein Fall liegt
freilich noch schlimmer. Ich
sehe nicht das, was an mir
gestorben ist; ich sehe, daß ich
nie gelebt habe, ich sehe die
Form, die die anderen, nicht
ich, mir gegeben haben, und ich
fühle, daß mein Leben, ein
Leben, das wahrhaft mein gewesen
wäre, nie in dieser Form gewesen
ist. Sie haben mich genommen wie
irgendeinen Werkstoff, sie haben
ein Gehirn genommen, eine Seele,
ein paar Muskeln, Nerven,
Fleisch, sie haben aus dem
Ganzen einen Teig gemacht und
ihn geformt, wie es ihnen paßte,
damit er eine Arbeit verrichtet,
Handlungen setzt,
Verpflichtungen nachkommt, in
denen ich mich suche und nicht
finde. Und ich schreie, meine
Seele schreit in dieser toten
Form, die nie die meine war:
"Ja, wieso denn? Ich soll das
sein? So soll ich sein? Ja, wann
wäre ich denn je so?" Und ich
empfinde Ekel, Abscheu, Haß vor
dem, der ich nicht bin, der ich
nie gewesen bin; vor dieser
toten Form, in der ich gefangen
bin, und von der ich mich nicht
befreien kann. Eine Form, die
noch von Pflichten beschwert
wird, die ich nicht als meine
empfinde, von lästigen Aufgaben
bedrückt, die mir nichts
bedeuten, geprägt von einer
allgemeinen Achtung, mit der ich
nichts anzufangen weiß; eine
Form, die in diesen Pflichten,
diesen Aufgaben, dieser Achtung
besteht, die sich doch außerhalb
meiner selbst, oberhalb von mir
befinden; leere Dinge, tote
Dinge, die schwer an mir hängen,
mich ersticken, mich erdrücken
und mich nicht mehr atmen
lassen.
Mich befreien?
Aber niemand kann eine Tatsache
ungeschehen machen, niemand
kann machen, daß der Tod nicht
mehr da sei, wenn er uns einmal
ergriffen hat und festhält.
Da sind die
Tatsachen. Wenn du einmal, wie
auch immer, gehandelt hast, auch
ohne daß du dich selbst danach
in deinen Handlungen gefühlt
oder wiedergefunden hast, dann
bleibt doch das zurück, was du
getan hast, wie ein Gefängnis
für dich. Und wie Fangarme und
Windungen umfassen dich die
Folgen deiner Handlungen. Und um
dich herum lastet wie eine
dichte, schwere, den Atem
benehmende Atmosphäre die
Verantwortung, die dir durch
diese ungewollten oder
unvorhergesehenen Handlungen und
ihre Folgen zugewachsen ist. Wie
könnte ich in dem Gefängnis
dieser Form, die nicht die meine
ist, aber mich darstellt, so wie
ich für alle bin, wie alle mich
kennen und wollen und
respektieren, wie könnte ich
darin ein anderes, mein wahres
Leben annehmen und führen? Ein
Leben in einer Form, die ich als
tot empfinde, die aber für die
anderen weiterbestehen muß, für
alle die, die sie aufgebaut
haben und sie so und nicht
anders haben wollen? Sie muß so
sein, ganz zwangsläufig. So
braucht sie meine Frau, so
brauchen sie meine Kinder, die
Gesellschaft, das heißt die
Herren Studenten der
juristischen Fakultät, die
Herren Klienten, die ihr Leben,
ihre Ehre, ihre Freiheit, ihr
Vermögen in meine Hände legen.
So wird sie gebraucht, und ich
kann sie nicht verändern, ich
kann sie nicht mit Fußtritten
traktieren und sie mir vom Halse
schaffen; ich kann mich nicht
gegen sie auflehnen, nicht an
ihr rächen, es sei denn für
einen einzigen Augenblick jeden
Tag, mit einer Handlung, die ich
unter strengster Geheimhaltung
vollführe, indem ich mit Bangen
und unendlicher Umsicht den
geeigneten Moment auswähle, in
dem mich keiner sehen kann.
Das ist's: Ich
habe eine alte Schäferhündin,
die seit elf Jahren im Haus ist,
schwarz-weiß gefleckt, dick,
kurzbeinig und mit langem Fell,
die Augen schon ein wenig vom
Alter verschleiert.
Zwischen ihr und
mir bestand nie ein gutes
Verhältnis. Vielleicht hat sie
zu Beginn meinen Beruf nicht
sehr geschätzt, da dieser ihr
verbot, Lärm im Haus zu machen;
nach und nach hat sie jedoch im
Alter begonnen, ihn sehr wohl zu
schätzen, so sehr, daß sie, um
der kapriziösen Tyrannei der
Kinder zu entkommen, die noch
immer mit ihr unten im Garten
herumtollen möchten, seit
geraumer Zeit die Gewohnheit
angenommen hat, sich von morgens
bis abends in mein Arbeitszimmer
zu flüchten, wo sie auf dem
Teppich schläft, die spitze
Schnauze zwischen die Pfoten
gesteckt. Zwischen so vielen
Papieren und so vielen Büchern
fühlte sie sich geborgen und
sicher. Von Zeit zu Zeit pflegte
sie ein Auge aufzuschlagen, um
mich anzusehen, als wollte sie
sagen:
"Bravo, ja, mein
Lieber! Arbeite nur, rühre dich
nur nicht fort von hier, denn
solange du da arbeitest, wird
niemand hereinkommen, um meinen
Schlaf zu stören."
So dachte das
arme Tier mit Sicherheit. Die
Versuchung, an ihr meine Rache
zu vollziehen, überkam mich vor
etwa vierzehn Tagen ganz
plötzlich, als ich merkte, wie
sie mich so ansah.
Ich tue ihr
nicht weh; ich tue ihr gar
nichts. Kaum, daß es mir möglich
ist, kaum, daß mir igendein
Klient einen freien Augenblick
läßt, erhebe ich mich vorsichtig
und langsam aus meinem
Lehnstuhl, damit niemand
bemerkt, daß mein gefürchtetes
und beneidetes Wissen, mein
beeindruckendes Wissen als
Anwalt und Professor der
Rechtswissenschaften, meine
strenge Würde als Ehemann und
Vater sich für einen Augenblick
von dem Thron dieses Lehnstuhls
gelöst haben. Auf Zehenspitzen
laufe ich zur Tür, um in den
Gang hinauszuspähen, ob dort
niemand zu sehen ist. Dann
versperre ich die Tür, nur für
einen Augenblick; meine Augen
leuchten vor Freude, meine Hände
tanzen in dem Vorgefühl der
Lust, die ich mir nun
verschaffen werde, der Lust,
verrückt zu sein, für einen
einzigen Augenblick verrückt zu
sein, für einen einzigen
Augenblick dem Gefängnis dieser
toten Form zu entfliehen, für
einen einzigen Augenblick in
schelmenhafter Weise dieses
Wissen, diese Würde, die mich
ersticken und erdrücken, zu
zerstören, zu vernichten; ich
laufe zu ihr hin, zu der Hündin,
die auf dem Teppich schläft;
langsam und mit Anmut ergreife
ich ihre beiden Hinterpfoten und
fahre mit ihr Schubkarren; ich
lasse sie acht oder zehn
Schritte, nicht mehr, auf den
Vorderpfoten allein gehen,
während ich sie an den
Hinterpfoten halte.
Das ist alles.
Nichts anderes tue ich. Ich
laufe sofort zur Türe, um sie
ganz vorsichtig ohne das
leiseste Geräusch wieder
aufzusperren, ich setze mich
wieder auf den Thron, in meinen
Lehnstuhl, bereit, einen neuen
Klienten zu empfangen, mit der
strengen Würde von zuvor,
geladen wie eine Kanone mit all
meinem beeindruckenden Wissen.
Aber da ist es,
das Tier, seit vierzehn Tagen
liegt die Hündin da wie betäubt
und blickt mich an mit diesen
verschleierten, vor Entsetzen
weit aufgerissenen Augen. Ich
möchte ihr zu verstehen geben -
ich sage es noch einmal - daß
das alles nichts ist; daß sie
ganz ruhig sein soll, daß sie
mich nicht so ansehen soll.
Es versteht,
dieses Tier, wie entsetzlich
meine Handlung tatsächlich ist.
Es wäre nichts
dabei, wenn ich dasselbe im
Scherz mit einem meiner Kinder
machen würde. Aber die Hündin
weiß, daß ich nicht scherzen
kann; es ist ihr nicht möglich,
anzunehmen, daß ich auch nur für
einen Augenblick scherzen
könnte. Und so fährt sie fort
mich entsetzt anzusehen, wie ein
Fluch.
|
Sieg der Ameisen - (Vittoria delle formiche - 1937) |
|
aus dem Italienischen von Michael
Rössner |
 |
Eine Sache, die an und für sich
lächerlich sein mag, in den Auswirkungen aber
schrecklich: Ein Haus, das ganz von den Ameisen in
Besitz genommen wird. Und dieser verrückte Gedanke:
Daß der Wind sich mit ihnen verbündet haben könnte.
Der Wind mit den Ameisen. Verbündet, mit dieser
Sorglosigkeit die ihm zu eigen ist, da er in seinem
Schwung nicht für einen Augenblick anhalten kann, um
darüber nachzudenken, was er gerade tut. Gesagt,
getan, mit einer kräftigen Bö hatte der Wind gerade
in dem Augenblick eingesetzt, in dem er beschlossen
hatte, den Ameisenhaufen vor der Tür anzuzünden. Und
gesagt, getan, stand nun das ganze Haus in Flammen.
Als hätte er, um es von den Ameisen zu befreien,
keinen anderen Weg gefunden als das Feuer: es
anzuzünden..
Aber ehe wir zu diesem
entscheidenden Punkt gelangen, wäre es gut, die
vielen vorausgehenden Dinge zu bedenken, die doch
irgendwie zu erklären vermögen, wie die Ameisen das
Haus so sehr in Besitz hatten nehmen können, und wie
sich in ihm der seltsame Gedanke eines Bündnisses
zwischen den Ameisen und dem Wind hatte einnisten
können.
Heruntergekommen zu einem
Hungerleider, aus der wohlhabenden Situation, in der
ihn sein Vater bei dessen Tod hinterlassen hatte,
verlassen von Frau und Kindern, die sich am Ende
dazu durchgerungen hatten, allein zu leben, so gut
es ging, endlich frei von seinen tyrannischen
Übergriffen, die man beurteilen mochte, wie man
wollte, vor allem aber waren sie unangemessen; er
dagegen hielt sich für das Opfer, weil er zu
nachgiebig gewesen war und bei ihnen nie
Unterstützung gefunden hatte in seinen bescheidenen
Vorlieben und seinen wohlüberlegten Ansichten; so
lebte er allein, auf einem Fleckchen Erde, dem
einzigen, was ihm noch von all den früheren
Besitztümern, Häusern und Landgütern, geblieben war;
ein Fleckchen künstlich urbar gemachter Erde
unterhalb des Dorfes, am Rande des Tals, mit einer
Hütte, die gerade drei Zimmer hatte, und in der
früher der Bauer gewohnt hatte, der das Land in
Pacht hatte. Nun wohnte er hier, der Signore, ärger
herabgekommen als der elendste Bauer; er kleidete
sich freilich immer noch in den Anzug eines Signore,
der an seinem Körper in entsetzlicher Weise viel
abgerissener und fleckiger aussah, als es an einem
Bettler der Fall gewesen wäre, der ihn als Almosen
bekommen hätte. Und dennoch erschien manchmal dieses
schreckliche herrenhafte Elend geradezu fröhlich,
wie gewisse Farbflicken, die die Armen auf ihre
Kleider genäht tragen, und die beinahe so etwas wie
ihr Banner darstellen. In dem langen, bleichen
Gesicht mit den geschwollenen, aber lebendigen Augen
lag etwas Ausgelassenes, das zu den fliegenden, halb
grauen, halb rötlichen Locken des Kopfes paßte; und
in den Augen war immer wieder so ein gewisses
heiteres Aufblitzen, das jedoch gleich wieder
erlosch bei dem Gedanken, wenn jemand es zufällig
beobachtete, würde man ihn deshalb für verrückt
halten. Er verstand es ja selbst, daß die anderen
sich nur zu leicht von ihm eine solche Vorstellung
machen konnten. Aber dabei war er doch wirklich
zufrieden, endlich einmal alles so einrichten zu
können, wie er es wollte; und er genoß mit einem
unendlichen Behagen dieses Bißchen, ja Fast-Nichts,
das ihm die Armut zu bieten vermochte. Es reichte
nicht einmal dafür, jeden Tag das Herdfeuer
anzuzünden, um sich wenigstens eine Bohnen- oder
Linseneinsuppe zu kochen. Gefallen hätte ihm das
schon, denn niemand verstand diese Speisen besser
zuzubereiten als er, der mit so viel Kunstfertigkeit
Salz und Pfeffer dosierte und in so kundiger Weise
gerade das richtige Grünzeug hineinmischte, daß die
Suppe schon während des Kochens allein durch ihren
Geruch trunken machte; und sie aß sich wie
Götterspeise. Aber er konnte auch darauf verzichten.
Es reichte ihm, am Abend ein paar Schritte vor die
Haustür zu machen und im Garten eine Tomate und eine
Zwiebel zu pflücken, die das gewohnte Stück Brot
begleiteten, das er mit größter Sorgfalt mit einem
Taschenmesser in Scheiben schnitt und dann mit zwei
Fingern Stück für Stück wie einen Leckerbissen in
den Mund schob.
Er hatte diesen neuen Reichtum
entdeckt, der einfach in der Erfahrung lag, daß so
wenig schon für das Leben genug sein kann; und daß
man dabei gesund sein kann und sich keine Gedanken
machen muß; und daß man die ganze Welt für sich hat,
wenn man kein Haus mehr hat und keine Familie und
keine Sorgen und keine Geschäfte; ja, man ist
dreckig und abgerissen, sei’s drum, aber in Frieden;
und so sitzt man des Nachts unter dem Sternenhimmel
auf der Schwelle einer Hütte; und wenn ein Hund,
auch er ein streunender, davongejagter, sich an
einen schmiegt, dann kann man ihn streicheln und ihm
den Kopf tätscheln; ein Mensch und ein Hund, allein
auf dieser Erde, unter dem Sternenhimmel.
Aber sich so
ganz und gar keine Gedanken
machen, das war auch wieder
nicht wahr. Als er sich wenig
später auf einem Haufen Stroh
auf der Erde ausgestreckt hatte
wie ein Stück Vieh, da begann er
anstatt zu schlafen, an den
Nägeln zu kauen und, ohne darauf
zu achten, sich mit den Zähnen
die Fingerkuppen bis aufs Blut
wundzuscheuern, die ihn hernach,
angeschwollen und eitrig
geworden, einige Tage lang
brennen würden. Er wälzte immer
wieder die Gedanken an das, was
er hätte tun sollen und nicht
getan hatte, um sein Vermögen zu
retten; und er krümmte sich vor
Wut oder stöhnte auf vor Reue,
als wäre sein Ruin erst gestern
erfolgt, als hätte er erst
gestern vorgetäuscht, er würde
nicht bemerken, daß dieser Ruin
binnen kurzem eintreten müßte
und längst unvermeidbar geworden
sei. Es war doch nicht zu
glauben! Eines nach dem anderen
hatte er sich seine Landgüter
von den Wucherern entreißen
lassen, eines nach dem anderen
die Häuser, nur um über ein
bißchen Geld verfügen zu können,
von dem seine Frau nichts wußte,
um sich eine kleine,
vorübergehende Zerstreuung
gestatten zu können (also, um
der Wahrheit die Ehre zu geben,
weder klein noch vorübergehend;
es war unnötig, daß er jetzt
noch nach Milderungsgründen
suchte; jetzt galt es, sich ganz
offen einzugestehen, daß er
Jahre hindurch gelebt hatte wie
ein Schwein, jawohl, so mußte
man es wohl nennen: wie ein
richtiges Schwein; Weiber, Wein
und Würfelspiel) und es hatte
ihm gereicht, daß seine Frau
noch immer nichts gemerkt hatte,
um weiterhin so zu leben, als ob
auch er nichts von dem
unmittelbar bevorstehenden Ruin
gewußt hätte; und unterdessen
hatte er seine Bitterkeit und
seine heimlichen Rasereien an
seinem unschuldigen Sohn
abreagiert, der Latein
studierte. Jawohl! So
unglaublich das war: Auch er
hatte sich wieder daran gemacht,
Latein zu lernen, um den Sohn zu
beaufsichtigen und ihm zu
helfen; als hätte er sonst
nichts zu tun und als wäre das
tatsächlich Fürsorge und
Zuwendung gewesen, die einen
Ausgleich für die Katastrophe
darstellen könnten, die er
unterdessen für die gesamte
Familie vorbereitete.
Diese
Katastrophe war für seine
geheime Verzweiflung dieselbe,
der sein Sohn entgegenging, wenn
er nicht zu verstehen vermochte,
welche Bedeutung der Ablativus
absolutus oder die adversative
Form im Lateinischen hatten; und
er versteifte sich darauf, ihm
die zu erklären, das ganze Haus
erzitterte von seinen Schreien
und seinem Wüten angesichts der
Verwirrung dieses armen
Burschen, der allmählich das
ganze wohl auch selbst
verstanden hätte. Mit was für
Augen er ihn einmal angesehen
hatte, nach einer Ohrfeige! In
der Heftigkeit seiner
Gewissensbisse zerkratzte er
sich nun bei dem Gedanken an
diesen Blick seines Jungen das
Gesicht mit verkrümmten Fingern
und beschimpfte sich dabei:
Schwein, Schwein, Vieh! Wie kann
man so auf einen Unschuldigen
losgehen!
Er erhob sich
von dem Strohlager; er gab es
auf zu schlafen; er setzte sich
wieder auf die Schwelle der
Hütte; und dort gelang es dem
gedächtnislosen Schweigen der in
der Nacht aufgehenden Campagna
allmählich ihn zu beruhigen;
diesem Schweigen, das nicht nur
nicht gestört, sondern geradezu
gesteigert zu werden schien von
dem fernen Zirpen der Grillen,
das aus dem Grund des großen
Tals heraufdrang. In der
Landschaft lag bereits die
Melancholie der sterbenden
Jahreszeit; und er liebte die
ersten feuchten, verschleierten
Tage, wenn diese ganz feinen
Sprühregen begannen, die ihm,
wer weiß warum, eine vage
Sehnsucht nach der fernen
Kindheit einflößten, diese
ersten schmerzlichen und doch
süßen Empfindungen, durch die
man Zuneigung zu der Erde faßt,
zu ihrem Geruch. Die Rührung
weitete ihm die Brust; die
Bangigkeit schnürte ihm die
Kehle zu, und er begann zu
weinen. Es war wohl Schicksal,
daß es mit ihm auf dem Lande zu
Ende gehen sollte. Aber daß es
in dieser Weise geschehen
sollte, das hatte er sich doch
nicht erwartet.
Da er weder die
Kräfte noch die Mittel hatte,
selbst dieses bißchen Erde zu
bestellen, das gerade so viel
trug, daß man davon den
Grundzins bezahlen konnte, der
darauf lastete, hatte er es dem
Bauern abgetreten, der das Gut
nebenan gepachtet hatte,
lediglich unter der Bedingung,
daß der für ihn diesen Grundzins
zahlte und ihm zu essen gab;
wenig, fast als Almosen, und von
dem, was die Erde selbst
hervorbrachte: Brot und Gemüse,
damit er sich, wenn ihm danach
zumute war, jeden Tag eine Suppe
kochen konnte.
Seit er diesen
Vertrag abgeschlossen hatte, war
er dazu übergegangen, all das,
was er da ringsumher erblickte,
Mandelbäume, Olivenbäume, Korn,
Gartenfrüchte, als Dinge
anzusehen, die nicht mehr ihm
gehörten. Ihm gehörte nur noch
die Hütte; aber wenn er sie als
sein einziges Besitztum ansah,
dann konnte er nicht umhin, mit
dem bittersten Vergnügen der
Welt darüber zu lächeln. Die
Ameisen hatten sie bereits in
Besitz genommen. Bislang hatte
er sich dabei unterhalten, sie
in unendlichen Prozessionen die
Wände der Zimmer hinauflaufen zu
sehen. Sie waren so viele, daß
er manchmal meinte, die Wände
würden förmlich unter ihnen
erzittern. Aber noch mehr Spaß
hatte er daran, sie in allen
Richtungen kreuz und quer, als
gehörten sie ihnen, über die
merkwürdigen herrschaftlichen
Möbel laufen zu sehen, die aus
seinem ehemaligen Stadthaus
stammten, von dem Zusammenbruch
der Familie übrig geblieben und
dort in der Hütte in buntem
Durcheinander aufgestellt worden
waren, alle mit einer dicken
Staubschicht darauf. In seinen
Stunden der Muße hatte er, um
sich zu zerstreuen, sich sogar
darangemacht, sie zu studieren,
diese Ameisen, Stunden um
Stunden hatte er sie so
beobachtet.
Es waren winzig
kleine Ameisen, unglaublich
leicht, dünn, zart und rosig, so
daß ein einziger Atemhauch mehr
als hundert von ihnen verblasen
konnte; aber auf der Stelle
kamen andere hundert von allen
Seiten herbei; und was für eine
Geschäftigkeit sie entwickelten;
welche Ordnung in der Eile;
diese Trupps hier, jene dort;
ein Hin und Her ohne Rast; sie
gerieten an ein Hindernis,
machten ein Stück lang einen
Umweg, aber dann fanden sie ihre
Straße wieder und sicherlich
verständigten und berieten sie
sich untereinander.
Noch nie jedoch
war es ihm so erschienen ‑
vielleicht gerade wegen ihrer
Zartheit und Kleinheit ‑, als
könnten sie zu fürchten sein,
als wollten sie sich tatsächlich
des Hauses und seiner selbst
bemächtigen und ihn nicht mehr
weiterleben lassen. Und dennoch
hatte er sie schon überall
gefunden, sogar in den
Schubladen; er hatte sie an den
Stellen herauskommen sehen, an
denen er sie am wenigsten
erwartet hätte, manchmal fand er
sie sogar in seinem Mund, wenn
er ein Stück Brot aß, das er für
einen Augenblick auf dem Tisch
oder sonstwo liegen gelassen
hatte. Die Idee, er müsse sich
im Ernst gegen sie verteidigen,
im Ernst den Kampf gegen sie
aufnehmen, die war ihm noch
nicht gekommen. Sie kam ihm ganz
plötzlich eines Morgens,
vielleicht wegen der Stimmung,
in der er sich befand, nach
einer Schreckensnacht, die noch
schwärzer gewesen war als alle
anderen.
Er hatte sich
die Jacke ausgezogen, um ein
paar Ährenbündel in die Hütte zu
tragen, zwanzig vielleicht, die
der Bauer noch nicht in seinen
Hof gebracht und hier im Freien
liegen gelassen hatte. Der
Himmel hatte sich über Nacht
verdüstert, und der Regen schien
unmittelbar bevorzustehen. Da er
nun einmal ans Nichtstun gewohnt
war, hatte ihn diese ungewohnte
Mühe und diese blöde Vorsorge,
die ihn im übrigen gar nichts
anging, denn diese Ährenbündel
gehörten ja wie alles andere dem
Bauern, so sehr ermüdet, daß er,
als er für das letzte Bündel in
der schon ganz vollgestopften
Hütte Platz suchte, einfach
nicht mehr konnte, das Bündel
vor der Tür absetzte und sich
dazuhockte, um ein wenig
auszuruhen.
Mit hängendem
Kopf, die Arme auf die
gespreizten Beine gestützt, ließ
er zwischen den Beinen die Hände
ein wenig baumeln. Und auf
einmal, da, sah er doch
tatsächlich aus den Ärmeln
seines Hemds über diese
baumelnden Hände die Ameisen
kriechen, die Ameisen, die also
offenbar unter seinem Hemd über
seinen Körper spazierten, als
wären sie da zu Hause. Er geriet
in Wut und beschloß, auf der
Stelle diese Plage auszurotten.
Der Ameisenhaufen war ja nur
zwei Schritte von der Tür
entfernt. Ihn anzünden!
Wie kam es nur,
daß er nicht an den Wind dachte?
Na, das ist eine gute Frage. Er
dachte nicht an ihn, weil gar
kein Wind ging, es ging ja gar
kein Wind. Die Luft schien
stillzustehen, in Erwartung des
Regens, der über dem Land hing,
in dieser schwer lastenden
Stille, die dem Fallen der
ersten Tropfen voranzugehen
pflegt. Kein Blatt fiel vom
Baum. Die Windbö kam ganz
plötzlich und heimtückisch auf,
kaum daß er das Strohbündel, das
er vom Boden aufgelesen hatte,
in Brand gesteckt hatte; er
hielt es in der Hand wie eine
Fackel; als er es senkte, um den
Ameisenhaufen in Brand zu
stecken, da packte die Bö das
Feuer und trug die Funken bis zu
dem Ährenbündel, das vor der Tür
liegen geblieben war, und sofort
flammte es auf und gab das Feuer
an die anderen Ährenbündel
weiter, die in der Hütte
gestapelt waren, in der sich nun
das Feuer prasselnd und alles
mit Rauch erfüllend ausbreitete.
Wie ein Verrückter warf er sich
in die Glut, schreiend und mit
erhobenen Armen, vielleicht in
der Hoffnung, sie noch zu
ersticken.
Als er von den
herbeigeeilten Leuten
herausgetragen wurde, bot er
einen grauenhaften Anblick, so
entsetzlich verbrannt und doch
noch nicht tot, im Gegenteil, in
höchster, wütender Erregung, mit
den Armen fuchtelnd, die Flammen
am Leib, auf den Kleidern und in
den fliegenden Locken auf dem
Kopf. Er starb wenige Stunden
später in dem Spital, in das man
ihn gebracht hatte. In seinem
Delirium schimpfte er auf den
Wind, den Wind und die Ameisen.
„Verbündet haben
sie sich... verbündet...“
Aber man wußte
ja längst, daß er verrückt war.
Und dieses schreckliche Ende,
das er nahm, das bedauerten die
Leute, gewiß, aber doch mit
einem gewissen Schmunzeln auf
den Lippen.
|
Singt-die-Episte - (Canta l'epistola - 1922) |
|
Erstveröffentlichung:
Corriere della sera,
31.12.1911. Keine
wesentlichen Varianten.
aus dem Italienischen von Michael
Rössner |

|
"Hatten Sie schon die Weihen bekommen?"
"Nicht alle. Bis zum Subdiakon."
"Aha, bis zum Subdiakon. Und was tut der Subdiakon?"
"Er singt die Epistel; er hält dem Diakon das Buch,
während dieser das Evangelium singt; er bringt die
Gefäße für die Meßfeier zum Altar; er hält während
des Kanons das Hostiengefäß in den Schleier
eingehüllt."
"Ach, dann haben Sie also das Evangelium gesungen?"
"Nein, Signore. Das Evangelium singt der Diakon, der
Subdiakon singt die Epistel."
"Dann haben Sie also die Epistel gesungen?"
"Ich? Warum gerade ich? Der Subdiakon."
"Der singt die Epistel?"
"Der singt die Epistel."
Was gibt es bei alledem zu lachen?
Und doch: als auf dem luftigen Hauptplatz des Ortes,
der vom Rascheln der welken Blätter erfüllt wurde
und sich im raschen Wechsel von Wolken und Sonne
bald verdüsterte, bald erhellte, der alte Doktor
Fanti diese Fragen an Tommasino Unzio stellte, der
eben das Priesterseminar verlassen und die Soutane
ausgezogen hatte, weil er den Glauben verloren hatte,
da verzog er sein Ziegengesicht so seltsam, daß alle
Nichtstuer des Ortes, die im Kreis vor der "Apotheke
zum Krankenhaus" saßen, in ein wildes Gelächter
ausgebrochen waren, so daß die einen sich wanden
vor lachen und die anderen sich den Mund zuhielten.
Das Lachen war herausgebrochen wie ein Durchfall,
kaum daß Tommasino sich entfernt hatte, verfolgt von
all diesen welken Blättern. Und dann hatte einer den
anderen gefragt:
"Der singt die Epistel?"
Und der andere hatte geantwortet:
"Der singt die Epistel."
Und so hängten sie Tommasino Unzio, der als
Subdiakon aus dem Priesterseminar ausgetreten war,
ohne Soutane, weil er den Glauben verloren hatte,
den Spitznamen "Singt-die-Epistel" an.
Den Glauben kann man aus hunderttausend
verschiedenen Gründen verlieren. Und im allgemeinen
ist der, der den Glauben verliert, überzeugt -
wenigstens im ersten Augenblick - daß er dafür etwas
gewonnen hat; wenn schon nichts anderes, so
wenigstens die Freiheit, gewisse Dinge zu tun und zu
sagen, die er zuvor für mit dem Glauben nicht
vereinbar gehalten hat.
Wenn der Grund für den Glaubensverlust aber nicht
die überstarke Hunger nach dem Irdischen ist,
sondern der Durst der Seele, der sich nicht mehr im
Altarkelch und im Weihwasserbecken stillen läßt,
dann wird der, der den Glauben verloren hat, nur
schwer der Meinung sein können, er hätte dabei etwas
anderes gewonnen. Allerhöchstens wird er sich im
ersten Augenblick nicht über den Verlust beklagen,
weil er anerkennt, etwas verloren zu haben, das für
ihn schon keinen Wert mehr besessen hat.
Tommasino Unzio hatte also mit dem Glauben alles
verloren, auch die einzige Position, die ihm sein
Vater hätte verschaffen können, dank eines
solcherart bedingten Legates von einem Onkel, der
selbst Priester gewesen war. Der Vater war zudem
nicht davor zurückgeschreckt, ihn mit Ohrfeigen und
Fußtritten zu traktieren, ihn mehrere Tage bei
Wasser und Brot einzuschließen, und ihm jede Art von
Beschimpfungen und Verwünschungen ins Gesicht zu
schleudern. Aber Tommasino hatte alles mit harter,
bleicher Festigkeit ausgehalten und auf den Moment
gewartet, in dem der Vater einsehen würde, daß dies
nicht gerade die geeignetsten Mittel waren, um
Glauben und Berufung zurückzuholen.
Es war nicht so sehr die Gewalttätigkeit, die ihm
weh getan hatte, als vielmehr die Gemeinheit der
Handlung, die so konträr zu dem Grund war,
dessentwegen er den Priesterrock ausgezogen hatte.
Aber auf der anderen Seite hatte er verstanden, daß
seine Wangen, sein Rücken, sein Magen dem Vater
Gelegenheit bieten mußten, seine Wut über den
Schmerz abzureagieren, den auch er fühlte, in der
brennendsten Weise, da sein Leben unrettbar
zusammengebrochen war und er im Haus
zurückgeblieben war wie ein unnützes Hindernis.
Er wollte jedoch allen beweisen, daß er den
Priesterstand nicht aufgegeben hatte, weil es ihn
gelüstete, "seine Schweinereien auszuleben", wie der
Vater in vornehmer Weise im ganzen Ort herumerzählt
hatte. Er verschloß sich in sich selbst, verließ
sein Zimmerchen nicht mehr, es sei denn für einen
oder den anderen einsamen Spaziergang hinauf durch
die Kastanienwälder bis zum Pian della Britta oder
hinunter über den Fahrweg ins Tal, zwischen den
Feldern hindurch, bis zu dem verlassenen Kirchlein
Santa Maria di Loreto, stets verloren in seinen
Meditationen und ohne je den Blick oder das Gesicht
zu jemandem anderen aufzuheben.
Allerdings ist es wahr, daß ein Körper, auch wenn
der Geist sich in einem tiefen Schmerz oder in einem
hartnäckigen, ehrgeizigen Streben verschließt, oft
den Geist in dieser selbstgewählten Isolation läßt
und heimlich und leise, ohne ihm etwas davon zu
sagen, sein eigenes Leben beginnt, wieder anfängt,
die gute Luft und die gesunden Speisen zu genießen.
So geschah es, daß Tommasino sich binnen kurzem und
fast zum Hohn in dem wohlbeleibten, blühenden Körper
eines feisten Mönchs wiederfand, während sein Geist
über seinen verzweifelten Meditationen immer
melancholischer und zarter wurde.
Was hieß da noch Tommasino! Ein Tommasone war er
jetzt, der dicke Tommaso Singt-die-Epistel.
Jeder hätte, wenn er ihn so sah, dem Vater recht
gegeben. Aber im Dorf wußte man, wie der arme
Bursche lebte; und keine Frau konnte sagen, daß er
sie auch nur flüchtig von der Seite je angesehen
hätte.
Kein Bewußtsein des eigenen Seins mehr haben, wie
ein Stein, wie eine Pflanze; sich nicht einmal mehr
an den eigenen Namen erinnern; leben, um zu leben,
ohne zu wissen, daß man lebt, wie die Tiere, wie die
Pflanzen; keine Gefühlsbindungen mehr, keine Wünsche,
keine Erinnerungen, keine Gedanken; nichts mehr, das
dem eigenen Leben Sinn oder Wert geben könnte.
Einfach so: im Gras ausgestreckt, die ineinander
verschlungenen Hände unter dem Nacken, in dem blauen
Himmel die blendend weißen Wolken betrachten, die
voll des Sonnenlichts sind; dem Wind lauschen, der
in den Kastanienbäumchen des Waldes eine Art
Meeresrauschen auslöst, und aus der Stimme dieses
Windes und diesem Rauschen wie aus einer unendlichen
Ferne die Nichtigkeit aller Dinge und die bange
Leere des Lebens heraushören.
Wolken und Wind.
Ja, aber darin lag ja schon alles, wenn man bemerkte
und erkannte, daß das, was da lichterfüllt über die
grenzenlose blaue Leere dahinschwebte, Wolken waren.
Weiß die Wolke etwa, daß sie eine Wolke ist? Und
auch Baum und Stein wissen nichts von ihr und ebenso
wenig von sich selbst.
Und er, der die Wolken bemerkte und erkannte, konnte
auch - warum nicht? - an das Schicksal des Wassers
denken, das zur Wolke wird, um dann wiederum Wasser
zu werden. Es genügte ein armseliger Physiklehrer,
um dieses Schicksal zu erklären; aber wer erklärte
das Warum des Warum?
Oben im Kastanienwald, Axthiebe; unten im Stollen,
Pickelhiebe.
Den Berg verstümmeln; die Bäume umlegen, um Häuser
zu bauen. Dort, in diesem Gebirgsdorf, neue Häuser.
Mühen, Plagen, Anstrengungen, Qualen jeder Art, wozu?
Um endlich zu einem Schornstein zu kommen und dann
aus diesem Schornstein ein bißchen Rauch dringen zu
lassen, das sich sofort in der Leere des Raumes
verliert.
Und so wie dieser Rauch jeder Gedanke, jede
Erinnerung der Menschen.
Aber vor diesem weiten Schauspiel der Natur, vor
dieser unermeßlichen grünen Ebene mit ihren Eichen,
Ölbäumen und Kastanienbäumen, die von den Hängen des
Cimino bis zum Tibertal ganz weit unten abfällt,
fühlte er sich allmählich heiter werden, in einer
weichen, gedächtnislosen Wehmut.
Alle Illusionen, alle Enttäuschungen, und die
Schmerzen, die Freuden, die Hoffnungen und die
Wünsche der Menschen erschienen ihm eitel und
vergänglich angesichts des Gefühls, das die Dinge
ausstrahlten, die all diese Regungen unbeweglich
überdauerten. Beinahe wie die Schicksale von Wolken
erschienen ihm vor dem Hintergrund der Ewigkeit der
Natur die Einzelschicksale der Menschen. Man
brauchte doch nur diese hohen Berge jenseits des
Tibertals ansehen, die da weit in der Ferne, am
Horizont verschwimmend, zart und fast wie
Luftgebilde in der Dämmerung aufragten.
Ach, der Ehrgeiz der Menschen! Welche Siegesschreie,
weil der Mensch begonnen hat, wie ein Vogel zu
fliegen. Aber bitte, da fliegt ein Vogel: mit der
allereinfachsten, problemlosesten Leichtigkeit,
spontan begleitet von einem Freudentriller. Wenn man
nun dagegen an den plumpen, röhrenden Apparat denkt,
an das Erschrecken, die Bangigkeit, die Todesangst
des Menschen, der einmal Vogel spielen will! Hier
ein Rauschen und ein Trillern; dort ein lärmender,
stinkender Motor und der Tod vor den Augen. Der
Motor fällt aus, der Motor bleibt stehen; dann
Lebewohl, Vogel!
"Mensch", sagte Tommasino Unzio, wenn er so auf dem
Gras ausgestreckt lag. "Mensch, hör auf zu fliegen.
Weshalb willst du fliegen? Und wann bist du je
geflogen?"
Plötzlich flog wie ein Lauffeuer durch den ganzen
Ort eine Nachricht, die alle aufs höchste verblüffte:
Tommasino Unzio, "Singt-die-Epistel", war erst
geohrfeigt und dann zum Duell gefordert worden, und
zwar vom Oberleutnant De Venera, dem örtlichen
Abteilungskommandanten, weil er, ohne irgend eine
Erklärung dafür zu geben, bestätigt hatte, daß er am
Abend zuvor an der Landstraße, die zu dem Kirchlein
Santa Maria di Loreto führt, dem Fräulein Olga
Fanelli, der Verlobten des Oberleutnants, das Wort "Idiotin"
ins Gesicht gesagt hatte.
Es war eine Verblüffung gemischt mit Heiterkeit, die
sich an eine Frage über diese oder jene Einzelheit
der Nachricht zu klammern schien, um nicht mit einem
Schlag in die Ungläubigkeit zu stürzen.
"Tommasino?" "Zum Duell gefordert?" "Idiotin, zu
Signorina Fanelli?" "Bestätigt hat er's?" "Ohne
Erklärungen?" "Und hat er die Forderung angenommen?"
"Na hör mal, wo er doch geohrfeigt worden ist!"
"Und er wird sich wirklich schlagen?"
"Morgen, auf Pistolen."
"Mit dem Oberleutnant De Venera auf Pistolen?"
"Auf Pistolen."
Na, dann mußte der Grund wirklich überaus
schwerwiegend sein. Allen schien, daß man nun nicht
mehr an einer wütenden, bislang verborgen gehaltenen
Leidenschaft zweifeln konnte. Und vielleicht hatte
er ihr "Idiotin!" ins Gesicht geschrien, weil sie
nicht ihn, sondern den Oberleutnant De Venera liebte.
Das war doch klar! Und tatsächlich waren alle im Ort
der Ansicht, daß nur eine Idiotin sich in diesen
höchst lächerlichen De Venera verlieben konnte. Aber
diese Meinung konnte natürlich er, der Oberleutnant,
wiederum nicht teilen; und deshalb hatte er eine
Erklärung verlangt.
Fräulein Olga Fanelli ihrerseits schwor ein um das
andere Mal unter Tränen, daß sie nicht der Grund
dieser Beschimpfung sein konnte; sie hatte den
jungen Mann bloß zwei oder dreimal gesehen, und im
übrigen hatte er nie auch nur die Augen gehoben, um
sie anzusehen; und erst recht nicht, nie und nimmer,
hatte er ihr auch nur das kleinste Anzeichen dafür
gegeben, daß er für sie diese wütende heimliche
Leidenschaft hegte, von der alle sprachen. Aber
woher denn! Nein! Das war nicht der Grund! Irgend
ein anderer Grund mußte hier verborgen sein! Aber
was für einer? Ohne Grund schreit man schließlich
einem Fräulein der Gesellschaft nicht einfach
"Idiotin!" ins Gesicht.
Wenn alle, ganz besonders Vater und Mutter, die
beiden Sekundanten, De Venera und das Fräulein
selbst sich abmühten, den wahren Grund der
Beschimpfung herauszufinden, so mühte sich Tommasino
mehr als sie alle ab, weil er sie nicht sagen
konnte, da er doch sicher war, daß niemand ihm
geglaubt hätte, wenn er den Grund genannt hätte; im
Gegenteil, alle hätten gedacht, er wolle ein
Geheimnis, daß er nicht beichten konnte, zudecken,
indem er sich darüber lustig machte.
Wer hätte denn tatsächlich
geglaubt, daß er, Tommasino
Unzio, seit einiger Zeit in
seiner wachsenden und ständig
tiefer werdenden Melancholie von
einem überaus zarten Mitgefühl
für alle Dinge erfaßt worden
war, die zum Leben geboren
werden und darin nur kurz
überdauern, ohne das Warum zu
kennen, in Erwartung von Verfall
und Tod? Je schwächer und zarter
bis an die Grenze der
Selbstauflösung diese Formen des
Lebens waren, desto mehr rührten
sie ihn, manchmal bis zu den
Tränen. Ach, auf wie vielfältige
Weise man geboren wird, und nur
für ein einziges Mal, und in
dieser gegebenen, einzigartigen
Form, denn nie waren zwei Formen
völlig gleich, und für so kurze
Zeit, manchmal nur für einen
einzigen Tag, auf einem winzigen
Raum, wo man doch rund um sich
die unbekannte, riesige Welt hat,
die enorme, undurchdringliche
Leere des Mysteriums der
Existenz. Als Ameise wurde man
geboren, als winzige Fliege, als
Grashalm. Eine Ameise, in der
Welt! In der Welt eine kleine
Fliege, ein Grashalm. Der
Grashalm wurde geboren, wuchs,
blühte, welkte dahin. Und fort
auf ewig; nie wieder dieser, nie
wieder!
Nun hatte er seit etwa einem
Monat Tag für Tag die kurze
Lebensgeschichte eines solchen
Grashalms verfolgt; eines
Grashalms zwischen zwei grauen,
moosgefleckten Felsbrocken
hinter dem verlassenen Kirchlein
Santa Maria di Loreto.
Er hatte mit fast mütterlicher
Zärtlichkeit sein langsames
Wachstum zwischen noch
niedrigeren Halmen begleitet,
die ihn umstanden, und er hatte
ihn zunächst schüchtern in
seiner zittrigen Zartheit
jenseits der beiden mit
Weinstein bedeckten Felsbrocken
aufragen sehen, als empfände er
zugleich Angst und Neugierde,
wenn er bewundernd des
Schauspiels, das sich da unter
ihm ausbreitete, ansichtig wurde:
der grenzenlosen grünen Ebene.
Dann hoch, hoch, immer höher,
kühn, herausfordernd, mit einem
roten Kränzchen an der Spitze
wie ein Hahnenkamm.
Und jeden Tag hatte er eine oder
zwei Stunden lang, während er
ihn beobachtete und sein Leben
mitlebte, mit ihm sich in dem
leisesten Lufthauch gewiegt;
ängstlich war er an manchen
Tagen herbeigelaufen, wenn der
Wind besonders stark blies, oder
wenn er fürchtete, er käme nicht
mehr zurecht, um ihn vor einer
Herde Ziegen zu schützen, die
jeden Tag um dieselbe Zeit
hinter der Kirche vorbeiströmte
und oft ein wenig stehen blieb,
um zwischen den Felsbrocken da
und dort ein Grasbüschel
auszurupfen. Bislang hatten
sowohl der Wind als auch die
Ziegen diesen Grashalm verschont.
Und die Freude Tommasinos war
unermeßlich, wenn er ihn dort
unversehrt wiederfand, mit
seinem kecken Kränzlein an der
Spitze. Er liebkoste ihn, er
strich mit zwei behutsamen
Fingern über ihn hin, er
bewachte ihn förmlich mit seiner
Seele und seinem Atemhauch. Und
wenn er ihn des Abends allein
ließ, befahl er ihn den ersten
Sternen, die im Himmel der
Abenddämmerung aufleuchteten,
damit sie ihn gemeinsam mit all
den anderen die ganze Nacht
hindurch bewachen sollten. Und
vor seinem geistigen Auge sah er
förmlich aus der Ferne seinen
Grashalm zwischen den beiden
Felsbrocken, unter dem dichten
Sternenhimmel, dessen leuchtende
Augen auf dem schwarzen
Firmament ihn bewachten.
Nun, und eines Tages, als er zur
gewohnten Stunde dorthin kam, um
eine Stunde mit seinem Grashalm
zu verleben, als er nur noch
wenige Schritte von dem
Kirchlein entfernt war, hatte er
hinter demselben, auf einem der
beiden Felsbrocken sitzend,
Fräulein Olga Fanelli
vorgefunden, die sich dort
vielleicht ein wenig ausruhen
wollte, ehe sie ihren
Spaziergang fortsetzte.
Er war stehen geblieben, weil er
es nicht wagte, näher zu kommen,
und wartete, daß sie ihm den
Platz überließe, wenn sie sich
ausgeruht hätte. Und tatsächlich
war das Fräulein kurz darauf
aufgestanden, vielleicht, weil
es ihr auf die Nerven ging, sich
so von ihm beobachtet zu sehen.
Sie hatte sich kurz umgesehen;
dann hatte sie zerstreut eine
Hand ausgestreckt und
ausgerechnet diesen Grashalm
ausgerissen, um ihn sich mitsamt
seinem schaukelnden Kränzlein
zwischen die Zähne zu stecken.
Tommasino Unzio war es gewesen,
als habe man ihm die Seele aus
dem Leib gerissen, und
unwillkürlich hatte er sie
angeschrien: "Idiotin!", als sie
an ihm vorüberkam, mit diesem
Hälmchen im Mund.
Nun, konnte er jetzt eingestehen,
daß er dieses Fräulein wegen
eines Grashalms solcherart
beleidigt hatte?
Und der Oberleutnant De Venera
hatte ihn geohrfeigt.
Tommasino war seines unnützen
Lebens müde, müde der Plage
seines blöden Fleisches, müde
des Spotts, den alle mit ihm
trieben, und der noch bitterer
und verbissener geworden wäre,
hätte er nach den Ohrfeigen es
abgelehnt, sich zu schlagen. Er
nahm also die Forderung an, aber
unter der Bedingungen, daß das
Duell unter den allerschwersten
Bedingungen ausgefochten würde.
Er wußte, daß der Oberleutnant
De Venera ein ausgezeichneter
Schütze war. Jeden Morgen legte
er eine Probe davon ab, beim
Scheibenschießen der Kompanie.
Und er wollte sich mit ihm auf
Pistolen schlagen, am nächsten
Morgen, in der Dämmerung, eben
dort, auf dem
Scheibenschießplatz.
Eine Kugel in der Brust.
Zunächst schien die Verwundung
nicht so schwer; dann wurde der
Zustand plötzlich schlimmer. Die
Kugel hatte die Lunge
durchstoßen. Hohes Fieber;
Delirium. Vier Tage und Nächte
verzweifelter Pflege.
Als die Ärzte zu guter Letzt
erklärten, es wäre nichts mehr
zu machen, bat, ja beschwor Frau
Unzio, die so religiös war,
ihren Sohn, er möge doch
wenigstens vor seinem Tod wieder
mit Gott ins Reine kommen. Und
Tommasino ließ sich dazu herbei,
einen Beichtvater zu empfangen,
um seine Mamma
zufriedenzustellen.
Als dieser ihn auf dem Totenbett
fragte: "Aber weshalb, mein
Sohn? Weshalb?", da antwortete
Tommasino mit halbgeschlossenen
Augen und erloschener Stimme,
unter einem Seufzer, der
zugleich ein mildes Lächeln war,
ganz einfach:
"Wegen eines Grashalms,
Pater..."
Und alle dachten, er hätte
wirklich bis zum letzten
Augenblick im Delirium
gesprochen.
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Von der Nase in den Himmell - (Dal naso al cielo - 1925) |
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aus dem Italienischen von Michael
Rössner |
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I.
Seit einer Woche hatten die wenigen
Gäste des alten Hotels auf dem Gipfel des Monte Gajo
das Vergnügen, den Herrn Senator Romualdo Reda
sprechen zu hören.
"Na, endlich!"
Seit gut zwanzig Tagen war er schon
dort oben, der berühmte Chemikprofessor und seines
Zeichens ordentliches Mitglied der Accademia dei
Lincei, aber er hatte noch kein Wort mit den anderen
gewechselt. Er fühlte sich nicht recht wohl; er war
müde, ja, man munkelte sogar, es habe ihn vor kurzem
in Rom ein leichtes Unwohlsein im Laboratorium
befallen, in dem er sich vom frühen Morgen bis zum
späten Abend aufzuhalten pflegte; und die Ärzte
hätten ihn förmlich gezwungen, sich ein bißchen Ruhe
zu gönnen und die Studien, die er in seinem Alter
mit unbeugsamer Hartnäckigkeit und der üblichen
strengen Präzision betrieb, wenigstens auf ein paar
Monate zu unterbrechen.
Von derselben Strenge und
Hartnäckigkeit war auch sein Verhalten im Leben
bestimmt gewesen. Zweimal hatte man ihn wahrhaft
bestürmt, das Amt eines Unterrichtsministers
anzunehmen, und beide Male hatte er den
wohlgemeinten Bitten eine entschiedene Ablehnung
entgegengesetzt, weil er von seinen Studien und von
seinen Pflichten als Lehrer nicht abgelenkt werden
wollte.
Sehr klein gewachsen, mit einem fast
ansatzlos aus den Schultern wachsenden Kopf, einem
platten, ledernen, glattrasierten Gesicht, mit
diesen wie zwei Taschen geschwollenen Augenlidern,
unter denen seine Wimpern förmlich verschwanden, und
diesen langen, grauen, glatten und stets etwas
feuchten Haaren, die seine Ohren verbargen, sah er
aus wie eine alte, geschwätzige Haushälterin.
Jeden Tag stieg er nachmittags zu
dem großen freien Platz vor dem Hotel hinab, gefolgt
von einem Hoteldiener, der ihm ein dickes Bündel
Zeitschriften oder Zeitungen sowie ein oder das
andere Buch nachtrug; dann vertiefte er sich auf
einem Liegestuhl aus Rohrgeflecht für einige Stunden
in seine Lektüre, im Schatten der majestätischen
Buche, die den Höhenkamm beherrschte.
Nun ja, majestätisch, das war nur so
eine Redensart, in Wahrheit mußte sie es wohl schon
mehr als leid sein, da oben frei zu stehen, allen
Winden preisgegeben; und sie zeigte es auch
deutlich, daß sie die überaus große Ehre und das
Glück, in diesen Tagen mit ihrem Blätterkleid eine
so illustre Persönlichkeit gegen die Sonne schützen
zu dürfen, gar nicht zu schätzen wußte. Man hätte
meinen können, sie bemerke es gar nicht.
Auch das Hotel schien sich gar nicht
dadurch geehrt zu fühlen, daß es eine solche
Persönlichkeit beherbergen durfte; der Hotelier
dagegen... ach, den mußte man nur mal ansehen, den
Hotelier, er hatte sofort den anderen Gästen
gegenüber das Gehabe eines höheren Diplomaten
angenommen, und die Kellner... den Kellnern mußte
man nur mal zuschauen, wie sie die anderen Gäste nun
mit einer geradezu unbezahlbaren Verachtung
bedienten, um nur ja deutlich zu machen, daß sie
sich jetzt nicht mehr so sehr um die anderen kümmern
konnten, da sie sich doch jetzt ganz und gar auf die
Wünsche dieses einen konzentrieren mußten.
Der junge Anwalt Torello Scamozzi,
der sich zum Zeitvertreib auch als Journalist
betätigte, war darüber geradezu erzürnt; nicht so
sehr seinetwegen, sagte er, als vielmehr wegen der
Damen. Aber die Damen baten ihn in großzügiger
Manier, er solle sich doch ihretwegen nicht
exponieren.
Die Damen waren vier an der Zahl:
die Gillis, Mutter und Tochter, Miss Green, eine
zierliche, schon etwas ältli-che Engländerin, blaß
und blond, immer mit Kopfschmerzen und Antipyrinen
versehen, sowie die Frau des Herrn Doktor Sandrocca,
der unter Ataxie litt und auf immer an den Rollstuhl
gefesselt war.
Viel vernünftiger, das heißt viel
praktischer, dachte ein anderer junger Gast, Leone
Borisi, der Scamozzi das Vergnügen überließ, sich
solcherart als Beschützer der Damen und besonders
des liebenswürdigen und überaus lebhaften Fräuleins
Ninì Gilli aufzuspielen, um einstweilen selbst den
Rollstuhl des Herrn Doktor Sandrocca die Bergwege
hinunterzuschieben, unter die Roßkastanienbäume; mit
einer Hand den Rollstuhl zu schieben und mit der
anderen die Taille der Frau des guten Doktors zu
umfassen, die eine Brünette mit Löckchen war, mit
einem kerzengeraden Näschen und leuchtenden Augen,
eine besonders anziehende Person. Ach, nur so,
natürlich! Ganz unschuldig, sozusagen aus
Zerstreutheit, hinter dem Rücken des Mannes, der in
einem fort lachte, lachte und plapperte und seine
Pfeife rauchte, ohne auch nur einen Augenblick
innezuhalten.
II.
Das Wunder, seine Exzellenz, den
Herrn Senator Reda, zum Sprechen zu bringen, das
hatte ein neuer Gast bewirkt, der auf den ersten
Blick bei den vier Damen ein Nasenrümpfen und bei
dem Hotelier ein ärgerliches Verziehen der
Mundwinkel hervorgerufen hatte.
Schweißtriefend, die Kleider in
Unordnung, mit seinem rasierten Stierschädel und den
dicken Speckfalten im Nacken, den Augengläsern, die
ihm immer wieder von der Kartoffelnase rutschten und
diesen riesigen, verwaschenblauen Augen, die ständig
unterwegs zu sein schienen, um irgendetwas in den
Blick zu bekommen, und so den Kopf zu gewissen
seltsamen und ruckartigen Drehungen veranlaßten, die
an einen Ochsen denken ließen, der sich verzweifelt
vom Joch zu befreien sucht: die Erscheinung des
Herrn Professor Dionisio Vernoni war wirklich nicht
dazu angetan, Vertrauen zu erwecken. Aber wenn man
ihn dann reden hörte...
Vielleicht litt der Professor
Dionisio Vernoni in seinem Inneren an den
vulkanischen Durcheinander der vielen
Leidenschaften, die seine mächtige Brust verbarg;
aber das bißchen, was davon nach außen drang, reizte
nur zum Lachen. Zum Lachen vor allem deshalb, weil
er mit all diesem Riesenberg schwitzenden Fleisches,
den er mit sich herumschleppte, ein
unverbesserlicher Idealist war, der Professor
Dionisio Vernoni; ein Idealist, der keine Ruhe gab,
sollte es ihm auch an den Kragen gehen, der keine
Ruhe geben konnte, keine Ruhe geben wollte
angesichts des irritierenden Resignation der
Wissenschaft vor den faszinierenden Problemen der
Existenz, vor dem bequemen (oder feigen, wie er zu
sagen pflegte) Rückzug des sogenannten
philosophischen Denkens in die Grenzen des
Erkennbaren. Und dazu verjagte er hier und dort mit
seinen beiden Pranken die hartnäckigsten Fliegen,
die sich auf seinem schweißüberströmten Gesicht
niederlassen wollten.
Als er nun unter der Buche den
Senator erblickte, der vor so vielen Jahren sein
Lehrer an der Universität gewesen war (freilich
waren alle Professoren einer ganzen Reihe von
Universitäten seine Lehrer gewesen, denn er hatte
wenigstens drei oder vier Studien abgeschlossen,
dieser Dionisio Vernoni, eines nach dem anderen), da
war er ihm, unter dem indignierten Staunen des
Hoteliers entgegengelaufen, besser gesagt, er hatte
sich auf ihn gestürzt und ihm mit aufgehobenen Armen
entgegengerufen:
"Ach, Sie sind hier, verehrtester
Herr Professor?"
Und beinahe unverzüglich war
zwischen dem ehemaligen Schüler und dem alten Lehrer
wieder eine jener lebhaften Diskussionen entflammt,
die an der römischen Universität viele Jahre
hindurch unvergeßlich geblieben waren.
Lebhaft waren sie ja eigentlich nur
von einer Seite: von der Vernonis, denn der Senator
antwortete trocken und schneidend, mit einem kühlen
Lächeln auf den Lippen, das zeigen sollte, daß er
seinen bizarren Schüler der einen oder anderen
Antwort würdigte, nur um seinen Spaß mit ihm zu
haben.
Das hatten die anderen Gäste recht
gut begriffen, die, einer nach dem anderen,
allmählich hinzugetreten waren, um zuzuhören. Nun
nahm man nach jeder Mahlzeit an diesem
intellektuellen Duell unter der Buche teil, als wäre
das eine besonderes Unterhaltungsprogramm.
Von Zeit zu Zeit brachen alle in
Gelächter aus, bei einigen besonders treffenden
Repliken des hochverehrten Herrn Senators, während
Vernoni bald mit weitgeöffneten, starren Augen
aufsprang, bald ganz verunsichert die beiden Pranken
vor die Brust schlug, als wollte er eine wahre
Lawine von wütenden Protestrufen zurückhalten.
Die alte Frau Gilli und Miss Green
jedoch, die oft von dem begeisterten Feuer
mitgerissen wurden, mit dem Professor Vernoni sich
für seine edlen und großmütigen Theorien in die
Bresche warf, neigten dann und wann unwillkürlich
zustimmend den Kopf. Dann trug der Senator seine
Erwiderung verärgert mit einem gewissen essigsauren
Stimmchen vor, und Vernoni zog entweder die
Schultern ein oder er murmelte mit bitterer
Verachtung:[1]
"Also das Gras, was? Das Gras! Als
ob wir alle miteinander Schafe wären..."
Bei diesen Worten brach Ninì Gilli
in ein unwiderstehliches Gelächter aus und alle
anderen fielen mit ein, während der Senator in die
Runde blickte, als habe er nicht recht verstanden,
und fragte:
"Das Gras? Wieso das Gras? Das
verstehe ich nicht."
"Das Gras! Das Gras!" wiederholte
Vernoni, dem vor Ärger beinahe die Tränen kamen.
"Was ist denn für die Schafe die einzige Wahrheit,
die existiert? Das Gras. Das Gras, das unter ihren
Mäulern wächst. Aber wir, Gott verdammich, wir
können auch nach oben schauen, hochverehrter Herr
Senator! Nach oben, nach oben, auf die Sterne!"
Als Antwort knurrte der Senator
zwischen den Zähnen: "Auch nach oben, jawohl, wie
schon Sallust sagt."
"Wie schon Sallust sagt, jawohl!",
gab Vernoni postwendend zurück, "Aber auch, wenn man
nach unten schaut, entschuldigen Sie... der Maulwurf
zum Beispiel, Herr Senator: sehen wir uns den
Maulwurf an, und folgen wir der Logik der Natur."
"Aber nein!"
Wenn der Herr Senator Romualdo Reda
die Natur nennen hörte, wurde er ernsthaft unruhig;
mit beiden Händen auf die Armlehnen trommelnd, stieß
er hervor:
"Ach, hören Sie doch auf! Tun Sie
mir doch den Gefallen! Ach, Ihre Logik, lieber
Vernoni! Das ist ja ganz nett, so im Spaß... Aber
lassen wir doch bitte die Natur in Ruhe, ja!
"Entschuldigung, Entschuldigung,
Entschuldigung", ver-suchte Vernoni daraufhin rasch
zu erklären, wobei er beide Hände vorstreckte. "Daß
die Natur eine Logik besitzt, kann man etwa daran
zweifeln? Aber wir haben doch einen mehr als
schlagenden Beweis dafür in ihrer Ökonomie! Lassen
Sie mich doch erklären, verehrtester Herr Professor!
Der Maulwurf... warum ist beim Maulwurf das Sehorgan
so schwach ausgebildet? Na, weil er unter der Erde
leben muß! Logik der Natur! Und der Mensch?
Verzeihen Sie, weshalb muß der Mensch die Sterne
sehen können? Einen Grund muß es dafür doch geben,
verzeihen Sie!"[2]
Alle verharrten einen Augenblick
lang wie gebannt in Erwartung der Antwort des Herrn
Senators; dieser aber schloß die müden,
geschwollenen Augen, wiegte ein wenig das Haupt,
öffnete die Lippen zu einem bescheidenen Lächeln
verächtlichen Mitleids und enttäuschte alle, indem
er rezitierte: "Gestit enim mens exilire ad magis
generalia ut acquiescat: et post parvam moram
fastidit experientiam. Sed haec mala demum aucta
sunt a dialectica ob pompas disputationum."
"Bacon?" fragte Professor Dionisio
Vernoni, während er sich die Sturzbäche von Schweiß
aus Stirn und Nacken wischte.
Und der Senator antwortete:
"Bacon."
III.
An einem dieser Tage freilich wurden
alle Gäste des Hotels auf dem Berggipfel unerwartet
früh von den schrillen Schreien Fräulein Ninì Gillis
und ihrer Mutter geweckt. Was war geschehen?
Zunächst hieß es, die liebe Ninì,
die beim Morgengrauen allein hinunter in das
Klosterwäldchen spazieren gegangen war, habe eine
unangenehme Begegnung gehabt.
Unangenehm? Wie denn? War sie
vielleicht überfallen worden? Man hatte doch noch
nie gehört, daß sich im Klosterwäldchen solches
Gesindel... ach, es war gar kein Gesindel? Ja, was
war das denn dann für eine Begegnung gewesen?
Die liebe Ninì, oder die Gillina,
wie alle sie nannten, war aus dem Wäldchen
heraufgelaufen, so schnell sie konnte, puterrot im
Gesicht, schreiend, vor Schrecken dem Wahnsinn nahe.
Nun wälzte sie sich in ihrem Zimmer, von einem
schrecklichen Weinkrampf geschüttelt, von einer
Seite auf die andere.
Ja, aber was war das denn nun
wirklich für eine Begegnung gewesen, zum Teufel? Was
hatte man ihr denn getan?
Das Klosterwäldchen lag am
westlichen Abhang des Berges, dicht und
undurchdringlich. Wäldchen war eigentlich gar kein
Ausdruck: Alle diese Roßkastanien waren zwar dünn
geblieben, hatten aber mittlerweile recht hohe,
gerade Stämme angesetzt, die wie Nadeln aufragten:
ein ausgewachsener Wald. "Klosterwäldchen" hieß es,
weil auf einer kleinen Lichtung in der Mitte die
verlassenen Ruinen eines alten Klosters lagen, mit
dem Kirchlein an der einen Seite, dessen
geheimnisvollen Innenraum man durch die Risse in dem
vermoderten Tor gerade ein bißchen erahnen konnte.
Bleich und in höchster Erregung
versuchte Scamozzi den Anwalt Borisi, ja sogar die
Kellner, dazu zu bewegen, sich zu bewaffnen und mit
ihm dort unten ins Wäldchen zu laufen, um nach dem
Rechten zu sehen. Aber was sollte es denn dort zu
sehen geben? Wenn man doch noch nichts mit
Sicherheit wußte! Was sagte denn Senator Reda dazu,
der eben an das Bett des Fräuleins geeilt war? Denn
er war auch Arzt, der Senator, wenngleich er diesen
Beruf nie ausgeübt hatte.
Einzig Professor Dionisio Vernoni
erklärte sich bereit, Scamozzi zu folgen. Aber der
hatte kein rechtes Vertrauen zu ihm und tat, als
höre und sähe er ihn nicht.
Na endlich, da war Reda! Ach, Gott
sei Lob und Dank, er lächelte... Na...?
"Gar nichts, meine Herrschaften.
Seien Sie ganz beruhigt. Eine leichte Psychose, die
von selbst vorbeigeht, Ein kleiner Anfall von
Hysterie, das ist alles. Sowas geht vorüber."
Aber da trat Professor Dionisio
Vernoni vor, mit zusammengezogenen Augenbrauen und
zerzaustem Haar:
"Eine Psychose?" stieß er hervor.
"Da unten im Klosterwäldchen? Wenn Sie von Psychose
reden - ich weiß, worum es sich handelt! Ich weiß
alles, alles! Fräulein Gilli hat gesehen! Fräulein
Gilli hat gehört, auch sie!"
Scamozzi, Borisi, Doktor Sandrocca,
seine Frau, Miss Green, alle wandten sich um und
starrten ihn mit offenem Mund an:
"Gesehen... was denn gesehen?"
"Aber achten Sie doch nicht auf ihn,
ich bitte Sie!" rief der Senator.
"Eine Halluzination, nicht wahr?",
schrie daraufhin Vernoni spöttisch und
herausfordernd zurück. "Eine Psychose... ein Anfall
von Hysterie... Und wie erklären Sie dann, daß auch
ich, jawohl, mein Herr, auch ich, neulich gegen
Abend, etwas gehört habe... ja, meine Herrschaften,
ich habe etwas gehört, als ich allein in dem
Wäldchen war, bei dem Kloster... eine Musik war es,
eine... eine paradiesische Musik, die aus dem
Kirchlein drang... Orgel und Harfen... eine
göttliche Musik! Ich habe zu niemandem davon
gesprochen; ich erzähle es jetzt, weil ich sicher
bin, daß auch Fräulein Gilli es gehört hat, sie
auch... Ich habe den Mund gehalten, weil ich mich
geschämt habe, ich schwöre es, und auch, weil ich
Angst hatte, jawohl! Ja, Angst hatte ich, und ich
bin davongelaufen, so schnell ich konnte!
"Ach, jetzt hören Sie doch mal bitte
auf, lieber Herr!" unterbrach ihn an dieser Stelle
der Hotelier, der die Wirkung bemerkte, die seine
Worte auf die anderen Gäste hatten. "Sie wollen mich
wohl ruinieren! Ach, entschuldigen Sie, das sind
doch Verrücktheiten! Nie hat man je etwas
dergleichen erzählt! Niemand hat je irgendetwas
gehört! Ein Glück, daß Seine Exzellenz hier ist...
ich meine den Herrn Senator... eine Leuchte der
Wissenschaft... und auch ein anderer hochgeschätzter
Herr Doktor, der... na Gott sei Dank, er lacht,
sehen Sie nur! Er lacht, und recht hat er... das ist
ja wirklich zum Lachen, lieber Herr Doktor! Ein ganz
simpler Anfall von Nervenüberreizung..."
"Von Hysterie", verbesserte ihn der
Senator.
"Natürlich, von Hysterie... und wenn
das der Herr Senator sagt!", schloß der Hotelier
seine Rede. "Was heißt da Musik! Was heißt da Orgel!
Was heißt da Harfen! Gehen wir doch alle gemeinsam
dort in das Wäldchen... Ich lasse Ihnen dort das
Frühstück servieren... Ein angenehmer, ganz und gar
sicherer Ort, jawohl... wir werden auch die Kirche
öffnen... Sie werden sehen..."
"Aber gibt es dort wirklich eine
Orgel?" fragte Frau Sandrocca.
"Nein... das heißt... ja, es gibt
eine und es gibt auch keine..." antwortete der
Hotelier ein wenig verwirrt. "Sie können sich ja
denken, wie die aussieht, nach so vielen
Jahrhunderten... vielleicht hat irgendein
Mäuslein... ach, das ist doch wirklich zum Lachen...
zum Lachen ist das, was, meine Herrschaften?"
Und er lachte: er schon, jawohl, und
auch Doktor Sandrocca, der ewig Lachende, lachte
weiter. Die anderen hingegen lachten nicht, und sie
zeigten auch keine große Lust, der Einladung zum
Frühstück dort unten im Klosterwäldchen zu folgen.
Was den Senator anging, der wandte der ganzen
Gesellschaft verächtlich den Rücken und streckte
sich auf seinem Stuhl aus Rohrgeflecht unter der
Buche aus.
In diesem Augenblick stürzte in
höchster Eile und mit ungewöhnlicher Heftigkeit,
wenngleich ein Bein ihr, vielleicht durch die
Erregung, steif geworden war, die alte Frau Gilli
hinzu, um mit dem Hotelier ein Wörtlein zu reden.
Sie gab keinen Heller, nein, keinen
roten Heller gab sie auf diese Erklärung seiner
Exzellenz, des Herrn Senators, die ganz danach
aussah, als sollte dadurch der Hotelier vor Schaden
bewahrt werden. Aber was denn für ein Anfall von
Hysterie, zum Teufel, wenn ihre Tochter doch nie und
nimmer an solchen Spintisierkrankheiten wie der
Schwangerenhysterie gelitten hatte! Oh, das war
schnell gesagt! Und dann bleibt der schlechte Ruf an
einem hängen, es wird getuschelt und verleumdet.
Nein, nein, alles mußte seine Richtigkeit haben!
Alles mußte seine Richtigkeit haben, für die Frau
Gilli; das heißt alle sollten erfahren, was
geschehen war; dann die Rechnung bezahlen und auf
der Stelle Abfahrt! Auf der Stelle, denn ihre arme
Tochter zitterte noch immer wie Espenlaub, vor
lauter Schreck, und sie sagte, sie würde lieber
sterben als weiter hierbleiben, sei es auch nur für
eine einzige Nacht.
Und Frau Gilli begann somit zu
erzählen, daß die arme Ninì wirklich die Orgel in
dem Klosterkirchlein hatte spielen hören.
"Hören Sie? Hören Sie", rief
daraufhin Dionisio Vernoni triumphierend aus.
Die alte Dame brach ab, wie vom
Donner gerührt, und fragte: "Ja, wie denn das?
Sie... wie können denn Sie davon wissen?"
Und Vernoni gab zurück: "Ich weiß
nichts davon; ich habe es vermutet, Signora! Ja, ich
war sicher, mehr als sicher; denn ich habe es auch
gehört!"
Verdattert und doch froh klatschte
Frau Gilli in die Hände und rief: "Sehen Sie? Na
also! Der Herr da kann ja wohl nicht unter
Schwangerenhysterie leiden... würde ich meinen..."
Dionisio Vernoni ließ den anderen
keine Zeit, über diese Überlegung zu schmunzeln,
sondern setzte schnell hinzu: "Orgel und Harfen?"
"Harfen? Von Harfen weiß ich
nichts", antwortete Frau Gilli, ein wenig
erschrocken über die Art, wie er sie anstarrte.
"Ninì spricht nur von einer Orgel, und sie sagt, sie
wäre zuerst bloß erstaunt gewesen... erstaunt, daß
jemand zu so früher Stunde in dieses verlassene
Kirchlein gegangen sein konnte, um Orgel zu spielen.
Sie dachte wirklich an gar nichts Außergewöhnliches,
sie ging sogar hin, um nachzusehen... und dann...
ich weiß nicht, ich weiß nicht genau, was sie
gesehen hat... man kann sie da nicht recht
verstehen... sie spricht von Mönchen... von einer
Prozession... von brennenden Kerzen..."
Die alte Frau Gilli brach ihre
Erzählung mittendrin ab, weil ein Stubenmädchen sie
in höchster Eile zu ihrer Tochter rief, die einen
neuen Weinkrampf bekommen hatte. Und da war der
Augenblick des Professor Dionisio Vernoni gekommen,
dem sich nun alle ganz instinktiv zuwandten. Und
Professor Vernoni setzte sofort mit seiner üblichen
Begeisterung ein; er sprach von Okkultismus und
Mediumismus, von Telepathie und Weissagungen, von
Apporten und Materialisationen; und vor den Augen
seiner verdatterten Zuhörer bevölkerte er die Erde
mit Wundern und Geistererscheinungen, jene Erde, von
der der blödsinnige Stolz des Menschen annimmt, sie
wäre nur von ihm selbst und von den paar Tieren
bewohnt, die er kennt und die ihm dienstbar sind.
Was für ein ungeheurer Irrtum! Es leben auf der Erde
noch andere Wesen ein natürliches, ein ganz
natürliches Leben so wie das unsere; Wesen, die wir
im Normalzustand unserer Beschränktheit wegen nicht
wahrnehmen können, die sich aber manchmal, unter
besonderen Umständen, zu erkennen geben und uns mit
Schrecken erfüllen; übermenschliche Wesen, in dem
Sinn, daß sie unser armseliges Menschenwesen
übersteigen, aber auch sie sind natürlich, ganz und
gar natürlich, anderen Gesetzen unterworfen, die wir
nicht kennen, oder besser, die unser Bewußtsein
nicht kennt, denen wir aber vielleicht unbewußt auch
folgen: nichtmenschliche Bewohner der Erde,
elementare Wesenheiten, Geister der Natur jeglicher
Art, die mitten unter uns leben, in den Felsen, in
den Wäldern, in der Luft, im Wasser, im Feuer,
unsichtbar, aber doch mit der Fähigkeit, bisweilen
körperhafte Gestalt anzunehmen.[3]
Vor Ärger darüber, daß der Senator
Reda nicht hinzukam, um mit ihm zu diskutieren,
verstieg er sich absichtlich, um ihn zu provozieren,
zu den phantastischesten Gedankenflügen, den
kühnsten Vermutungen, den verführerischsten
Erklärungsversuchen, und brach zu guter letzt in
eine grundlegende Anklage gegen die positive
Wissenschaft aus, gegen manche sogenannte
Wissenschaftler, die kaum eine Spanne weiter als
ihre Nasenspitze blicken können (diesen Satz
wiederholte er vier oder fünfmal): kalte,
kurzsichtige, überhebliche Typen, die die Natur dazu
zwingen wollten, sich ihren Experimenten zu
unterwerfen, den Berechnungen ihrer Studierstuben,
dem Bußgürtel ihrer armseligen Meßinstrumente und
ihrer elenden Schwätzerkongresse.
Der Senator Romualdo Reda blieb
stumm. Scamozzi, Borisi, Miss Green, Frau Sandrocca,
beinahe entsetzt über die gewalttätige Aggressivität
Vernonis, warfen von Zeit zu Zeit einen verstohlenen
Blick zu ihm hinüber. Stumm und ungerührt lag der
Senator Romualdo Reda auf seinem Liegestuhl unter
der Buche, die Augen geschlossen, als schliefe er.
Endlich, als es ihm paßte, stand er auf und ging,
ohne ein Wort zu sprechen, ohne irgendjemanden
anzusehen, zwei Finger zwischen den Knöpfen der
Weste durchgesteckt, still und ernst, wenngleich er
doch von so winziger Statur war, das Weglein
entlang, daß zum Klosterwäldchen führte.
"Gott segne ihn!", rief der Hotelier
und warf ihm eine Kußhand zu. Dann wandte er sich an
Vernoni: "Sie, mein Herr, dürfen getrost sagen, was
Sie wollen: Sie sind ganz frei! Aber sehen Sie: Das
da ist die beste Antwort darauf!"
Und er wies mit der Hand auf den
Senator, der allmählich, winzig klein, unter den
riesigen Roßkastanien des abschüssigen Weges
verschwand.
IV.
Als Professor
Dionisio Vernoni und Torello
Scamozzi, die es sich nicht
hatten nehmen lassen, in
ritterlicher Weise die beiden
Damen Gilli bis zum Bahnhof von
Valdana zu begleiten, um dann
den ganzen Tag in Valdana
zuzubringen, spätabends müde und
hungrig zu dem kleinen Hotel am
Berggipfel zurückkehrten, fanden
sie dort alle übrigen Gäste wie
erstarrt vor, in einem
Schweigen, das von unendlicher
Bestürzung zeugte.
Der Herr Senator
Romualdo Reda war noch immer
nicht aus dem Klosterwäldchen
zurückgekehrt.
Nach dem
schrecklichen Abenteuer der Ninì
Gilli und all den Reden, die da
am Vormittag geführt worden
waren - wie sollte man sich da
eine so lange Verspätung des
Senators erklären?
Leone Borisi
beeilte sich, den beiden
Freunden die neuesten
Nachrichten weiterzugeben. Er
erzählte, daß man zwei Kellner
geschickt hatte, um den
berühmten Mann zu suchen, daß
sie zurückgekommen waren, ohne
ihn gefunden zu haben, daß dann
der Hotelier selbst mit einem
anderen Kellner nochmals
aufgebrochen war, weil er nicht
sicher glauben konnte, daß die
beiden wirklich bis zum Kloster
gegangen waren; aber auch er
hatte ihn nicht gefunden. Danach
hatte man vermutet, daß der
Senator, wütend über Vernonis
Attacke, das ganze Wäldchen
durchquert habe und zu Fuß bis
in den nahegelegenen Flecken
Sopri gelangt sei. Aber der
Küchenjunge, den man nach Sopri
geschickt hatte, war eben gerade
zurückgekommen, ohne eine Spur
oder eine Nachricht entdeckt zu
haben, und das, nachdem er - wie
er behauptete - das ganze Dorf
Haus für Haus abgegangen war.
"Um
Himmelswillen", schloß Borisi,
"laßt euch ja nicht sehen; Sie
vor allem nicht, Professor
Vernoni! Der Wirt ist außer sich
vor Wut. Der ist imstande und
springt Ihnen an die Gurgel."
"Na, das möchte
ich doch sehen!", erwiderte
Professor Vernoni wütend. "Hören
Sie, lieber Herr, es täte mir
wirklich leid, wenn dem Herrn
Senator Reda etwas Ärgeres
zugestoßen wäre. Er ist
herzkrank. Aber so eine
winzigkleine Lektion... so ein
kleines Orgelständchen, wissen
Sie, wie gut das manchen
Wissenschaftlern täte?"
Wenig später kam
der Hotelier mit ein paar
Windlichtern für eine
allerletzte Expedition in das
Wäldchen aus dem Keller zurück
und tat, als bemerke er gar
nicht, daß Vernoni und Scamozzi
zurück waren.
"Meine
Herrschaften", sagte er, beinahe
mit Tränen in den Augen, "wenn
Sie die Güte hätten, mir
beizustehen... ich lade Sie alle
ein! Sie werden meinen
Gemütszustand verstehen, bei der
Verantwortung, die auf mir
lastet."
Obgleich sie
todmüde waren, ließen sich
Vernoni und Scamozzi nicht
zweimal bitten. Die drei Kellner
und der Küchenjunge zündeten die
Windlichter an und los ging's,
zu acht, auf die Suche nach dem
kleinen Senator, der sich
zwischen den dichtstehenden
Roßkastanienbäumen des steil
abfallenden Wäldchens verloren
hatte.
Trotz der
allgemeinen Betroffenheit und
der bangen Erwartung, die jeden
von ihnen beseelte, gaben doch
alle ihrer neugierigen Unruhe
nach und ließen den seltsamen,
phantastischen Eindruck des
nächtlichen Wäldchens im
rötlichen, rauchenden Licht
dieser verzweifelt zuckenden
Fackeln auf sich wirken. Auf
Schritt und Tritt fuhren
kolossale Schatten in die Höhe.
All diese biegsamen,
kerzengerade in den Himmel
aufragenden Stämme färbten sich
blutrot; bald schien es für
einen Augenblick, als stellten
sie sich alle in der Tiefe des
Wäldchens zu beiden Seiten zum
Spalier auf wie bei einer
Parade, bald schien es wieder,
als wirbelten sie alle
kunterbunt durcheinander. Und
das Knacken der trockenen
Blätter und die Schreie der
flüchtenden Eichhörnchen und der
Vögel schmerzten die überreizten
Sinne dieser unversehens zu
nächtlichen Aufklärern
gewordenen Männer.
Mehrmals schlug
der Hotelier vor, sie sollten
sich trennen, vielleicht immer
zwei und zwei, um so das
Unterholz zu durchstreifen, denn
es wäre sinnlos, den Senator
hier auf dem zum Kloster
führenden Weg zu suchen. Aber
niemand vermochte es, sich vom
anderen zu lösen, zu stark war
die instinktive Furcht, allein
dem Ansturm dieser unerhörten,
gewaltigen Eindrücke standhalten
zu müssen.
Als die
Gesellschaft zu dem Kloster
gelangte, richteten sich aller
Augen auf das vermoderte Tor des
Kirchleins. Allen lief ein
Schauder über den Rücken, als
der Hotelier hinzutrat und mit
einer Hand mehrmals
dagegendrückte.
"Verschlossen!"
Scamozzi und
Vernoni schlugen vor, man möge
zwischen den Ruinen des Klosters
suchen; aber der Hotelier
versicherte, das hätte man schon
bei den vorhergehenden Malen mit
der größtmöglichen Sorgfalt
getan. Im Wäldchen, im Wäldchen
selbst, da galt es zu suchen,
denn vielleicht war der Senator
ins Unterholz geraten und hatte
nicht mehr herausgefunden. Sie
waren zu acht und hatten vier
Fackeln! Also immer zwei und
zwei, da half nichts! Ein Paar
hier, ein Paar dort, ganz
langsam und sorgfältig.
So geschah es.
Die Suche dauerte ungefähr eine
Stunde. Die eine oder andere
Fackel erlosch und ließ sich nur
mit großer Mühe wieder anzünden;
dann begann einerseits der
schreckenerregende Ort im Verein
mit der Müdigkeit weniger
düstere Bilder in den Männern zu
erwecken; andererseits ließ er
das Mißtrauen in den Erfolg des
Unternehmens immer mehr wachsen.
Die acht verständigten sich
durch Rufe; sie fanden sich
wieder auf dem Weg ein, von dem
keines der Paare sich wirklich
sehr weit entfernt hatte; und
alle wurden sich leicht darüber
einig, die Suche morgen bei
Tageslicht fortzusetzen.
Diesmal begannen
die acht vom Vorabend jeder für
sich allein zu suchen, und das
Wäldchen wurde in seiner ganzen
Ausdehnung durchkämmt; ohne
Ergebnis.
Endlich, ein
Schrei! Er kam von der Lichtung
her, wo die Ruinen des Klosters
standen. Alle liefen hinzu,
keuchend und atemlos.
Dort, genau
unter den ersten Roßkastanien,
vielleicht fünfzig Schritt vom
Kloster entfernt, lag der
Leichnam des Senators Romualdo
Reda, ganz klein, auf dem Rücken
ausgestreckt, ohne jede Spur
einer Gewaltanwendung, vielmehr
so, als hätte ihn jemand für den
ewigen Schlaf zurechtgerückt,
die Beine nebeneinander, die
Arme fein säuberlich zu beiden
Seiten des winzigen Körpers
ausgerichtet.
Alle blieben
erstarrt stehen und sahen ihn
an.
Von der Höhe der
Kronen dieser Roßkastanien hing
ein ganz, ganz dünner
Spinnenfaden herunter, der sich
an der Nasenspitze des kleinen
Senators festgesetzt hatte.
Von diesem Faden
war kein Ende zu sehen.
Und von der Nase
des kleinen Senators kletterte
ein fast unsichtbares Spinnlein,
als wäre es aus den
Haarbüschelchen der Nasenlöcher
herausgekrochen, immer höher
hinauf, diesen Faden entlang,
der sich im Himmel zu verlieren
schien.
* - Erstdruck
in der Zeitschrift
Marzocco, März 1907.
Die wichtigsten
Varianten werden in den
Fußnoten angeführt.
[1]-
An dieser Stelle hat der
Autor für die
Druckfassung einen
längeren Abschnitt aus
der Urfassung der
Novelle (1907)
gestrichen, der die
Diskussion der beiden
Professoren näher
illustriert, und den wir
dem modernen Leser nicht
vorenthalten wollen:
"Sie haben mir die
Notwendigkeit bewiesen",
schrie Professor Vernoni
mit leuchtenden Augen,
das Gesicht von dumpfer
Wut erstickt, "die
Notwendigkeit, mich den
Bedingungen der Existenz
anzupassen, und daß ich
in dieser Anpassung das
Leitprinzip des Lebens
suchen und in diesem Weg
der Vervollkommnung das
Ideal des Lebens
erblicken soll. Na gut!
Na gut! Und weiter?"
Der Senator antwortete
ihm mit
niedergeschlagenen Augen
und mit dem üblichen
kühlen Lächeln auf den
Lippen, mit den Fingern
auf die Armlehnen des
Liegestuhls trommelnd: "Genügt
Ihnen das nicht?"
"Nein! Es tut mir
unendlich leid,
hochverehrter Herr
Professor, aber es
genügt mir nicht; es
kann mir gar nicht
genügen. Die Anpassung...
Was soll das heißen? Und
wenn ich mich nicht
anpassen will oder kann?"
"Sehr einfach",
antwortete ihm der
Senator wiederum ganz
gelassen. "Das heißt
dann, daß Sie, lieber
Vernoni, kein
Leitprinzip haben und
Gefahr laufen, in einem
Irrenhaus oder im
Gefängnis zu enden."
Alle brachen angesichts
der treffenden Antwort
in Lachen aus, während
Vernoni mit weit
aufgerissenen Augen in
die Höhe fuhr und sich
mit beiden Händen auf
die Brust schlug: "Ich?"
"Ja freilich",
bestätigte der Senator,
"je nach der Art Ihrer
Rebellion."
"Aber verzeihen Sie,
verzeihen Sie, verzeihen
Sie...", brach es da aus
Herrn Professor Dionisio
Vernoni heraus, der vor
Wut verkrümmt mit den
Händen in der Luft
herumfuchtelte. "Das,
Herr Professor, scheint
mir doch die Frage allzu
leicht zu nehmen."
"Und warum?"
"Weil ich Ihnen nie die
Uhrkette stehlen würde,
nicht einmal, wenn ich
vor Hunger halbtot wäre."
"Aaaach", riefen da die
Zuhörer aus, wie von
einem vulgären Mißton
gekränkt.
Aber der Senator
Romualdo Reda
betrachtete seine
Uhrkette über dem Bauch
und fragte ungerührt: "Was
hat meine Uhrkette damit
zu tun?"
"Natürlich hat sie das",
kreischte Vernoni. "Sie
sagen, es wäre notwendig,
sich den Bedingungen der
Existenz anzupassen. Und
wenn ich nun halbtot vor
Hunger wäre? Na, das
sind schöne
Existenzbedingungen,
verzeihen Sie! Und würde
mich ein Richter
verurteilen, wenn ich
Ihnen dann die Uhrkette
stehlen würde?"
"Ich glaube schon,
lieber Vernoni."
"Hm", sagte Scamozzi
dazwischen.
"Versuchen Sie's doch
mal...", regte Borisi an.
Professor Dionisio
Vernoni sprang erneut
auf: "Ach ja? Aber ich
würde ihm sagen: 'Lieber
Herr Richter, wie
stellen Sie es an, in
der Anpassung das
Leitprinzip Ihres Lebens
zu finden? Der Staat
gibt Ihnen eine
lächerliche Vergütung;
die Bedingungen Ihres
Lebens sind ziemlich
elend. Wie passen Sie
sich an, Herr Richter?
Gehorchen Sie? Machen
Sie sich gleich? Ich
verstehe! Sie verkaufen
die Gerechtigkeit, so
wie ich eine Uhrkette
stehle!' Nein, nein,
Herr Professor, da
braucht's was ganz
anderes, glauben Sie mir!"
Die alte Frau Gilli und
Miss Green, mitgerissen
von dem begeisterten
Feuer von Vernonis Rede,
nickten unwillkürlich
zustimmend mit dem Kopf.
Daraufhin antwortete der
Senator mit einem vor
Ärger säuerlichen
Stimmchen: "Aber
natürlich braucht's da
was anderes, ganz sicher
braucht's was anderes!
Es gilt die
Existenzbedingungen zu
verbessern, so weit das
geht, zum Teufel! In dem
Weg der Vervollkommnung
liegt das Ideal des
Lebens..."
"Und das ist alles?"
fragte Vernoni wiederum.
"Was wollen Sie denn
noch, heiliger Gott!"
rief der Senator aus und
zeigte deutlich, daß ihm
allmählich die Geduld
ausging.
[2]-
(siehe Anm.1):
"Einen Grund muß es doch
dafür geben! Sicherlich
nicht, damit er
Astronomie studieren
kann... Das wäre ja
lächerlich!"
"Und weshalb?" fragte
lächelnd, als wäre er
betäubt von so viel
Tollheiten, der Senator.
"Nicht um der Astronomie
willen, jedenfalls!" gab
Vernoni, immer erhitzter
und bebender, rasch
zurück. "Denn ohne die
Astronomie könnte der
Mensch sehr gut leben,
wie er so viele
Jahrhunderte hindurch
gelebt hat, als er die
Sterne für Lämpchen
hielt, entschuldigen Sie.
Kaum aber war das
Teleskop erfunden..."
"Was sah er da?"
unterbrach ihn der
Senator, ein Ärmchen in
die Luft reckend.
Und da brach Vernoni
verärgert aus: "Seine
Kleinheit, nicht wahr?
Verfluchtes Teleskop!
Glauben Sie mir, ich
würde sie am liebsten
alle kurz und klein
hauen! Ich würde am
liebsten alle
astronomischen
Observatorien von der
Erde hinwegfegen! Das
Teleskop, jawohl, das
Teleskop ist unser Ruin.
Es hat die Menschheit
ruiniert - jawohl - das
Teleskop! Denn während
das Auge von unten
hineinblickt, durch die
kleine Linse, und das
groß sieht, was die
Natur ihm vorsorglich
klein erscheinen lassen
wollte, was tut da die
Seele? Sie springt
hinauf, um von oben
hineinzublicken, die
Seele, durch die große
Linse; und was wird dann
aus dem Teleskop? Ein
schreckliches Instrument,
ein großartiges
Mikroskop, das die Erde
und den Menschen und all
unseren Ruhm und unsere
Größe zugrunde richtet.
Klein? Aber verzeihen
Sie, Herr Professor,
meinen Sie das im Ernst?
Aber wenn der Mensch
seine unendliche
Kleinheit verstehen und
sich einen Begriff davon
machen kann, dann
bedeutet das, daß er
auch die unendliche
Größe des Universums
verstehen und sich einen
Begriff von ihr machen
kann. Und wie könnte man
dann den Menschen noch
klein nennen? Sie
scherzen! Klein? Aber in
mir muß doch
notwendigerweise,
verstehen Sie?,
notwendigerweise etwas
von dieser Unendlichkeit
sein, sonst könnte ich
sie nicht begreifen, wie
sie dieser Baum da nicht
begreift, zum
Donnerwetter, oder mein
Hut... Irgend etwas, das,
wenn ich die Augen auf
den Himmel hefte,
hochverehrter Herr
Professor, sich auftut
und wie nichts zu einer
Gegend im All wird, in
der Welten rotieren,
Welten sage ich, deren
beeindruckende Größe ich
fühle und verstehe. Und
da wollen sie,
entschuldigen Sie, daß
ich die Augen, die mir
die Natur nun einmal so
scharf gemacht hat und
so begierig, einen Grund
zu schauen, zu entdecken,
einen Grund, der mich
beruhigt und betäubt,
daß ich diese Augen
verschließe und mich auf
das Studium der
Kieselsteine beschränke,
der Fischlein, der
Mücken?... Ja, ja,
Wissenschaft, auch das
ist Wissenschaft, ich
leugne es nicht! Aber
wie wollen Sie, daß ich
mich damit zufriedengebe,
Herr Professor?"
Alle schwiegen voll
staunender Bewunderung
für den Schwung dieses
begeisterten Höhenflugs.
Wer hätte je gedacht,
daß bei diesem Mann ein
Paar so leichter und
beschwingter Flügel zu
finden wären, wo er doch
so dick und plump war,
daß man den Eindruck
hatte, er hielte sich
wie ein ungeschlachter
Bär nur mit Mühe auf den
beiden Hinterbeinen?
[3]-
Diese Formulierung
erinnert - ähnlich wie
zuvor schon die
Beschreibung der
geheimnisvollen,
"paradiesischen" Musik -
an das "Arsenal der
Erscheinungen" aus der
Villa "La Scalogna" in
den Riesen vom Berge
(vgl. Bd.3 unserer
Ausgabe) und an das
Plädoyer des "Zauberers"
Cotrone im 2.Akt
desselben Stücks - ein
Beweis, daß die
widersprüchliche
Faszination des
Okkulten, die Pirandello
bei Abfassung der
Novelle (1907, also in
unmittelbarer zeitlicher
Nachbarschaft zu
Mattia Pascal (Bd.
10?), in dem dieser
Geisterglaube lächerlich
gemacht wird) offenbar
verspürte, ihn sein
Leben hindurch begleitet
hat und, ins
Phantastisch-Kreative
umgedeutet,
Ausgangspunkt eines
seiner schönsten
Entwürfe für eine
"post-materialistische"
Kunst gewesen ist.
|
Wer war es? - (Chi fu? - 1896) |
|
aus Roma di Roma
(Tageszeitung),
Jg.I/Nr.59, 27./28.Juni
1896; später nicht
wieder veröffentlicht,
daher keine Varianten.
Von Pirandello nicht in
die geplante
Gesamtausgabe
aufgenommen.
aus dem Italienischen von Michael
Rössner |
 |
Sagen Sie doch, wer es war, wenn
das, was ich sage, Sie bloß zum Lachen bringt. Aber
lassen Sie wenigstens Andrea Sanserra aus dem Spiel;
er ist unschuldig. Zu der Verabredung ist er nicht
erschienen; das sage ich nun schon zum hundertsten
Mal. Und nun reden wir von mir.
Ein Beweis meiner Schuld könnte
vielleicht darin liegen, daß ich im Oktober wieder
nach Rom gekommen bin, während ich in den anderen
Jahren immer nur einmal dorthin zu fahren pflegte,
und zwar im Juni. Aber wollen Sie denn wirklich
nicht berücksichtigen, daß in diesem letzten Juni
meine Verlobung in die Brüche gegangen ist? In
Neapel benahm ich mich von Juli bis Oktober wie ein
Verrückter; so sehr, daß mein Chef mir um jeden
Preis ein weiteres Monat Urlaub geben wollte,
ausgerechnet im Oktober. Mein Traum, mein Traum so
vieler Jahre, war zusammengebrochen! Und der, der
behauptet, ich hätte mich in Neapel dem Wein
ergeben, der lügt wie gedruckt. Wein hab' ich nie
getrunken. Ich hatte hier einen Schmerz, hier im
Kopf, der war schuld daran, daß ich wirres Zeug
rede, daß sich alles um mich zu drehen begann und
daß ich Anfälle von Erbrechen hatte. Ich, betrunken?
Nun freilich, was wunder, wenn man nun versucht, die
Leute glauben zu machen, ich würde mich verrückt
stellen, um meine Schuld zu leugnen? Dagegen hatte
ich mich etwas anderem ergeben, den... ja, den
leichten Abenteuern, dumm und gedankenlos, um mich
schadlos zu halten, ja zu rächen an meinem Gewissen,
an meiner Treue, an meiner Enthaltsamkeit so vieler
Jahre. Das freilich stimmt; und darin, das gebe ich
zu, habe ich über die Stränge geschlagen.
In Rom, im Haus meiner Mutter, sehe
ich nach sieben Jahren Andrea Sanserra wieder, der
seit zwei Monaten aus Amerika zurück ist. Die Mamma
vertraut mich ihm an. Wir waren zusammen
aufgewachsen und kannten einander besser als uns die
arme Mutter kannte, die in der Heiligkeit ihrer
Gedanken von uns eine bessere Meinung hatte, als wir
es verdienten; sie hielt uns für zwei Engel, und das
mit sechsundzwanzig Jahren! Aber in dieser guten
Meinung hatte sie meine Lebensweise während der fünf
Jahre meines Verlöbnisses bestärkt. Genug davon. Mit
Andrea folgte ich weiter dem traurigen Weg, den ich
vor drei Monaten in Neapel eingeschlagen hatte. Und
nun komme ich zu den Tatsachen. Eines Abends schlägt
er mir vor... Ich muß vorausschicken, daß Sanserra
die Person, von der ich nun erzählen muß, nicht
kannte; er hatte nur durch andere von ihr gehört. Er
schlägt mir also vor, die Bekanntschaft einer - so
drückt er sich aus - besonderen Spezialität dieses
Genres zu machen. Er erzählte mir... ich kann Ihnen
das nicht wiedergeben. Ich habe nur noch den
Eindruck im Kopf, den seine Worte bei mir
hervorriefen: ein Zimmer im Dunklen, mir einem
großen Bett, am Fußende des Bettes ein Paravent; ein
Mädchen, in ein Leintuch gewickelt, wie ein
Gespenst; hinter dem Paravent eine alte Tante des
Mädchens, die Strümpfe strickte, an einem runden
Tischchen sitzend, mit einer Lampe, die auf die Wand
den vergrößerten Schatten der Alten mit den flinken,
sich ständig bewegenden Händen warf. Das Mädchen
sprach nicht und ließ kaum ihr Gesicht sehen;
stattdessen sprach die Tante und erzählte den
wenigen vertrauten Kunden eine ganze Welt des
Elends: die Nichte war mit einem braven jungen Mann
verlobt, der in Norditalien eine gut bezahlte
Vertrauensstellung innehatte. Die Hochzeit war wegen
der Mitgift geplatzt; einer Mitgift, die es gab, die
aber ein Unglücksfall in der Familie aufgefressen
hatte... nun galt es sie wieder zusammenzubekommen,
und zwar in kürzester Zeit, ehe der brave junge Mann
davon erfuhr... - "Auf die Türe dieses Zimmers",
schloß Andrea Sanserra, "könnte man schreiben:
Krampf."
Natürlich reizte mich die Sache. Und
mit Andrea vereinbarte ich ein Treffen für den
morgigen Abend, um halb neun, außerhalb der Porta
del Popolo. Er wohnt in der Via Flaminia. Die
Wohnung der beiden Frauen ist in der Via Laurina; an
die Nummer erinnere ich mich nicht mehr.
Es war an einem Samstagabend, und es
regnete. Die Via Flaminia breitete sich kerzengerade
vor mir aus, schlammig, da und dort von Laternen
erhellt, deren Licht von Zeit zu Zeit flackerte und
bei Windstößen für einen Augenblick verlöschte.
Derselbe Wind beutelte in meinem Rücken die
dichtbelaubten Bäume der Villa Borghese, auf die der
Regen niederprasselte. Ich dachte, er würde nicht
mehr kommen bei diesem Dreckswetter; und dennoch
konnte ich mich nicht dazu entschließen, fortzugehen
und blieb verdutzt stehen, die Wasserbäche
betrachtend, die rund um meinen Schirm zur Erde
stürzten. Allein in die Via Laurina gehen? Nein,
nein... Ein tiefer Ekel vor dem Leben, das ich seit
drei Monaten führte, überfiel mich in diesem
Augenblick. Ich schämte mich für mich selbst, wie
ich da auf der Straße des Lasters von meinem Kumpan
sitzengelassen worden war. Ich dachte, daß Andrea
wahrscheinlich woanders hingegangen war, um den
Abend in einem ehrbaren Haus zu verbringen, wobei er
sicher gedacht hatte, ich wäre nicht so verdorben,
die Verabredung an einem Abend mit einem solchen
Mistwetter einzuhalten. "Aber nein, eigentlich
nicht", dachte ich. "Mehr als verdorben bin ich doch
elend. Wo könnte denn ich jetzt hingehen? Und ich
mußte an die ruhigen und glücklichen Abende denken,
mit meiner Freude an meiner Seite, an mein früheres
Leben, an ihr Häuschen. Ach Tuda! Tuda! - Plötzlich
tauchte aus dem mittleren Torbogen ein gebeugtes
altes Männchen auf, in einem Mantel, der ihm bis zu
den Knöcheln reichte. In beiden Händen hielt er
einen schäbigen, verdrückten Schirm. Er ging,
förmlich vom Wind vor sich hergetrieben, die Via
Flaminia hinunter. Ich blicke scharf hin... Ein
Schauder läuft mir über den ganzen Körper. Herr
Jacopo, Jacopo Sturzi, der Vater Tudas, meiner
Verlobten!... Ja, aber, wenn doch ich selbst, ich
mit diesen Händen, ein Jahr war es her, ihn in den
Sarg gelegt und ihn auf den Friedhof Campo Verano
begleitet hatte? Und doch, da war er: er geht vor
mir vorbei, du mein Gott! Und er dreht sich um und
sieht mich an, neigt den Kopf ein wenig zur Seite,
wie um mir ein Lächeln zu zeigen. Und was für ein
Lächeln! Wie angenagelt bleibe ich stehen, ein
krampfhaftes Zittern nimmt von mir Besitz, ich
versuche zu schreien, aber ich bringe keinen Ton
heraus. Eine Zeitlang folge ich ihm mit den Augen.
Endlich gelingt es mir, mich von meiner namenlosen
Furcht loszureißen, und ich laufe ihm nach.
Glauben Sie mir, ich bitte Sie. Ich
bin nicht fähig, etwas Derartiges zu erfinden. Ich
könnte Ihnen nicht Wort für Wort wiederholen, was er
zu mir sagte; aber Sie werden leicht verstehen, daß
mir gewisse Dinge nicht mehr aus dem Kopf gehen,
denn Jacopo Sturzi war, wenngleich ein ziemlich
zügelloser Mensch, doch ein wahrer Philosoph, ein
Philosoph mir überaus originellen Ideen, und er hat
zu mir mit der Weisheit der Toten gesprochen.
Ich holte ihn
ein, als er gerade die kleine,
zitternde Hand auf den Türknauf
der gläsernen Eingangstür zu
einem Wirtshaus legte. Er drehte
sich ruckartig um, packte mich
beim Arm und flüsterte, während
er mich hinunter in den Schatten
zog: "Luzzi, um Himmelswillen,
sag nicht, daß ich lebe!"
"Ja, wieso
denn... Sie?", stammelte ich.
"Ja, ich bin
tot, Luzzi", fügte er hinzu.
"Aber das Laster, verstehst du,
das ist stärker! Ich werde es
dir gleich erklären. Es gibt
Leute, die sterben reif für das
Leben im Jenseits, und andere
nicht. Der eine stirbt und kehrt
nicht zurück, weil es ihm
gelungen ist, seinen Weg zu
finden. Der andere hingegen
kehrt zurück, weil er ihn nicht
gefunden hat; und natürlich
sucht er ihn gerade dort, wo er
ihn verloren hat. Ich zum
Beispiel suche ihn hier im
Wirtshaus. Aber was meinst du?
Es ist eine Strafe. Ich trinke,
und es ist, als tränke ich
nicht; je mehr ich trinke, desto
mehr Durst habe ich. Und dann,
du verstehst, allzu große
Sprünge kann ich mir nicht
erlauben..."
Und dabei rieb
er Daumen und Zeigefinger der
rechten Hand aneinander und
verzog das Gesicht zu einer
Fratze, um anzudeuten: Es fehlt
mir das nötige Kleingeld.
Ich sah ihn
verdutzt an. Träumte ich? Und da
kam mir die folgende dumme Frage
über die Lippen: "Ja, natürlich!
Und wie stellen Sie es dann an?"
Da lächelte er
und legte mir eine Hand auf die
Schulter. Dann antwortete er:
"Wenn du wüßtest!... Ich habe
damit begonnen, am Tag nach
meinem Begräbnis, den schönen
Porzellankranz zu verkaufen, den
meine Frau mir auf das Grab
hatte setzen lassen, mit der
Inschrift darauf: "Meinem
angebeteten Gatten". Gewisse
Lügen können wir Toten nun
einmal nicht ertragen. Um ein
paar Lire habe ich ihn verkauft.
Damit bin ich eine Woche
ausgekommen. Es ist keine
Gefahr, daß meine Frau mich
besuchen käme und dabei merken
würde, daß der Kranz nicht mehr
da ist. Nun spiele ich mit den
Gästen Karten, gewinne und
trinke auf Kosten des
Verlierers. Mit einem Wort...
ich gebe mir Mühe. Und du, was
tust du?"
Ich wußte nicht,
was ich ihm antworten sollte.
Ich sah ihn einen Augenblick
lang an, dann überkam mich ein
Anfall von Wahnsinn und ich
packte ihn beim Arm: "Sag mir
die Wahrheit! Wer bist du? Wie
kommst du hierher?"
Er verlor seine
Haltung für keinen Augenblick;
lächelnd entgegnete er: "Aber
hör mal, wo du mich doch von
selbst erkannt hast!... Wie ich
hierherkomme? Ich werde es dir
erzählen. Aber zuerst gehen wir
da hinein. Siehst du nicht? Es
regnet."
Und er zog mich
in das Wirtshaus. Drinnen zwang
er mich zu trinken und wiederum
zu trinken, sicherlich in der
Absicht, mich betrunken zu
machen. Meine Verblüffung und
mein Entsetzen waren so groß,
daß ich mich nicht wehrte. Ich
trinke gewöhnlich keinen Wein,
und dennoch trank ich in dieser
Nacht ich weiß nicht wieviel
davon. Ich erinnere mich an
erstickende Rauchschwaden; an
den scharfen Geruch des Weines;
an das dumpfe Klappern der
Teller und Becher; an den
warmen, schweren Küchengeruch;
an das gedämpfte Gemurmel rauher
Stimmen. Vornübergebeugt, als
wollten sie sich gegenseitig den
Atem rauben, spielten zwei Alte
neben uns Karten, unter dem
wütenden oder zustimmenden
Knurren der aufmerksamen
Zuschauer, die hinter ihrem
Rücken lehnten. Von der
niedrigen Decke hing eine Lampe
herab und verbreitete einen
gelben Schimmer in den dicken
Rauchschwaden. Aber was mich am
meisten erstaunte, war, daß
unter so vielen Menschen keiner
den geringsten Verdacht hatte,
daß sich da drinnen jemand
befand, der außerhalb des Lebens
stand. Und während ich bald
diesen, bald jenen ansah,
überkam mich die Versuchung, auf
meinen Zechkumpan zu deuten und
dem anderen zu sagen: "Der da
ist ein Toter!" - Aber in diesen
Augenblicken, als läse er diese
Versuchung auf meinen Lippen,
begann Jacopo Sturzi, den Rücken
an die Wand gelehnt, das Kinn
auf der Brust, zu lächeln, ohne
den Blick seiner Augen von mir
zu wenden, den Blick dieser
entzündeten Augen, die voll von
Tränen waren! Auch während er
trank, sah er mich an. Plötzlich
schüttelte er sich, und begann
mit leiser Stimme auf mich
einzureden. Mir drehte sich
schon der Kopf von den
Weindünsten. Aber bei diesen
seltsamen Worten über Tod und
Leben begann er sich mir noch
schlimmer zu drehen. Er bemerkte
es und schloß lachend: "Das ist
nichts für dich. Reden wir von
was anderem. Was ist mit Tuda?"
"Tuda?" fragte
ich. "Ja, wissen Sie denn nicht?
Alles ist aus..."
Er nickte
mehrmals mit dem Kopf. Dann
sagte er jedoch: "Ich habe es
nicht gewußt. Aber du hast
recht, wenn du Schluß gemacht
hast. Sag, es war wegen der
Mutter, stimmt's? Amalia Noce,
meine Frau, eine schlimme Person
wie alle Noces! Sieh mal,
ich..."
Er nahm den Hut
ab, legte ihn auf den Tisch,
schlug sich mit einer Hand gegen
die kahle Stirn und kniff ein
Auge zu: "Zweimal", rief er.
"Das erste Mal 1860; dann im
Jahr 75. Und dabei war sie
wirklich nicht mehr taufrisch,
wenn auch immer noch sehr schön.
Aber darüber kann ich mich nicht
mehr beklagen; ich habe ihr
verziehen, und Schluß. Mein Sohn
- ich darf dich doch so nennen -
glaub mir, mein Sohn: ich habe
erst aufgeatmet, als ich tot
war. Na, und kümmere ich mich
vielleicht noch um sie? Weder um
die Mutter noch um die Tochter.
Nicht einmal mehr um die
Tochter, der Mutter wegen. Ich
will dir alles sagen: Ich weiß,
was sie für ein Leben führen.
Hör mal, ich könnte, ohne
gesehen zu werden, wie das viele
andere in meinem Zustand tun,
mich von Zeit zu Zeit bei ihnen
einschleichen, um heimlich ein
bißchen Geld zu holen. Aber
nein, dieses Geld stehle ich
nicht einmal! Weißt du denn,
weißt du, was sie für ein Leben
führen?"
"Wie?",
antwortete ich. "Ich habe nicht
mehr nach ihnen gefragt."
"Ach geh' doch!
Du weißt es", beharrte er.
"Gestern abend hat man's dir
erzählt."
Zögernd hob ich
fragend die Augenbrauen.
"Aber ja; wo du
hingehen wolltest, ehe du mich
gesehen hast!"
Ich sprang auf,
taumelte aber und fiel mit den
Ellbogen auf den Tisch zurück,
während ich ihn anschrie: "Sie
sind es? Tuda? Tuda und ihre
Mutter?"
Er packte mich
beim Arm und legte den
Zeigefinger auf die Lippen.
"Still! Still!
Zahl und komm mit mir. Zahl,
zahl schnell."
Wir verließen
das Wirtshaus. Draußen regnete
es noch stärker. Der Sturm
peitschte uns das Wasser ins
Gesicht und ließ uns kaum
vorwärtskommen. Aber er zerrte
mich am Arm mit sich, immer
weiter, gegen den Wind, gegen
den Regen. Stolpernd, trunken,
mit glühendem, bleischweren Kopf
stöhnte ich: "Tuda? Tuda und
ihre Mutter?" Seine Gestalt im
Mantel verschwamm vor meinen
Augen in der tiefen Finsternis
mit dem Schirm, den er zum
Schutz gegen den Regen in die
Höhe reckte, sie wuchs vor
meinen Augen ins Riesenhafte,
wie ein Gespenst aus einem bösen
Traum, das mich in den Abgrund
zu zerren versuchte. Und da
stieß er mich in eine dunkle
Toreinfahrt und schrie mir ins
Ohr: "Los, geh, geh zu meiner
Tochter!"
Nun habe ich
hier, hier in meinem Kopf nur
noch die Schreie Tudas, die an
meinem Hals hing, Schreie, die
mir das Gehirn zu sprengen
drohten... Er war es, ich
schwöre es noch einmal, er war
es, er, Jacopo Sturzi!... Er hat
diese Hexe erdrosselt, die sich
als Tante ausgab... Freilich,
wenn er es nicht getan hätte,
hätte ich es getan. Aber er hat
sie erdrosselt, denn er hatte
mehr Grund dazu als ich.
Das ist die
Wahrheit. An meinen Händen klebt
kein Blut.
Se vuoi
contribuire, invia il tuo materiale, specificando se e come si vuole
essere citati a
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