Luigi Pirandello (1867-1936)
Novellen
VORBEMERKUNG DES HERAUSGEBERS
Mit Die
Wirklichkeit des Traums und andere Novellen beginnt im
Rahmen unserer Pirandello-Ausgabe die Edition der Novellen,
also jener Gattung, mit der Pirandello in seinem Heimatland
zuerst eine gewisse Berühmtheit erreichte. Die große Zahl
der vom Autor als novelle klassifizierten Kurz- und
Langerzählungen (von drei bis über dreißig Druckseiten
erstreckt sich ihre Extension) läßt hier den Anspruch auf
Vollständigkeit nicht zu, wenn auch die übrigen Gattungen
(Drama, Essay, Roman) entsprechend berücksichtigt werden
sollen. Wir haben deshalb aus dem Corpus von ca. 250
Novellen etwas über 150 ausgewählt, die in vier Bänden
dieser Ausgabe erscheinen werden: Der vorliegenden Band
enthält die Novellen römischen Jahre ‑ entstanden zwischen
der Eheschließung 1894 und Mitte der 20er Jahre, als der
Autor sich vorwiegend auf das Theater konzentrierte und in
der ganzen Welt unterwegs war ‑, und sie spiegeln auch die
Atmosphäre der Hauptstadt Italiens um die Jahrhundertwende.
Die im spezifisch regionalistischen Ambiente seiner
sizilianischen Heimat situierten Novellen folgen in den
Bänden 7 und 8 unserer Ausgabe, schließlich wird Bd. 11 mit
den Novellen der Spätzeit, die deutlich Spuren des
phantastischen Genres zeigen, den Abschluß bilden. Die
Prinzipien der Auswahl und Präsentation der hier
versammelten Texte sind im wesentlichen für alle Bände
gleich: Die Aufnahme aller später zu Theaterstücken
umgewandelter Novellen, um dem Leser einen Vergleich mit den
Dramenfassungen zu ermöglichen (wobei einige unmittelbar als
Vorbilder dienende Novellen direkt in den Theaterbänden
Die Riesen vom Berge und Sechs Personen suchen einen
Autor enthalten sein werden), und die Konzentration auf
die originellsten und ästhetisch gelungensten Texte, vor
allem bei mehrfacher Bearbeitung gleicher oder ähnlicher
Stoffe. Die Anordnung der Novellen in jedem unserer
Novellenbände folgt der Einteilung in fünfzehn Teilbände,
die der Autor selbst im Augenblick der Zusammenfassung der
Novellen zu einem strukturierten Corpus unter dem Titel
Novelle per un anno (”Novellen für ein Jahr”, erschienen
1922-1928, die beiden letzten Bände 1934 und postum 1937)
verfügt hat.
Darüber
sollte jedoch nicht vergessen werden, daß die große Mehrzahl
von ihnen zuvor einzeln veröffentlicht worden war, so daß
diese Bandeinteilung vom Autor bereits a posteriori
und bisweilen ohne Rücksicht auf die Chronologie ihrer
Entstehung vorgenommen wurde. Da mittlerweile für die
Originalfassung der Novellen die historisch-kritische
Ausgabe Giovanni Macchias vollständig vorliegt, haben wir
versucht, zur besseren Orientierung des Lesers in den
Anmerkungen diese Phasen der Beschäftigung mit den einzelnen
Novellen nachzuzeichnen: Erstveröffentlichung (meist in in
Zeitungen und Zeitschriften); Wiederaufnahme, oft mit
Überarbeitungen, in einer zweiten
Zeitschriftenveröffentlichung oder in einem der frühen
Einzelbände; schließlich Endbearbeitung für die Teilbände
der Novelle per un anno. Auf die Aufnahme von
Varianten aus diesen früheren Bearbeitungsstufen haben wir
weitgehend verzichtet, um den Band nicht übermäßig
aufzublähen; nur dort, wo sie auch für den heutigen
deutschsprachigen Leser besonders interessant erscheinen,
eigene, in der Überarbeitung aufgegebene ästhetische Wege
andeuten oder Motive behandeln, die später in anderen Werken
(Dramen, Novellen oder Romanen) wieder aufgenommen werden,
sind solche Varianten in den Anmerkungen wiedergegeben.
Was den deutschen Text anbelangt, haben wir
uns für die Verwendung einiger hervorragender Übersetzungen
aus den 50er Jahren neben neuen Übertragungen entschieden
und dabei versucht, nicht unnötig einzudeutschen, um die
Texte nicht des Lokalkolorits zu berauben, der bei vielen
von ihnen unentbehrlich erscheint. Der deutsche Leser wird
also bisweilen einem "Signore" oder eine "Signorina",
vielleicht auch einen römischen Spitznamen finden; diese
lokale Tönung sollte jedoch weder Verständnisschwierigkeiten
bereiten noch der Universalität der Novellen Abbruch tun.
München, November 1996
© Michael
Rössner.
Anfangenseite