Luigi Pirandello (1867-1936)
Pirandello-Symposium, Potsdam 2000
Pirandello und die deutsche "Kultur"
Eine kulturwissenschaftliche Annäherung mit vielen
Fragen
von Michael Rössner
durch
Deutsches
Pirandello-Zentrum e.V
.
Die Kulturwissenschaften gelten immer noch als
modern; wenn man im Rahmen dieser Tagung Pirandello
durch ihre Brille zu betrachten sucht, setzt man
sich nicht zu Unrecht dem Verdacht des modischen
Heischens nach Anerkennung aus, vor allem in Zeiten
wie diesen, da man mit einer bloßen Erörterung von
Text und Autor keinen müden Leser mehr hinter dem
Bildschirm hervorzulocken vermag. Der Verdacht ist
gewiss berechtigt; als alter Pirandellianer bin ich
mir der Tatsache bewusst, dass an einem
Entscheidungsprozeß nicht nur ein, sondern mehrere
Ichs beteiligt sind, und zweifelsohne hat eines
meiner kleinen Ichs auch bei der Formulierung des
Untertitels aus den genannten Motivationen heraus
seine Finger im Spiel gehabt. Nichtsdestoweniger
glaube ich, dass diese Betrachtungsweise gerade dann,
wenn es um Pirandellos Verhältnis zum "Deutschen"
oder zu den Deutschen geht, worunter natürlich nur
die deutsche Kultur und Zivilisation gemeint sein
kann, auch eine durchaus rationale und nicht
zweckrationale Begründung haben kann.
Diese Begründung stand Pate zu dem Rahmenthema
dieses Symposiums, bei dem das Deutsche
Pirandello-Zentrum sich sozusagen mit den beiden in
seinem Namen verschwisterten Elementen beschäftigen
will, nicht zufällig in dem Augenblick, in dem die
deutsche Pirandello-Ausgabe fertig geworden ist.
Denn in diesem Augenblick soll es nicht mehr nur um
die ohnedies bereits mehrfach, wenigstens in
Teilaspekten nachgezeichnete Rezeptionsgeschichte
Pirandellos gehen; auch nicht um die immer wieder,
wenn auch meist in leicht hyperbolischer Weise
versuchte Bestimmung der "deutschen Quellen" unseres
Autors: natürlich hat ihn die deutsche Romantik
beeinflusst, natürlich die Philosophie Fichtes und
Schopenhauers, natürlich gibt es Parallelen im
Denken zu Nietzsche und im Ausdruck zum beginnenden
Expressionismus; aber andererseits wissen wir
spätestens seit Gösta Anderssons Studien auch sehr
gut, dass die Punkte, in denen man wirklich von
einem unmittelbaren Einfluss sprechen kann, eher aus
dem französischen Schrifttum stammen, von heute eher
weniger bekannten Autoren im Bereich der Psychologie
und Philosophie. Der einzige in deutscher Sprache
schreibende Autor, den Pirandello deutlich
paraphrasiert, ist Max Nordau mit seiner Entartung,
und auch das dürfte französisch vermittelt sein.
Nicht oder nicht nur um die beiden traditionellen
literarischen Betrachtungsweisen Rezeption und
Einflussforschung soll es hier also gehen; sondern
auch, ja vor allem, um die Bedeutung, die die
Berührung mit der deutschen Kultur (auch im Sinne
von Alltagskultur) für Pirandello beziehungsweise
die Popularität von Pirandellos Werk für diese
deutsche Kultur gehabt hat.
Wie es sich für einen Einleitungsredner gehört,
werde ich mich kurz halten und keine Antworten geben,
sondern nur Fragen stellen, auf die wir in den
kommenden zwei Tagen und natürlich auch noch danach
Antworten suchen wollen.
Die erste Frage betrifft die Bedeutung des
Deutschland-Erlebnisses für die Wahrnehmung der
kulturellen Differenz. Ich glaube, dass dieser
Aspekt für Pirandellos sogenannten Relativismus
fundamental ist. Weit mehr als die Erkenntniskritik
des deutschen Idealismus, als die philosophische
Argumentation eines Fichte oder Schopenhauer hat
Pirandellos Erleben der Welt als subjektiver
Vorstellung sein Aufenthalt in Bonn geprägt, bei dem
er lernte, dass Mädchen, die des Nachts fremde
Männer auf der Gasse ansprechen, nicht
notwendigerweise Prostituierte sind, und dass die
längere Unterhaltung mit Freunden anderen
Geschlechts in einem Privathaus nicht
notwendigerweise zur Ehe oder zum Ehrverlust führen
muss.
Die Tatsache, dass der Sizilianer Pirandello im
Spätherbst in den beginnenden rheinischen Karneval
geriet, führt also dazu, dass der 22jährige
Pirandello erkennt, dass das eingelernte System der
Dekodierung sozialen Verhaltens nicht allgemein
gültig ist (obwohl auch das wilhelminische
Deutschland wohl nicht gerade als ein Reich der
Freiheit von sozialer Determination gelten kann). In
den Briefen nach Hause übersetzt er, was er erlebt,
und beim Übersetzen gerät der andere sozusagen in
die Rolle des eigenen, getäuschten und sich nun
selbst eines besseren belehrenden Ichs: "das ist
nicht das, was du glaubst", heißt es da immer wieder;
oder "Würde ich das einem meiner sizilianischen
Freunde erzählen, würde der ein Auge zukneifen, als
wollte er sagen: Ich verstehe sehr gut, worum es
sich handelt! Und ich würde ihn auf der Stelle einen
Dummkopf heißen".
Natürlich, in diesen Briefen präsentiert sich
Pirandello noch als Aufklärer, spricht von der "vernünftigeren
und natürlicheren" Erziehung im Norden, aber um den
pädagogischen Impuls geht es eigentlich nicht, den
wird der Skeptiker bald schon wieder verlieren; es
geht darum, daß er, wie später der Humorist im
Angesicht der in peinlicher Weise auf jugendlich
geschminkten alten Frau, gelernt hat, das
Bedeutungspotential als Zeichen aufgefassten
sozialen Verhaltens nicht mehr nur auf den eigenen
Code zu beschränken, sondern die Welt auch mit den
Augen anderer anzusehen.
Dieser befreienden oder relativierenden Wirkung
entgegengesetzt ist die Wirkung der deutschen
Philologie, deretwegen man ihn nach Bonn geschickt
hatte. Bei aller Sympathie für seinen Lehrer Förster
und allem Interesse für die romanischen Literaturen,
angesichts der strengen Methoden positivistischer
Philologie fühlt Pirandello sich geradezu
vergewaltigt: "Ich habe von früh bis spät romanische
Philologie zu studieren, meine Lieben; und das ist
eine Wissenschaft, die den Magen verdirbt. Den Magen
verdirbt sie und das Gehirn lässt sie einschrumpfen,
wenn sie nicht überhaupt die Quelle der Gedanken
austrocknet. Aber wir leben nun einmal in diesem
Jahrhundert, und da kann man nichts machen: wir
müssen alle gleich sein, also alle gemeines Volk....
Das, meine Lieben, sind die Lichter der modernen
philologischen Wissenschaft, der sogenannten
historischen Methode. Und wenn ihr armen Würmer euch
ein Herz fasst und bemerkt, dass all dies für die
Menschheit doch ganz ohne Belang sei, dann seid ihr
schlecht dran! Man nennt euch Esel, man überschüttet
euch geradezu mit Beschimpfungen, mit wahrhaft
grässlichen Beschimpfungen wie dieser zum Beispiel:
Dichter! DICH-TER! Einfach so, rundheraus, als würde
man sagen: Diebe!, Leute, die keinen Respekt
verdienen! Leute die immer noch denken, so eine
Schande! Abschaum! Entsetzen! Lasst sie reden. Ich
sag's Euch im Vertrauen: das sind alles Irre,
degenerierte Irre!"
Aber trotz dieser Abneigung gegen die Pedanterie der
deutschen Wissenschaft hat Pirandello sich nach
seiner Rückkehr stets mit ihr geschmückt. Dieses
zwiespältige Verhältnis drückt sich auch in den
durchwegs leicht karikierend gezeichneten Gestalten
aus, die als italienische Forscher einen "Kampf"
gegen den deutschen "Wissenschaftsimperialismus"
ausfechten wie der alte Professor Lamis in der
Novelle L'eresia catara oder der bourbonentreue
Fürst Ippolito Lauretano aus Die Alten und die
Jungen. In dem "Sumpf der Hauptstadt", der gerade in
diesem Roman beschrieben wird und den Sturz der
garibaldinischen Ideale mit sich bringt, ist es
gerade die "deutsche" Perspektive, die ihm eine
Distanznahme ermöglicht, und allmählich so etwas wie
ein verlorenes Paradies bildet, nach dem er sich (nicht
nur in den ersten verliebten Briefen an Jenny
Schulz-Lander) zurücksehnt. Und nach dem
finanziellen Zusammenbruch des Vaters ist es zu
guter Letzt das in den Briefen verächtlich "Stück
Papier" genannte deutsche Doktordiplom, das es ihm
ermöglicht, mit seiner Familie zu überleben.
Die Familie: Da sind wir beim nächsten
kulturwissenschaftlichen Problem: Der in Rom lebende
deutsch akkulturierte Sizilianer Pirandello heiratet
zwei Jahre nach seiner Rückkehr zwar nicht die
ursprünglich mit ihm - halb gezwungen - verlobte
Cousine, wohl aber die ihm völlig unbekannte Tochter
eines reichen Geschäftspartners der Firma Pirandello
& Co. Diese unbekannte Braut versteht den
relativistischen Umgang mit Zeichen nicht: Sie ist
in einer von der wahnhaften Eifersucht des Vaters
geprägten Welt aufgewachsen, in der jeder
Blickkontakt mit einem Lebewesen anderen Geschlechts
als Sünde aufgefasst wurde. Ihr erscheint nun
umgekehrt jede auch noch so unschuldige Unterhaltung
ihres Mannes mit einem weiblichen Wesen als
erotische Bedrohung, was sich unter dem Eindruck des
Konkurses schließlich zu dem bekannten Wahn steigert.
Anfangenseite
Die andere Seite des Relativismus ist die
Verständigungsunfähigkeit, die Einsamkeit. Da
Pirandello als kultureller Dolmetscher allein
auf weiter Flur steht und niemand versucht,
seinen (von der deutschen oder
mitteleuropäischen Zivilisation mitgeprägten)
Code zu verstehen, vereinsamt er in dieser
ungleichen Zweierbeziehung: Lars Cleen aus der
Novelle Lontano, der Skandinavier im fremden
Sizilien, ist wohl mehr Selbstporträt, als man
bislang angenommen hätte. Welche Rolle spielen
die "deutschen Perspektiven" in den vielen
humoristisch dekonstruierenden Novellen, in
denen nicht nur "vita e morte", sondern auch die
Erzählinstanz sich ein Spiel der "beffe" mit den
Figuren erlauben?
Mit dem Wahn und der Vereinsamung kommt der
Erfolg: Der Mattia Pascal, Pirandellos erster
vom Verismus abgenabelter Roman, wird auch als
erster übersetzt, und zwar ins Deutsche: Er
erscheint 1904 im Fremdenblatt ausgerechnet in
Wien, der Hauptstadt jenes Landes, von dem der
garibaldinisch geprägte Pirandello 1890 in einem
Brief schreibt: "Sprich mir nicht von Österreich,
Papa. Hätte ich hunderttausend Seelen im Leib,
ich könnte es nicht mehr hassen, als ich es
ohnehin hasse, und mein Hass wurzelt in der
Geschichte". Und 1914/15 lassen genau diese
einander widerstrebenden Gefühle Pirandello
Qualen durchleiden und sich selbst ironisieren,
wie die Novellen aus dieser Zeit (von Berecche
bis zu Colloqui coi personaggi) anschaulich
zeigen.
Die geliebte deutsche Zivilisation, die Kultur,
die Freiheit und Ordnung verbindet, die aber für
ihn vor allem zu dem Korrektiv der "anderen
Perspektive" im eigenen Bewusstsein, in dieser
so oft zitierten "coscienza che sono gli altri
in noi") geworden ist, sie wird nun zum
gehassten Gegner, der bekämpft werden muss, um
das Befreiungswerk der Vatergeneration zu Ende
zu bringen - oder besser bringen zu lassen, denn
gekämpft wird bereits von der Generation der
Söhne. Selten hat Pirandello "Kulturtheorie" so
ausführlich in seinem Werk ausgebreitet wie auf
den Seiten der langen Novelle, in der Federico
Berecche zunächst alle Vorzüge der deutschen
Kultur in seiner subjektiven Sicht ausbreitet,
um sich dann in Analogie zu seinem Schöpfer zu
der Erkenntnis durchzuringen, daß es nun trotz
allem gegen sie zu kämpfen gelte.
Aber kaum ist der Krieg vorbei und Pirandellos
Weltkarriere beginnt mit dem Erfolg der Sechs
Personen (allerdings zunächst in Paris, London
und New York), da ist es wieder die deutsche
Kultur, die in ein besonderes Näheverhältnis zu
ihm tritt. Trotz der überheblichen Töne mancher
deutscher Kritiker bei seiner ersten Tournee vor
genau 75 Jahren mit dem Teatro d'Arte bereitet
man ihm in 14 deutschen Städten einen
überwältigenden Empfang. Und in der nächsten
Saison finden auf deutschsprachigen Bühnen 107
Neuinszenierungen von Pirandello-Stücken statt -
ein Weltrekord, der nie wieder von einem Autor
erreicht worden sein dürfte. Auch hier darf die
Frage gestellt werden: Ist es wirklich nur die
im Grunde recht billige Formel Schein und Sein,
die in einer auf die Selbstbetäubung durch
Äußerlichkeiten ausgerichteten Gesellschaft
diesen ungeheuren Erfolg ermöglichte? Oder gibt
es tatsächlich eine innere Affinität zwischen
der deutschen Kultur der 20er Jahre und jenem
Luigi Pirandello, der mittlerweile nach der
Phase als privatisierender Schriftsteller und
Familienvater und jener als Professor und
Lohnschreiber von Novellen ein drittes Leben als
vereinsamter Theatermacher begonnen hatte, das
ihn nach dem Scheitern mit seiner italienischen
Truppe in ein "freiwilliges Exil" nach Berlin
führte?
Das Exil war jedenfalls so prägend, dass er
Questa sera... für "die Theater hier" schrieb
und Quando si è qualcuno überhaupt nur als "Übersetzung"
des in Deutsch ersonnenen Titels Wenn man jemand
ist ansah. Und doch war er sich wieder der
Fremdheit, der kulturellen Differenzen bewusst,
als er wieder einmal an der praktischen
Theaterarbeit teilnahm: bei der Vorbereitung der
Berliner Aufführung von Heute abend wird aus dem
Stegreif gespielt unter Gustav Hartungs Regie.
Als die Berliner Zeitungen nach dem Durchfall
dieser Aufführung titeln "Die Pirandello-Mode
ist vorbei", da empfindet er diese Fremdheit
wieder auch in einem allgemeinen, menschlichen
Sinne, und verlässt Berlin auf schnellstem Wege.
Aber als er dann ein neues vorübergehendes Exil
in Paris bezogen hat und dort von deutschen
Bekannten in ein Lokal eingeladen wird, kann er
sich eines Heimatgefühls nicht erwehren, als er
den Klang der deutschen Sprache hört.
Gewiss, er drängt Marta Abba zu einer Karriere
in englischer Sprache und versucht, in Hollywood
Fuß zu fassen; aber nach dem Fehlschlag des
Amerikaaufenthalts 1935 führt ihn noch seine
letzte Auslandsreise im Herbst 1936 nach Berlin.
Er empfindet alles "wie tot" in der mittlerweile
zur Hauptstadt des NS-Regimes gewordenen Stadt,
aber er versucht erneut, einen Anlauf zur
Wiederbelebung seiner Präsenz bei dem
deutschsprachigen Publikum zu unternehmen - mit
neuen Übersetzern, wenn die alten nicht mehr
genehm, weil nicht arisch sind, mit einem neuen
Verlag. So verzweifelt, vereinsamt, verbittert
der alte Pirandello in diesen letzten
Lebensmonaten ist, sein letzter "Auslands-Gedanke"
gehört dem deutschen Publikum, der deutschen
Kultur. Liegt das nur an der sich allmählich
anbahnenden Achsenpartnerschaft zwischen dem
Duce und Hitler, den er in seinen Briefen nie
erwähnt, oder ist hier erneut jenes deutsch
geprägte Element seiner "coscienza" im Spiel,
das ihn nicht an deutsche Bildung, sondern eher
an deutsche Zivilisation und Lebensweise binden
würde?
Viele Fragen; lassen Sie mich eine letzte
stellen: Gibt es Gründe dafür, daß Pirandello in
der deutschen Nachkriegskultur immer in Schüben
kommt, präsent ist und dann wieder vergessen
wird, so sehr, dass anlässlich der eben
stattgefundenen Wiener Première von Heute abend
wird aus dem Stegreif gespielt, eine Kritikerin
eine Glosse über das Unvermögen von Wiener
Buchhändlern schreiben musste, den Autor zu
lokalisieren (mit B oder mit P? Übersetzt oder
nicht? Kriminalromane oder Theaterstücke? Nie
gehört, wie schreibt man das?)? Und wenn es sie
gibt, können wir dazu beitragen, diese Rezeption
ein wenig kontinuierlicher und gleichmäßiger
ablaufen zu lassen, ohne die Spitzen der
Hysterie wie in den 20er Jahren oder den sechs
verschiedenen Inszenierungen desselben Stücks (Die
Riesen vom Berge) in der Saison 1993/94), aber
auch ohne die dazwischenliegenden Wellentäler,
in denen gerade in dem Kulturraum, der mit
Sizilien das ideale Gegensatzpaar seiner
Relativierung aller Gewissheiten bildet, niemand
wissen will und wissen kann, wer Pirandello
überhaupt ist?

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