Nicht oder nicht nur um die beiden traditionellen
literarischen Betrachtungsweisen Rezeption und
Einflussforschung soll es hier also gehen; sondern
auch, ja vor allem, um die Bedeutung, die die
Berührung mit der deutschen Kultur (auch im Sinne
von Alltagskultur) für Pirandello beziehungsweise
die Popularität von Pirandellos Werk für diese
deutsche Kultur gehabt hat.
Wie es sich für einen Einleitungsredner gehört,
werde ich mich kurz halten und keine Antworten geben,
sondern nur Fragen stellen, auf die wir in den
kommenden zwei Tagen und natürlich auch noch danach
Antworten suchen wollen.
Die erste Frage betrifft die Bedeutung des
Deutschland-Erlebnisses für die Wahrnehmung der
kulturellen Differenz. Ich glaube, dass dieser
Aspekt für Pirandellos sogenannten Relativismus
fundamental ist. Weit mehr als die Erkenntniskritik
des deutschen Idealismus, als die philosophische
Argumentation eines Fichte oder Schopenhauer hat
Pirandellos Erleben der Welt als subjektiver
Vorstellung sein Aufenthalt in Bonn geprägt, bei dem
er lernte, dass Mädchen, die des Nachts fremde
Männer auf der Gasse ansprechen, nicht
notwendigerweise Prostituierte sind, und dass die
längere Unterhaltung mit Freunden anderen
Geschlechts in einem Privathaus nicht
notwendigerweise zur Ehe oder zum Ehrverlust führen
muss.
Die Tatsache, dass der Sizilianer Pirandello im
Spätherbst in den beginnenden rheinischen Karneval
geriet, führt also dazu, dass der 22jährige
Pirandello erkennt, dass das eingelernte System der
Dekodierung sozialen Verhaltens nicht allgemein
gültig ist (obwohl auch das wilhelminische
Deutschland wohl nicht gerade als ein Reich der
Freiheit von sozialer Determination gelten kann). In
den Briefen nach Hause übersetzt er, was er erlebt,
und beim Übersetzen gerät der andere sozusagen in
die Rolle des eigenen, getäuschten und sich nun
selbst eines besseren belehrenden Ichs: "das ist
nicht das, was du glaubst", heißt es da immer wieder;
oder "Würde ich das einem meiner sizilianischen
Freunde erzählen, würde der ein Auge zukneifen, als
wollte er sagen: Ich verstehe sehr gut, worum es
sich handelt! Und ich würde ihn auf der Stelle einen
Dummkopf heißen".
Natürlich, in diesen Briefen präsentiert sich
Pirandello noch als Aufklärer, spricht von der "vernünftigeren
und natürlicheren" Erziehung im Norden, aber um den
pädagogischen Impuls geht es eigentlich nicht, den
wird der Skeptiker bald schon wieder verlieren; es
geht darum, daß er, wie später der Humorist im
Angesicht der in peinlicher Weise auf jugendlich
geschminkten alten Frau, gelernt hat, das
Bedeutungspotential als Zeichen aufgefassten
sozialen Verhaltens nicht mehr nur auf den eigenen
Code zu beschränken, sondern die Welt auch mit den
Augen anderer anzusehen.
Dieser befreienden oder relativierenden Wirkung
entgegengesetzt ist die Wirkung der deutschen
Philologie, deretwegen man ihn nach Bonn geschickt
hatte. Bei aller Sympathie für seinen Lehrer Förster
und allem Interesse für die romanischen Literaturen,
angesichts der strengen Methoden positivistischer
Philologie fühlt Pirandello sich geradezu
vergewaltigt: "Ich habe von früh bis spät romanische
Philologie zu studieren, meine Lieben; und das ist
eine Wissenschaft, die den Magen verdirbt. Den Magen
verdirbt sie und das Gehirn lässt sie einschrumpfen,
wenn sie nicht überhaupt die Quelle der Gedanken
austrocknet. Aber wir leben nun einmal in diesem
Jahrhundert, und da kann man nichts machen: wir
müssen alle gleich sein, also alle gemeines Volk....
Das, meine Lieben, sind die Lichter der modernen
philologischen Wissenschaft, der sogenannten
historischen Methode. Und wenn ihr armen Würmer euch
ein Herz fasst und bemerkt, dass all dies für die
Menschheit doch ganz ohne Belang sei, dann seid ihr
schlecht dran! Man nennt euch Esel, man überschüttet
euch geradezu mit Beschimpfungen, mit wahrhaft
grässlichen Beschimpfungen wie dieser zum Beispiel:
Dichter! DICH-TER! Einfach so, rundheraus, als würde
man sagen: Diebe!, Leute, die keinen Respekt
verdienen! Leute die immer noch denken, so eine
Schande! Abschaum! Entsetzen! Lasst sie reden. Ich
sag's Euch im Vertrauen: das sind alles Irre,
degenerierte Irre!"
Aber trotz dieser Abneigung gegen die Pedanterie der
deutschen Wissenschaft hat Pirandello sich nach
seiner Rückkehr stets mit ihr geschmückt. Dieses
zwiespältige Verhältnis drückt sich auch in den
durchwegs leicht karikierend gezeichneten Gestalten
aus, die als italienische Forscher einen "Kampf"
gegen den deutschen "Wissenschaftsimperialismus"
ausfechten wie der alte Professor Lamis in der
Novelle L'eresia catara oder der bourbonentreue
Fürst Ippolito Lauretano aus Die Alten und die
Jungen. In dem "Sumpf der Hauptstadt", der gerade in
diesem Roman beschrieben wird und den Sturz der
garibaldinischen Ideale mit sich bringt, ist es
gerade die "deutsche" Perspektive, die ihm eine
Distanznahme ermöglicht, und allmählich so etwas wie
ein verlorenes Paradies bildet, nach dem er sich (nicht
nur in den ersten verliebten Briefen an Jenny
Schulz-Lander) zurücksehnt. Und nach dem
finanziellen Zusammenbruch des Vaters ist es zu
guter Letzt das in den Briefen verächtlich "Stück
Papier" genannte deutsche Doktordiplom, das es ihm
ermöglicht, mit seiner Familie zu überleben.
Die Familie: Da sind wir beim nächsten
kulturwissenschaftlichen Problem: Der in Rom lebende
deutsch akkulturierte Sizilianer Pirandello heiratet
zwei Jahre nach seiner Rückkehr zwar nicht die
ursprünglich mit ihm - halb gezwungen - verlobte
Cousine, wohl aber die ihm völlig unbekannte Tochter
eines reichen Geschäftspartners der Firma Pirandello
& Co. Diese unbekannte Braut versteht den
relativistischen Umgang mit Zeichen nicht: Sie ist
in einer von der wahnhaften Eifersucht des Vaters
geprägten Welt aufgewachsen, in der jeder
Blickkontakt mit einem Lebewesen anderen Geschlechts
als Sünde aufgefasst wurde. Ihr erscheint nun
umgekehrt jede auch noch so unschuldige Unterhaltung
ihres Mannes mit einem weiblichen Wesen als
erotische Bedrohung, was sich unter dem Eindruck des
Konkurses schließlich zu dem bekannten Wahn steigert.
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