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Luigi Pirandello (1867-1936)
Dreimal Meta-Pirandello: La giara als Novelle, Einakter und
Spielfilm |
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durch
Deutsches
Pirandello-Zentrum e.V.
Pirandello-Symposium, Potsdam 2000
von Christoph Schamm
1. Zielsetzung
Die Frage, auf welche Weise Pirandello dem
deutschsprachigen Publikum in erster Linie vermittelt
wird, lässt sich eindeutig beantworten: durch die
Theater, auf deren Spielplänen sich die Stücke des
sizilianischen Autors behaupten konnten, seitdem Max
Reinhard 1924 die Sei Personaggi in Berlin inszenierte.
So sehr der intensive kulturelle Austausch zu begrüßen
ist, der auf diese Weise entstanden ist, muss doch auch
auf dessen Schattenseite hingewiesen werden: Zwar sehen
die literarisch inte-ressierten Deutschen in Pirandello
einen bedeutenden Vorreiter des Theaters der klassischen
Moderne. Zugleich verkennen sie aber, dass sich der
Autor in seinem Heimatland einen ebenso großen Namen als
"Novelliere" gemacht hat. Im Sinne der kulturellen
Wechselbeziehungen erscheint es daher äußerst
vorteilhaft, dass sich in Gestalt der Brüder Taviani
zwei italienische Kinoregisseure, denen seit den frühen
siebziger Jahren internationale Anerkennung zuteil wird,
um die filmische Adaption der Erzählungen Pirandellos
verdient gemacht haben. Dank des verhältnismäßig großen
Interesses, auf das italienische Filmproduktionen auch
bei uns stoßen, wur-den die Novelle per un anno einem
breiteren Publikum zugeführt - oder wenigstens
diejenigen Erzählungen aus der Sammlung, die Paolo und
Vittorio Taviani ihren bei-den Episodenfilmen Kaos und
Tu ridi zu Grunde gelegt haben. Doch gerade in einer
Zeit, in der sich die Filmschaffenden zunehmend vom
Prinzip der Werktreue lossa-gen , wirft die Vermittlung
literarischer Texte durch filmische Adaptionen neue
Fra-gen auf. So reklamieren auch die Tavianis für ihre
besagten Spielfilme, dass sie als autonome Kunstwerke
sowie als Resultate einer individuellen Interpretation
der Pi-randello-Novellen akzeptiert werden. Daher
verändern sie die jeweilige Handlung keineswegs nur dort,
wo es der Medienwechsel notwendigerweise erfordert,
sondern greifen eigenmächtig in sie ein. Gerade diese
fakultativen Kürzungen und Ergänzun-gen ermöglichen uns
den Rückschluss auf den innovativen Sinn, den die
Tavianis den Textgrundlagen zuschreiben.
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2. Kaos und im Gesamtwerk der Taviani-Brüder
Im Fall von Kaos, das 1984 entsteht und die
programmatischen Grundlagen späterer literarischer
Adaptionen wie des erwähnten Tu ridi und der Affinità
elettive schafft, gestaltet sich das Verhältnis von
Ausgangstext und Filmfassung besonders kompli-ziert.
Denn die Regisseure beschränken sich nicht nur darauf,
die jeweilige Histoire von sechs allesamt in Sizilien
angesiedelten Pirandello-Novellen vom literarischen in
den filmischen Discours zu übertragen und individuell zu
interpretieren. Überdies ge-ben sie in Kaos erstmals
einer Neigung zur autoreferentiellen Aussage nach und
ver-suchen, ihre filmästhetische Position neu zu
bestimmen und ihr bisheriges Programm des politischen
Kinos wenigstens zu relativieren. Namentlich der
landschaftliche Hin-tergrund Siziliens - bereits während
des Vorspanns zeigt eine Luftaufnahme den griechischen
Tempel von Segesta - weist auf den Wandel hin, der sich
innerhalb des ihres Gesamtwerkes abzeichnet. Herrschte
bisher die Auseinandersetzung mit einer bestimmten
sozialen Situation vor, so weicht diese nunmehr solchen
Erzählun-gen, die das Augenmerk auf ihre eigene
mythische Grundstruktur lenken. So legt das Kräftemessen
von Zi'Dima und Don Lollò in La giara zwar immer noch
Zeugnis von der "valenza politica delle vicende
individuali" ab, da sich die beiden Gegenspieler
voneinander nicht nur von Grund auf unterscheiden,
sondern überdies zwei gegen-sätzliche Weltordnungen
repräsentieren. Abgesehen davon steht die Episode, die
ich nunmehr näher untersuchen möchte, "non più sotto il
segno di un'urgenza ideologica quanto sotto quello del
piacere affabulatorio, dell'incanto visivo (...) e, più
di tutto, della discesa, sotto la guida pirandelliana, a
una Sicilia culla e madre di miti" . Indem den Tavianis
in Gestalt von Kaos eine "perdita del bagaglio
ideologico" unterläuft, erscheinen sie uns ihnen nicht
länger als "zwei engagierte italienische Filmemacher,
die (...) einen wesentlichen Beitrag zum modernen
politischen Spielfilm geleistet ha-ben" . Mit diesen
Worten hatte eine monografische Veröffentlichung in den
späten siebziger Jahren sie zu charakterisieren versucht.
3. Theoretische Grundlegung der Adaptionsanalyse
Seit Längerem betrachtet die Literaturtheorie das
Verhältnis, das die filmische Adap-tion eines
literarischen Werks zu ihrem Ausgangstext unterhält, als
eine besondere Form von Intertextualität . Dass jeder
auf einer literarischen Vorlage basierende Spielfilm von
dieser inhaltlich abweicht, geht zweifellos auf den
Wechsel vom verba-len zum audiovisuellen Medium zurück.
Ungeachtet der verschiedenen Gesetze, de-nen die
jeweiligen Zeichensysteme unterliegen, lassen sich
jedoch gleichermaßen die Novellen Pirandellos wie deren
Adaption als Erzähltexte beschreiben. Denn be-kanntlich
übernimmt ja im Spielfilm das Kameraauge die Funktion
der narrativen In-stanz , die sich in den literarischen
Ausgangstexten sprachlich konstituiert. Folglich bietet
sich zur Analyse der Adaption an, auch in ihrem Fall
zwischen den Textschich-ten von Histoire und Discours zu
unterscheiden. Die Hauptaufgabe der Kamera ent-spricht
also derjenigen der textimmanenten Erzählinstanz in der
Novelle und besteht somit darin, dem Rezipienten eine
bestimmte Geschichte zu vermitteln. Im speziellen Fall
von La giara handelt es sich um diejenige des
sizilianischen Gutsherrn Don Lollò, der sich einen
nahezu mannshohen Tonkrug für sein Olivenöl anschafft.
Aus völlig unerfindlichen Gründen zerbricht das Gefäß
jedoch über Nacht in zwei Teile, die der Krugbrenner Zi'Dima
mit seinem mysteriösen Zauberkitt wieder zusammen-fügen
soll. Doch gerät der erfinderische conciabrocche mit
seinem herrschsüchtigen Auftraggeber rasch in Streit, da
nach Don Lollòs Meinung der "mastice miracoloso" nicht
ausreicht, um den Krug zu reparieren. Darüber hinaus
verlangt der Bauer von Zi'Dima, dass dieser die beiden
Hälften der giara längs der Bruchstellen mit Bohrun-gen
versehe und sie mit Metalldraht zusammenflicke. Den
Dialog, den die zwei Anta-gonisten im Verlauf der
Handlung führen, geben die Tavianis in Kaos weitgehend
wortgetreu wieder. Gerade deswegen fällt jedoch in
besonderem Maße auf, dass aus jedem Medienwechsel eine
unvermeidbare Differenz zwischen Ausgangstext und
Folgetext erwächst. Auch wenn die Verbalzeichen der
direkten Reden Zi'Dimas und Don Lollòs unverändert in
das Drehbuch übergehen, werden sie durch zusätzliche
akustische und visuelle Zeichen ergänzt. So entnimmt der
Zuschauer dem filmischen Text neben den fraglichen
Repliken auch Informationen über die Stimme und die
Mimik, welche die Schauspieler Ciccio Ingrassia und
Franco Franchi den beiden Handlungsträgern verleihen. Da
die Histoire im Agieren der Schauspieler materielle
Gestalt annehmen muss, um in der ikonischen
Bildersprache wiedergegeben zu werden , vermittelt die
filmische Erzählinstanz grundsätzlich unterschiedliche
Zei-chen simultan. Daher entnehmen wir der Adaption von
La giara nicht nur die lineare Sequenz der Worte von Zi'Dimas
und Don Lollò, als diese am Schluss der Episode in ihren
finalen Streit ausbrechen. Zu diesem Zeitpunkt hat der
conciabrocche zwar dem Willen des Bauern nachgegeben und
den Tonkrug nicht nur verleimt, sondern auch mit
Eisendraht geflickt. Zu dem letzteren Zweck musste er
ins Innere der giara steigen und stellt nunmehr fest,
dass er deren geräumigen Bauch nicht mehr verlas-sen
kann. Ihr schmaler Hals erweist sich nämlich als
dermaßen eng, dass der ver-wachsene conciabrocche seinen
Buckel nicht hindurchzwängen kann. Gleichermaßen im Film
wie in der Novelle befolgt Don Lollò den Rat seines
Advoka-ten, Zi'Dima den Wert der gekitteten giara selbst
zu schätzen - um auf diese Weise deren Neupreis ersetzt
zu bekommen:
DON LOLLÒ Ho parlato con l'avvocato!! [...] Delle due
l'una: o il vostro mastice non serve a nulla e allora
voi siete un imbroglione - o, serve a qualcosa e allora
la giara così com'è deve avere il suo prezzo. Qual'è il
suo prezzo? Stimatelo voi, Zi'Dima! ZI'DIMA Così
sconciata, con questi puntacci che voi mi avete
costretto a fare, va-le un terzo di quello che valeva...
Sì e no...
Zeitgleich mit diesem Dialog erfahren wir aber, dass
sich mit Zi'Dima im Bauch der giara eine seltsame
Veränderung vollzogen hat. Diese geht nicht allein auf
den Um-stand zurück, dass sich der Krugbrenner in der
Zwischenzeit frisch rasiert hat, wäh-rend Don Lollò
seinen Anwalt konsultiert hat:
[...] dalla cui bocca [i.e. die Öffnung der
giara] esce silenzioso il volto di Zi'Dima. È
irriconoscibile, così sbarbato e ilare. Don Lollò [...]
non se ne accorge e Zi'Dima gli fa in controcanto,
mostrando a tutti il suo nuovo volto sorridente.
Somit weichen die Tavianis von der Vorlage Pirandellos
ab, worin sich Zi'Dima ledig-lich beruhigt und seine
"bizzarra avventura (...) con la gajezza mala dei
tristi" be-lacht. Vielmehr scheint der conciabrocche,
der anfangs so lächerlich erscheint, dass er von den
Landarbeitern verspottet wird , im Bauch der giara sein
Wesen von Grund auf zu erneuern. Solchermaßen gehen die
Regisseure weit über diejenige Adaptionsform hinaus,
welche die Novellenhistoire möglichst unverfälscht in
die Filmsprache transportiert und nur unvermeidbare
Zusätze und Kürzungen in Kauf nimmt. Vielmehr machen sie
von der Möglichkeit Gebrauch, ihre Schöpfung "durch
weitere fakultative Veränderungen neben diesen
medienspezifischen und also obli-gatorischen
Veränderungen" von der Vorlage zu entfernen. Derartigen
fakultative Eingriffe, die die Adaption auffällig stark
vom Ausgangstext abwandeln, steht in der
Filminterpretation natürlich besondere Beachtung zu.
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4. Der Eigentext: Substitut und Supplement
Dass die Brüder Taviani nicht zu den Regisseuren gehören,
die auf eine möglichst werktreue Adaptation abzielen,
liegt schon aufgrund der erwähnten Variante auf der Hand.
Tatsächlich resultieren aus der Gegenüberstellung des
Drehbuchs von La giara mit der Novelle zahlreiche
Streichungen und Erweiterungen, die die beiden
Auto-renfilmer eigenmächtig durchgeführt haben. Auf
diese Weise bilden die inhaltlichen Elemente der
Filmfassung die Summe aus dem Fremdtext Pirandellos und
aus dem Eigentext , der auf die Tavianis selbst
zurückgeht. Hinsichtlich des Eigentext-Anteils, den
allein die Regisseure verantworten, unterscheiden wir
wiederum zwei Formen der Umwandlung: Neben
supplementären Zusätzen fließen in die Filmhand-lung
zuweilen auch Substitute ein, die an den Platz
bestimmter Elemente des Aus-gangstexts treten. So
modellieren die Tavianis die Figur des Don Lollò ganz
anders als Pirandello und stellen ihn durchaus nicht als
den Geizkragen dar, der seine sämt-lichen Oliven vor und
nach der Ernte zählen möchte, um den Pflückern die
Differenz in Rechnung zu stellen . In der Filmfassung
tritt nicht die tobsüchtige und choleri-sche
Novellenfigur in Erscheinung, sondern ein verbitterter,
am ennui seines unpro-duktiven Kapitalistenlebens
leidender Zyniker. Nur in einer Hinsicht entspricht der
Gutsbesitzer der Tavianis exakt demjenigen, den wir aus
dem Ausgangstext kennen: Auch in Kaos verkörpert Don
Lollò den Rechtsfanatiker, der die Antwort auf sämtliche
Fragen der Menschheit im Gesetzbuch sucht. Sobald er
feststellt, dass Zi'Dima in der giara feststeckt, begibt
er sich daher in beiden Fällen zum Advokaten.
Innerhalb des Eigentexts dominieren jedoch nicht die
Substitute, die nur in geringer Anzahl zu Tage treten,
sondern ganz eindeutig die Supplemente. Unter diese
Kate-gorie fällt namentlich die Geliebte Don Lollòs, die
von den Tavianis in die giara-Handlung eingeführt wird
und in der Novelle vollständig fehlt. Doch kommt ihr in
der Filmfassung eine Schlüsselposition zu, da sie den
Regisseuren als Mittel dient, der Geschichte einen
Pirandello-unabhängigen Sinn zuzuweisen. Als bedeutsam
erweist sich schon allein die Form, wie sie zu Beginn
der Episode in deren Verlauf eingeglie-dert wird.
Ungeduldig erwartet Don Lollò die Lieferung seiner neuen
giara und ent-nimmt einem Korb eine Handvoll Oliven, die
dem Zuschauer in Detailaufnahme gezeigt wird. Nunmehr
erscheint eine weitere Hand im Bild, die diejenige Don
Lollòs umfasst:
Un'altra mano - una mano femminile - raggiunge a
chiudersi a pugno. Quando la mano dell'uomo si riapre, è
sporca di sansa. La mano, seguita in panoramica, va a
trovare il volto di una donna, Sara: sui trent'anni,
bella e oscura. È lei che ha costretto Don Lollò a
schiacciare le olive. La mano di Don Lollò si strofina
sul volto di lei, con intenzione.
Dass der Gutsbesitzer den Olivensaft auf der Wange
seiner Geliebten verschmiert, charakterisiert sein
Verhältnis zu ihr: Den Früchten entsprechend, die er auf
seinem Grund anbaut, rechnet er sie seinem Eigentum zu.
Seine Geste ist unverkennbar erotisch konnotiert und
symbolisiert der amerikanischen Filmphilologin Joy
Millicent Marcus zufolge, "that the master's lust is
strictly territorial" . Doch ihn die sexuelle Lust, die
er auf diese Weise gewinnt, unbefriedigt und frustriert
zurück - und seine Geliebte erst recht. Dies führen uns
die Taviani-Brüder in der Schlusssequenz der
giara-Episode klar vor Augen, als Zi'Dima sein Fest
veranstaltet und den infernali-schen Tanz der
Landarbeiter rings um die giara dirigiert - seinem
Antagonisten Don Lollò zum Fleiß, unter dessen
Schlafzimmerfenster das Bacchanal stattfindet. Wäh-rend
diese Provokation in Pirandellos Novelle bereits
ausreicht, damit der jähzornige Gutsbesitzer "come un
toro infuriato" auf den Hof hinunterstürzt und seinen
Gegner durch einen Fußtritt gegen den Tonkrug befreit,
fügen die Tavianis ein weiteres Supplement als
zusätzlichen Beweggrund hinzu:
SCENA 14 CAMERA DON LOLLÒ - (Interno notte) Nel
letto, Don Lollò sta sempre immobile e con gli occhi
chiusi, avvolto dal ritmo della danza che cresce. [...]
la sua mano si muove, striscia sul letto, alla ricerca
di quella di Sara. Non la trova... La cerca ancora.
Inutilmente. Sara non è più seduta ai piedi del letto.
Don Lollò si alza a sedere. La cerca con lo sguardo
nella stanza. Non la vede. La cerca, guardando la
finestra che dà sull' aia...
SCENA 15 AIA - (Esterno notte) Sara sta danzando,
bella, aggressiva, stretta agli altri che continuano a
danzare in-torno alla giara.
Nicht nur die Knechte schließen sich also Zi'Dima an,
der an ihre menschlichen Ur-triebe zu appellieren und
diese wachzurufen vermag. Selbst Sara, die sich ihnen
ge-genüber in einer vergleichsweise privilegierten
Situation befindet, verfällt der Versuchung durch den
conciabrocche und wendet sich von Don Lollò ab.
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